Es sinnt Gewalt und List nur dieS Geschlecht, was will, was soll, was heißet denn das Recht? Hast du die Macht, du hast das Recht auf Erden. Selbstsüchtig schuf der Stärkre das Gesetz, ein Schlächterbeil zugleich und Fangenetz für Schwächere zu werden. Chamisso. Pes ReidisKanzlers Kronzeuge Leipzig: Ein Narr als Jiiiircr der deaisdien„boisdiewistisdien Revolution" Die wahren Angeklagten v. F. Wir haben über den sogenannten Gegenprozeh kn London ausführlich berichtet und gedenken auch über den Leipziger Prozeh möglichst ausführliche Berichte zu bringen. Es ist kennzeichnend für die Taktik der national- sozialistischen deutschen Regierung, dah sie ihrer Presse nicht die Möglichkeit gegeben hat, über die Aussagen in London eingehend zu berichten, dagegen für die weiteste Verbreitung der Verhandlung von Leipzig durch Presse und Rundfunk sorgt. Wir werden unseren Lesern die Mög- lichkeit geben, sich auch über den Prozeß von Leipzig ein eigenes Urteil zu bilden, wie sie das auf Grund Unserer Berichterstattung über London tun konnten. Dabei machen wir darauf aufmerksam, dah wir zunächst a u f gleichgeschaltete Berichterstattung ange- wiesen sind. Allerdings haben wir uns die Möglichkeit ge- sichert, diese Berichte, die schon am ersten Tage retuschiert waren, angemessen zu ergänzen. : Der Präsident hat gleich bei Beginn der Vernehmung van der Lübbes die Echtheit seines holländischen Reise- Süsses festgestellt. Ungeklärt aber bleibt, warum ein„ü", as es im Holländischen nicht gibt, statt einem„u" im Namen steht. Die Erzählung van der Lübbes, dah in irgendeinem Asyl irgendein Stromer die beiden ü-Punkte in den Pah gesetzt habe, ist so unglaubwürdig, dah man sich doch wundern muh, wie der Senatspräsident Dr. Bünger eine solche Erklärung so ohne weiteres hinnehmen kann. Van der Lübbe bestreitet, sich als Nationalsozialist aus- gegeben zu haben. Auch habe er nie in Heimen dieser Partei übernachtet. Er lacht aber lautlos vor sich hin, als nationalsozialistische Zeugen beschwören, er sei nicht der Mann, der tagelang die Freundschaft nationalsozialistischer Losgrößen in Sachsen angenommen hat. Als der Prä- sident ihm sagt:„Ich warne Sie. lachen Sie nicht mehr, die Sache ist hier furchtbar ernst," lachte van der Lübbe dennoch wieder und sagt ehrlich, die ganze Ver- Handlung komme ihm komisch vor. Der Gerichtshof ist sehr duldsam. Er begnügt sich mit dieser komischen Er- Klärung des Angeklagten, ohne ihn weiter zu beKnien. Vielleicht findet van der Lübbe auch das komisch, und darin hätte er recht. Vielleicht ist Lübbe gar nicht so dumm bei seinem Lachen. Er wird sich überlegt haben, was wohl mit einem Zeugen geschähe, der hier aussagte, van der Lübbe sei wirklich der Mann, der da die Gastfreundschaft von ört- lichen Nazigröhen genossen hat. Er hatte noch mehr Grund zum Lächeln, wenn richtig ist, dah der Zeuge Keil aus dem Konzentrationslager zum Prozeh gebracht worden ist, um in„voller Freiheit" seine Aussage zu machen und nach der„Freiheit" des Prozesses dann ins Konzentra- tionslager zurückzukehren— zur weiteren Behandlung. Van der Lübbe, der Hauptangeklagte dieses Monstre- Prozesses, der Kronzeuge des deutschen Re iu s- Kanzlers für die Notwendigkeit des Niederschla- gens der ganzen deutschen Arbeiterbewegung, gibt an, die Anklageschrift überhaupt.nicht ge- lesen zu haben. Auf die Frage des Präsidenten, ob sie ihm verdolmetscht worden sei, antwortet er erst: „Nein!" und auf die weitere Frage, ob sie vielleicht teil- weise verdolmetscht worden sei, lautet die Antwort:„Mög- lich." Was soll man dazu sagen? Ein Angeklagter, um dessen Kopf es geht, beachtet überhaupt nicht die Anklage- schrift. Entweder ist er ein armer Narr, oder er weih sich irgendwie gesichert. Er sagt aus, dah seine Augen am 28. Januar 1933 viel schlimmer geworden seien, und er habe die Universitäts- Klinik aufgesucht. Noch Ende Februar, am Brandtage, war er halb blind. Und dieser Mensch mit geschwächtem Augen- licht soll die Fassade des Reichstags hinaufgeklettert sein, um an Dutzenden Stellen allein Feuer anzulegen! In linem Gebäude, das ein wahres Labyrinth von Gängen, Sälen und Zimmern ist. Ein riesiger Bau, in dem sich zu- rechtzufinden. jeder Wochen braucht. Der Präsident stellt fest, dah van der Lübbe schon mit 1k Iahren Kommunist gewesen ist. Als Beweis ergibt sich allerdings nur, dah van der^wbe mit einem Stu- denten befreundet war, der anarchntiiche^jdeen gehabt haben soll, und dah er Beziehungen zu holländischen Kommunisten gehabt hat. Ob er kommunistische Schriften versaht hat? Rein! Ob er ein kommunistischer Redner war? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Er gibt nur ver- worrene Auskünfte. Nur eins ist gewiß, dah van der Lübbe seit mindestens 1931 nicht mehr der Kommunistischen Partei angehört. Beiträge haterseitdemnichtmehrbezahlt. Sein Parteimitgliedsbuch hat er vorsichtshalber behacken. Schon im Jahre 1929 ist er einmal aus der Kommu- nistischen Partei ausgetreten. Vielleicht ist er schon seit dieser Zeit, also seit vier Iahren, nicht mehr Parteimitglied. Jedenfalls erklärt van der Lübbe, so unsicher und un- klar auf sonstige Fragen seine Aussagen auch sind, entschieden und immer wieder, dah er nicht mehr Kommunist ist. Van der Lübbe soll seine politischen Ziele entwickeln. Es wird ihm nahegelegt, es in seiner holländischen Mutter- spräche zu tun. wenn es mit dem Deutschen hapert. Er kann auch das nicht. Kein Wunder, denn alle seine„poli- tischen" Antworten haben ja schon gezeigt, daß er sich in sehr wirren Ansichten bewegt. Der erste Prozehtag schließt mit der eindringlichen Mahnung des Vorsitzenden an den Angeklagten, sich bis zum nächsten zu überlegen, aus weichen Gründen er vor Iahren die Kommunistiiche Par- tei verlassen hat. Vielleicht macht sich van der Lübbe über Nacht eine Aussage zurecht. Niemand würde seine Be- hauptung widerlegen können, denn wer kann wissen, was in einem geistig und moralisch so minderwertigen Menschen vorgeht. Vielleicht findet van der Lübbe aber die Frage des Vorsitzenden nur wieder recht komisch und ant- wortet mit einem Lachen. Vielleicht ist dem Angeklagten der ganze Prozeh komisch. Das jedenfalls hat schon der erste Tage gezeigt, dah es an Verrücktheit grenzt, glauben zu machen, dieser ehe- malige Fllrsorgezögling, dieser wiederholt vorbestrafte Kriminelle, dieser Parasit und Schwätzer, der seit Iahren aus der holländischen Kommunistischen Partei ausgetreten ist, wenn er nicht ausgestoßen wurde, dieser Vagabund van der Lübbe sei von deutschen Reichstagsabgeordneten in die angeblichen Geheimpläne der kommunistischen Führer zur Entfesselung der Revolution in Deutschland einge- weiht worden und habe das Flammensignal zum Aufstand geben sollen! DasaberistvomdeutschenReichskanzler, ist vom preußischen Ministerpräsidenten Göring in der Brandnacht in die ganze Welt gerufen worden. Mehr noch! Kanzler und Ministerpräsident haben behauptet, dieser Landstreicher van der Lübbe sei das Symbol der kommu« nistisch-sozialdemokratischen Einheits« front. Er habe seine Beziehungen zurSozialdemo- k r a t i e zugegeben. Tos war ja doch die Begründung, mit der man die gesamte sozialdemokratische Presse Pr.'u» hens unterdrückt und den gewalttätigen, ungesetzlichen Kampf mit Folterungen und Mord gegen die Sozialdemo- kratie einleitete. Schon der erste Prozehtag hat die Lügenhaftigkeit des deutschen Reichskanzlers und des preußischen Minister- Präsidenten vor der ganzen Welt enthüllt. An diesem Ein- druck wird keine Regie der künftigen Prozehführung etwas ändern können. Ein notorischer Lump war der nationalsozialistischen Regierung gerade gut genug, um als Werkzeug für die Unterdrückung der deutschen Arbeiterschaft zu dienen. Van der Lübbe ist ein Lump. Niemand wird es bestreiten. Und was sind die andern? ver zweite Tag Fememörder Heines meldet sich Leipzig, 22. Sept. Das Interesse von Publikum und Presse war am Freitag unvermindert stark. Die Kontrolle wird mit gleicher Strenge durchgeführt, da die Zuhörerkarten nur immer für einen Tag Gültigkeit haben, sind die Zu- Hörerbänke neu besetzt- Auch die Photographen sind wieder anwesend, während die Tonfilmoperateure ihre Apparate heute nicht mehr aufgestellt haben. Die Donnerstagverhandlung hatte die Vernehmung des Angeklagten van der Lübbe über seine Ankunft in Berlin im Februar gefördert. Es wird nun festzustellen sein, was van der Lübbe in Berlin in den Tagen bis zum Reichstagsbrand getrieben hat. Da bei dieser Gelegenheit auch die Brandstiftung selbst Voraussicht- lich schon zur Behandlung kommen wird, ist zur heutigen Verhandlung bereits der sachverständige Branddirektor Dr. Jng. Wagner geladen. Dem Angeklagten van der Lübbe werden, nachdem er in der Anklagebank Platz genommen hat, die Fesseln sofort abgenommen. Der Beginn der Verhandlung verzögert sich um eine gute Viertelstunde. Nach Eröfsnung der Sitzung nimmt der Oberreichsanwalt zu folgender Er- klärung das Wort:„Ich habe heute morgen ein Telegramm von TA-Oberführer, Polizeipräsident, Preußtscher Staats- rat Heines folgenden Inhalts bekommen:„Im Braunbuch und in der in- und ausländischen Presse werde ich der Brandstiftung im Reichstagsgebäube verdächtigt. Ich war vom 26. Februar bis t. März in Gleiwitz und habe dort im Hotel„Haus Oberschlesien" gewohnt und bin in Gleiwitz von vielen Personen gesehen worden. Ich bitte das Gericht, mich gegen diese Verdächtigung zu schützen." In einem Teil der ausländischen Presse," so fährt der OberreihSanwalt fort, „ist die Behauptung verbreitet worden, daß der Absender des Telegramms, Polizeipräsident HeineS, Anführer f.'onw/i' r»**« irdischen Gang in das ReichStagSgeväude eingebrochen sei und den Brand gelegt habe. Ich werde mir vorbehalten, entsprechende Anträge»n stellen, wenn dieser Komplex zur Sprache kommt." Der zweite Anklagevertreter, Landgerichlsdirektor P a r t s i u s, weist darauf hin, baß in einem Teile der Presse die Aussagen der Zeugen über van der Lübbes Ausenthalt in Sörnewitz so wiedergegeben worden seien, daß daraus der Anschein ent- stehen könnte, als wenn diese Zeugen gestern etwas anderes ausgesagt hätten, als im Vorverfahren. Ich bitte festzu- stellen, so erklärt er. baß das, was diese Zeugen gestern hier bekundet haben, übereinstimmend ist mit dem, was sie schon im Anfangsstabium des Verfahrens bekundet haben. Auch der Vorsitzende stellt fest, daß die Zeugen gestern genau das- selbe ausgesagt haben, wie in der Voruntersuchung. Der Vorsitzende gibt bann zunächst dem medizinischen sach- verständigen Geh. Rat. Dr. Bonnhoesfer das Wort zu einem Gutachten über den Gesundheitsznstand van der Lübbes. Der Sachverständige führt aus: Ich hatte van der Lübbe vom 20. bis 25. März 1033 mehrfach eingehend untersucht. Das Bild, das der Untersuchte damals geboten hat, war das eines körperlich kräftigen Menschen, der es ablehnte, an irgendwel- cher Krankheit zu leiben. Das damalige Bild wich i n s o- fern von dem ab, das der Angeklagte bei der gestrigen Verhandlung bot, als es damals keinerlei Schwierigkeiten berettete, mit ihm in Kontakt zu kommen und sich mit ihm zu unterhalten. Er hatte etwas durchaus Selbstsicheres, sogar etwas lieber-- mütiges. Auch damals lächelte oder lachte er bei Situationen, die ihm aus irgendeinem Grunde komisch erschienen. Die Möglichkeit, sich mit ihm zu unterhalten über den Tatbestand und über seinen Lebensgang, war durchaus gegeben. In man- che» Dingen war er zurückhaltend, namentlich über seinen letzten Weg von Holland nach Berlin. Der unmittelbare An- laß für die Untersuchung war ein Hungerstreik, der damals von ihm im Untersuchungsgefängnis beabsichtigt war, weil er drei Wochen lang den Wunsch hatte, daß die Sache beschleu- nigt werde. Der Angeklagte hat uns dann auch Motive seines Handelns angegeben und dabei keinen Zweifel darüber gelas- sen, daß es sich um eine Aktion von ihm handelte, die au3 kommunistischen Gedankengängen hervorgegan- gen war. Er habe ein Vorbild sein wollen für andere. Ich habe keinen Anhaltspunkt gewonnen zu der Annahme, daß etwa eine psychische Störung bei ihm vorliege« könnte. B e r t e i d i g e r Dr. S e u s s e r t: ES ist mir aufgefallen, daß van der Lübbe, alS ich mit ihm allein war, plötzlich in leidenschaftliche Erregung kommt, die bann zwar wieder ab» klingt, aber ohne erkennbaren Anlaß wiederkommt. Haben Sie auch solche Beobachtungen gemacht? Sachverständiger: Daß eine leidenschaftliche Erre» gung bei ihm zu beobachten wäre, kann ich nicht sagen. Er wird allerdings oft lebhaft und mitteilsam. Verteidiger Dr. Seuffert: Ist es denkbar, daß der Angeklagte unter einem posthypnotischem Einfluß steht? Sachverständiger: Das balte ich für ausgeschlossen. Als Zeuge wird hierauf der Berliner K r i m.- K o m m i s- s a r S e i s i g vernommen, der in Holland Ermittlungen über das Vorleben van der Lübbes angestellt hat. Der Zeuge gibt an, er habe diejenigen Kommunisten in Leyöen und Umge- bung aufgesucht, die als Freunde des Angeklagten van der Lübbes bezeichnet wurden. Dabei sei er auch zu einem Stu- denten van Albara gekommen. Dieser habe erklärt, er sei Anhänger des sogenannten„internationalen Kommunis- mus", einer Sonderbildung, die in ganz Holland etwa 20 und in Leyden etwa fünf Mitglieder zählt. Auf die Frage, waS eigentlich der internationale Kom- munismus bezwecke, erklärte der Student, diese Leute würden sich nicht nach irgendwelchen Weisungen einer Zentralinstanz richten, sondern als selbstän- dige Kommunisten die kommunistische Idee vertreten und verfolgen. Auch das Programm der Kommunistischen Partei vertreten sie. Lübbe habe in der Partei ein gewisses An- sehen erworben. Albara ist zu der Ueberzeugung gekommen» daß van der Lübbe für die Kommunistische Partei ein geeig- netes Objekt war, besondere Aktionen durchzuführen. Die Partei habe van der Lübbe immer vorgeschickt, um selbst im Hintergrund zu bleiben, und van der Lübbe war so an- ständig, die Schuld immer auf sich zu nehmen. Im Jahre 1981 sei van der Lübbe der Austritt von der Kommunistischen Partei nahegelegt worden. Er wußte jedoch nicht, was schließlich daraufhin geschehen sei, glaubte aber kaum, daß van der Lübbe dieser Aufsorbe» rung nachgekommen ist. Van der Lübbe sollte sozusagen kalt- gestellt werden. Aber die Gründe hierfür waren nicht zu er- fahren.— Der Zeuge hat dann auch noch miteineman- deren Freund van der Lübbes gesprochen, mit JacobuS Bink, der Mitglied der Kommunistischen Partei Hollands ist. Auch dieser wußte davon, baß Lübbe mit der kommunjsti» scheu Partei in Konslikt gerate« war und daß die Partei ihn zum Austritt veranlassen wollte, er nehme allerdings kaum au, daß Lübbe ausgetreten sei, da er sich weiter im Ginne der Partei betätigt habe. Der Zeuge macht dann noch eine wichtige Bekundung fiber Auszeichnungen des Angeklagten, die, wie Bink mit- teilte, am Tage vor dem 1. März von einem Vertreter der Kommunistischen Partei Hollands abgeholt wurden. Es han- delte sich um ein Tagebuch und um einen alten Paß van der Lübbes. In dem Tagebuch waren Adressen inländischer und ausländischer Kommunisten verzeichnet. Es waren auch deutsche Namen darin. Aus dem Abholen dieser Sachen ist zu entnehmen, daß die Kommunistische Partei Hollands berech- tigtes Interesse daran hatte, diese Aufzeichnungen nach dem Bekanntwerden der Festnahme van der Lübbes verschwinden zu lassen. Die Verhandlung dauert an. lSiehe auch Seite LI) Unsere„Freiheit" Trotz alledem In der„Saarbrücker Zeitung" regt sich ein braver Bürger auf: Wie das Druckerzeugnis„Deutsche Freiheit" i» Kohle», waggons nach dem Reich geschmuggelt wird, zeigt ein Vor, fall, der sich am 0. d. M. in der Versandabteilung der» Gruben Reden-Fett zugetragen hat. Ein junger Knappe überbrachte dem Aufkerber sechs Pakete mit dem Be, merke«, der Gicherheitsmann I habe ihn geschickt, der Auf- kerber möchte die Pakete an den Lesebandaufseher E. «eiterleiten. Als die Pakete am nächsten Morgen noch nicht abgeholt waren, öffnete der Auskerber im Beisein eines Grubenarbeiters eines der Pakete, die in starkes Papier verpackt und mit Schießdraht verschnürt wäre«. DaS Paket enthielt Exemplare der Zeitung „Deutsche Freiheit"! A« der Ausschrist„Frei, heitsgrliße von euren Brüdern von der Saar", die ans jedem Paket angebracht war, ließ sich erkennen, daß die Zeitungen ins Reich gehen sollten. Die Pakete wurden später von einem Ausfichtsbeamten beschlag- «ahmt. Das geschah anscheinend, um die Angelegenheit zu vertuschen, denn es ist ein offenes Geheimnis, daß die„Deutsche Freiheit" in Kohlen« waggons nach dem Reich geschmuggelt wird, wobei die Vertrauensmänner der RGV. und SPD. Hand in Hand arbeiten unter stillschweigender Duldung der Grubenverwaltung. Uns war von dieser Art des Schmuggels unserer Zeitung bisher nichts bekannt. Es führen eben viele Wege nach Deutschland. Auch wußten wir nicht, daß die Grubenverwaltung zu unseren intimsten Förderern gehört. Schließlich wird noch heraus kommen, daß der Präsident der saarländischen Re- gierungskommission oder sogar der Präsident der sranzö- sischen Republik sich höchstselbst um den Schmuggel der „Deutschen Freiheit" nach Deutschland bemühen. Wie sollte sie auch sonst nach Deutschland kommen! Hoffen wir, daß die angehaltenen sechs Paket«, nachdem sie ihr eigentliches Ziel nicht erreichen konnten, nun wenig- sten» im Saargebiet in die richtigen Hände gelangen. Auch hier ist noch viel zu tun. Noch Immer 4 Millionen Erwerbslose Trotz aller Kunststücke Nach dem Bericht der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung über die Arbeitsmarktlage im Reich für die Zeit vom 1. bis 15. September 1983 ist die Zahl der bei den Arbeitsämtern gemeldeten Arbeitslose um weitere 57 000 gesunken. Trotz aller„Siege" in der Arbeitsschlacht und trotz aller statistischen Kunstgriffe verlangsamt sich also die„Abnahme" der Arbeitslosenziffern. Die Wirtschaftslage muß sehr schwer sein, wenn es nicht gelingt, eine wirklich überzeugende Sen- kung der Erwerbslosigkeit zu konstruieren. Auch nach der amtlichen Zählung gibt es noch 4,07 Mill. Erwerbslose. Russisch-japanischer Konflikt Moskau, 22. Sept. Der Stellvertreter des Volks» kommissar für Außeres, Sokolnikow, übergab gestern dem japanischen Botschafter eine Erklärung der sowjet- russischen Regierung wegen Verletzung der Ber» träge ber Oft chinabahn durch Mandschukuo bzw. durch die für die Borgänge in Mandschukuo verantwortliche japanische Regierung. Di« gleiche Erklärung gab ber sowjet, russische Botschafter in Tokio ab. Erste Auslandsstimmen Politisch, nicht jnrislisdi Wichige französische Stimme Paris, 22. Sept. Der„Temp s", der bisher zu dem gan- zen Komplex der Reichstagsbrandstiftung sehr zurückhaltend gewesen ist, würbigt ausführlich den Beginn des Prozesses und sagt u. a>: Am Tage nach dem Brand hat man angekündigt, baß die Justiz schnell vorgehen würde. Der Prozeß beginnt am 21. September, 0 Monate später. Am Morgen nach dem Brand meldeten die offiziellen Be- kanntmachungen, baß die Nachforschungen und die Unter- suchung öffentlich sein würden, aber das Verfahren ist streng geheim gewesen, und man kennt nicht den Inhalt der Anklageschrift. Im Verlaufe des Verfahrens sind, wie man sagt, mehr als 600 Zeugen vernommen worden. Aber eine große Zahl derjenigen, die zugunsten der Angeklagten aussagen könnten, hat Deutschland verlassen und kann nicht ohne Gefahr austreten. Eine beständige Bedrohung bildet für die Personen, die in Deutschland geblieben sind, ber Aus- nahmez»stand, ber die Unabhängigkeit ber Zeugenaussage nicht fördert. Nur der Solländer van der Lübbe hat Geständnisse gemacht. Die drei Bulgare» und der Abgeordnete Torgler leugnen jede Beteiligung. Die Verteidigung der Angeklagten wird durch Offizial- Verteidiger wahrgenommen. Nur ber Verteidiger Torg- lers, Dr. Sack, ist ein bekannter Rechtsanwalt? unter dem republikanischen Regierungssystcm verteidigte er rechts- stehende Angeklagte, die gegen die Republik sich verschworen hatten. Das Gericht hat sich geweigert, ausländische Verteidiger zuzulassen. Welches auch der Inhalt ber Anklageschrift sein mag, die Verhandlungen in Leipzig wer- den folgende Punkte aufklären müssen: 1. Wie war es möglich, ein öffentliches, überwachtes Ge- bäude anzuzünden, zu dem keine Person ohne besondere Er- laubnis Zutritt hatte? 2. Man hat am Tatort nureineneinzigenBranb- st i f t e r verhaftet. Aber in den Bekanntmachungen der Poli- zei wurde festgestellt, daß v t e l e Z e n t n e r an Brandmate- rial notwendig gewesen seien und daß zahlreiche Brandherde in sehr kurzer Zeit entzündet und vorbereitet worden wären. 8. Der verhaftete Brandstifter ist ein Holländer, früherer Kommunist, der aber ans der Partei seit mehreren Jahren ausgeschlossen ist. Die offiziellen Bekanntmachungen am Tage nach der Brandstiftung haben die deutsche kommu- ni st is che Partei als eigentlichen Urheber des Terrorakts bezeichnet und die Sozialdemokratie der Mitwirkung angeklagt. Bis heute haben die Kommu- nisten und Sozialdemokraten jeden Zusammenhang mit den Brandstiftern geleugnet und man hat noch nicht einen Beweis gegen sie vorgebracht. Die politische Seite des Prozesses geht also erheblich über den juristischen Tatbestand hinaus. Der Reichstagsbrand war der Bastillestnrm der nationalsozialistischen„Revolu, tion". In den ersten Tagen einer antiparlamentarischen Regierung brannte das deutsche Parlament: DaS war ei« Symbol. Diese Betrachtungen sind auch von ber deutschen Presse, selbst von der rechtsparteilichen, seit dem 20. März angestellt wor- den. Sie sind heute noch zeitgemäß. Der Reichstagsbrand war das entscheidende Argument der nationalsozialistischen Propaganda am Vorabend der Wahlen. Er erlaubte, den kommunistischen und sozialdemokratischen Wahlfeldzug zu unterdrücken. Er ließ bei vielen Wählern eine wahre Panik vor ber„kommunistischen Gefahr" entstehen und versah die Regierung der National- sozialisten, die seit November 1032 an Zahl zurückging, mit einem ausreichenden Wählerzuwachs, um eine absolute Herr- schaft aufrichten zu können. Es ist also nicht zweifelhast, daß die deutsche Regierung die Verhandlungen in Leipzig gewollt hat, um sich zu legitimieren. » Ueber den Beginn des Prozesses schreibt der„TempS":. ... Bevor man sich über diese erste Sitzung Rechenschaft gibt, ist es angebracht zu betonen, daß das Leipziger Gericht und die deutschen Behörden voller Eifer sind, die Weltmeinung zu beruhigen. Von 123 Journalisten, die zu den Verhandlungen zugelassen sind, gehören 82, das sind»genau zwei Drittel, der ausländischen Presse an, nur ein Drittel vertritt die deutsche Presse. Gestern abend hat Dr. P a r i s i u s, der neben dem Gene- ralstaatsanwalt Werner die Anklage vertritt, den auslän- bischen Journalisten eine juristische Abhandlung übergeben, welche die hauptsächlichen Regeln des deutschen Strafverfah- reus darlegt. Diese Regeln wären in ber peinlichsten Weise angewandt worden. So seit von den sechs Strafkammern des obersten Gerichts automatisch, auf Grund des Ansangsbuch- stabens des Hauptangeklagten, die vierte gewählt worden. Dieser Gerichtshof urteilt in erster Instanz nur über gewisse Pläne, die auf Hochverrat schließen lassen. Der Reichstags- brand, dem drei andere Versuche der Brandstiftung voran- gingen, wird als ein solcher Plan angesehen, da er das Sig- nal zu einem kommunisi'^en Aufstand geben sollte. Diese Kennzeichnung beweist also, daß man schon vor Beginn des Prozesses geglaubt hat, auk Grund des bloßen Ergebnisses der Voruntersuchung, den Schluß ziehen zu können, daß dieses Komplott bestanden hat. Lobbe„nahem Idiotisch" Die englische Presse zum Leipziger Prozeß London, 22. Sept. Mit Ausnahme des sozialistischen „Daily Heralb" sind alle namhaften Londoner Morgen- blätter bei der Leipziger Verhandlung durch ihre Sonder- korrespondenten vertreten. Die eingehenden Schil- derungen des gestrigen ersten Verhanölungstages, die von Fotografien begleitet sind, werden an erster Stelle ver- öffentliche Im allgemeinen zeugen die Berichte von dem Bestreben nach sachlicher Tarstellung, obwohl manche Bc- merkungen zeigen, daß es dem Engländer schwer fällt, sich an die Eigenheiten eines deutschen Gerichtsverfahrens zu gewöhnen, das sich von einem englischen beträchtlich unter- scheidet. Bei der Schilderung der Vernehmung des Haupt- angeklagten wird besonders sein häufiges törichtes Lächeln erwähnt. Allgemein wird berichtet, van der Lübbe mache den Eindruck eines unentwickelten, kindischen und nahezu idiotischen Menschen. Die Frage, ob eö sich dabei um Verstellung handelt, wird offen gelassen. Der„TimeS"-Korresponbent bemerkt: Wezin dieser 24jährige Holländer nicht der Geistesschwache ist, als der er nach seinem Aussehen und Benehmen erscheint, dann muß er ein vollendeter Schauspieler sein. Mehrere Korre- spondenten behaupten, daß Suggestivfragen an den Angeklagten gerichtet worden seien. Neurath und Göbbels an die Welt Die Nationalsozialisten sind die größten Pazifisten aller Zelten Vor seiner Abreise nach Genf hat der Reichsaußenminister von Neurath dem Berliner Vertreter der„Neuyork Times" eine Unterredung gewährt, die programmatisch den deutschen Standpunkt für die Abrüstungskonferenz um- reißt. Neurath wies auf die mangelnde Gleichberechtigung Deutschlands in der Bewaffnung hin, indem er alle den Deutfchen verbotenen Waffen aufzählte und fuhr bann fort: Deutschland hat das gleiche Recht auf Sicherheit wie alle anderen Länder. Deutschland hat sich in den Verhand- lungen über die Abrüstunaskonvention stets mit jeder zweckmäßigen Form einer Rüstungskontrolle ein- verstanden erklärt, unter der einzigen Boraussetzung, daß sie für alle Staaten in gleicher Weife gilt und sich in ber Praxis gleichmäßig auswirkt. Das ist aber nur möglich, wenn die Konvention bei den hochgerüsteten Staaten wirkliche Rüstungsherabsetzungen bringen würbe. Die Forderung einer einseitigen Rüstungskontrolle gegenüber Deutschland, die auf eine die internationale Atmosphäre vergiftende Pressehetze wegen angeblicher deutscher Aufrüstung gestützt wirb, mutz Deutschland dagegen mit aller Schärfe zurückweisen. ES wird neuerdings in der Presse einiger Länder davon gesprochen, baß die Tatsache der Machtergreifung durch die Regierung Hitter in Deutschland jede Abrüstung in den Deutschland benachbarten Staaten unmöglich mache. Diese Argumentation muß ich auf da« schärfste zurück- weisen. Die neue deutsche Regierung verfolgt kein« kriegerischen Ziele. Deutschland beharrt also auf dem Standpunkt, daß die Rüstungskontrolle für alle Staaten gleichmäßig ist und erklärt, ihr nur zustimmen zu können, wenn die hochgerüsteten Staaten wirkfich zu Rüstungsherabsetzungen schreiten. Unklar bleibt, ob diese Rüstungsverminderungen fosort oder erst in einer gewissen Zeit erfolgen sollen. Zweifellos ist die vorsichtige Formulierung gewählt, um den deutschen Vertretern eine gewisse Berhanblungsfreiheit zu sichern. Immerhin zeigt sich in diesen Erklärungen nicht die Möglichkeit einer Verständigung mit Frankreich, das bisher entschieden ablehnt, die Rüstungskontrolle auch nur mit der Zusage einer Abrüstung zu verbinden. a Der französische Journalist JuleS Sauerwein hatte eine Unterredung mit dem Propagandaminister Dr. Wöbbels. Dieser sprach von den„Borzügen Frankreichs" und hat ver- gessen, daß er früher in seinem„Angriff" drucken lieb, die Franzosen seien bieAffenEuropas. Zur Frage Krieg oder Frieden sagte Göbbels: „Ich kann nicht verstehen, weshalb uns das Ausland kriegerische Bestrebungen vorwirft. Im Mai vor dem Reichstag und noch jetzt aus dem Nürnberger Parteitag hat oer Kanzler unumwunden erklärt, daß wir nicht die gering st e kriegerische Absicht hätten. Wir wollen keinerlei Eroberungen Wir sind winde- ftens ebenso friedfertig wie jede bürgerliche Regierung. Ein nationalsozialistischeS Deutschland ist eine ebenso gute Garantie für den frieden, wie ein bürgerliches Deutschland. Ein Kanzlxr, fowie Minister, die selbst den Krieg mitgemacht haben und die noch einmal daran teilnehmen würden, würden sich schwer dazu entschließen, einen neuen zu entfesseln.... In Hitlers„Mein Kampf" steht aber noch immer, daß die Niederwerfung Frankreichs, und zwar durch Krieg, daS Ziel jeder deutschen Außenpolitik sein muß. Uebrigens ist es eine lächerliche Komödie, jemanden einreden zu wollen» Hitler und seine Minister— der dienstuntaugliche, nicht marschfähtge Göbbels voran— trügen bei einem neuen Kriege in der Front selbst ihr Leben zum Markte. Zur Judenfrage log Göbbels. man habe einem AuS- bruch der Bolkserbitterung zuvorkommen müssen, da die Juden Kunst und Wissenschaft, sogar„alle Krankenhäuser" in Deutschland beherrscht hätten. Wenn es so gewesen wäre, welch ein Armutszeugnis für ein Volk von 05 Millionen, das sich von 000000 geistig unterjochen läßt. Daß es nicht so war, weiß niemand besser als GöbbelS. Der Antisemitismus wurde eine große Volksbewegung, weil die Göbbels und Hitler planmäßig und wahrheitSwtdrig alle Schuld an ber kapitalistischen Katastrophe Deutschlands den „Juden und Marxisten" zuschoben. Mit derselben Skrupel, losigkeit werben sie nächstens daS ganze Volk gegen Frank- reich aufwühlen und in einen Krieg Hetzen, wenn sie eS für zweckmäßig halten. Der Kampf nm die Abmslnnd Die Entscheidung fällt in Genf Berlin, 22. S-pt.(«ig. Mldgj Trotz der gesteigerte« diplo. malischen Aktivität der letzten Tage ist es»och immer nicht gelungen, den Gegensatz der französischen»nd englischen Auffassung in der Kontroll, und Abrüstnngssrage zu be, seittgen. Obwohl die Pariser Presse, wenn auch in bemerken», wert vorsichtiger Form, weiterhin einen gewissen Optimismus zur Schau trägt, und obwohl die Times offenbar als Dol» metscherin der Auffassung gewisser Kreise in Foreign Office, ebenfalls eine« de« Franzosen entgegenkommenden Ton an, schlägt, bleibt es dabei, daß England einer Kontrolle nur dann zustimmen kann, wenn ein positiver Erfolg der Abrüstungskonferenz gesichert wird. Es ist nicht da. mit z« rechneu, daß die heutigen Besprechung«« i« Paris» an denen Simon, Eden, Cadogan nnd Baldwin teilnehme«, zu einem Ergebnis führen. Dazu ist die Zeit viel zu kurz bemessen. Die englischen Minister werde« bereits heute abend nach Genf Weiterreise», das ungeachtet der Borde, sprechnnge« der letzten Tage der einzige Ort ein« wirkliche» Entscheidung bleibt. Reichstagsprozeß in Leipzig Lübbe erklärt nicht Kommunist zu sein- Ein wirrer Landstreicher Fortsetzung aus Nr. 81 Erster verhandlungsfag Während der Vernehmung des Angeklagten van der Lübbe stellt Senatspräsident B ü n g e r fest, daß der Paß, der van der Lübbe bei seiner Verhaftung abgenommen wurde, unzweiselhast echt war. Auf der Fotografie, die ihm gleich- falls abgenommen wurde, ist er gemeinsam mit seinem Reise- genossen Belgara abgebildet. Dieser Reisegenosse hebt aus dem Bilde die Hand zum Rot s r o n tg r u ß. Das deutet darauf hin, daß auch er Kommunist war. Die Frage, ob er überhaupt nach Rußland gekommen sei, verneint der Angeklagte. Er habe die Einreiseerlaubnis beantragt, aber es sei nichts daraus geworden, weil die Kosten zu hoch gewesen seien. Oberreichsanwalt Dr. W e r n e r: Es ist behauptet worden, daß der Reisegenosse des Angeklagten sich von ihm getrennt habe, weil zwischen den beiden Differenzen ausgebrochen waren. Der eine hatte dem anderen vorgeworfen, daß er die Gelber aus dem Erlös der Postkarten unterschlagen hätte. VanderLubbe: Nein, das war nicht der Grund. Solche Differenzen über Geld sind allerdings vorgekommen, aber die Trennung erfolgte durch einen selbständigen Entschluß mei- nes Reisegenossen. Auch über politische Fragen hätten sie sich nicht veruneinigt. Der Vorsitzende kommt nochmals auf die Echtheit des Pas- ses zu sprechen, die wegen der Schreibweise Lübe angezwei- felt worden sei, und fragt den Angeklagten, wie denn daS„tt" auf der Außenseite des Passes hineingekommen sei. VanderLubbe: Die ü-Punkte sind in Berlin im Asnl daraufgemacht worden von einem, der gehört hat, daß ich Banderlllbbe genannt werde und der deshalb meinte, die Schreibweise van der Lübbe sei falsch. Es kommen dann einige Briese zur Sprache, die an den Angeklagten van der Lübbe gerichtet worden sind. In dem einen heißt es: Wir stehen alle neben Dir. Gegen die HetzederBonzemJn einem zweiten Brief teilt jemand mit, daß es seine Aufgabe sei, im Namen des internationalen Proletariats, das mit dey Ansichten van der Lübbes solida- risch sei, brüderliche Grüße zu übermitteln. Präsident Dr. B ü n g e r fragt den Angeklagten, was das Ml Kameraden seien und ob es sich dabei um Kommunisten handele. Der Angeklagte gibt darauf keine klare Antwort. Borsiüender: Sind Sie eigentlich Kommunist? Angeklag- ter: Nein! Ter Vorsitzende weist darauf hin, daß er doch den Sowjet- stern und ein kommunistisches Mitgliedsbuch besessen habe. Der Angeklagte müsse unterscheiden, ob er nur aus der Or- ganisation ausgetreten sei, oder ob er die kommunistische Idee aufgegeben habe. Aber darüber, betont der Vorsitzende, wer- den Sie uns später noch etwas zu sagen haben. Als erster Zeuae wirb dann der Polizcikommissar Heisseg ausgerufen, der die Ermittlungen nach der Echtheit des Passes beim Bürgermeisteramt in Lenden angestellt hat. Auch nach den Aussage« des Zeugen bestätigt sich hie Echtheit des Passes. Lein Lebenslauf Es wird dann ein Schreiben verlesen, in dem die Poli- zeiverwaltung von Leyden dem Berliner Polizei- Präsidenten auf dessen Anfrage eine ausführliche Schilderung des Lebenslaufes van der Lübbes vermittelte. Danach ist van der Lübbe als 12jähriger Junge der Fürsorge eines holländischen Vereins unterstellt worden, der b i e v e r- brecherisch veranlagten Kinder unter Aussicht nahm. Im Anfang des Jahres 1928 kam er in die Gesellschaft eines holländischen kommunistischen Studenten. Man darf an- nehmen, so heißt es in dem Polizeibericht, daß dieser Student van der Lübbe das ABC des'Kommunismus beigebracht hat. Ban der Lübbe versuchte allmählich ein Führer der Kommunisten zu werden und vor allem unter den Ar- beitSlosen Anhang zu bekommen...Van der Lübbe tritt," so heißt es weiter,„sehr frech und rücksichtslos gegen die Polizei aus, mit der er verschiedene Male in Konflikt geriet. Ansang 1931 läßt sein Einfluß unter den Arbeitslosen nach. Vermutlich im Mär» 1931 verläßt er die Kommunistische Partei. Im Winter 193! veranstaltete er wieder Versammlungen und gehört jetzt anscheinend einer Gruppe iuternationaler Kom- munisten an." Oer„Politiker" Vorsitzender: Wollten Sie die Politik und d i e Parteien desAuslandes kennen lernen? Angeklagter: Rein. Vorsitzender: Sie haben sich doch bei verschiedenen Gelegenheiten um die Politik gewisser Parteien gekümmert. In Berlin-Neukölln haben Sie Anschluß gesucht und sogar auf der Straße Gespräche politischer Art angefangen. Ist das richtig? Angeklagter: Ja. Vorsitzender: Haben Sie dabei über Politik gespro- chen? VanderLubbe: Nicht viel! Der Oberreichsanwalt fragt den Angeklagten, ob er, alsernachRußlandwollte, nachher erzählt habe, daß er überfallen und angeichossen worden sei. Der Angeklagte gibt das zu und erklärt, er habe das nur erzählt: es sei aber Schwindel gewesen. Vorsitzender: Sie wollten sich also durch solche Schauer- Märchen wichtig machen! Es ist behauptet worden, baß Sie in Brockwitz in Sachsen mehrere Nächte lang von Nationalsozia- listen einquartiert worden seien, weil Sie sich als National- sozialist ausgegeben hätten. Ist das richtig? Angeklagter: Nein. Vorsitzender: Haben Sie sich jemals als Nationals»» zialist betätigt oder so getan, als ob Sie Nationalsozialist wäre»? Angeklagter: Nein, niemals. Gart der Nationalsozialisten? Der Zeuge Bahn m ei st er Sommer von Brockwitz in Sachsen führt aus, daß am 7. August ein Mann zu ihm kam und um eine Ueberna^tung bat. Er erklärte, daß er Na- t i o n a l s o z i a l i st sei und führte wirre Reden, etwa des Inhalts, daß zum 1. Oktober der Bürgerkrieg ausbrechen werde. Sommer führte den Mann in die Gastwirtschaft, wo er übernachtete und früh morgens verschwand, ohne die Zeche zu bezahlen. Sommer erstattate Anzeige und erhielt dann später den Bescheid, daß der Mann gefaßt und bestraft wor- den sei. Es handelte sich um einen Mann namens Barge. Der Vorsitzende stellt dann die Frage. wasdasLachen des Angeklagten bedeuten solle. Van der Lübbe erklärte, wegen der Verhandlung! Vorfitzender: Erscheint Ihnen diese so komisch? Angeklagter: Ja. Der Zeuge Bürgermeister Keil von Brockwitz erklärt aus eine Frage des Vorsitzenden, er habe nach seiner ersten Be- sprechung mit Bahnmeister Sommer den Eindruck gehabt, daß der von Sommer beherbergte Mann der Reichstagsbrandstif- ter Lübbe gewesen sei. Beisitzer Reichsaerichtsrat Coenders: Ihnen ist doch be- kannt, daß in der Linkspresse behauptet worden ist, die Reichs- tagsbrandstistung sei von Nationalsozialisten begangen wor- den. Haben Sie damals das Material für diese Behauptung geliefert? Sie waren doch So- zialdemokrat. Zeuge Keil: Ich war zwar Sozialdemokrat, aber ich habe diese Behauptung nicht verbreitet. Vorsitzender: Das geht aus Ihren Eid. Verteidiger Dr. S a ck: In einem Telegramm, das der so- zialdemokratische Reichstdgsabgeordnete D o b b e r t- Très- den an die Leipziger Reichsanwaltschait am 4. März 1933 ge- richtet hat, heißt es: Brandstifter im Reichstag Marinus van der Lübbe hat in der Nacht vom 1. Juni 1932 laut Eintragung im Uebernachtungsbuch in der Gemeinde Wörne übernachtet. Er bat sich führenden Nationalsozialisten in Brockwitz, und zwar dem Gemeinbeverordneten Sommer von der NSDAP, sowie dem Gärtnereibesitzer Schumann vo n d e r N S D AP. gegenüberalsNational s oziali st ausgegeben. Er ist von dem nationalsozialistischen Gemeinbeverordneten Sommer tagelang verpflegt worden und ist dann vcrschwun- den. Er hat dem Sommer gegenüber Aeußerungen getan, daß in Deutschland demnächst der Bürgerkrieg ausbrechen werde. Die NSDAP, aber sei aus alles gerüstet.— Herr Zeuge, haben Sie in diesem Sinne, wie es das Telegramm wieder- gibt, mit dem Abgeordneten Dobbert gesprochen? Zeuge Keil: Nein, ich habe nichts von dem Telegramm gewußt, ich habe Dobbert gefragt, was er machen will. Dob- bert hat gesagt, er wisse selbst noch nicht, was er tun werde. N.-A. Dr. Sack: Haben Sie Dobbert sür die im sächsischen Landtag eingebrachte Interpellation die Unterlagen gegeben? — Zeuge Keil: Nein, ich habe ihm das Material nicht ge- geben. Dr. Sack: Ist nicht an demselben Tage nachmittags von Ihnen ein Flugblatt von der SPD. herausgegeben worden und haben Sie das nicht mit Tobbert besprochen?— Zeuge: Nein. Borsitzender: Auf Seite 5 des Braunbuches heißt es: „Nach einer Mitteilung der sächsischen Behörden fiel ihm jener van der Lübbe dadurch auf, daß er von der bevorstehen- den Revolution sprach. Es steht einwandfrei fest, daß van der Lübbe im Juni sich in Sörnewitz aufhielt und dort durch den Nationalsozialisten Sommer verpflegt wurde. Zeugen haben auch zu Protokoll gegeben, daß er sich als Nationalsozialist betätigt habe. Ter sächsische Minister wurde davon benach- richtigt, aber von der Reichsregierung sind weitere Erwitte- langen in dieser Sache verboten worden." Waren die durch Flugblätter verbreiteten Meldnnacn dieser Art auf das von Ihnen gegebene Material gestützt? Zeuge Keil: Als ich das Flugblatt gesehen habe, habe ich gleich gesagt: Es ist eine Unwahrheit, was hier ge- schrieben wird. Oberreichsanwalt Dr. Werner: Haben Sie heute noch irgendeinen Anhalt dafür, daß der von Sommer verpflegte Mann van der Lübbe war? Zeuge Keil: Ich bin beute davon überzeugt, daß es van der Lübbe nicht gewesen ist. Van der Lübbes„Ueberzeugung" Der Vorsitzende geht nunmehr zur Vernehmung des An- geklagten über seine politischen Auffassungen über. Die Frage des Vorsitzenden, ob er die kommunistischen Ziele gebilligt habe, beantwortet van der Lübbe m i t j a. Auf die weitere Frage, ob er für Abänderung der Staatssorm gewesen sei, antwortet der Angeklagte mit nein. Vorsitzender: Was wollten Sie denn überhaupt er- reichen? Van der Lübbe schweigt. Der Oberreichsanwalt greift darauf ein und empfiehlt, diese Fragen dem Angeklagten verdolmetschen zu lassen, da er sie vielleicht nicht richtig verstanden habe. Ter Dolmetscher legt dem Angeklagten eine entsprechende Frage vor, worauf eine Antwort aber nicht erfolgt. Borsitzender: Dann sagen Sie uns doch einmal auf holländisch Ihre Auffassung von der Politik, die Sie verfolgt haben. Angeklagter: Das kann ich nicht. Der Vorsitzende stellt nun eine ganze Reihe von Fragen, um aus dem Angeklagten van der Lübbe herauszubekommen, ob und mann er sich als echter Kommunist gefühlt habe, und ob und wann er aus der kommunistischen Bewegung ausge- schieden sei. Die Antworten des Angeklagten sind knapp und verworren. Auf weitere Fragen gibt der Angeklagte an, daß er in Holland kommunistische Flugschriften und Zellenzeitun- gen zwar nicht selbst versaßt, aber verteilt habe. Vorsitzender: 1929, als diese Zeitschristen verteilt wur- den, waren Sie also Kommunist. Waren Sie es auch noch im Jahre 1931? Angeklagter: Nein. Vorsitzender: Waren Sie es 1930?— Angeklagter: Rein.— Vors.: Sie sind also schon vorher öfter ein- und aus- getreten?— Angeklagter: Ja. Vorsitzender: Aus welchen Gründen sind Sie denn ausgetreten? Angeklagter: Aus persönlichen Gründen. Vorsitzender: Können Tie diese Gründe nicht bestimm- ter angeben? Angeklagter: Das kann ich nicht sagen. Vorsitzender: Sind Sie vielleicht Anarchist gewesen? Angeklagter: Nein. Gegen 2.39 Uhr schließt der Vorsitzende die erste Sitzung tes Prozesses mit der Mahnung an den Angeklagten, sich bis morgen zu überlegen, was er als Grundseines Aus- tritts aus der Kommuni st ischen Partei an- geben wolle. Die zweite Sitzung am Freitag und alle weiteren Sitzungen des Prozesses sollen um 9.39 Uhr beginnen. Tord'ers llnsrtiuia erwiesen? Eine Erklärung Dr. Sacks London, 20. Sept. sJmpreß.) Der„Daily Telegraph" ver- öffentlicht das Interview seines Sonderkorrespondenten mit dem Verteidiger des Reichstagsabgeordneten Torgler Dr. Sack in London. Demnach hat Dr. Sack u. a. erklärt: „Ich bin durchaus überzeugt, daß Torgler unschuldig ist und daß er nicht das mindeste von der Welt mit dem Reichstagsbrand zu tun hat. Ich betrachte Torgler als einen Mann von gro- ßcr Redlichkeit, starker Ueberzeugung und außerordentlicher Berftäudigkeit. Ich hoffe nicht nnr— ich glaube sogar, datz ich Torgler vor dem Richterspruch retten kann, der ihm droht... Ich bin überzeugt, daß das Gericht Torgler nicht verurteilt, nachdem ich die Akten des Prozesses genau geprüft habe. « vie entscheidenden Minuten Ein Rekord im Brandstiften Es werden uns weitere Einzelheiten ans der Anklage- schrist des Leipziger Reichstagsbrandprozesses bekannt. Um davon abzulenken, daß van der Lübbe Faschistenhelsex bei seiner Brandstiftung gehabt haben muß, versucht die Anklagc- fchrist eine Kombination zu schassen, als ob van der Lübbe längere Zeit znr alleinigen Durchführung der Brandstiftung gehabt habe. Es wird so dargestellt: G Die erste Beobachtung der Brandstiftung wnrde von einem Passanten zwischen 9.05 und 9.08 Uhr gemacht. Ungefähr 9.1» Uhr ist die Feuerwehr abgerückt und war ungefähr 9.18 Uhr oder 9.29 Uhr an der Brandstelle. Zwischen 9.0» und 9.08 Uhr war van der Lübbe die Außcnsassade hochgetlettert und in den Reichstag eingestiegen. Dann fei er im Reichstag herum- gerannt und hätte den Brand gelegt. Die Feuerwehr sei nn- gesähr zwischen 9.14 und 9.15 Uhr alarmiert worden. Gegen 9.20 Uhr sei schon die Feuerwehr angekommen, nm 9.17 Uhr die erste Polizei. Ein Portier des Reichstages sei mit Polizei ungefähr um 9.2» Uhr eingedrungen und ungefähr 9.30 Uhr durch den Reichstag gerannt. Nun soll van der Lübbe zwi- scheu 9.0» und 9.30 Uhr Zeit gehabt haben, im Reichstag das F-ner zu legen. Natürlich ist es lächerlich, daß von 9.0» Uhr, als van der Lübbe angeblich in den Reichstag einstieg, bis 9.15 Uhr, als bereits die Feuerwehr alarmiert wurde, van der Lnbbe die zahlreichen Brandherde gelegt haben kann. Der halbblinde Mann, der noch dazu das Innere des Gebäudes nicht kannte, soll binnen fieben Minuten zustande ge- bracht haben, daß der Reichstag in Flam- men aufging. Die Anklageschrist behauptet serner zur Entlastung Gö- rings, im unterirdischen Gang sei ein Wächter und im Kessel- Haus sei ein Heizer gewesen, die niemand in den Gang ein- dringen sahen. Es ist klar, daß die Nazi-Brandstifter nicht durch das Kesselhaus» sondern durch das Palais des Reichs- tagspräsidenten Göring in den unterirdischen Gang gekom- men sind und daß sie gerade dann den unterirdischen Gang benutzen konnten, wenn her Wächter, falls er nicht ein sal- scher Zeuge ist, gerade nicht anwesend war. Muchow Ein Wort an die„Deutschen Christen" Vor einigen Tagen ist einer der Hauptsührer der „Deutschen Arbeitsfront", Muchow,. in Gegenwart des Säu- fers Dr. Ley von dem besoffenen Sturmbannführer Mehrling erschossen worden. Noch immer unterschlägt die gesamte deutsche Presse dem deutfchcn Volke die Tatsache, daß es sich hier um ein gewöhnliches Eifersuchtsdrama im Sektrausch handelt. Der ermordete Muchow ist einer der Hauptver- antwortlichen für die Folterungen, einer der Hauptschul- digen für die Aushungerung von taufenden marxistischen Funktionären mit Frauen und Kindern. Von der Roheit des jetzt von einem seiner Kumpane erschossenen Menschen zeugt folgender Ausruf, der verdient, nicht in Vergessenheit zu geraten: Liste der Geächteten Verschiedene Vorkommnisse in letzter Zeit veranlassen uns, hiermit folgendes anzuordnen: Die Berbandsleiter des Gesamtverbandes der deutschen Arbeiterverbände reichen mir bis spätestens Ende dieser Woche eine Liste ein, aus der alle die ehemals führenden Marxisten in den Gewerkschaften aus- geführt sind, um sie aus eine von mir zu schafsende„Liste der Geächteten" zu setzen. Diese Liste, aus der sich wahrscheinlich einige taufend Namen' befinden werden» soll gedruckt und den entsprechenden Stellen, wie A r- beitsämtern, Ministerium, Arbeitgeberver, bänden usw., also allen den Organisationen, die in direk- tem Verkehr mit der deutschen Wirtschast stehen, über- mittelt werden, damit diese ehemaligen führenden Marxisten in keiner Weise mehr Arbeit erhalten. Ich lege den Verbandsleitern besonders ans Herz, daß sie ohne falsche Rücksichtnahme und Weichherzig- keit die wirklich üblen Burschen mir nam- hast machen. Es fallen lediglich diejenigen ausge- nommen werden, die mindere Posten bekleidet haben, und an sich verführt waren oder unter dem Druck ihrer Oder- bonzen standen. Heil Hitler! Muchow. Nicht wahr, ein sehr christlicher Aufruf? Darum hat auch der Herr evangelische Bischof am Grabe so schön gepredigt über den„Säemanu Gottes". Es wäre richtiger gewesen, wenn der Herr Bischof seiner Grabrede das Bibelwort unterlegt hätte:„Die Rache ist mein, spricht der Herr, ich will vergelten". Wie die Frommen sagen, mahlen Gottes Mühlen lang- sam, aber sicher. Manchmal scheinen sie aber sehr rasch zu mahlen. Byzantinismus vernichtet die Völker! Blinde Gefolgschaft, kritiklose Verherrlichung des Führers oder der Führung wäre ein Byzantinismus nur in ver- änderter Form, wie er zu allen Zeiten früher oder später nicht nur die Fürsten und Despoten, sondern im Anschluß daran auch die Völker zugrundegerichtet nnd die Bolksidee für lange Zeit oder für immer verdunkelt und damit auch die Zukunft des betreffenden Volkes der Verkümmerung oder Vernichtung zugeführt hat. Der Nationalsozialist Graf Reventlow in seiner Schrift»Deutscher Sozialismus" 15000 neue Pöstchen Das Ende der Konsumvereine In ihrem Parteiprogramm haben die Nationalsozialisten bem Mittelstand„sofortige Kommunalisicrung der Waren- Häuser" versprochen. Aber weder„sofort", noch nach 7 Mo- naten Hitlerregierung ist die Nazi-Regierung an die Durch- führung ihres Versprechens gegangen. Im Gegenteil: in den Aufsichtsrätcn der Warenhauskonzerne sitzen heute Na- tionalsozialisten neben leibhaftigen Juden und die„waren- hausfeindliche" Reichsregierung gab dem Tietzkonzern einen Millioncnkredit. Die nationalsozialistischen Agitatoren hatten den Mittel- stand in freier Erweiterung des Programms zum„Kampf gegen Warenhaus, Filialgeschäft und Konsumverein" auf- gerufen. Die Warenhäuser werden jedoch von der Regierung amtlich geschützt, der nationalsozialistische Boykott gegen die aufgenordeten Konzerne ist im Abflauen und die Leiter der Filialgeschäfte fitzen in der Leitung des(noch nicht endgültig genehmigten)„Handelàrndes", ja sie stellten sich in die erste Reihe des Kampfes gegen die Konsumvereine. Die Klein- Händler fielen prompt auf dieses Ablenkungsmanöver herein,, trotzdem gerade die Filialgeschäfte, die an jedermann verkaufen dürfen und nicht, wie die deutschen Konsum- vereine, nur an ihre Mitglieder, eine viel schwerere wirt- schaftliche Bedrohung des selbständigen Kleinhandels dar- stellen. Die aufgepeitschten Kleinhändler forderten Zer- schlagung der Konsumverine. Der neue Reichswirtschaftsminister Dr. Schmitt jedoch hat sich in aller Schärfe gegen die konsumvereinsfeindlichen Aktionen gewandt. 12 bis 16 Millionen Verbraucher seien in den deutschen Konsumvereinen organisiert, 226 Millionen Mark Spargelber seien bei einer Zerschlagung der Genossen- schalten gefährdet, sie könne leicht zu einem Run auch auf die öffentlichen Sparkassen und zu einer neuen Kreditkrise führen- Die Deutsche Arbeitsfront, die systematisch Sozia- listen aus den Genossenschaftsbetrieben herausgeworfen und Nationalsozialisten in ihnen untergebracht hatte, muhte sich für den Schutz der Arbeitsstätte ihrer Parteigenossen ein- setzen. Und schließlich war das Reich der Hauptgläubiger der Konsumgenossenschaften und fürchtete für sein Geld. Der„Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand" ließ sich jedoch dadurch nicht stören und arbeitete gegen den Willen der Regierung weiter. Di« Regierung konnte die sortgesetz- ten Einzelaktionen und die Agitation des nationalsozialistt- schen Mittelstandes gegen den nationalsozialistischen Wirt- schaftsmtnister schließlich nur durch Auflösung des Kampf- bunbes unterbinden. Diese Auflösung und der Brief Schmitts werden zu einer großen Propagandawelle für die„arbeiterfreundliche" Re- gicrung unter der Arbeiterschaft ausgenützt. Doch genau 14 Tage nach bem überschwenglichen Lob der„konsumvercins- erhaltenden" Regierung beschloß der„Kleine Arbeitskon- vent der Deutschen Arbeitsfront":„Für Zeiten der Not und höchsten Krastanstrengung der Nation", für Kriegs- zeiten, braucht der Staat„einen organisierten Äerteilerappa- rat". Deshalb soll der Rahmen der Konsumorganisation er- halten bleiben. Die 16 000 Verkaufsstellen der Konsumgenossenschaften aber werden an bevorzugte nationalsozialistische Händler verpachtet, die damit eine Existenzsicherung erhalten: denn ein Austritt aus den gleichgeschalteten Genossenschaften wird schwer bestraft. Der Händlergewinn, der einst den Ver« brauchern zugute kam fließt jetzt in die Tasche der 16 000 Nationalsozialisten. Da die Pächter verpflichtet werben sollen, ihre Waren bei der Zentralgenossenschaft GEG. zu beziehen, sind zwar die Tpargelder der Mitglieder gesichert, mit der Auslieferung der 16 000 Warenverteilungsstellen an geschworene Konsumvereinsfeinde sind die Selbsthilfe- organisationen der deutschen Arbeiterschaft jedoch praktisch zerschlagen. „In Kürze" soll mit dieser Zerschlagung bei den einzelnen Konsumvereinen begonnen werden. Der Nürnberger Kon» greß der NSDAP, hat diese Maßnahme ausdrücklich be- stätigt. Die Nationalsozialisten schützen das Warenhaus- kapital, aber enteignen das Kollektiveigentum der Arbeiter- schaft. Die lohDsommc gesunken Statistik auf Krochen Der scharfe Widerspruch, der zwischen der von der deutschen Statistik behaupteten großen Senkung der Arbeitslosen- Ziffern auf der einen und dem gleichzeitigen Rückgänge der Lohnsteuer auf der anderen Seite besteht, und der an dieser Stelle schon angedeutet wurde, ist so offenkundig, daß auch die deutsche Wirtschaftspresse sich einer Erörterung dieser Frage nicht entziehen kann. Die„Deutsche Berg- Werkszeitung" Nr. 218 vom 18. cr. gibt jetzt eine ge- nauc Ausstellung der Lohnsteuerergebnisse in den einzelnen Monaten des Jahres 1083 und erklärt hierbei: Das Lohn- steuerauskommen eines Monats bemißt sich nach den im gleichen Monat, äußersten Falls nach den am Ende des Vor- monatS ausbezahlten Gehältern und Löhnen. Die Lohn- steuer paßt sich also unmittelbar an die Entwicklung de? Ar- beitsmarkteS und damit der Konjunktur an. Es erscheint daher nicht unzweckmäßig, die Entwicklung des Lohnsteuer- aufkommens im laufenden Jahre zu untersuchen, wobei zum Vergleich auch die entsprechenden Zahlen des Borjahres herangezogen werden sollen. In ganz Deutschland betrug das Lohnsteueraufkommen in Millionen Reichsmark: 1033 1932 1033 gegenüber 1032 Januar Februar März April Februar bis April Mai Juni Juli Mai bis Juli 86 208 79 880 weniger 14 684 68 608 68»32 60 499 177 429 61 522 60 363 81264 183 149 67 716 64 432 66 604 198 752 65 926 64 215 64 992 195 133 9118 6100 8105 21 823 4 404 3 852 8 728 11984 Zu dieser scharfen Senkung der Gesamtlohnsumme in Deutschland, die natürlich auch eine entsprechende Verwinde- rung der Kaufkraft bebeutet, wird erklärend hinnzngesügt: „Angesichts der Tatjache, daß dieses Jahr wesentlich mehr Deufsdilands Niedergang Bericht des englischen Handelsattaches in Berlin Die englische Tagcspresse bespricht mit großer Ausführ- lichkeit den letzten Bericht des Handelsattaches bei der bri- tischen Botschaft in Berlin I. W. F. T h e l m a l l über die deutschen Wirtfchastszustände, von denen der Sachverständige, ein äußerst trübes Bild entwirft. Das Hauptproblem sieht Thelwall in der Arbeitslosigkeit. Er stellt icst, daß die einzige Hoffnung der Regierung die Privatinitiative ist, die sie aus jede Weise beim Bau von Autostraßen und durch Steuererlasse als Lohn für Pro duktionsausdehnung fördert und begünstigt. Taraus ergibt sich für die Jahr" 1934 und 1935 eine Last von 740 Millionen Mark. Hauptguelle der Besteuerung ist aber in Deutschland die Industrie, deren Entwicklung vom Außenhandel ab- hängt. Seit 1929 ist die Gesamtsumme der deutschen Ein- und Ausfuhr kaiastrovhal gesunken. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres allein aber beträgt der Rück- gang etwa 18 Prozent und der Ausfuhrüberschuß ist seit 1932 von 460 Millionen auf 263 Millionen gesunken. Dabei erlitt der englisch-deutsche Handel eine besondere starke Ein- büße. Die englische Einfuhr nach Deutschland betrug im ersten Viertel des Jahres 1933 nur noch 57 Millionen, während im Jahr 1931 im ganzen für 453 Millionen Waren aus England nach Deutschland gingen. Die entsprechenden Zahlen für die deutsche Ausfuhr nach England sind 80 Millionen für das erste Vierteljahr 1933 und 1134 Millionen für das Jahr 1981. Während die deutsche Ausfuhr um 18 Prozent sank, verlor die englische nur 7 Prozent. Auch Ruß- land, bisher Deutschlands bester Markt, hat weniger ge- kauft, nämlich in diesem ersten Bierteljahr nur für 89 Millionen gegen 181 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Thelwall sieht in den autarkischen Tendenzen, die von der gegenwärtigen'Regierung gefördert werben, die Haupt- Ursache des Wirtschaftsrückgangs. Als Wirkung sieht er eine allgemeine Senkung des Niveaus der Lebenshaltung vor- aus. Im Wirtschaftsverkehr mit Deutschland mahnt er zu abwartender Vorsicht. Menschen wieder in Arbeit stehen als in der gleichen Zeit deS Vorjahres, erscheint es zunächst ausfallend und im Wider- spruch mit den obigen Feststellungen des Instituts für Kon- junkturforschung stehend, daß das L o h n st e u e r a u s» kommen im laufenden Jahre durchweg, selbst noch im Juli, niedriger ist, als in den ent, sprechenden Monaten des Vorjahres. Die wirkliche Ursache dieser Erscheinung dürfte darin liegen, daß gegenüber dem Vorjahre noch Lohnkürzungen namentlich in Form der Arbeitszeitverkürzung erfolgt sind." Daß unmittelbar und noch mehr mittelbar auf dem Wege der Arbeitsstreckung ein sehr starker Lohnabbau erfolgt ist, dürfte zugegeben sein. Bei der gleichen Zahl der Beschäf- tigten, wie im Vorjahre, würde sich allenfalls auch auf diese Weise der in den Steuerzifsern zum Ausbruck kommende Rückgang der Lohnsummen erklären lassen. Unerklärlich jedoch bleibt nach wie vor, daß bei einem solchen Rückgänge der Gesamtlohnsumme noch etwa zwei Millionen Erwerbslose— so hoch etwa ist die von der deutschen Statistik angegebene Senkung der Ar- beitslofenzisser— Beschäftigung gesunden haben sollen. Der Widerfpruch zwischen dieser angeblichen Senkung der Arbeitslosigkeit und der von der deutschen Steuerstatistik selbst zugegebenen Schrumpfung der Lohn- summe bleibt unauflösbar, denn die Richtigkeit der einen Feststellung würde die der andern zwingend ausschließen. Noch unlösbar schließlich erscheint die Frage, wie die immer wieder gemeldete Belebung der deutschen Gesamtwirt» schaft in diesem Zeichen einer zunehmenden Schrumpfung der Lohnsumme und der Bolkskaufkrast erfolgt sein soll. Die Widersprüche in der deutschen Statistik werden immer grotesker, und es gehört schon ein gehöriges Maß von Naivität dazu, wenn die Berliner Stellen wirklich annehmen sollten, daß die internationale Wirtschaftßkritik ihren Angaben unter diesen Verhältnissen noch irgendwie Vertrauen entgegen- bringt. Jean Severin. Audi Sozial- und Kriegsrentner werden bes'oiiien In einem Erlaß des Reichsarbeitsministers wird festge- stellt, daß nunmehr auch die Renten nach dem R e i ch s v e r- forgungSgesetz und den sonstigen M i l i t ä r v e r- forgungsgefetzen ruhen, solange der Bezugs- berechtigte ohne Zustimmung der ober st en Reichsbehörde seinen Wohnsitz oder dauern- den Ausenthalt außerhalb des Deutschen Reiches hat. Für Empfänger von Versorgungsbezügen nach solchen Ge- setzen, die chrcn Wohnsitz oder dauernden Aufenthalt im AnS- land haben oder ihn dorthin verlegen, wird solange die An- schrift dem VersorgungSamt bekannt ist, die Zustimmung vor- behaltlich eines Widerrufs allgemein erteilt. Die Ver- sorgungsbezüge sind daher in diesen Fällen weiter zu zahlen. Wenn im Einzelfall Umstände bekannt werben, wonach die Zahlung nicht mehr angebracht erscheint, z. B. Betati- gung gegen deutsche Belange ober Strafver- folgung durch deutsche Behörden, dann soll an das Arbeitsministerium berichtet werden. » Da an Beamte die ins Ausland geflüchtet sind, und die auf Grund des G^etzes zur Wiederherstellung des Berufs- beamtentums entlassen werden, keine Entlasiungsuckundc ausgehändigt werden kann, wird ihre Entlassung durch öffentliche Zustellung im Reichsministerialblatt vollzogen. Verstärkte Luftschutzriistungen Wie unS au S Dresden berichtet wird, sind dort in der letzten Woche ganz allgemein in den Dachräumen aus obrig keitliche Weisung hin Sandsäcke und Wassereimer zu Lösch zwecken im Falle von Luftangriffen untergebracht worden. In ander» großen Städten wird der Luftschutz systematisch organisiert. Ruhrholile Arbeitstäglich gesunkene Förderung Das Kohlensyndikat versendet an seine Gebietszechen die Nachweisung über den Kohlenvertrieb t m M o n a t A u g u st. Der Bruttoabsatz hat einschließlich des Selbstverbrauches der Zechen selber, der ihnen unmittelbar angeschlossenen Hütten und anderen Werken 6,44 Millionen Tonnen betragen gegen- über 6,35 Millionen Tonnen im Vormonat und gegenüber 6,62 Tonnen im August des Vorjahres. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, daß der August einen Arbeitstag mehr hatte als der Juli. Auf den Arbeitstag berechnet, war der Ge- samtabsatz um 2,40 Prozent geringer alS im Vormonat, indessen 14,57 Prozent größer als im Vormonat des Vor- jehres. In der ersten Hälfte des laufenden Monats haben die Verhältnisse sich wenig geändert. Das günstige Wetter hat auf den Abruf des Hausbrandes vorerst noch hemmend gewirkt. Die Feierschichten haben sich als Aus- Wirkung der bekannten Maßnahme zur Arbeitsstreckung ver- mehrt, ohne baß das in einer Verminderung der Förderzahl zum Ausdruck kommt, weil mehr Leute eingestellt wurden. Der Absatz hielt sich im Einklang mit der Förderung: eine Vermehrung der Bestände trat, im ganzen gesehen, nicht ein. Deutsches Gesciiatfsleben Arisch, allzu arisch Im redaktionellen Teil einer Kösliner Zeitung lesen wir: Wir können unseren Lesern die erfreuliche Mitteilung machen, baß das allen Köslinern bekannte Kaufhaus Hein- rich Frischer am Markt in christliche Hände übergegangen ist. Herr Martin Hartert, Arier und ein alter Fachmann, hat es mit Unterstützung der Nortex fTertil-Betreuungs- und Handelsgesellschaft), einem rein arischen Unternehmen, er- worben. Er wirb çs in deutschem Sinne fortführen und sicher bald wieder zu einem allgemein beliebten Unternehmen machen. Herr Hartert, der in Schmargendorf ansässig ist, hat Herrn Rieske, einen Arier, zum ständig hier weilenden Ge- schäftSsührer eingesetzt. Herr Rieste ist ebenfalls alter er- fahrener Fachmann, der alle Anlagen besitzt, um sich sehr schnell das Vertrauen des kaufenden Publikums zu er- werben. Uebrtgens befindet sich auch kein jüdischer Ange- stellter mehr in der Firma!!! Am Sonnabend findet nun die Eröffnung der auf neue deutsche Basis gestellten Firma Frischer statt. Wie wir hören, hat der neue Inhaber das Haus, auch was seine Waren an- betrifft, durchgreifend reorganisiert. So glauben wir, allen unseren Lesern den Besuch des Kaufhauses Frischer am Sonnabend nur warm empfehlen zu können. Wir selbst wünschen bem neuen„christlichen Heinrich Frischer" von Herzen viel Glück. Für diese Notiz ist natürlich eine fette Annonce aufgegeben worden. Auch in dieser wirb noch beteuert: Der neue arische Geschäftsführer ist unterwegs, um Waren bester Qualität aus ersten deutschen Häusern zu erwerben» damit die Firma H. Frischer in Zukunft wieder allen An- sprächen, auch den verwöhntesten, genügen kann. Wäre die Reklame nicht so tausendprozentig arisch, käme man in Versuchung, von einer„jüdischen Anreißerei" zu sprechen. Ahtenzeidien r 412 Otto Straßburgs arische Herkunft Es ist ein ausgesprochenes Pech, wenn in Deutschland jemand einen Stadtnamen als Familiennamen führt, weil er dann leicht in Verdacht gerät, Jude zu sein. ES ist aber ein ausgesprochenes Glück, Otto Ttraßburg zu heißen, „alleiniger Gründer des seit dem Jahre 1887 bestehenden und im ausschließlichen Familienbesitz befindlichen Textil-Kaus- und Versandhauses gleichen Namens" und dabei rein arisch zu sein. Denn dann läßt sich damit eine Reklame machen, so schlagkräftig, daß nicht nur die jüdischen, sondern auch die bis dahin unverdächtig arischen Kleiderhändler von blassem Neid erfüllt werben müssen. In einem großen Inserat in der Ztttauer Morgenzeitung erläßt Herr Otto Straßburg aus Görlitz eine Warnung, die folgenden Wortlaut hat: Seit Monaten werden von mißgünstigen und an meiner geschäftlichen Schädigung interessierten Personen in teils leichtfertiger, teils gewissenloser Weise unwahre Ge- rächte über meine Abstammung verbreitet. Da diese versteckten Angriffe verstärkt anbauern, sehe ich mich durch die Notwendigkeit der Abwehr schweren Schadens von meiner Firma und meiner zahl- reichen Mitarbeiterschaft gezwungen, mich mit folgender Erklärung an die Oefsentlichkeit zu wenden. Um den Gerüchten am schnellsten und sichersten entgegen- treten zu können, habe ich durch die hiesige Kreisleitung der NSDAP, dem Sachverständigen für Rasse- f o r s ch u n g beim Reichsmtnisterium des Innern sämtliche Urkunden aus den amtlichen Quellen meiner thüringischen Heimat, die meine arische Herkunft 300 Jahre zurück be- weisen, eingereicht und um Erstattung eines Gutachtens durch diese hierfür allein zuständige Stelle gebeten. Das unter bem 5. August 1933 und dem Aktenzeichen F 412 ausgefertigte Gutachten erklärt,„daß ich rein arischer Herkunft bin". Ich bringe, dieses mit Nachdruck zur öffentlichen Kenntnis. Otto Ttraßburg und„rein arisch", wer hätte daß für mög- ltch gehalten? Aber wo der Sachverständige für Rassen- forschung gesprochen hat, da ist die reine Wahrheit fest- gestellt. Es bleibt nur noch übrig, sich vor ihr— und der Weisheit, die heute Deutschland regiert— schweigend zu ver- neigen.. l„Neuer Vorwärts".) ..Denkze'tel" Aus dem Land ohne Recht Wagners Südwestdeutscher Nachrichtendienst meldet:„Zwei durch Gießen durchreisende Männer neriveigerten der entrollten Fahne eines vorbeimarschierenden Sturmes den gebührenden Gruß, wodurch sie den berechtigten Unwillen der Bevölkerung hervorriefen und schweres Aergernis be- leiteten. Die beiden Feinde.der nationalen Erneuerung Deutschlands wurden, wie der Polizetbericht mitteilt, fest- genommen und ein Strafverfahren gegen sie ein- geleitet. Eine in Gießen wohnende Frau Müller erging sich ge- .egentlich des Geburtstage? des Führers und BolkSkanzlers in übelsten Beschuldigungen der Hakenkreuzfahn«. DaS Amts- gericht Gießen erteilte ihr dafür einen Denkzettel in Gestalt von sechs Monaten Gefängnis." ®eutsche ftimmen Feuîlletonbeilage der„Deutschen Freiheit"* Samstag, den 23« September 1933* Ereignisse und Geschichten tin iPcPudz ist-am QleichçeschaCtetes Vatksfcicfieceiuxeseti Der Verband für Volksbüchereiwesen»hat in seiner Gesamtheit bei der Neichsleitnng des Kampfbundes für deutsche Kultur den Antrag gestellt, sich als solcher dem Kampfbunde anschließen zu dürfen". Wenn er sich an- schließen darf, ist damit vorläufig ein ruhmvolles Kapitel deutschen Bildungswesens geschloffen. Man kann nur ahnen, wie die Nazis in den Volksbüchereien gehaust haben müssen, bis der Verband sich entschloß, so demütig zu Kreuze zu kriechen. Was mit dem Verband geschehen wird, steht noch nicht fest. Seine beiden Zeitschriften„Hefte für Büchereiwesen" und„Bücherei und Bildung s- pflege" werden jedenfalls eingestellt. Die Schulen des Verbandes werden verringert und neu geregelt werden. Das Ziel der Umorganisation ist„eine Durchkreuzung der verantwortlichen volkspädagogischen Arbeit durch unverant- wortliche Stellen in Zukunft unmöglich zu machen". Wenn man hört, wie die Büchereien von Menschen ge» prüft wurden, die durch kein Wtffen beschwert, über das Ver- brennen von Büchern zu entscheiden hatten, wie sie mit sel- tenen Bilderwerten umgingen und etwa eine Monogra- phie über Rubens als unsittlich der Ber» nichtung überlieferten, bann versteht man einen führenden Volksbildner, der einem Freund ins Ausland schreibt:„Ich war zu schwach, um mich zu wehren; ich empfand nur die Schande, mit diesen Barbaren zum gleichen Volk zu gehören." Der Polizeipräsident in Gera gab einem schnell gleich- geschalteten Dr. Kurt Schulz, der in seinen sünfund- zwanzig Lebensjahren nichts weiter geleistet hatte, den Aus- trag, eine Kommission zur Ueberpriifung von Büchereien usw. zusammenzustellen, die ihre„Aktion" mit folgendem Polizeiauftrag durchführte:„Herr... wird in Durchführung der Verfügung des Thüringischen Ministeriums des Innern III? vom 23. 5. 1933 im Interesse ber sittlichen Erneuerung des deutschen Volkes beauftragt zu überprüfen, ob in den im Stadtkreis Gera befindlichen Kiosken, Zeitungsständen, Mietbüchereien, Buchhandlungen usw. Schriften, Abbildungen und Darstellungen ausgestellt, zum Verkauf feilgehalten oder sonst verbreitet werben, die unzüchtigen Inhalt haben, in sittlicher Beziehung Anstoß erregen ober eine Gefahr für die öffentliche Ordnung fmarxistisch, antireligiös und der- gleichen) bieten. Der Inhaber dieses Ausweises ist im Rahmen seines Austrages befugt, die erforderlichen Maßnahmen nach 88 32, 33 der Landesverwaltungsordnung durchzuführen. Thüringisches Polizeipräsidium." Die Para- grasen, auf die hier Bezug genommen werden, e r m ä ch t i- gen denBesitzer eines so l ch e n W i s ch e s, j e d e S Buch, daS ihm nicht gefällt, kurzer Hand zu beschlagnahmen. Kurt Schulz rühmt sich, daß alle Maß- nahmen der Konfiskationszettelbesitzer„auch gegen die ein- gehenden Proteste in vollem Umfange ausrecht erhalten wurden". Dabei ist bis heute das von den Zettelbcsttzern be- schlagnahmte Material nicht geprüft worden. Nach eigener Angabe des Kurt Schulz ist es zu umfangreich: Herr Schulz verweist darauf, daß etliche Pornografien ebenfalls beschlag- nahmt wurden. Wenn man aber im Buchhändlerbörsenblatt liest, daß im„dritten Reich" auch Balzac zu den Pornografen gehört, bann muß man die Schauer, die dem sünfund- zwanzigjährigen Sittenschnüffler über den Rücken gelaufen sind, nicht allzu ernst nehmen. Nach den Verbots- listen, die nahezu täglich im Börsenblatt veröffentlicht wer- den, kann man sich nun vorstellen, wie die Volksbüchereien nach der Untersuchung durch so einen Schulz aussehen. tin Reutet- der im Sattel bleiben will „Der Führer des neuen Deutschland, A b o l s H i t l e r, hat auf dem Reichsparteitag in Nürnberg vor aller Welt das kulturpolitische Programm des Deutschen Reiches verkündet. Die Kultur des Volkes und ihre Pflege wird nicht mehr als nebensächlich betrachtet? sie bildet vielmehr die Voraus- setzung und Grundlage eines machtvollen staatlichen und eines blühenden wirtschaftlichen Lebens der Nation. Die Nürnberger Proklamation des kulturellen WollenS der Reichsregierung bietet die feierliche Bestätigung und Krönung einer ganzen Reihe von Aeußerungen führender Männer des neuen Systems während der letzten Monate." „Im gleichen Sinne aber, wie bisher jede wahre Volks- bildung oppositionell war und osten und versteckt im Kampf mit den die Zeit beherrschenden Mächten lag, ebensosehr muß in einem autoritär geführ- ten Volksstaat die VolkSbtldungsarbeit grundsätzlich posi- t i v sein, d. h. muß sein ein Erziehungs- und Bildungs- instrument in der Hand der politischen Führer des Reiches." „Die gegebenen Fachberater sind hier die beruslich tätigen Schrifttumpfleger, die Volksbibliothekare. Sie müßten für das Büchereiwesen in den Arbeitslàgern ebenso zur Ver- fügung stehen können wie den RS.- Pressewarten und d e m N S.- L e h r e r b u n d, der sich der Jugenbschrift- frage annehmen will. Besonders wichtig dürste eine Ver- bindung ber Beratungsstellen mit den Landesftellcn des ReichSministeriumß für VolkSaufklärung und Propaganda fein, da niemand verkennen wird, daß das Buch ein ganz wesentliches Instrument der nationalen Erziehung und Auf- klärung sein wird." « Diese Zitate stammen aus einem Aussah deS stäbtischen Biichereidirektors Dr. Rudolf Reuter fKöln) über „Aufgaben ber Volksbüchereien" f„Kölnische Zeitung", 29. September). Warum wir sie, trotz ihrer Belanglosigkeit, abdrucken? Dr. Reuter war bis zum Ende der Partei Vor- sitzender der Kölner Zentrumsorgantsation und Mitglied des groben Parteivorstanbes. Seinen Posten verdankt er sozialdemokratischen Stimmen. Nie hat man erkannt, baß er früher„im Kamps mit den die Zeit beherrschenden Kräften" gelegen hat. Er war begeisterter Demokrat, stand aus dem linken Flügel der Partei, war ein Freund Brünings und ein erbitterter Gegner Popens. Jetzt zitiert er gcsinnungs- treu Hitler und Wöbbels. Nicht nur das: er bekennt, daß er „schon immer"— und so weiter. Die!Befie&UHQ dec Jidse tine Hundftaqe Eine Reihe mehr oder minder hervorragender Persönlich- keiten des öffentlichen Lebens hatte die Freundlichkeit, uns aus die Frage:„Wie stellen Sie sich die Ueberwindung der Krise vor?" folgende Antworten zu erteilen: Franz Josef Pletschenmeier, Konjunkturritter des Kruckenkreuzes Erster und Zweiter Klasse: Ja früher, das waren halt noch andere Zeiten! Zehn Kreu- zer hat ein Gulasch gekostet, und jeder hat sein Backhendel^ im Topf gehabt. Und warum? Weil es damals keine Mar- xtsten gegeben hat, sondern nur Deutschmeister, Mistbauern, Schusterbuben, Wnschermadeln und einen guten alten Herrn in Schönbrunn. Der österreichische Mensch muß voll und ganz aufblühen, dann kann die Wirtschast wieder mit Gut und Blut eingedenk ber Lorbeerreiser an denselben hinaus- wachsen. Mit der Wiedereinführung der alten rühm- und sternbedeckten Uniform ist ein vielversprechender Ansang ge- macht worden. Schreiten wir vorwärts auf dieser Lokalbahn, .zurück in die gute alte Zeit! Sieg wart Drittreich freete Drcal), Vertreter beut- scher Belange: Die Krise ist eine jüdische Erfindung und kann daher nur von Adolf Hitler überwunden iverden. Am besten wäre es, wenn man alle deutschen Volksgenossen dazu brächte, bei jeder halbwegs passenden Gelegenheit„Krise verrecke!" zu rufen. Einstweilen muß man aber trachten, die Krise durch Konzen- trationslager und Feuerwerke so weit einzudämmen, baß wenigstens die Führer von ihr verschont bleiben, um uns auS ihr herausführen zu können. Heil! Balthasar Boden st ändinger, vierstöckiger Haus- bcsitzer: Es gibt nur eine Rettung: steigern und noch einmal stei- gern! In dieser Beziehung war der Hausbesitz schon seit jeher zielweisend. Wenn alle Menschen ihre Einkünfte ver- dreitausendsachcn so wie wir Hausherren, könnte man ver- trauensvoll einer fünfzehntausendsachen Zukunft entgegen- blicken. Und noch eines: solange diese roten Gemeindebauten die Wirtschaft beunruhigen, wird kein Geld ins Land kom- men, weil es fürchten muß. in Beton versteinert zu werden. Kurz und gut, weg mit dem Mieterschutz! Dr. AdalbertRot st ister, Zensor: Der Mensch leibet nur dann unter einer Sache, wenn sie ihm zu Bewußtsein kommt. Man muß daher ganz einfach alle Berichte über die Krise konfiszieren: dann wird sie zu existieren aufhören. Handelskammerrat Philipp Schmuser. Volkswirtschaft- licher Sachverständiger, Präsident ber Liga zur Bekämpfung der Krise: Die Krise ist der Ausdruck der verringerten Mehrein- nahmen der überwiegenden Mehrheit eines Bruchteiles aller. Trotzdem obliegt es uns, Maßnahmen zu treffen, die geeignet sind, im richtigen Augenblick den Höhepunkt des Tiefstandes in feiner ganzen Tragweite zu erblicken. Es be- steht kein Zweifel, daß die Krise, die jetzt ausscheint, einer- seits sowohl als auch andererseits, im Hinblick auf die zu- künftige Vergangenheit, in der wir uns momentan bewegen, den größten Eindruck zu hinterlassen die Tendenz hat. Wie die Krise selbst behoben wird, das wirb allerdings die Zu- kunst lehren. Günther. 6c sieht sa aus... Probe aus dem gleichgeschalteten Roman„Aufbruch zu Hitler" von Georg Lahme: „Ein Bild des Führers bringt Wilhelm nach Hause, lieber dem Sofa hängt ein kleines Brett, auf dem die Uhr steht. Unter diesem Brett muß es hängen. Die Mutter hat nichts dagegen, daß die Hoffnung Wilhelms im Zentrum des Blickfeldes ber Küche hängt. Wenn ber Vater nichts dagegen sagt, denkt sie. Der Vater kommt nach Haufe, sieht das Bild da hängen und schweigt.„Er sieht so aus, als ob er uns helfen könne," sagt er zu Wilhelm, der ihn nach seinem Urteil fragt.„Und der wirb uns helfen," behauptet Wilhelm mit einem solchen Vertrauen, daß der Bater wünscht, sein Sohn möge reckt behalten.„Er ist Deutschlands letzte Hoffnung." erklärt Wilhelm weiter. „Von wem sollen wir denn noch etwas erwarten, wenn Adolf Hitler auch versagen sollte?" Ja, ja, er sieht so aus... Nämlich der deutsche Spießer. Der sieht tatsächlich so aus, nämlich daß er von sich selber nichts erwartet, aber seinen ganzen Glauben an einen ihm unbekannten Menschen heftet, dessen fotografische Heldenpose ihm imponiert. Weil der„so aussteht, als ob er uns helfen könnte". Hätte Georg Lahme eine Satirc auf den Hitler- glauben schreiben wollen, er wäre eine Nummer. So aber war es nur eine unfreiwillige Gelbstenthüllung der deutschen Spießerseele..« 3m Acuûçm Deutschland Im Deutschland von heute stirbt es sich leicht an Stahlrutenhieb und Revolverschuß. So wird für manchen Deutschen erreicht, daß er nicht mehr stempeln gehen muß. Vom Kirchhof zur Stempelstelle der Weg ist weit und währt eine Ewigkeit. Der Betrieb ans dem Kirchhof ist rasch und reg «ud für Trauer und Weinen bleibt wenig Zeit. Aus Deutschlands Straßen— wozu und warum?— macht mancher Mann manchen für immer stumm. Und das alles, damit der brannc Mann dem deutschen Volk diktieren kann. Im Deutschland von heute lebt es sich schwer, es teilen Fabrikherr und Bank den Raub» ein Arbeiterleben wiegt nicht mehr als von Thyffens Schuhen der Straßenstaub. Der Geldherr, der Junker, der Baltenbaron, sie führen hcnte für sich den Staat. Herunter mit Stempelgeld und Lohn! ist des„dritten Reiches" erste Tat! Ans Deutschlands Straßen— wozu nnd warum?— macht mancher Mann manchen für immer stamm, daß iür Kirdorf nnd Thyssen der braune Mann als Kaisererfatz diktieren kann. Im Deutschland von heute, in jeder Nacht, an Straßenecken, im Arbeiterbaus, kämpft Deutschlands Werkvolk die schwere Schlacht um Lebensfreiheit und Zukunft aus. Es aebt nicht so leicht, wie der Thyssen meint, und schwerer als Junker und Bankherr glaubt. Erkennet qenan den tückischen Feind: den Krisennrofitler, der ans beraubt. Ans Deutschlands Straßen— wozu und warum?—« macht mancher Mann manchen sür immer stumm. Und das esses, dam't d-r branne Mann dem deutschen Volk diktieren kann. Im Deutschland van heute, zusammengedrängt hinter Gitter nnd Stacheldrabt: gepeitscht, aeköpst und aniaebängt: das ist unsrer Zukunft Saat. ES dauert nickt lana nnd sse ist gereist nnd die Freiheit wird strahlend ersteh« und die Ketten der Mörder sind abgestreift und wir werde» zur Ernte aehn! Ans Deutschland» Straßen— wozu und warum?—- macht mancher Mann beute noch manchen stumm, daß die Freiheit ersteht lssr den Arbeitsmann und nicht länger diktiert der branne Mann! Wenzel Stadek. „Stimmliche Siosen im irdischen£elen"... K. k. k. Unter diesem Titel schreibt die„Wiener Zeitung":„Es war einmal eine Zeit, da kämpften die Frauen aller Länder, auch die deutsche» Frauen, leidenschaftlich um die Gleich- berechtigung mit den Männern. Und als die Frauen auf der ganzen Linie gesiegt hatten, da kam eine Partei und erklärte:„Weg mit der Frau aus dem öffentlichen Leben!" Die deutsche Frau soll k. k. k.I, das heißt„kochen und Kinder kriegen". Und begeistert liefen die Frauen dieser Partei zu und halfen ihr zum Siege. Da wurden alle Fraucnverbände mit ber nationalsozialistischen Fraucnschaft gleichgeschaltet. Da sah die deutsche Frau, daß es In den anderen Verbänden noch etwas anderes gebe als k. k. t. Da liefen sie in Scharen aus der nationalsozialistischen Fraucnschaft davon und traten den anderen Verbänden bei, so daß der Reichsinnenminister den anderen Verbänden verbieten mußte, neue Frauen- ortsgruppen zu gründen. Da kam des Weibe? echte Natur wieder zum Durchbruch und die deutsche Frau schrie: „Unsere Parole heißt K. K. K.! Aber das heißt nicht „kochen und Kinder kriegen", sondern„Kampf, K e i l e, K r a ch!". „Staatsfeindliches' Qlackenspiel? Folgendes hat sich beim Staatsakt Görings in Potsdam zugetragen, wenn man dem Bericht des gleichgeschaltet.'» „B. T.", Nr. 439, vom IS. September Glanben schenken darf: Und dann begeben sich G ö r i n g mit dem Oberblirger- meister und seiner Begleitung und den Geistlichen an die Ruhestätte Friedrich des Großen, wo der Ministerpräsident einen Lorbeerkranz mit roter Schleife niederlegt. Der Lorbeerkranz des Ministerpräsidenten trägt auf der Schleife die Inschrift:„Preußens großem König, Feld- Herrn und Staatsmann in Ehrerbietung und»nauslösch- licher Treue der preußische Ministerpräsident." Wiederum Glockengeläute:„Ueb' immerTreu und Redlichkeit..." Da hat wohl das Glockenspiel den Brandstifter vom Reichstag erkannt?— Ja, ja! Wenn Menschen schweigen, werden— Glocken läute»! „0 diese Höne!" Ein ganz sanfter Heß „Denn Völker, welche die innere Ordnung sichergestellt haben und die in großem Stile aufbauen, wünschen vielleicht den Frieden sür weiteren Aufbau heißerundehrlichsr als andere Völker, denen das Festhalten am liberalistischen System immer neue Krisen bringt, deren Arbeitslosenziffern unentwegt weitersteigen und bei denen nach alter Regel die Gefahr mächst, daß sie eines Tages von den inneren Schwierigkeiten abzulenken versuchen durch außenpolitische Abenteuer." Wer, bitte? Der Stellvertreter des Führers ber NSDAP.. Rudolf Heß, im Münchener Braunen HauS beim Empfang der 400 Iungfaschistcn. DAS 1QJIIÏ EigfflCiB BEaiBia sinnmniHnmHMi T Ä G!L I CHE U N T E R H A LIT U N G S*« E ILA G E Helen Person Seit vielen Wochen stehen die französischen Marokkotruppen wieder einmal in schweren und erbitterten Kämpfen mit Berberstämmen im südlichen Atlasgebirge. Die Eingeborenen leisten todesmutigen Widerstand und kämpfen mit dem letzten Tropfen Blut für ihre Freiheit und Unabhängigkeit. In der marokkanischen Hauptstadt Rabat ist in den letzten Tagen allerdings die Nachricht eingetroffen, daß sich der Scheik Ou-Jbn-Scaunt mit lüg Familien seines Stammes inzwischen bedingungslos unterworfen habe, obgleich er noch bis vor kurzer Zeit den Widerstand gegen die fremden Ein- dringlinge auf Leben und Tod gepredigt hat. An seiner Seite hat in diesem Kampf als eigentliche Triebkraft seine Lieb- lingsfrau gestanden, die eine Engländerin namens Helen Person ist. Im Jahre 1920 unternahm Miß Helen Person, die Tochter eines vermögenden englischen Kaufmannes aus West- Bormwel, anläßlich eines Besuches auf den marrokkanischen Niederlassungen ihres Vaters einen Ausflug in das südliche Atlasgebirge, von dem ste nicht mehr zurückkehrte. Nach wochenlangen eifrigen Nachforschungen erhielt plötzlich ihr Vater einen Brief seiner Tochter, in dem sie ihm erklärte, daß sie die europäische Zivilisation hasse und inzwischen ihr wahres Glück an der Seite des Berberscheiks Ou-Jbn-Scaunt gesunden habe. Tatsächlich hatte sich der Schelk In das schöne junge Mädchen, das er auf einem Streiszug gefangengenom- men hatte, verliebt, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, die Europäerin nur als Pfand für ein hohes Lösegeld zu betrachten. Das Romantische an diesem Vorfall ist die Tat- sache, baß seine Liebe nicht unerwidert blieb und daß auch Helen Person an dem stattlichen, kühnen Berberführer Ge- fallen fand. Nach kurzer Zeit gab sie seinem Liebeswerben nach, heiratete ihn nach mohammedanischem Ritus, trat föegegnung mit de VergongenAeU Ein sehr peinliches Erlebnis hatte dieser Tage die ehe- malige Königin Helene von Rumänien, als ste unerwartet in einem der großen Filmstudios in Thepperton bei London erschien, um den Aufnahmen als Zuschauerin beizuwohnen. In ihrer Begleitung befanden sich ihre beiden Schwestern, die Prinzessin Helena, die Prinzessin Aspasia von Griechen- land und einige Mitglieder der Londoner Gesellschaft. Man hatte sie hierher geführt, da gegenwärtig Szenen zu einem Film über das rumänische Königshaus gedreht werden, die, wie man vermutete, die Königin interessieren dürften. Man hatte aber versäumt, die Filmgesellschaft von dem bevor- stehenden Besuch in Kenntnis zu setzen, so daß gerade Auf- nahmen gemacht wurden über gewisse intimeVorgänge zwischen dem ehemaligen Gatten und seiner Geliebten, die einmal überaus wesentlich für die Scheidung des Königs- paares geworden waren. Als die Königin Helene mit ihrem Gefolge das Atelier betrat, ließ der Regisseur selbstverständlich die Aufnahmen sofort abbrechen. Die nichtsahnenben Gäste drangen jedoch so energisch auf ihre Fortsetzung, daß sich der Aufnahmeleiter, der die Katastrophe kommen sah, schließlich nach einigem Zögern bereit erklärte, das Signal zum Weiterspielen zu geben. Die Szene zeigte den König Enrol II. im intimen Zusammensein mit seiner Geliebten, der rothaarigen Barbara V i l l i e r s, der späteren Gräsin C a st l e m a i n e. Die schöne Frau wickelte Wolle auf, die der König hielt. Dieser starrte sie unverwandt an, fiel dann auf die Knie und umarmte sie, indem er seine Lippen auf ihr Haar preßte. Die zärtlichen Worte, die er flüsterte, konnten von den Zu- schauern nicht verstanden werden. Die Königin sprang, ohne die Beendigung der Szene ab- zuwarten, auf, Regisseur, Schauspieler und Begleiter in heller Bestürzung zurücklassend. Man fand sie, einer Ohn- macht nahe, in ihrem Auto. Ihre Begleiter erklärten auf teilnehmende Fragen, daß sie mit niemandem ein Wort sprechen diirse, um die Aufmerksamkeit der Oesfentlichkeit nicht auf sich zu lenken. Sollte dies doch geschehen, so würden ihre Bezüge vom rumänischen Staat gesperrt werden. Sikristftc tfteuermaftnung Steuerzahlen ist ja nirgends in der Welt ein großes Ver- gnügen. Aber Steuern schuldig bleiben war bisher gewisser- maßen ein Vergnügen. Die modernisierte Türkei will jedoch auch mit dieser letzten Freude des TtaatSuntertanen energisch aufräumen. Die türkische Regierung wird in der nächsten Zeit einen Gesetzentwurf verabschieden, der vorsieht, daß vor dem Hause säumiger Zahler sechs Trommler täglich eine Stunde lang trommeln sollen solange, bis der Schuldner gezahlt hat. Ob auch die unschuldigen Nachbarn des Säumigen wegen der ausgestandenen Ohrenqualen Schadenersatzansprüche haben, ist in dem Gesetzentwurf nicht enthalten. (Reduinen unter?üArung einer{ngfänderin selbst zum Islam über und zog als Lieblingsfrau in den Harem des Scheiks ein. Sie hat dem Berbersürsten im Laufe der Jahre vier Söhne geschenkt, die sie alle in einem glühenden Haß gegen Europa und die westliche Zivilisation erzog. Widerstand bis zum letzten Schon im spanischen Rifkrieg während der Jahre 192ö und 1026 ist Helen Person die Seele des Widerstandes gegen die EroberungSpläne der Spanier gewesen, und sie war eS, die die zurückweichenden Berber, nicht zuletzt durch ihr Vorbild, zur Wiederaufnahmedcs Kampfes angefeuert hat. Auch an den Kämpfen gegen die Franzosen soll sie hervor- ragenden Anteil genommen haben, indem sie ihrem Gatten mit Rat und Tat und mit ihren Kenntnissen als Europäerin zur Seite stand. Sie soll sogar vorübergehend für ihren schwerverwundeten Mann das Oberkommando über den Stamm innegehabt und dabei mit außergewöhnlichem Ge- schick gegen die an Zahl überlegenen Feinde operiert haben. Sic konnte diese schwierige Aufgabe, den Widerstand bis zum äußersten zu organisieren, deshalb mit Erfolg durchführen, weil ebenso wie der Scheik auch der ganze Stamm in Ver- ehrung zu ihr aufblickte und sich ihrem Willen und ihren Befehlen widerspruchslos und freudig unterwarf. Nun hat sich also der Scheik anscheinend doch von der Aus- sichtslosigkeit weiteren Widerstandes gegen die französische Uebermacht überzeugt und bedingungslos seinen Frieden mit den Eroberern geschlossen. Tie Meldung aus Rabat von der Unterwerfung des Schelks erwähnt jedoch mit keiner Silbe, was aus der weißen Amazone im Lager der Berber geworden ist. Hat auch sie den Kamps aufgegeben? Oder ist sie sich treu geblieben?... SAMSTAG, DEN 23. S E'P T E M B E R! 1 9 3 3 (Deutscfktandiied in tateinisdk Der Kölner Pfarrer, Professor Baron von Capitaine, hat „Deutschland, Deutschland über alles" ins Lateinische übertragen. Tie Uebersetzung ist stellenweise, wie sich schon aus dem Anfang„Tu Germania cor mundi, Es et eris quod eras" ergibt, sehr frei, während die dritte Strophe mit den Worten„Unitas, ius ac libertas Pro Germana patria" sich wieder eng an das Original anschließt. Als vierstimmige Chorkomposition des Professors Josef Schwarz ist diese lateinische Fassung vor kurzem öffentlich gesungen worden {Radiosender auf dem(Rücken Ein neuartiges Hilfsmittel für den Presseberichterstatter wurde von der United Preß konstruiert und erstmals in Chikago mit ausgezeichnetem Erfolg angewandt. ES besteht auS einem kleinen rabiotelefonischen Sender, den der Bericht- erstatter selbst oder eine Hilfskraft, auf den Rücken ge- schnallt, leicht mit sich tragen kann. Alles, was zum Sender gehört, ist in einem Kasten untergebracht? Trahtleitungen aller Art sind überflüssig, so daß sich der Berichterstatter voll» kommen frei bewegen kann. In der Praxis wurde der neue Sender zum erstenmal bei einer Sportveranstaltung der Athletischen Union der Vereinigten Staaten in Chikago aus- probiert. Der Reporter sah aus unmittelbarer Näh« den Kämpfen zu und gab seine Kampsschilderung radiotelefonisch an den Ferndrucker weiter, der neben dem Tische der Kampf- leitung ausgestellt war. Noch bevor die offiziellen Zeit- nehmer die Kampfleitung erreichen konnten, um ihren Be- richt zu erstatten, hatte bereits der Pressebericht den Tisch der Kampfleitung verlassen. Der etwas über 30 Pfund schwere Sender verbraucht nur 2 Watt und arbeitet auf Ultrakurzwellen. Er hat eine Reichweite von ungefähr neun Kilometer. Man wird ihn dort vorteilhast anwenden kön- nen, wo man Telesonleitungen aus technischen Gründen oder wegen d«r Kürze der Zeit nicht anlegen kann. 3>as„dritte(Reith'" im Witz Streit bei Hindenburg Im Vorzimmer des Reichspräsidenten im Neudecker Schloß. Oskar, der Sohn Hindenburgs, und der Junker v. Oldenburg-Januschau führen ein aufgeregtes Gespräch. Schließlich ruft der Januschauer empört aus:„Ja, sagen Tie einmal, wer ist denn hier eigentlich der Reichspräsident? Sie ober ich?" Lin neuer Cäsar Baldur v. Blutrach, Amtswalter der NSDAP., wird von der Parteileitung zur Gleichschaltung des Reichsverbandes unabhängiger Akademiker kommandiert. Nach getaner Arbeit prahlt er im Freundeskreis:„Ich komme mir wie Cäsar vor!"—„Nanu?"—„Ich kam, SA. und siegte." Greuelpropaganda Ein Arbeiter, der sich den Arm gebrochen hat und ihn deswegen in der Schlinge tragen muß, geht im Zentrum von Berlin spazieren. Plötzlich stürzt ein SA.-Mann auf ihn zu und brüllt, indem er aus den Verband zeigt:„Mensch, wenn du nicht augenblicklich mit der Greuelpropaganda da aufhörst, kommst du noch heute ins Konzentrationslager!" Koniamara ROMAN VON l O N A Z 1 O S I L O N E Die Erde Mitte Juni ging das Gerücht, die Vertreter der Cafoni aus der Marsica sollten zu einer Versammlung nach Avezzano einberufen werden, um Beschlüsse der neuen Re- gierung in Rom über die Frage des Fucino anzuhören. Diese Nachricht machte auf uns den größten Eindruck, denn die früheren Negierungen hatten schon das Vorhandensein einer solchen Frage verneint. Seitdem es keine Wahlen mehr gab, war davon selbst bei den Advokaten unserer Gegend, die früher viel darüber gesprochen hatten, nicht mehr die Rede gewesen. Daß in Rom eine andere Negierung herrschte, war außer Zweifel, denn seit längerer Zeit hörte man dar- über reden. Dies schien ein Beweis dafür, daß ein Krieg stattgefunden hatte oder stattfand. Denn nur ein Krieg ver- jagte die alten Regierenden und setzte neue ein. So hatten bei uns die Bourbonen die Spanier ersetzt und die Piemon- tesen die Bourbonen. Aber in Fontamara wußte man noch nicht genau, woher die neue Regierung kam und aus welcher Nation die neuen Herren stammten. Das gehörte eben zu den Dingen, die sich in der Stadt ereigneten... Angesichts jeder neuen Regierung kann ein Cafone nur sagen:„Gott beschütze uns!" Es ist wie im Sommer, wenn Wolken am Himmel stehen: da kann man auch nicht wissen, ob sie Regen oder Hagel bringen. Solches steht bei Gott. Immerhin schien es uns großartig, daß ein Vertreter der neuen Regierung auf Du und Du mit den Cafoni reden wollte. „Man kehrt zu den alten Gewohnheiten zurück," schnarrte Generale Balbissera immer wieder,„wo es zwischen den Hütten der Cafoni und dem Königshaus auch nicht den Wald von Kasernen, Unterpräfekturen, Präsckturen gab, wo die Negierenden sich einmal im Jahr als Arme verkleideten und aus die Märkte zogen, um die Beschwerden des Volkes anzu- hören... Später kamen die Wahlen und damit der Ab- grunb zwischen Cafoni und Regierenden. Aber jetzt, wenn es wahr ist, waS man sagt, kehrt man zu den alten Gewohn- heiten zurück, von denen man nie hätte lassen sollen." Michele Zompa nährte die gleiche Hoffnung. „Eine aus Wahlen hervorgegangene Regierung ist immer den Reichen unterworfen, die die Wahlen machen," sagte er. „Die Herrschast eines einzelnen aber jagt den Retchen Angst ein... Kann es zwischen einem König und einem Cafoni Eifersucht oder Neid geben? Das wäre zum Lachen. Aber zwischen einem König und dem Prinzen^orlonia ist das schon möglich." Die Hoffnung, bei einer neuen Austeilung des Fucino auch ein Stück Land zu bekommen, hielt Berardo zurück, den andern zu widersprechen, wie es seine Gewohnheit und sein Laster war. „Jede Regierung ist ans Dieben zusammengesetzt," murmelte er bloß,„für die Cafoni ist eS besser, daß sie sich nur aus einem Dieb zusammensetzt als aus 500.... Denn ein großer Dieb, wie groß er auch sei, verzehrt immer weniger als 500 ausgehungerte, kleine Diebe... Wenn sie neuerdings den Fucino aufteilen, muß Fontamara seine Rechte geltend machen..." An einem Tonntagmorgen erschien in Fontamara ein Last- auto? der Wagenführer forderte alle Cafoni, die mit nach Avezzano wollten, zum Einsteigen auf und versicherte, daß die Fahrt umsonst sei. Das Lastauto war über und über mit Fahnenstosf geschmückt? die Behörden hatten es geschickt, so kostete es auch nichts. Zufällig waren nur unser zehn zu Hause, denn die anderen waren schon zur Arbeit gegangen. Im Sommer, wenn es viel zu tun gibt, hat uns die Kirche immer von der Tonn- tagSruhe befreit. Niemand konnte von der neuen Regierung verlangen, baß sie das wisse oder daß Ende Juni die Ernte einsetzt. Wie soll auch eine Stadtbehörde ahnen, in welcher Jahreszeit geerntet wird. Trotzdem waren wir— selbst bei Verlust eines Arbeitstages— bereit, an einer Versammlung teilzunehmen, in der sich die Frage des Fucino entscheiden mußte. Wir Fontamaresen hatten seit langem das Recht zurück- verlangt, den Fucino selbst zu pachten, aber die Verwaltung Torlonia hatte das stets abgelehnt und vorgezogen, daS Land an Acrzte, Advokaten, Lehrer und reiche Bauern zu geben, die uns darauf arbeiten ließen. So hatten wir zu hoffe« aufgehört, selbst Stücke des Fucino zu bekommen. Es war vns nichts anderes übrig geblieben, als die berühmte Ent- eignung abzuwarten, von der Don Circostanza so oft, beson- bers am Vorabend der Wahltage, gesprochen hatte. „Der Fucino muß dem gehören, der ihn bebaut!" das war Don Circostanzas ewiges Lied. Der Fucino sollte also jetzt dem Prinzen Torlonia, den deichen Bauern, den Advokaten und anderen Unzuständigen weggenommen und denen übergeben werden, die ihn be- bauten, das heißt den Cafoni. Daher hatte sich unser bei der Nachricht, daß in Avezzano die Aufteilung des Fucino statt- finden sollte und daß die neue Negierung eigens das Kamion nach Fontamara geschickt habe, weil sie wollte, daß die Cafoni endlich ihren Anteil erhalten sollten, eine große Aufregung bemächtigt. Die wenigen in Fontamara anwesenden Cafoni bestiegen daher das Lastauto, ohne irgendeine weitere Er- klärung zu verlangen. Es waren: Berardo Viola, Antonio Zappa, Teofilo della Croce, Baldovino Sciarappa, Sim- plicius, Jacobo Losurdo, Pontius Pilatus und sein Sohn, Andreas Corporate, Raffaele Scamorza und ich. Vor dem Wegfahren fragte der Wagenführer: „Und der Wimpel?!" „Welcher Wimpel?" staunten wir. „Jede Bauerngruppe muß unbedingt einen Wimpel haben, lautet meine Instruktion." „Aber was ist das, der Wimpel," fragten wir. „Der Wimpel ist die Fahne," erklärte er. Wir wollten bei der neuen Regierung keine schlechte Figur machen und besonders nicht bei der Versammlung, die über den Fucino entscheiden sollte. Daher folgten wie Teofilos Vorschlag und nahmen die Fahne des San Rocco mit. Mit Hilfe Raffaele Scamorza ging der Sakristan in die Kirche — den Kirchenschlüssel hatte er sowieso in Verwahrung—, um das Banner zu holen? als ihn aber der Chauffeur einen 15 Meter langen Baum mit einer riesigen weiß-blauen Fahne anschleppen sah, darauf San Rocco mit dem ihm die Wunde leckenden Hund, wollte er ihn hindern, diese auf das Auto zu schaffen. Wir hatten in ganz Fontamara keine andere Fahne und so gelang es der Beharrlichkeit Berardos, dem Wagenführer die Erlaubnis zum Mitnehmen unseres Wimpels abzulocken. (Fortsetzung folgt.! Paul Mallest Länder ohne Revolution Der aktive Reformismus in den nordischen Staaten Ein Beobachter des skandinavischen Lebens machte den Scherz, es wundere ihn nicht, baß es in der Geschichte der skandinavischen Länder keine Revolution gibt. Die Zeit- spanne, die für eine Revolution in Schweden oder in Däne- mark in Betracht komme, sei lediglich die zwischen Gabel- frühstück und Mittag, und die sei zu kurz. Die insulare Sicherheit der skandinavischen Länder, die seit Jahrzehnten sozusagen außerhalb der Weltgeschichte, soweit sie Krieg und Revolution heißt, leben, hat das ganze Dasein des Skan- dinaviers zu einem von dem des kontinentalen Europäers so verschieden gemacht, wie es lange Zeit das des Eng- länders war. Der Reformismus, der heute in der Arbeiterklgsse des Kontinents erschüttert und verfemt ist, bildet in Skandinavien uneingeschränkt die Doktrin der Arbeiterklasse. Läßt man als die grundlegenden Gegensätze der Arbeiterklasse seit 1918 die Fragen: hie demokratischer Weg, hie Diktatur des Pro- letariatS, hie Pazifismus, hie proletarische Wehrhaftigkeit gelten— restlos bejaht die schwedische und dänische Arbeiter- klaffe Demokratie und Pazifismus. Geradezu leidenschaftlich wird in Dänemark und in Schweben die Auffassung ab- gelehnt, die den Faschismus als eine unvermeidliche Etappe des Kapitalismus ansehen will. Hier liegt einer der Ansatz- punkte zum Verständnis des nordischen Sozialismus. Nirgends wird eine sozialistische„Abstinenzpolttik" ein- wütiger verurteilt als in diesen Ländern. Die schwedische und dänische Sozialdemokratie will mehr sein als ein Agi- tationsapparat, sie will handeln, und zwar handeln auch dann, wenn es im Augenblick keine revolutionären Möglichkeiten für die Arbeiterklasse gibt. Tatsächlich erscheint dieser„tätige Reformismus", wie man ihn bezeichnen könnte, dem schwebischen Arbeiter als révolu- tionär, weil er unbestreitbare und sichtbare Erfolge gebracht hat und weil ffch die Sozialdemokratie beider Länder sofort, bei den ersten Anzeichen der Krise, ihr entgegengestellt hat, ohne erst lange zu erklären, baß„letzten Endes" die Krise innerhalb des Kapitalismus nicht endgültig beseitigt werben könne. Diese Tatkraft des Sozialismus hat in allen skan- binavtschen Ländern jenen Erfolg bei den Massen gebracht, der die Voraussetzung der skandinavischen Linkswelle ist, die nun nach Finnland htnübergefchlagen hat und sich voraus- sichtlich auch in Norwegen zeigen wird. Bis heute sind die Massen in den skandinavischen Ländern die einzigen gewesen, die aus der Tatsache des zusammenbrechenden Kapitalismus d,e Konsequenz gezogen haben: hin zu den Sozialisten! * SJ Der Warnung, daß doch das Bürgertum die Demokratie -preisgebe, wenn sie ihm nicht mehr dient, antwortet der nor- bische Sozialismus, daß zur Voraussetzung der Politik in einem Lande das Vertrauen in die Ehrlichkeit des Gegners so lange gehört, als der Gegner dieses Vertrauen nicht offen- kundig mißbrauche. Uns auf dem Kontinent erscheint es als ein Anachronismus bürgerlicher Politik, wenn die ge- schlagene bürgerliche Partei der letzten dänischen Wahl die Konsequenz aus ihrer Niederlage in der Weise zog, daß sie durch ein Abkommen mit der Sozialdemokratie den Weg frei- gab und ihr Führer sich nach dem Abschluß dieses Ab- kommens aus dem politischen Leben zurückzog. Man darf nicht vergessen, daß Schweden seit 118 Jahren, Dänemark seit 66 Jahren keinen Krieg, beide Länder niemals eine Re- volution gehabt haben. Die sozialistischen Parteien konnten eine ruhige, stetige Entwicklung nehmen, und in keinem cnt- scheidenden Augenblick hat das schwedische ober dänische Bürgertum versucht, ihren Aufstieg mit andern als mit legalen, demokratischen Mitteln zu hemmen. Eine solche Eni- Wicklung drückt notwendig dem ganzen Denken des nordischen Arbeiters ihren Stempel auf, sie macht ihn zum unbedingten Demokraten, aber, und das ist ungeheuer wichtig, sie schärft auch das demokratische Gewissen des ganzen Landes so sehr, baß eS ungeheuer schwer wird, vom demokratischen Weg ab- zuweichen, ohne im Augenblick ertappt und angeprangert zu werden. Hat die skandinavische Demokratie der Arbeiter- bewegung so zu einem stetigen Aufstieg verholfen, so ver- pflichtet sie sie zur Tätigkeit, wenn der Ruf an sie ergeht. Es wäre in diesen Ländern ganz ausgeschlossen, sich dem Willen der Wähler zu entziehen. Für die Arbeiterbewegung war daher nach ihren Wahlstegen die Frage nicht die: Wo nehme ich jetzt einen widerwilligen Koalitionspartner her? Sondern: wie verschaffe ich dem Willen der Wähler Respekt? Dabei kommt ihr zugute, baß in den skandinavischen Ländern der Wahlkampf viel mehr um Tatsachen als um Weltanschauungen geführt wirb. Die Wahlkämpfe in diesen Ländern sind erstaunlich arm an Phrasen und erstaunlich reich an praktischen Vorschlägen. Diese Realität des Kampfes zwingt die Sozialdemokratie automatisch, ihren Wahlparolen eine unmittelbare Aktualität zu geben, umgekehrt aber auch nicht mehr zu versprechen, als sie unbedingt halten kann. Nirgends hat daher auch die Panzcrkreuzerpolitik der deutschen Sozialdemokratie schärfere Kritiker gefunden als gerade unter den„rechten" Sozialdemokraten Schwedens. Aller all dies würbe die skandinavischen Sozialisten noch nicht von einer anständigen liberalen Partei unterscheiden, wenn sie nicht mehr leisten würben als bloß die Aufrecht- erhaltung der Löhne und eine Arbeitsbeschaffungspolitik. In Wahrheit ist der nordische Sozialismus konsequent„refor- mistisch", indem er seine Reformen konsequent sozialistisch ge- staltet. In einem Gespräch sagte Gustav Möller, der schwebische Sozialminister und einer der besten Köpfe de» nordischen Sozialismus:„Es ist der Kapitalismus selbst, der uns zu sozialistischen Reformen zwingt." In der Praxis heißt das für die schwedische Regierung etwa: das Finanz- kapital läßt die schwedische Holzindustrie zugrunde gehen, weil sie durch den Krach auf dem Holzmarkt unrentabel ge- worden ist. Die schwebische Regierung begnügt sich nun nicht mit der Unterstützung der arbeitslosen Holzarbeiter, sondern sie kauft die Sägemühlen auf und schafft den Arbeitern Ar- beit. Dabei entsteht gleichzeitig ein gemeinwirtschaftlicher Sektor in der Volkswirtschaft, ohne baß jenes Kapital sich dagegen wehren kann, das die Sägen stillgelegt hat. * Gerade der Faschismus hat erkannt, daß die Konsequenz des demokratischen Zeitalters die Verankerung auch der Macht in den Massen ist. Die Wahlzahlen allein beweisen, daß in Dänemark und Schweden— auch in Norwegen sind die Sozialisten die stärkste Partei— der Sozialismus heute schon die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat. Aber mehr als das, in fast allen kapitalistischen Ländern gibt es heute weit über die Kreise der Arbeiterklasse hinaus Anti- kapitalisten. Hier hat die Politik der skandinavischen Sozia- listen eingesetzt. Indem sie daran gingen, eine Sammlung aller antikapitalistisch Interessierten Bevölkerungsschichten auch außerhalb der sozialdemokratischen Partei zu versuchen, gaben sie dem Faschismus von vornherein nur geringe Wir- kungSmöglichkeit. In allen Ländern, in denen der Faschis- mus Fuß fassen konnte, waren neben den Mittelschichten die Bauern seine treuesten Bannerträger. Diese Gefahr bestand auch in Schweben. Die Bauernpolitik der schwedischen Sozialdemokratie ist— freilich durch eine Reihe besonderer Umstände begünstigt— ein Musterbeispiel des Kampfes gegen den Faschismus. Tie schwedische Sozialdemokratie mußte sich nach ihrem Wahlsieg nach einem Bundesgenossen umsehen. Meist war in allen Ländern der gegebene Bundes- genösse für eine Regierung eine der sogenannten„Links- Parteien". In Schweben aber waren die Liberalen durch den Kreuger-Skandal schwer in Mitleidenschaft gezogen, sie waren eine geschlagene Partei und eine kapitalistische dazu. Die schwedische Sozialdemokratie vermied den Fehler, der jede Koalitionspolitik so leicht biskreditiert, sie verband sich nicht mit den geschlagenen Liberalen, sie vollzog keine Kooperation mit der„linken" Bourgeoisie, sondern sie ging— zu den Bauern. Man sagt in Schweden, daß, wer noch vor wenigen Monaten angesichts ter sozialkonservativen, ja reaktionären Stellung der Bauernpartei eine solche Politik für möglich gehalten hätte, für verrückt erklärt worden wäre. Aber die Agrarkrise hatte die Bauernschaft derartig ausgewühlt, daß der Punkt erreicht war, wo sie zum Faschismus abgeschwenkt wäre, wenn ihr nicht die Arbeiterschaft Hilfe und Bündnis angeboten hätte. Die schwedische Sozialdemokratie, die auf der linken Seite keinen Bundesgenossen finden konnte, holte sich ihn von rechts und riß damit die Bauern von ihrer traditionellen konservativen fficfolaW) st los. Gewiß, in kaum einem andern Lande als in Schweden mit seinen hohen Löhnen und seiner Macht der Gewerkschaften, die eine Lohnsenkung verhindern, wäre es gelungen, den Arbeitern eine Politik zu empfehlen, die ihnen die Lebensmittel 4• In Schweden aber fand keine Parole so stürmische Zustimmung unter ter Ar- beiterschaft wie der Ruf: Helfen wir dem Bauern! Diesel nüchterne Abkommen, das Viehpreise und Eterpreise gegen Arbeitsbeschaffungsgelder abwägt, das von den bür^r lichen Parteien höhnisch ein„Kuhhandel" genannt wurde, es',t heute die Massengrundlage der Macht der sozialdemokra- tischen Regierung, es hat allen Enthusiasmus der Massen entfachen können, es ist die Ursache der unglaublichen Popu- larität der Regierung. Denn hier handelt es sich zum ersten- mal nicht um eine der üblichen Parteienkoalttionen, sondern um eine Kooperation der werktätigen Klassen, der Bauern und Arbeiter. » Man darf freilich dabei nicht verschweigen, daß für die Arbeiterbewegung und für die Reinheit ihrer sozialistischen Ideologe auch ganz beträchtliche Gefahren auftauchen. Schon wird von führenden Kreisen der Partei der Begriff einer „Volksgemeinschaft" propagiert, die über die Partei hinan?- reiche. Man hat in Schweden selbst diese Gefahr als..Mac- donalbismuS" bezeichnet, der, vor die Wahl zwischen Re- gierung und Partei gestellt einmal die Partei der Regierung ergreifen könnte. Aber heute ist kein Zweifel, daß die ar- bettenden Massen bis weit hinein in die Mittelschichten mit der Politik der schwedischen Sozialdemokratie auverordcntlich zufrieden sind, und daß seit Brantings Regierung noch keine verstanden hat, die Herzen und Hirne der Schweden so-ur Zustimmung zu bewegen, wie die Regierung Hansson Möller. Heute stehen die bürgerlichen Parteien grollend abseits. Sowohl in Dänemark wie in Schweden häufen sich die An- zeichen, baß die Rechte an der Demokratie, die ihr nicht mehr dienstbar ist, verzweifelt. Während bis vor kurzem die faschistische Bewegung in Schweben sich nur auf ein paar kleine Gruppen erstreckte, hat in der letzten Woche einer der größten und einflußreichsten Jugendverbände— die Jugend- verbände in den nordischen Ländern umfassen wesentlich höhere Altersgruppen als bei uns— eine rein faschistische Leitung gewählt, und selbst in der Bauernpartei wurd n „Nationalsozi'"stische" Schlagworte laut. Man darf also auch in Schweden die faschistische Gefahr keinesfalls unterschätzen Aber die Regierung ha' die Massen hinter sich, sie kann und wird wohl in absehbarer Zeit die Antidemokrrtcn so be- handeln, wie sie es selbst wünschen: als außerhalb der Demo- kratie stehend. Darin liegt die große Möglichst des Schutzes der skandinavischen Länder vor dem Faschismus, daß den sozialdemokratischen Parteien und chren Verbündeten die Möglichkeit gegeben ist zu sagen: Der Staat sind mir, die Demokratie sind wir. Herr Dollfuß reifet Der Verfasser dieses Aufsatzes aus Wien ist ein hervorragender katholischer Publizist und Gelehrter, der in der ZentrnmSpresse und in katholischen Zeit- schritten oft mit ausgezeichneten Abhandlungen zum Wort kam. Redaktion der„Deutschen Freiheit". Schon senkt sich langsam die Nacht über den Prater. Auf dem Trabrennplatz stehen, sagt man, siebzigtausend Mann in Biererkolonnen. Sicbzigtauiend, wenn auch nicht gerade alles Männer, sondern gut die Hälfte Jünglinge, die alle für die Freiheit Oesterreichs sterben wollen. Die Fahnen: Notweiße Banner, auch schwarzrotgoldene der Turnerschatten, schwarz- gelbe wehen über den Köpfen dieser Armee von Freiwilligen der nationalen Front. Herr D o l l s u ß spricht zu ihnen. Die Lautsprecher zittern, denn der kleine Mann hat eine laute, eine für seine Größe etwas zu laute Stimme. Was er spricht, das ist offenbar nicht sehr wichtig, denn der Fürst Starhemberg promeniert indessen mit dem Minister Fen und einem groben Stabe hinter den Tri^'-n-««wher. Wer von den Damen möchte diesen Fürsten Starhemberg nicht leiden? Er ist ein hübscher, schlanker Mensch, etwas Mädchenhaftes liegt in seinen Zügen. Er ist auch kein Konbottiere, kein rauher Häuptling vom Schlage des SA.-FührerS Röhm, kein ausgesprochener Dummkopf wie Herr Himmler, der von dreißigtausend Jahren spricht, sondern ein Kavalier mit politischen Ambi- tionen. Als Minister muß er wohl eine etwas komische Figur gemacht haben. Man sagt sogar in Wien, der junge Starhem- berg fei dumm. Es läge nahe, das ohne weiteres zu glauben, wenn man auf dem Trabrennplatz und anderswo diese öfter- reichischen Aristokraten betrachtet. Das Monokel in ein Auge geklemmt, verziehen sie ihr Gesicht zu den lächerlichsten Grimassen, und das in einer Zeit, in der eine einzige Maschine, Gott sei's geklagt, siebentausend Paar Stiefel in einer Stunde produziert. Ich werde einige Worte mit dem Führer wechseln. Gut... Er ist nicht gerade dumm, so schwer eS fällt, das bei einem Aristokraten, der eine so vorzügliche Erziehung genossen hat. sozusagen auf Anhieb festzustellen. In einigen Minuten wird er jetzt an der Spitze der„Siebzigtausend" zur srieblichen Eroberung in Wien einleiten. WelcheAtmosphäreherrschtindieserStabt! Ich werbe glücklich sein, wenn ich erst wieder in meiner geliebten Schweiz bin. Hier in Oesterreich schreien die kleinen Kinder: Heil Dollsuß! Am Morgen aber, wenn ich aus dem Hotel komme, liegt die ganze Straße übersät von papternen Hakenkreuzen. Ein harmloses Vergnügen? Gewiß, denn wem tun diese Papierschnitzel weh? DaS ist eS nicht, aber mit der grenzenlosen Not Hunderttausender schwelt der National- sozialismus wie ein halbersticktes Feuer in dem Gebälk eines Hauses. So ungefähr war es nun vor zweihundertfllnfzig Jahren, als die T ü r k e n die Wälle der Stadt Wien berannten und schon eine Bresche in die Mauer gebrochen hatten. Da war es ein Kapuzinerpater, Marco d'Ariano, der das Heer, das er herangerufen hatte, mit religiöser Begeisterung erfüllte, und es war der König der„polnischen Untermenschen", Johann Sobieski, der mit seinem Heere zur Befreiung herangeeilt war. Und gerade in diesem Augenblick, da ich das schreibe, feiern Tausende polnischer Katholiken, die mit Bischöfen und dem Karbinalprimus Glond gekommen sind, diesen Sieg durch eine Festmesse auf dem Kahlenberg. Als ich hierher fuhr, sagte man mir in Salzburg, die Nazis würden anläßlich des Katholikentages losschlagen. Aber von Salzburg bis Wien sind es fünf Schnellzugstunden und zwischen diesem Einmarsch und der Ankunft vor den Toren Wiens könnte allerlei geschehen: auch ein Marco d Ariano könnte in Erscheinung treten. Tatsache aber ist, daß an einem Tage oft Hunderte von jungen Oe st erreichern über die Grenze fliehen und daß diese Flüchtlinge, welche schon in die Zehntausend gehen, in einer österreichischen Legion gesammelt und ausgebildet werben. Wozu? Herr Dollfuß gibt darauf die Antwort. Er ist ein ganz kleiner Mann. Wenn er durch die spalierbildenben Reihen geht, bücken sich die Leute tief herab, um Ihn zu sehen. Erst lächeln sie. dann schreien sie„Hock" und„Heil" Manche rufen sogar„Dollfuß, erwache", aber das scheint mir ganz über- flüssig zu sein, denn nicht nur, daß kleine Leute schneller wach sind al» große, macht dieser kleine Mann einen wachsamen und lebendigen Eindruck. Ueberdies lächelt er auch, wenn er so durch die Reihen der großen Menschen geht, er lächelt sehr zuversichtlich. Gestern aber, als die Siebzigtausend sich in Marschkolonnen in Bewegung setzten, an der Spitze die Führer ritten und die spalierbildende Menge„Hoch Dollsuß" rief, sah ich ihn nicht. Bis ich auf einen blickte, der. eö war indessen dunkel geworden, nach links und nach rechts blickte, nickte und lächelte, und daS war der Bundeskanzler Dollsuß, der, mäh- renddem Starhemberg und Fey auf Schimmeln saßen, auf einem braunen Pferde ritt. Dollsuß reitet? Herr Hitler lief, als er noch nicht Kanzler war, mit einer Hundepeitsche in der Hand herum. Ich sah in so einmal hinter Thomas Mann hergehen. Beide wußten nichts davon. Thomas Mann sah Herrn Hitler nicht und Herr Hitler, der nur Karl May liest, hätte nicht gewußt, daß das Thomas Mann ist. Mir schien das symbolisch. Ich sah nur noch, wie ein Mensch mit einer Hundepeitsche in der Hand hinter dem deutschen Geist herlief. Später ging Herr Hitler mit einer Reitpeitsche spazieren. Kein Mensch wußte warum, denn er besaß kein Pferd, son- bern nur hundertpferdige Automobile. Der Bundeskanzler aber, den noch keiner mit einer Peitsche in der Hand sqh, rettet wirklich. Es ist nicht anzunehmen, daß er eS gestern erst gelernt hat. Diese Tatsache, daß Herr Dollsuß reitet, worüber die Wiener in Freudentaumel gerieten, hat etwas Beruhigendes. Nicht, daß ich diesen Mann, der auch einmal von großen Ideen spricht, ohne sie zu haben, überschätzen würde, aber zu der naheliegenden Aufgabe scheint er wirklich geschickt und berufen. Auch sein Körpermaß hat, wenn man sich die großen, schönen Männer lmit den kleinen Hirnen), aus der Seite des Gegners, also im„dritten Reiche", vor Augen hält, etwa» Beruhigendes. Nimmt, wie eS bort scheint, die Proportion des HirneS mit der Länge des Körpers ab so könnte man Herrn Dollsuß beglückwünschen, und mit ihm ganz Europa, wenn neben und hinter dem kleinen Dollsuß nicht wieder die schönen großen Männer mit den kleinen Hirnen stünden, die es in Oesterreich auch gibt, Marco d'Ariano d. I. Annu Besant Eine bedeutende Frau Ein fantastisch vielseitiges Fraucnleben hat sein Ende ge- funden: Anny Besant ist, sechsundachtzigjährig, in der in- bischen Stadt Madras gestorben. Ein englisches Durchschnitts- mädel, streng orthodox im Geist der Hochkirche erzogen und dann mit einem Geistlichen verheiratet. Die junge Frau läßt sich scheiden, wird Freidenkerin, schließt sich den Fabiern um Vernarb Shaw und den beiden Webbs an und interessiert sich leidenschaftlich für Arbeiterfragen. Plötzlich aber tritt die Wendung in ihr Leben: durch die Bekanntschaft mit einer russischen Mystikerin wird Anny Besant Theosophin und bereist als Missionärtn dieser Sekte die ganze. Welt. Ihren ständigen Wohnsitz nimmt diese merkwürdige Frau in In- dien, wo sie sich mit einem prophetischen Fanatismus der kul- turellen, religiösen und auch politischen Erziehung der Hindu hingibt. Ihrem außerordentlichen Agitatorentalent verdankt die Hinduuniversität ihr Entstehen. Anny Besant wird zu einer Heldin der indischen Freiheitsbewegung und wandert 1017, während des Weltkrieges, zusammen mit Gandhi in das Gefängnis. Es ist noch in aller Erinnerung, daß die weiß- haarige Predigen« den Hinduknaben Krishnamurti der gan- zen Welt als neuen Heiland hinstellte. Sdiweizcr schwer mißhandelt Protest des Gesandten. Bern, 22. September.(Jnsa.) Die deutschfreundliche„Neue Züricher Z e t t u ng" berichtet auS Berlin: Ein Schweizer Bürger aus Wila im Tößtal, der für kurze Zeit auf Besuch in Berlin weilte, ist hier das Opfer schwerster Mißhandlungen durch Mitglieder»atioual- sozialistischer Wehroerbände geworden, weil er sich geweigert hatte, der Hakenkreuzsahne die Reverenz mit dem Hitlergruß zu er- weisen. Der Gast aus dem Kanton Zürich machte mit zwei Landsleuten einen Spaziergang über den Hohenzollcrndamm in Berlin-Wilmers- darf, wo sich gerade einer der zahlreichen Vorbeimärsche von TA.» Truppen mit flatternden Fahnen abspielte. Rechts und links vom Zug marschierten SS.-Männer zur Ueberwachung des Publikums mit. Einer der SS.-Männer hielt unseren Landsmann an und stellte ihn znr Rede, weil er es unterlassen hatte, mit erhobenem Arm das Hakenkreuz zu grüßen. Als der Befragte auf seine Schweizer Staatsangehörigkeit hinwies, die ihm den Hitlergrnß erspare, erhielt er einen Fauftschlag ins Gesicht. Drei SA.-Männer mischten sich ein, warfen de« Schweizer zu Bode« und bedienten sich ihrer Militärstiesel, um de» Zivilisten mit Fußtritte« zu traktieren. Tie SA.-Truppc auf der Straße machte indessen Halt und schaute der rohen Szene untätig zu. Der Schweizer blieb mit z e r- brochenen Rippen und äußeren Verletzungen liegen und mußte in eine Klinik zur ärztlichen Behandlung gebracht werden. Er ist verhindert, seine Verpflichtung als Schauspieler in Paris in einem Engagement, das schon in den nächsten Tagen wirksam geworden wäre, zu erfüllen, so daß ihm auch ein mate» rieller Schaden erwächst. Der Säiweizer Gesandte in Berlin hat heute auf dem Auswärtige» Amt vorgesprochen, um gegen de» gewaltsamen Nebergriss zu protestiere». Die Fälle, in denen Schweizer Bürger, denen der HitlergrvH nicht geläufig ist, behelligt werde«, hänsen sich seit einiger Zeit in einer Art, die geradezu zum Aufsehen mahnt, und neue Klagen gehen fast täglich auf der Schweizer Gesandtschast ein. » Auch ein Engländer verprügelt London, 21. Sept.(Havas.)„Daily Herald" veröffentlicht einen Artikel über einen in Berlin erfolgten diploma- t i s<* e n Zwischenfall. Danach erhob Archivar E. Hardy von der britischen Botschaft in Berlin den Arm nicht zum Gruß als er unter den Linden in Berlin einer Ab- teilung SA. mit Hakcnkreuzsahne begegnete. Daraus wurde er von einem Nationalsozialisten, der sich aus der Abteilung loslöste, ohne weiteres ins Gesicht geschlagen. Aus Reklamation»der britischen Botschaft beim Reichsaußen- Ministerium hin drückten die deutschen Behörden ihr»leb- haftesBedauern" über den Zwischenfall aus. Wo ist neidi Elster? Fragen— keine Antwort Wien, den 21. September 1933.(Jnsa.) Wir brachten letzter Tage die Meldung von der Ermordung der tschechischen Schauspielerin Heidi Eisler durch die Nazis. Um diese Meldung zu überprüfen, hat sich der öfter- rcichische Bühnenverein an die Genossenschast deutscher Rühncnangehöriger mit einer Anfrage nach dem Schicksal der Schauspielerin gewandt und folgende Antwort erhalten: Aus Ihre Anfrage vom 11. d. M. erwidern wir Ihnen, daß uns nicht bekannt ist, ob Fräulein Heidi Eisler in einem Konzentrationslager interniert ist oder Selbstmord begangen hat. Wir kennen überhaupt nicht den gegen- wältigen Ausenthalt von Fräulein Eisler und sind daher auch nicht in der Lage, uns irgendwie für sie einsetzen zu können." Für die barbarischen Zustände, die in Deutschland nicht nur aus dem Gebiet des Rechtowesens, sondern auch in den gleichgeschalteten Gewerkschaften herrschen, ist der zynische Brief der Genossenschast deutscher Btthnenangehöriger außer- ordentlich charakteristisch. ver»either .' Hagen, den 21. September 1933. Im Prozeß gegen Schidzik und Genossen wurde heute das Urteil gefällt. Der Hauptangeklagte Schidzik wurde wegen Mordes(?) in Tateinheit mit schwerem Landsriedens- brach zum Tode und zum dauernden Verlust der bürger- lichen Ehrenrechte verurteilt. Die Angeklagten Klostermeier und Heißmann erhielten je 13 Jahre Zuchthaus. Die Ange- klagten Gelezes wurden zu elf Jahren» Wiesner zu acht Jahren und Petry zu fünf Jahren Zuchthans verurteilt. Allen wurden die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von zehn Jahren aberkannt. 20 Angeklagte erhielten Gesäng- nisstrasen von neun Monaten bis zu vier Jahren. Ein An- geklagter wurde freigesprochen. Der Kommunist Schidzik und seine Genossen sollen am 10. Januar einen Uebersall aus das SA.-Heim in Iserlohn verübt haben, wobei der SA.-Truppsührer B e r n s a u durch einen Revolverschub(möglicherweise seiner eigenen Leute! D. Red.) getütet wurde. Mehrere SA.-Männer wurden ver- letzt. Neue Horde im Rheinland In den letzten Wochen sind allein in Wuppertal-Elberfeld 12 Arbeiter bestialisch ermordet worden. So hat man den jugendlichen Arbeiter Daehler eines Nachts durch TA. aus seiner Wohnung abholen lassen: am nächsten Morgen wurde er auf der Landstraße ermordet aufgefunden. Die Leiche war so furchtbar verstümmelt, daß der Bater seinen Sohn nur an den Kleidern wiedererkennen konnte- Ein weiterer Mord ereignete sich in der Paradestraße. Dort schössen SA.-Leute den Arbeiter Kreikampf nieder. Schwer verwundet ließen sie ihn liegen. Nach furchtbaren Schmerzen verstarb er an den Bauchschüssen, die ihm beigebracht worden waren. Die 03jährige Mutter j>es Ermordeten wurde ver- haftet. Sie wird beschuldigt, an einem Zusammenstoß mit Nazis beteiligt gewesen zu sein. Als der junge Kreikampf be- erdigt wurde, war die Anwesenheit der Eltern nicht zuge- lassen. Einem Zimmervermieter wurde während einer Haus- suchung ein Möbelstück zertrümmert. Der Mann reichte An- zeige gegen die Täter ein. Die darauf folgende Untersuchung bestand darin, daß er mit Gummiknüppeln furchtbar zugerich- tet wurde. Klnmpp wird nicht ausgeliefert Colmar, 20. Sept. Das hiesige Oberlandesgericht hat in der Auslieferungssache des Rechnungsrates Heinrich Klumpp aus Karlsruhe endgültig entschieden. Ter Ausliese- rungsantrag wurde abgelehnt, weil Klumpp nicht wegen Unterschlagung, sondern wegen politischer Gründe ausgeliefert werden sollte. Klumpp wurde noch am gleichen Tage auf freien Fuß gesetzt. Auf dem Stratzburger Haupt- bahnhof wurde der„Senior der Flüchtlinge" durch eine Delegation der Emigranten mit Blumen empfangen, ein Zeichen, daß Klumpp sehr beliebt ist- Wenn man die Hintergründe kennt, die die deutsche Re- gierung zur Auslieferung angeführt hat, so muß man zu der Ueberzeugung gelangen, daß die Nazis alles versuchen, um den Emigranten beizukommen. Erfreulicherweise hatte sich in diesem Falle die gesamte französische Presse eingemischt, um die Ausweisung zu verhindern. Und wie tragisch wäre es gewesen, wenn Klumpp am heutigen Tage— dem 02. Ge- burtstage--- über die Kehler Brücke nach dem Deutschland der Verbrecher gebracht worden wäre. Die Flüchtlinge und die Straßburger Bevölkerung wissen, daß das Ober- lanbesgcricht in Colmar nicht nur dem„Roten Matrosen", sondern ihnen und der Bevölkerung einen großen Liebes- dienst erwiesen haben. Heinrich Klumpp wird nämlich noch gebraucht bei der nächsten Ab- rechnung! BRIEFKASTEN Die rote GewerkschaftSinteruationale, Kopenhagen. Ihr schickt uns Euer 2. Augusthest zu. Wir haben es aufmerksam gelesen. Ein Kom- plimcnt können wir Euch leider nicht machen. Da schreibt zum Bei- spiel Fritz Heckert eis engbedruckte Seiten über die Frage:„Ist die Sozialdemokratie noch die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie?" An dieser Frage dehnt und dreht er nun herum, wie ein Pastor an der Tcxtanslegung eines Bibelspruches. 'Viel Theologie und wenig Seele. Natürlich bejaht Heckert seine Frage. Mit einigen kleinen Aenderungen hätte der Artikel auch schon vor einem Jahre erscheinen können. Nicht weil er ewige Wahrheiten enthält, sondern weil feine Argumentationen eingc- froren sind wie faule Kredite. Das einzige Hoffnungsvolle ist die Frage selbst! Demnach scheint man doch auch in Euern Kreisen ernst- hafte Zweifel zu hegen, o b die Sozialdemokratie„noch die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie" ist. Hassen wir, daß diese Zweifel sich vertiefen und kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter in der faschistischen Hölle sich nicht an blutleeren papierenen Diskussionen erhitzen, sondern gemeinsam dem Feind begegnen, der sie alle fesselt. Dr. H., Zürich. Sie wundern sich, daß wir Polemiken gegen Saar- brück« Zeitungen führen. Wir erscheinen nun einmal in Saar» brücken und haben hier die durch Gleichschaltung in die braune Zwangsjacke gesperrten Zeitungen vor uns. Es geht uns nicht um den zufälligen Erscheinungsort dieser Zeitungen, sondern um den Typ, des charakterlosen deutschen Journalismus, der sich den Fuß- tritten der SA. gefügt hat. R. S., Lille. Ihre Kritik am Prager Vorstand der SPD. ist sehr oberflächlich. Offenbar kennen Sie seine Veröffentlichungen nicht. Weder Seldstgcrechtigkeit noch Selbstgenügsamkeit ist in dem bisher erschienenen Schriftenmatcrial zu spüren, dagegen sehr weitgehende Toleranz gegenüber Meinungen, die von der alten Parteidoktrin abweichen. Niemand betet überholte Parteiprogramme an, aber auch niemand von Weitblick und Verantwortung wirst gleich alles über Bord. Die Sozialdemokratie ist im Stadium einer ernsten Selbst- kritik und kräftigen Erneuerung. Das weiß man bestimmt gerade in Prag. Ans Mannheim geht uns das nationalsozialistische„Hakenkreuz- banner" mit dem Bericht eines Engländers in der„Neuen Londoner Zeitung" zu. Der Mann fand bei einer flüchtigen Besichtigung des Konzentrationslagers in Kislau alles in bester Ord- nung. Nach seinen Beobachtungen mutz es der reine Kuraufenthalt sein. Immerhin ist er nicht dort geblieben, sondern gleich nach Eng- land zurückgereist. In seinem Bericht gibt es diese Stelle: „In Gegenwart der Gefangenen frage ich den Kommandanten, ob die körperliche Züchtigung hier existiere, worauf das Grinsen zu einem mächtigen Gelächter anschwoll." Wenn er nicht bemerkt hat, daß das Hohngelächter war, muß der gute Brite ein schöner Trottel sein. Ein eifriger schweizer Leser. Daß Sie uns nachsagen, wir trieben auch„kommunistische Propaganda", werden Ihnen die Kommunisten sxhr übel nehmen. In der kommunistischen Presse steht immer wie- der, wir seien die treuesten Stützen Hitlers und gekaufte Sold- knechte alle? möglichen kapitalistischen Imperialismen. Was die Ausmachung unseres Blatte« angeht, so zeigt sie die etwas sehr le- bcndige Art, die im Nachkriegsdeutschland sich allgemein in der Presse durchgesetzt hat. Wir geben zu, daß diese Aufmachung im Vergleich z» der wesentlich rubiger gehaltenen Presse der Schweiz reichlich aufregend wirken mutz. Sehen Sie auf den Inhalt der Aufsätze, und der scheint Ihnen doch meistens zu gefallen— trotz Ihrer Abneigung gegen„sozialistisck-kommunistische" Propaganda. Dank für die freundliche Art Ihrer Kritik. Immer wieder: Briefe nur an die Redaktion der„Deut- schen Freiheit" adressieren, soweit es sich um Korrespondenzen han- dclt, die den Text te il betreffen. Werden Briefe an einzelne Re- dakteure gerichtet, besteht die Gefahr der Verzögerung. Immer noch kommen Briefe an Redakteure, die überhaupt nicht bei uns tätig sind.— Briefe, die den Annoncenteil und den Versand be- treffen, richte man die GeschäftSleitung. Panl Löhe ist noch immer seiner Freiheit beraubt..Er wollte nicht ins Ausland gehen. Bis zuletzt glaubte er, daß es in den hohen Regionen auch noch den einen oder anderen Ehrenmann geben müsse. Dieses Vertrauen muß er schwer büßen. Es ist für einen guten Deutschen gewiß nicht.leicht, einzusehen, daß nur Lumpen oben sind, ober es ist so. Für den Gcsamtinhalt verantwortlich: Johann P i tz in Dud- weiter: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrücken 8» Schützenstraße 5. An- unci Verkauf zentraleuropS'Schsr und sOdamsrikanl- •eher Devisen. Effekten und REICHSMARK durch das Bankhaus Qeorges Perles 2 P. Michel 34. RUE LAFFITTE. PARIS IX TELEFON TAITBOUT 98-40 BIS 45 Achtung, Eltern f Ich habe mein jugendheim aus Deutschland nach 8t. 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