and drollo@eixe pmignidad din sjalticds die toit did Nummer 81 ம Freihei 1. Jahrgang Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Freitag, 22. Sept. 1933 Chefredakteur: M. Braun Man muß nicht alles aufrührerisch sein lassen, was die Blut- 14 hunde aufrührerisch schelten. Denn damit wollen sie aller Welt das Maul und die Faust binden, daß sie niemand weder mit Predigen strafen noch sich mit der Faust wehren soll und sie ein offenes Maul und eine freie Hand behalten. Martin Luther. Reichsgericht hat begonnen Der erste Prozeßbericht aus Leipzig Der Beginn des Prozesses gegen die angeblichen Reichstagsbrandstifter in Leipzig zeigt eine Monstreschau allerersten Ranges. Die Anklageschrift umfaßt 35 Bände. Dieser gewaltige Umfang beweist, daß der Oberreichsanwalt Werner sich nicht auf die Untersuchung der eigentlichen Tat beschränkt, sondern daß der Hauptzweck des Prozesses nicht ein juristisches Urteil, sondern eine politische Demonstration ist. Es soll mit allen Mitteln vor der Welt der Beweis geführt werden, daß Deutschland am 27. Februar unmittelbar vor einer fommunistischen Revolution gestanden und Europa in Hitler und Göring die Retter vor dem Bolschewismus dankbar zu grüßen hat. Darum hat man, was ein ungewöhnlicher Vorgang ist, auch Vertretungen verschiedener ausländischer Staaten eingeladen. Selbstverständlich ist der Andrang von Journalisten und Zuhörern außerordentlich groß. Niemals sind bisher bei einem Prozeß vor dem Reichsgericht soviele Pressekarten ausgegeben worden. Dußente Fernsprechzellen wurden für die Berichterstattung im Hause eingebaut. Ein Teil des Prozesses soll durch Rundfunk übertragen werden, ein Beweis mehr für die rein propagandistischen Absichten. Umfassende Sicherheitsmaßnahmen sind getroffen. Die Führung des Prozesses liegt in den Händen des Senatspräsiden= ten Bünger. Das schon jetzt für das Gebäude des Reichsgerichtes bestehende Fotografierverbot wird strengstens gehandhabt werden. Jeder Besucher der Verhandlung muß sich am Eingang einer genauen Durchsuchung nach Waffen unterziehen lassen. Für die Dauer des Prozesses ist der Luftraum über der Stadt Leipzig zum Luftsperrgebiet erklärt worden. Das Ueberfliegen ist nicht nur strafbar, sondern würde auch mit den schärfst n Mitteln verhindert werden, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Das äußere Bild Dem Prozeß wohnen ebenfalls Frau Torgler und ein Stiefbruder van der Lubbes, T. C. Peute, bei. Die Zuschauerpläße im Saal und auf der Empore sind im Nu besetzt, ebenfalls die Pressepläße. Beim Richtertisch, aber auch in der gegenüberliegenden Zuschauerempore find Telefone, Filmapparate und mächtige Scheinwerfer eingebaut. Alle Tische find mit grünem Tuch bespannt. Vor dem Platz des Vorfizzenden des Oberreichsanwaltes, der Angeklagten und der Berteidiger find in flachen Köpfen Mikrofone montiert. Wenige Minuten vor 9 Uhr flammen die Scheinwerfer auf. Durch eine kleine Tür links neben dem hufeisenförmigen Tisch des Gerichtes erscheinen die Angeklagten: Zunächst der Holländer van der Luppe in blauer Gefängniskleidung mit Fesseln an den Händen, der in der ersten Reihe zu den Presseplätzen hin Plaz nimmt. Rechts und links von ihm fitzen ein Polizei- und ein Justizwachtmeister, neben ihm fist Ernst Torgler, der nicht gefesselt ist und seinen Zivilanzug trägt. Ebenso sind die Bulgaren in ihrer Zivilkleidung erschienen. Während van der Luppe vor sich hinstarrt, sehen die anderen Angeklagten im Saal umher. Vor den Angeklagten haben inzwischen die Verteidiger Plaz genommen, das ständige Mitglied der Anwaltschaft beim Reichsgericht Seuffert, vor dem Hauptangeklagten van der Lubbe, Rechtsanwalt Dr. Sack vor Torgler und Dr. Teichert vor dem Bulgaren, die in der zweiten Reihe der Angeklagtenbank untergebracht sind. Dann betritt der Oberreichsanwalt in weinroter Robe den Saal, dem in schwarzer Robe Oberlandesgerichtsdirektor Parrisius assistiert. Durch eine hinter dem Richtertisch gelegene Tür, auf die fofort alle Scheinwerfer gerichtet werden, betritt der Gerichtshof um 9.10 Uhr den Saal, an der Spize Senatspräfident Dr. Bünger, alle in der roten Robe mit dem weißen Bäischen Die Zuschauer erheben sich von ihren Pläßen und grüßen den Gerichtshof mit erhobener Rechte. Der Prozeß um die Reichstagsbrandstifter, auf den die ganze Welt mit Spannung gewartet hat, hat seinen Anfang genommen. Um 9.15 Uhr erscheint das Gericht unter Führung des Senatspräsidenten Dr. Bünger im Saal. Prozeßbeteiligte und Publikum erheben sich von den Pläßen und begrüßen das Gericht mit dem deutschen Gruß. Senatspräsident Dr. Bünger eröffnet die Verhandlung und führt einleitend aus: Das ungeheure Ausmaß des Ereignisses, das den Hintergrund dieses Verfahren bildet, hat dazu geführt, daß der Gegenstand der Untersuchung in der Presse aller Länder leidenschaftlich mit einer alle anderen Geschehnisse zeitweise überichattenden Eindringlichkeit behandelt worden ist. Man hat sich vielfach bemüht, das Ergebnis des noch schwebenden Verfahrens vorwegzunehmen. In einem solchen Verfahren und am wenigsten mit einer vorgefaßten Meinung einzugreifen ist bisher nie üblich gewesen. Nicht nur in der deutschen sondern auch in der Justiz anderer Länder. Das zur Entscheidung berufene Gericht kann dieser Streit der Meinungen nicht berühren. Nur was in diesem Saale zur Verhandlung kommt, nicht was von unberufener Seite außerhalb geschieht, hat für die deutsche Rechtsprechung Bedeutung. Das Bild der Verhandlung, fuhr der Senatspräsident fort, zeigt schon, daß die Oeffentlichkeit nicht nur Deutschlands ohne jede Beschränkung zugelassen ist. Ich brauche nicht her= vorzuheben, daß die Verteidigung der Angeklagten dem deutschen Recht und dem Brauch entsprechend unbedingt frei ist. Wenn Stimmen laut geworden sind, welche die Ablehnung der Zulassung ausländischer Verteidiger einer schweren Kritik unterzogen, so muß ich darauf hinweisen, daß nach dem deutschen Gesetz die Zulassung ausländischer Verteidiger nur eine Ausnahme darstellt und daß das deutsche Gericht keine Veranlassung sah, im Rahmen seiner unbeschränkten Ermessensfreiheit auch Gesuche zu genehmigen, die nach seiner Ueberzeugung nicht ausschließlich den Interessen der Angklagten zu dienen bestimmt waren, sondern nicht frei waren von dem Gedanken der Aussaat und Förderung von Mißtrauen gegen die souveräne deutsche Gerichtsbarkeit. Das Gericht tritt dann in die Verhandlung ein. Der Präsident ruft die aus der Untersuchungshaft vorgeführten Angeklagten auf, die nacheinander aufstehen. Der Angeflagte Torgler verbeugt sich dabei vor dem Gericht. Weiter werden die Verteidiger und die beiden Dolmetscher für die holländische und bulgarische Sprache aufgerufen. Als Sachverständiger ist zunächst nur Geheimer Medizinalrat Dr. Bonnhöfer anwesend. Von den 120 Zeugen sind zum ersten Verhandlungstage nur sechs geladen, einige Polizisten und Hauptwacht meister, sowie ein Wohlfahrtspfleger. Sie werden auf die Bedeutung des Eides hingewiesen und dann vorläufig wieder entlassen. Präsident Bünger teilt noch mit, daß etwa vom 11. Oktober ab die Verhandlungen im Reichstagsgebäude in Berlin stattfinden. Im übrigen erklärt er noch, daß das Reichs: gericht immer ruhig, sachlich und ohne Störung und auch ohne Aufregung verhandelt ha be. Er hoffe, daß auch diesmal dieser Brauch beobachtet werde Er hoffe, daß auch diesmal dieser Brauch beobachtet werde und daß keine Unzuträglichkeiten vorkommen. Vor dem Reichsgericht verhandelte Prozesse seien immer mehr oder weniger bedeutsam und würden troßdem sachlich durchge= führt. Er erwarte, daß auch keine Aeußerung der Billigung oder Mißbilligung, auch nicht der Verwunderung gehört würden. Schließlich bringt der Präsident noch den Wunsch zum Ausdruck, daß zwischen den Verhandlungspausen der Saal nicht verlassen werde. Der Präsident vereidigte dann die beiden Dolmetscher für die holländische und bulgarische Sprache. Die Dolmetscher stellen nach Befragen der Angeklagten fest, daß van der Lubbe wenig Deutsch versteht, Dimitroff und Popoff noch weniger und Taneff überhaupt nicht. Nachdem die Dolmetscher den Angeklagten furz den Inhalt der einleitenden Ansprache des Vorsitzenden übersetzt haben, wird der Eröffnungsbeschluß verlesen. Danach werden sämtliche Angeklagten beschuldigt, durch ein und dieselbe fortgesezte Handlung zum Teil gemeinschaftlich es unternommen zu haben, die Verfassung des Deutschen Reiches gewaltsam zu ändern. Es wird ihnen also Hochverrat vorgeworfen. Die Reichstagsbrandstiftung ist nach dem Eröffnungsbeschluß begangen worden in der Absicht, durch diesen Brand begünstigt, einen Aufruhr zu unternehmen. van der Lubbe wird außerdem Brandstiftung im Wohlfahrtsamt Berlin- Neukölln, ferner die des Rathauses und des Stadtschlosses vorgeworfen. Auch diese Brandstiftungen sollen in der Absicht begangen worden sein, einen Aufruhr zu unternehmen. Die Straftaten fallen nicht nur unter das Strafgeset, sondern für die Beurteilung der Angeklagten wird auch die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schuße von Volk und Staat und das neue Gesetz über Verhängung und Vollzug der Todesstrafe herangezogen. Van der Lubbe spricht deutsch Der Vorsitzende weist dann darauf hin, daß der Angeklagte van der Lubbe, nachdem er das Verteidigungsangebot des Holländischen Rechtsanwaltes Pauwels erhalten hatte, eine schriftliche Erklärung abgegeben hat, die folgendes besagte: Ich wünsche feinen Verteidiger; ich will mir die Sache auch nicht noch einmal überlegen. Ich bleibe vielmehr endgültig dabei, daß ich keinen Verteidiger haben will. Senatspräsident Bünger bittet, den Angeklagten van der Lubbe zu fragen, eb er diese Erklärung freiwillig abgegeben hat. Van der Lubbe bejaht es. Rechtsanwalt Dr. Seuffert stellt fest, daß van der Lubbe seine Erklärung am Montag erneut abge= geben hat, ebenso als Rechtsanwalt Stomps mit einem Antrage an den Angeklagten herantrat. Senatspräsident Bünger erklärt darauf: Ich stelle gegen: über Nachrichten, daß diese Erklärung des Angeklagten tünstlich herbeigeführt worden sei unter einem gewissen Zwang, fest, daß nach den eigenen Erklärungen des Ange: flagten dies nicht der Fall ist, sondern daß es sich um eine freie Erklärung des Angeklagten handelt, der gesagt hat, er wolle überhaupt nicht verteidigt sein. Als dann zur Vernehmung des Angeklagten van der Lubbe über seine Personalien geschriten wird, läßt dieser durch den Dolmetscher mitteilen, daß er auch ohne den Dolmetscher mit dem Gericht selbst verkehren könne. Der Angeflagte nimmt darauf unmittelbar vor dem Richtertisch Aufstellung und wird von dem Vorsitzenden befragt. Van der Lubbe gibt seine Antworten mit ganz leiser Stimme und ist außer vom Gerichtstisch kaum im Saale vernehmbar. Selbst der Oberreichsanwalt, der seinen Platz unmittelbar neben dem Ge richtstisch hat, bittet den Angeklagten, lauter zu sprechen, da auch er ihn faum verstehen könne. Aus der Vernehmung ergibt sich, daß der Vater des Ange flagten Kaufmann ist. Einen Teil seiner Jugend hat der Angeflagte in einer Erziehungsanstalt verbracht. Er hat die Volksschule besucht, und erklärt, daß er ein guter Sch it= Ier gewesen sei. Er erlernte das Maurerhandwerk und ist auch als Maurer tätig gewesen, ohne daß es zu einem festen Arbeitsverhältnis gekommen wäre. Etwa im Jahre 1928 erlitt er einen Unfall, bei dem ihm Kalk in die Augen spritzte. Seit dem Unfall bezog van der Lubbe eine Rente von sieben Gulden. Im Dezember 1918 ist er zum ersten Male in Deutschland gewesen. Später ist er dann nach Holland zurückgekehrt und hat auch einmal Frankreich besucht. Senatspräsident Dr. Bünger Der Vorsitzende im Reichstagsbrandprozeß Ein kleiner, rundlicher Herr, macht er in dem roten Talar feine allzu gute Figur. Er ist kein Nationalsozialist, eher kann man ihn als einen lezten Manchesterliberalen bezeichnen. Jahrelang war er Mitglied der Deutschen Volkspartei, die im Jahre 1926 ihn in das sächsische Kabinett Held als Justizminister entsandte. Bünger war schon frühzeitig in den Justizdienst eingetreten. In seinen jungen Jahren amtierte er als Staatsanwalt in Frankfurt am Main. Die mit ihm zu tun hatten, sagen ihm nach, daß man nicht behaupten fönne, er besize jene Forschheit, die den Staatsanwälten des wilhelminischen Zeitalters und auch jetzt des dritten Reiches" das Gesicht geben. Mit peinlicher Genauigkeit achtete er darauf, daß die durch die Strafprozeßordnung gestellten Kautelen erfüllt werden. Sein juristisches Können war über dem Durchschnitt, und so stieg er vom Staatsanwalt über den Landgerichtsdirektor und Oberlandesgerichtsdirektor zum Senatsprästdenten am Leipziger Reichsgericht. Als das kleine Land Mecklenburg- Strelit seine große Sensation hatte, weil strifte Unterlagen dafür vorlagen, daß der polnische Landarbeiter Jakubowski am 15. Februar 1926 zu Unrecht hingerichtet wurde, berief man Bünger zum Gutachter in diesem verzwickten Fall. Die Täter hatten vor der Polizei im tai 1928 ein Geständnis abgelegt, aber der Oberstaatsanwalt Müller meinte, sie hätten sich geirrt, und sie wurden entlassen. Bünger fand die sorgsam gesichteten Spuren vollkommen verschüttet. In monatelanger Arbeit versuchte er diesen Kriminalfall zu rekonstruieren und erstattete sein Gutachten, das die Neuaufrollung des Falles Jakubowski forderte. Forderte, weil er Zweifel an der Schuld Jakubowskis hatte. Die geheimrätliche provinzielle Atmosphäre Leipzigs tat ihm wohl. Er war ein geachteter und umgänglicher Mann. Im Deutschen Haus in Leipzig konnte man ihn, wenn er amtierte, fast täglich mit seinen Reichsgerichtsräten sehen, und die Fama erzählt, daß Bünger ein sehr gemütlicher Mann sein könne. Am 3. November 1932 eröffnete Bünger den Wiederaufnahmeprozeß gegen den wegen Landesverrats zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilten Oberlagerverwalters Walter Bullerjahn. Vier Wochen konnte man hier Bünger bei den Verhandlungsführung beobachten. Einmal schien es so, als ob er mit allen Mitteln auf die erneute Verurteilung Bullerjahns hinsteuere. Aber der Schein trog. Mit großer Peinlichkeit und großer Ausdauer ließ er den Prozeß abrollen. Die Verteidigung, die in den ersten Tagen gehemmt schien, konnte sich frei entfalten. Und Bünger fannte bei der Verhandlungsführung keine Rücksicht, er suchte nur das Recht. Eine Begebenheit wird erzählt, die für die Beurteilung dieser Persönlichkeit wesentlich erscheint. Die Oberreichsanwaltschaft hatte für Bullerjahn erneut 12 Jahre Zuchthaus beantragt. Das Gericht hatte sich zu stundenlangen Beratungen zurückgezogen. Oberreichsanwalt Werner wünschte Bünger zu sprechen. Er ließ sich bei ihm unter allerlei Vorwänden melden, aber Bünger ließ ihm zweimal sagen, daß er während der Beratung für ihn nicht zu sprechen sei. Dieser Mann kann nicht danach beurteilt werden, daß er Angebote ausländischer Juristen, die Angeklagten zu verteidigen, abgewiesen hat. Aber wenn er die Zivilcourage gehabt hat, Bullerjahn freizusprechen, trotz des starken Druckes, obwohl Herr Major Himmler als Sachverständiger des Reichswehrministeriums diesen Freispruch für unmöglich hielt, so möchte man hoffen, daß Bünger in dem kommenden schwierigsten Prozeß seines Lebens nur der Stimme des Rechts folgen wird. Würde Bünger aber nur ihr Gehör zu schenken, brauchen, so dürfte man um das Schicksal der An geklagten nicht besorgt sein Wirtschaftsplan des Gemeinschaft zu schaffen zwischen der Reichsregierung und Volkskanzlers" Statt Vierjahresplan sundung hochkapitalistische Geus chand Am Mittwoch tagte in Berlin der Generalrat der Wirt. schaft. Vormittags stand er unter dem Vorsitz des Reichswirtschaftsministers Dr. Schmitt vom Allianz- Konzern, nachmittags unter dem Vorsitz des Reichskanzlers höchst selbst. Nimmt man dazu die Tatsache, daß der Generalrat nahezu durchweg aus Großindustriellen, Bankiers und Großagrariern besteht, so kann man sich vorstellen, wie der hier vorgeschlagene Wirtschaftsplan der Reichsregierung" aussieht. Daß auch Herr Dr. Ley, der„ Führer den Männern, die in der praktischen Wirtschaft stehen. Fast liefen den abgehärteten Männern der praktischen Wirtschaft die Tränen über die Wangen. Endlich erreicht! Nach so vielen Kämpfen! Reine Arbeiterbewegung, keine Gewerkschaften mehr. Unser Freund Thyssen regiert die Stunde und die Tarife. So sah man denn am Schluß dieser Tagung des Generalrats ein hinreißendes Bild der neuen Gemeinschaft zwischen der Reichsregierung und den Männern der Wirtschaftspraxis. Der Vorstand des Reichs standes der deutschen Industrie, Herr Dr. Krupp von Bohlen gelobte feierlich rückhaltlose und bedingungsloſe Unterstüßung. Der alte Urstand der Natur ist wiedergekehrt, freilich im anderen Sinne, als es Schiller meinte. Es ist der Zustand zwischen den Herrn und den Sklaven, mit der neuen Variante, daß ihn ein„ Bolkskanzler" sichert, der jede Erhebung der Sklaven mit Hilfe seiner Prätorianergarden in braun und in schwarz unterdrückt. Sieg des schwarzen Faschismus der deutschen Arbeitsfront", daran mitwirken durfte, ist Dollfuß schifft die gemäßigten Kabinettsmitglieder aus eine groteske Jronie, woran die braune Wirtschaftspolitik im Zeichen des„ Sozialismus" täglich reicher wird. Dieser Generalrat der Wirtschaft beschloß: 1. Gesun. bung der Kommunalfinanzen und Konsolidierung der kurzfristigen Schulden durch starke Entlastung von Wohlfahrtsausgaben. 2. energische Weiterführung der Arbeitsbeschaffung. 3. Lösung der„ Starre" auf dem Geld und Kapitalmarkt. Wie sieht diese„ Gesundung" im einzelnen aus? Vorschläge, die die Städtetage und andere zentrale kommunalpolitische Körperschaften zur Behebung der Finanznot der Gemeinden wiederholt gemacht haben, werden jetzt als Allerneuestes und Allerbestes ange= priesen. Es erfolgt nichts als eine Umorganisierung der Lastenverteilung durch Gründung eines Umschuldungsverbandes, der die deutschen Gemeinden von ihrer Sorge um die kurzfristigen Schulden etwas befreien soll. Dieser Umschuldungsverband soll den in ländischen Gläubigern kurzfristiger Forderungen Schuldverschreibungen anbieten, die mit 4 Prozent verzinst und vom 1. Oktober 1936 ab mit 3 Prozent jährlich ersparter Zinsen getilgt werden sollen. Wie aber soll dieser Zinsendienst erfolgen? Man nimmt aus der einen Tasche, um es der anderen zu geben: Das alte Rezept des verlästerten vormärzlichen Systems ohne die Spur eines eigenen und eines neuen Gedankens. Der Reichsfinanzminister soll nämlich die rückständigen Beiträge dem Umschuldungsverband überweisen und von den Steuerüberweisungen an die Länder abziehen, falls die Gemeinden mit ihren Leistungen im Rückstand bleiben. Kurz, jede Finanzpartie wird wie bisher an der Decke ziehen und jeder wird sie zu kurz werden. Freilich, die Hitlerregierung hat einen Trumpf in der Hand. Sie hat alle Vollmachten und alle Möglichkeiten, die Gemeinden weitgehend von den Woh Ifahrtslasten zu entlasten", wie Herr Dr. Schmitt mörtlich sagte. Es gibt keine Arbeiterorganisation mehr, die imftande ist, solchen hochkapitalistischen Plänen Widerstand zu leisten. Dr. Ley, der sogenannte Führer der Arbeitsfront, wird seine Hand hochheben, um Maßnahmen au sanktionieren, die Hunderttausende dem langsamen Hungertode ausliefern. Herr Dr. Schmitt von der Allianz, sein Generalrat und der Reichskanzler sind sich einig darüber, daß die Fähigkeit der unteren Schichten, zu dulden und zu hungern, unbegrenzt ist und neue Belastungsproben durchaus erträgt. Nicht weniger erfreut wird die Privatwirtschaft mit dem Plan der neuen Arbeitsbeschaffung sein. Der Reichsfinanzminister foll 500 Millionen Reichsmark zur Förderung von Instandsegungs- und Ergänzungsarbeiten an Gebäuden, für die Teilung von Wohnungen und für Kleinigkeit gegenüber den neuen Privilegien für die Landwirtschaft, lies: den Großgrundbefit. Es erfolgt hier eine Festsetzung der Umsatzsteuer auf 1 Prozent und eine Herabsehung der landwirtschaft lichen Grundvermögenssteuer ab 1. Oktober 1933 um einen Jahresbetrag von 100 Millionen Mark. Das ist eine neue Osthilfe von unerhörten Ausmaßen. Denn man muß diesen Privilegien noch die Preisfigie rungen für Roggen und Weizen durch Herrn Darre hinzufügen. Man will zwar auch den Kleinwohnungsbau burch Steuerbefreiung fördern. Hier werden aber wohl weislich keine näheren Angaben gemacht und keine Zahlen genannt. Umbauten zur Verfügung stellen. Das ist aber nur eine Brechung der 3insknechtschaft!" Dr. Schmitt gab in seinen Betrachtungen über die künftige Gestaltung des Kapitalmarktes eine wirksame Illustration dazu. Der Geldmarkt soll leistungsfähiger werden! Das Vertrauen der Effektenbefizer auf dem Gebiet der festverzinslichen Werte soll gestärkt werden! Die Reichsbank foll gewisse zentrale Befugnisse erhalten, die im einzelnen noch durchgearbeitet werden. Alle diese Pläne sollen sich aufbauen auf einer Erhaltung des Lohn- und Preisniveaus, in seinem Gesamtdurchschnitt". Das schließe jedoch, so sagte der Herr Reichswirtschaftsminister, eine " Auflockerung" auf dem Gebiete der Lohnund Preisgestaltung in vereinzelten Fällen nicht aus. Das Inkasso der Schwerindustrie und der Bankmagnaten hat begonnen. Sie bringen eine reiche Ernte in die Scheuer. Gine Opposition, die wirksam ihre Stimme erheben kann, ist nicht mehr vorhanden. Das Parlament als Tribüne der Anklage und der Verantwortung ist ausgeschaltet. Um so munterer strömt den neuen Macht habern die rethorische Floskel von der endlich geschaffenen, wahren und echten Bolksgemeinschaft von den Lippen. " Tragen Sie, meine Herren vom Generalrat, diese Gebanken in das deutsche Volk hinaus, dann ist kein 3 meifel, daß das Endziel unseres gemal figen Kampfes erreicht wird." Stürmische 3u stimmung der Herren von der Industrie und von den Bankenkonsortien. Desselben Beifalls hatte sich vor diesem erlesenen Kreise auch der Reichskanzler zu erfreuen, ber am Abend erschien und über Wege und Aufgaben der Wirtschaft im nationalsozialistischen Staat" sprach. In den verflossenen acht Monaten sei, so sagte er wörtlich, ein starkes Postament geschaffen worden, auf dem die Wirtschaft stehen kann. Je zt könnesie wieder auf lange Sicht disponieren, weil bei dieser Regierung nicht die Gefahr bestehe, baß sie morgen oder übermorgen nicht mehr da sei. Der Sinn des Generalrats der Wirtschaft sei der, eine Die Gegensätze, die sich in den letzten Tagen insbesondere zwischen dem Vizekanzler Winkler, der in gewissen Grenzen verfassungsmäßiges Vorgehen vertrat, und dem Bundesfanzler Dollfuß öffentlich aufgetreten waren, sind rasch geklärt worden. Winkler und zwei weitere Minister sind aus dem Kabinett ausgeschieden und durch Männer eines stramm klerikalen faschistischen Kurses ersetzt worden. In der Nacht zum Donnerstag ist in Wien amtlich bekanntgegeben worden: Wien, 21, Sept. Nach 3 Uhr früh wird folgende Ministerliste des umgebildeten Kabinetts Dollfuß bekannt: Bundeskanzler, Minister für Aeußeres, für Heereswesen, Sicherheitswesen und Landwirtschaft: Dr. Dollfuß; Vizetanzler: der bisherige Sicherheitsminister Fey; Finanzen: Dr. Buresch wie bisher; Handelsminister: Stockinger wie bisher; Unterrichtsminister: Dr. Schuschnigg wie bisher; Minister für soziale Verwaltung: Schmit. Aus dieser Liste geht hervor, daß die bisherigen Minister In zehn Jahren werde man wieder nach dem Parlamentarismus rufen. Heute müsse er ausgeschaltet werden. Ich erwiderte:„ Man ist im Auslande auch über die Möglichkeit beunruhigt, daß Oesterreich völlig unter Mussolinis Einfluß gerät. In französischen Kreisen sagt man: Italien und Desterreich werden durch unsere Kredite ge= halten und trotzdem besteht die Gefahr eines antifranzö sischen Blocks, der im gegebenen Augenblick vollendet werden tönnte durch den Beitritt Deutschlands. In einer solchen Situation würden Differenzen zwischen Desterreich und Deutschland schnell vergessen sein." Der Minister schien meine Einwände überhört zu haben und vollendete die Antwort auf die vorangehende Frage: ,, Diese Zeit ist für ganze Lösungen überhaupt nicht reif. Daß man solche in Deutschland versucht, erscheint mir besonders unheilvoll." Landesverteidigungsminister Baugoin, Bizekanzler Winkler Warum Winkler stürzte und der Sozialminister Dr. Körber aus dem Kabinett aus= scheiden. Vielleicht geben über die Linie der Regierungsumbildung am besten Bemerkungen des im Kabinett verbliebenen Unterrichtsministers Dr. Schuschnigg Aufschluß, die er gegenüber einem Vertreter der Basler National- Zeitung" gemacht hat. Schuschnigg gilt als der geistige Kopf der Regierung. Die National- Zeitung" berichtet: Ich verwies auf die Rede des Heimwehrenführers Starhemberg am Denkmal seines Ahnen und gegenüber dem Rathause der Stadt Wien, in welcher der Bundeskanzler zur Verjagung der sozialistischen Verwaltung der Stadt Wien aufgefordert wurde.„ Eine solche Rede riecht nicht nur start nach Staatsstreich, sondern auch nach offenkundigem Faschismus." Auf diesen Einwand gab Dr. Schuschning die merkwürdige Antwort:„ Wenn Sie den Fürsten Starhemberg einen Faschisten nennen, so können Sie ebensogut den Bundeskanzler als solchen bezeichnen." Dann erklärte er: Das Parlament habe in seiner jetzigen Form ausgespielt. Es sei eine Institution geworden, in der nicht der Wille des Volkes zur Geltung tomme, sondern in der die Parteifunktionäre dominierten. Die entscheidende Stelle der Rede, die Vizekanzler Winkler in Graz vor der nationalständischen Front gehalten hat, lautete: Wir bekämpfen aber auch jenen Staatssozialismus, der von rechts kommt und als Austrofaschismus schmade hafter gemacht werden soll. Und das wünschen wir mit aller Gründlichkeit auszusprechen, wir bekämpfen den Nationalsozialismus nicht deshalb, um dem Austro= faschismus die Wege zu ebnen. Der jetzt zum Vizekanzler avancierte Sicherheitsminister Fey, der Vertreter der Heimwehren in der Regierung, erklärte demgegenüber: Gerade mit Rücksicht darauf, daß zur felben Zeit an anderen Stellen Reden gehalten wurden, die den Eindruck erweden tönnten, daß man vielleicht wieder zu alten, verweichlichten und untauglichen Formen zurüds tehren könnte, soll mit aller Deutlichkeit betont werden, daß davon natürlich gar keine Rede sein kann. Im Gegenteil: Der Wind wird in Defterreich noch viel schärfer wehen als bisher.... Fey hat über Winkler gefiegt. Um die Kontroll- Formel Lebhafte französich- englische Verhandlungen Deutsche Meinungen Das Berliner Conti- Büro schreibt: Durch die unprogammmäßige Rückkehr Edens nach London ist der Schwerpunkt der Vorbesprechungen wieder nach Downing Street verschoben worden. Daß der heutigen außerordentlichen Sizung des britischen Kabinetts eine besondere Bedeutung beigemessen wird, ergibt sich auch aus der unerwarteten Herbeirufung Sir John Simons aus Balmoral, die insofern von Interesse ist, als der Außenminister sich durch seine Reise zum englischen König ausdrücklich zunächst von der gesamten Erörterung distanzierte. Darüber, daß die Besprechungen zwischen England und Frankreich an einem kritischen Punkt angelangt sind, können auch die beiderseits laut werdenden Pressestimmen nicht hinwegtäuschen, die von einem allerdings gedämpften Optimismus getragen sind. In der„ Times" heißt es zwar, der Abstand zwischen den Ansichten beider Regierungen sei nicht mehr so groß als früher, aber das Blatt schränkt seine Auffassung, daß die britische Regierung den französischen Anregungen günstiger gegenüberstehe, durch pflichten, nach Ablauf einer festgeseßten Periode tatsächliche den Zusatz ein, Frankreich müsse sich bereits jett fest ver= Rüstungsverminderungen vorzunehmen. Der wahre Gegensatz zwischen England und Frankreich bleibt also nach wie vor bestehen. England kämpft auch weiterhin um die Anerkennung des Macdonaldplanes, d. H. um den Grundsatz der Abrüstung selbst. Frankreich dagegen ist weniger denn je geneigt, die ihm durch den Sinn und flaren Wortlaut der Verträge auferlegte Pflicht zur tatsächlichen mengenmäßigen Abrüstung zu erfüllen. Dabei wird in Paris auch der Bersuch gemacht, die Haltung der amerikanischen Regierung gegen England auszuspielen. Für ein solches Unternehmen bietet aber die Erklärung, die Norman Davis gestern in Paris überreicht hat, offenbar feine wirkliche Grundlage. In thr wird im Gegenteil der bekannte amerikanische Standpunft erneut dargelegt, wonach ein Abrüstungsabkommen nur durch die Initiative der europäischen Staaten herbeigeführt werden kann. Der amerikanische Vertreter hat die Darlegung der Franzosen zur Kontrollfrage zwar angehört, dazu aber felbft nicht Stellung genommen. Vielmehr hat er ausdrücklich eine Beteiligung Amerifas an irgendwelchen Sanktionen abgelehnt. Diese, wie auch die übrigen gestern in Paris ge= führten Besprechungen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß für den weiteren Verlauf der Diskussionen jezt das Ergebnis der Zwischenkonferenz in London entscheidend ist, allerdings nur im Rahmen der englisch- französischen Vorbesprechungen. Denn die Sache der Abrüstung ist, wie sich sowohl aus der Fünfmächte erklärung vom 11. Dezember 1982, wie auch aus dem Viermächtepa ft ergibt, eine Angelegenheit, die nicht ohne Deutschland er= ledigt werden kann. Was auch immer das Ergebnis der derzeitigen Erörterungen von London und Paris sein wird, erst in Genf wird darüber entschieden werden, ob die notwendige Lösung der Abrüftungsfrage entsprechend dem flaren und berechtigten Standpunkt Deutschlands zustande= kommt oder ob sie in der Tat an dem immer deutlicher werdenden Widerwillen Frankreichs, feinerseits den ihm oblie= genden Teil der Abrüstungsverpflichtungen und damit einen wirklichen Beitrag zur Entspannung der internationalen Armosphäre zu leisten, scheitert, Die italienische Presse Die italienische Presse verfolgt mit der größten Aufmerk famkeit die Entwick.ung der Pariser Besprechungen am Vorabend der Abrüstungskonferenz. Die offizielle Veröffentlichung, welche die Begegnung zwischen dem italienischen Regierungschef und dem Gra= fen von Chambrun, dem französischen Botich after mitteilt, ist durch die Abendblätter in großer Aufmachung wiedergegeben worden. Der Pariser Korrespondent der Tribuna" schreibt, daß die unvorhergesehene Reise des Ünierstaatssekretärs Eden nach London dessen als sicher angekündigten Besuch in Rom fraglich erscheinen lasse. Er führt dann aus: " Wenn man die Lage objektiv prüft, ist es leicht, die Gründe zu ahnen, die einen derartigen Programmwechsel rechtfertigen würden. Die offizielle Bekanntmachung von gestern, gerade in ihrer Bemühung um Milderungen, ließ die außerordentliche Schwierigkeit ahnen, auf nelche die Unterhändler in ihren Versuchen stießen, die Meinungsverschiedenheiten auszuräumen. Die Größe des Gegensages erschien Oberst Eden so groß, daß sie ihn veranlaßte, die Verhandlungen augenblicklich abzubrechen, um sich mit seiner Regierung in Verbindung zu seßen. Dagegen muß er geglaubt haben, daß zwischen der italienischen und englischen Melnung eine beinahe völlige Uebereinstimmung bestehe und daß unter diesen Umständen seine geplante Begegnung mit dem Duce weniger wichtig erscheine als die Fortsetzung seiner Anstrengungen, zwischen den Kabinetten von Paris und London zu vermitteln." Aber derselbe Korrespondent gibt Auszüge aus der französischen Presse, die der Ansicht ist, daß infolge der diplomatischen Besprechungen zwischen Paris und Rom die fran= zösischen und italienischen Standpunkte einander näher gekommen zu sein scheinen. Diese Atmosphäre des Vertrauens und des Verständnisses wird übrigens von den im allgemeinen am besten unterrichteten Kreisen bestätigt. ,, Lavoro Fascista" schreibt: „ Wenn die Lage auch schwierig und verwickelt ist, so ist es nicht unmöglich, daß unvorhergesehene umstände die Haltung gewisser Delegationen ändern fönnen." Das Blatt macht dann eine Anspielung auf den Viererpaft: „ Er hat," behauptet es, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den vier europäischen Größmächten verstärkt, neue Möglichkeiten der Verständigung geschaffen insbesondere im Hinblick auf die Abrüstung. Er kann ein entscheidendes Mittel sein, die verwickeltsten und schwierigsten Fragen von vornherein ins Reine zu bringen und zu löser. Bei der nächsten Gröffnung in Genf würden dann die vier Mächte auftreten, nachdem sie bereits sich über die verschiedenen Fragen geeinigt hätten, was die schwere Aufgabe der Konferenz, eine allge. meine Verständigung herbeizuführen, erleichterte." Blutzeugen Morde und„, Selbstmorde" Abgeordneter Engelbert Graf Von einem deutschen Sozialisten, der aus dem Konzentras tionslager Oranienburg flüchten und sich über die französische Grenze retten konnte, erfährt das„ Volksrecht", daß vor kurzem der im gleichen Konzentrationslager eingeferkert gewesene Georg Engelbert Graf von Nazis ermordet worden ist. Die Mörder haben auch in diesem Fall versucht, ihre schenßliche Bluttat mit einer Lüge zu decken, indem sie vorgaben, Graf sei an Herzschwäche" ge= ftorben. Tatsächlich sei aber, so versichert der deutsche Flüchts ling, Engelbert Graf von seinen Kerkermeistern auf graus jame Art ums Leben gebracht worden. * Wir veröffentlichen diese Notiz der Insa mit der Aufforderung an die zuständige Stelle, sich sofort dazu zu äußern, wie es im Falle Faust geschehen ist. Georg Engelbert Graf hat als Schriftsteller und Dozent in der Sozialdemokratischen Partei Mitteldeutschlands eine viel beachtete Rolle gespielt. Er gehörte seit einer Reihe von Jahren dem deutschen Reichstag an. Abgeordneter Putz Berlin, 20. Sept. 1933.( Inpreß.) Wir erfahren aus absolut sicherer Quelle, daß der Kommunistische Reichstags= to open t Der ehemalige marristische Redakteur Dr. Solmiz hat fich in einem Konzentrationslager in einem unbewachten Augenblick erhängt. Dr. Sol mit hat als politischer Res dakteur am früheren„ Volksboten" die Lübecker Arbeiter: schaft zu Mord und Totschlag an ihren Volksgenossen aufs gehetzt. Das letzte Blutopfer dieses verantwortungslosen Handelns war der Nationalsozialist Meinen, der von den Reichsbannerlenten Kähding und Fick auf offener Straße abgeschlachtet wurde. Kähding und Fick wurden zum Tode verurteilt. Kähding beging vor wenigen Tagen- wie jezt der Anstifter Dr. Solmiz Selbstmord. Selbstverständlich hat weder der„ Volksbote" noch Dr. Solmiß jemals zum Mord und Totschlag aufgeheßt. Dr. Solmiß war überhaupt nicht„ Marxist" in dem Sinne, wie es Hohlköpfe auffassen, die nicht fähig sind, eine Seite der Bücher von Karl Marr zu begreifen. Dr. Solmik stand den religiösen Sozialisten nahe und war viel mehr Gelehrter als Politiker und nicht eben eine Kampfnatur. Daß er„ Selbstmord" verübt hat, bezweifeln wir aus genauer Kenntnis seiner Persönlichkeit. Wir setzen ihn auf die Mordliste der vom deutschen Reichskanzler dressierten braunen Banditen.. Wenn sein Leichnam nun von Gesindel bespien wird, so teilt er dies Schicksal mit vielen Märtyrern der Geschichte. abgeordnete Pug, der im Gefängnis Moabit gefangen ges Lieber tot als... halten wurde, in seiner Zelle tot aufgefunden wurde. Die Gefängnisleitung gibt„ Selbstmord" als Todesursache an. Put war Abgeordneter der KPD. Buzz war ein hochgebildeter Kleinbauer. Er befaßte sich Man schreibt uns: 66 Im April und Mai d. J. häuften sich die Selbstmorde insbesondere in den jüdischen Kreisen Deutschlands. Nachdem Londoner Urteil ,, Lubbe kein Kommunist- Torgler unschuldig". London, 20. Sept. Das Londoner Weltgericht hat heute das Welturteil über den Reichstagsbrand in folgendem Ausspruch festgelegt: 1. Van der Lubbe ist nicht nur kein Kommunist, sons dern ein scharfer Gegner des Kommunismus. 2. Die Kom= munistische Partei ist an dem Reichstagsbrand nicht nur nicht beteiligt, sondern er widerspricht nach jeder Richtung hin ihren Interessen. 3. Die Angeklagten Torgler, Dimitroff, Taneff und Popoff sind unschuldig und stehen mit der Reichstagsbrandstiftung in keinerlei Zusam= menhang. 4. Der Nationalsozialistischen Partei brachte der Reichstagsbrand alle Vorteile und sie allein konnte und hat von ihm profitiert. 5. Es ist ganz unmöglich, daß van der Lubbe den Reichstag allein angezündet hat. Nach Prüfung aller Umstände, Aussagen und Dokumente bleibt ur die eine Erklärung, daß die eigentlichen Brandstifter den unterirdischen Gang aus der Wohnung des Reichstagspräsidenten Göring in das Reichstagsgebäude benutt haben, was nur, und darauf deuten alle Unterlagen hin, mit Zustimmung der obersten Naziführer und auf deren Veran laffung hin geschehen konnte. Sie sind die eigent= lichen Anstifter zum Reichstags brand, den sie durch eine Truppe ihrer Privatarmee anlegen ließen. * Berlin, 21. Sept. Ueber den Abschluß des in London veranstalteten Prozesses" wegen der Inbrandsetzung des Reichstags meldete der Funkdienst von Renters Büro n. a.: " Nach den Schlußfolgerungen des Untersuchungsausschusses über den Reichstagsbrand sind die fünf Angeklagten nicht schuldig gesprochen worden." Einige Stunden darauf erfolgte anf dem gleichen Wege fol: gende Berichtigung: Es muß heißen: vier Angeklagte nicht schuldig, darunter nicht van der Lubbe. im Reichstage stets nur mit kleinbäuerlichen und Pächter in den späteren Monaten dann eine gewisse Abnahme ein Teure Heimat fragen. Auch über seine Fraktion hinaus genoß er megen seiner Sachlichkeit, die nur selten der kommunistischen Demagogie erlag, Ansehen. Schütz Vor dem Gegenprozeß in London war auch die Frau des ermordeten kommunistichen Abgeordneten Schütz erschienen. Sie hatte ihren 12jährigen Sohn bei sich. Frau Schüß schil: derte die Ermordung ihres Mannes, der sich seit dem Reichs: tagsbrand verborgen halten mußte: Ein Mann, der seinen Aufenthalt kannte, wurde solange von der Polizei und SA. gefoltert, bis er die Wohnung, in der ihr Mann sich aufhielt, bekannt gab. Es wurde auf direkte Anordnung des Oberpräsidenten Koch, der auf der Straße stand, ein ganzer Häuserblock umstellt und Schüß gefunden. Er wurde in grauenhafter Weise mißhandelt, die Haare ausgerissen, ununterbrochen ge= schlagen, fast jeder Knochen gebrochen; er wurde mit Waffer begoffen, wenn er bewußtlos war. Im Krankenhaus ist er dann gestorben. Verlumpte Journalistik Die„ Saarbrücker Zeitung", die von denen im Reiche ausgehalten wird und gekauft ist, auf deren Schultern die Verantwortung für den deutschen Blutsumpf lastet, berichtet unter der Ueberschrift„ Das schlechte Gewissen marxistischer Heßzer": getreten war, ist in den letzten Wochen eine ganz erhebliche Steigerung der Selbstmorde wieder eingetreten. Bekanntlich ist es der gesamten deutschen Presse verboten, in Todesanzeigen Selbstmorde mitzuteilen. Wer aber zur Zeit die deutsche Presse verfolgt, dem fällt die Häufung von Todesanzeigen jüngerer Menschen auf; die Fassung der Anzeige läßt schon den Selbstmord vermuten, der dann durch Nachforschen sich bestätigen läßt. Abgesehen von den bekannten Fällen von Prof. Alsberg, Prof. Förster- Greifswald, Direktor Knöpfte usw. haben allein in der letzten Woche über 50 Angehörige des Mittelstandes durch Selbstmord geendet, u. a. der Berliner Arzt Dr. Max Isaak, das Hamburger Ehepaar Brodsmeyer, der bisherige Mannheimer Geheimrat Dr. Hebling u. a. Die Steigerung der Selbstmordepidemie ist eine direkte Folge des Naziregimes und ihrer Maßnahmen gegen alle, die nicht Nazis find. Auch ein ,, Selbstmord" In einer Wirtschaft in Elmshorn saßen mehrere SA.. Leute und schimpften auf die Marristen. Bei der erregten Gegenrede der übrigen Gäste konnte auch ein Eisenbahnbeamter aus Altona nicht anders, als den Nazis den Spiegel vorzuhalten. Nachdem er geschildert hatte, wie er unter der Regierung Hermann Müllers gelebt hatte und wie er unter Hitler leben muß fielen die SA.- Leute über ihn her und schleppten ihn unter Mißhandlungen in das Gefängnis des Amtsgerichtes. Aus der Zelle ist der Bedauernswerte nicht wieder zurückgekehrter soll Selbstmord begangen haben! Laßt sie hungern! noord Das Rezept des dritten Reiches" für die Opfer der Krise Halbamtlich wird aus Berlin gemeldet: Die Reichsregierung hat ein Gesetz über Aenderung der Arbeitslosenhilfe hoitoffen, das zunächst die Herausnahme der Land- und Forstwirtschaft sowie der Binnenfischerei einschließlich der Teichwirtschaft und der Küstenfischerei aus der Arbeitslosenversicherung bringt. Mit der Befreiung von der Versicherungspflicht entfällt für die Arbeitgeber und Arbeitnehmer der betreffenden Berufe die Pflicht, Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zu zahlen. Bei der Erleichte rung, die das Gesetz hiernach den betroffenen Arbeit gebern bringt, muß erwartet werden, daß diese Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer in diesem Winter weitgehend durchhalten werden. Soweit Arbeitslose dieser Berufe bis zum 30. Dezember d. J. die Anwartschaft auf die Leistungen der Arbeitslosenhife bereits erworben haben, werden ihre Ansprüche durch die Neuregelung nicht berührt. Der Begriff der Landwirtschaft ist in dem Gesez genau umschrieben. Dabet ist die bisher umstrittene Frage, ob der Gartenbau zur Landwirtschaft zu rechnen ist, in bejahendem Sinne entschieden. In weiteren Vorschriften wird die Finanzierung der Arbeitslosenhilfe zum Teil neu geregelt. Während die Aufwendungen der Krisenfürsorge bisher zu vier Fünftel in Zunkunft nicht mehr zur Versicherung Zugelassenen wer den als Erwerbslose nicht mehr mitgezählt. So sinkt„ erfreulich" die Zahl der Erwerbslosen. In brutalster Weise werden auch die Leistungen gesenkt. Die Gemeinden brauchen nun zur sogenannten Krisenfürsorge nichts mehr beizutragen. Da aber auch die Reichsanstalt unmöglich die gesamten Kosten übernehmen kann, wer den eben die Glendssäße der Krisenfürsorge noch mehr gedrückt. Die Leistungen der Gemeinden für die Wohlfahrtserwerbslosen werden herabgesezt und so begrenzt, wie es die Finanzen der Gemeinden zulassen. Nur wer eine Vorstellung von dem Elend der Wohlfahrtserwerbslosen in den deutschen Städten hat, wird voll begreifen, für rieviele Männer, Frauen und Kinder die neuen Einschränfungen die langsame Vollstreckung eines Todesurteils bedeuten. Der ganze Schwindel der Wirtschaftsbelebung ist aufgedeckt. Die Hitler und Göring, die sich in prunkvollen Festen gefallen und dafür das Geld zu Millionen Mark hinauswerfen, hungern die Massen des deutschen Volkes aus. Das dritte Reich" ist eine Hungerdiktatur. das Reich und zu einem Fünftel die Gemeinden getragen Für Prunkbau 30 Millionen haben, fallen die Kosten der Krisenfürsorge fünftig der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenver: ficherung zur Last. Endlich ist die Eigenlast der Gemeinden für die anerfannten Wohlfahrtserwerbslosen für die Zeit vom 1. Oktober 1933 bis 31. März 1934 auf monatlich 26% Millionen Reichsmart festgesetzt. Durch diese Bestimmung werden die bisherigen Lasten der Gemeinden für diese Aufgaben entsprechend dem dringenden Bedürfnis der Gemeinden herabgesezt und, um den Gemeinden die Aufstellung eines klaren Haushaltes zu ermöglichen, für die nächste Zeit fest begrenzt. Das Gesetz soll am 1. Oktober 1933 in Kraft treten. Das bedeutet, daß in Zukunft ein sehr wesentlicher und Berlin, 21. Sept. Der Reichskanzler besichtigte gestern in den Räumen der Reichsbank die Pläne für den Reichsbankneubau und erteilte dem von der Reichsbank beabsichtigten Vorgehen, insbesondere auch in städtebaulicher Hinsicht, seine Zustimmung. Damit ist die Durchführung der sogenannten größeren Lösung sichergestellt, die die Verlängerung der Jägerstraße bis an die Spree und die Schaffung eines großen Reichsbankplatzes vor dem Neubau vorsieht. Die Reichsbank wird nunmehr sofort an die Ausführung des Projektes herangehen, zumal durch diesen Bauauftrag von mehr als 30 Millionen Reichsmart auch dem Arbeitsmarkt eine neue Hilfe zuteilt wird. nach Millionen zählender Teil der deutschen Arbeiterschaft für Arbeitsstreckung aus der Arbeitslosenversicherung ausgeschlossen bleibt und auf Almosen oder auf den guten Willen der Unternehmer angewiesen ist. Nur diejenigen, die sich schon längere Zeit in der Versicherung befinden, bleiben einstweilen von diesem Schicksal bewahrt. Die neue Maßnahme bedeutet nicht nur die wachsende Verelenduna aroßer Arbeiterschichten, sondern ermöglicht auch die nötigen Korrekturen der Arbeitslosenstatistik. Die aus der Versicherung Hinausgeworfenen oder Die Wirtschaftsgemeinschaft Düsseldorfer Arbeitgeberverbände hat ihren Mitgliederfirmen dringend empfohlen, trob etwa entgegenstehender betrieblicher Schwierigkeiten und troß der Opfer, die von den Beteiligten gebracht werden müssen, die durchschnittliche 40stündige Arbeitszeit einzuführen, soweit es die betrieblichen Verhältnisse nur irgendwie gestatten. In der Rubrik„ Aus der schlesischen Heimat melden die„ Breslauer Neuesten Nachrichten" an einem einzigen Tage( am 7. September 1933) folgende Ereignisse: Brieg: In ein Konzentrationslager überführt wurden nach Verbüßung einer längeren Freiheitsstrafe drei entlassene Gefangene der hiesigen Strafanstalt wegen fortgesetzten staatsfeindlichen Verhaltens. Haynau: Bei verdächtigen Personen wurden Haussuchungen vorgenommen. Fahnen, Mitgliedskarten und Schriften der SPD. wurden beschlagnahmt Bunzlau: Hier ist man einer verbotenen politischen Vereinigung auf die Spur gekommen, die sich hinter dem Namen„ Skatklub" verbarg. Die nötigen Maßnahmen wurden ergriffen. Marklissa: Der am 18. August in Schußhaft genommene Zahnarzt Dr. Scheißa mußte nach 13tägigem Hungerstreik ins Krankenhaus überführt werden. Landeshut: Der zweite Bürgermeister von Landeshut, Fechner, ist auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Dienst entlassen worden. Görliz: Der Direktor der Ruscheweyh- AG., Langenöls, Karl Fischer, wurde in seiner Görlizer Wohnung mit seiner Geliebten festgenommen und in Schuzhaft überführt. Ratibor: In Wellendorf wurde der 24jährige Maurer Franz Wochnik von einem unbekannten Täter erschossen. Bei der Belegschaft der Gasmotoren- Werke in Köln- Deus ist von seiten des Fabrik- und Metallarbeiterverbandes schon seit längerer Zeit nicht mehr kassiert worden. Grund: Es läßt sich beim besten Willen kein Arbeiter finden, der die Kassierung der gleichgeschalteten Verbände vornimmt. Die Arbeiter, deren Namen die Anschlag= tafeln verzeichnen und denen die Kassierung obliegen soll, behaupten, von einer Ernennung zum Kassierer nichts zu wissen. des Kölner In einem Ortsgruppenbefehl „ Stahlhelm 3" wird den Kameraden befohlen, zu jedem angesetzten Dienst pünktlich zu erscheinen. Die Anwesenheit wird durch Listenführung kontrolliert. Wer dreimal bei einer Uebung gefehlt hat, wird zwecks Ausschluß aus dem Gau gemeldet. Ausgeschlossene Stahlhelmer" fönnen in feine andere nationale Formation aufgenommen werden, da schwarze Listen geführt werden. Die Ausgeschlossenen werden nicht nur politisch isoliert, sondern auch wirtschaftlich boykottiert. ..Lieber jüdische Konfektion!" Deutsche Mode im ,, dritten Reich" Der deutsche Korrespondent von Het Volt" schreibt: In den Auslagen der Konfektionsgeschäfte prangen neue Kleider. Der Winter ist im Anzug und damit die neuen Modelle. In so gut wie allen Schaufenstern mit Kleidern sieht man ein Schildchen mit der Aufschrift: Modell aus dem Institut für deutsche Mode. Bei Nachfrage kriegt man die Antwort:„ Ja, wir müssen diese Modelle bringen, aber große Begeisterung besteht bei den Kunden nicht dafür." Eine solche deutsche Modeschöpfung ist charakteristisch durch: sehr lang und mit Puffärmeln". Die Puffs reichen bis zum Ellbogen. Der Halsausschnitt ist liliputhaft flein. Und die Bluse ist auf mehr Füllung berechnet, als Berliner Damen im allgemeinen lieben. Der ganze Typ ist nicht sehr originell. Ein solches Kleid sieht aus wie zwei Tropfen Wasser auf eine allgemein bekannte Frauengestalt, die auf allegorischen Abbildungen früher niemals fehlte: Frau Germania. Ueber den Geschmack soll man nicht streiten, aber ich muß sagen, daß ich Frau Göbbels, eine der geschmackvoll ge= kleidetsten Damen von Berlin, begreifen konnte, als sie den Vorsitz beim Institut für deutsche Mode niederlegte. Eine Dame, die ein solches Kleid anprobierte und voll Schreck wieder auszog, ließ sich die Worte entfallen: O nein, dann halte ich mich lieber an die jüdische Konfektion. Und die arische Verkäuferin antwortete: mein Mann ist Jude. Er ist dreißig Jahre, noch ein junger Kerl und er hat nicht mehr den geringsten Lebensmut. Er hat natürlich nichts mehr zu tun, geht nicht mehr vor die Türe, weil er sich nicht anpöbeln lassen will. Und was wir Angestellten verdienen, ist auch nicht mehr viel. Es wird nicht mehr gekauft, und alles wird teurer." Das ist eine von den vielen tausend Kleinigkeiten, die ein Auslandskorrespondent im dritten Reich" jeden Tag auf seinem Weg erlebt. Dr. Richard Kern: broj Die Schlacht gegen die Arbeiter " Führerprinzip" in der Wirtschaft werden es die Nationalsozialisten bald völlig verwirklicht haben! Durch die Stillegung der Gewerkschaften, durch die Bändigung der nationalsozialistischen Betriebszellen sind die Unternehmer in einer Weise Herren im eigenen Haus geworden, wie es die reaktionärsten Scharfmacher nicht mehr zu hoffen gemagt hätten. Im größten europäischen Industriestaat gibt es für die Arbeiterschaft kein Arbeitsrecht mehr: die Arbeiterschaft ist nicht nur politisch, sondern auch sozialrechtlich etwa euf den Stand von 1830 zurückgeworfen, in die Zeiten des Frühkapitalismus zurückversetzt. Obwohl kaum mehr als ein halbes Jahr seit Hitlers Machtergreifung verflossen ist, zeigt sich schon sehr deutlich, wie diese Entrechtung die Tendenz hat, sich in Verelendung umzusehen. Die Tarifverträge sind offiziell zunächst in Kraft geblieben. Aber die Verteuerung der Lebenshaltungskosten, insbesondere für wichtige Lebensmittel wie die Fette, bedentet allgemeine Senkung des Reallohnes. Die Preissteigerung setzt aber auch auf anderen Gebieten, z. B. bei den Textilien, verstärkt ein. Denn die nationalsozialistische Wirtschaftspolitif ist direkt auf die Forderung der Kartelle eingestellt, und die Preiserhöhungen werden als Zeichen der Wirtschaftsbe= lebung begrüßt. Der gleichbleibende Geldlohn bedeutet also verringerte Raufkraft. Dazu kommt ein anderes: sollen die Tarifverträge nicht nur auf dem Papier stehen, so muß ihre Einhaltung ständig von den Gewerkschaften kontrolliert werden. Diese Ueberwachung ist jetzt fortgefallen. Der einzelne Arbeiter steht jetzt Verlegungen seines Rechts fast hilflos gegenüber. Je länger der gewerkschaftslose Zustand anhält und die„ Arbeitsfront" ist nichts anderes als die Form der Aufhebung der Gewerkschaften desto mehr werden die Tarifverträge ausgehöhlt und umgangen werden. Eine grausame Jronie aber ist es, daß den Arbeitern augenblicklich am übelsten mitgespielt wird durch die Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit. Natürlich bedeutet die allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich für die in Arbeit Befindlichen eine Lohnsenfung, und der Rückgang der Lohnsteuer beweist, daß dadurch das Einkommen immer zahlreicherer Arbeiterschichten unter das steuerliche Existenzminimum von 100 Mart im Monat herabgedrückt wird. Was ursprünglich gedacht war als ein Aft der Solidarität der Arbeiter mit ihren arbeitslosen Brüdern, wird durch einen Bund der kapitalistischen Scharfmacher mit den nationalsozialistischen Stellenjägern zu einem teuflischen Mittel der Zermürbung der ganzen Arbeiterklasse. Mit jener efelhaften Gründlichkeit, die den nationalsozialistischen Sadismus auf allen Gebieten auszeichnet, wird die berühmte„ Arbeitsschlacht", der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, zu einer wahren Schlacht ge= gen die Arbeiter. Das System des Vorgehens wird immer deutlicher sichtbar. Im ersten Stadium wurden marxistische Arbeiter von den verbündeten Scharfmachern und Stellenjägern in möglichst großem Umfang durch Nationalsozialisten und Gelbe ersetzt. Ebenso wurden die durch die Arbeitsstreckung freigewordenen Stellen für diese Leute reserviert. Nun gesellte sich zu Scharfmachern und Stellenjägern als Dritte im sich zu Scharfmachern und Stellenjägern als Dritte im Bunde die Bürokratie der Arbeitsämter und der kommuna= len Wohlfahrtsfürsorge, die ja gleichfalls unter nationalsozialistischer Leitung steht. Jezt begann eine neue Art von Menschenjagd. Treiberin war zunächst die fommunale Bürofratie. Die Kommunen find bankrott, und dieser Bankrott verschärft sich von Tag zu Tag. Auf dem Nürnberger Parteitag hat der Staatsfommissar für Berlin, Dr. Lippert, schon offen zugegeben, daß nichts übrig bleibe, als den tatsächlichen Bankrott auch ganz offen zu erklären und eine allgemeine zwangsweise Zinssenfung von Reichs wegen zu statuieren. Denn die Gemeinden müßten rund zwei Drittel der arbeitsfähigen Arbeitslosen als Ortsarme nach den Grundsätzen der Armenpflege betreuen. Der immer wieder angekündigte organisatorische und finanzielle Neuaufbau der Arbeitslosenhilfe sei bisher nicht möglich gewesen. Und da sich Lippert offenbar von dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit auch für die Zukunft nicht allzuviel verspricht, fordert er eben die Entlastung der Gemeinden auf Kosten ihrer Gläubiger. Schon steht der erste Konkurs einer großen preußischen Stadt bevor. Dortmund soll unter einen Treuhänder der Gläubiger gestellt werden, der über alle finanziellen Maßnahmen zu entscheiden hat. Er soll für die gleichmäßige Befriedigung aller Gläubiger sorgen, und kann nach Sicherstellung der Gehälter und Wohlfahrtsausgaben selbständig städtisches Vermögen veräußern, was sicher allen Feinden der öffentlichen Wirtschaft zu großer Genugtuung gereichen wird. Es sind die Wohlfahrtslasten, die Dortmund erdrücken. Auch die Zinsherabseßung würde Industriestädte wie Dortmund nichts helfen. Denn selbst wenn alle Schulden gestrichen würden, bliebe Dortmund noch immer ein Defizit von 12 Millionen Mark. Es bleibe nur übrig Senkung der Wohlfahrtslasten und Rüdwanderung aufs Land. Unter diesem Druck hat die Wohlfahrtsbürokratie nicht nur die Arbeitslosenunterstüßung in eine armselige Armenpflege umgewandelt und diese Armenpflege fortschreitend verschlechiert, sondern sie ist auch zu dem Versuch übergegangen, durch äußersten Zwang, durch Entziehung der Unterstüßung, durch Drohung mit dem Konzentrationslager die städtischen, zum Teil hochqualifizierten Arbeiter und Angestellten in ländliche Zwangsarbeiter umzuwandeln oder in Arbeitsdienstlager abzuschieben. Aber diese Arbeitsschlachten" der Kommunen haben die Bürokraten der Reichsarbeitsämter auf den Plan gerufen. Wollen die Kommunen die langfristigen Erwerbslosen, deren Betreuung ihnen zur Last fällt, loswerden, so die Arbeitsämter die von ihnen in der Versicherung und Krisenfürsorge Unterstützten. Wie dabei vorgegangen wird, zeigt folgende amtliche Mitteilung des Arbeitsamtes Osnabrück: " Im Verlauf der großen Arbeitsschlacht hat sich heraus: gestellt, daß eine Anzahl von Unterstüßungsempfängern die ihnen zugewiesene Arbeit unter allen möglichen Vorwänden ablehnten. Das Arbeitsamt sperrt in jedem Falle den Unterstügungsbezug. Bei nachweislicher Arbeits verweigerung oder Arbeitsunluft wird außerdem veranlaßt, daß die notorischen Faulenzer in ein Kons zentrationslager übergeführt werden, damit Eine Milliarde Subvention ( Inpreß) Vor fast genau einem Jahre wurde von dem damaligen Reichskanzler und heutigen Bizefanzler Herrn von Papen der Steuergutschein" eingeführt. Die Einrichtung dieser Steuergutscheine lief praktisch darauf hinaus, daß den Unternehmern der größte Teil der Steuern auf Jahre hinaus gestundet wurde. Sie erhielten über jede abgeführte Steuersumme einen Gutschein, der von der Reichsbank in voller Höhe eingelöst wurde und erst in späteren Jahren angeblich zurückgezahlt werden sollte. Papen erklärte damals, daß die rund eine Milliarde Mark, die die Unternehmer auf diese Weise vom Reich ausgezahlt erhalten sollten, zur Ankurbelung der Wirtschaft und zur Beschäftigung neu einzustellender Arbeiter für zusäßliche Arbeit verwendet werden müßten. Der ganze Plan baute sich auf der Voraussetzung auf, daß eine Konjunkturbelebung bereits eingesetzt habe. Hamburg im Rückstand Rotterdam und Antwerpen im Vormarsch In198 Die Konjunkturwende ist bekanntlich nicht eingetreten. Jetzt teilt das Reichsfinanzministerium mit, daß seit Ende September 1932 für rund eine Milliarde Steuergutscheine ausgegeben worden sind. Das heißt, daß die fantastisch hohe Summe der Industrie aus den Mitteln des Reichshaushalts in bar ausbezahlt wurde. Diese Mittel aber, sagt das Reichsfinanzministerium, die für die Finanzierung zusäßlicher Arbeit bestimmt waren, seien hierfür nur zum allergeringsten Teil, ganz überwiegend aber zur Abtragung dringlicher Schulden" verwandt worden. Es handelt sich also um nichts anderes, als um eine verschleierte ungeheuerliche Subvention.„ Osthilfe" für die Agrarier,„ Westhilfe" für die Industrie, alles aus staatlichen Mitteln, und Winterhilfe" für die Arbeitslosen aus privater Wohltätigkeit: das ist nationaler Sozialismus". Mill. To. die Führung; Hamburgs Warenausgang hatte mit 3,8 Mill. To. und Bremens Versand mit 1,1 Mill. To. ungefähr die gleiche Höhe wie im Vorjahre. Die Schenk- und- Liebe- AG. Düsseldorf berichtet: Im neuen Geschäftsjahr sind einige bemerkenswerte Inlandsaufträge eingegangen, die für eine verkleinerte Beleg schaft für einige Monate Arbeit geben. Die Verwaltung ist der Ansicht, daß das Russengeschäft einer besonderen Pflege bedarf, da die Vorausseßungen für die übrige Ausfuhr noch nicht günstiger geworden seien. Um sich an der Arbeitsbeschaffung zu beteiligen, hat die Gesellschaft größere Instandseßungsarbeiten vornehmen lassen und sich an der durchschnittlichen 40- Stunden- Woche beteiligt. fonnten einige Einstellungen erfolgen. In Rotterdam und Antwerpen hat der Warenumschlag im ersten Salbiahr 1933 um 2 bzw. 7 Prozent gegen ,, Einige Einstellungen" das erste Halbjahr 1932 zugenommen; in Hamburg hat er um ein Prozent abgenommen. Hamburg hat im Gesamtumschlag, einkommend und ausgehend zusammen, zwar wieder an 2. Stelle hinter Rotterdam und vor Antwerpen gestanden, dabei aber ist Rotterdams Vorsprung sehr erheblich größer und Antwerpens Abstand wesentlich geringer ge= worden. Im ersten Halbjahr 1932 wurden in Rotterdam 9,87 Millionen Tonnen Waren umgeschlagen, in Hamburg fast ebensoviel: 9,84 Millionen Tonnen. Im ersten Halbjahr 1933 machte der Warenumschlag Rotterdams 10,15 Milltonen Tonnen aus, der Hamburgs aber nur 9,74 Millionen Tonnen! In Antwerpen wurden im ersten Halbjahr 1982 7,65 Millionen Tonnen Waren umgeschlagen, in Hamburg 9.84 Tonnen; im ersten Halbjahr 1933 ist Antwerpen mit 8,58 Millionen Tonnen Warenumschlag bereits aber wesentlich näher als im Vorjahr an Hamburg mit seinen 9,74 Millionen Tonnen herangekommen. Für die ersten sieben Monate des laufenden Jahres ergibt sich für den seewärtigen Wareneingang, daß Rotterdam mit 7,63 Mill. To. knapp vor Hamburg mit 7,58 Mill. To. gerückt ist( in den ersten sieben Monaten 1932 hatte Hambura 0,45 Mill. To. Vorsprung vor Rotterdam). An britter Stelle folat Antwerpen mit 5,56 Mill. To. und ichließlich Bremen mit 1.68 Mill. To. Im Warenausgang ist das Bild in den ersten sieben Monaten, verglichen mit der entsprechenden Zeit des Vorjahres, weniger verändert. Rotterdam behielt mit 4,5 mill. To. vor Antwerpen mit 4,8 Hierdurch ..... sonst werden wir wieder rot!" Aus Hamburg wird uns geschrieben: Zuletzt noch bei dem Aufmarsch der NSBO. in Altona. wo Ley sprach, wurden Schilder mitgeführt, auf denen zu lesen stand: Schafft uns Arbeit und Brot, sonst werden wir wieder rot!" Davon erzählte ein Meiereigehilfe einem Landwirtssohn, der auch SA- Mann ist. Die Folge war eine Strafanzeige. Der Angeklagte erklärte sich bei der Aeußerung nichts gedacht zu haben, er fümmere sich überhaupt nicht um Politit. Das Gericht glaubte ihm und verurteilte ihn deshalb auch nur zu einem Monat Gefängnis, weil er einen schlechten Scherz gemacht" habe! fie fich an Zucht und Ordnung gewöhnen. Gestern ist der erfte Unterstügungsempfänger dieser Art, ein gewisser H. M. aus Osnabrück, der Regierung zur Ueberführung in ein Konzentrationslager übergeben worden." Man sieht, das Konzentrationslager erfüllt im„ dritten Reich" nicht nur eine politische, sondern auch eine soziale Funktion von großer Wichtigkeit Aber mit alledem ist es noch nicht genug! In immer grö ßerem Umfange schickt man sich an, Arbeiter aus der Arbeit an werfen, ihnen die Unterstüßungberechtigung abzuerkennen und dafür bisher Unterstützte an ihre Stelle zu bringen. Dazu dient die willkürliche Erläuterung des Begriffs der " Doppelverdiener". Als Doppelverdienst soll jetzt nicht nur die gleichzeitige Ausübung zweier bezahlter Tätigfeiten durch eine Person und nicht nur die gleichzeitige Berufstätigkeit eines Ehemannes und seiner Frau gelten, sondern auch die Berufstätigkeit mehrerer Familienmitglieder. Wenn also zum Beispiel mehrere Familienmitglieder erwerbstätig sind, so sollen Familienmitglieder entlaffen merden, wenn keine Existenzgefährdung der gesamten Familie zu befürchten ist. Diese Arbeitsmarktpolitik soll jezt im westlichen Industriegebiet zur Durchführung kommen. Denn im Einvernehmen mit dem Präsidenten des Landesarbeitsamtes für Westfalen haben sich die Arbeitgeberverbände auf Anordnung Thyssens diese Grundsäße zu eigen gemacht. Die Entlaffenen erhalten feine Unterstügung. Eingestellt werden nur unterstüßte Erwerbslose, wobel, mie es ausdrücklich heißt, Mitglieder der NSDAP. mit den Nummern 1 bis 100 000 und Angehörige der SS., SA. und des Stahlhelms ein Vorzug einzuräumen ist. Und was ge= schieht mit den Entlassenen? Sie müssen von ihren Familien erhalten werden. Das Arbeitsamt spart die Unterstüßung, der Sozialetat wird entlastet und Herr Thyssen hofft auf Verminderung des für ihn bekanntlich unerträglichen" Steuerdrucks. Für die Erhaltung der Entlassenen sollen die letzten Reserven, die letzten Ersparnisse der Arbeiterschaft herangezogen werden. Denn, sagt Dr. Ordemann, der Präsident des Landesamtes Westfalen, auf die„ Bildung des Sparkapitals soll verzichtet und damit sollen die jetzt aus der Arbeit herauszunehmenden Mitglieder ernährt werden." Und wenn kein Sparkapital- im vierten Jahr der Krise - vorhanden ist? Dann müssen sie eben verhungern! Denn Sozialismus ist nach Dr. Ley Opferbereitschaft. Solange die Arbeiter in der Republik im Befiße ihrer politischen und sozialen Rechte waren, war das der Bourgeoisie abgerungene und stets hart umfämpfte System der Arbeitslosenunterstützung eine wichtige Errungenschaft, die nicht nur die Arbeitslosen selbst vor dem schlimmsten Elend be= wahrte, sondern auch die Stellung der Gewerkschaften auf dem Arbeitsmarkt und damit die erkämpften Arbeitsbedingungen der Arbeitenden in hohem Maße sicherte. Erst die Zerstörung des Arbeitsrechtes, der Raub jedes politischen Einflusses auch auf die Kommunalverwaltungen hat es ermöglicht, daß aus einem Mittel der Sicherung der Lebenshaltung ein Mittel der Zermürbung und Bersflavung der Arbeiter, daß aus der Arbeitsschlacht, dem Rampf gegen die Arbeitslosigkeit, im„ drit= ten Reich" eine Schlacht gegen die Arbeiter und ein Kampf gegen die Arbeitslosen geworden ist. Die deutsche Diamantschleiferel In dem von der„ Banque Nationale de Belgique" herausgegebenen Bulletin find interessante Angaben über die Verlagerung innerhalb der deutschen, belgischen und hollän dischen Diamantschleifereien enthalten. Danach wurden 1929 in Belgien 28 000, in Holland 6000 und in Deutschland 1000 Arbeiter in den Diamantschleifereien beschäftigt. 1982 ging deren Zahl in Belgien auf 5000 Mann zurück, in Holland auf 600 Mann, war dagegen in Deutschland auf 3500 Arbeiter gestiegen und Anfang 1933 auf 4500. Die an Deutschland vergebenen Aufträge stammten ausschließlich von in. Holland und Belgien ansässigen Industriellen. Infolge des antisemitischen Vorgehens der Naziregierung faßte die Diamantenbörse den Beschluß, Deutschland zu boyfottieren. Dieser Beschluß wurde von 90 Prozent der Mitglieder gutgeheißen mit folgendem Ergebnis: Mitte Juli 1938 stieg der Beschäftigungsgrad in den belgischen Schleifereien auf 10 000 Arbeiter, in Holland auf 1800 Arbeiter, während die Zahl der beschäftigten Arbeiter in Deutschland unter den Stand von 1929, auf 500 Mann, fiel. In diesem Zusammenhang ist ein Prozeß interessant, der in Antwerpen vor dem Handelsgericht anhängig ist. Die Kläger hatten den Beflagten einen Auftrag zur Diamantenschleiferei gegeben, den diese trot Verbotes in Deutschland ausführen ließen. Daraufhin erhielten die jetzigen Kläger vom Diamantenklub eine Strafe von 10 000 Fr., die öffentlich mitgeteilt wurde. Daraufhin klagte diese Firma wegen eines materiellen und moralischen Schadens gegen die Firma, die widerrechtlich in Deutschland die Diamanten schleifen ließ, auf 100 000 Franken. NSBO. ,, Nun sind Bonzen oben" Der Deutsche Baugewerksbund, die Gewerkschaft der Bauarbeiter Deutschlands, beschäftigte in seiner Zenteralverwaltung zur Zeit des„ kraffesten Liberalismus", als noch die „ fetten marristischen Bonzen" das Heft in der Hand hatten, achzig Angestellte. In dieser Anzahl ist auch der jüngste Kontorbote miteingerechnet. Unter der Herrschaft der braunen Volksbeglücker hat sich die Zahl der Angestellten auf 160 ( einhundertsechzig) erhöht. Der ijeßige Hauptbevollmächtigte erhält ein Gehalt von siebenhundert Reich 3mart pro Monat, dazu eine Aufwandsentschä= digung nach freiem Ermessen. Früher genügte zur Erledigung des Außendienstes ein Automobil, jetzt wurden außerdem fünf neue Wagen angeschafft. Schon an diesen Zahlen ist deutlich festzustellen, daß die fiegreiche Durchführung des Hitlerschen Arbeitsbeschaffungsprogrammes rustig voranschreitet. Wie herrlich wird es in Deutschland erst ausschauen, wenn Hitlers Vierjahresplan restlos durchgeführt sein wird. Weniger Juden weniger Arbeitlose Einer der Führer der Frankfurter Arbeitsfront" hat in einer Rede erklärt: Weniger Juden, das heißt: weniger Arbeitslosigkeit," Deutsche Stimmen Feuilletonbeilage der„ Deutschen Freiheit"* Freitag, den 22. September 1933* Ereignisse und Geschichten Weh Dic, daß Du ein Enkel bist" So sangen sie- so siegten sie Die Sippschaftstafel droht In einer Versammlung in Weimar machte der Präsident des Thüringischen Landesamtes für Rassenwesen, Dr. A st e I, Ausführungen zur Frage des Stammbaumes, der Nachfahrentafel usw. Er erklärte, daß die Sippschaftstafel, die aus den vier Großeltern und deren sämtlichen Nachkommen bestehe, allen anderen Tafeln vorzuziehen sei. Eine Ahnen- und Sippschaftstafel zu führen, werde in Zufunft allen zur Pflicht gemacht werden. Von jedem Volksgenossen werde aller Wahrscheinlichkeit nach eine Ahnentafel verlangt werden, die bis zurfranzösischen Revolution zurüdreichen müsse. Diese Tafel sei für die Vererbungsberatung sehr wichtig. Dadurch werde es unmöglich sein, daß jemand, ohne daß er es wisse, einen Judenmischling heirate. Dieser Raffe- Astel ahnt nicht, welche Bombe er in den Hegehof der deutschen Rasse geworfen hat. Die Unzucht vergangener Generationen, die Mischlingssehnsucht des verweichlichten 19. Jahrhunderts, der goldumzackte Ehehimmel und der jähe Seitensprung sie haben gemeinsam den nordischen Samen in die Ackerfurche minderrassiger Geschlechter geworfen. Die Sippschaftstafel wird es erweisen. Jest geht es nicht nur um die jüdische Großmutter. Jest wird die Blutprobe ausgedehnt auf Urväter mit der Allongeperücke, die nicht ahnten, welchen Schlag es für ihre Urenfel bedeuten könnte, als sie die Kraft ihrer Lenden nicht der Vererbungsberatung unterwarfen. Getretener Quack In Velhagen und Klasings Monatsheften erfreut der Leibdichter des„ dritten Reiches", Hanns Johst, den Spießbürger durch ein Zwiegespräch, das er mit Hitler tätigte. Der große Osaf verbreitet sich darin über die„ Einheit von Bürger und Arbeiter". Das Niveau des ganzen Quarkes ist zu ersehen an der hohlen Geschwollenheit des Tones, mit dem beide drauflos reden, wobei der große Osaf den Vogel abschießt. Wir geben hier nur einige Blüten wieder: „ Ein Teil der bürgerlichen Welt und bürgerlichen Weltanschauung liebt es, als völlig uninteressiert am politischen Leben angesprochen zu werden..." " Jeder Deutsche, ob er will oder nicht, ist durch seine Eingeburt in das deutsche Schicksal, durch sein Dasein repräsentative Daseinsform eben dieses Deutschland. Ich hebe mit diesem Grundsaß jeden Klassenkampf aus den Angeln..." ... und zweitens bin ich niemals unter dem Aspekt des Bürgerlichen zu verstehen..." „ Dieser Adelsbrief allein vereidigt den Soldaten wie den Bauern... auf die einzig mögliche Blickrichtung aller deutschen Zielstrebigkeiten: auf die Nation..." Wird die Sippschaftstafel auch den Führern zur Pflicht gemacht? Wenn ja, dann dämmert uns Schreckliches. Die Juden, die schon mit den Römern kamen, als die heutigen Beherrscher des„ dritten Reiches" noch in östlichen Gefilden den Auerochs jagten, entdecken oft mit Entsetzen, daß in den Gesichtern ihrer heutigen Bedrücker mosaische Linien ihr Spiel treiben frivole Fronien, wie sie die Weltgeschichte liebt. In Deutschland ungünstig besonders Der berühmte Heidelberger Internist Prof. Dr. KrehI, Ritter des Pour- le- merite( Friedensklasse), einer der ersten Kliniker Deutschlands, hat fürzlich in Heidelberg eine Rede So steht die Sturmkolonne zum Massenkampf bereit Erst müssen Juden bluten, erst dann find wir befreit. Der Jude triegt' nen Schrecken, er macht den Geldschrank auf, Adolf Hitler macht die Rechnung. mit dem Pistolenlauf. Wenn der Sturmsoldat ins Fener geht, ja dann hat er frohen Mut, denn wenn das Judenblut vom Messer sprigt, dann gehts noch mal so gut. Ladet die blanken Gewehre, ladet sie mit Pulver und Blei, schießt auf die jüdischen Hunde, nieder mit der Judentyrannei. gehalten, in der er ausdrücklich erklärte, daß der heutige Bier her, Bier her...! Stand der Wissenschaft irgendeine positive Stellungnahme zum Rassenproblem nicht zulasse; irgend ein Urteil, insbesondere auch über die ungünstige Entwicklung der Rassenminderung in Deutschland, läßt sich, wenigstens auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen, nicht abgeben. Selbst die italienische Presse macht sich über die Wichtigkeit, mit der das Rasseproblem in Deutschland behandelt wird, luftig. Der„ Popolo d'Italia", das Organ Mussolinis, bringt einen ablehnenden Artikel über die Behandlung des Rassenproblems in Deutschland; dieser Artikel macht die Runde durch die ganze italienische Presse, die den Inhalt stark unterstreicht. ,, Eingeburt" und ,, Adelsbrief" SA. Marschlied. Der knorrig- deutsche Verlag Knorr und Hirth fün digt im„ Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" zwei deutsche Werke an: einen„ Deutschen Schulkalender" und einen Deutschen Bierkalender". Ueber den Kalender für die Jugend des dritten Reiches" schreibt die Zeitschrift Nationale Erziehung": Der Deutsche Schulkalender entwirft in Rück- und Ausschau ein stolzes Bild der neuen deutschen Schule. Mit Deutschlands Erneuerung hingegen beschäftigt sich in stolzer Rück- und Ausschau der Deutsche Bierkalender, über den die Zeitschrift Bolt und Heimat" schreibt: Der Deutsche Bierkalender ist so recht geeignet, einmal vor Augen zu führen, was für ein wichtiger Faktor das Bier im Leben der Völker zu allen Zeiten gewesen ist und was für eine große Rolle es gerade in der Gegenwart spielt. Das dritte Reich", im Münchner Hofbräufeller mit braunem Saft getauft, findet also wieder der Weg zum Urquell seiner Kraft zurück. Seit Hitlers Memoirenbuch weiß man, daß dieser Desterreicher ein schauderhaftes Deutsch schreibt. Aber das Deutsch des Oberdemagogen hat sich seitdem wesentlich verschlechtert. So verquollen sprechen Leute, die mehr sein wollen als sie find, die nichts zu sagen haben und lügen. Kein geraber Mensch kann solche Säße von sich geben. Daneben war selbst Wilhelm II. mit all seinem Getöne ein Muster von Klarheit. Das Bild von dem Grundsaß, der jeden Klassenfampf aus den Angeln hebt, sollte sich kein Wigblatt entgehen lassen. Und diese aufgeblasenen, leeren, undeutschen Geschwollenheiten werden heute en masse durch Rundfunk und Presse auf das Volk losgelassen! des Oberdemagogen hat sich feitdem wesentlich verschlechtert. Das abgelehnte Nazi- Buch Unter allen Stolzen halte ich die Nationalstolzen sowie die Geburts- und Adelsstolzen für die größten Narren. Was ist eine Nation? Ein großer ungejäteter Garten oll Kraut und Unkraut. Wer wollte sich dieses Sammelplatzes von Torheiten und Fehlern sowie Vortrefflichkeiten und Tugenden ohne Unterscheidung annehmen! Herder. Theaterdichter, die erlaubt sind 1. Von Göbbels bis Ewers Zuerst ist in diesem Zusammenhang das vom Propagandaministerium lebhaft geförderte Schauspiel„ Grenze" von Felix Lütgendorf zu nennen. Es behandelt die Polenfage und kommt in Leipzig in Uraufführung heraus. Hanns Heinz Ewer& hat zusammen mit Paul Beyer seinen HorstWessel- Roman" bearbeitet. Vom Reichsminister Dr. Göbbels selbst bringt das Berliner Komödienhaus den„ Wanderer". Otto Pa u st beschäftigt sich in zwei Stücken mit der Gegenwart; in Weg in den Morgen" und in„ Ein paar Frontkämpfer", die durch die Nachkriegszeit auseinandergebracht wurden und jetzt wieder durch den nationalsozia listischen Gedanken vereint sind. Von Christian Hilfer bringt voraussichtlich Frankfurt a. D. den Braunen Soldaten". 2. Auch Gerhart Pohl! " In die vorletzte" Vergangenheit gehen sehr viele: z. B. der Verfasser der„ Marneschlacht" Paul Josef Cremers mit einem Separatistendrama, Harry H. Fest mit„ Versailles, der Geschichte eines Friedensvertrages", Gerhart Pohl mit einer Komödie„ Kuhhandel", einem Korruptionsstück, das in Schlesien spielt und das die Deutsche Bühne Breslau uraufführen wird. Gerhart Pohl war bis zur nationalen Revolution" linksradikal, was ihn nicht hinderte, vielfach sozialdemokratische Hilfe zu erbitten und anzunehmen. Vor drei Jahren schrieb er ein Stüd zur Verherrlichung Rosa Luxemburgs... 8.„ Genius im Labyrinth" Georg Kaiser Ein Schauspiel von Hans v. 3 wehl befaßt sich mit dem „ Aufruhr in Flandern", ein anderes Stück mit unserer ewigen Tragödie". Das erste zeigen erstmalig Kassel und Freiburg i. Br., das letzte Liegniß. Von Heinrich Welder fommt ein Schauspiel Feind im Blut". Das Stadttheater Würzburg bringt die" Schwimmende Insel", ein Kriegskindermärchen des im Weltkrieg gefallenen Walter Flex zur Uraufführung. Herbert Roden hat ein großes Werk um Richard Wagner geschrieben,„ Genius im Labyrinth", das das Schauspielhaus Bremen erworben hat. In dieser Verbindung kann man vielleicht auch des früheren Berliner Filmkritikers Roland Schacht„ Madame Steinheil" aufzählen. Georg Kaiser hat sich einen Offizier aus dem Weltkrieg" als Helden ausgesucht. 4. Serie der Historie Historische Stücke aus älterer Zeit, aber unter ausdrücklicher Betonung des Zusammenhangs mit der Gegenwart", wird man mehrere sehen können. Es wären da zu erwähnen: " Thomas Paine" von Hanns Jobst, ferner eine Neubearbeitung von Guzzkows Des Königs jüngster Rekrut" von A. Andermann, dann vor allem von Paul Gurf „ Heinrich IV."( Erfurt), eine Wiederauffrischung von Böt" Heinrich IV."( Erfurt), eine Wiederauffrischung von Böttichers König", zweiter Teil seines Friedrich- des- GroßenDramas( Staatstheater Berlin), das Werk des Schweizers, Gottlieb Heinrich Heer,„ Ein König ein Mensch"( St. Gallen), das die Ermordung Heinrichs IV. durch Ravillac in zeitgemäßer Weise abhandelt; ferner von Hermann Heinz Ortner ein Bauernausstandsdrama mit dem Titel„ Stefan Faddinger"; übrigens schrieb auch Billinger ein neues Stück dieser Art,„ Die Erbin". Von Richthofen fommt in Berlin der Staatskanzler" heraus; gemeint ist Hardenberg. Von Zickel v. Jahn wird ein großes vaterländisches Schauspiel aus der Zeit von 1813„ Jena" zur Uraufführung gelangen. Viel verspricht man sich von Uli Klimsch, dem Dichter des„ Ulrich von Hutten", und seinem „ Kleists Tod". Auf Wilh. Biermanns, Empörung" setzt man ebenfalls viel Hoffnung. Heinrich Lilienfein zieht im Großen Karamann" eine Parallele zur Gegenwart Die Bücherausfuhr soll zentralisiert werden Da die Ausfuhr deutscher Bücher immer mehr zurückgeht, beabsichtigen die Nazi, durch eine zentralisierte Propaganda für das Nazibuch im Ausland zu werben. Die Buchhändler in der Tschechoslowakei, Desterreich und der Schweiz werden mit Mißtrauen betrachtet; man erwägt, die Auslieferungen zu sperren und nur durch eine Monopolfirma durchführen zu lassen, damit so die Kontrolle erleichtert werde. Dieses Monopol soll die Koehler und Volckmar A. G. u. Co. erhalten. Besonders vertrauenswürdige Firmen sollen Monopole für einzelne Länder erhalten, das heißt, sie werden mit der Naziagitation in einzelnen Ländern betraut. Das Sortiment Voß soll Rußland, die G. A. von Halem A. G.. soll Südamerika, die Firma Krafft und Drotleff A. G. in Hermannstadt(!) foll Rumänien zugewiesen bekommen. Der braune Imperialismus greift also zielbewußt alle Länder und Völker an. des Propagandaministeriums fiszt, erwarben Leipzig, Darmstadt und Frankfurt a. M. die Heimkehr des Matthias Bruck"; in Vorbereitung ist seine Botschaft der Madonna". Kurt Corrinth hat ein Volksstück„ Hallo! Nur Mut!" beendet, Otto Ernst Hesse eine Komödie " Frühling in Franken", Kurt Kluge, der Dichter von " Ewiges Volt", hat" Ausgrabungen der Venus"( eine Komödie) gemacht. Die große Chance" von Alfred Möller und Hans Lorenz erfreut sich der Annahme bei mehr als fünfzig Bühnen. Das Stadttheater Leipzig hat von F. A. Veyerlein sich( dem Schöpfer des„ Zapfenstreiches")" Sommer in Tirol" gesichert, Mar Dreyer wartet mit einer Komödie Windstärke 12" auf, Heinrich Jlgenstein hat ein Lustspiel„ Das Teufelsfinale" beendet, Sindbad hat unter dem Titel„ Was nicht in die Zeitung tommt" dramatische Reportagen zusammengestellt. Jakob Geis hat sich noch einmal den„ Kean" von Dumas vorgenommen. Von Gottfried Kölwel wird man ein Schauspiel„ Der Hoimann" sehen. Dietrich Edart, der Freund Hitlers und Mitbegründer des„ dritten Reiches", wird zweimal uraufgeführt: in Leipzig die Renaissancekomödie Lorenzaccio" und ein Schwank„ Ein Kerl, der spekuliert". Von August Hinrichs, dem erfolgreichen Dichter von„ Krach um Jolanthe" erwartet man ebenfalls eine Neuheit. und beschreibt den Kampf zweier Raffen um das Sinnbild nicht Gleichgeschaltete eines großen Gottes, den ihnen die Führer des Volkes vortäuschen. 5. Bon Hauptmann zu Dietrich Edart In ganz ferne Zeiten geht Eberhard König mit seiner„ Trilogie", die Aachen angenommen hat. Wilhelm Schmidtbon bat um„ Dietrich von Bern" eine Ballade geschrieben. Viele Schriftsteller ziehen es freilich vor, nicht allzu sehr die Gegenwart zu betonen. Von Gerhart Hauptmanns Goldener Harfe" läßt sich aber sagen, daß es gana zeitabgewandt ist und die Liebe zweier Brüder zu einer Frau als Grundlage hat. Wilhelm v. Scholz hat bei den Staatstheatern Berlin und Dresden seine neue CalderonBearbeitung angebracht. Schönherr bereitet ein „ Passionsspiel" vor, von dem erfolgreichen Siegmund Graff, der jetzt übrigens in der Theaterabteilung ,, Neue Bühne Paris" Unter Leitung von Manfred Fürst hat sich hier eine Gruppe deutscher Schauspieler, die sich nicht gleichschalten lessen wollten, zur Neuen Bühne, Paris, zusammengetan. Als erste Vorstellung findet am 25. September die deutsche Uraufführung von„ Francerie" von Paul Raynal, vom Autor des„ Grabmal des unbekannten Soldaten" statt. Die deutsche Fassung stammt von Hans Adalbert von Maltzahn und trägt den Titel„ Die Marne". Die Hauptrollen spielen Margarete Hrubry von den Reins hardtbühnen, Berlin, Walter Gynt vom Berliner Staatstheater und Max Fischer von den Münchener Kammerspielen. Die Gruppe hat aus Wien und London bereits Gastspieleinladungen erhalten. DAS BUNTE BLATT NUMMER 81 1. JAHRGANG TAGLICHE UNTERHALTUNGS- BEILAGE FREITAG, DEN 22. SEPTEMBER 1933 = Die Schulfreundinnen Es war an einem Vormittag in der Straßenbahn, neben mir saß eine noch junge Frau mit dem versorgten, blassen Gesicht der Proletarierin. Unter ihrem Siz stand die Einkaufstasche, ihre Hände lagen auf der abgegriffenen Handtasche und ihre Augen blickten so stumpf und müde vor sich hin, wie die eines Menschen, der vom Leben nichts mehr erwartet. Diese Hoffnungslosigkeit übertrug sich auf ihr ganzes Wesen so sehr, daß sie nicht einmal rasch genug aufstand, um sich den Fensterplatz mir gegenüber zu erobern, und einer schlanken, überaus eleganten Frau den Vortritt Lassen mußte. Mit einem furzen, feindseligen Blid rächte sie sich an der hübschen Frau, die ihr in allen Fragen des Lebens sieghafter und begünstigter als ihre eigene Person erschien. Dann fiel fie wieder auf ihren alten Platz. Die andere aber saß anmutig und lächelnd am Fenster und ließ mit sichtlichem Behagen alle Blicke um ihre Erscheinung spielen. Es war keine ganz einfache Sache für die Beobachter, diese Frau richtig einzureihen. Für Halbwelt war sie noch zu hübsch und zu vornehm, für solides, gut fundiertes Bürgertum war ihre Eleganz zu schreiend und der Stunde und der Umgebung wenig angepaßt. Ich müßte mir meinen eigenen Roman um sie dichten, wenn ihn mir nicht schon wenige Minuten später das Leben selber echter und packender als jede Erfindung in die Hände gespielt hätte. Denn währenddem ich mir noch das gepflegte und doch ein wenig ermüdete Gesicht meines Gegenüber besehe, geht in ihm eine Veränderung vor sich. Das steife Lächeln wird weicher und persönlicher, und die blauen Augen bleiben an den Zügen meiner Nachbarin hängen und lösen endlich eine Leise Frage aus: , Sie können sich wohl nicht mehr an mich erinnern Die Frau neben mir blickt staunend, mißtrauisch und abwehrend nach der Fremden. Ihr Leben bringt sie nicht oft mit ähnlichen Erscheinungen in Berührung. Jessas, die Else... Nein, hast du dich verändert..." " Gelt, fa! Ja, es geht mir gut, ich tana' jetzt drinnen in der Stadt," und nennt den Namen eines erstklassigen Varietés. Als Girl," und unsicher über die Richtigkeit ihrer Aussprache fügt sie noch hinzu:„ Mit anderen in einer Tanztruppe, so wie du angefangen hast?" „ Na, das ist schon lange her, ich tanze längst schon Solo, herrliche Kostüme hab' ich, und das ist die Hauptsache." So? Und tanzen braucht man gar nicht können, nur halb nackert muß man sein..." „ Aber geh, was du schon wieder glaubst! Freilich hab' ich tanzen gelernt, aber nicht so wie die Zatler Misi, du weißt doch noch aus der Schul', die so viel Jahre auf die Akademie gegangen ist und dann erst kein Engagement bekommen hat. Ich hab' gleich ins Verdienen müssen und war viel herum, in Preßburg und in Budapest und dann in Rumänien, bis nach Konstantinopel bin ich gekommen..." " Ja, davon habe ich einmal gehört, denn da hab' ich deine Mutter auf der Gasse begegnet und angeweint hat sie mich, daß du krank bist und so weit in einer fremden Stadt im Spital liegen mußt!" „ Das waren auch keine schönen Zeiten für mich und doch bin ich froh, daß ich damals krank geworden bin, Typhus habe ich gehabt und das Konsulat hat mich zurückgeschickt, well ich noch keine sechzehn Jahre alt war. Wer weiß, ob ich sonst jemals noch zurückgekommen wär'. Aber der Typhus war mein Glück, und wie ich nach Wien gekommen bin, habe ich mir meine Engagements schon selber gesucht und den Vater nicht mehr dazu gebraucht der war damals auch schon tot..." Fontamara 18 ROMAN VON IGNAZIO SILONE Wovon spricht man hier dann eigentlich, wenn Cavaliere Pelino wie rasend in die Hauptstadt zurückommt?," fragte Innocenzo. ,, Man diskutiert ein wenig über alles," fing die Sorcanera wieder an.„ Man diskutiert über Preise, Löhne, Steuern, Gesetze; heute diskutierte man über Ausweise, Krieg und Auswanderung." „ Na also, gerade darüber sollt ihr nach der Verordnung des Podesta in Zukunft nicht mehr diskutieren," erklärte Innocenzo. Dies ist feine Spezialverordnung gegen euch, sie ist für ganz Italien erlassen worden... Man soll in öffentlichen Lokalen nicht mehr über Steuern, Gehälter, Preise und Geseze diskutieren..." „ Also soll man nicht mehr denken!" schloß Berardo. " Richtig! Berardo hat es ganz genau verstanden!" rief Innocenzo aus.„ Das ist der Sinn dieser Bestimmung. Man soll endlich mit den Diskussionen Schluß machen." Innocenzos Befriedigung darüber, daß Berardo ihm recht gab, war so groß, daß er dessen Vorschlag annahm, die Verordnung, die er selbst in unserer Gegenwart auf ein großes Stück weißes Papier aufschrieb, noch flarer zu gestalten, durch den Wortlaut: ,, Per ordine del podestà è proibito ragionare." „ Auf Befehl des Podesta ist. Diskutieren verboten." Berardo schlug vor, das Plakat über dem Eingang zum Wirtshaus anzuschlagen. Seine Zuvorkommenheit verblüffte uns. Als wäre es damit noch nicht genug, fügte er hinzu: Jeht wehe dem, der an das Plakat rührt. 190 Der geistesgegenwärtige Von Vera Stenzel Jannings Das Mißtrauen an meiner Seite weicht allmählich einem kleinen Mitleid. Krant, fremd und fern der Heimat, welche Frau könnte sich solchen Werbemitteln perschließen? Sie hört jetzt mit anderen Ohren zu und die Fragen, die sie an die flink und halblaut erzählende Schulfreundin stellt, flingen nicht mehr so moralisierend und zurechtweisend. Diese Schulfreundin von ehemals aber nüßt ihren Vorteil und erzählt mit dem Tempo und der Buntheit eines geschickten Regisseurs. Kleine Zeitabschnitte des Lebens werden diskret gestrichen, andere wiederum mit doppelter Liebe ausgemalt. Film, Theater und Girltum überkreuzen sich und mit den Namen der Städte, die auf ein wüstes Auf und Ab des Glückes und der Verbindungen schließen lassen, könnte man in Plakatform die Wand eines geräumigen Reisebüros befleiden. Wie weit sie bei dieser Erzählung mit den eigenen Erlebnissen auslangt, wie weit sie solche der Kolleginnen vom Fach einschmuggelte, war schwer zu erraten. Die Fahrt zur Probe, ein paar rasch ausgetramte Fotografien und die vorschriftsmäßige Uebereinstimmung von Schuh, Tasche und Handschuhstulpe fonnten immerhin als einiger Beweis aufgenommen werden. Die Frau neben mir aber hielt den Oberkörper vorgeneigt, um fein Wort zu verlieren, Seele und Sinne hielten alle Eingangstore für jene Welt geöffnet, die sie tausendmal verachtet und beschimpft hatte und die sie in diesem Augenblick so gern gegen ihr eigenes farges Leben eingetauscht hätte. Während einer kleinen Redepause von drüben zog sie tief die Luft ein, als müßte sie sich im Zuhören eine kleine Erholung gönnen: Und jetzt bist doch wiederum zu Hause bei der Mutter, wo es am schönsten ist?" sagte sie wie zur Rettung ihres eigenen fleinen Alltages. „ Aber die Mutter ist doch längst zur Luzie gezogen, zu meiner älteren Schwester, weißt, die ist eine große Dame geworden und verdient sehr viel Geld. Mein kleiner Bruder ist auch dort..." Wird der auch Artist?" ,, Nein, aber jetzt erzähl' einmal von dir, wie es dir geht und was du machst! Hast schon geheiratet?" Die Frau neben mir setzt sich wiederum zurück, der eben noch halboffene, lauschende Mund wird zu einem harten schmalen Strich: „ Du wirst doch noch wissen, wie unsereins lebt! Zuerst die Lehr' und dann die Arbeitslosigkeit und die Vorwürfe von den Alten, daß man ihnen in der Tasche hängt..." „ Und die anderen, die noch mit uns in die Schule gegangen find?" „ Ein paar sind schon verheiratet und die anderen, denen geht es so wie mir, sie fizzen und warten auf etwas, was nicht kommt!" Der Wagen ist jetzt ganz nahe der Opernkreuzung, die hübsche Frau mir gegenüber richtet sich zum Aussteigen. ,, Weil ihr aber auch alle so dumm seid und immer nur fizzen wollt und nichts anfangen, ich bin halt hineingestiegen ins Leben und es geht mir gut..." Da aber ist mit einem Schlag alles Menschliche zerstört, wie es sich zwischen diesen beiden entsponnen hatte. Gehässig und verächtlich funkeln die Augen meiner Nachbarin: „ Du, du, sag' so etwas nicht! Es kann nicht jede ein solches Leben führen wie du..." of ein wenig Die andere aber war aufgestanden, zuckte bloß ein wenig mit den Schultern, aber ihre Augen lächelten nicht mehr, sondern blickten weit zurück in eine andere Zeit: „ Ihr habt leicht reden, ihr habt immer euer Bett gehabt und euer Essen, aber ich... Na, vielleicht sehen wir uns wieder einmal, leb wohl!" Innocenzo gab ihm die Hand und wollte ihn umarmen. Aber die Erklärung, die Berardo anschloß, dämpfte seine Begeisterung. „ Das, was der Podesta heute verordnet, habe ich immer gepredigt. Immer. Mit den Herren diskutiert man nicht, das ist mein Grundsatz. Alles Unheil der Cafoni kommt vom Disfutieren. Der Cafone ist ein Esel, der denkt. Daher ist unser Leben hundertmal schlimmer, als das der wirklichen Esel, die nichts überlegen oder wenigstens so tun Der " dumme" Esel trägt 70, 90, 100 Rilo; mehr trägt er nicht. Der" dumme" Esel braucht eine gewisse Menge Stroh. Der " dumme" Esel hat eine begrenzte Geschwindigkeit. Du kannst von ihm nicht das Gleiche erreichen, wie von der Kuh, der Ziege oder dem Pferd. Kein Argument überzeugt ihn. Kein Zureden seht ihn in Gang. Er versteht dich nicht oder er tut so. Der Cafone hingegen diskutiert. Der Cafone kann überzeugt werden. Er kann überredet werden, über die Grenzen seiner Körperkraft hinaus zu arbeiten. Man kann ihn zum Fasten bringen. Man kann ihn dazu bewegen, sein Leben für den Herrn zu lassen. Man kann ihn in den Krieg gehen machen. Man kann ihm weismachen, daß es im Jenseits eine Hölle gibt. Seht die Folgen von alledem. Schaut um euch und erkennt sie." Für uns war das, was Berardo sagte, nichts Neues. Aber Innocenzo La Legge war entfeßt. „ Ein unvernünftiges Wesen weigert sich zu fasten. Es sagt: wenn ich fresse, arbeite ich, wenn ich nicht fresse, arbeite ich nicht," fuhr Berardo fort. Vielmehr, es sagt das nicht einmal, denn dann würde es ja diskutieren, aber aus In stinkt macht es das so. Stellt euch einmal vor, daß die sechs= tausend Cafoni, die den Fucino bebauen, statt vernünftiger Wesen, das heißt zahm, belehrbar, mit Respekt vor den Carabinieri, dem Priester und dem Richter, wirkliche, jeder Vernunft bare Lasttiere wären... Prinz Torlonia könnte betteln gehen!... Du bist hierher gekommen, teurer Innocenzo, und bald wirst du auf der dunklen Straße wieder Als Jannings noch Anfänger auf der Bühne war, hatte er in einem Stück einen Brief zu lesen, der ihm vom Gerichtsvollzieher überreicht wurde. Um den langen Brief nicht auss wendig lernen zu müssen, hatte er es so eingerichtet, daß er sich den Text von dem Gerichtsvollzieher überreichen ließ. Der Darsteller des Gerichtsvollziehers wollte ihm ein mal einen Possen spielen und reichte ihm statt des Briefes ein leeres Blatt. Das aber brachte Jannings nicht in Verlegenheit:" Ich muß Ihnen ein Geständnis machen," sagte er, ich habe im Leben niemals eine Schule besucht lesen Sie mir den Brief vor." Aber auch der Gerichtsvollzieher war nicht so leicht ins Borhorn zu jagen:„ Gerne," meinte er, aber da muß ich mir erst meine Brille holen." Ging ab und kam mit dem richtigen Brief zurück. Aditzefin Monate in tiefem Sdilaf Ein junges Mädchen aus Chikago mit Namen Mina Patricia Maguire liegt seit achtzehn Monaten schlafend in einem Krankenhaus der Stadt, ohne daß es den behandelnden Aerzten bisher gelungen wäre, sie zum Erwachen zu bringen. Es ist ein in der Medizin einzig dastehender Fall, daß es bisher trop Anwendung aller bekannten Gegenmittel nicht gelungen ist, den Schlaf wenigstens vorübergehend zu bannen. Die Aerzte sind vor kurzem sogar zu der sehr gewagten Methode geschritten, der Schlafenden Typhusbazillen einzuimpfen, in der Hoffnung, daß diese Bazillen die Schlafkrankheitsbakterien vernichten würden. Aber auch dieser Eingriff ist ohne Erfolg geblieben. 99 Vereinigung unglücklicher Ehegattinnen" In Avignon wurde vor einigen Tagen eine„ Vereinigung unglücklich verheirateter Frauen" gegründet. Das Ziel der Vereinigung ist es, den unglücklichen Frauen das Glück zu ersetzen, das ihnen in der Ehe versagt blieb. Die Statuten der Vereinigung sind streng moralisch. Die Mitglieder des Verbandes, die sich in gegenseitigen Aussprachen Trost zu spenden haben, dürfen nach 8 Uhr abends nicht mehr außer Haus weilen, solange zwischen ihnen und ihrem Gatten nicht die guten Beziehungen wieder hergestellt find oder die Scheidung nicht rechtsgültig durchgeführt wird. Kinder erzäfilen „ Freddy, kannst du denn gar nicht brav sein?* „ Ich möchte ja, Mutti, jeden Abend bitte ich den lieben Gott, daß er mich brav werden lassen soll... Aber er will nicht!" Der Papa hat die Vase zerbrochen, Mamas Heiligtum. Bobby sieht sich die Bescherung an. Nach längerem beiderseitigen Schweigen macht Bobby den Vorschlag:" Dad, wenn du mir einen Penny gibst, sag ich, daß ich es gewesen bin..." * Was liest du da für ein Buch, Bobby?" Moderne Kindererziehung." Warum liest du gerade das?" Ich will sehen, ob ihr mich richtig erzieht." met ber Sebrer feine Sof ,, Wer kann mir sagen," fragt der Lehrer seine Schüler woraus ein Fischnetz gemacht wird?" Billy meldet sich: „ Aus einem Haufen kleiner Löcher, Mister Dayers, die mit Striden zusammengebunden werden." Von Vera Stenzel in die Hauptstadt wandern. Was hindert uns dann, dich niederzuschlagen?... Sprich!" Innocenzo wollte etwas stammeln, aber er konnte nicht; er war blaß wie eine Leiche. „ Was uns hindert," fuhr Berardo fort, ist die Diskussion der Folgen, die ein Mord mit sich brächte. Aber du, Innocenzo, haft mit eigener Hand auf jenes Papier geschrieben, daß ab heute, laut Befehl des Podesta, alle Dis fussionen verboten sind... Du hast den Faden durchgeschnitten, an dem deine Sicherheit hing..." „ Höre," gelang es Innocenzo endlich zu sagen, hör einmal. Du sagst, du seiest gegen Diskussionen, aber statt dessen möchte ich sagen, scheint, daß du mir zu viel diskutierst... Dein ganzer Vortrag war nichts anderes als eine Diskussion... Ich habe niemals einen Esel, will sagen einen unverständigen Cafone, so sprechen hören..." Wenn das Diskutieren nur den Herren und der Obrigkeit Vorteile bringt," fragte ich Berardo, warum hat dann der Podesta beschlossen, alles Diskutieren zu verbieten?..." Berardo schwieg eine Weile. Dann antwortete er: ,, Es ist spät geworden. Morgen muß ich um drei Uhr auf. stehn, um in den Fucino zu gehn. Gute Nacht..." Und er ging. Die Diskussionen mit ihm endeten immer so. Er redete, predigte ganze Stunden lang wie ein Pfarrer, sagte die absurdesten und radikalsten Dinge, die ihm in den Sinn famen, in einem Ton, der feinen Widerspruch duldete. Dann, wenn er fertig war, stellte ihm einer ein Bein, er kam in Verlegenheit und ging wortlos weg. An jenem Abend kehrte Innocenz la Legge nicht in die Hauptstadt zurück. Vielleicht waren es die Drohungen des Berardo. Vielleicht war es eine plögliche Schwäche, er zog es auf jeden Fall vor, die Nacht neben der Sorcanera zu verbringen. ( Fortsetzung folgt.) METLANDIRA Spaniens Regierung ohne Sozialisten Den Anlaß zu der seit längerer Zeit erwarteten Wen bung in Spanien haben die jüngsten Wahlen zum Verfassungsgerichtshof gegeben, die durch die Gemeindevertretungen erfolgen. Hierbei haben die oppositionellen Parteien zwei Drittel der Sitze erlangt. Azana hat es ab gelehnt, aus diesem Ergebnis politische Folgen abzuleiten, mit der Begründung, daß es sich nicht um politische Wahlen gehandelt habe. Diese Haltung des früheren Minister präsidenten entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Er hatte fich nämlich geweigert, irgendwelche politische Propaganda für die Wahlen zu organisieren, von amtlicher Wahlbeeinflussung ganz zu schweigen. Während so die Regierung sich vornehm auf den Standpunkt stellte, es handle sich um eine überparteiliche Angelegenheit, hat die Opposition - und zwar nicht nur die verfassungstreuen Rechtsrupublikaner, sondern auch die Monarchisten und Klerikalen eine sehr emsige und energische Wahlpropaganda entfaltet, deren Ergebnis sie bei der Wahl einheimsten. Azana, der nicht nur ein klarer und vorzüglicher Kopf ist, sondern auch über vorzügliche Nerven verfügt, blieb nach wie vor auf dem Standpunkt, daß in einem parlamentarischen Regime der Rücktritt des Ministeriums nur zu erfolgen hat, wenn ihm entweder die Kammermehrheit oder das Staatsoberhaupt das Vertrauen entzieht. Die Rammer gab ihm ein Vertrauensvotum, aber der Präsident der Republik, Zamora, zeigte ihm ein so verklausuliertes Vertrauen, daß Azana zurücktrat der Staatsmann, dem die spanische Republik nie vergessen darf, daß er das Agrargesetz und die neue Kirchengesetzgebung allen Widerständen zum Trozz in den sicheren Hafen geführt hat. Das sozialistische Parteiblatt„ EI Socialist a" hat kurz vor der offiziell erklärten Krise geschrieben:„ Da wir die Demokratie anerkennen, beugen wir uns loyal all ihren Folgerungen." Es bleibt dahingestellt, ob diese Uebergabe des Regierungssteuers an die Rechte, nämlich an die Vertreter des industriellen nordspanischen Groß kapitals, denen ein Bündnis mit den Großgrundbesitzern nicht schwerfallen dürfte, wirklich eine unvermeidliche Folgerung der Demokratie war. Was heute in der Uebergabe der Regierung an den Führer der Radikalen, Lerroug, zutage tritt, hat natürlich viel tiefere Wurzeln als die unterbliebene Verteidigung regierungsparteilicher Kandidaturen zum Verfassungsgericht. Es bedeutet ja nichts Geringeres, als das Zurücknehmen der seit dem 14. April 1931 von Sozialisten und Linksbürgerlichen verteidigten Front, in der um die Demokratie und den sozialen Gehalt der jungen Repu blik gekämpft wurde. Es ist der erste entscheidende Vorstoß der rupublikanischen Rechten, hinter der drängend und treibend die monarchische und klerikale Rechte steht. Soll man nun wirklich glauben, daß das neue Regime, die Massen enttäuscht hat, so daß sich ihre Hoffnungen heute einer ausgesprochenen sozialistenfeindlichen Regierung denn das ist das Kabinett Lerrougzuwenden? Daß das Regime in gewiffem Sinne die Massen enttäuscht hat, wird man kaum in Abrede stellen können, enttäuscht, wie jede die Bleigewichte der Vergangenheit nach sich schleppende Wirklichkeit die beflügelte Hoffnung und Fantasie enttäuscht. Aber nicht daran, nicht an dem, was sie noch nicht geleistet hat, ist die Regierung Azana gescheitert und mit ihr die sozialistisch- linksbürgerliche Koalition, sondern vielmehr an dem, was von ihr geleistet wurde, und was den Interessen des Besizes zuwiderlief. Von diesen verletzten Interessen ist die Bewegung ausge gangen, die die Regierung gestürzt hat. Gewiß hat das syndikalistisch organisierte Industrieproletariat Rataloniens ebensowenig wie das verelende Landvolk Andalusiens eine Ahnung gehabt, daß es den Interessen von Ordnung und Besitz diente, wenn es Bomben warf und die Ernten in Brand setzte. Nichtsdestoweniger hat die anarcho- syndikalistische Be wegung der Reaktion die wichtigsten Vorspanndienste geleistet, indem sie das Land nicht zur Ruhe kommen ließ. Nicht, daß sie im Verein mit der zahlenmäßig schwachen kommunistischen Bewegung die Sozialisten als Verräter hinstellte, ist von Unheil gewesen, wohl aber, daß sie die Regierung, in der drei Sozialisten saßen, zu gewaltsamen Pariser Spaziergang Die Geheimnisse der Violette Die Geschichte von Violette, der achtzehnjährigen Gymnasiastin, die ihre Eltern vergiftete, wird seit Wochen in der Untergrundbahn von Tausenden von Pariser Mädels mit hochroten Wangen gelesen. Da ist jetzt eine Frau von threm Mann, einem Zeremonienmeister bei den Begräbnissen, zerstückelt worden, und der Täter ist dann nach Rouen gefabren und hat sich am Grabe seiner Tochter erschossen, die Tochter wollte Nonne werden und war an einer Lungenentzündung gestorben.... aber auch das verdrängt Violette von ihrem ersten Plaße nicht. Violette, das ist ein ganzer Familienroman, wie alle französischen Meisterwerke, wie Flaubert, Zola und Maurige Es beginnt schon in der Jugend, wie bei der Bovary. Sie war eine gute Schülerin des Gymnasiums Voltaire, häufig stand„ Sehr gut" unter ihren Aufsäßen, immer war sie eine der Besten. Eben hat das Gericht ihre spanische und englische Grammatif, ihre Geographie- Bücher, die Geschichte Frankreichs angesehen. Viele Lobesworte am Rand. Nach dem Lob ging die Schülerin auf den Strich. Die siebzehnjährigen Mitschülerinnen wunderte es sehr. Zwei Zeugen haben sich jetzt gefunden, die aussagen, daß Violette die Anklage, der von ihr vergiftete Vater habe sie blutschänderisch gezwungen, schon vor Jahren erhoben hat. Auch sonst hat man einige belastende Funde gemacht und, was das Merkwürdigste ist, nach den Angaben der Tochter hob man ein 3otenbuch des Alten aus, ein Kompendium von schweinischen Liedern, hinter denen seine Notizen über Ausgaben und Reisen folgten. Der Ruf des Kleinbürgers, der seine guten 4000 Franken im Monat verdiente, eine Säule der Paris- Lyon- Mittelmeer- Gesellschaft, ist seitdem etwas verblaßt. Die Mörderin macht diese Angaben mit einer fantastischen Genauigkeit. Sind es bloß zynische Träume des Untersuchunsgefängnisses, oder kramt sie noch mehr aus - ihrer franken Seele aus? Vorgehen gegen Arbeiter zwang. Damit schufen sich die Anarchisten und Syndikalisten die übrigens untereinander in blutigem Hader liegen wirksames Agitations: material für die politisch ungeschulten Massen: seht doch, die Sozialisten lassen auf Arbeiter schießen! Gleichzeitig erweckten sie in bürgerlichen Kreisen den jetzt schon auf Schallplatten gezogenen Schrei nach der„ starken Regierung" und im Ausland, das ja immer nur flüchtig über die eigenen Grenzen blickt, den Eindruck, daß in Spanien die Republik außerstande sei, Ordnung zu halten. Die eigentlichen Sieger über das Kabinett Azana sind die Anarcho- Syndikalisten. Daß sie, deren riesige Waffenarsenale auf fast unerschöpfliche Geldmittel schließen lassen, von den spanischen Monarchisten unterstützt werden, ist wohl nicht nachweisbar, wird aber im ganzen Lande angenommen. Jedenfalls haben sie sich als Saboteure der Republik weit besser bewährt, als Monarchisten und Klerikale zusammen. Diese Sabotage erschöpft sich nicht in der Wirkung auf die ungeschulten Massen und auf die Nerven des Bürgertums. Die Haltung der Anarcho- Syndikalisten hat auch in den Kreisen der sozialistischen Partei den Gedanken aufkommen lassen, daß die Verantwortung für die Regierung ihrer Werbekraft in den Massen Abbruch täte. Die kurze Erfahrung der letzten Jahre sprach freilich nicht für diese Auffassung. Syndikalisten und Anarchisten sind zahlenmäßig sehr stark, um viele Zehntausende von Mit gliedern, zurückgegangen, während die sozialistische Partei immer breitere Schichten erfaßte. Immerhin meinte man, angesichts der lärmenden Propaganda von links, der sich auch die Kommunisten anschlossen, daß die Partei besser agitieren könnte aus der Opposition als in der Mitverantwortung für die Regierung. Es ist natürlich leichter und wirksamer, die Langsamkeit der Agrarreform zu kritisieren und anzuprangern, als diese Langsamkeit in der harten Wirklichkeit schrittweise zu bekämpfen. Es ist leichter, die Fehler der Erneuerung agitatorisch auszuschlachten als sie zum besten der Massen zu verhindern. Es ist auch leichter, auf die Entstehung eines industriellen Proletariats und auf eine neue kapitalistische Entwicklungsphase zu warten und einstweilen Opposition zu treiben, als heute schon verantwortlich einzugreifen und aus dem gewaltigen Zusammenbruch und der gewaltigen Erhebung des neuen Spanien möglichst viel Mittel zu späterer Befreiung der Massen zu bergen, unbeirrt durch die erarbeitet ihren Schrei nach sofortiger Befreiung werden muß und keinem wie ein Lotterietreffer in den Schoß fällt. Die ganze äußerste Linke hat dazu beigetragen, in der sozialistischen Partei für den bequemeren Weg der Opposition zu werben. Diese Umstellung innerhalb der Partei, die schon bei der letzten Regierungskrise im Juli in der Weigerung der Sozialisten, die Regierung zu übernehmen, zum Ausdruck kam, hat natürlich das Ministerium Azana geschwächt, meil sie zeigte, daß die Sozialisten, die die Hauptstütze des Kabinetts waren, nicht geschlossen hinter ihren Ministern standen. Als dann die neue Krise kam, ist der sozialistischen Partei gar kein Anerbieten mehr gemacht worden. Präsident Zamora nimmt seine Aufgabe als Staatsoberhaupt sehr gewissenhaft im Sinne der Verfassung, aber als gläubigem Ratholiken und bürgerlichem Ordnungsmann muß ihm ein Kabinett Lerroug sympathischer sein als eine Regierung unter sozialistischem Einfluß. Daß man ihn glauben machen konnte, mit diesem Ruck nach rechts dem Willen des Landes Ausdruck zu geben, daran ist die kombinierte Aktion von Anarchosyndikalisten, Rechtsrepublikanern und Monarchisten schuld. Etwas Schuld trifft sicher auch den Ministerpräsidenten Azana, dessen vornehme Ablehnung der Unterstützung durch die Presse wohl ohnegleichen ist: in ganz Spanien gab es nur zwei, sage und schreibe zwei große regierungsfreundliche Zeitungen, " El Liberal" und" El Socialista", gegenüber einer Meute regierungsfeindlicher Blätter aller Richtungen, von Vertretern der absoluten Monarchie bis zum„ anarchischen Kommunismus"! Azana hat sich als zu freiheitlich und zu demokratisch bewährt, um Freiheit und Demokratie wirksam zu verteidigen. Es sind faschistische Zeiten, auch da, Im Dorfe seiner Eltern fißt inzwischen der gestrauchelte Student Jean, dem sie ihre 100- Franken- Scheine von ben Kokottengängen mitgebracht hat. Die Universität Sor bonne wird ihn wahrscheinlich ausschließen, einstweilen darf er schon die Stätte der Pandeften, gegenüber der Kuppel der " großen Männer", des Pantheon, nicht mehr betreten. Er will wahrscheinlich nach Algier unter die Schützen gehen, um seinen Kummer zu betäuben. Wahrscheinlich ist der Vater des jungen Mannes, der ihm monatlich nur 170 Franken schickte, zu denen die Mutter heimlich noch 80 Fr. zusteckte, an einem großen Teil des Elends schuld. Als Violette vom Schicksal ihres Liebsten erfuhr, hat sie sehr geweint. Der Liebling selbst war robuster; die Hyänen der Presse haben ihn in einer Kneipe beim Kartenspiel mit drei Kumpanen aufgestöbert. Vielleicht verbessert er jetzt mit den vier Farben, nachdem die Liebste hochging, den knapp gehaltenen väterlichen Etat. Die Gebeine des Dichters Ronsard Da ist der Mittagstisch für Künstler zu Füßen von Mont martre: Cercle Ronsard. In der Turnhalle, wo ein Klavier zwischen den Barren klingt und eine Opernsängerin übt, gibt es Vorspeise und Rotwein, Braten, Gemüse und Waffeln für ganze 3 oder 2 Franken. Vor der Küche steht angeschlagen. Die Pforten öffnen sich auch den deut schen Flüchtlingen, zeigt ihnen Kameradschaft!" Dies ist eine gute und schäßenswerte Erbschaft unseres toten Meisters Ronsard, der vor vierhundert Jahren am Hofe von Paris Oden sang, und auf dessen Stein in Tours die Rebe und die Myrthe wächst. Er selbst, die Gebeine des Sängers aber sind verschwunden. Sie haben die Abtei SaintCosme im Herzen Frankreichs oftmals abgegraben. Aber der Alte ist fort. O Frankreich, dies war Dein Hofdichter aber da ist noch einer aus dem Volt, Francois Villon, Genie und Säufer wie nur einer. Aber dessen Gebeine brauchst Du gar nicht zu suchen, die hängen am Galgen, denn dieser große Kerl war ein Strauchdieb. Aber seine Verse sind von solcher Schönheit, daß sie noch nach Jahrhunderten aus Versehen in die Dreigroschenopern geraten sind. Und im Bettler- Gewand, wo von einer faschistischen Organisation noch so wenig zu spüren ist, wie in Spanien. Es soll nicht geleugnet werden, daß für die im No pember anberaumten Gemeindewahlen in den 9500 spanischen Gemeinden der Uebergang der Sozialisten zur Opposition die Wahlagitation der Partei erleichtern wird; es sind die ersten Wahlen mit dem Frauenwahlrecht. Ueberhaupt darf man nicht annehmen, daß eine Partei, die im Lande und im Parlament eine so starke Stellung einnimmt, wie die sozialistische, als Oppositionspartei sehr handlich sein und dem Kabinett Lerroux allzu viele reaktionäre Seitensprünge erlauben wird. Dazu ist die spanische Revolution noch zu jung. Man soll nur nicht denken, daß es in Spanien einzig den Syndikalisten und Anarchisten möglich ist, die Massen aufzu rufen. Seit das Land Republik ist, hat die sozialistische Partei von dieser Möglichkeit noch wenig Gebrauch gemacht, aber verjährt ist sie nicht. Auch wird eine politische Kraft wie Azana nicht durch ein Ministerium Lerroug dauernd beiseitegeschoben und brachgelegt. Lerroug übernimmt eine unbequeme Erbschaft. Nicht, wie er es dar stellt, weil alles in Grund und Boden gewirtschaftet wäre, sondern weil es ihm nicht leicht sein wird, in seinem Kabinett soviel Hingabe an die Sache, so unermüdlichen Eifer und so weiten Blick zu vereinigen, wie in den letzten zwei Jahren in Spanien an der Regierung waren. Jmmer muß man sich aber bei der heutigen Wendung nach rechts vor Augen halten, daß sie zustande kam, nicht weil Lerrour durch sein gläubiges Jch werde regieren", die Ereignisse seinem Willen untertänig gemacht hätte, sondern nur, weil die sozialistische Partei aus taktischen Gründen die Uebernahme der Regierung abgelehnt hat. Ob sie gut getan, eine Machtposition aus der Hand zu geben in einer Zeit, wo das Recht so wenig gilt, wird sich wahrscheinlich schon in den nächsten Monaten zeigen. Lerrour, der seine politische Laufbahn als Anarchist be= gann, scheint auch als Siebzigjähriger noch ziemlich wandelbar zu sein. Die Kräfte, die ihn zur Macht gebracht haben, werden mit ihren Gegenansprüchen nicht lange auf sich warten lassen. Dann wird die sozialistische Partei Gelegenheit haben, zu zeigen, ob sie in der Opposition die Sache der Arbeiter und der Demokratie besser zu vertreten vermag, als sie es in einer Koalitionsregierung getan hat. Gerade das in den letzten zwei Jahren Geleistete gibt das Recht, hohe Ansprüche an die durch ihre Entschließung herbeigeführte neue Lage zu stellen. D. D. Drei Tote in Oesterreich Blutige Zwischenfälle im österreichischen Kohlengebiet In der Ortschaft Kohlgrube im oberösterreichischen Kohlens ichen Heimatschußlenten und Nationalsozialisten, die am gebiet kam es am Sonntag zu Auseinandersezungen zwis Montag ihre Fortseßung fanden. Nach einer amtlichen Darstellung sind zwei Heimatschuglente von Nationalsozialisten überfallen worden, die sich darauf in ein Gasthaus zurücks zogen, wohin fie verfolgt wurden. Als Gendarmerie tam, gingen die Angreifer in ein anderes Gasthaus, wo sich eine größere Gesellschaft von Nationalsozialisten, Sozialdemokra ten und Kommunisten befand. Als die Polizei die Haupts täter verhaften wollte, ist ihr Widerstand entgegengelegt worden. Trok wiederholter Aufforderungen der Gendarmerie haben die Angreifer von ihrem gewalttätigen Bargehen nicht abgelassen, so daß die Gendarmeriebeamten, von denen einige verlegt worden waren, von den Schußwaffen Ges brauch machten. Drei Personen wurden durch Schüsse getötet, fünf Personen verwundet. Der Danziger Boltstag wählte den bisherigen Senator Dr. Wiercinski- Keiser, der vor einigen Tagen aus dem Rentrum ausgetreten war und sein Amt niedergelegt hatte, auf Antrag der Nationalsozialisten von neuem zum Senator. Das Zentrum enthielt sich der Stimme. Malmö. Oberst Lindbergh und Frau haben Schweden endgültig verlassen. Ihr Ziel ist unbekannt; es verlantet aber, daß sie sich nach Sowjetrußland begeben wollen. mit tollen Stiefeln laufen sie noch heute als Opera des quatre Sous" nachts in den alten Gassen an der Seine herum. Du kannst sie abends auch unter den Seinebrücken sehen! Na, und Du, Altmeister Villon, wenn Du auch keine Gebeine hast, Du bist doch jetzt endlich zu Geld und Rotwein und gutem Bourgignon gekommen und vereinigst die Künstler mit leerem Bauch" für 2, 3 Franken im Gercle Francois Villon am Bahnhof Montparnasse wo die Maler des besonnten Akts aus den billigen Ateliers und all die verfannten Genies und auch da wieder deutsche Flüchtlinge den Vater der Dichtung ehren Dank Dir, Frankreich, während in Deutschland wohl 8 von den 9 Musen schon in Dachau sind! Lilian in Paris Es ist leider wahr, daß der Franzosen- Film sich schwer von der Ufa trennen kann. Noch zwei Jahre laufen die Verträge. Aber Hollywood hat jetzt einen großen Block vor die HorstWeffel- Kamera geschoben: Pommer dreht hier an den Seineorten, gestaltet Paris zum Zentrum europäischer Filmkunst. Friz Lang beginnt mit Liliom", einem Wien mit Montmartre- Ecken und den Reliefs der malerischen Vorstädte, durch die Charles Boyer in den Himmel latscht. Dann ein Polizeifilm von Ophuls, der schon bald ein Nachfolger von dem guten König Heinrich mit dem Suppentopf ist, weil er nun schon fünf Monate lang den Midinettes die Liebelei" verabreicht. Schließlich Lilian Harvey mit einer fomischen Filmoperette. Erich Pabst hat inzwischen, nach seinem„ Don Quichotte", mit einem ungarischen Film losgelegt, der schon zehn Jahre nach der„ Frendlosen Gasse" in deren Art spielen soll, mit Sokoloff und Marga Lion. Pommer, Lang, Pabst, sonstige deutsche Filmkanonen: Viele Hundert arme Teufel, Emigranten auf Feldbetten, mit Essenfassen und keinem Sou in der Tasche, stecken in den Baracken von St. Maur jenseits der Heide von Vincennes, vor den Toren von Orleans und Italie, in der melancholischen Einöde am Schlachthof Billette, auf den abgetragene Forts im Mateotti Comite( 211 Rue Lafayette). Hört es, deutsche Filmkanonen, nehmt Euch dieser abgetragenen Forts an! Baptiste. Besuchet den Reichstagsbrandprozeß! Das wird ein Theater! Das wird ein Tamtam! Was wird dann Prunk man entfalten! Heil den Mördern! Entfernung der Erzberger- Andenken Auf Veranlassung der Behörden wurden unter Mithilfe des SA.- Sturms von Oberkirch sämtliche Erzbergermtam! Andenken in der Nähe von Bad Griesbach weg Denn das Festprogramm war das einz'ge Programm Das Hitler je eingehalten. Und das einzige Werk, das in Gang er gefeßt, War doch das Feuerwerk bis jetzt. Das wird ein Theater! Die Rollen sind schön Verteilt von Lübbe bis Papen. Kein Mensch wird hinter die Bühne sehn, Die Kulissenregie wird flappen! Denn reicht die Naziromantit nicht mehr, Dann muß die Pyromantik her. Göring, Spielleiter und Dramaturg, Wird die Heldenrolle erhalten. Lübbe den Schurken". Und Hinderburg Gibt prächtig den„ komischen Alten". Wenn ein Intrigant den Faden verliert, Dann wird nachdrücklichst ihm souffliert. Beifall flascht zu dem Stück die SA. Mit Peitschen auf Arbeiterknochen. Herr Göbbels ist als Claquechef da Und hat auch Kritiklob versprochen. Ein Welttheater, wie's Bayreuth nie sah! Ausverkauft ist seit Wochen! Welch Galapremiere! Heil und hurra! Doch, pardon, ich hätte vergessen beinah' Eine Kleinigkeit. Welche? Na ja: Es wird nebenbei Recht gesprochen. Hoch klingt das Lied vom braven Mann Auch wenn er SS.- Uniform trägt geräumt. Auch die große Gedenktafel aus Marmor, die sich im Keller der Kapelle befand, wurde nach Oberkirch verbracht. Zur Leichenschändung kommt also die Kirchenschändung, und die Bischöfe sehen zu. Die Erzbergermörder Heinrich Schulz und Heinz Tillessen sind nach Deutschland zurückgekehrt. Im Mannheimer Hakenkreuzbanner"( Nr. 230) begrüßt ein Dr. med. Grüninger die gemeinen Mörder wie folgt: Es ist nicht mehr als Recht, daß wir diesen Vorkämpfern des völkischen Gedankens öffentlich Glück wünschen, daß sie nach zwölffähriger Odyssee wieder in das Deutschland Adolf Hitlers zurückgekehrt sind, und wir sind stolz darauf, daß diese Männer der Tat wieder zwischen uns im Vaterlande weilen. Wir wissen, daß Schulz und Tillessen in den qualvollen Jahren der Verbannung nie wankend geworden sind, und daß sie trot schwerster körperlicher und seelischer Prüfungen an den endlichen Sieg des Guten, an Adolf Hitler und seine Bewegung geglaubt haben, in einer Beharrlichkeit, die ihresgleichen suchen dürfte. Das danken wir diesen Braven im besonderen und wir graben uns die Namen dieser Männer in unser Gedächtnis ein, missend, daß die Geschichte einst diese Tat als noch bedeutender hinstellen wird, als wir sie heute schon zu sehen vermögen. dar Anfänge Jura. Im Westdeutschen Beobachter", der in Köln erscheint, Iesen wir: Vor kurzem hat sich auf dem Poller Ufer folgendes zugetragen. Es war an einem heißen Sommernachmittag. An beiden Rheinnfern überfüllte Bäder! Jeder sehnte sich. nach dem erfrischenden Naß des Stromes. Geübte und weniger geübte Schwimmer bevölkerten ihn. Plöglich be merkte ein Kölner SS.- Mann von der Poller Rheinwiese aus einen verzweifelt mit der Strömung fämpfenden Schwimmer. Sofort sprang er ihm nach. Der Ertrinkende flammerte sich an seinen Retter und brachte ihn auf diese Weise selbst in Lebensgefahr. Zweimal vermochte dieser sich von der Umflammerung zu befreien, erst dann konnte er die Rettung ermöglichen. Der auf diese Weise Gerettete war ein Jude aus der Friedrichstraße. Ohne ein Wort des Dankes von dem Geretteten oder dessen jüdischen Freunden erhalten zu haben, zog der SS.- Mann von Kleine Demonstration in Rendsburg Aus Kiel wird uns geschrieben: Zu einem geschlossenen Demonstrationszuge formierte fich in Rendsburg ein Trupp Arbeiter, der unter Absingen revolutionärer Lieder und Hochrufen auf die Freiheit durch die Straßen zog. Nach einer kurzen Ansprache gegen Hitler marschierten etwa 20 Arbeiter nach dem Marktplatz die meisten der Demonstranten waren inzwischen fortgegangen, wo sich ihnen die Polizei entgegenstellte. Ohne Gegenwehr ließen sich 14 Teilnehmer verhaften. Die Straßenpassanten begleiteten unter höhnischen Burufen gegen die Regierung die Polizei und ihre Arrestanten zur Wache. „ Sperrt uns doch alle ein!" riefen die Zuschauer. Die Polizei aber war so flug, auf die Zurufe nicht einzugehen. Das ist die erste Demonstration gegen Hitler, von der auch die gleichgeschaltete Presse Kenntnis geben muß. Sie versucht allerdings, der Demonstration den Wert zu nehmen, da sie behauptet, es seien„ einige Kommunisten" gewesen, was in Wahrheit unzutreffend ist. Die nächste Demonstration wird nicht lange auf sich warten lassen, aber größer sein! Denn wer hat heute noch Furcht vor dem Konzentrations lager? Ist das Leben in Freiheit" nicht dasselbe? bannen. Wie wird die Grenelpropaganda fich zu diesem Freude für Emigranten Fall verhalten? Wie wir, die„ Greuelpropaganda", uns dazu verhalten? Wenn die nationalsozialistische Presse ausnahmsweise die Wahrheit geschrieben haben sollte, war der SS.- Mann ein braver Kerl. Wie aber, wenn es ein„ verkleideter Marrist" gewesen sein sollte? Sind doch die Ausschreitungen der SA. und SS. stets nur von verkleideten Marristen" begangen worden! Aus Paris wird uns berichtet: Schicksal einer deutschen Lehrerin bem ersten Gefallenen des Weltkrieges". Bei dieser GeAus Altona wird uns geschrieben: Die Studienrätin eines hiesigen Lyzeums hatte bei der Besprechung des Buches von Hitler„ Mein Kampf" einige Bemerkungen gemacht, die nach Ansicht der Schulaufsicht nicht mit den Richtlinien der nationalen Regierung in Einflang zu bringen" sind. Sie verfügte die Entlassung der Lehrerin die unter dem Geheul der„ besseren Mädchen" und den Rufen Heil Hitler" die Klasse verlassen mußte! Am 10. September fand unter Leitung des Präsidenten der Seftion locale der Liga für Menschenrechte, Paul Deflisque, eine Feier statt, zu der man eine Anzahl Emigranten nach Pavillons sous bois eingeladen hatte. In aufopfernder Weise versuchten die französischen Gastgeber, thre Gäfte das traurige Los der Emigration vergessen zu lassen. Bei der gemeinschaftlichen Feier am Nachmittag wurde ein Kranz am Denkmal von Jean Jaures niedergelegt, legenheit sprach der bekannte Pazifist Hellmuth v. Gerlach über die notwendige Bölferversöhnung und Völkerverstän digung. Grenseitige Kenntnis der Sprache und Austausch der Gedanken waren die unbedingte raussetzung hier' r. Im gleichen Sinne sprach u. a. auch der sozialistische Bürgermeister von Pavillon s. bois, Mr. Fischer. Nder citi ziellen Feier blieben Gastgeber und Gäste bei künstlerischen Rezitationen und Musikvorträgen noch lange Zeit zusammen. BRIEFKASTEN Schweiz. Zeitungsausschnitte mit dem Bericht über das Drama von Bacharach sind uns aus vielen Orten der Schweiz zugegangen. Allen danken wir. Jerusalem. Wir haben die Notiz über die Jüdische Rundschau", die uns vom Inpreß- Büro zugegangen war, berichtigt. Wir brau chen Ihnen wohl kaum zu versichern, daß uns jede feindselige Absicht gegen den Zionismus, der von soviel bedeutenden Männern aller Rassen, aller Konfessionen gefördert wird, vollkommen ferne liegt. Das haben unsere objektiven Berichte über den zionistischen Kongreß bewiesen. Daß wir zu den innerjüdischen Konflikten nicht Stellung nehmen oder gar Partei ergreifen wollen, ist selbstvers ständlich. Antwerpen. Das„ Vogerl" ist sehr nett. Wir haben freilich Gedichte dieser Art schon häufig veröffentlicht, so daß wir für diesmal ver zichten möchten. Jeden Morgen hüpfen zahlreiche Verse über unsern Schreibtisch. Der vielgeplagte Redakteur hat nicht geringe Mühe, um sie zu exerzierfähigen Schlagreihen zu ordnen. G. H., Nizza. Vielen Dank, sehr hübsch, wird gedruckt. Holland. Der Brief mit den indirekten Grüßen aus Berlin ift angekommen. Allerdings konnten wir den Verfasser nicht erraten, da wir Ihre Handschrift nicht kennen. Natürlich verstehen wir, daß Sie die Anonymität wahren. Grüße in Berlin! Dr. J., Straßburg. Dank für alle Einsendungen und Ueberlegungen. Ihre Anregung, einen Aufruf zu erlassen, werden wir uns überlegen. A. M., Neuyork. Brief und Einlage sind angekommen. Die Zu schrift wird abgedruckt. J. E., Amsterdam. Ihre Anregung ist wertvoll. Wir selbst haben zwar nicht die Zeit, sie zu verwirklichen, aber wir glauben, einen Bearbeiter gefunden zu haben. W. in E. Wir bitten um genaue Adresse. M. Zollikon. Wir bitten um nähere Adressenangabe. Lachen nicht verlernen. Siebe Saarbrücker Freunde! Das geht nicht! Der Scherz ist gut, aber für empfindliche Nasen peinlich. Sie werden das begreifen. A. B., Frauenfeld. Ueber das Drama in Bacharach lagen zunächst nur die deutschen Berichte vor, deren Verlogenheit wir sofort aufs gezeigt haben. Was wirklich vorgegangen war, konnte man zunächst rur vermuten. Der Schweizer Journalist, der dann die Wahrheit berichtete, hat sich ein Verdienst erworben. Fran J. M., Zürich. Wir sind weder an irgend ein Religionsbes kenntnis, noch an eine bestimmte Rasse gebunden. Anzeigen für Got tesdienste werden von uns weder den Juden noch den Christen abgelehnt werden. Ihren Brief hätten Sie ruhig mit Ihrem vollen Namen unterzeichnen können. Solche Kritik kennen wir seit Jahre zehnten; bekümmert hat sie uns nie. P. Th. Sie schreiben uns unter anderem, daß der nationalsozia listische Kriegervereinsvorsißende in Görste bei Magdeburg die Kirchenkasse geplündert hat. Der Mann wird" Deutscher Christ" sein, und soviel wir wissen, stammt das Gebot Du sollst nicht stehlen!" von dem Juden Moses. Ein Antisemit ist also daran nicht gebunden. Der Abbau der sozialen Krankenkassen- Einrichtungen beschränkt fich nicht auf Halberstadt, er ist in Deutschland allgemein. „ Kritik der Kritit". Wir haben nicht die Absicht, in die parteitheoretische Aussprache im„ Neuen Vorwärts"( Prag) einzugreifen. Sie senden zweckmäßig Ihren Beitrag nach Prag. F. S., Paris. Wir verstehen Ihre Sorgen und möchten Ihnen so gerne beistehen. Aber vergessen Sie nicht: der eiserne Vorhang ist heruntergelassen. Wir haben im Augenblick keine Möglichkeit, mit dem Verfasser in Verbindung zu treten. Sobald es gelingt, erhalten Sie Nachricht. E. H. B., Zürich. Sie teilten uns mit: Ihre kürzlich veröffentlichte Verlustliste aus dem neudeutschen Krieg wäre wahrscheinlich noch um manchen Namen zu ergänzen, der Ihnen nicht bekannt wird. In der Schweizer Zeitung„ Der Schwyzer Demokrat" las ich per ungefähr 14 Tagen eine Notiz, daß sich in Küßnacht am Vierwaldstättersee ein deutsches Ehepaar aus Berlin durch Einnehmen von Schlafmitteln das Leben genommen habe. Es han delte sich um einen Augenarzt mosaischer Religion, samt Frau." M. H., Antwerpen. Sie meinen:„ Doppelt genäht hält besser", und rüffeln uns gleich noch ein zweites Mal. Wir waren doch schon nach dem ersten Brief ganz zerknirscht. Sollen wir öffentlich Abbitte leisten? Wir können unmöglich jeden bei uns einlaufenden Brief bestätigen. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Piz in Dud weiler; für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruc und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrücken 3, Schüßenstraße 5. 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