Sinzigs unabhängige Tageszeitung Veutschiauds Nununer 79— 1. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 20. Sept. 1933 Chefredakteur: M. Braun Verglichen mit unsern erstaunlichen Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften und ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser System der Regierung, der administrativen Justiz, der Nationalerziehung und unsre ganze soziale und moralische Organisation in einem Zustande der Barbarei. Wallace. Hessens Slaalsprasiecnl Hestern* Reichssfallhaifer Sprenger enthebt den Staats- und Ministerpräsidenten Dr. Werner seines Postens Aus dem Gebiete des Reichsstatthalters Sprenger sind uns wiederholt Berichte über schwere Kämpfe in der NSDAP, zu- gegangen. Die Richtigkeit dieser Briefe, von denen wir auch heute wieder einen veröffentlichen, wird nun durch den Sturz des hessischen Staats- und Ministerpräsidenten Dr. Werner bestätigt Die amtliche Meldung lautet: Der Reichsstatthalter in Hessen, Gauleiter Sprenger, hat den hessische« Staatsminister Pros. Dr. Werner seinem Ansuchen entsprechend von seinem Amte enthoben. An seine Stelle tritt unter Ernennung zum Staatsminister und B-rfihenden der Landesregierung der seitherige Staats- sekretär der hessische» Landesregierung Philipp Wilhelm Jung. Dr. Werner ist zurückgetreten, weil er es ablehnt, weiter vnt einem Manne von der geringen Qualität Sprengers zusammenzuarbeiten, und weil er die Cliquenwirtschaft in der Personalpolitik Sprengers mißbilligt. Das gestürzte hessische Staatsoberhaupt ist einer der ältesten Vorkämpfer der völ- tischen Idee in Teutschland. Er gehört« schon als einer der wenigen völkisch-antisemitischen Abgeordneten dem Vorkriegs- Reichstag an und hat seine Position jahrzehntelang auch in den Stürmen dieser jüngsten Monate bewahrt. Als Mann von einer gewissen geistigen Kultur und ritterlicher Kampfes- weise mußte er mehr und mehr in Gegensatz geraten zu den Knoten, die jetzt in Deutschland das Volk unterdrücken. Werner fügte sich ihnen nicht. Er wagte, um nur ein Beispiel anzuführen, der Witwe des vor einiger Zeit verstorbe- neu sozialdemokratischen Staatspräsidenten Ulrich ein Bei- leibsschretben zugehen zu lassen und diesen Brief zu ver- öffentlichen. Das nationalsozialistische Gaupresseamt begründet den Sturz Werners damit, daß das Ministerium aus Verein- fachung und Sparsamkeit in Zukunft nur mit einer Person besetzt sein solle. Aber warum ist denn diese eine Person nicht der bisherige Staats- und Ministerpräsi- dent? Warum mußte der Staatssekretär Jung an seine Stelle treten? Die amtliche Antwort lautet, weil er im Gegensatz zu Dr. Werner Frontsoldat war. Der wahre Grund ist, daß die diktatorische Parteiherrschaft jede aufrechte Persönlichkeit brechen muß. ..Unter der Dedte" Man muß hier leben, um die Tragödie des Volkes und die Komödie, die die Beherrscher von Volk und Staat täg- lich ausführen, ganz erfassen zu können. Zwar kann man nur ein Teilgebiet übersehen, aber die Kenntnis der In- terna ist dank eines unterirdischen Informationsdienstes doch so vorzüglich, daß ein Urteil wohl möglich erscheint. Und da läßt sich eines vorweg feststellen: Wenn sich Hitler und seine Unterbeschlshaber nicht mit Gewalt und Terror an der Macht hielten, wären sie vom Zorn des Volkes schon längst beseitigt. Darüber kann eine noch so glänzende Veranstaltung, kein Fest, keine Fahnenweihe, keine Redcflut, nichts hinweg- täuschen. Würde das nationalsozialistische System der Be- völkerung gestatten, sich zu äußern, würde heute etwa eine Volksabstimmung stattfinden, Hitler würde die Basis seiner Macht sofort verlieren. Aber die Herren wissen das und gerade um deswillen unterbinden sie jede derartige Meinungsmöglichkeitl Das Schicksal geht doch seinen Gang, der Weg ist nur weiter, die Entladung gewaltsamer. In der Zwischenzeit ob- liegt dem aufmerksamen Beobachter die Aufzeichnung der großen und kleinen Ereignisse. Wir hier in Hessen-Nassau und Hessen-Darmstadt sind wiederholt in den Kreis des öffentlichen Interesses ge- rückt worden. Betrachen wir, wie es heute um dieses Gebiet steht: Zunächst wirtschaftlich: Saison und zeitbedingte Kon- junktur haben eine.vorübergehende Besserung bewirkt, die bereits wieder im Abflauen begriffen ist. Die Arbeiter- schaft wurde in weitgehendstem Umfange entrechtet, die Mittelschichten einengenden Vorschriften unterworfen, die Bauern zu Tingen gezwungen, die ihnen nicht passen, die sie ablehnen und erbittern. Politisch liegt nur eine scheinbare Festigung der Macht vor. Unter der Decke wühlt es und gärt es. Uebergriffe der verschiedensten Art haben eine enorme Spannung erzeugt. Nach außen erscheint vieles gut und einheitlich, im Innern aber sieht es ganz anders aus. Taufende heben die Hand zum Hitler-Heil und sind im Innern überzeugte Marxisten. Wiederum Tausende jubeln den Fahnen zu und machen es wie der Jlbeshäuser Papagei, d. g., sie denken sich ihr Teil! Die personellen Maßnahmen in Hessen-Nassau haben viel böses Blur gemacht. Die Bestellung des Rumpenhcimer Prinzen zum Oberpräsidenten von Kassel hat keine politisch- positive Bedeutung für das system Göring auszulösen ver- mocht, der Wechsel in dem Amt« des Frankfurter Polizei- Präsidenten und die Ereignisse um den Gauleiter und hessischen Statthalter Sprenger haben eine weitgreifende Verbitterung erzeugt. Das Verhältnis der SA. zur Reichswehr, das schon immer recht gespannt war, weist qleichsalls keine Besserung aus. Ein kleines Ereignis mag hier Zeugnis ablegen: Als vor einiger Zeit die Marburger Jäger durch ihre Garnisonstadt marschierten, schloß sich ihnen unauf- gefordert eine Abteilung SA. in gleichem Schritt und Tritt an. Der Kommandeur der Reichswehr ritt zurück und for- derte den Führer der SA. auf. das Nachmaschieren zu unter- lassen. Seine Aufforderung war vergeblich. Wenige Mi- nuten später ließ der Führer der Reichswehr seine Truppe halten, ritt wieder auf den SA.-Befehlshaber zu und er- klärte ihm: Ich gebe Ihnen zwei Minuten Zeit, Ihre Ab- teilung von der Reichswehr zu lösen. Kommen Sie dieser Aufforderung jetzt nicht nach, dann lasse ich das Bataillon Kehrt machen. Die Folgen haben Sie sich zuzuschreiben.— Die SA- hielt es für geratener, sich seitwärts in die Büsche zu schlagen. In dex NSDAP, sind zahlreiche Marxisten organisiert. Ich habe neulich herzlich gelacht, als ich zu einem Vortrag in verschwiegenem Kreis ausgefordert wurde und bei meiner Ankunft lauter uniformierte Nazis vorfand. Auf meine erstaunte Frage, was das bedeuten solle, wurde ich aufgeklärt: es waren lauter ehemalige Sozialdemokraten, die. sich hier als lokal führende Nationalsozialisten marxisti- schc Auffassungen beibringen ließen und sie diskutierten! Im Reich des Gauleiters und Reichsstatthalters Sprenger, im eigentlichen Hessen-Darmstadt, ist auch allerlei gefällig. Das Neueste ist hier, baß der berüchtigte Verfasser des Box- heimer Dokuments, der seitherige Landespolizeipräsident von Hessen, Dr. Best, seit einiger Zeit abgesägt ist. Ueber den eigentlichen Grund ließ sich noch nichts feststellen. lSiehe un- sere Sonbermeldung hierzu! Die Red.) Jedenfalls ist Herr Best seit einigen Tagen nicht mehr aktiv und von der politi- schen Bildsläche verschwunden. Noch eine andere politisch interessante Persönlichkeit in Hessen ist derzeit nicht aktiv: Herr Pfarrer Knab in Mainz-Gustavsburg. Herr Knab, ein alter Nationalsozialist, hatte sich vor einiger Zeit wegen der Sausgelage des Reichs- statthalters Sprenger beschwerdeführend an Hitler gewandt. Wie man vertraulich erfuhr, wurde Spreuger zwar gerüffelt und steht auch nicht mehr sicher, Pfarrer Knab aber wurde wegen seiner Kühnheit gemaßregelt und diszipliniert! Mannesmut im„dritten Reich" nicht hoch im Kurz, wenn er sich gegen einen der Machthaber Hitlers wendet! Die Berhastnngen und Mißhandlungen gehen im ganze« Bezirk weiter. Täglich wird die Vernichtung des Kommu- nismus gemeldet, täglich werden aber auch«ene Kommu» nisten und Sozialdemokraten verhaftet. Durch Meineide und sonstige falsche Bekundungen erlangte „Beweise" genügen der Justiz, um linksstehende Männer auf Jahre in Zuchthaus und Gefängnis zu schicken, nach wie vor werden Existenzen vernichtet und Greuel verübt, um die SA. in ununterbrochener Dressur auf den„Inneren Feind" zu halten. Die Bevölkerung schweigt und beißt die Zähne auf- einander. Sie bereitet im stillen die Wendung vor und sie blickt über die hermetisch abgesperrten deutschen Grenzen in der Hoffnung, daß von dort der Anstoß zur Befreiung der deutschen Menschheit komme oder doch tatkräftige Hilfe, in dem Augenblick, auf den Millionen warten! And« Polizeipräsident Best abgesägt Der seitherige Landespolizeipräsibent von Hessen, der Ver- fasser des bekannten„Boxheimer Dokuments", Dr. W. B e st, wurde vor einigen Tagen zur Disposition gestellt. Als Grund wurde bekannt, Dr. Bests Frau, Hilde geb. Regner, habe sich in dem jüdischen Hutgeschäft Nathan in Mainz einen Hut käuflich erworben. Das gehe in der Fa- milie eines so führenden Nationalsozialisten nicht an. Besser informierte Kreise glauben jedoch an diese Begründung, so interessant sie an sich ist, nicht. Sie nehmen vielmehr an, baß gewisse Akten aus dem Vorleben des Dr. Best in die Hände seiner einflußreichen Feinde innerhalb der NSDAP, gefallen sind und daß die so enthüllten Tatsachen Herrn Best das Genick gebrochen haben. Die Eigenschaften des zunächst in der Versenkung Ber- schioundenen lassen jedoch den Schluß zu, daß die national- sozialistische Bewegung auf die„schätzenswerte Kraft" nicht auf die Dauer verzichten wirb. Herr Best hat sich immerhin als ein erfindungsreicher und rücksichtsloser Terrorist im Sinne seines Herrn und Meisters erwiesen. Wir glauben, dem„verdienten" Manne noch an anderer Stelle zu be- gegne». Um Torglers Kopf Bericht über den Londoner Prozeß Seite 3 Das dsterreidilsdie Rätsel Dieser Aufsatz wurde geschrieben, ehe der öfter- reichische Vizekanzler Winklex die vielbeachtete Grazer Rede hielt, wie er sich in Kragen des ständischen Ausbaues Oesterreichs wesentlich von der Haltung des Bnndeskanzlers Dollsnß abhob. In allem Grundsätzlichem ändert sich in der Be- urteilnng der österreichischen Borgänge dadurch nicht das geringste. Wien. 17. September. Seit Engelbert Dollfuß, Oesterreichs Bundeskanzler, Mussolini plötzlich besucht hat. gehen in Oesterreich seit- same Dinge vor. Immer deutlicher zeigt es sich, daß Mussolini dem österreichischen Kanzler die Erlaubnis ge- geben hat, einen Faschismus eigener österreichischer Prä- gung zu installieren. Die österreichischen Faschisten haben vom großen Bruder in Berlin gelernt: Sie seiern Feste wie den Katholikentag, der so einseitig faschistisch-politisch war, daß ein tschechisch-klerikaler Ehrengast mit seiner Enttäuschung über die seltsame Spielart des österreichi- schen Katholizismus nicht zurückhielt; sie haben weiter den Rundfunk in ihre Gewalt gebracht und nützen ihn schrankenlos für ihre Propaganda aus und schließlich regieren sie mit Notverordnungen, die zu erlassen ihnen nur der nackte Bruch der Verfassung gestattet. All das ist nur aus außenpolitischen Gründen möglich geworden: innenpolitisch herrschte in Oesterreich in den letzten Wochen nach dem Verbot der Nazi Ruhe, wenn man von Demonstrationen wie Bemalen von Kirchen- wänden mit Hakenkreuzen und dergleichen absieht. Ins- besondere hat die Sozialdemokratie— eine nennens- werte Kommunistenpartei hat es in Oesterreich nie ge- geben— alles getan, um der Regierung ein Vorgehen gegen die braune Gefahr zu ermöglichen. In dieser Re- gierung aber sitzen seit langem Faschisten österreichischer Prägung, Heimwehrmänner, Angehörige jener Partei also, die am 13. September 1931 einen kläglichen Putsch- versuch unternommen hatte. Die Heimwehrgruppe wurde von Italien gestützt. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die aristokratisch-schwarzgelbe Heimwehr finanziell von Mussolini abhängig ist und daß nur durch sein Geld das Erscheinen der Heimwehrpresse, die niemand kauft, er- möglicht wurde. Bis zur Gewährung der Lausanner An- leihe durch Frankreich waren im Kabinett Dollfuß die französischen Einflüsse stark genug, die faschistischen Ele- mente der Heimwehr zu paralysieren und den Kanzler davon abzuhalten, einen entscheidenden Schlag gegen die Arbeiterbewegung zu führen. Der Besuch des Kanzlers bei Mussolini hat alles ge- ändert. Frankreich schied— wenigstens vorläufig— aus dem Spiel aus. International gesehen ist das ein kluger Schachzug der französischen Diplomatie: Denn damit ist IF alien, der einzige Freund Hitler- Deutschlands, gezwungen, die Gleichschal- tung Oe st erreich? im Sinne des Osafs zu verhindern. Den Preis zahlt die österreichische Ar- beiterbewegung; denn das Zurücktreten Frankreichs und die mächtige Stellung Italiens hat die Heimwehr, die an sich kaum eine Gefahr war, in unvorstellbarem Maß ge- stärkt. Die Heimwehr darf es nun, gedeckt von Mussolini, wagen, nach dem„totalen Staat" zu schreien. Die Stadt Wien, in der von Wahl zu Wahl die sozialdemokratische Majorität immer stärker wurde, soll ihrer freigewählten Stadtvertretung und ihres freigewählten roten Bürger- meisters beraubt und einem Regierungskommissar unter- worsen werden. Als Dollfuß zögerte, diesen Plan der Heimwehren durchzuführen, wollte man in der Nacht vom 13. auf den 14. September dasRathausmitHeim- wehrmännern besetzen. Da aber die Heimwehr bis in ihre höchsten Stellen hinauf— übrigens ebenso wie die österreichische SA.— mit sozialdemokratischen Spionen durchsetzt ist. erfuhr die Partei vom Vorhaben der Heimwehr und konnte rechtzeitig Vorkehrungen treffen, die es den Faschisten rätlich erscheinen ließen, von ihrem Plan abzustehen. Es ist aber gar nicht zweifelhaft, daß in der Regierung Dollfuß Pläne erwogen werden, legal oder illegal das rote Wien, die freien Gewerkschaften und die österreichische Sozialdemokratie, die, wie die Unterschriftensammlung für die Einberufung des Par- laments zeigt, noch immer mindestens 42 Prozent der Stimmberechtigten fur sich hat, zu zerstören. Ebenso wenig zweifelhaft ist es, daß die ö st erre i- chischen Sozialisten Gewalt mit Gewalt be- antworten werden, so daß man ruhig sagen darf: die Regierung Dollfuß, die ihre Stärke überschätzt, geht bewußt und blind in den Bürgerkrieg. Der Ausgang dieses Bürgerkriegs ist zweifelhaft. Er ibt zunächst den Nazis innerhalb und außerhalb esterreichs die Möglichkeit zum Eingreifen/ Eine Ver- letzung der österreichischen Grenze durch Hitlers Banden bedeutet schwere Konflikte für Europa. Wie 1914 kann wieder ein großer Krieg aus der dummen österreichischen Außenpolitik erwachsen. Das Schicksal der deutschen Brüder hat die österreichischen Sozialdemokraten ge- warnt: Sie werden legal und illegal mit allen Mitteln für die Freiheit kämpfen und sind auf alles gefaßt. Man sollte meinen, daß diese Dinge auch der österreichi- schen Regierung bekannt sein müßten. Dem ist nicht so. Die Regierung überschätzt ihre Macht; ihre führenden Männer, berauscht von ihren Versammlungen und Auf- zügen, sind als NichtParlamentarier nicht imstande, die Kraft der politischen Gegner einzuschätzen und glauben, daß die Sozialdemokratie, weil sie bisher, um den Kampf gegen die Na,j nicht zu stören, zu den meisten Hand- lunaen Dollfuß' geschwiegen hat. auch zu allen weiteren Aktionen der Regierung schweigen wird. Sie meint, es werde ihr ein Leichtes sein, die Gewerkschaften und die Partei zu zerschlagen. Wenn ihr dieses gelungen ist, will sie— mit den Nazi zusammen(!) den„totalen Staat" etwa in der gemilderten Danziger Form aufbauen. Um die Nazi regierungsfähig zu machen, fördert Dollfuß eine betont österreichische Nazipartei, die von Dr. Walter Riehl geführt wird. Dieser Riehl ist vor kurzem zum Schein aus der Nazipartei ausgeschlossen worden: es ist kein Zweifel, daß dennoch er in ständiger Verbindung mit Hitler selbst, dessen Duzfreund er ist, verblieben ist. Der Kurier, der die Verbindung zwischen Reich und Walter Riehl besorgt, ist namentlich bekannt. Da es den Gegnern der Regierungspolitik möglich war, diese Verbindung fest- zustellen, sind sie wohl auch der Wiener Polizei, die sich gern die beste der Welt nennt, bekannt: bisher ist dieser Dienst nicht gestört worden, denn die Regierung wünscht nicht zu stören. Auch sonst ist Dollfuß darauf bedacht, die künftigen Koalitionspartner dort ungeschoren zu lassen, wo es das Ausland nicht merkt. Er hat— weil das bei den Anleihegebern gut aussieht,— die hakenkreuzlerische Deutsche Studentenschaft verboten—, aber die verbotene Deutsche Studentenschaft amtiert seelenruhig weiter, ihre Geschäftsstellen sind offen, als wäre nichts geschehen, und sie dienen als Organisations- und Kanzleiräume der Nazipartei, die angeblich in Oesterreich verboten ist. Was Dollfuß versucht, ist. um das klipp und klar zu- lammen zu fassen: Faschismus gestützt auf Heimwehr und später auch auf Nationalsozialisten, die. nicht offen, sondern nur getarnt, dem Kommando Hitlers folgen: Frankreich und Italien sollen betrogen werden. Innerhalb der Regierung stehen diesem Plan die Land- bllndler, eine kleine Bauernpartei, und mindestens zwei der christlich-sozialen Minister entgegen, da sie mit Recht sürckten, mit der Errichtung des Faschismus ihre eigenen Parteien zu erledigen. Das sogenannte liberale Bürgertum, das in der Re- publik nie eine große Rolle gespielt hat, wird durch ein paar„jüdische" Zeitungen vertreten, die aus Angst vor dem antisemitischen Faschismus einen Faschismus italie- nischer Prägung zu fressen bereit sind. Dollfuß bedient sich heute noch dieser Blätter, hat aber erst vor kurzem in vertrautem Kreise offen gesagt, er freue sich auf den Augenblick, da es ihm im uneingeschränkten Besitz der Macht möglich sein werde, diese Blätter mit einem Fuß- tritt von sich zu stoßen. Oesterreick und mit ihm die europäische Demokratie, geschwächt durch den Faschismus im Reich, steht vor großen Gefahren. Die außenpolitische Lösung liegt bei Frankreich, das in den letzten Wochen Italien freie Hand ließ: die innenpolitische wird, wenn es nicht anders geht, bei den Arbeitern liegen, deren Kraft und Ueberzeugungs- treue, deren Organisation und Hingabe der österreichische Bundeskanzler unterschätzt. Dieser sich so gern naiv gebende kleine Kanzler ist aus Machtrausch heraus im Begriffe, ein Feuer anzuzünden, in dem sehr leicht mehr verbrennen kann, als nur die kleine österreichische Re- publik. DollfM>-winKler Konflikte um die Regierung In der Regierung Dollfuß machen sich gewisse Gegensätze bemerkbar. In Graz erklärte der ö st e r r e i ch i s ch e V i, e- k a n z l« r Winkler, daß sein« liberale National- ständische Front ein Aufgehen in der Vater» ländtschen Front des Bundeskanzler» Dollfuß a b- lehnen mitsse. Seine„Front" habe stets gegen den FaschtS» muS gekämpft, mag er von Norden oder Düben kPinnen. Winkler droht mit seinem Rücktritt, wenn Dollfuß sich für den Faschismus entscheiden sollte. Dagegen hat sich zur gleichen Zeit Heimmehrfllhrer Starhemberg in »ufstetn unumwunden sürben faschistischenAusbau Oesterreichs ausgesprochen und den Anhang WinklerS als ungeeignet für die StaatSerneuerung bezeichnet. Leipzig: Verteidiger und Richter Zwei Hauptfiguren des großen Reichsfogsprozesses Rechtsanwalt Sadt M Ich sah herhhmfe Oeslditer..." Englischer Journalist besucht Konzentrationslager London, 18. Sept. Der Korrespondent des„Daily Expreß" erhielt die Genehmigung, einige Konzentrationslager zu be- suchen.„Sie treten ein," erzählt er,„und die Tür schließt sich hinter Ihnen zu... Di« Zellen sind sehr klein, ste enthalten ein Bett und einen Eimer für die Bedürfnisse... Ich be- suchte den Kerker, wo es unmöglich ist sich zu setzen und sich während des Tages auszustrecken. In Sonnenburg habe ich mit tausend Gefangenen gemeinsam gegessen. ES gab eine Kartoffelsuppe und ein gemischtes Gericht ohne Fleisch... Ich sah berühmte Gesichter, Professoren, Buch- Händler usw. sowie die Kinder von 19 Kommunisten, die wegen ihrer Ueberzeugung interniert waren. Sy. In dem am 21. September 1933 vor dem Reichsgericht stattfindenden Prozeß gegen die sogenannten Reichstags- brandstifter spielen die Namen Vogt und in letzter Zeit Sack eine große Rolle, und zwar als Untersuchungsrichter und Verteidiger. Von diesen beiden hat nur der eine, Vogt, Uebung in der Rolle, die er gleich nach der Inflation zu spielen begann und in die er sich rasch mit beinahe hämi- schem Zynismus hineinfand. Dagegen ist die Stellung Sacks, man möchte beinahe sagen, wenn die Größe des Unglücks es nicht verbieten würde: pikant. Es ist nicht zu leugnen, daß Sack ein guter Verteidiger ist, der. als eS galt, Feme- Mörder und andere Verbrecher von Rechts gegen die deutsche Republik zu verteidigen, seine Sache mit großer Beredsam- fett nicht nur, sondern auch mit großem Geschick gemacht hat. Sack ist der komme a femmes, der es mit einer großen, imposanten Erscheinung verstand, nicht nur Eindruck aus das Publikum zu machen, sondern die Richter mit gut pla- eierten Beweisanträgen einzuschüchtern und ihnen Knüppel zwischen die Füße zu werfen. Mit seinem äußerlich polierten, guten Benehmen konnte er aber gleichzeitig die Richter für sich einnehmen, so daß meistens der Kampf zwischen Staatsanwalt, Richter und Anwalt nicht auf den Rücken der Angeklagten ausgesochten wurde. Seine hohe, etwas elegante Erscheinung, mit dem etwas runden, vollen Gesicht, den blasierten Zügen, der guten Offiziershaltung, der freundlich lächelnden glatten Fratze (möchte man sagen), bot die Erscheinung eines Menschen, dem man das ansah, daß es ihm zunächst darauf ankam, in iedcr Situation gut zu leben, und er wußte, daß es sich in der Republik am besten lebte, wenn man gemäßigt gegen sie war. All dies sicherte ihm die Zuneigung des Gerichts. Allerdings ist dabei nicht zu vergessen, daß er schon deshalb leichter das Ohr der Richter in politischen Prozessen hatte, weil man wußte, baß hier ein Gleichgesinnter für die Interessen der Angeklagte» eintrat. Denn Sack war wie ein Großteil der deutschen Richter deutschnational eingestellt. Er war neben Luctgcbrune„der" große politische Vertei- dtger der Rechten. Es machte wenig aus, daß man wußte, sein Büro sei manchmal weniger einer gut und ernst gelei- teten Anwalts-Kanzlei ähnlich, sondern mehr einer gut ein- gerichteten Iunggesellenbude, daß hinten der Chef noch bis in den Mittag hinein schlief, während vorne in der Kanzlei die patriotischen Vertreter der nationalen Bereine dem be- kannten Verteidiger wieder eine Vertretung eines ihrer Mitglieder übertragen wollten. Denn wenn es auch vorkam, daß der„schöne Altons"(wie er in Anwaltskreisen genannt wurde) plötzlich wieber mal eine Erholungsreise mjt einer schönen Frau unternahm, so konnte man doch sicher sein, daß er am Tage des Prozesses in alter, etwas lebemänni- scher Manier, freundlich lächelnd, das Gesicht der Presse für Großaufnahme ordentlich zugewandt, die Plänkeleien mit dem Staatsanwalt aufnehmen würde, um bald daS ernst- hafte Gefecht mit dem Gericht zu beginnen. Man munkelte mit einem gewissen Schmunzeln über dieses flotte Privat- leben, nahm ihn als Anwalt in Zivilsachen, der immer wieder Referendare als Vertreter aufs Gericht schickte(heute wettert der Iustizmintstcr Kerrl gegen die jüdische» Kartellanwälte, die nicht jede Frage deS Richters bis ins kleinste Detail beantworten können), nicht ganz ernst, aber man hatte ihn als Kollegen ganz gern und applaudierte seinen oft mit großer Kunst aufgebauten und großer oratorischer Begabung„hingelegten" Plädoyers. Seine besondere Stärke war es, obwohl er nie eine Zeil« ernsthafter RechtSkritik veröffentlicht hat, im Plädoyer zunächst rechtlich, möglichst nach allen Seiten objektiv, den Sachverhalt zn behandeln, um dann noch etwas skeptische Richter mit der Wucht seiner gut vorgebrachten nationalen Phrasen davon zu überzeugen, daß die vorgetragenen Rechtsgrttnde zum Freispruch vollauf genügten. Er war einer derjenigdn, der es besonders geschickt verstand, die These zu vertreten, daß seine Mandanten aus„natio- nalem Notstand" heraus gehandelt hätten: und wenn die Richter noch am Anfang zögerten, diese goldene Brücke zu beschreiten und Mörder freizusprechen, so hat schließlich das Reichsgericht diese Rechtsprechung der unteren und Schwurgerichte schließlich in dem berüchtigten Urteil„der schwarzen Fahne" gebilligt, wo es sich um ostpreußische revoltierende„Bauern" handelte. Gerade weil Sack so be- fähigt und in Deutschland allgemein als politischer Vertei- diger bekannt ist. scheint die Uebernahme der Verteidigung durch ihn gerade für den Augeklagten Torgler besonders gefährlich. Es war kein guter Ratgeber, der diesem eingab, sich an Sack zu wenden oder ihn zu akzeptieren. ES ist nicht ausgeschlossen, daß die Tatsache der Verteidigung durch Sack die deutsche Öffentlichkeit in zweierlei Richtung irreführt und gleichzeitig beruhigt. ES ist wahrscheinlich, baß die deutsche Öffentlichkeit sich sagt, die Schuld Torglers sei klar, denn sonst würde Sack kaum die Verteidigung übernommen haben. Jedermann weiß, daß diese Verteidigung Ruhm im Sinne des„dritten Reiches" oder Konzentrationslager bringen kann, daß diese Verteidigung unsret ist. Wenn, so wird die gleichgeschaltete Presse verkünden, troy- dem Sack sich dazu entschlossen habe, so wisse er wohl, baß nichts zu machen(also auch nichts zu riskieren) sei: und man wirb vor aller Öffentlichkeit, wie man sie jetzt in Hitlerdeutschland versteht, erklären können: hier konnte der beste Verteidiaer nicht mehr helfen. Nach der anderen Seite besteht die Gefahr, daß die Öffentlichkeit sich bei einem Todesurteil beruhigt, da ihr gesagt wird, es sei sicher alle» mit rechten Dingen zugegangen, da doch„Sack" verteidigt habe, der aus Großmut auch für den politischen Gegner sein Bestes hergegeben habe, wenn auch bei der klaren Sach- läge ohne Erfolg. ES ist durchaus wahrscheinlich, daß die Regierung mit die- ser Mentalität rechnet und deshalb gegen diesen Verteidiger nicht nur Einwände nicht erhoben, sondern diese Berte»- digung vielleicht gerade veranlaßt hat. SS besteht darüber hinaus die Gefahr, daß diese Anschauung durch Sack noch dadurch unterstrichen wird, daß er geschickt formulierte Beweisanträge stellt(die möglicherweise zu einer Vertagung des Prozesses führen sollen, wenn es der Regie- rung gelegener kommt), um zu beweisen, daß er„echt" vertei- bigt, während tatsächlich wohl jeder solche- Beweißantrag (vielleicht mit dem Gericht ausgehandelt) in einen Schuldbe- »oetö gegen den Angeklagten mündet. ES ist eine alte Ver- teidigerregel, Belastungszeugen als Verteidiger nicht viel zu fragen, und Entlastungszeugen iminer dann zu fürchten, wenn sie nicht ganz stich- und hiebfest sind. Ein geübter Reichsrichter kann aus den Aussagen der Entlastungszeugen immer einen Punkt im Urteil aniithren zuungunsten de? Angeklagten, wenn er e? nur geschickt tut. und die Herren Reichsrichter besitzen darin eine gewisse Erfahrung. Daß diese Art der Verteidigung durch Sack vieles für sich hat, dafür spricht die ein wenig skrupellose Art des Verteidigers, dem nicht? über„da? sich gut in? Szene setzen" geht, der e? sich zur Ehre anrechnen wirb, geschickt und doch nur scheinbar geschickt zu verteidigen, um ein Meisterstück der Verteidigung und der gleichzeitig, wenn auch nicht nach außen in Erschei- nung tretenden, großartigsten Prävarikation zu liesern, die die Geschichte des deutschen Anwaltstandes, der einst hohes, auch moralisches Niveau kannte, zu verzeichnen haben wird. Tie Negierung arbeitet bereits mit der Propaganda, die ihr die Verteidigung Sacks liefert, indem sie daraus hinweist. Sack sei sogar nach Paris gefahren, um sich zu informieren. (Meldung des Paris-Soir). Die Regierung scheint überzeugt, daß der große Vertei, diger sie gut verteidigen wird: es ist nicht zu fürchte«, daß er die Pforte des ewigen Ruhms überschreiten wird, wie es ihm Moro-Giasseri in seiner großartigen Rede im Salle Wagram zugerufen hat. Der Dcutschnationale Sack hat seine Zuverlässigkeit für das „dritte Reich", durch den angeblich nicht ganz ariichcn Groß- vater etwas angezweifelt, zu beweisen. Er kann es nur, wenn er den Machthaber» das Material zu einer guten Pro- paganda in der Innenpolitik liefert, Torgler sei selbst durch den anerkannt besten politischen Verteidiger nicht zu retten gewesen, der aus Großmut den politischen Feind noch in der schlimmsten Gefahr verteidigt habe. Hoch lebte einst die freie Advokatur in Deutschland! Heute ist zu fürchten, daß Sack seine Aufgabe mit der großen, ihm eigenen gefährlichen Fähigkeit einwandfrei löst. Und deshalb wird eS nicht gut gewesen sein, daß man Torgler durch Sack verteidigen ließ. Untersuchungsrichter Vogt Wenn Sack es übernommen hat, den äußeren Rahmen für eines der größten Iustizverbrechen aller Zeiten zu liesern— im Tiefsten vielleicht doch mit bangem Herzen—, so ist Vogt der alte Routinier. Hochgewachsen, wie Sack, doch massiger, trägt er seinen settgenährten Körper unelegant in der Haltung des satten Philisters, der seelische Regung und Mitgefühl mit den Leiden des Untersuchungsgcsangenen nicht kennt. Er war der gelernte Spürhund der deutschen Republik, wenn eS gegen Kommunisten oder Überzeugungstäter von Link» ging, mit Daumenschrauben für die Häftlinge an den Pfoten. Es bleibt Schande der Machthaber der Republik, daß sie Leute wie Jörns bis zur Reichsanwaltschaft und Vogt biS zum Reichsgericht(als Untersuchungsrichter) förderten. Es bleibt Schmach, daß dieser die Trevpe herausfalle« konnte, nachdem die linke Presse in Verfolg des Tscheka- Prozesses Sturm gegen ihn lies, daß er diesen Leuten die Geeignetheit zum Untersuchungsrichter beim Reichsgericht dur" seine brntalen, skrupellosen, tnsamen Methoden be- wiesen haben konnte. Vogt hatte die Lehren der Reaktionsperioden Italiens und Metternichs gut studiert, nur daß er nicht mehr körperlich Daumenschrauben ansetzte, sondern meisterhaft die „seelische Massage" verstand. Diese Methode hatte er nur zu gut studiert. Erst ließ er den Gefangenen kommen und ver- suchte ihm Hontg ums Maul zu schmieren. Schwieg der Haft- l'ug, bann wurde er abgeführt, und Vogt ließ ins Protokoll schreiben: der Gefangene ist störrisch, ihm ist die Schreib- erlaubnis zu entziehen. Das nächstemal ließ er den Gesänge- ncn, wenn er aus Fragen nicht antwortete, stundenlang vor sich am Tische sitzen und versuchte ihn mit höhnischen B«< merkungen in Wut zu bringen. Oit gelang das. Ergebnis: verschärfte Hast- kein Brief, kein Besuch, monatelange Ein- zelhast, manchmal Fesseln, Brotentzug. Entziehung der Le e- erlaubnis, der Freizeit zum Spazierengehen und schließlich Dunkelarrest. Hier und da verfing auch die Methobe,-pttzxl heranzubilden, Atmosphären des Verrats zu erzeugen durch die falsche Behauptung, der andere habe schon ein Geständnis abgelegt. Leugnen habe doch keinen Zweck mebr, die Partei habe bereits den Angeschuldigten fallen lassen und als«vitzel erklärt. Offensichtlich ist ihm diese Methode bei Neumann, dem Kronzeugen und Mitangeklagten im Tschekaprozeß, ae- lungen, von dem ich. der ihn in Moabit als Verteidiger ein- mal sprach, nicht annehme, daß er schon vorher Spitzel war, sondern baß eS sich nur um einen leicht beeinflußbaren eptlep- tisch veranlagten Psychopaten handelte. Die Hungerstreiks im Zuchthaus Sonnenburg und im Un, tersuchungsgesängnis Moabit- sonst-in ziemlich mensch, lich geleitetes Gefängnis— sprechen eine deutliche Sprach«. Wenn die Flüche und wilden Verwünschungen der Gesänge- nen, die einmal das geräumige Zimmer im Erbgeschoß de» Kriminalgerichts Moabit mit dem kleinen VernehmungSziM- mer passierten, auch nur die geringste Kraft hätten, Herr Vogt wäre längst in tausend Fetzen zerrissen. Aber Bogt lachte nur über die schmerzhaften Wutausbrüche der Inhaf- ticrten und beklagte sich nur zynisch manchmal beim Vertei- diger über die„nudlose Aufregung und die Scherereien, die er dadurch habe". Ihm kam es nur darauf an, Geständnisse zu ei pressen, ganz gleich wie: dem Reichsgericht muhte alles schön parat gemacht werden, wie sollte Herr Vogt auch sonst avan- eieren. Nur einmal war seine Karriere in Gefahr, als dl« tapfere Olga Benario— Tochter des Münchner Verteidigers — den Kommunisten Braun gemeinsam mit einigen tapferen Genossen auS dem Vernehmungszimmer mit Waffengewalt herausholte, und beide nach Rußland gelangten. Aber dieser „Unfall" schadete ihm nicht im geringsten: er wurde Unter- suchungsrichter beim Reichsgericht, und die Räume im Erb- geschah deS Krimtnalgerichts Moabit wurden vergittert— aber die ganze Welt lachte über diesen mutigen Streich gegen Herrn Bogt, gegen ein System. Wer weih, welche Ueber- raschungen in dieser Richtung der Prozeß bringt, mit welchen Metboden es Herrn Vogt— Vogt im wahrsten Sinne de» Wortes— gelungen isi, Geständnisse z u erpressen, wenn auch vielleicht nicht von Torgler, so von anderen Ange- klagten oder Zeugen. Ist es doch eine mir bekannte Tatsache, daß einer der angeklagten Bulgaren— man sah ihn mehr tot als lebendig, abgemagert, flackernden, irren Blicks— der Polizei im Juni erklärte, in welchem Hause und in welcher Wohnung er einige Tage vor dem Reichstagsbrand in Ber- lin genächtigt hatte(die grauenhaften Folgen für die Leute, die im Unterstand gewährt hatten, konnten durch Glttckszufälle abgewendet werden). Deshalb darf man in dieser Beziehung nicht optimistisch sein. Herr Vogt versteht sein seelisches Schlächterhandwerk. Auch er wird es sich zur Ehre gemacht haben, mit den berüch« ttgten Methoden im UntersuchungSztmtner den Grundstein für den Aufbau eines grandiosen Prozesses zu liefern, mit dem Ziel eines bewußten, von der Regierung— weil un- bedingt für die deutsche Öffentlichkeit notwendig— ver- lanaten Justizmordes. In diesem Prozeß fürchte ich. wird nicht der Präsident und nicht der Angeklagte die Haupt- rollen Wielen, sondern der Untersuchungsrichter und— wahr- scheinlich daS trauriaste Kapitel der deutschen Anwaltschaft— der Verteidiger Sack. Auch tschechische Verteidiger abgelehnt Brünn, 17. Sept.(Inpreß) Die beiden Brllnner Recht?» anwälte Felix Loria und Immanuel Stern richteten an da» Reichsgericht eine Eingabe, in der sie um Bewilligung zur Uebernahme der Verteidigung von Ernst Torgler ersuchen. Zugleich verständigten sie den Abgeordneten Torgler selbst und ersuchten um Vollmacht. Torgler antwortete, daß Dr. Sack e? prinzipiell abgelehnt hat, zusammen mit einem ausländischen Anwalt seine Verteidigung zu führen. ReidistagsprozeO in London Abgeordneter Koenen SÎQtf) der Vernehmung Philippsborus wurden die Saaltüren geschlossen, so daß niemand mehr herein oder heraus konnte. Es wurde sodann der bekannte kommunistische Abgeordnete K o e n e n vernommen. Er berichtete ausführ- lich über den Brandabend. Am Nachmittag hatte er im Polizeipräsidium und später im Karl-Liebknecht-Haus über die Freigabe beschlagnahmten Wahlmaterials mit der Poli- zei verhandelt. Gegen S.30 Uhr war er im Reichstag, wo er eine Besprechung mit Torgler und dem Rcferentenvermittler der Partei hatte. Die Besprechung dauerte etwa'/« Stunden. Dann bat mich Torgler, noch etwas zu bleiben, er erwarte noch einen Telefonanruf, dann könnten wir fortgehen, zu- sammen essen und uns noch mit einigen Parteifreunden treffen. Wir telefonierte««och zom Polizeipräsidium, wo Torgler mit Oberregierungsrat Diels wegen der Freigabe des Wahlmaterials sprach und ich mit einem Assessor. Das war etwa 7.8V Uhr. Das Telefongespräch, das Torgler erwartete, war inzwischen noch nicht eingetroffen, er fragte bei der Zentrale an, wie lange sie geöffnet sei. Es wurde ihm gesagt, bis 8 Uhr, dann könne er nur noch vom Portal 5 aus sprechen. Während Torgler dann mit Rechtsanwalt Rosenfeld sprach, rief die Garderobe an, ob Torgler gleich ginge, oder sein Mantel herausgebracht werden solle. Er ließ seine Sachen herauf- bringen. Wenige Minuten nach 8 Uhr rief der Pförtner von Portal 5 an. Vast das Gespräch für Torgler nun da sei. Torg- ler lief herunter und kam nach etwa 5 bis 8 Minuten wieder zurück. Dann sind wir langsam aus dem Hause gegangen. In den Zeitungen hieß es, wir hätten fluchtartig das Haus verlassen, dabei bin ich noch nie so langsam gegangen wie damals. Das kam daher, daß die Fraktionssekretärin mit uns ging, die an einer schmerzhaften Fersenentzündung litt. Wir hielten ihr die Doppeltüren zum Reichstag weit auf, und sie sagte:„So feierlich bin ich noch nie aus dem Reichs- tag geführt worden." Da gerade ein Polizist vorbeiging, sagte ich scherzhast:„Und Polizeibewachung haben wir auch noch, was kann uns schon passieren?" Wir gingen dann langsam zum Bahnhof Friedrichstraße und aßen bei Aschinger. Dort saßen wir längere Zeit, es kamen auch die von Torgler er- warteten Parteifreunde. Etwa um halb 10 Uhr verabschiede- ten sich zwei von ihnen, wir blieben nun zn dreien bis etwas nach 10 Uhr. Kurz nach 10 Uhr— die Kellner hatten gerade gewechselt— saß ich einen Augenblick allein am Tisch, da Torgler und der andere Freund ausgetreten waren. Plötzlich redete mich ein Kellner aufgeregt bei Namen an und sprudelte heraus:„Wissen Sie nicht, Herr Koenen, der Reichstag brennt." Ich antwortete:„Sie sind wohl verrückt geworden?" Er aber sagte aufgeregt: Nein, es stimmt, fragen Sie die Chauk- teure an der Theke." So haben wir zuerst von dem furcht- baren Verbrechen erfahren. Nun wurde der Zeuge befragt. F r a g e: So waren Sie also von 0.30 bis 10 Uhr ununter- brachen mit Torgler zusammen? K o e n e n: Ja. Frage: Haben Sie an diesem Tage van der Lübbe ge- sehen? lGelächter). Koenen flachend): Nein, ich habe ihn nie gesehen und am nächsten Tage zum ersten Male von ihm gehört. Frage: Wissen Sie, ob Torgler ihn kannte? Koenen: Torgler kannte ihn ebensowenig wie ich. Frage: War der Reichstag, als Sie ihn verließen,, normal? Oer Plan Görings Interessen sich entfalten könne. Individuelle Aktionen er- reichen nur das Gegenteil. Deshalb gab die Kommuinstlsche Partei auch sofort eine Erklärung nach dem Reichstagsbrand heraus. liitlerterror macht die Untersuchung zur Farce ganz Koenen: Ja, völlig normal. Wir haben deshalb zuerst gar nicht an den Brand geglaubt. Wir machten Nachforschun- gen, konnten aber nichts Näheres erfahren. Unser Freund sagte sofort:„Gestern das Schloß, heute der Reichstag, was ist da los?" Frage: Wie war Torglers Verhalten, als er vom Brand hörte. Koenen: Er war sichtlich erstaunt und sagte:„Donner- wetter, da müssen wir doch herausfinden, was los ist." Wir haben uns bann getrennt, da wir noch Verabredungen hat- ten, wollten uns später aber wieder treffen. Wir trafen uns später in der Nacht auf dem Alerandcrplatz dicht beim Polizeipräsidium. Wir wußten damals»och nichts von der Hetze, die gegen uns entfacht wurde. Erst später merkten wir etwas und ich schlug Torgler vor, in anderen Quartieren zu schlafen und uns am nächsten Morgen wieder zu treffen. Aus Gründen, die ich bis heute nc-8 nicht aufklären konnte, da ich Toraler nicht mehr gesehen habe, kam die Zusammenkunft nicht mehr zustande. Am Mit- tag las ich dann, daß Torgler f; ch freiwillig gestellt habe. Die weiteren Fragen an Koenen betreffen die Materialfunde im Karl-Liebknecht-HauS. Ans den Aussaaen KoenenS ergibt stch als besonders interessante Tatsache, daß dies die erste Haus- suwung war, zu der Koenen nicht hinzugezogen wurde, und daß zum ersten Male keine Quittungen über das beschlag- «ahmte Material gegeben worden seien! Die angeblichen Katakomben seien ein alter Bierkeller sim Karl-Liebknecht-Hans war früher ein Restaurant gewesen). Auf Befragen gibt Koenen noch an, daß man versucht habe, die Zeugen, die über Torglers Aufenthalt am Brandabend hätten aussagen können, durch Notare vernehmen zu lassen. Es liege auch eine Aussage der Kellner bei einem Notar. Die Versuche, mit Rcichstagsbeamten in Verbindung zu kom- men, seien nach anfänglichen Erfolgen gescheitert. Jeder, der für einen Kommunisten heute auch nur die Wahrheit sage, riskiere den Galgen. Koenen traf am Morgen Torgler nicht mehr. Mittags las er in den Zeitungen, daß er sich freiwillig aufs Polizei- Präsidium begeben habe und dabei verhaftet worden sei. Koenen selbst entging der Verhaftung und erlebte am Morgen, daß die Polizei im selben Hause einen Stock höher Haussuchungen und Verhaftungen vornahm. lHeiterkeit im Zuhörer räum.) Gefälschte„Funde" im Karl-Liebknecht-Haus H a yö: Erinnern Sie sich an belastendes Material im Karl-Liebknecht-Haus, das dort angeblich gefunden wor- den ist? Koenen schildert, daß er als letzter Repräsentant der Partei im Haus geblieben sei, während die gesamte Tätig- keit der Parteileitung aus dem Hause heraus gelegt worden sei. Alles war auf einen plötzlichen Ueberfall, auf die Schließung des HauseS eingestellt. Wenn wirklich etwas Gefährliches in Kellern und„Katakomben" sich gesunden hätte, hatte man lange Zeit, es wegzuschaffen. In den Zei- tungen. etwa am 26. Februar, konnte man lesen, daß schauerliche Funde im Karl-Liebknecht-Haus gemacht wor- den seien. In 7 Tagen habe er bei täglichen Ver- Handlungen mit den Polizeikommissaren niemals von ihnen etwas über solche gefun- denen Dokumente erfahren. Als Koenen den Polizeikommissar Brachwitz fragte, wo eigentlich die Kata kombe» seien, konnte Brackwitz nur den Zugang zu einem alten Bierkeller in der Wachstube des Hauses zeigen. Dieser Keller stammt von einem Restaurant, das früher sich in dem Hause befand. Koenen verwies darauf, baß alles wiederholt durchsucht worden sei und daß man am 17. Februar 1983 nichts mehr im Karl-Liebknecht-Haus entdecken konnte, als schon der frühere sozialdemokratische Polizeipräsident Grzesinski bei seinsr12tägigenBesetzungundDurch suchung des Hauses im Jahre 1331 entdeckt habe. Seit der Sozialdemokrat Grzesinski jene Besetzung vorgenommen hatte, war man stets auf eine solche polizeiliche Annektie- rung des Hauses vorbereitet. Koenen erklärt, das angeblich*»».*. c A a. m gefundene und bis heute niemals veröffentlichte„Terror- ißPILi^IS SUIIII material" kann nur von Polizei oder SA. und SS. in die seit einer Woche von der Polizei besetzten Räume gebracht worden sein. Hays: So wären also die Kellner bei Aschinger, die^.nr- Hüter und Garberobediener des Reichstages als Zeugen für Torglers Alibi zu vernehmen?^.. Koenen: Ja, aber bei dem jetzigen Zustand ist leder mit dem Leben bedroh,. der die Wahrhe't zur Entlastung eines Ko,nmnnlsten aussagt.... Hays: Können also weitere Zeugen aufgefunden werden. Koenen. Mindestens 7 vis 8 Zeuge»!. Reichstag nicht bewacht Hays: Sie haben am 27. Februar noch stundenlang mit Polizeikommissaren verhandelt, obwohl am 24. Februar 1333 das belastende Material im Karl-Liebknecht-Haus ge» fuuben worden sein soll? Koenen: Ja. Hays: War kein Unterschied in der Behandlung? Wurde keine schärfere Bewachung des Reichstages durchgeführt? Koenen: Ich verhandelte mit den Polizeikommiffaren ge- nau wie früher. Bon einer schärferen Bewachung des Reichstages war nach den angeblichen Funden nichts zu sehen. jGroße Bewegung bei den Zuhörern.) Moro Giafferi: Wurde» die Dokumente bei der Beichlag- nähme versiegelt? Koenen: Normaler Weise wurden sie früher bei der Be- schlagnahme quittiert. Wir verlangten immer Bestätigungen, damit uns nicht gefälschte Dokumente unterschoben weeden konnten. Am 24. Februar 1333 fand die Haussuchung oyne unsere Anwesenheit statt und ohne vorherige Benachrich- tigung. Entweder hat sie überhaupt nicht stattgesunden> der war nur eine Scheinhaussuchung. Sie sollte dem Zweck dienen, durch angebliche Funde die leidenschaftliche Hetze gegen die Kommunisten zu oraanisieren. Moro Giafferi: So hätte also Ihre Abwesenheit bei der Haussuchung am 24. Februar 1333 dazu dienen können, ge- fälschtes Material zu unterschieben? Koenen: Ich bin von dieser politischen Absicht Hörings überzeugt. Ter Polizei war bekannt, daß wir die Haus- suchungen stets sehr genau kontrollierten. Zur Frage des individuellen Terrors Koenen erklärte dann, daß er als hier anwesender Rer- treter des Zentralkomitees der KPD. auch einige Aus- fttbrungen zur Frage des individuellen Terrors machen wolle. Der Wortlaut der Dokumente werde bei der Unter- su^ungskommi^on deponiert. Koenen zitiert aus der Er- klärung des Zentralkomitees der KPD. vom 10. November 1331 folgendes: „Das Zentralkomitee der KPD. stellt fest, daß solche Ten- denzen(des individuellen Terrors) mit dem Kommunismus nichts gemeinsam haben. Sie stehen im schroffsten Wider- sprnch zu dem ehernen Fundament, aus dem Marx und Engels die Strategie und Taktik der revolutionären Ar- beiterbewegung ausgebaut haben. Sie stehen im schroffsten Widerspruch zum Programm der Kommunistischen Inter- nationale iAbsatz 4, 2), öa*„die Propagierung des indivi- duellen Terrors" ausdrücklich verurteilt, weil er„das Pro- letariat von den Methoden der Massenorganisationen und des Massenkampses ablenkt". Das Zentralkomitee verpflichtet alle Parteimitglieder, unbeugsam im Sinne dieses Beschlusses zu handeln und jede Abweichung von dieser Linie rücksichtslos zu bekämpfen. Das Interesse der Arbeiterklasse, das Interesse der prvleta- rischen Revolution erfordert es, daß gegen jede Durch- brechung dieses Beschlusses die schärfsten disziplinarischen Maßnahmen bis zum Ausschluß aus der Partei angewandt werden. Koenen fügte hinzu, daß eS sich bei der Abgabe dieser Er» klärung nicht um ein Manöver der Kommunistischen Partei handele. Er verwies auf einen Artikel des Parteiführers Ernst Thäl- mann, den er aus den Tisch des Untersuchungsausschusses legte, in dem Thälmann begründet, daß diese Erklärung gegen den individuellen Terror nichts Neues sei, sondern ans jahrzehntelanger l rsah u.ta b-nuhe D:e Km"n»»:sten seien überzeugt, daß die revolutioäre Bewegung nur aus dem Komps der Arbeiter und kleinen Leute'ür'vre eigenen Als Zeuge wird nunmehr der junge Sohn Torglers, Kurt, einvernommen. Kurt Torgler sagt aus, da» sein Vater in den letzten Tagen vor dem Reichstagsbrand nicht im geringsten irgendwie erregt oder unruhig war. Der Vater habe mit ihm gesprochen und ihm u. a. die Notwen- digkeit der Einheitsfront der sozialdemokra- tischen Arbeiter mit den Kom m uni st en gegen den Faschismus erklärt. Kurt erzählt, wie er ,einen Vater besucht hat, wie dieser ihm sagte, man habe ihm nur für den Besuch die Fesseln abgenommen. Tue Hände waren ganz zerschunden an den Gelenken,«ein Vater habe wiederholt versucht, einen Verteidiger zu be- kommen: kaum aber habe man die auigebrachtew Anwalts- kosten eingezahlt, als immer wieder der betreftende Ver- leidiger absagte. So war sein Vater völlig im Ungewissen, was mit ihm weiter geschehen würde, da die Rechtsanwälte Furcht vor der Hitlerregierung hatten. vie Nadu nadi dem Brand Als nächster Zeuge wirb der Sekretär der KPD.-Reichs- tagsfraktion, Otto Kühne, vernommen. Dieser war am 27. Februar von 10 Uhr vormittags bis 13.15 Uhr abends dauernd mit Torgler zusammen. Gegenüber den Behaup- tungen der Nazi-BelastungSzeugen, er und Torgler hatten am 27. Februar um 13.30 Uhr mit van der Lübbe im Vor- räum des Saales Nr. 12 eine Unterredung gehabt, jagte Kühne: Wir haben um diese Zeit eine Unterredung gehabt, aber nicht mit Lübbe, den wir nie gekannt und nie gesehen haben, sondern mit dem bürgerlichen Journalisten Walter Qehme vom 12-Uhr-Mittags-Blatt. Der Vorraum des Saales 12 grenzt unmittelbar an den Raum der Nazi-Reichstagssraktion. Es ist doch zu absurd, zu glauben, daß ausgerechnet dort die Brandstiftung vor den Türen der Nazis besprochen wird An, Abend traf er noch einmal mit Torgler und Koen-n zusammen, als sie vom Brand erfahren hatten. Äie er- kannten, baß sich der Brand um eine Nazl-Provok.ition handle, sahen aber noch nicht die volle politische Tragweite, die dieser Provokation zugrunde lag. Torgler schlief bei Kühne. Am Morgen kam die Polizei und verhastete Kühne auf Grnnd eines ausgestellten Hast- besehls. Die Polizisten sahen auch Torgler, der im Nebenraum schlief, verhasteten ihn aber nicht. Torgler hat sich vielmehr freiwillig der Polizei gestellt, um sich darüber zu beschweren, daß die KPD. und er m Ver- bindung zum Reichstagsbrand gebracht werden,^.a erst wurde Torgler in Haft behalten. Kühne wußte von der Existenz des unterirdischen Ganges, hat ihn aber selbst nie betreten. Er teilt mit, daß er vom Fenster des KPD.-Fraktiostszimmers aus im Garten des Göringschen Hauses, des Reichstagspräsidenten-Hauses. Wachmannschaften der SA. mit Schäferhunden sah. Kühne erklärt, daß ein Erklettern des Reichstags von außen nicht möglich sei, daß außerdem jemand, der selbst hineingeklettert wäre, nicht hätte weiter kommen können, da in dieser Zeit, wo keine Parlamentstagung stattfand, die Türen des Re- staurants, der Zimmer usw. a-^lossen waren. Es gab nur e nen, der Nachschlüssel zu allen Türen hatte und das war der Naziverwalter im Reichstag, Skranewitz. Kühne teilt mit, daß Mitte Februar die Polizei Haussuchung in der K...-Reichstagsiraktion gehalten habe und nichts gefunden hat. Der Nazi Skranewitz hat wiederholt mit einem Nach- schlttssel die Zimmer der KPD.-Fraktion aufgeschlossen und g« spitzelt. Kühne spricht die feste Ueberzeugnng aus, da» Torgler ebenso wie die bulgarischen Angeklagten nichts mit der Reichstagsbrandstistung zu tun hatten, weist auf die schärfste Ablehnung des individuellen Terrors durch die KBD. hin und zeigt, daß an.Hand der politischen Lage nur die Nazis Interesse an dem Brand haben konnten. Kampf nm Rüstungskontrolle beginnt Vorbesprechungen in Paris- Das lliOlrauen gegen Deutschland Paris, 19. Sept.„Oeuvre" veröffentlicht einen Artikel des früheren sozialistischen elsäsfische,, Abgeordneten Grum- bach, der die Frage auswirft, ob in einem Lande ohne Frei- heit überhaupt eine Rüstungskontrolle möglich sei. Nach dem Triumph der nationalsozialistsche» Partei sei die Ausrüstung Deutschlands nicht mehr eine geheime und nur teilweise, sonder« sie sei eine offene, entschiedene nnd vollständige ge- worden. Die internationale Kontrolle werde erschwert durch die Tatsache, daß sie in Deutschland nicht mehr aus die Mit- arbeit der Arbeiterorganisationen zähle» könne, die beinahe unerläßlich sei. Die englisch-französischen Besprechungen über die Ab- rüstungsfrage haben Montagvormittag 11 Uhr im Arbeits- zimmer des Außenministers Paul-Bvneour begonnen. Von französischer Seite nehmen außer dem Außenminister selbst der Generalsekretär an, Quai d'Orsay Leger, der Direktor der Völkerbundsabteilung Massigli und der Generalsekretär der französischen Abrüstungsdelegation Jean Paul-Bvneour teil. England ist vertreten durch den Unterstaatssekretär Eden und den englischen Dele- gierten in Genf C a b o g a n. Die Besprechungen hatten heute vormittag vorläufig einen allgemeinen Charakter. Heute nachmittag sollen die Einzelheiten besprochen werden. — Havas behauptet, baß im Vordergrund die Besprechungen über die Kontrolle stehen. Die englischen Delegierten haben ihre Abreise nach Gens aus Dienstagabend festgesetzt. Man nimmt an. daß morgen eine gemeinsame Besprechung zwischen dem englischen, französischen und amerikanischen Vertreter stattfinden wird. Im Anschluß an die heutigen Vormittagsbesprechungen fand beim Ministerpräsidenten D a l a d i e r ein Frühstück statt, an dem auch der ungarische Außenminister K a n y a teilnahm, der heute vormittag vom Präsidenten der Repu- blik empfangen wurde und heute abend Paris wieder verläßt. In französischen Kreisen scheint man der bevorstehenden' Ankunst des polnischen Außenministers Beck, der am Mitt- woch zu seinem ersten offiziellen Besuch hier eintreffen und anschließend unmittelbar nach Genf reisen wird, eine gewisse Bedeutung beizulegen. * Der„Excelsior" erklärt, mehr denn je habe die fran- zösische Regierung allen Grund, jede etwaige Herabsetzung ihrer Verteibigungsmittel von der Wirksamkeit einer ihr angebotenen internationalen Garantie abhängig zu machen. Die Mindeslgarantie bestehe in folgendem: 1. In der Vereinheitlichung der Armeetypen aus der Grundlage einer Miliz mit kurzfristiger Dienstzeit unter Ausschluß aller halbmilitärischen Verbände: 2. In der Schassung einer internationalen, automatischen, ständigen, an Ort und Stelle funktionierenden Kontrolle, die Sanktionen vorsteht nnd sich sowohl auf den Ablauf wie die Herstellung von Kriegsmaterial sowie die an- gemeldeten oder geheimen Wassenlager erstreckt. 8. In der Annahme einer vier- oder fünsjährigcn Probe» zeit durch alle Staaten, die die Feststellung ermöglicht, daß die in Frage kommende» Kontrollen regelmäßig und wirksam funktionieren. Das Blatt glaubt, daß dieses Programm den Prüfstein sttr de« guten Willen der anderen Regierungen bilden werde. Es spricht von der besonderen„psychologischen Lage" Frank- reichs, das von Deutschland nur durch den Rhein getrennt sei. In dieser Sage könnte keine Regierung ihre nationale Verteidigung abbauen, nachdem 81000 Führer von Sturm- verbänden ausmarschiert seien, die als Gruppenführer von mehr als zwei Millionen Mann in Frage kommen. Nichts werde Frankreich von seiner ständigen Politik der Eintracht abbringen können, die man zu Unrecht in Berlin als Ein- kreisungspolitik betrachte. Die französische Regierung sei nach wie vor bereit, auf politischem wie auf wirtschaftlichem Gebiet mit Deutschland bei Gleichheit der Rechte und der Pflichten zum Zwecke des Fliedens zusammenzuarbeiten. Aber es wäre unvernünftig von ihm, eine einseitige Abrüstung gegenüber einem Teutschland zu fordern, dessen moralische und materielle Aufrüstung offen zutage trete. Tapfere Beamte Bine deutliche Mahnung an die Regieruns Endlich haben sich deutsche Beamte gefunden, die ein okfe- res und mutiges Bekenntnis zur Ehre und Freiheit des deutschen Beamtentums auszusprechen wagen. Vor uns liegt ein Beschluß, dessen Bedeutung um so höher anzuschlagen ist. als die gleichgeschaltete Presse ihn mutig veröffentlicht. „Wir selbst steigern uns gegenüber dem Begriff der Pflicht aus das höchste, erwarten aber auch von der R e- gierung, daß'sie unsere heilig st en Menschen- rechte achtet, nnddaß sienie Dinge von uns verlangt, die uns zu den mit dem tiefsten Menschentum verwurzelten Pflichten in Widerspruch bringen würden. Die Regierung konnte sich in der Vergangenheit aus die deutsche Beamten- schuft verlassen, es ist unser ernster Wille, alles zu tun, daß es auch sernerhin so bleibe. Wir wünschen allerdings auch, daß die Regierung unbegründete Borwürse gegen ihre Beamtenschaft entschieden zurück- weist und charakterlose Denunzianten durch Meine Ausluhrsleigerung Im Monat August bietet der Außenhandel zahlenmäßig eine kleine Besserung. Die Entwicklung des deutschen Außen- Handels zeigt im August ein etwas günstigeres Bild. Durch Rückgang der Einsuhr und Steigerung der Ausfuhr er- rechnet sich eine Erhöhung des Ausfuhrüberschusses von 25,1 auf 67,5 Mill. RM. Bei der Einsuhr ergab sich ein Rückgang von nickt ganz 4 Prozent, nämlich um 16 Mill. RM. von 860 im Juli auf 317 Mill. RM. im August. Vermindert hat sie sich aus Frankreich, Belgien, Luxemburg und insbeson- dere aus UTA. sSchmalz und Baumwolle). An einer Er- höhung der Einfuhr waren nur wenige Länder beteiligt, z. B. Italien und Niederländisch-Jndien. Die Ausfuhr ist um rund 7 Prozent gestiegen, nnd zwar um 28 Mill. RM. von 385 im Juli auf 413 Mill. RM. im August. Im Verglcichsmonat des Vorjahres betrug die Ausfuhr 428,2 Mill. RM., im Monatsdurchschnitt des Jahres 1032 jedoch noch 478,3 Mill. RM. Zum Teil beruht die Zu- nähme der Ausfuhr, die auch wieder ausschließlich mengen- mäßiger Natur ist. auk Sammelanschreibungen von bereits früher getätigten Maschinenlieferungen im Rußlandgeschäst. Wenn man diese Veränderungen ausschaltet-, verbleibt je- doch noch eine Zunahme um mehr als 5 Prozent. Abwärts! Die Automobilindustrie Im Juli war in der Kraftfahrzeuaindustrie ein allge- meiner R ü ck g a n g zu verzeichnen. Dieser saisonmäßige Ab- stieg, der im Juni noch infolge konjunktureller Belebung und besonderer Hilfsmaßnahmen sSteuerfreiheit für neue Wagens überdeckt wurde, betraf laut Wirtschaft und Statistik sämtliche Zweige der Kraftsahrzeugindustrie. Am stärksten war die Abnahme bei den Krafträdern, von denen über 36 Prozent weniger als im Vormonat hergestellt wurden. In der Personen- und Lastkraftwagenindustrie machte die Ein- schränkung in der Herstellung 11 bzw. 8 Prozent aus. Auch der Absatz war in allen Zweigen der Kraftfahr- zeuginöustrie rückläufig. Im Vergleich zum Juli 1032 hat sich bei Personenkraftwagen die Herstellung mit 10 308(4555) Stück und der Absatz mit 0038<4547) Stück weit mehr als verdoppelt, während sich die Zahl der hergestellten und abge- setzten Lieser- und Lastkraftwagen mit 1122(749) bzw. 1105 (717) um äiber die Hälfte vermehrt hat. Tie Herstellung an Kleinkrafträdern stellte sich ans 2048 (£234), die von Steuerkrafträdern auf 1467(566) Stück. Der Absatz von Krafträdern ist um ein Fünftel zurückgegangen, und zwar aus Kosten der steuerfreien Kleinkrafträder, von denen 2330(3750) Stück verkauft wurden, während sich der Absatz fabrikneuer Großkrafträder auf 1664(1230) Stück er- höht hat. Die Ausfuhr hat sich in sämtlichen Zweigen gegenüber dem Vormonat verringert, und zwar in stär- kerm Grad als der Jnlandsabsatz. Im Vergleich zum Juli 1032 zeigt die tatsächliche Ausfuhr von Personen- und Lastkraftwagen eine Zunahme, die der Krafträder und dreirädrigen Fahrzeuge eine Abnahme. Jedoch hat sich der Anteil der Aussuhr am Gesamtabsatz in allen Fällen gegen- über demselben Vorjahrsmonat verringert. „Alles unöewß" Ein Bürger„zweiter Klasse" erlebt den deutschen Alltag Man erwacht frühmorgens. Es ist fünf Uhr. Man benki noch: Gibt es heute in unserem Hause eine Razzia? Gestern durchsuchten die„zur besonderen Verwendung" die Memeler Straße, Teile der Frankfurter- und der Gollnomstraße. Viel- leicht kommen sie heute auch zu uns. 5 Uhr. Das ist die üb- liche Zeit, zu der Ueberfallwagen der Polizei, SA. und SS. das ganze Viertel absperren, an jedem Hause Wachen auf- stellen und die Häuser systematisch vom Keller bis zum Boden durchsuchen. Man muß sich in Acht nehmen. Man darf nie alleine zu Hause sein. Man muß bei der Revision den Leuten genau auf die Finger sehen. Es kann leicht geschehen, baß einer von ihnen eine Waise unter das Bett wirft oder ein paar hundert Flugblätter in einer Ecke des Zimmers ver- steckt. Die Minuten vergehen langsam. Man wartet und überlegt. Ob kein Brief aus dem Ausland hier ist? Ob viel- leicht noch ein Buch demokratischer Gesinnung nicht vcr- brannt ist? Spannung! 5.30 Uhr! Es scheint, daß sie heute nicht kommen. Und wieder ein ganzer Tag der Erwartung. Wieder eine unsichere Nacht. Spannung! Erwartung des Un- gewissen! Zur Stempelstelle gehen wir nicht mehr. Die vom Amt be- fürchten Zwischenfälle, wenn so ein paar hundert Unter- stützungscmpfänger zusammen auf die Unterstützung warten. Immerhin gibt es im„dritten Reich" noch Gespräche, und die Erwerbslosen haben noch keine Kraft zur Begeisterung über die glänzende Ankurbelung der Wirtschaft. Zu Hanse zu bleiben, ist auch nicht gut. Ich gehe auf die Straße. Aber vorsichtig sein! Um die Ecke ist eine Kneipe, in der mal Sozialdemokraten verkehrt haben. Heute ist der Be- siher ein glühender„Nationalsozialist". Es ist besser, ihm nicht unter die Augen zu kommen. Er bemüht sich darum, in seinem Lokal einen„Sturm" zn beherbergen und für jeden, den er als„rot" verpfeift, hat er eine Chance mehr beim Standartenführer. Am Alexanderplatz, im Hause„Alexander", begrüßt uns «in neuer Laden, ein Hemden-Laden. Ein kleines Pinschereindeutige Maßnahme« zum Schweigen bringt..." Jedem Worte ist zuzustimmen. Bedauerlich ist lediglich, daß diese Kundgebung nicht r e l ch s deutsche Beamte an die Reichs regierung erlassen, sondern nur Beamte im S a a r- gebiet an die Regierungskommission des Völkerbundes. Im Reiche nämlich würde jede Beamtengruppe zum Teu- fel gejagt oder ins Konzentrationslager gesperrt, die solche selbstverständlichen Forderungen erheben wollte. Die gleich- geschaltete Presse aber in gottgewollter Feigheit würbe sich hüten, so etwas in die Öffentlichkeit zu bringen. Freuen wir uns, baß es noch freie deutsche Männer gibt an der Saar. Und schämen wir uns als Deutsche, baß es nur unter einer ausländischen Regierung an der Saar, was auch kritisch gegen sie zu sagen sein mag, noch Freiheiten und Rechte gibt, an die drüben buchstäblich im Traume niemand mehr zu denken wagt. ..Verwilderung der ZaMangssiflen" Auch im„dritten Reich" muß bezahlt werden Das sächsische Wirtschaftsmintsterium wendet sich in einer Veröffentlichung gegen Firmen, die immer ver- suchen, sich der übernommenen Zahlungsverpflichtungen teil- weise zu entziehen, insbesondere die Bezahlung des Kauf- Preises für Waren und des Entgelts für geleistete Arbeiten ungebührlich lange hinauszuziehen oder unberechnete Konto- abzttge vorzunehmen. Es wird darauf hingewiesen, daß ge- rade die nationalsozialistische Regierung die strengste Er- füllung aller Bertragsabmachungen fordere und gegen die Mißachtung der Grundsätze von Treu und Glauben im ge- schäftlichen Verkehr unnachsichtlich einschreiten müsse, da sie nicht dulden könne, daß durch eine Verwilderung der Zah- luugssitte» der Wiederausbau gefährdet werde. Kinderei Der Berliner Börsenvorstand hat beim Preußischen Mini- sterium für Wirtschaft und Arbeit beantragt, die Berliner Börse künftig„Handclshof" zu nennen. Wenn auch die zu- ständigen Stellen grundsätzlich keineswegs dem Plan, der Börse einen neuen Namen zu geben, ablehnend gegenüber- stehen, so erscheint es zum minbesten fraglich, ob man der vorgeschlagenen Umbenennung zustimmen wird. Abgesehen davon, daß eine Namensänderung der Börse ihren Nieder- schlag in allen einschlägigen Gesetzen finden müßte, würde man nur eine schlagkräftige Bezeichnung, die auch den Sam- melbegriff der verschiedenen Börsenmärkte wiedergibt, in Erwägung ziehen. Erachtklugzeuge der Reichsbahn Unter dem Vorwand, daß der ExpretzgutverkeHr einer Beschleunigung und Verbesserung durch Zuhilfenahme des Flugverkehrs bedürfe, sind auf einigen Strecken, so jetzt bereits zwischen Berlin und Königsberg mehrmotorige Frachtflugzeuge eingestellt worden. Selbstverständlich hat auch diese Maßnahme den Zweck, den Flugzeugpart des „dritten Reiches" zu vermehren. ver lad Rudolf Mosses Das„Wiener Extrablatt" behauptet in der Lage zu sein, genaue Angaben über den Tod Rudolf Mosses, über den jüngst der„Temps" berichtet hat, zu geben. Rudolf Mosse, der Neffe des Gründers des Berliner Tageblatts, sei nicht im Gefängnis gestorben, sondern soll am Tage seiner Ver- Haftung, am 26. August, als die Nazis ihn im Auto fort- führten, erklärt haben:„Ihr werdet mich nicht lebend ins Konzentrationslager bringen." Dann sei er aus der Tür des fahrenden Wagens gesprungen und habe sich den Schädel zerschmettert. Drei Stunden später sei er gestorben. In- dessen wäre sein Tod geheimgehalten worden. Die Ver- Haftung am 26. August sei auf Grund einer Denunzia- t i o n erfolgt. unternehmen war das mal, und jetzt weben dort herrlich Fahnen über Fahnen. Der Laden heißt: Deutsche F r o n t h e m d e n. Die Reklame ist nationalsozialistisch ge- halten. Die Herren verstehen ihr Geschäft. Die Buchstaben aus den Schaufensterscheiben schreien:„Deutsch-arisches Un- ternehmen". Die Reklamefahnen verkünden:„Die deutsche Revolution hat diese Preise ermöglicht!"„Jedem deutschen Volksgenossen ein deutsches Hemd!" Jedem? Fragen wir und sehen die Straße herunter, wo Arbeitergestalten genau so zerlumpt ihren Weg gehen wie unter den Herren Brü- ning, Papen und Schleicher. Die Vernunft sagt uns: Nein! Das ist nur eine elende Konjunkturjägerei. Es ist noch weit, schr weit bis dahin, wenn jeder deutsche Volksgenosse ein deutsches Hemd tragen wird. Der Laden im Hause Alexander ist nicht der einzige, der sich den Nationalsozialisten zu Reklamezwecken zunutze macht. In der Königstraße hat jeder zweite Laden dieselben Ausschristen.„Kravatten-Angrisfl" „Sturm-Bekleidung!"„Brauner Laden!"„Deutsche Koffer— deutsche Necessaires!" Die Reklame ist hübsch, die Läden aber sind leer. Verkäufer und Verkäuferinnen stehen unbeschäf- tigt herum. Die Reklame und das NSBO.-Abzeichen, das die Leute mit Stolz tragen, bezeugen allein, daß eine neue Aera eingetreten ist. Aus der Straße begrüßen sich die Deutschen mit dem faschi- stischen Gruß. Kleine Kinder singen das Horst Wessel-Lied: das ist hier so modern geworben, wie seinerzeit der berühmte Schlager„Titine". Die Juden sollen auch grüßen. Aber auch damit ist eS ziemlich ungewiß. Es ist vorgekommen, daß ein Jude, der„An der Spandauer Brücke" versäumt hatte, dem Nazi-Zug Respekt zu erweisen, wegen Nichtachtung des deutschen Abzeichens verprügelt wurde, während ein anderer Jude, der in der„Neuen Friedrich-Straße" die Hakenkreuz- sahne begrüßt hatte, geschlagen wurde, weil er durch seinen Gruß das Deutschtum beleidigt hatte. Die Einheitspreisgeschäfte und Warenhäuser gehen aber weiter recht flott. Man findet dort Leute, die im Schmucke ihres Hakenkreuzes in den Waren wühlen, um sich im Aus- verkauf zu versorgen. Die Schupos strahlen vor Freude, wenn sie die nationalsozialistischen Prätorianer grüßen. Auf dem Molkenmarkt hat man jemanden geschlagen. Man Sllllsland und RQchschlag Der Augu st-Bericht der I n b u st r i e- u n d H a n d e l«- kammer in Frankfurt a. M. stellt fest: In der Gruppe Bergbau und Metallgewerbe iat sich die Absatzlage im Eisenerzbergbau nicht wesentlich geändert, doch wurde die Belegschalt vermehrt. Die Auszahlung der bewilligten Reichs- und Sta^s- beihilse unterblieb zunächst, da ihr noch staatsrechtliche Be- benken entgegenstehen. In der E i s e n g ieße r e i hat der Auftragseingang nachgelassen, dagegen hielt er sich auf der bisherigen Höhe für die E i s e n k o n st r u k t, o n s- firmen. Es habe den Anschein, daß sich die Arbeits- beschaffungsmaßnahmen der öffentlichen Körperschaften vor- erst noch nicht ausgewirkt hätten. Für l a n d w l r t s ch a i t- liche Maschinen stiegen die Umsätze, aber das Export- geschäft erfuhr keine Aenderung, obgleich die Nachtrage etwas besser gewesen sei. Im Automobil geschäft sei der saisonübliche Rückgang zu verzeichnen, der Umsatz jedoch überstieg noch den vom August 1032. Der Export habe sich trotz der vorgeschrittenen Saison nicht verändert und fei größer als t. V. Tasselbe wird vom F a h r r a d geschast ge- sagt. Die bescheidene Wiederbelebung des«chreib- Maschinen geschästs scheine anzuhalten. Im K a t o s- s e r ie bau wurden kleinere Serienausträge wie tn den Vor- Monaten gegeben. Oualitätskarosserien würden nur selten gekauft. Das Jnlandsgeschäft in der Fabrikation von Bohrern ist gegen Juli wertmäßig um 15 bis 20 Prozent zurückgegangen. Auch die elektrotechnische In- dust r ie berichtet von einem Rückgang, während für E d e I- metalle und Schmuckwaren keine Aenderung eintrat. Silber- und Goldhandel lagen still, nur im Scheibereibetricb herrschte durch frühere Abschlüsse eine einigermaßen gute Beschäftigung. Die Lage der P a p i e r i n b u st r, e habe sich bezüglich des Jnlandsabsatzes gebessert, die Preise wurden mehrmals etwas erhöht? der A u sla n b s a b s atz sei prak- tisch auf Null zusammengeschrumpft, bejonders. weil mit den skandinavischen Erzeugnissen ein Wettbewerb nicht mehr möglich sei. Die Beschäftigung der Zellstoff- i n d u st r i e sei bei stark zurückgegangenen Erträgen gut? der Absatz nach dem Ausland wirb als gut bezeichnet, auch im Inland habe er sich gebessert, weil vor dem Eintritt der Preiserhöhungen um die Monatsmitte Käufe zur Auf- füllung der Vorräte vorgenommen wurden. In der Schriftgießerei und Messinglinienherstellung habe das Geschäft im ganzen keine Belebung erfahren: das Inlands- geschäft sei angesichts des wirtschaftlichen Existenzkampfes vieler angesehener alter Buchdruckereien und Zeitungen still, die Ausfuhr ganz unbefriedigend ge- blieben. Auch die Beschäftigung der chemigraphischen An- stalten sei ungünstig. Das Baugewerbe verzeichne seit Juli keine wci ntliche Aenderung. nur der Tiesbau liege durch eine Reihe Vergebungen besser. Tie Beschäftigung der Herrenkleiderfabrtkation wird als gut. die der Lederindustrie als noch ausreichend bezeichnet: be, den Schuhfabriken befriedigen Auftragseingang und Be- schältigungsgrad. Die Umsätze in F e i n kost w a r en gingen nicht weiter zurück, größere Käufe seien jedoch meist nur wegen bevorstehender Preiserhöhungen getätigt worden. Auch die Badeorte enttäuschten, da das Publikum kaum mehr als die für die verein- barte Verpflegung vorgesehenen Gelder verausgabe. Der Konservenverbrauch war gering. Im Weingroßhandel herrschte saisonmäßige Stille, auch im Ervort sei keine Besserung eingetreten: die«chaumwein- und Weinbrandindustrie berichtet von unveränderter Lage. Im H o l z m a r k t sei die Nachfrage ruhiger geworden nur der Bedarf für Tiesbau habe durch die begonnenen Arbeiten des Arbeitsbeschasfungsprogramms eine gewisse Belebung erfahren. Der Großhandel in Baumwoll waren. für den der August ein ruhiger Monat ist. gestaltete sich durch die unstete Haltung der Rohstoffmärkte noch un- günstiger, so daß sich kein günstiges Geschäft entwickeln konnte. Im Frankfurter Hotelgewerbe se, keine saisonmäßige Belebung zu verzeichnen, auch im Wiesbadener Gastgewerbe befriedige die Lage nicht. Mosdilnengesdiäff flau Der allgemein vorhandene Bedarf an Maschinen führte im August zu einer weiteren Erhöhung der Ansragetätig- keit der Jnlandskundschaft. Auch der Eingang von Aufträgen zeigte wieder eine leichte Zunahme, obwohl das Maschinengeschäst im August aus jahreszeitlichen Grün- den sonst eher zu einer Abschwächung neigt. Allerdings hatdieimJulifeftgestellteBelebungimgan» zen nicht in gleichem Ausmaß angehalten. Ter Eingang von Auslandsaufträgen hielt sich knapp auf der Julihöhe. hört Hilferufe: doch die Schupo rühren sich nicht und unter- brechen nicht ihre Unterhaltung. Niemand wird heutzutage einem Hilferuf folgen— in Deutschland ist doch alles in Ordnung. In der Alvensleben-Straße geht es heute lustig zu. SA.- Männer verkaufen aus der Straße Zigaretten. 10„R 6" zu 20 Pfg. anstatt zu 40 Pfg. Wie kommt denn das? Ganz ein- fach! In der Alvensleben-Straße 17 hat ein gewisser Mieske einen Zigarettenladen gehabt, und Mieske war Kommunist. Man hat ihn verhaftet, umgebracht und seinen Laben als staatsfeindliches Gut konfisziert. Tic SA. hat die Ware herausgetragen und verkauft sie jetzt unter der Hälfte des Preises. Auch sonst kommen interessante Fälle in Berlin vor. Der „Völkische Beobachter" teilt mit:„Heute früh hat man in Friedrichshagcn die Leiche eines Unbekannten herausgefischt, der Selbstmord verübt hat. Die Leiche war in einen Sack gewickelt und mit Steinen beschwert." Ein interessanter Selbstmörder! Er war aber nicht so unbekannt. Er hieß A ß m a n n, wohnte in Friedrichshagen und war bekannt als früherer Reichsbanner mann. Dr. Arno Philippsthal ist plötzlich im Krankenhaus gestorben. Er war sieben Tage verschwunden gewesen und wurde in einem durch unzählige Wunden fast unkenntlichem Zustand eingeliefert. Aber in Britz kümmert man sich nicht um plötzliche Todesfälle. In Britz befindet sich ein großes Restaurant, das den Namen„Zum Adolf" trägt und tn dem ein paar dicke Stan- dartenführer dinieren. Sekt und Liköre! Der Herr Unter- gruppcnsübrer ist guter Laune und zerbricht die Gläser.„Die Rechnung?" brüllt er den Kellner an.„Die Rechnung schicken Sie in die Wilhelmstraße. Dort wird sie bezahlt!" Musik: Horst Wessel-Lied, und alle Gäste, der Inhaber und die Kellner singen mit erhobenen Armen. In Berlin ist alles ungewiß. Man weiß nicht, was morgen >ein wird Die Atmoiphg" ist«chwer geladen. Aber manch- mal. wenn man durch da-?l"beiterviettel geht und die neuen Aufschriften sieht:..Köpft den Brandstifter Göring! Rotfrontl Freiheit!", dann denkt man, eS wird noch so manche Ueber- raschungcn hier geben. Steuiseäe JMoiid hilt, Mond hui Das Sazit eûtes ZudOvecsuchs îàc Jewdetl Elimar Kobielczinski war von langer Gestalt, verfügte Über weißblondes Haar und wasserblaue Augen, hatte Rassenkunde getrieben und war entschlossen, seine wertvolle biologische Erbmasse so teuer wie möglich an den Mann..., Verzeihung: an die Frau zu bringen. Und so hielt er Mustc- rung im Kreise der ihm bekannten Jungfrauen: die Ursel war zwar ein rassiges Geschöpf, aber leider von irgendeiner wertlosen Niederrasse, die sich in brünettem Teint und schwarzem Kraushaar manifestierte. Hildegund, die Rötliche mit den Sommersprossen, schien gleichfalls verdächtig, bei der langen Rita störte ihn eine semitisch gebogene Nase, und so blieb eigentlich nur Dietelinbe mit ihren wonnig semmelblonden Zöpfen, die sie zu dicken Knoten aufgesteckt trug. Als gar ein gemeinsamer Badeausflug Elimar davon überzeugt hatte, daß die Brüste seiner Erwählten, weit von jeder Ellipsenform, sich zu strammen Halbkugeln wölbten, zögerte er nicht, ihr einen Heiratsantrag zu machen, der in- des weniger aus einer Liebeserklärung, als aus einem raffe- kundlichen Vortrag bestand. Indem Elimar, aufs Knie ge- funken, die rassischen Perspektiven ausmalte, die aus der Vereinigung zweier so gleichgeschaltet nordischer Erbveranla- gungen sich ergeben mufften, weckte er Dietelinbes helle Be- geisterung, die sich schließlich, nach beendigtem Vortrag ihres Freiers, in dem Ausruf entlud:„Und er soll Adolf heißen!" Adolf erschien, zwar etwas später als erwartet, immerhin noch vor Ablauf des ersten Ehejahres. Ueber dem verrun- zelten Gesicht des Neugeborenen leuchtete der ersehnte blonde Flaum. Nur die Augen enttäuschten, sie waren nicht von blauer, sondern von brauner Farbe. Elimar gab dieser Umstand einen kleinen Stich. Hatte doch sein Vater, der Butter- und Käsehändler Paul Kobielczinski— erstes Ge- schüft am Platze—, trotz gutem sonstigen Aeuffern es auch nur zu einer rehbraunen Iris gebracht, die zum Glück bei Elimar dank seiner Mutter, Frau Anna Kobielczinski, geb. Lieckefett, bläulich aufgenordet worden war. Aber bei dem kleinen Adolf lag zweifellos ein bedauer- licher Fall des sogenannten Atavismus vor. des störenden Sich-bemerkbar-machens eines Ahnen, wobei die Iris des Kleinen sogar noch um eine Schattierung dunkler ausge- fallen war als die seines Großvaters. Immerhin und Haupt- sächlich: das Haar des Sprößlings war blond wie das seiner Eltern und aller vier Großeltern. Bald nach der Taufe seines Stammhalters mußte Elimar auf Geschäftsreisen gehen. Im Privatberuf, da man von der Rasseveredlung allein leider nicht leben kann, betrieb er näm- lich eine Agentur in Webwaren. Erst nach Monaten kehrte er von der Tour heim. Sein erster Gang war an die Wiege des Kindes, aber mit einem Schrei der Empörung drehte er sich um:„Das ist nicht mein Sohn!" Etwas Entsetzliches war geschehen: Adolfs blonde Haare waren dunkel geworben. Und sie wurden von Monat zu Monat dunkler, bis sich nicht mehr verhehlen tfeß, daß sie schwarz waren. Es gab eine furchtbare Szene zwischen den Ehegatten. „Deine Mutter hat mit einem Juden gehurt!" brüllte Elimar seine Frau an. „Unerhört," heulte Dietelinbe,„deine war es! Ueber- Haupt, wo sie noch voriges Jahr in Warenhäusern gekauft ^Elimar lud beide Schwiegermütter zu peinlichem Verhör. Die Damen, nicht weit von fünfzig, seit ihrer Schulzeit mit- einander befreundet, daher innerlich spinnefeind, besonders seit der Heirat ihrer Kinder, saßen angrifsslustig in den Plüschseffeln von Kobielczinskis guter Stube einander gegen- über Elimars Mutter dürr und spitz, seine Schwiegermutter fast die Seitenlehnen des Sessels mit ihrer Fülle ansein- anderpresscnd. Nebenan lallte der Säugling seine ersten "Elimars Mutter begriff zuerst worum es sich handelte. Sie streckte drei Finger ihrer Knochcnhanb gegen die andere und piepste spitz: „Aha, der Postabjunkt." Die Schwiegermutter Elimars wollte losfahren, aber Hrau Anna Kobielczinski ließ sich nicht beirren: Streite doch nicht ab, meine Liebe, zwei Jahre hat er mâ^ als Zimmerherr bei deinen Eltern gewohnt. Natürlich ist etivas zwischen euch gewesen, das redet mir niemand aus. Aus de! Kehle von Tietelinöes Mutter rangen„ch un- artikulierte Laute. Ihr fettes Gesicht lief rot. dann v.olet an Aber schließlich fand sie doch die Spiachc wieder, und schrie ein paarmal von Ersticknngsanfällen unterbrochen, rchihr'end die unförmigen Arme hilflos durch b.e Luft ruder- ten, als griffen sie nach einem Halt. Und du- uih— du willst mir das sagen, 100— mh— die aarne Stadtuih- Herne noch weiß, daß du vor dreißig a i" ,. i()_ die Sache mit dem Leutnant- Uih- ge- Nt hast'und'daß Me alte Hebamme- uih- die Akorny- "'Lri f' C^°^°Not"verhinderte Elimar ein Handgemenge. ^M.t knapper Not verhind-n^^«'cht sonderlich klärend. Die Deputationi gM^&fr« cutna„ t/„och einige da weder der P(ç VSCU aer von Elimar und Dietelinbe, °udere mutmaß! che^ r heit langer Jahrzehnte wieder die jetzt uus eer-^>u,utes verdächtig schienen. Aller- auftauchten, semitischen Bl- Schmach des Bördings schworen beide Frau^,da^g^"^ andern damals vor so früh in die Erscheinung tretend— gräßliche künstige Di- mensionen anzunehnien drohte. Er wollte sich auch nach dem Mißlingen seines ersten Zuchtvcrsuches auf einen zweiten nicht einlassen, ehe nicht die Ursache des ersten Fehlschlagcs aufgeklärt sei. Da seine Geschäftsreisen ihn drei Viertel des Jahres von Hause fernhielten, so wurde ihm die Durchfüh- rung dieses Vorsatzes nicht allzu schwer. Bis er eines Tages in einem Gasthof zu Oschersleben, in dem die Reisenden zu übernachten pflegen, einen Brief mit verstellter Schrift vorfand, die ihm doch irgendwie bekannt vorkam. Der anonyme Absender teilte ihm mit, baß seine Frau in seiner Abwesenheit ausfallend häusig den Besuch des Sturmbannführers Greßner erhalte, und zwar gehe das schon von Beginn der Ehe an. Die beiden seien aus früherer Zeit miteinander bekannt... Elimar kannte den Sturmbannführer. Es war das ein breitschultriger, brutaler Klotz mit stur-schwarzer Haarbürste und funkelnden, tückischen Augen. Ein fürchterlicher Klum- pen von Nase entstellte sein Gesicht, sie war ihm— wie die eines Boxers— ein paarmal bei Prügeleien eingeschlagen worden. Die Sage ging jedoch, daß sie vordem groß und ge- bogen gewesen sei, fast wie die eines Juden... Jedoch hätte niemand gewagt, die arische Abstammung des Sturmbannführers in Zweifel zu ziehen. Nicht allein, weil mit diesem Athleten schlecht Kirschenessen war. Nein, Greßner stand obendrein bei dem Gauleiter in hoher Gunst und es ging das Gerede, daß nicht nur dieser, sondern sogar noch höhere Führerpersönlichkeiten von Greßners unverbrüchlichem Schweigen abhingen. Gegen Greßner angehen, das hieß drei Tage Folterung im Quartier der Stabswache mit an- schließendem Konzentrationslager auf sich nehmen. Dies bedachte auch Elimar und er hütete sich wohl, unan- gemeldet heimzukehren. Im Gegenteil: als er diesmal, nach- dem er sich durch Klopsen überzeugt hatte, daß er nicht störe, das heimische Schlafzimmer betrat, ging er zum erstenmal seit langer Zeit wieder an das Bettchen, in dem der Kleine schlief, wobei er murmelte:„Blond hin, blond her. Auch unser Führer Adolf Hitler sagt, daß er nicht von der Rasse auf die Gesinnung, sondern von der Gesinnung auf die Rasse schließe." Und behutsam entkernte er einen braunen Glacehandschuh von der Bettdecke des Kleinen, den jemand dort hatte liegen lassen. Mucki. „Zu Bescheiden" In der Basler„National-Zeitung" lesen wir diese Glosse: „Der Reichspropagandaminister Wöbbels hat in Bayreuth der Welt am Radio eine neue beachtenswerte Rangordnung im Reich der Musik verkündet. Danach ist Deutschland das „klassische Land der Musik" und die„Melodie hier jedem Menschen eingeboren". In der Musik selbst gibt es vier große künstlerische Genies: Bach, Mozart, Beethoven und Wagner. — Demnach gehören Händel, Gluck, Haydn und Schubert offenbar zu den kleineren Propheten. Von den vier großen aber ist Wagner der allergrößte. Schluß! Jeder Widerspruch wäre unhöflich. Und die Begründung? Die Tatsache, daß er die Tetralogie des Rings der Nibelungen komponiert hat, niemals ermüdend oder gar langweilend isagt Göbbelsj, hebt Wagner„an die Spitze aller musikalisch-schöpferischen Menschen" überhaupt. Da kann man nichts machen, und die Liebhaber der Matthäuspassion, des„Fidclio", des„Don Gio- vanni" und gar die in der Täuschung Befangenen, daß die klassische Symphonie- und Kammermusik den höchsten Gipfel des abendländischen musikalischen Schafsens darstelle, haben sich zu bescheiden. Zu bescheiden!" Dort der Galgen, hier die Stricke Und des Henkers roter Bart, Bolk herum und gist'ge Blicke— Nichts ist neu dran meiner Art! Kenne dies ans hundert Gängen, Schrei's euch lachend ins Gesicht: „Unnütz, unnütz, mich zn hängen! Sterben? Sterben kann ich nicht!" Bettler ihr! Denn euch zum Reibe Ward mir, was ihr— nie erwerbt: Zwar ich leide, zwar ich leide— Aber ihr— ihr sterbt, ihr sterbt! Auch nach hundert Tobesgängcn Bin ich Atem, Dunst und Licht— „Unnütz, unnütz, mich zu hängen! Sterben? Sterben kann ich nicht!" Friedrich Nietzsche(Taschenausgabe Bd. Vi, S. 40b.) Thomas Theodoc TCeine Nachher haben sie ihn noch beraubt Ist es nötig, über den Maler und Grafiker Heine, den Begründer und geistigen Führer des„S i m p l i z i s s i- m u s", Anerkennendes zu sagen? Sein Name, sein Stil, sein Witz und seine Angriffslust sind seit drei Jahrzehnten weltbekannt. Jede Woche erschienen seine bildgewordenen Rand- bemerkungen zur Zeitgeschichte, die das Unmoralische der Bürgermvral, das Unsoziale der sozialen Zustände, die Dummheit des Standes- und Stammesdünkels und das Lächerliche im lauten Getriebe der Politik, der Wirtschaft und der Kunst in einen immer fertigen, gültigen, angenehm unpathetischen Umriß brachten. Jede Woche erschienen sie.„Erst in dem wunderschönen Frühling 1033 wurde dieser Tätigkeit ein gewaltsames Ende gesetzt, weil ich mich nicht gleichschalten ließ." Heine schreibt es im Vorwort zum Katalog der Ausstellung, die jetzt die Galerie Dr. Feigl in Prag veranstaltet, und er erklärt bort auch, warum er, der jetzt in Prag als Ver- triebener lebt, nur einen kleinen Teil seines Werkes hier zeigen kann. Weil ihm nämlich die braunen Banditen den größten Teil seiner Arbeiten geraubt haben. Heine drückt das viel vornehmer aus. Kein Wort fällt über den schmählichen Verrat, den seine Mitarbeiter vom „Timplizissimus" an ihm begangen haben. Dieser vom Schicksal hart getroffene Altmeister der Karikatur ist von einer Noblesse, die sternenhoch über der tierischen Wut seiner braunen Verfolger steht. Wer seine Werke kennt, der weiß, daß diese geistige Feinheit, gepaart mit Könnerschaft, Witz, Mut und Menschenkenntnis, der Wesenskern seines Schaf- fens ist. Dec ßekocatiansmatez Wie in Buchhändlcrkreisen erzählt wirb, ist das bekannte kleine„Konversationslexikon" von K n a u r sBerlin 1032) nicht vergriffen, trotzdem es der Verlag bc- hauptet. sondern die Firma wagt da? Werk nicht auszu- liefern, weil unter dem Stichwort„Hitler" folgendes zu lesen steht: „Hitler, Adolf, 20. 4. 1889 in Braunau fOberöstcrr.), Dekorationsmaler, Begr. der Nationalsozialist, dtsch. Ar- bciterpartei." Wie wärs, wenn der Verlag statt„Dekorationsmaler" das Wort„Kunstmaler" einsetzen würde? QeßCec=n 12 Uhr morgen« bis 12 Uhr nachts. laoflQtf ipne aipnx sip*si»ivai|i uiap tpttf •zarj pan Suesof) uauoij^rn .»V»»»q3io-rV9l*l»8 P°»<1V US P J I u» ij g aoA ,