Sinzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 90— 1. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 4. Oktober 1933 Chefredakteur: M. B r a u n Aus dem Inhalt: Qccinçs indische Ccziehung. Seite 3 Deutsche JUistunçshaniunhtuc Seite 4 Schandtaten im JConzentcationsCaçet Seite 7 Handgranaten als Velksspiel Von mehreren Seiten ging uns ans dem Reiche der nebenstehend faksimilierte Prospekt zu. Wir dürfen wohl bitten, uns mit dem Borwurf des Landesverrats zu verschonen, da wir uns überzeugt haben, daß die bc- treffende Firma ihre Prospekte gerne auch ins Ausland versendet. Was aber ist von der geistigen Bersassung einer Nation zu halten, die das Werfen von Handgranaten nicht den Soldaten auf den Uebungsplätzen überläßt, sondern daraus einen„Volkssport" macht wie ehedem das Kegeln oder den Schlagball? Ein solches Volk ist geradezu waifensttchtig und ist in Gefahr, noch üblere Ersahrungen zu machen als sie ihm durch den Friedensvertrag an- getan worden sind. Es ist tief bedauerlich, daß weder die deutsche Reichsregierung noch ihre Presse erkennen oder doch zugeben, wie diese kriege- rische Erziehung der Jugend allen Kräften außerhalb Deutschtands zugute kommt, die Deutschland als den ewigen Friedensstörer hinzustellen ein Interesse haben. Gerade diejenigen, die einen gewissen Ausgleich der internationalen Rüstungen— an eine wirk- liche Abrüstung ist zur Zeit ja gar nicht zu denken— für notwendig halten, sollten einem Unsug steuern, der die deutsche Jugend als geradezu kriegstoll erscheinen lassen muß. Statt dessen wird jeder gesteinigt, der seine Volksgenossen vor dem Weg in den sicheren Abgrund warnt. ArtlHcl für den Volkssport. m sis Wurfkeulen««« Haruioi* lackiert, Normaigröljc «55 316 Dieselben mit Eisenbeschlag per Stüde Rm. 0.85 _.. 1.05 m si? Stielhandgranaten»»»»»»u»,!,, mit Eisenmantel, Normalgröfje, 500 Gramm schwer, per Stüde Pm. 1.03 «5? 318 Dieselben, aber 800 Gramm schwel m m t 10 « sis Stielhandgranate— gucUM- Ncrmalgrcf}«, Hartholzstiel, Kopi Eisenmantel, mit 4'/i Sekunde! Zeitzündung, Reißzünder und Ptilverschlag. Zu Jeder Gfanate werden 5 Schuh bezw. Zünder mitgeliefert • per Stüde einschl. 5 Schuh Pm. 3 50 M 320 Zünder den Handgranaten extra! Schachtel mit 5 Stüde Pm. 1.30 Alle Stielhandgranaten haben das vorgesdiriebeno Sportgewichf und Grobe. Trog der guten Schuhwirkung werden die Handgranaten rieht beschädigt und können immer wieder mit neuen Schüssen geladen werden.- Gehrauch&anwciauhg liegt jeden» Stück bet m 32i Seitengewehr rs«» aus Hartholz, Griff brann mit silbor bronclertcn Absats, Unterteil schwarz, Gewicht ca. 120 Gramm, 41 cm. lang, per Stück Pm.— 70 m 322 Gewehr (in Form und Gröhe Modell 98 nachgebildet) mit Zielvorrichtung, Schaft brann, Rohr schwarx gefärbt,»mit. Schloß mit Stengel und Knopf«über bronciert, Gewicht ca. 1JS kg» ganze Lange 122 cm, per Stück Pm. 350 Kampf um die Waffen Große internationale Debatte um die AbrUstungskonvention Der deutsche Reichsaußenmiuister ist noch nicht wieder nach Gens zurückgekehrt- Auch der Reichspropagandaminister hat seinen Versuch, die Welt für das deutsche Hitlerregime zu erwärmen, einstweilen ausgegeben. Inzwischen hat sich der französische Außenminister P a u l- B o n e o u r, nachdem er sich der vollen Einmütigkeit des französischen Kabinetts ver- sichert hat, wieder in Gens eingefunden. Er hat nicht ge- wartet, bis die Abrüstungsfrage in Gens öffentlich zur Debatte steht, sondern hat am Montag in die Aussprache über den Bericht des Generalsekretariats eingegriffen. Das gab ihm Gelegenheit, mit deutlicher Spitze gegen Berlin Frank- reich als einen Hort der Menschlichkeit zu feiern: Frankreich ist mit Norwegen, es ist mit Oesterreich, um seine Unabhängigkeit z« schützen, es ist mit Holland,«m dessen Ausgabe zugunsten der politischen Flüchtlinge zn unterstützen, es ist mit Schweden, um zu verkünden, daß ein Mensch nicht der Sklave eines anderen Menschen sein darf, es ist mit allen de,, Staaten, die wünschen, daß die Entscheidungen des Völkerbundes respektiert werden, und die einen organischen Frieden verteidigen. Leider wird das große internationale Gespräch um die Ab- rüstuug von Berlin her sehr plump geführt- Man merkt, daß auch das auswärtige Amt gleichgeschaltet ist und euro- päiiche Politik mit dem Wortschatz innerpolitischer national- sozialistischer Agitation betreiben will. Die deutsche dipto- matisch-politische Korrespondenz präzisiert die deutschen An- sprüche neuerdings wie folgt: Die deutschc Forderung geht dahin, daß der Gleichartig- keit der Wehrsorm die Gleichartigkeit der Bewaffnung zu entsprechen hat, daß also Deutschland keine Wassen versagt werden dürfen, die die andere» Staaten für ihre Ver- teidigung für unentbehrlich hatten. Frankreich ist anderer Ansicht Großmütig erklärt es sich bereit, dem aus die doppelte Kopfzahl verstärkten deutschen Heere auch eine Verdoppelung der Waffe,«bestände zuzugestehen, wie sie der Versailler Vertrag festsetzt! Nicht einmal unzweisel- hast defensive Wassen, wie Flugabwehrgeschütze. sollen Deutschland erlaubt werde«. Ebenso nicht die ent- scheidenden modernen Waffen, wie Flugzeuge, Tanks und schwere Geschütze, die Frankreich in gewaltigen Menge» befitzt. Deutschland soll sich mit den in der heutigen Zeit völlig ungenügenden und auch in ihren Mengen unzulänglichen Waffen begnügen. Die Verstärkung der deutschen Armee aus 200 000 Man» und die Verdoppelung ihrer Versailler Wassen würden sie zur deutschen Bevölkerung etwa in das gleiche Verhältnis bringen, wie es bei de« kleinen abgerüsteten Staaten besteht und ihr relativ dieselbe Bewaffnung geben wie diesen. Dafür soll Deutschland die von den Franzosen mit Recht oder Unrecht als militärisch besonders wertvoll angesehene 12jährige Dienstzeit beseitige« und die von den Franzosen wegen ihrer Leistungsfähigkeit besonders gesürch- tcte Reichswehr in eine kurz dienende und viel weniger gefährlich erscheinende Miliz u m w a n d e ln. Gleichzeitig will aber Frankreich für die nächsten vier Fahre seine in jeder Hinsicht übersteigerten Rüstungen nicht im geringsten vermindern. So sehen A b r tt st e n und Gleichberechtigung heute nach über IV- Jahren Abrüstungsverhandlungen in der französischen Ausmachung aus. Solange dies so ist, tai... man aus eine Einigung schwerlich hoffen. Wer die Berantwortnng dafür zu tragen hat, kann nicht Zweifel- hast sein. Mit dieser Taktik des„Alles oder nichts" wird Deutsch- land aus der durch Hitler herbeigeführten Isolierung nicht herausgebracht werden können. Die Herren in Berlin ver- gessen, daß nicht nur der betont kriegerische Geist der Na- tlvnalsozialisten, sondern auch die brutale Unterdrückung der politischen und rassischen Minderheiten in Deutschland das Mißtrauen gegen dieses Regime in der ganzen Welt riesengroß haben anwachsen lassen. Fortsetzung Seit« 2 Utopisten Tag der Völkerverständigung Unser Basler Sonderkorrespondent berichtet: Die Tendenz zur kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den großen Imperien der Welt ist unverkenn- bar. Alle Reden über die Notwendigkeit der Abrüstung, alle Friedenskonferenzen der letzten Jahre^können nicht darüber hinwegtäuschen, daß heute die meisten Staaten fieberhaft aufrüsten, gigantische Kräfte allenthalben un- gehemmt zur Katastrophe treiben. Diese Tatsache und ihre Ursachen erkennen, heißt die Voraussetzungen für die Gegenkräfte entwickeln. Dem Versuch einer Klärung und der Demonstration von Friedensfreunden aus allen europäischen Staaten galt der„Tag der Völkerverstän- digung", der in Basel mit einem Fackelzug taufender jugendlicher Menschen und einer Ansprache Simon Gauthiers, des Zentralpräsidenten des Bundes für die Vereinigten Staaten von Europa— Iungeuropa—, begann und Sonntagabend seinen Abschluß fand. War der Sonntagvormittag der Diskussion über all die Probleme gewidmet, die mit einer Neuordnung Europas — einem europäischen Staatenbund— und der Ver- wirklichung der Friedensideen zusammenhängen, so brachte die musikalisch umrahmte Kundgebung des Nach- mittags in der großen Halle der Mustermesse die sehr interessanten Reden von Hellmuth von Gerlach, Frl. Dr. Somazzi, Abbe Jacques Ledlercq. Brüssel, Francis Delaisi, Paris, und Stadtpräsi- dent Dr. Hans W i d m e r, Winterthur. Von Gerlach, einer von denen, die das Hitlerregime der Expatriierung würdig befunden, ging von dem Ge- danken aus, daß jeder künftige europäische Krieg— notwendig ein Gaskrieg— den Zusammenbruch der europäischen Kulturen hervorbringen müßte.„Wer heute von Wehrhaftigkeit faselt und damit in Wirklichkeit die Geschäfte der Rüstungsindustrie besorgt, möge bedenken, daß nicht Wehrhaftigkeit, sondern das schlimmste Gift, der tödlichste Bazillus schließlich das Gesicht eines künf- tigen Krieges bestimmen werde. Kommt uns nicht mit der Phrase von der Notwendigkeit des Verteidigungs- Krieges. Wie die Heuchelei das Kompliment des Lasters vor der Tugend, ist der Verteidigungskrieg das Kompli- ment vor dem Pazifismus. Neuerdings will man nur noch für den Verteidigungskrieg rüsten— Angriffskriege sind natürlich verboten. Man sage auch nicht, daß Kriege ein unvermeidliches Uebel seien. Das behaupteten auch ganze Generationen von der Sklaverei und doch gelang es der Kulturwelt, sie allmählich zu beseitigen. Die Völker können sich verständigen, wenn sie wollen, das lehrt uns das Beispiel der Schweiz, in der wir diese Tagung abhalten. Deutsche. Franzosen und Italiener leben in diesem Land friedlich beisammen. Wo sollte man hinkommen, wenn Rassenhaß und Rassenverachtung die „nordischen" und wie die Nationalsozialisten erklären „vaterlandslosen" Deutschschweizer gegen die„nieder- rassige" Bevölkerung des Dessins auftreten würden. Eine europäische Federation hat zur Voraussetzung, daß keiner der ihr angehörenden Staaten den anderen als mit moralischer Minderwertigkeit behaftet ansieht." Unter dem minutenlangen Beifall der Versammlung beschloß Hellmuth von Gerlach seine Ausführungen mit den Worten:„Ich bin zwar wegen meiner pazifistischen Gesinnung von den Hitler und Göring meiner deutschen Staatsangehörigkeit beraubt, ich glaube aber dennoch als Deutscher zu handeln, wenn ich mich für Europa ein- setze." Von den folgenden Rednern, die sich alle mit der bereits skizzierten Problemstellung befaßten seiner stellte die bekannte Forderung nach einem Europabundesheer auf), sei noch besonders Francis Delaisi, ein führender französischer Bolkswirtschaftler. hervorgehoben, der einen kurzen Abriß der heutigen Weltwirtschaft gab, aus deren mannigfaltiger Verflechtung er die Unmöglichkeit der Autarkiebestrebungen herleitete.„Jede Nation," führte er aus,„besitzt Bodenschätze und schwache Industrien, die der Konsumtion des Volkes nicht genügen, und starke Industrien, die über seine Bedürfnisse hinaus zu produ- zieren vermögen. Das zwingt heute die Völker, eine widersinnige Haltung einzunehmen: für ihre schwachen Industrien Schutzzölle zu fordern und der starken wegen für Freihandel einzutreten. Da aber die schwachen In- dustrien des einen Landes die starken des andern sind, ergibt sich schließlich durch die Schutzzölle eine Lähmung der Gesamtwirtschaft. Der Welthandel geht zurück, die Arbeitslosigkeit wächst an und zerstört den Etat jedes Staates. Trotzdem steigert sich der nationale Egoismus zu der unausgesprochenen Parole:„Ruinieren wir uns gegenseitig, um unfern Wohlstand wieder herzustellen." „Es wird höchste Zeit." schließt der Redner,„daß die Völker erwachen und diese tödliche Anarchie über- winden" Die Menschen, die hier sprachen, npnnten sich selbst Utopisten, Utopisten freilich, deren Utopien von heute Realität von morgen sein können. . Fortsetzung von Seite f Die Berliner Auslassung beweist, daß die Differenzen zwischen Frankreich und Deutschland so groß sind wie je. Es ist gewiß richtig, daß England, Italien und Nordamerika nicht in allem die Forderungen Frankreichs teilen. Deutsch- land wird aber von seiner Regierung über Umfang und Art dieser Meinungsverschiedenheiten getäuscht. Selbst die italienische Regierung ist Gegner einer Wiederaufrüstung Deutschlands, vielleicht weil ein stark gerüstetes Deutschland die Schwächung Italiens in Zentraleuropa, im Donau- decken und in den Balkanstaaten bedeuten würde. Auch England und Nordamerika wollen keine Aufrüstung Deutsch- lands zulassen. Nordamerika weigert sich allerdings, an der Durchführung der Abrüstungsklausel des Versailler Ver- träges aktiv teilzunehmen. In der Frage der Sanktionen sind auch zwischen England und Frankreich noch gewisse Meinungsverschiedenheiten. Wieder einw' spekuliert eine deutsche Reichsregierung auf diese Differenzen der früher Alliierten. Das hat sich bis- her stets als ein Fehler erwiesen. Diese Taktik ist aber be- sonders gefährlich in der vollkommenen Isolierung, in der sich jetzt Deutschland befindet. Inzwischen richtet im„Echo de P ari?" Pertinax sehr scharfe Angriffe gegen Paul-Boncour und Daladier, denen er vorwirft, sie hätten durch Entgegenkommen an Deutsch- land ein Verbrechen gegen Frankreich und den Weltfrieden begangen. Sowohl der„Temps" wie das offiziöse Havas- Büro weisen diese Vorwürfe von Pertinax zurück. Ob der Aufsatz von Pertinax einen Vorstoß des französischen Gene- ralstabS zur Alarmierung der französischen Oeffentlichkcit bedeutet, oder ob er nur ein taktischer Schachzug ist, wird sich bald zeigen. „Nodi alles onbesflminf Paris, 8, Okt. Die gestrigen Enthüllungen des„Echo de Paris" über eine angebliche Bereitschaft Frankreichs, seine Truppenstärke und seine Dienstzeit herabzusetzen, haben in der französischen Preste großes Aussehen erregt. Der „Matin" schreibt dazu, daß die Pariser Verhandlungen den Gedanken einer Bewährungsfrist, während der Deutsch, land sein Heer umwandeln müsse, in den Vordergrund ge- rückt hätten. Erst nachher sollte eine Herabsetzung sür die übrigen Heere formell versprochen werden» und zwar durch ein Terminabkommen, das schon jetzt abgeschlossen werden sollte. Für die Zeit nach der Bewährungsfrist sei noch alles unbestimmt. Man sehe lediglich vor, daß in dieser mehr oder weniger fernen Zeit ei« Teil des Materials entweder zer- stört werde, oder einem Genser Ausschuß übergeben werde» der damit tun werde, was er sür richtig halte. D a s g l e i ch e gelt« für die Essektivbestände, über die noch nicht diskutiert worden sei. Schließlich sei anch nichts Bestimmtes über die neuen Desensivwassen gesagt worden, die man Deutschland nach der Bewährungsfrist zu» erkennen könne. Berlin glaubt an Manöver verlin, 8. Okt.„Echo de Paris", das, wie man weiß, dem französischen Generalstab nahesteht, hat sich zwar dem äußeren Anschein nach durch seine Meldung, Daladier und Pa«l»Roncour hätten eine Verminderung der Effektivstärke des französischen Heeres ans 200 000 Mann zugesagt, zum Wortführer einer Opposition gegen den Ouai d'Orsay ge- macht? in Wahrheit handelt es sich aber, wie der Widerhall dieser„Enthüllungen" zeigt» nm ein sehr geschicktes Manöver mit verteilten Rollen. Prompt hat der„Temps" eine Mel- dung ans Gens veröffentlicht, die offensichtlich Merkmale amtlicher Quellen an sich trägt. Es wird darin betont, daß es sich bei allen Erörterungen über die Effektivstärken erst um eine„Möglichkeit in weiter Ferne" handle. Die Meldung des„Temps" läßt deutlich erkennen, daß Frankreich über den Macdonald-Plan nur dann zu diskutieren gewillt ist, wenn Deutschland vorher erneut sich zn Zugeständnisten bereit« erklärt. Engllsdie AenBernng London, 8. Okt. Die gestrige Unterredung zwischen Macdonald nnd Sir John Simon über die Genfer Verhandlungen»nd die„Enthüllungen" von Pertinax im „Echo de Paris" habe» die Aufmerksamkeit der Presse wieder in vollem Maße ans die Abrüstnngssrage gelenkt. Der diplomatische Korrespondent der„Morningpost" erklärt, es sei weder von einer Einheitsfront gegen Deutschland, noch gemeinsamen Vorschlägen an Deutschland die Rede. Aber man glaube, daß die Borschläge über die Kontrolle, zwei Perioden von j« vier Jahren, Verdoppelung des betatschen Kriegsmaterials und Berweige, rung des Besitzes von Wassenmustern, den In« halt eines Angebotes darstellen, das dem Rcichsaußen» minister in Genf von den Vertretern Großbritanniens, Frankreichs«nd der Vereinigten Staaten gesondert unter» breitet worden sei. Deutschland am Scheideweg c Die SA. nnd SS. Paris, 8. Okt. In der internationalen Aussprache über die Höhe der Effektivbestände spielen anch die saschi, stischc Miliz Italiens«nd die deutschen Wehrverbände, vor allem SA.«nd SS. eine große Rolle. Frankreich erklärt, ans eine Herabsetzung seiner Heeresbcstände nicht eingehen zn können, solange nicht die Milizen«nd Wehrverbände einer internationalen Herabsetzung oder Auslösung unterworfen werden. An eine Herabsetzung seiner militäri» schen Effektivstärke noch vor Ablauf der sogenannten Probe« zeit denkt übrigens Frankreich unter keinen Umständen. Der Bürgerkrieg aal Kuba Am Montag 75 Tote Havanna, 8. Okt. Am Montag hat es schätznngsweise 75 Tote und Hunderte von Verwundeten gegeben. Die Krankenhäuser sind überfüllt. Unter den Toten besinden sich 35 bis KI Soldaten, 10 Offiziere und einige zwanzig Stubenten und Privatpersonen. Havanna» 3. Okt. Nach den letzten Meldungen soll der Rest der entwaffneten Ossiziere nach ihrer Kapitulation niedergemetzelt worden sein. Nach Anbruch der Dunkelheit kam eS überall in der Stadt ,« Schießereien. Wie es heißt, stehen Soldaten im Kamp' gegen Kommunisten«nd Studenten. Der„Temps" sNr. 20 331) schreibt über die Lage in Genf: ... Die Deutschen können sich keiner Täuschung mehr hin- geben über die Aufnahme, die Gegenvorschlägen bereitet werden würde, welche tatsächlich auf eine effektive W i e d e r a u s r ü st u n g des Reichs abzielten. Aber vorläufig handelt es sich darum, zu wissen, in welcher Form sie ihre Forderungen herausarbeiten werden, ob sie diese als ein unteilbares und unveränderliches Ganzes vor- bringen ober ob sie ihnen den Charakter einer Diskussions- basis, in der Erwartung eines möglichen Kompromisses, geben werden. Auf jeden Fall ist es gewiß, baß es Grund- sätze gibt, die unmöglich verletzt werben können, ohne in ge- jährlicher Weise das ganze Werk der Genfer Konferenz bloß- zustellen. Dazu zählt die Weigerung» einer effektiven Aufrüstung Deutschlands zuzustimmen. Denn wenn Deutschland einmal erreicht hat, daß es über größere militärische Stärken verfügen darf, als sie durch den Versailler Vertrag festgesetzt sind, so käme die Abrüstung der anderen Nationen, auch wenn sie einer strengen Kontrolle unterworfen wäre, einer wirklichen Narrheit gleich. Es gibt auf dem Wege der Konzession eine Grenze, die man nicht überschreiten könnte, ohne den Geist und den Buchstaben der Verträge beiseitezuschieben, ohne die wesentlichen Grundsätze der allgemeinen Sicherheit, ohne die keine Organisation eines dauernden Friedens denkbar ist, zu verletzen. Man ist sich wohl bewußt, baß es für das Hitler-Deutschland nicht leicht sein wird, sich dem gemein- samen Plan einzufügen, wo die Hitler-Diktatur nicht die Möglichkeit haben würde, ihr Gesicht vor der öffentlichen Meinung zu wahren. Diese Schwierig- keit ist insbesondere aus den Geisteszustand zurückzuführen, der jenseits des Rheins durch die systematische A u f p e i t s ch u n g der Nationalsozialisten geschaffen worden ist—und auf die unkluge Stellungnahme der Berliner Re- gicrung. ES sind also die Führer des Reichs selbst, die sich aus freien Stücken in diese schwierige Lage gebracht haben. Göbbels»nd der Baron von Neurath haben sich in Genf über die moralische Isolierung Deutschlands klar werden können, welche die nationalsozialistische Politik wieder herbeigeführt hat. Der dem österreichischen Kanzler Dollfuß gespendete Bei- fall war dafür charakteristisch. Das Umschlagen der angel- sächsischen öffentlichen Meinung ist es nicht weniger. Anderer- seits sollte die Tatsache den leitenden Politikern in Berlin zu denken geben, baß auch die neutralen Länder keineswegs zögern, gelegentlich einer Regierung den Streit zu ver- künden, welche die wesentlichen Freiheiten verachtet. Und die Neutralen waren früher ziemlich bereit, Deutschland Ver- trauen zu schenken. Was sich diese Woche in Genf abspielte, hätte allen vernünftigen Deutschen die Augen öffnen müssen. Göbbels, aus seinem Stuhl festgenagelt, begriff, daß jedes Eingreisen von seiner Seite die Gefahr herausbeschwören müsse, daß die deutsche Sache, die zu verteidigen er den undankbaren Auftrag hatte, noch mehr bloßgestellt werden würde, als sie es ohne dies ist. Man verletzt nicht systematisch und rücksichtslos die Gefühle der Menschheit» und eine große, in Not befindliche Nation isoliert sich nicht ungestraft von der ganzen Welt. Die AuS- sicht der Abrüstungskonferenz, zu einem greisbaren End- ergebnis zu kommen, hängt in dieser Stunde allein von dem politischen Geist ab, den der Reichskanzler in einer schwierigen Lage, in der er über die endgültige Hal- tung Deutschlands entscheiden muß, unter Beweis stellen kann. Schon hat seine Regierung tatsächlich, unter dem Druck der Junker und der Jndustriemagnaten, den wesent- lichen Teil seines sozialen Programms ausgeben müssen, das ursprünglich ein unzweifelhaft revolutionäres Programm ge- wesen ist. Jetzt muß er zwischen der Verwirklichung seines eigentlich nationalistischen Programms— Aufrüstung, An- gliederung Oesterreichs, nationalsozialistische Propaganda in Nachbarländern— oder der totalen moralischen und poli- tischen Isolierung in einem Europa wählen, das gewiß ent- schlössen ist, sich gegen jeden Angriff des Alldeutschtums zu verteidigen. Wenn man außerdem an die harten Ersahrungen denkt, die das deutsche Volk im Lause des nächsten Winters zu erwarten bat, dann wird einem bewußt, daß die Re- gierung des Führers mit moralischen und materiellen Schwierigkeiten zn kämpfen haben wird, welche zu besiegen die nationalsozialistische Mystik nicht ausreicht. Um das Saar gebiet Seine ganz ungewisse Zukunft Je näher das Jahr 1035 kommt, da? die Abstimmung über das zukünftige Schicksal des Saargebietes bringen soll, um so mehr tritt dieses kleine, aber wirtschaftlich und po- litisch sehr wichtige Territorium in das Blickfeld der euro- päischen Politik. Neben der französischen Presse, die das Saarproblem allzulange vernachlässigt hat, beginnen auch die holländische nnd die englische Presse der Saarfrage ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden. In der großen holländischen Zeitung„Allgemein H a ndelblu ad" wirft G. Nypels, einer der angesehensten holländischen Journalisten, die Frage auf:„Sind die Nationalsozialisten Herren des Saargebiets?". Er nimmt die national- sozialistischen Terror- und Boykottakte sehr ernst und weist auf die internationalen Konfliktsmöglichkeiten hin, die durch die Spannungen an der Saar entstehen können. Sehr ein- gehend beschäftigt sich der Holländer mit der Polizei- und Beamtenfrage an der Saar. Seine sehr zugespitzten Formulierungen machen es einem im Saargebiet selbst er- scheinenden Blatte schwer, sie wörtlich zu veröffentlichen. Wir hoffen, daß der Aufsatz des Herrn G. Nybel in Gens nicht unbeachtet bleibt. Die ruhige Entwicklung an der Saar liegt im europäischen und nicht zuletzt auch im deutschen Interesse. In einer Polemik gegen die sozialdemokratische„Volks- stimme" ruft die gleichgeschaltete Saarpresse eine Rede des deutschen Gesandten von Keller in die Erinnerung zu- rück, die dieser am 27. Mai in Genf gehalten hat. Um uns nicht dem Vorwurf der Fälschung auszusetzen, bringen wir die betreffende Partie wörtlich: Er sagte damals:„Wenn aus die— im juristischen Sinne—««gewisse Zukunft der Beamten verwiesen wird, so besteht dieselbe Ungewißheit in vielen kam Erntedankfest Was man vergeblich in der deutschen Presse sucht Zur Feier des Erntedankfestes auf dem Bückeberg waren auch alle in Berlin akkreditierten fremden Diplomaten ein- geladen worden. Die Regierung stellte den Diplomaten einen Sonderzug zur Verfügung. Im Speisewagen verabreichte man ein frugales Essen, das aus einer einzigen Schüssel Ragout be- stand— ohne Vorspeisen und Dessert. Die Botschafter und eine große Zahl der Gesandten hatten es abgelehnt, an dem Fest teilzunehmen. Sie hatten sich, wie man sagt,„ent- schuldigt". Entschuldigt hatten sich der apostolische Nuntius, die Botschafter Frankreichs, Spaniens, der Verei- nigten Staaten, Großbritaniens, der URSS., die Gesandten Polens, Dänemarks, Nor- wegens, Schwedens. Ein einziger Botschafter hatte sich zur Feier begeben, der japanische. Allgemeines Erstaunen erregte es, daß der belgische Gesandte die lächerliche Einladung angenommen hat. kr NON sie nldit sdireien sJnpreß.) Die Privatkanzlei Hitlers teilt mit, daß sich unter der Post des Reichskanzlers noch immer die Gesuche von Familienangehörigen solcher Personen häufen, die in einem Konzentrationslager inhaftiert sind. Sie ersucht, den Posteingang durch solche Gesuche nicht zu„überlasten". Der Reichskanzler bekomme die Gesuche gar nicht zu Gesicht. Ob die Gequälten schreien— der Herr Reichskanzler und seine Kanzlei wünschen Ruhe. Kommunistischer Stadtkommissar? Der Nazistadtkommissar von Unna in Westfalen ist wegen angeblicher kommunistischer Gesinnung abgesetzt worden. anderen Fragen, zum Beispiel der Sozialversicherung, der Kricgsbcschädigtenrenten, der Währung, der Staatsan» Hörigkeit, des Zollregimes und der Kohlengruben. Unge» wiß ist im Saargebiet— ich spreche selbstverständ» l i ch lediglich in rein juristischem Sinne des Wortes— nicht nnr die Zukunft der einen oder anderen Gruppe, sondern dieZunknnftdesganzeu Gebietes und seiner Bevölkerung. Es handelt sich also im Grunde weniger nm ein spezifisches Beamten» problem, als um das allgemeine nnd einheitlich« Pro» blcm der Zukunft des Saargebietes. Es ist daher min» bestens zweifelhaft, ob es möglich und ratsam erscheint, von diesem Gesamtproblem eine Einzelsrage abzutrennen und vorweg zn lösen zn versuchen." Daß der deutsche Gesandte in einer juristischen Frage nur juristisch sprechen konnte, ist klar. Seine Worte lassen aber durchaus den Schluß zu, baß die deutsche Reichsregierung trotz aller öffentlich gemimten Kraft ernsthaft mit dem Ver» lust des Saargebietes für das jetzige Reich rechnet. Min- bestens hätte der deutsche Gesandte trotz aller Beschränkung auf juristische Argumente eine starke Betonung des Ab- lehnens aller Zweifel an der Rückgliederung einflechten müssen, wenn er sich vor„Mißverständnissen" schützen wollte. Die Rebe des Herrn von Keller ist erst nach der Macht- ergreifung Hitlers gehalten worden. Vorher wäre ein so schwacher Standpunkt unmöglich gewesen, weil niemand in der Welt, solange Deutschland ein Rechtsstaat war, an der vollen Rückgliederung des Saargebietes zweifeln konnte. Nicht irgendwelche„Separatisten", sondern die National- sozialisten und ihre Berliner Parteidiktatur sind die Gefahr im Saargebiet. Ermordet Am 30. Juni starb in Hannover der Zeichner Anton Macioszyk sgeboren 1899 in Anterten, Kreis Burgdorf) infolge von Verletzungen, die er bei einem„Verhör" erlitt. — Ucber den angeblich am 12. August durch ein Herzleiden verursachten Tod des 29 Jahre alten Cbemigrafen Alfred Sträter ist nichts Näheres zu erfahren. Es besteht begrün- bete Vermutung, daß auch dieser Sozialist erschlagen wurde. Professor Dessaaer isoliert Der alte Professor Dessauer, ein intimer Freund des ehemaligen Reichskanzlers Brüning, wird trotz seiner schweren Erkrankung nicht nur weiter in Haft gehalten? er darf sogar niemanden empfangen. Selbst sein Beichtvater wirb nicht zugelassen. Statt Zeugenbank— Konzentrationslager Leipzig, 8. Okt. sJnpreß.) Bon den zahlreichen Zeugen» die in Leipzig angekommen sind, wurden zwölf unter SA.» Bedeckung unmittelbar ins Konzentrationslager gebracht. Das„teuflische Zentrum" Auf einer westfälischen Lchrertagung in Münster erklärte der Vorsitzende Schemm: die Kirche stamme von ChristnS, aber das Zentrum vom Teufel. Daraufhin verließ eine An- zahl katholischer Lehrer den Saal. Freiheit, die sie meinen Hagen, 3. Okt. sJnpreß.) Wie Nazi-Demonstrationcn zu- stände kommen, wird durch folgende Anordnung bewiesen: Alle Mitglieder der Arbeitsfront erhalten eine schriftliche Einladung. Vor dem Aufmarsch wird eine Ecke der Ein- ladung, aus der Name und Nummer beS Empfängers notiert sind, abgerissen. Nach Ablauf der Demonstration wird ton- trolliert, wer nicht teilgenommen hat. Deutschland unter den Nntionalsoilalisfcn Schlug des in Nr. 8g veröffentlichten Be- richts aus dem„Manchester Guardian". Der .Korrespondent ist ein Mann, der sich durch Autorität und Unabhängigkeit auszeichnet. Die Verfolgung der Juden Wie sich auch das Rad dreht, es kann nichts GuteS dabei für die Juden herauskommen. Hitler hat sich in allen Fragen sehr gemähigt, ausgenommen in der jüdischen. Er schäumt weiter, und die Juden sind ein zu wertvoller Bissen, um ihn leicht fahren zu lassen. Bielleicht kann er, wenn er sie den Wölfen zuwirft, über einen schlimmen Winter hin- wegkommen. Wenn er die Gewalt über die Entwicklung ver- liert, und sie gleitet ihm beständig irgendwo aus der Hand, dann wird es in diesem Wiütcr in Berlin Pogrome geben. Einige meinen, bah dann die ausländischen Mächte eingreifen werden. Aber die Juden in Teutschland erhoffen angesichts der schwierigen internationalen Läge wenig von dieser Hilfe. Sie verweisen aus die Verfolgung der Armenier in dxr Türkei. Und die Armenier'waren Christen! Es gibt aber auch viele, die der Meinung sind, daß im Falle von Pogromen wahrscheinlich eingegriffen werden wird, weil die Juden nicht die Armenier sind und besonders auch, weil Deutschland mitten in Europa liegt und nicht so weit ist wie Asien. Die Juden werden also bei ihren ausländischen Glaubensgenossen Hilfe suchen. SS gibt viele Meinungsverschiedenheiten unter den deutschen Inden, aber sie stellen sie zurück gegenüber der Frage: Kann man eine Rückkehr zu vollständiger politischer Gleichberechtigung, zur Emanzipation erhoffen? Ob sie im Innersten glauben, daß es möglich sei ober nicht, es gibt immer einige, die sagen, datz die Zeit noch nicht ge- kommen ist, den Kamps aufzugeben. Auf feiten derjenigen, die für die Wiedererlangung der absoluten Emanzipation kämpfen gibt es auch ente Gruppe von jüdischen Deutschen, die behaupten, sie seien vollkommen deutsch im, Gefühl in jeder Hinsicht, und sie würden bei den Nazis sein, wenn diese nur ihr jüdisches Programm ändern würden. Rechtsanwälte und Aerzte Da ist auch der„Bund jüdischer Frontsoldaten". Tie glauben, daß sie die volle Gleichberechtigung, wenigstens für sich selbst, vielleicht auch für andere erreichen können. Sie nehmen eine Borzugsstellung unter allen anderen Juden ein. Aerzte und Rechtsanwälte und andere, die Front- soldaten sind, können ihre Berufe ausüben, und es ist nicht zweifelhaft, dah viele von ihnen ihren Lebensunterhalt weiter verdienen werden, obgleich die Zeiten der großen Honorare für jüdische Akademiker vorüber sind. Aber es wird sehr schwer für sie sein. Wenn jemand seinen Prozeh gewinnen will, so wird er sich wahrscheinlich keinem jüdischen Rechtsanwalt anvertrauen, so tüchtig er auch sein mag. Es gibt auch ein Gesetz, das die Bürogemeinschast zwischen Ariern und Nichtarieru »erbietet. Folgendes ist bezeichnend für die Haltung gegenüber jüdischen Rechtsanwälten, die Frontsoldaten waren. In A. ist eine bekannte Anwaltssirma.ï. und?J. Herr X. wurde 1018 Soldat, hat sechs Orden und ist ein guter Anwalt. Letzt- hin kam er ans Gericht und betrat den Anwaltsraum. Dort sah ein junger Nazi, 20 Jahre alt, der ihn fragte, was er, ein Jude, in diesem Zimmer zu tun Hab« es sei für ihn kein Platz da. Keiner der anwesenden anderen Anwälte protestierte. X. muhte im Flur aus und ab gehen, bis sein Fall aufgerufen wurde. Die Haltung gegenüber jüdischen Aerzten-- Frontsoldaten und anderen— ergibt sich aus folgendem: Tie allgemeine Verfügung für alle arischen Aerzte des Reiches verbietet dem arischen Arzt, einen nichtarischen Arzt zu konsultieren oder seinen Patienten an einen nichtarischen Arzt zu ver- weisen oder sich von einem nichtarischen Arzt vertreten zu lassen, ausgenommen die Fälle, in denen der Aerzteverein des Ortes seine Zustimmung gegeben hat. In anderen Berufen ist es für die Frontsoldaten nicht besser: Ein Geschäftsmann beschäftigte seinen Schwager, einen Frontsoldaten. Er mußte ihn entlassen, weil gemäh dem Gesetz Angestellte nur durch die Vermittlung deS offi- ziellen Arbeitsnachweises eingestellt werden dürfen. Der Arbeitsnachweis hat indessen ganz willkürliche Methoden und schickt in den meisten Fällen nur Nazis. Es ist ganz natürlich, dah viele Juden in Deutschland, be- sonders Ztonisten, und die beträchtliche Zahl derjenigen, die neuerlich Zionisten geworden sind, die Erlangung der frühere» Rechtsgleichheit iu der alten Form nicht mehr erhossen. Ihnen erscheint als die beste Lösung, die Juden in Deutsch- land als eine offizielle Minorität zu erklären und sie als solche unter den Schutz des Völkerbundes zu > stellen. Tie sind eine Minorität in irgendeinem Sinne. Aber die Frage ist, ob der Schutz des Völkerbundes Gewähr gibt, dah sie den Kampf für Gleichheit ausgeben? Ihr Status unter ihrem Minoritätsabkommen ist, soweit meine Er- kunbigungen geben, noch nicht in den Einzelheiten auö- gearbeitet worden. Ich glaube, dah alles davon abhängt, was gesichert werden könnte. Zur Zeit meines Ausenthaltes in Deutschland fanden keinerlei Besprechungen oder Unterhaltungen zwischen irgendwelchen Vertretern der jüdischen Gemeinden und einem höheren Regierungsvertreter statt. Man hört kort- während:„Früher oder später muh eine Besprechung statt- finden. Sie werden erörtern müssen, was sie mit uns tun wollen." In V. wurde mir von einer Unterhaltung mit einem hohen Nazi erzählt, der nach der Besprechung sofort zu Hitler ging. Tie Haltung der Juden war: Keine Ver- günstigung für die Juden, nur eine Lösung, die für den deutschen Staat günstig sein wird. Eine solche Lösung kann nur die Abwanderung der Juden sein. Aber diese sollte systematisch vor sich gehen und mit Hille des Staates. Nicht wie jetzt, da sie zum Teil panikartig ver- läuft und der Staat häusig den logischen Ablauf seiner Politik verhindert. Andere stellten sich als die„einzige Lösung" vor, eine Art Konkordat zwischen den Juden und dem Staat abzuschließen, wie es der Vatikan und die Katho- liken Deutschlands getan haben. Die Kinder Ueberall fragte ich nach den Kindern und den jungen Leuten. Ich erkundigte mich, was diese abends täten. Die immer gleiche Antwort war:„Wir bleiben zu Hause." Alle jungen Leute?„Sie gehen manchmal in ein Kino oder in ein Lokal, aber nicht ins Theater, in die Oper, in Konzerte oder Vorträge. Tie sind zu ängstlich, nach zehn Uhr auf der Straße zu bleiben. Sie gehen ins Freie. Tort sind sie bis jetzt noch nicht belästigt worden." Ein jüdischer„Kultur- bund" wurde gebildet, um den jungen Leuten ein eigenes Theater, Opern, Konzerte und Vorträge zu bieten. Er wird mit seinen Veranstaltungen demnächst beginnen. Die Erlaubnis dazu wurde unter der Bedingung erteilt» dah die Ausübenden alle Juden wären, und dah nur Juden zugelasien würden. Eine ganz neue Erörterung er- gibt sich daraus, inwieweit dies der Ansang eines Ghettos sei und inwieweit die Juden versuchen sollten, deutsche Literatur usw. in diesem geistigen Ghetto zu pflegen. Es gib» jetzt ein Gesetz, demzufolge alle Kinder am Ende jeder Schulstunde den Hitlergruh, der jetzt der deutsche Gruh ist, durch Aufheben der rechten Hand bieten müssen. Bei passenden Gelegenheiten wird erwartet, dah sie ausrufen: „Heil Hitler". Ich habe Geschichten von jüdischen Kindern von sechs, sieben und acht Jahren gehört, die begeistert von ihrem neuen Leben und Drill nach Hause kommen und nicht verstehen, warum ihre Eltern ihre Begeisterung nicht teilen. Tie Be- Handlung der Kinder ist verschieden und abhängig von der Schule und dem Lehrer. Einigen Kindern ist die veränderte Lage noch nicht fühlbar geworden, während die grausamsten Geschichten über die Leiben der anderen umlaufen. In einigen Schulen gibt es eine leere Reihe von Sitzen zwischen den arischen Kindern, die vorne sitzen und den jüdischen Kindern im Hinter- g r u n d Ich hörte von einem Vorfall in Braunschweig, wo ein TA.-Mann in eine Klasse einbrach, wo jüdischer Rcli- gionsunterricht erteilt wurde. Er schlug den Lehrer und die Schüler und ein Kind so heftig, dah es starb. Dieses geschah vor zwei bis drei Wochen. Man würde im allgemeinen ver- sucht lein, solchen Geschichten zu mißtrauen. Aber sie sind alle möglich, weil die unglaublichsten, brutalsten Dinge all- täglich geschehen. Militarismus Die ganze Nazitheorie stützt sich aus die Idee, dah der Mann geboren ist, um Waffen zu tragen, dah der Wert des Lebens weitgehend von der„Kraft" abhängt. Man liest das Wort Kraît. Kraft, Kraft in den Reden bis zum Nebel- werden. Die Wehrpflicht ist das große Vorrecht deS arischen Deutschen Dieser militärische Geist verseucht alles. I» Berlin gab es verschiedene Ausstellungen, die alle Deutsch- lands Heldentaten in der Vergangenheit und Teutschlands Wehrlosigkeit in der Gegenwart gewidmet waren. Und in alledem wird vorausgesetzt, dah Deutschland sür den nächsten Krieg rüsten und ihn herbeiführen müsse. Die Schulbücher werden von diesem Gesichtspunkt neu gc- schrieben. Unechte Helden von zweifelhaftem Ruf, wie Horst Wessel und Schlageter, sind unter die Götter ver- setzt worden. Deutschlands verlorene Kolonialbesitzungcn sind der Gegen- stand einer Ausstellung. Militärmusik fiillt die Straßen. Man spricht sehr viel von den geheimen Waffenfabrikcn. An allen Universitäten werden jetzt die Studenten jeden Montag und Mittvoch um 5.30 Uhr vormittags zum„Wehr- sport"— d. h. militärischer Drill unter der Maske des Sportes— angefordert. Dieser dauert bis 11 Uhr. Tann kommen sie ganz ermüdet in die Vorlesungen. Samstags werben den ganzen Tag weite Fußmärsche ins Land gemacht und Samstags abends finden dann noch Schieß- Übungen statt. Die Wochenabende stehen zur Verfügung der Studentenschaft, sie werden meistens zu Vorlesungen und Seminaren über die Nazitheorien verwendet. Zwischen anderen Dingen wird Hitlers Buch„M ein Kampf" studiert. Alle, die nicht erscheinen, werden am nächsten Tag getadelt: die Studenten, die wegbleiben, sind verdächtig und und werden bestrast. Tic Universitäten stehen unter der Leitung der Studentenschaft. Jede hat einen bestellten Führer: das Fllhrerprinzip geht von Hitler aus durch den ganzen Organismus. Nichts kommt von unten, alles von dem Führer. Die folgende Geschichte ist authentisch. In H. starb neu- lich ein jüdischer Frontsoldat. Er mar in einer Schlacht ver- wundet worden und sein Tod war aus diese alte Wunde zurückzuführen. Sein Vater sandte die Todesanzeige zur Veröffentlichung an eine der Zeitungen. Tie wurde zurück- gewiesen mit.der Begründung, dah nur Arier zu solchen Ver- öttentlichungen berechtig! wären. Eine andere Zeitung der Stadt veröffentlichte die Anzeige, was die Nazis vcranlaßte, sie zu boykottieren. Holland Ober Leipzig Der„objektive" Wolff Der Berliner Korrespondent von„De Nieuwe Rot- terdamiche Courant" schreibt u. a.. „Während des Verhörs von Zachow, der sich zuerst über das Ausführen der Brandstiftung geäußert hat, jedoch nicht »u den Angeklagten gehört, trotzdem aber in einem Konzen- trationslaqer sitzt, hat sich etwas Merkwürdiges ereignet. Darüber haben w'" vergebens eine Auszeichnung in dem Bericht von Wolfs gesucht, sie möge darum hier folgen: Als Zachow bei der Bezeugung seiner Unschuld weinend erklärte, daß der Aufenthalt im Konzentra- tionslager schin Strafe genug sür ihn sei, schüttelt sich van der Lübbe vor Lachen. Der ganze Saal erbebt sich, um das zu sehn. Am Ende des Verhörs, als Zachow zur Zeugenbank zurückgekehrt ist und die Sitzung zu Ende geht, kommt eine Reihe Journalisten zu ihm und fragt ihn, ob er noch in einem Konzentrations- lager sei. Er sah sie an, gab aber keine Antwort, jedoch richtete er seine Blicke auf die Polizeibeamten. Schließlich sagte er zu einem englischen Korrespondenten, der ihn aufforderte zu sagen, in welchem Lager er sei:„Das kann ich nicht sagen." Einige Kollegen, die in der Nähe der Tür saßen, tvaren in der Lage, auf Zachow zuzugehen, als er aus dem Saal geführt wurde. Bon ihnen hörte ich. dah er da in Beglei- tung des Untersuchungskommissars Marocowsky war, der ihm mit dem Finger drohte:„Nicht soviel reden." Den eng- tischen Journalisten gelang es, die Gruppe einzuholen und sie hörten, wie Zachow auf der Treppe sagte:....„aber ich will nicht mehr gefangen sein." Tann verschwand er, von zwei Polizeibeamten begleitet, in einem Seitengang des Gebäudes." Wir entnehmen aus„H e t Volk": „Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit!" DaS ist die Lo- sung, die Tag für Tag in allen Rechtssälen der kultivierten Welt verkündigt wird. Sucht der Leipziger Gerichtshof auch die Wahrheit? Ist es der deutschen Regierung darum zu tun, der Welt die Wahrheit zu enthüllen? Der Leipziger Ge- richtshof versucht, die Welt davon zu überzeugen, dah der Reichstag von van der Lübbe angezündet wurde und daß diese Brandstiftung eine Tat des Programms der kommuni- slischcn Partei war, die eine Sturmflut des Terrors über Deutschland ausbrechen lassen wollte. Gelingt dieses dem Gerichtshof, dann hat das Hitlerregime sich rein gewaschen von dem Verdacht, dah seine Hauptmanager selbst die Brandstifter sind. Das Päppchcn für den Gerichtshof hat man insrruktionsmähig zubereitet: er braucht es nur zu essen, wie es ihm serviert wird." Wir entnehmen der..Non Scripta" der Haagschen Post: „Der ganze Reichstagsbrand ist bis heute eine unbegreif- lim» Geschichte und wird es vielleicht immer bleiben. Eine Geschichte voller Widersprüche! Ten Führern der National- sczialisten kam der Brand sehr gelegen, um Terror und Diktatur einführen zu können. Das steht fest. Doch warum haben sie es nur, wenn sie es schon getan haben, aus eine so ungeschickte Manier angefangen? Wir meinen damit eine Manier, die soviel Angrisse aus die Führer zulieh, dah be- reits nach ein paar Tagen, nachdem sich die Welt von dem ernen Schrecken erholt hat, überall die Frage laut wurde: Ist es wohl so, wie man es uns darstellt? Diese Frage ver- änderte sich allmählich in die dauernd allgemeiner werdende Ucberzeugung, dah eS nicht so gewesen war, sondern ganz anders und daß ganz andere Menschen und Dinge dahinter standen und dah die eigentlichen Schuldigen oder jedenfalls . die am meisten T'ni oiaen nicht die war^n, die hinter Schloß und Riegel sahen, sondern gerade verschiedene von ihnen, die frei umher liefen." Görings füdisdie Erz'eliang Man schreibt uns: Tie eilfertigen Federn, Sie im Deut- schen Reich die Biographien der Vertreter ges heldischen Zeitalters, das über uns hereingebrochen ist, schmieren, wissen über des Reichstag-Görtngs Jugend wenig zu er- zählen. Herr Edgar von T ch m i d t- P a u l i, der sonst mit Legenden und Romanzen für die gegenwärtigen Herren nicht gerade sparsam ist. sagt über Görings Jugend<„Die Männer um Hitler", Berlin. 1932 Seite 89):„Er ist 30 Jahre alt Geboren am 12. Januar 1833 iiy Rosenheim (Bavent) als Sohn des Kgl. Ministerresidenten Dr. H E. Göring. Evangelisch. Er verlebt« seine Jugendzeit teil» in den österreichischen Alpen, teils im Frankenlande auf der Burg Veldenstein bei Nürnberg. Besucht das Gymnasium in Fürth und Ansbach, kommt dann zum Kadettenkorps»ach Karlsruhe und von da in die Hauptkadettenanstalt Groß- Lichterselde." Das ist herzlich wenig für die Jugend eines so grohcn Mannes. Wir haben auch sonst weder Arbeit noch Ekel gescheut und durchgesehen, was die anderen Biographen von der Jugendzeit in den österreichischen Alpen" zu be- richten wissen. Soweit wir in den gedruckten Quellen forschten, wir fanden den Ort nicht verzeichnet, der baS Glück lmtte, den kleinen Göring zu beherberge». So muhten wir uns selbst aus die Suche machen. Wir haben festgestellt: Göring lebte aus Schloß Mauternborf(Marktgemeinde Mauterndorf, Lungau, Salzburg). Der Schlohherr von Mauterndors, der Görings Erziehung bezahlte, war ein Jude namens Epstein, übrigens ein Demokrat, und E Iking hat noch 1932 diesen Juden, dem er zu höchstem Tank verpflichtet ist, besucht. Wir haben, ohne unser« Vermutung beweisen zu können, Grund zur Annahme, dah Schmidt-Panlis Gymnasienauszählung ebenfalls nicht stimmt. Aber diese Nachforschungen möge» ehrgeizigen Dissertationen im„dritten Reich" vorbehalten bleiben, falls ihre Verfasser sie riskieren. Wir haben nur»och die Frage zu beantworten, warum sich ein Jude fand, der die Er- ziehung des Reichstags-Göring bezahlte: Mutter Göring hatte nämlich ein Verhältnis mit einem Juden, welcher Ver- bindung ein unehelicher Sohn entsprang, der als solcher den Namen seiner Mutter führt- ES läuft aber in Oesterreich ein richtiger halbjüdischer Halbbruder Görings gleichen Namens herum, der froh ist. feine Mutter bereits begraben zu wissen, denn lebte sie heute im Reiche ihres ältesten Sohnes, würde sie als„Judenliebchen" angeprangert werden Wir haben um Entschuldigung zu bitten, bah wir diese Dinge ausgraben und präsentieren. N'cht wir sind es, die Privatangelegenheiten des Familienlebens zu Angelegen- heitcn der Politik gemacht haben. Es sind die Methoden der Hitler und Göring, und man muh über die Frechheit staunen, die diese Leute besitzen, die mit so viel Belastungen aller Art an anderen das zu tadeln und zum Verbrechen>u stempeln wagen, was sie selbst oder die ihnen zunächst Stehenden begangen haben. Dr. Dürre für Klm1er$e<*<-n Aus der letzten Arbeitstagung des Deutschen Verbände? der Sozialbeamtntnen, Bad Sulza, Thüringen, setzte sich Dr. Dürre, Berlin, sür„eine Förderung der erbgesunden kinderreichen Familie" ein. Da die Sozialbeamtinnen einiges vom Leben der kinderreichen Familien in den Großstädten wissen, stieb Dürre aus Widerspruch. Diesem begegnete er „mit dem Hinweis aus den menschenleeren deutsche» Osten, in dem noch ausreichend Raum sei und in dem das Ansässig- «verde» lebenskräftigen Volkstums aus national- politischen Gründen geboten sei".- Man sieht, wie selbst in weniger«vichtigen Punkten das Naziprogramm an seinen Widersprüchen zugrunde geht und scheitern muß. Der Deutsche hat Kinder für den menschenleeren Osten zu er- zeugen, die Junker aber, denen das Ostland gehört, geben den Grund und Boden für Siedlungszivccke nicht her. Bleibt sür die„erbgesunde kinderreiche Familie" der Tod. Erst Hitler, dann Christus Jnvreß: Der Ortspsa-rcr Stehle aus Nenzingcn bei Stockach Herausgeber der„St.-UUrichstimnie". ist in„Schutz- «ait" g nomme» worden, weil er verlangte, mit„Gelobt sei Jesus Christus" und nicht mit„Heil Hitler" begrüßt zu werden. ->««.»>> ....«>,. i i.i.i»» itlUi'.lu .ifltlllii..>|Ui' Ian Severin: Deutsche ROstungs-ltonjunktur? Die Hintergründe und Grenzen einer teilweisen Scheinblüte Die sogenannte deutsche WirtschaftSbesserung, die in den Berichten des amtlichen Konjunkturinstitutes und den pro- pagandistischen Ausführungen in der gleichgeschalteten beut- schcn Presse immer wieder behauptet und in einzelnen Branchen auch tatsächlich mit Zahlen belegt wird, hat. wie nch bei näherer Prüfung zeigt, mit einer echten kon- junkturellen Besserung nichts zu tun. Es handelt sich um die staatliche Auftragserteilung an eine bestimmte Anzahl von Unternehmungen, die vorwiegend oder ausschließlich dem Rüstungsbcdarf dienen und die auf diese Weise in der Lage sind, Arbettereinstellungen vorzunehmen, gewisse Rohstoffe zu kaufen usw. Finanziert wird diese partielle Konjunktur der durch staatliche Aufträge subventionierten Rüstnngs- Unternehmungen, die in einen immer schärferen Widerspruch zu der allgemeinen deutschen Wirtschaftslage gerät, so gut wie ausschließlich durch die Reichskass? und die Fort- dauer dieser Treibhauskonjunktur einzelner Industrien bleibt daher aufs engste mit der Zahlungsfähigkeit der staat- lichen Kassen verbunden. Einstweilen versucht man trotz der gewaltigen Defizite im RcichshauShalt sowie bei der Finanz- gebarung der Länder und Gemeinden, die notwendigen Mit- tel dadurch zu beschaffen, daß man sie auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge einspart. Das ganze„Arbeitsbcschaffungsprogramm" Hitlers bedeutet im Grnndc genommen nichts anderes, als ein? Dezimie- rung der Unterstützungsempfänger, die unter allen mög- ticken Borwändcu von den Listen der Arbeitsämter ge- strichen werden. Als Gründe für die„Aussteuerung" wird heute das söge- nannte Doppelverdienen, morgen die Zugehörigkeit zu mar- xistischen, jüdischen oder sonstigen staatsfeindlichen Organi- sationen, ein ander Mal die Möglichkeit angegeben, aus dem Lande Arbeit zu finden und schließlich werden die Erwerbs- losen, wenn es gar keine anderen Vormändc mehr gibt, als „arbeitsscheu" in Konzentrationslager überführt oder aber auf den sogenannten freiwilligen Arbeitsdienst verwiesen. Unter den verschiedensten Vorwänden gelangt man immer wieder zu dem gleichen Ergebnis, nämlich zur Entziehung der Unterstützung. Tie Folge ist ein nominelles Sinken der Arbeitslosenziffern, dem aber bekanntlich keine entsprechen- den Erhöhungen der Beschästigungszahl und der gesamten Lohnsumme gegenüber steht. Mit den durch solche Methoden„ersparten" Mitteln wird nun ein gewisser Konjnnkturausschwung finanziert, der auf einzelnen Tondergebieten in Deutschland tatsächlich fest- gestellt werden kann. Allerdings muß man sich darüber klar werden, daß die an die betreffenden Industrien erteilten Staatsaufträge in Wirklichkeit niemals eine echte Konjunktur herbeizuführen vermögen, weil die hier erzeugten Produkte aus dem wirt- schaftlichen Umlauf, nachdem sie einmal abgeliefert und be- zahlt worden sind, gewissermaßen herausfallen Eine Stra- ßenbahn z. B-, die von einer Kommune bestellt worden ist, würde, in Betrieb gesetzt, im Laufe einiger Jahre Ein- nahmen bringen, die zu neuen Bestellungen gleicher Art vcr- wandt werden könnten. Ein Tank aber ober eine Militär- slugzeug schafft solche Einnahmen ebenso wenig wie ein Lager von Gasbomben oder Handgranaten Vorübergehend mögen solche Rüstungsaufträge in Deutschland tatsächlich auch zu einer gewissen Mehrbcschäftigung in einzelnen Indu- strien, unter anderen z. B. auch in der Textilbranche geführt haben. Die Belegschaft kann aber naturgemäß nnr so lange in den Betrieben gehalten worden, als neue Aufträge den alten folgen, und dies wiederum kann nur solange der Fall sein, als die Reichssinanzen weiter ans dem bisherige» Wege der Einsparungen am Sozialetat Aufträge dieser Art begleichen können. Daß es sich hierbei um eine reine Inlandskonfunktur han- belt, ging erst letzthin wieder aus den Darlegungen des beut- schen Konjunkturforschungsinstitu.es in seinem neuesten Viertcljahresbericht hervor, in dem festgestellt wurde, daß die Textilindustrie zu den wenigen Wirtschastsgruppen ge- höre, deren Produktion den Stand vom Jahre 1331 bereits annähernd wieder erreicht habe. Gleichzeitig wird aber hinzu- gefügt, baß sich die Ausfuhr von Tcxtilfertigwaren von dem Mitte IM erreichten Tiesstand nicht erholt habe. Sie war nämlich im ersten Halbjahr ISN der Menge nach um 10 Prozent kleiner als im ersten Halbjahr 19.32, obgleich die Aufnahmefähigkeit der großen Tcxtilmärkte im Auslände sich seit dem Vorjahre eher gebessert, als verschlechtert HM. Im Zeichen einer internationalen Zunahme des Baunnvollevcr- braucheS um 2d Prozent, die in den USA sogar 30 Prozent erreichte, wäre eS allerdings dem Berliner Konjunktur- institut schwer gefallen, in seinem Bericht diese offenkundige Tatsache unerwähnt zu lassen. Di« staatlichen Aufträge, die beute den direkt oder doch wenigstens mittelbar am militärijschen Rüstungsgeschäft 1000 Ei Wenzen! In einer einzigen Stadt München, 30. Sept. Im Vollzug des Gesetzes zur Wieder- Herstellung des Berufsbeamtentuans wurden in den letzten Tagen 868 städtische Beamte und 701 städtische Arbeiter ent- lassen. Lei) Prozent Warenhaus-Steuer in München Der Stadtrat von München hat gemäß der Gemeindeab- gabenordnung beschlossen, die WarenhauSsteuer auf 800 Prozent der Landesgcwerbesteuer festzusetzen und sie aus Einheitspreis- und Kleinvreisgeschäfte auszudehnen. Die Filialsteuer ivird auf 300 Prozent erhöhl und auf Ver- sicherungs-, Bank und Kreditnntcrnchmuiigen ausgedehnt. Endlich wird ein Prüfungsausschuß eingesetzt der nachzuprüfen hat, welche städtischen Regiebetriebe abgebaut werden sollen. Krieg bedeutet Steigerung der Löhne Sagt ein Pg. Ernst Pfister:„Hieraus ergibt sich die Er- kenntniS, daß Deutschland, um besseren Lohn für die Ar- beitnehmer zahlen zu können, eine Politik betreiben muß, die von unserer Industrie den Zwang nimmt, sich Absatz im Ausland im Wettbewerb mit allen Industrien der Welt zu erkämpfen. Wie aber können wir uns von dem Zwang, Industriewaren in fremde Länder auszuführen, befreien? Durch entschlossenes Ringen um völlige Beseitigung der Tributzahlungen und Raumpolitik. Da nur das Programm der NSDAP solche Politik vorsieht ist auch hiermit der Beweis erbrach' daß nur der National, sozialismus in der Lage ist, den Arbeiter wieder besseren Lohnverhältnissen zuzuführen." s„Gewerkschafts-Archiv" Jena, Heft 8/9). beteiligten Industrien zufließen, müssen spätestens dann stocken, wenn die hinter dem Schleier falscher Ziffern weiter ins Riesenhafte anschwellenden Defizite die Leistung wei- terer Zahlungen an die privaten RüstungSnuternchmongeu ohne eine stärkere Beanspruchung der Notenprefle»nmög« lich machen. Daß dieser Zeitpunkt in absehbarer Zeit erreicht sein wird, scheint den maßgebenden Wirtschaftspolitikern des„dritten Reiches" schon heute ziemlich klar zu sein, und es mehren sich daher die Erklärungen aus der Regierung, die der Oeffent- lichkeit schon jetzt inflationistische Methoben schmackhafter machen wollen. To erklärte kürzlich der jetzt zum Staats- sekretär beförderte Verfasser des WirtschaftSprogrammes der NSDAP. Gottfried Feder:„Die Frage, ob eine Inflation vorliegt, kann nur dadurch entschieden werden, ob die vom Staat geschaffenen Mittel reproduktiv verwendet werden." Es ist also die Neugeburt der uralten Jnflationsphrase zu verzeichnen, daß man nur mehr Geld unter die Leute zu bringen habe, um automatisch zu einer Wirtschafts- ankurbeluna zu gelangen. Schon heute wird man sich also darauf gefaßt machen müssen, daß die bisher durch die Uebcr- nähme immer neuer riesiger Garantien der Reichsbank heim- lich betriebene und einstweilen nur in den Kursen der Sperr- mark, KonvcrsionSmark usw. zum Ausdruck kommende Ääh- rungsverschlechterung spätestens dann in eine offizielle In- station, also in eine eindeutige Vermehrung der Zirku- lationsmittel umschlagen wird, wenn die Mittel zur Fort- setzung der Ausrüstung nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Eine Stockung in diesen Austrägen kann man des- wegen nicht eintreten lassen, weil hierdurch mit einem Schlage die gesamte bisherige Produktion von Rüstungsmaterial ent- wertet werden müßte, denn es ist eine ganz bekannte Er- scheinung in der Rüstungsbranche, daß die ständige Vcrvoll- kommnung der modernen Kriegswafsen jede solche Stockung unmöglich macht. Wie wenig die Scheinblüte einzelner Rüstungsindustrien in Deutschland selbst außerhalb der amtlichen Stellen als Konjunktnrausschwung betrachtet wird, geht übrigens deutlich aus der Entwicklung der Effektenkurse in der letzten Zeit hervor. Während die deutschen Aktienbörsen in den ersten Wochen der Hitler-Rcgierung unter dem Eindruck starker Inter- ventionen der fast durchweg von der Regierung abhängigen Institute unentwegt festlagen— der Aktienindex des Statst frischen Reichsamtes weist vom Januar bis zum Mai d. I. eine Erhöhung von 01,75 auf 73,20 auf—, haben sich die Dinge jetzt grundlegend geändert, nachdem sich die Börse trotz aller Interventionen über die wirkliche Lage der deutschen Wirtschaft klar zu werden beginnt. Ohne Rücksicht auf das großzügige Arbcitsbcschaffungsprogramm, das im Mai ver- öffcntlicht wurde, ging der Inder bereits im Juni auf 71,5, im Juli auf 08,4 und im August auf 00,9 zurück, während er heute trotz aller'Meldungen über den konjunkturellen Aus- stieg, den Rückgang der Arbeitslosigkeit und den vermehrten Äustragseinganz bereits unter dem Niveau von Ende 1932 liegt. Ganz ähnlich war die Entwicklung am Rentenmarkt, wo man gegenüber einem Inder von 80,45 am Jahresbeginn nach großen, von den amtlichen Stellen freudig begrüßten Steigerungen heute bei ca. 70,50, also ebenfalls weit unter dem Niveau angelangt ist, das vor der Machtergreifung Hitlers zu verzeichnen war. Mit anderen Worten: Die sogenannte Konjunkturbelebung, die großartigen, aber leider gefälschten Statistiken und die immer wieder» holten Beteuerungen, daß man mitten in einem gewal- tigen»onjunkturausschwunge sei, haben jede Wirkung aus die Börse eingebüßt und man erkennt jetzt auch dort von Tag zu Tag dcutlicher, wie es um diese Scheinblüte in Wirklichkeit bestellt ist. Neben der rein wirtschaftlichen Seite dieser deutschen Rüstungskonjunktur, die hier angedeutet wurde, darf man aber nicht ganz vergessen, daß diese ganze Entwicklung auch eine sehr ernste politische Seite hat, die das Ausland zwingen sollte, dieser eigenartigen deutschen„Inlands-Konjunktur" erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Grade weil ein wirt- schaftlich völlig ausgeblutetes Land wie Deutschland aus den erwähnten Gründen gar nicht in der Lage ist, diese Auf- rttstung in dem jetzigen Tempo durchzuhalten und ad infini- tum fortzuführen, ergibt sich immer mehr das Be- streben, dieseAufrü st ungsperiodedurcheinen Krieg abzuschließen. In dem Augenblick nämlich, in dem weder die ständigen Drosselungen des Sozialetats noch offen inflationistische Methoden eine weitere Fortsetzung des Rttstungsprogrammes ermöglichen, wird für das deutsche Volk und für Europa der Katastrophenpunkt der Hitler-Politik erreicht sein. Ter Ueberzengung, daß dieser Augenblick in durchaus absehbarer Zeit eintreten wird und muß, kann sich niemand entziehen, der hinter den deutschen Konjunktur-Phrasen die nüchterne Wirklichkeit erkennt. „Sehr ruhig" Wie der Roheisenverband in Essen mitteilt, wies im Monat September die Lage auf dem Jnlandmarkt keine nennenswerte Aendcrung gegenüber dem Monat August auf. Dagegen war infolge von Devisenschwierigkeiten der Ein- fuhrländcr das Verkaufsgeschäft nach dem Ausland sehr ruhig: die Preise waren nach unten gerichtet. Nach dem Monatsbericht des Trahtverbandes fDrahtverfeinerungsindustries ist der Eingang an Abruf- ordres im Inlandge'chäft gegenüber dem Vormonat etwas zurückgegangen, während die Abschlußtätigkeit ge- stiegen ist. Im Ausfuhrgeschäft ist keine wefent» lichc Aenderung des AuftragSeiivangs zu verzeichnen. Die Währungsschwankungen in den Wettbewerbsländern Amerika und England sowie neue Kontingentierungsmaß- nahmen in Holland.bilden die Hauptschwierigkeiten für die Ausfuhr.— Bei dem Walzdrofttverband hat sich der Inland- markt gut gehalten. Der Auslandsmarkt ist nach wie vor ruhig. Preissteigerungen Gegenüber dem niedrigsten Preisstande von 1929—1938 hat sich der Preis für Weizen stark erhöht. 100 Kilogramm kosteten Februar 1933 8,70 Mark, Juni bere'tS ULI Mark: Mucker stieg von 5 auf 11. Mark, Stabeisen von 42 aus 00 Mark. Kupier von 42 auf 00 Mark, Baumwolle von 40 auf 72 Mark, Kautschuk von 31 aus öl Mark. iAus dem gleichgeschalteten„Gewerkschafts-Archio", Heft 8/9, Jena). Nicht die Erhöhung von Löhnen „Die Schaffung zusätzlicher Arbeit und Einstellung neuer 'lrbeitSkräfte, nicht die Erhöhung von Löhnen, ist mgenblicklich das Gebot der Stunde." Korrespondent für das graphische Gewerbe Deutschlands, Nummer 54. Das fapanlsdie Dumping Vordringen in Deutschland Das in letzter Zeit von allen Seiten mit wachsender Beunruhigung verfolgte Valutadumping Japans im Welt- Handel macht sich auch am deutschen Markt in einer ganzen Reihe von Geschäftszweigen nachdrücklichst bemerk- bar. Die Wirkungen des japanischen Dumpings kommen allerdings infolge der oft unbegreiflich niedrigen Preise japanischer Erzeugnisse weniger in der Gestaltung des Gesamtwertes der deutschen Einsuhr aus Japan zum Aus- druck, treten dafür aber um so deutlicher in Erscheinung, wenn man die Entwicklung der Importe einzelner wichtiger japanischer Ausfuhrerzeugnisse der Menge nach verfolgt. Erstes Halbjahr Einfuhr aus Japan in Dz. 1931 1932 1933 Margarine 1210 5 373 19 390 Tierfett und Tran..... 31 012 20510 40 791 Oelkuchen 495 4128 0 749 Kleie— 48 3 277 Federn und Borsten.,,.,— 89 093 Manganerz 907 5 975 9 007 Baumwolle........ 10812 7830 20418 Kunstseide.— 44 783 Gummiwaren 88 498 1777 Papier 003 511 701 In einzelnen Fällen, wie z.B. bei Baumwolle und Mangan» erz, geht das Vordringen Japans am deutschen Markt auf Kosten der anderen Bezngslänber Deutschlands vor sich, während die deutsche Wirtschaft von der durch das japanische Dumping herbeigeführten Verbilligung ihrer Rohstofsver- sorgung sogar noch profitiert. Die schweren Schäden, die das japanische Dumping deutschen Industrien im In- landSgeschäst bereitet, zeigen sich deutlich in dem Emporschnellen der Importe beispielsweise japanischer Kunstseide, Kautschukwaren, Papierwaren und Margarine oder ähnlicher Speisefette. Nan erkennt die Donkottgeiahr In einer soeben erschienenen Handelswissenschaftlichen Publikation, die wir nicht näher bezeichnen, um den gleich- geschalteten Verfasser nicht ins Konzentrattonslager zu bringen, finden wir einen bezeichnenden Hinweis auf die antihitlersche Boykott-Bewegung. Es wird ausgeführt, daß es ursprünglich Waren mit der Bezeichnung„Made in Germany" überaus schwer hatten, sich im Ausland durchzu- setzen: erst als diese Bezeichnung deutlich für die Güte der deutschen Waren sprach, wurde sie zu deren Empfehlung. Nun aber wirkte sie gerade umgekehrt: Waren mit der Be- zeichnung„Made in Germany" werden nicht gekauft, gleich- gültig, ob sie gut oder schlecht seien. Es ist also die Her- kunstsbezeichnung„Made in Germany", die einmal ein Po- sitivum war, zu einem deutlichen Negativum geworden.— Daraus ergibt sich die Konsequenz— unsere Quelle spricht sie nicht aus—, die deutsche Herkunst im Ausland zu tarnen, damit der Boykott gebrochen werde. nelallmarhfe rückgängig Im September wurde die Haltung an den Metall- markten wesentlich schwächer, was um so bemerkenswerter ist, als auch das zeitweilige Abgleiten des Dollarkurses auf den Stand des Pfundes sowie die zeitweilig stärker hervor- tretenden inflationistischen Bestrebungen in den Bererniglen Staaten die Stimmung kaum zu beleben ver» mochten. Die konjunkturelle Entwicklung des Metall- Verbrauchs wies im ganzen nach unten. Auch in Deutschland zeigte der Metallverbrauch eine Abschwächung, wenngleich ein Vergleich mit andern großen Industrieländern immer noch zugunsten Teutschlands ausfällt, da sich hier die an- regende und bei allgemeiner Abschwächung auch bremsende Wirkung der Regiernngsmaßnahmen bemerkbar macht Schlechtes Rußlandgeschäft Nach der„Ostwirtschaft" wurden 1938 bisher von Rußland in Deutschland Austräge für etwas über 100 Mill. RM. ver- geben, während im ganzen Jahr 1932 die ftn«"*»« Lieferungen nach Rußland 400 Mill, ausmachten. Reldisposf Wù 01 Ein amtlicher Bericht an dem PostauSfchuß de» Deutschen Industrie- und HandeStags teilt mit: Der Brtefverkehr lag im Mai um 9 Prozent und im Juni um 13 Prozent unter den Ziffern des jeweiligen Vormonats, im Juli dagegen um 11 Prozent höher als im Juni, um im August wieder um S Prozent gegen de« Juli zu sinken. Der Fernsprechverkehr hat in der Zeit von April bis August den Stand des Vorjahres im allgemeinen be- hauptet, nach beträchtlichen Abnahmen der Fernsprechstellen zeigte sich im August erstmals eine Zunahme um 2000. jBer- mutlich für die zahlreichen neuen Behörden und saturierte Nazibonzen. Red.) Die Finanzen der Reichspost sind sehr angespannt. Die P o stsch e ck g u t h a b e n, die im Jahresdurchschnitt 1928 000 Mill, und 1932 401 Mill. RM. betrugen, waren bis zum 81. März 1933 auf 411 Mill. RM. zurückgegangen. In- zwischen dürfte eine Erhöhung erfolgt sein. Angesichts der gespannten Finanzlage ist es der Reichs- post zur Zeit unmöglich, Tarifsenkungen in größerem AuS« maß vorzunehmen. Hierfür wären Zuschüsse deS Reichs- linanzministeriums erforderlich, die jedoch infolge der schwierigen Lage deS GefamthauShaltS des Reiche» nicht bewilligt werden könnten. ..Rclgtoii der Artelt" Mit 10 v. H. Dividende Im HanbelSteil der„Kölnischen Zeitung" jNr. 581) lesen wir: Bei dem gestrigen Allgemeinen Deutschen Bergmannstag in Essen schloß der Reichswirtschaftsminister sein« program- matische Rebe mit den Worten des großen Sohnes der Stadt Essen:„Das Ziel unsrer Arbeit soll das Gemeinwohl fein, dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet." Unabhängig von diesen bedeutsamen Worten verweist die Verwaltung der Zuckerfabrik Brühl AG. in der Einleitung ihre» Berichts für das 49. Gefchäftsjahr 1932/33 daraus hin, daß sie des 50jährigen Jubiläums der Gesellschaft am 12. April d. I. durch gemeinsamen Kirchgang der Belegschaft und durch Ueberreichung eines Geldgeschenks an alle Mitarbeiter gedacht habe. Hier wie bort liegt im Grunde tiefe Religiosität der Arbeit, und man kann es nur begrüßen, wenn diese Art Religiosität der BerusSaukkassunq um och greift... Einschließlich 12 937 124 445) NM. Vortrag verbl-ibt ein erhöhter Reingewinn von 290 882 NM.<197 395 RM.), woraus eine auf 10 Prozent <8 Prozent) heraufgesetzt« Dividend« ausgezahlt wird. deutsche Stimmen JmuH pkwaht! £in heccliches QeschlecfU wollen wie züchten Bcei tmiycoHtw Von einem von ihnen „Können wir Menschen züchten!" So fragt Herr Dr. Achim G e r e k c. Sachverständiger für Rasse-Forschung beim Reichsministerium des Innern, in der„Kölnischen Zeitung"(28. Sept.». Seine Antwort lautet mit heißer In- brunst: Ja! Dann schreibt et: „Gelingt es, baß die Menschen unsrer Tage so stark und mächtig von den Ideen des Nationalsozialismus gepackt werden, daß sie danach handeln und nun nicht ein Püppchen, ein Weibchen, eine reiche Jüdin àr ein hornbebrilltes Mannweib sich zur Ehefrau aussuchen, sondern ein Mädchen, das die Mutter ihrer Kinder sein soll, die Mutter von gesunden, fröhlichen, kerndeutschen Buben und Mädchen, dann züchten wir Menschen. Die in uns wirkenden Ideen finden ihren Ausdruck in unserm Handeln. Spornen uns diese Ideen dazu an, unsere Verantwortung gegenüber dem kommenden Geschlecht, gegenüber unsrer Raste, unserm Volk zu er- füllen, dann züchtet der Nationalsozialismus— bewußt und unbewußt— ein herrliches Geschlecht, das heldisch und freiheitsliebend, deutsch in seinem Gemüt, gesund an Kör- per und Seele und nordisch in seiner Haltung das„dritte Reich" tragen und gestalten wird." Diese Anspornung zu Zuchtzwecken erinnert an das „Dopen" von Rennpferden- Man gibt ihnen eine Ein- spritzung, damit sie hitziger als die Konkurrenz zum Zielband gelangen. Ein Tröpfchen Rosenberg, eine Pille Gereke und «in Lössel Göbbels: dann kann aus jedem deutschen Parzifal ein Rassehengst werden, der eine herrliche Geschlechterfolge mit edelsten Rennstammbäumen inauguriert. Bas schmeckt! Vor uns liegt Nr. 11 des— so was gibt eS!—„G a st r o» nomischen Beobachters". Er ist da» Organ für die Belange aller Arbeitnehmer im Hotel», Restaurations» und KasfeehauSgewerbe, die als gleichgeschaltete Mitglieder im deutschen Arbeiterverband des Nahrungsmittelgewerbes sind- An der Spitze steht ein Gedicht:„Flammenschwert der A l l g e i st e r" Darin heißt eS: Erkennen sollt ihr. daß der Herr der Welten Armanen-Söhne sich zum Streit erkor,— Auf daß, wie einst— sie kühnen Muts den Neidling sollte» Und jetzt im Kampfe öffnen Walhalls Tor!— Dann wird des Lichtes Segen überfließen Und unsrer wonnigen Heimat Flur betaun,— Die Wunderblume„Goitestreu" aufs neu ersprießen Und jeder Arm am heiligen Reiche bau'n!— Drum fort mit dem. was eure Seelen knechtet? Der Allgeist ruft:„Ihr seid Mein Flammenschwert, Nach Meinem Willen werde nunmehr hart gerechtet. Denn Jndas Hohn ist seines Lohnes wert!" A. Männecke. Die Armanensöhne der Gastronomie und des Hotelgewer- bes haben, als sie dieses Gedicht lasen. Kellen und Tasten kriegerisch aneinandergeschlagen, um sich vor Herrn Männecke als Armanen-Söhne zu bewähren. Denn dieser Feinkost-Poet hat seinem Gedicht einen langen Artikel angefügt, dessen be- deutendste Stelle lautet: „Es muß euch ein namenloser Stolz die Brust schwellen, dem deutschen Volke anzugehören- Deutscher zu sein und die Mission Deutschlands zu erkennen, bedeutet aber auch eine große Verpflichtung. ES bedeutet ein ständi» ges Ringen mit sich selbst, ein unersättliches Ver» langen»ach immer größerer heroisch-sittlicher Reinheit und Vervollkommnung an Körper, Seele und Geist. Deutschland wird unter unserem Führer das Nietzsche-Wort erfüllen, daß das Ziel der Menschheit in ihren höchsten Exemplaren liegt. Darum:„Gebt Raum, ihr Völker, unserm Schritt". Aus Deutschland kommt das H e i l b e r W e l t! H- i l H i t l e r!" Dieser Größenwahn, gemildert durch Suppengrün und Bouillonwürsel, wird die ganze Welt dann überzeugen, baß eS nötig sei, dieses Deutschland„unersättlich"»u lieben. Zum Fressen nämlich! Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein, Sie zogen bis tief nach Frankreich hinein. Sir hatte« verloren ihr Baterland, Denn drüben wüteten Mord und Brand. Und in Paris haben fie sich getrennt. Ein jeder«in anderes Ziel sich nennt. Und was geworden ist aus den drei, Zu aller Nutzen berichtet hier sei: Der erste,«in ehrsamer Schneidergesell, Lernte französisch eifrig und schnell. Eines Tages war nicht länger er arbeitslos. Er vergaß seine Heimat«nd wurde Franzos. Der zweite sich täglich ins Ease gesetzt Und eifrig politischen Unsinn geschwätzt. Das Ende war immer, von srühe bis spät, Daß die branne Schmach von selber vergeht. Er tat nichts und lernt nichts und redete«nr Tagtäglich von sieben bis sieben Uhr. Er hat schließlich so lange herumdiskutiert» vis er eines Tages vor Hunger krepiert. Der dritte aber war tüchtig und schlau, Er lernt« die Sprache. Und wüßt doch genau: Bon selber ist noch kein Hitler verflossen, Und er arbeit' zusammen mit seinen Genossen Tagsüber fitzt er in seiner Kanzlei, Der Abend aber gehört der Partei. Hilst mit, was in seinen Krästen steht, . Daß die braune Nacht über Deutschland vergeh». In Frankreich die Arbeit, in Deutschland das Herz. Er stählt seine Fäuste so hart wie Erz. Und find die Tage der Mörder gezählt, Der»ritt« nicht bei der Entscheidungsschlacht fehlt. Moral: Das Leben deS Dritten soll Borbild uns sei«, Dann geht es bald wieder nach Deutschland hinein! Cnqlische Christen c Hettlich weit gelcadit! Studenten lesen keine JHüchec mehc Der Abstieg des deutschen Geisteslebens macht reißende Fortschritte. Am meisten hat darunter der B u ch h a n d e l zu leiden, denn es werden nicht nur immer weniger schön- geistige, sondern auch immer weniger wissenschaftliche Bücher verkauft. Die Krise hat sich so weit verschärft, daß einer der führenden deutschen Verleger, Dr. Oskar Siebeck (Tübingen», im„Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" soeben einen sehr ernsten Mahnruf erläßt. Siebeck weist in seinen Ausführungen, die auf einen geradezu erschreckend pessimistischen Ton gestimmt sind, darauf hin, daß zu den übrigen schweren Sorgen des Ver- lagsbuchhandelS eine neu« getreten sei: in allen Sparten sinke der Absatz gerade der g a n g b a r st e n wissen- schaftlichen Werke, der Kompendien und anderer Studentenbüchcr weit stärker, als man nach dem be- ginnenden Abebben der Hochschulfrequenz vermuten könnte. Siebeck sieht«inen Hauptgrund dafür, daß die S t u- dente n sich zunehmend vom Bücherkauf abwenden, in ihrem erstarkten Interesse für die kör- perliche Ertüchtigung. Erfahrene Buchhändler aus den verschiedensten Universitätsstädten berichteten überein- stimmend, daß die Jung-Akadcmiker das, was sie sonst aus ihrem Wechsel für die Anschaffung von Büchern erübrigen konnten, nün für sportliche Zwecke verbrauchten. Nun, da» paßt genau zum Bilde einer Studentenschast, Ureter offiziell erklären, sie wollten keine wissen- »chaftliche, sondern eine militärische Ausbildung, das patzt zu jenen Professoren der einst geseierten deutschen Hoch- !u fc?'»'&*«" Nuhm nicht mehr in wissenschaftlichen Großtaten, sondern in Gepäckmärschen suchen Aber bezeichnend für den hündischen Geist des deutschen Bürger- tums ist es, wenn das gleiche„Buchhändler-Börsenblatt" trotz dieser niederschmetternden Resultate des„dritten Reiches an anderer Stelle so tut, als sei am geistigen Ver- ?" pichen Kultur der frühere, noch nicht gleich- ^schaltete Buchhandel des freien„liberalistischen" Zeitalters »uld Jn einem Artikel„Mut zur Selbstkritik" wird näm- lich gesagt: Kultusminister Ruft sagte: Die Buchhändler haben sich dem Terror der undeutschen Verlage zu wenig entgegengestemmt. Dieses Wort trifft in der Tat den Kern ves Problems, das uns so schwer zu schaffen macht. Irgendwer muß doch die Hunderttausende und Millionen von Bande der Werke der Herren Feuchtwanger Wasser- m a nn. Heinrich Mann.KlausMann. Tucholsky usw.(Die zwölf Schlimmsten wurden vor einiger Zeit ja vom deutschen Buchhandel in aller Oefsentlichkeit in« ch t und Bann getan» WS Publikum vermittelt haben... r.*?"fang des Bessermachens beginnt daher allein damit. « wir selbst uns dazu einsichtsvoll bekennen und daß wir »ugeben. wenn eS uns auch noch so schwer fallen mag: ja durch unsere Hände ging der ganze Dreck und wenn wir unS nachträglich die Hände auch gewaschen habe», angefaßt haben wir den Dreck doch ein» Mât. Ein Bild für Götter: die Buchhandlungen veröden, im leeren Laden aber stehen die Buchhändler vorm Spiegel und spucken sich selber an, weil sie früher„Dreck", d h. wertvolle künstlerische Bücher verkauft haben. Derweil verstaubt auf ihren Regalen das„Gold", das sie zu vertreiben gezwungen sind: Horst-Wcssel- und Schlagetcr-Romane. Und die wissen- schaftliche Literatur kauft auch keiner mehr, denn es sind ja „herrliche Zeiten". UneinhoChac n In der„Berkshire Post" machte ein englischer Pastor«inen Berteidigungsversuch für den Hitlerismus. Darauf ant» wartete sofort die„C h u r ch T i m e s"(Zeitung der Anglo- Katholiken» mit einem Protest ganz allgemein dagegen, daß ein Pfarrer sich findet, der Hitler verteidigt. U. a. wird ge- sagt:„Daß solch eine Verteidigung von solcher Stelle über- Haupt möglich ist, zeigt, wie wichtig es ist, daß das Kirchen- volk sich ganz klarmachen muß, baß die Nazirevolution die Existenz der für die christliche Zivilisation fundamentalen persönliche» Freiheit bedroht. Die Nazirevolution ist unsagbar barbarisch in ihren Methoden, vollkommen unchristltch in ihrer banalen Philo» sophie, und es ist gewiß, wenn das Naziregime bleibt, bringt es einen neuen Krieg oder im besten Falle zwingt es Europa, in ständiger KriegSsurcht zu leben. Es ist etwas erschütternd, daß sich«in englischer Kirchen« mann fand, in Verteidigung der Nazis zu schreiben. Tortur, Mord und Brandstiftung sind sicher drastisch- Ob sie aber Heilmittel sind, daS ist eine ganz andere Frage."— tt Aus Göbbels Superlativfabrik Die Ufa hat einen Propagandasilm für die Nazi» gedreht, H}(XZU HOch Jichte? „Hitlerjunge Quex", ein geistesarmeS Tendenzwert, da» den Kampf der hakenkreuzlerischen Engelsgestalten gegen die Brut deS marxistischen UntcrmenschentumS verherrlicht. Der Propagandachef(des Reiches, nicht der Ufa» Göbbel» bat ihr dazu einen Glückwunschbrief verfertigt, in dem auch die folgenden schönen Sätze enthalten sind: „Ich sehe in seiner(des FilmS» Gestaltung den ersten schlagkräftigen Beweis für die von m i r in meiner An« spräche vor den Filmschassenden im Laiserhos am tt. März dieses Jahres dargelegte These, daß, wenn Kunst und Eha« rakter sich miteinander vermählen und eine hohe, ideelle Gesinnung sich der lebendigsten nnd modernsten filmischen AuSdrucksmittel bedient, ein Resultat gezeitigt werden kann, daS der deutschen Filmkunst der ganzen Welt^ /v% gegenüber einen fast«neinholbaren Borsprnng einräumen^cjt-flotl£6(4 Ja, der Größenwahn der Göbbels und Konsorten,— der hat allerdings der ganzen Welt gegenüber einen„uneinhol» baren Vorsprung". Die„Königsberger Hartungsche Zeitung" meldet: A l l e n st e i n. Die Fichte-Gesellschast, Orts- gruppe Allenstetn, hat ihre Tätigkeit e i n g e st e l l t und den Mitgliedern empfohlen, sich dem Kampfbunb für deutsche Kultur anzuschließen. Anscheinend hat es sich auch schon im„dritten Reich" herum- gesprochen, daß das Wort„Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt", eine der ethischen Forderungen des großen Philosophen Fichte ist- Deshalb fort mit der Erin- nerung an diese„Jntelligenzbestiel" Jheatec dec Jugend Herbert Maisch Unter dem Vorsitz des Leiters des Amtlichen Preußischen Theaterausschusses, Staatskommissar Hin tel, sand im Preußischen Herrenhaus eine Besprechung über das „Preußische Theater der Jugend" in Berlin statt, zu der die zentrale-Schulverwaltung der Reichshauptstadt eingeladen hatte. Vor über A>0 Schulleitern und Vertretern der zu- ständigen preußischen Ministerien und der Groß-Berliner Schulen sprach Staatskommissar Hinkel über Sinn und Aus- gäbe des neugegründeten„Theaters der Jugend". Der be- stellte künstlerische Leiter der Bühne, Intendant Herbert Maisch, entwickelte anschließend seine Absichten über die künstlerische Führung des Theaters tm Sinne des nationalsozialistischen Staates. » Herbert Maisch war einer der begabtesten jüngere, kheaterleiter und zuletzt Intendant in Mannheim. Nach dem > März mußte er abtreten, weil er gewisse rechtsradikale Einflüsse auf das Theater abwehrte. Jetzt ist er in Görings and Hitler» Gnadenhimmel wieder aufgenommen worden und wirkt„im Sinne des nattoualsozialistischtn Staates". Bei der Premiere de» Film»„Da» häßliche Mädchen" im Atrium, in dem der Schauspieler MaxHansen eine Haupt- rolle spielt, kam e» zu einem Skandal gegen den Schau- spieler- Später wurde durch Rückfrage beim TtaatSministe» rium und Polizeipräsidium festgestellt, baß Hansen Däne ist. * Pros. Aloys Schaidt, seit Jahren Nazimann, der»um kommissarischen Letter der Berliner Nationalgalerie berufen wurde, ist mit Rede» und Schreibverbot belegt worden, nach- dem er von angekündigte» sechs Verträgen einen gehalten hatte. Di« gedrillten Gehirne der Nazi-Anhänger protestier- ten gegen seine kultiviertere Kunstausfassung. » Die Frankfurter Zettschrift„Freie Volksbildung", der ihr Gleichjchaltungsversnch nicht» half, hat ihr Erscheinen ein- gestellt. Begründung: Die„Auflösung und Wandlung, in der sich das BolkSbildungsivesen Deutschlands t m Augen- blick befindet". O Der VolkSbund für GetsteSfreiheit, Dach- organisation der freireligiösen Gemeinden Deutschlands. Mit- glicd des freigeistigen Kartells, ist jetzt ebenfalls gleich- geschaltet worden. Er nennt sich nun Deutsche Glau- benSgemetnbc. Führer ist Professor Hauer, Tübingen. Ob es gelingen wirb, die Organisation in der neuen Form zu erhalten, ist allerdings eine andere Frage. DAS DSDNT NUMMER 90- 1. JAHRGANG TAG LI CHE UNIE RH ALT U N G S B EIL AGE MITTWOCH, DEN 41. OKTOBER 1933 Die durstigen Weiber von Diograd* ieb* s» aar im Merbsi Unser Schiff ist klein und alt. Fast dreißig Jahre lang hat es sich unter der Flagge des alten Oesterreich geplagt. Plötzlich, im Jahre 1919, hat man es dann neu angestrichen und umgetauft. Stolz trägt es jetzt die Flagge des König- reichs Jugoslawien. Aber trotz neuer Anschrift, trotz Lack und neuer Flagge wird das Schiff nicht jünger. Und daß es alt ist, spürt man bei jedem seiner Manöver. Bei der Be- wegung der Schiffsschraube fühlt man so etwas wie einen Preßluftbohrer im Magen. Alles lechzt nach Wind. Seit vier Wochen ist kein Regen niedergegangen, und seit einer Woche haben wir keinen Wind gehabt, nicht einmal ein Lüfterl. In Ragusa glaubten wir die Luft mit dem Messer schneiden zu können. Sonne, Sonne und wieber Sonne über weißen und grauen Steinen, die sie tausendfach wieder zurückstrahlen. Glühende Häuser und Straßen, über denen die Luft zittert. Das ist die einzige Art der Luftströmung, sonst ist alles tot. Jetzt, weiter draußen im Wasser, genießen wir einen Windhauch. Das Schiff aber nähert sich wieder dem Land. Mitleidig sehen wir auf einer Insel kroatische Bäuerinnen bloßfüßig gehen. Wir steuern dem Lande zu. Ein Gluthauch umfängt uns. Wir sehen kahle Berghänge, einen weißen Molo und ebenso helle Häuser, die von der Sonne grell beleuchtet werden. Es blendet. Wir schließen die Augen. Wir öffnen sie wieder und sehen, daß sich am Ufer eine große Menschen- menge angesammelt hat. Wir landen. Am Molo stehen etwa fünfzig Frauen und ein Mann. Fttnfzig Frauen von fünf- zehn bis sechzig Jahren, eine starre Masse von blauen und grauen Röcken und Schürzen, Krauen mit harten Ge- sichtern, harten Muskeln und harten Fäusten. Sie halten Bottiche und Kübel. Schwer ist ihr Gang, rauh ihre Stimme. Aus ihren Gesichtern spricht Arbeit. Halt! was geschieht? Der eine Mann— es ist ein Sol- dat— sagt etwas. Wir nehmen an, daß es so etwas'wie unser„Zaarrruck!" heißt. Und wirklich— der eine Mann hält fünfzig handfeste Bäuerinnen im Schach. Fünfzig Bäuerinnen, die wie Amazonen aussehen und die mit hundert Kübeln bewaffnet sind. Ein Mann! Aber dieser Mann hat ein Bajonett. Aber es zeigte sich, daß die Weiber gar nicht rebellierten. Der Soldat sagte nur sein serbisches„Zaarrruck!" und die entschlossenen Gesichter der Frauen hatten die Entschlossen- heit schon verloren. Da zupfte eine verlegen an der Schürze, dort hatte eine Tränen in den Augen und viele lutschten an den Fingern. Sie wichen zurück, die fttnfzig Bäuerinnen, vor dem einen Soldaten, der doch dieselbe Sprache spricht wie sie, und der genau so ein Bauer ist wie ihre Männer. Aber die Uni- form! Sie waren kleinlaut, die großen Bäuerinnen mit den platten Gesichtern und den breiten Nasen, mit ihrer Kraft, wit ihren breiten Hüften. Was wollen sie eigentlich, die Weiber von Biograd? Vorn stand eine, die blieb ungebeugt und wich nicht zurück. Sie trug ihre Bottiche wie ein Athlet. Laut ließ sie ihre rauhe Stimme erschallen:„Gospod Kapitano, dajte woda, woda!" Und die Menge der Frauen siel ein:„Woda, woda!" Schürzen flatterten und Zipfel von roten Kopftüchern. Das ganze sah aus wie eine große revolutionäre Massenszene in moderner Inszenierung. Der Soldat wies die Sprecherin zurück. Diese aber wollte nicht kleinlaut werben, sie verlegte sich aufs Schmollen und aufs Betteln. Von der andern Seite kamen jetzt Kinder mit Gefäßen daher und auch sie riefen:„Woda!" In der Mitte aber stand der Soldat und hielt alles im Schach. Hafen- arbeiter und Matrosen umstanden die Gruppe, doch sie er- griffen nicht Partei. Aus dem fortgesetzten Betteln der Sprecherin entnahmen wir dann, worum es sich handelte. „Bitte Herr Kapitän, geben Sie uns doch Wasser!"— „Nein!" kam die Antwort.„Herr Kapitän, Sie haben soviel Wasser am Schiff!"—„Nein, es geht nicht!"—„Bitte Herr Kapitän, wir haben soviel Durst! Wir haben solange kein Wasser gesehen!" Und die Frauen mit ihren rauhen Stimmen kielen ein: „Woda, woda!"—„Nein!" kam die Antwort,„wir fahren doch nicht her, um Wasser zu transportieren!" Die Sprecherin ließ nicht locker, bat weiter.„Trinkt Wein!" sagte der Kapitän.—„Immer kann man nicht Wein trinken und mit Wein kann man nicht kochen! Gebt uns doch Wasser!" Einige Mädchen gebärden sich wie hysterisch, sie kreischen: „Woda, woda, woda, woda, Kapitano!" Fünf Minuten vor der Abfahrt ließ sich der Kapitän er- weichen. Ter Soldat ließ ein Weib nach dem andern das Schiff besteigen. Die Bäuerinnen liefen. Die Sprecherin voran, nun pumpte sie wie auf Leben und Tod. Man sah ihre Muskeln arbeiten, alle sollten doch noch Wasser be- kommen! Ein Piffl Das Schiff wirb sofort fahren. Ueber die Hälfte hat noch kein Wasser erhalten. Die Frauen, die noch aus dem Schiff sind, springen ab. Tie Dreißig, die nichts er- ringen konnten, stehen nun traurig am Ufer. Sie schreien nicht, sie rebellieren nicht. Sie lutschen nur an den Fingern und lassen sich willig von dem Soldaten vertreiben. Nur die Sprecherin macht ein klägliches Gesicht. Ihre Züge bleiben hart und entschlossen. Vielleicht ahnt sie, daß da doch etwas nicht in Ordnung ist, wenn man sie ver- dursten läßt, während- da draußen Panzerschiffe und U-Boote üben— nicht in Ordnung, wenn man Soldaten gegen Weiber schicken muß. Trotzig steht sie da. Dann verschwinden die Weiber von Biograd im heißen Dunst. G. Oswald. {in fommerver^nü^en Von Anton Tschechow Ter Vermessungsbeamte Tschudakow und ein gewisser Cosinussow schwammen vorsichtig zum Frauenbadehäuschen. Sie wählten die breiteste Ritze aus und spähten. „Sie muß hier sein," flüsterte Cosinussow:„aber ich sehe sie nicht." „Aber ich sehe sie... Sie liegt dort rechts im Winkel auf dem Badetuch..." „Ja, ja... jetzt sehe ich sie.,. Donnerwetter.. „Sie ist voll." „Das finde ich nicht... To mittelmäßig... Eben noch recht... Wie könnte man sich bloß an sie heranmachen?" „Lieber Freund, sie ist nicht der Mühe wert... Soll sie der Teufel holen!" „Es wird niemand erfahren... Mischa, ich schwimme unter der Planke durch..." „Du wirst dir nur den Schädel einschlagen.., Tu's nicht!"..." „Dann klettere ich drüber, wenn du meinst." Cosinussow stellte den Fuß auf einen Querbalken und kletterte hinüber... * Die Augen Tschudakows, der von der Ritze nicht wich, brannten vor Neid... » Aber um den Leser nicht noch mehr zu enttäuschen, will ich schnell Schluß machen: es handelte sich um eine Flasche mit Schnaps, mit dem eine Stunde vorher Cosinussows Mutter sich nach dem Bade massiert und den sie im Bade- Häuschen vergessen hatte. Moral: auch junge Leute können schon Alkoholiker sein. iAuS dem Russischen übersetzt von Boris Srotkow und Georg« S. Stoeßler.) Sie sitzen im bestqubten Wirtshausgarten» Aermlich geputzt, mit ängstlichem Gesicht, Noch ungelöst von ihrem scheuen, harten, Bedrückten Alltag, blendet sie das Licht. Sie sitzen still und wissen nichts zu sagen, Sie ißt ein Gulasch und sie schämt sich so. Er schwitzt im ungewohnten steifen Kragen, Und sie ist Hausgehilfin irgendwo. Sie lächelt stolz aus ihre neuen Schuhe, Für die sie lang vom Monatslohn gespart— Tie Arbeitshanb, in selt'ner Sonntagsruhe, Faßt nach der seinen ungelenk und zart. Das letzte Blühen überfließt von Farben, Sie blickt ins Glas in wundersamem Traum— Ein welkes Blatt von denen, die heut' starben. Wirst sanft in ihren Schoß ein müder Baum. Wann tauefit eine musikatisdke Erinnerung auf? Die Tatsache, daß vergessene musikalische Motive ohne jeden äußeren Anlaß wieder in die Erinnerung treten, hat zwei deutsche Gelehrte veranlaßt, diese Erscheinung zu be- obachten. Es wurde dabei die interessante Feststellung ge- macht, daß die Erinnerung an bestimmte musikalische Ein- drücke nach einem gewissen Zeitraum am lebendigsten ist. Dieses Zeitmtervall soll sechsundvierzig Stunden betragen. Es gibt aber auch Menschen, die sich in der dreiunb- zwanzigsten Stunde nach dem musitalischen Erlebnis spontan und am stärksten daran erinnern. Tie Ueberprüfung dieser interessanten Erscheinung wurde an zweihundert Musikern vorgenommen, an denen die Periodizität der musikalischen Erinnerung ihre Bestätigung fand. Xadken nidkt verlernen Namenlose Ausregung Richter:„Wie sind Sie bloß dazu gekommen, bei Ihrer Verhaftung einen salschen Namen anzugeben?"— Ange- k l a g t e r:„Herr Richter, ich habe mich dabei so aufgeregt, daß ich mich selbst nicht mehr kannte..." Schreckliche Reue Ein Junge hatte Schuhe gestohlen. Für sich. Ein Paar. Der Ermahner mahnt:„Schande haben Sie über Ihre Familie gebracht, im Gefängnis müssen Sie jetzt zwei Wochen sitzen. Ihre Stellung haben Sie verloren-" Seufzt der Reuige:„— und zu eng waren sie auch." Schreibmaschine» Schreier verkauft Schreibmaschinen. Alte, ältere, noch ältere und ganz alte Schreibmaschinen. Moll besieht ein Modell aus Großvaters Tagen „Ist die Maschine wirklich gut?" fragt Moll. Schreier nickt:„An der ist nicht zu tippen." Aus der„Welt im Bilde" Diagnose Der Arzt untersucht den Kranken. Drückt die Zunge mit einem silbernen Lössel. „Ihr Mann hat eine Kur in Kissingen gemacht?" sagte er bann. „Ja. Woran sehen Sie das?" Der Arzt antwortete: „An der Gravierung„Palast-Hotel, Kissingen"— aus de« Lössel." ROUAN VON IONAZIO StLONE Es gab wenig landlose Cafoni in Fontamara. Tie waren verachtet und bei allen schlecht angeschrieben. Sie galten überall als besonders unfähig, besonders unwissend, beson- ders dumm, besonders träg und in vielen Fällen rechtfertig- ten sie tatsächlich dieses Urteil. Aber in den letzten Jahren war ja alles anders geworden. Kein kleiner Bauer unserer Gegend hatte sein Land vermehrt und kein Tagelöhner Land erworben: im Gegenteil, es gab viele kleine Grundbesitzer, die von ihren Gläubigern enteignet und wieder zu Besitz- losen heruntergebrückt worden waren. Sogar reiche Bauern waren zu Cafoni herabgesunken. Man konnte von Berardo Viola sagen, was man wollte, aber man konnte nicht leug- nen, daß er an Kraft und Verstand den anderen Fontama- resen überlegen war- Wenn es ihm nicht gelang, die kleine Summe zum Erwerb eines Stückchen Landes zusammenzu- bringen, so hieß das einfach, daß die Zeiten vorbei waren, in denen landlose Cafoni Grundbesitzer werden konnten. Zu Beraröos Los waren die meisten jungen Leute von Fonta- mara verdammt., Wenn sich auch die Zeiten verändert hatten, die öffentliche Meinung hat sich nicht geändert. Der landlose Cafoni blieb verachtet und Berardo konnte sich damit nicht abfinden. Er hatte immer gehofft, durch einen mehrjährigen Aufenthalt in Amerika oder durch Arbeit in anderen Gegenden Italiens zu Land zu kommen, aber es war ihm nie gelungen. Ange- sichts der drohenden und unvermeidbaren Eheschließung fühlte er sich für sein ganzes Leben zu einem elenden Dasein verdammt. Einen Ausweg gab es nicht. Ueber den einzigen Ausweg, über die Arbeit in der Stadt, erhielten wir unverhofft Nachricht von einem, den niemand von uns in Fontamara erwartet hatte. Es war ein buckliger Alter, halb Cafoni, halb Städter, oder besser gesagt, ein in der Stadt umgekrempelter Cafoni, der, als er mit seinem geschulterten Koffer auf dem Platz von Fontamara erschien, von uns zunächst für einen jener Wanderprediger gehalten wurde, die herumziehen, die Ernte prophezeien, Seuchen abwenden, Vieh und Frauen vom bösen Blick heilen und den wahren Balsam für Hühneraugen ver- kaufen. „Woher kommst du, und was weißt du?" fragte ihn Gene- rale Baldiffera, der, als jener an seinem Laden vorbeiging, aus Neugier gefolgt war und Marietta Sorcanera, Michele Zompa. Berardo Viola und mich hatte rufen lassen. Der Alte schleppte sich bis in die Mitte des Platzes, stellte seinen Koffer hin, setzte sich darauf wie einer, der nie wieder aufstehen wird und antwortete: „Niemand prophezeit in seinem Vatcrlande..." Wir verstanden nicht gleich, was er sagen wollte. Er sah merkwürdig aus- Der Kops eines Kindes, zwei er» schrockene Augen, ein altmodischer Knebelbart. eine riesige, schwammige Säufernase, aus der, hätte man sie aufgedrückt, der Wein verschiedener Generationen geflossen wäre- Aus dem Kopf trug er einen steifen Hut: er hatte eine Jacke an mit Samtkragen und zwei Reihen glänzender Knöpfe, dazu graue Soldatenhosen. „Prophezei uns etwaS, aber umsonst," bat ihn Michel«. „Nur Geduld..- Zuerst müßt ihr Giuditta Goriano holen," antwortete der Alte. 1 „Die ist schon Staub geworden." antwortete Michele. Wir lachten, weil sich der Alte in dieser Sache bereits als schlechter Prophet erwies. „Wenn Giuditta tot ist, dann holt mir Berardo Goriano," verlangte er nun. „Berardo Goriano ist auch tot. schon seit Anfang deS Krieges," antwortete die Sorcanera. „Und Peppino Goriano?... Ist der auch tot?" fragte nun grimmig der Prophet- Darüber waren die Meinungen geteilt-.Die Sorcanera, die in ihrer Jugend auch mit Peppino Goriano geschlafen hatte. bestand darauf, baß er in Rom gestorben sei, chährend Baldis» sera mehr dazu neigte, daß er in Rom Geld gemacht, eine ver- mögende Frau geheiratet und darüber den Namen feines Geburtsortes vergessen habe. Da hob der Fremde den Kopf und sagte: „Jetzt will ich euch die wahre Geschichte deS Peppino er- zählen: Im Jahr von König Umbertos Mord zog er von Fonta- mara nach Rom.-. Wie viele Jahre mögen das her sein?.. Die Rechnunaist leicht: vom Tod des Umberto bis zum Kome- ten, der nach dem Kriege von Tripolis austauchte, vergingest an die zehn Jahre: vom Kometen bis zum Krieg von Trieft waren es wieder fünf, macht also fünfzehn Jahre: der triesttner Krieg dauerte vier oder fünf Jahre, macht also zwanzig: bann regierten die Roten fünf Jahre lang, macht fünfundzwanzig, dann kam die Zeit der Ordnung, die schon sieben Jahre dauert und von der alle hoffen, daß sie bald aufhört, und daß statt dessen vielleicht die Türken kommen, aber sie hört nicht aus, von Türken ist keine Spur und das macht fünfunddreitztg. Peppino Goriano ist auf der Jagd nach dem Glück vor fünfunddreißig Jahren nach Rom gezogen in der Absicht, gleich nachdem er eS eingefangen, nach Fontamara zurttckzu- kehren, um ein löjähriges Mädchen, das er liebte, und daS damals Marietta Sorcettonero hieß, zu heiraten-.." „Hier," unterbrach ihn Marietta errötend. „Unmöglich!" rief der falsche Prophet und musterte die Frau vom Kops bis zu den Füßen. Wir standen für sie ein und der Prophet schwieg verwirrt und verlegen. Nach einer langest Pause erzählte er endlich die Geschichte weiter- „Peppino Goriano rechnete damit, in einigen Jahren ei» Vermögen zu machen... In Rom fand er auch gleich im Institut der„Fate-bene-fratelli" eine Stelle als Küchen- junge, aber reich wurde er dabei nicht. Er arbeitete vierzehn Stunden am Tag, erhielt Essen und Bett, aber nichts zu Trinken. (Fortsetzung folg«4 AMU'l'A. tiill #//'■ ..i.iJliUlil à iii iii*::iin: âa .,1'UU'.lull Uli,.lUiilW-s'l In Warnm schreit keiner? (Von Lot Anker Der nachstehende temperamentvolle Aufsatz übt Kritik auch an unserer„Ruhe". Der Verfasser hat vermutlich nie eine Zeitung geleitet und unter- schätzt daher die Grenzen, die auch aggressivsten Kampfnaturen, nicht zuletzt durch die Gesetz- gebung, gezogen sind. Er hat aber recht mit der Forderung, daß wir uns nicht an die Zustände in Deutschland gewöhnen dürfen. Darum geben wir dieser aufrüttelnden Zuschrift Raum. In Situationen, wo es um Lebenswichtiges geht, muß fede Art von Pathos doppelt gewogen werden. Es gibt echtes und falsches Pathos. Und daher bitte ich Euch, Genossen im Kampf, Genossen der Emigration, Kollegen der Feder: steigt von den Kothurnen herab! Mit welch fleißigem Bedacht registriert Ihr die Morde der Nazi- brut. Wie unnahbar kühl verfolgt Ihr die Taten des braunen Terrors. Jeder Totschlag, jede Schändung, jede Untat an deutschem Kulturgut: Ihr ordnet alles ge- wissenhaft und ordnungsliebend in Kartotheken. Alles wird von Euch sorgsam gebucht, und nach des Tages Müh und Last zieht Ihr am Abend resigniert das Fazit: ein Volk, ein Land geht in Trümmer, möge es sich doch eines Besseren besinnen. Möge es doch.... Verflucht Eure Konjunktive! Verflucht Eure bürokra- tische Pedanterie! Verflucht Eure Wichtigtuermienen. Euer altkluges Stirnrunzeln. Eure Selbstberuhigungs- pille, daß„einmal der Bogen überspannt ist"! Steigt von den Kothurnen herab: abscheulich ist in diesem Moment, wo Hunderttausende unserer deutschen Volksgenossen(und w i r dürfen ihnen diesen Namen mit Recht geben und ohne in den Verdacht der Heuchelei zu geraten) von den Totschlagssöldnern des Reichskanzlers gemordet, gefoltert, geschändet, entwürdigt, gepeitscht und bedroht werden, der ungebrochen selbstsichere, arro- gante Ton Eurer journalistischen Routine, die sich„prin- zipiell" durch nichts aus der Ruhe bringen läßt. Steigt von den Kothurnen herab: denn Eure routinierte Schreibtisch-Gelassenheit, die automatenhaft wie ein Seismograph alles registriert und verbucht(oh, Ihr seid so fleißig, so beflissen, so„up to äste"!),— sie ist nichts als Pathos, schlechtes Pathos, fruchtloses Pathos, ge- schminktes Pathos: das Pathos der Routine, hinter der sich ein mühsam verhaltenes Gähnen verbirgt. Ihr seid so klug, Eure Prognosen und Perspektiven sind so durchdacht, Eure Theorien so den Nagel aus den Kopf treffend. Gut, ich unterschätze nichts von dem. Aber wenn Ihr jetzt lächelt und jagt, ich sei ein Schwärmer, so störe ich mich nicht daran. Denn indem ich Euer seniles Pathos verabscheue. Euer Pathos unablässiger Betrieb- samkeit, für das die vielen Toten des„dritten Reiches" zwar bedauerlich, aber doch nur„Fälle" sind, dazu an- getan. Euer säuberlich geführtes Schuld-Register zu füllen, indem ich Eurem Pathos nicht glaube, weil es nicht spontan, weil es so gewohnt ist wie die Leichen- bittermiene des Herrn vom Bestattungsinstitut, fordere ich von Euch das echte Pathos des Kämpfers, das in diesem Augenblich furchtbarsten deutschen Leids mehr als Pathos, mehr als das zweifelhafte Wimmern des Pfaffen am offenen Grabe, das ein aufrichtiges, genöffifches Mit- leiden ist. Tätiges Mitleid: darf man diese Worte— in unseren Reihen— heute nicht mit Fug aussprechen, ohne einer Phrase geziehen zu werden? Wer von Euch, der einst drüben in Parteizellen gearbeitet, in Versamm- lungen der Klassengenossen gesprochen, in genössischem Kreis diskutiert hat, in unabsehbarer Demonstrations- masse marschiert ist, fühlt nicht jeden Mord, iedes„Auf der Flucht erschossen", jede Qual begangen an einem der Unsrigen als unfern Mord, unsere„Flucht", unsere Qual? Ich gestehe: vor diesem grausigen Entsetzen, das der braune Terror der Hitler-Garden verbreitet hat, vor den namenlosen Verwüstungen, die er in diesem einst blühen- den, diesem wundervollen Land, das Deutschland heißt, angerichtet hat, vermag ich einem Gefühl, das ich mit Stolz und ohne Wimperzucken Pathos nenne, nicht zu wehren. Es ist kein Pathos der Opernsänger oder Bühnentragödien, es ist das Pathos des wild Gequälten, des hinter Gittern(jenseits der heimatlichen Grenzen) Kämpfenden, es ist das Pathos, das zugleich Körper- haften Schmerz und seelische Pein birgt. Und vor diesem Pathos versinkt die retuschierte Pathetik des routinierten Tagesreporters ins Nichts: denn es ist das Pathos des mit den Leidenden untrennbar Vermählten, das aus mir spricht und zu dem ich um so offener mich bekenne, als ich das mitleidige Achselzucken der„Kenner"-jetzt spüre, für die„unter zehn Toten nicht gefettet wird", für die seelische Erschütterung nur eine schlechte Romanphrase — oder auch„ein bürgerliches Vorurteil", ein Intellek- tuellen-Komplex, kurz: etwas Gegenrevolutionäres ist. Und trotzdem schäme ich mich meines Pathos nicht: denn >ch bin(andererseits) ja auch wieder nüchtern und un- pathetisch genug, um die Heldenrolle, die gewisse Partei- trmnpeter ihren aufs Schafott tretenden Genossen an- dichten, als schlechte Kulisse zu empfinden. Gewiß, es ß f 1!}? mitrbige Haltung revolutionärer Kämpfer auch angesichts des Todes und des Richtbeils. Aber ich schreibe keinem von den Hitlerbestien zum Galgen geschleppten deutschen revolutionären Arbeiter vor, mit einem„Rot Front!" auf den Lippen zu sterben: dies mag zwar im Einklang mit der Hybris des Proletkults sein, aber es »st keineswegs im Einklang mit der tiefen Menschlichkeit gerade der marxistischen Lehre. Humanitätsduselei? Krokodilstränen? Nein:„Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst." Diesen Satz schrieb Karl Marx. Und wenn ich. täglich, von der offiziellen und inoffiziellen Henkertätigkeit des„dritten Reiches" lese und höre, so fühle ich die lähmende Todesangst der letzten Mi- nuten unserer auf dem Felde der proletarischen Ehre zum Meuchelmord verurteilten Genossen mit. Deutschland ist zum Schauplatz offiziell sanktionierter und angeordneter Bestialitäten geworden, es ist Balkan, es ist Menschenfresserei, es ist scheußlichster Atavismus, was dort passiert, es ist die abscheulichste Form der faschistischen Gewaltausübung. Niemand von uns konnte erwarten, daß die Welt deshalb stille steht, daß die Ge- schäftemacher deshalb aufhören, ihren Geschäften nach- zujagen, daß diese oder jene europäische Macht dem deutschen Unwesen ein Halt gebieten würde. Laßt alle Schandtaten im Konzentrationslager Wie Abgeordneter Heilmann miAhandelt wurde Auf unserer Rebaktion erschien Herr S. Silbermann, der sich bei uns vollkommen legitimierte, auch die Spuren seiner körperlichen Mißhandlungen vorwies und dann fol- gendes zu Protokoll gab: „Ich war vom 21. bis 28. April d. I. mit meiner Truppe „Saradows-Ballett-Revue" in den Schauburglichtspielen in Essen engagiert. Ein Mitglied meiner Truppe war am 22. April im Turmhaus— Kreisleitung der NSDAP.— und veranlaßte meine Denunziation, weil ich einer meiner Damen des Balletts verboten hatte, im Dienst das Parteizeichen zu tragen. Am SamStag, dem SS. April, kamen einige uniformierte SS.-Leute und haben mich dort verhaftet, brachten mich mit dem Auto nach der Herkuleswache. Die- selbe ist eine im ganzen Rnhrland berüchtigte SS.-Wache und wird genannt die„H e r k n l e s- M ö r d e r g r u b e". Dort wurde ich mißhandelt. Der Mund wurde mir zugestopft mit Kieselsteinen und mit Lappen, ich wurde über einen Tisch ge- bnnden und fürchterlich ans den nackten Körper mit G u m m t sch l ä n ch e n und mit Fahrrad» ketten geschlagen. Dann wurde ich nach dreiviertel- ftündiger Mißhandlung in der Garagehalle aus Stroh ge- worsen«nd abgeschlossen. Mit großer Mühe konnte ich durch ein offenes Fenster entweichen, wo ich auf der. Straße zusammenbrach und darauf vom Polizeirevier 1 nach dem stäbtischen Kranken- haus gebracht wurde. Ich lag da 14 Tage lang aus Sta. 7, Z. 280. Nach 14 Tagen wurde ich entlassen und gleich in Empfang genommen von Kriminalkommissar Beyer und wurde abgeführt noch in den Krankenhauskleidern. 2 Tage, nachdem ich mich im Krankenhaus befand, kamen SS.-Leute in meine Wohnung und nahmen meine Privatsachen restlos mit! Nach 7wöchiger Haft, während welcher keine Vernehmung erfolgte, wurde mir am 22. Juni in die Zelle gerufen: Fertigmachen zum Transport! Ich wurde mit noch 45 Mann, die meisten aus Essen, im Gefängniswagen nach der Bahn transportiert, wo uns schon eine große Menge von Polizeibeamtcn erwartete und uns an der Bahn einlieferte. Wir fuhren dann zirka 7 Stunden bis Dörpen(Emsland), wo wir ausstiegen und in Empfang genommen wurden von SA.-Leuten und einigen Polizisten. Wir liefen 16 Kilometer und gelangten in das Konzen- trationSlager Börgermoor b. Papenburg. Das Konzentrationslager Börgermoor ist gelegen in ödem Sumps- und Moorgediet, weit entfernt von jeder mensch- lichen Siedlung, ist eingegrenzt mit Stacheldraht und bestand aus zwei Baracken. In der einen waren die SS.-Leute und in der zweiten die Gefangenen untergebracht. Die Gefau- genen wurden bei ihrer Ankunft der Reihe nach verlesen und in ihre Zellen untergebracht. Mein Name folgte an fünfter Stelle. Ich bin Jude. Bei der Verlesung meines Namens brachen die SS.-Leute in Freudenrufe aus, wie:„Ah, endlich einer!" Eine Wassersuppe diente als Nachtessen, worauf wir, sehr müde wie wir waren, auf unseren Strohsäcken einschliefen. Um 2 Uhr nachts ging der Ruf durchs Lager:„Ausstehen!" Draußen regnete es in Strömen. Alle mußten raus und ohne Nahrung bis 6 Uhr morgens Steine abladen. Dieser Vorgang in der Nacht war eine besondere Schikane. Der normale Tagesverlauf ist folgender: 5 Uhr Wecken, 5.3U Uhr schwarzer Kaffee und trockenes Brot. 7 Uhr Antreten zur Arbeit im Moor bis 11.30 Uhr. Um 12 Uhr ein sehr mageres Mittagessen, Gemüse und Fletsch gab es nicht. 1.30 Uhr bis 7 Uhr Arbeiten. Die Menge der zu leistenden Arbeit wird vorgeschrieben, wer bis zur vorgeschriebenen Zeit nicht fertig ist, bekommt Kolbenschläge. Mit 00 Mann wurde das Lager aufgebaut, welches jetzt zehn Baracken hat, besonders eine Küchenbaracke. Bemerkenswert ist die eine der Baracken, in welche die Gefangenen bei„B e r g e h e n" gebracht werden. Die Ge» sangenen in dieser Baracke erhalten nichts wie Brot und Wasser«nd viel Schläge. Die Baracke besitzt 30 Zellen und ist dauernd belegt. Sie gilt als strenger Arrest. Jetzt befinden sich im ganzen Lager 1000 Mann mit zirka 300 SS.-Leuten Bewachung. Der Kommandant ist ein SS.- Sturmführer F l e i t m a n n. Am IS. September traf ein neuer Transport aus dem Konzentrationslager Oranienburg mit 18 Mann ein, u. a. auch: Ingenieur Franke» Birawer, Achgenase, Goldschmidt, Ebert, Heilmann, Wegener, alle aus Berlin. Bei ihrer Ankunft sing die Schikaniererei schon an. Heilmann mußte rufen:„Ich habe Sekt und Kaviar von den Groschen der Arbeiter gesressen!" Ebert mußte rufen: „Mein Bater war der Bolksversührer!" Dazu wurden sie unter fürchterliche« Schlägen gezwungen. Infolge von schrecklichen Fanstschlägen ins Gesicht war das eine einzige blutende Masse. Nach ihrer Einlieferung in die Baracken wurden ihnen all« Lebensmittelpake.e abgenommen, ebenso wurden für sie an- gekommene Pakete nicht ausgehändigt. Auf H e i l m a n n und Ebert hatte es die SS. besonders abgesehen. Nach der ersten Nacht wurden die beiden mit Kolben so mißhan- delt, daß Heilmann vom Lazarettarzt auS vier Tage Pflege bedurfte. Danach wurde er aus der Baracke herausgeholt, mußte sich in einen Schubkarren setzen und Achgenase wurde gezwungen, ihn nm die beim Lager befindliche A b s allg r n be zu fahren. Beim Ruf eines SS.- Mannes: Abladen! wurde Heilmann in die Absallgrnbc geworfen. Als er herausgeklettert war, ging die Sache von vorne an, nur so, daß jetzt Heilmann Achge» nase fahren mußte. Als das beendet war, wurden Heilmann und Birawer gezwungen, um die Abfallgrube Hund und Katze zu spielen, und zwar so» daß Birawer die Katze und Heilmann den Hund darstellen aus allen Bieren einander nach la«sen und beißen mußten! Das alles zum größten Vergnügen der SS.»Leute! Sieben Tage nach der Einlieferung des letzten TranS- portes, am 10. September, wurde ich aus dem Lager entlassen. Bei meiner Entlassung mußte ich unterschristlich bestätigen, daß ich für die fünf Monate der Haft vom Staat keinerlei Entschädigung verlange, für die Gefangenen keine Briefe befördere(den Gefangenen ist erlaubt, einmal im Monat zu schreiben) und nach meiner Entlassung keine Angehörigen der Gefangenen besuche. S. Silbermann." Kommentar überflüssig! Illusionen beiseite! Die deutsche Massenschlächterei spielt sich im Angesicht der Welt ab. die über die wahren Zu- stände im„dritten Reich" außerordentlich gut informiert ist. Erwartet Ihr von der besitzenden Klasse, von einem kapitalistischen Europa Solidarität mit den Opfern des Faschismus? Glaubt Ihr immer noch an ein„Welt- gewissen", wo es doch nur einen Weltmarkt gibt? Eben um so fester wächst gerade in dieser Stunde des Triumphs der faschistischen Henker und unserer Ohnmacht unser Glaube, nein: unser sicheres Vertrauen, daß es nur eine proletarische Solidarität gibt und die Befreiung der Ar- beiterklasse nur ihr eigenes Werk sein kann. Und deshalb wage ich zu gestehen, daß ich schon oft schlaflose Nächte, entsetzliche Angstträume und eine ver- schnürte Kehle hatte, wenn ich daran denken mutzte, welchem entsetzlichen Leben(„Leben"!) Tag für Tag unsere besten und mutigsten, unsere deutsche st en Männer und Genossen in den deutschen Konzentrations- Höllen ausgesetzt sind. Gefängnis und Zuchthaus und Exil waren von jeher die üblichen Aufenthaltsstätten für„staats- bedrohliche" Elemente, die alten Sozialdemokraten der 80er Jahre, die russischen Revolutionäre der zaristischen Zeit, dann Liebknecht und Luxemburg— und, vergessen wir es nie, die ungezählten Opfer der Weimarer Klassen- justiz: sie alle wurden von den Hütern der Bourgeoisie eingekerkert und beseitigt. Aber die offizielle tägliche Folterung und seelische Mißhandlung von politischen und unpolitischen Mitbürgern, das Witzereitzen über die In- haftierten(wie es in den gleichgeschalteten Rundfunk- Hörspielen üblich ist), das angeberische Drohen jedes kleinen Nazi-Redakteurs in Hinterpommern mit der „konzentrierten Erziehungsanstalt" für alle, die nicht „parieren" wollen: diese Regierungsform der permanenten sadistischen Blutrun st ist. in diesem Jahrhundert fortschreitender Gesellschaftlichkeit, doch ein zutiefst besonderes Schauspiel. Und das Leben geht weiter, ja: die Beziehungen der Länder in Politik und Wirtschast(und Sport) mit Deutschland gehen, mit Schwankungen, aber ungebrochen, weiter. Und täglich werden in Deutschland junge Menschen durch Quälereien und Schikanen fürs Leben erledigt, werden ältere wie ergraute Männer jeglichen Berufs dazu gezwungen, unter den Fußtritten von grünen SA.-Lümmels, die nie- mals eine Arbeitsstelle von innen gesehen haben. Lätrinenreinigen, Fußboden-Schrubben, Geschirr- waschen, Putzen der SS.-Zimmer und— last not least — Exerzieren und Strammstehen auszuüben. Tausende organisierter Arbeiter, Tausende geistig Schaffender wer- den täglich in diesem Deutschland seelisch und körperlich gefoltert, um stückweise aus der Liste der Lebenden ge- strichen zu werden. Und ich lese die sachlichen Berichte der gleichgeschal- teten— und der unabhängigen deutschen Presse. Eure Sachlichkeit in Ehren, ich weiß, daß sie ein gut Teil un- serer revolutionären Arbeit ist. Aber in schlaflosen Nächten und an vielen von schrecklichen Assoziationen ge- peinigten Tagen meines Exils denke ich immer: warum schreit keiner? Denn i ch m u tz schreien, weil ich meine gefolterten Genossen in Todesangst und Ernie- drigung schreien höre. Warum schreit keiner? Drüben in Deutschland prügelt und erschießt man unsere Besten: ich höre sie schreien, ich bin weit vom Schutz, ich esse und trinke jeden Tag und ich gehe unbehelligt durch die Straßen,— aber iaj höre sie schreien. Und ich kann meine Qualen nicht in gespielter„revolutionärer Un- erschütterlichkeit" ersäufen und den Mund zusammen- pressen.„Proletarier erschlagen! Wer fragt danach?", dichtete der zu früh verstorbene Oskar Kanehl.„Wir Lebenden wollen Euch Antwort geben: Proletarier, die leben— wir fragen da« nach!" „Sprang ans dem Fenster" Die Pressestelle der Kriminalpolizei in Köln meldet: Am 28. September hat sich ein in Brauwciler in Schutzhaft be- kindlicher kommunistischer Funktionär, der wegen hochverräterischer Betätigung und verbotenen Waffenbesitzes vernommen werden sollte, aus dem Fenster des dritten Stockwerks des Polizei-Präsidiums auf die Straße gestürzt. Der Mann war sofort tot. Da der Verstorbene durch die angestellten Ermittlungen restlos über- führt war, dürfte der Selbstmord aus Furcht vor der zu erwartenden Strafe begangen worden sein. Es sprechen auch Anhaltspunkte dafür, daß der Verstorbene die Aufdeckung weiterer ihn belastender politischer Straf- taten befürchtete. Die Kölner Kriminalpolizei sollte besser aus ihre Ge- sangenen aufpassen, zumal wenn die Festgenommenen mit SAI-Leuten in der Nähe von hochgelegene» Fenstern stehen. Wir wissen längst, daß im Kölner Präsidium Gefangen« von SA.- und SS.-Leuten schwer mißhandelt werden. Pariser Berichte Pariser Straßen-Kalender Tie, französische Tabakregie hat die Preise einiger Zigaretten herabgesetzt und einige nene Zigarren eingeführt. Achtung bei Einkäufen: Die nngelochtcn 25-Centimes- Stücke»n Nickel gelten seit voriger Woche nicht mehr, nur noch dre gelochten. . ,^!?ien Sie Ihre Uhren au, Samstag in der Nacht um ?" rîlir eine Stunde vor. Die französische Sommerzeit geht in dieser Nacht zu Ende. Schreiben Sie sich die AuszahlungSzeiten und Sprech- stunden ,m Pariser Matteotti-Haus auf: Täglich außer am «onntag von 8.»» bis 12 nnd 2.30 bis ö Uhr? am DienStag nur nachmittags, am Freitag und Samstag nur vormittags. Lernen Sie Französisch: Am Mittwoch, 4. Oktober, 20.30 Uhr, beginnt ein neuer unentgeltlicher Kursus sür Flüchtlinge im Hosgebäude des Gewerkschastshauses: 2ll, Rue Lafayette sMetro: Louis Blancs. Die öffentlichen Konzerte»m Luxemburg-Garten und in den Tuilerien finden meistens um 3 Uhr nachmittags statt, die Konzerte auf verschiedenen Squares abends um 8 Uhr. Herr Blavof Bluttaten eines Pariser Rechtsanwalts Bei Versailles, wo jetzt zum letztenmal in diesem Jahre die großen Wasser sprangen, im Herzen der französischen Militär- und Nentnerstadt, hat ein wohlhabender Pariser seine ganze Familie ausgerottet. Der Täter war Ritter der tz'hrenlegion, einflußreich, ein angesehener, vornehmer Anwalt. Ein Haushalt mit viel Bedienung, Köchin, Mäd- cken, Chauffeur, Pflegerin. Aber viel Unglück: das Erbübel der Tuberkulose wohnte in seinem Blut. An einem sonnigen Herbstmorgen geht der Pariser Anwalt Blavot in seiner Villa in Garches zum Frühstück herunter. Auf der Treppe schießt er blitzschnell auf seinen Sohn. Der Sohn. Jean, ein 25jähriger Rechtsstudent, bricht zusammen. Der Vater eilt in das Schlafzimmer der 23jährigen Tochter, die noch im Bett liegt, und drückt den Revolver gegen ihr? Brust. Das Fräulein schreit:„O Vater, du tust mir weh," und verstummt. Tie Mutter hatte in ihrem Schlafzimmer, neben dem ihres Gatten, eben noch etwas mit dem Hausmädchen geordnet. Jetzt schreit sie aus dem Fenster:„Zu Hilfe, er ist wahnsinnig geworden." Im selben Augenblick krachen zwei Schüsse. Die Frau wälzt sich am Boden. Tie Pflegerin eilt hinzu und entreißt dem Mörder den Revolver, aber der Unglückliche hatte alles vorausgesehen und einen zweiten Revolver bei sich. Mit diesem setzt er seinem Leben in seiner Kammer ein Ende. Der Anwalt besaß außer der Landvilla auch eine luxuriöse Stadtwohnung in Paris, in den Champs Elysêes, im feinsten Viertel. Die Tochter war in den Pyrenäen ge- wesen, ohne Heilung zu finden. Jetzt zerschoß er ihre kranke Brust. Ein frtthnaturalistisches Drama, eine der großen Ge- spenster-Tragödien Ibsens. Einbrndi In Cécile Sorels Reldi In der Gegend des Quartiers du Roule ist ein ehemaliger . Cafèkcllner der Polizei in die Hände gefallen, dem nichts heilig war. Dieser Eindringling, der bereits zahlreiche Dinger bis zu 15 Mille Beute gedreht hatte, suchte sogar den Negerkoch der großen Künstlerin Cécile Sorel heim, und erleichterte ihn, da das Schmoren für eine solche Heroine einträglich sein muß, gleich um 10 000 Franken in Edel- steinen, Kleidern und Kunstgegenständen. Cécile Torek selbst hat die Comédie Française kürzlich unter dramatischen Umständen verlassen, eine Tatsache, die eine soeben im Capuciner-Theater gespielte Revue gebührend besungen hat. Jetzt kann die Revue den Negerkoch noch als neuen Schlager hinzufügen. KoKs Ober die nouer Koks und andere Gifte des Schlafmohns finden in Paris mit seinen zahlreichen unterirdischen Existenzen und dem starken Zustrom aus Asien und dem Orient großen Absatz. Leider sind auch einige Berliner„Halbseidene", die sich hier als„Emigranten" ausgeben, bei diesem schwarzen Geschäft schon erwischt worden. Meistens handeln diese Pulver-Männer als Beauftragte unsichtbar bleibender Konzerne. Neuer- dings hat die Polizei des Präsckten Chiappe wieder einen Mann gefischt, der im Osten, an der Porte de Lilas und in der Gegend da herum dem Publikum Schnupsmittel anbot. Wenn jemand Interesse hatte, erschien, die Geliebte des Händlers, eine Dame in schwarzem Filzhut, und händigte das Rauschmittel aus. Zwei Polizciinspektoren sahen das Paar jetzt bei der Arbeit und folgten ihm im Auto. Als die Beamten aus dem Wagen stiegen, floh der Mann, wurde aber nach abenteuer- licher Jagd gefaßt. Seine Mütze hatte er vorher über eine Gartenmauer geworfen, die Beamten suchten sie und ent- deckten 30 Gr. Koks und 50 Gr. Heroin darin. Ter Mann gab einen falschen Namen an, seine Freundin wurde als eine 32jährige Yvonne festgestellt und mit ihrem Bräutigam in den„Violon" gebracht. Zola-Feier An einem leuchtenden Oktobertage traten sich draußen im Landhause Mêdan, seinem berühmten Garten, den er der öffentlichen Wohltätigkeit geschenkt hat, die Freunde Zolas zu seinem 81. Todestage. Vignaud sprach als Vertreter der literarischen Kritik feierlich zu den Versammelten. Das Ergreifendste des Tages war die Rede des Dichters Céline, des Dichters der„Reise am Rande der Nacht", dieses großen Menschenscheuen, der sonst in keine Versammlung geht und heute Zeugnis ablegte. Tie Verurteilung des Kapitäns Dreyfus stand an diesem Tage wieder auf. Wir drückten im Geiste der tapferen Madame Dreyfus die Hand, die heute in Paris mit für die deutschen Kinder hilft, sie, die gesagt hat:„Laßt mich mit dabei sein— ich weiß, was Antisemitismus ist...!"— Wiener ßrof Eine entzückende Geschichte erzählt der„Jntran" aus Epinay. Dort dreht Pabst gegenwärtig seinen neuen Film „Von oben nach unten". Alles klappte— nur fehlte für die Foto-Kamera Wiener Brot, in der urwicncrischen Backform. Also blieb nichts anderes übrig, als daß der Epinaner Bäcker wienerisch buck— und seitdem ißt ganz Epinay das- selbe Brot wie in der Stadt der Kaisersemmeln... ver Poriser als Sfroßenredner Auf der Quinzaine, dem Verkaufsfeste aus dem Boulevard Haußmaun, zwischen einer Musikkapelle im Freien und bretonischen Würsten, steht ein echter Pariser nnd verkauft Seife, Parfüm, Rasierklingen. Er setzt den Parisern, ganz anders als der„ruhmredige" Berliner, die Vorteile seiner Ware scheinbar so auseinander, daß sie die Wahrheit der Geschichte kontrollieren können. „Bitte erst mal daran riechen, meine Damen und Herren." Er läßt einige riechen. Tann sagt er:„Gute Seife muß trocken sein." Er zieht ein Messer und schabt ab: die Seife ist trocken.„Sonst hätte ich sie ja auch nicht erworben. Das ist kein Haus, das pleite gegangen ist, das ist ein Haus qui veut s« lancer. Jetzt nehme ich Eau de Cologne, gleich den ganzen Flaschenhals. So— wenn die Seife schlecht wäre, müßte sie letzt schäumen. Schäumt sie? Tie schäumt nicht. Sie wissen das vielleicht noch nicht, daß das sich so verhält, meine Damen und Herren, aber ich sage es Ihnen, ich bin Fachmann, ich weiß es." Dann ohne Pause:„Also hier, immer noch mal, 1 Kilo 200 Gramm schwer, 12 Stück für 12 Franken— ich verdiene 7 Prozent daran, Sie können sie auch einzeln haben, 2 Stück für 2 Franken, mir ist das gleich, meine Dame» und Herren." Weiter schiebt sich die Käufcrmenge, breite Amerikaner, reiche Negerinnen, deutsche Juden, Araber im Burnus, Balkanstudenten, Gelbe und Schwarze. Ter Mutterwitz des Fanbourgien siegt lächelnd über das internationale Stell- dichein der Welt.— lliflerspione oui dem tlonfparnasse In einem der besuchtesten Cafés des Montparnasse wurde in der Nacht zum Sonntag ein deutscher Hitlerspion bemerkt, der unter der Maske eines Zeitungsverkäufers von Tisch zu Tisch schritt und die anwesenden deutschen Emigranten fest- stellte. Diese Spionageversuche waren von antisemitischen Pöbeleien begleitet. Im Verlauf einer Auseinandersetzung entwickelte sich zwischen der Hitlergruppe, die mit größter Frechheit austrat, und den deutschen Juden ein Streit. Eine Anzahl französischer katholischer Studenten, die teils zu Organisationen der äußersten Rechten gehörten, wie„Paris Soir" berichtet, standen den Emigranten gegen ihre Ver- folger bei. Es gab mehrere Leichtverletzte, darunter den Cakêinhaber Forestier, die Terrasse des Cafes wurde ver- wüstet. Die Polizei stellte einen Studenten der Ecole des Beaux Arts fest. BRIEFKASTEN Nationalsozialist in Saarlouis. Sie schicken uns die Bemerkung. die die nationalsozialistische„Saar-Front" zum«erbot der „Teutschen Freiheit" gemacht hat. Das Blair schrieb:„Die unerhörte Beleidigung des regierenden Oberhauptes eints Vvlkerbundsstaates hat nunmehr— endlich!— die Regierung», tummisston zum Einschreiten veranlaßt."— Das ist in der Tat das beste, was seit langem über den deutschen Reichspräsidenten von Hindcnburg gesagt worden ist. Saarlouis. Wie Sie uns mitteilen, waren neulich bei der An- kunst des sehr ehrenwerten Vizekanzlers Franz vvy Papen einige Leute zusamincngelausen, um sich das Ttaatsmännchcn Hitlers aus der Nähe zu begucken. Unser Kränzchen glaubte, das Volk wolle ihn ein bißchen bejubeln und er hob aufmunternd den rechten Arm. Die Saarländer ließen ihn zappeln und dachten gar nicht an Jubel- jauchzen. Pape» kann froh sein, daß die Leute den Mund nicht auf- machten. Schmeicheleien hätte er gewiß nicht zu hören bekommen. M. Paris. Der Auflay im„Dailv Herald" ist sehr bedauerlich. Wenn sein Inhalt zutressen sollte, wäre er geradezu ein Verrat an der gefährlichen illegalen Arbeit unserer sozialdemokratischen Freunde im Reich. Die Redaktion, die fern von Deutschland die Verhältnisse nicht kennt, trifft weniger Schuld als den Schreiber, der den Aussatz im„Daily Herald" untergebracht hat. P. Saarbrücken. Bitte wenden Tie sich mit Ihrer Beschwerde an die„Volksstimme". Wir können den saarländischen Angelegen- hcitcn leider nicht so viel Raum widmen. Im übrigen weiß jeder» mann, daß die Schüler der Höberen Lehranstalten beinahe jeden Sonntag mit ihren Lehrern zu Geländeübungen oder Gepäck- Märschen antreten müssen. Sportler, Diedeuhofen. Wir sind noch nicht so weit, um Ihren Wunsch erfüllen zu können. Tie werden verstehen, daß wir nach so kurzer Zeit an den weiteren Ausbau nur mit Vorsicht und Zu- rückHaltung herangehen.— Die Meldung Ihrer Lokalzeitung ist zutreffend. Bei einem Sportfest, das kürzlich unter Beteiligung namhafter deutscher Leichtathleten in Saarbrücken stattfand, wurden zwei jüdische Sprinter von der Beteiligung an den Wettkämpsen onsgeschloßen. Kurz zuvor hatte die gleichgeschaltete Presse noch Ihre hervorragenden Leistungen gerühmt. Man wollte die Raffe- läuser von drüben zu einer großen nattonalsozialiftischen Propa- ganda unter Führung der braunen Amtswalter im Taargebiet miß. brauchen. Zu diesem Zwecke wurden jene„Untermenschen" au« den Konkurrenzen entfernt. Man stelle sich vor, wenn einer der beiden jungen Juden die soeben eugenisch Ertüchtigten geschlagen hätte! Düsseldorfer Kommunist. Besten Dank für den Bericht„Stan- darte 20". Die Schinderei durch die braunen Bestien ist überall dieselbe.— Daß Ihnen die„Deutsche Freiheit" gefällt, freut uns ehrlich. Wenn Sie ab und zu Ihr Saarbrückcr Parteiblatt mit den öden alten Schimpfereien aus„Wels und Genossen" lesen, werden Sie unser Blatt noch mehr schätzen lernen. Für de» Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P i tz in Dud- weiser: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken 8, Schützcnstraße ö. 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