Sinzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 95— 1. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, den 10. Oktober 1933 Chefredakteur: M.Braun Siocst-Wessel- 5iltn uechaten! Seite 2 £iiyen aus dem JUichsçedcht Seite 3 Jcankceich amisiect sich Met QöMeCs Seite 4 Jacisec Berichte Seite 7 VMtd trsmSMvc Drohreden Schwere Krise der Abrüstungskonferenz- Zusammenbruch der HiUerschen Außenpolitik Die Aeditnng \ Die nationalsozialistische Reichsregierung ist Deutsch- lands Vorderberin. Ihre außenpolitische Unfähigkeit und dix daraus entspringende Unbelehrbarkeit bringen Deutsch- land in Gefahren, die selbst den Bestand des Reiches auss Spiel setzen werden, wenn nicht rechtzeitig die überspannten und verantwortungslosen Cliquen abgeschüttelt werden, die Deutschland ruinieren und die Welt gegen das deutsche Volk aufbringen. An Genf hat sich nun das Büro der Abrüstungs- konferenz versammelt. Der deutsche Hauptdelegierte, N a d o l n y, ist eingetroffen. Er sieht sich geradezu geächtet. Niemals hat im Völkerbund eine solche Einmütigkeit gegen eine Regierung bestanden, wie zu Beginn dieser Woche gegen die deutsche. Es ist bekannt, daß sie in ihrer Unkenntnis der internationalen Psychologie auf Meinungsverschiedenheiten zwischen Frankreich und England spekuliert, aber es ist eben- so gewiß, daß diese Spekulation zusammengebrochen ist, wie wir vorausgesagt haben und wie jeder normal denkende Mensch voraussehen mußte- Die mündlichen Aeußerungcn Zur Abrüstiingsfrage, die der deutsche Geschäftsträger Fürst B i s m a r ck, der mit seinem Großvater nur den Namen ge- wein hat, dem britischen Außenminister. Sir John Simon, wachte, haben in England die Stimmung gegen Hitler- deutschland noch tiefer unter den Gefrierpunkt gebracht. Deutschland weigert sich, eine Bewährungsfrist zu akzep- tieren, die sowohl von Frankreich, Groß- britannien und den Vereinigten Staaten an- geregt ist. Infolge dieser deutschen Weigerung hält man die deutsche Antwort auch als Verhau dl ungs- « rundlage für unannehmbar. Man bezweifelt nun in England, ob Teutschland überhaupt eine Abrüstungskon- vention will. Sofort nach dem Besuche des Fürsten Bis- warck hat Sir John Simon die Botschafter Frankreichs nnd Italiens empfangen, um beide auf den großen Ernst der Lage hinzuweisen. Ferner hat das britische Auswärtige Amt die deutsche Antwort dem Führer der«on s er- v a t i v e n und zweiten Chef der Regierung Macdonald, dem Herrn Baldwin mitgeteilt, um ihm das Stichwort zu einer großen außenpolitischen Rede auf dem konservativen Parteitag in Birmingham zu geben. Baldwin hat in Bir- wtngham geradezu drohende Ausführungen gegen Deutsch- land gemacht: „Wenn die Abrüstungskonvention unterzeichnet wird, wird die Ration, die sie bricht, keine» Frennd in der zivil'- sterten Welt haben, und ich möchte dies hinzufügen: Das- selbe g'lt von irgendeiner Ration, die vor- sätzlich das Z« st a n de ko m m e n eines der- artigen Abkommens dadurch verhindert, daß sie Forderungen vorbringt, die nach einiger Zeit anuehm- bar fein könnten, die aber hente für die anderen Unter- zeichner nicht annehmbar sein würden." Inzwischen hat am Sonntag der französische Ministerpräsident D a l a d i e r in Vichy mit einer Deutlichkeit an die Adresse der deutschen Reichsregierung ge- lebet, wie sie seit langem aus dem Munde eines sranzö- fischen Staatsmannes nicht mehr gehört worden ist. Eine deutsche halbamtliche Gegeuäußerung stützt sich insbesondere auf einen Satz Daladiers:„Tie Verhandlungen über die Garantien, die die Abrlistungskonventionen enthalten 'oll. sind im Gang." Tie deutsche Regierung befürchtet, daß Dieses Wort Garantien ein beschönigender Ausdruck für Sanktionen sein soll. Wenn dem so ist, so hat aller- dings die Plumpheit der Reichsregierung viel getan, um die Forderungen Frankreichs auch den fremden Regierungen verständlich zu machen, die starke Bedenken gegen Sanktionen haben. Ueber Nacht scheinen nun doch einige Leute in Berlin er- kannt zu haben, was auf dem Spiele steht. Amtlich wird trklärt' Es ist völlig falsch, daß Teutschland nach Ablauf von fünf Jahren die Parität mit Frankreich verlangt. Deutsch- land verlangt nach Ablauf von fünf Jahren nur eine weitere Abrüstung der anderen. Was die Mnsterwaffen anbelangt, so muß jede Diskriminierüng schon jetzt aufhören. Aber Deutschland fordert nicht die- selbe Zahl von Waffen, die die anderen Länder besitzen. Diese amtliche Abschwächung ist zwar verschämt an die Ver- tinigten Staaten gerichtet, wo angeblich falsche Gerüchte über ère deutschen Abrüstungsforderungeu oerbreitet sind, aber es ist klar, daß diese Verlautbarung um etwas besseres Wetter in England und in Frankreich bittet. D i e d e n t s ch e Reichsrcgierung gibt damit den Grundsatz der Gleichberechtigung Deutschlands preis. Sie gesteht Frankreich das Recht auf höhere Rüstungen zu, ein Standpunkt, der unseres Wissens niemals von einer republikanisch-demokratischen Regierung Deutschlands ver- treten worden ist, auch von keiner eingenommen zu werden brauchte. So bewegt sich die jetzige deutsche Rcichsregierung ständig in Widersprüchen und Zweideutigkeiten, die sie in der ganzen Welt als unaufrichtig und unzuverlässig erscheinen lassen. Sie weiß sehr wohl, daß ihre moralische und nach vielen Beweisen auch technische Aufrüstung jede Abrüstungs- kvnvention unmöglich macht, sosern nicht gleichzeitig eine Bewährungsfrist mit Kontrollmaßnahmen gegen Deutsch- land, wenn auch in den Formen einer allgemeinen Rüstungs- kontrolle, eingebaut wird. Die deutsche Rcichsregierung wagt aber nicht, dem deutschen Volke die volle Wahrheit über die Situation zu sagen. So bewegt sich dieser Hitler ständig zwischen kriegerischen Paraden im Inland und zwischen Friedensbeteuerungen an das Ausland, zwischen dem Austrumpsen mit deutschen Rechten und gleichzeitigen Versicherungen an da» Ausland, so ganz ernst sei das doch nicht gemeint. ES scheint, daß die Welt dieses Toppclspiel satt hat, und die deutsche Reichsregierung in Genf vor Entscheidungen stellen wird. Es war und ist eine Forderung des ganzen deutschen Volkes, daß Deutschland auch in der Abrüstungösrage die volle Gleichberechtigung anzustreben hat. Teutschland war durch Stresemanns und Hermann Müllers und auch noch durch Brünings Außenpolitik auf dem besten Wege, dieses Ziel etappenweise zu erreichen. Wenn nun alle verheißungsvollen Anfänge zerstört sind, wenn Teutschland vor der ganzen Welt diffamiert wird und so etwa dort wieber angelangt ist, wo es bei der Unterzeichnung des Ver- sailler Vertrages war, so trifft der Fluch den deutschen Reichskanzler Hitler, den Vertreter Teutschlands. Daiadiers Alarmruf „Wenn in den vorhergegangenen Monaten das Ansehen Frankreichs vor allem im Ausland sehr groß gewesen ist, so liegt das daran, daß wir eine klare und vernünftige Außenpolitik befolgt haben. In einem unruhigen, hin und her gerissenen Europa, in dem so viele Rufe an die Gewalt ertönen, in dem der Kultus der «rast wie der einer Gottheit gefeiert wird, ist es unsere Pflicht so zu handeln» daß wir unscrm ruhigen und friedlichen Land unter allen Umständen seine eigene Freiheit sicher». Die ganze Welt kennt unse- ren Friedenswillen, erklärte er. Wir denken weder daran, irgend ein Volk zu bedrohen noch es zu demütigen, welches auch das Regime sein mag, das dieses Volk sich gibt. Deshalb find wir entschlossen, keine neue Herabsetzung unserer Streitkräfte ohne ein neues loyales internationales Abkommen zuzu- lassen, das eine progressive Abrüstung organisiert, die durch eine ständige automatische Kontrolle gesichert wird. Eine vierjährige Periode, während derer die Kontrolle organisiert und in Tätigkeit treten soll, während deren verschiedene Heerestypen sich progressiv in ein Heer mit kurzfristiger Dienstzeit umwandeln würden, Fort» fall der militärischen Verbände, Unterwerfung der Staaten, die gegenwärtig Rüstungsfreiheiten haben, unter das Verbot, neues schweres Kriegsmaterial herz«, stellen, und wenn die Kontrolle sich als wirk- sa m herausgestellt hat, Vernichtung des künftig für alle Staaten verbotenen Kriegs- materials: das sind die wesentlichen Gedanken» denen hente die Zustimmung Englands, Ameri« kas, Italiens, Rußlands und vieler ante- rer Länder zufällt. Ueber die Garantien, die daS Abrüstungsabkommen enthalten muß, find Verhandlungen im Gang. Mit Freuden würden wir den baldigen Abschluß dieses Werkes der inter- nationalen Zusammenarbeit begrüßen. Fortsetzung stehe 2. Seite Priester gegen Wahrheit Wahrhaftiger Mund besteht ewiglich, aber die falsche Zunge besteht nicht lange. Sprüche Salomonis 12, 19. 0. F. Das verbreiterte deutsche Familienblatt im Staate Neuyork ist die„A u r o r a und Christliche Wach e". Das Blatt ist keineswegs mit der unwürdigen Haltung der katholischen Kirche gegenüber der Barbaren- regierung Hitler einverstanden. Es redet eine sehr deut- liehe Sprache. Wir haben wiederholt von Aussätzen dieser christlichen Zeitschrift Notiz genommen. Nun hat sich der Herr Kapitularvikar Dr. Stein- mann, der zurzeit das Bistum Berlin verwaltet, hin« gesetzt und einen langen Brief an das Blatt geschrieben, um es von der„sogenannten Greuelpropaganda" abzu- lenken. Vorsichtig wie ein hoher Priester nun einmal ist, gibt er zu, daß Uebergriffe und Ausschreitungen vor- gekommen sind. Dann aber hat der hohe katholische Priester die vielleicht deutsche, aber sicher unchristliche Kühnheit, fortzufahren: Die obersten Führer der Bewegung aber haben diese bedauernswerten Vorfälle aufs schärfste verurteilt und mit allen Kräften sich dafür eingesetzt, daß minderwertigen Elementen, die bei jeder Millionenbewegung sich in den Vordergrund zu drängen bemühen, das Handwerk gelegt wird. Sie müssen serner bei der Beurteilung dieser Bor» kommnisse sich darüber klar sein, daß sich in der natio- nalcn Revolution in Deutschland ein Borgang vollzogen hat, wie ihn di« moderne Geschichte im gleichen Ausmaß nicht kennt. Diese Revolution ist legal begonnen nnd be» endet worden. Die Massen waren stets in der Hand ihres Führers, und so ist dem deutschen Volke ein Bürger, krieg erspart geblieben, der drohend vor der Tür stand. Wir fragen Sie Herr Kapitularvikar, wo hat der deutsche Reichskanzler die Mörder, die Folterknechte, die Räuber in seiner„Revolution" zur Verantwortung ge- zogen? Hat er nicht seine viehischen Parteigenossen, die Mörder von Potempa, antelegrafiert, sie Kameraden genannt und sie begnadigt? Wo hat der Reichskanzler oder einer seiner Unterführer etwa den Mord an dem Abgeordneten Stelling mißbilligt? Wo ist einer der Witwen oder einer Waise das Beileid ausgesprochen worden? Wo hat der neue Staat für die Hinterbliebenen der Erschlagenen etwas getan? Wo hat einer der verant- wortlichen Staatsführer je ein Wort gesagt gegen die massenhaften Erschießungen auf der Flucht? Wo sind die Proteste gegen die Bestialitäten in den Konzentrations- lagern? Nein. Herr Kapitularvikar: der Reichskanzler hat geschwiegen, weil er diese Roheiten nicht nur nicht mißbilligt, sondern weil er sie will und sie durch vierzehn Jahre Haß- und Bluthetze vor- bereitethat. Und auch S i e haben geschwiegen, Herr Kapitularvikar, und Ihre ganze Kirche und ihre Kirchen- fürsten haben sich durch Verschweigen und Beschönigen und Vertuschen vor dem Urteil der Geschichte mitschuldig gemacht an den Untaten, die Deutschland und seine Kultur vor der ganzen Welt schänden. Vorsichtshalber, und das ist kennzeichnend für Ihre Methode, sagen Sie, Herr Kapitularvikar, kein Sterbens- wörtchen von den Judenverfolgungen und von den Iudenprangern in zahllosen deutschen Städten. Wo Herr Kapitularvikar hat der Reichskanzler je Einspruch erhoben gegen die Schweinereien des ihm befreundeten„Stürmer"-Streicher in Nürnberg. Wo denn Herr Kapitularvikar? Hitler und die Seinen haben grinsend hingenommen, wenn jüdische Greise und Frauen und Mädchen dem braunen Pöbel als Schaustücke vor- geführt wurden, und Sie Herr Kapitularvikar und ihre Mitchristen haben dazu geschwiegen. Dagegen erzählen Sie jetzt den Amerikanern:„Diese Revolution ist legal begonnen und beendet worden". Das ist eine grobe Geschichtslüge. Diese Revolution hat sich unter Verfassungs- und Eidbruch, unter dem Niedertreten und Niederknüppeln von Mil- lionen deutschen Volksgenossen vollzogen. Sie müssen wissen. Herr Kapitularvikar. daß der Reichskanzler Hitler und seine Minister, noch ehe ihnen irgend eine Volks- Vertretung eine Ermächtigung erteilt hatte, die wichtig- sten Grundrechte außer Kraft setzten. Unter wüstem blutigem Terror, unter brutaler Einsetzung der Staats- macht gegen die sozialistische Arbeiterklasse, unter dem Verbot ihrer Presse und ihrer Versammlungen, unter dem verlogenen Mißbrauch aller Propagandamöglichkeiten durch die im Grunde verfassungswidrige Reichsregierung und ihre Parteimilizen, unter tätlichen Angriffen auf Redner und Zuhörer in den Kundgebungen der ver- fassungstreuen Parteien, auch des Zentrums, unter Brandstiftung im Reichstage und durch die Entfesselung aller Schrecken sind die Wahlen des 5. März zustande gekommen. Eine feine Legalitätl Angesichts der Blutströme über Deutschland, der politi- schen Massenmorde, der überfüllten Gefängnisse und Konzentrationslager, des Elends der Emigration auch aus den Reihen der Katholiken, der dem achten Gebot widersprechenden Diffamierung ehrenhafter Volks- genossen, der Aechtung des jüdischen Muttertums, dessen ehrwürdige Züge auch Ihre Gottesmutter trägt, angesichts all dieser christenwidrigen Rückfälle in barbarische Zeit- alter, schreiben Sie Sätze nieder wie diese: Unser Kanzler wnrde von Gott berufen... Die Reichsregierung Adolf-Hitler ist nach katholischer Staatsaussassun« die für Deutschland gottgegebene Autorität. Sie glauben, Herr Kapitularvikar, daß Adolf Hitler «im Christentum die unerschütterlichen Fundamente des sittlichen und mora- tischen Lebens unseres Volkes sieht"? Und .Sie preisen diese Reichsregierung, weil sie„den Bolsche- wismus geschlagen, die marxistische Gottlosenbewegung vernichtet und das deutsche Volk pon der Pest des Schund und Schmutzes befreite". Herr Kapitularvikar: keine Ihrer Behauptungen trifft zu. Daß Sie aber als einer der oberen Führer der auf den Gottesselsen Petri gegründeten Kirche im Kampfe gegen die„Pforten der Hölle" sich so hinter der Staatsgewalt verstecken, statt sich auf die sittlichen Kräfte Ihrer Kirche zu verlassen, kennzeichnet Sie, Herr Kapitularvikar, und den furchtbaren Absturz des Katholizismus in Deutschland. Wir wissen, daß wir damit die Meinung vieler tapferer und besorgter Katholiken aussprechen, die allerdings nicht Bistumsverweser sind. Es gibt ein Wort des Heilands:„Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme". Sind Sie aus der Wahrheit? Kann das jemand nach Ihrem Agitationsbriefe zu be- haupten wagen? Meinen Sie, man könne, wenn man ein wirklicher Christ ist, die Kraft religiösen Bekennermutes zur Wahrheit trennen von den kleinen Tagesbedürfnissen der Agitation einer Regierung, die sich mit allen Mitteln an der Macht halten will? Briefe wie den Ihrigen, Herr Kapitularvikar, mag der Reichspropagandaminister schreiben. Das ist sein Beruf. Dafür wird er hochbezahlt. Sie, Herr Kapitularvikar, als ein Diener Christi und ein Künder ewiger Lichtströme, müßten hoch erhaben über die Wirren der Zeit die harte nackte Wahrheit sagen. Nicht nur um Deutschlands, auch um des universalen Katholizismus willen. Daß Sie es nicht wagen, daß keiner Ihrer Bischofs- brüder es wagt, zeigt, wie sehr auch die katholische Kirche Deutschlands in die große sich noch entwickelnde Katastrophe hineingerissen ist. Sie werden es uns nicht glauben, aber Sie werden es erleben. vas verschweig! der Hohepriester Das Schicksal Heids, Schaffen, Stützeis München, 9. Oktober 1983. Dr. Heinrich Held, der frühere bayerische Minister- Präsident und«instige Führer der bayerischen Bolkspartej, liegt, wie wir erfahren» an einem Nervenzusammenbruch schwer darnieder. Die Nervenentzündung machte die HerauSmeißelung von Kteferteilen notwendig. Seine Gattin ist infolge der Haussuchungen und einer durch daS rohe Austreten der SS eingetretenen Angstpsychose körperlich völlig zerrüttet. Heids Loh« Walter, der früher bei de» Bayerischen Motoren-Werken in München als Ingenieur tätig war, ist in das Konzentrationslager Dachau gebracht worden. HelbS Sohn Heinrich, der sich vor Jahren in Regcnsbnrg als Rechtsanwalt niederließ, ist heute ohne Praxis und Einkommen. Diese Tatsache wiegt für die Familie umso schwerer, als Dr. Held keine Pension empfängt und auch seine Teilhaberschaft am „Regensburger Anzeiger" ihm kein Einkommen mehr bringt. Nicht besser ist eS dem früheren Vorsitzenden der bayeri- schen Bolkspartei, Staatsrat Schässer, ergangen. Er befindet sich seit längerer Zeit ebenfalls im«onzentrations- lager Dachau, wo er unter scharfer Bewachung schwere Erd- arbeiten verrichten muh. Der frühere bayerische Innenminister Stütze!, der seiner Zeit nachts um zwei Uhr aus dem Bett heraus verhaftet wurde und schwere Mißhandlungen zu erdulden hatte, lag lange Zeit in einem München« Krankenhaus. Sein gegenwärtiger Aufenthalt ist unbekannt. florstwcsseirilm verholen! Uraufführung war für Montag festgesetzt Wie die Essener„National,Zeitung", das Blatt des Min», fterpräsidenten Göring erfährt, wird das Propagandamlntste- rium die für Montag. 9. Oktober, dem Geburtstag Horst Wessels, angesetzte Uraussührung des Horst-Wessel-Films verhindern und anßerdem dafür Sorge tragen, daß der Film in seiner gegenwärtigen Form nicht in der Oes- sentlichkeit erscheint. Das Ministerium ist der Auf- sassuog, daß der Film der„Volksdeutschen Filmgesellschaft" nicht die künstlerische Qualitäten besitzt, die von einer Dar- ftellung des Lebens des nationalsozialist'jchen Vorkämpfers Horst Wessel und des gewaltigen Ereignisses des deutschen Freiheitskampfes verlangt werden müßten. » Seit Monaten wurde die deutsche Oefsentlichkett für den nationalsozialistischen Horst- Wessel- Film alarmiert. Er sollte das großartigste Dokument nationalsozialistischen Kämpserwillens werden, alle Blätter brachten spaltenlange Daladiers Alarmruf Fortsetzung von der 1. Seite Wer ist der verantwortliche Staatsmann, der seinem Lande in der gegenwärtigen Welt eine Politik der Jsolie- rung empfehlen oder sich in eine Politik der gegnerischen Alliance» hineinstürzen wollte, ohne durch die Notwendig- keit dazu gezwungen zu sein? Wir wollen einen sür alle Völker würdigen und loyalen Frieden, wir wollen Sicherheit für alle. Ans die Gefahr hin, Kritik hervorzurufen, aber in der Sorge» meine ganze Ansicht darzulegen, kann ich nicht begreifen, daß, wenn alle Regierungen ausrichtig sind, die allmähliche und kontrollierte Abrüstung nicht ihre Zustimmung finden sollte. Europa ist zum Untergang verurteilt, wenn es den Rüstnngswettbewerb beginnt. Es ist einer restlosen Zer- störung und des Sieges der Barbarei sicher, wenn es aufs neue zum Kriege schreitet. Aber ich darf eine Frage stellen: Was will Hitler- Deutschland? In der Vergangenheit sind alle Versuche einer dauerhaften Verständigung zwischen beiden Völkern gescheitert. Niemand bestreitet das Recht Deutschlands aus seine Existenz als eigene Nation. Niemand denkt daran, Deutschland zu demütigen. Wir hören die deutsche Regie- rung ihren Friedenswillen betonen und auf diplomatischem Wege ihren Wunsch bekunden, an ein« Annäherung der beiden Völker zu arbeiten. Aber warum jenseits des Rheines diese nur sür den Kamps erzogene Jugend? Warum diese wiederholten Kundgebungen in Reih und Glied ausmarschierter Was, fen? Warum diese Verweigerung der er st en Etappe, di« zur Abrüstung führen soll? Warum die Forderung, heute ein kost- spieliges Kriegsmaterial herzu st ellen, das, wenn das Abrüstungsabkommen unter- zeichnet ist, wieder zerstört werben muß? Das sind die Fragen, die sich vor uns erheben. Frankreich bleibt seinem eigenen Geiste treu, der aus Maß, Ge- rechtigkeit und Vernunft besteht. Niemand kann ihm vorwerfen, daß es umso entschlossener seine Bertei- digung organisiert, als es wiederholt Unterpfänder für sei- neu aufrichtigen«nd loyalen Friedenswillen gegeben hat. Diese Fragen drängen sich uns auf. Frankreich bleibt seinem eigenen Genius treu, der auf Maß- halten, aus die Gerechtigkeit«nd die Ber- n n n f t bedacht ist. Niemand kann Frankreich verübeln, umso entschlossener an seiner Verteidigung zu arbeiten, als es wiederholte Bürg- schalten sür seine ausrichtige Friedensliebe gegeben hat. Daladier schloß mit einem Appell an.sämtliche republikanisch und demokratisch eingestellten Elemente des Landes, s i ch geschlossen hinter die Regierung zu stellen. ..Phunpes Manöver" Die deutsche Erklärung in London und Rom. Der„Temps" schreibt: „Man erkennt klar den Sinn der Erklärung: Deutschland versucht die Einigung im Prinzip, die zwischen Frankreich, England und den Vereinigten Staaten besteht, zu stören und den Hintergedanken, die Lage, wie sie durch die Verband- lungen zwischen Paris, London, Washington und Rom ge- schaffen worden ist, zu verwirren, um auf irgendeine Weise erneute Vorbesprechungen auf Grund einer deutschen An- regung zu erreichen. In ber Zwangslage, Stellung zu neh- men, ist die Berliner Regierung vor allem bestrebt, nach Möglichkeit der Verantwortung zu entgehen, welche sie auf sich nähme, wenn sie die Konserenz zum Scheitern brächte. Das Manöver ist allzu plump und kommt auf jeden Fall zu spät. Bereits seit langer Zeit ist die Verantwortung, die ausschließlich auf Deutschland zurückfällt, unzweideutig fest- gestellt. Uebrigens besteht keine Aussicht, daß ein derartiges Manöver gelingen kann, wenn die Vermutungen der Presse über Forderungen des Reichs, die es in seiner in London und Rom abgegebenen Erklärung formuliert haben soll, richtig sind, nämlich: zwar die vorbehaltlose Annahme der Kon- trolle, aber die Ablehnung der Probezeit, die tatsächliche Gleichberechtigung Deutschlands und die unmittel- bare Herabsetzung der französischen Streitkräfte. Schon ver- sichert man. daß die Unnachgiebtgkeit Berlins in London den peinlichsten Eindruck hervorgerufen hat und daß Sir John Simon mit dem Botschafter Frankreichs Corbin und dem Botschafter Italiens Grandi— unmittelbar nach dem Schritt des deutschen Geschäftsträgers— beraten hat. Wenn Deutschland sich tatsächlich vorgenommen hat, die Aushebung der Probezeit von vier Jahren zn verlangen »nd ihren Einsatz durch eine kurze Uebergangszeit von weniger als einem Jahr zu fordern, außerdem daraus ,« bestehen, daß ihm alle durch den Bersailler Vertrag ver, botenen Waffen: Tanks, Kampsflugzcuge, schwere Artil, lerie und Unterseeboote, erlaubt werden, so würde jede weitere Auseinandersetzung überflüssig werden.... Hitlerdeutschland gelingt eS nicht mehr, Illusionen zu er- wecken. Die ganze Welt ist über die Gefahr be- lehrt, die es in Europa darstellt, und jedenfalls kann es nicht hoffen, baß es in England für seine Intrigen und Manöver Unterstützung findet. Auf dem Kongreß der konser- vativen Partei in Birmingham antwortete der Lordpräsident des geheimen Rates, Stanley Baldwin, den Rednern, die gegen die Abrüstung Englands protestiert hatten. Er sagte, baß eine Nation, die ein Abrüstungsabkommen ver- letzen oder selbst eine Nation, welche die Unterzeichnung eines Abkommens verhindern würde, indem sie Forderungen for- mulierte, die wohl später annehmbar sein könnten, aber heute von den andern Partnern nicht angenommen werden könnten, dadurch als einzige auf der Welt ein Hindernis Borberichte über die Arbeiten im Atelier. Einzelne Szenen wurden vervielfältigt und in der Presse veröffentlicht. Noch vor wenigen Tagen hat man den französischen Journalisten Sauerwein in einer Sondervorstellung den Film ge- zeigt. Sein Lob über diese großartige Leistung beutscher Film- kunst zur Verherrlichung des nationalen Sieges wurde über- all nachgedruckt. Dabei wurde Herr Sauerwein sogar ver- ziehen, daß er Jude ist. Nun ist aus einmal alles aus. Auf Befehl des Propaganda- ministers Wöbbels wird das Licht gelöscht und die großartige Uraufführung, die in Gegenwart Hitlers erfolgen sollte, ab- geblasen. Was ging da vor? Man hat ungeheure Summen sür diesen Film aufgewandt. Hunderte von TA.-Leute wur- den in Kommunisten verwandelt, die in wilden Straßen- kämpfen demonstrierten und natürlich zuletzt„besiegt" wurden. Man hat einen Wirtschaftsstreit zwischen strahlenden Nationalsozialisten und„Untermenschen" inszeniert, wobei schaffe, das es nicht erlaube, zu ihr herzliche Beziehungen zu unterhalten. In seiner Rede, die von hohem Gedankenflug und edlem Gefühl zeugte, spielte Stanley Baldwin auf Locarno an und fügte hinzu, daß man wissen müsse, daß England für alle seine Unterschriften einzustehen ver» möge, wie es auch diejenige geachtet habe, durch welche es die Neutralität Belgiens garantiert habe. Das sind Worte, die uns die Gefühle des englischen Volkes besser bestätigen als alle Auseinandersetzungen. Man kann sogar der Ansicht sein, daß Stanley Baldwin durch seine Anspielung auf— unter den heutigen Umständen — unannehmbare Forderungen, die ein allgemeines Ab- rüstungsabkommen verhindern könnten, im voraus auf die Antwort«widert hat, die Deutschland nächste Woche in Genf geben wird. französisches Presse-Echo Paris, 9. Okt. Zur Rede des französischen Ministerpräst- denten Daladier schreibt der sozialistische„Populaire": So- weit allgemeine Formeln die Haltung einer Regierung be- stimmen, können die von Daladier angegebenen uns besrie- bigen. Es ist eine Aufklärung aber unerläßlich. Wird man sich etwa darauf beschränken, wesentliche Ideen zn verkün- den, oder auf ihre praktische Handhabung zn verzichten, wenn Deutschland sie nicht annimmt, oder wird man sich ent- schließen, das Abrüstungsabkommen gemäß den aufgeführten Grundsätzen auszuarbeiten, um das„dritte Reich" vor die Wahl zu stellen, es entweder anzunehmen, oder die Verant- worlung(!) für ein Scheitern der Verhandlungen auf sich zu nehmen? „République"(radikal) schreibt: Daladier hat einen ge- nouen Abrüstungsplan dargelegt, der auf der Kontrolle be- ruht und von allen ehrlich gewillten Völkern angenommen werden kann und muß. „Homme Libre"(radikal) bemerkt, Daladier stelle mit aller Offenheit die Frage, auf die die Welt bisher nicht antworten wollte. Es handele sich um die beängstigende Frage, die das Schicksal des in einer Krise befindlichen Europa ungewiß macht. Man werde eines Tages doch in Genf dazu Stellung nehmen müssen. „Oeuvre" meint, ganze Stellen der Rede Daladiers wen- dcten sich an Deutschland. Der Appell an Deutschland sei kein Aufruf zum Kampf, sondern ein Aufruf zum Frieden. . Mit der eindeutigen Frage, was Deutschland wolle, hat es nicht nur das Mittel zu^bekennen, sondern es auch zu beweisen. Warum also wartet es? Rempart schreibt: Die Kontrolle hat nicht funktionieren können, als Deutschland noch von Stresemann, Luther, Brüning u. Co geleitet wurde, und jetzt sollte sie in einem nationalsozialistischen Deutschland wirksam sein? Das ist ein schlechter, unheilvoller Scherz. Der in Genf weilende Außenpolitik« des„Echo de Paris" will in ber Rede Daladiers eine Bestätigung der alar- mierenben Nachrichten finden, die dieses Blatt vor einiger Zeit über die angeblichen Zugeständnisse Frankreichs in der Abrüstungsfrage veröffentlicht hatte- Mit welchem Recht, fragt das„Echo de Paris", verraten Daladier und Paul» Boncour die im obersten Rat der nationalen Verteidigung im November vergangenen Jahres festgelegte französische These? Im britischen Kabinettsrot London, 0. Okt. Der politische Korrespondent der„Mor- ning Post" schreibt zum heutigen Kabinettsrat: Es wird er- wartet, daß versucht werden wird, solche Aenderungen in der Abrüstungspolitik vorzunehmen, die die Haltung Deutschlands beeinflussen könnten. Es wird erwartet, baß die britische Haltung soweit abgeändert werden wird, wie eS sich mit den politischen Grundsätzen verträgt und daß Anstrengungen unternommen werden sollen, um die fran- zrsische Regierung zu einer ähnlichen Haltung zu veran- lassen. Die Frage einer Verkürzung ber Probezeit von vier Jahren dürfte sorgfältig geprüft werden. Zugleich herrsche in gut unterrichteten Kreisen die Ansicht, daß die Franzosen brittscherseits aufgefordert werden könnten, ein entschiedenes und öffentliches Angebot bezüglich quantitativer Verminde- rung auf das Niveau des KonventionsentwurfeS während der Probezeit zu machen. Olitgas exportiert! Poris, 9. Okt. Nach ein« Brüssel« Drahtmeldung des „Intransigeant" machte ein belgisches Handelshaus, das er- fahren hatte, eine chemisch« Fabrik in Deutschland liefer« Gasgranate» auf einfache Bestellung nach Belgien, die Probe aufs Exempel. Die Firma glaubte zunächst nur an eine» Blnff. Sie erhielt aber eine Kiste mit Tränengasgranaten, die ihr unbeanstandet durch d«n Zoll ausgehändigt«nrden. Die Sendung war mit„Feuerwerkskörperu" ausgezeichnet «nd enthielt eine Anweisung über den Gebrauch der Gra« naten- Die Empfängerin ließ die Zündstoffe in einem militärischen Laboratorium untersuchen. Die Wirkung des Gases war so fürchterlich, daß die gewöhnlichen Gasmasken nicht genügten, nm die anwesenden Zeugen zu schützen. Diese mußte« eiligst den Raum verlassen. Der Korrespondent folgert, daß die deutschen Fabriken auch ähnliche Wagnisse anstellen- Der Beweis, daß die Gasfabri« kation jenseits des Rheins in großem Maße sorschrcitet, sei erbracht, auch außerdem die Feststellung, mit wie großer Leichtigkeit sich aufrührerische Elemente ungewöhnlich ge« jährlicher Explosionsstosfe bemächtige« könnten. Tische, Stühle und Gläser in ungeheuren Mengen vernichtet wurden— so hatten sich die Filmstreiter im Zeichen alter Er- innerungen in die Sphäre einer echten Hauerei hinein- projiziert. Man hat auf ber Grenadierstraße Juden zusam- mengetrieben, um sie vor die Filmleinwanö zu bringen, und bei jedem die ausgestandene Angst mit zehn Mark Honorar abgegolten. Verboten I Die„Erhebung" des deutschen Films muß sich «neu andern Ausgangspunkt suchen. Rache an Wehrlosen (Jnpreß.) In Krefeld wurde in der Nacht zum 27. Septem- ber die Krone einer„Hitler-Eiche" im Stabtwald abge- brachen. Der Polizeipräsident hat. ohne die Schuldfrag«»u klären, angeordnet, allen marxistischen Gefangenen im Ge- fängnis von Krefeld und Anrath, die aus Krefelb-UerdingeN stammen, für drei Tage das Mittagessen zu entziehen, Lügen ans dem RddisgerM Verzweifelte Versndie, die Anklage zn reuen Täusdiungen und kniffe A. H. Die große juristische Fassade in Leipzig bleibt schein- bar ungetrübt. Mit Ernst und mit Würde vernimmt Herr Büngert weiter die Zeugen und Angeklagten, immer beson- ders darauf bedacht, die Zornesausbrüche DimitroffS zu be- schwichtigen. Es ist ihm anscheinend unbegreiflich, daß sich ein Angeklagter, der unschuldig ist, so leidenschaftlich gegen die Anklage der Brandstiftung wehrt. Aber am Schlüsse der Samstagverhandlung wurde die selbstsichere Ruhe des Herrn Bünger doch einen Augenblick erschüttert. Dimitroff wies darauf hin, daß sich seine erste polizeiliche Vernehmung auf die Aussagen einer Zeugin stützte, die ihn am 26. Februar mit van der Lübbe gesehen haben wollte. Als sich aber heraus- gestellt habe, daß er an diesem Tage in München gewesen sei, habe man das Versahren gegen ihn trotzdem fort- geführt!„Das ist unrichtig," sagte Herr Bünger kurz und scharf. Am Gegenbeweis ließ er es fehlen. Immer wieder entdeckt man, wie hohl und wie brüchig das Gewölbe dieser Anklage ist. Man läßt Wachsplatten an- fertigen, um der Welt ein anschauliches Bild von der Nn- tadelhaftigkeit der Leipziger Justiz und dem Gerechtigkeits- willen des Reichsgerichts zu liefern, läßt dabei aber wohl- weislich die Ausführungen der Angeklagten unter den Tikch, besser: unter das Mikrofon fallen. Die ausländischen Journalisten will man von amtlicher Seite durch Ueberreichung ergiebigen Materials von der für den Februar ausersehenen kommunistischen Ne- volution überzeugen, aber sie durchschauen das Spiel bef- sei, als die Regisseure ahnen. Man erinnert sich, daß Herr Bünger jedesmal dem Angeklagten Dimitroff scharf in die Parade fährt, wenn er so kühn ist, sich gegen die Aussagen von Kriminalbeamten und Spitzel zu wehren. Daraufhin haben jetzt die beiden amerikanischen Rechtsanwälte Hags und Galagher, der französische Journalist Willard und die beiden Bulgaren Grigorosf und Detscheff auf Grund ihrer Erlebnisse in Leipzig an Dr. Bünger einen Brief gerich- tet. Sie führen darin auf, daß ein Angeklagter bei allem Respekt, der dem Gericht gebühre, das Recht habe, die Poli- zei zu kritisieren. Tie weisen dabei daraufhin, daß der Ber- liner Polizeikommissar Heisig, der vor dem Gericht über seine Nachforschungen in Holland verhört wird, die Erklä- rungen zweier ehemaliger Freunde van der Lübbes Jaco- buS Vink und van Almada entstellt habe. Davon und von vielem andern liest man in der deutschen Presse auch nicht ein einziges Wort. Am drastischsten wird aber die Leipziger Atmosphäre ge- kennzeichnet durch die Vernehmung des Stockholmer Pro- fessors Dr. Södermann. Man erinnere sich des Bor- gangs. In der ausländischen Presse waren Vermutungen aufgetaucht, daß van der Lübbe dauernd unter dem Ein- druck von Mißhandlungen oder Vergiftungsversnchen stehe. Um alle diese Gerüchte zu widerlegen, habe sich der Stock- holmer Professor Dr. Södermann zur freiwilligen Zeugen- aussage gemeldet. Er habe am 26. September van der Lübbe im Gefängnis untersucht und nicht die geringste Spur einer Mißhandlung oder gar Vergiftung gesunden. Er sei völlig gesund, und so fuhr diese medizinische und psnchiatrische Autorität weiter fort, es mache den Eindruck, daß van der Lübbe vor den Richtern den Gebrochenen und Verstörten nur simuliere... Dieses Gutachten trat mit der größten wissenschaftlichen Autorität auf. Inzwischen ist aber festgestellt worden, daß dieser Dr. Söbermann gar kein Mediziner, sondern Jurist ist. Er wurde in Leipzig befragt, und gab zu, daß er nur wegen seines— kriminalpsnchologischen Interesses ins Gefängnis zur Untersuchung van der Lübbes gegangen sei. Ein holländischer Journalist— jener Herr Luger vom Amsterdamer Telegraaf— habe ihn mit Erlaubnis der Be- Hörden mitgenommen. Es liegt also eine vollendete Täuschung der Oeksentlichkeit vor. Ein Jurist wurde als medizinischer Sachverständiger ausgegeben, ein Mann, der vermutlich nicht gewußt hat, daß Gift auch noch auf andere Art als durch eine Spritze verabfolgt werden kann. Die Leipziger Richter aber haben von diesem Juri- sten ein medizinisches und psychiatrisches Gutachten ange- nommen! Keiner deutschen Zeitung fällt das auf. Kein Verteidiger stellt es fest. Man braucht nicht einmal besonders fein- und hellhörig zu sein, um das Hintergründige, das Zweifelhafte und Unausgesprochene in diesem Prozeß, der nunmehr in Berlin„an Ort und Stelle" weitergeführt werden soll, zu vernehmen. In Berlin wirb auch ein weiterer Widerspruch noch deutlicher als bisher hervortreten. Während der Untersuchungsrichter in seinen Vernehmungen van der Lübbe vorhielt, daß er nach den Sachverständigengutachten unmöglich allein den Reichstagsbrand entfacht haben könne, hat Herr Dr. Bün- ger ebenfalls auf Grund der Sachverständigengutachten in einer der jüngsten Sitzungen genau das Gegenteil festgestellt. Danach sei es durchaus möglich, daß in dem Zeitraum von 15 bis 20 Minuten van der Lübbe die Brand- stistung allein ausgeführt haben konnte. Wird van ber Lübbe dort, wo man ihn ohne Hemd, aber mit dem kommunistischen Parteibuch in der Tasche, gefunden hat, ein wenig redseliger sein? Wird er hier erst recht schweigen, dieser gehemmte und halbblinbe Junge, der zur Rolle eines der großartigsten Brandstifter aller Zeiten er- koren wurde? Vielleicht sind das müßige Fragen. Van der Lübbe steht unter dem Schatten der Todesfurcht. Fortsetzung ans Nr.»4 12 Verhand'ongsfag Eine treue Seele Reichsanwalt Lanbgerichtsdirektor Parrifl« S weist Saraus hin, daß Dimitroff zugegeben habe, mit dem früheren r».„• v: kommunistischen Abg. Münzenberg zweimal zusammen- s^oencl im l^ino bekommen zu sein. Münzenberg, einer der Verfasser des BraunbucheS, habe zuletzt in Berlin im Hause In den gelten S A gewohnt. In dieser Wohnung sollen öfters Ver- sammlungen von Kommunisten stattgefunden haben, die letzte Versammlung am 30. Januar. Die Wirtschafterin Münzenbergs hat folgendes bekundet: Damals, am 30. Januar, hätten sich 12 bis 13 Personen dort eingesunden. Münzenberg habe die Teilnehmer persönlich empfangen, und als in den Mittagsstunden durch die Presse die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler bekannt wurde, hätten sämtliche Teilnehmer die Wohnung fluchtartig verlassen. Die Wirtschafterin hat, nachdem ihr die Bilder der An- geklagten vorgelegt worden sind, erklärt, daß sie Dimitroff mit aller Bestimmtheit als einen derjenigen Leute wieder- erkannt habe, die des öfteren in der Wohnung Münzen- bergs waren, vor allem auch am 30. Januar. Tie glaubt aber auch, kann das jedoch nicht mit gleicher Sicherheit sagen, daß Pop off in dieser Wohnung verkehrt habe. Dimitroff erklärt dazu, er kenne Münzenberg dem Namen nach von früher. In seiner Wohnung sei er aber n i e gewesen. Zweimal habe er Besprechungen mit Münzenberg gehabt, im Jahre 1931 und im Jahre 1932, und zwar über die Lage in Bulgarien. ?luch P o p o s f erklärt, er habe Münzenverg nie kennen- gelernt und auch niemals seine Wohnung besucht. Wie die drei Bulgaren festgenommen wurden Weiter wird festgestellt, daß Dimitroff bei seiner Fest- nähme 330 RM. und 10 Dollar, Ta ne H 70 Dollar und 20 RM. bei sich trugen. Auf die Frage, wo er die Dollars her habe, erklärt der Angeklagte Ta ne ff, er habe sie in Sofia voni Zentralkomitee der bulgarischen kommu- nistischen Partei erhalten, als er nach Rußland ab- reiste. Auf den Borhalt des Vorsitzenden, daß er früher aus- gesagt habe, diese Gelder in Moskau erspart zu haben, er- widert Taneff, er habe bis zum 24. Mai nickt zugeben wollen, daß er Mitglied des Zentralkomitees der Partei sei. Es kommt dann die Aussage des Kellners H e l m e r zur Sprache. Dieser Zeuge hat am 7. März der Polizei mit- geteilt, daß im„Bauernhof" in der Potsdamer Straße ver- dächtige Personen verkehrten. Am 9. März hat er eine Mit- tcilung an die Polizei gemacht, daß im Augenblick gerade diese Personen wieder da seien. Daraufhin ist nach Prüfung der Anzeige die sofortige Festnahme der betreffenden Per- sonen verfügt morden. EswarendiedreiBulgaren. Im Wagen hat Dimitroff dann, nach Bekundungen des Polizeibeamten, versucht,ein Schriftstück zu ver- stecken. Es handelte sich um einen Ausruf des Exekutiv- komitees der Komintern vom 3. März. Dimitroff gibt daS zn und sagt, er habe sich damals bei der Polizei als bürgerlicher schweizerischer Schriftsteller aus- gegeben. „'Tausend und eine Nacht" Der Vorsitzende macht bann weitere Mitteilungen ans den Bekundungen des Zeugen H e l m e r. Danach sind im Sommer 1932 ihm und anderen Kollegen gewisse Personen aufgefallen, die ab und zn nachmittags im„Bayernhof" er- schienen. Zu diesem Kreise hätten Dimitroff, P o p o f s und Taneff, aber auch van der Lübbe, gehört. Bei einer Gegenüberstellung mit van der Lübbe hat ihn Helmer mit absoluter Gewißheit wiedererkannt. Auch die übrigen Kellner des„Bauernhofes" sind vernommen worden. Einige haben sich erinnern können und einigen ist van der Lübbe ebenfalls bekannt vorgekommen. Einer aber hat mit der gleichen Bestimmtheit ausgesagt wie Helmer. Der Vorsitzende fragt van der Lübbe, ob er die Pots- damer Straße und den„Bayernhos" kenne, van der Lübbe verneint beide Fragen. Auch mit den Bul- garen will er nicht zusammengewesen sein. Heber seinen Aufenthalt im„Bayernhof" erklärt D i m i- t r o f f, er sei dort nie mit mehr als drei Personen zusammen- gewesen, geivöhnlich sei er mit Jacobus Roßner. einem öfter- reichischen Schriftsteller, bort gewesen. Ein deutscher Kommu- «ist habe an den Zusammenkünsten nie teilgenommen. Im übrigen sei er. Dimitroff, am Tage deS Reichstags- brandes überhaupt nicht in Berlin gewesen. Ferner bestehe die Möglichkeit, Roßner mit van der Lübbe zu verwechseln. Ter Vorsitzende erklärt, daß Roßner selbst- verständlich vernommen werde, wenn seine Adresse zu er- Mitteln fei. Der Angeklagte Poposf erklärt die Aussage Helmers über seine Zusammenkunft mit van der Lübbe im „Bayernhos" als eine Lüge. Ter Angeklagte Taneff will nur ein einzigesmal im„Bauernhof", am Tage seiner Ver- hastung, mit Dimitroff und Popoff zusammengewesen sein. Der Vorsitzende hält Dimitroff die Bekundung des Fahr- stuhlkührers Kaufmann vor, er habe Dimitroff am 23. Fe- brnar im Reichstage hinauf und hinunter gefahren. Dimi- troff sagt dazu, er sei nur ein einzigesmal, nämlich im Jahre 1921 zusammen mit anderen bulgarischen Abgeordneten im Reichstage gewesen. Vorsitzender: Das werden wir bei der Vernehmung dieser Zeugen klären. Dann wird auch die Aussage des In- spektors Seranowitz herangezogen werden müssen, der bekundet hat, er habe Dimitroff, Poposf und Taneff gar nicht selten im Reichstage ge- sehen. Dimitroff, wollen Sie sich zu dem Gespräch mit einem Gefangenen im Moabiter Unters uchungs- gefängnis äußern, das in der Anklageschrift verwertet ist? Dimitroff: Eines Tages beim Spaziergang im Moa- biter Untersuchungsgefängnis sprach mich ein unbekannter Gefangener an. Er sagte, mein Bild stehe in der Zeitung. Ich fragte, ob mein Bild allein dort wiedergegeben sei, oder auch das der anderen Bulgaren. Er antwortete: Alle drei. Vorsitzender: Nack der Aussage dieses Zeugen Zollen Sie gefragt haben, ob nicht noch eingewisserLaunert oder so ähnlich verhaftet worden sei. Als er Ihnen ge- antwortet habe: Nein, nur Popoff und Taneff, sollen Sie ein gewisses Gefühl ber Erleichterung bekundet haben. Dimitroff.: Davon ist gar keine Rede. Das 1 st„T a u s e n d und eine Nacht". Der Vorsitzende bält dann Poposf die Aussage des Zeugen Frey vor, der Povoss zusammen mit Torgler im Reichstag gesehen haben will, nnd die Aussage des Zeugen Bog» n, der gesehen haben will, wie am Tage des Reichstagsbrandes gegen 9 Uhr abends Poposf aus dem Portal de s Reichstages geflüchtet sei. Poposf erklärt dazu, diese Aussagen seien ab- s o l u t u n w a b r. Er sei niemals im Reichstag ge- wesen. Er werde ganz genau angeben, wo er sich am 27. Februar, also am Brandtage, mit Taneff zusammen von 2 Uhr nachmittags bis 11 Uhr nachts ausgehalten habe. Der Vorsitzende legt eine Pause ein. Nach der Pause wird das A li b i Popoffs und Ta- ne ff s erörtert. Poposf gibt an, daß er am Tage des Brandes um 2 Uhr nachmittags zusammen mit Taneff m ein Restaurant in der Friedrichstraße gegangen sei. Dort seien sie bis 4 Uhr geblieben und dann ins Kaffeehaus Moka-Elti in der Leipziger Straße gegangen. Torr hätten sie bis etwa gegen S Uhr in der oberen Etage gesessen. Beide wollen dann das Ease wieder verlassen haben nnd durch die Leipziger und Potsdamer Straße gegangen sein. Gegen 7 Uhr seien sie bei Aschinger unweit der Bülowstraßc eingekehrt und dort bis gegen 9 U h r geblieben. Bon da ans wollen sie dann in das Ufakino am Nollcndorsplatz gegangen sein, wo sie bis Schluß der letzten Vorstellung gegen 11 Uhr blieben. Beim Ausgang aus dem Kino bemerkte ich, erklärte Poposf, daß ich meine Handschuhe zurückgelassen hatte. Ich kehrte um und wollte sie holen. Als ich wieder herauskam, stand vor dem KinoauSgang ein Zeitungshändler und schrie laut: Extraausgabe! Ich las etwas über eine neue Notverordnung. Tann trennte ich mich von Taneff auf dein Platz vor dem Kino. Der Angeklagte Taneff bestätigt diese Angaben. Der Vorsitzende erinnert Taneff daran, daß er bei seiner ersten Vernehmung gesagt habe, das Lokal, in dem sie am Abend sich aufhielten, sei am Zoo gewesen. Tarauf ant- wortet Taneff, diese Angabe sei auf seine schlechte Orts- kenntnis Berlins zurückzuführen. Vorsitzender: Welche Beweise können die beiden An- geklagten für das von ihnen behauptete Alibi angeben?«Tie bisherigen Ermittlungen haben k e i» e B e st ä t i g u n g für ihre Behauptung erbracht. Es hat sich nichts dafür ergeben, daß Popoff tatsächlich gegen 11 Uhr die vergessenen Handschuhe ans dem Kinotheater geholt hat. Handschuhe sind in diesem Ufatheater allerdings abgeholt worden, aber das ivar um 7 Uhr, nicht um 11 Uhr. Angeklagter Poposf: Als ich nach dem Kino geführt wurde, hat ein junger Mann sich bereit erklärt, als Zeuge zu bestätigen, daß er mich dort um diese Zeit ge- sehen habe. Die Kriminalbeaniten sagten ihm, er solle sich am nächsten Tage auf dem Polizeipräsidium melden. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht. Vorsitzender: Das wird der Zeuge Heinrich gewesen sein, dessen Ladung angeordnet worden ist. Poposf: Als ich mit den Kriminalbeamten im Kino war, bezeichnete ich auch genau die Stellung, die die beiden Kontrolleure an dem Abend ein- genommen hatten, als wir beide die Vorstellung bc- suchten. Die Kontrolleure bestätigten in Gegenwart de-. Beamten, daß sie damals so gestanden hätten, wie ich es an- gegeben hatte. Der Oberreichsanwalt meist darauf hin, daß Popoff im späteren Verlauf der Voruntersuchung angegeben habe, daß er sich möglicherweise über den Tag des Kinobesuches irren könne. Wenn das der Fall sei, habe er sich am 27. Fe- bruar in seiner Wohnung ausgehalten. Dm Dimitroffs Alibi Der Oberreichsanwalt wendet sich dann an den An. geklagten Dimitroff. Dieser habe angegeben, daß er sich am 2 0. und 27. F e b r n a r in München auf- gehalten h a b e. Er habe dagegen bisher nichts darüber gesagt, was er dort getan habe. Dimitroff: Haben Sie nicht meine Erklärung vom 80. M a i gelesen? Der Vorsitzende weist den Angeklagten darauf hin, daß er antworten solle. Dimitroff: In dieser schriftlichen Erklärung habe ich. gesagt... Was habe ich mitgeteilt? Haben Sie nicht gelesen? Der Oberreichsanwalt wirft ein, daß Dimitroff an- scheinend durch diese wiederholten Gegenfragen Zeit zur Ueberleaung für neue Ausreden suche.— Der Vor- sitzende betont gleichfalls, daß der Angeklagte hier keinen Disput mit dem Oberreichsanwalt durchzuführen, sondern zu antworten habe. Dimitroff erklärt daraus, er sei am 2 3. Februar nach München gereist, um dort am 26. Februar einen bulgarischen Freund zu treffen. Ten Namen sage er nichi. weil dieser Freund sonst in Bulgarien verfolgt und sa m t seiner Familie in 24 Stunden ruiniert kein würde. Der Oberreichsanwalt teilt dann mit, daß nach seinen Informationen ein gewisser Georg in London erklärt habe, daß er mit dem Angeklagten Dimitroff zu dieser Zeit in München zusammen gewesen sei und an einer Versammlung jugoslawischer Kommuni st en in München teil- genommen habe. Dimitroff verneint die Richtigkeit dieser Angaben und will auch den vom Oberreichsanwalt Genannten nicht kennen. Oberreichsanwalt: Derselbe Zeuge hat in London ausgesagt, daß Timitrvff und er in der Zeit vom 0. bis 8. Februar an einer Konferenz italienischer, jugoslawischer Kommunisten teilgenommen haben. Ich habe diese Dinge nur erwähnt, um zu zeigen, daß der Angeklagte Dimitroff sich nicht etwa nur mit bulgarischen, sondern auch mit italic- Nischen und jugoslawischen Angelegenheiten beschäftigt hat. Dimitroff: In der Anklageschrist steht auch als Be- lastungsmoment gegen mich, daß bei meiner Verhaftung in meiner Tasche zwei Ansichtspostkarten gefunden worden sind, ausgerechnet vom Reichstag und vom Schloß. Ich habe schon bei meiner ersten Vernehmung im Polizeipräsidium erklärt, daß ich Ende Januar eine Serie von etwa 12 Ber- liner Ansichtskarten gekauft habe Davon hatte ich einige an meine Mutter und meine Schwester geschickt. Bei meiner Verhaftung hatte ich in meiner Tasche noch sechs bis sieben Stück von diesen Karten. Zu den Akten sind davon aber nur zivei gekommen, die vom Reichstag und vom Schloß. Die übrigen sindverschwunden. Vorsitzender: Wir werden darüber den Kriminal- beamtcn Steinbach vernehmen. Dimitroff: Ick möchte nicht wieder hinaus- geschmissen werden.... Vorsitzender: Ich empfehle Ihnen, sich so zu ver- halten, daß das nicht wieder notwendig wirb. Dimitroff versucht dann wieder,„nicht zur Sache ge- hörige" Ausführungen zu machen und die Methoden der Untersuchung anzugreifen. Der Vorsitzende muß ihn energisch zur Ruhe verweisen. Dimitroff erklärt dann noch, daß seine ganze polizeiliche Vernehmung sich lediglich ans die Aus- sage einer Zeugin st ü tz t e. die behauptet habe, ihn am 26. Februar, nachmittags 3 Uhr, zusammen mit van der Lübbe in einem Restaurant in der Düsseldorfer Straße ge- sehen zu haben. In der Anklageschrift st ehe aber kein Wort niehr davon,nachdem sich heraus- gestellt habe, daß er am 2 6. Februar in München gewesen sei. Der Vorsitzende weist diese Darstellung als unrichtig zurück und vertagt dann die Verhandlung. Die nächste Sitzung findet am Dienstag um 10 Uhr in Berlin statt. Gerechtigkeit und Duldsamkeit Eine geistvolle französische Antwort an die deutsche Regierung Die Minderheitendebatte in Genf liegt zwar schon einige Tage zurück, aber sie bleibt bedeutsam, weil sie die Isolierung Deutschlands so stark offenbarte. Wir tragen die Rede des französischen Senators Berenger gegen den Vorstoß des deutschen Gesandten von Keller nach, weil sie zeigt, in welche unmögliche Lage Deutsch- land durch die unmögliche Innen- und Außenpolitik sei- ner tetzigen Regierung hineinmanövriert ist. Der Vertreter Deutschlands schien überrascht gewesen zu sein, daß der Delegierte Frankreichs bei Gelegenheit einer Debatte über das Statut der. Minderheiten in der sechsten Kommission drei Fragen aufgerollt hat, die ihm untunlich und unzeitig erschienen. Die erste betraf d i e allgemeinen Reichsgesetze, welche bestimmte Kategorien der Bevölkerung des deutschen Reichs be- treffen, die als Nichtarier bezeichnet werden, die zweite bezog sich auf die Rassenfrage und ihre Bcziehun- gen zur Nationalität und zu den allgemeinen Grund- sätzen des Völkerbunds, die dritte hatte das deutsche I u- denproblem zum Gegenstand. Senator Berenger sagte dazu: »Möge der ausgezeichnete Vertreter des Reichs mir er- lauben, ihm in aller Freundlichkeit und Hochachtung nun meinerseits zu sagen:»Ich bin überrascht über seine Ueber- raschung." War es nicht die deutsche Delegation, welche die ganztz Debatte veranlaßt hat, in die wir verwickelt sind? War sie es nicht, welche als erste diese Tribüne bestiegen hat, um die drei hier zur Diskussion stehenden Probleme anzuschneiden? War es nicht der geschätzte Herr von Keller, der hier als erster im Namen seiner Delegation Gedanken über die neuen Grundsähe in der von Deutschland so be- nannten Angelegenheit des„Volkstum s", welche auch die Lage der Juden in Deutschland und in der ganzen Welt betrifft, entwickelte? Unsere ganze Versammlung bat noch die Erklärung des ausgezeichneten Vertreters des Reichs in den Ohren, die er anläßlich seines Vorstoßes abgegeben hat. Was sagte er? Doch folgendes:„Das Wesentliche des Problems ist in sehr viel tieferen Gründen zu suchen. Es handelt sich um einen Gegensatz der Geister über das Prinzip des Ratio- nalttätenproblems, das die Welt in dieser Stunde beschäf- tigt. AuS diesem Grund halte ich es für notwendig, sich zu entschließen, die Wurzel des Problems anzufassen.." Nachdem die deutsche Deleaation so begonnen und unsere Versammlung zu dieser Auseinandersetzung eingeladen hotte, mußte sie doch erwarten, baß man ihr auf dieses Feld folge. Das Recht zur Initiative bewirkt in der Tat auch das Recht zu antworten. Diese Pflicht hat die französische Delegation erfüllt, indem sie verschiedene Fragen, die von der deutschen Delegation aufgeworfen wurden, auf ihre Weise umriß. Sie hat geglaubt, dem Vorbringen des geschätzten Dele- gierten des Reichs mehr Ehre anzutun, indem sie seine Ein- labung nicht übersah, als wenn sie diese gleichgültig oder stillschweigend behandelt hätte. Diese Debatte war übrigens notwendig. Tie ist der über« nationalen Mission der Gerechtigkeit und der Duldsam» keit würdig gewesen, welche stets die hauptsächliche Aus- gab« des Völkerbundes gewesen ist und bleiben muß. ES find gestern und heute wirksame Einwendungen von Vertretern verschiedener Mächte, insbesondere von Herrn OrmSbn Gore gemacht worden. Wir haben seiner bered- samen Analose Beifall gespendet, die er dem Nationalitäten- prinzip in seinen Beziehungen zum Dasein der Nassen, welche eine Nation bilden können, gewidmet hat. Es würde mir nicht angemessen erscheinen heute aus eine so abgeschlos- sene, so geistreiche und so beweiskräftige Darlegung zurück- zukommen. Ein großer britischer Staatsmann, der auch ein großer Schriftsteller und der reinsten jüdischen Abstammung war. Lord Beaconssield, hat in seinem schönen Buch„Endymion" gewisse Beobachtungen verzeichnet, an die zu erinnern nicht ohne Nutzen ist.„ Was sagt Disraeli? Man kann das Rassenprinzip nicht leicht nehmen: es ist der Schlüssel zur Geschichte. Was e» auch sei, dessen Einfluß man in einer Nation oder in einem Individuum feststellt, man mutz sich immer von dxn Eigenschaften der Rasse Rechenschaft geben. Aber es gibt keinen Gegenstand, der mehr Kenntnisse und mehr Unter- scheidungsvermögen beansprucht und bei dem die Schluß- folgerungen, wenn sie nicht aus einem soliden Prinzip aus- gebaut sind, mehr in Gefahr sind, Trugschlüsse darzustellen. Sind die Juden eine Minderheit? Sind sie keine Min- derheit? Die Frage ist schon behandelt worden,«nd ich glaube wohl, daß die Inden selbst fich über die Antwort nicht einig sind, die ans sie z« geben ist. Wenn Sie z. B. die französischen Juden fragen, so finden Sie keine, oder beinahe keine, die bereit wären, sich als eine Minderheit zu erklären. Sie erklären sich als französische Bürger wie die anderen. Ich bin auch völlig überzeugt— mit Herrn von Keller—, daß wenn man dieselbe Frage vor einigen Jahren den deutschen Juden gestellt hätte, auch sie nicht gewollt hätten, sich andere, denn als Deutsche zu bezeichnen. Es gibt kein ergreifenderes Ruch als das des Grasen Keßler über Rathenan, um die deutsche Vaterlandsliebe eines Juden zu zeigen, der versucht hat, seinem Lande gut zu dienen. Und wenn es anders gewesen wäre, so ist es klar, daß im Jahre Ivlss die jüdischen Delegationen, die das erste Schema der Texte entworfen haben, welche die Friedenskonferenz anregen sollten, Schutzvcrträge für die Minderheiten zu schassen, diesen Schutz, auch für die deutschen Juden gefor- dert haben würden, was sie aber nicht getan haben, so uu- nütz ist ihnen ein solcher Schutz, so anachronistisch ist er ihnen erschienen. Sie fühlten sich eingeordnet und sicher in ihrer Lage angesichts der Ueberlieferung eines vollen libe» ralen Jahrhunderts. Aber man muß die Auffassung anerkenne«, die von allen Autoren gebilligt wird, daß es nämlich in dem Augen« blick eine Minderheit im modernen Sinne gibt, indem eine gesetzliche Unterscheidung stattfindet. Die jüdische Minderheit konnte als solche tn Deutschland nicht existieren. Diese Minderheit schafft man erst, indem man im Hinblick auf die deutschen Juden eine be son- dere Gesetzgebung und Behandlung schafft. Das ist ein unvermeidliches Dilemma, dem niemand unter uns sich entziehen kann, und wir können nicht der III- d i sch en Minderheit dasselbe Gefühl mensch- licher Zusammengehörigkeit, denselben Geist der Gerechtigkeit vorenthalten, den Sie von uns verlangen, wenn es sich um andere na- tionale Minderheiten außerhalb Deutsch- lands handelt, fordern. Diese Grundsätze sind bis heute bei uns die Regel gewesen und sie werden eS in Zukunft bleiben Ich spreche im Namen der französischen Republik, der Erbin der Grundsätze der Revolution, welche die Reckte des Menschen und des Bürgers ohne Unterschied der Rasse, der Religion oder der Abstammung proklamiert hat. Die sran- zösiiche Delegation glaubt der sechsten Kommission vorschlagen zu müssen, in feierlicher Weise in der Resolution, welche sie sicherlich in der Versammlung vorbringen wirb, diese Regel zu bestätigen, welche wiederholt von dieser Kommis- sirn und durch die Versammlung selbst des Völkerbunds gebilligt worden ist. vie englische Anliassnng Die Rede, die der englische Delegierte Ormsby-Gore in Genf zur Minderheiten- und Iudenfrage gehalten hat. wurde in der englischen Presse stark beachtet und als ein schwerer Schlag gegen die Gewaltpolitik in Deutschland bewertet. Nur die in England wenig geachtete Beaver- brock-Presse macht eine Ausnahme. Beaoerbrock ist Gegner des Völkerbundes. Der„Times"-Korrespondent schreibt: „In der Tat, es war ein Vergleich zweier entgegengc- letzter Auffassungen von menschlicher Gesittung und die anwesenden Mitglieder des Völkerbünde» hörten eine Verteidigung der Toleranz, knapp und menschlich dargestellt." aïw«.' h amüsiert sich In einem Leitaufsaß äußert sich die„Times"? „In letzter Zeit sind in Europa die Laut-Schreier und die S k r u p e l l o s e n zu sehr ihre eigenen Wege ge- gangen. Sie haben die letzten Erfindungen angewendet, um ihrer Leidenschaft für Propaganda zu frönen und um sich durch unbefugtes Ueberschreiten der Aethergrenzen in die Angelegenheiten anderer Nationen einzumischen. Es ist Zeit, daß dem Geschrei von Diktatur, der Intoleranz und der boshaften Beunruhigung in aller Oefsentlichkeit mit Argumenten zur Verteidigung der demokratischen Einrich- tungen begegnet wird, der freien Reden des Rechts der Persönlichkeit und des Schutzes vor Unterdrückung." Das Beaverbrock Blatt„Evening Standard" meint: „Es sind die gleichen Kreise, die sich über die Genfer Rede freuen, die den Versuch gemacht haben, Macdonald zu einer Stellungnahme gegen die Naziregie- rungzu bewegen und die das„lächerliche Schauspiel" der Londoner Untersuchungskommission ausgeführt haben. Die deutsche Judenfrage sei keine Frage einer nationalen Minderheit und lediglich eine innere deutsche Angelegen- heit." „Daily Herald" urteilt: „Ein scheidender Angriff gegen die Behandlung der Juden in Teutschland durch Mr. Ormsby-Gore, des briti- schen Delegierten zum Völkerbund, verursachte ein« Sen- sation in Genf." tFolgt der Bericht über die Rede.) Auch Italiens »Daily News" schreiben im Leiter am Freitag: „Nach Mr. Ormsby-Gores sehr offener Rede erklärte der italienische Vertreter die Gegnerschaft seines Landes zu der Judenvertreibung durch die Nazis. Dies gewinnt an Be- deutung durch die Stellungnahme der italienischen Presse. Die„Tribuna" zum Beispiel sagt,„allen, die es an- geht", der Kult von der„Rassen-Ueberlegenheit" sei»tief irreligioes" und mit Ideen verbunden, welche zum Zu- sammenbruch unserer Zivilisation führen. Die deutsche Diplomatie besitzt ein klägliches Geschick, sich selbst über den wirklichen Stand der Meinung anderer Völker zu täuschen. Aber die hartnäckigste Selbsttäuschung kann nach der Debatte von Genf kaum einen Zweifel lassen, was die ganze Welt außerhalb Deutschlands über den Nazi-Anti- femitismus denkt."— Deutschlands Isolierung Gens, 9. Oktober. Der Unterausschuß der politischen Kommission des Völker- bundes hat die Entschließung überdieMinderheiten- frage im wesentlichen nach dem französischen Vor- schlag angenommen. Mit allen Stimmen gegen die Deutsch- lands wird in dieser Entschließung der Grundsatz betont, einer unbedingten Aechtung der Religion, Rasse und Sprache auch in den Ländern, die nicht den Minderheits- Verträgen unterworfen sind. Ferner wurde im Wirtschaftsausschuß die Aussprache über die internationale Organisationzur Betreu- ung der beut sch en Emigranten fortgesetzt. In der vorgeschlagenen Entschließung sollen Organe des Völker- bundes in weitgehendem Maße an der Behandlung der An- gelegenhert beteiligt werden. Der deutsche Vertreter erklärte dazu, daß sich Deutschland damit nicht einver- standen erklären könne. Da die deutsche Regierung aber kein Interesse daran habe, das Werk als solches zu ver- Hinbern, so möchte es sich die Frage erlauben, ob es nicht andere Wege gibt, das Ziel zu verwirklichen. Vor dem deutscheu Vertreter hatten die Vertreter Eng» lands, Frankreichs und Norwegens erklärt, daß sie mit der vorliegenden Entschließung einver- standen seien. Der schweizerische Bundesrat M o t t a wies daraus hin, daß nach der Geschäftsordnung weder der Ausjchuß noch die Voll- Versammlung gegen de» Widerspruch eines M i t- gliebes eine Entschließung annehmen könne. Er appellierte an den deutschen Vertreter, die«»che nochmals zu erwägen und seiner Regierung eine erneute Prüfung der Lage zu empfehlen. Dem Appell Mottos schloi- sen sich die Vertreter Italiens und Spaniens an. Die deutsch« Delegation erklärte, sie werde aber den heutigen Appell selbstverständlich an ihre Regierung weiter- geben. Angesichts dieser Erklärungen beschloß der Ausichuß auf Borschlag des Vorsitzenden, sich bis aus weiteres zu vertagen. DerVDA. Bekanntlich soll der Verband für das Deutschtum im Auslande den bedrängten Deutschen Helten. Daß er diese Aufgabe nicht erfüllt, weiß jeder Deutsche im Ausland. Ter VDA. ist hauptsächlich dazu da. Feste zu feiern, bei den Schülern schnorren zu gehen. Seinen Haupthalt hat dieser Verband in den Schulen. Politisch hat sich der VDA. immer bemüht, möglichst konservativ zu sein. Die vom.ihm betreute Jugend ist sicher jeder freiheitlichen Regung ,remd gebl,e- ben. Jetzt beginnt eine scheinbare Aufwärtsentwicklung im VDA. Selbstverständlich im Sinne der nationalsozialisti-• schen Regierung. Aber der VDA. ist trotzdem selbständig geblieben. Während alle übrigen Verbände der Jugend Herrn v. Sckirach unterstellt sind, bleibt der BDA. eine scheinbar selbständige Bewegung. Das muß doch seine Gründe haben. In einer Werbeversammlung in Berlin hat ein Lehrer als Redner die Antwort gegeben: Sie werden sich wundern, daß unser Berband nicht ge, zwangen wnrde. der Hitlerjugend beizutreten. Das hat eine besondere Bedeutung. Der BDA. ist zu besonderen „Schau, ein Neuer! Wer Ist denn das?" „Der? Das ist doch der Delegierte dor Anginen Arier." hochgewachsenen blonden und blau. (Franz. Zeitungskarikatur,) Ausgaben auserseben. Es'kann sein, daß ihm durch die Reichsregierung Anweisung gegeben wird, im Auslände unter dem Deckmantel„für das Deutschtum" etwas zu tun. was ,« Verwicklungen mit dem betreffenden Lande führen kann. Dann muß die Reichsregierung die Mög« lichkeit haben'aaen zu können: Der BDA. hat das ohne Willen und Wissen der Reichsregierung getan. Wenn wir aber der Hitleriugend angehören, die doch auch dem Fiih» rer untersteht, dann könnte unsere Handlung als offiziell angesehen werden! „Deutschfeindliche" Flugschriften Die Staatspolizeistelle tn Aachen teilt mit: Wie festgestellt werden konnte, versuchen nach Belgien ge- flüchtete deutsche Sozialdemokraten in Verbin- dung mit ihren dortigen Genossen Flugschriften nach Deutschland einzuführen und hier zu verbreiten. ES wirb er- neut darauf hingewiesen daß eS die Pflicht eines jeden Volksgenossen ist, unverzüglich der Polizei Mitteilung zu machen, falls er von derartigen Machenschaften erfährt oder verdächtige Personen bei ihrem Treiben beobachtet. deutsche Stimmen [ Feuilletonbellage der„Deutschen Freiheit"* Dienstag, den 10. Oktober 1933* Ereignisse und Geschichten » Die Sümmdsmachtr tylichtacbeit 3m„Neuen Tagebuch" schreibt Walter Mehring: In einem alten„Simplizissimus" sah man einmal— von Pas- eins Meisterhand— ein paar jener Geschöpfe, gelangweilt und üppig, die durch Gottes unerforschlichen Ratschluß zur Verführung ehrenwerter Männer bestimmt sind. Und darunter stand der tiefsinnige Seufzer: »Sag mal, warum nennt man uns eigentlich Freuden- Mädchen?" In Deutschland wissen sie eS nun Unter dem Titel: JCampf, du^fchwaczacbeit beschreibt das„Berliner Tageblatt" vom«1. August 1933 einen neuen Frontabschnitt, der in pazifistisch verseuchten Zeiten als„Strich" bezeichnet wurde. Bei Asozialen, wie Dirnen und ihrem männlichen Anhang, bei Bettlern, Radaubrüdern und ähnlichen, wird die Hilss- bedttrftigkeit besonders scharf geprüft und jede Unter- stlltzung nur gegen gemeinnützige Pflichtarbeit gewährt werden. Ran denkt znm Beispiel bei Dirnen an eine zweistündige Pflichtarbeit von 8 bis 19 Uhr vormittags. Selbstverständlich bleibt sich die Stadtverwaltung ihrer gesetzlichen und sittlichen Pflicht bewußt, für alle wirklich hilfsbedürftigen Mitbürger nach Kräften zu sorgen. Genau wie die Börse, weil sie eine unarische, geldrassenbe Einrichtung ist, zur Strafe jetzt Handelshos heißen soll, so wird die Unzucht jetzt Pflichtarbeit genannt und findet vor- mittags von 8 bis 19 Uhr statt. Denn eS ist leichter, den Boykott gegen Kollegs minderrassiger Wissenschaftler und gegen jüdische Angestellte durchzuführen als gegen die Buhl- dirncn, deren Stand schon in die Sumpfzeit Germaniens zurückreicht und der Freya heilig war. Gerhilde, vormals Mia, geborene Emma Mudicke, geht also nicht mehr auf den Strich, sondern tritt pünktlich 8 Uhr früh zur gemeinnützigen Pflichtarbeit an. Statt:„Na, Kleiner?" zirpt sie:„Heil!", wobei sich der Vertreter der Stadtverwal- tung selbstverständlich seiner sittlichen Pflicht bewußt bleibt und, ehe«r der Lockung verfällt, zunächst einmal die Hilfs- bedürftigkeit der Dame besonders scharf prüft. Zwei Stunden lang, in grauer Frühe, darf Gerhildchen reinblütige Volks- genossen zu einem Seitensprüngchen von der Ertüchtigung verleiten: was kein Spaß ist, wenn man bedenkt, daß diese Tageszeit anderen als sittlichen Gefühlen sehr abträglich ist. Macht es ihr Spaß, dann ist es Schwarzarbeit und ebenso strafbar wie jede Betätigung, durch die sich arme Teufel einige Ncbengroschen zur Befriedigung ihrer Luxusbedürf- nisse zu ergattern trachten. Gerhildeken, die ein nächtliches Gewerbe ausübt, darf morgens nicht mehr ausschlafen, son- dern nur noch erwachen. Denn sie ist ein asoziale? Element. Asoziale Elemente sind Wesen, die sozialen Gedankengängen frönen. Radaubrüder sind Leute, die nicht mit den Wölfen heulen. Bettler sind ZinS-Sklavenhalter und Börsianer Handelshöflinge. Aber die Liebe ist eine Himmelsmacht. Vormittags von 8 bis 19. IJImschm Millionen find auf den„Feldern der Ehre" erschlage«; Millionen kriechen als Krüppel am Leben vorbei; Millionen haben kein Obdach nnd Hunger im Magen. Und Abermillionen stöhnen in Sklaverei. Zehntausende fitzen in Deutschlands Lägern gesangen, Und mit teuflischen Martern schlägt man fie langsam tot. Zehntausende, die noch den Folterknechten entsprangen. Gehn in der Fremde zugrunde in furchtbarer Rot. Und wurden doch alle von einer Mntter geboren, Dir einst ihr Leben mit brennenden Wünschen empfing; Und hatten l>ßon bald das Lächeln der Kindheit verloren» Jeder ein Christus, der einsam nach Golgatha ging. Liberator. „IKände aus du lösche!" „Noch immer gibt es Frauen," schreibt die national- sozialistische„Hessische LandeSzeitung",„die grade beim Bor- beimarsch der Fahnen sich etwas Wichtiges zu er- zählen haben, noch immer Leute, die sich von hinten zeigen, andere, die ihre Stellung verbinden mit Kratzen am Bart, Binden des aufgegangenen Schuhriemens und dergleichen. Das schlimmste aber und das beleidigendste ist das Versenken beider Hände in den Hosentaschen. Diese Schmähung der Fahüen wird sich von jetzt an niemand mehr gefallen lassen..." Im Namen der Volksgemeinschaft!„Wer sich nicht außer- halb der Volksgemeinschaft stellen will...: Hände a»S den Hosentaschen!" Queilgcund und Sammelbecken Aufgaben der deutschen Frau in der Phrase Dresden. 7. Okt. jJnpreßj. Im Naziblatt„Der FreiheitS- kämpf" erscheint ein Nachwort zum Parteitag in Nürnberg für die deutsche Frau, in dem es heißt: „In der rasch zusammengerufenen Versammlung der Frauenschast sprach Kultusminister Tchemm in zündender Rede über die Aufgabe der Frau, Ouellgrund und Sammelbecken für die seelischen Kräfte zu bleiben, die letzten Endes auch die Pfeiler des Staates tragen" Dr- Groß, Leiter des Auiklärungsamtes für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege,„ließ jenen tief innerlich zarten Seelenkrästen der Frau volle Gerechtigkeit- widerfahren"...„Und dann schwillt der Jubel auf. Jubel deutschen Herzens, dasseinen Herzog grüßt." Nach diesen klaren Analysen wird nirgendwo mehr eine Unklarheit über die„Ausgabe der deutschen Frau" bestehen. Jedec 7 lazi ein Chcislus Welchem Grad der Lächerlichkeit die„Kultur" der national- sozialistischen Presse erreicht hat, beweist das Hanptorgan der NSDAP, für den Gau Baden,„Der Führer". Er ver- öffentlich» folgende«:„Die nationalsozialistische Revolution ist im geistigen Sinne ein kosmisches Ereignis er st er Ordnung. Wohl hat die Welt große Einzel- menschen von göttlicher Durchdrungenheit schon gesehen, z. B. die großen Rcligionsstister, die Propheten, Christus selbst, den sleischgewordenen Geist, aber daß ein ganzes Volk von diesem kosmischen Bewußtsein von einer neuen Ftthrerschicht her ersaßt und durchdrungen wird, das ist bisher in der Menschheitsgeschichte ohne Beispiel..." Daß Irre aus jedem hirnlosen Nazi-TchreihalS einen Christus machen und ihre Delirien veröffentlichen können, ist in der Geschichte wirklich ohne Beispiel. SM Hitler-Propaganda in USA. Der deutschameritanische Schriftsteller Kurt Sell ist in den Dienst der amerikanischen Propaganda für Hitler ge« treten. S e l l ist durch seine Rundfunkreden„Worüber man in Amerika spricht" bekannt geworden. Er veröffentlicht nun im„Dentschen" einen langen Artikel, in dem er erzählt, Amerika beginne sich„auf sein Angelsachsen- und Germanen- tum zu besinnen". Insbesondere legt Sell Wert darauf, de« langen und breiten darzustellen, wie sehr Amerika anti- semitisch geworden sei: der Antisemitismus Amerikas sei durch die Losungen„Gentiles only" jNur Nichtchristen!) und „Gentiles preferred" jEhristen vorgezogen!) gekennzeichnet. In Wahrheit stammen diese Losungen vom Kukuxklan, der nun also zu Hitlers Vorkämpfern in Amerika gehört. Der Deutsch-Amerikaner Sell, dessen Antisemitismus übrigen» erst sehr jungen Datums ist, behauptet, baß das Wort „Gentile" das amerikanische Wort für„Arier" sei. In Wirk- lichkeit heißt das Wort„Ehrist" und kommt in der englischen Bibel vor, die zu Zeiten ins Englische übersetzt wurde, in der es der Begriff„Arier" gar nicht gab. Zwei£ieblinçe Hitler und Karl May Der Karl-May-Berlag, Radebeul bei Dresden, plakatiert im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel Hitler« Be- kenntni« zu Karl Man und schließt mit dem BerS: „Bleibt Dir eine Stunde frei. Nütze sie und lies Karl May!" Das Ganze hat die Ueberschrift:„Deutsche JungenS hört her!" JCciü&us in Angst „Ja iituarischen^Bereichen Aeccscht Unsichuheit" Die Kunstkritiker im„dritten Reich" haben kein eignes Urteil, sie haben Angst. In schweißtriefenden Nächten träu- wen sie b von, ein Mal-, Ton- oder Dichtwerk verrissen zu haben, das Herrn Hitler oder Göring oder GöbbelS oder mnft einem der zweihundertneunundneunzig neudeutschcn Diktatoren wohlgefällt. Folgen könnte so ein Mißgriff haben — nicht auszudenken! Vom Hinauswurf aus der Redaktion bis zum Konzentrationslager liegt jede Strafe im Bereich ber Möglichkeiten. Also loben die gehorsamen Presserekruten, entschlossen, bis dum äußersten auf ihrem Pöstchen auszuharren, jedes bräun- iich schillernde Machwerk mit triefender Feder. Schon jetzt deigt sich der Erfolg: die Unkunst triumphiert, der Boden „nationaler Erneuerung" wird mit einem Mist gedüngt, der iium Himmel stinkt. In jedem Vorstadttheater, auf jeder Dilettantenbtthne, in jedem neuerschienenen Gedichtband riecht ks nach Scholle, bäumt sich Germanenblut, blitzen blaue Augen herrisch durch blonde Wimpern. Zaghaft erheben sich die ersten warnenden Stimmen— und verhallen ungehört î» der gleichgeschalteten Zeitungswüstc. Im Septemberhekt der„Literatur"(Stuttgart) erhebt Achim v. Plötz beschwörend die Hände: „Allenthalben in literarischen Bereichen berrschtUnsicherheit... Innerhalb der Literatur- kritik fehlt eS an Köpfen, die a»S innerer Notwendigkeit so schreiben, wie sie schreiben. Die weitaus größte Zahl hat an der„Orgie der Gleichschaltung" teilgenommen... da- durch wird die Anerkennung und damit auch der Erfolg halbwertigcr Schriften ermöglicht, die Gefahr eines Oualitätsschwundes im zeitgenössischen Schrifttum in drohende Nähe gerückt." Der Schreiber befürchtet, daß„eine Hochflut nationalen Kitsches in der Dichtung über uns hereinbrechen könnte". K ö n n t e? Sie i st schon hereingebrochen und hat das ganze braune Land überschwemmt. Adolf von Grohmann, der sich ebenfalls— in Will Vespers„Neuer Literatur"— als Mahner aufspielt, lie- sert gleich selbst einen Beweis für die Liebedienerei de» gleich- geschalteten Schreibertums. Er versucht die Kennzeichen „wahrer Volksbücher" aufzuzählen und warnt vor dem un- echten„Stammeln und Kreischen" der nur Gesinnung«- tüchtigen. Am Schluß lobt er einige Verfasser guter Volks- bûcher und nennt an erster Stelle— K a r l M a y, H i t l e r« Hosdicht e rl In einem Atem mit Gottfried Keller Peter Hebel, Wilhelm Naabe. Wenn Hitler morgen E o n r t h s- Maler bevorzugt— und gar so ausgeschlossen ist das gar nicht—, wird übermorgen die gesamte Lakaienpresse von Hos bis Hamburg vor dieser Dame auf dem Bauche liegen. Jcaqe mich ,7la<ü! Cin politisches Jcage= and Antwoctspiel Die deutsche Spielwareninbustrie ist heute eine wichtige Institution zur Vertiefung des national- sozialistischen„Gedankengutes". Sie produziert eine Menge von nationalen Spielen, um die Jugend völ- kisch zu ertüchtigen. Wir schlagen ihr vor, auch das folgende Frage- und Antwortspiel herauszubringen. Was ist schuld an Deutschlands Nieberbruch?— Der Marxismus. Was ist das Merkmal eines Untermenschen?— Sein llichtarisches Aussehen. Was hat van der Lübbe dazu bewogen, den Reichstags» brand zu legen?— Seine verbrecherische Gesinnung. Welches ist die Hauptsorge des Propagandaministers Röbbels?— DaS kulturell« Niveau des deutschen Volkes. Was muß dem DA.-Mann heilig sein?— Der Auftrag der nationalsozialistischen Führer. Was ist eine plumpe Fälschung?— Die Berichterstattung ber ausländischen Presse«ber da»„dritte Reich". Was sinkt unaufhaltsam unter Hitlers Herrschaft?- Die Arbeitslosenzahl. Was hat die Welt aufgerüttelt?— Hitlers einzigartige Leistungen. Was wird schließlich über alle Feinde triumphieren?— Hakenkreuz. » ^Dieses Spiel werden aber auch die Antifaschisten in Deutschland ganz gern spielen. Man braucht nämlich bloß 'e Antworten ein wenig anders zu gruppieren, um die Wahrheit zu erfahren: WaS ist schuld an Deutschland« Niederbruch?— Hitler» einzigartige Leistungen. Was ist das Merkmal eines Untermenschen?— Das Hakenkreuz. Wa» hat van der Lübbe dazu bewogen, den Reichstags- brand zu legen?— Der Auftrag der nationalsozialistischen Führer. Welche» ist die Hauptsorge de» Propagandaministers GöbbelS?— Sein nichtarisches Aussehen. Was muß dem SA.-Mann heilig sein?— Seine ver- brecherische Gesinnung. Wa« ist eine plumpe Fälschung?— Di« ArbeitSlosenzahl. Was sinkt unaufhaltsam unter Hitlers Herrschaft?— DaS kulturelle Niveau deS deutschen Volke». WaS hat die Welt aufgerüttelt?— Die Berichterstattung der ausländischen Presse. Was wird schließlich über alle Feinde triumphieren?— Der Marxismus. Karo. Am einen Despoten Teuflischer Heuchler! Du machst mit der Rechten da» Zeichen des Kreuzes. doch mit der Linken inde» schlägst du die Völker an» Kreuz. August Gras von Platen(1706—1885). >».-.»>>. t PAS BlINfE BIATI NUMMER 9 Si- 1. JAHRGANG; TÄGLICHE UNTERHALTUNG S> BEILAGE D IE N1S T A 01,1 DEN 1 OL; OjK TjOlB E Rj 19 3 3 Adelheids fieg Von fdittk(Rode Sie hieß Adelheid. Und hatte die selbstverständliche Schön- heit ihrer drei Monate. Wie ihre Mutter hieß, weiß ich nicht. Sie sah aus, als hätte sie überhaupt keinen Namen. Ihr Vater hieß Josef. Josef Erche war Weinbauer und hatte einen Ausschank, und jedermann mußte ihn ansehen, wenn er in seinem eigenen Wirtshaus mit Gläsern und Flaschen von Tisch zu Tisch ging, oder wenn man ihn ab und zu einmal in seiner dicken Jacke und mit dem runden Hut auf dem Kopf in einem Nachbardorf begegnete. Natürlich war er sonnverbrannt, das waren sie alle in dieser Gegend, Männer und Frauen, und wohl war seine Haut gleichmäßig und glatt, wie ein gut eingerauchter Pfeifenkopf— aber nicht das zog aller Blicke auf Josef Erche. Auch nicht die emailblauen Augen, die gerade Nase oder die weißen Zähne, es war alles zusammen, und dann seine Gestalt, die von Manneskraft strahlte. Aber wer den großen Josef nicht gesehen hatte, wenn er seine braunen Finger in Adelsheids winzig kleines, geballtes Händchen steckte, hatte ihn doch nicht in seinem vollen Glanz gesehen. Es war, als ob die Milde im Ausdruck dazugehörte, damit seine Schönheit sich ganz entfalten konnte. Es gibt so viele Gestalten der„Mutter". Der eine oder andere Maler — oder noch Keffer— Bildhauer sollte Joses Erche sehen und den»Vater" schaffen. Welch teuflische Eingebung— oder welch brennende Sehn- sucht führte Evy ins Dorf zurück, zurück aus der großen Stadt, wo sie vier Jahre verbracht und ihr Glück gemacht hatte, und wo sie auch weiterhin die brave Evy daheim ge- blieben war, die Freundin der jungen Mädchen— jetzt Frauen, der Abgott der jungen Burschen— jetzt Männer. Evys und Josefs Hände begegneten sich in einem frei- wütigen Händedruck, und ihre Lippen lächelten, aber ihre Augen glitten mit starkem, sehnsüchtigem Tuchen ineinander: Weißt du noch...? Weißt du noch? Evy sollte drei Wochen zu Hause bleiben. Das war nicht lange, wenn man vier Jahre weg gewesen war. Aber es war lange genug, damit Adelheids Mutter noch einge- sunkener aussah, und lange genug, damit Josefs Blicke ver- wirrt und unruhig wurden, und die Furchen um seine Mundwinkel tief und unheilverkündend. »Ich bin dir treu geblieben," sagte Evy und sah ihn mit starken, sehnsüchtigen Augen an,„aber du?" „Du weißt ganz gut, für mich gibt es keine andere als dich," erwiderte Josef und machte eine mutlose Bewegung mit der Hand. Evys Augenbrauen zogen sich zürnend zusammen. »Deine Frau?" sagte sie. Aber da schüttelte Josef den Kopf. „Sie nicht." Aber vor ihr. sie ganz verdeckend, das Kind, Adelheid, baS er vielleicht um so mehr liebte, als es ohne Liebe zur Welt gekommen war, und nun Anspruch auf so furchtbar viel Liebe hatte. Aber all das wußte Josef nicht, oder er machte es sich nicht klar und konnte es Evy nicht klarmachen. „Verkauf dein Geschäft hier, oder gib es deiner Frau," sagte sie hochgemut und flammend.„Du und ich, wir sind jung, und wir haben uns lieb." Das Blut wich aus Josefs Gesicht, und er ballte seine Hände, so daß sie ganz weiß wurden. „Wir haben nie aufgehört, uns lieb zu haben," sagte Evy stark.„Nicht dein Vater und deine Mutter konnten uns zwingen— und nun sind sie tot— wir sind frei. Komm! Fahr mit mir, Joses! Hab keine Angst! Komm!" >» Josefs Kopf war tief gesenkt und sein Gang schleppend, als der Zug aus der Halle gedampft und Evy allein in die große Stadt zurückgekehrt war, von der sie— das hatte sie gesagt— nicht mehr allein zurückkehren würde. In sich versunken und sehr sanft steckte er seine braunen Finger in das kleine weiße, geballte Händchen seines Kindes... Abelheid sah ihn seelenruhig an. Sie war drei Monate alt. Und hatte schon über eine» Mann in seiner vollen Manneskraft gesiegt. ^Autorisierte Uebersetzung aus dem Dänischen von Marie Franzos.) SOO Jilensdten Gönnen nidht ertwadken f Seit dem 80. Juli zittert jeder Einwohner von St. Louis in den Vereinigten Staaten vor der Schlafkrank- heit. Erst fand man drei Neger, die nicht mehr aus ihrem Schlaf zu erwecken waren. Heute sind rund achthundert Menschen erkrankt, zwciunbsechzig von ihnen sind bereits tot. Jene aber, die man einigermaßen heilte, zeigten erhebliche geistige Störungen. Die Vermutung, baß es sich um die bekannte echte Schlafkrankheit handelt, gegen die man das Hilfsmittel„Bayer 205" gefunden hat, bestätigte sich nicht. Die Behandlung mit diesem Mittel war infolgedessen erfolglos. DaS Gesundheitsamt in Washington hat die besten Bakteriologen nach St. Louis beordert, um den Erreger der geheimnisvollen Krankheit zu finden. Wenn sich die Nachricht bestätigt, daß jetzt eine junge Aerztin, Dr. Margarete G. Smith, den Erreger isoliert hat, durfte man auch dem Ziele der Bekämpfung der seltsamen Krankheit näher- kommen. Die Opfer der Krankheit liegen noch immer in trostlosem Zustand in den Krankenhäusern. Sie sind streng von den anderen Kranken abgesondert, Aerzte, Wärter und Pflegerinnen schützen sich sogar durch Nasenschützer, weil man den Erreger in den Nasenschleimhäuten entdeckt hat und an- nimmt, baß er seinen Weg in den Körper durch die Nase nimmt. Die Kranken klagten über Schmerzen in der Stirn- höhle, bevor sie in den langen Schlaf verfielen. Die mit geistigen Defekten genesenden Kranken weisen eigentümliche Erscheinungen auf. Das Endstabium des Dauerschlafs äußert sich in einem Zustand taumelnden Gehens. Tie Kranken sind unfähig, sich zu konzentrieren. fuppcnirflrfcf auaWalfisdkfteistfk Die norwegischen schwimmenden Walfischfabriken ver- wenden in diesem Jahr erstmalig ein neues Verfahren, um aus dem bisher weggeworfenen Walfischfleisch ein Waltran- mehl herzustellen, das dann später zu Suppenwürfeln ver- arbeitet werden kann. Dieser Tage hat in Oslo ein Fest- essen mit geladenen Gästen stattgefunden, in dem der neue Fleischextrakt ausprobiert wurde. Die norwegische Presse glaubt, daß die neuen Suppenwürfel einen der größten Ex- portartikel Norwegens bilden werden. Koniamava ROMAN VON l0NAZlO SlLONE Nun begann für ihn wieder ein Leben voller Mühsal. Es begann wieder mit Arbeitslosigkeit, mit dem alten Hun- ger, der nie aufhört. Das Leben wurde schwerer, von Monat zu Monat immer noch schwerer. Niemand hätte angenom- men, daß das neue Regime sich sieben Jahre halten würde, und doch hält es sich seit sieben Jahren. Rom ist unerträglich geworben. Jeder Tag bringt ein anderes, jeder Tag bringt ein neues Gesetz. Sicher hat jede neue Regierung viele neue Gesetze gemacht, aber die jetzige macht jeden Tag ein neues. Seit vielen Jahrhunderten regierten die Päpste mit fünf Gesetzen, mit den fünf Kirchenrezepten. Garibaldi brachte nach dem Zug der Tausend nur drei neue Gesetze: das Ge- setz des Messers, der Blutrache und der passatella. Das heutige Regime dagegen hat für jede Sache ein Gesetz. Es gibt eines, das verbietet, von bestimmten Dingen zu spre- che», an die Mauern zu pissen, links zu gehen, nachts zu singen, die Trambahn vorne zu besteigen? es gibt ein Gesetz für Ehegegner, ein anderes für bestimmte Berufe, ein drit- tes für Versammlungslokale, ein viertes für Streitsragen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern..." Je mehr Gesetze, umsomehr Elend. Je mehr Elend, umso- mehr Gesetze. Rom ist wahrhaftig unerträglich geworden. Die Luft ist verpestet. Die Luft Roms stinkt. Viele Versuche wurden gemacht, um diesem Gestank beizukommen, aber alles war vergebens. Einer sagte: der Gestank kommt viel- leicht von den Mäusen. Der Stadtrat erklärt ihnen den Krieg, verteilte Gift zu ihrer Vernichtung, und Taufende und Abertausende von Mäusen wurden vernichtet. Aber der Gestank blieb. Ein anderer sagte: der Gestank kommt von den Fliegen. Der Stadtrat erklärte daraufhin den Fliegen den Krieg, verteilte an alle römischen Bürger Pulver und Flüssigkeiten zu ihrer Vernichtung und es wurden ihrer ich weiß nicht mehr wie viele Millionen— umgebracht... Aber der Gestank blieb. In gewissen Stunden des Tages ist er so stark, daß man kotzen muß." „Wovon kommt er wirklich? Vielleicht vom Schmutz?" fragte Michele. „Niemand hat den Ursprung des römischen Gestanks ent- decken können," gab der Prophet zur Antwort. In den Volksvierteln, in Trastevere, Testaccio, San Lorenzo ist er weniger stark. In Prati, dem Beamtenviertel, ist er schon auffallender, aber immerhin erträglich? pestartig und grauenhaft ist er dagegen im Zentrum, in der Gegend der Ministerien und um Tankt Peter... Wovon er kommt? Wer weiß es. Man hört auch sagen, er komme vom Alter der Stadt. Eine ewige Stadt müsse auch eine stinkende sein. Man hört auch sagen, er käme von den Stoffen, Anzügen, Federn, Helmen, Panzern, die die heutige Regierung aus den Museen geholt hat, um davon Uniformen für Minister, Gesandte und Türsteher zu machen. Man kann auch hören, daß die Kanäle verstopft seien.... Man hört auch viele an- dere einleuchtende Gründe, aber eine Tatsache ist unum- stritten: der Gestank bleibt und wird täglich stärker... Dabei entdeckt die Polizei jede Woche neue Verschwörungen. Ganze Arbeiterviertel werden nachts von Tausenden be- wasfneter Männer überschwemmt: die Häuser werden von oben bis unten durchstöbert. Hunderte werden in die Ge- fängnisse geschleppt... Keiner erfährt je den Grund. Jeder weiß, daß ihm daè Gleiche passieren kann. Viele haben Angst. Die Angst in Rom ist zu einer Krankheit, einer Epide- mie geworden. Es gibt Tage und Wochen einer allgemeinen Panik. Es genügt, jemand auf der Straße oder in der Wirt- schaft scharf anzusehen, damit dieser kreideweiß forteilt.., Warum? Aus Angst." „Angst, wovor?" fragte Berardo. „Aus Angst vor der Angst." „Aber wovor denn Angst?" beharrte Berardo. „Niemand weiß, wovor. Einfach aus Angst. Wenn die Angst sich einer Bevölkerung bemächtigt, gibt es dafür keine Erklärung mehr. Diese Krankheit überkommt jeden Men- schen und schüttelt ihn von oben bis unten. Daher fürchten sich nicht nur die Feinde des Regimes: die andern, die söge- nannten Faschisten, fürchten sich«och viel mehr. Auch sie Junge Jrau von 1933 Von Alice Kraus Ich sah im Traum mein ungeborenes Kind. Es spielte mit Blüten im Sonnensckein, Seine hellen Haare flogen im Wind, Da fragte ich:„Willst du geboren sein?" Das Kleine blickte mir klar ins Gesicht Und sagte:„Mutter, ich weiß es noch nicht. Erzähl' mir, wie ist es im Leben drin, Wenn ich als Mädchen geboren bin?" „Erst bist du ganz winzig, ganz klein und ganz mein. Da hüll' ich in laoter Liebe dich ein. Tausend Tränme tanzen in bunten Schuh'n, In Stille und Sicherheit darfst du rnh'n." „Und weiter," drängte das Kind,„sag bloß, Wie wird das sein, wenn ich wirklich groß?" Da stand es, zart, zwischen strahlenden Blüten.., „Wenn dn groß bist, mein Kind, kann ich dich nicht hüte«. Gefahren und Sorgen und Kummer sind dein. Und du bist allein, mntterseelenallein. Vielleicht bist dn arm, vielleicht mußt du dienen Bei fremden Leuten, vielleicht an Maschinen. Den Nacken gebeugt und die Hände gespannt» Bor brennenden Augen das lausende Band, Um müde zu werden und alt und verbraucht. Doch wenn der Schlot der Fabriken nicht raucht, Als Arbeitslose erhungern— das eben, Mein Kind, ist für ein Mädchen das Leben." Da weinte es leise und fragte dann: „Sag, Mutter, und wie ist das Leben als Manu?" „Genau so... Vielleicht wirst du einmal Soldat," Da kannst du schön bunte Kleider haben. Dann kommt die Kaserne, der Schützengraben. Der Tod ist gierig, der Tod wird nie satt. Du hast so gerne geatmet, die Luft! Hast hell gesungen aus lebenden Lungen. DaS Giftgas erstickt dich in engender Gruft, Bon tausend Todcn qualvoll umschlungen. Zwischen Stacheldrähten auf ödem Plan— Das droht dir als Mann."» Da sprach mein ungeborenes Kindchen:„Nein! Wenn du mich lieb hast, laß mich nicht geboren sein." Süthen nitht verlernen Zeugenvernehmung.„Tie behaupten also, daß ihnen 38 Gegenstände gestohlen worden sind?" „Jawohl. Herr Nicbter, das ist auch so." „Wollen Tie mir mal angeben, welche Gegenstände daS sind?" «Gewiß— ein Korkenzieher und ein Spiel Karten." Der Irrtum Federmann ist eingeladen. Die Hausfrau hat den Laut- sprecher angestellt und alsbald erfüllt virtuoses Klavierspiel das Zimmer. „Das ist Paderewski," flüstert die Hausfrau. Jedermann wirft einen Blick aui den Apparat.„Ich glaube, Sie irren," sagte er dann.»Es wird Königswuster- hausen sein." Der Höhepunkt „Nun, hast du mit deinem Vortrag Erfolg gehabt?" „Ja, aber nur an einer Stelle!" „Wann war denn das?" „Als ich sagte: Meine Damen und Herren, ich bin jetzt am Ende meiner Rede— da brauste der Beifall los." f»Allers Familj Journal".) wissen und sagen, daß es nicht so weitergehen kann, und haben Angst. Warum morden sie ihre Gegner? Aus Angst. Warum erhöhen sie fortwährend die Zahl der Polizisten und der Miliz? Aus Angst. Warum schicken sie Tausenbe und Abertausende von Unschuldigen aus die Galeeren? Aus Angst... Mit ihren Verbrechen wächst ihre Angst. Und mit ihrer Angst wachsen ihre Verbrechen." »Ist die Regierung denn stark?" wollte Michele wissen. „Ihre Angst ist stark," antwortete der Prophet. „Und was sagt der Papst dazu?" fragte Marietta. „Der Papst hat Angst... Der Papst hat von der neue» Regierung zwei Milliarden genommen, hat sich Automobile gekauft, ein Radio eingerichtet, hat sich, obwohl er nie reist, einen eigenen Bahnhof bauen lassen, mit anderem Luxus angefangen und dies alles beginnt ihm nun Angst einzu- jagen,... Tie Kirchen und Klöster Roms haben von ihm ein Schreiben bekommen, daß sie mehr Armensuppen ver- teilen sollen. Es ist die Angstsuppe. Am Institut„Fate-bene- fratelli" gibt es seit kurzem jeden Donnerstag zur Minestra eine Speckschwarte. Es ist die Angstschwarte. Aber es braucht viele Suppen und Schwarten, um zwei Milliarden vergessen zu machen..." „Und wie leben die Provinzler in Rom, wie leben sie jetzt?" fragte ich. „Den reichen Abruzzesen geht es gut, den armen schlecht und alle haben Angst. Die Polizei hat unter den arme» Leuten eine Razzia begonnen. Es ist die Razzia der Angst. Tie Polizei hebt jede Woche an die Hundert aus und schickt sie in ihre Heimatorte zurück. Es sind Leute darunter, die feit dreißig und vierzig Jahren in Rom lebten, deren Tör- fer 1915 beim Erdbeben zerstört wurden und deren Fami- lien umgekommen sind: die Polizei hat sie aufgegriffen und aus„Gründen der öffentlichen Sicherheit" wieder daheim eingebürgert. So ging es auch Peppino Goriano, er wurde genommen, mit Amtspapieren versehen, in den Zug gesetzt und gezwungen, nach Fontamara zu fahren, von wo er vor 35 Jahren weggezogen war... Und so ist er heimgekehrt!" „Bist du Peppino Goriano?" fragte Marietta voller Angst. „Bist du der Held von Porta Pia?" fragte ihn Generale Balbissera. Er war e«. Pariser Spaziergang Ein Artistenheim für Arbeitslose Fur die arbeitslosen Artisten der Konzert- und Musik- hallen und des Zirkus wurde 32, Rue de l'Echiquier im Montmartre ein Artistenheim vom französischen Arbeits- Ministerium eröffnet, in dem die hungernden Tanger, Clowns und Tänzer für 3 Fr. essen können. Das neue Heim heißt„Chez Moi"(„Bei Muttern"). Die Badedame und die Stimme »Eine männliche Stimme von oben", befahl der fugend» lichen Frau Madeleine, Badedame, sich unverzüglich in ein besseres Heim der Avenue des Champs Elysees zu begeben, wo sie zu der Concierge ging und diese Ahnungslose nach der Toilette fragte. Von diesem diskreten Ort rückte sie in die Wohnung vor. Die Concierge, argwöhnisch weil sie die ungewöhnliche Besucherin nicht wieder sah, holte einen Schutzmann. Der Schutzmann und die Concierge suchten das Haus ab. Im 3. Stock stand eine Tür halb offen. Der Schlüssel steckte im Loch, denn dort waren die Maurer tätig gewesen. Und wen fand man in der Wohnung? Die Badedame, mit der Stimme von oben, im Bett des braven Hausherrn, Her abwesend war. Madeleine, aufgeweckt und wieder angezogen, wurde ins Polizeirevier gebracht, das sie in eine Nervenheilanstalt be- förderte. Die falschen Matrosen und die Sittlichkeit Das„dritte Reich" und die dritte Republik halten sich gegenseitig für sittlich verbastardiert. Der normale Schul- meister aus Zella-Mehlis und der Kaffeetisch in Aurich halten Paris für ein modernes Babylon, und der Bewohner des Sttnbenturms hält die Hauptstadt des Hauptmanns Nöhm für ein modernes Sodom. Sicher ist, daß der korsische Polizeipräsident Chiappe mit viel stärkerem Nachdruck gegen gewisse Knaben auftreten kann, als sein Berliner Kollege, der Admiral v. Levetzow, im„Admiralspalast". Nichts fürchtet man in Paris so, wie, daß der Inhalt gewisser „Nachtkästen", die Hitler geschlossen hat, sich über das Pariser Trottoir ergießt, und die Uebertragung gewisser Sitten, die er beibehalten hat, aus die Pariser Jugend.„Was nützt es," so ähnlich klagt als Sitten-Hiob Clement Bautet in einer seiner täglichen Predigten,„wenn die Berlinerinnen sich nicht mehr schminken, so lange sich dort gewisse süße Cocos die Lippen malen,"— unter hohem Oberkommando, ver- steht sich. Auch ein weit verbreitetes Allerwcltsblatt, wie „Je suis partout" ist außer sich,' es dürfte nicht dahin kom- men, daß das Paris von 1934 dem Berlin von 1924 snota- bene: nach der Inflation des nationalen Cuno) ähnlich werde. Also von allen Seiten fordert man die Entwaffnung der falschen Matrosen, von denen einer den Nachtbarkönig Du- srenn« ermordet hat, und wenn man jetzt auch wieder einen von ihnen verhaftet hat, so stellte man doch immer wieder neue Rätsel fest. Nach einer Ueberschrift des„Jour", der neuen Tageszeitung, die die Parole:„Frankreich den Fran- zofen" ausgibt, sitzen die„richtigen" falschen Matrosen im Flottenverein, der kürzlich in Saarbrücken getagt hat, und ich gebe zu, baß auch diese Ansicht ihre Berechtigung hat. Wie dem aber auch sei, der Frage der Pariser Unsittlichkeit ist schwer bcizukommen. Ter Fremde beurteilt Paris immer noch danach, daß ihm am Cafe de la Paix oder mit Vorliebe vor dem deutschen Verkehrsbüro ein paar Guides unter dem Kampfruf„Lublu" ein paar nackte Bilder anbieten. Der wirkliche Zeitbeobachter weiß, daß Paris eine durchaus bttr- gerlich-sittliche Stadt ist und daß die Pariserin sich in ihrer Art weit über die Ansprüche des„dritten Reiches" erhebt— auch über die Sittlichkeit von„des Führers Filmschau- fpielerin" Lent Riefenstahl, die vordem sehr stark mit dem „System" zusammenhing und in Frankfurt einen jüdischen Freund hatte- Die Unsterblichen und die Wälzer Neuerdings ist in Paris von einem Unsterblichen ein neues Modewort ausgegeben worden. Marcel Prévost von der Academic hat den„schwatzhaften Roman", den„Roman bavard" attakiert, den sogenannten„Wälzer", und dieses neue Modewort hat stark die öffentliche Meinung aufge- rührt. Einige Nichtverehrer der neuen Textrezepte führen insbesondere„Anna Karenina" von Tolstoi und die sjetzt verfilmt)„Miserables" von Hugo vor Auge»— Victor Hugo ist überhaupt sehr jn Mode, und neuerdings, da die Rechts- anwälte dichten, hat man ihn auch als Anwalt entdeckt: er war seinerzeit ein heftiger Gegner der Todesstrafe und bat mannhaft gegen die Eomedie für seine Autorenrechte ge- kämpft. Doch davon abgesehen, Marcel Prévost, der Unsterbliche, gibt nicht zu, daß das ein schwatzhafter Roman sei. Das fei nur ein beredter Roman— dièse Tragödie des Menschen, der für Kinder Brot stiehlt. Von„Anna Karenina" gibt er aller- dings glatt ein Viertel preis, das ganze Landleben, und da Pariser Berichte Dautsche medizinische POLIKLINIK 14», Bd. M u rat. RAR IS Métro i Port* do St. Cioud Autobus i AS I'.m. t, 2, 1A 121.114 ÄRZTLICHE LEITUNG: Aerzte der Berliner und Pariser med. Fakultät Spo zio I-Är z te(Gr Frauen- und Kinderkrankheiten, Haut- und Ceidileditikrank- heiten, Chirurgie OHREN-, AUGEN-, NASEN- UND HALSLEIDEN Höhenlonne- Diathermie, Röntgen- u. chemiiches Laboratorium. Solloiidlung llmllldiorjror>ir-»»»r>ml1qi!»dor Zahnärztliches Kabinett Empfang von 10—12 und 15—20 Uhr Sonn- und Feiertags von 10—12 Uhr Kinderpension • n dar französischen Riviera von erfahrenem deutschen Arzt geleitet, nimmt Kinder Jeden Altere. Mütterliche Pflege, ärztliche Ueberwachung. bette Ernährung, gymnast und d»v. Sport. Kleine Preise. Höhere Schule am Ort Angebot, an die„Deutsche Freiheit" uni Nr. 322 VILLA billig zu vermieten. sehr gut möbliert, 7Zun.jeglicherComfort, schöner Garten am Bois de Boulogne* 333 TELEFON MOL. II- 50. Restaurant (Zentrum von Paris) in vollem Betrieb wegen Krankheit des Besitzers zu verkaufen. Zuschriften an Publ MetzJ. Paris, 51. rueTurbigo Nr. 777 Kl. Familie sucht anstand. Hausmädchen Referenz, u. Bedingungen schriftii-h erbeten unt Nr. 768 an Publ. METZL. 51, RuedeTurbigo, Paris.(411 Das Braunbuch sofort lieferbar. Bei VoreinsendungdesBe» tiages. Preis geheftet einschließlich Porto in Fraekreicb 19, JO Fr., gebunden 26,80 Fr. Nach dem Ana la ad: geheftet einschließlich Porto 22,00 er» gebunden 30,00 Fr. Nachnahmesendung entsprech. Zuschlag Librairie Populaire STRASBOURG 2, rue Sedillot bei der Bourse tfc 99 Töten Sic midi! Sensallonsprozeß in Marseille Vor dem Schwurgericht in Marseille wird demnächst ein ungewöhnlicher Prozeß stattfinden. Ein arbeits- loser Sparkassenbeamter ist angeklagt, seinen ehemaligen Kriegskameraden, einen Konservenfabrikanten, erschossen zu haben, um sich in den Besitz einer sonderbaren„Prämie" zu setzen. Die Vorgeschichte dieses hochinteressanten Kriminal- salles erzählen zwei Briefe. Lieber Herr Bujae!« Wir haben uns lange nicht gesehen. Die furchtbare Zeit liegt hinter uns, deren Devise Mord war. Es ist schrecklich, sich daran zu erinnern. Nervenauspeitschenb, an jenen 17. Juni 1917 zu denken, an welchem wir Schulter an Schulter kämpfend, der deutschen Uebermacht standhielten. Die Hölle auf Erden war jener Siebzehnte und wir waren alle dem Tode nahe. Wir kämpften gegen unsichtbare Feinde— oder waren es Freunde— zum Heile des Vaterlandes. Nacht war um uns. Regen, Donner, Blitz. Und die Granaten suchten nicht lange nach Opfern. Ein Schrei, ein markerschütternder Schrei, Neben mir, mein Kamerad Bujae, Sie, mein Lieber, lagen neben mir, und Blut, Blut, Blut färbte die Erde rot. Schon hörten wir das Hurra-Geschrei der vorstürmenden deutschen Infanterie: Ich war erstarrt. Traumverloren. Mein Gewehr lag irgendwo im Dreck. Ich griff nach einer Handgranate und schleuderte sie weg: Rache für meinen Kameraden Bujae.„Rette mich!" schrieen Sie. Und ich nahm Sie auf meine Schulter und trug Sie weit, weit. Ich rannte mit meiner Last. Ihr Blut rann über meine Wangen. Sie waren bei vollem Bewußtsein und trieben mich an:„Weiter! Weiter!" Ich war in Schweiß gebadet, zitterte am ganzen Körper, ich. sah nichts mehr, meine Augen waren wie er- blindet. So kam ich mit Ihnen zur Santtätsstation. Der Arzt meinte:„Eine halbe Stunde später— und es wäre zu spät gewesen" Auch ich wurde—an Lungenentzündung erkrankt— ins gleiche Lazarett gebracht wie Sie. Bett neben Bett lagen wir. Zwei unzertrennliche Kameraden. „Diese Rettung, Grois, werde ich Ihnen nie- malS vergessen. Ohne Sie wäre ich längst nur noch ein Frankreich den Ton in der Literatur angibt, hat dieses Lob der kurzen Prozesse sicher seine Wirkung. Für den Gegenwartsstil hat der große Prévost sicher recht, ob auch für die Vergangenheit? Ach, es ist schwer, einen schlechten Witz zu unterdrücken: Jn Deutschland werden die jüdischen Bücher verbrannt, in Frankreich die christlichen be- schnitten. Athleten, Boxkampf, Luftmatch Neulich haben die deutschen Schwerathleten gegen die sran» zösischen Sportler mit 83 gegen 68 Punkte gekämpft und in der Wochenschau im Kino standen die Emissäre Hitlers stolz und steil mit erhobener Hand da. Ganz anderer Art, natür- licher für Paris, war der Boxkamps zwischen dem Deutschen Seelig und dem Belgier, denn Seelig ist ein Vertriebener und hat in Deutschland keine Äatte mehr, so gerne er viel- leicht einem Gleichgeschalteten einen richtigen Upercut oder abgeriebenen Kinnhaken versetzen würde— aber die stellen sich ihm wohl nicht mehr? Mit einiger innerer Beklemmung betrachte ich auch den sonntäglichen Luftmatch, den der frühere deutsche Orientfltegcr Fieftler, der auch manche Franzosen abschob, als Luftakrobat mit dem 27jährigen. Franzosen Drefroyat auf'dcm Pariser Flug im Villecoublay ausführt. Aus Spaß kann leicht Ernst werden. Ein großes Boulevardblatt,„Jntran", hat eben, gerade im rechten Augenblick, Heinrich Heines Kapitel aus dem Buche„De l'Allemagne" veröffentlicht, in dem er die Fran- zofen beschwört, auf der Hut zu sein, besonders vor einer deutschen Diktatur. Diese Worte haben nichts von ihrer Ak- tualität verloren. Heinrich Heine liegt in seinem Mont- martîe-Grabe, und auf seinem Steine, den die Preußen zer- stören würden, wenn sie könnten, stehen die Worte:„Wo wird einst des Wandermüden— letzte Ruhestätte sein?" und ich glaube, heute, wenn die Propeller surren, wird der größte der Emigranten feine Mahnunglviederholen, aus der Hut zu sein— besonders vor einer deutschen Diktatur! „Zwetschenfürst" und anderes Die französische Académie hat wieder einige neue Wörter in das Dictionnaire aufgenommen: vor einigen Tagen „potache" lPännäler"), jetzt u. a.„principule" s„Zwetschen- sürst") und eine neue Erklärung des Wortes„priorité" Der erledigte Sitz des Abbe Bremond bleibt einstweilen un- besetzt- Baptiste. Kabaver." Das waren Ihre Worte. Lieber Kriegskameradl Heute wo ich ohne Arbeit, ohne Verdienst bin— meine Kin- der hungern-s wende ich mich an Sie. Retten Sie mich! Sie sind, wie ich höre, reich und angesehen, es wird Ihnen nicht schwer fallen! Ich bitte Sie— heute glücklich— helfen Sie einem Unglücklichen! Lieber Herr GroisI Ja, ja, ich erinnere mich! Sie waren der Retter meine? Lebens,- Aber ich kann ihnen nicht dankbar sein! Oh wäre ich damals verendet. Sie haben mich nicht sterben lassen! Sie waren es, der es für seine Pflicht hielt, mich vor dem Tode zu bewahren. Warum haben Sie mich nicht verbluten lassen? Wieviel Leid wäre mir erspart geblieben! Sie sagen, ich sei reich. Um wieviel ärmer bin ich als Sie! Ich leide noch heute unter meiner Kriegsverletzung. Ich muß 190 Tage im Jahr das Bett hüten. Warum haben Sie mich„ge- rettet"! Ich habe geheiratet. Auch das war ein Unglück für mich. Meine Frau, die ich über alles geliebt habe, betrog mich. Ich verzieh ihr immer wieder, doch eines Tages brannte sie mir durch. Mit einem Gecken aus Paris. Mein einziger Bruder, beinahe ein Kind, als ich— genesen— vom Krieg heimkehrte— wurde ein Taugenichts. Ein Dieb. Ein Verbrecher. Seit drei Jahren sitzt er im Gefängnis. Sehen Sie, dies alles und noch viel mehr wäre mir erspart ge- blieben, hätten Sie mich an jenem 17. Juni nicht— gerettet. Ich bin überdrüssig dieses Lebens. Aber ich habe keinen Mut, mich selbst zu töten. Retten Sie mich! Retten Sie mich zum zweiten Mal. Diesmal vor dem Weiterleben. Schietzen Sie mich über den Haufen. Und es wird Ihnen geholfen sein. Ich erwarte Sie SamStag um 11 Uhr nachts in meinem Büro. Ich bin ganz allein, auch dem Nachtwächter gebe ich Urlaub. Jn meiner Brieftasche finden Sie ein versiegeltes Kuvert. Es enthält die Prämie für meine Erlösung: 50 909 Fr. Wir waren Kameraden! Ich appelliere an Sie! Sie, nur Sie kön- nen die gute Tat vollbringen. Grois kam in jener Nacht. Und tötete den Kriegs- kameraden mit dessen Revolver. Acht Tage später wurde er verhaftet. Man wollte ihn des Raubmordes über- führen, aber der Brief des Ermordeten war echt, klärte das Geheimnis. Ist es geklärt? Das Wort haben die G-- schworenen. Ein erschütterndes Zeitdokument jedenfalls. Dr. A. Sliosberg INNERE KRANKHEITEN 16, r.|alesClarctie, Eck« 40. Bd. Emil« Angi.r PARIS( 6). Métro: Ma.lt«. Troc. 22>04 Mittwochs und Freitags von 2—4 Uhr und nach vorheriger Anmeldung Forderung!- einziehung in Deutschland Handelsvertretung Dr. jur. Karl Goldmann ehem. dtsch. Rechtsanwalt BRÜSSEL r.d. l'Enseignement 15—17' Rückporto. Besuchsanmel« dung erbeten.(413-19 Erfolg der Lotterie Die neue französische Nationallotterie hat einen ganz großen Erfolg gehabt. Die zweiten Abschnitte waren auf 11I||]*"Q|TS dem Platz Saint-Sulptce sofort vergriffen. Die Tabakläden in der Pariser Zone hatten von der 1- Ausgabe 89 000 Billets, von der 2. bereits 70 000, von der 3., die vom 16. bis 30. Ok- tober herauskommt, werden es 150 000 sein. Merkwürdiges Abenteuer auf der Landstraße Auf einer Landstraße bei Montpellier am Mfttelmeer wurde ein Taxichauffeur Joseph Nachts mit einem stumpfen Gegenstand aus den Nacken geschlagen. Ein geheimnisvoller Fahrgast, den er unterwegs ausgelesen hatte, war ein Räuber. Flugs sprang der so unsanft aus der Kilometersagd geweckte Fahrer auf die Landstraße, der Fahrgast mit ge- zücktem Revolver hinterher. Hier wurde die Nachtszene echt südländisch: der Chausseur bat den wilden Verfolger um aller Heiligen willen, ihn nicht fern der Seinen auszusetzen, sondern ihn bis NimeS mitzunehmen. Gesagt, getan. Der Räuber lud den Chauffeur auf und sauste mit ihm los. Aber, bums, gab es eine Panne, der Wagen steckte im Schlamm. Der Räuber zog schnaubend ab in ein Case, Hilfe zu erbitten. Der listige Chauffeur aber befreite den Wagen aus der Panne und kam glücklich wieder in Montpellier an, das Köfferchen und die genauen Ausweispapiere des bösen Angreifers frsedltch bei sich führend. Als der Täter, übrigens ein Flugmechaniker auf Urlaub aus Paris, verhaftet wurde, klapperten die Mühlen Daudets laut uiid vernehmlich. Legen in Seidenstrümpfen An der spanischen Grenze wirb ein beinahe ebenso ein- träglicher, wenn auch nicht mit Tanks und Mordwaffen or» ganisierter Schmuggel getrieben, wie bei Aachen und Em- mertch. In Boulon auf französischer Seite wurde jetzt ein von Katalonien kommendes Auto von den Zöllnern ange- halten, die in dem aufgeschnallten Gepäckstück muntere 1178 seidene Damenstrümpfe spanischer Herkunft entdeckten. Der Wagen wollte nach Tonlose rollen. Auto und Ware sollen versteigert werden. Die Auktion billiger Seidenstrümpfe erregt unter den Damen der Gegend Sensation. Selbstmord einer Dreizehnjährigen Ein dreizehnjähriges Mädel, Sonja Rozensweig, ist unter eigenartigen Umständen in die Seine gegangen. Der Bruder des Kindes, ein kleiner Junge, war in der Rue de Letort von einem Weinverkäufer brutalisiert worden. Anscheinend hatte man dem Knaben aus antisemitischen Gründen die Hose heruntergezogen. Die Kleine war dann, als sie den Täter beschimpfte, von dem Weinvertäuser und zwei Zeugen gewaltsam zur Polizei gebracht worden. Sie nahm sich diese schändliche Szene so zu Herzen, daß sie den Tod suchte. Wie die Pariser auf die antisemitische Schandtat reagieren, ergibt sich daraus, daß Hunderte vor dem Laden in der Rue Letort, der fest verschlossen war, demonstrierten. Die Mutter des Kindes, eine Witwe, hat Klage eingereicht und sich als Zivilpartei erklärt. Sie wird von dem berühmten Anwalt Torres vertreten. Die Internationale Liga gegen den Anti- semitismus hat sich dem Versahren angeschlossen. Die Weinernte Nach Mitteilungen aus der Champagne ist die Weinernte fabelhaft. Der neue 1988 verspricht wunderbar zu werden. Die Trauben sind voll und groß, voll Sonne und Süße. Man spricht von einem Nekordjahre, das selbst der be- rühmten Ernte von 1898 gleichen soll. Aus der Champagne, deren wunderbarste Kathedrale der Vorgänger Hitlers zerstörte, erfährt mau. daß die Winzer infolge der Kriegsverwüstungen noch nicht genügend Ma- terial zum Keltern und Lagern des Weins besitzen, so daß sie unter ungünstigen Umständen die sonnige Ernte verkaufen müssen. Wie wir hören, wirb Erich Pabst. der in Paris den Film „Von oben nach unten" gedreht hat, demnächst Frankreich verlassen und nach Hollywood gehen. Von Schauspielern, die in Berlin bekannt sind, sind in dem neuen Film Marga Lion und Wladimir Sokolofs beschäftigt. Vom Fox-Film wird gemeldet, daß Erik Eharell in Parts eingetroffen ist und für die Fox, die bereits Pommer und Lana beschäftigt, drehen wird. Chorcll ist mit Rücksicht auf den Welterfolg seines„Weißen Rössels", der seit Monaten unter dem Titel„L'Auberge du Cheval Blanc" in Parts läuft, gewonnen worden.' Jn Epinay wird der Film„Der Barbier von Sevilla", von dem ein Teil in Spanien hergestellt wurde, vollendet. Dt» Hauptrolle in dem neuen„Rohtschild"-Film spielt Harrtz Baur. Die berühmte Annabelle dreht unter Joe May und ist als Mimi in dem bevorstehenden„Boheme"-Film auscrschen. Die französische Zensur ist vom Unterrichts- aus das Jn- nenministerium übertragen worden. Jn der letzten Woche liefen in PartS auch zwei Russen-Filme: ein Dostojewski!» Film und ein Turkmenen-Film„Die Erde dürstet." Der teutonische Jude Eine bemerkenswerte Geschichte wird von Simone Du» breuilh in einem^Lobesartikel auf den deutschen Schauspieler Gustav GründgenS im„Paris Soir" vorgetragen. Der ^gleichgeschaltete) Bavaria-Film dreht gegenwärtig den „Tunnel" nach dem Roman von Jakob Wassermann in München, mit Gründgens in der Hauptrolle, die er zugleich deutsch und französisch spielt. Gründgens gibt den Milliardär S Wolf, der ursprünglich ein kleiner ungarischer Jude sei, in„Rekreiterung" nach der„teutonischen Art", was der Verfasserin u. a. Anlaß ist. ihn einen„außerordentlichen Menschen" zu nennen. Eine solche Auffassung ist immerhin erstaunlich.— I Die Presse muß tanzen! Wehe dem. der andere Meinungen hat! „Wir warnen daher.. Die schwarzen Saboteure Bonn, 0. Okt. Wegen einer völlig unsachlichen Kritik über das Neichsgesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli d. I. in der Ausgabe Nr. 181 der„Deutschen Ncichszeitung" in Bonn wurde dieses Zeitungsblatt vom Regierungspräsidenten in>töln schärfsten» verwarnt und im Wiederholungssalle mit einer längeren Verbotsdauer bedroht. Düsseldorf, g. Okt. Das Erscheinen des Zentrumsblattes „Düsseldorfer Tageblatt" einschließlich der„Düsseldorfer Nachtausgabe" sowie der Wochenausgabe„Bastion" ist auf fünf Tage bzw. zwei Wochen verboten worden. * Man lese, was die Kölner Nazipresse dazu schreibt: „Der Kölner Regierungspräsident hat gestern das Bonner Zentrumsorgan, die„Reichszeitung", e r n st l i ch ver- warnen müssen. Dieses Blatt, das— wie so viele andre- unter der MaSke der Gleichschaltung weiterhin für die geistige Haltung der aufgelösten Zentrumspartei wirbt, hatte sich in einer seiner Ausgaben einen in jeder Hinsicht un- sachlichen Angriff aus das Reichsgesetz zur Verhütung erb- kranken Nachwuchses vom 14. Juli 1033 erlaubt. Das Beginnen der„Deutschen Reichszeitung" steht nicht vereinzelt da. Im Gegenteil: wer die bisherige Zentrums- presse aufmerksamen Auges verfolgte, findet eine Linie, die deutlich beweist, daß die Auslassung des Bonner Blattes nicht von ungefähr erfolgte. Wurde hier die Katze etwas zu dnmm-plump aus dem Tack gelassen, so gibt es Kreise, die ihr verderbliches Handwerk zweifellos geschickter verstehen und im Gewand aller möglichen Tarnung ver- suchen, das religiöse Empfinden vornehmlich des katholischen Volksteils als im Gegensatz zu den Ergebnissen der modernen Rasseforschung zu erklären. Die Absicht dieser Versuche liegt klar zutage. Man möchte einen g e i st i g e n Wall gegenüber der nationalsozialisti- schen Revolution errichten, die daT Stadium des Nur- Politischen längst überwunden hat und als deutsche Welt- anschauung schlechthin auch den ganzen deutschen Menschen verlangt. Wir warnen daher die Beteiligten! Der Regierungspräsident hat dem Bonner Zentiumsblatt ein längeres Verbot sür den Fall der Wiederholung seiner Sabotagevcrsuche angekündigt. Wir müßten mit gleicher Schärfe gegen jedermann vorgehen, der erneut versuchen Pas Neueste A in Geburtshause Horst Wessels in Bielefeld wurde eine Gedenktafel und am Nachmittag aus der Horst-Weffel-H'öhe der Gedenkstein geweiht. DaS find die jetzt üblichen Tonn» tagsvergnügen. Bei dem Revanchekamps zwischen dem deutschen Kunst- slieger F i e s e l e r und dem Franzosen Detropat konnte Fieseler seinen Europamcistertitel mit Erfolg ver- leidigen. Das Parlament Frankreichs wird zum 17. Oktober ein- berufen werden. An Bord des britischen Unterseebootes L 26 ereignete sich eine Explosion, bei der zwei Mann getötet und 14 schwer verletzt wurden. Nach einer Mitteilung des chinesischen Gesandten in Japan wurden jetzt direkte.Verhandln ngen zwischen China nnd Japan ausgenommen. Während einer Hochzeitsfeier in Amritsar sBritischindienj kam es zu einem blutigen Streit, der 22 Todesopfer forderte, darunter den Bater des Bräutigams. Bei dem Automobilrennen in Bari riß der Deutsche Groß mit seinem Anto mehrere Zuschauer zu Boden, von denen vier getötet und zwei schwer verletzt wurden. sollte, unter dem Deckmantel des Religiösen politische Ge- schäfte zu betreiben!" * To kanzelt ein Regierungsblatt Zeitungen ab. die«ine wirklich sehr leise Kritik an einem Gesetz der Hitler-Regie- rung zu äußern wagten. Die„Verwarnung" ist ergänzt mit Angriffen ans das Zentrum, das gar nicht mehr da ist, aber trotzdem noch„Katzen aus dem Tack lassen" kann. Unnötig zu sagen, daß die deutschen Zeitungsleute nichts dagegen einzuwenden haben, daßmansiealsTtaats- knechte behandelt. Im Gegenteil: Tie sind froh, durch das neue Pressegesetz sozusagen halbe Staatsbeamte zu sei». Die wirtschaftliche Geborgenheit ist ihnen mehr wert als die Freiheit der Gesinnung und die Unabhängigkeit der Feder. 5« wird's gemacht! Terror gegen einen Journalisten Der„Dortmunder General-Anzeiger" meldet:„Einer der schlimmsten Hetzer und Talonbolschewisten des früheren „General-Anzeigcrs", Redakteur Dr. Harald F edder- s e n, der bei der Uebernahme des„Gencral-Anzeigers" durch die Gauleitung Westsalen-Tüd der NSDAP, sofort entlassen wurde, weil er mit der Hauptschuldige sür die durch die frühere GA.-Redattion hervorgerufene Bolksvergistung war» tauchte in diesen Tagen in Essen als Vertreter des früheren jüdischen, jetzt gleichgeschalteten Ullstein-Berlags l„Bossis«he Zeitung",„Berliner Illustrierte",„B. Z. am Mittag" usw.j aus. Durch weite Kreise der Bevölkerung ging eine crheblicheBeunruhig«ng,weildieser Hetzer wieder im Lande war, und auch in einem Teil der nationalsozialistischen Presse wurde der Fall auf- gegrifsen. Wir können jetzt allen Nazionalsozialisten die de- ruhigende Mitteilung machen, daß die neue jour- nalistische Gastrolle des Herrn Feddersen nur von kurzer Dauer war. Aus unsere energische Borstellung hin muffte sich der Ullstein-Berlag jetzt entschließen, Dr. Feddersen ausEssenzurückzuzieheuundihmdieEssener Vertretung wieder zu nehmen. Der Verlag Ullstein hat uns diese Tatsache schriftlich be- st ä t i g t. Damit ist Herrn Feddersen in Westdeutschland ejn für alle Male das Handwerk gelegt, und wir werden auch aus Grund des neuen Schristleitergesetzes dafür sorgen» daß er, dessen Sündenkonto so ungeheuer groß ist. niemals wieder eine Rolle in der deutschen Presse spielen darf." Neuwahlen in Spanien Auflösungsdekret für das Parlament Madrid, 9. Okt. Das neue spanische Kabinett ist unter der Führung von Martinez Barrios gebildet worden. Innenminister Rico Abello erklärte der Presse, er halte für seine Hauptausgabe die Durchführung unparteiischer die Verfassung respektierender Neuwahlen. Das Auflösungs- dckret sei bereits fertiggestellt. Tie Regierung erwartet, wie verlautet, daß das Auflüsungsdckrct ohne weiteres durch- gehen wird. Andernfalls rechnet sie mit 250 sicheren Stimmen gegen 180 Stimmen der nicht im Kabinett vertretenen poli- tischen Tendenzen. Tie Haltung der Sozialisten, bei denen sich eine gewisse Opposition bemerkbar macht, könnte deshalb, wenn es zur Abstimmung kommt, ausschlaggebend werden. Schwedischer Horst Wessel, Stockholm,(5. Okt. jJnpreß.s Am 28. September wurde in der schwedischen Hauptstadt der bekannte Führer der hiesigen Nationalsozialisten, K B- Zetterström, zu vier Monaten Ge- sängnis verurteilt- Er hätte seine Frau gezwungen, sich zu prostituieren und drei Jahre lang von ihrem Gewerbe slott gelebt. Sein Gehalt als Angestellter der Nazipartei betrach- lete er als Nebeneinkommen. BBIKKASTEM „Reichssührer des Winterhilfswerkes". Sie s enden un»«it „Heil Hitler!" einen Aufruf, uns an Ihrer Bettelei zu beteiligen. Vir denken nicht daran. Marxisten und Juden iahen Sie ohnehin verhungern, und für die andern Krisenopfer könnten genau so n?ie unter früheren Regierungen Staat und Gemeinde sorgen, wenn das Hitlersche Schandrrgiment nicht alles ruinierte. Paul F. Brügge. Sie fragen uns:„Wenn van der Lübbe Kommunist ist, warum belastet er dann nicht die Razis? Liegt die Vermutung nicht nahe, daß er zu der Partei gehört, die er schont?" Ihre Kragen sind so verblüssend naiv, daß selbst dem redseligen Briefkasten der Atem ausgeht. Kilmfreund Luxembourg. Sie schreiben uns:„Wissen Sie, daß die arische, Hitler zum Helden erhebende Leni Riesenstahl vor noch nicht vielen Jahren mit Juden verkehrte? Zum Beispiel mit einem Dr. Heinz L. Er ist der Dr. Gottgetreu aus dem Schlüssel» roman„Der Hochstapler" von Kred Hildenbrand, der im Berliner Tageblatt" veröffentlicht wurde. In diesem Roman werden Sie auch Leni wiederfinden. Dr. H. L. ist allerdings jetzt getauft."— Das, was Sie schreiben, hat Wilhelm Busch schon mit seiner „Frommen Helene" vorausgeahnt. M. B. Straßburg. Sie scheinen uns mit einer Art von Haßliebe zu lesen. Sie können die„Deutsche Freiheit" nicht leiden, aber sie taufen sie sich täglich! Da es unmöglich ist, einen unglücklich Liebenden mit den Argumenten der Vernunft zu bekehren, so verzichten wir Ihnen gegenüber aus eine Begründung unseres Standpunktes. Wir° werden„so fortfahren", schon um Ihnen auch für künftige Fälle Schimpsfreiheit zu geben. So etwas befreit und löst Beklemmungen. Freundin der„Freiheit". Sie schreiben uns, daß die Freundschaft der Schweizer für Eckener seit seiner offiziellen Gleichschaltung dahingeschwunden sei. ES sei gut, daß er in seiner„Zeppelin"- Gondel die Zurufe der Schweizer Bürger und Bürgerinnen nicht boret, könne.— Wir verzeichnen Ihre Meinung ohne eigenen Kommentar. es. Wir haben es vorgezogen, Ihren Artikel nicht zu veröfsent- lichen, weil er sich allzu persönlich an einen bestimmten Hoch- schullehrer richtet. Diese Herren sind doch heute nahezu alle so. Die politischen und sozialen Ideen, die sie früher vertraten, sind für sie kaum noch eine Attacke des schlechten Gewissens, geschweige denn eine Erinnerung. Sie rufen ihr Heil Hitler aus Grund ihrer neuen Ideologie, von der sie sagen, sie hätten schon immer... Was hat es also setzt noch für einen Sinn, Ihrem Lehrer Ihre Meinung über seine Wandlung zu übermitteln, zumal er selber sie nie lesen wird?— Ihr Gedicht wird erscheinen. Gruß. Schweizer. Sie teilen uns mit:„Seit vielen Wochen hängt am Postgebäude in Kon st a» z mit stadträtlicher Genehmigung das Skandal- und Hetzblatt„Der Stürmer" unter Glas im Rahmen. Daneben ein großes Plakat:„Ehristenmädcl, welche mit Juden- schweinen verkehren, werden fotograsiert und im Stürmer" ver- össcntlicht". Ferner noch ein sehr großes und auffallendes Plakat mil dem Verzeichnis der jüdischen Geschäfte, die man nicht besuchen solle. Tie früher sehr große Kundschaft aus der benachbarten Schweiz verurteilt diese Scheußlichkeiten des„dritten Reiches" und kauft seltener. Tie Hotels und Wirtschaftsbetriebe, Tetailgeschäste liegen darnieder." An mehrere. Karl Severing befindet sich, wie wir genau wissen, in seinem Hanse in Bielefeld. Nach seinem Zusammenbruch auf der Reise nach Berlin hat er einige Zeit in einem Sanatorium zugebracht. Der Gesundheitszustand Scverings ist leidlich, wenn auch die Erlebnisse dieses Jahres nicht spurlos an ihm vorüber- gegangen sind. Im allgemeinen ist Severing unbehelligt geblieben, wie Bielefeld überhaupt eine Art?ase in der allgemeinen Barbarei zu sein scheint. Seit den ersten Maitagen sind un» aus Bielefeld nennenswerte Ausschreitungen nicht mehr gemeldet worden. Frau F. Eohnar. Ter Vorstand der SPD. ist rechtzeitig InS Ausland gegangen, weil er wußte, daß ihm im Jnlgnd jede Bc- tätigung unmöglich gemacht werden würde. Es dürfen nicht alle führenden Sozialisten im Konzentrationslager sitzen. Die Ent- wicklung in Deutschland hat dem Parteivorstand Recht gegeben. Eine große Ermunterung ist uns, daß die„Deutsche Freiheit" gerode jungen Sozialiften so gefällt. Grüßen Sie die jungen Kämpfer, denen wir den Weg bereiten helfen wollen.— Von anderer Stelle wird Ihnen zum Schlußteil Ihres Briefes noch geschrieben werden. Für den Gefamttnhalt verantwortlich: Johann Pitz I» Dud» weiter: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken 8, Schützenstraße S. 99 Die „S>eutsthe Freiheit muß man regelmäßig lesen Jlùonniewen fie sot Ott? (Bestellschein: Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der „D eutsche Freiheit" Genaue Adresse: Unterschrift: Die einzige unaththüngige (fa^eszeitung Deutschlands Vertag der„(Deutschen Freiheit" Saarbrückens, Schützenstraße 5. Postschließfach Wunderbar eingerichtete» Hau» Buttes Chaumont-Park 1 Zlmmar, Vorzim., Küche, Bedaiim. 2900,— Fr. 2 Zimmer, Vorxim., Küche. Bedezim. 3900,— Fr. Zentralheizung, heifjes Wasser, Fahrstuhl, Telefon» automatische Müllabfuhr 435 19, Ru* de l'Atlas, Métro Bellovillo EXISTENZ 180 000 französ. Franken zur Ausnutzung englischer Interessen« Gemeinschaft für Frankreich, Belgien, Schweiz gesucht. Nur ernsthafte Reflektanten erwünscht Vermittler verbeten. Sehr. Publ. 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