X Sinzig« unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 92— 1. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 6. Oktober 1933 Chefredakteur: M. B r a u n Aus dem Inhalt: JUichstaçspcazefi Seite 3 Rätsel um van dec ùMe Seite 4 Qöcutq cadikalec Jlazifist Seite 8 Toroler utititi die AnKla D. F. Am neunten Verhandlungstage näherte sich der Leipziger Prozeß zum ersten Male tragenden Säulen des Anklagegebäudes, wenn man bei dessen brüchigem Ausbau überhaupt von Fundamenten und Säulen reden will. Ter Borsitzende fragte den wieder stumpf dasitzenden van der Lübbe, ob er den Abgeordneten Torgler kenne, ob er ihn je gesehen, ob er im Reichstage mit ihm zusammen gewesen sei. Van der Lübbe erhob sich mühsam, stand geknickt mit tief gesenktem Kopf da und sagte nach einigem Zögern: Nein. Er hält es mit dem Neuen Testament: „Eure Rede sei Ja, Ja— Nein, Nein. Was darüber ist, das ist vom Uebel." Nur daß Lübbe meistens Ja u n d Nein auf dieselbe Frage antwortet. Im Falle seiner an- geblichen Bekanntschaft mit Torgler verstand er sich aber zu einer Ausnahme. Tie verneinte er mit großer Be- stimmtheit. Ob das Torgler helfen wird? Wir möchten es bezweifeln. Man wird sagen, daß der sonst so wahr- heitsliebende Herr Landstreicher van der Lübbe in diesem Punkte lügt. Ob der Herr Hauptangeklagte van der Lübbe Ja sagt oder Nein, ist vielleicht für das Gesamturteil das- selbe. Wir werden uns mit dem größten Vergnügen be- richtigen, wenn wir uns irren sollten. Dimitroff stellte wieder Fragen an Herrn van der Lübbe, die diese Zierde der Anklage verwirren konnten, und man weiß doch, daß der kranke Holländer der Schonung be- darf. Darum wurden die Fragen Dimitroff« schross zu« rückgewiesen. Außerdem wurde dieser temperamentvolle Bulgare, der sich an der bescheidenen Hilflosigkeit des zarten Jünglings van der Lübbe ein Beispiel nehmen sollte, mit dem Hinauswurf bedroht, wenn er noch weiter durch feine überflüssigen Fragen die doch sonnenklaren Tatbestände verwirren sollte. Dieser bulgarische Revo- lutionär soll sich nur nicht täuschen. Es ist durchaus nicht notwendig, daß er bei der Verurteilung zum Tode unbe- dingt präsent ist. Nur bei dem großen Staatsakt der Hin- richtung ist seine Gegenwart unentbehrlich, da ihn dann der Herr Vorsitzende unmöglich vertreten kann. Uebrigens wird die Situation dann so sein, daß Dimitroff auch ohne präsidiales Eingreifen die deutsche Gerechtigkeit nicht mehr durch seine Fragerei aushalten kann. Van der Lübbe zeigte sich wieder als Ehrenmann. Er nimmt die ganze Schuld der Brandstiftung aus sich. Inner- halb einer Viertelstunde hat er eine der gewaltigsten Prachtbauten dieser Erde ganz allein in Brand gesteckt. Ganz allein! Man muß sich das alles noch einmal ver- gegenwärtigen: Seit Tagen wußte die nationalsozia- listische Regierung, daß unser armes deutsches Paterland unmittelbar vor dem Ausbruch der bolschewistischen Revo- lution stand. In den zu Katakomben ausgebauten Bier- kellern der früheren Brauerei, auf deren Grundstück das Karl-Liebknecht-Haus stand, hatte sie die genauen Revo- lutionspläne gefunden. Es roch auch schon nach Kölsche- wistischem Brand: im Schloß, im Rathaus, an Wohlfahrts- ämtern. Kohlenanzünder waren in ganz Berlin kaum noch zu haben, weil van der Lübbe sie en gros aufgekauft hatte. Es zeugt für die blond-blauäugige germanische Herzenseinfalt des Herrn Polizeiministers Görina und seines biederen Berliner Polizeipräsidenten, daß sie von der asiatischen Tücke der Bolschewiken nichts ahnten. So war es denn möglich, daß ein notorischer Vagabund, ein Ausländer noch dazu, am frühen Abend mit Kohlenan- zundern und brennenden Stoffen durch den ganzen Reichs- tag promenieren konnte. Er legte Brandherde überall: im Restaurant, in Sitzungszimmern, auch im Plenarsaals. (£t suchte sich in Ruhe die brennbarsten Stellen aus. Große Vorhänge zündete er mühsam an und schleifte dann diese funkensprühenden Portieren Hunderte Meter weit durch das Gebäude. Niemand sah ihn, nimand störte ihn. Feuer knisterte. Flammen zuckten auf. Rauch durchzog die Hallen. Niemand merkte etwas, niemand roch etwas, denn an- scheinend gab es am Vorabend der kommunistischen Revo- lution im deutschen Reichstagsgebäude nur diesen holländischen Fürsorgezögling. So scheint es wirklich in der Anklageschrift zu stehen, und ein hoher Senat des Reichsgerichts prüft diese Mär ernsthaft. In dieser kläglichen Komödie steht Torgler neben seinen bulgarischen Gesinnungsfreunden aufrecht und würdig. Seine Antworten sind fest und eindeutig. Niemand im Saale kann ehrlich glauben, daß dieser Mann sich mit diesem Burschen van der Lübbe im Reichstage stundenlang beraten, ja auch nur gezeigt haben konnte. Was da um geheimnisvolle Gestalten„mit dem Hut tief ins Gesicht" zusammengeredet wird, sind Räubergeschichten von Zeugen, deren Qualität sich wohl noch offenbaren wird. iL f i Auskunft erhielt, dah Torgler nicht zu daäi nfs J à"7 Der Angeklagte Torgler bezeichnet auch Ii?-.-»'^ausgeschlossen und meint, daß hier ein Irrtum vor- Vors.: Nach dem Gespräch mit Birken- JlTtu©tp miof\0Y Imä ApfrTrnf» ütv»Aitf rtartrt«APtt ttrt?» àe wieder ins Oberqeschoß hinauiaeganqen und r» haben sie zusammen mit Koenen und Frl. Rehme den Reichs v«lass7n'°Si/ ware» die letzten, die an diesem Abend aus dem Reichstag gingen. .Torgler! Am Tage nach dem MêG°à?ch flucht- i« der Presse, dah Koenen. Frl. Rehme! und M l«® aUig den Reichstag verlasicn hatten. l-w kann Wir uus die Feststellung, dah davon ke.ne Rede se.n^ kann.^r sind im Gegenteil sehr gemütlich und langsamer au fifftAMAa«---«■«"" i A, rt. M-7,»...*-»« IV./» IIIIIUIU; UIIV»MlliziMMIV. Ui»|VU|. ftirf»-,. unô das lag daran, dah Frl. Rehme schon wegen rer IlüTlPN^iillir frfifprfrt izpftau fanM ititS Srtfe ftp Art Stnfpttt y Märken ftißur schlecht qehen kann und daß sie an diesem ^ auherdem an einer Venenentzündung litt.— Vors.: behauptet nichts über das Tempo Ihrer Torgler erklärt dazu, eS fei üblich gewesen, daß man nach oer Erledigung der eigentlichen Arbeit sich im Fraktions- zimmer aushielt. Er habe sich dort mit Koenen, der ein lustiger Erzähler sei, über private Tinge unterhalten. Ein entscheidender Punkt >°rs.: Wir müssen uns setzt damit beschästigen, wo Tie sich am Tage der Brandstiftung aufgehalten haben- Wan^ sind sie in den Reichstag gekommen?— T o^ zwischen 11 und 11.15 Uhr habe ich den Reichstag ö Portal 2 betreten. Ich bin an dem Brandtage n ch einzige Minute auS dem Reichstag herausgegangen l j««ii nur zweimal ins Hauptgeschoh gekommen, und»w mittags zwischen 11.30 und 11.45 Uhr und dann etwa um 4.30 Uhr, um meine Post zu holen.- Vors.: In der An klage wird die Möglichkeit erörtert, dah Sie nack uM ags 2 Uhr etwa von dem Zeugen schmal vor dem Reich.stag gesehen wurden. Er hat gesagt, er hatte Sie. batt nachdem tr van der Lübbe gesehen hatte, auch auf der Straye ge sehen, wie Sie mit einem Paket die âahenbahn ver hätten. Er hat aber gesagt, es ware auch entfernt möglich, dah dies an einem anderen Tage gewesen sei.— To r g> e- Ich kann mit aller Bestimmtheit sagen, daß'ch am Montag, dem Tage der Brandstistung. zwischen 11.45 und 8..U uijt abends weder irgendein Reichstagsportal berührt habe noch aus dem Reichstag herausgegangen bin, dagegen ist es richtig, bah ich am Samstag um 1 Uhr mittags den Reichs- tag verlasien habe, um bei Aschinger am Potsdamer tztatz eine Kleinigkeit zu esien. Ich bin dann m der Straf,eiibah l wieder zum Reichstag zurückgefahren. Es ist möglich, da» mich bei dieser Gelegenheit der Zeuge Schmal mit einem Kuchenpaket gesehen hat. Der Angeklagte Torgler gibt weiter an, dah Koenen um etwa 6.30 Uhr zu ihm in den Reichstag kam und daß er dann bis zum Schluß mit ihm zusammen gewesen sei. Ter Vorsitzende hält dem Angeklagten eine Zeugenaussage vor, wonach das Benehmen von K o e n e n an dem Tage auf- fällig gewesen sei. Der Zeuge Hornemann, Kanzleiassistent im Reichstag, habe bekundet, dah Koenen gegen seine sonstige Gewohnheit überhaupt nicht gegrüht und den Eindruck her- vorgerufen habe, als wollte er sich seinen Blicken entziehen. Torgler erwidert, er habe das nicht bemerkt. Er erinnere sich aber, dah Koenen mit hochgeschlagenem-Kragen ins Zimmer kam. Es sei aber an jenem Tage auch recht kalt gewesen. Dah Koenen irgendwelche Veranlasiung ge- habt habe, sich zu verbergen, halte er für ausgeschlossen. Aus mehrere Hinweise des Vorsitzenden auf die politische Tätiakeit des Abg. Koenen und auf ein Urteil gegen die so- genannte deutsche Tscheka, in dem auch Koenen eine gewisse Rolle spielte, erwidert Torgler, dah alle Personen, die in diesem Urteil im Zusammenhang mit der Tscheka genannt werden, entweder länast aus der KPD. heraus seien oder bei weitem nicht mehr die Rolle spielen wie 1023. Inzwischen sei in der KPD. eine ganz andere Richtung ans Ruder ge- kommen. Soweit er Koenen kenne, betont Torgler, habe er nicht den Eindruck, dah Koenen ein so besonders scharfer Kommunist gewesen sei. Er sei im Gegenteil ein sehr lebens- lustiger und vergnügter Mensch, der viele politische Witze machte und im Parlament sehr rührig war. Eine Stunde vor dem Brand Ter Vorsitzende fragt dann den Angeklagten, weshalb. Torgler seine Garderobe, die unten im Reichstag hin, ins Zimmer bringen lieh.— Torgler erklärt dazu, dah er wiederholt länger als 8 Uhr abends im Reichstag tätig ge- niesen sei. Da das Portal 2 um 8 Uhr geschlossen werde, babe er. wenn er länger blieb, seine Garderobe herauf- 'Lassen lassen, um Ueberstunden der Beamten zu vermeiden. Wenn nun die Anklageschrift behauptet, der AmtsgehUfe Kohls sagt, er hätte in meinem Zimmer angerufen, und es batte sich niemand gemeldet, so ist das völlig ausgeschlossen. Tenn Koenen. ich und die Sekretärin waren bestimmt im Fraktionszimmer. Ich kann mir den Vorgang nur so er- klaren, dah der Zeuge Kohls im Nebenzimmer aus dem zweiten Anschluß der Fraktion angerufen hat. wahrend gleichzeitig in dem Zimmer, wo wir sahen, Frl. Rehme tclbst nach der Garderobe anrief. Ich muhte ja auch ,m Zimmer gewesen sein, weil ich auf den Anruf des Schriftstellers Btrkenhauer wartete. Das war ja der sinn, weshalb ich Überhaupt noch im Reichstag war.— Der Vorsitzende weist daraus hin, daß der Verdacht der Anklage darin be- stehe, dah Kobls in beiden Fraktionszimmern angerufen hat und keine Antwort bekam. Der Angeklagte Torgler Halt tas für ausgeschlossen und meint, dah dann vielleicht das Be- sctztzeichen nicht funktioniert habe. Weiter, wird dem An- '-- Widersprüche in den Protokollen L uciiuutnei NIMIS uoer oas».einpo xiyrer Schritte beim Gang aus dem Reichstag, aber wir können darüber ja nachher die Zeugen hören. Der Oberreichsanwalt fragt den Angeklagten, warum er das Gespräch mit Birkenhauer nicht in seinem Zimmer, sondern im Fraktionszimmer abgewartet habe.— vorgelegt worden sei, habe er sofort geschildert, woran er sich erinnert habe. Der Vorsitzende hält ihm weiter vor, dah er am 5. März in einer Vernehmung gesagt habe, er sei mit dem Journalisten Oehme zusammengewesen. Oehme habe dies bestritten. Torgler erwidert, das Gespräch mit Oehme habe statt- gesunden, aber früher als er damals gesagt habe. Das sei ihm erst später eingefalle», dah er sich hier in der Zeit geirrt hatte. Er habe sich dann daran erinnert, dah das Gespräch, das die drei Zeugen beobachtet hatten, mit dem Abgeordneten Fl or in stattgefunden habe. Auf den Hin- weis des Vorsitzenden, dah auch Florin flüchtig sei, erklärt Torgler, er wisse das nicht. Vors.: Nun kommen wir zu den Bekundungen der Zeugen Karwahne, Frey und K r o y e r. Die Zeugen sagen, Sie hätten am Nachmittag am 27. Februar, also am Branbtage, etwa um 3 Uhr oder um 3.30 Uhr von rechts kommend eine Begegnung mit Ihnen gehabt, wie Sie im Vorraum des Haushaltausschukiaales zusammen mit van der Lübbe in entgegengesetzter Richtung entlang kamen. Bei der Erörterung dieser Sache bitte ich Tie, die Fragen so zu beantworten, daß damit auch wirklich die Frage gelöst wird, aus die es ankommt. Wer war es? .lngeklagtcr Torgler: Ich habe während der Vorunter» suchung niemals versucht, irgend etwas zu verschweigen, und ich werde das auch hier uicht tun. Ich betone das des- wegen mit besonderem Nachdruck, weil der Untersuchungs» richter. Reichsger,chtsrat Bogt, durchblicke« lieh, ich hätte nicht immer die Wahrheit gesagt. Wenn mir einmal ein Irrtum unterlaufen ist, so bemühe ich mich stets, ihn aufzuklären. Ter Angeklagte fuhr dann fort: Ich weih nichts von einer Begegnung, die so aus- gesehen hätte, baß ich von rechts dem Zeugen entgegen- gekommen bin. Ich weiß aber ganz positiv und habe davon schon bei meiner ersten Vernehmung gesagt, dah ich am Brandtage nicht über die Glastür, die zum Haushalt- avsschuhsaal führt, hinausgekommen bin. Es ist also ganz ausgeschlossen, dah ich von rechts her gekommen bin. Ich habe aber die erste Begegnung in ganz deutlicher Erinne- rnng. Ich habe dabei aus dem Tosa in der Ecke links ge- scssen. Die Glastür ging auf und die Herren kamen herein. Der erste wandte sich noch mit der Glastür in der Hand zu den anderen herum und stellte mich gewissermaßen vor. Das habe ich genau und deutlich gesehen. Die anderen beiden heben mich daraufhin genau fixiert. Sie gingen an dem Tisch, an dem ich saß. vorbei bis zur Glastür des Ausschußsitzungs- saales. Sie sind dann in den Sitzungssaal hineingegangen. Ich sehe noch ganz deutlich vor mir, wie der Letzte, nämlich Herr Frey, sich noch einmal nach mir umdrehte. Das fiel mir so aus, dah ich zu meinen Gesprächspartnern sagte: Herr- gott, was gucken die mich denn so an? Mir war auch aus- gefallen, dah die Serren grohe Abzeichen trugen. In dem Halbdunkel des Vorraumes konnte ich aber nicht erkennen, ob es Abzeichen des Stahlhelms oder der NSDAP, waren. AuS den weiteren zur Verlesung kommenden Verlcsungs« Protokollen hebt Torglers Verteidiger, RA. Dr. Sack, bc- sonders eine Stelle hervor, in der davon die Rede ist, daß Torgler und Dr. Neubauer für den nächsten Tag, also für den Tag nach dem Reichstagsbrand, Besprechungen im Reichstag mit sozialdemokratischen Abgeordneten zur An- bahnung einer Einheitsfront der Linken vereinbart hatten. Ter Verteidiger weist iveiter darauf hin, dah Torgler sich große Mühe gegeben habe, die Verwechslung aufzuklären, die nach seiner Meinung den Zeugen Karwahne, Frey und Kroyer unterlausen sei. Torgler sagte in diesem Zusammen- hange selbst, dah ihm eine Verwechslung mit Florin und van der Lübbe einerseits und Popoki und Tr. Neubauer andererseits kaum denkbar erscheine. Oberreichsanwalt Dr. Werner: Diese Erklärung Torglers ist aber erst erfolgt, nachdem der Untersuchungsrichter eine solche Verwechslung für kaum möglich bezeichnet hatte. Erst wollte Torgler uns glaubhast machen, dah eine solche Verwechslung möglich sei. RA. Dr. Sock will daraus des Näheren erst später eingehen. Auf weitere Fragen des Vorsitzenden erklärt Torgler eine Verwechslung von Popoff mit Neubauer für möglich. Es gebe aber auch noch eine andere Erklärung: Am Frei- tag vor dem Brandtage seien der Kanîmann B e r n st e i n, der geschäftliche Angelegenheiten für die Fraktion erledigte, und ein gewisser Wundersee in das Fraktionszimmer ge- kommen, um eine Rücksprache wegen der Beschlagnahme des Karl-Liebknecht-Hauses zu führen. Aus den späteren Gegenüberstellungen habe er feststellen können, dah Taness tatsächlich eine grohe Achnlichkeit mit Bernstein habe und daß auch bei Wundcrsee und van der Lübbe eine Verwechslung möglich sei. Torgler betont, dah er damals mit den beiden zusammen auch den Reichstag verlassen habe. Was van der Lübbe anbelangt, so erkläre ich nochmals mit aller Bestimmtheit: Ich habe nie in meinem Leben van der Lübbe kennen gelernt, habe ihn nie gesehen» ge, sprachen oder auch nur leinen Namen gekannt. Zum ersten Male sah ich ihn am Dienstag, dem 28. Februar. tl Uhr vormittags, als Kriminalkommissar Heisig mich ihm gegenüberstellte. Ich habe auf dessen Frage dann wahrheits- gemäß geantwortet: Ich kenne van der Lübbe nicht und habe ihn nie in meinem Leben gesehen. Der Vorsitzende stellt fest, dah die Zeugenaussagen mit den Angaben des An- geklagten im Hauptinhalt übereinstimmen, nur nicht in dem entscheidenden Punkt, dah nämlich die drei Zeugen mit Be- stimmtheit erklären, Torgler sei ihnen entgegengekommen. Der Vorsitzende hält dem Angeklagte» weiter vor, daß die gleichen Zeugen ihn dann, als sie noch einmal zurück- kamen, erneut gesehen hätten, und zwar soll diesmal ein Mann mit ihm auf dem Sofa gesessen haben, der einen Hut ins Gesicht gezogen hatte und nach der Behaup- tung der Anklage der Angeklagte Pop off gewesen sein soll. Torgler erklärt, dah er von den drei Bulgaren erstmalig in der Schutzhaft etwa am 12. März gehört habe. Später seien ihm dann die Fotos der drei gezeigt worden, und bei dieser Gelegenheit habe er zum erstenmal gesehen, wie sie aussahen. Aus Fragen deS Beisitzers, Rcichsgerichtsrat Even der, erklärt Torgler, bei der ersten Begegnung mit den drei Zeugen sei der Abgeordnete F l o r i n dabei ge- wesen. Dieser Besuch stehe aber mit dem Birkenhauers in keiner Verbindung. Aus eine nochmalige Frage des Bor- sitzenden, ob es richtig sei, dah er bei der zweiten Be- gegnung mit einem anderen Manne aus dem Tosa sah, der einen langen Mantel und den Hut tief im Gesicht trug und der Poposf gewesen sein soll, erwidert Torgler, dah er Popoff zum erstenmal in seinem Leben am 24. April gesehen habe. Auf die Frage, wer eS denn gewesen sei. erklärt Torgler, der Abgeordnete Tr. Neubauer. Er könne sich an die zweite Begegnung nicht mehr so genau erinnern, habe aber schon am 6. März an den Kriminalkommissar Heisig einen Brief geschickt, in dem er diese Tatsachen mit- teilte. Wann war van der Lübbe im Reichstag? Vorsitzender: Van der Lübbe, Sie haben gehört, dah Sie nach der Aussage eines Zeugen am Tage vor dem Reichstagsbrand mit Taness zusammen im Reichstag ge- wesen sein sollen. Ist das richtig? VanderLubbe inach längerem Zögern): Nein. Vorsitzender: Sind Sie überhaupt vor dem Brande jemals im Reichstage gewesen? Van der Lübbe: Ja.«Bewegung im Zuhörerranm.) Vorsitzender: Wann denn? Van der Lübbe: Bor dem Brand. Vorsitzender: Ain Tage des Brandes oder am Tage vorher? VanderLubbe: Am selben Tage. Vorsitzender: Am selben Tage waren Sie schon im Reichstag? VanderLubbe: Nein. Nach einem längeren Hin und Her zwischen dem Vorsitzenden und van der Lübbe, bei dem dieser lauter widersprechende und verivirrte Ans- künfte gibt, fragt der Vorsitzende schließlich: Waren Sie am Reichstag oder im Reichstag? Van der Lübbe: Im Reichstag. Vorsitzender: Sie haben vorher gesagt, daß Sie sich den Reichstag vorerst schon einmal angesehen hätten, wo Sie hineinkommen könnten. Waren Tie schon vorher einmal drin im Reichstag? Van der Lübbe: Nein! Vorsitzender: Ihre Antwort ist also zu verstehen, dah Sie vor dem Reichstag waren, etwa um 2 Uhr, wo der Zeuge Schmal Sie gesehen hat. Ist das damals gewesen? Van der Lübbe: Ja. Vorsitzender: Haben Tie das ge- meint, wenn Sie vorhin ja sagten? Van der Lübbe: Ja. Vorsitzender: Innen drin im Reichstag sind Sie vorher nicht gewesen? Van der Lübbe: Nein. Sind Sie mit einer Kiste in der Nähe des Reichstages einmal ge- wesen? Van der Lübbe: Nein. Nach einer kurzen Unterbrechung der Sitzung hält der Vorsitzende dem Angeklagten Torgler vor, dah er über die sehr wichtige Begegnung mit den drei Zeugen K a r w a h n e, Frey und Kroyer bei seinen verswiesencn Ber- nehmnngen in der Voruntersuchung widersprechende An- gaben gemacht habe. Bei der ersten polizeilichen Veinehmung habe er nach dem Protokoll angegeben, dah er sich von 10.30 Uhr vormittags bis 8.15 Uhr abends ohne Unterbrechung in keinem Fraktionszimmer aufgehalten habe, das er nur zweimal verlassen habe, um seine Post zu holen. Das stimme buch nicht mit seinen heutigen Angaben überein. Torgler: Bei meiner ersten Vernehmung im Polizei- Präsidium bin ich gefragt worden, wo ich mich im Reichstag onfgehalten hätte. Ich faßte die Frage so auf, dah man wissen wollte, ob ich im Hauptgeschoh gewesen sei. also an der Brandstelle. Darum habe ich geantwortet: ich hätte mich den ganzen Tag ununterbrochen oben ausgehalten. Damit meinte ich das Obergeschoß. Ich wollte damit gar nicht sagen, dah ich ununterbrochen in meinem Fraktionszimmer gewesen sei. Bei der zweiten Vernehmung am 5. März ist mir ein Irrtum passiert, ich muh mich dagegen verwahren, dah der Unters nchungsrichter daraus eine Unwahrheit machen will. Ich hatte bei der Vernehmung erklärt, die von den drei Herren geschilderte Begegnung müsse örtlich und zeitlich zusammenfallen mit meinem Zusammensein mit dem Redakteur Oehme. Als der Kommissar mich nach dem zweiten Zusammensein fragte, konnte ich mich zunächst nicht daraus besinnen. Erst nach der Vernehmung kam mir die Tatsache in Erinnerung, dah ich auch mit Neubauer da- gewesen bin. DaS habe ich dann in einem Brief der Polizei mitgeteilt. Dem Angeklagten Torgler werden dann die verschiedenen Vernehmungsprotokolle vorgehalten, um die Abweichungen in seinen Aussagen festzustellen. Der Vorsitzende stellt fest, dah der Angeklagte am 2 März an Oberregierungsrat Diehls in einem Brief noch- mals mitgeteilt habe, dah er die Fraktionszimmer nicht verlassen habe. Torgler erklär« nochmals, er habe immer unter dem Eindruck gestanden, man wolle von«hm lediglich wissen, wie oft und wann er im Hauptgeschoh gewesen sei, und wann er den Reichstag verlassen hat. Nachdem diese Frage ,hm aber Van der Lübbe kennt Torgler nicht Der Vorsitzende wendet sich nun an den Angeklagten VanderLubbe und fragt ihn, ob er am Tage der Brand- stiftung nachmittags im Reichstag gewesen sei, und zwar zu- sammen mit dem Angeklagten Torgler. Van derLubbe fnach einigem Zögern): Nein, das glaube ich nicht. Vor- sitzender: Daraus können Sie doch nur mit Ja oder Nein antworten. Sie sind also nicht mit Torgler zusammen- gewesen? Van der Lübbe: Nein. Vorsitzender: Kennen Sie Torgler von früher? Van der Lübbe: Nein. V o r s i y e n d e r: Er ist Ihnen also ganz unbekannt? Van der Lübbe: Ja. Vorsitzender: Einer An- regung de» Verteidigers folgend, frage ich Tie loan der Lübbe) ausdrücklich, ob Sie den Reichstag allein angesteckt haben, oder ob Ihnen irgendwelche Lente dabei geholfen haben. Van der Lübbe zögert zunächst,' dann ging ein Lächeln über feine Züge und er antwortete: Nein. Vor- sitzender: Was denn? Sie müssen uns die Wahrheit sagen. Ist Ihnen bekannt, daß durch Gutachten nachzuweisen ist, dah Sie allein es gar nicht gemacht haben können. Van der Lübbe: Ja. Vorsitzender: Haben Tie den Reichstag allein angesteckt oder mit anderen? Van der Lübbe: Allein. Borsitzender: Niemand hat etwas vorgerichtet? Van der Lübbe: Nein. Unmöglich allein! Vorsitzender: Wie erklären Tie sich denn, daß drei Sachverständige festgestellt haben, Sie könnten die Sache nicht allein gemacht haben. Van der Lübbe: Kann ich nicht sagen. Rechtsanwalt Dr. Sack fragt van der Lübbe, ob er, als er die Kohlenanzünder kaufte, diesen Kauf von sich aus unternommen oder ob er es auf Grund einer Ver- abredung mit andern getan habe, die er nicht nennen wolle. V a n derLubbe verneint das Letztere. Rechtsanwalt Dr. Sack fragt weiter, ob ihm jemand die Einstiegstelle in das ReichStagsgebäude gezeigt habe. Van der Lübbe verneint auch das. Der Vorsitzende erklärt. eS sei notwendig, zunächst einmal den Tatbestand näher durch die Sachverständigen- und Zeugenaussagen festzustellen, woraus Rechtsanwalt Dr. Sack erwidert, dah ihm diese Gutachten bekannt seien und dah er dazu gleich bemerken wolle, dah sie seines Erachtens an einem Fehler krankten, dah nämlich nicht unter denselben Verhältnissen, wie der Reichstagsbrand im Plenarsaal enr- standen ist, auch nachher die Brandversuche vorgenommen wurden. Die Brandversuche hätten nicht die kolossale Wir- kung, die dieser große Kuppelbau habe, dessen starler Luft- zug aus einem kleinen Fenster komme. Angeklagter D t m i t r o f f: Da es absolut ausgeschlossen ist, dah van ber SuBBe allein Biese Sache meistern konnte, stelle ich an ihn Bie Frage: Wie kann et selbst die merkwürdige Tatsache erklären, daß es ihm beim Wohlfahrtsamt nicht gelungen ist, diese kleine Bude in Brand zu stecken, während bei dem großen, kolossalen massiven NeichStagsgebäude, das ständig scharf bewacht ist, er behaupten will, daß er allein in einer Viertel- stunde diesen Riesenbrand entfesseln konnte. Vorsitzender: Van der Lübbe, können Sie eine Auf- klärung darüber geben, weshalb Sie die Brandstiftung im Wohlfahrtsamt nicht durchführen konnten? Van der Lübbe: Nein. Der Angeklagte D i m i t r o s f stellt noch einige Fragen, die aber vom Vorsitzenden abge- lehnt werden. Der Vorsitzende sieht sich schließlich genötigt. Dimitrosf zum letzten Male zu verwarnen unter der Androhung, ihn von der Verhandlung auszu- schließen. iTaneff und Popoff Der Vorsitzende fragt nun den Angeklagten Taneff, ob er mit van der Lübbe einmal im Reichstag gewesen sei. Tan e ff: Ich habe van der Lübbe zum ersten Male im Reichstag gesehen, als ich das erstemal vernommen wurde. Auch Torgler habe ich vor meiner Verhaftung nicht gekannt. Dem Angeklagten Popoff wird die Zeugenaussage vor- gehalten, wonach er am Brandtage etwa um 8.30 Uhr zu- sammen mit Torgler im Vorraum des Haushaltausschuß- saales gewesen sein soll. P o v o s s: Niemals bis zu meiner Verhaftung bin ich im Reichstag gewesen. Den Angeklagten T'rgler habe ich zum ersten Male nach meiner Verhaftung gesehen. Die Weiterverhandlung findet am Donnerstag statt. Lokaltermin in Berlin Leipzig, 4. Okt. Wie verlautet, wird der erste VerHand- lungSabschnitt im Reichstagsbrandstifterprozeß aller Boraus- ficht nach am kommenden Samstag, dem 7. Oktober, abge» schlössen werden. Der Montag soll sitzungsfrei sein und den Vorbereitungen für die Uebcrstedlung des Senats nach Berlin dienen, wo die Verhandlungen bann am Dienstag im RetchStagsgebäude fortgeführt werden sollen. Miesmadien" nimmt zu Professor und Forstmeister in Schutzhaft »* Das Geheime Staatspolizeiamt für Sachsen erläßt nachstehende Warnung: Seit einiger Zeit werden systematisch beleidigende Gerüchte, die sich mit Mitgliedern der Regierung besas- sen, von unverantwortlichen Elementen im ganzen Lande verbreitet. Hierzu ist festzustellen, daß diese Verleumdungen selbstverständlich jeder Grundlage entbehren. Jeder vernünf- tige Mensch sollte deshalb die Verbreitung unwahrer Be- Häuptlingen ablehnen. Nachdem festgestellt worden ist, daß diese Lügen bewußt im ganzen Lande erneut verbreitet wer- den, hat sich die Negierung nunmehr zu schärfsten Maßnah- men entschlossen. Jeder, der ein Gerücht verbreitet oder ge- dankenlos weitererzählt, wird sofort in Schutzhast genommen und das Strafverfahren gegen ihn eingeleitet. Am Montag sind deshalb Professor K e t t n e r- Dresden und Forstmeister P ö p e l- Frankenberg in Schutzhaft ge- vommen worden. Eine Anzahl weiterer Verhaf- tungen steht bevor. Jeder, der zur öffentlichen Beunruhigung beiträgt, muß als Saboteur der Aufbauarbeiten betrachtet und deshalb scharf bestraft werden. In de« Beirieben „Man kann ein Volk nur einmal täuschen.. iJTF.s Trotz Propagandaministcrium und Feuerwerk ist die Stimmung innerhalb der deutschen Arbeiterschaft nicht so. wie sie sich die braunen Diktatoren wünschen.„Mit Biedermannsmienc tragen vom Marxismus mehr oder we- Niger infizierte„Kollegen" in den Betrieben Meinungen herum, die nichts anderes sind, alS haltlose, böswillige Stänkereien und Herabsetzungen... Brutalste Unter- drücknng dieser Kreaturen ist ein soziales Werk am Gesamt- ivohl der deutschen Arbeiterschaft." So charakterisiert das Wochenblatt dex Organisation der in deutschen Verkehrs- Unternehmungen und öffentliche» Betrieben beschäftigten Arbeiter und Angestellten am 2. September die Stimmung. Die gleichgeschaltete Redaktton vermeidet ängstlich, die Gründe für die Mißstimmung anzugeben Ein Rund- schreibenn Schauspieler, Industrielle und Kaufleute. Beil spaziergang und in der Rasierstube konnte dank d> Aufsicht ohne nennenswerte Hemmungen eiîrip In der„Basier Nationalzeitung" sNr. 458) schreibt ein seit kurzem in der Schweiz lebender Deutscher: Auf Grund einer Denunziation kam ich im Februar d. I. in Berlin in Untersuchungshaft. Ich konnte fest- stellen, daß einem Untersuchungsgefangenen bis auf die persönliche Freiheit nichts vorenthalten wird und daß„Moabit" für entgleiste Existenzen direkt ein Paradies sein kann: sehr anständige Behandlung, reichliches und gutes Essen, Raucherlaubnis, interessante Lektüre aus einer großen Bibliothek, Tageszeitungen, jede Woche reine Wäsche, zwei- mal wöchentlich rasiere»(wenn, mau nicht Selbstrasiercr istj und täglicher halbstündiger Spaziergang im Gesangnishof. Meine Abteilung, die mit zirka 30 Mann belegt war, ver- einigte— wohl zufällig— viele Prominente, z. B. drei Mörder, einige Schwereinbrecher. Kommunisten, die alle wegen Schießereien inhaftiert waren, zivei Rechtsanwälte, zwei Referendare, einen Schriftsteller, einen Sänger, einen Beim Morgen- ink der humanen ■ eifrig debattiert werden. Die Tagesereignisse der Politik gaben den Stoff. Wir tauschten Tageszeitungen untereinander aus und hatten durchaus die Möglichkeit, uns menschlich näher zu kommen, soweit es den einzelnen paßte. Eines Tages hatten wir eine Sensation. Der Reichstags- Brandstifter van der Lübbe wurde unserer Station zugeteilt. Unser erster Eindruck war maßloses Erstaunen. Den Mensche» hatten wir uns alle ganz anders vorgestellt. Das war doch kein Mann» kein tatkräftiger Fanatiker, das war sa ein netter, harmloser, ganz unbedeutender Junge, der mit seinem offenen Blick, seinem bescheidenen Wesen nicht den Eindruck eines Kommunisten oder Schwcrver- Brechers machte. Die wirklichen Kommunisten waren doch ganz andere Kerle, man konnte sie im Gefängnis sofort gut erkennen, denn sie verteidigten ihr System, machten keinen Hehl aus ihrer Gesinnung und waren stets oppositionell und rabiat ausgelegt. Aber nicht nur aus dem Benehmen des Lübbe, sonder» vor allem airs den Unterhaltungen mit ihm wurde uns bald klar, daß dieser Mensch kein Kommunist im land- läufigen Sinne sein könne. Lübbe war nicht verschlossen, er war aber auch nicht sonderlich gesprächig. Er gab auch gelegent- lich seine Ideen bekannt, die aber nicht annähernd so krauß und wirr waren, wie seine Wuschelfrisur. Mau fragte sich, aus welchen Motiven dieser Jüngling gehandelt hatte und ob er etwa unter dem Einfluß eines Individuums stand, dem er absolut hörig war. Er war anscheinend vollständig ge- danken- und willenlos in dieses Abenteuer getappt, man hatte ihm wohl suggeriert,„es müsse etwas geschehen", und er glaubte den Einflüsterungen und gehorchte blind seinen „Freunden". Und diese Hörigkeit wird es auch erklären, warum er seine„Freunde" nicht verriet. Ich hatte zweimal Gelegenheit, mit van ber Lübbe ganz ungeniert allein sprechen zu können, als wir zu gleicher Zeit und von dem- selben Aufseher ins Landgericht zum Untersuchungsrichter geführt wurden. Wir mußten dann beide längere Zeit warten und konnten uns ganz ungezwungen unterhalten. Dabei bekräftigte sich mein Eindruck, den ich schon vorher bei den Spaziergängen hatte. Van der Lübbe war ruhig, geduldig, durchaus sorglos, genau wie ein braves Kind. AlS ihm der Aufseher, bevor wir zum Untersuchungsrichter gingen, sein etwas zu genial geschlungenes Halstuch solider arrangierte, war van der Lübbe von einer geradezu rühren- den naiven Kindlichkeit. Der Mensch schien sich keiner bösen Tat bewußt, er hatte nur folgsam getan, was seine„Freunde" von ihm verlangt hatten. Es mußte„etwas geschehen". Er glaubte auch an einen ganz guten Ausgang seiner An- gelegenheit. Wir waren anderer Meinung und unsere Broanose kantete darnals. daß er alS unzurechnungsfähig ins Irrenhaus kommen würde. Aber es kam anders— und daS stimmt nachdenklich. Trotz der Tüchtigkeit der deutschen Polizei konnte man bis heute nicht die Drahtzieher und weitere Mitschuldige finden. To blieb Lübbe als Hauptmissetäter hängen. Merkwürdiger- weise schlug man bei ihm ein Verfahren ein, das jeder, der mit ihm im März in Berührung kam, wohl kaum verstehen wird. Lübbe war damals nie gefesselt» weder bei den Spazier» gängcn noch bei den Ausführungen zum Untersuchungs« richter ins Gerichtsgebäude. Und als der Prozeß begann, sieht man den Menschen stark gekettet! Warum ivohl? Ist sein Verbrechen seither schwerer ge- worden? Oder sollte die Fesselung mit dem renitenten Bc- nehmen des Angeklagten, von dem kürzlich zu lesen war, motiviert werden? Aber ist es denn möglich geworden, dag der durchaus ruhige Lübbe vom März, den man genau so frei behandelte wie jeden anderen Untersuchungsgesangenen sür leichteste Delikte, ein so rabiater Kerl ivurde, daß er nur schwer gefesselt im Gerichtsiaal erscheinen konnte? Und weiter: Lübbe war, ivie ich ihn im Gefängnis kennen lernte» scheinbar ein sehr gesunder, aus jeden Fall ein durchaus au>- geweckter und munterer Geselle und jetzt diese Apathie,THese Verschlagenheit, dieses sonderbare Benehmen, das man noch kaum als normal bezeichnen kann? Und das alles bei der humanen Behandlung der Untersuchungsgesangenen, wie sie der Schreiber dieser Zeilen zwei Monate erleben mußte? Ja— noch mehr— man konnte lesen, daß man um Lübbes Wohl bedacht, ihm eine besondere Ernährung bewilligt habe, z. B. Schnitzel»sw. Ich muß gestehen, daß ich da nicht nach- komme! Das Essen in Moabit war genügend, abwcchilungS- reich und gut. so daß selbst ich, als sonst verwöhnter Mensch, es erträglich fand und andere Gefangene, z. B. ein In- genieur, schon acht Monate, ein Kaufmann sogar 1» Monate sich bei dieser Kost des besten Wohlbesindens erfreuten. Dabei erklärten die„Stammgäste" unserer Station, daß das Essen in anderen Strafanstalten noch besser sei. als in Moabit. Es dürste vielleicht interessieren, die damaligen„Tages-MenuS einer Woche kennen zu lernen: Mittags: Suppe Lungenhaschee und Kartoffelbrei Linsensuppe mit einem ganzen Wienerli Frikadellen und Sauerkraut Erbsensuppe mit Speck Suppe Schweinefleisch, Sauerkraut, gutes Kompott jgcdörrtes Obstj. abends:- Kaffee und Leberwurstbrot Reisbrei mit Zimt Kaffee, Kieler Sprotten Butterbrot Suppe Kakao, belegtes Brot mit gehacktem, rohem Fleisch Bückling, Brot und Tee Saurer Hering, Kartoffeln Kaffee Ich gebe gerne zu, baß die Zusammenstellung nicht immer verwöhnten Ansprüchen genügen konnte, SA. und TA.-Reserve zahlen pro Monat 1,30 RM. die Hitlerjugend desgleichen. Diejenigen Mitglieder, die weniger als zwei Kinder in der Bewegung haben, 3,00 RM., die anderen 1,50 NM. Mitglieder, die nach dem 31, Januar eingetreten sind, haben außerdem einen ein- maligen Werbebeitrag von 10.- RM zu zahlen. Demnach muß also eine Nazisamilic die zwei Kinder in der Hitlerjugend hat, im Monat 2,00 RM- Parteibeitrag aus» bringen. Aber sie haben ja auch etwas dafür, nicht wahr? L fcl ix$edkenùattks(ßrief e Von ApciC Us August Am Mittwoch, dem 7. August, wurde F c' i x F e ch«b° Vn^^"©cœalTbl- StottÄfl»- éfen?W"»°n°°' d» Ermordung ,.u-ch« w ^°^echlnbach"chrie'b die nachstehenden Briefe an seine^FrauJàn Sôbetf bi? be- ES find ihrer viel mehr, als wir drucken können. Lewe die Gesinnung, die sich in den stellten Schüsse prompt geliefert und sindssolze c ger über d«m die V e r l o g e n h e i t der amt- Bekenntnissen ihres Opfers offenbart. Ätan îefe den^letztenB nef' um d.e Jemi« lichen Behauptung zu ermessen. Fechenbach habe e.nen Fluchtversuch un.crnomm Detmold, den 5. April 1938. Landgertchtsgefängnis. »r^sposttionen(Flucht in die Schweiz) halte ich fiir richtig. Es ist besser, Du bist bei den Kindern, hier würbest Du boch nur allein herumsitzen.(Frau Fechenbach war seit 19*2 JtJin*!* SPD. und wurde von der Geheimvolizct gesucht.) Heute hatte ich eine große Ueberraschung. Vater hïLl»^îe ganze Nacht durchgefahren und fährt "eure nacht wieder zurück. Er ist jetzt 74 Jahre und die ?i«î! 8£?.>-?ar fiir ihn recht anstrengend, ganz abgesehen beut»»«Mischen Erregung, die die ganze Asfäre für ihn be- . Leben lang hat er sich redlich geplagt und ge- muyt und nicht viel gute Tage gesehen, viel Sorge und »ummer gehabt, und jetzt muß ihm auch auf seinen alten Imogen noch durch meine Verhaftung Sorge bereitet werden. « J" 1^ider nichts ändern. Wie die Dinge liegen, läßt sich jetzt auch gar nicht absehen, wie lange die Haft dauern wird- Die Rachrichten von Dir und von den Kindern freuen mich immer am meisten. Es wird wohl eine ganze Weile °uuern, ehe wir wieder friedlich beisammen sein können. Aber schließlich, einmal wird ja auch die Schutzhaft zu Ende sein. Dann werde ich mich an meinen neuen bürgerlichen Berus gewöhnen müssen. Aber das sind ivohl erst Zukunsts- tantasien. Zunächst spielt sich für mich daS Leben zwischen vier engen Wänden ab. Nur die Gedanken können hinaus- wandern, zu Dir, zu den Kindern, zu der jungsrischcn, neu- erwachenden Natur. Aber, ivas man nicht zu ändern vermag, darein muß man sich schicken, hoffentlich erträgst die für Dich recht schwere Zeit mit zuversichtlichem Mut und läßt Dich nicht unterkriegen. Um mich brauchst Tu Dich uicht zu sorgen. Kopf hoch! ii- Detmold. den 8. April 1933. Dein Brief bringt mir einen Frühlingsgruß in metn« Zelle, Schlüsselblumen.(Gepreßt lagen einige Blüm- chen bei). Sie sind meist die ersten Boten des sonnig-heiteren Jüngiings, der jetzt die Fluren mit seinem Segen über- schüttet- In unserem Garten werden jetzt auch die ersten Blumen blühen, die ich im vorigen Frühjahr gepslanzt habe. Im Gefängnishof, den wir jeden Tag eine Stunde um- schreiten, wird es auch langsam Frühling. Die Kirschbäume blühen, ein paar Beilchen stecken schüchtern ihre Köpfchen heraus und Singvögel versuchen ihr erst.s Konzert..,0 schritte in die Runde und wieder 59 und so fort marschieren wir im Kreis, bis die Stunde uni ist und sich die Lungen voll gesogen haben mit frischer Luft, die Augen sich sattgesehcn am Blau des Himmels oder an grauen Wolken. In der Zelle habe ich jetzt Gesellschaft. Von Willi wurde mir ein Pack Bücher geschickt. Hier geht ein Tag wie der andere dahin, und mittlerweile sind es vier Wochen gc- worden, daß ich hier bin, ohne daß ich vernommen wurde, oder sonst irgend etwas erfahren hätte. Du fragst nach meinen Wünschen? Mein seligster Wunsch ist die Aufhebung der Schutzhaft, damit ich wieder für meine Familie sorgen kann. Aber dafür wirst Du wenig tun kön- nen- Im übrigen möchte ich nicht, daß Du Geld für mich ausgibst. Du und die Kinder brauchen es notwendiger. Wenn Du mir dann uiid wann ein paar Zigaretten schicken kannst, freue ich mich. Schreibe mir recht viel von Dir und den Kindern., * Detmold, den 21. April 1933. Heute bekam ich vier Briefe von Dir aus einmal. Das war «in rechter Festtag. Sorgen habe ich mir nur um Dich ge- macht und die Kinder, weil Ihr doch nicht aus die Dauer Ver- î"°^ten zur Last fallen könnt. Tu bist ein tapferer Kerl! Daß Dm unsere alten Freunde triffst, freut mich. Grüße sie F« U0 5.uür. Sie sind alle liebe Menschen, und in Deiner freien Zeit werden sie Dir sicher über manche trübe Stunde weghelfen. Gesundheitlich geht eö mir gut. Wenn man sich hier ein- gelebt hat, schläft man auch leidlich. Nur ein bißchen mehr Bewegung im Freien möchte man haben- Das läßt sich aber aus technischen Gründen nicht machen. Wir müssen uns dcö- ?Ü« ewer halben Stunde täglich begnügen. Dafür habe ich(aft den ganzen Tag— wenn es nicht gar zu kühl ist, das Fenster offen. Meine Zellenkollegen haben wiederholt gewechselt. Wenn war. bekam ich einen andern. Allein war ich immer nur wenige Tage- * Detmold, den 2. Mai 1933. bekam ich in Deinem Austrag, liebe Irma, ft* Lr cIfe l ftlau K und Obst. Die Blumen hallen £"rf Nachmittag, wenn ein schmaler Tonnen- II.iA Fon,mt' glühen sie rot auf. Ich freue *LL£• ueuc mit den Blumen. ^» l t m,r0&l einige Zeit rewi- aJî kshier und anderwärts wieder zahl- die ne»?I»1W!!5^N. Jch benke, daß in dem Maße, wie sich aem?in. schtN Verhältnisse sestigen und weiter all- Si'eS'Â?," 11 tM der Bevölkerung eintritt, auch fnnhffrt« ,-"i, n8e entlassen werden, soweit nicht in be- f, firs, f Einzelfallen Strafverfahren schweben oder Ge- „fÄ der öffentlichen Ruhe und Sicherheit befürchtet al'sebbav»? o I«" Jf e aus mich nicht zutreffen, hoffe ich, in wied-»»n U auch entlafsen zu werden. Dann werden w r ick, beisammen sein können. Am 29. April habe îtllafsungsantrag bei der Lippischen Landes- •mprfm;£ Zugereicht. Es ist nicht nötig und wohl auch nicht Is«-?«!*! 8'?u Dich an die Regierung wendest. Die mitten*\ u t"Mb ei den haben, sind genügend unterrichtet, Held H* îtb Frau und drei Kinder habe, daß ich i IN rreloe verwundet wurde und Du in einem Seuchen- lazarctt als Pflegerin während des Krieges warst. Du mußt eben noch etwas Geduld haben. Wehen hat jede Geburt, auch die eines neuen Deutschland -» Detmold, den 9. Mai 1933. Deine lieben Briefe sind für mich hier die allergrößte Freude, und zeigen mir immer wieder aufs neue, wie eng und unzertrennlich wir verbunden sind, trotz aller räum- lichen Trennung. Für Kuril habe ich zu seinem GcburtStag ein kleines Märchen geschrieben vom„Hans Guck in die Luft". * Detmold, den 20. Mai 1933. Gestern hat unser Kurt Geburtstag gehabt. Ich habe viel an ihn gedacht. Mir fehlen die Kinder sehr. Und die Sehn- sucht nach Dir wächst mit der Dauer der Trennung. * Detmold, den 29. Mai 1933. Für Mutter waren die letzten Monate sicher recht aus- regend. Aber Grund, deprimiert zu sein, besteht nicht. Es wird alles wieder in Ordnung kommen. Es braucht aber Zeit.— Auf mein Gesuch habe ich noch keine Antwort, ich bin auch noch nicht vernommen. -i- Detmold, den 6. Juni 1933. Für heute schicke ich Dir eine kleine Geschichte„Der alte Puppenspieler". Wenn sie auch einen etwas hagischen Abschluß hat, so darfst Du daraus nicht auf meine Gcniütsversassnng schließen. Du weißt, ich bin kein Schwäch- ling. Mache Dir also keine dummen Gedanken.— Eigentlich habe ich damit gerechnet, Pfingsten frei zu kommen, wie Feldmann(Parteisekretär) und Linne(Gewerkschastssekre- tär). Es war aber nichts. Samstag bin ich genau drei Monate hier. Ich rechne daher damit, baß es nicht mehr lange dauert. * Detmold, den 25. Juni 1933. Aus meine beiden Eingaben um Hastentlassung bin ich noch obne Antwort. Ich bebaure recht sehr, das, ich die Ent- Wicklung unserer beiden Kleinen nicht miterleben kann. Lottis Geburtstagswunsch, daß Vati bis dahin wieder kommen soll, ist rührend. Ich möchte ihn gerne erfüllen. Aber Tu weißt ja, daß das nicht von mir abhängt. Immerhin könnte es ja ici», daß Lottis Wunsch bis zum Geburtstag In Erfüllung geht. Pinkowski(Verbandssekretär) ist vor etwa 10 Tagen ent- lassen worden, so daß ich der letzte von unseren Freunden bin hier in Detmold. Du darfst Dich nur nicht klein kriegen lassen. Ich weiß ja. daß alles furchtbar schwer für Dich ist. Aber Du hast bisher alles tapfer ertragen und tch boffe, daß Tu stark genug bist, durchzuhalten, auch wenn Deine Geduld auf eine lange Probe gestellt werden sollte. Ich bin gesund und weiß, daß ich tragen muß, was ich nicht zu ändern vermag. * Detmold, den 2. Juli 1033. Tie Arbeit an dem Roman macht mir viel Freude. Die Schreibmaschine bedeutet eine wesentliche Hafterleichterung. Ich komme übrigens mit meiner Arbeit sehr flott vorwärts, bin voller Schaffenslust und fühle mich viel wohler, seit ich mir diese Ausgabe gestellt habe. Das Nichtstun war zum verzweifeln. Jetzt hat der Tag wieder einen Inhalt. * Detmold, den 9. Juli 1933. Wunderschön ist das Bildchen mit Hanne, aus dem sie fragend ins Weite schaut und aus dem steht:„Wo ist Vati...?" Sie wird wohl noch eine ganze Weile aus ihn warten müssen. Unser Bürschlc hat es ja jetzt recht hart. So herumgeschubst von der Tante zur Großmutter, wieder zur Tante, ein paar Wochen bei Dir und dann nochmals zur Großmutter, das ist nicht gut iür ihn und ich kann mir wohl denken, daß er darüber traurig ist. Sage ihm nur, wenn der Vati erst wieder da ist. bann nehmen mir eine Wohnung und unser Blirschle kann dann immer bei uns bleiben. # Detmold, den 11. Juli 1933. Mein Roman macht gute Fortschritte. Ich stecke schon tief im vierten Kapitel. Ich wundere mich selbst, wie mühelos ich schreibe, trot, des ManaelS aller äußeren Eindrücke, die sonst für meine literarische Produktivität so wesentlich waren. Die Arbeit macht mir viel Freude. Das liegt zum guten Teil daran, baß der Roman in meiner Heimat svielt. Es ist, als schöpfe ich aus einem nicht versiegenden Quell. « Detmold, den 23. Juli 1933. Ich glaube kaum, daß ich meinen Roman in Detmold fertig schreiben kann. In der vergangenen Woche war der liebe Vater hier und besuchte mich. Für Ihn war der kurze Besuch begreiflicher- weise recht aufregend. Ich habe den Vater noch nie weinen sehen, aber als er mir im Sprechzimmer gegenüber saß, standen ihm die Tränen in den Augen. * Detmold, den 2. August 1933. Heute las ich in der Landeszeitung, daß die Bayerische Regierung der Lippischen Landesregierung, mich in ein bäuerisches Konzentrationslager zu über- nehmen, stattgegeben habe und daß der Transport in den nächsten Tagen erfolaen soll. Ich schreibe heute mit der Maschine, weil mein Schreibzeug nicht in Ordnung ist. Aber in Zukunft würdest wohl gern mit Schreibmaschinenbriesen von mir vorlieb nehmen, wenn Du überhaupt nur Briefe bekommst. In manchen Konzentrationslagern ist der Brief- verkehr erheblich eingeschränkt. Daß Kurt so tüchtig beim Zchwimmenlernen ist, freut mich. Ich Habs erst mit zehn Iahren gelernt. Da ist er mir la fast vier Jahre voraus. Ich freue mich schon daraus, wenn tch einst aus der Schutzhaft entlallen werde, mit meinem Kuril schwimmen zu geben. Das letzte Kaohek des Roman» ist ein wenig arg zu- samm-naedränat. Ick wollte kertia werden nnd fürchtete, ich komme von hier wea, ehe der Roman beendet ist. Jetzt habe ichs aber dock, noch geschafft. Fünf Minuten vor Zwölf sozusagen. Darüber bin ich recht froh. Detmold, den 4. August 1933. Du träumst von mir? Dann können wir uns die Hand reichen. Ich habe schon sehr oft von Dir geträumt. Aber die Träume wollten nicht Wirklichkeit werden. Wenn ich auf- wachte, war ich wieder in der vergitterten Zelle——. Ich bin froh, daß die Zeit der Ungewißheit bald zu Ende geht. In die neue Umgebung werde ich mich schon hinein- finden. Vor allem werde ich mehr Gesellschaft und frische Luft und Bewegung haben. Das tut gut nach fünf Monaten Zellenhaft. * Detmold, den 6. August 1933. Ich bin noch immer in Detmold und glaubte schon in der vergangenen Woche ins Konzentrationslager zu kommen. Vielleicht findet der Abtransport schon in einigen Tagen statt. Vielleicht dauert er noch Wochen. Ich weiß cS nicht. Dies Warten ans die Veränderung erfüllt mich mit einer merkwürdigen Unruhe. Ich weiß selbst nicht warum, aber es ist so. Du hast das ganz richtig auch an dem Roman bc- obachtet. Die beiden letzten Kapitel haben ei» wenig darunter gelitten. Aber auch unter der Sorge, ich könne den Roman nicht mehr fertig bringen. Dadurch ist mancher Flüchttgkeits- fehler unterlaufen, der Stil ist weniger ausgeglichen und manches wurde stark zusammengedrängt. Daß Du die Widmung dcö Romans in Deiner Bescheiden- heit ablehnen würdest, sah ich voraus. Es bleibt aber doch dabei. Der Roman i st für Dich geschrieben und soll Dir gewidmet sein. Du mußt Dir das schon gefallen lassen, Liebes. Ich kann Dir ja sonst nichts geben nnd schließlich, wem soll ich so etwas, was so ein ganz pcrsön- licheo Werk ist, sonst geben? Der Roman hat Dir in all den Wochen viel Freude gemacht, das merkte ich aus Deinen Briefen immer wieder. Nun gehört er Dir ganz und gar und wenn wir erst wieder zusammen sein können, wirst Du an seiner endgültigen Gestaltung noch mithelfen können. Ich habe noch zwei Durchschlüge an meine Mutter geschickt, sie wird sie Dir geben...^ Meinen Eltern habe ich auch ein Exemplar dcS Romans geschickt. Sie werden sich sicher sehr damit freuen. Ihnen ist ja jeder Winkel tu W tt r z b u r g vertraut, und manches, was in meinen Ktndheitsertnnerungen eingeslochtcn ist, haben sie selbst miterlebt, direkt oder indirekt. Für mich selbst war die Zeit, in der ich den Roman schrieb, die erträglichste der Zelle. Ich hatte eine Ausgabe, konnte etwas ge- stalten, fchöpste aus dieser Kraft und Vertrauen. Wies später im Konzentrationslager wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls richte Dich so ein, daß Du bei den Kin- der» bleiben k a n n st. Sie leiden ohnehin am meisten unter unserer Trennung. Können sie schon den Vater nicht haben, dann sollen sie wenigstens die Mutter nicht entbehren. Du sagst ja selbst, die Kinder seien ein Opfer der Zeit, eut- wurzelt, heimatlos geworden. Tue nur alles, daß Du wenig- stens bei ihnen bleiben kannst. Aber das brauche ich Dir ja nicht besonders ans Herz zn legen. Du wirst das von Dir aus schon tun. Tie Frage, die Lotte an Dich gerichtet hat, als die Fertenkinder nach Hause fuhren, ist ja erschütternd: „M u t t i, wo bin ich eigentlich dabei»»?" In dieser kindlichen Frage lieg! die ganze Tragödie unserer Kinder. Sie haben kein Daheim, keine Familie mehr, sind ent- wurzelt. Das ist überhaupt, was mir am meisten Sorgen macht. Wenn die Kinder im Augenblick auch untergebracht sind und zu essen haben,—- der Mensch lebt nicht von Brot allein... Der Vater, die Mutter, das Hehn, das gemeinsame Familienleben sind doch Dinge, die, ivenn sie den Kindern fehlen, für Ihre ganze künftige Entwicklung nicht ohne Einfluß sind. Aber vielleicht brauchen sie das alles nicht gar zu lange zu entbehren. Verlier nur D» die Hoff- nung nicht, Ivenn es auch noch sehr lange dauern sollte. Die Mutter schrieb ,n i r, ich solle alles tun, damit ich nicht in ein Konzentrationslager komme. Ich schrieb ihr, daß ich darauf keinerlei Einfluß habe. Es ist doch kanin anzunehmen, daß die gefaßten Vc- schlüsse geändert iverdcn. Ich kann gar nichts in dieser Sache tun. Mutter hat wohl übertriebene Vorstellungen in all diesen Dinaen. Schließlich bin ich ja nicht allein, der ins Konzentrationslager kommt. Natürlich, die Familienangehörigen sehen in erster Linie das Einzelichicksal, sie sind si» auch persönlich ziemlich stark davon betroffen, aber viele andere haben das gleiche Schicksal zu tragen, Taufende. Dieser Taac las Ich in der Zettung, daß der ehemalige Retchskagsvräsident, Paul L ö bc, in ein Konzen- trationslagcr kam. Viele andere, Bekannte und Unbekannte, sind auch dort. Versuche Tu Tir einmal die Dinge von einem größeren, geschichtlichen Gesichtspunkt aus zu betrachten, nickt nur vom persönlichen aus. Vielleicht kannst Du dann man- ches leichter tragen. Ich ivciß ivohl, es ist alles recht schwer siir Dich und die Kinder und das Einzelichicksal steht schon dadurch kür Dich immer stärker im Vordergrund. Ich bin aber überzeugt. Du iv i r st st a r k bleiben, auch menu Deine Geduld auf eine harte Probe gestellt werden sollte. Die neuen Machtverhältnisse haben sich verhältnismäßig schnell gefestigt und tu dem Maße, wie dieser Konsvltdie- rungsprozrß fortschreitet,»vrrden auch die Zwangsmaßnahmen, die Schntzlmit, Konzentrationslager usw. allmählich entlwhrlich. Ich alaube nicht, daß man diese Einrich- hingen länger aufrecht erhält, als dies im Interesse des neuen Staates notwendig erscheint. Dann wird auch für uns wieder die Zelt kommen, in der mir unseren Kindern wieder ein Heim bieten können und Lotte wird dann nicht mehr fraaen brauchen:„Mutti, wo bin ich eigentlich daheim...?" AnS Deinen Briefen lese ich immer viel Hoffnung nnd Zuversicht. Darüber freue ick» mich stetS. Sei nur weiter stark und zuversichtlich! Um mich brauchst Du Dich nicht zu be« sorgen. Finde mich auch in das Leben im Konzen- trationslagcr, wenn ich dort auch keine Blumen und sonstigen Erfrischungen bekommen kann, mit denen Du mich hier jede Woche erfreust und für die Ick Dir herzlich danke. Ich denke im vorânS an die Zeit, da meine Zckmtzhait ans- gehoben sein wirb und grüße Dich und die Kinder herzlich. Dein Felix. Soeben wird mir mitgeteilt, baß ich heute, den 7. August, abtransportiert werde... Das waren die letzten Worte von Felix Fcchcnbachs Hand. Am Abend wurde er von Detmold abtransportiert. Als Reiseziel war nicht Dachau, sondern das Polizeipräsidium München angegeben, doch war schon alles vorbereitet, daß er dieses Ziel nicht erreichen sollte. Um 8 Uhr abends wurde er in S ch e r s e d e, 50 Kilometer von Detmold, mit schweren Schußwunden eingeliefert: er starb zwei Stunden darauf, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben. Die konvcn- tionelle Lüge von einer„Erschießung auf der Flucht" bedarf kaum einer Widerlegung. Eine zerschlagene Armbanduhr mit zerrissenem Riemen, die der Witwe des Ermordeten nu- vorsichtiger Weise zugeschickt wurde, legt für ganz andere grauenhafte Vorgänge Zeugnis ab. Felix Fechenbach hat seine Treue zur Arbeiterklasse und zur Sache des Sozialismus mit seinem Blute besiegelt. DAS HUM NUMMER 9|2 h» 1. JAHRGANG T AG LI C H E UN TERHALTUN GS B El LA G E FREITAG», DEN 6. OKTOBER 19 33 Siebzehn Jltann und ein Zivilist^ flS es alles éibt Von(faut tfzende (fließende Aerzte in Australien Donnerstag, den 10. September 1914, standen wir schon seit sieben Stunden marschbereit. Nachmittags kam der Be- fehl, unser Bataillon habe mit einem andern Landsturm- regiment gemeinsam bis Powttno vorzudringen, während der übrige Landsturm in der Reserve bleiben solle. Unsere Aufgabe wäre gewesen, die Tiroler Edelweißbrigade, die schon seit zwei Tagen in der Feuerlinie stand, zu verstärken und di« russische Vorhut aus ihren frisch ausgehobenen Schützengräben zu vertreibe». Der Befehl des BrigadekommandoS schilderte die Lag« alS äußerst günstig: die Widerstandskraft des Feindes sei be- retts gebrochen, eS handle sich nur darum, ihm den letzten Stoß zu versetzen. Durch Erfahrungen gewitzigt, schenkten wir aber diesen Angaben keinen Glauben. Wir spürten, daß das Einsetzen der Landsturmregimenter nur eines bedeuten konnte: Die Schlacht stand schlecht! Als Strafe für unsere fleischlichen Gelüste wurde uns das Nachtmahl schonungslos entzogen und wir selbst in das bren» »ende Dorf getrieben. Wir waren keine Reserve, die in der letzten Stund« in die Waagschale geworfen wird, um eine günstige Entscheidung herbeizuführen: wir waren nur Lückenbüßer und Kanonen- sutter, di« eingesetzt wurden, wenn keine Hoffnung mehr be- stand, einzig und allein darum, um den Feind auf einige Stunden aufzuhalten und dadurch den Linientruppen eine Galgenfrist für den Rückzug zu sichern. Die große Mehrheit der Brigade bestand aus Männern, die höchstens eine acht- wöchige militärische Ausbildung und auch die vor mindesten? fünfzehn Jahren mitgemacht hatten. Unsere Ausrüstung war mangelhaft, nicht ein einziges Maschinengewehr stand unö zur Verfügung, der Landsturm besaß damals keine Artil- lerie. Bevor wir abmarschierten, tauchte ein Fcldpostwagen auf. Da wir noch einige Minuten Zeit hatten, benützte ich die Ge- legenheit, meiner Mutter eine Karte zu schicken. Ich wollte nichts Beunruhigendes schreiben- Wirb aber diese Karte nicht vielleicht doch die letzte sein? Wir gingen vorsichtig über die Höfe der brennenden Häuser vor und erreichten die Schrapnellzone. Links und rechts krepierten sehlgegangene Geschosse. Nun mutzten wir stehen- bleiben, um einem Sanitätszug den Weg freizulassen. Acht große Blessiertenwagen versuchten trotz dem feindlichen Feuer nach Powttno zu gelangen. Es war ihnen kein Erfolg beschieden, einige Kutscher und Pferde wurden tödlich ge- troffen, die übrigen machten kehrt und verrammelten uns den Weg. Wir versuchten nun, auf einem Karrenweg, der über Kar- toffelselder führte, zum Wald von Powttno zu gelangen. Hier kamen wir an einem großen Grabhügel vorbei, auf dem ein einfaches Holzkreuz mit folgender Inschrift stand: »Siebzehn Mann und ein Zivilist." Die Lage war wirklich nicht danach, zu lachen. Und dennoch mutzte ich lächeln, als ich diese Inschrift sah. Die riesigen Entfernungen und die Abge-\ schiedenheit der einsamen Vorposten in Australien haben den fliegenden Arzt und seine Ambulanz in diesem Erdteil zu einer wahren Notwendigkeit gemacht,] Der australische ärztliche Luftdienst wurde im Jahre 1928 4 unter den Auspizien der australischen Jnlandmission, einer' Abteilung der presbyterianischen Kirche in Australien, ins Leben gerufen. Der Mittelpunkt seiner Tätigkeit befindet: sich in Cloncurry, Queensland. Das Hauptquartier in; Cloncurry ist mit Radioanlagen ausgestattet, die medi- zinische Anweisungen und andere Botschaften auf einer Kurzwellenlänge von 42 Meter an verschiedene fernerge- j legene Heime senden, denen spezielle Empfangs- und Sende- apparate zur Verfügung stehen. Die Station hat auch ei«! Flugzeug und eine Landorganisation und in dringenden Fällen werden die Dienste des Flugarztes und eines Piloten für Reisen angefordert, die oft 600 bis 800 Kilometer weit sind. Die fliegenden Aerzte rekrutieren sich aus den besten Kräften des australischen Aerztestandes. Der erste war ein berühmter Spezialist aus Sidney, der ein Jahr seines Lebens opferte und für einen Bruchteil seiner normalen Einkünfte arbeitete, damit die Leute im Busch erst- klassige Hilfeleistung erhielten. Seitdem haben sich noch drei andere hervorragende Aerzte gemeldet. Wir nahmen den Befehl gleichgültig entgegen. Da kann man nicht» machen! SS war die sechste Woche de» Krieg«»: seit drei Wochen standen wir bereits in der Feuerlinie. Wir kamen uns daher alS alte Krieger vor, die nichts mehr aufregt, nichts in Er- staunen setzt. Wir marschierten den Waldsaum entlang: die hohen Bäum« gewährten uns wenigstens gegen das Gewehr- feuer Schutz. Bei dem Dorf Cuniow mußten wir holten, well die russische Artillerie heftig Powitno beschoß. Es war unmöglich, weiterzugehen. Das Dorf war wie ausgestorben, seine Ein- wohner waren verschwunden: Pferde, Schweine und Ochsen irrten zwischen den Häusern herum oder brüllten verzweifelt in ihren Stallungen. Die Mannschaft fing eiligst einige Schweine und Hühner. Unsere Kompanie hatte sogar das Glück, Gänse zu erwischen. Alles wurde sofort gerupft und gebraten, der Schatz im Küchenwagen geborgen. Die ganze Kompanie dachte nur daran, was für herrliches Nachtmahl es geben werde. Der Kanonendonner wurde immer stärker, die aus Powitno gerichteten, aber darüber hinausgehenden Schüsse erreichten bereits die östlich gelegenen Häuser von Cuniow, die in hellen Flammen aufloderten. Der ganze Hochmut des Berussmilitärs, für den der Mensch erst bei demjenigen anfängt, der einen bunten Rock trägt, sprach hier noch aus dem Grab. Der Tod, die Geschosse des Feindes, die kannten diese Unterscheidung nicht, sie raff- ten Soldaten und Zivilisten gleichmäßig hinweg. Für daS Militär aber ist der Zivilist kein Mann, und wenn er stirbt, dann ist das eben ein gewöhnliches Hinscheiden und kein Heldentod. Inzwischen trat da» Dunkel ein und unter seinem Schutz gelang es uns, Powitno zu erreichen. Die meisten Häuser waren schon ausgebrannt und zusammengebrochen, die glimmende Asche beleuchtete hell Höfe und Gärten. Wir fielen in Einzelreihen ab, einer folgte vorsichtig dem andern. Wohin wir kommen würden, wußte niemand, jeder sah nur seinen Vordermann. Oft mußten wir über brennende Balken steigen, die Sohlen meiner Schuhe waren so erhitzt, daß ich manchmal die Empfindung hatte, als ob meine Füße brannten. Das ganze Dorf überzog ein furchtbarer Geruch. Ein großer Teil der Bewohner wurde vom Geschützfeuer getötet und ihre Leichen verbrannten in den eingestürzten Häusern. !ßegrübnisfunh Eine amerikanische Funkgesellschaft will jetzt eine sonder- bare Neuerung einführen. Es handelt sich um eine Funk- gesellschaft in Saint Louis. Sie will zur Begräbniszeit aus- schließlich Begräbnisprogramme senden. Für diese Sen- düngen stellt sie eigene Lautsprechwagen zur Verfügung, die gegen vier Dollar jeden Kondukt mit Trauermusik ver- sorgen. Die Musiker, die für die einfachste Begräbnismusik zehn Dollar erhielten, lehnen sich gegen diese Neueinfüh- rung auf. Aber die rationalisierte Trauermusik wird im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten kaum aufzuhalten sein. Die Funkgesellschaft soll auch schon von den ver- schiedenen Kirchen die Bewilligung für die Radiotrauermusik erwirkt haben. Flugzeuge Kontrollieren den Vogetftug Wir kamen an einem Hause vorbei, wo acht bis zehn ver- kohlte Leichen, Erwachsene und Kinder, nebeneinander lagen. Entsetzt schauderten wir zurück. Als Kompaniekommandant erhielt ich um sechs Uhr den Befehl, weiterzugehen und den Train zurückzuschicken. Das bedeutete aber, daß der Küchenwagen mit den drei Gänsen und dem Spanferkel zurückgeschickt werden mußte. Der schön« Traum eines herrlichen Nachtmahls zerstob in nichts! »Die armen Leute," meinten einige.»Wie kommen sie überhaupt zum Krieg? Wir, das ist was andres. Wir müssen. Das aber sind keine Soldaten und trotzdem müssen sie daran glauben." In den letzten Jahren sind Versuche ausgebaut worden, welche darauf hinzielen, die Vogelzüge von Flugzeugen er- künden zu lassen. Einige Ergebnisse liegen nun vor: Wilde Enten fliegen mit 37 Kilometer Stundengeschwindigkeit, Wildgänse mit ungefähr 85 und Krickenten sogar mit 110 Kilometer. Einige Male mußten die Flugzeuge von ihrem Plan abgehen, da die Vogelzüge durch das Motorengeräusch auseinandergebracht wurden. Einige gute Ergebnisse hat man mit dieser Methode in der Tschechoslowakei erzielt. Schade, daß Powitno damals in russischen Besitz überging. Wie schön wäre es gewesen, wenn man dort einen neuen Grabhügel hätte errichten können, diesmal mit der Inschrift: „Zweihundert Mann und sechshundert Zivilisten." Was man sitb zuflüstert Das deutsche Volk zerfällt jetzt in zwei Teile. Tie einen - marschieren, die anderen— sitzen. g 0 M AN VON IO N A 21O S IL O N E »Aber warum kam er denn nicht nach Fontamara heim?" fragte Marietta. „Wie ein Bettler heimkommen? Unmöglich!... Er blieb in Rom, wo ihm die Misere leichter zu tragen schien und machte die verschiedensten Dinge: Hundescherer, Glöckner, Friedhofsgräber, Händler mit Schuhlitzen und Jubiläums- Postkarten des Guglielmo Oberbau, Tellerspüler in verschiedenen Wirtshäusern. Je öfter er den Berufs wechselte^um so nche- öfter war es das Gleiche- Tausende von Abruzzen-Bauern lebten und leben in Rom wie er, indem sie alles das machen, wozu die Andern sich nicht hergeben. Sie verbringen ihr ganzes Leben auf einer niedrigeren Stufe wie die„Andern". Sie bleiben ein Leben lang Cafoni, ein Leben lang Lumpen- Proletarier. Man braucht in Rom nur auf die Straße zu gehen, um sie auf den ersten Blick zu erkennen. Sie gehen ander?, schauen, lachen sprechen anders und kleiden sich anders als die„Andern". Am Sonntag gehen die„Andern" ins Stadion oder zu den Parioli, sie gehen in irgend eine kleine Wirtschaft. Peppino Goriano war in Rom, als„die Andern" ihre Demonstration für oder gegen den Krieg um Trieft machten, aber er verschwand in einem kleinen Lokal der Porta Trionfale. Nach dem Krieg wanderten„die Andern" auf das Arbeitsamt und er war Stammgast in einer Wirtschaft von Testaccio. Manchmal ging es in der Stadt drüber und drunter und ohne es zu wollen, war er dabei. Aber es kam ihn teuer zu stehen! Zum Betspiel jener Tag, wo Poppino Goriano in der Straße Cola di Rienzo eine große Menge Menschen mit roten Fahnen Geschäfte stürmen sah. Er war mitten drunter und kam so in einen Schuhladen: aber als er wieder draußen war, hatte er ungleiche Schuhe in der Hand: zwei Damen- tanzschuhe, alle beide für den linken und einen großen. Reit- stiefel für den rechten Fuß..- Was sollte er damit anfangen? Er begab sich also auf die Suche nach dem Andern, der die dazu passenden Schuhe mitgenommen hatte, bis er— überall herumsragend— mit einem feinen Herrn zusammenstieß, der sich bereit erklärte, ihm zu helfen und zu sich nach Hause einlud. Aber der noble Herr führte ihn nicht in sein Heim, sondern auf die nächste Polizeistation, wo er in Arrest ge» nommen und als Plünderer angeklagt wurde. Beim Prozeß trat er mit vielen Arbeitern auf, die alle erklärten, aus „politischen Gründen" am Sturm auf die Läden teilgenom- men zu haben. Peppino dagegen gestand, er habe es getan, weil.er Schuhe nötig hatte. Dafür bekam er zweimal soviel aufgebrummt wie die Andern. Damals wurde auch jemand» der einen Andern auf der Straße umgebracht hatte, prämiiert und freigesprochen, wenn er den Mord aus„politischen Gründen" begangen und zu einer schweren Strafe verurteilt, wenn er aus Not gehandelt hatte- Somit stellte Peppino nach reislicher Ueberlegung fest, daß er sein ganzes Leben lang ein Pechvogel gewesen, weil er immer aus Hunger und nie aus„Politik" gehandelt hatte und obwohl er nicht mehr ganz jung war, beschloß er in Zu- kunft, was immer kommen würde, nur aus»politischen Gründen" zu tun. Bei der Entlassung wurde Peppino vor die Polizei ge- rufen, die ihm folgende Wahl ließ: »Entweder du tust, was wir dir sagen, oder du mußt noch heute nacht Rom verlassen und nach Fontamara zurück." Peppino wußte, daß man in jenen Tagen seinen aus dem Gefängnis entlassenen Freunden den gleichen Vorschlag ge- macht hatte- Und so nahm er bereitwillig an, in„Politik" zu arbeiten, bekam 50 Lire Anzahlung und den Befehl, am Abend auf der Piazza Venezia»Es lebe Nitti! Nieder mit Fiume!" zu schreien" „50 Lire nur um zu schreien?" fuhr Michele Zompa da- zwischen und drückte darin den Unglauben aller aus. „Nicht unterbrechen!" fuhr der falsche Prophet fort. „Du verstehst eben nichts von der„Politik"... Am Abend war auf der Piazza Venezia eine große Menschenmenge ver- sammelt, darunter Peppino Gorianos Freunde aus der Regina coeli. Peppino begann zu rufen:„Es lebe Nitti! Nieder mit Fiume!" Während seine Freunde aus der Regina coeli sofort nach allen Seiten auseinanderstoben, sah er eine Gruppe Offiziere und Arditi auf sich zukommen. Aber er stand ja erst am Anfang seiner politischen Laufbahn und wollte den übernommenen Auftrag auch ausführen: daher fuhr er fort, das zu rufen, wozu ihn die Polizei beauftragt hatte und wovon er nicht ahnte, was es bedeutete. Er wurde von den Offizieren und den Arditi umringt und was nun passierte, konnte er nie genau erzählen, weil er sein Bewußt- sein verlor und erst im Spital des San Giacomo wieder- sand..." „Tann waren also die Offiziere gegen die Polizei? Wie war das möglich?" fragte Generale Baldissera, der eine hohe Meinung von militärischer Disziplin hatte. »Unterbrich mich nicht immer," rügte der falsche Prophet. »Tu verstehst eben nichts von Politik..• Nach seiner Wiederherstellung fuhr Peppino fort, politisch zu arbeiten, das heißt, Prügel zu fassen zur Zeit oder am Ort, den die Polizei festsetzte. Einmal wurde er von Tramangestellten an der Porta Santa Croce blutig geschlagen, ein andermal von den Gasarbeitern an der Porta San Paolo, wieder ein anderes Mal von den Ziegelbrennern an der Porta Trion- fale... Wo er hinging und das von der Polizei bestellte Wort schrie, bekam er Hiebe.... Dabei war er gewöhnlich allein, denn seine Freund« aus der Regina coeli verdufteten stets, sobald Gefahr in Sicht war..." „Und Peppino? Warum ist er nicht auch durchgebrannt? fragte Marietta angstvoll. „Um mehr zu verdienen," erklärte der Prophet.»Er erhielt nämlich fünf Lire pro Tag von der Polizei und 25 Lire Zu- schlag, wenn er ins Spital mußte- Die fünffLire genügten nicht'sür seinen Unterhalt, er mußte unbedingt Prügel sagen. Es war natürlich kein Vergnügen, aber arbeiten ist noch me ein Vergnügen gewesen. Man muß noch hinzufügen, daß die bestellten Worte wechselten. Nachdem er sechs Monate„Via Nitti" gerufen hatte, mußte Peppino Goriano ein Jahr lang „Abbasso Nitti" schreien. Aber die Wirkung blieb sich immer gleich: immer Prügel- Nach anderthalbjähriger»politisches Tätigkeit" glich Peppinos Körper dem des Jesus am Kreuze, als Pontius Pilatus sagte: ,.Ecce homo!" Peppino Goriano konnte wirklich als politischer Märtyrer angesprochen wer- den- Kein anderer Italiener hat je durch Politik mehr ge- litten als er. Er gehörte nicht zu denen, die in den Häusern blieben und die Andern auf die Straße schickten. Er stand für sie ein. Es schlugen sich damals auch viele andere Italiener für ihre Ideen, aber sie waren mit Peppino Goriano nicht zu vergleichen, denn er schlug sich ja für die Ideen Aller, er gab sein Blut für Demokratie und Nationalismus, für Sozialis- mus und Kirche- In jeder Idee steckt ja ein guter Kern. In allen Ideen fand Peppino eben das Gute, baß er in ihrem Dienst fünf Lire täglich und 25 Lire Zuschlag für das Spital bekam..(Fortsetzung folgt.} _ Pariser Berichte Pariser Straßen-Kalender Die beiden wichtigsten Filme der Woche in Paris:„Jennie Gerhardt, nach dem berühmten Franenroman des Deutsch- «merikaners Dreiser und„Rons, les Meres", ein sran. Sosischer Meistersilm. î"^àtag wird im Odeon„Der Kaufmann von «euebig" neu einstudiert, gegeben. Aus dem Spielplan dieses 2.«taatstheaters stehen n. a. Mokiere. Beaumarchais lrr'garoj, Racine, bester billigere Matineen. Am 15. Oktober große Kundgebung gegen den Faschismus «no gegen den Leipziger Prozeß in Livoy. Der Mitdirektor Varna des ermordeten BarietebefltzerS Dufresne hat Drohbriese erhalten, die die Polizei in Auf. îuyr halten, «Äü?^^âtre de la Madeleine erhalten während der Auto. Ausstellung die ersten 25 Besucher des Namens Bloch sreien Eintritt zu dem Stücke„Bloch von Chikago". Hoffentlich gibts keinen neuen„Auslicserungsantrag des„dritten Reiches", wenn auch mal ein deutscher Bloch hingeht... Die große Auto-Ausstellung Parioer Ereignis SRit dem traditionellen ersten Oktober-DonnerStag hat .'.î'5"î großes gesellschaftliches und industrielles Er- "gnis: die A u t o- A u s st e l l u n g i m G r a n d P a l a i s. Tie großen Marken des Landes: Citroen, Renault, «vi V Ö A°*^îld mit gewaltigem Apparat vertreten. Die Geburt der neuen„Auto-Mode" 1934 im„Salon deö Autos" it dieses Jahr, besonders im Hinblick auf die gleichgeschaltete Daimler- und Mercedes-Jnbustrie, mit deren besten Wagen vitler und Wöbbels fahren, von großer internationaler Be- deutung. Man stellt zahlreiche technische und wirtschaftliche Neue- rungen in diesem Krisenjahre fest. Das Interesse auch der Arbeiter und Angestellten, nicht zum wenigsten der zahl- reichen Chauffeure der Autostadt Parts, für die vielen Tourenwagen, Lastwagen, Motorräder, eleganten Limousinen und Renner ist groß. Die Ausstellung ist täglich vom 5. bis 1». Oktober von morgens 9 Uhr bis abends um 11 Uhr an den hellen Lichtern der Seine geöffnet. Plötzlich steht einer vor einem Landhause, auf einer Frei- treppe mit Balustrade unter den Kastanien und redet Deutsch. „Also das, mein Junge, ist die erste Emigranten-Bude„Jou Jou".'n bißchen schwierig, hier son Kollektiv anzudrehen, denn die kleinen Klitschen sind natürlich alle vermietet und in den großen, da wollen sie natürlich keinen Betrieb haben. Na, wir sind gleich mit 20 Mann angerückt, 19 Arbeiter. 7 Frauen und zweimal 2 Kinder, und haben das Geld hin- gelegt. Nun sieh Dir man mal die blauen Elefanten an!" Die blauen Elefanten dieser deutschen Spielwarenfabrik auf französischem Boden sind hübsche, starke Holztiere— der reinste Garten der Circe. Hochachtungsvolle gelbe Giraffen, lange schnappende grüne Krokodile und zweihöckrige Kamele mit müden Augen ringeln sich um die Schnur des Telefons und warten auf Abruf. Draußen führt der kleine Horst einen Rennwagen in Tropfenform gewalttätig an der Leine, ohne ihn umschmeißen zu können,»»id ein dicker Clown oder ein breiter Matrose macht eine Probefahrt.„Das Zeug ist nämlich stabil, und hier probieren wir an dem Jungen gleich aus, was ihm am meisten Spaß macht." Horst zieht in Rich- tung Hühnerstall ab. „Die Hauptsache war, erst mal die Werkzeuge zusammen zu bekommen: Bohrer, Kreissäge, Schraubenzieher,' du mußt erst mal wissen, wie das auf Stockfranzösisch heißt. Na, wir haben uns einfach einen Katalog zugelegt, mußte nach- schlagen. Holala, und bis nun das Telefon da ist, und die Zähler, die Ocfen, der Herd,— das wird doch alles in Frank- reich mitgenommen—, t)a ist man vor Ueberraschungen nicht sicher." Abmarsch durch eine Kastanienallee, vorbei an den Kohl- beeten, in das„Bauhaus".„Da, schau an: die Drehbank, die Bohrmaschine, die Bandsäge— eine ausgewachsene Schlosser- Werkstatt mit Schraubstock und Schleifmaschine,„SA. fertig". Bums, hatten wir auch schon den ersten Betriebsunfall. Wir wollten nämlich Lack haben, damit unsere Elefanten hübsch glänzend werben, und bestellen„Scgattfc"— was meinst«, da bleibt die Farbe klebrig und Du kriegst die Fingerabdrücke nicht weg, dies war nämlich bloß ein Bindemittel, also die ersten Muster waren verdorben." „Und die Maschinen— wo habt Ihr die her?" „Alles alt gekauft, mein Lieber, tadellos, was? Aber nach- her paßte der Laden nicht zusammen, wir ran und ausklariert, bis Spitze und Dorn und alles die richtige Stellung hat. Na, und dann die verschiedenen Touren, 1599, 999, 699, Junge, da gabs erst mal was mit Uebersetzung und Riemenscheiben „gleichzuschalten". Na, nun funktioniert die Welle ja, da, schau her, heute bloß halbe Tour, wupp, da liegt der Eisen- bahnwagen schon. Hier haben wir 19 Arbeitsplätze, Modell- schlosser und-schrciner, Drechsler aus dem sächsischen Erz- gebirge, Zimmermann,— na, nächstens werden wir auch noch Fell- und Basttiere aufnehmen. Also, wennde noch keinen Hunger hast..." Dr. med. Wlippe tzaezkes SPRICHT DEUTSCH 5, Av. d'Eylau,(Trocadéro), Tel. Passy 47.57 Sprechstunden täglich von 1.30 biß 3.30 Uhr för Innere, Frauen, and allgemeine Krankheiten Die rofe Robe In Deutschland sind vor Jahren schon mit einem Aus- uahmegesetze die Schwurgerichte abgeschafft worden. Neuer- dings hat das„dritte Reich" die Gerechtigkeit völlig durch Justiz ersetzt. Aber in Frankreich sind die alt heiligen Justizbräuche noch in voller Gültigkeit. Wiederum haben sich im Justizpalast, hinter den goldenen Gittern, die Richter von Paris zum Ende der GerichtSfericn vereinigt, in purpurfarbenen Kleidern, die Vorsitzenden der Kammern in Scharlach mit Hermelin. Der Präsident Drey- fuS gab das Wort dem Generalstaatsanwalt, der die neuen Richter feierlich vereidigte. Der Richter Printe sprach in einem Vortrage über das Thema„Der Vorsitz im Schwur- gerichtsversahren". Er zitterte die große Milde, die nötig sei: nie dürfe ein Vorsitzender seine Worte vorbereiten. Dann wurden auch die Anwälte feierlich vereidigt. Aehn- liches geschah auch in der Zivilgerichtsbarkett. Die Geschworenen der Seine haben gleich die Probe ge- macht. Eine arme Arbeiterfrau, deren Mann das Stempel- gelb vertrank und sie quälte, saß im Schleier vor ihnen. Der Mann hatte sie und den 13jährigen Sohn geschlagen, wie oft. Er warf sie hinaus. Sie standen in Sturm und Regen. Erst nach einer Stunde wagten sie sich wieder hinein. Der Betrunkene schnarchte seinen Rausch aus. Unter dem Kops- kissen lugte seine Waffe hervor. Sie nahm sie und drückte sie ab, gegen seine Schläfe. Der Betrunkene richtete sich blöde hoch. Da schoß sie ein zweite? Mal. Er lag stets da. Sie stellte sich dem Gericht. Die Geschworenen gingen den langen und harten Weg des Weibes mit. Sie sprachen sie frei. Man sollte eine Abschrist des Berichts des Richters Prince an den Vorsitzenden des deutschen Senats in Leip- »ig senden.., Vom..Plnard" mm Allerfelnsten Die Weinernte Die Weinernte in Frankreich, im Süden des Landes leider vielfach durch furchtbare Ueberschwemmungen ge- schadigt, ist in vollem Gange. Ueberall sieht man, in Zeitungen und Kinos, hübsche Winzerinnen die blauen oder bellen Trauben pflücken. Die große Weinhalle, die an der Seine am Austerlitz-Bahnhos liegt und dem Verkehr mit Vordcaur und Burgund dient, wirb bald den neuen Jahr- gang aufnehmen. Der einfache Franzose kann immer noch seinen„Pinard", ten üblichen Faßwein für seine knapp 3 Franken ein- nehmen. Was aber weniger bekannt ist, sind die abenteuer- lichen Zahlen, die Frankreich, das Weinland, in den im August versandten Tonnen und Flaschen aufweist. Ver- schickt wurden in diesem Monat nur 28 999 Hektoliter, und da von diesen die größere Hälfte in die französischen Kolonien ging, blieben nur 13 599 Hektoliter für die Aus- fuhr ins Ausland. Dagegen wurden, nach einer„Temps"- Statistik, nicht weniger als 97 999 Hektoliter fremder Weine in das doch eigentlich auf diesem Gebiete ganz unbesiegbare WIM,! â 1% Loitb gebracht. Ganz an der Spitze stand Spanien, dann^' I 9 B H folgten in weitem Abstände Griechenland, Italien, Portugal. fl^g Im WÊ0 Diese Zahlen scheinen jedenfalls dem Nichtsachmann zu beweisen, daß auf dem dünnbevölkerten südsranzösischen Weinboden noch manche Arbeitskräfte Verwendung finden könnten.— Aus dem Hause, fenseitS der Kastantenallee, wird aber gg* rufen, wir sollen zum Essen kommen. Es gibt Rindfleisch und dicke Bohnen, Original Neukölln.„Hier mußte hauptsächlich auch Rinderbrust kaufen," sagt der Hausherr,„die essen die Franzosen nicht— Mensch, zu mir ziehn se meilenweit zu Fuß von Paris her, bloß um mal wieder richtig am Eisbein zulpen zu können." Zur Mahlzeit tritt alles im Speisesaal an einem langen Tische an, die Kinder an einem kleinen Seitentische. Mutter kommt unten ans dem Keller hervor und hat große Kollektiv- wüsche gehabt. Eine ehemalige Leiterin einer Volkshochschule kocht die dicken Bohnen, macht Gemüse- und Fruchtsalate. Unten im Hause ist noch Büro und Aufenthaltsraum mit einer Bibliothek, oben liegen Badezimmer und luftige Wohnungen mit dem Blick in die weite französische Garten- landschaft. „Und wer hat Euch die Idee gegeben?" „Wir wollten etwas anstellen, was den Franzosen möglichst wenig Konkurrenz macht. Das ist: Spielwaren, Oesen, Glas, Kleineisenwaren, also haben wir bei den Spielsachen ange- fangen. Die werben hier nämlich in unserem Gastlande fast gar nicht hergestellt,— die deutsche Sptelwarenauösutzr über den Rhein hat sogar etwas zugenommen. Da haben wir hier den Kreisel, oder die Hampelmänner— die liefern wir viel nach England, aber denkste, damit kann man nicht auch im Luxemburggarten spielen? Dann hier das neue Farben- domino, das Kind spielt nämlich nicht gern mit Zahlen: und dann was zu Neujahr tbenn in Frankreich gibt man die Weihnachtsgeschenke ja erst acht Tage später!: das ist die Stadtfläche zu dem neuen Stadtspiel, mit einem Stück Fluß, Brücke, Eisenbahn, Häusern, die das Kind einzeln aufbauen soll und die Eltern, wenn sie nicht viel Geld haben, einzeln kaufen können— knorke, wat?" Inzwischen geht es in den Zuschncideraum, in dem die abenteuerlichsten Tiere liegen:„Dies ist nämlich auch der Versanbraum, alles rationell. Da schau nochmal die Werk- statt, alles aus Rotbuche zusammengchaucn, hier der Feil- kolben: da muß der Feilende gerade stehen, Arme hoch, Lungen frei, alles Arbcitskurve und wie bei Muttern, und nu man ruff mang die Akademiker." Oben in der Malstube sitzen die vielbeklecksten Künstler bei ihren Töpfen: eine vom alten Dessauer Bauhaus, eine Malerin von einer großen rheinischen Oper, Kunstgewerbler, Plastiker erster Ordnung. An der Wand ein einfaches Scheuertuch, aus Stoffetzen und alten Lumpen zu einem Kunstwerk hergerichtet.„So, und nun gib mir mal die Kamelfarbe her— für die müden Augen," sagt das Bauhaus. „Also, jetzt haste alles gesehen," erklärt der Urheber des Plans,„die internationalen Gewerkschaften haben uns dabei geholfen, und wir arbeiten hier alle auf Kippe und aus Deuwel-komm-raus, und wenn wir erst mal mehr Absatz haben, können wir 59 bis 69 Leute unterbringen und auch noch ganz anständig bezahlte Heimarbeit stir unsere Lands- leute schassen. Aber die Hauptsache ist, daß unser Laden hier erst mal bekannt wird,— und dafür..." „Werde ich sorgen." Baptiste. Für Ihre Gesundheit! Trinkt B7 VICHY-Celestins PAUL ROSENBERG ERSTKLASSIGE MODERNJÎ KUNSTWERKE DAX HEILBAD FÜR RHEUMATISMUS Das ganze Jahr in Betriebt 9 Stunden von Paris Direkte Wagen 356 NACH NEW YORK Emigranten Bilder I Das Kollektiv der blauen Elefanten Im Osten von Paris, hinter Bincennes, stecken die Bor- städte St. Maurice und St. Maur im Sand. Einförmige Ziegel, Herbstgärten, und ein Kanal, mal eine Fabrik, mal eine Brücke. Die Arbeiterwochenkarte kostet 9 Franken. Handwerker, Klernbcamte, Bürger, die in Frieden ihren Kohl pflanzen, inmitten von Rosenanlagen. Von Cherbourg SAMARIA.. 7. Okt. BERENGARIA. 14. Okt. NACH QUEBEC UND MONTREAL 367 Von Havre ASCANIA.. 7. Okt. AURANIA.. 14. Okt. PARIS, 6, rue Scribe, Opera 22*30 NIZZA, 11, promenade des Anglais| Tél. Trinité 43.13 Métro: Pigalle Deutsche Poliklinik Pari», 62, Rue de la Rochefoucauld a) Allgemeine Konsultationen mit 9 Spezialisten b) Chirurgie c) Gebnrtshilf lebe Zweistöckige» Sanato« Klinik riumsgebäude. Die allen» Vierstöckiges Gebäude, modernste Einrichtung Zimmer mit 1 bis 4 Betten d) Zahnärztliches Kabinett Zahn» und Mundchirurgie Ordination täglich von 9—12 nnd 2-85 Sonn» nnd Feiertags von 10—12 and 2—4 Uhr MURIE-HENRIETTE Kleider- Mäntel Wäsche Die gut bekannten Modelllsten, Mmes. Marie und Henriette, erlauben»ich Ihre werte Kundschaft zur Vorstellung ihrer letzten Kreationen einzuladen. S 110 II S 7 PlICE VENDOME(Opéra 19-48) 3M HOTEL PRINCE DE GALLES „PRINCE OF WALES HOTEL" 33 Avenue George V PARIS sss Dai eleganteste und jedeeh angenehm ruhige Hotel im Westend von Paris. Müssige Preise. 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Es handele sich um eine rein wirtschaftlich-technische Angelegenheit, wobei man von der Tatsache auszugehen habe, daß die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt der übrigen Länder von der Abwan- derung aus Deutschland betrofsen würden. De Graesf be- zisferte die Gesamtzahl der deutschen Emigran- ten aus 5 0 000 b r s 6 0 0 0 0, die Zahl der nach Holland ausgewanderten auf 61MX) bis 7000. Tsr holländische Außenministe» entwickelte sodann im einzelnen einen Plan über die technische und finanzielle Durchführung der von ihm vorge- schlagenen Organisation. Der deutsche Gesandte von Keller, dessen amtlich vorge- schriebene Lügenhaftigkeit wir schon anläßlich der Minder- heitendebatte nachgewiesen haben, unterschlug in seiner Rede u. a- die tausendfach zu belegende Tatsache, daß viele Emi- grantcn ihr Vaterland unter den Schlägen und Fußtritten der TA. verlassen haben. Er stellte es so dar, als seien die Emigranten mehr ober minder freiwillig oder„aus schlechtem Gewissen" abgereist. So verkommen ist zur Zeit die Argu- mentation der deutschen Regierung vor dem höchsten Forum der Welt. Es wurde ein Unterausschuß festgesetzt, der sich zusammen- setzt aus den Vertretern Hollands, Frankreichs, Englands, Italiens, der Tschechoslowakei, Belgiens, Schwedens und Uruguays. Berichterstatter ist der Vertreter Uruguays. Auf die Frage des Präsidenten, obbiedeutscheDele- gation ebenfalls in dem Ausschuß vertreten zu sein ivünsche, erklärte der deutsche Delegierte, daß die Deutschen einen solchen Wunsch nicht hätten. Unserem Bericht über die M i n d e r h e i t e n d e b a t t e ist noch nachzutragen, daß es allgemeine Verwunderung erregte, mit welcher Dreistigkeit der deutsche Terrorvertreter sich der Minderheiten im Auslände anzunehmen wagte. Man nahm seine Rede eisig aus, während der französische Sprecher mit demonstrativem Beifall überschüttet wurde. Wird Hitlers„Nein Kampf" eingestampft? Goring wird radikaler Paiiffist und versichtet auf Elsaß-Lothringen Soeben ist bekannt geworben, daß Hitlers Buch„Mein Kamps" das millionste Exemplar erreicht hat. In diesem Buche sind zahlreiche haßerfüllte Partien gegen Frankreich, dessen kriegerische Vernichtung durch Deutschland als nationalsozialistisches Ziel proklamiert wird. Lassen wir den deutschen Reichskanzler in einigen Sätzen sprechen:- „Der unerbittliche Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt Frankreich, ganz gleich, wer in Frank- reich regiert oder regieren wird. Frankreich ist und bleibt der weitaus furchtbarste Feind... Was Frankreich, angespornt durch eigene Rachsucht, plan- mäßig geführt durch den Inden, heute in Europa bc- treibt, ist eine Sünde wider den Bestand der weiße» Menschheit und wird aus dieses Volk dereinst alle Rachegeister eines Geschlechts hetzen, das in der Rassenschande die Erbsünde der Menschheit er- kannt hat.. Man sollte meinen, das wäre deutlich und ließe kein Kompromiß zu. Der preußische Ministerpräsident G ö r i n g allerdings hat dieser Tage den französischen jüdischen Journalisten Sauer wein empfangen und Aeußerungen von sich gegeben, die auf eine Verständigung mit Frankreich um jeden Preis hinzielen:„Glauben Sie denn, daß wir auch nur einen einzigen Gegenstand der Zwie- t r a ch t haben, der der Mühe wert wäre, uns gegenseitig das Leben zu vergiften?" Das sagte ein nationalsozialistischer Minister, während Elsaß-Lothringen französisch ist, in den Zeiten des Versailler Vertrages, der„Schmach von Versailles", wie es sonst in den nationalsozialistischen Reden hieß. Sogar Stresemann, der Politiker, der nicht zuletzt durch die vergiftende Landes- verratshetze der Nationalsozialisten zermürbt wurde, ja nach dessen Tod noch Nationalsozialisten ihn als Landesverräter schmähten, so daß seine Witwe Klagen anstrengen mußte, bekam einen Lorbeerkranz aus Görings Hand:„Ja, Stresemann war ein wahrer Deutscher und ich bin weit davon entfernt, sein Gedächtnis verkleinern zu wollen." Da hört doch Verschiedenes auf! An solchen Uebertreibungen merkt man die Heuchelei. Tie Franzosen werden aber schon deshalb hellhörig sein, weil Görina trotz aller Friedensfreundschaft auch das Recht zu deutschen Luftrüstungen fordert. Nur zur Verteidigung gegen Angriffe, die von Freunden oder Ver- bündeten Frankreichs kommeu sollen. Eine recht eigen- artige Logik und eine sehr sonderbare Art, die Freundschafts- bcteuerungen an Frankreich zu unterstreichen. Minister Göring erklärte:„Niemals Krieg für einen Fetzen Land!" Das bedeutet den klaren Ver- zicht auf Elsaß-Lothringen, wenn es ernst gemeint wäre. Göring fuhr fort:„Wir haben keine Revanchegedanken. Es gab ein altes Lied:„Siegreich wollen wir Frank- reich schlagen..." Ich habe Befehl gegeben, daß es nicht mehr gesungen wird." Da bleibt nur noch eins zu wünschen: Göring muß sofort den Befehl geben, Hitlers Buch„Mein Kampf" einzu- stampfen, damit es nicht weiter das deutsche Volk zur Revanche vergiftet und die von Göring so heiß ersehnte Entente franco-allemande stört. Im Ernst gesprochen soll Görings Gerede natürlich nur dem Präventivfrieden dienen, hinter dessen Phrasen der Krieg vorbereitet wird— durch Göring! Dafadier und flerrlof Paris, 5. Okt. In Vichy hat am Tonnerstag der radikale Parteitag begonnen, der bis zum Sonntag dauert. Etwa 1200 Delegierte werden erwartet. Ter Nachmittagssitzung wird wahrscheinlich Ministerpräsident Daladier beiwohnen: er wird noch am Abend nach Paris zurückkehren. Daladier würde dann wieder am Samstag nach Vichy fahren, um an der außenpolitischen Debatte des Kongresses teilzunehmen. Am Sonntag wird Daladier bei dem Schlußbankett den Vorsitz führen und eine große politische Rede halten. Ans dem Hinflug nach Vichy wird Daladier dem Abgeordneten Edouard Herriot in Lyon einen Besuch abstatten. Herriot kann diesmal an dem radikalen Parteitag nicht teilnehmen: die Aerzte haben ihm sogar jeden Besuch in der Klinik verboten. S. L. M. Der Aufsatz stammte von einem gelegentlichen Mit» arbeiter, der sich als zuverlässig erwiesen hat. Es freut uns, da» Sie Ihr ansängliches Mißtrauen gegen unsere Berichte überwunden haben. Wenn jeder Kritiker sich die Mühe geben würde, enr- sprechende Erkundigungen bei unbeeinflußten Stellen einzuziehen, würde sich mancher belehren laßen. Wir geben allerdings zu, daß es schwer ist, sich unparteiisch zu unterrichten. Ob in dem vor- liegenden Falle unser Mitarbeiter recht hat oder der andere von Ihnen genannte Schriftsteller, wird sich noch erweisen. Auf die deutsche Statistik ist jedenfalls kein Verlaß. Erzieherin, Locarno. Leider dürfen wir Ihnen näher« Angaben über die Verfasserin des Gedichts einer Fünfzehnjährigen, dessen Bitterkeit Sie so ergriffen hat, nicht machen. ES ist die Arbeit eines jüdischen Mädchens, das mit seinen Eltern Innern Deutschlands lebt. Ein Freund der Familie hat es uns in einem Begleitbrief überreicht. Welche Fantasie kann sich die Entbindungen dieser jüdischen Kinder ausmalen, die plötzlich in der Schule ge- ächtet wurden, ihre Kameradinnen verloren und nicht mehr wandern können, weil ihnen die verhitlerten Jugendherbergen verschlossen bleiben! Es ist gänzlich unmöglich, diesem Kinde oder seinen Eltern ein paar gute Worte zu schreiben. Jede Zeile aus dem Auslande wäre Gefahr für sie! .Empfangsdame mi, Kranz«nd Band". Wir sind stolz daraus, in Ihrem schönen Kanton, dev wir aus vielen Wanderungen kennen, eine so mutige und kluge Freundin zu haben. Glauben Sie uns, daß wir dem Deutschtum so treu bleiben wie Tie. Wir dienen unfern Volksgenossen, wenn wir aufzeigen, wie schamlos sie von den jetzt Regierenden mißbraucht und belogen werden.— Weiter im Kampf wie bisher! Freiheit!, L. A. Ihr Aussatz wird nicht allgemein gefallen. Wir bringen ihn trotzdem, auch mit den gegen uns gerichteten Stellen. Auf- munterung schadet nie. Dr. Hermann P. Was Bismarck dazu sagen würde, wenn er erfahren könnte, daß man seinem Nachfolger Hitler eine Gänse- fcdcr geschenkt hat, mit der der alte Kanzler angeblich geschrieben hat? Vielleicht, was er einmal an der Tafel zu Versailles in grobes hohnvollcs Latein packte:„Nescio, quid mihi ytagis sescimentum esset."(Ich wüßte nicht, was mir mehr wurscht wäre.) Katholische Leser. Nicht nur der Bischof von Speyer, sonder« auch andre hohe katholische Geistliche haben Mahnrufe an die Katholiken zur Treue gegenüber der katholischen Presse erlassen. Tie Kundgebungen lesen sich wie Mahnrufe. Uebrigcns pfcist die Nazipresse auf die geheuchelten Ermahnungen ihrer Führer, keinen terroristischen Konkurrenzkamps gegen die gleichgeschaltete Preise zu führen. Mit allen, aber wirklich auch allen Mitteln der Ge- malt und des nnlaulern Wettbewerbs zieht man gegen die Kon- kurrenzpresse los. Mallorca. Jawohl, die„Teuische Freiheit" ist täglich in der dcutsch-spanischen Liberia Ordinas, San Miguel 83, Palma, zu haben. Hier können auch Abonnements ausgenommen werden. Dr. Schr. Wir danken Ihnen für ihre Mitteilungen über Flandern.— Das Bild des Mannes wird doch schon in der ganzen Welt verbreitet. Gerta Bauer. Sie haben sich bestimmt getäuscht. Daß Emi- grantcn nicht immer guter Dinge sein können, werden Sie übrigen? verstehen. H. Z., St. Moritz. Der Brief ist uns nicht mehr zur Sand, aber es ist schon möglich, daß Ihr Verdacht berechtigt ist. Umso besser, daß wir vorsichtig waren.( W. L., Moritz, lieber die Persönlichkeit S. und L. in Lübeck sind wir sehr gut unterrichtet. Ausführlich wollen wir auf die ötllichen Verhältnisse nicht eingehen. L. v. v. Der„Adelsmarschall"(so was gespenstert immer noch) Fürst zu Bentheim-Tecklenburg hat an den„Volkskanzler" eine Ergcbenheitsadrejse gerichtet. Gleichzeitig hat man Trcuckundge- Hungen an den Kaiser und an den Kronprinzen geschickt. Die Edelsten der Nation sind vorsichtig. Man kann nie wissen. Ei« Freund aus Amerika. Wenn Sie uns 100 000 Dollar beschaffen. werden wir Ihre Anregung gern erfüllen. R. Sch., Colmar. Ter Zeitungsausschnitt aus Plauen ist uns sehr wertvoll, wie überhaupt aus der deutschen Provinzprcsfe viel zu ersehen ist. Aber Ihren Kommentar mußten wir auf ein paar Zeilen zusammendrängen. Wir haben zu wenig Raum. Basel. Wir haben nicht die Absicht, trügerische Hoffnungen über die Entwicklung in Deutschland zu erwecken. Es ist nicht zu vcr- meiden, daß es Widersprüche zwischen den Berichten von drüben gibt. Jeder sieht die Welt durch sein Temperament und von seinem Standpunkt aus. Man muß also zwischen Tatsachen und Urteilen unterscheiden. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz In Dud- weiler: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrücken â, Schützenftraße ö. Beratungsstelle (französisches Unternehmen) 49, rue Pigalle, PARIS 9e sucht tätige oder stille Teilhaber für folgende Geschalte: 1 Einfuhr von unentbehrlichen Rohstoffen nach Frankreich • und Belgien- grofjer Nutzen- keinerlei Risiko- benötigtes Kapital 400 000 Francs 2 Oberhemden- und Kragenfabrikant sucht Sozius oder stillen » Teilhaber mit 150 000 Francs 3 In Deutschland sehr bekannter Filmregisseur sucht stillen » Teilhaber für die Realisierung eines sicher sehr erfolgreichen Films mit 500 000 Francs 4 Ehemaliger Berliner Fabrikant von orthopädischen Artikeln » und Bandagen sucht Teilhaber mit 60 000 Francs, um in Paris ein gleichartiges Geschäft zu eröffnen 368 Man spricht deutsch HOTEL BltiOHTON— PA«Ia 218 rue de Rivoli, gegenüber des Tuilerics-Gar'ens Schönste Stellung im elegantesten Stadl viertel LUXUSHOTEL MIT ERMÄSSIGTEN PREISEN WAGON-LITS/ COOK PARIS AUTO-TOURS IN DER STADT. 10.30 vorm. und 2.30 nachm. 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