Sinzigs unabhängige Tageszeitung venifchlands Nummer 91— 1. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 5. Oktober 1933 Chefredakteur: M. B r a u n Aus dem Inhalt: Jleichstaç&pcozefi Seite 2 TJlassenetend in DeutscMand Seite 4 JtiCfe füe tmiqcanten Seite 7 Deutsche V}ehcioissenscha(t Seite 8 Attentat und Staatsstreich Die Schüsse in Wien erhöhen die Hochspannung in Oesterreich D. F. Die Schüsse auf den Bundeskanzler Dollfus haben den Bedrohten zwar nur leicht verletzt, aber in ganz Europa starke Ausregung hervorgerufen. Nach den ersten Nachrichten glaubten viele ernsthaft, das Attentat durch den früheren Gefreiten Rudolf Dertil solle in Oestereich den Auftakt zur„nationalen Revolution" in irgendeiner Form bilden, wie der Brand des Reichstags in Deutschland das wohlüberlegte Signal zum Losbrechen des national- sozialistischen Terrors gewesen ist. Die Vermutung, daß es sich um eine nationalsozialistische Provokation handeln könnte, wurde bestärkt durch den sofort unternommenen parteiamtlichen Versuch der Nationalsozialisten, den Atten- täter zu einem Marxisten zu stempeln. Dertil ist aber nicht wegen marxistischer/ sondern wegen national- sozialistischer Gesinnung aus dem Bundesheer ausgeschlossen worden. Der Bruder des Dertil hat vor zwei Monaten den Versuch gemacht, die österreichische Grenze zu überschreiten, um in die in Bayern aufgestellte österreichische Legion einzutreten. Die nationalsozialistische Parteikorrespondenz hat die erstaunliche Frechheit zu erklären, die Nationalsozialisten hätten solche Gewaltakte stets abgelehnt und„Elemente, die diesen Grundsatz nicht anerkennen wollten, rücksichts- los aus ihren Reihen entfernt". Wahr ist dagegen, daß Nationalsozialisten ermordet haben: den bayerischen Ministerpräsidenten Eisner, den bayerischen sozial- demokratischen Führer Gareis, den Reichsminister Erz- berger, den Reichsaußenminister Rathenau. Das seien keine parteiamtlich gebilligte Verbrechen gewesen? Doch, sie waren es. Eben erst war an den Gräbern der Meuchel- mörder Rathenaus eine Ehren- und Trauerfeier unter Be- teiligung führender Nationalsozialisten für die Meuchel- mörder Rathenaus. Parteiamtlich ist die Erinnerungs- 'iafel an der Mordstätte beseitigt worden. Durch die nationalsozialistische Reichsregierung und parteiamtlich als Helden begrüßt, sind die Mörder Erzbergers nach Teutschland zurückgerufen worden. Parteiamtlich wurden alle Erinnerungen, auch die kirchlichen, an die Ermordung Erzbergers im Schwarzwald entfernt. Die National- fozialisten wollen, billigen und feiern den Mord. Der Reichskanzler Hitler selb st hat Mordbuben, deren Tat man kaum noch als politisch einscbätzen kann, hoch geehrt. Als Parteiführer hat er die Mörder von Potempa, die einen wehrlosen Kommunisten vor den Augen seiner Mutter regelrecht abgeschlachtet haben, telegrafisch als seine„Kameraden" angesprochen und ihnen Treue um Treue versichert. Diesen gemeinen Mördern wenigstens hat der deutsche Reichskanzler seinen Schwur gehalten. Sie wurden in Freiheit gesetzt, als Hitler Reichs- Kanzler wurde. Es gibt kaum eine politische oder religiöse Anschauung, aus der nicht schon Männer und Frauen erwachsen sind, die zur Waffe griffen, um Staatsführer zu beseitigen, die sie für verderblich hielten. Ter nationalsozialistischen Be- wegung aber war die Massenhaftigkeit solcher Verbrechen und ihre Glorifizierung vorbehalten. Man darf deshalb auch nicht erwarten, daß Attentate auf die Anhänger des Nationalsozialismus abstoßend wirken. Mit moralischen Bedenken halten sich weder die Führer noch die Massen des Nationalsozialismus auf, wenn es sich um ihre Macht- Politik handelt. Auch wenn der Attentäter wirklich nur ein wirrer fanatisierter Einzelgänger gewesen sein sollte, werden die Schüsse im Parlamentsgebäude in Wien von der ganzen Welt als ein Ausdruck der unerträglichen inneren Span- nungen Oesterreichs gewertet. Es ist auch wahrscheinlich, daß das Attentat die Entwicklung beschleunigen wird. Die Regierung Dollfus hat sich vor kurzem durch das Aus- scheiden einiger gemäßigter Mitglieder nach dem klerika- len Faschismus hin konsolidiert. Wie weit die voraus- gegangenen inneren Kämpfe in der Vaterländischen Front behoben sind oder weiter fressen und so die Chancen der Nationalsozialisten erhöhen, ist nicht genau zu beurteilen. Jedenfalls steht das Kabinett Dollfus mit allen staatlichen Machtmitteln im Kampfe, nicht nur gegen die National- fozialisten. sondern auch gegen die mehr als 40prozentige Minderheit der Sozialdemokratie. Ein Kampfaufruf der Sozialdemokraten wurde beschlagnahmt. Die Partei er- klärt, zur Massenabwehr bereit zu sein, wenn die Ver- sassung durch Staatsstreich geändert werden soll. Es genügt aber wenig Prophetic dazu, um vorauszusagen, daß dieses Ereignis in irgendwelcher Form eintreten muß Der Tag des Attentats°war hochpolitisch. Er sollte end- gültig entscheiden, ob die Christlich-Soziale Partei weiter bestehen und wie sich ihr Verhältnis zur Vaterländischen Front gestalten soll. Unmittelbar vor dem Attentat hat sich Dollfus vor den Klubobmännern für die Aufrecht- erhaltung der Partei ausgesprochen. Zweifellos wird die Christlich-Soziale Partei unverändert bestehen bleiben und politisch die Hauptträgerin der sich ankündigenden inneren Umwälzungen sein. Tie christlich-soziale„Reichspost" lehnt in einer politischen Betrachtung am Attentatstage einen faschistischen Einparteistaat nach deutschem Muster ab, aber ebenso wird dem bisherigen„Parteien- st a a t" der Kampf angesagt, also der parlamentarischen Demokratie. In diesem Zusammenhange wird auch wieder rücksichtsloses Vorgehen gegen die Sozial- demokratie angekündigt, und zwar ganz in der nationalsozialistischen Phraseologie, daß für das angeblich „Land- und Volksfremde des Geistes" der Sozial- demokratie in Oesterreich kein Platz mehr sein dürfe. Die unmittelbar nach dem Attentat zusammengetretene Fraktion der Christlich-Sozialen faßte einen Beschluß in dem gleichen Sinne. Auch in Oesterreich gehört die demokratische Regierungs- form der Vergangenheit an. Eine Rückkehr zu den durch die Revolution von 191*8 geschaffenen Methoden der parlamentarischen Demokratie gibt es in Oesterreich nicht. Um das Neue wird zwischen den Faschisten aller Spiel- arten und den in Oesterreich glücklicherweise geeinten marxistischen Sozialisten gerungen werden müssen. Die österreichische Sozialdemokratie, von hervorragenden Theoretikern und Praktikern geführt, ist sich der Schwere ihrer Lage bewußt. Sie ist eingekeilt nicht nur zwischen schwarzen und braunen Faschisten in eigenen Lande; sie ringt auf einem Gebiet, an dessen Grenzen die beiden größten faschistischen Mächte Europas stehen. Es fehlt ihr der Rückhalt, den bis vor wenigen Monaten die großen deutschen Arbeiterorganisationen im Reiche bildeten. Um so heroischer ist der Widerstand des österreichischen Marxismus. Ungebrochen führt er seinen Zweifronten- Kampf gegen die hereinbrechende Barbarei der Braunen und gegen den die Arbeiterschaft mit Ketten be- lastenden Faschismus der Schwarzen. Im Grunde steht ein Kollektivismus zur Rettung des Kapitalismus in Oesterreich dem sozialistischen Kollektivismus eines Kultur- würdigen Daseins für alle gegenüber. Der Entscheidungs- Kampf zwischen beiden wird das Europa der nächsten Jahr- zehnte erschüttern und aufwühlen, bis mit neuen politischen Instrumenten die sozialistische Revolution sich durchgesetzt haben wird. Da* Hergang Schüsse in den Arm— Streifschuß an der Brust Wien, 8. Oktober. Nach einer Sitzung der Christlich-Sozialen gegen 180 Uhr war der Bundeskanzler Dr. Dollfnh im Begriff, fortzugehen, und sprach noch im Vestibül des Parlaments vor der Portier- loge mit Handelsminister Stockinger und einigen christlich- sozialen Abgeordneten, als ein Mann auf ihn zutrat und ihm mit der linken Hand ein Schreiben überreichte und zu» gleich die rechte Hand hinter dem Rücken vorholte und zwei Schüsse ans ihn abgab. Der eine Schuh aus dem Revolver, Kaliber 6,5, traf den Bundeskanzler am rechten Oberarm, der andere gegen die Brust gerichtete Schuh prallte aber ab. Das Geschah wurde dann aus dem Boden des Vestibüls gesunden. Dr. Dollfnh trat sofort in die Portierloge zurück, wo er mit den Worten:„Ich glaube, ich bin durchschossen worden," Rock und Weste öffnete. Unterhalb deà rechten Oberarms zeigte sich ein groher Blutfleck. Dr. Dollfnh sagte hierauf:„Wir brauchen aber kein Rettungsauto. Fahren Sie mich sogleich auf die Klinik Dr. Denk und ver- ständigen Sie den Dr. Tomanek seinen Jugendfreunds? machen Sie kein Aufsehen!"— Er lieh sich in seinem eigenen Auto in die Klinik fahren. Nach der Tat stürzten sich sofort die anwesenden Abgeordneten aus den Täter und ver- prügelten ihn heftig. Die Polizei führte ihn dann auf die uächstgelegene Wachstube. Sogleich»ach dem Anschlag er- schien auch der Vizekanzler Fey im Parlament. Aui der ersten Unfallstation, wohin Bundeskanzler Toll- fuh sofort nach dem Vorfall gebracht wurde, wurde eine Röntgenaufnahme gemacht, die folgenden Befund ergab: Der erste Schuh streifte die linke söruftfeitc. hat den Rock durch- schlagen, das Hemd aber nicht mehr und hat auch keine Ver- letzung zur Folge gehabt. Der zweite Schuh war ein Streif- schuh, der den rechten Oberarm getroffen hat. Das Gefchoh ist aber nur leicht unter der Haut verlaufen, ohne Nerven oder Gefähe zu verletzen. Nach der vorgenommenen Röntgen- aufnähme hat der Bundeskanzler den Vizekanzler Feg und den Sozialminister Schmidt empfangen. Das Befinden des Kanzlers ist verhältnismähig gut. Der Bundeskanzler hat sich nach Anlegen eines Verbandes in seine Wohnung be-> geben. Von dort aus wird er auch weiterhin vorläufig die Regierungsgeschäfte führen. ver Täfer- Nationalsozialist Der nationalsozialistische Attentäter trägt den Namen Dertil, ist 22 Jahre alt, in Wien geboren und ist zur Zeit, arbeitslos. Er gehörte vorher dem Bundesheer an und wurde dort wegen nationalsozialistischer Umtriebe entfernt. Die Hitlerpresse verbreitet geflissentlich die Meldung, der Attentäter sei Marxist, eine der üblichen Lügen, die von der Welt längst durchschaut sind. Wien,». Oktober. Wien, 4. Okt. fEig. Meldung.) In dem Polizei- b e r i ch t über den Anschlag ans den Bundeskanzler heißt eS n. a.:„Trotz feiner Zugehörigkeit zum Kehrbnnd fdaS ist die christl^foz. Gewerkschaft der Soldaten. Die Red.s galt Dertil in Kreisen seiner Kameraden als Anhänger nationalsoziali, stifcher Ideen. Er hat sich jedoch durch aktive politische Be» tätigung nicht bemerkbar gemacht." Wi« der Täter erklärt habe, sei er von niemandem zn der Tat angestiftet worden. Er habe auch keine Mitwisser. Varls anä London Große Aufregung Das Attentat ans Dollfnh hat in den großen europäischen Hauptstädten ungeheures Aussehen erregt. Die Blätter sind voll von Einzelheiten über de« Hergang deS Attentats und über die Persönlichkeit des Mörders, der ein- hellig als Nationalsozialist bezeichnet wird. Es fehlt nicht an weitgehenden politischen Folgerungen. In Paris macht man den deutschen Nationalsozialismus für das Wiener Ereignis verantwortlich.„Liberte" erinnert an den Kriegs- ansang von 1914,„Intransigeant" glaubt, daß das Attentat schwerwiegende innerpolitische Rückwirkungen haben werde. ES fehlt auch nicht an Preffestimmen, die Zweifel an der Stabilität deS gegenwärtigen Regimes in Oesterreich an» klingen lassen. Nicht viel anders lauten die Londoner Presseäuherungen. Ueberall erblickt man in dem Attentat ein Signal für die europäische Situation und befürchtet Aus« strahlungen gefährlichen Charakters. Dollfuv am Rundinnh „Ich bleibe fest" Dr. Dollfnh richtete noch im Laufe des Abends eine per» sönliche Rundsunkansprache an daS öfter» reichische Volk, in der er u. a. ausführte: „Um die Oeffentlichkeit zu beruhigen, will ich mitteilen, daß ich Dank der Fügung Gottes einem schweren Unheil entgangen bin. Ich kann nur sagen, dah ich von hier aus die RegierungSgeschäste selbstverständlich weiterführen werde. Aus Grund des Gutachtens der Aerzte hoffe ich vielleicht schon übermorgen wieder ganz meinen Amtspflichten nachgehen zu können." Dr. Dollsuh schloß mit der Bemerkung» er werde mit absoluter Festigkeit die ihm gestellte Aufgabe auch weiterhin erfüllen. Der Bundes» tanzler dankte dann noch mit herzliche« Worten allen denen, die sich heute um ihn bekümmert und ihm ihre Sympathien bezeigt hätten. Dollfuv hak Geburtstag Wien, 4. Okt. Die politische Korrespondenz meldet über daS Befinden des Bundeskanzlers: Dr. Dollsuh hat die Nacht gut verbracht und fühlt sich nach ruhigem Schlaf heute morgen sehr wohl. Der Kanzler ist fieberfrei. Bereits in den frühesten Morgenstunden war er anläßlich seines Geburtstages Gegenstand zahlreicher Ehrungen und Glückwünsche. * Der Preußische Staatsrat ist zum 11 Oktober einberufen worden. * Dem Matin wird au» Lyon berichtet, daß Herriot in einer Klinik geröngt wurde. Herriot ist dann in eine Privat» klinik übergeführt worden, wo er zunächst verbleibt. DimEtroff beschwert sich 9. Verhandlungstag Leipzig, 4. Okt. Nach mehrtägiger Unterbrechung durch den Juristentag wurde der Prozeß wegen der Reichstagsbrand- stiflung vor dem Reichsgericht heute fortgesetzt. Nach Eröffnung der Verhandlung gibt Staatspräsident Bünger ein Telegramm bekannt, das ihm nach Schluß der letzten Verhandlung zugegangen ist. In diesem heißt es u. a.: Heute während der Verhandlung wurde Dimitrosf auf Befehl des Hauptmanns von der Schupo in Gegenwart von Publikum und Behörden mißhandelt, als unser Klient sich seinem Verteidiger Teichert, der mit dem bulgarischen Rechts- cnwalt Grigoroff kvrach, nähern wollte. Das Telegramm ist unterzeichnet von mehreren Ausländern. Der Vor- sitzende richtet an Dimitrosf die Frage, worum es sich bandelt. Dimitrosf erklärt, daß in dem Augenblick, als er in der Pause mit seinem Verteidiger sprechen wollte, der Hauptmann auf ihn schimpfte und ihn aus dem Saal her- auszog, was er als eine ungerechte Mißhandlung betrachte. — Vors.: Sind Sie mißhandelt worden?— Dimitrosf: Gestoßen.— Vors.: Mehr als notwendig war, um Sie zu entfernen?— Dimitrosf: Mit Gewalt entfernt.— R.-A. Teichert betont, Dimitrosf hätte nichts davon ge- sagt, daß er irgendwie mißhandelt worden sei. Es habe ledig- lich der Befehl des Polizeihauptmanns vorgelegen, eine Verbindung zu verhindern, die vielleicht von Dimitrosf gar nicht gewollt, die aber scheinbar beabsichtigt war. Auch Dr- Tack erklärt, baß von Mißhandlungen keine Rebe sein könne. Er habe während der Szene dicht dabei gesessen und bedauere unendlich, daß der Kollege auS Cbikago seinen Namen unter dieses Telegramm gesetzt habe. Der an dem Borfall beteiligte Polizeihnnptmann bekundet ebenfalls unter Zeugeneid, baß es sich in keiner Weise um Mißhand- lungen gehandelt habe. Der Vorsitzende erklärt damit den Vorfall für abgeschlossen und stellt fest, daß von Mißhandlun- gen keine Rede sein könne- Bevor der Angeklagt« Torgler vernommen wirb, stellt RA. Dr. Teichert einige Fragen an den Angeklagten van der Lübbe, der auf diese Fragen hin bestätigt, am 26. Februar, dem Tag« zwischen dem Brande des Schlosses und dem Brand des Reichstages, in Hennigsdorf gewesen zu sein und sich dort bei der Polizei gemeldet zu haben, um eine Unterkunft zu bekommen. Im Hennigsdorfer Asyl habe er mehrere Personen kennen gelernt, deren Namen er aber nicht wisse. Auf Verlangen des Angeklagten Dimitrofs richtet der Vorsitzende dann an van der Lübbe die Frage, ob er Dimitrosf vor der Untersuchung schon einmal gesehen habe. — Van der Lübbe antwortet mit nein, und eine weitere Frage des Vorsitzenden, ob ihm Dimitrosf ganz unbe- kannt sei, beantwortet van der Lübbe mit ja. Auch die beiden anderen bulgarischen Angeklagten, Tanefs und Popoff, will van der Lübbe vor diesem Verfahren nicht gesehen haben. Torgler wird vernommen Es wird dann über die Beteiligung des Angeklagten Torgler an dem Reichstagsbrand verhandelt. Aus die Frage des Vorsitzenden erwidert Torgler, daß er am Abend vor dem Reichstagsbrand etwa bis 8.15 Uhr oder 8.20 Uhr im Reichstagsgcbäude gewesen sei. Aus den Vorhalt des Präsi- denten, daß einige Zeugen eine spätere Zeit genannt haben, antwortet Torgler, das sei ihm nicht verständlich. Er er- innere sich genau, um 8.35 Uhr das Restaurant Aschinger am Bahnhof Friedrich st ratze be- treten zu haben. Auf weitere Fragen erklärt der Ange- klagte, er habe zusammen mit dem früheren kommunistischen Abg. K o e n e n und der Sekretärin der kommunistischen Reichstagsfraktion das Reichstagsgebäude verlassen. Die Frage des Vorsitzenden, ob er wisse, wo sich der flüchtige Koenen aushalte, kann der Angeklagte nicht beantworten.— Der Vorsitzende hält dem Angeklagten dann vor, baß er am 27. Februar mit zwei Aktentaschen in den Reichstag zurück- gekehrt sei, die besonders schwer gewesen sein sollen und den Eindruck erweckt haben, als ob sie einen ganz besonderen Inhalt hätten.— Torgler erklärt, er habe wiederholt, fast jeden Samstag und jeden Montag, den Reichstag mit zwei Aktentaschen verlassen und betreten. In den Taschen hätten sich Zeitungen befunden, die er noch nicht gelesen habe. Er könne sogar noch angeben, welche Zeitungen darin waren und was er an sonstigem Material in den Taschen hatte. Der Angeklagte weist besonders darauf hin, daß es eine Marotte von ihm sei, sich von noch nicht gelesenen Zeitungen nicht trennen zu können. Die Verhandlung dauert fort. IIMcrsdiwiir der Richter „Goffesslrelt am das deofsdie Redit" Am Dienstagabend machte Hitler dem Deutschen Ju- «ist en ta g in Leipzig einen Besuch. Er ließ in der über- füllten Halle die begeisterten Wahrer des deutschen Rechts lange warten, aber als er kam, gab es— diese Bemerkung des hitleramtlichen Nachrichtenbüros verdient vollen Glau- b«n—„stürmischen Jubel". Ihn begrüßte Dr. Frank mit der nicht m«hr überraschenden Morgengabe: daß der Deutsche Juristentag„voll und ganz" nicht nur auf dem Boden des neuen Staates stehe, sondern sich auch die national» sozialistischen Rechts- und Rassetheorien zu eigen gemacht habe. Das„dritte Reich"„darf—, und das war nicht weniger glaubhaft— auf getreue Justiz- beamte" zählen- Sie waren ohnehin schon daran gewöhnt, Parteiurteile im Zeichen des Parteigrußes zn fällen, seitdem sie sich— teils zog sie ihn, teils sank er hin— in der national- sozialistischen Juristenorganisation gleichgeschaltet hatten. Frank schloß mit einem Treuschwur auf den Führer des deutschen Volkes, den„Gottes st rei ter für das deutsche Recht Adolf Hitler". DaS amtliche Nachrichtenbüro verzeichnet dabei, daß dieser Schwur von den deutschen„unabhängigen" Richtern mit heiligem Ernst auf- genommen worden sei... Dann betrat Hitler das Podium. Er sprach über die rassische Bedingtheit des Rechtsbegriffes und meinte, daß diese Erkenntnis von einschneidender Bedeutung auch im inter- nationalen Rechtsleben werde. Nur auf dem Boden dieser geistig ebenso umwälzenden wie politisch verpflichtenden Er- kenntnisse könne eine wirklich organische Völkergemeinschaft als mögliche Weltordnung entstehen. Volkses iltung. Rassen- pflege— das sei der zentrale Kern. Der totale Staat werde keinen Unterschied dulden zwischen Recht und Moral- Wir kennen Hitlers Phrasenschwulst hinreichend- Aber ein Zweifel, daß sich die Männer, die zu Füßen der berühmten deutschen Rechtslehrer saßen, den Hitlerschen Anschauungen beugen, besteht nicht. Hitler sagte wörtlich:„Nur im Nahmen der im totalen Staat gegebenen Weltan- schauung könne und müsse eine Justiz unab- häng ig sein." Deutlicher kann nicht gesagt werden, baß die echte Unabhängigkeit des deutschen Richters, der einmal urteilte soder wenigstens urteilen sollte), ohne Ansehen der Person, verloren gegangen ist. Er i st Diener eines durch Gewalt und Terror zusammengehalte- nen Staates. Wehe ihm, wenn er sich zur Menschen- würde und zur Rechtsgleichheit bekennt, und wenn er das Menscheninteresse über das Staatsinteresse des faschistischen Zwanges stellt! Die deutschen Richter gingen nach der Rede Hitlers auscin- ander, beseligt und beglückt, auch in der Justiz einen „Führer" zu haben. Täuschen wir uns nicht, daß die große Mehrheit der deutschen Richter sich keineswegs widerwillig gleichschalten ließ. DerGeistvomGeisteHitlerlag unendlich vielen von Anbeginn an als Erb- gut und Erziehungsprodukt im Blute. Tie Masse der Teilnehmer wird aufgerichtet und zufrieden nach den Erlebnissen von Leipzig an ihre Arbeit gehen. Diener der Justiz, nicht mehr des Rechts! Brennendes Saarland Der Terror wird unerträglich Noch ist 1935 weit entfernt. Aber es scheint, als ob das Daargebiet schon jetzt im Zeichen eines wilden Avstimmungs- kampics stände. Er wird angeführt von den Nativnalsozia- listen. Die Partei gibt Befehle aus, die die gleichgeschaltete Presse unter hartem Zwang oeröffentlichen mutz. Allge- meines Flaggen wird angeordnet: in der Stadt wogen die Fahnen, weil leiner vor dem Nachbarn als geringerer Patriot erscheinen möchte. Den Massen wirb eingehämmert, daß das Bekenntnis zum Deutschtum gleichbedeutend sei mit dem Bekenntnis zu Hitler. Politischer Druck, wirtschaftliche Bedrohung und endlich die rohe Gewalt der Faust vereinigen sich, um die LageanberSaarsüralle, dienichtzumHaken- kreuz schwören, immer unerträglicher zu machen. Obwohl die Regierungskommission zur Abwehr des Terrors Notverordnungen erlassen hat, kümmern sich die Nationalsozialisten sehr wenig um die Gesetze an der Saar. Wir verzeichnen die Ereignisse eines einzigen TageS: Am kommenden Sonntag sollte der Parteitag des Zentrums für das Saargebiet stattfinden. Er ist plötz- lich abgesagt worden mit der Begründung, daß am gleichen Tage eine große katholische Jugendknndgebung stattfind«. Sosort läßt der ungekrönte König des Saargebietcs, der nationalsozialistische Staatsrat S p a n i o l, ankündigen» baß das Ende der saarländischen Zentrumspartei bevorstehe. Aus den neuen Vorsitzenden, den Pfarrer Bnngarten, wird ein ungeheurer Druck ausgeübt, damit er aus seinen Posten verzichtet und damit die Auflösung des Zentrums an der Saar einleite. Das Konkordat und der Bischof von Trier werden dabei eingesetzt. Gegen Zentrumsanhänger wird von allen Seiten ein wilder Gestnnuugsterror mobilisiert. Spa- niol hält Pressekonferenzen ab. um die Redakteure der gleichgeschalteten Presse mit Richtlinien zu versehen. Dabei müssen auch Zentrnmoredakteure erscheinen! Brutale Ueberfälle sind an der Tagesordnung. In Friedrichsthal stach ein Na» tionalsozialist einem angeblichen Saarbündler bei einem Streit das Messer so heftig in die Brnst, daß mit dem Ab- leben des Schwerverletzte» zu rechnen ist. Angeblich soll der Saarbündler mit dem Revolver gedroht haben. Am Montagabend wurde Berta Detgen, ein Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend Saarbrücken, aus der Hohen- zollernstraße von mehreren Nationalsozialisten überfallen und Übel zugerichtet. Das Mädchen hat einen Bluterguß im Auge und eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen. Es mußte sich in ärztliche Behandlung begeben. Unbeschreiblich ist der Terror in den kleineren Ortschaften des Saargebiets. Täglich erfolgen Herausforderungen durch die Nazis, denen die Landjäger, selbst wenn sie stets guten Willens wären, nicht gewochscn sind. Besonders schlimm ist es in Püttlingen. Hier hat es erst vor 14 Tagen wilde Zusammenstöße gegeben. Am Dienstag war wieder ein großer Prozeß vor dem Saar- brücker Schnellgericht. Wir geben einige Sätze aus den Ans- sagen wieder:„Die Richtgleichgeschalteten von Püttlingen werden dauernd herausgefordert. Es bilden sich verbotene Demonstrationszüge, bei denen man singt:„Die rote Front schlagen wir zu Brei...", kein nichtgleichgeschal- teter Mann kann in Püttlingen mehr wagen, bei Dunkelheit allein über die Straße zu gehen. Es scheint doch, als wenn eS wahr wäre, was ich vor der Verhandlung erzählen hörte. Es soll zwei Gruppen von Zeugen in diesem Prozeß geben, die einen, die schwören, die andern, die schlagen." Fast immer kommen die national- sozialistischen Angreiser und Herausforderer vor Gericht milde davon. Das zeigte sich noch dentlicher bei einer zweiten Berhand- lung vor dem Schnellgericht in Saarbrücken. Hier wurde festgestellt, daß der nationalsozialistische Stadtrat Hülsen- sauerausHombnrg zwei jüdische junge Leute in einer Wirtschaft ans die frechste Weise beschimpfte. Er rief seine SA. herbei, die in starker Ausstellung vor den beiden Jude« singen mußte:„Wenns Judcnblut vom Messer spritz t", und„die rote Front, die schlagen wir zu Brei" und was dergleichen Lieder mehr sind. Auf der Straße ertönte das Signal zum Angriff. Einer der beiden jungen Leute wnrde schwer aus den Kopf geschlagen. Der Arzt mußte eine klaffende Wunde vernähen. Einwandfrei wurde bewiesen, daß der Nationalsozialist den Streit ange- zettelt hatte. Der Staatsanwalt beantragte gegen ihn— 600 Eranken Geldstrafe! Das Gericht beschloß entsprechend. Selt- m, daß auch der junge Jude aus die Anklagebank mußte— der Beleidigte und Verletzte. Er wurde freigesprochen. Frage? Welchen Eindruck wird die minimale«träfe ans seine Angreiser machen? * Unter dem jubelnden Beifall des Publikums wurde auf dem Deutschen Juristentag in Leipzig mitgeteilt, daß sich unter den Teilnehmern auch zahlreiche Gäste aus dem Saargebiet befänden. Was das für die Justiz im Saar- gebiet bedeutet, bedarf keiner Erörterung. Die deutschen Richter sind heute alle nationalsozialistisch gleichgeschaltet. Sie sind Parteirichter und fällen Parteiurteile im Interesse des totalen Staates. Diese Wellen schlagen auch auf die saar- ländische Justiz herüber. Alles, was sich dem Terror- und Femegeist entgegensetzt, wirb beschimpft und als„Separatist" und„Landesverräter" an den Pranger gestellt. Jeder fühlt, baß es nicht mehr lange so weitergehen kann. Trotzkl iar Saarfrage „Eine wirklich hündische Politik" Dieser Tage war in Saarbrücken eine Delegiertentagung der Saarländischen Sozialistischen Partei. Das ist eine Gründung, die weder mit den Sozialdemokraten noch mit den Kommunisten etwas zu tun hat. Die Partei tritt u. a. für Erhaltung des Völkerbund-Regimes im Saargebiet ein. Im Laufe der Aussprache wurde ein Brief Leo Trotzkis an einen politischen Freund im Taargcbiet verlesen: „Die Haltung der offiziellen Partei jKommnnistische Partei) wie der KPO. jKommunistische Opposition) in der Saarsrage scheint mir die Feigheit des Schein- radikalismnS zu sein, eine ganz und gar nicht seltene Gattung der Feigheit. Selbstverständlich müssen wir für das Sowjetsaarland eintreten, d. h. Propaganda machen im Sinne der Eroberung der Macht. Der Termin dieser Er- obernng ist aber nirgends fixiert und der Termin des Volksentscheides ist im Versailler Bertrag ganz ge, nau angegeben. Das bedeutet, daß die Partei» die für das Sowjetsaarland kämpft, den Arbeitern die Antwort aus die Frage schuldig bleibt: wie sie im Jahre 1985 abstimmen sollen." „Sich zum Hitler-Dentschland praktisch, d. h. durch Eni» scheid zu bekennen, heißt theoretisch gesprochen den natio» nalen Mystizismus über das Klasseninteresse zu stellen, und psychologisch eine wirklich hündische Politik treiben." Spaniens nene Regierungskrise Sehr schwierige Lösungsversuche Madrid, 4. Okt. Die spanische Regierung ist zurück» getreten. Das Kabinett Lerroux war nur I Wochen i« Amte. Paris, 4. Okt. Nach dem Ausbruch der spanische« Re, gierungskrise berichtet Havas aus Madrid, daß die V*« miihungen des Präsidenten um die Regierungsbildung dies» mal sichanßerordentlichschwierig gestalten werden, da der Präsident der Republik schon gelegentlich der Bildung des Kabinetts Lerroux vor drei Wochen alle Möglichkeiten erschöpft haben dürfte. In den letzten vier Monaten wurden gestürzt eine Linksregicrung, die die Unterstützung der Kammer hatte, und eine Lonzentrationsregierung, die daS Vertrauen des Präfidenten besaß. Der Präsident der Repa- blit selbst kann das Parlament im Verlans seiner Amtszeit nur zweimal anflösen. Im Falle der Parlamentoanslösung hätte der Staatschef übrigens die schwierige Ausgabe» die Persönlichkeit zu bestimmen, die den Anslösnngöerlaß dnrch- zuführen hätte. Diese Ausgabe könnte einer nationalen Re» gicrung anvertraut werden, die Vertreter aller poli» tischen Parteien umfassen und unter dem Vorsitz einer politisch neutrale» Persönlichkeit stehen würde. Nazi Katholiken Arbeitsgemeinschaft mit „Führer" genehmigt SA. und SS. vom Die lang andauernden Bemühungen, die hitlersreundliche« Katholiken in einer besonderen Organisation zu sammeln, haben endlich zum Erfolg geführt. Der„Führer", wie sich aus einer Anordnung des stellv. Führers Rudolf Heß ergibt, hat geruht, eine„Arbeitsgemeinschaft katho- l i s ch e r Deutscher" zu g e st a t t e n, die sich zur Aus- gäbe gesetzt hat, unter den Katholiken eine ehrliche, rückhalt- lose Mitarbeit am Nationalsozialismus zu versuchen und in der gleichen Gesinnung für ein klares Verhältnis zwischen Kirche, Staat und NSDAP, zu sorgen. Auf dieser Grundlage sollen die katholischen Werte für die völkische Einheit und den Neubau des Reiches nutzbar gemacht werben. Die Leitung der Arbeitsgemeinschaft hat Vizekanzler von Papen, zum Geschäftsführer wurde Dr. Graf Thun bestellt. Sie will keine Massenwerbung treiben und ist stolz darauf, die einzige und von der Reichsleitung der NSDAP, anerkannte Stelle zu sein. Sie wird sich dabei auch der Hilfe von SA. und TT. erfreuen dürfen. Diese katholische Arbeitsgemeinschaft macht gleichzeitig allen anderen katholischen Gründungen, z. B.„K r e u z u n d Adler" ein Ende. Sie ist nicht nur die katholische Gleich« schaltung, sondern die offizielle und gesinnungsmäßige Ein- gliederung bestimmter katholischer Prominenzen und ihre Anhängerschaft in den Nationalsozialismus. Sie übernehmen die widerchristliche Rassenlehre und bejahen Terror und Konzentrationslager— aus Ueberzeugung. Mit Herrn von Papen als Hüter und Walter. Wäldbrandkatastrophe bei Hollywood— 33 Tote, 100 Verletzte Los Angeles, 4. Okt. Bei einem Wald, und Busch» brand in Griffith Park, oberhalb von Hollywood, kamen gestern nachmittag von den dort mit Notstandsarbeiten be- schädigten Arbeitslosen 83 in den Flammen um und ungefähr 100 erlitten schwere Brandwunden. Das Feuer ist angeb- lich durch die Nachlässigkeit eines Ranchers verursacht worden. Insgesamt haben die Klammen 2009 acres Parkland zerstört. Deutschlands Schutz fttr Minderheiten Leider nur außerhalb der deutschen Grensen wens, S. Oktober. Das Kaiserreich hat sich um die weithin in Europa ver- streuten deutschen Minderheiten in fremden Volkskörpern nicht gekümmert. Erst die vielgeschmähte Republik hat sich beS deutschen Volkstums dort angenommen, wo es wirklich bedroht war- Die republikanischen Parteien, vor allem auch die Sozialdemokratische, haben dabei stets gewußt und danach gehandelt, daß Deutschland den Minderheiten in Deutschland dieselben Rechte gewähren muß, die es außerhalb seiner Grenzen für die Deutschen fordert. S t r e s e m a n n hat wiederholt im Reichstag diesen Standpunkt gegen die Deutschnationalen und die Nationalsozialisten verteidigt, die zwar in edler Unverschämtheit draußen volle Freiheit sür deutsches Volkstum forderten, aber in Deutschland selbst nicht geneigt waren, insbesondere der polnischen Minderheit, dieselben Vergünstigungen zuzugestehen. Dank den Parteien der Linken und der Mitte setzte sich diese nationalistische „Minderheitenpolitik" in Deutschland bis vor kurzem nicht durch. Seitdem Hitler seine Blut- und Gewaltherrschaft ange- treten hat, ist leider der deutschen Regierung jedes moralische Recht verloren gegangen, sich der Minderheiten anzunehmen. Zwar gestehen wir zu, daß die Polen und die Dänen in Deutschland wegen Rücksichten aus das Ausland Verhältnis- mäßig geschont werden, aber die jüdische Minderheit und jede geistig nicht gleichgeschaltete Minder- heit werden terroristisch unterdrückt, wie es nie in der neueren Geschichte in einem Kulturvolk geschehen ist. ES gehörte deshalb schon die ganze naive Dreistigkeit der jeyi- gen Reichsregierung dazu, auch diesmal in Genf sich alS die Gchutzpatronin der Minderheiten aufzuspielen. Der G e- sandte von Keller hatte die undankbare Aufgabe. Er machte es sich sehr einfach: der Völkerbund dürfe Schutz nur den„nationalen" Minderheiten gewähren, die Judensrage aber sei kein nationales, sondern ein soziales und be- völkerungspolitisches Problem. Daß der Herr Gesandte da- bei in bewußter Unwahrheit von dem großen Strom der Ostjuden sprach, hat seine Position nicht verbessert. Jeder der Fachleute in der Minderheitenkommission weiß, daß nur etliche Tausend Ostjuden im Nachkriegsdeutschland einge- bürgert worden sind. eit n« die ch« le. li. sitz >m Die Rede der verlogenen Diplomaten machte infolgedessen keinen Eindruck. Der ungarische Delegierte Baranyai hütete sich, auf die halsbrecherische Logik des deutschen Vertreters einzugehen. Tann aber marschierten unter Führung des französischen Vertreters Senator Berenger alle die Staaten auf, die dem deutschen Vertreter recht offen die Schande seiner Regie- rung ins Gesicht sagten. Der französische Senator Berenger erklärte, das Deutsche Reich habe die Grund- sätze des Minderheitenrechts nicht nur durch Handlungen, die man verschieden beurteilen könne, sondern durch gesetzgeberische M aß nahmen verletzt. Diese Verletzung sei vom Völkerbundsrat im Juni anläßlich des Falls Bernheim für Oberschlesien festgestellt worden. Berenger richtete an die deutsche Delegation die Frage, wie das Reich die Gesetze, zu denen der Rat im Juni Stellung zu nehmen gehabt habe, mit den Grundsätzen des Minderheitenschutzes vereinbare. Der schwedische Außenmini st er Sandler bewegte sich auch bei Begründung seines in der Versammlung ange- kündigten Vorstoßes in der gleichen Richtung. Der polnische Vertreter Graf Racsinski berührte die schwedische Erklärung zur Minderheitenfrage. Er legte den Entwurf einer Entschließung vor, der die Verallgemeine- rung des Schutzes der Minderheiten der Rasse, Sprache und Religion, sowie den Abschluß eines allgemeinen Abkommens über den Minderheitenschutz fordert. Der Völkerbundsrat soll einen Studienausschuß einsetzen, der der nächsten Tagung der Völkerbundsversammlung den Ent- wurs eines solchen Abkommens vorzulegen habe. ES ist traurig, daß die jetzige deutsche Reichsregierung für moralische Imponderabilien in der internationalen Politik überhaupt kein Gefühl hat. Trotz des unzweifel- hasten Vorherrschens nationalpolitischer und wirtschaftlicher Gruppenegoismen leben unzweifelhaft auch in langer Kul- tnrentwicklung erwachsene Gefühle wie Gerechtigkeit und Freiheit. Alle Staatsmänner von Bedeutung haben solche Empfindungen in ihre Außenpolitik mit einzuspannen ge- wüßt. Ten jetzigen deutschen Machthaber« ist das nach ihren rohen Innenpolitik auch in der äußeren Politik nicht möglich. Sonderbarer„Sdilaganfall" „Verletzungen" auf der Flucht Der„Generalanzeiger für das Osterland" berichtet: Planen. An den Folgen eines Fluchtversuches gestorben. Der aus Mttlsen-St. Niclas stammende frühere Schrift- leiter der sozialdemokratischen„Volkszeitung" in Plauen, Albin Fritsch, ist im Konzentrationslager Hohnstein an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Er befand sich zuerst längere Zeit in Schloß Osterstein und ist vor wenigen Wochen nach Hohnstein übergeführt worden. Dort unter- nahm er vor etwa zehn Tagen einen Fluchtversuch, um über die Grenze zu kommen. Infolge von Verletzungen, die er sich dabei zugezogen hat, mußte er mehrere Kilo- meter von der Grenze entfernt seine Absicht ausgeben, worauf er sich selbst der Polizei stellte. » Die einfachste Wahrheit ist: Frisch ist den Mißhandlungen und Verwundungen erlegen, die ihm von den braunen Ban- ttten zugefügt worden sind. Der„Neue Vorwärts" teilt noch mit: „Die Wahrheit ist, baß die braunen M o r d b e st i e n Eugen Fritsch kaltblütig abgeschlachtet haben. Man hat ihn so zerschlagen, daß er schwere innere Ber- lttzungen erlitt, dann hat man ihn von der Umfassung?- mau er der Burg Hohnstein heruntergestürzt, um so einen Fluchtversuch vorzutäuschen und eine Erklärung sür die inneren Verletzungen zu haben. Man denke: Die Polizei gibt selbst zu, daß die Ver- lctzungen Fritschs sehr schwer gewesen seien, als man ihn angeblich auffand oder er sich selber gestellt hatte. Anstatt den Todkranken nun aber sofort in ein Krankenhaus zu überführen, hat man ihn— eine tolle Roheit— wieder ins Konzentrationslager geschafft, wo weder Aerzte noch Opera- tionseinrichtungen vorhanden sind. Dort ist er dann ge- starben. Hitlers Banditen haben ihn, den tapferen Sözia- listen, zur Strecke gebracht. Die vogtländischen Arbeiter, wo Fritsch große Verehrung genoß, werden mit zusammenge- biffcnen Zähnen an ihn denken. Undanseine Mörder!" Fenstersturz eine» Rechtsanwalt« Unter dieser Ueberschrift meldet die„Voss. Ztg.": Ter 80 Jahre alte Rechtsanwalt Wilhelm Kahn stürzte sich heute früh aus einem Fenster seiner im 3. Stock de» Hauses Wielandstraße 15 in Charlottenburg gelegenen Woh- nung aus die Straße. Kahn war auf der Stelle tot. Män vermutet, daß er die Verzweiflungstat in einem Anfall see- lischer Depression verübt hat." Und der Grund für die seelische Depression? Raub ber Existenz und der Möglichkeit, eine neue auszubauen. Zahnarzt ist sdillmmer als llcnhcr Ein deutscher Professor namens Hoche Ein Professor der Freiburger Universität namens Hoche hat einen Vortrag auf der Badener Neurologen-Vcrsamm- lung gehalten und veröffentlicht ihn in Heft, 10 der„Monats- schrift sür Kriminalpsychologie und Ttrasrechtsform", die kein geringerer als Franz von Liszt begründete. Er bejaht darin die Todesstrafe. Diese Bejahung an und für sich ist ja nichts Seltenes bei den Spitzen der deutschen Wissen- schaft. Aber die Begründung, die dieser fand, ist ein Zeit- bckument! Herr Professor Hoche hat nämlich heraus- gesunden, daß es eine Todesstrafe gar nicht gibt.„Tie Todes- strafe ist keine Strafe," lautet der Titel seines gedruckten Bortrages. Diese These verspricht er,„unbeschwert von Theorien und ohne Anwendung der juristischen Kunst- spräche" zu erörtern. Er ist jedoch auch noch von anderen Tingen unbeschwert. Zunächst stellt er fest, die Opposition gegen die Todesstrafe beruhe auf der„allgemeinen Voraussetzung, daß es besser sei zu leben als tot zu sein". Das hält der Freiburger Pro- fessor schon durchaus nicht für richtig. Tie Zahl v o.n 17 000 Selb st Mördern jährlich, sowie die häufige Todessehnsucht beweisen ihm das Gegenteil. Schpn deshalb ist seiner Ansicht nach die Todesstrafe gar keine«träfe. Bestrafung muß außerdem aber auch in einem Leiden be- stehen, doziert er. Totsein aber ist kein Leiden,' also ist die Tötung auch keine Strafe. Der Akt der Hinrichtung selbst aber? Nun:„Nicht einmal der Akt der Hinrichtung selbst bedeutet ein Leiden. Zahn- a r z t ist— in diesem Zusammenhange— schlimmer als Guillotine." Dieser Feststellung gegenüber werden alle Argumente fruchtlos bleiben, und man kann sich nur sehr darüber wundern, baß Professor Hoche sich noch nicht den schlimmeren Leiden des Zahnarztes durch das geringere der Guillotine entzogen hat. Die Schmerzlosigkeit des HinrichtungSvorgangs vermag Hoche dann auch so eindeutig nachzuweisen, daß er abschließen kann:„Nun bleibt nur noch der Einwand: Aber die T o d e s a n g st ist doch ein Leiden." Aber auch hieraus hat er die schlüssige Erwiderung:„Ganz gewiß ist sie das. Aber die Menschen werden nicht zur Todesangst, sondern zum Tode verurteilt. Angst haben, ist ihre eigene Sache, die der Staat gar nicht von ihnen verlangt! Er selbst würde zweifellos vor dem Verbüßen von 10 Jahren Zuchthaus viel mehr Angst empfinden als vor dem bißchen Sterben." Woher aber dann überhaupt irgendwelche Gegnerschaft gegen die Todesstrafe? Dem Mann ber Wissenschaft ist der Grund sonnenklar:„Die Argumente, mit denen radikale Gruppen die Todesstrafe bekämpfen, wollen nicht viel be- hiirrhfirfitiii; sie haben ein Inter- wruppen oie^uoe&iiiuic wiumviv.., deuten? ihre Motive sind durchsichtig: sie haben ein Inter- esse daran, daß sie bei dem als Einleitung von Umsturzbeivegungen üblichen Oes s neu der Zuchthäuser bewährte Verbrecher dort am Leben vorfinden." Wir denken an Potempa und geben Herr« Professor in gewissem Sinne recht... hasset die Rindlein nicht zu mir kommen Bei der Reichskanzlei gehen täglich an den Reichskanzler gerichtete Briefe von Schulkindern ein. Tie Briese enthatten Gesuche an den Reichskanzler um Gewährung von Unter- sttttzungen oder Geschenken. Abgesehen davon, daß dem Reichskanzler Mittel zur Erfüllung aller dieser Wünsche nicht zur Verfügung stehen, ist es nicht angebracht und fast immer ungehörig, daß schon Kinder sich mit Bittschriften an den Reichskanzler wenden. Tie Eltern werden deshalb er- sucht, aui ihre Kinder einzuwirken, daß sie die Absendung von Bittgesuchen an den Reichskanzler unterlasse». „Horst-Wessel-Stadt" Die Berliner Stadtverwaltung hat beschlossen, den Namen .Friedrichshain" in„Horst-Wessel-Stadt" umzuändern. sen :ln, sich ibt» o- uf- rlt- in hen age eit e r : a k and der mch itig n d sich- ein- ihre neu und rrv )te, »schare« be« säbr geb» acht ark« van Lexikon y°n Jo Hanns Rosier Max hat ein Wort nötig. Max möchte wissen, wie man„Sympathie" schreibt. Max hat kein Lexikon zu Hause. Max möchte sich kein Lexikon kaufen. Max sagt:„Ich bin freier Staatsbürger und das genügt. Ich werde in die Staatsbibliothek gehen und dort im Lexikon nachsehen." Max kommt in die Staatsbibliothek Vor dem Tore mustert ihn mißtrauisch der Portier. „Wohin?" »In die Staatsbibliothek." „Geradeaus. Mittelste Tür' Hinter der Tür steht schon wieder einer: »Schirme und Stöcke sind abzugeben" „Verzeihen Sie," meinte Max,„ich will nur auf einen Sprung— nur schnell etwas nachsehen— ich komme sofort zurück.—" „Schirme und Stöcke sind abzugeben." „Aber—" „Schirme und Stöcke sind abzugeben. Hier ist Ihre Marke." Max gibt seinen Stock ab und geht durch die Halle. Hinter einer Säule schießt einer aus ihn zu. „Wohin?" „In die Staatsbibliothek." „Da sind Sie- Wohin wollen Sie hier? Was wollen Sie hier?" „Etwas nachsehen." „Was nachsehen?" „Ein Wort im Lexikon." -Also Sie wollen hier lesen?" »Ja" „Lesesaal dritte Tür rechts" Max geht in den Lesesaal dritte Tür rechts. ♦ »Ihren Ausweis?," fragt der Mann am Eingang. „Was sür einen Ausweis?" „Jchre Lesekarte." „Ich habe keine Lesekarte." „Ohne Lesekarte dürsen Sie nicht hier herein. Lesekarten zweiter Stock, rechter Gang, Tür 30." „Aber ist will doch nur ein Wort—" „Lesekarten zweiter Stock, rechter Gang, Tür 89." Max steigt in den zweiten Stock. »Ich möchte eine Lesekarte habe«^ »Für einen Monat? Für ein Jahr?" „Nein, für einen Tag. „Für wann?" „Für heute." „Das geht nicht. Lesekarten werden nur vormittag? zwischen elf bis zwölf Uhr ausgestellt." „So? Verzeihen Tie, aber ivarum ist dann dieses Büro jetzt nachmittags geöffnet?" „Wir haben nicht geöffnet- Wir haben nur offen." „Was ist da für ein Unterschied?" „Wenn jemand bringend eine Karte braucht" „Ich brauche dringend eine Karte." „Dann müssen Sie einen Dringlichkeitsantrag stellen. Dem Antrag ist beizufügen: Geburtsschein, Einwohnermelde- schein, letzte Steuerquittung, Trauschein der Eltern mit Vatersnamen, der Mutter und ein Strafregisterauszug. Ferner ist anzugeben, warum und wozu Dringlichkeit vor- liegt." „Aber, verehrter Herr," wurde jetzt Max unruhig,„ich will doch nicht hier Ehrenmitglied werden! Ich will doch nur ein Wort im Lexikon nachsehen, ein einziges Wort!"—„Dann brauchen Sie keinen Leseschein."—„Aber der Beamte im Lesesaal sagte, daß ich ohne Schein nicht in den Lesesaal darf." „Da hat er recht."—„Aber—"„Was wollen Sie denn im Lesesaal? Tie wollen doch nicht im Lexikon lesen, Sie»vollen doch nur im Lexikon nachsehen. Das können Sie auch ohne Leseschein im etymologischen Kabinett, erster Stock, Tür 22." Max stieg wieder in den ersten Stock. „Kann ich ein Lexikon haben?"—„Da müssen Sie einen Antragschein unterschreiben." Max unterschreibt den Antrag- schein. Der Beamte stempelt darauf das Wort:„Genehmigt." „Kann ich ein Lexikon haben?" fragte Max nochmals. Jda, wenden Sie sich an den Herrn gegenüber"—„Ich möchte ein Lexikon." Ter Beamte schiebt Max einen Zettel zu.„Schreiben Tie ihren Wunsch aus einen Bücherzettel." Max füllt den Bücher- zettel aus. Schreibt: ein Lexikon- Max gibt den Zettel dein Beamten- Ter Beamte gibt Max eine Nummer,„Ihre Nummer wird ausgerufen. Warten Sie da drüben.„Max hat die Nummer 255- Ter Beamte ruft gerade aus:„Nun»- mein 83 bis 87." Nach zwanzig Minuten hört Max:„Nummer 253 bis 260. Max eilt zur Ausgabe. Erivartet sein Buch- Aber Max er- hält nur seinen Zettel. Daraus steht:„Nähere Bezeichnung?" „Wieso?" steht Max dumm.„Sie müssen angeben, was für ein Lexikon Sie wünschen- Wir haben hier das große Konversationslexikon, das kleine Konversationslexikon. daS Glojjarlexikvn, das Lnomastiklexikon, das Zdiotiklexikon« das etymologische Lexikon, das Tnnonymenlexikon, das noch hunderte Fach-, Spezial- und Realwürterbücher. Der Nächste bitte."—„Das ist mir-zu hoch," meint Max wütend,„ich null doch nur ein geivöhnliches Wörterbuch, weil ich nachsehen will, wie ein Wort geschrieben wird!"—„Dann genügt doch ein orthographisches Wörterbuch."—„Freilich."— Max gibt »vieder seinen Zettel ab- Max erhält diesmal die Nummer 388. Max muß»vieder zivanzig Minuten warten.— Endlich erhält Max sein Wörterbuch. Max macht sich auf die Tuche- Nach dem Wort„Sympathie". Endlich kommt er näher. Liest:„Symbol— Symachie— Symetrie— sy»npathetisch— Syrup— System." Max liest wieder zurück nach vorn. Bon vorn nach hinten. Bon hinten nach vorn. Das Wort„Sympathie" ist nicht vor- Händen.„Hier stimmt was nicht," trägt Max das Buch wieder zurück,„hier fehlt etwas."—„Wieso?"—„Das Wort Sympathie steht nicht darin."—„Zeigen Sie,"»st der Beamte gefällig,„das gibt es nicht— das ist doch ausge- schlössen— natürlich— hier fehlt ja ein ganzes Blatt."— „So?" sagt Max. Ter Beamte wird sachlich.„Wann haben Sie das Buch ausgeliehen?"—„Das wissen Sie doch. Sie haben eS mir doch selbst gegeben."—„Ich weiß gar»ichtS. Ich arbeite nur nach Zettel und Nummer- Also wann haben Sie das Buch ausgeliehen?"—„Vor zehn Minuten."— „Dann müssen Sie den Band ersetzen- Beschädigungen müssen sofort bei Empfang gemeldet»verde»», sonst ist der Entleiher haftbar. Laut§ 22 ber Leseordnnng. Widerspruch hat keinen Zweck, Herr, Sie haben sich selsbst durch Unterschrist des An- tragsscheines den Bedingungen unterworfen. Wo kämen»vir hin, wenn jeder Mensch sich aus jedem Buch eine Seite her- ausreißen»vollte? Was»vürden Tie sagen,»venu Sie ein Buch erhalten und gerade die Seite fehlt, die Sie inter- essiert?" Max sagt gar nichts. Max sieht rot. Max»veiß nicht mehr, was geschah. Als er wieder zu sich kam, saß er im Gefängnis- Vor ihm stand ein Wärter:„Haben Sie einen Wunsch? Schreibmaterial, Bücher?" Da sagt Max:„Ja, geben Sie mir schnell, aber sehr schnell ein Lexikon, wo das Wort Sympathie drin steht. Als freier Bürger habe ich zivanzig Beamte uin Erlaubnis fragen müssen, fünfzehn Zettel unterschreiben müssen, wurde von Pontius bis Pilatus geschickt, mußte fünf Stunden warten und dann habe ich es noch nicht bekommen. Jetzt bin ich kein freier Bürger mehr, jetzt sitze ich im Loch, jetzt möchte ich mal wissen, wie lange es da dauert." Eine Minute später hielt Max das Lexikon in der Hand und las: „Sympathie: Mitempfindung. Mitfreude, nnivillkürliche .Teilnahme an Personen, Dingen oder Staatseillrichtungen." Massenelend in Dentsddand Erschütternde Zahlen Wir entnehmen der„Westdeutschen Arbeiterzeitung", dem gleichgeschalteten Organ des katholischen Arbeiter- im Rheinland, den folgenden Aufsatz. Bei den Iü:! r y. n0e"' deren statistische Unterlage wohl wenig iliichkeit zur Abschwächung der erschütternden -Tatsachen zuließ, registrieren wir mit Befriedigung Versuch einer klaren Beurteilung, ivie sie sich im Deutschsand der erwürgten Geistessreiheit nur wenige mutige Schriftsteller erlauben dürfen. Zu beachten ist ledoch, daß in dieser Betrachtung Zahlenmaterial aus dem Winterhalbjahr 10 8 2/83 verwert e t w u r d e, also aus einer Zeit halbwegs ge- regetter innen- und außenpolitischer Verhältnisse. Inzwischen hat sich während der Hitlcrherrschaft die Wirt- schaftslagc katastrophal verschlechtert. Die Lebenshal- tung des noch im Erwerbsleben stehenden Arbeiters ist auf einen nie gekannten Tiesstand gesunken. Für die Unterstützungsempfänger trifft dieses in noch viel fer ein Maße zu. Ob aus dem Winterhalbjahr 1033/34 einmal Zahlen veröffentlicht werden? ,.Pr^essor Dr. v. T y s z K a veröffentlicht in der„Klini- schen Wochenschau" geradezu erschütternde Zahlen über die Ernàhrungslage der deutschen Arbeiter undErwerbslosen. Die Darlegungen fußen auf Er- Hebungen, die schon im Winterhalbjahr 1932/33 gemacht worden sind. Die bedeutende Verminderung des Ein- Kommens der noch im Erwerbsleben stehenden Arbeiter und der noch schärfere Einkommensschwund der Kurz- arbeiter und völlig Erwerbslosen hat einen Zustand her- beigeführt, bei dem man mit Recht von„unterernährtem Volk" sprechen kann. Mag sein, daß es statistisch sehr schwierig ist. exakte Ergebnisse zu ermitteln über die tat- sachliche Lage, mag auch sein, daßesinmanchenAr- b e i t e r f a m i l i e n, v o r a l l e m in solchen mit mehr als zwei Kindern, noch wesentlich be- tr Üblicheraus sieht,alseshiergeschildert wird, die Arbeit des bekannten Wissenschaftlers bietet aber trotzdem beachtliche Angaben, die der wirklichen Lage wenigstens nahekommen. Nach den Darlegungen TyszKas verbrauchte die aus Mann. Frau und zwei Kindern bestehende Familie eines nicht hoch, aber normal entlohnten Arbeiters im Monat an Fleisch und Fleischwaren rund 19 Kilogramm. In der gleich großen Familie eines Kurz- a r b e i t e r s wurden durchschnittlich im Monat 8,5 Kilo- gramm verbraucht, und in der Familie des Arbeits- losen nur 4,5 Kilogramm. Auf die tägliche Portion und Person umgerechnet heißt das: für die Familie des be- schäftigten Arbeiters 83 Gramm, des Kurzarbeiters 71 und des Arbeitslosen 37 Gramm. Diese Zahlen sind also immer für Familien mit 4 Personen zu verstehen. Das Bild wird sich wesentlich verschlechtern bei größeren Familien ohne zusätzliches Einkommen durch Mitarbeit der Angehörigen. Um einen etwaigen Vergleichsmaßstab zu haben, denke man daran, daß in den letzten Iahren durchschnittlich auf den Kopf jedes in Deutschland lebenden Menschen im Jahre 52 Kilogramm Fleisch und Fleischwaren entfielen, d. h. pro Tag 143 Gramm. Wahrscheinlich ist der Gesamtverbrauch des deutschen Volkes 19 32/33 aber auch schon zurückgegangen. Er liegt aber zweifellos noch wesentlich über den oben an- gegebenen Zahlen, auch über den für die Familie des voll- beschäftigten Arbeiters angegebenen Mengen. Der Milchverbrauch sank ebenso erheblich. Wäh- rend der beschäftigte Arbeiter mit seiner Familie noch 38,6 Liter im Monat beziehen konnte, fielen auf den Kurzarbeiter 29,8 und auf den Vollarbeits- losen 29.2 Liter, also täglich zweidrittel Liter für die ganze Familie. Der Butterverbrauch im Haus- halt des Vollbeschäftigten betrug 944 Gramm im Monat, er sank aus 333 Gramm beimKurzarbeiterundauf9Grammbeiden Erwerbslosen, weil hier der Fettbedarf ausschließ- lich durch Margarine und Schmalz gedeckt wurde. Der Rückgang des Verbrauchs an Eiern, Fisch. Brot, Gemüse. H ü l s en fr»ü ch t e und Zucker zeigt nachstehende Tabelle: Beschäftigungs- grad Vollbeschäftigt Kurzarbeiter Arbeitslos Während sogar die mengen sinken, steigt Eier Stück 28 15 14 Fisch kg 2,3 Gemüse u. Hülsenfrüchte kg 22 15 11 Zucker kg 3,9 2,2 Brot kg 34 38,7 1,6 31 Brot-, Gemüse- und Hülsenfrüchte- der Kartoffelverbrauch er- heblich. Auf die Familie des Vollbeschäftigten ent- fallen im Monat 45,8 Kilogramm, auf die des Kurz- a r b e i t e r s 47,2 und auf den Arbeitslosen mit seinen Angehörigen 72,6. Gegenüber den Ernährungsverhältnissen von 1927/28 hat sich die Ernährung der Arbeitslosen im Winter 1932/33 beträchtlich verschlechtert. Der Verbrauch an Fleisch und Fleischwaren betrug nach Professor v. Tyszka nur noch e i n D r i t t e l der damaligen Menge; der Verbrauch an Eiern ist auf ein Viertel, der Verbrauch an Milch auf die Hälfte, dsc Verbrauch an Gemüse auf weniger als 49 vom Hundert zurückgegangen. Der Kartoffel- Konsum hat sich aber glatt verdoppelt. Der Kalorienwert der Nahrung ist in den drei von Professor v. Tyszka unterschiedenen Verbrauchsgruppen gerade noch ausreichend, um kein dauern- desHungergefühlaufkommenzuIassen;der sonstige Ernährungswert der verbrauchten Lebensmittel ist jedoch völlig unzulänglich. Vor allem ist der Ei- weißgehalt, besonders der Gehalt an animalischem Eiweiß, in der Ernährung der Kurzarbeiter- und Arbeitslosen- familie viel zu gering. Während in der Familie des normal entlohnten Ar- beiters auf jede Vollperson noch täglich fast 75 Gramm Eiweiß kommen, was eben noch genügt, beträgt die Ei- weißzufuhr in der Kurzarbeiterfamilie nur 65,46 Gramm, in den Haushalten der Arbeitslosenfamilien 52,16 bis höch- stens 56 Gramm. Das ist bereits zu wenig, um die Körper- lichen und geistigen Kräfte vor dem Verfall zu bewahren. Dazu kommt noch der Vitaminmangel, so daß weite Volks- schichten in Deutschland als dauernd unterernährt zu be- trachten find. Diese wenigen Zahlenangaben entrollen, auch wenn die Statistik noch Fehler enthalten sollte, einüberau» e r n st e s B i l d. Sie deuten an. wie es in hunderttausen- den deutscher Familien aussieht. Die Angaben belegen aber darüber hinaus nach der gesamtwirtschaftlichen Seite, daß der Absatz unserer Landwirtschaft zu tragbaren Preisen nur dann gesichert ist, wenn die Kaufkraft der Massen durch Besserung der Entlohnung und Beschäfti- gungslage wesentlich steigt. PleHe- nacki der Begeisterung Tom âr jcttanarkl lOr iWirte verklagen das Turnfest Noch immer ist Deutschland in einem Festtaumel, wenig- stens wenn man der gleichgeschalteten Presse glaubt. Wieviel Katzenjammer auf die Festräusche folgt, läßt folgender Bericht aus Stuttgart ahnen: Bei dem 15. Deutschen Turkfest sind viele der Festwirte nicht auf ihre Rechnung gekommen. Einer hat jetzt gegen den H a u p t f e st a u s s ch u ß des Turnfestes beim Landgericht eine Schadenersatzklage eingereicht. Sie soll die Grundlage für noch weitere Prozesse bilden. Der Kläger behauptet, es sei ihm zugesichert worden, baß er mit 29 000 Verpslcgungskarten zu je fünf Mittagessen, also rund 100000 Mittagessen, zu rechnen habe. Entgegen dieser Abmachung habe sich der Beklagte um den Absatz der Verpflegungskarten aber überhaupt nicht gekümmert. Dadurch habe der Kläger anstatt der ihm zugesicherten 20 000 Verpflegungskarten in der ganzen Dauer des Turnfestes nnrl7öV erpfleg nngskarten abgesetzt. Der Kläger macht dem Hauptausschuß noch den Vorwurf, daß es ihm ei» leichtes gewesen wäre, durch eine entsprechende Anfrage bei den einzelnen Gauen festzustellen, wieviel Turner eine Verpflegungskarte wünschen, so wie das mit den Quartieren usw. gemacht worden sei. Dann habe der Beklagte auch stets ausdrücklich betont, keiner der Wir.te werde zu Schaden kommen. Ja, sie würden sogar grob und viel verdienen. Jugendliche Ein Hndiudfsel In der„Kölnischen Zeitung" Wir lesen in der Nr. 538 des hochkapitalistischen Blattes: Die Presse war vollkommen uniformiert. Alle politischen Rezepte und Ratschläge wurden ihr von der Berliner Zentrale zugeschickt, sie hatte weder Selbständigkeit noch Originalität. Jede eigene Ansicht war verboten. Ferner lag eine Ursache der Katastrophe im innern Aufbau der Partei, in der an der Spitze eine Parteiaristokratte mit Luxus- automobilen, erstklassigen Wohnungen und enormen Einkünften stand. Dann folgte die Schicht mittlerer Be- amten, die sich hauptsächlich um persönlicher Vorteile und um der Karriere willen der Partei angeschlossen hatten, und erst am allerletzten Platz kamen die Massen, das Pro- letariat, die Arbeiterschaft. Obwohl die Schilderung in die Vergangenheit verlegt wird, ist unschwer zu erkennen, daß hier ein genaues Bild der Bonzokratie des„dritten Reiches" und seiner vollkommen gleichgeschalteten flies: uniformierten) Presse entworfen wird.. Die„Kölnische Zeitung" aber will glauben machen, daß jier von der— Sozialdemokratie gesprochen wird. Die Berichte der Berufsberatungsämter scheinen noch nicht ganz gleichgeschaltet zu sein. Man ersieht aus ihnen die Schwindelhaftigkeit der Hitler-Zahlen. Alle Berichte beginnen hymnisch: die Arbeitsstellen hätten sich vermehrt, die Lehr- Herren hätten die Postenzahlen für Lehrlinge verdreifacht, ein Aufatmen gehe durch die Jugend usw. Wenn man aber die Berichte sorgfältig liest und sich der mühevollen Arbeit unter- zieht, ihre Zahlen mit den Zahlen von 1032 zu vergleichen, dann merkt man den Schwindel. Allerdings ist diese Art der Lektüre zwar mühevoll, aber sehr aufschlußreich. Die Zahl der Abiturienten, z. B. die weiter studieren wollen, erreicht einen Tiefstand: sie schwankt zwischen 20 bis 30 Prozent im ganzen Reich. Man meldet diese Tatsache als„erfreulich", ob- wohl sie deutlich die Schrumpfung der Wirtschaft und die Er- ledigung des Mittelstandes und der Intellektuellen beweist. In zahlreichen Gegenben des Reichs findet man die Abi- turienten, die keinen akademischen Berus ergreisen wollen und daher Lehrstellen suchen, als zu alt. Was sangen diese armen Burschen an? Studieren geht nicht; prak- tischen Beruf— geht nicht. So züchtet Hitler ein beruts- unfähiges intellektuelles Lumpenproletariat. Mädchen will möglichst niemand anstellen, da die«Tendenz besteht, Frauen nur noch in rein weibliche Berufe einzugliedern". Welche Berufe das sind, wird nicht gesagt. Ist im„dritten Reich" doch nicht einmal die Prostitution mehr ein rein weiblicher Beruf. Ein Vcrussberatungsamt erklärt ganz offen, daß die all- gemein schlechte Konjunktur die freien Lehrstellen dezimiert habe. Aus anderen Berichten erfährt man, daß z. B. die Adler- Werke überhaupt keine grundlegende Lehrlingsausbildung mehr durchführen: oder daß Riesenbetriebe, die im gleichen Monat 1932 noch 20 Lehrstellen frei hatten, heuer 7 Lehr- linge einstellten. Einzelne Aemter halse» sich, selbst in rein industriellen Gebieten, damit, daß sie die Jugendlichen in die Landhilse abschoben, aber diese„Abgänge wurden durch Neu- zugänge ausgeglichen". Von fünf großen Aemtern wurden bis zu 70 Prozent weniger Lehrlinge in Posten gebracht, als im Vorjahr! So bleibt den Jugendlichen nichts übrig als der freiwillige Arbeitsdienst. Daß dieser einen wirtschaftlichen Sinn für seine Mitglieder habe, behaupten nicht einmal mehr seine Verklinder. Er hat zwei Aufgaben: 1. Lohndruck, 2. Zusammenhalten der verzweifelten Jugendlichen, damit sie nicht gefährlich werben können. Der Jugendliche wirb „sportlich betreut". Das Ziel dieser Betreuung ist 1. die Ge- suudheit und Arbeitskraft zu erhalten und zu fördern; 2. durch körperliche Leistungsübungen Mut und Willenskraft zu stärken: 3. den Sinn für Kameradschaft, Einordnung und Unterordnung unter die Belange der Gemeinschaft zu wecken und zu pflegen: 4. durch lebensfrohe körperliche Betätigung Lebensmut und Spannkraft zu steigern. Mit all diesem Geschwätz verbrämt man die Tatsache, daß man 75 Prozent der schulentlassenen Jugend keine Möglich- keit geben kann, einen Berus zu lernen. Sdirumpfnng Deutschlands Einfuhr Vierteljahr 1933 April—Juni (in Millionen Mark) Europa* Saargcbiet Belgien-Luxemburg Dänemark Polen Frankreich Großbritannien Italien Niederlande Oesterreich Schweden Schweiz Spanien Tschechoslowakei Rußland(UdSSR.) Afrika Asien Britisch-Jndien China Japan Niederländisch-Jndien Amerika Ver. Staaten von Amerika Kanada Argentinien Brasilien Australien Reiner Warenverkehr und Ausfuhr im zweiten Einfuhr 1933 1932 Ausfuhr 1933 1982 522.5 27,0 33.6 23,9 10.4 48.5 57.3 87.8 56.9 14,0 28,8 20,5 21.5 26,2 42.7 60.8 188.6 86.8 48.9 8,5 27,8 251,4 116,1 18.6 88,2 17.4 89,2 1 010,9 598,8 20.7 34,6 27,1 11.8 43.0 58,8 88,6 75.4 14.6 19.5 20.5 23.1 81.7 84,0 65.6 186,8 87,4 89.7 8,9 29.2 800,5 156,0 10,4 53,4 21,0 81,2 1142,6 935,1 20,9 68,9 80,6 13,8 101,3 94,4 56.3 142,9 81.8 48.4 ' 87,7 19.9 40,1 84.6 25.7 85.8 20.0 19.1 18,8 8.2 184,6 58,1 6,4 21,1 20,4 5,8 1188,1 1123.9 21.8 72.2 89.9 16,5 129,5 78.3 55,3 154.4 88,3 58,9 98,1 21.1 63.3 175,2 24,0 97,0 28,5 19,9 19.2 10,0 181.5 65.5 8,6 20.4 12.6 5,1 1382,8 Japanisches vier Als Konkurrenz für Deuschland Das Exportgeschäft der deutschen Brauereien wird nia?» günstig beurteilt. Interessant dürfte sein, baß Japan, wie auf anderen Gebieten, Sorge bereitet; große Mengen lapanischen Bieres werden z. B. jetzt, wie das„B. T." meldet, in Britisch-Jndien, auf den Inseln des Stillen Ozeans, Niederländisch-Jndien und den Küstengebieten Südamerikas abgesetzt. Die japanische Industrie sei in der Tat außer- ordentlich leistungsfähig: einige Brauereien besitzen eine Kapazität von 500 000 bis 900 000 Hektoliter. Der deutsche Export, der nach Niederländisch-Jndien 1930 noch zirka 100 000 Hektoliter betrug, sei bis auf 35 000 Hektoliter zurück- gegangen. In anderen Gebieten zeige sich Holland als Weit- bewerbcr; außerdem hätten viele Länder, die vor dem Krieg eine eigene Brauindustrie nicht besessen haben, so z. B. Aegypten, Palästina, gutgehende Unternehmungen. Die deutsche Ausfuhr nach Amerika lohne kaum. Begünstigt feien fast nur die GeselE-basten, denen es dank ihrer örtlichen Lage möglich sei. direkt von der Brauerei zum Schiff zu liefern. Schon vor dem Kriege hätten viele Brauereien mit dem Export keine guten Ersahrungen gemacht und das hindere auch jetzt vielfach, sich erneut an der Aussuhr zu versuchen. Deutsches Kunstseide-Dumping Deutschlands Ausfuhr von Kunstseidengarnen konnte im laufenden Jahre der Menge nach um 20 Prozent gesteigert werden. Sie belief sich in den ersten acht Monaten auf 4,8 Mill. Kilogramm gegen 4,01 Mill. Kilogramm im gleichen Zeitraum des Vorjahres und 3,92 Mill. Kilogramm in den ersten acht Monaten 1931. Die Ausfuhrsteigerung, an der eine größere Anzahl wichtiger Absatzländer beteiligt ist, mußte allerdings mit offenbar nicht geringen Preisopsern erkauft werden, denn der Exporterlös ist trotz der um 20 Prozent gröberen Absatzmenge gegenüber dem Vorfahre um 1 Mill. NM. und im Vergleich zu 1931 sogar um 8,2 Mill, aus 18,28 Mill. RM. gesunken. * Aus einer Quelle, die wir nicht angeben, um sie vor der Zensur zu bewahren, stellen wir fest: 1981 betrug Deutsch- lands Anteil an der Welikunstseidenproduktion 27,7 Mil- lionen Kilogramm, das sind 12,5 Prozent; 1982: 29,5 Millionen Kilogramm, das sind 11,2 Prozent; im ersten Halb- jähr 1933: 6,8 Millionen Kilogramm, das sind 3,7 Prozent der Weltproduktion. Die deutsche Produktion ist rund um 50 Prozent gefallen. Papierindustrie Die„Zeitschrist für Deutschlands Buchdrucker"(Nummer 62) warnt die Papierindustrie vor weiteren Preissteige- Hingen.„Die schwierige Lage," sagt ein gleichgeschalteter Wirtschaftsbeobachter,„der Papierindustrie und ihre Nöte sind bekannt. Daß sie seit dem Pfundsturz unter der skan- dinavischen Konkurrenz doppelt zu leiden hat. wird nicht be- stritten. Aber der innerdeutsche Markt ist doch nicht stark und widerstandsfähig genug, um dafür sofort vollen Ausgleich bieten zu können." Röhrengeschäft flau Nach dem Monatsbericht des RöhrenverbandeS hat sich der Auftragseingang auf dem Jnlanbmarkt, günstig beein- slußt durch die Arbeitsbcschaffungsmaßnahmcn der Rc- gierung. aus der Höhe der Vormonate gehalten. Im Aus- landgeschäft machen sich leider keinerlei Anzeichen einer Belebung bemerkbar, weil die bekannten Schwierigkeiten fortdauern. Glasindustrie Im Juli 1983 ist der Beschäftigungsgrad in der Glas- industrie gegen Juli 1932 um 2 Prozent zurückgegangen. Die Ertragsrechnpngen sind mindestens um 14 Prozent un- günstiger als im Vorjahr. Zahlen werden nicht mehr ver- öffentlicht. Wilde Geldschöpfungsversuche So lautet ein neuer Fachausdruck in einer Anordnung des Beauftragten des Reichskanzlers Wilhelm Keppler. Da- mit werden Freigeldversuche und ähnliche Utopien gemeint, die von kleineren Gemeinden immer wieder als letzter Ausweg vor dem Bankerott versucht werden. Herr Keppler klagt auch bei dieser Gelegenheit über das„mangelnde Ver- trauen im Krebitverkehr". festnähme wegen Preisunterbietung Im Auftrag der Deutschen Arbeitsfront wurden ein Fabrikant aus Solingen und ein Heftemacher aus Wald in Haft genommen und dem Konzentrationslager Beyenburg zugeführt. Sie hatten entgegen den gesetz- lichen Bestimmungen die bestätigten Pretsverzeich- nisse unterboten und dadurch den Wirtschaftsfrieben gestört. ®eut§£be „£afit sie Hinsiechen" ^Henschenlieie und fBatmhecziqkeii„dcilten Jleich Wie! Wir empfehle» unseren Lesern den weiter unten ab- gedruckten Aussah Robert D'H a r c o« r t s, der vor einigen Tagen im„L'Echo de Paris" erschienen ist. An einem Beispiel, das unter allem Schrecklichen des »dritten Reichs" nur alltäglich erscheint, zeigt der B«r- faster mit tiefer Eindringlichkeit den philosophischen Kern der nationalsozialistischen Lehre. In ihr findet sich der reine unphilosoph'sche Materia- lismus, neben dem der Marxismus leuchtender Glaube an die edle Menschlichkeit ist. Dieses HUlertum ist nicht nur Rückfall i„ die Barbarei, sondern i n d> e B er tier the it. Die Phrasen von Gott und G-ist, d»e de« Propagandalügncrn so leicht von de,, Lippen fliesten, erweisen sich als eine Maske, die sie nötig haben, damit der„vorurteilsvolle" Spiestbürger in allen Ländern der Welt das grauenerregende wahre Gestcht nicht erblickt. Aber Robe« DHarcourt hat ihnen die Maske heruntergerissen. Die Berliner Stadtverwaltung hat soeben einen Beschluß gefaßt, in dem ein Beobachter, der mit ein wenig Aufmerksamkeit die Entwicklung der Hitlerherrschast zu ver- folgen pflegt und mit deren Grundsätzen vertraut ist, viel- leicht keinen wichtigen Grund zum Erstaunen erblicken wird, aber üben den einen Augenblick nachzudenken vielleicht nicht ohne Nutzen ist. Dieser Beschluß betrifft eine besondere Gruppe von Biir- gern, vielleicht die unglücklichsten, die es gibt, nämlich die unheilbar Erkrankten, die in den Anstalten der Stadt unter- gebracht find- Der völkische Staat hat soeben diesen Unglück- lichen einen ausmerksamen Blick geschenkt, einen Blick nicht des Mitleids, sondern des ungehemmten Realismus. Nach reiflicher Uebcrlegung hat er sich entschlossen, diese Unglück- lichen in unbarmherziger Weise um jede medizinische Pflege zu bringen sum es mit dürren Worten zu sagenj und ebenso um den Beistand der Krankenschwestern, da nämlich die Verlängerung des Daseins dieser Kranken durch ein« entsprechende ärztliche Pflege als zu kost- spielig für die Nation erscheint. Man wird in Zukunft nur Lebensunterhalt und Obdach, also die unentbehrlichen materiellen Existenzmittel, gewähren. Man verjagt sie nicht, man verurteilt sie auch nicht zum Hungertode, man überläßt sie nur ihrem Uebel, das sich un- gehemmt vergrößern und entivickeln kann. Man nimmt ihnen auch die Hände, die pflegen und beruhigen. Die Krankenschwestern, die al>o jedes Recht aus ihren schönen Be- russnamen verlieren, werden von.den Unglückliche» ent- sernt, die unter allen das größte Anrecht auf Mitleid haben sollten? sie werden nun mit nationalsozialistischer Disziplin in geschlossenen Bataillonen für die weniger hart getroffenen Kranken eingesetzt, die Aussicht aus Heilung besitzen. Der Unheilbare wird weiterhin ernährt werben. Man verbietet ihn zu behandeln. Er ist nicht mehr ein Kranker, sondern ein Verlorener. Und die Lehre Hitlers löscht die Verlorenen aus der bürgerlichen Gemeinschaft aus. Tie Wissenschaft der Aerzte, die Heilmittel, das Mitleid der Krankenschwestern sind zu teuer, um verschwendet zu werden. Tie fristen den Kranken das Leben, und es ist gerade diese»unnötige Verlästgerung", die man nicht will. Dieser Standpunkt wirb in aller Form auf zynische Weise proklamiert. Man hofft, daß die Krankheit, ungehemmt durch die medizinische'Behandlung, welche ihre Entwicklung mil- dert und verzögert, ihrem natürlichen Vernichtungswillcn überlasten, von selbst, ohne zuviel Verzögerung, oie zum Tode Verurteilten auslöscht, deren Agonie zu kost- spielig ist. Abscheulicher Realismus, der den Preis der letzten Seufzer veranschlagt, neben besten kalter Wild- hcit die Methoden der Wilden beinahe menschlich erscheinen, welche die Greise Bäume erklettern lassen und sie mit dem Beil erschlagen, sobald ihre schwachen Hände loslassen. Der Erlaß der Stadt Berlin wird ohne Zweifel Schule machen, wie es sich für eine Entscheidung aus dem Zentrum des„dritten Reichs" gehört. Seien wir darauf gesaßt, daß «r von anderen Städten Teutschlands angenommen wird. Er ist^ weder eine Ueberraschung, noch ein Zufall. Eine 'lie Vergangenheit hat zu ihm geführt. Er ordnet sich neben dem Stertlisierungsgesetz als ein Glied in die Stahl- rette et«, die vom Nationalsozialismus geschmiedet wird, um die bürgerliche Gemeinschaft mit e i n e ni un- barmherzigen Zwang zu umgürten. Andere Kettenglieder werden zu gegebener Zeit angefügt werde» und sind bereits vorgesehen: z. B- die schmerzlose Tötung durch den Staat. Sie werden das Bild des Hitlerstaates vol- lenden, zu dessen obersten Gesetzen das Dogma der Härte, die methodische Unterdrückung des Mitleids gehört, wenn fie nur erst im Vollbesitze ihrer Kräfte sind. Nur die Glieder der Gesellschaft zählen, die fähig sind, das Rad zu drehen, -t>e anderen, welche die körperlichen Kräfte verlassen, werden unbarmherzig zermalmt. Den inneren Werten ge- wahrt der Rassenfanatismus nicht einmal das Al- mosen des Respekts. Nur die Zukunft wird zeigen, vie rostlos diese Auffassung von der menschlichen Höchst- ciltung, diese mechanische Gleichsctzung bed Lebens mit einem nutzbringenden Matertal ist. Schon während des «rteges lernten wir den schrecklichen Ausdruck„Menschen- material" in seiner ganzen Niedrigkeit kennen. Der Nassen- lanatismuS entwickelt mit äußerster Strenge die Nutzbar- machung des menschlichen Lebens. baS ihm wie ein prosit- bringendes Gehölz vorkommt Wir wollen übrigens den unsozialen Charakter J® 1 abnähme und ihre bezeichnende Verachtung für die Volksmassen nicht unerwähnt lassen. Aus die Bevölkc- u rungsklasse, für welche die öffentliche Krankenpflege über- Haupt in Frage kommt, auf die Niedrigen, aus die Schwache», drückt sie mit ihrem ganzen Gewicht, um sie zu vernichten. Der Reiche, der sich Heilmittel leisten und den Arzt belohnen kann, der für seinen Krebs»zahlen" kann, wird nicht be- troffen. Die Ausschließlichkeit deS Materialismus darf uns nicht überraschen. Die Maßnahmen, die wir heute den zur Macht gekommenen Nationalsozialismus ergreisen sehen, sind die- selben, die er predigte, als er noch in der Opposition war. Er wendet heute nur seine ursprünglichen theoretischen Aus- sassungen an. Es ist nur Gerechtigkeit, diese Treue sich selbst gegenüber anzuerkennen- Adolf Hitler hat schon in seinem Buche„Mein Kampf" die mitleidlose Ausmcrzung des unheilbar Erkrankten gepre- digt. Das heißt, das entschlossene Imstichlassen des im Straßengraben liegenden Soldaten, der nicht mehr marschie- ren kann. Das„dritte Reich" überfüllt nicht die Ambulanzen. Es füllt die Fabriken, aber leert die Hospitäler. In seinem Buch, welches das Vrevier der künstigen Volksgemeinschaft geworden ist, wendet sich Hitler gegen die Lebensdauer der Minderwertige» oder, um die schneidende Grausamkeit seiner Formel wiederzugeben, gegen die„lebensunwerten Leben". Das einzige Kriterium der Würde des menschlichen Daseins ist seine Vitalität- Schwäche und Entartung ist ein und derselbe Begriff. Allein die Kraft kann Rechte geltend machen- Krankheit und Schwäche können keinen Anspruch auf Interesse erheben in einem Staat, dessen oberstes Ideal die Stetgerung der Werte des Blutes und des Muskels durch Eugenik und Auslese(Rassenaufzucht) sind. Dieses Wort, das die Idee der Erhöhung und Verbesserung physischer Eigenschaften enthält, würde sich besser für die Spezies der Pferde und Hunde eignen und riecht nach Stammbaum. In seiner Schrift läßt Adolf Hitler für die Zukunft erwarten, daß man zu„den schwersten und ein- schneidenstcn Entschlüssen" kommen würde. Man sieht, mit welch unnachsichtiger Festigkeit und mit welcher unerbitt- lichen Logik das Programm angewandt wird. Aus dem Kongreß von Nürnberg des Jahres 1929 bekannte der Führer ohne Umschweife seine Vorliebe für radikale AuSlescmcthoden und für die Grundsätze des Lykurg.„Wenn Deutschland sich entschlösse, alle Jahre aus etne Million Kinder 700 000 bis 800 000 der schwächsten zu beseitigen, so würde das Endresultat nur eine kraftvolle Stetgerung der Rasseelgenschasten sein können"(Wo wäre da Josef GöbbelS geblieben? Die Red) DaS ganze völkische Glaubensbekenntnis best cht aus der ungeheuer- lichsten Verhöhnung der Werte des Christen- t u m s. Wir haben gerade gehört, baß die Wortführer des Ratio- nalsozialtsmus die methodische Vernachlässigung der Siechen zu einem Glaubensartikel erhebt. Eine merkwürdige Ver- drehung des Gleichnisses aus dem Neuen Testament! Es ist nicht mehr der Samariter auf der Straße von Jericho, der uns als Beispiel vorgehalten wird, es ist der Priester, der Levite. Ein Mann mit Geist erhebt sich in Deutschland zu hoch über seine Mitbürger und wird zum Narren? der Nebel umhüllt seinen Kops.— Er entartet so leicht, weil nichts neben ihm in Schranken hält? er schießt aus, nach allen Seiten und ist von einer häßlichen Fruchtbarkeit. F r. N i e tz s ch e. „Jm 3-caum sah ich ein Tflännchen" Heine gegen Einstein Selten dumm und bösartig ist ein Bericht nationalsozia- listischer Blätter über einen Vortrag Einsteins in London. Zwar wird über den Inhalt des Vortrages nichts gesagt— davon verstehen Schreiber und Leser nichts— es wirb über das Aeußere der Versammlung berichtet. Doch zitieren wir wörtlich: Ganz besonders betonte Einstein noch, daß ihm alle kali- fornische» Sternwarte» aus unbestimmte Zeit zur Ver- fügung stehen. Gefragt muß hier werben, ob auch die Sternwarte ihm zur Verfügung steht, von der aus in einigen 200 Versuchen der Schwindel der Einsteinscheu Theorien nachgewiesen wurde? Ganz von allein fallen einem bei diesem Theater einige Worte des Juden Heinrich Heine ein: Im Traum sah ich ein Männchen, klein und putzig, Das ging auf Stelzen, Schritte ellenwett, Trug weiße Wäsche und ein seines Kleid, Inwendig war es jämmerlich, nichtsnutzig, Jedoch von außen voller Würdigkeit, Von der Courage sprach es lang und breit, Und tat sogar recht trutzig und recht stutzig. Um den Juden Einstein zu beschimpfen, bedient man sich auch mal des sonst ebenso geschmähten Juden Heine. Heine als Kronzeuge für die Nazis! Wir meinen, daß das miß- brauchte Zitat Heines besser auf Görtng, Hitler und GöbbelS paßt. Wir deutschen Frauen arischer Gesinnung, Wir halten fest und treu zum„dritten Reich", Wir kommen endlich wieder zur Besinnung, Wir schalten die Erotik sogar gleich. Wir wollen treue deutsche Kinder zeugen, Wir brauchen wieder deutsches Militär. Wir lassen sie am echten deutschen Bnscn säugen, Wir geben uns nur noch deutschen Männern her. Wir singen nur noch deutsche Wessel-Lieder, Wir tanzen Tänze nnr nach deutschem Schritt, Wir sagen zum Korsett jetzt wieder Mieder, Wir tragen Kleider nur nach deutschem Schnitt. Wir woll'n als deutsche Frauen nicht mehr rauchen, Wir baden auch mit Juden nicht gemein, Wir lassen uns nur noch treudeutsch gebrauchen. Wir woll'n auch in der Liebe arisch sein. Wir wollen unser Antlitz nicht mehr schminken, Wir wissen, daß es Hitler so gebot, Wir woll'n nach französischen ParsümS nicht stinken. Wir färben auch die Lippen nicht mehr rot. Wir machen uns so dos wie irgendmöglich, Wir wissen, daß dem Arier das gefällt. Wir finden alle anderen Frau'n unmöglich, Wir sind die schönsten Frauen auf der Welt. Wir fühlen nichts für Fremde aller Nassen, Wir Frauen sind das unserm Adolf schuld, Wir sind bereit, sie auf Befehl zu Haffen, Wir kämpfen gern für unseres Führers Huld. Wir werd'n ins Deutsche fremde Worte übersetzen, Wir sag'n von nun an statt Adien— Heil Dir, Wir geben kein Pardon,— wen wir verletzen, Wir denken deutsch, denn WIR sind WIR! ZeU=7loä San Regis, 12 rue Tean.Goujon Reblin, 6 rue Chauveau.Lagarde Für Ihren nächsten Week-End LE TOUQUET empfiehlt sein Casino, Saison bis 16. Oktober Fichtenwald, 3 Golfplätze Spezial#Herbstpreise im WESTMINSTER Tél. Trinité 43*13 Métro: Pigalle Paris, 62, Rue de la Rochefoucauld d) Zahnärztliches Kabinett a) Allgemeine b) Chirurgie c) Geburtshflf iche Konsultationen Ztwutöck-gw San.to. Klinik numsgebäude. 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Nachstehend bringen wir aus dem Buche einige Stellen, die für sich sprechen und begreif- lich machen, warum man nirgendwo den friedlichen Reden der deutschen Staatsführer glaubt. „Es ist durchaus falsch, den Krieg als Vernichter schlecht- hin anzusehen. Tie so sprechen, erblicken nur die Aus- loschung von Menschenleben und Blenschenwerk während des Krieges selber, aber diese ist bloß eine vorübergehende Er- scheinung und notwendiger TuMgangszustand— das Stahlbad der Läuteru n? zu neuem Auf- triebe. Der Krieg ist höchste Steigerung nicht allein der stosflichen Mittel, sondern ebenso der gesamten Geistigkeit seiner Zeit und auch äußerster Aufschwung der volkssee- tischen Kräfte und des Staatswillens zur Selbstbehauptung und Macht. Er ist Zusammenfassung von Tat und Geist, wie sie nirgends sonst in so ausgesprochenem Matze denkbar ist. Ja, er ist jener Boden, auf dem sich die menschliche Seele am stärksten und reichsten zu offenbaren oermag, vtelsei- tiger und aus tiefere» Bronnen emporrauschend als irgendwelche gelehrte oder künstlerische Leistung für sich genommen. Wenn irgendwo Wille und Werk einer Bolkheit, eines Staates sich allerreichst zu offenbaren vermögen, dann können sie das im Kriege. Und der Krieg ist die härteste, ja die allein unerbittlich gerechte Probe auf alles Wollen und Können, denn nur in ihm wird durch Sieg oder Niederlage das sofortige Urteil gefällt. Der Krieg ist die einzige Erscheinung im Menschen- leben, der gegenüber der Betrug selbst im winzigsten Maße eines Versuches versagt. Nur die reinste Wahrhett, die lauterste Echtheit vermag sich in ihm zu behaupten und durchzusetzen. * Wehrwissenschaft ist nicht nur geistige und charakterliche Vorbereitung zu Schutz- und Trutzwehr, sondern wächst darüber hinaus zum Range einer National philo- s o p h i e empor. Aus der Pflege der Wehrwissenschaft wird eine neue Nationalethik hervorgehen. ♦ Wenn schon die von England zum Kampsmittel erklärte Aushungerung eines Volkes, serner der chemische Krieg und die furchtbare Wirkung der modernen Artillerie dem Kriege jeden Kavalicrscharakter genommen haben, so wird die Biologie ihn vollkommen zum Ausrottungs- kämpfe ganzer Völker stempeln. Im Weltkriege haben sich die Franzosen den traurigen Ruhm erworben, sie zuerst angewendet zu haben, indem sie ihren in Deutschland fest- gehaltenen.Kriegsgesaugenen Baktcrienkulturen in die Hände spielten, mit denen diese Vieh und Saat vergiften sollten— damals ist ihnen dieser teuflische Plan glücklicher- weise nicht gelungen. Eine vom Völkerbunde 1924 zur Untersuchung des biologischen Krieges eingesetzte Kommission er- klärte, daß diese Kampfweise mit besserer Entwicklung später einmal zu Erfolgen führen könne. In Betracht kommt die Verseuchung des Trink- und Gebrauch s iv assers durch Typhnsba- zillen, ferner die Einführung des Typhus durch Flöhe, sowie der P e st durch künstlich an- g e st e ck t e Ratten. Namentlich die Flugzeuge dürsten durch Landung im feindlichen Hinterlande und Aussetze» der Keimträger besonders günstige Ergebnisse erzielen können. Zweifellos ist eins: der biologische Krieg ist die gegebene Waffe für entwaffnete, wehrlos gemachte Völker. Ans diesem Grunde nur, wenn auch mit scheinheiliger Miene, hat ia der Völkerbund die biologischen Kampf- mittel unter Verbot gestellt. Wer erfahren bat. wie ein Flieger, tief daherbrausend, mit dem MG. Gräben und Trichter ausleeren kann und wie schutzlos der Infanterist dagegen sich vorkommt, und wer sich vorzustellen vermag, wie es in einer Stadt aus- sehen ivird, in der sich die von einem F l i e g e r ti b e r- fall ausgehenden Giftgase träge schleichend aus- breiten, indem sie in alle Räume und Löcher hineinkriechen, um Erstickung und Zersetzung zu verbreiten, während gleich- zeitig an vielen Stellen Brände ausbrechen— der wird vor dieser neuen Waffe die größte Hochachtung haben. * Einem zur Verzweiflung getriebenen Volke bleibt nichts anderes übrig, als sich in das unmöglich Scheinende zu stürzen, und es wird ihm— Völkerbunds-„Recht" hin, Völkerbunbs-„Recht" her— jedes, aber auch j e d e s M i t t e l willkommen sein, sich seiner Haut zu wehren. Jene Landesteile, die von vornherein vom Feinde be- sitzt werden, haben sich auf einen Volkskrieg einzu- richten, der teils tätig, teils duldend zu führen wäre. Tie duldende Form besteht in einer freiwilligen und strikten Abschließung von dem fremden Jnvasionsheere, die jeden Verkehr mit diesem ablehnt und Wirtschaft nur so weit betreibt, wie sie zur eigenen Versorgung notwendig ist. Der Feind muß sich vorkommen, als säße er auf einem Pulverfasse. Der tätige Volkskrieg— von den Franzosen erfunden und zuerst in der heckenreichen Vendee angewendet — wird von vielen im besetzten Gebiete verteilten Zellen aus geleitet und schädigt kleine Abteilungen und Einzel- ganger des Feindes, zerstört Eisenbahnen, sprengt Brücken, bringt Militärzüge zum Entgleisen, lauert Kraftwagen auf, zermürbt unsichere, besonders auch farbige Elemente des Feindheeres und darüber hinaus den Kriegsioillen des ganzen Feindvolkes durch Propaganda— kurz, er ver- setzt den Feind in einen Zustand der Beklemmung und Sorge, dem wohl kein Heer auf die Tauer gewachsen ist. Freilich erfordern beide Formen des Volkskrieges eine ge- schlossene Einmütigkeit des eigenen Volkes von Rechts bis Links, doch könnte durch wirksame Terrorakte der Verräterei einzelner oder gewisser Parteien Einhalt ge- tan werden. Denn Volkskrieg ist auch in besetztem Gebiete möglich, sobald hier eine Minderheit von todesmutiger Ent- schlossenheit der Menge ihren Willen aufprägt und starke Erfolge gegen den eingedrungenen Feind erringt. * Vielleicht ist G ott nichts anderes als st ä r k st erfüllte Volkheit, eine Glaubbarmachung dieser höchsten Auf- schwingbarkeit des Denkens und Trachtens und Ueber- zeugtseins. Deshalb ist es durchaus richtig, daß die kirch- liche Umrahmung des Glaubens bei uns jetzt den Charakter einer Reichskirche annimmt und in deren Form besonderer staatlicher Pflege genießt. Vom wehrpsvchologischen Stand- punkte aus verdient nur jene Kirche kräftige Unterstützung von feiten der Regierung und Heeresleitung, welche die national^ seelische Haltung des einzelnen Volksgenossen wie die des Soldaten stärkt. Der sterbende Krieger stirbt leichter, wenn er weiß, daß sein Blut für seinen nationalen Gott verströmt." Zunahme der„Volhsverraier" Dresden, 2. Cft. jJnpreß.j Die nationalsozialistische Presse erhebt folgende Klage: „Den Volksverrätern ist nicht in jedem Falle leicht bei- zukommen. Tie schreiben und hektografieren oder drucken meist nachts in einem Kellcrranm oder sonst einem Zimmer einer Wohnung ihre Sudeleien und werfen dann die Flugblätter wahrscheinlich in der Dunkelheit in grö- ßerer Anzahl, etwa aus einem Kraftwagen, auf die Straße." Die Klage ist verständlich, wenn man iveiß, daß von dreitausend vor einige» Tagen verteilten Flugblättern nur fünfzig aus der Polizei abgeliefert wurden und die übrigen von Hand zu Hand gehen. Kein Kitlergruß Der Justizminister von Mecklenburg hat durch Rund- schreiben angeordnet, daß der Hitlergruß in Gefängnissen nicht angewandt werden soll. Es sei der Gruß der freien Deutschen(die so frei sind, daß Millionen nur grüßen, weil sie gezivungen werden). Tie Häftlinge haben wie früher zu grüßen:„Stillgestanden und Mütze ab"I „Der Graß der Freien" Dio Arbeitslosen Willi Härtung und Alfred Köhland wur- den durch den Schnellrichter in Berlin zu je drei Monaten Gefängnis verurteilt. Sie hatten bei einer Kundgebung ans dem Marktplatz beim Gesang des Horst-Wessel-Liedes trog mehrfacher Ausforderung nicht den Arm zum Hitler-Gruß erhoben. Miß Dr. Sie find gebürtige Engländerin. ES bäumt sich etwaS In uns auf, wenn Tie dem kürzlich in Berlin verurteilten persische» Arzt recht geben, der gesagt hat, daß„die Deutschen daS dümmste Boll auf der Welt find". Traurig genug, daß so viele Ausländer einen solchen Eindruck erhalten und„oft mit Kummer" lesen, waS dem deutschen Volk heute von seinen Führern vorgeredet werden kann. Wir haben den Brief des hingerichteten Kommunisten mit gleicher Erschütterung gelesen wie sie. Leider hilft es nichts, Hitler „zum Teufel" zu wünschen. Wir mühen kämpfen, daß er durch unsere Kraft verschwindet, denn die höllisch« Majestät funktioniert noch unseren Ersahrungen keineswegs immer und zu allen Zeiten zuverlässig. Kar». Nein! Unser ausgezeichneter Mitarbeiter„Karo" Ifi nicht identisch mit dem früheren Chefredakteur der„Berliner Volks- zeitung" gleichen Namens. Es handelt sich vielmehr um den Deck« namen eines österreichischen Schriftstellers. Zürich-Stampfenbach. Wir danken Ihnen sür Ihren Brief. Daß Ihnen unsere Beilage„Das Bunte Blatt" nicht so gut gefällt wie der übrige Inhalt unserer Zeitung, nehmen wir zur Kenntnis. Aber gerade diese Beilage mit ihrem unpolitischen Inhalt— dabei ist der Roman„Fontamara" auszunehmen— ist für diejenigen Leser geschaffen worden, die bei so viel politischer Konzentration ia der„Deutschen Freiheit" auch einmal einen Halte- und Ruhe- punk» abseits von der Tages- und Zeitgeschichte nötig haben. Aktuelle pilitische Witze sind übrigens nicht so häufig, wie Sie glauben. Wir erhalten viele Einsendungen, aber es erweist sich, daß es last immer nur Varianten des gleichen Themas find. Vielleicht ist die Stunde noch nicht da, wo der Humor seinen vollen Reichtum ent« falten kann. Im übrigen, für Sie wie für alle Freund«: Jede Kritik findet Beachtung und regt uns an. E. Sch., Antwerpen. Ihre.„Klage" hat uns wieder einmal die Problematik des Emigranten vor Augen geführt. Heimat verloren, Hab und Gut verloren und dazu noch den geheimen Besitz deS Herzens. Emigration und Seibesverlassenheit— welch eine Themen» fülle für Dramatiker, die dieses deutsche Schicksal einmal gestalten werden! Tie sehen also, daß wir die Empfindungen verstehen, die Tie zu dem Gedicht veranlaßten. Aber abdrucken wollen wir es nicht. Nicht nur wegen der übergroßen Sentimentalität. Privat« Lvrik ist in dieser Stunde eine Schwächung des kämpferischen Gc- kamtbewußtseinS und würde von vielen Ihrer Schicksalsgefährten nicht verstanden werden, denen viel schlimmeres Leid widerfuhr. Sozialist!«. Sie schreiben uns aus einer deutschen Kleinstadt, die katholisch ist und bis vor einigen Monaten einen gewissen kommunistischen Einschlag hatte:„Hier werden die Menschen immer dümmer. Sie wollen das, was jetzt ist. Es ist ihre Wesensart: Sie find so. Torheit, in diesen Leuten entwicklungssähige Menschen zu sehen. Sie sind begeistert vom Marschieren, begeistert vom Waffenspiel, begeistert von„ihren Führern." Tie anderen waren „Spitzbuben und Verräter". Das kann man alle Tage hören in immer neuer Auflage. Erwachen werden sie erst, wenn es zu spät ist.„Stur" find sie, wirklich stur und blind, wie junge kleine Bistien, Auch teilweise ganz gutmütig, aber so gottlos dumm, daß man seinen ganzen Verstand braucht, um nicht vor Zorn laut zu heulen. Die albernsten Märchen glaubt dieses„sich auf sich selbst besinnende, bluthörige Volk", das Allerdümmste, hier wird es Hsahr- beit. Manchmal muß ich die Zghne ganz fest in die Lippe beißen, um so einen bis zum 5. März noch strammen Kommunisten nicht in das elende Gesicht zu schlagen." Da wir wissen, daß Sie ei» sihr selbständiges Urteil haben, geben wir diesen Teil aus Ihrem Briese hier wieder. Es ist wundervoll, daß Sie aus Ihrem ein- sumcn Posten soviel Treue zeigen! Wien. Es ist nicht ganz leicht, eine sorgfältige und vollständige Liste derjenigen deutschen Verleger z» erhalten, die sich rechtzeitig dem Zwange der Gleichschaltung entziehen konnten. Aber viel» leicht bringen diese Verleger in Kürz« Kataloge über ihre Reu- erschcinungen heraus. Wir werden dann unseren Lesern durch Besprechung dieser Werke die erwünschten Hinweise geben. M. K., Paris. Sic schreiben uns:„Am Sonntag, dem 17. Sep- tömbcr eröffnete der Pariser„Nib" lRaje iddische Biihnes unter der Leitung von I. Marim Blaustcin die Tbeatcrsaison mit „Karl und Anna" von Leonard Frank. Diese» rein deutsche Theaterstück mit feinen echten deutschen proletarischen Menschen wurde in jiddischer Sprache gespielt. Um es vorneweg zu sagen: Das Experiment gelang überraschend gut. Die jiddisch« Sprache, in Teutschland als Kauderwelsch verschrien, erwies sich als eine schöne und rein klingende Sprache, die selbstverständlich als reines Mittel- hochdeutsch, ein Dialekt der deutschen Sprache anzusehen ist. Da» Publikum im ausverkauften Theater Pierre Lcvec applaudierte enthusiastisch den Darstellern und dem Dichter. In Paris gibt es drei jiddische Theater, die Operette und Schauspiel spielen, die jedoch auf einem in europäischem Sinne sehr niedrigen Theater« niveau stehen. Um so mehr ist das Unternehmen des Leiters I. Marin, Blauftein z» begrüßen, das als jüdisches Knlturthcater ausgebaut iverten soll."— Wir nehmen davon Notiz und wünsche» viel Glück. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P i tz In Tud- weiler: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken 8, Schützenstraße 5. E. BECHOFF will das Vergnügen haben, bei BLOND ELL seine Pelse und WollniAlltBl zu zeigen TU. JCwedCec 6L Ca KUNSTWERKE LONDON 15, Old Bond Sweet PARIS. 17, Place Vendôme NEW YORK, 14. East 57th Street PdtekPhilippe&C 0 5, RUE DAUMOU. Tel. Opéra 01.36 Erstklassiges Uhrwerk National-Lotter.e (1. 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