Wenn jemand Geld verdienen will, so mag er Koton fabrizieren oder Tuche oder auf der Börse spielen. Aber daß man um schnöden Gewinnst« willen alle Brunnen des Volksgeistes vergifte und dem Volke den geistigen Tod täglich aus tausend Röhren kredenze,— es ist das höchste Verbrechen, das ich fassen kann! Lassalle. Einzige unabhSugige Tageszeitung Ventkchiands Numm er 77— 1. Jahrgang| Saarbrücken, Sonntag-Mont ag, 17. Sept. 1933| Chefred akteur: M. Braun Wir Göring von Goflcs Gnaden! Prunhfeste m der none— Grollen m der Tiefe In Berlin ist am Freitag der nene preußische Staatsrat er- öffnet worden. Die Einrichtung selbst ist bedeutungslos. Der Staatsrat ist eine Dekoration. Sogar der in der vormärz- lichen Zeit neben dem absoluten König von Preußen ge- legentlich zusammentretende Staatsrat war einflußreicher als dieses neue Gebilde, als dessen Schöpfer der Minister- Präsident Göring sich rühmt. Bedeutungslos ist der Staatsrat, aber bedeutungsvoll bleibt die Art seiner Einführung. Das wilhelminische Zeit- alter des Gottesgnadentums, des Prunks, der Reden hoch vom Himmel her mit klirrendem Wehrgehänge und roman- tischen Phantasien ist wiedergekehrt. Alles ist wieder da: »die siegreichen Feldherren der Armee und der Flotte", wie die neue Majestät Hermann Göring ekstatisch ausrief, der Präsentiermarsch und die Ehrenkompanie, die Preußen- standarde und der alte preußische Adler, der nun wieder das Schwert und die Blitze in seine Klauen erhalten hat. Aber «S ist noch eins dazugekommen: Zur Erinnerung an die Herr- lichen Zeiten, die Wilhelm verhieß, und die Adolf und Hermann dem deutschen Volke gebracht haben, ist dem preußischen Adler das Hakenkreuz auf der Brust verliehen worden. Die Krone fehlt noch, aber sie wird wohl auch wiederkommen. wenn die Zeiten noch herrlicher werden. Der Allerhöchste Herr, Reichskanzler Adolf Hitler fehlte. Er fand nicht die Zeit, die paar hundert Meter aus der Wilhelmstraße zur Fpier hinüberzugehen. Er ließ seinem intimsten Feinde Göring sagen:„DerheutigeTagsoll der Ihre sein." Dankbar dafür, daß er den Glanzpunkt des Festes allein bilden durfte, rühmte Göring seinen Führer und brachte ihm ein dreifach donnerndes Siegheil aus, aber niemand von den Kundigen glaubt an die Echtheit des Rufes. Der Riß zwischen Göring und Hitler ist tief, wahrscheinlich unheilbar. Sonst wäre eö nicht möglich, daß der deutsche Reichskanzler dem größten Festakt ferngeblieben wäre, den das neueste alte Preußen zur Wiederkehr des totalen Obrigkeitsstaates veranstaltet hat. Die Rede Görings gleicht auch im Stile genau den militä- risch betonten Ansprachen Wilhelm II.: kriegerisch, gottes- fürchterlich und volksverachtend. Wir übergehen die kläglichen Schimpfereien auf die Volks- Vertretungen, die diesmal bis auf die Konfliktsjahre zwischen Landtag und Bismarck in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zurückgingen. Europäisches Aufsehen wird eS erregen, daß der Führer Preußens, der neue Uniformgeneral das Scheitern der letzten großen Militärvorlage vor dem Kriege für dessen Verlust verantwortlich machte. Zwar weiß die Militärliteratur aller Sprachen, einschließlich hervor- ragender deutscher Militärwissenschaftler, daß dies nicht zu- trifft, aber das ist nebensächlich. Entscheidend ist: Göring proklamiert am Vorabend der Abrüstungskonferenz den deutschen Rüstungswillen in zugespitzter Form und liefert damit denen Material, die auf das Scheitern der Abrüstungskonferenz durch deutsche Schuld hinarbeiten. Die neue Staatsidee, diese Autokratie einer Führer- klique und ihrer bewaffneten Söldner wurde so formuliert: Im neuen Staat geht die Autorität von oben nach unten, die Verantwortung aber immer von unten nach oben. Ver» antwortlich sind Sie dem Nächsten, der über ihnen zu stehen berufen ist. Die letzte Verantwortung trägt der Führer, und er trägt sie vor seinem Gott und seinem Bolk. Und dann an anderer Stelle: Der Staatsrat soll beraten, er soll Helsen, der Staatsrat soll mitarbeiten, aber meine Herren, die Verantwortung trage ich allein und bin dazu, berufen worden von meinem Führer. Di« Berant, wortnng kann mir keiner abnehmen, und ich kann und darf sie mit niemand teile«. Das ist Wilhelm II. in Kürassieruniform und Lohengrin- helm:„Sie voio, sie jubeo— so will Ich, so befehle Ich."— „Einer ist Herr und König, Ich allein."—„Ich bin das In- strument des Himmels." Wo hätte je GöringS Vorbild Mussolini in solchem Wahn gesprochen und alle Verantwortung für eine große Nation allein auf sich genommen? In der Uebersteigerung deS Führersgebankens liegt die Gewißheit des früheren oder späteren Untergangs des deutschen Autokratensystems unzu- länglicher Geister. Sie wollen die Verantwortung ganz allein tragen, und sie werden sich vor dem kommenden Volksgericht zu ver- antworten haben. Aber nicht sie allein, sondern alle die mit, die diesen blutigen Betrug an einem großen Volke ermög- licht, geduldet, unterstützt haben. Führer und Volk „Hitler aber einigte das Bolk." Göbbels am 14. September 1933. „Das Bolk wurde geeint ans der ganzen Linie." G ö r i n g uta 15. September 1938. ES mehren sich die Zeichen, daß die wahre Stimmung des deutschen Volkes ganz anders als festlich ist. Trotz aller Paraden wird mehr geschimpft als„Heil Hitler" geruten. Aussprüche wie die des GöbbelS und die des Göring be- weisen, daß die Herren entweder sich und andere belügen oder auf den Höhen ihrer Stellung die Stimm« des Volkes nicht mehr hören- In den Tiefen klingt es anders als da oben. Nehmen wir zum Beweis eine parteiamtliche Kundgebung eines süddeutschen nationalsozialistischen KreiSlctters, die als eine schwere Dissonanz in das preußische Festspiel hineinschrillt. „Warnung!" In de« vergangenen Woche« ist es wiederholt vorge» kommen, daß in versteckter Form gegen die Amtswalter der Bewegung gehetzt wird. Es wird dabei der Versuch gemacht, durch Ausschlachtung des privaten Levens dem einen oder dem andern einen Strick daraus zu drehen. Diesen Unverschämtheiten, meistens ältere und verdiente Pgg. anzuschwärzen, werde ich in Zukunft mit aller Schärfe entgegentrete«. Die be. rnsene« Stellen der Partei bemühe» sich unter den größten Anstrengungen fortlausend, die arbeitslosen Volksgenossen wieder in Arbeit und Brot zu bringen. Mit einer geradezu wahnwitzige« und maßlosen Ge. hässigkeit komme« nun einzelne Volksgenossen ge» lanfen, um angeblich zu beweisen, daß dieser oder jener Mann den ihm übertragenen Platz gar nicht verdient habe. Wenn wir uns die Mühe mache«, Volksgenossen nach Leistung und Tüchtigkeit unterzubringen, so lassen wir«ns durch das Gegröle von mißgünstigen und Übel« »ollenden Zeitgenosse» in unserer Arbeit nicht irre mache«. Weiterhin werde« die Maßnahme« der G«. meindeverwaltungen und der berufenen Gemeindevertretungen i» einer Art und Weise kritisiert, daß dadurch eine Atmosphäre des größten Mißtrauens geschasse» wird. Durch Verbreitung irreführender Nach- richten über gar nicht existierende steuerliche Maßnahmen der Regierung soll eine Panikstimmung b e j der Bevölkerung hervorgerufen werde». Bestimmte Ele, mente sch-ueu sich nicht, in de» Industrie, und Gewerbe- betriebe« sowie in den öffentlichen Lokalen durch ebenso freche wie»erlogene und dumme Behaup. t u n g e n die Aufbauarbeit im nationalsozialistischen Staat zu sabotieren. Ich warne alle Volksgenossen hiermit nachdrücklichst davor, sich irgendwelche ans Bosheit oder Dummheit geäußerte Bemerkungen, welche gegen unsereu Staat gerichtet sind, zu eigen zu mache«! Bor alle« Dinge« warne ich die Gastwirte, daß die Gäste sich in abfälligen BemerkLngeu gegen de« jetzige» Staat auslasse« sowie diesen Staat und seme Organe ver. Lchtlich machen. Die Gastwirte müssen damit rechneu, daß sie dafür hastbar gemacht und ihre Lokale in Zukunst geschlossen werden. Ich warne auch jene üblen Miesmacher, welche ihre besondere Aufgabe darin sehe«, dnrch geistesarme Be. merkunge« die Maßnahmen der Regierung ins Lächerlich« zu ziehen. Ebenso warne ich auch noch jencKreatur en, welche sich jetzt berufe« fühlen, die Vergangenheit ihrer Mitmensche» nach dunklen Stellen durchzuschnüffeln, um damit ein Geschäft zn machen. Wer glaubt, den aktiven oder passiven Widerstand betreibe», de» gesunden Aufbau- willen des deutschen Volkes zerstöre» zu müsse«, muß damit rechnen, daß er in eindringlicher Weise die ^ a cht des Staates zu spüren bekommt und dorthin kommt, wo es als ein gemeiner Saboteur , des nationalsozialistischen Staates hingehört. Baihingen-Filder, im September 1983. Fischer. KreiSleiter." Deatsdie Nationalhymne Ans die Melodie des Horst-Wessel-Liebes zu finge«. Wir brauchen Brot» ihr gebt uns Wachtparaden und laßt den braunen Rundfunk aus uns los, für unser Geld spielt ihr die Herrn von Gottes Gnaden, kein Feuerwerk, kein Fest ist euch z« groß. Der Winter kommt, wir habe« keine Kohlen, der Arbeitsdienst zieht uns den Rücken krumm, und unsre Kinder lausen aus zerrissnen Sohle« in eurem Gottesgnadenreich herum. Denkt ihr, weil ihr dem Bolk de» Mund vernietet, wird es in Zukunft auch vom Schweigen satt? Es nützt euch nichts, daß ihr das freie Wort verbietet, der Hunger spricht sehr laut in Land und Stadt. Es kommt der Tag, da wird sich uns verbünden, wer Freiheit liebt und Todesfurcht nicht kennt. Da werden wir ein rotes Feuerwerk entzünde«, in dem das ganze„dritte Reich"»erdrennt. , Hvtgiu. « Dieses Gedicht, da? aus dem Reiche stammt, wag zugleich eine Antwort an die neueste Ankündigung deS Reichs- propagandaministers sein, die dem deutschen Volke 150 00t) Versammlungen verheißt. Deginn: 21. September Die soeben erscheinende Nr. 37 der„Neuen Welt- bühne" bringt folgenden Aufsatz von Willi Schlamm unter' der Ueberschrift„Eine Warnung": In diesem Prozeß geht es um Deutschland. Möge niemand den Preis übersehen. Möge jeder darauf vor- bereitet sein, daß in diesem Prozeß nichts, ausnahmslos nichts unmöglich ist. Wie alles andre versagt der deutschen Wirklichkeit gegenüber auch die Fantasie. Was gestern keinem Aken- teuerromancier eingefallen wäre, verschwindet heute als Fünfzeilennachricht des Wolffbüro in den Zeitungen. Wer ist nach solchem Training eines halben Jahres noch primi- tiv genug. Edgar Wallace zu lesen? Wie fade, behäbig und einfallslos wirkt auch der blutfüchtigste Krinstnal- schmöker alter Fasson nach einem halben Jahr deutscher Tatsachenberichte! Aber wir sind noch immer immum gegen die Attacken der genialen Infamie. Der Propagandaminister hat der Umwelt gegenüber einen ge- waltigen Vorsprung: Er steht mit vollem Bewußtsein außerhalb ihres Koordinatensystems von Sittlichkeit und Logik. Sie hingegen hats nicht aufgegeben, mit oen alten Kategorien zu messen. Was ist ein Geständnis? Europa meint, ein Geständnis sei, da der Beschuldigte— aus Reue oder unter dem Druck der Indizien— ein Delikt zugegeben habe, der wertvollste Beweis seiner Schuld. Das ist aber eben bloß der„liberalistische" Begriff von Geständnis. Und Deutsch- land hat mit all dem aufgeräumt. Es hat sich der alt- germanischen Einrichtung der Geständnisprobe erinnert, die dem Angeklagten das Leugnen erst dann im Prozeß anrechnete, wenn er auch beim Bersten der Wirbelsäule nicht gestand. Nur, daß eben heute nicht mehr die Wirbel- säule gebrochen wird(was schlimmstenfalls bei Ueber- griffen— richtigen Griffes— untergeordneter Organe passiert). Ueberhaupt haben die Buschneger inzwischen Oelheizung, Wasserspülung und allen andern Komfort der Wissenschaft dazubekommen; das erschwert den primitiven Zivilisierten die Erkenntnis der wahren Lage. Vor der Aussichtslosigkeit, etwa einem braven englischen Tuberkuloseforscher begreiflich machen zu wollen, daß deutsche Kollegen die Tuberkulose als naturnahes Mittel rassischer Zuchtwahl betrachten— sie tun das!—, möchte man verzweifeln. Das kultivierte Europa wird an seiner dürftigen Fantasie wohl zugrundegehen. Da gibt es zum Beispiel eine ganze Fachliteratur über die seelische Wirkung von Rauschgiften. Es wäre nötig, darin vor dem Reichstagsbrandprozeß zu blättern. Wir wissen noch nicht, ob Torgler. Dimitroff. Popoff. Taneff physisch gemartert worden sind: zwar hat Göring in einer Rede vor fünf Monaten höhnisch von Gängen gesprochen, in denen auf Torglers Schatten geschossen wurde,— aber vielleicht war das eine Greuelnachricht. Supvonieren wir. daß die Angeklagten physisch unge- brachen vor das Reichsgericht treten. Und was Ist ihnen sonst geschehen? vielleicht werden Torgler und seine Kameraden den Prozeß überlegen und ausdauernd durchstehen. Mit diesem Geschenk einer unvorstellbaren Tapferkeit und Wider- standskraft zu rechnen ist aber niemand berechtigt; haben die Monsterhäftlinge Görings das Inferno psychisch über- lebt, dann würden wir Zeugen eines Wunders mensch- licher Leidensfähigkeit und Größe. Rur ein Bürokraten- tropf, für den jedes Parteimitglied laut§ 11 des Statuts ein homerischer Held zu sein hat, wird diese vage Eventualität als Normalfall betrachten. Niemand kann für sich einstehen, wenn er auch nur für vierundzwanzig Stunden in die Hände der Heines fiele. Und Torgler ist eit einem halben Jahr in einer Hölle, die mit den modern- ten Feuerungsanlagen geheizt wird. Und Torgler wurde ür das„dritte Reich" zur Schicksalsfigur. Denn dieser schmächtige Torgler versperrt dem„dritten Reich" die freie Fahrt in die internationale Politik. Hitler« außenpolitische Konzeption rechnet damit, er würde die nötige Aufrüstungszeit gewinnen, wenn sich die andern Mächte überzeugen ließen, daß er nicht gegen sie, sondern nur gegen den Kommunismus rüste. Auf der Lüge von einer akuten bolschewistischen Gefahr gründete sich seine Machtübernahme in Deutschland; auf derselben Lüge gründet sich sein» verschlagene Außenpolitik. Im Reichstagsbrandprozeß geht» um da» alles. Erhärtet sich die Vermutung, daß die deutsche Regierung den Brand gewünscht hat. dann weiß jeder ausländische Staatsmann, der mit einer solchen Regierung Verträge abschließen und Freundschaft halten wollte, daß er von seinem eignen Volk in Zukunft als Verbrecher behandelt würde. Kann aber der formelle Beweis der planmäßigen Brandstiftung durch die kommunistische Parteizentrale vom Leipziger Gericht konstruiert werden, dann geht die öffentliche Meinung der ganzen Welt ins Konzentrationslager des deutschen Regimes über. Ein Geständnis Torglers wiegt einen kleinen Weltkrieg auf. Zweifle niemand, daß Hitler hier richtig spekuliert: Der nichts als antibolschewistische Teil Europas wartet mit nervöser Gier auf das Stichwort, um sich vor dem Retter Hitler beugen zu dürfen. Tun wir das Unsre, um ihm das zu erschweren. Ehe die absolut denkbare Sensationswendung des Kriminalstücks eintritt, bitten wir die Fachgelehrten, sich über die Effekte des Morphiums und der hypnotischen Technik zu äußern... Die Reichsregierung könne es nicht gewagt haben, sich solcher wahnwitziger Tricks zu bedienen? Wir nannten den Preis, um den sich» ihr handelt. Niemand wird heute noch bestreiten, daß Döring und Wöbbels um diesen Ein- satz— um den ihrer Existenz!— die halbe deutsche Nation, das ganze Europa aufs Spiel zu setzen bereit sind; und da sollten sie vor einer Finte zurückschrecken, die eben nur im„liberalistischen", aber nicht im nationalsozialistischen Koordinatenbereich oerdammenswert ist?„Man" tut so etwas nicht?„Man" hat den Reichstag angezündet, Ge- fangen« gefoltert,„Iudenliebchen" durch die Straßen ge- schleift;„man" hat Dutzende„auf der Flucht" erschossen, „man" hat geköpft, geschändet und Gefangene bepißt; „man" läßt Greise im Konzentrationslager Müll schippen und zwingt sozialistische Abgeordnete, vor dem Straßen- pöbel Nazihymnen zu singen;„man" zieht den Gastod puf Flaschen, dressiert Bakterienheere zum Angriff auf die Menschheit,— und in diesem Deutschland sollte sich nicht ein Arzt finden, der vier Männer in einen disziplinierten Irrsinn treiben kann? Eine Wissenschaft, die bis zu Stratosphärentorpedos fortzuschreiten verstand, sollte nicht verstehen, ein einfaches Stück menschliches Bewußtsein zu bezwingen? Am 21. September beginnt in Leipzig die infernalischeste Hasardpartie der Geschichte. Bei diesem Poker wird über alles erdenkliche Maß geblufft werden; der Einsatz ist hoch genug. Seien wir auf alles gefaßt. In diesem Prozeß ist nichts, ausnahmslos nichts unmöglich. Die nationalsozialistische Justiz hatte eine leise Chance, sich dem Verdacht der unsäglichsten Infamie zu entziehen: Hätte sie doch ausländische Verteidiger zugelassen! Sie hat» nicht getan. Obwohl sie sich alle Mühe gab, in Europa den Eindruck eines rechtmäßigen, kontrollierten Verfahrens zu erzeugen, hat sie das eine nicht getan. Offenbar konnte sies nicht. Vielleicht hätten ausländische Verteidiger beim unbeaufsichtigten Zusammensein mit den Angeklagten Injektionsnarben entdeckt oder Ausfalls- erfcheinungen... Vor der deutschen Wirklichkeit versagt unsere Fantasie, versagt unsre Kraft, die Tiefe des Bösen auszuschöpfen. Seien wir wenigstens in diesem einen Fall gerüstet! Und nun mag also der Prozeß beginnen. GroßliMlasftlellc weiogewasdien! Da« im Mai diese! Jahre! eingeleitete Verfahren gegen drei führende Männer der deutschen Kunstseiden» indu strie, da! sogar zu einer vorübergehenden Jnhast- nähme der Vorstandsmitglieder Karl Venrath und Dr. W. Springorum der Bereinigten Glanzstoffabriken A.-G. Wuppertal-Elberfeld und zu einem Steckbrief gegen den damals im Ausland weilenden Generaldirektor Dr. Fritz Blüthgen sowie zu einer Beschlagnahme seines Ver- mvgens geführt hatte, ist nunmehr durch Beschluß des hiesigen Landgerichts eingestellt worden. Die Jnstizvressestelle dieses Landgerichts gibt dazu folgende amtliche Erklärung ab:„Im Mai diese? Jahres wurde gegen die Mitglieder der Verwaltung der Vereinigten Glanzstoffabriken A.-A., Wuppertal-Elberseld, die Herren Dr. Fritz Blüthgen, Karl Benrath und Dr. W. Springorum ein Strafversahren wegen handelsrechtlicher Untreue und Bilanz- Verschleierung eingeleitet. Auf Grund der im Voruntersuchungsverfahren angestellten eingehenden Ermitt» lungen sind die genannten Herren auf Antrag der Staats- anwaltschaft durch Beschluß der zuständigen Strafkammer deS Landgerichts Wuppertal vom 14. September 1938 außer Verfolgung gesetzt." „NeneUisfellungen" jJnpreß.) Bei den Borstgwerken in Verlin wurden kürz- lich 200 Erwerbslose eingestellt. Nachdem einige Tage ver- strichen waren, erklärte die Leitung, baß eS nur noch mög- lich sei, sie während zweier Wochen jeweils einen Tag zu be- beschäftigen. Die„Neucinaestcllten" erhalten die ganz unzu- reichende Kurzaröetterunterstützung. müssen Sozialbeiträge von ihrem„Lohn" bezahlen und sind— für das Propa- gandamintstertum— aus den Listen der Erwerbslosen ge- stricken. Neurath Hitlers Außenminister am Rundfunk Es gab Leute, die darüber erstaunt waren, baß sich der bcutschnationale Außenminister Dr. v. Neurath immer noch im Httler-Kabtnett halten konnte. Wir haben nie zu ihnen gehört, weil wir die Charakterfestigkeit und die Eigen- Prägung dieses Mannes niemals überschätzt haben. Am Freitagabend hat er im deutschen Rundfunk eine Rebe ge- halten, die sich in keinem Punkte von den landläufigen nationalsozialistischen Leistungen unterschied. Neurath sagte unter anderem: Wer ist denn bedroht? Deutschland! Nur im Ausland spricht man von Krieg. In Deutschland denkt nie- m and an kriegerische Verwicklungen. Deutsch- land verlangt Sicherheit und Gleichberechtigung. Es wünscht mchts anderes, als seine Unabhängigkeit bewahren und seine Grenzen schützen zu können. Ist es fair, mit der Behauptung zu operieren, daß es der neuen deutschen Regierung nur darauf ankomme, Deutschland in einer ersten Ruhepcriode stark genug zu machen, um dann zu offener Gewaltpolitik übergehen zu können? Wenn man glaubt, mit solchen leeren Argumenten die Herr- schaft der Sieger über den Besiegten verewigen zu können, so muß ich mit aller Bestimmtheit erklären, daß Deutschland sich weigert, einen solchen Zu- st a n d w e i t e r z u e r t r a g e n. Es ist keine gute Politik, -venu fremde Länder, gestützt auf ihre starken Armeen, Flotten und Lustgeschwader zu dem entwaffneten und der Verteidigungsmittel beraubten Deutschland in lehrhaftem Tone sprechen. Damit werden sie in Deutschland keinGehör finden. DaS Ausland weiß, wie fieberhaft in Deutschland gerüstet wird. Es hat die militärischen Aufmärsche, die Ausbildung mit Handgranaten und Gewehren im Zeichen des„Volks- sports", die Erziehung im Zeichen des kriegerischen Herois- mus genau zur Kenntnis genommen. Jeder Satz Neu- raths läßt sich durch Reden Hitlers über die wahren Absichten des Nationalsozialismus widerlegen. Das deutsche Interesse wird durch solch un- ver Gaskrieg nahe? Anzeigen als Anzeichen In den„Medizinischen Novitäten". fNr. 9. 1933), I. A. Barth, Verlag Leipzig, finden wir folgende Anzeige: Mit dem Abwehrkampf gegen Gasangriffe und der Vorbeugung und Behandlung der Kampfgaserkrankungen muß sich jeder Arzt beschäftigen. Die nachstehenden Werke sind als Grundlage besonders geeignet: Grün» und Gelbkreuz Spezielle Pathologie und Therapie der KörperschLdigun- gen durch die chemischen Kampfstoffe der Grünkreuz- jPhosgen und Perchlorameisenmethylester-Perstoff-) und der Gelbkreuz-Gruppe iDichloraethylsulfib und B-Clor- vinylarsindichlorid-Lewisit-). Bon Dr. med. et phil.. Hermann B lt s ch e r, 199 Selten, mit einer Statistik, vier graphischen Darstellungen, S Skizzen und 94, davon 23 farbigen Abbildungen, 1932, Leinen 88,— Mark. Deutsches Aerzteblatt: Ein ganz vortreffliches Buch eines Arztes von bester Art, der mit echt deutfcher Gründlichkeit sich dem Studium der Kampfgase in chemischer, Pharma- kologischer, pathologischer, klinischer, insbesondere auch thea- pcutischer Richtung hingibt. So entsteht ein Werk, fundiert auf gründlichem Studium einschlägiger wissenschaftlicher Literatur und eigener wertvoller, klinischer Beobachtung. Allen Acrzten, mögen sie mehr praktisch oder mehr wissen- schastlich sich betätigen, ist das Buch anf das wärmste zu empfehlen, znmal die Kenntnis dieser Dinge alsbald für sie unumgänglich notwendig sein wird. Giftgas! Und wir? Die Welt der Giftgase: Wesen und Wirkung, Hilfe und Heilung. Dargestellt von Dr. med. et phil. Hermann B tt s ch c r, 220 Seiten, mit einer Skizze und 42 Ab- bilbungen im Text. 1932. Leinen 4,80 RM., kart. 3,00 RM. Die medizinische Welt: Sein ausgezeichnetes Werk ist für die Aerztewelt besonders wertvoll, weil es erstens in regel- mäßiger Wiederkehr bei den einzelnen Kampfstoffen die Fragen beantwortet: Wie hilft der Arzt?— Wie hilft der Samariter?— Wie helfe ich mir selbst? 2. an der Hand pathologisch-anatomischer Abbildungen die Spezialtherapie von Kampfgasschädtgungen eingehend erörtert; 3. mit be- sonderem Ernst auf die Fehler hinweist, welche bei Kampf- gasvergiftungen zu vermeiden sind und 4. endlich einmal offen ausspricht:„Tiesbcdauerlich ist es, daß die Aerzteschaft zum großen Teil ganz abseits steht von diesen Dingen". Büsch» ist Kollege von uns! Er will„nur helfen, nur aus- klären, nur schützen". Ihm dabei gewissenhaft zur Seite zu stehen, muß uns Acrzten zur Ehrenpflicht werden. Vle Abrüshingsirage Angeblich Italiens Standpunkt ' London, 16. Sept. Der römische Korrespondent des „Daily Telegraph" will im italienischen Außen- Ministerium zu der Frage der Abrüstung folgende Auskünfte erhalten haben:. 1. Die Behauptung, daß Mussolini einen Plan nach Paris gesandt habe, in dem er sich für eine Periode internationaler Rüstungskontrolle ein- setze, ist nicht wahr. 2. Italien hat nicht zugestimmt, sich einer oder meh- reren fremden Mächten anzuschließen, um Deutsch- lands Rüstungen zu kontrollieren. 8. Es ist unwahrscheinlich, daß Italien irgendeinen neuen Schritt unternehmen wird, während Unterstaatssekretär Eben in Paris und später in Rom weilt. 4. Edens Besuch in Rom wirb begrüßt und die italienische Regierung wird mit ihm ihr« Ansicht über die Abrllstungs- frage besprechen. Im weiteren bemerkt der Korrespondent, daß Mussolini noch immer der Ansicht sei, daß die einzige Hoffnung, ein wirklich brauchbares Abkommen zu erreichen, in seiner Idee liege, die Verhandlungen auf Italien, G oß- britannien, Frankreich und Deutschland»u beschränken. verbindliche Worte, die durch Drohungen einen gewissen Grad von Bierehrlichkeit erhalten sollen, bei der heutigen Situation sehr schlecht gewahrt. Neurath hat sich bann mit Oe st erreich befaßt. Er hat eine der vielen Reden des nationalsozialistischen Landes- Inspektors Habicht nahezu wörtlich wiederholt. Nicht die Spur einer Idee, die die europäische Problematik realpolittsch. in Betracht zieht! Dafür ein paar verlogene Sätze zur Judenfrage: Ich zweifle nicht, baß zum Beispiel das unsinnige Gerede des Auslandes über rein innerdeutsche Dinge, wie die sogenannte Judenfrage, schnell verstummen wird, wenn man erkennt, daß die notwendige Säuberung des öffentlichen Lebens wohl vorübergehend in Einzel- fällen persönliche Härten mit sich bringen konnte, daß sie aber nur dazu diente, um In Deutschland dt« Herrschaft von Recht und Gesetz um so un- erschtttterlicher zu festigen. Das Ausland wird auch aufhören, den Lügenberichten deutscher Emigranten das Ohr zu leihen, ihre Brunnenvcrgistung zu begünstigen und der Meinung von Leuten Beachtung zu schenken, die einem Deutschland nachtrauern, in dem sie sich auf Kosten des Bolkswohles zu Einfluß bringen könnten. Die Kulturwelt wirb einem Außenminister, der die deutschen Judenverfolgungen mit„Recht und Gesetz" in Verbindung bringt, nicht viel mehr zu bieten haben, alS schweigende Verachtung. Herr v. Neurath ist nicht nur gleichgeschaltet. Dahinter könnte sich zur Not der Ingrimm der unterbrückten Per- sönlichkeit verbergen. Er ist der Außenminister, den Hitler verdient hat, int* der bei ihm bleiben sollte, solange der braune Terror sich vor der Welt als Ausdruck des deutschen Volkswillens anpreisen darf. Man hat den Eindruck, daß Herr v. Neurath diese Nebe nur gehalten hat, um sich seines Verfolgers zu erwehren, der ihm dicht an den Fersen folgt: des Herrn Alfred Rosenberg. Juden als nationale Minderheit Man weiß, baß die Jüdische Weltkonferenz, die soeben in Gens getagt hat, zum großen Teil der Lage der deutschen Juden gewidmet war. Die Meinungen, die dort über diesen Gegenstand geäußert wurden, haben beson- dere Wichtigkeit im Hinblick auf die nächsten Sitzungen des Rats und der Versammlung deS Völkerbundes. DaS Gerücht geht, daß aus diesem Anlaß die Frage einer g l e t ch m ä ß i- gen Behandlung der Minderheiten aufgerollt werden soll. Die Regierung eines neutralen Landes, das an sich an der ganzen Angelegenheit uninteressiert ist, soll die Absicht haben, in Genf gewisse konkrete Vorschläge zu der Minoritätenfrage zu machen. Man erwartet bestimmt, baß dieser Borschlag von gewissen europäischen Regierungen unterstützt werden wird, deren Absichten, welche sie bereits mehrmals außerhalb der Bölkerbunbsdebattcn über die Minderheiten kundgetan haben, ziemlich übereinstimmen. Entldnsdife Jetzt will Ihn keiner gewählt haben! Aus dem Reich wird uns geschrieben: Wenn man in Deutschland das Radio einstellt, kann man jeden zweiten Abend bei den letzten Meldungen ein Kapitel über die schlechte Wirtschaftslage der anderen Länder, ins- besondere Oesterreich hören. Mit solchen Methoben soll daS Volk über die eigene trostlose Lage in Deutschland hinweg- getäuscht werden. Trotz dieser Roßtäuscher-Manieren beginnt eS im deutschen Volke zu dämmern. DaS Festefeiern zieht nicht mehr und das Volk denkt schon wieder nach diesem Fest- feierrausche über sein eigenes Schicksal nach. Alle Schichten deS Volkes, mit Ausnahme einiger Satten, die große Sum- men in die Nazikassen fließen ließen, sehen die Enttäuschung der nationalsozialistischen Wirtschaftsanpreisungen. Nicht nur, daß sich die Kassen der niemals zufriedenen Krämerseelen nicht füllen, müssen sie im Gegenteil feststellen, daß ihre Ein- nahmen täglich zurückgehen. Gerade diese Tatsache straft die Angaben der Nazis, daß die Erwerbslosigkeit in Deutschland täglich erheblich zurückgehe, Lüge. Wenn man die deutschen Gaue bereist, wie ich es in letzter Zeit gezwungen war, kann man die Unzufriedenheit in hohem Maße feststellen. Es geben ihren Unwillen nicht nur die Krämer, die ihr Heil von dem großen Adolf erwarteten, kund, sondern auch andere Kreise, wie die Winzer deS Rheines, der Mosel, der Ahr und der Saar. Ihr Konsum ist durchweg gesunken. Deutsche Weine werden vom Ausland nicht begehrt, im Inland mangels vor- handener Kaufkraft nicht getrunken. Gerade die Winzer ge- raten in eine ganz verzweifelte Lage. Hier helfen auch die Notschreie der Handelskammern nicht. Die Hotels in den Bade- und Ausflugsorten weisen gähnende Leere auf. DaS Personal jammert und sieht keinen Ausweg nus dieser Lage. Vor ihnen der Herbst und der Winter mit seinen Nöten und Sorgen. Nicht einmal können sie in der Hochsaison ihren Unterhalt bestreiten, geschweige denn Vorrat sammeln für den Winterbedarf und das tägliche Brot im Winter. Wenn man ihnen, den sämtlichen obengenannten Schichten dann in vorsichtiger Form ihr widersinniges Verhalten bei den letzten deutschen Wahlen vor Augen hält, bekommt man die Antwort:„ich h„be ihn— gemeint ist der große Adolf— nicht gewählt". Zu diesen Kreisen gesellen sich dann noch die Beamten und Angestellten, insbesondere jene Konjunkturritter, die ge- glaubt hatten, nun bald zum Inspektor, zum Oberregte- rungsrat und noch höheren Stellen befördert zu werden. Sie alle sind enttäuscht und auch mit Recht. Erst jetzt beginnen sie zu begreifen, was sie hatten, und was ihnen jetzt befchte- den ist und noch bevorsteht. Aber auch sie wollen den großen Adolf nicht gewählt haben. Dntterprelse ernent gestiegen Die vutterpreise sind im Großhandel erneut um 8 Mk. für 100 Pfund gestiegen und erreichen damit— im Groß- verkauf— die Höhe von 126 Mk. für die erste, 120 Mark für die zweite Qualität. Im Kleinhandel wirkt sich die Stetgerung durch eine noch größere Spanne aus. Zwei deutsche Anwälte almewiesen Das Reldisgeridit lehnt Dr. Lehmann und Dr. Sender ah Am 16. August hatten sich die Saarbrücker Rechtsanwälte Lehmann und Dr. Sender bereit erklärt, die Vertretung des Reichstagsabgeordneten Ernst Torgler im Reichstagsbrandprozeß zu übernehmen. Am 2. September sandten sie an das Reichsgericht die Strafprozeßvollmacht Torglers, bestellten sich z« seinem Verteidiger»nb erbaten dringlichst die Uebcrscndung der Anklageschrist. Desgleichen erhielte« sie unter dem 12. September die Strasprozeßvoll- macht von dem Mitangeklagten Torglers, dem Bulgaren Dimitrofs, dessen Verteidigung sie ebensalls aus seine Bitte hin übernahmen. Am 13. September, nachdem das Reichsgericht wochenlang nichts von sich hören liest, sandten die beiden deutschen Saarbrücker Verteidiger dem Reichs- gericht folgende Depesche: .Erbitten dringende Nachricht, aus welchem Grunde die unter dem 2. September 1933 angeforderte An- Klageschrift in der Strafsache Torgler— 15. I. 86/33 — nicht gesandt worden ist. Ihre unverständliche Ver- Zögerung bewirkt Unmöglichkeit ordnungsgemäßer Verteidigung. Wir stellen das ausdrücklichst fest. Rechtsanwälte Lehmann u. Dr. Sender, Saarbrücken.' Die Antwort Darauf ging jetzt am 15. September folgender Be- schlust des Reichsgerichts ein: „15 I. 88 33.»«schloß XII H. 42 88. XII Tgb. 403 38._„. I«»er Ztrassach« gegen den kaufmitnnische»««gestellte» Ernst î o r g I« r aus Berlin-Karlshorst, gebore- am 15. April 1893 zu B-rli«, wegen Hochverrats pp.,..„ hat das Reichsgericht, 4. Strafsenat, ,n der Sitzung»om». Sep. tember 1933 beschlossen: DI« Zulassung der Rechtsanwälte Lehma-- und Dr. Sender in Saarbrücken als Lerteidiger wird abgelehnt. «S r ü n d e: Die bei de« Landgericht in Saarbrücken zugel-fle-eu Recht«, anwalte Lehmann und Dr. Sender gehöre« nicht zu dem«reis der Personen, ans de««ach 8 138 Abs. 1 StPQ. die Verteidiger gewählt werde« könne«. Zwar ist das Saargebiet«ach Art. 4» des «ersailler Vertrages vom l«. Juli 1919 in Verbindung mit de» 88 l« nnd I» der Anlag« unzweifelhaft ei« Teil des Deutschen Reiches nnd seine Bewohner find nach wie vor Reichsangehörige, wie da» an» vom Reichsgericht wiederholt ansgrsprochen ist. lR«ST. R Bd. 57 S. 28», Bd. S3 S. 393, RGZ. Bd. 103 S. 294s. Aber darauf kommt es nicht an. Das Gesetz sordert vielmehr, daß der Angeklagte«ine- Rechtsanwalt als Verteidiger ans der Zahl der bei einem deutsche« Gericht zugelassenen Rechtsanwälte auswählt. Dies« Zulassung soll Gewähr biete«, dast ohne Zuftim- «mag des Gerichts»nr solche Personen alS Verteidiger gewählt werde«, die auf Grund ihrer nach bei» deutschen Borschristen er- folgten Zulassung im Hinblick auf das Interesse des Staates au einer geordneten Strasrechtspflege auch ohne Prüsung im Einzelfall« die-oll« Gewähr sür ein« sachgemäße Verteidig»«« biete«. Di««orschrifte» der R e ch t s a« w a l t S» r d n n« g nom 1. 7. 1878 über die Zulassung der Rechtsanwälte find dnrch die Verordnung der Regiernngskom. mission de» Saargebietes betr. Sender««« der Justizgesetz««om 2. 8. 1921 sAmtsbl. der Reg- »ommisfio« 1921 S. 125ff.s, insbesondere auch hinsichtlich der Mit. Wirkung der Landesjnftizverwaltung bei der Zulassung und hin- sichtlich der Zuständigkeit sür die Ehrengerichtsbarkeit ab. geändert.(!) Dies« Abänderungen find trotz des Verstoßes der Verordnung gegen de« 8 23 der Anlage ,« de« Artikel 45-50 des«ersailler«er. träges svgl. RGST. Bd. 03 S. 397) im Saargebiet praktisch in Geltnag. Es kann dahingestellt bleibe», ob nicht schon mit dieser tatsächliche« Abänderung der sür die deutschen Gerichte geltenden Bestimmungen die Zulassung eines Rechtsanwalts bei einem saar. ländischen Gericht seit der Verordnnng vom 2. 8. 1921 den Anforderungen des 8 1»« Abs. 1 STPO. nicht mehr«ntsprach. Den« keinesfalls tut fie das«ach de»«endernugen, die das Recht der AnwaltSznlassnng inzwischen dnrch das Gesetz über die Zulassung zur R e ch t S a«« al t s ch a s t nom 7. 4. 1 3 3 3«Reichsgesetzdl. I S. 188) ersahren hat und die im Saargebiet nicht Gesetz geworden sind. Hier stellt der deutsche Gesetzgeber grundsätzlich neue Boraus- sctznngen für die Zulassung als Rechtsanwalt bei einem deutsche« Gericht auf und damit zugleich für die Möglichkeit, als Verteidiger gemäß 8 188, Abs. 1 STPD. oor einem deutschen Gericht anszntrete«. Gehören somit die Rechtsanwälte Lehman» und Dr. Sender in Saarbrücken nicht z« dem Kreise der Personen, ans dem der Angeklagte Verteidiger ohne Zustimmung des Gerichts wähle« kann, so muß andererseits die Genehmigung des Gerichts z« ihrer Zulassung als Wahlverteidiger gemäß Abs. 2 des 8 188 STPO. versagt werden, weil auch, abgesehen von dem mangelnden Ein- Verständnis des bereits gewählten deutscheu Verteidigers, als Bor- aussetzung einer gemeinschastliche« Verteidigung z« ihrer Beftel- lung neben dem bereits vorhandene» Wahlverteidiger kein Anlaß ersichtlich ist. gez.: Dr. B« u g« r. Dr. L e r s ch. R« s ch. Unhaltbare Begründung Ein einziger Rechtsbruch Zu dieser langen Einlassung des Reichsgerichts gehen unS von juristischer Seite folgende Ausführungen zu: »Dieser Beschluß des Reichsgerichts, des höchsten deutschen Gerichts, stellt einen unerhörten Rechtsbruch dar. Durch diesen Beschluß wird das Saargebiet vom Reichsgericht als Ausland behandelt. Nach dem 8 168 der Strafprozeß, ordnnng können zu Verteidigern alle bei einem deutschen Ge- richte zugelassenen Rechtsanwälte sowie die Rechtslehrer an deutschen Hochschulen vom Angeklagten gewählt werden. Andere Personen, die nicht Rechtsanwälte oder Rechts- lehrer sind, bedürfen der Genehmigung des Gerichts zur Verteidigung. Der bei einem deutschen Gericht zugelassene Rechtsanwalt ist nach der Rechtsanwaltsordnung befugt, vor jedem deutschen Gericht innerhalb des Reiches Vcr- teidigungen zu führen. Diese Bestimmung der deutschen Rechts- anwaltsordnung hat nach wie vor für das Saargebiet volle Geltung. Die Rechtsanwälte Lehmann u. Dr. Sender sind seit 1911 bzw. 1918 als Rechtsanwälte bei dem deutschen Landgericht Saarbrücken als Anwälte und damit als Verteidiger von der prenstischen Justizverwaltung zugelassen worden. Sie haben, wie fast alle Rechtsanwälte des Saargebiets in den ver- tangenen vierzehn Jahren an vielen deutschen Gerichten anch ierteidigongen geführt. DasReichsgerichtistnundergroteskenAns- s a s s« n g, dast die Vorschriften der RcchtSanwaltsordnung über die Zulassung der Rechtsanwälte durch die Verordnung der Regierungskommission vom 2. 8. 1821 geändert sei. Es ist dnrch diese Verordnung überhaupt nichts an den bestehenden gesetzlichen Be» stimmungen über die Zulassung geändert worden. Lediglich ist die Mitwirkung der Landesjustizverwaltung, also der Regie» rungskommission, etwas Neues. Und dieses angebliche Nene gibt dem Reichsgericht Ber- anlassung, zu erklären, dast damit die Zulassung der deutschen Rechtsanwälte im Saargebiet für das Deutsche Reich eine Aenderung erfahre. Wenn man diesem unsinnigen Gedanken des Reichs- gcrichts auch nur einen Moment folgen wollte, dann könnte diese Auffassung überhaupt nur Bedeutung gewinnen sür die» jenigcn deutschen Anwälte des Saargebiets, die zeitlich nach der Verordnung vom 2. 8. 1921, also nach dieser Zeit um ihre Zulassung bei der Landesjustizvcrwaltnng des Saargebiets nachgesucht haben. Diese Anwälte bezeichnet also das Reichsgericht schlechthin als nichtbentsche Anwälte. Es hat sich aber nicht einmal die Mühe gemacht, rechtlich zu erörtern, wie die Zulassung von Anwälten zu betrachten ist. die vor dem 2. 8. 1921 im Saargebiet schon zugelassen waren, wie das bei den Rechts» anwälten Lehman««. Dr. Sender ber Fall ist. Diese Rechtsanwälte mußte selbst das Reichsgericht als deutsche Rechtsanwälte betrachten mitsamt allen denjenigen Rechtsanwälten, die im Saargebiet vor dem 2. 8. 1921 ihre Zulassung erhalten haben. AberwaskümmcrtesdasReichsgericht, eine Rechtsfrage zu behandeln, wenn dies« Rechts- Der ProxeD Dr. Hertz sagt ans London, 14. Sept. sJnpreß.) In der Nachmittagssitzung deö Londoner Gegenprozesses wurde die Vernehmung des Zeugen Dr. Hertz fortgesetzt. Der Zeuge berichtet, daß er vom Fenster des Reichstages sehr oft ein ständiges Kommen und Gehen SA.-Uniformierter im gegenüberliegenden Hofe des Reichs- tags--Präsidentenpalais beobachtet habe. Er habe den be- stimmten Eindruck gehabt, dast die dort anwesenden SA.-Leute eine Wache bildeten. Hertz erläuterte dann die Grundrisse, Fotos und Zeichnungen des Reichstagsgebäubes. Ein Mit- glieddesUntersuchungsausschusses fragt, ob es schwer sei, aus den oberen Räumen des Reichstags auf die Straße herunter zu klettern, bzw. von der Straße in die oberen Räume einzusteigen. Es wirb auch im„Völkischen Beobachter" die angebliche Auffindung einer Leiter auf dem Glasdach des Arbeitszimmers des Reichstagsabgeorbneten Torgler verlesen. Hertz weist daraus hin, dast ein Kletter« von dem obere« Stockwerk auf das Glasdach uud in den Sitzungssaal äußerst schwierig sei, wobei man vorher 89 bis 99 Meter an d«r Außenseite des Reichstages hochkletteru müsse, um in die oberste« Stockwerke des Reichstages zu gelangen. Die Glasdächer befinden sich über dem inneren Kern des Hauses und liegen nicht an der Straßenfront. Hertz schildert Verwaltung und Bewachung des Reichstagsge- bäudes. Die Polizeigewalt im Reichstag unterstand dem Rcichstagspräsidenxen Göring. Außerhalb des Reichstags- gebäubes patrollierten in den Tagen vor dem Reichstags- brand ständig Polizeiposten. Polizeipräsident von Berlin war Herr von L e w e tz o w, der kurz vor dem Brand von Göring ernannt wurde. 8 ranting fragt den Zeugen, ob man leicht in den Reichstag einsteigen könne. Hertz antwortet, die unteren Fenster tragen alle einen starken Etsenschutz. Garfield Haus fragt, ob Besucher nach 8 Uhr abends in den Reichs- tag komme, können. Zeuge Hertz erwiderte: Nach 8 Uhr abends ist kein Personal mehr im Reichstag, das solche Be- jucher führen könnte. Jeder Besucher muß anch am Tage linen Zettel mit Namen. Zweck feines Besuches ufw. aus- in London schreiben. Die Abgeordneten holen gewöhnlich nach 8 Uhr abends ihre Garberobe ins Zimmer. Das Portal 5, durch das man»ach 8 Uhr abends d«o Reichstag betreten oder verlassen kann, ist ständig von mehreren Reichstagsbeamten bewacht. Nach 8 Uhr abends wird der Reichstag vom Nachtpcrsonal inspiziert. Auf eine Frage Brantings teilt Hertz mit, daß am 27. Fe- bruar und den vorhergehenden Tagen der Personenverkehr im Reichstag auffallend gering war. Hertz berichtet, daß er am 28. Februar eine Aussprache mit dem Direktor Galle, der die Verwaltung des Reichstagsgebäudes leitete, in dessen Dienstwohnung im Erdgeschoß des Hauses von Göring hatte. Es sei ihm aufgefallen, daß Galle bei einem Gespräch über die Schuld am Reichstagsbrand sich sehr zurückhaltend be- nommen und kein positives Urteil über die Ursache des Brandes geäußert habe. Hertz hatte jedenfalls den Eindruck, daß Direktor Galle weder an die behauptete Mitschuld der SPD. noch des Abgeordneten Torgler glaubte. Hertz weist noch darauf hin. daß allen Parteien nach dem Brand die Be- Nutzung ihrer Fraktionszimmer verweigert wurde, obwohl sie nicht beschädigt waren, während die Nationalsozialisten ihre Räume unmittelbar»ach dem Brand ständig benutzen durften Die weitere Vernehmung des Abgeordneten Dr. Hertz, deS Sekretärs der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, ge- staltet sich wie folgt: Hertz hatte im Monat März eine Unterredung mit dem Oberreichsanwalt und seinen zwei Ge- Hilfen. Auch bei diesem Gespräch hatte Hertz den Eindruck, daß diese Herren keinesfalls an eine Mitschuld der SPD. oder Torglers glaubten. Bei einer Besichtigung des Reichstages wenige Tage nach dem Brand fiel Hertz auf, daß der linke Umgang am Sitzungssaal völlig unversehrt war. obwohl sich schwere Brandherde um ihn herum befanden. Die über dem Sitzungssaal besindlichen Preßtribünen und Pressezimmer waren vollständig»erstört. Am linken Umgang war das Leder der Sessel und Bänke ausgeschnitten und das Teegras herausgerissen, ähnlich im Raum vor dem Zimmer des Reichskanzlers, wo eS auch schwere Brandstellen gab. Sonstige Brandstellen sah er im Restaurant, üt der Wajchtollette. au frage be« politischen Zwecken, die eS zn vet» folgen beauftragtist, nicht entsprichtl Die Berufung des Reichsgerichts aus die neue Verordnung der Hitler-Regierung vom 7. April 1966, die ebenfalls sür die Bersagung der Zulassung ins Feld geführt wird, ist juristisch und logisch ein Unding. Einerseits erkennt das Reichsgericht an, daß dieses neue Gesetz vom 7. 4. 1968 im Saargebiet nicht Gesetz geworben sei. Auf der andern Seite will es aber die saarländischen Rechtsanwälte trotzdem unter die Wirkungen dieses Gesetzes stellen nnd maßt sich damit einen unerhörten Eingriff in die wohlerworbenen Rechte aller saar- ländischen Rechtsanwälte und damit in die Rechtsverhältnisse des Saargebietes an. Die preußische Landesjustizverwaltung hat aber bereits entschieden, daß die sämtlichen deutschen Rechtsanwälte, die im Saargebiet zugelassen sind, an deutschen Gerichten weiter» in tätig zu sein das Recht haben. Das Reichsgericht stellt sich iermit in bewußten Gegensatz zur Landesjustizverwaltung Preußens." Daß diese Maßnahme des Reichsgerichts zugleich in die Befugnisse der Völkerbnndsverwaltung an der Saar ein- greift, sei nnr noch abschließend festgestellt. Die Erniedrigung In einem langen Aussatze in der„Volksstimme" rühmt M. B. die Treue und den Mut der beiden An- wälte, die sich um der Wahrheit und der Gerechtigkeit willen dem Angeklagten Torgler als Verteidiger zur Verfügung gestellt hatten. Er schreibt u. a: Hoch klingt das Lied vom braven Mann, den Mord» drohungen und die Warnung gutmeinender Kameraden nicht abhalten können, dem unschuldig Bedrängten zu Hilfe zu eilen, kosteeswaseswolle— aber tief erniedrigend ist für uns alle, die wir uns Deutsche nennen und die wir eine heiße, unglückliche Liebe zu diesem Lande in unfern Herzen tragen, die einen Abgrund enthüllende Tatsache, daß man deutsche Anwälte des Saargebietes nicht mehr vor dem deutschen Reichsgericht auftreten lassen will! Wir gestehen es offen und in tiefer Erschütterung: Das ist furchtbarer, als wir es selbst diesem braunen Henkersystem zugetraut hätten! Alle formaljuristischen Gründe für diese Ablehnung sind falsch und schief— aber das'st n i ch t das Entscheidende. Daß man uns Saardeutsche seitens der höchsten deutschen Rechtsinstitution als N i ch t d e u t s ch e behandelt und da- für ein lächerlich kleines und häßliches, fadenscheiniges und durchlöchertes Spinngewebe von Scheingründen zwischen uns webt:— das läßt den ganzen Ekel einer unüberbrückbaren Verachtung in uns hochsteigen! Daß man einen neuen, schwerwiegenden, untrüglichen Beweis für die tiefe Schuld der Anstifter dieses Prozesses geliefert hat, daß man eine objektive, unbeeinflußte und durch keine Drohung zu erschütternde Verteidigung nicht will, daß man die Wahrheit und die offizielle Entdeckung der wirklichen Schuldigen fürchtet,— das ist gewiß schrecklich genug! Aber daß die höchsten Würden- träger der unwiderruflichen Urteilsfindung und Rechts- sprechung so sehr dicfeigenKnechtearmseliger Menschen werden konnten, darüber kommt man als Deutscher am wenigsten hinweg! Wenn es darüber einen Trost gibt, dann haben ihn uns die beiden Anwälte geliefert, die bereit waren, in den Löwenkäfig zu gehen und den Handschuh der Fehde um die Gerechtigkeit aufzuheben. S i e haben die E h r e d e s Deutschtums gerettet und seinen Schild blank er- halten— Deutschland hat es diesen deutschen Sozialisten und deutschen Juden zu danken und es wird es tun, zwar nicht heute, aber am Tage seiner Genesung vom an- steckenden Veitstanz des Barbarismus und in der Stunde seiner Auserstehung!— der Südgarberobe am Portal 2. Es handelt sich um Brand- stellen, die trotz der zerstörenden Wirkung des Feuers auch nachher als Brandherde noch erkennbar waren. Von be- sonderer Bedeutung erscheint Hertz der Brandherd in der Südgarderobe im Erdgeschoß, die ein Stockwerk niedriger liegt als der Sitzungssaal. Eine sensationelle Mitteilung Hertz verwies auf die Tatsache, daß zwei bis drei Beamte vis 8 Uhr abends am Portal 2 Dienst habe» und daß der Brand in ber Südgarderobe also erst später gelegt worden sein kann. Dann machte Hertz sensationelle Aussagen über die geringe Zeitspanne, die den Reichstagsbrandstiftcrn zur Ver- sügung gestanden habe. Am Portal 2 befindet sich ein P o st b r i e s k a st e n, der täglich um etwa 8.50 Uhr geleert wirb. Nach zuverlässigen Mitteilungen, die Hertz besitzt, wurde dieser Briefkasten auch am 27. Februar um 8.50 Uhr geleert. Da um diese Zeit Portal 2 bereits geschlossen ist. mußte der Postbote— und er hat es auch am 27. Februar getan—- ins Hauptgeschoß zurückgehen, am Sitzungssaal entlang und dann wieder ins Erdgeschoß zurück seinen Weg zum Portal 5 nehmen. Das ist ein Weg von etwa 160 bis 2 00 Meter. Es ist nicht bekannt geworden, daß der Postbote kurz vor 9 Uhr etwas vom Feuer, oder Brandgeruch bemerkt hat. Die Mit- teilungen deS amtlichen preußischen Pressedienstes sprechm aber von 20 bis 25 Brandherden vom Erdgeschoß bis zur Pressetribüne im Hauptgeschoß. Hertz wirst vor der Oeffent- lichkeit die Fragen aus: Kann von 8.59 bis 9.15 Uhr, als der Brand entdeckt wurde, ein einzelner Man» in diesem Riesengebäude 29 bis 25 Brandherde legen? Kann in einem Steingebäude, wo es nur eine Holzaus- stattung im Innern gibt, ein solch zerstörender Brand gelegt werden ohne eine große Menge von Brand- material? Kann eine der Ortskenntnis ermangelnde Person einen derartigen Brand in allen Teilen desReichstages legen, ohne vom Personal gesehen zu werden? Hertz verweist auf die Tatsache, daß der Hanptbrandherd ausfälligerweise auf der Pressetribüne und im Pressezimmer lag, die an siyungsfreien Tagen abgeschlossen sind. Er hält es sür völlig ausgeschlossen, daß ein einzelner Mensch, der Räumlichkeiten unkundig, noch dazu in wenigen Minuten, eine solche Aktion der Brandstiftung an 20 Stellen voll- bringen kann. Die Rolle des Inspektors Skranewitz Hertz schildert dann den HauSinspcktor Skranewitz, dem das gesamte Personal des Reichstages unmittelbar untersteht. Er hat am 28. Februar eine Rundfunkrede im Sinne der Hitler-Regierung gehalten. Dieser Mann, der es sonst sehr genau mit seinen Pflichten nahm und vom Personal gefürchtet war, hat am 2 7. Februar nichts von der Brand- legung bemerkt. Frau BakkerNort fragt, ob man soviel Brandmaterial ungesehen durch die Portale 2 und 5 bringen könnte. Der Zeuge ist der Ausfassung, das, zur Brandlegung in einem Steingebäude wie dem Reichstag ungeheure Mengen Brand- material notwendig ist. Solch gewissenhafte Beamte wie die Reichstagsvorticrs hätten jede verdächtige Person und ver- dächtige Maßnahme unbedingt verfolgt. Daß unter ihren Augen Brandmaterialien in nennenswertem Maße in den Reichstag geschafft wurden, hält er für absolut unmöglich. Seit Görings Präsidentschaft bestand noch dazu verschärfte Kontrolle. Frau Bakker Nort: Glaubt der Zeuge, baß die Kom- munisten durch den unterirdischen Gang das Branbmaterial in den Reichstag schaffen konnten? Hertz: Kommunisten wären vielleicht hineingekommen, aber nicht mehr heraus.(Heiterkeit.) Auf eine wettere Frage erklärt der Zeuge, daß der Reichs- tagsinspektor SkranewihimMaschinenhans wohnt. B r a n t i n g: Welcher politischen Partei gehört Skranewitz an? Hertz: Skranewitz gehört zu der äußersten Rechten und hatte früher schon mit dem ReichStagspräsidenten Löbc Differenzen wegen seiner politischen Betätigung. Huidt fragt, ob ein Fremder durch den unterirdischen Gang in das Maschinenhaus gelangen könne. Hertz: Ein Eindringen ohne Kenntnis des dortigen Personals ist unmöglich. Der Zugang zum unterirdischen Gang ins Maschinenhaus führt von Norden her d u r ch d a s Wohnhaus des Herrn Skranewitz oder durch das Haus des ReichStagspräsidenten Göring, wo sich noch eine Garage befindet. Am Hause GöringS be- findet sich mindesten« ein Portier sowie die SA.-Seute, die dort aus- und eingingen. Huidt resümiert Huidt stellt fest, daß also Kommunisten nicht durch das Präsibentenhaus, nicht durch das Maschinenhaus, nicht durch die Portale des Reichstages, nicht über das Glasdach eine größere Menge Brandmaterial in den Reichstag bringe« konnten. Die Aussagen Grzcslnshls An der Sitzung des zweiten Tages nahm unter anderem der Verteidiger Torglers Dr. Sack mit zwei Begleitern teil. Der ehemalige preußische Staatsminister und Polizei- Präsident Grzesinski sagte u. a. aus: Alle Polizeimelbungen über die Auffindung geheimer Gänge und Katakomben im Berliner Karl-Liebknecht-Haus im Februar d. I. sind lauter Märchen. Grzesinski kann das aus Grund seiner Tätigkeit als Polizeipräsident feststellen. Der Vorsitzende fragte Grzesinski, was hätten Die getan, wenn sie als Polizeipräsident erfahren hätten, daß öffentliche Gebäude bedroht gewesen wären? Grzesinski: Ich hätte die betreffenden Personen fest- Sesctzt und die von der Gefahr bedrohten öffentlichen Gebäude hützen lassen. Borsitzender: Was hätten Sie getan, wenn um 4 Uhr morgens ein Putsch geplant wäre? Grzesinski: Wen^ die KPD. für« Uhr morgens eine Aktion geplant hätte, dann hätte ich eS zwei Tage vorher gewußt, und hätte die Führer festnehmen lassen. Vorsitzender: Wenn aber die Regierung nicht informiert gewesen wäre? Hätte die KPD. zwischen den Stunden von 111 Uhr abends bis 4 Uhr morgens in einer solch kurzen Zeit einen geplanten Putsch durchführen können, ohne daß etwas in der Öffentlichkeit von ihm zu merken gewesen wäre? Grzesinski: Nein! Vorsitzender: Konnte eine Person ungesehen den Reichstag erklettern? Grzesinski: Unmöglich! Dr. Frits Martens Das Vertrauen fehlt! Georg Bernhard der frühere Reichstagsabgcordnete und langjährige Ehef» redakteur der„Bossischen Zettung" hielt einen Vortrag über die politische Lage. Er erklärte, baß alleS, was über die „kommunistische Gefahr" verbreitet wurde, in das Reich der Fabel gehöre. Die Idee, den Reichstag in Brand zu stecken, wäre angesichts der Uebcrmacht der Nazis so absurd, baß man voraussetzen müßte, die Führer der KPD. wären wahnsinnig geworden. Bernhard bezeichnete den Inhalt der Oberfohrenschcn Denkschrift als echt. * Am Nachmittag wurde Dr. Breitscheid über die politische Lage vernommen. Er schloß sich Georg Bernhard in der Ueberzeugung an, daß nur die Nazis ein Interesse am Reichstagsbrand hatte». Torgler sei unschuldig angeklagt und habe mit der Brandstiftung nichts zu tun. Abgewiesen! •ti °r:*h, Berufsorganisation und Gericht „Die Anlagescheu ist nur durch Vertrauen zu beheben. Dieses Vertrauenzusch äffen ist Aufgabe der Politik." Tiefe Feststellung der„Frankfurter Zeitung" vom 1». Sep- tomber, im Artikel„Kapital in Bereitschaft") stellt wohl die schärfste Form der Kritik dar, die sich die gleichgeschaltete Presse erlauben kann. Diese Kritik muß so getarnt werden, daß nur ganz wenige Eingeweihte begreifen können, worum es sich handelt, ja überhaupt eine Kritik geübt wird. Die kritischen Auslassungen in der gleichgeschalteten Presse müssen etwa auf die gleiche Weise gelesen werden, wie die dunklen Stellen bei den alten griechischen Autoren. Glücklich f'»d, die sich seinerzeit mit solchen Ucbungen gequält haben! In Deutschland wird also eine schwere Krankheit fest- gestellt: An läge scheu, d. h. die Angst vor der Festlegung der gesparten Gelder auf längere Zeit. Es wird auch die Ur- sache dieser Krankheit angegeben: Das Vertrauen fehlt. DaS alles ist gar nicht neu. Unter derselben Krankheit hat die deutsche Wirtschaft schon in der Brüningszeit gelitten. Wir haben aber gehört, daß die deutsche Wirtschast der„natio- nalen Bewegung" die Uebermindnng dieser Krankheit zu ver- danken hat. Monatelang wurde uns von der Wiederkehr des Vertrauens erzählt. Und jetzt diese peinliche Enthüllung: Das Vertrauen ist immer noch nicht da loüer: schon wieder nicht mehr da?). Durch den Satz:„Dieses Vertrauen zu schassen, ist Aufgabe der Politik" wird gesagt, daß die Politik daran schuld ist, daß das Vertrauen nicht vorhanden, bzw. wiederum verschwunden ist. Nachdem wir diese Uebnng hinter uns haben, können wir es leichter verstehen, warum in Deutschland jetzt so viel und mit solcher Sorge über die Fragen des Kapitalmarktes ge- schrieben wird. Das bedeutet nichts anderes, als daß der Versuch, die Wirtschaft anzukurbeln, die berühmte„Initial- zündung" herbeizuführen, als mißglückt betrachtet wird. „Der Unternehmer kann sich bestenfalls mit 7 bis 8 Prozent Zins langfristig verschulden, während an vielen Stellen der Wirtschaft ein Ertrag in dieser Höhe nicht zu er- zielen ist. Solange langfristiges Kapital einerseits äußerst spärlich, andererseits nur zu prohibitive» Zinssätzen erhältlich ist, sind der Investitionstätigkeit der privaten Unternehmer enge Grenzen gezogen".(„Frank- furter Zeitung" vom 18. September.) Prohibitive Zinssätze, namentlich die Tatsache, daß das langfristige Geld„bestenfalls" zweimal so teuer, wie daS kurzfristige ist, außerordentlicher Druck auf den Börsen und alles dies, während— um noch einmal das gleiche Blatt zu zitieren—„Kapital immer noch knapp... aber mehr vorhanden, als es scheint": Das ist ein klares Bild der Äertrauens krise. Es ist wirklich Anlagescheu vorhanden, es fehlt der Glaube an der Sicherheit der long- fristigen Anlage, man hat Angst, daß das auf längere Zeit festgelegte Geld verloren geht. Man hat Abneigung gegen die Aktien, da die Rentabilität der Unternehmungen viel un- günstiger beurteilt wird, und erst reckt gegen die festverzins- lichen Papiere, deren Entwertung befürchtet wird. WaS ist nun der eigentliche Grund für diese verschärfte Vertrauenskrise? An der rein kapitalistischen Einstellung der „nationalen Regierung" dürfen wohl keine Zweifel bestehen. Wenn trotzdem das Unsicherhei^saekübl so ktark ist, so müssen die Entwicklungstendenzen, deren die Regierung nicht Herr werben kann, als viel zu stark betrachtet werden. Und das ist auch der Fall. Man fieht auf einer Seite, daß die Regierung, um die lebendigen Stützen ihrer Macht zu befriedigen, der Wirtschaft solche Belastungen aufzwin- gen muß, daß nicht nur die Rentabilitätsaussichten ver- ichwinben. sondern auch die Gefahr besteht, daß viele Be- triebe durch diese Belastungen(namentlich durch die er- zwungenen Neuetnstellnngen von unbrauchbaren Arbeits- kräften) zugrunde gerichtet werben. Auf der anderen Seite— und das ist noch wichtiger— steht man der Tatsache gegenüber, daß die bisherigen An- kurbelungsvcrsuche keinen Erfolg gezeitigt haben. ES ist schon von dem bevorstehenden und einein noch viel stärkeren„An- griff g-gen die Arbeitslosigkeit" die Rede. Das klingt sehr schön. WaS kann das aber unter obwaltenden Umständen be- deuten? Nachdem die bisherigen Mittel sich als zu schwach (ober als völlig verkehrt) erwiesen haben, um die „Jnitialzündung" zu bewirken, entsteht für die Regierung der Zwang, zu den„stärkeren" Mitteln, d. h. zu einem viel rücksichtsloseren Einsatz der Notenpresie zu greifen. Aue theoretischen Auseinandersetzungen über die„Grenzen der Kreditschaffung", über die„Fragen des Kapitalmarktes' s>»o aber nichts anderes als die schon ziemlich verzweifelten Warnungen vor der hemmungslosen Inflationspolitik, zu der die Regierung durch ihre machtpolttischen Sorgen getrieben wird. ES hat sich noch einmal erwiesen, daß man keine wirkliche, nicht bloß eingebildete Krankheit durch die Fälschung deS . Thermometers kurieren kann. Erst recht nicht, wenn der kranke Organismus gleichzeitig immer wieder vergiftet wird. Mag die„nationale Regierung" noch so laut von den«Sun- dern schreien, die sie im„Kriege gegen die Arbeitslosigkeit angeblich wirkt, sie kann nicht auf diese Weise die Ersahrungen aus der Welt schaffen, die jedermann täglich macht. Die Unternehmer wissen aus diesen Erfahrungen, baß die Kaut- kraft der Bevölkerung nicht gehoben wird, daß ihnen aber zugleich neue Belastungen aufgebürdet werden. Sie wissen, daß die Regierung zwar„unverantwortliche Eingriffe" in die Wirtschaft verbietet, daß sie aber selbst täglich gezwungen wird, den Arbeitsprozeß durch unsinnige Maßnahmen z» desorganisieren. Und das Ergebnis ist, daß in Deutschland iveniger als in irgendwelchem anderen euro- päischem Lande von der echten Wirtschaftsbelebung die Rede sein kann. Auch wenn wir unterstellen, daß die gegenwärtige deutiche Statistik nicht weniger zuverlässig ist, als. die Statistik ande- rer Länder, bleibt der Vergleich mit deni Auslande fur Deutschland sehr wenig günstig. Es lohnt sich, die Bewegung der Arbeitslosenziffern in Deutschland und in anderen Lan- der» vom Ende Januar bis zum teils Ende Juni, teils Ende Juli zu vergleichen.Die Abnahme der Arbeitslosen- zahl betrug in Prozent: Vom Ende Januar bis Ende Juni: Deutschland— 19L Prozent Frankreich— 20,0 Prozent Schweiz— 46,8 Prozent Dänemark— 46,g Prozent Vom Ende Januar bis Ende Juli: Deutschland Tschechoslowakei Italien Norwegen., In England allein war die Abnahme langsamer als in Deutschland, was aber, abgesehen von den„Unterschieden" und der Art der statistischen Erfahrung, schon deshalb erklärlich ist, weil England keine so starke saisonmäßigen Schwank»»- gen der Beschäftigung kennt. Umso lehrreicher ist der Ver- gleich der Zunahme der B e s ch ä s t i g te n z a h l in Deutsch- land und in England seitvorige m Jahre. In Deutsch- land war die Zahl der Beschäftigten Ende Juli 1088 um 8,8 Prozent höher als Ende Juli 1082, in England Mitte August 1033 um 7 Prozent höher als Mitte August 1082. Und dieser Unterschieb, trotzdem in England keine künstlichen Maß- nahmen angewandt werden und namentlich keine Arbeits- streckung stattgefunden hat. auf die in Deutschland ein be- trächtlicher Teil der Zunahme der Beschäfttgtenzahl in letzten Monaten zurückzuführen war. Deutschland hqt durch seine Politik nicht nur keine Belebung der Wirtschaft au« eigener Kraft bewirken können, sondern sich selbst von den bescheide- nen Ansätzen de« ErholungSprvzesse« in der Welt au«- geschlossen. Darf man sich wundern, wenn nach solchen Ergebnissen des ersten„Angrisses" der zweite„Angriff" mit Sorge und Anast erwartet wird? Es wird gefürchtet daß die um ihre Selbstbehauptung ständig ringende Macht diesen neuen An- griff mit den Verzwetslungsmitteln wird führen müssen: d. h. mit der noch verstärkten Demagogie, der zuliebe die wert- vollen Kräfte aus dem Arbeitsprozeß ausgestoßen und der Industrie schwere Belastungen auferlegt werde», und mit der verstärkten„Beschäftigung" der Notcnvresse, da die anderen Finanzierungsmittel fehlen. Die gleichgeschaltete Presse darf diesen Sorgen keinen offenen Ausdruck geben. Sie darf nicht sagen, daß Vertrauen durch die Politik zerschlagen wird, sondern nur, daß„Vertraue» zu schaffen Aufgab« der Politik" ist. — 25,7 Prozent — 27,1 Prozent — 82,7 Prozent — 36,2 Prozent Gedämpfter Trommeihiang Rnhrhohle Kassel. 14. Sept. Zwischen der Stadt Kassel und der„Wirt- schaftltchen Aerztevereinigung e. B." zu Kassel war vor Monaten ein Vertrag abgeschlossen worden, in dem sich die Stadt u. a. verpflichtete, kranke Wohlfahrtsunterstützungs- empfänger nicht mehr an nichtarische Aerzte zu überweisen. Der von diesem Vertrag betroffene Facharzt Dr. H o m- berger, der entsprechend den Bestimmungen über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in seiner Eigen- schast als Frontkämpfer und Inhaber des Eisernen Kreuzes 1 Klasse Mitglied der Wirt- schastlichen Aerztevereinigung e. V. geblieben war. focht die Gültigkeit des Vertrages in einer Klage vor dem Kasseler Landgericht an. Zur Begründung wies er daraus hin. daß die Bestimmungen des Gesetzes über die Wiederherstellung des Berussbeamtentums sinngemäß auch Anwendung finden sollten bei den Entscheidungen über die Zulassung von nicht- arischen Aerzten zur KassenpraxtS. Es sei daher ein Vcr- stoßgegendiegeltendengesetzlichen Vorschriften, wenn der Vorstand der Vereinigung einen Vertrag ab- schließe, durch den ihre nichtarischen Mitglieder geschädigt würden. Das Landgericht hat die Klage des Facharztes aber a b- gewiesen. Nach den Satzungen der Wirtschaftlichen Aerztevereinigung sei der Vorstand zur Abschließung von Verträgen berechtigt. Der mit der Stadt Kassel abgeschlossene Vertrag stelle sich als.Maßnahme einer freien Beruf»- organisation dar über die dem Gericht eine Eni- scheidung nicht zustehe, zumal die Satzungen der Wirtschast- lichen Aerztevereinigung e. V. dem Kläger noch andere Schritte als eine Anrufung des ordentlichen Gericht« offen ließen. Die Kopenhagener Zeitung„Politiken" berichtete über eine jüngst in der Hamburger Börse abgehaltene Zusammenkunft der Wirtschaftskreisc. Der Reichsstarthalter drohte den in Ham- burg anscheinend besonders zahlreichen Miesmachern. Ich werde nicht mehr dulden, daß Männer des Erwerb«, lebens auf unverantwortliche Weise versuck»en, die Wieder« errichtungsarbeit des Reichskanzlers und seiner Regierung z» sabotieren. Die Männer, die freundliche Augen in die Vergangenheit senden oder eine andere Zukunft wünschen, möge», sich ihrer Verantwortung bewnßt sei«. Sollte die Hakenkreuzfahne in Deutschland einmal gestrichen nwrden und die nationalsozialistifchc Regierung verschwinden, so würde nicht eine bürgerliche Regierung, sondern— darüber müsse man sich klar sein— der Bolschewismus und das Chaos kommen. Bürgermeister K r o g m a n n gab der früheren Re- gierung schuld an der Katastrophe, die Hamburg betroffen hat. Heute stehen wir in Hamburg vor einem Trümmerhausen. Aber wir wollen nicht zurück- schauen, sondern vorwärts und auf de» Ruinen ein neues Hamburg errichten Das wird nnd muß uns glücken, wenn in Hamburgs Mauern noch Hanseaten wohnen. Wir müssen uns klar darüber sein, daß Hamburg steht und fällt mit dem Außenhandel und der Schiffahrt. Die von gewissenlosen Elemente» im Ausland ausge- sprengten Lünenmeldungen haben unserem Handel beträchtlich geschadet. Aber viel schwieriger wird es werden, die Schranken zu entfernen, wie Zoll, Kontigentierung und Ein- fuhrverbote. die die Ausfuhr deutscher Waren hemmen. E r- fchwerend ipirkt. daß die Rücksichtnahme der Regierung auf die Landwirtschaft in vielen Fällen dem Handel hindernd im Wege steht. Hamburg hat volles Verständnis dafür, daß die Rettung der deutschen Landwirtschaft vor allem vorgeht aber die Aufrecht- erhaltung eines starken AusfalltoreS zum Auslände Ist eine ebenso große Notwendigkeit für das gesamte deutsche Volk. Es hat sich noch immer gerächt, wenn daS Inland geglaubt hat. die Erfahrungen der Handelsplätze gering achten zu können Wir müssen daS mit aller Kraft klarzustellen vcr- suchen. Ick denke hierbei besonders an die Einfuhr. Soweit dieser außerordentlich tnteressanle Bericht. Wir haben nur eine kleine Erinnerung hinzuzufügen. Bürger- metster Krogmann sagte bei seinem Amtsantritt ungefähr:% „Nun wird auch für Hamburg eine besonder« Zeit an- brechen Wir werden das Tor der Welt daß so lang« ge- schlössen war. wieder ausstoßen Ans den Werften ivcrden die Hämmer wieder dröhnen usw." Statt dessen dröhnt— Herr Kaufmann:„Ich werde es nicht dulden, daß die Männer der Wirtschaft der Vergangenheit freundliche Augen machen..." So ändern sich die Zeiten. Abwärts Nach vorläufigen Berechnungen ergibt die Gewinnung der Rubrkohlenzechen für die Zeit vom 3. bis 9. September d. I. im Vergleich zu den Vorwochen folgendes Bild: Arbeits- Kohle Koks Preß- Feier- tage kohle schichten 80.7.— ö. 8. 6 1456 212 826182.64 601 180 548 (242 535)(46 597)(9100)(81591) 6.8.—12.8. 6 1 503195 318 070 51269 171 586 (250 588)(44 724)(8 545)(28 589) 18.8.—19.8. 6 1 464 304 818 090 50 347 200 719 (244 066)(45 441)(8 391)(33 458) 20.8.—26.8. 6 1451 115 825 645 49 077 223 952 (241858)(40 521)'(8 180)(37 325) 27.8.— 2.9. 6 1 502 296 830 070 52 464 192 808 (250 888)(47154)(8 744)(32 051) 8.9.— 9.9. 6 1 432 540 316 225 50 690 225132 (288 758)(45 175)(8 450)(87 522) In den Klammern sind die arbeitstäglichcn Ergebnisse an- gegeben. Rohcen Wachsende Erzeugung Im Monat August hat sich die deutsche Roheisengewinnung zufriedenstellend entwickelt. Nach den in der Zettschrift Stahl und Eisen veröffentlichten Ermittlungen des Vereins Deut- scher Eisen- und Stahlindustrieller stellte.sich die Roheisen- gcwinnung im August mit 472 022 Tonnen um 32 852 Tonnen h öh c r als im Vormonat. Die arbettStäglichc Leistung(Juli und August je 81 Arbeitstage) stieg von 14 106 Tonnen um 7,5 Prozent auf 15 256 Tonnen und um 76,2 Prozent gegen die arbettStäglichc Erzeugung im gleichen Monat des Vorjahre» (8658 Tonnen), der den tiefsten Punkt in der deutschen Roh» eisenerzeugung seit 1929 darstellt. Es wird andehnrheil Berlin. 15. Sept.(Hnpreß.) Bei der AEG. HenningSborf nurbe bis vor kurzem 5 Tage in der Woche gearbeitet. Die Wockenlöbne für die aualisi-,irrten Arbeiter betrugen bt« zu 56 Mark. Jetzt sind Ncueinftellungcn im Rahmen des„Ar- bcitsbeschafsungsplanes" vorgenommen worden, und nun arbeiten große Teile der Belegschaft statt 5 nur noch»wet Tage mit Wochenlöhnen von»och nicht 20 Mark. deutsche Zeit= und Slceitschctftm Qeeinigt im JCampf gegen Faschismus und Meiteehaufengeist Zahlreiche Leser haben uns gebeten, eine Znsammenstel- um die sich Deutschland, ΄ Ml...-, gesammelt bat. it diesem halben Jahre konnte sich unter den schwierigsten erhältniffen ein kämpferisches Schrifttum entwickeln und Fronten unter der Obhut regsamer Redaktionen bilden, die »on politischem Willen und geistig-knltnreller Abwehrkrast durchpulst sind. Wir geben unsere Ausstellung ohne kritische Stellung- «ahme. Jede Zeitschrist und ihre Helfer können für sich selber zeugen. Bekannte Ramcn, die offen zu nns sprechen; andere, die ihr Visier geschlossen halten, um sich und die ihren vor Verfolgung und Raub zu schlitzen. Rur. wer die Geheime Staatspolizei nicht kennt, wird diese Anonymität mißdeuten. Die£iste .Aufruf". Dtreitschrift für Menschenrechte. Herausgeber: Friedrich Brill, Prag, Liga für Menschenrechte. Er» scheint 14tägig. Preis pro Heft 2,— frz. Fr. .Das blaue Heft". Theater— Kunst— Politik— Wirtschaft. Erscheint im Bergis-Verlag in Wien am t. und 1». jeden Monats. Preis pro Heft 2,80 fr,. Fr. »Neue Deutsche Blätter". Monatsschrift für Lite- latur und Kritik. Herausgeber: O. M. G r a f— W. H e r z- selbe— Anna Segher« unter Mitarbeit vieler be- deutender Dichter und Schriftsteller. Erscheinungsort: Prag. Preis pro Heft S,— fr,. Fr., halbjährlich S Hefte 26,80 frz. Franken, jährlich 12 Hefte 80,— frz. Fr. »Das Neue Tagebuch". Heransgeber: Leopold Schwarzschild, Paris. Erscheint jeden SamStag. Preis pro Heft S,— frz. Fr., pro Vierteljahr 30,— frz. Fr. ,.D i e N e u e W e l t b tt h n e". Wochenschrift für Politik— Kunst— Wirtschaft. Preis pro Heft 3,— frz. Fr., pro Viertel- jähr 36,— fr,. Kr. »3 o n t". Wien—Paris. Der Querschnitt durch die deutsche Politik. Literatur, Kunst, Theater, Musik und Wirtschast, gesammelt von Emil Szittga. Preis pro Heft 2,80 frz. Franken. » Soeben ist auch das erste Heft der.Sammlung" er- schienen, die Klan» Mann unter dam Patronat von André Gide, Huxley und Heinrich Mann heraus- gibt. Sobald wir das Heft erhalten haben, werden wir die erforderlichen näheren Angaben darüber nachholen. » Alle diese Zeitschristen rönnen durch die Buchhandlung der »Bolksstimme", Saarbrücken 3, Bahnhosstraße 32. bezogen werden, die für schnelle Expedition an den Besteller sorgt. Qecade in dec Höcht mt 1liimhecg... Hütt weiden sie auch nach mondsüchtig.! In der„Braunschweigischen Lanbeszeitung" vom 8. Sep- tember lesen wir folgende erschütternde Geschichte: »Königslutter. Ein Regenbogen mitten in der Nacht. Ein seltsames Schauspiel konnte man am Abend des 2. September gegen 0.30 Uhr für kurze Zeit aus der Landstraße zwischen dem Bahnhof Frellstedt und dem Orte Süpplingen beobachten. Während ein feiner Sprühregen niederging, war der südliche Himmel wegen des starken Winde« vorübergehend wolkenlos, so daß die fast volle Mondscheibe in hellem Glänze erstrahlte. Da erblickte man plötzlich auf der Wolkenwand de« nördlichen Himmels einen L i ch t st r e i s e n. Zuerst glaubte man, daß er von den Lampe» eines aus der Ferne nahenden Autos oder von einem Scheinwerfer herrührt«, bis der halbkreisförmige Bogen deutlich zu Tage trat und keinen Zweifel darüber ließ, daß mau es mit einem Mondregenbogen zu tun hatte, der die dunkle Him- melShälfte fast bis zum Zenith überspannte. Da die wnn- derbare Erscheinung nur in schwachem Glänze erstrahlte und auch nur wenige Minuten sichtbar blieb, ließen sich die Farben nicht genau feststellen, aber wer das Schauspiel gesehen hat, dem wirb es unvergeßlich bleiben." So weit, so gut. Nichts ist gegen einen vernünftigen Mond- «genbogen bei fast voller Mondscheibe zu sagen, auch wenn c TCuhecmatttt eut Cine wiicdige FCattung Die»Times" veröffentlicht einen Brief des großen pol- Nischen Musikers Bronislaw Hubermann an den deutschen Dirigenten und Staatsrat Dr. Furtwängler, der Hubermann gebeten hatte, seine Weigerung, in Deutsch- land aufzutreten, zurückzuziehen, da die„Werke ausländischer Komponisten in deutschen Konzerten nicht verbannt würden". Hubermann antwortet: »Ich bewundere lebhaft ihren Entschluß und Ihren Mut, mit dem Sie Ihre Kampagne für die deutschen Konzerte und gegen die Vernichtung führen, die von den Advokaten der Rassereinheit droht. Alle Anstrengungen können mich nicht bewegen, die Haltung ToScaainiS, der sich weigerte, in Bayreuth zu dirigieren, die Haltung Paderoevskis nnd der Brüder Bnsch sowie de« Erfolg, der ihre Haltung erzengt hat, durch irgendein Kompromiß von meiner Seite zu gefährden. Die dentsch« Regierung hat er» klärt, daß in der Musik wie in andern Künsten nur das Verdienst entscheidet. Diese Behauptung ist absurd, wenn die Regierung sich nicht entschließt, die Professoren» Dirigenten und Musikdirektoren wieder ans ihre Posten zurückzuberufen, die aus politischen oder Rassegrttnden entfernt worden sind. Indessen ist die Behauptung der Re- gierung nur diktiert von dem Wunsch, die Künstler zu gewinnen, die vor vollen Sälen z» spielen gewohnt find «nd dann mit dem Beweis,n paradieren, daß es um die Kultur in Deutschland aufs beste bestellt sei. Was ans dem Spiel steht ist mehr als ein wichtiges Konzert oder daS Schicksal der Inden: die elementaren Bedingungen der Existenz der europäischen Kultur sind in Gefahr." Der Weigerung Hubermanns, in Deutschland,„wie es heute ist", aufzutreten, habe» sich die folgenden Künstler in- zwischen angeschlossen: Pablo Easals, Eortot, Horowitz, Yehudi M e n u hin und Arthur Schnabel. » Die tapjete JCatin Micfiaetis Die bekannte nordische Schriftstellerin Karin Michaelis hat dieser Tage vor den Kopenhagener Studenten über das»dritte Reich" gesprochen. Sie sagte u. a., daß sie zwar lange geschwiegen hätte, daß eS sie nun aber dränge, der Stimme ihre» Gewissens zu folgen, selbst auf die Gefahr hin, daß man ihre Bücher verbrennen würde. Jeder an- ständige Mensch müsse von diesem Deutschland abrücken, das die Menschlichkeit mit Füßen träte. Hitler halte sie zwar für einen Idealisten, aber er sei nicht Herr seiner Entschlüsse und befände sich in schlechter Gesellschaft. Es sei ihr schwer geworden, sich zu diesen Fragen zu äußern, aber nun sei sie froh, daß sie ihr Herz erleichtert habe. ♦ Diese mutigen Worte haben um so größeres Gewicht, als Karin Michaelis in Deutschland sehr viel gelesen wird. Der größte Teil ihres Schriftsteller-Einkommens kam von deutschen Verlegern. iüecnec JCccuiß mit dem Fiahenhcewi Werner Krauß, der bedeutende deutsche Schauspieler, hatte einen Gastspielvertrag mit dem Wiener Burgtheater ab- geschlossen. Es steht aber nunmehr fest, daß es zu dem ver- tragsmäßigen Auftreten nicht kommen wird. Es wurde seinerzeit als ein großer Gewinn betrachtet, daß es gelungen war, Werner Krauß. zweifellos einer der größten lebenden Schauspieler, alljährlich für längere Zeit ans Burgtheater zu binden. ES hieß sogar, daß er sich für längere Zeit im Jahre in Wien ansiedeln und zu diesem Zweck ein HauS kaufen wolle. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland ist Werner Krauß in so starkem Maß in daS nationalsozialistische Fahrwasser ge- roten, daß an sein Auftreten an einem österreichischen Staats- theater angesichts des gegenwärtigen Verhältnisses Deutsch- lands zu Oesterreich wohl kaum mehr zu denken war. Er hat sich allzu offensichtlich zu einem Propagandaobjekt für Nazideutschland hergegeben. »Verachtet mein Volk, soviel ihr wollt. Wir haben beide un» unser nickst auserlesen. Sind wir unser Volk? W.- ßt denn Bo"«~-b(Thrift und Jude eher Ehrist und Jude als Mensch? Ach! Wenn ich einen mehr in euch gefunden hä"" dem es genügt, ein Mensch zu heißen!" L e i l i n g. JCoitzetitcationstaQec ÇescheieAen zu itnst(Keitmanns Joliecunq Hört ihr sie nicht aus den Bcrwesongslöchern aufkreischen:„Helft!"? Ich hör' nnd sehe sie, getreten nnd bespien von Verbrechern, ein blutend Bündel Mensch vom Haupt zum Knie. O Menschheit, hörst du nicht? Nicht deine Stimme in ihrer Stimme? Nein? Du schweigst und harrst, als spiele auf dem Mond sich ab dies Schlimme. Schauspielerin, die dn dich selber narrst. Was solls mit deinen hochgemuten Staaten, was all dein Prangen mit Vernunft und Recht? Menschen schrein ans. Ein Staat heißt Missetaten vollbringen, wie noch keiner sich erfrecht. Kommt her, Despoten, steigt aus euren Särgen gekrönte Massenmörder ohne Zahl, ihr Henker hoch und niedrig, und ihr Schergen, die ihr mittatet bei dem Opfermahl: Hier könnt ihr lernen! Hier ist jeder kleine SA.»Student ein halber Attila. Ich aber, Deutschland, weine, weine, weine, weil solche Schande meine Seele sah. V i n d e x. die Farben nicht genau festzustellen waren. Aber da» dicke Ende kommt nun erst. Der Bericht lautet nämlich weiter: „Das seltsamste dabei ist wohl, daß dieses Naturwunder, da» vielleicht auch an anderen Stellen beobachtet werden konnte, gerade in der Nacht zum Sonntag ficht- bar wurde, als der Parteitag in Nürnberg seinen Höhepunkt erreichte. ES erinnert sich wohl mancher der Rütliszene in Schiller?„W i l h e l m Tell", als Vertreter der drei Schweizer Urkantone nächt. licherweile auf der einsamen Hochwiese zusammenkommen, um ihren alten Bund zu erneuern und ihre Unabhängig- keit gegen fremden Eroberungswillen zu wahren. Zauberhaft erscheint vor ihren Augen der Mondregenbogcu.»Ein Regenbogen mitten in der Nacht!" ES ist daS Licht des Mondes, das ihn bildet, das ist ein seltsam wunderbares Zeichen, eS leben viele, die da« nicht gesehen. Und die Herzen der Männer erfüllte frohe Zuversicht, daß da» Werk der Vaterlandsbefreiung gelingen werde." Vielleicht war bei dieser Gelegenheit nicht nur die Mond- scheide fast voll, sondern auch der Redakteur, der sein Jntelli- genzblatt mit diesen Tollheiten füllte. „Feeie" Qeschichte Jähst läßt eine Tloune dutch£uthee zum Scheiterhaufen vecueteiten In Wittenberg wurde anläßlich einer Luther-Feier ein Drama des Modedichters nnd Werbepoeten de«»dritten Reiches" H a n S I o h st aufgeführt. Die»Kölnische Zeitung" berichtet darüber: »Nicht wie der Mehrzahl der Festspieldichter ans die histo- risch getreue Schilderung der Ereignisse der Reformation kommt eS Johst an— er springt frei um mit der Geschichte. Er läßt den Mönch Lutger aller historischen U e be r l i e f e r u n g zum Trotz eine Nonne zum Scheiterhaufen verurteilen, er läßt Dr. Eck den Versuch machen, den Reformator zu erdrosseln. Johst will daS Drama, und daher braucht er solche Höhepunkte. Er braucht den Gegenspieler, und so läßt er Eck gemeinsam mit Luther durch soft alle Szenen gehen, um die beiden erbitterten Widersacher den Kamps zwischen Rom und Wittenberg bis zum Ende auSsechten zu lassen. Für die nationalen Töne, die daneben in diesem Stück anklingen, hat die Gegenwart ein besonder» seines Ohr." Ein wenig Scheiterhaufen, ein wenig Erdrosseln: dafür hat die Gegenwart, wie der Berichterstatter ganz richtig sagt, ein besonders feines Ohr. e.,Deutsche Freiheit' Nene Artikel und Patente meldet an, finanziert und verwertet in FRANKREICH Office de Brevets 10, Rae Paaquet. PARIS 16 GEGRÜNDET 1918 Rückporto beifügen!