Parrssr Ausgabe Einzige unabhSngige deutsche Tageszeitung INSERATEN-ANNABME für Frankreich(ausschließlich Elsaß• Lothringen): Publicité Metel. Paris(3e). 51, rue de Tnrblgo(Ecke roe Reanmnr. Metro» Arts» et■ Métiers). Telephon> Archives 84—95. 84—96, 84—97. Nummer 86—1. Jahrgang| Saarbrücken-Paris, Freitag, 29. Sept. 1933 Chefredakteur: M. Braun Eins bist du dem Leben schuldig, handle, oder bleib' in Ruh'; bist du Umbos— sei geduldig, bist du Hammer schlage zu! GOETHE liter»udmagsrWiter bloßgestellt Dlmltrofi als Ankläger vor der ganzen Welt Herr Vogt D. F. Seitdem der angeklagte Bulgare Dimitroff so energisch gegen die Prozehführung vorstößt, ist die Atmo- sphäre im Gerichtssaal zu Leipzig gespannt; sie ist vergiftet, seitdem der Untersuchungsrichter Vogt das Wort ge- nommen hat. Wir haben das in einer Charakteristik dieses Menschen in der Nr. 79 der„Deutschen Freiheit" voraus- gesagt, denn es ist allzu bekannt, daß Herr Vogt alle Register des seelischen Quälens der Angeklagten be- herrscht und sie raffiniert anwendet. Dimitroff ist nicht der erste, der sich mit Haß gegen die Methoden dieses Untersuchungsrichters aufbäumt. Viele, die in seinem Vernehmungszimmer gesessen haben, sind von denselben Gefühlen beseelt wie der temperamentstarke Bulgare. Man kann einwenden, die Angeklagten, an denen der Herr Untersuchungsrichter seine seelischen Massagen voll- führte, seien voreingenommen. Gut, lassen wir also nur die gestrige Verhandlung sprechen. Sie allein schon be- weist, daß Herr Vogt keip reiner Wahrheitsforscher ist. sondern mit den Mitteln der Unwahrhaftigkeit arbeitet. Wir verdanken diesen Beweis der geschickten und rück- sichtslosen Offensive Dimitrofss. Es steht fest, daß der Herr Untersuchungsrichter eine in den Akten befindliche, nach den Behauptungen Dimitrofss gefälschte Verlobungsanzeige dem Ange- klagten vorenthalten hat. Es steht fest, daß der Herr Untersuchungsrichter d/n Versuch gemacht, Dimitroff zu einem Geständnis zu bewegen durch die falsche Angabe, Torgler habe ein Geständnis abgelegt. Für einen hohen Richter war es ein kläglicher Augenblick, als er unter der direkten Frage Dr. Sacks sich wand, Phrasen von richter- licher Ehre schleimig von sich gab und dann nicht bestreiten konnte, daß er den übelsten und gewöhnlichsten Trick bei der Vernehmung Krimineller in dieser hochpolitischen Untersuchung angewendet hat. Mit der in diesem Zusammenhange vorgebrachten Eni- schuldigung des Herrn Vogt, daß er nie und nimmer irgend etwas getan habe, was sich mit der Ehre eines deutschen Richters nicht vertragen würde, mögen sich die deutschen Richter auseinandersetzen. Es steht fest, daß der Untersuchungsrichter die grob un- richtige Mitteilung, die Bulgaren seien andemAtten- tat auf die Kathedrale in Sofia beteiligt ge- wefen, in die Zeitungen lancieren ließ..Daß er die Schuld an dieser Täuschung der Öffentlichkeit auch noch dem buchstäblich gefesselten Dimitroff zuschieben will, ist kenn- zeichnender für das Charakterbild dieses Herrn Vogt als alles andere. Es steht fest, daß dieser Untersuchungsrichter, noch ehe die Vernehmungen abgeschlossen waren, von einem Ge- richtsurteil gar nicht zu reden, eine Erklärung veröffent- lichen ließ, und zwar schon am 1. April, Dimitroff, Popoff und Taneff hätten in Verbindung mit van der Lübbe die Reichstagsbrandstiftung durchgeführt. Der Bulgare Dimi- troff hat das volle Recht, gegen eine solche ungehörige, und wie die Welt glaubt, grob unwahre Mitteilung an die Öffentlichkeit zu protestieren. Warum dann noch ein halbes Jahr Untersuchung, wenn für den Herrn Vogt schon Ende März die Schuld der Angeklagten feststand? Dimitroff machte sich auch sonst in dieser Sitzung sehr unbeliebt. Er deckte nämlich auf, daß vei den Berneh- mungen van der Lübbes nie ein holländischer Dolmetscher zugezogen worden ist. Der zur Verneh- mung stehende Polizeibeamte rühmt zur Erklärung das .» iff v._ Sas* Oiihhn Kam f filf! fl 1 f X„ zute Deutsch des van der Lübbe, der sogar stilistische Fein heiten erkannt habe. Lübbe und stilistische Feinh und ein Kriminalbeamter als Sachverständiger istische Feinheiten hverständiger für deutsche Stilkunst! Auch ein Bildchen! Fest steht jeden- falls, daß bei den polizeilichen Vernehmungen des hoch- intelligenten und das Deutsche ausgezeichnet beherrschen- den Bulgaren Dimitroff stets ein bulgarischer Dolmetscher zugezogen wurde, während man bei dem idiotischen, stammelnden van der Lübbe einen holländischen Dol- metscher nicht nötig zu haben glaubte. Das ist ein recht sonderbarer Widerspruch. Fürchterliche Verdachtsmomente sind allerdings gegen Dimitroff aufgetaucht. So hat der Mann eine An- si cht ska rte des Berliner Schlosses bei sich gehabt. Darauf stützte sich, wir zitiere» den scharfsinnige» Krinii- nalassistenten Herrn Marowsky, der Verdacht, daß Dimi- troff an der Brandstiftung im Schloß beteiligt gewesen sei. Welch ein Theater! Hätte der Bulgare statt dieser Ansichts- karte eine vom Karl-Liebknecht-Haus bei sich gehabt, wäre das natürlich ein Beweis für seine Kenntnis der„Kata- komben" flies: alten Bierkeller) in diesem Parteihaus gewesen. Die Welt wird über solche Polizeikünste lache», wie sie lächeln wird über die phantastischen Zusammen- hänge, die man aus dem Geschwätz van der Lübbes mit Wohlfahrtsempfängern vor den Stempelstellen Kon- struieren will. Wie empfindlich ist der Gerichtshof gegen das Aufbe- gehren Dimitrofss, wie schützt der Herr Präsident den Herrn Vogt, den der Angeklagte nicht beleidigen dürfe. Wie furchtbar jedoch wirkt die Anklage des Angeklagten, wenn er in den Saal donnert: „Man hat mich auch beleidigt. Manhatmichmehr als fünf Monate gefesselt. Zehnmal habe ich verlangt, man solle mir meine Fesseln abnehmen. Drei- m a l habe ich eine schriftliche Eingabe gemacht. Alles vergebens. Man fesselt mich gegen Recht und G e s e fc." Was tut der hohe Senat? Klärt er die schwere Be- schuldigung des Bulgaren gegen den deutschen Richter Herrn Vogt auf? Rein, die Herren Kollege» des Herr» Vogt ziehe» sich zurück und beschließen, dem Angeklagten Dimitroff das Wort zu entziehen.. Sie haben das erste Urteil in diesem Prozeß gesprochen. Formal richtet es sich gegen Dimitroff. Als moralisch Verurteilter aber steht Herr Vogt vor den Schranken. Clue rassische Stimme * Moskau, 28. Sept. Die„P r a iv d a" schreibt über den Leip- ziger Prozeß: Jetzt sind bereits fünf Tage vergangen, seitdem der Oberste Gerichtshof in Leipzig tagt. Fünf Tage hätten genügen müssen, um die wesentlichen Punkte des Prozesses festzustellen und aufzuklären. Indessen sind es gerade diese wesentlichen Punkte, die der Gerichtshof fürchtet und offensichtlich sucht er eine Anfklärung der Umstände zu vermeiden, die eine direkte Beziehung zum Reichstagsbrand habe». Bis jetzt mußten die Angeklagten Erklärungen abgeben und auf Fragen antworten. Im Augenblick frägt man van der Lübbe nicht mehr. Damit er sich nicht verwirrt, läßt man ihn nicht sprechen, sondern es ist nur der Gerichtspräsident, der spricht. S. VerhandiHRSstag in Leipiis „Das kann ich nicht sagen" Leipzig, 27. Sept. Wieder hat sich das Publikum zur Ver- Handlung tut Reichstagsbrandstiftungsprozeß teilweise schon eineinhalb Stunden vor Beginn eingefunden und wartet ge- duldig vor dem Hauptportal, bis es gegen g Uhr in den Titzungssaal hineingelassen wird. Mit besonderer Spannung erwartet man die Auswirkungen der vom Präsidenten Dr. Bttn g cr angekündigten Um- stellung im Verhandlungsverfahren, wonach mit van der Lübbe zugleich die Beamten gehört werden sollen, die im Voruntersuchungsverfahrcn van der Lübbe vernommen haben. Ob heute bereits zur Erörterung des Reichstagsbrandes übergegangen werden kann, läßt sich zur Zeit noch nicht sagen. Er wirb jedoch wahrscheinlich im Mittelpunkt der Verhandlungen an den beiden folgenden Siyungstagen, am Donnerstag und Freitag, stehen. Sodann tritt mit Rücksicht auf den in Leipzig stattfindenden Deutschen Juristentag eine Unterbrechung des Reichstagsbrandstifter- Prozesses bis Dienstag nächster Woche einschließlich ein. Nach der Eröffnung der heutigen Sitzung weist Senats- Präsident Dr. Bünger darauf hin, daß es sich nicht ver- meiden lassen werde, die bisherigen Aussagen van der Lübbes aus Grund der Aussagen der jetzt geladenen Zeugen noch einmal wiederholen zu lassen. Der Vorsitzende richtet dann folgende Frage an den Angeklagten van der Lübbe: Wollen Sie nun heute lauter und deutlicher ant- warten als gestern? Der Angeklagte steht auf und .erklärt nach längerem Zögern: Das ist möglich. Bor- sitzender: Wir haben in der Zeitung gelesen, daß einige Herren gestern Sie im Gefängnis aufgesucht haben und daß Sie mil ihnen viel offener und bereitivilliger gesprochen haben»nd sich auch munterer gezeigt haben. Ist das richtig? Ban der Lübbe: Das kann ich nicht sagen. Der Bor- sitzende ruft dann Prosessor Soedcrmann(«tockholml auf, der gestern den Angeklagten im Gefängnis in Beglcr- tung eines holländischen Journalisten ausgesucht hatte. Bei Lübbe im Gefängnis Professor Soedcrmann wird als Zeuge vereidigt und bekundet u. a.: Ich habe mich gestern nach dem Unter- suchungsgefängnis zu van der Lübbe begeben, da man in der Auslandspresse so viel geschrieben hat. daß van der Lübbe mißhandelt wurde, das man ihm Morphium- oder Kokainspritzungen gegeben habe und daß darauf sein eigen- artiges Verhalten im Gerichtssaal zurückzuführen sei. JÄ habe den Angeklagten in seiner Zelle besucht u n d a l l c s i n best er Ordnung gefunden. Ich kann sagen, da» er besser behandelt wird als die übrigen Gefangenen, z. V. was das Essen betrifft. Vau der Lübbe hat mich gleich bel meinem Eintritt gefragt— ich habe die Frage wörtlich aus- geschrieben—:„Warum machen Sie diese Unter- s u ch u n g?" Ich sagte ihm:„Weil man i n d e r A n s- landsprcsse sagt, daß Sie schlecht behandelt iv e r d c n." Da hat van der Lübbe ein bißchen gelacht und mit dem Kopf geschüttelt. Er hat auf mein Verlangen den Oberkörper entblößt. Ich stellte fest, daß er zwar stark abgemagert ist, aber es waren nicht die geringsten Merkmale irgendeiner Miß- Handlung zu sehen. Den Unterkörper zn entblößen hatte er eine gewisse Scheu. Ans meine Frage sprach er den Wunsch aus, daß die übrigen Herren während dieser Untersuchung die Zelle verlassen möchten. Als das ge- schehen war, hat er den Unterkörper entblößt. Ich habe ihn untersucht und auch hier keinerlei Spuren gesunden. Ich fragte van der Lübbe:„Fühlen Sie sich körperlich wohl?" Er antwortete:„Jawohl, ich fühle mich wohl. Ich sagte wieder!„Aber vielleicht fühlen Sie sich seelich nicht wohl?" Daraus fragte van der Lübbe:„Was ist seelisch. Ich sagte ihm:„Das kommt von Seele." Da sagte er tehr deutlich:„Ich fühle mich auch seelisch wohlV Vorsitzender.: Er hat also nicht Ihre Frage ab- gewartet, sondern hat Sie selbst gefragt, warum die Unter- suchung vorgenommen werde. Soedcrmann erklärte weiter: Mein Begleiter, der holländische Journalist Luger hat auch mit Lübbe gesprochen und ebenfalls vernünftige Antworten bekommen. Van der Lübbe hat einen ungemein schüchternen Eindruck gemacht. Meiner Ansicht nach wirkt der große Apparat dieser Reichs- gerichtsverhandlung einschüchternd aus ihn. RA. Tr.«»ck- Können Sic uns sagen, ob folgende Gerüchte, die im Ans- land verbreitet sind, auch nur in irgendeinem Punkte ge- rechtfertigt erscheinen können: Es wird behauptet, daß van der Lübbe schon kaum noch am Leben sei. Zeuge;: Nein, ich habe dell Eindruck, daß er sogar sehr gut lebt. RA.'-A r. Sack: Es wird weiter behauptet, daß man an ihm mit langsam wirkenden Giften arbeite. Zeuge: Ich habe ihn auch gefragt, ob er irgendwann oder irgendwo nach der Ein- nähme von Este» oder Getränken sich merkwürdig in irgend- einer Weise gestthlt habe. Er hat sehr präzis verneint.— RA. Dr. Sack: Es wird weiter behauptet, van der Lübbe zeige typische Anzeichen einer Rauschgiftbearbeitung. Haben Tie sich davon überzeugt, ob van der Lübbe an seinem Körper Jnjektionscinstichnarben zeigt? Zeuge: Ich habe nichts dergleichen festgestellt. RA. Dr. Sack bittet, vielleicht auch den holländischen Journalisten mit Rücksicht am dir ausländischen Gerüchte noch zu hören. Dieser wird als Zeuge vernommen. E» heißt Johann Luger und ist Vertreter des„Telegraas" in Amsterdam. Der Zeuge be- stätigt, was schon Professor Soedcrmann gesagt hat. Er habe mit dem Angeklagten ein einfaches Gespräch ge- führt, es habe sich aber mehr um eine einsilbige Unter- Haltung gehandelt. Ban der Lnbbe habe mit Ja und Nein geantwortet, nur etwas lebhafter als vor Gericht. Im übrigen habe er den Kops aus die Brust gebeugt gehalten. RA. Dr. Sack: Haben Sie zufällig auch den Angeklagte» Torgler gesehen und in welcher Verfassung? Zeuge L u g e r: Ich sah zufällig, wie Torgler ans einem Zimmer kam und eine Zigarette rauchte. Wieder Kriminalkommissar Heisig Die Vernehmung des Angeklagten van der Lübbe wird dann fortgesetzt. Zunächst wird Kriminalkommissar Heisig über die Aussagen gehört, die van der Lübbe früher über die Brände im Wohlfahrtsamt, Rathaus«nd Schloß gemacht hat. Der Zeuge schildert die erste Vernehmung am 27. Februar. Als van der Lübbe festgenommen worden war, wußte man zunächst nur, daß er als Brandstifter des Reichstages in Frage käme. Er st im Lause der Bcr- n e h m u n g b e z c i ch n e t c e r s i ch a l s den M a n n, d e r a u ch a m S ch l v ß, a m R a t h a u s u n d W v h l s a h r t s- a m t B r a n d si i s t u n g e n versucht h n t t e. Von der Brandstiftung am Rathaus wußte damals die Polizei über- Haupt nichts. Van der Lübbe hat genau mitgeteilt, daß er Brief sus dem neldisgcridit Wer Ssv das flammeitzeichen zum Terror? um 6.30 Hör zu»! Wohlfahrtsamt gekommen sei. Er hade mit Sen Arbeitern gesprochen und önbei sei ihm schon der Gedanke gekommen, hier den Brand anzulegen. In diesem Zusammenhang sagte er weiter, er habe sich überlegt, das; es ziveckmäßig sei, nicht ein einfaches PrivgthauS anzustecken, sondern ein großes öffentliches Gebäude, ivcil durch ein solches Feuer viele Leute angelockt würden. Es sei ihm auch darauf angekommen, irgendein Gebäude zu zerstören, das der Allgemeinheit gehörte. Er kam immer wieder daraus zurück, er habe etwas machen wolle», „um viele Leute anzulocken". WaS er damit meinte, war zunächst noch nicht verständlich. Er sagte dann aber, daß er sich mit den Arbeitern über die Wirtschaftslage und über politische Dinge unterhalten habe. Ich habe ihn gefragt, fährt der Zeuge Hcisig fort, ob er wisse, welche Negierung in Deutschland am Ruder sei und ob er wisse, wie sich die Arbeiter zu dieser neuen Regierung stellten, ob sie ihnen genehm sei oder nicht. Daraus sagte van der Lübbe, liber die Hitler-Regierung sei er bereits in Holland informiert gewesen und darüber habe er die Ar- bcitcr in Berlin nicht erst zu fragen brauchen. Lübbe er- zählte ganz aus sich heraus, daß er die Brände am Schloß, ani Rathaus und am Wohlfahrtsamt angelegt hatte. RA. Dr. Sack fragt, ob van der Lübbe auch von seiner Zugehörigkeit zur Kommunistischen Arbeiterpartei gc- sprachen habe. Es liege im Sinne der Verteidigung, daß diese Unterschiede„Kommunistische Partei",„Kommunistische Ar- bciterpartci" und„Rate-Kommnnisten" auseinandergehalten werden. Der Zeuge erwidert, er könne sich nicht erinnern, daß von der„Kommunistischen Arbeiterpartei" gesprochen wurde. RA. Sack fragt weiter, wo sich van der Lübbe darüber geäußert habe, ob er einen Mittäter hatte. Der Zeuge erklärt, daß van der Lübbe hartnäckig dabei blieb, seine Taten allein vollbracht zu haben. Auch nach der Gegen- Überstellung der Angeklagte» T o r g l c r und van der Lübbe habe van der Lübbe erklärt, daß er den Mann nicht kenne. Der Zeuge Heisig erklärt weiter, Lübbe habe sich in gutem Deutsch bei seinen polizeilichen Vernehmungen geäußert und habe auch die deutschen Kragen offenbar ganz richtig ver- standen. Die Protokolle habe er vor der Unter- s ch r i s t gründlich g e v r ü s t und hier und da Korrekturen g e w ü n s ch t. Ter Angeklagte D i mi troff richtet mit lauter Stimme an den Vorsitzenden die Krage:„Ich frage, ob ich als An- geklagter das Recht habe, direkte Fragen an den Zeugen zu stellen?" Vorsitzender: Sie haben das Recht, jetzt an den Zeugen Fragen zu stellen. Die Fragen können aber nur zum Gegenstand haben, ivas der Angeklagte Lübbe zu dem Zeugen gesagt hat. Dimttross: Ich will nur wissen, ob ich direkte Fragen stellen kann. Daraus setzt sich Dimitrofs nieder. Noch ein Polizeizeuge Der nächste Zeuge, Dr. Z i r p c n S sVerlint hat den Kriminalkommissar Heisig bei der ersten Vernehmung des van der Lübbe in der Nacht zum 28. Februar abgelöst. Er bekundet, van der Lübbe habe gesagt, daß er auf dem Wege zum Hermannsplatz am Samstag auf den Gedanken gc- kommen fei, seinen Brand anzulegen. Aus die Frage des Vorsitzenden, ob van der Lübbe sich bei den Vernehmungen anders verhalten habe als hier im Gcrichtssaal, antwortet der Zeuge: Wenn man van der Lnbbe als Hauptperson reden läßt, so wird er sehr gesprächig und findet kanm ein Ende. Der Vorsitzende wendet sich lächelnd an den zu- sammengesunken dasitzenden Angeklagten von der Iv&be mit den Worten: Van der Lübbe, Sie dürfen jetzt als Haupt- person reden.^Heiterkeit.) Ban der Lübbe bleibt apathisch sitzen. Der Zeuge Zirpins schildert dann die Brände im Rathaus und im Schloß in der aus den Akten bekannten Weise. Auf Fragen des Oberrcichsanivalts erklärt der Zeuge, baß Lübbe bei der Korrektur der Protokolle niemals seine Aussage geändert habe. Die Korrekturen waren meist durch Mißverständnisse zn erklären. RA. Dr. Sack: Es kann von rechtlicher Bedeutung sein, von Ihnen zu hören, ob in der Art, wie van der Lübbe sich das Brandmaterial beschafft hat, eine Planmäßigkeit des Handelns zu erkennen ist, oder ob eine Jnitialivhaudlung zu erkennen ist. Der Zeuge erwidert, van der Lübbe habe von sich heraus erzählt, daß schon auf dem Wege zum Her- mannplatz ihm der Gedanke gekommen sei, das Rathaus in Brand zu stecken und daß er dafür die Kohlenzünder ge» kauft habe. Dimitroff fragt Darauf wendet sich der Angeklagte Dimitrofs zum Wort, um den Zeugen zu fragen, ob bei den Vernehmungen kein holländischer Dolmetscher zugegen gewesen wäre. Der Zeuge verneint dies und erklärt: Van der Lübbe verstand fehrgutDeutsch. Sogar stilistische Fein- heilen hat er verstanden und Sachen, die er nicht für richtig hielt, glatt abgelehnt. Als Dimitrofs mit dieser Ant- wort sich noch nicht zufrieden gibt, erklärt Präsident Bttngcr, beide Kommissare hätten bekundet, daß der Angeklagte van der Lübbe ausgezeichnet Deutsch spreche. Damit ist die Frage ausreichend beantwortet. Auf den Ein- wurf Dimitroffs, daß van der Lübbe, der so gut Deutsch spreche, vom Untersuchungsrichter doch mit einem Dolmetscher vernommen worden sei, meist Präsident Bttngcr darauf hin, daß der Untersuchungsrichter sehr wohl einmal die Hinzuziehung eines Dolmetschers krotzbem für notwendig halten könne. RA. Dr. Sack verweist auf eine zusammenfassende Fest« stellung des Zeugen, wonach nach seiner Auffassung der Brand im Wohlfahrtsamt, im Rathaus und im Schloß von Lübbe ohne Zweifel allein verursacht worden ist. Er fragte den Zeugen, ob das auch heute noch seine An- ficht sei. Der Zeuge bestätigt das. Er habe selbst die Frage geprüft, ob bei van der Lnbbe vielleicht P y r o» mante in Frage komme. AuS den vielen Unterhaltungen mit dem Angeklagten sei er aber zn dem Schluß gekommen, daß Pyromanie und Geltungssucht nur scheinbar für ihn bestimmend gewesen sein könnten. Jedenfalls steht im Vordergründe bei seinen Taten das politische Moment. „Man muß was machen" Der nächste Zeuge ist K r i m i n a l a s s i st c n t' M a- r o iv s k i tBcrlini. Er hat vom 23. aus den 24. März van der Lübbe vernommen über das Gespräch, das der An- geklagte mit Neuköllner kommunistischen Arbeitern ans der Straße gehabt hat. Räch längerer Uebcrlegnng habe»an der Lübbe erzählt, der Arbeiter Bienge habe gesagt, man müsse öffentliche Gebäude anzünden. Darauf habe er. van der Lübbe, gesagt,„so muß es kommen". Darauf habe ein anderer Gcsprächstcilnehmer gesagt:„Der Junge ist richtig, den können mir gebrauchen. Später habe van der Lübbe seine Aeußerung:„To muß es kommen" abgestritten und noch später wieder zugegeben. Er habe in dieser Beziehung in seinen Angaben sehr geschwankt. Tie Teilnehmer deS Gespräches seien ihm in Fotografien gezeigt worden. Den Arbeiter Zachow habe er Mau schreibt uns aus Leipzig: Di-. H. T. Es ist ein unmittelbarer, fast sinnlicher Eindruck, daß der Angeklagte van der Lübbe in die Gesellschaft der mit- angeklagten Kommunisten nicht paßt. Torglcr und die drei Bulgaren sind ein besonderer Menschenschlag. In ihren Zügen leuchtet Intelligenz, Energie, Fanatismus. Gewiß, cS gibt Unterschiede zwischen ihnen. Dimitrofs überragt seine Landsleute. Er ist ein harter, erfahrener Kämpfer. Torglcr kennen wir,' die gransame Behandlung in der Haft hat ihren Zweck, seine Widerstandskraft zun brechen, nicht erfüllt. Van der Lübbe ist kein vollwertiger Mensch. Er ist ein Wesen ohne festen Charakter. Ein Triebmensch ohne höhere Intelligenz. Das Gesicht ist außerordentlich weich und sinn- lich. Univillkürlich denkt man an die Behauptungen des Braunbuchs über seine Homosexualität. Die Haltung, die er während der Verhandlungen zeigt, ist die Folge einer außerordentlichen Schwäche. Die Behörden erklären, Hunger habe ihn entkräftet. Es ist erstaunlich, daß man erst von Hungerstreik gesprochen hat, als alle aus- ländischen Korrespondenten übereinstimmend über den sonderbaren Zustand des Hauptangeklagten berichteten. Von verschiedenen Seiten ist der Verdacht ausgesprochen ivorden. daß van der Lübbe unter dem Einfluß von Rauschgiften stehe. Dieser Gedanke verfolgt einen, weil man eine andere Erklärung nicht findet. Jedenfalls ist es noch nicht dagewesen, daß ein Angeklagter, dem ein derartig raffiniertes Verbrechen zugetraut wird, sich wie eilt Unzurechnungsfähiger benimmt. Wir stellen fest, daß er noch nicht eine einzige Antwort gegeben hat, die einen wirklichen Inhalt gehabt hätte. Bis zur Stunde hat er— vielleicht bis auf sein merkwürdiges Lachen— nicht mehr Proben seines Verstandes abgelegt als ein schlecht dressiertes Pferd, das durch Scharren mit dem Fuß unsicher bejaht oder verneint. Und er hat dabei nicht einmal gut funktioniert! Alle F r a g e it, die an ihn gerichtet wurden, sind nur als Suggestivfragen zu bewerten. Man hat den Eindruck, daß er bei einigem Zureden noch ganz andere Verbrechen als eine Brandstiftung zugeben würde. Das wäre vielleicht ein lohnendes Experiment. Unmöglich kann man glauben, daß dieser Mann aus Starr- sinn einen Verteidiger abgelehnt hat. Dieser Widerstand kann nur aus fremden Einsluß zurückzuführen sein, denn er tut nichts s e l b st ä n d i g. Wir glauben gern, daß van der Lübbe früher ein anderer Kerl gewesen ist. Aber der Unterschied betrifft mehr die Vitalität als den Charakter. Er ist immer weichlich, triebhaft und beeinflußbar gewesen. Vielleicht stehen wir nicht im Widerspruch zu der Auf- fassung des Gerichts, sofern dieses sich bereits eine Meinung gebildet haben sollte, wenn wir behaupten, daß der„Brand- stistcr" nur das Werkzeug stärkerer Hände gewesen sein kann. Der Oberreichsanwalt meint, ausreichende Be- weise zu besitzen, um die Kommunisten verdächtigen zu können. Bis heute ist noch nichts ans Tageslicht gefördert genau wiedererkannt, den Bienge habe er kür wahrscheinlich erklärt. Als ihm das Bild von Löwe gezeigt ivurde. habe er gelacht. Der Zeuge erklärt, er habe bei diesem Lachen nicht gewußt, ob er diesen Mann tatsächlich nicht kannte, oder was das Lachen eigentlich bedeuten sollte. Ueber den Inhalt des Gespräches habe van der Lübbe weiter zugegeben, daß er gesagt habe: Man muß was machen. Diese Bemerkung habe er bei seiner Vernehmung dahin erläutert, man müsse eine Revolution entfachen, um das Volk aufzurütteln. Bienge habe gesagt, man solle SA.-Leute mit Benzin übergießen und anzünden. Zachow habe gc- sagt, man müsse öffentliche Gebäude anstecken. Dann habe van der Lübbe geantwortet: So muß cS kommen. Er selbst habe aber nichts von Gebäubeanzündcn gesagt. Bei den ersten Vernehmungen habe van der Lübbe aus den Vorhalt, daß von Gebäudeanzünden gesprochen wurde, gesagt: Es ist möglich. Später habe er es sogar abgestritten. Schließlich babe er gesagt, daß die anderen davon ge- sprachen hätten, er aber nicht. Daß er bei dem Gespräch ein rotes Mitgliedsbuch der KPD. aus der Tasche gezogen habe, sei von Lübbe bei der Vernehmung abgestritten ivorden. Diese Bekundung habe aber der Arbeiter Pankniu gemacht. Danach tritt eine kurze Pause ein. „Bestimmte Taktik" Nach der Pause wird die Vernehmung des Zeugen M a- r v w s k i über die Vorgänge an dem Nachmittag nach dem Gespräch vor dem Wohlfahrtsamt fortgesetzt. Van der Lübbe, führte der Zeuge aus, hatte in den ersten Vernehmungen verschiedene Dinge abgestritten, u. a. auch, daß er in der Wohnung der'Frau Bcthge bzw. des Starker Mittag ge- gessen habe. Als Frau Bethgc aus der Polizei erschien, war das erste Wort van der Lübbes: Sic sind ja so schmal ge- worden. Damit hatte er sich verraten. Ich wies ihn daraus hin, und van der Lübbe sagte:„Da habe ich eben einmal geschwindelt," und dann lachte er. Ich verbot ihm das. Darauf wurde van der Lübbe sehr ernst und wollte über- Haupt nichts mehr sage». Der Ober reichsanw alt erklärt, er entnehme aus den Aussagen des Zeugen, daß van der Lübbe belastende Angaben zunächst zugegeben und später teilweise oder ganz ivieder in Abrede gestellt habe. Er fragt, ob es sich dabei um eine Bertcidigungsmaßnahmc des Angeklagten gehandelt habe. Der Zeuge erwidert, daß van der Lübbe bei der ersten Vernehmung freiwcg alles erzählt habe. Als er dann später merkte, worauf cS ankam, hat er Einschränkungen gemacht und wurde sehr vorsichtig. Er halte das für eine bestimmte Taktik. Ans die weitere Frage des O b e r r c i ch s a n w a l t s. ob der Angeklagte die Namen Pieck und Florin nur aus einem Anschlag über die Versammlung erfahren habe oder ob sie ihm geläufig waren, erklärt der Zeuge, daß van der Lnbbe nur der Name Florin geläufig war. Oer unbequeme Oimitroff Der Angeklagte Dimitrofs richtet nun an den Zeugen Marowskn die Frage, warum bei den polizeilichen Berneh- mungen des Angeklagten van der Lübbe kein hollän- d t s ch e r Dolmetscher hinzugezogen worden sei.— Ans die Frage des Vorsitzenden, warum Dimitrofs immer ivieder mit dieser Frage komme, erwidert dieser, er finde es eigenartig, daß bei feiner Vernehmung von Ansang an ein worden, was diese These unterstützte. Es wäre ein unver- glcichlicher Theatercoup, wenn die Anklagebehöv^e im Lauic der Prozcßverhandlungen wirklich einiges Material ans Tageslicht förderte, damit die Welt wenigstens ihren„guten Glauben" annehmen darf. Die internationale öffentliche Meinung ist bekanntlich durchdrungen vo» der Ueberzeugung, daß van der Lübbe ein Werkzeug in den Händen der Nationalsozialisten ge- wesen ist. Das hat seine guten Gründe. Jeder fragt sich zunächst, wem die Brandstiftung Vorteil gebracht hat. Tie Nationalsozialisten haben selbst dafür gesorgt, daß von der ersten Stunde an kein Zweifel bestehen konnte über ihre großartige Vorbereitung auf das„glückhafte" Ereignis. Der Propagandapparat reagierte zu schnell und zu ausgiebig. Hitler, Göring und Wöbbels waren in dem Augcnblill, als die Flammen aus der Kuppel schlugen, schon im Bilde über Urheber und Komplicen des Verbrechens. Der Anlaß für den seit Jahren geplanten Terror war gesunden. Vermutlich werden die Leipziger Ankläger sich bemühen, aus den Reden und dem Schrifttum der Kommunisten nach- zuweisen, daß sie einen gewaltsamen Umsturz herbeizu- führen wjtnschten. Wir kennen die revolutionären Theorien der Dritten Internationale und brauchen daher auf di? Untersuchungen des Leipziger Juristen nicht zu warten. Selbstverständlich wollen die Kommunisten theoretisch den politischen und sozialen Umsturz im gegebenen Zeitpunkt mit Gewalt herbeiführen. Aber jeder Kenner Deutschlands weiß, daß die Partei sich im letzten Frühjahr sehr schwach fühlte und unmittelbare Sorgen um ihre Existenz hatte. S i e w a r einfach nicht aktiv nsfähig. Nur noch eine einzige Partei außer der kommunistischen hatte eine revolutionäre Theorie. Das war die natio- n a I s o z i a l i ft i s ch e. Sie wollte zwar seit Jahren aus sogenannte„legale Weise" an die Macht gelangen, aber wie ein roter Faden ziehen sich durch die Reden des„Führers" Racheschwüre und Drohungen, die Novemberverbrccher un- nachsichtig und blutig zu bestrasen. Es war ganz unmöglich für Hitler, die Macht, die er in vollem Umfang besaß, ohne Brutalität anzuwenden. Er hatte ja von jeher seine Gesolg- schaft mit dem Gedanken an den Tag der blutigen Rache berauscht. Wer kennt nicht seine Worte, die er als Zeuge im Prozeß der Reichswchrossiziere gesprochen hat: Köpfe werden rollen! Damals wollten die unentschlossenen Hüter der Staats- autorität an den Ernst dieser Drohung nicht glauben, so wenig sie die berüchtigten Terrorpläne des Dr. Best für aussührbar hielten. Tie einzige Partei also, die fähig und geradezu in der Zwangslage war, das Signal zum Terror zu geben, war die nationalsozialistische. Nur Untersuchungen, welche diese Vermutung nicht von vornherein ausschließen, können die Wahrheit entdecken. Das Reichsgericht ist aus der tatschen Spur. Van der Lübbe paßt nicht in die Gesellschaft der Kommunisten.' Aber wie würde er sich unter National- sozialistcn ausnehmen? bulgarischer Dolmetscher hinzugezogen worden sei, o b- iv o l> l er doch m i n d e st.e n» ebenso gut deutsch spreche wie Lübbe. Der Zeuge Heisig erklärt dazu. Dimitrofs habe bei seiner ersten Vernehmung an- gegeben, daß er überhaupt kein Deutsch verstehe. Dtwi- troff schreit: DaS stimmt nicht! Der Vorsitzende er- mahnt ihn zur Ruhe und weist daraus bin. daß durch die zeugeneidliche Bekundung des Kommissars der Fall geklart sei. Dimitrofs will weiter wissen, wann die polizeiliche Vernehmung van der Lübbes abgeschlossen sei und wann seine eigene Vernehmung als beendet betrachtet wurde. Er erläutert den Grund der Frage dahin, man habe ihn bei seiner Vernehmung als M i t t ä t e r Lübbes b e i d«i m Schloßbrand hinstellen wollen. Dieser Verdacht habe sich darauf gestützt, daß bei ihm eine A n s i ch t s ka r t e ge- fundcn wurde, die das Berliner Schloß darstellt,^er Z enge M a r o w s k i erklärt, er habe von einer evtl. Mit- täterschast Dimitrosss nichts gewußt. Er habe auch van der Lübbe nicht nach Dimitrofs gefragt, sondern allgemein ihm die Frage vorgelegt, ob er Mittäter gehabt habe Van der Lübbe habe diese Frage verneint und auch bei den Bildern anderer Personen, die ihm vorgelegt ivurde», erklärt, daß er diese Personen nicht kenne. Der Angeklagte D i m i t r o s s rust laut: Ich bin auch niemals van der Lübbe gegenübergestellt word en. Vorsitzender: Das hat auch niemand behauptet. Weil man bei Ihne» Ansichtskarten mit den Bildern von, Schloß und Reichstag sand, hat man zunächst diese Kar- ten al? belastend angesehen. Der hier vernommene Zeuge bat aber damit nichts zu tun. Ich lehne weitere Fragen von Ihnen ab. Ich babe mich eben davon überzeugt, daß«>e auch heute wieder mit dem Fragerecht Mißbrauch treiben. I» schließe Sie heute ans von der weiteren Fragestellung gegenüber diesem Zeugen. Auch Torgier fragt Angeklagter Torglcr: Der Zeuge Marowskn hat ge- sagt, daß van der Lübbe von der Arbeit gesprochen habe, in der kommunistischen Versammlung im Sportpalast in der Diskussion zu sprechen. Es ist aber grundsätzlich verboten, daß ein Kommunist in den Versammlungen seiner eigenen Partei in der Diskussion das Wort ergreift. Wenn van der Lnbbe die Absich' äußerte, in der Diskussion zu sprechen, so konnte das nur bedeute», daß er seine entgegengesetzte Auslassung zum Ausdruck bringen wollte. Ich mochte den Zcu- gen Marowskn fragen, ob er nicht aus der Aeußerung van der Lübbes entnehmen mußte, daß van der Lübbe seine geg« nerische A«ssgs>'ina äußern wollte. Der Zeuge erwidert: Ich habe über den Punkt, was er in der Versammlung fa» gen wollte, nicht mit ihm gesprochen. Reichsgerichtsrat Vogt sagt aus Es folgt nunmehr die Vernehmung des Unter- s n ch u n g S r i ch t e r S Reichsperichtsrat Vogt, der die ganze Borunterluchung i» der Reichstagsbrandsachc geleitet hat. Der Untersuchungsrichter fübrt u. a. auS: Van der Lnbbe hat während der Dauer der Voruntersuchung die Aus- künste gegeben, die jch von ibm qeivünscht habe. Die Art. in her zn sprechen pflegte, war so. daß er genau überlegte, was fi sagte. Es dauerte manchmal etwas lange, ehe er mit der Antwort fertig war. Wir Kollegen Kaden uns wiederholt darüber ausgeipro» che», daß van der Lnbbe ein ganz eminentes Gedächtnis J it' I Frank Lieht Das Spiel „Wir dürfen nicht glauben, daß wir durch aewalt- same Eingriffe, durch S i c g in e l d u n g e n über Beseitigung der örtlichen Arbeitslosigkeit das große Problem der wirklichen Beseitigung der Arbeitslosigkeit erreichen können." Reichswirtschaftsnrtnister Dr. Schmitt. Nichts vermag den grauenhaften Dilettantismus, von dem die nationalsozialistischen Arbeitsbeschafsungspläne getragen werden, bester zp charakterisieren als das erleichterte Auf- atmen, das nach der Rede des Reichswirtschaftsministers Dr. Schmitt auf dem,Fongreß der deutschen Arbeit am Rhein" <13. August in Köln) im gleichgeschalteten Blätterwald vcr- nehmlich wurde- Allein die Tatsache, daß zum ersten Mal ein offizieller Vertreter des„neuen Deutschland" sich einer rech- nerisch nüchternen Haltung in Dingen der Wirtschaft be- fleißigt hatte, erzeugte in b e n Köpf«?, die schändlichcrweise noch nicht den blinden Glauben an Stelle des letzten Restes von Vernunft geschaltet haben, die Illusion einer Botschaft aus einer besseren Welt. Dabei ivar kein neuer, konstruktiver Gebanke laut geworden, waren lediglich längst bekannte „wirtschaftliche" Erkenntnisse verkündet worden. So bankbar ist man in Deutschland nach den monatelangen Einwirkungen eines haltlosen Radauoptimismus für Aeußerungen des gesunden Menschenverstandes geworden. Indes hat sich seither im offiziellen Jargon nichts geän- dert: Nach wie vor meldet man„Siege" aus Ostpreußen, und in der Pfalz sammelt Herr Gauleiter B tt r k e l von arm und reich Bettelpfennige, was er großsprecherisch mit der Bezeichnung„Sozialismus" kaschiert. Die unübersicht- lichkeit der zur Zeit in Gang befindlichen„Arbeiter- schlachten", über deren Stand mit begreiflicher Absicht nur summarisch berichtet wirb, erschwert natur- gemäß die Ileberprüfung des volkswirtschaftlichen Nutzens der im einzelnen ergriffenen Maßnahmen. Hinzu kommt die Tatsache, baß es sich bei den zahllosen Anstrengungen zur Be- seitigung der Arbeitslosigkeit augenscheinlich nicht um ein p lau in äß t g« S zentral geleitetes Vorgehen handelt und die Aktionen, die von den Gauleitern mit sicherlich viel gutem Willen, aber wenig Sachkenntnis unternommen werben, sich vielfach mit den Plänen der Reichsregierung überschneiden. ES gehört meist sorgfältiges und langwieriges Studium der in den politischen und Handelsteilen verschiedenster Zettun- gen und wirtschaftlicher Nachrichtenblätter verstreuten Mit- teilungen und Andeutungen und fortwährendes Bergleichen der gefundenen Resultate dazu, um einen einigermaßen klaren Ueberbltck zu gewinnen. Trotzdem seien die Erfolgs- Möglichkeiten sachlich und ohne Leidenschaft untersucht. Und zwar ausgehend von dem Ziel jeder Arbcitsbe- schaffung: Hebung der in Deutschland auf die Hälfte des Normalumfanges geschrumpften Kaufkraft. Am meisten Aufsehen erregt immer noch das„Wunder in Ostpreußen". Es ist schon viel darüber geschrieben worden, es mögen daher ein paar durch Zahlen erhärtete An- gaben zur Erklärung genügen. Am 1. August hat Herr Koch, nationalsozialistischer Oberpräsident von Ostpreußen, mitgeteilt, daß in allen ihm unterstellten Landkreisen die Arbeits- losigkeit beseitigt sei. Niemand wird das angesichts einer Rekordernte in einem ausgesprochen en Agrar- gebiet bezweifeln. Zweifel seien jedoch an dem Volkswirt- schaftltchen Effekt der Kochschen Arbeitsbeschaffung gestattet. Die ostpreußischen Arbeitslosen wurden vorwiegend zu Ernte- und Erdarbeitern gepreßt, auch wenn sie anderen Be- rufsgruppen angehörten. Ihr Lohn für die 45stündigc Ar- beitswoche beträgt 18 Mark abzüglich 3,90 Mark für Sozial- beitrüge, freie Verpflegung und Stiefelgelb. Ferner er- halten die Verheirateten für die Frau einen Zuschlag von einer Mark wöchentlich, ebenfalls für jedes Kind einen Zu- schlag von einer Mark bis zu vier Mark. Es bleiben also dem verheirateten Mann ohne Kinder bei schwerer neunstündiger Arbeit ivährend fünf Wochen- tagen ganze 15,10 Mark, das ist ein Betrag, der nur un- wesentlich über dem betreffenden Satz der Arbeitslosenunter- stützung liegt. Bon einer Hebung der Kaufkraft kann man also bei diesen Ncueinstellungen kaum sprechen, wohl aber, geradezu von einer Schädigung der Eingestellten, die, soweit sie Facharbeiter sind, durch die ungewohnte Beschäfti- gung zum Teil für ihren eigentlichen Beruf disqualifiziert, zum anderen aber auch durch das feste Arbeitsverhältnis an der Ausübung kleiner Gelegenheitsarbeiten im eigenen Heim, die oft zur Erleichterung der stark gesenkten Lebens- Haltung beitrugen, verhindert werden. Daß die Einstellungen in Ostpreußen sowohl wie auch in anderen Landesteilen zum überwiegenden Teil auf die dringenden kurzbcfristeten Erntearbeiten zurückzuführen sind, geht u. a. auch aus einer in diesen Tagen veröffentlichten Statistik hervor, die Auskunft gibt über den Rückgang der Arbeits- losigkeit in den einzelnen Berufsgruppcn im ganzen Reich. Daraus erhellt, daß die Zahl der Arbeitslosen in der Landwirtschaft u m 64,2 v. H. zurückgegangen ist, während der Bergbau nur einen Rückgang um 12,5 v. H. melden kann. Wobei aber nicht aus der Statistik zu ersehen ist, ob diese 12,5 v. H. der arbeitslosen Bergbauarbeiter restlos wieder Beschäftigung im Bergbau ge- sunden haben, oder ob sie nicht vielmehr auch zwangsweise in der Landwirtschaft untergebracht wurden. Eine Annahme, die dadurch viel an Wahrscheinlichkeit gewinnt, daß die land- wirtschaftliche Arbeitslosigkeit trotz des ErntesegenS im ganzen Reichsgebiet nur um den angegebenen Hundertsah gesunken ist. während sie doch bei dem unzweifelhaft großen Bedarf an Landarbeitern viel stärker hätte zurückgehen müssen, wenn nicht ebensoviel Arbeitslose aus den Städten aufs Land verschickt worden wären. Daß ungeachtet dieser bedenklichen Unklarheit in der Sta- tistik noch über ein Drittel der Landarbeiter als arbeitslos geführt wird, zeigt erst recht die tiefe Trostlosigkeit der Arbeits m arkt- läge. * Die Sache wird nicht trostreicher, wenn man sich den vom Reichskabinctt beschlossenen Arbeitsbesch affuugs- Plänen kritisch /zuwendet. Da ist zunächst die am 1. Juli erfolgte Bereitstellung von einer Milliarde Mark in Form von S ch a tz a n w c i s u n g e n für die Instand- Arbeit setzung und Erneuerung öffentlicher Bauten, von Brücken, Häusern, Gas-, Wasser- und Elektrizitätsaulagcn, für Bo- denverbesserungen und Meliorationsarbeiten in morastigen Gegenden. Dabei wird ein Teil dcr Arbeitslosen zu ähn- lichen Bedingungen beschäftigt wie die Jugendlichen im „Freiwilligen Arbeitsdienst". Tie erhalten als Arbeitsent- geld die ihnen zustehende Unterstützung und dazu für je vier Arbeitswochen 25 Mark in Form von Bons, die nur für die Beschaffung von Kleidung, Wäsche und Hausgeräten verwendet werden dürfen. Außerdem wird ihnen eine warme Mahlzeit täglich gewährt. Hier gilt inbczug aus die Kauf- krafthebung und die Benachteiligung der Arbeitenden das- selbe wie oben. Besonders interessant wird aber gerade die- ser Programmpunkt durch eine Aeußerung, die dem Staats- sekretär Reinhardt auf dem jüngsten Landestreffen der N S B O. in Frankfurt entschlüpft ist. Der Herr Staatssekretär erklärt nämlich, daß von der am 1. Juli zur Verfügung gestellten Milliarde er st ein Bruchteil ver- wendet worden sei, daß aber in den nächsten Wochen und Monaten ein Vielfaches in Angriff genommen werde. Be- denkt man indes, daß es sich bei den im Rahmen des Milliar- densegens vorgesehenen Arbeiten um solche handelt, die eine günstigeWitterungvoraussetzen, dann wird man nicht viel Hoffnung auf die nächsten Wochen und Mo- nate setzen dürfen,' Bodenverbesscrungcn und Meliorations- arbeiten in morastigen Gegenden lassen sich nun einmal in Regen- und Frostperioden nicht durchführen. Wurde in den zwei diesen Arbeiten günstigen Monaten Juli und August nur ein Bruchteil der Milliarde beansprucht, dann wird man für die nächsten zwei Monate allenfalls bei stärkster Arbeits- ivtensität noch mit einigen Bruchteilen rechnen können. Eine fühlbare Entlastung des Arbeitsmarktes davon zu erwarten, wird wohl auch der Wundcrgläubigste nicht ver- mögen. Ein besonderes Kapitel im„Plan" stellen die E h c st a n d S- d a r l e h e n dar. Sie werden Heiratslustigen bis zu einem Wert von 1000 Mark in Bons gewährt, die zur Anschaffung von Einrichtungsgegcnstänben, Wäsche usw. berechtigen. In Monatsraten von 10 Mark soll die Rückzahlung erfolgen. Voraussetzung für die Darlehensgewährung ist jedoch, daß die Frau eine bisher innegehabte Arbeitsstelle aufgibt und sich verpflichtet, keine Arbeits st elle mehr zu besetzen, solange ihr Ehemann ein monat- licheS Einkommen von 125 Mark hat. Nach dem Willen der Gesetzgeber sollen durch diese Maßnahmen während der näch- sten vier Jahre jährlich 200 000 Stellen für arbeitslose junge Männer durch das Ausscheiden von ebenso viel Frauen aus dem Erwerbsleben freigemacht und im ersten Jahr noch 200 000 Arbeitslose ans Grund dcr erwarteten konjunkturel- len Besserung in der Möbel-, Hausgeräte-, Bau- oder Textil- industrie eingestellt werden, die man auch in den kommenden Jahren dank der immer neuen Eheschließungen in Arbeit zu halten hofft. Kann man annehmen, daß jährlich 200 000 junge Ehepaare eine im ungünstigsten Fall mehr als 8jährigc Ver- pslichtung zur monatlichen Zahlung von 10 Mark auf sich nehmen werden? Man kann es nicht, um so weniger als den jungen Leuten mit der Ucbernahmc dieser Verpflichtung ja auch die Möglichkeit einer Verbesserung ihres LcbenSstan- dards genommen ist, soweit die Frau durch Ausübung einer Erwerbstätigkcit dazu beitragen könnte. Dieses ganze Ge- setz zur Förderung der Eheschließungen steht sowohl was die Voraussetzungen, von denen man ausging, als auch Finan- zierung und Tilgung anbelangt aui äußerst schwachen Füßen. Die Rttckläufigkeit der Steuereingänge wird es den Finanz- ämtern sehr bald erschweren, die den Eheschließenden über- gebenen Anschaffungsbonseinzulösen, wenn diese in der erwarteten Zahl von den verschiedensten Händlern präsentiert werden sollten. Wenn aber keine Einlösungsmög- l'chkeit mehr auf Grund der Steucrcingänge besteht, dann wird man wohl oder übel die Verkäufer aus dem Til- gnngsfonds befriedigen müssen, der aus den monatlich rückzahlbaren 10-Markbeträgen gebildet wird, der aber wie- verum die Einlösung eines Teiles der bereits erwähnten Arbcitsschatzan Weisungen sicher- stellen soll. Man sieht: eins greift ins andere, und man geht vielleicht nicht fehl in der Vermutung, daß die zaghafte Inanspruchnahme der Schatzaniveisungs-Milliarde auf ähn- liche sorgenvolle Erwägungen zurückgeht. » DaS Gesetz zur erleichterten Einstellung von.H a u S- angestellten sei nur dcr Vollständigkeit halber erwähnt. Älan hat die Sozialbeiträge für Dienstboten zum Teil ab- geschafft, zum anderen Teil wesentlich verringert. Außerdem kann die Hausgehilfin in steuerlicher Hinsicht wie ein min- dcrjährigcs Kind behandelt werden. Sollte also tatsächlich eine Schrumpfung dieses Kreises der Arbeitslosen und damit auch eine Entlastung der öffentlichen Hand durch Wegfall der Unterstützung erfolgen, so wäre auch auf der anderen Seite eine Verminderung dcr Steuereinkünfte zu berücksichtigen. Was von der S t e u e r s r e i h e i t f ü r U n t e r n e h m e r im Falle von Ersatzbeschafsung.cn zu halten ist, wird man am besten Herrn von Pape« fragen, der im vorigen Jahr vergeblich die Wirtschast mit ähnlichen Metho- den anzukurbeln versuchte. Dcr„Völkische Bcobach- t e r" hat damals mit einer v e r n i ch t e n d c n K r i t i k auf- gewartet? jetzt preist er, was er vor einem Jahr mit Hohn Zwangseinsdirânkung in 6er Papierindustrie Das Reichswirtschaftsministerium ordnet an:„Auf Grund des 8 5 des Gesetzes über Errichtung von Zwangskartellcn vom 15. Juli 1933 wird hiermit angeordnet: 1. Bon Samstag 6 Uhr vormittags bis Montag 6 Uhr vormittags darf auf Papier-, Karton- und Pappencrzengungsmaschinen Papier, Karton und Pappe, gleichviel welcher Art, in der Zeit vom 1. September bis 31. Oktober 1933 nicht hergestellt werden. 2. Papier-, Karton- und Pappenerzeugungsmaschinen, die in der Zeit vom 1. Juni bis 20. August 1983 dauernd zur Papier-, Karton- und Pappenherstellung nicht benutzt worden sind, dürfen bis zum 31. Oktober 1933 nicht wieder in Betrieb gesetzt und gehalten werden. 3. Als Papier- und KartonerzengungS- sowie Pappenmaschincn im Sinne dieser Anordnung gelten nicht Klebe-, Streich-, Druck- und Präge- Maschinen sowie sonstige Papier, Karton und Pappe weiter- verarbeitende oder veredelnde Maschinen." i nd Spott übergössen hat. Um was handelt es sich? Der Staat gewährt den Unternehmern, die ihren Maschinenpark durch die Anschaffung neuer Maschinen und die Unbrauch- barmachung der entsprechenden alten auffrischen, Steuerfrei- licit für den Anschaffungswert. Der natürliche Anreiz für Ersatzbcschasfungen besteht für den Unternehmer, dessen Jni- tiative man ja unter allen Umständen erhalten will, in dcr Expansiv ns-und Nationalisierungsmöglich- keit. Beide Möglichkeiten auszunutzen, verbietet jedoch das Gesetz, dem der die steuerlichen Vergünstigungen beansprucht. Wenn aber der Unternehmer seinen Betrieb weder vcr- größern noch die Zahl seiner Arbeiter einschränken kann, wird er sich schwerlich zu einer Neuanschaffung entschließen können, auch dann nicht, wenn der Staat an der Anschaffung durch Steuerfreiheit für den Rechnungsbetrag partizipiert. Als K u r i o s u in sei in diesem Zusammenhang nur erwähnt, daß man auf der einen Seite die M a s ch i n c n i n d u st r i e heben will, während auf der anderen Seite durch Reichs- g csetz die Maschinenarbeit in der Zigarren- i n d u st r i e eine wesentliche Einschränkung er- sährt und auch verschiedentlich bei Brücken-, Hoch- und Tiefbauten triumphierend die Ersetzung von Maschinen durch Menschen verkündet wurden. » Als letzter und zugleich repräsentativster Punkt des Hitler- scheu Arbeitsbcschasfungsprogrammö bleibt dcr Bau eines A u t o st r a ß e n n e tz e s nach italienischem Vi n st c r. Anffälligerwcise wird immer wieder das Gigantische dieses auf die Initiative des Reichskanzlers zurückgehenden Unternehmens gepriesen, ivährend man über die Wirt- sch aft lichkeit nur so nebenbei einmal hört, etwa, daß 800 000 Arbeiter bei der Ausführung des Bauplanes Be- schäftignng finden sollen, und daß man einen mächtigen Aufschwung der A u t o i n d u st r i e sowie der am Ttra- ßenbau interessierten Industrien erwartet. Da die Aus- Wirkungen dieses Projektes also erst in der Zukunft spürbar sein werden— zumal er st ein bescheidener Bau- ansang gemacht ist,— sei eine Kritik loyalerweise zu- rückgestcllt. Jedoch seien jetzt schon Bedenken darüber ange- nieldet wie die Eisenbahn wohl aus eine Frequenz- eihöhung des Autoverkehrs reagieren wirb, wenn man auch die Reichsbahn jetzt bei der Finanzierung und Durchsüh- rung des RcichSautostrafvnnetzes mitwirkt. Es erscheint un- ausblciblich, daß sich hierbei Schwierigkeiten ergeben, deren Ausmaß sich im Augenblick noch nicht übersehen läßt. ** Wohin man also blickt: Nirgends Ansatzpunkte zu einer d a ue rh a s t e». krisenfesten w i r t s ch a s t l i ch c n Belebung, nirgends Aussich aus eine„wirkliche B c- seitigung der A r b e i t s l o s i gk e i t"— um mit den Worten des Herrn Reichswirtschaftsministers zu sprechen. Man lasse sich nicht durch die unbestreitbare Geschäftigkeit im „dritten Reich" und die Siegesmeldungen von der Wiedcrein- gliedcrung von 2 Millionen Arbeitslosen täuschen, man lasse sich nicht durch den ostentativ zur Schau getragenen künst- lichen Optimismus und den ideologischen Schwung den Blick für die wirkliche Lage trüben: die Erlasse gegen die„Mies- wacher" kommen nicht von ungefähr. Sie sollen d i c treffen, die noch außerhalb des ZauberkreiscS stehen, mit dem das Reichspropagandaministerium- das arbeitende Deutschland umgeben hat. Bezeichnenderweise fällt Herrn G ö b b c l s dcr Löwenanteil an der Arbeit zu, die zur Beseitigung dcr Ar- bcitslosigkeit bisher geleistet wurde- Rundfunk und Presse wurden von ihm eingespannt, um jene Stimmung zu er- zeugen, die dem Wunderglauben günstig ist. Wenn irgendwo in einer Fabrik oder in einem Geschäft a u ch n u r zwei N e u ein st e l lu n g e n zu verzeichnen waren, so wurden sie sorgfältig registriert, um dcr Ocsfcntlichkeit als Zeichen des Wiederaufsteigenö zu dienen. Führer von In- dustrtegruppen, Leiter von Handelskammern und Wirtschaft» lichen Verbänden aller Art wurden mobilisiert, um die Vor- zügc im ArbeitsbeschasfungSprogramm herauszustreichen. Und ihre Aeußerungen werden dem kritischen Beobachter znm erschütternden Beweis für die Dürftigkeit der ange- wandten Methoden. Männer, die als Wirtschaftsführer doch nie den Boden der Tatsachen verlassen sollten, klammern— zur Stellungnahme gezwungen— ihre Hoffnung an Stroh- Halme und prophezeien die kommende Belebung mit vielen „Wenn'und Aber" in gewundenen Ausführungen. Untkr den alarmierenden Uebcrschriften:„Es geht auswärts!", „Arbeit und Brot!" und„Aufruf zur Mit-, arbeit!" müssen die Zeitungen unter dem Druck des Pro- pagandaministeriums diese nichtssagenden, stereotypen Mei- nungen veröffentlichen. Die Männer, die heute Deutschland regieren, berauschen sich„a m Ganze n" und übersehen die w i ch t i g st e n De- tails im W i r t s ch a s t s g e t r i e b c, sie jonglieren mit Zahlen, Menschen und vagen Möglichkeiten, sie treiben ein gcwagtes Spiel, besten Einsatz die Existenz des beut- scheu Volkes ist und das am treffendsten in dcr von der NSDAP, aufgelegten Lotterie für Arbeitsbeschaf- s u n g symbolisiert erscheint. Mit JahrmarktSmetho» den und der Ueberbewertung von Zusallscrschei- nungen will man einem Wcltiibel zu Leibe gehen, da? aus lange Sicht gesehen nur von einer sozialistischen Planwirtschaft beseitigt werden kann, die endlich ein- mal entschlossen neue Wege geht. No! des Mittelstandes Die„Zeitschrift für Jnstrumentenbau" stellt einen Preis- stürz für Klaviere fest. Bereits um 65 Mark werden in Zeitungen, z. B. in den„Leipziger Neuesten Nachrichten", Pianos angeboten. Das Fachblatt macht zu diesen Preisen folgende Bemerkung:„Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr sern, wo man jene Ankündigungen unterbinden und die Aufgeber jener Reklamen zur Verantwortung ziehen kann. Eine gc- rechte Strafe für die Aufgeber solcher Ankündigungen wäre das Konzentrationslager— dort kann man sich dann in Ruhe überlegen und darüber klar werden, daß im neuen Deutsch- land Gemeinnütz vor Eigennutz geht." In Wahrheit ver- kauft der ausgepowerte Mittelstand, dem Hitler das Blaue vom Himmel versprochen hat, seine Wertgcgenstände weit unter Wert. Es ist wieder wie in den Zeiten der Inflation. Werbt für die„Deutsche Freiheit"! Beiden, Händler and Samariter Nidifs gefunden aber die„Rädelsführer" festgenommen! Die„Pfälzische Presse" berichtet: Die in der letzten Zeit in der Umgebung von Mölschbach in erschreckender Weise überhand nehmenden Waldbrände bildeten die Veranlassung, baß der Beauftragte des Bezirksamts Kaiserslautern, Standartenführer Kleres, im Einvernehmen mit der Polizei- oircktion zu einem entscheidenden Schlag gegen die mutmaßlichen Brandstifter, die in den Krei- sen der ehemaligen KPD. und SPD. zu suchen sind, aus- holte. Um so mehr, da bekanntgeworden war, daß seil kur- zcm eine auffallende engere Fühlungnahme der Anhänger der ehemaligen Linksvarteien erfolgt ivar. To wurde dann am Freitag in den frühen Mvrgenstunden eine g r o ß a n g c- legte Razzia in Mölschbach durchgesührt, an der zivci- hundert Mann SA., SS., Hilispolizei, berittene SA. und die Gendarmerie teilnahmen. Die Leitung hatte Standar- tensührer Kleres,' Polizeidirektor Frhr. v. Hausen, Ober- leutnant Büttner von der Schupo und der Leiter der Hilfs- Polizei, Sturmbannführer Rocker, wohnten der Aktion bei. Um 4 Uhr früh brach die berittene SA. auf, ihnen folgten einige^ Zeit später vier Mannschastsioagcn mit SA., SS. und Hilsspolizei. Schon um 5 Uhr w nrde das Dorf abgcric,gelt. Alle Ein- und Ausgänge wurden besetzt. Ter Ort wurde von einer Postenkette umstellt, so daß an ein Entrinnen nicht zu denken ivar. Alle Personen mußten sich einer Durchsuchung unterziehen. Bon 5.80 Uhr ab begannen die Haussuchungen bei den Kommunisten. Etwas Besonderes wurde nicht gesunde», l!» Die Rädelsführer(?) würben festgenommen,' im ganzen 17 Mann und eine Frau. Das terrorisierte Hessen „Ich werde jedermann rücksichtslos beseitigen. Wieder sind wir in der Lage, Mitteilungen über die Eni- Wicklung der Berhältnisse in Hessen zu bringen. Es siel allgemein auf, daß in den offizielle» Mitteilungen über den Sturz des seitherigen hessischen Ministcrpräsidcn- ten Dr. Werner kein Wort des Dankes an den Scheiden- den enthalten war. Während es sonst in Hessen üblich ist, in bombastischer Weise hervorzuheben, ivic verdienstvoll es im nationalen Interesse ist, wenn sich ein Beamter vor Er- reichung der Altersgrenze pensionieren läßt, fand der Reichs- statthalter kein Wort, um Wegbereiter des NationalsozialiS- mnö in Hessen, Dr. Werner, irgendwie den Dank auözu- sprechen. Die Spannung zwischen Werner und Sprenger ist derart groß, daß es der hessischen Presse verboten wurde, Tr. Werner einige freundliche Worte anläßlich seines Ab- ganges zu widmen. Am gleichen Tage, da Dr. Werner ge- gangen wurde, hielt der Reichsstatthalter Sprenger in BenSheim eine Rebe, in der er wörtlich erklärte: „Ich werde jedermann und jeden Versuch, sich mir ent- gcgenzustcllen, rücksichtslos beseitige». Ich kenne weder Namen noch Stand, noch Stellung in der Partei." Einen Tag später wurde große Personalverän- dernng in der Polizei vorgenommen. Die Polizei- direktorcnstellsn von Darmstadt, Mainz, Worms, Gießen und die Stelle des Führers der gesamten Landespolizei für Hessen wurden sämtlich neubesetzt. Zum Teil wurden alte Fachbeamte im Poltzeidienst besei- tigt, denen die tiefste Ergebenheit gegenüber den neuen Machthaber« und ein noch so beflissenes Handhebcn nichts nützte. An alle genannten Stellen wurden unbedingte Par- teigänacr des Herrn Sprenger, Brigadefülircr, SS.-Stan- dartenführer und ähnliche Wichtigkeiten gesetzt. Vom Poli- zcidienst verstehen sie zwar nichts, aber von Terror und Verhaftungen desto mehr. Wieder einen Tag später wurde für ganz Hessen da? von uns schon gemeldete Borgehen der Offenbacher Polizeidirek- tion gegen sog.„Miesmacher" angeordnet. Jede Bemer- kung, die k'ch geaen die jetzigen Machthaber richtete, jede Kri- tik an wirtschaftlichen, sozialen, steuerlichen oder sonstigen Verhältnissen bringt den Unvorsichtigen aus unabsehbare Zeit in ein Konzentrationslager, um dort„erzogen" zu wer- den. Dabei wird auf Alter und Geschlecht, auf Kranke und Leidende keinerlei Rücksicht genommen. Die Bevölkerung ist zum größten Teil furchtbar veräng- stigt, selbst im engsten Familienkreis traut sich niemand mehr, ein offenes Wort zu sagen. Trotzdem geht der stille Kamps gegen die unerhörte Willkür und Rechtlosigkeit, ge- gen Brutalität, Mißhandlung und Verhaftung weiter... Wir lesen im„Schild", dem Organ des Reichsbundcs Jüdischer Frontsoldatena nicht an das Märchen von der Macht des internationalen Judentums. Spanien hat im Jahre 1402 alle Juden außer Landes gewiesen und ist über vier Jahrhunderte ganz judensrei gewesen, ohne daß das inter- nationale Judentum ihm Gewalt antun konnte. Wir sind dem gegenüber ja ganz bescheiden: ivir wollen in unseren deutschen Organisationen zukünftig unter uns bleiben. Mit großer innerer Freude und Genugtuung konnte man am 7. in Siegen den Beschluß der westfälischen Kolonnen hören, keine Juden i n den Kolonnen des W« ft- ialcnlandes zu dulden. Rasst Euch aus, Kameraden, folgt diesen Beispiel, wo es noch nicht geschehen ist!" Wer mag wohl Anlaß haben, sich am tiefsten zu schämen: der Held, der Händler oder der Samariter? Für wen wir Juden erröten müssen, das wissen wir. Wer aber errötet uni der anderen willen? * Wir entnehmen diesen Artikel Nr. 6 des„Nachrichten- blattes der Sun agog en gemeinde des Kreises S a a r d r» ck e n". Diese Gegenüberstellung: Inde, Messe- amt und Samariter ist so erschütternd und so überdcutlich. daß sie eines weiteren Kommentars nicht bedarf. Nur arischer Pferdehandel Auf dem Gießener Pscrdcmarkt werden keine Jude« mehr teilnehmen, da nach der Anordnung der Bürger- meisterei N i ch t a r i e r ausdrücklich vom Besuch des Marktes ausgeschlossen sind. Qebt qeieseue LxempCace dec Deutsche Hceiheit" un. Iteunde und 1'Bekannte weitet! Vecùceitet die iüaficheU! Kontamara ROMAN VON/ 0 N A Z I 0 S I L O N E Dieser trat an Tcofilo heran und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Teofilo legte eine Hand auf die geschlagene Wange, blickte rund herum und fragte dann schüchtern:„Warum?" „Feigling!... Feiger Hund!..stöhnte der Knirps mit dem dreifarbigen Bauch.„Warum wehrst du dich nicht?... Feigling I" Aber Teofilo blieb unbeweglich und still. Unter allen Frauen, Greisen oder Invaliden hätte der Dicke kein wider- standsloseres Opfer finden können. Nach kurzer Beratung mit Philipps dem Schönen knurrte er nur: „Da kann man nichts machen.« Dann, zur Menge gewandt, befahl er:„Geht alle nach Hause, alle!..." Als auf dem Kirchplatz kein Fontamaresc mehr zu sehen war, wandte sich das Männchen an die Schwarzhemdcn: „Je fünf gehen in jedes Haus, durchstöbern alles und bc- schlagnahmen jede Art von Waffen... Schnell, che die Männer nach Hause kommen." Im Nu war der Platz leer. Es war fast dunkel geworden. Wir konnten aus unserem Zufluchtsort noch gerade bcob- achten, wie die Patrouillen sich zu je fünf in den wenigen Gäßchen von Fontamara verteilten und in den finsteren Häuiern verschwanden. Elvira and ich sagten uns, daß eS den Vollziehern des Ge» setzes schwer fallen würbe, ohne elektrisches Licht ustd ohne irgend einen Ersatz dafür, ihren Auftrag auszuführen. Aber die plötzlichen Schreie von Maria Grazia, deren Haus direkt neben dem Glockenturm lag, und gleich daraus, ja fast noch im nämlichen Augenblick, die verzweifelten Rufe von Filoména Castania, von Sofia Recchiuta, von Ltsabetta Limona, von der Carracina, von Filoména Ouaterna und andere Hilferufe aus entfernteren Häusern, begleitet vom Lärm und Krachen stürzender Möbel, zerbrechender Stühle, klirrender Scheiben, enthüllten uns mit einem Schlag, was die wirkliche AbsirlL dieser bewaffneten Horde ivar. Unter uns brüllte Maria Grazia wie ein Tier, das man absticht. Durch die weit offene Türe sahen wir entgeistert das hündische Andringen der fünf Männer gegen dav junge Mädchen: mehrere Male gelang cö ihr, zu entkommen und einmal erreichte sie sogar die Türe: aber sie wurde sofort zurückgerissen, gepackt, ans die Erde geworfen, umklammert und von vier Männern so festgehalten, daß der fünfte sich auf sie werfe» konnte. Maria Grazia röchelte jetzt wie einö Sterbende. Als der erste sie mißbraucht hatte, lourde sein Platz von einem andern eingenommen und das Martyrium begann von Neuem... Und nach dem zweiten kam der dritte daran und das Martyrium begann von Neuem... Und nach dem dritten kam der vierte, aber das Aechzen des Mädchens war schon zu schwach gcivorden, um hörbar zu sein. Sie hatte jeden Widerstand ausgegeben. Der vierte und fünfte konnten sie ungestört mißbrauchen. Dann verließen die Männer lachend und zotend daö Haus und eilten dem der Lisabctta Limona zu, das an die zwanzig Meter entfernt lag... Elytra hatte die ganze Szene mit angehört! Wie hätte man es verhindern können? Alles hatte sich wenige Schritte vor uns zugetragen. Kein Seufzer war ihr entgangen. Dann hatte sie die Arme um meinen Hals geschlungen, sich an mich gepreßt, ich fühlte sie zittern wie von Krämpfen geschüttelt. Es war als zittere der ganze Turm und die ganze Erde ringsum mit. Ich gab acht, daß sie mir nicht die Holztreppe hinunterstürzte und dadurch dte Aufmerksamkeit der bewasf- neten Männer aus unser Versteck lenkte.... Die großen Augen weit ausgerissen, starrte Elvira fortwährend aus die dunkle Tür, aus der die fünf Männer herausgekommen waren und wo der gemartete Leib der Maria Grazia lag. Ich bekam Angst um ihren Verstand, und schloß ihr mit den Händen die Augen, wie man es an Toten tut. Aber plötzlich verließ auch mich die Kraft, die Beine wurden mir schwach und so sanken wir im Dunkel» gemeinsam zu Boden. Von diesem Abend weiß ich nichts anderes mehr, als was ich erzählt habe. Manchmal scheint mir, daß ich vom ganzen Menschen- dasein nichts anderes mehr weiß und behalten habe." „Aber von alledem ahnten wir Planner, die ivir aus dem Fucino heimkamen, nicht,"— sprach der Alte weiter.„Hätten die Frauen doch Sturm geläutet... Wir hatten uns aus der Straße nach PeScina getroffen: ich. Berardo Viola. Bin cenzo Scorza, Papasisto, Giro Gironda, der Vater von Maria Grazia und der Bräutigam von Lisabctta Limona. Nicht iveit Rntcr uns gingen Giaeinto Barletta, OuintiliannS, Venerdi Santo. Lnigi Scarpa und andere. Als ivir am Eingang des Dvrses die lange Reihe der Lastautos ilnd den Haufen Militär saßen, meinte Berardo: „Das wird wegen des Zaunes sein..- Der^mvreiarin wird gedacht haben, daß einer a»S Fontamara den Zaun angesteckt hat." Vielleicht hatte Berardo Grund anzunehmen, daß es„ch um jenen Zaun handle. Aber es handelte sich um anderes. Unter den Bewaffneten, die die Autos bewachten, waren einige, die Berardo persönlich kannten: aber sie wollten uns nicht erklären, warum sie nach Fontamara gekommen waren, wahrscheinlich mußten sie es selber nicht. Sie hießen uns warten und nachdem auch die zweite Gruppe Gaioni ein getroffen war, begleiteten sie uns nach Fontamara hinein, bts ans den Kirchplatz, Ivo wir die übrigen Feinde versammelt und im Quadrat ausgestellt fanden. Sie wurden von einem kleinen wohlbeleibten Mann mit einer dreifarbigen Schärpe über dem Bauch befehligt und Philipps der Schöne half ihm dabei.„_ Mitten im Viereck gewahrten wir den Generale Baldißera. den Sakristan Teofilo, Pasquale Gipolla, den alten Antonio Bracciola, den Schneider Anaeleto und wenige andere, stumm, bewegungslos, bleich und widerstandslos wie Kriegs- gefangene. Bei unserer Ankunft öffnete sich das Biereck und schloß sich hinter uns wieder. Berardo sah mich an, wie einer der nicht weiß, ob er lachen oder sich empören soll. Wir versuchten, aus Generale Bal- dissera herauszubekomme», was sich vor unserer Ankunft zugetragen hatte: er näherte sich mir und flüsierte mir ins Ohr:„Das ist eine unerhörte Geschichte!", und dann näherte er sich Berardo und wiederholte ihm ins Ohr daö Gleiche und dann ging er zu den andern und auch in ihre Ohren flüsterte er das Gleiche:„Das ist eine unerhörte, nie, nie- malS gehörte Geschichte!" Das war zwar nicht sehr ausschluß- reich, aber immerhin außergewöhnlich. Denn angesichts aller Ereignisse, auch der größten, die sich zugetragen, hatte Bal- dissera bis heute immer eine Erklärung aus der Geschichte gesunden. Zum erstenmal in seinem Leben gestand er, nicht» zn bearotson içfciwi»«»,....». IDeutsche ftimmen Feuillànbeîlage der„Deutschen Freiheit"* Freitag, den 29. September 1933* Ereignisse und Geschichten 'e kühnen Recken, die aufrecht, bieder, stark und frei.... ... des großen Adolfs Füße lecken in widerlicher Kriecherei. Sie sind so deutsch— und grüßen römisch— so grade— und sie stiften Brand— ... ihr Käppi welsch, ihr Osas böhmisch, ihr Rowdytum aus Znluland. Sic haben Pacht aus deutsches Wesen... Sic schänden alles, was uns lieb— ... erst dann wird deutsche Art genesen, wenn nichts mehr von der Brannpest blieb—! Bert May. Das leinqt die 9tolländec auf Vas HCakettAccuz aal dee Hüte Wir entnehmen dem„H a a r l e m s ch e n C o u r a n t":' „Wie man heute, ohne es zu wissen, in politische Schwierig- ketten verwickelt werden kann, mußte dieser Tage ein ehr- samer Ladenbesitzer in Alkmaar erleben. Dieser Laden- besitzer hatte sich vor gut einem Jahre Zigarettentütcn machen lassen. Außer seinem Namen befanden sich auf der Tüte noch kleine Zeichnungen. Vor kurzer Zeit entstand nun eines Abends vor seinem Geschäft ein Menschenauflauf. Es wurde geschrien:„Tod den Nazis! Weg mit Hitler! Rot Front!" usw. Am folgenden Tage war die Front seines Ladens>nit einem große» Hakenkreuz verziert. Der Händler, der nie dem Nationalsozialismus nahe gestanden hatte, war stumm vor Staunen und fragte die Kommunisten, was das zu be- deuten habe. Darauf hielten ihm diese eine von seinen Zi- garettentüten unter die Nase.— In die Zeichnung ans dem Tütchen war nämlich ein Hakenkreuz verarbeitet. Vor einem Jahre galt dieses Zeichen in Holland noch als vollkommen unschuldig. Niemand sah etwas besonderes darin. Heute aber ist es ein politisches Emblem, das sogar einem ganz Un- schuldigen die größten Scherereien bereiten kann." Jüekammtv W i l s o n zu sehen und zu hören lein wird. Dieses Wunder kommt so zustande: Der Filmschauspieler, der die Rolle Wilsons spielt, spricht eine Rede, die der Präsident seinerzeit gehalten hat, nach, wobei aber nicht seine Stimme auf den Filmstreifen kommt, sondern feinen Munöbewegungen die echte Stimme Wilsons„untergeschoben" wird, die die Tonmixcr von einer Schallplatte abnehmen. Wilsons eigene Stimme wird also im Tonfilm zu hören sein. Hin Automat verhauti auf Jiredit In einigen amerikanischen Bahnhöfen sind Automaten an- gebracht worden, die Papierhandtücher zum Preise von ein Cent abgeben. Das iväre weiter nicht verwunderlich. Wo- durch sich aber dieser Automat von allen anderen unter- scheidet, ist, baß er zuerst das Handtuch abgibt und erst nach- her den Einwurf der Münze verlangt.„Die Mehrzahl der Mensche» ist ehrlich," sagte der Konstrukteur, und damit scheint er auch recht zu behalten. Denn soweit sich jetzt über- sehen läßt, sollen die Einnahmen zu den verkauften Hand- tücher» in einem ganz guten Verhältnis stehen. ROMAN VON l G N A Z I O S I L O N E Fünf Lastautos, die nach Fontamara kamen. Aber gleich darauf tauchte noch eines auf. Und dann noch eines. Und dann noch eines. Und dann noch ein anderes. Und dann konnte man sie nicht mehr zählen. Waren es zehn? Fünfzehn? Zwölf? Die Tochter des Cannorazzo schätzte sie auf hundert, aber die Tochter des Cannorazzo kannte nicht zählen. Schon war das erste Auto bei ber letzten Kurve vor Fontamara an- gelangt und das letzte noch am Fuß des Hügels. So viele Autos hatten wir noch nie gesehen. Niemand von uns hatte je gedacht, baß es überhaupt so viele KamionS geben könnte. Das ungewöhntc Rattern der Motoren hatte die ganze Be- völkerung von Fontamara, das heißt die Frauen und die Greise, die nicht in den Fucino gegangen waren, auf den kleinen Platz vor ber Kirche gelockt. Jeder deutete das uner- wartete und plötzliche Erscheinen so vieler Fahrzeuge auf feine Art. „Ein Pilgcrzug, es ist ein Pilgcrzug," schrie die Sorcanera. „Jetzt pilgert man nicht mehr zu Fuß, sondern im Auto. Es ist ein Pilgcrzug zu unserem Sau Rocco..." „Es ist et» Automobilrcnnen," sagte Pasquale Ctpolla, der als Soldat in der Stadt gewesen war,„es ist eine Wette, wer am schnellsten fahren kann. In der Stadt sind jeden Tag solche Wette»..." Das Geratter der AutoS wurde immer lauter und etndring- licher. Jetzt kam noch das wilde Geheul der Leute auf den Autos dazu. Bis plötzlich das Prasseln schnell aufeinander- folgender Schläge und das Klirren des Kirchenfcnstcrs unsere Neugierde in Panik verwandelte.„Sie schießen! Schießen gegen uns! Schießen auf die Kirche. Schießen..." „Zurück, zurück," schrie Generale Baldisiera uns Frauen zu.„Zurück, sie schieben ja!" „Aber iver schießt denn eigentlich? Und warum schießen sie? Und warum schießen sie gegen uns?" „Krieg, Krieg," wiederholte Baldisiera,„das ist Krieg." „Warum aber Krieg? Warum denn Krieg gegen uns?" „ES ist Krieg," wiederholte der Generale.„Krieg, Gott allein weiß warum." „Wenn Krieg ist, muß man die Litaneien für den Krieg beten," entfuhr es Teofilo, dem Kakrtstan, und er begann auch gleich:„Regina pacis, ora pro nobis." Aber eine neue Salve durchlöcherte die ganze Kirchcnfront und überschüttete uns mit Kalk. Die Litanei lourde abgc- krochen. Alles was da geschah, war völlig sinnlos. Krieg? Aber warum Krieg? Giubitta Scarpone übergab sich. Wir standen wie eine verschreckte Ziegenherde um sie herum. Jede schrie anderen Unsinn. Nur Generale Baldisiera wieder- holte unentwegt: „Da kann man nichts machen, das ist Krieg, das ist der Krieg. Da kann man nichts mehr sagen, das ist Krieg, Schick- sal. Wenn der Krieg kommt, kommt er so." Maria Vincenza Viola schlug das einzig Richtige vor: „Läuten wir die Glocken. Wenn das Dorf in Gefabr ist, muß man die Glocken läuten. Als Anno 60 die Piemontesen kamen, läuteten die Glocken die ganze Nacht." Aber Teofilo konnte sich nicht web»- auf den Reinen halten, so elend war er. Er gab mir den Schlüssel. Elvira und ich stiegen in den Turm, um zu läuten. In der Nähe der Glocken aber zögerte sie und fragte: „Hat es je Kriege gegen Frauen gegeben?" „Ich habe nie davon gehört." „Also geht es nicht gegen nnS„fondcrn gegen die Männer." fügte Elvira hinzu.„Wenn sie nur uns Frauen finden, wer- den sie wieber abziehen, wie sie gekommen sind? aber wenn sie dir Männer treffen, wird eS ein Blutbad geben... DaS gibt dann Krieg. Es ist besser, keinen Alarm zu schlagen. Wenn wir Sturm läuten, werden die Männer glauben, eS brennt, werden heimrennen und werden mit den andern zu- sammenstoßen." Sie dachte an Berardo. Ich dachte an Mann und Sohn. So blieben wir im Glockenturm, ohne die Glocken anzurühren. Von hier aus sahen wir die AutoS am Eingang von Fon- taniara Halt machen. Eine große Zahl bewaffneter Leute stieg ans. Eine Gruppe blieb neben den KamionS stehen, die andern gingen in der Richtung der Kirche vor. Die Leute zu unseren Füßen hatten ihre Friedcnslitancien wieder ausgenommen. Tevsilo della Croce sagte die An- rufung und die andern antworteten im Chor:„Ora pro nobis!" Auch Elvira und ich knieten im Glockenturm und flüsterten:„Ora pro nobis!" Nachdem das getan war. stimmte Teofilo die Litanei gegen Unglück an: A morte perpétua. Libera nos, Domine... Im gleichen Augenblick ergoß sich die Kolonne der bcwasf- neten Männer laut heulend, Gewehre schwingend über den Platz. Ihre Zahl entsetzte uns. Instinktiv zogen Elvira und ich uns in eine Ecke des Turmes zurück, so daß wir. ohne ge- sehen zu werden, alles sehen konnten. ES mochten an die 200 Männer sein. Außer den Musketen hatten sie im Gürtel Dolche stecken. Alle trugen das schwarze Hemd. Wir erkannte» nur die Landjäger und den Ober- straßenwärter Philipps den Schönen? aber auch die andern schienen uns nicht fremd und kamen nicht von weit her. ES waren zum Teil Cafoni, aber von jenen ohne Land, die zu den Herren in Dienst gehen, wenig verdiene» und von Dieb- stahl und Kriecherei leben. Zum Teil waren es auch kleine Händler, wie man sie auf den Märkten sieht, auch Teller- spüler der Wirtshäuser, Frisöre, Privatkutscher und fahrende Musiker. Träge Leute, bei Tag ohne Mut, Speichellecker der Großen unter der Bedingung, die Kleinen unbehelligt drang- salicren zu dürfen. Skrupellose Leute. Verfluchte Leute. Leute, die schon einmal bei uns gewesen waren, um uns die Wahlverordnnngen zu bringen und heute kamen sie und brachten uns den Krieg. Diebe und Vagabunden, die man da- mit beauftragt hatte. Ordnung nnd Eigentum zu verteidigen. Leute ohne Familie, ohne Ehre. Treulose— ohne Treue, Arme— Feinde der Armen. Ein kleiner, rundlicher Mann, mit der Trikolore»in den dicken Bauch führte sie an und neben ihm stolzierte Philippo der Schöne. „Was erzählst du da?" fragte das Männchen mit der Binde den Sakriston Teofilo. „Ich bitte um den Frieden." antwortete der Vertreter der Kirche. „Den sollst du gleich haben!" grinste der Dickbauch und gab Philippo dem Schönen ein Zeiche». hatte für dix verschiedenen Vorfalle in seinem Leben, wie man es selten findet. Im uorigen war es ittdit leicht van der Lübbe zu verneb- men. Wenn van der Lübbe jetzt in der Hanvtverhandlung e.ne andere Einstellung zeigt als bei den Vernehmungen, ia erkläre ich mir das so: Er ist ein Mensch, der sich aus- bäumt, wenn man ihm einen Vorhalt macht, den er für un- berechtigt hält, oder wenn man ihm fragen stellt, die nach stiner Meinung überflüssig sind. Das habe ich sehr schnell bemerkt und habe cS nach Möglichkeit vermieden, ihn in eine solche Lage zu bringen. Die Schwierigkeiten bei tcr Vernehmung tauchten immer dann ans, wenn ich die Frage anschnitt, ob er denn wirklich alles allein gemacht labe. Wenn ich ihn fragte, ob er das Wohlfahrtsamt, die anderen Gebäude und den Reichstag angezündet habe, so antivortete er klar und deutlich:^awotil. das habe ich gc- macht. Sobald ich ihm aber zum Beiipiel vorhielt, was über seine Gespräche mit den Leuten in Reukölln ermittelt winden war, dann fing er an. die Tatsachen zu bestreiten. Ter Untersuchunasr'chter Reichsgcrichtsrat Bogt schildert dann die Vernehmung van der Lübbes über den R c i ch S t a g s b r a n d. Bei der letzten Vernehmung, erklärt dm Untersnchungbrichter, habe ich van der Lübbe eine große Zahl von Vorhalten gemacht. Ich bgbe ihm gesagt, die Auffassung der Sachverständigen gehe übereinstimmend dahin, daß es technisch einsach möq- lich sei, daß van der Lübbe de» Brand allein gelegt habe und daß er so gelegt worden sei, wie er ihn geschildert habe. Ich habe ihm vorgehalten— und das war ihm besonders unangenehm— daß er den Versuch gemacht habe, die Por- tiere des WesteingangS des Plenarsaales nnter ZuHilfe- nähme eine? Kohlenanzünders in Brand zu setzen und daß dieser Vorhang beim besten Willen nicht aus diese Weise anzuzünden geivesen sei. Van der Lübbe, so habe ich gesagt, aus all diesen Umständen geht doch hervor, daß Tic über die Beteiligung von anderen Personen am Reichstags- brand die Unwahrheit sage». Da hat van der Lübbe zunächst aeantwortet: Ja. die Sachverständigen könne» das ja sagen. Ich bin der Meinung, es brennt doch Ich erwiderte ihm: Sie können sich selbst überzeugen, daß der Vorhang nicht ohne weiteres brennt. Da stutzte van der Lübbe und sagte dann: Ja, dann bin ich vielleicht doch nicht dagewesen. Ich wies ihn weiter daraus hin, daß der Vorbang aber gebrannt Hot. und zwar, als an dieser Stelle des Umganges über- Haupt noch kein sonstiger Brand war. Der Vorhang könne also nickt irgendwie durch den an der Ostseite gelegten Brand entzündet worden sein. Darauf erwiderte van der Lübbe: Dann habe ich vielleicht doch den Versuch aemacht. ihn anzu- zünden. Etwas Bestimmtes mar ans ihm nicht herauszubekommen, und ich könnte mir denken, daß diese meine ernsten Vor» halte den Anstoß dazu gegeben haben, daß er sich nun ent- schloßen hat, nichts mehr zu sagen, da das, was er sage» könnte, ihn unter keinen Umständen geglaubt werden kann. Das ist meine Erklärnng für sein jetziges Verhalten. Wenn er lacht oder so vor sich hin schmunzelt, dann lügt er. Wenn er aber laut lacht, dann hält er eine ifrage für so selbstverständlich, daß er sagen möchte: Weshalb fragst du eigentlich noch einmal darüber. Der Vorsitzende fragt weiter den Zeugen, ob der An- klagte den Brandweg nicht immer gleich geschildert habe. ReichSgerichtsrat Vogt: ES wird nicht möglich sein, ein klares Bild zu bekommen, wie er gelaufen sein will. Wenn man alle Protokolle zurückblättert, wird man feststellen, daß sie in wesentlichen Punkten voneinander abweichen. Ich mutz dann noch eine wichtige Tatsache hervorheben, die in den ersten Protokollen nicht zum Ausdruck kommt, daß nämlich van der Lübbe ganz offensichtlich nach unten in der Eingangshalle beim Portal 2 des Reichstages geweien ist. Ich habe von dieser Tatsache rein zisfqllig bei der. Vej? nehmung gehört und ihn danach gefragt, worauf er sagte, er erinnere sich, in einem Raum gewesen zu sein, in dem so große Figuren, eine Art Museum ober Rüstkammer. In diesem Punkt hat er nach meiner Meinnna die Wahrheit gesagt. In allen Punkten aber, wo'cs daraus ankam, einmal fest- zustellen, daß noch andere Personen dabei waren, hat er die Unwahrheit gesagt. Wenn es dagegen darauf ankam, sestzn» stellen, daß van der Lübbe der große Held sei, der etwas gemacht hat, dann sagte er die Wahrheit. Der Zeuge bringt dann noch einen weiteren Vorgang zur Kenntnis. Van der Lübbe hat einmal folgende Aeuße- rung getan:„Ja, dann müssen die anderen sagen, was sie gemacht haben." Ich kann diese Aenßerung nicht ganz bc- stimmt hinstellen und sie deshalb auch nicht protokolliert.— Borsitzender: Wir wollen jetzt noch nicht aus die eigent- liche Brandstiftung kommen. Es handelt sich jetzt vorwiegend um die Angaben, die er über die Gespräche in der Rähc des Wohlfahrtsamtes gemacht hat. Zeuge ReichSgerichtsrat V o gt: Die Vorgänge haben sich langsamer abgespielt, als er in der Anklage zum Ausdruck kommen konnte. Es ist keineswegs so gewesen daß die An- geschulbigten— ich nehme in diesem Falle nur den An- geklagten Torgler aus— mir ohne weiteres alles zugegeben hätten, was nachher festgestellt wurde. Es hat vielmehr einer ganz erheblichen Zeit und Mühe bednrft, um das zu erreichen. Bei der ersten Vernehmung über diesen Punkt hat der Angeklagte van der Lübbe alles abgeleugnet und nur zugegeben, daß er nur hergekommen sei, um die Verhältnisse in Deutschland zu beobachten und daß er der Meinung gewesen sei, daß die deuutsche Arbeiterschaft den. National- soziatismus und der neuen Richtung nicht genügend aktin entgegentrete. Man müsse etwas tun, um eine Revolution zu entfachen. In den weiteren Vernehmungen hat er dann gesagt, die Revolution müsse herbeigeführt werde» in der Form, daß man das kavitalistische Snstcm, das in Deutsch- land herrsche, beseitige. Das könne aber nur geschehen durch Aktionen der Arbeiterschaft. Bei der Gelegenheit habe ich ihn gefragt, wie das nun geschehen sollte. Ich habe daraus eine Antwort von ihm bekommen, die mich lebbast erinnerte an die Broschüren, Rundschreiben. Veröffentlich»uaen und Reden, die mir bekannt sind aus der kommunistischen Bewegung. Er sprach von dem klei« nen Bach, de» man in Bewegung festen müsse, damit er zu einem großen Strom anschwelle. Das waren wieder dieselben Gedanken, die man in der KPD. »ertritt, daß man zunächst kleine Demonstrationen und Streiks veranstalten müss«', damit sie weiter anwachsen zu enier Massenbewegung. Bei den späteren Vernehmungen bat er die Gelvräche vor dem Wohlfahrtsamt dann im we- ikntlichen zugegeben. Er betonte, die Revolution könne nicht mit dem Stimmzettel, sondern nur mit Gewalt, nur durch ungesetzliche Aktionen herhsjaesührt werden. Er hat alles bestritten, was die Brücke bilden könnte zur Zentrale der KPD., u»d bat deshalb verschwiegen oder bestritten, baß er vom Wohlfahrtsamt nicht allein oeoangen, sondern von anderen mitgenommen wurde zu Schlasfke. Der Untersuchungsrichter gibt dann eine Erklärung ab, in der er iaat: Ans d<-n Zeitungen l-abe Ich entnommen, daß hier von Seiten der Bi'lqare» ein Avgrtt' gegen die Unter- snchunqsvietbodcn und die Führung der Protokolle erhoben worden ist. Ich leae Gewicht daraus, zu erklären, daß ich nie etwas unternommen habe, was den Angeklagten schädlich sein könnte. Ich bin zu lange deutls>e«- Richter, als daß ich nicht meiner Pflicht bewußt wäre, alles zu beachten, was der Belastung, aber auch der Entlastung der Angeklagten dient. Die Pro» tokolle sind von Lübbe unterschrieben,»nd ich kann mir nicht denken, daß Lübbe oder die Bulgaren behaupten wot- ten. ich hätte etwas aufgenommen, was nicht von ihm selbst gesagt worden ist.— Wenn Dimitroff hier eine derartige Erklärung abgegeben hat, dann muß ich leider feststellen, daß diese bewußt un- wahr ist. Untersuchungsrichter und Dimitroff Niemals hat Dimitrosf in irgendeinem Punkte die Un- richtigkeit eines Protokolls behauptet oder angeregt, das Protokoll zu ändern. Er hat bestimmt mehrmals erklärt, daß die Protokolle im wesentlichen richtig seien und daß er lediglich deshalb nicht unterschreibe, weil sie ihm nicht aus- fnhrlich genug seien und zur Mißdeutung Anlaß geben könnten. Er hat niemals den Wnnsch geäußert, etwas Bestimmtes noch aufzunehmen. Ich finde es deshalb unerhört, wenn jetzt gegen die Untersnchungsbehörde der Vorwurf erhoben wird, als stimmten die Protokolle nicht. Der Vorsitzende verliest eine der Unterschristen unter einem Protokoll, in der es heißt: „Das Protokoll ist im großen und ganzen dem Sinn»ach richtig. Ich werde das Protokoll nicht unterschreiben. Ich lehne es auch ab, dem Untersuchungsrichter aus ein weißes Blatt Papier meinen Namen hinzuschreiben." Der Untersuchungsrichter stellt fest, daß dies unter jede m Protokoll stehe. Nach den Anweisungen der KPD. dürfte Dimitrosf selbstverständlich Protokolle nicht unterschreiben. Borsitzender: Dann hat sich Ttmitrosf beschwert, daß ihm über die Verlobungsanzeige nichts bekannt- gegeben worden sei. Zeuge: Die Verlobung hat mit der Brandstiftung nichts zu tun. Mir war bekannt, daß Dimitroff eine» große» weiblichen Bekanntenkreis hatte. Als ich eine Frage nach dieser Richtung stellte, wurde er sehr unangenehm mit dem Bemerkt», daß das doch seine private Ange- l c g e n h c i t sei. Deshalb ist es vielleicht möglich, daß ich nun auch an» die mir bekannte Vcrlobungsanzeige über- hauvi nicht einging. Auf die Frage des Vorsitzenden, ob van der Lübbe freundlich war, oder ob er auch Anlaß hatte, schroff vor- zugehen, erwidert der Zeuge, er wisse aus Erfahrung, daß m a n einen Kommunisten niemals scharf an- lassen d ü r i e. Lübbe sei srcnndlich und böslich gewesen. Es sei ihm aber bekannt geworden, daß Lübbe gegen Bc- amte tätlich geworden sei, und er habe deshalb eine Diszi- plinarstrase verhängen müssen. Gleichzeitig habe er aber Lübbe mitgeteilt, daß die Strafe nicht vollstreckt werden würde, wenn er sich in Zukunft gut benehmen würde. Ans Fragen des Oberreichsanmalts erklärt der Zeuge, daß die Zuziehung des Dolmetschers nur der Sicherheit wegen.er- folgt sei. O d c r r e i ch s a n w a l t: Ist Ihnen jemals aufgefallen, daß gegen van der Lübbe irgendetwas unternommen worden ist, was nicht in Ordnung war?— Zeuge: Mir ist nichts darüber zu Ohren gekommen. Er selbst hac auch niemals eine Beschwerde darüber voraebracht mit Ausnahme der Fesselung. Darüber habe er sich allerdings beklagt, und ich habe ihm gesagt, daß ich, so leid es mir tue, auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen nicht anders handeln könne. Im übrigen erklärt der Zeuge noch über das Verhalten der An- geklagten, daß der Angeklagte Tancff einen Selbstmord- versuch unternommen habe, und daß der Angeklagte D i m i« troff gegen ihn, den Untersuchungsrichter, persönlich vor- gegangen sei. Er sei mit Fäusten ans ihn zugesprungen und lediglich durch sein energisches Entgegentreten habe er ihn von Tätlichkeiten abhalten können. Auf eine Frage des RA. Sack über die Voruntersuchung gegen Torgler erklärt Zeuge Bogt, daß Torgler keine Schwierigkeiten gemacht hat und immer höflich und zuvor- kommend gewesen ist. Ich muß aber mit aller Bestimmt- heit erklären, daß ich der Meinung sei, daß das, was Torgler mir erklärt hat, der Wahrheit entspreche, davon kann keine Rede sein. „Ich hin ein deutscher Richter" RA. Dr. Sack: Haben Sie den Versuch gemacht, unter der Angabe, daß der Angeklagte Torgler bereits ein Geständnis abgelegt habe, den Angeklagten van der Lübbe zu veran- lassen, seinerseits zu sagen, Torgler wäre mitschuldig am Reichstagsbrand?— Zeuge Bogt lnach einigem Zögerns: Ich glaubte eigentlich, daß nur eine derartige Frage erspart würde! Ich bin ein deutscher Richter, ich bin ReichSgerichtsrat und heiße außerdem Vogt, und ich glaube.. Dr. Sack: Diese Frage geht zurück aus die Behauptung eines deutschen Anwaltes, Herr ReichSgerichtsrat, der als Verteidiger des Herrn Neumann im Tscheka-Prozeß mit Ihnen in Moabit Rücksprachen gehabt haben will. Im Auslande hat er jetzt die Behauptung aufgestellt. Und dieser Sache im deutschen Interesse nachzugehen, halte ich für not- wendig. Zeuge Vogt: Damit kein falsches Bild entsteht, er» iläre ich mit aller Bestimmtheit, daß ich nie und nimmer irgend Etwas getan habe, was sich mit der Ehre eines deutschen Richters nicht vertragen würde. Vogt hat Unwahrheiten veröffentlicht Der Vorsitzende läßt nun van der Lübbe vor den Richiertisch treten und fragt ihn, ob er zu der Vernehmung des Untersuchungsrichters irgendetwas zu erklären habe.— Van der Lübbe hält zunächst beinahe eine Minute lang schweigend den Kopf gesenkt und sagt dann:„Nein".— Angeklagter D i m i t r o s f: Hat der Zeuge als Unter- suchungsrichter am l. April eine Mitteilung veröffentlichen lassen, in der behauptet wird, Dimitrosf, Popoff und Tauen hätten in Verbindung mit van der Lübbe die Reichstags- brandstiftung durchgeführt? Ich frage: ja oder nein! lBewe- gung und Heiterkeit im Zuhörerraum).— V 0 r si tz en b e r: Dimitrosf, wenn Ihre Tonart hier nicht anders wird— ich habe mit Ihnen Geduld genug gehabt— so scheiden Sie hier einfach auS bei der Fragestellung.— Zeuge Vogt: Es ist richtig, daß eine derartige Mitten lung in die Presse gegeben worden ist, und daß darin steht, die drei verhafteten Bulgaren seien an der^Brandstistung oder an der Sprengung der Kathedrale in Sofia beteiligt gewesen. Ich habe später Dimitrosf gesagt, diese Mitteilung scheine mir falsch zu sein, er sei aber selbst schuld daran, denn er habe mich nie korrigiert» wenn ich bei der Erörterung des bulgarischen Autttandes 0011 lllAt auch die Kathedralen- Iprengung damit in Verbindung brachte, während tatsächlich die Kathedralensprengung erst là erfolgte.— Vorsitzen- der: Einer der Verurteilten bei der Kathedralensprengung soll Dimitrosf sein. Es ist aber fraglich, ob er mit dem ietzi- gen Angeklagten identisch ist.— Dimitroff: Meine Frage ist ja vollkommen mißverstanden worden. Ich habe garnicht von dem angeblichen Attentat gesprochen, sondern davon, daß noch vor Beginn der Voruntersuchung von dem Untersuch,inasrichter eine kategorische Behauptung über meine Beteiligung am Reichstagsbrand verbreitet worden ist. Ich will damit beweisen, daß es eine tendenziöse Unter« suchnng war, eine Irreführung der öffentliche» Meinung. Bei diesen Worten unterbricht der Vorsitzende den Auge- klagten Dimttroii und ruft ihm laut zu: DaS dulde ich nicht länger, hallen Sie den Mund!— Zeuge Vogt: Es ist richtig, daß damals die Erklärung abgegeben worden ist von der Verbindung der drei Bulgaren mit dem Reichstags- brandstifter nan der Lübbe. Ich hatte nicht nur das Recht, diese Erklärnng damals abzugeben, sondern diese Erklä- rung ist durch die weiteren Untersuchungen bestätigt worden. Aui die drei Bulgaren sind wir ja nur dadurch gekommen, weil ihre Beziehungen zu Lübbe festgestellt waren, sonst hätte man sie ja gar nicht festgenommen. Der Senat reißt aus— Neuer Beschluß gegen Dimitroff Die Anstritte mit dem Angeklagten Dimitrosf setzen sich fort. Die Strafprozeßordnung in der Hand rust er: Ich möchte aus Grund der Str.P.O. feststellen, daß meine Fes, selung gesetzwidrig war. Der Zeuge Vogt erklärt, daß er dem Angeklagten Dimi- troff nahegelegt habe, eine Entscheidung des Reichsgerichtes über die Fesselung einzuholen. Während der Dauer der Untersuchung sei eine solche Entscheidung aber nicht herbei- geführt worden. Dimitroff sagt darauf ironisch: To vbjek- tin ist er in seinen Worten.— Vorsitzender: Sie sollen sich jeder Beleidigung des Untersuchungsrichters enthalten. — AlS Dimitroff seine Bemerkungen fortsetzt, ruft ihm der Vorsitzende ein entschiedenes Halt! entgegen. Dimitross wirft dem Untersuchungsrichter mit lauten Worten vor, dast sein? Untersuchung unrichtig, tendenziös «nd brutal gewesen sei. Der Vorsitzende greift energisch ein. Polizetbe- amte nehmen den Angeklagten Dimitroff am Arm und ziehen ihn ans seinen Stuhl nieder. Der Senat verläßt den Saal. Dimitross ergeht sich noch in Beschimpfungen. Nach einer Pause erscheint der Senat wieder, und der Vorsitzende verkündet den Beschluß, daß dem Angeklagten Dimitross das Wort entzogen wird. Es wird ihm weiter mitgeteilt, daß er sofort abgeführt wird, wenn er noch ein Wort sagt. Tie Verhandlung wird darauf auf Donnerstag vertagt. Beoisdiland lind die Sdiweii Enlsdiuldigungen der Reidisregierung gegenüber dem Dundesrai Mölln Der Schweizer Nationalrat beschäftigte sich am 27. Sep- tember mit zwei Interpellationen über die deutschen Grenzverletzungen. Bundesrat Mot ta erstattete Bericht über diese Grenzzwischenfalle und sagte, daß die Interventionen des Schweizer Gesandten in Berlin an Deutlichkeit und Entschiedenheit nichts hätten zu wünschen übria gelassen. Der deutsche Gesandte in Bern habe sein Be- dauern ausgesprochen. Auch seien die schuldigen bestrast worden. Bundesrat Motta fuhr dann fort: Ich hatte im Carlton-Hotel in Gens eine lange Unter- redung mit dem Reichsaußenminister, Herrn Baron von Neurath,»nd mit dem Minister für Erziehung und Propaganda, Herr» Göbbels. Ich habe den beiden Herren auseinandergesetzt, daß diese Grenzzwischenfälle unsere öffentliche Meinung stark erregt hätte» und daß sie den Bundesrat e r n st l i ch b e n n r« h i g e n. Die Herren Neurath und GSbbels haben mir erklärt, daß d i e Reichsregiernna diese Zwischenfälle leb« hast bedanre und daßsieMaßnahmenergreisen werde, um sie zum A u s h ö r e n zu bringen. Bundesrat Motta teilte bann mit. daß die in Deutschland vropaflierten v a n g e r m a n i st i s ck s n Lehren in der Schweiz die Köpfe verwirren und daß nichts die schweizerischen Gemüter mehr verletzen könne, als wenn in leichtfertiger Weise über die Schwei, gesprochen werde, als oh es nicht eine tief»nd brüderlich geeinigte Nation dar- nette, die in sich die Gewißheit ihres dauernden Bestände« trage und die ihre eigene besondere Ausgabe zu erfüllen habe. Aus diese Beschwerde bat Reichsminister Göbbels fol- guide Antwort gegeben, der Neichsaußenministcr von Neu- rath lebhaft beipflichtete: „Die Doktrin und die Politik der deutschen Regierung richten sich keineswegs gegen die Schweiz. Ganz im Gegenteil. Die Schweiz ist ein starker und gesunder Or- ganiSmuö, der sich harmonisch im Lause einer langen Ge- schichte entwickelt hat. Man könnte sich Europa nicht mehr vorstellen ohne die Schweiz. Dieses Land hat eine hohe eigene Aufgabe. Man könnte die Schweiz nicht mehr weg- denken. Plan könnte nicht mehr ohne sie auskommen. Das Reich würde die größte Abenteuerpolitik betreiben, die eS in Konflikt mit einer großen Zahl von Staaten bringen würde, wenn es den Anspruch darauf erheben wollte, sich alle Bevölkerungen deutscher Rasse und Zunge einzn- verleiben. Trotz der Verschiedenheit der Ideen und der Einrichtungen will das Reich mit der schweizerischen Eid- genossenschast auf dem Fuße einer tiefen«nd dauernden Freundschaft leben." Die nationalsozialistische Agitation wird auch in Zukunft diese Erklärungen des Göbbels Lügen strafen. Die Rassenlehre muß Eroberungsziele gegenüber allen„germanisch" bewohnten fremden LandeSteilen wollen. Bai Neueste Das Geh. StaatSpolizeiamt hat die r« s s i s ch c Nationalsozialistische Bewegung„Ron d" sür das Land Preußen verboten und aufgelöst. Die durch den Tod Reinhold Mnchows sreigewordene Her» ausgeberschast des„A r b e i t e r t u m S" ist von dem NSBO» Leiter Staatsrat Walter Schumann übernommen worden. Der R e i ch s b i s ch 0 s hat dem Reichspräsidenten und den Führern des neuen Staates in Telearammen seine Berufung zum Reichsbischos der Deutsche» Evangelischen Kirche mit» geteilt. Der Ministerialdirektor z. D. Dr. Karl Spi eck« r sZtn« trnm), ist ans Grund des 8 tl des Gesetzes znr Niederster« ftellnng des Berufsbeamtentums vom 7. April 193S aus dem Reichsdienft entlasse» worden. Mrriko-Stadt.— Der Wirbelsturm, der Tampico heim, gesucht hat, verursachte bei Eardcnas einen Dammbrnch. Mindestens S0 Personen sollen in den Fluten ertrunken sein. Aussprache in tient begann Simon una Dr. Dollfuß an tier Spitze wtb. Genf. 27. September. Tie Völkerbunds Versammlung begann beule nachmittag mit der großen politischen Aussprache bei dichtbescyten Banken. Der Prii- sidcnt ab u. a. den Wiedereintritt Argentiniens in den Bund be- kannt sowie den Beschluß, daß auf Antrag der deutschen Delega- lion auch in diesem Jahr der Bericht liber den Schutz der Min- d e r h c! t c n in der politischen Kommission zur Debatte gestellt wird. Die politische Debatte eröffnete der englische Außenminister Sir John Simon, der insbesondere sich mit der Abrlistungsfrage beschäftigte. Simon erklärte: es seien nnzweifclhaft Zeiche» vorhanden, daß die Welt sich wirt- schastlich wieder zu erholen beginne. Wirtschaftliche Erholung könne aber ohne Besserung der politischen Beziehungen nicht er- solgreich sein. Nichts sei geeigneter, die wirtschaftliche Besserung der Welt zu beschleunigen, als ein in kürzester Frist abzuschließendes A b k o m- men liber die Abrüstung. Der Geist gegenseitiger Zuge- ständnisse und Zusammenarbeit, der eine Konvention über die Reglung und Kontrolle der Rüstungen verkörpern müsse, sei in der gegenwärtigen Zeit von größter Notwendigkeit. Wir bemühen uns, so sagte Simon, den Weg von Hindernissen srci- zumachen und den NbkommenSentwurf, der von der Abrüstung?» konferenz als Rahmen bereits angenommen ist. In eine Form zn bringen, die der gegenwärtigen Lage am besten entspricht. Die erste Etappe der Abrüstung werde, wenn sie streng eingehalten werden, einen ungeheuren Antrieb für die Schaffung größeren Vertrauens darstellen. Dadurch werde es möglich, zu einer substanziel- l e n Abrüstung, wie ste in der Konvention selbst festgelegt wer» den solle, zu kommen. Ohne auf das verwickelte Problem der Sicherheit einzugehen, wolle er nur sagen, daß es notwendig sei, das Vertrauen und gute nachbarliche Beziehungen her- zustellen. Der englische Außenminister schloß mit einem Appell zur Verständigung. Tann sprach der österreichische BundeSkänzler Dr. Dollfuß. Er führte in teutschcr Sprache u. a. auS: Die geistigen und mate- riellen Umgestaltungen müssen in den einzelnen Staaten ihrer Ge- schichte nach vollzogen werden. ES wäre naturwidrig, ihnen eine gleichförmige Schablone aufdrücken zu wollen. Oesterreich ist im Begriff, ans den Fehlern der Nachkriegszeit lernend, sich eine sei- nen Bedürfnissen entsprechende politische und wirtschaftliche Ver- fassung zu geben. Dabei bestimmen uns vor allem die Richilinien, die Papst Bendikt XI. zur Lösung der sozialen Probleme unserer Zeit verkündet hat. Oesterreichs wirtschaftliche Entwicklungsmöglich- krit kann nicht ohne Vergrößerung seiner Absatzgebiete gesichert werden. Dr. Tollfuß erwähnte die verschiedenen Abmachungen, die Oesterreich auf Grund der Empfehlungen von Stresa mit seinen Nachbarn sowie mit Frankreich und Polen ge- treffen hat, und sprach die Erwartung a»S, daß diese Empfehlungen, die einen guten Ausgangspunkt für weitere Aktionen bilden, den Verhältnissen des gegenwärtigen Augenblicks angepaßt und, was die Hauptsache sei, tatsächlich durchgeführt würben. Oesterreich sei entschlossen, seinen Weg zn gehe». Oesterreich wendet sich in dieser Hinsicht auch an den Völkerbund.- Der Völkerbund hat«nS unter de» schwierigsten Verhältnissen schv» so viel wertvolle moralische und praktische Hilfe geleistet, baß Oesterreich zu den Staaten gehört, die ganz besonders von der Not- wendigkeit nnd Bedeutung des Vdlkerforums in Genf überzeugt sind. Nach schweren Jahren seines Existenzkampfes bekenn« sich Oester- reich heute mehr denn je nicht so sehr ans Grund formeller Ber- träge, sondern ans dem eigenen Willen seiner Beoölkerung zu sei. ner Freiheit«nd Unabhängigkeit! Unsere Lande machen seine ruhmvolle Geschichte, seine geogra- phischc Lage und seine Kultur zum Recht und zur Pflicht, ei» nütz- licheS Mitglied der Gefellschaft der Nationen zu sein und zu bleiben. Italien als Vermittler? Sondierung hinter den Kulissen Paris, 27. Sept. In den Meldungen der Pariser Presse aus Genf wird vor allem davon gesprochen, daß die Italiener mehr und mehr die Rolle des Vermittlers über- nähmen.„Petit Parisien" schreibt, man könne zwar nicht von einem italienischen Plan Suvtchs sprechen, jedoch fänden Sondierungen statt, um zu versuchen, dem Kontrollsystem sein starres Gepräge zu nehmen, die Bewährungsfrist abzn- kürzen und die Vernichtung von Kriegsmaterial zu be- schleunigen. Diese Sondierungen hätten bei den Franzosen keine günstige Ausnahme gesunden. Frankreich halte an dem Grundsatz lest, daß nicht ausgerüstet werden dürfe nnd die Kontrolle wirksam bleiben müsse. .Matin" erklärt, gcivisi sei eine große Annäherung zwischen del französischen und englischen These erzielt worden, man habe sich aber über die Ausfllhrungsbestimmungen»och keincsivegs geeinigt. Die Auffassung der englischen Regie- rung von der Kontrolle weiche sehr merklich von der sran- zöfischen ab. Konillhte und Gegensätze „Dann wird Deutschland"... Paris» 28. Sept. Zum Stand der Genfer Besprechungen über die Abrttstungssrage berichtet der nach Genf entsandte Außenpolitiker deS„Echo de Paris": Hinsichtlich der Sank- tionssrage wollten die Engländer nichts wissen, und es scheine, als ob der französische Außenminister Paul- B o n e o ur in dieser Frage dazu neige, zu kapitulieren. Hoffentlich, so erklärt das Blatt, werde Ministerpräsident Daladier seinen Außenminister wieder einmal zur Ordnung rufen. Italien habe die Tendenz, Deutschland vor Be- cndigung der Bewährungszeit die Gleichberechtigung znzu- gestehen. Die Bewährungszeit selbst solle übrigens aus zwei Jahre verkürzt werden. Der französische Außen- minister weigere sich jedoch, Italien aus diesem Wege z n folgen. Die italienische Regierung denke daran, die Abrüstungskonferenz zu vertagen. Ans telrsvnische Weisungen deS französischen Ministerpräsidenten Daladier habe sich Außenminister Boncour dieser Methode widersetzt, und die Amerikaner hätten sich den sran- zdsischcn Argumenten angeschlossen. Deutschland wünsche, die Dinge in die Länge zu ziehen. Wenn noch ein Jahr in zweck- losen Kontroversen vergeudet werde, dann werde Deutsch- land das feine militärischen Machtmittel ständig verstärke, de facto die verstärkten Streit- krästc besitzen, die man ihm jetzt verweigere, und zwar noch bevor die Abrüstungskonferenz ihre großen Ent- schlüssc gesaßt haben werde. Göbbels wird empfangen Aus dem„Manchester Guardian" Dr. Wöbbels Ankunft auf dem Genfer Flughafen am Sonn- tag Nachmittag um 5 Uhr, war ein sehenswertes Schauspiel, Ich war einer der drei anwesenden ausländischen Journa- listen. Die genaue Ankunftszeit wurde geheimgehalten und wenige Leute wußten genau, wann Dr. Wöbbels kommen ivürde. So waren kurz vor seiner Ankunft auf dem Flug- platz nur die Eingeweihten zugegen, welche sich fast a» S- schließlich aus dem n a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n Teil der deutschen Kolonie rekrutierten— und aus Polizisten und Detektiven, unter ihnen der Chef der Polizei. Alles in allem etwa 151) Personen. Die Gesellschaft, in der sich kräftige junge Burschen, rich- tige SA.-Gestalten befanden, trug Hakenkrcuzabzcichen und grüßte sich mit dem Hitlergruß. Es waren auch viele Frauen nnd Kinder da. Wagen, mit Hakcnkreuzsähnchcn geschmückt, kamen angefahren, und die Insassen wurden aus Hitlerar^be- grüßt. Eine deutsche Dame kam mit einem großen Strauß Dahlien an, der von einem kleinen Mädchen Dr. Wöbbels überreicht werden sollte. Es war amüsant, zu beobachten, wie ein älterer Deutscher mit dem Naziabzeichen dem kleinen Mädchen Ver- haltungsmaßregel» gab: „Nun, mein liebes Kind, halte die Blumen in der linken Hand, hebe den rechten Arm und sage„Heil Hitler". Dann nimm die Blumen in beide Hände und übergib sie Dr. Wöbbels. So jetzt noch einmal. Siehst Du, Du bist ein gutes Mädel!" Journalisten mußten eine besondere Erlaubnis für den Flugplatz einholen, wenn sie Dr. Wöbbels sehen wollten. Ter deutsche Konsul prüfte sorgfältig jeden Fall, dann erst wurde die Erlaubnis erteilt. Ich erhielt eine Einlaßkarte, aber ein polnischer Journalist, der zufällig anwesend war, ist ab- gewiesen worden. Um 4.45 Uhr wurden die„Gäste" durch ein Tor ans den Lanbungspla^ gelassen und gebeten, sich in einer Reihe auf- zustellen. Detektive und Polizisten beobachteten jeden einzel- nen a u s s s ch ä r f st c. Als das Flugzeug erschien, machte ein Deutscher die Anwesenden darauf aufmerksam, daß es bei solchen Gelegenheiten in Deutschland üblich sei, dreimal „Heil" zu rufen. Schließlich landete die mächtige dreimotorige Junker- Maschine genau vor der aufgestellten Reihe. Dr. Wöbbels im Trenchcoat und weichem Hut stieg aus. Die Leute erhoben ihre rechte Hand und riefen dreimal„Heil" Dr. GöbbelS folgte ein halbes Dutzend Männer, die von dem Flugpcrsonal als„Beamte des Propagandaministe- riums" bezeichnet wurden, die aber eher wie Mit- glieder seiner SA-Leibgarde aussahen. Dan» erhielt der Propagandaminister vo» dem kleinen Mädchen den Blunienstrauß und schüttelte darauf den 150 Deutschen, die ihn alle nach Naziart grüßten, die Hand. Die Leibwache „Feindlich eingestellte Neugier" Gens, 27. Sept. 1933. sEig. Bericht.) Bei seinem Einzug in die Bölkerbundsversammlung war Wöbbels von einem halben Dutzend SS.-Lcntcn in voller Uniform eskortiert. Während Dollfuß von allen Staats- männern lebhaft begrüßt wurde, fand Wöbbels eine eisige Ausnahme. Mit Recht bemerkte der„Daily Herald":„Es war ein schlechter Eindruck. Gegenwärtig dient er nnr dazu, den Gegensatz nnd das Mißtrauen zu ver- tiefen!" Ebenso wie die englische ist die Pariser Presse vom „Rempart" bis„Ere nouvelle" einmütig in der Ablehnung von Wöbbels und bezeichnet die Wöbbelsschen Ausführungen kurz vor seiner Abreise als Heraussordcrung, die ganz in der bisherigen Linie der Nazi-Außenpolitik liege.— In der Gen- fer Bevölkerung macht sich eine gewisse Nervosität bemerkbar. Mit Erstannen siebt die Bevölkerung, daß sich Wöbbels eine starke persönliche Leibwache mitgebrocht hat, daß das Hotel, in dem die deutsche Delegation wohnt, von einer wahren Kohorte von Geheimpolizei umgeben ist und daß in dem Hotel vor Erscheine» der Delegation das gesamte Dienstpersonal restlos ausgewechselt und gleichgeschaltet worden ist. Infolge- dessen werden die mit Hakenkreuzen geschmückten Automobile der Hitler-Deutsche» m it scindich eingestellter Neugier betrachtet. „Evening News". Das sehr weit rechtsstehende Blatt ans dem Konzern von Lord N o t h e r m c, eröffnen ihren Be- richt über die Genfer Tagung mit diesen Zeilen: „Der meist geschützte Mann in Genf ist heute Dr. lK ö b- b c l s, der deutsche Propagandaminister. Bei der Eröffnung der Bölkerbundsversammlung betrat er den Saal, umkreist durch eine Leibgarde vo» nicht weniger als 15 Mann. Die anderen Delegierte» machten sich l u st i g über diese offizielle Fürsorglichkeit um den großen „Prediger des N a z i- E v a n g e I i u m s". Sechs der „Leibgarde Kraftmänncr" waren als Delegierte verkleidet. Dr. Wöbbels erschien in der letzten Minute und wurde mit dem Razigruß durch deutsche Zeitungslente nnd einige Zu- Hörer empfangen." Flugblätter Uber Berlin „Göring als Brandstifter" Am Samstag, dem 19. September, flogen über 1999 Flug- blättcr in Bcrlin-Wedding an der Ecke Pankstraße-Nettelbeck- platz von dem Dache des Geschäftshauses Anders unter die Straßenpassantcn. Trotz Alarmiernng der Feuerwehr, zweier Uebersallwagen und der SA. gelangten die Flug- blätter fast restlos in die Hände ber Bevölkerung. Die Flugblätter behandelten den Reichstagsbrand und bc- zeichneten„Göring als B r a n d st i s t e r". Man sperrte die Häuser ab, suchte in Wohnungen nnd aus Dächern? von „den Tätern fehlt jede Spnr". Für den Gesanitinbalt verantwortlich: Charles Knnkler, Strasbourg. Druck und Verlag: Imprimerie Populaire, Strasbourg. Jxumkippuc Gottesdienst nach deutschem Ritus. Orgel. Chor PREDIGTEN IN DEUTSCHER SPRACHE im Saal Pleyel, 252, Rue Faubourg St. Honoré, Paris 8e faeitaq, den 29. Septemhec, 18.45 IIAt, Jxediçl 19 llhc Swtnahend, den 30. SeptentAec, 8.30 Hhc, JUediqt und Seelenfeiec 10 llhc, TleUapcediqt 17.45 HAc Karten von 25,— Fr. an. Alleiniger Vorverkauf täglich von 11 bis 5 Uhr im Saal Pleyel, 252, Rue Faubourg St Honoré, Paris 8e Deutsche Auswanderer Flüchtlinge! Ihre Interessen in Deutschland aut steuerlichem, recht- Üchem. finanziellem. wirUcha'tüchem und devisenrechtlich. Gc* b c'e und der Ver. mövensverwalt ng werden durch die Fachleute der Société FIDUCIAIRE d'A.L. (Treuhandelsgesell. schilt für KlsatS und Lothringen. Giand' Rue 103 in Strasbourg, wahrgenom u en. io I ilSQQQSIij Place StvAugiis in (Lab. 23-76) Ein Aufbruch von Dte 1) Koller des Herrn O.f. ein glänzende« Film. v.A.GRANOV SKY Den'sehe Original» ta.-su g. Nachm. u 1 abends um* Uhr Pro'oo r. 10- 25 1 An- und Verkauf zentraleuropäischsr und südamerlkanl- •char Devisen. Effekten und REICHSMARK durch das Bankhaus Georges Perles& P.Michel 34, RUE LAFFITTE. PARIS IX TELEFON TAITBOUT 98-40 BIS 48 Brüssel Kinder,(Schüler) Pension jtrstkl Berliner Re- terenz. Unterricht: Französisch, Ho!» ländisch, Sport Lehrstellen weiden vermitt Pensionspreis 75.— RM. monatlich einschl. Frau Dr. L'es Gold» mann,Bruxelles,r d. l'Enseignement 15/17. 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