Sinzige unabhängige Tageszeitung veuifchlands Nummer 98— 1. Jahrgang T Saarbrücken, Freitag, den 13. Oktober 1933 I Chefredakteur: M. B r a u n Die JCcise in Oesteueich Seite 2 Was sagt dec tczbischof dazu? Seite 7 Çeheimnisse mi die^Brandstiftung Seite 5 „7 lue noch" 3 850 000 tcioec&sfose Seite 6 Amerika warnt Msditand EäL£ä2S; Herannahen der Entscheidung in Genf Genf, 11 Oktober 1988. Der amerikanische Delegierte aus der Abrüstungskonferenz, Ii a t m a n Davis, hat in der Unterredung, die er schon am Montag mit dem deutschen Delegierten von Nadolnq hatte, Worte von austergewöhnlichem Nachdruck an die deutsche Politik gerichtet. Er hat offiziell eine Warnung wiederholt, die Washington schon vor kurzem inoffiziell an Deutschland hat ergchen lassen. Diese Warnung macht dar- aus aufmerksam, dast Deutschlands Wiederaufrüstung einen Bruch des amerikanisch-deutsche» Friedens- Vertrages von 19 2 1 bedeuten würde, der ge- schloffen wurde, da Amerika den Bersailler Vertrag nicht mit Unterzeichnete. Die amerikanische Regierung hat die deutsche Regierung wissen lassen, eine Verletzung des amerikanisch- deutschen Friedensvertrages sei für den Weltfrieden so gefährlich, dast Amerika willens sei, jede Art mora- lischen Druckes anzuwenden, um der Gefahr vorzubeugen. Norman Davis hat den deutschen Delegierten nicht dar- Über im Zweifel gelassen, dast Frankreichs Besorgnisse wegen einer geheimen deutschen Ausrüstung in Nordamerika starke Beachtung finde« nnd das jetzige deutsche Regime in den Vereinigten Staaten grosses Mißtrauen hervorgerufen bat. Heber die Art des»moralischen Druckes" hat der amerika- uische Delegierte fich nicht geäussert. Man darf annehmen, dast Nordamerika an eine Weltsront der Wirtschafts- sperre gegen Deutschland denkt, wenn die deutsche Regie- «uug ei» Abrüstungsadkommen sabotiere« wollte. Kalls Deutschland fich von Genf trennen sollte, würden die Ber- einigten Staaten von Nordamerika gemeinsam mit Europa ei« Abrüstungsadkommen treffen. Auch dann bleibe Deutsch- land an den Bersailler Bertrag gebunden. England bcharrl Paul-Boncour verlangt Auflösung der„militärischen Vereinigungen" London, 12. Okt. Wie der franzöfische Korrespondent fees»Daily Telegraph" aus Gens meldet, beharre S i r John Simon daraus, dast Deutschland vorläufig nur eine Vermehrung derjenigen Waffen gestattet werden soll, die ihm im Bersailler Bertrag zugestände» sind. Tie vier- iährige Probezeit solle um ungefähr zwei Jahre vermindert werden. Die völlige Gleichheit aller Nationen solle in der Zweiten höchstens dreijährigen Periode hergestellt werden. Panl-Boneour sei bereit, den wesentlichen Inhalt die- ies Planes anzunehmen, wolle aber von einer Verkürzung feer ersten Periode nichts wissen und beharre ans der Aus- lösuug aller»militärischen Bereinigungen" in Deutschland. Norman Davis halte die von Grobbritannien anempfohlene Methode für unangebracht, weil die deutsche Regierung darin «i«e Art Diktat nach Art des Bersailler Vertrages er, blicke« würde. „Porzellan zerschlagen" Tie Basler„National-Zeitung" sNr. 472) schreibt: »Selten in der Geschichte wurde soviel Por» zclla n zerschlagen iv i e unter dem Regime, das seit Januar dieses Jahres die deutschen Geschicke lenkt. Selten wurden grosse politische Chancen fund die bestanden unter Stresemann und sogar noch unter Brüning) mit anscheinend so viel Ungeschick in kürzester Zeit ins Gegenteil verkehrt. Jede Parade, jeder Fahnenmarsch, jedes deutsche Taktschrittbein ist in Paris hochwillkommen, es bestätigt die deutsche These. Dieier fürchterliche militärische Klimbim! Es heißt, manche Herren, die in der deutschen Aussenpolitik beschäftigt sind, seien verzweifelt. Aber was sollen sie machen'? Ja, was soll selbst Adolf Hitler machen, der schauen muh, wie er die Massen seiner Prätorianer bei guter Laune hält? Am Tage, bevor die Abrüstungskonferenz beginnt, paradierte die schlesische SA. in der Stärke von 88 MM Mann unter der„unbeschreiblichen Freude der Be- völkerung" vor den Führern in Breslau.„Sie marschierten in bewundernswerter Disziplin, sportgestählt, in Zwölfer- reihen ausgerichtet- Unermüdlich grüsstc die Menge die Taufende von Fahnen. Ganz gleich, ob nun SA., SS. oder Stahlhelm, ob Marine-, Reiter- oder Motorstürme vorbei- marschierten, überall die gleiche stolze Haltung, überall in den Augen die gleiche Entschlossenheit und Begeisterung." Auch Nationalsozialisten geben die Dummheit dieser Paraden ohne weiteres zu. Aussenpolittsch unsinnig, innenpolitisch jedoch notwendig, die braune Armee muss beschäftigt werden, muss bei der Stange gehalten werden, sie kann nie genug hören, dast sie das A und O des neuen Staates ist. sie ist es tatsäch- lich, man nehme dem„dritten Reich" die braune Armee nnd es hängt in der Luft, die Paraden, die Feste, die Glorifizie- rungen find Ttaatsnotwendigkeii! Die Genfer Verhandlungen wurden wieder ausgenommen. Wenn sie nun scheitern, was dann? Die deutsche Antwort für den Fall ist bekannt: Teutschland fühlt sich aller Ber- pslichtungen ledig und beschliestt dann von sich auS, was nötig ist. Slber wenn die anderen die deutsche Aufrüstung mit Sanktionen beantworten? Mit dem Marsch über den Rhein, mit der Besetzung des Ruhrgcbietes? Diese Eventualität schreckt die Deutschen, die es angeht nicht sehr. Man hält das französische Volk selb st für viel zu pazi- fistisch, als dast es sich zu Abenteuern, auf die daS deutsche Volk mit einer nationalen Ex- plosion ohnegleichen reagieren würde, hin- reihen ließe. ch Mussolinis Vermittlung London, 12. Okt. Der Korrespondent der„Morning P o st" in Rom meldet, dast Mussolinis Unterredungen mit dem britischen und dem französischen Botschafter bezweckten, diese von seinen Bemühungen in Kenntnis zu setzen, die deutschen Vorschläge zum Ausgangspunkt einer Eröterung zu machen. Im Interesse der Fortsetzung der VerHand- lungen mit Deutschland würde Italien gern einen Auf- schüb ber Sitzung des allgemeinen Ausschusses der Ab- rüstungskonferenz sehen. Die cnglisdie volKsmcinong Wie die Nationalsozialisten Deutschlands Position verschlechtern »»Daily Herald" . Nach dem„Daily Herald" nimmt die britische Regierung °cn Standpunkt ein, wie ihn Henderson schon vor einigen Monaten vertreten hat: Wenn selbst die Deutschen die Konferenz verlassen oder auch nur die weitere Mitarbeit in Kommission einstellen, dann sollen die anderen Mächte Arbeit iortsetzen und ein Abkommen aus der Basis der britische« Vorschläge treffen. ^»Daily Herald" bestätigt die in der„Times" bargelegte Auffassung, dass die Nazi-Revolution sehr un- Dünstige Rückwirkungen für Deutschland ge- ?ubt hat. Die Franzosen seien im vergangenen Herbst bereit gewesen, das„Prinzip des gleichen Rechts für Deutschland" im Rahmen eines allgemeinen Sichcrheits- sbüems anzuerkennen. Aber heute sei selbst das englische ?.?binett der Meinung, dast dies unter den jetzigen Um- Uanbe« unmöglich geworden ist. Man wolle keinerlei Mehr- ^Uttung iür Teutschland, selbst nicht die„Musterwasscn", ? ,e man geneigt war zu konzedieren. Man hatte gehofft, Teutschland von sich aus aus diese Forderungen ver- ^wten würde und einen besseren Stimmungsmomcnt ab- "'•men würde. „Times" Das Kabinett bosse, Deutschland werde einsehen, baß, wenn Europa eine Periode von einigen Jahren erhalten wird, in welcher jeder Nation der deutsche echte Wille zum Frieden in der Praxis d e m o n st r i e r e n wird, dann eine ganz andere Atmo- sphäre da sein würde, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, da Deutschland seine Forderung ans praktische Durchfüh- rung des G l e i ch h e i t s p r i n z i p s erheben kann. „Times" hebt hervor, Baldwins Rede am Freitag in Birmingham sei vorher mit den führenden Minislern des Kabinetts genau durchgesprochen worden und das Kabinett habe festgestellt, dass Baldwin dessen Ansichten„in den ernsten Worten, die er gebraucht habe, genau ausgesprochen habe." Es wird in ber„Time s" noch einmal gesagt, dast die innere Entwicklung Teutschlands die Ans- gäbe ber engliichen Delegation in Genf austerordentlich erschwert habe. Trotz allem könne man aber nicht glauben, dass irge ndeine der in Genf vertretenen Nationen die Ber- Fortsetzung siehe Seite 2. hiUcnieutsdic invasion? Hitlerdeutsdier Dnrdimarsdiptan dnrdi die Sdiwelz Aus Anlaß der aufsehenerregenden Enthüllungen des„Petit Parisien" über einen hitler-deutschen. gegen die Schweiz gerichteten Durchmarschplan haben wir bei der europäischen Bedeutung des Problems einen in Deutschland lebenden Sachverständigen um Stellungnahme gebeten. Ein längerer Artikel des„Petit Pari si en" über Absichten des hitler-preutzisch-neudeutschen Generalstabs, in einem deutsch-italienischen Angriffskrieg gegen Frank- reich die Schweiz als„Durchmarschland" zu benützen, hat in der europäischen Öffentlichkeit erhebliches Aufsehen erregt. Auch die Schweizer Presse hat zum Teil ausführlich dazu Stellung nehmen lassen. Zwar ist in diesen„militärischen" Betrachtungen des merkt, daß„ein ähnlicher Plan denkbar und möglich sei"— aber eben doch nur bei einem„vollaufgerüsteten" Deutsch- land. Dazu seien aber„noch Jahr e" notwendig. Zwar wird anerkannt, datz die Gefahr der plötzlichen brutalen Niedertretung der Neutralität durch Hitler-Preußen« Deutschland im Stile 1914 sich„zweifellos zu gunsten Bel- giens und zum Nachteile der Schweiz" verändert habe. Aber, und dies„Aber" des militärischen Mitarbeiters einer der führenden Schweizer Blätter wird für viele, sehr viele Leser, die in den heutigen, wirtschaftlich so pein- lichen Zeitläuften von Krieg- und Kriegsgeschrei möglichst wenig hören wollen, wie ein beruhigendes Narkotikum wirken, so wird gesagt, jenen Alarmnachrichten über den deutschen Durchbruch durch die Schweiz nach Lyon „hängen militärisch-laienhafte Elemente an",„blühende Fantasie durchziehe den Alarmartikel", der Artikel sei (für den Augenblick) mehr aus dem Wunsch der franzö- fischen Regierung geboren, Geldmittel für Rüstungs- zwecke, nämlich für Verlängerung der Rheinbefestigung in Richtung Lyon aus den beiden Kammern herauszuziehen, ja auch die Schweiz in Rüstungsausgaben hineinzuhetzen! Wie lange brandit Deutschland? Es ist ein grundlegender Irrtum, datz zur„Vollauf- r ü st u n g" Teutschlands noch Jahre notwendig seien. Die Sabotage der einschlägigen Bestimmungen des Bersailler Vertrages, deren Durchführung die Grundlage zu systematischer Abrüstung aller Staaten geben sollte und konnte, hat durch Deutschland(ebenso wie durch das kleine Ungarn) schon 1929, wenige Monate nach der Ratifizierung und Ausschiffung der Sozialdemokratie aus der Regie- rung, begonnen. Weder die Botschafterkonferenz, noch in ihrem Schlutzbericht vom 28. Februar 1927) die Interalliierte Kontrollkommis- s i o n noch auch das Sachverständigengutachten der Interalliierten Mächte an den Völkerbund(vom 31. L 1930) haben anerkennen können, datz Deutschland die Be- dingungen restlos erfüllt habe. In Spanien, in Schweden, in Holland, aber ganz besonders in Sowjetrutzland haben, teilweise bis in die letzten Jahre hinein in Verbindung mit der Rüstungsindustrie, die umfassendsten deutschen kriegstechnischen Versuche auf dem Gebiete des Flug- wesens(einschließlich Fliegerabwehr), der Giftgasherstellung und Verwendung, der Tanks und der Tank- abwehr, der schweren Artillerie stattgefunden. Die Gene- rale vonSeeckt.Haase.Adam und ganz besonders von Hammer st ein haben, indem sie die rote Armee mit aufbauen halfen, zehn Jahre lang in Zentralrutzland nicht nur eine Masse deutscher Waffenspezialisten heraus- bilden können, sondern auch die, in gar keinem vernünf- tigen Grötzenverhältnis zum kleinen 199 999-Mann-Heer stehenden, sehr umfangreichen Konstruktionsbüros des Reichswehrministeriums haben so wertvolle Erfahrungen auf dem Gebiet der Typisierung der Waffen des nächsten großen Krieges sammeln können, wie sie wohl kein zweites Land der Welt besitzt. Sowjetrutzland möge doch im Interesse des Welt- friedens, den ganzen Komplex des in R a p a l l o und mit dem historischen Frühstück Seeckt-Tschitscherin (1923) eingeleiteten militärtechnischen Zusammenspiels mit Deutschland in einem Braunbuch offen darlegen! Im l Fortsetzung von 5er 1. Seite. Die englische Volksmeinung artwortnng für das Zerschlagen der Konferenz auf sich neh- men wolle. Man könne aber auch die Konferenz nicht end- 1rs fortsetzen, man müsse zu einem Ende kommen, das mit der Wiederaufrüstung Europas einen Schluß mache.... „Für welche Zwecke fordert Deutschland Massen? Die britische Regierung hat zugegeben, baß die gegenwärtige Un- gleichheit der Waffen nicht als Dauerzustand gemeint ist und sie war am meisten dafür verantwortlich, daß man im Dezember letzten Jahres ein Abkommen zustande brachte, in welchem die Gleichheit Deutschlands innerhalb eines all- gemeinen SicherheitS-Systems vorgesehen war. Der An- sang für die Durchführung des Versprechens ist in den Artikeln des vorliegenden Entwurfs gemacht. Aber dieses Versprechen wurde dem Vor-Hitler-Dcutsch- land gemacht. Die Machtergreifung durch die National- sozialisten hat unvermeidlich andere Nationen in dem Ent» fchluß zusammengeführt, einem Anwachsen der deutschen Kräfte vorzubeugen. Das Versprechen besteht noch, aber seine Ausführung ist praktisch unmöglich, solange die Nazi, Kriegspropaganda fortgeführt wird. In anderen Worten, der Augenblick, in dem man bas Ver- sprechen ausführen kann, vermag vorderhand nicht mehr zu bestimmen. Es hängt davon ab, ob Deutschland fortfährt, sich zur Kriegsmaschine auszubilden und weiter die Ju- gend dieses Landes zu dem Glauben erzogen wird, daß ehr- geizige nationale Ziele durch Krieg erreicht werden. Die gegenwärtigen Führer Deutschlands predigen dem Ausland den Frieden, aber den Krieg der heimischen Hörerschaft. Deutschland unterschrieb den Kellogg-Pakt, der den Krieg als Mittel der Politik verwirft. Will Herr Hit- ler seinen eigenen Anhängern sagen, daß Deutschland z» diesem Pakt steht? Will die deutsche Regierung den brannschwetgischen Professor seines Amtes entheben, dessen Lehrbub das Studium des chemischen und bakteriologischen Krieges empfiehlt? Mora- tische Aufrüstung liegt im Kern der Nazi-Lehre. Und die Ziele der Nazipartct umfassen die Absorption der Deutschen außerhalb Deutschlands. Andere Länder können also die Nazi-Kriegsreden unmöglich als eine innere Angelegenheit betrachten. Diese müssen aushören, bevor eine Hoffnung auf tatsächliche Abrüstung entstehen kann." „Times" empfiehlt zum Schluß, ein Abkommen auch ohne Deutschland zu treffen, mit der Erklärung, daß dieses Ab- kommen erst in Kraft trete, wenn Deutschland seinerseits die Unterzeichnung vollzogen habe. Das würde besser als sonst irgend etwas dem deutschen Volk seine moralische Jso- lotion in der Welt klar machen. Was Berlin nicht begreift Der Korrespondent der„T i m e s" in Verlin gibt ausführ« lichen Bericht über die deutschen Aussichten zur Abrüstungs« frage und schreibt unter anderem: „Es wird hier in Verlin nicht begriffen, daß gelegentliche friedliche Passagen in Reden deutscher Nazi-Führer das Min- trauen draußen in der Welt in einigen Monaten nicht zer- streuen können, während das Marschieren, Paradieren und Demonstrieren von Tausenden von Männern andauert. Es mag ohne Zweifel etwas Wahres darin liegen, wenn sie sagen, daß es aus inneren Gründen notwendig ist, die Jugend dieses Landes zu beschäftigen, zu disziplinieren, zu erziehen, und die Revolution zu konsolidieren,' daß es nicht auf ein« mal aufhören könne, aber die Sache sich von selbst legen werde. Wenn es wahr ist, daß Frankreich eine Verkleinerung der Braunhemden-Kräste verlange, wäre hier ein guter Raum für ein Kompromiß. Das Nazi-Regime kann gewiß nicht die Auflösung der SA. und der SS. ins Auge fassen, aber die interne Entwicklung wird die zahlenmäßige Verkleinerung nicht nur erforderlich, sondern auch natürlich machen. Die Arbeitsbeschaffung für die älteren Mitglieder insbesondere und dazu das harte Training nach Arbeitsschluß mehrmals in der Woche wird bald zuviel, was manche Familie be- stätigt. „New« Chronicle" „Zwei Fragen sind gestellt— entweder kann ein Uebereln« kommen mit Deutschland erreicht werben, und was ist zu tun, wenn nicht? Die Zeit ist gekommen, die zweite Frage als die Hauptfrage zu setzen. Denn wenn Teutschland die Haupt« mächte Europas in dieser Hinsicht gespalten sieht, wird es sortsahren von Aufrüstung zu sprechen. Wenn es sich aber einer soliden Front gegenübergestellt sieht, eröffnet sich gute Aussicht für sein Einreihen in die Linie. Im Wesentlichen steht eine solide Front. England und Amerika, Frankreich und Italien, Polen und Spanien, Skan- dinavien und die Kleine Entente, und selbst Rußland könnte fast sicher ein Abrllstungs-Abkommen auf der britischen Linie treffen. Ihre Aufgabe ist es, voranzugehen und es zu tun. Deutschland mag ablehnen, zu unterzeichnen. Es trägt sich mit der Absicht, die Konserenz zu verlassen. Selbst bann muß die Konferenz fortgeführt werden. Wenn das geschieht und ein Abrüstungsabkommen von dem übrigen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika getroffen wird, dann bleibt Deutschland noch immer an den Versailler Vertrag gebunden. Es kann ihn durch öffentliches Ausrüsten verletzen. Auch dann Et Europa noch nicht hilflos. Deutschland kann aus eigenen Hilfsmitteln nicht ausrüsten. Als letztes Mittel muß ihm das Material zur W a s s e n s a b r t k at i o u entzogen werden." vi« Krise in Oesterreich Krieg gegen die Arbeiterbewegung Rahmen eine? über 10 Jahre langen mit jährlich durch- schnittlich 85 Millionen Goldmark betriebenen Subven- tionierung der Handels- und Verkehrsluftfahrt und des einschlägigen Sportwesens ist nicht nur ein Stab von taufenden von Piloten herangezogen worden, es ist auch (im DO X und ähnlichen Modellen) jener Typ des Bombenflugzeuges geschaffen worden, das europäische Fernstrecken glatt bewältigen und mühelos 1000 Kg. mit- führen kann. Die Ruhrkredite und andere Milliarden- Zuwendungen des Reiches an die notleidende Schwer- industrie sind in Form von Umlagen der einzelnen Wirt- schaftskapitäne und Unternehmern in schwarze Rüstungs- zwecke mit hineingeflossen. Der Besitz eines außerordent- lich wirksamen Ferngeschützes, gegen das das Lang- rohr von 1918 nur noch ein unzulänglicher Versuch war, ist unverhüllte Tatsache. Auch wenn die hervorragenden deutschen Kriegschemiker Dr. Haber und Dr. Will- statt er als Juden in Deutschland geächtet sind, baute und baut man(mit ihrer Mitwirkung!!) in Deutschland auf dem einschlägigen Gebiet trotzdem weiter. Deutsch- land kann auf dem Wege der serienmäßigen Fabrikation aller Art in wenigen Monaten die notwendigen Massen herstellen. Heute schon ist die Metallindustrie, ins- besondere für Munition und schwere Artillerie sowie Tankbestandteile und(für militärische Bekleidungsstücke) auch die Textilindustrie derart in Hochbetrieb, daß wenig- stens für diese Industriezweige— die Behauptung einer Zurückdrängung der Arbeitslosigkeit zutrifft. Die NSDAP, fördert planmäßig die Aviatik. Jeder SS.-Mann soll, wenn irgend möglich, als Pilot ausgebildet werden. In völliger Mißachtung ihrer katastrophalen Wirtschaftslage hat sogar die Reichs- bahn den Flugzeugverkehr zu organisieren begonnen. An das Märchen, daß Handelsflugzeuge militärisch nicht nutzbar seien, glaubt heute kein Kind mehr. Wenn es auch auf dem Gebiet der Kriegsführung und der Kriegstechnik „ein Aeußerstes", um mit Clausewitz zu sprechen, über- Haupt nicht gibt, weil immer noch Uebersteigerungen und technische Verbesserungen denkbar sind, so muß doch nach- drücklich betont werden, daß das„dritte Reich" seiner überbolschewistischen Zentralisierungssucht, in seiner Militarisierung der Jugend und Erziehung, in seiner Popularisierung der Kriegstheoretik, in seiner VerHerr- lichung des Willens auf Kosten der ratio technisch nicht erst nach Iahren, sondern schon nach einem bis anderthalb Iahren„fertig" sein kann. Wo- mit nicht gesagt sein soll, daß der in der Volksbibel„Mein Kampf" als unausweichlich bezeichnete zweite europäische Krieg au<$ wirklich schon in 1—1'/, Iahren ausbrechen müßte. vie NOglldiketten für die Schweiz Gewiß! Die Schweizerarmee ist dazu erzogen, in hart- nackigstem Widerstand an den Grenzen des Landes ent- scheidungsuchende Schlachten nicht zu fürchten. Aber, würde es überhaupt zu einer entscheidungsuchenden Schlacht für die Schweizerarmee kommen können? Nicht nur in größenwahnsinnigen Nazikreisen stellt man sich die militärische Entfesselung der„Rachegeister gegen das mit Rassenschande beladene Frankreich"(Zitat aus Hitlers „Mein Kampf") so vor, daß im Zusammenwirken mit Balbos vielfachen Ozeangeschwadern, fünf, vielleicht zehn- tausend Hakenkreuzvögel, Paris, aber auch den militärisch wichtigen Raum um Lyon in der gleichen Nacht planmäßig„bepflasterten", in der gegebenenfalls wirklich entscheidende deutsche Kräfte über die völlig un- befestigte Linie des Rheines in die Schweiz einbrechen. 1914 hatte die späterhin an der User so heroisch kämpfende belgische Armee fast 8 Tage Zeit zum Aufmarsch und zur entscheidungssuchenden Schlacht. Der technischen Ueber- legenheit der deutschen Stoßarmee gegenüber war sie trotz der Panzertürme von Namur und Lüttich machtlos. Das englische„Sergentenheer" hatte zum Aufmarsch am linken Flügel der Franzosen 1914 fast 14 Tage Zeit. Davon, wie militärische Schweizer Fachleute schreiben, kann keine Rede sein, daß eine Verteidigung der unbe- festigten Rheinlinie von Basel bis Chur,„zum mindesten nicht schwieriger sein solle als ein großer operativer An- griff über das Hindernis des Rheins"(!!)— zumal, wenn dieser Angriff noch am 1. Tage begleitet würde durch jene Flugzeugmassen, oder nur einen Teil jener Flugzeug- Massen, die angenommenermaßen von ihrem Raid gegen Paris und Lyon zurückkehrten, Massen gegen die die paar Schwärme opferwilliger Schweizer Piloten so wenig ausrichten könnten als die Langrohre von Lllttich gegen die 42-Zentimeter-Steilfeuergeschütze der Deutschen von 1914. Bei solcher Entwicklung ist es für die militä- rische Rolle der Schweiz in angenommenem Fall völlig gleichgültig, ob die unter dem Schutz von Flvgzeugmassen und Fernbatterien gegen den Raum von Lyon voreilenden motorisierten Massen sich in der Hauptsache„zwischen Genfer- und Neuenburgersee durchquetschen" und nur mit vergleichsweise schwächeren Kräften quer über die Iura- höhen von Basel bis Lausanne rücken oder umgekehrt. Entscheidend ist, ob die Schweiz, die ja auch erhebliche Kräfte gegen das länderhungrige und schon längst mit allen Mitteln der militärischen Friedensspionage arbeitende Italien setzen müßte, ein auf wenige Stunden befristetes Ultimatum ablehnen könnte, hinter dem un- gleich stärkere Vernichtungsenergien stehen würden als 1914 im Falle Belgien. vos„Sprungbrett" 1913 noch hat sogar Poineare, wie aus seinen Erinnerungen sowohl wie aus seinem militärischen Disput mit Dr. Guèrin hervorgeht, so wenig wie die Majorität der„Sachverständigen" des Wien, 10. Oktober lös». Ein Nazi hat auf Dollfuß geschossen? die Folgen beS Attentates, für das die Nazipartei verantwortlich ist, sind höchst seltsam. Die Negierung ruft:„Keine Rache!" und läßt die getarnten Naziblätter weiter erscheinen und die getarn- ten Nazt-Organisationen wie den Deutschen Turnerbund und den„Deutschen Schulverein Südmark" weiter bestehen. Und mährend die Kolporteure die getarnten Naziblättcr aus- rufen und die Regierung ihre Losung„Keine Rache!" ver- kündet, wird die Bundesregierung auf einmal dennoch ener- gisch. Sie irrt sich nur in der Richtung, sie geht gegen die Arbeiterbewegung los. Erstens gegen die Eisenbahner, den Vortrupp der Ge- werkschaften,' ehe ein Eisenbahner sein kärgliches Monats- gehalt nehmen darf, hat er sich in die„Vaterländische Front" einzuschreiben? wehe ihm, wenn ers nicht tut und die Re- gierung, naiv und sanft, meint, so erpreßte Unterschriften hätten einen anderen Wert als eben erpreßte Unterschriften haben. Zweitens: in ganz Oesterreich machte man durch Vor- zensur der Arbeiterpresse unmöglich, den Kontakt mit Or- ganisationen und Parteimitgliedern aufrecht zu halten. Die Folge dieser Maulsperre sind illegale Flugblätter, die von Haus zu Haus, von Dorf zu Dvrf, von Stadt zu Stadt aufflättern und die Parolen der Partei und Gewerkschaften allen Mitgliedern verkünden, da die Presse zu schweigen hat. Die Regierung nimmt sinnlose Verhaftungen vor. Folge: Streiks und die Partei wirb von der tapferen(tapfer wenns nicht gegen Braun geht) Regierung gebeten, die Dumm- heit in Ordnung zu bringen. Es ist selbstverständlich, daß französischen obersten Kriegsrates an den ungeheuerlichen psychologischen Fehler des deutschen Einmarsches geglaubt. Neben den Generalen deLanrezak und M i ch e l hat nur der „Dilettant" I a u r e s in der Kammer und in seiner „Nouvelle Armée" eindringlich daraus rechtzeitig hin- gewiesen. Einem von nationalsozialistischem Geist„durch- bluteten"(von Blomberg) hitler-preußisch-neudeutschen Generalstab wird man um so mehr auch die fantastischsten Pläne zutrauen müssen, je mehr man die Geheimgeschichte des letzten Jahrzehnts kennt. In der Gesamtheit der erörterten Durchmarschpläne und Zusammenhänge bleibt es dabei sogar gleichgültig, ob jene Operationen gegen und durch die Schweiz den Hauptschlag darstellen werden oder nur eine„Diversion"! Dennes ist noch lange nicht ausgemacht, ob B e l g i e n- H o l l a n d ihre Rolle als strategisches Sprungbrett ausgespielt haben. Höchstwahrscheinlich ist es, daß die Schweiz mit in das Spiel hineingerissen wird. Ob aber das zu Land und zur See, von der Luft her mehr denn je verwundbare England rechtzeitig würde ein- greifen können, ist durchaus unsicher. Sollen die Schweizer nun plötzlich die Rheinlinie be- festigen? Es wäre ein Hohn gegen den gesunden Menschen- verstand und eine Schmach für Europa, wenn dies not- wendig werden sollte. Wichtiger ist, allerdings in kürzester Frist, daß mit den übrigen Kulturmächten auch die Schweiz zu den Maßnahmen sich einigt, die mit dem Alb- druckderdeutschenWiederaufrüstungauf- räumen, ehe es zu spät ist! aus jedem dieser lokalen Streiks eine Massenbewegung und der Bürgerkrieg entstehen kann. Drittens: der Gewerkschaftsbund hält eine Tagung in Oesterreich ab. Im Wiener Stadion, das 60 000 Personen faßt, veranstaltet die Partei eine Riesenkundgebung,' minde- stens 60 000 Genossen sind da, um den freigewählten Wiener Bürgermeister zu hören, der anläßlich des vierzigjährigen Jubiläums eines Wiener Arbeitergesangvereins spricht« Schcvenels, der Sekretär des JGB., ergreift die Gelegenheit, der österreichischen Arbeiterbewegung die Treue und Soli« darität der Internationale zu versichern. Folge: Am näch- stcn Tag wird der Gesangverein aufgelöst, die„Arbeiter- Zettung", die des Bürgermeisters Rede bringt, wird ebenso konfisziert wie ihr Bericht einen Tag früher über die Ta- gung des JGB. Wie sinnlos diese Konfiskationen sind, zeige folgendes Beispiel,' folgende Sätze verfielen der Beschlag- nähme:„Er(Genosse Citrine) wird im klassischen Land der Prcßfreibeit und Demokratie nur zu erzählen brauchen, wie es in Oesterreich seinen eigenen Mitteilungen über die Aus- schußsitzung der internationalen Organisation, deren Vor« sitzender er ist, ergangen ist— und die englischen Arbeiter werden das Nötige wissen. Wer bringt also eigentlich dem Ausland eine unvorteilhafte Meinung über Oesterreich bei» Herr Staatsanwalt?" Damit nun der Staatsanwalt nicht wieder in die unangenehme Situation versetzt werbe, auf Glche Fragen schweigen zu müssen, läßt man eine ganze Reihe von Aktionen gegen die Arbeiterbewegung steigen. Erstens löst man den Arbeitergesangvercin auf, dessen Jubi« läum man am Sonntag gefeiert hatte, zweitens stellt man die„Arbetter-Zeitung" unter Kolportageverbot, was in der Wirkung einem Verbot gleichkommt und drittens ist man kleinlich genug, den Obmann des Gesangvereins zu verfol« gen. All das, weil ein Nazi und kein„Marxist" auf den Kanzler geschossen hat und der„Marxist" als Mörder hätte doch so gut gepaßt, daß ein Wiener christlichsoziales Blatt zuerst verkündete, ein„Roter" habe auf Dollfnß geschossen. Es war ein Nazi— aber man wollte die„Noten" verfolgen und verfolgt sie eben statt der Nazi. Es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, daß die Regierung Krieg gegen die Arbeiterbewegung will. Sie wird diesen Willen durchsetzen und wird wahr- scheinlich sehr verwundert sein, wenn sie auf einen sehr realen Widerstand stößt. Es ist den Heimwehren gelungen — mit Unterstützung Mussolinis—, alle christlichsozialen Hemmungen zu überwinden. Sie geben nun den Ton an. Sie sind verantwortlich für den Bürgerkrieg, der unweiger- lich kommt, wenn der heutige Kurs andauert. Die Regie« rung ist im Begriff, durch einen Bürgerkrieg links Selbst- mord zu begehen. Wer ihr Nachfolger sein wird, kann niemand prophezeien. Daß diese Politik der Heimwehren und Christlichsoztalen weder dem Interesse Europas nock dem Oesterreichs dient, ist klar. Mussolini will sie, Mussolini macht den Heimwehren Mut und bezahlt sie. Die„Vater- ländischen" vertreten nicht die Interessen Oesterreichs, sie vertreten die Italiens und des italienischen Faschismus. Wer Interesse an der Ruhe in der österreichischen Republik und an einer Abwehr Hitlers hat, muß dem Wahnsinn der Regierung Dollfuß-Fcy ein deutliches Halt gebieten und den Herren beutlich machen, baß der Genfer Erfolg deS österreichischen Kanzlers kein Erfolg des AustrofaschismuS, sondern ein Erfolg des Antihitlerismus war,' denn daS hat weder Dollfuß noch Fey verstanden. Die Situation ist gespannt wie noch nie. Schon dt« nächsten Stunden können Irrsinn und Wahnsinn deS Bürgerkrieges zur Wirklichkeit machen. Die Arbeiterschaft ist bereit, ihre Kräfte sind angespannt und die Explosion, die die Regierung auszulösen im Begriffe ist, wird ganz Europa aufhorchen lassen. Spanrens Wahlansslchfen Äeußerungen führender Politiker Madrid, 11. Okt. Der Vertreter der Havasagentur hat verschiedene Persönlichkeiten über die Wahlaussichten be- tragt. Der frühere Ministerpräsident Azana äußerte sich «ehr optimistisch, weil er glaubt, daß die von gewissen Kreisen vorausgesagte Niederlage der Linken sich nicht ver- wirklichen werde. Der Führer der unabhängigen Radikal- sozialisten, Domingo, vertritt die Auffassung, daß das den Frauen gewährte Wahlrecht Ueberraschungen bringen könnte, namentlich für die Rechtsparteien, die mit einem beispiellosen Erfolg gerechnet hätten. Der Vorsitzende der konservativen republikanischen Partei, Maura, der dem Kabinett Barrios jegliche Unterstützung verweigert hat, er- klärte: Ich bin überzeugt, daß die Wahlen ein Triumph für oie Republik sein werden. Niemand kann vernünftiger- weise an eine Wiedereinsetzung der Monarchie in Spanten denken. Vor allem jedoch muß der Sektierergeist vermieden werden. Die Republik muß in ihre aufbauende Phase ein- treten. Das Volk hat die Klassen- und Fanatismus-Politik satt. Es will den Frieden und die Wiederherstellung des Autorttätengrundgesetzes. Die Sozialisten werben an Boden verlieren ebenso wie die linksrepublikanische Parteien. Das Frauenwahlrecht wird ausschlaggebend sein und ein Instrument des Sieges der Rechtsrepublikaner werden. Ergebnistose französisch-polnische Zoliverhandlnngen Paris, 11. Okt. Die polnische Regierung Hatte beschlossen, demnächst einen neuen Zolltarif in Kraft zu setzen, durch den Frankreich sich in seinen Interessen beeinträchtigt glaubte. Die zwischen beiden Regierungen seit einigen Tagen in Paris beführten Verhandlungen find gestern ergebnislos abge- brochen worden, sodaß der neue polnische Zolltarif heute früh in Kraft tritt. Unter diesen Umständen hat die französische Regierung beschlossen, für gewisse polnische Artikel nicht mehr den französischen Minimaltarif anzuwenden. Beitritt Berns znm Anffkrfegspaht Rio de Janeiro, 11. Okt.(Havas.) Der argentinische Außen- minister hat ein Telegramm des Außenministers von Peru empfangen, durch das die peruanische Regierung ihren Bei- tritt zum Antikriegspakt in Aussicht stellt. Der ausgebürgerte Ehrenbürger Paris, 12. Okt. Nach einer Meldung von Geo London, der sich zur Zeit in Salzburg aufhält, habe» die Orte in Tirol, die Hitler die Ehrenbürgerschaft verliehen hatten, ihm diese wieder entzogen. Als letzter tiroler Ort erkannte Bad Ischl dem deutschen Reichskanzler die Ehrenbürgerschast ab. Auch die nationalsozialistischen Stadträte stimmten gegen den Führer. „Versailles als Revandiesdirlft" Im Heinrich-Beenken-Vcrlag»Der Türmer" ist ein kleine? Heft erschienen, das sehr übersichtlich und eindring- itch eine der Hauptursachen der deutschen Not behandelt, nämlich daS Diktat von Versailles. Diese Schrift, die mit Verschärfter Konflikt Im Osten Der Streit um die Ostchinabahn Berlin, 11. Oktober. Der Streit nm die Ostchinabahn, die von der Sowjet, «nion seinerzeit den Japaner» bzw. dem neuen mand- schulischen Staat znm Verkauf angeboten wurde, hat sich er- neut verschärft. Nachdem die Verhandlungen» die in Tokio geführt worden, zunächst einen günstigen Verlans zu nehmen versprachen, gerieten sie bei der D e b a t t e n m d e n K a u f- preis ins Stocken. Die Japaner, die offenbar damit rechneten, daß im weiteren Verlaus der politischen Ent- Wicklung, insbesondere der Konsolidierung des Mandschnkno, die Russen die Bahn für einen niedrigeren Preis verkaufen würden und für die zudem die Lstchinabahn aus geogra- fischen Gründen nicht die gleiche strategische Bedeutung be- sitzt wie ehedem für die Sowjetunion, zeigten keine Neigung, aus die sowjetrussischen Preissordernngen einzugehen. Auch die Ernennung Hirotas, des japanischen Botschafters in Moskau, zum Außenminister hat eine Aktivierung der Verhandlungen nicht herbeiführen können. Ende Septem- ber wurden vier leitende Sowjetangestellte der Ostchinabahn von den mandschurischen Behörden ver- haftet. Die Oeffentlichkeit der Sowjetunion erklärte nun, daß diese Aktion ans Betreiben des Führers der mand- schulischen Delegation bei den Tokioter Eisenbahnverhand- langen ersolgt sei und daß die intellektuelle Urheberschaft 18 Zeichnungen und Karten ausgestattet ist. wirb auf An- orbnung des Reichsinnenministers allen zur Ent- lassung gelangenden Schulkindern ausge- händigt. In Fußnoten wird die Bedeutung der einzelnen Artikel des sogenannten Friedensvertrages er- läutert. Es ist vorgesehen, daß die Schrift auch im Schul- Unterricht behandelt wird. Der Arbeitsausschuß Deutscher Verbände, dessen geschäftsführender Vizepräsident Dr. h. e. Draeger an der Herausgabe mitgewirkt hat, wird sich im Benehmen mit den auf dem Gebiete der Jugendertllchti- gung tätigen Organisationen bemühen, baßin ähnlich er Weise auch die bereits schulentlassene Jugend erfaßt wirb. Vor dem Ausbruch des„dritten Reiches" erhielten die Schulentlassenen die Reichsversassung von Weimar Die könnte allerdings jetzt nur noch als Märchenbuch verteilt werden. Ifldisdier Danh an Dérenger Der Grobrabbiner von Frankreich«nd ber Präsident des Allgemeinen israelitischen Verbandes bringen in einem Danktelegramm an den Senator Henry B e r e n ge r zum Ausdruck, daß die Judenschast Frankreichs die Rechte der nationalen Minderheiten„nur als eine vorüber- gehende Maßnahme gelten lassen könne, die dazu bestimmt sei, das endgültige Ausgehen der israelitischen Staats, bürger in der Nation vorzubereiten." Juden dürfen nicht retten! Mit dem 80. September sind die letzten jüdischen Aerzte aus dem Berliner Rettungöwesen ausgeschieden. Ehrendoktor wird aberkannt Der Führer der Stuttgarter Studentenschast, Schmehl, hat an den Rektor der Technischen Hochschule Stuttgart, Prof. den Japanern zuzuschreiben sei. Nunmehr sind von der Sowjetregierung vier Geheimdokumente verösfeut- licht worden, aus denen eine Bestätigung dieser Behaup, tungen zu entnehmen sein soll. In Tokio hat dieser Schritt ungeheueres Aussehen und lebhasten Protest hervor- gerufen. Man will aber den Bericht des japanischen Bot, schasters in Moskau abwarten, ehe man einen d i p l»- matischen Schritt tut. Nach Meldungen, die aus MoS» kau hierher gelangen, dauern dieEingrisfederört» lichen mandschurischen Behörden in die Ber- waltnng der Ost chinabahn noch an. Der sowjet, russische Direktor der Bahn soll die Maßnahmen des maub» schurischen Bizedirektors widerrufen haben. Mandsciiuho gegen Rußland Rußland— Japan Mukden, 12. Okt. Die mandschurische Regie- rung hat angesichts der russischen Haltung gegenüber Mandschukuo beschlossen, den Güterverkehr mit Rußland zu sperren. Diese Maßnahme sei notwendig, um Sowjetruß- land endlich zur Wahrung des gebührenden Auslandes gegenüber seinen Nachbarstaaten zu zwingen. Wetzel, schriftlich die Aufforderung gerichtet,„mit allen ge- setzlichen Mitteln" Ehrentitel, wie Ehrendoktor oder Ehren- senator, abzuerkennen, soweit es sich„um marxisttsch-zentrüm- liche Parteibonzen" handele. Sfnrm Ober Holland Amsterdam, 11. Okt. Ein schwerer Südwestorkan hat am Mittwoch ganz Holland heimgesucht und in verschiedenen Orten große Verheerungen angerichtet. Mehrere Menschen- leben sind zu beklagen. Trodienhelf in Sfldafriha London, 12. Okt. Wie„Daily Telegraph" aus Johann«- bürg meldet, ist Südafrika von einer Trockenheit heimgesucht worden. Mehr als sechs Millionen Schafe sollen eingegan- gen sein- Wenn es bis Dezember nicht regnet, muß mit den schlimmsten Folgen gerechnet werden. Schon jetzt ist etn er- heblicher Rückgang der Wollernle zu verzeichnen. Die Flüsse Oranje und Baal sind an verschiedenen Stellen bereits aus- getrocknet Zwischen dem Betschuanaland und der Südafrika- nischen Union bilden sie nur noch einen sandigen Graben. Sieden Vole Furchtbares Flugzeugunglück wtb. Chesterton fJndianaj, 11. Okt. Ein von Renyork nach Chikago unterwegs befindliches Passagierflugzeug ezplo» vierte unweit von Chesterton in der Lust«nd stürzte bren- nend in der Nähe einer Farm ans die Erde nieder. Bier Passagiere, der Flugzeugführer und sein Stellvertreter so« wie die Auswärterin fanden den Tod. Pfälzer Dries Im Vordergrund des Interesses steht immer noch die so- benannte volkssozialistische Selbsthilfe, oder im Volksmunb, ber B e t t e l s o z i a l i s m u s. Wir sind genau darüber informiert, daß matzgebende Unternehmer aus das schärfste protestiert haben und sich weigern, ihren Anteil zu zahlen, selbst auf die Gefahr hin, >n die Volksacht getan zu werden. So zahlt z. B- einer dieser Unternehmer wöchentlich 50 000 Mk. Lohngelder aus. Die Arbeiter müssen ein Prozent des Lohnes abführen, das wacht 500 Mk. Der Fabrikant soll nun nach den Richtlinien benselben Betrag abführen und lehnt dies ab mit der Be- Srttndung, es entstehe dadurch eine erhebliche Schädigung gegenüber der rechtsrheinischen Konkurrenz, die solche Ber- pflichtungen nicht habe. Auch die Pflicht für die Schulkinder. ieden Tag einen Pfennig zu bringen, ist auf den voraus- besehenen Widerstand gestoßen- Es gibt nun Lehrer, die, um nicht aufzufallen, die fehlenden Beträge ersetzen. Das beht natürlich bei der dauernden Gehaltssenkung und Preis» Weigerung nicht lange. Mit den in den Wirtschaften und Straßenbahnwagen aufgestellten Sammel- büchsen wird allerhand Unfug getrieben. Ueberall werden we alten 50er aus ber Inflationszeit zusammengesucht und hineingeworfen. Auch Knöpfe und andere ähnliche Gegen- stände kommen dabei zu Ehren. Das Erträgnis ist jeden- falls sehr mager und wird Herrn Bürkel bald zeigen, daß kin„Sozialismus" gescheitert ist. Der Humor erhielt reich- lichen Stoff durch diese Eselei und das bebeutet auch etwas in so einer ernsten Zeit- Ueber die furchtbare Lage ber Klein- und Mittel- betriebe haben wir schon berichtet, auch über die Ursachen. In Münchweiler a. R. hat jetzt sogar der Betrieb Jos. Wadle mit über 800 Arbeitern Konkurs gemacht. Die Fa- brikantenzeitung schreibt selbst, daß diese Firma unverant- wortlich gehandelt habe, weil sie zu Schleuderpreisen ver- kaufte und so die solide Industrie in eine schwierige Lage brachte. Diese Firma hat sich auch nie an den Tarifvertrag behalten, was zu häufigen Arbeitskämpfen führte- Weil aber der Herr Chef ein guter Nazianhänger ist, bemühen sich die maßgebenden Führer, den Betrieb mit öffentlichen Mitteln zu stützen. Ein'ge Grobfabrikanten haben sich mit «roher Entschiedenheit gegen diese Absicht gewandt und er- klärt, daß sie sich nicht scheuen werden, auch öffentlich au protestieren. wenn ein solcher Bruchbetrieb öffentlich subven- tioniert wird. Im Pirmasens« Industriegebiet cknd weiter die Firmen Jäger Jean, Oechsner und Herzog Konkurs gegangen. Einige weitere Betriebe mußten wegen Auftragsmangels geschlossen werden, wettere«chlce- Hungen sind angekündigt. Welch große Fortschritte die Volksgemeinschaft bereits ge- wacht hat, beweist die Tatsache, daß ber Herr«-onde r- kommissar Hahn von Pirmasens, ehemaliger Zucht- Häusler, jetzt fast täglich mit den Söhnen der beiden real- 'lonärsten Unternehmer und Menschenschinder Neuss« und Hertel ausreitet. Der bayrische Ministerpräsident Siebert hat anläßlich seines Besuches einige interessante Ueber- raschungen erlebt. Beim offiziellen Empfang waren SA. und Schulkinder zum Hetlrufen eindressiert. Als er aber nach dem offiziellen Empfang durch die Straßen fuhr und erwartete, seine Untertanen würden ihn nun untertänigst anheilen, erlebte er die große Enttäuschung, daß sich nur selten eine Hand erhob. Die vielen Menschen in den Straßen der Städte konnten wegen dieser Respektlosigkeit nicht sofort verprügelt werden. Fast überall mußte das sogenannte.Jungvolk" in den letzten Tagen wieder aufgelöst werben. Die Zustände waren unhaltbar geworden. Die anfängliche Freude über die Be- waffnnng der Hosenmätze ist in Entsetzen umgeschlagen, alS sich überall Straßenschlachten entwickelten, die wiederholt zu sehr ernsten Folgen führten. Von überall her wird über die furchtbare Mißwirtschaft in den Konsumvereinen berichtet. Tüchtige Kräfte wurden ersetzt durch alte Kämpfer, die natürlich nicht das geringste von der Sache verstehen, aber erhebliche Gehälter einstecken. Bewährte Verkäuferin- neu wurden durch alte Kämpfer ersetzt, die den Umsatz schon unter die Hälfte heruntergewirtschaftet haben. Die Be- schäftigtenzahl wurde ganz unwirtschaftlich erhöht, ja, es wurden neue Büros gemietet, weil die alten zu primitiv er- schienen, es wurden neue Autos angeschafft und die bis- herigen Mitglieder sehen mit Staunen auf das Benehmen dieser Raffkes und haben jetzt erst einen Begriff davon be- kommen was ein Bonze ist. In der Führung ist ja bereits ein Streit ausgebrochen, der durch Ausführungen deS bayrischen Staatssekretärs Stocker bekannt wurde. Letzterer lehnt die Idee Leys, die Konsumländen an gute Nazis zu verpachten, ab, und wünscht die Zerschlagung ber Konsum- vereine- Durch das Protzentum, das jetzt dort sich breit ge- macht hat, wirb wohl der Zusammenbruch von selbst kom- men. Die Spargelder sind bereits verloren, denn es erfolgen keinerlei Auszahlungen. In de« Gewerkschaften sieht es fast noch schlimmer aus. Wir sind orientiert über ein Büro, in dem früher drei männliche und eine weibliche Angestellte tätig waren. Jetzt drücken sich dort 11 DHB-- Buben herum, ohne etwas von gewerkschaftlichen Ausgaben zu verstehen. Alle Geld« müssen nach Berlin und alle Unterstützungen müssen von dort angewiesen werden. Wo früher z B 30 und 40 Mark Notfallunterstützung gezahlt wurden, gibt es jetzt nach langem Warten noch höchstens zehn Mark- Die Jnvalidennnterstützungen, die ami.9-fällig waren, find bis heute noch nicht ausbezahlt. Die armen Teufel wurden vertröstet, sie würden über den Aus» Zahlungstermin verständigt. Ganz fürchterlich sind die Auswirkungen ber Aufhebung der Wohnungszwangswtrtschast. Wir haben einen Bericht aus einer mittleren Stadt, in der in einer Woche 28 Exmittierungen erfolgten- In einem alten Stall befinden sich zur Zeit 52 Wohnungseinrichtungen von zwangsweise Herausgestellten. Daß jetzt alle WohlsahrtSnnterstüßten für ihre Unterstützung schwer arbeiten müssen, wurde von verschiedenen Orten berichtet. In Pirmasens müssen diese Leute einen Flugplatz Herrichten- Es ist allerdings verboten, von einem Flugplatz zu sprechen, weil Herr Göring wahr» scheinlich hier, dicht an der Grenze, einen Teil seiner Ge- schwader aufstellen will, um den fantastischen Ueberfall auf den„Erbfeind" gemäß dem Lied, das jetzt alle Schulkinder von 0 Jahren schon lernen müssen(siegreich wolln wir Frankreich schlagen!, durchzuführen. Es sind dort bis zu 500 Leute beschäftigt, und auf 7 bis 10 Leute kommt ein Aus- seh«. Diese Vorgesetzten bekommen wöchentlich 25 Mk. Kaufmännischer Letter auf dem Platz ich ein gewisser Wagner, der wegen Betrügereien und Wechsel- f ä l s ch u n g fast zwei Jahre Zuchthaus abgebrummt hat. Auch der Aufseher Kalkenbrenner hat einige Jahre Zucht- haus hinter sich- Der Aufseher Schaub war 1928 an einem Etnbruchsdiebstahl im Stadthaus beteiligt, wo die Arbeiter- löhne gestohlen wurden. Er erhielt dafür 18 Monate. Solche Nummern sind noch mehr dabei. Es sind die besten Vertrauensleute dieses Reichskanzlers, der ja sogar ge- meinen Mördern Huldigungstelegramme geschickt hat. Der Führung ist so ziemlich überall ber Raffkedünkel in den Kopf gestiegen. Bon überall her wird berichtet über die ausschweifende Lebensweise dieser Leute, über Ber- schwendung und Sausereien. Anläßlich einer solchen Sauferet und den damit verbundenen Ausschreitungen mußte In Pirmafens gegen einige Führer ein Uniformver- bot ergehen. Der vielbeschäftigte Kreislest« und M- d. R. darf jetzt noch nicht die Uniform tragen. Gerüchte, daß eine Personalveränderung als Folge dieser Ausschweifungen be- absichtigt sei, haben die maßgebenden Herren entschiede« öffentlich dementiert. Der SS-Mann Schlaget« wurde von dem SA.-Mann Hausner nach einem Saufgelage mausetot geschlagen. In der ersten Aufregung wurde eine empörte Volksmenge vor das Rathaus geschickt, um den an- geblich marxistischen Täter zu lynchen. Da sprang ein Führer aus den Balkon und rief, es handelt sich ja um einen SA.-Mann, es ist der Schwiegersohn des Stadtrats Dauth. Da lieb die„erregte Volksmenge" die Köpfe hängen und ging wieder friedlich nach Hause. Die Unzufriedenheit ist in allen Kreisen sehr groß und die Kritik wagt sich schon ziemlich offen hervor, weil die früheren Angeber selbst un- zufrieden sind. Unsere Leute fragen immer wieder: Ja, wo ist denn die Besserung unseres Loses, warum hat man die Gewerkschaften gewaltsam besetzt, während die Fabrikanten- vereine bis heule noch unbehelligt blieben, warum können überall die Löhne abgebaut werden, warum sinken die Unterstützungen und warum müssen die armen Teufel für ihre Unterstützungen noch schwer arbeiten,- wo bleibt die Aufhebung der Notverordnungen? Wo bleiben die ver- sprvchenen Verbesserungen auf allen Gebieten? Warum sind die neuernannten Betriebsräte völlig passiv und lassen jede Gemeinheit des Unternehmers passieren? Warum prassen und protzen eure Führer, wo sie doch ein Beispiel der Ein- fachheit geben sollen? Warum sieht man nichts von der Volksgemeinschaft, sondern einen noch schärferen Gegensatz als früher: aber die Macht der Waffen ist vorläufig noch der Ersatz für die versprochenen Leistungen. Pariser Berichte Pariser Siraßenbalendcr«eve m. Die Schwester des ermordeten Varietebesttzers Dufrenue bat eine Belohnung von 25 000 Frauken für die Ergreifung des„falschen Matrosen" ausgesetzt. Am Pariser Stadtrat wurde beantragt, et» ständige» Museum der Arbeit zu schaffe« im Anschluss au die Ausstel« luna des Lebens der Arbeiter und Bauern» die in de» «ächsteu Jahren stattfinden soll. Ein Wohlfahrtshaus für Kunstmaler wurde 14», tue Beb liard eröffnet. Der Seine-Präfekt Edouard Renard hat sich mit Madame Winburn verheiratet. Trauzeugen waren Frau Chiappe und der Mariucminister Sarraut. Im Theater Albert l. wird demnächst baS Stück„Kampf um Kitsch" von Stemmte, das seiner Zeit in der Berliner Volksbühne mit Beteiligung von Kindern der Karl-Marx, Schule aufgeführt wurde, mit zwanzig französischen Kindern unter dem Titel„Jeunesse oblige" gespielt werden. Ein interview mit Lambert Herr Lambert, der Generalsekretär des französischen Komitees für die Flüchtlinge, gewährte dem Pariser Ber- treter der„Freiheit" ein Interview über die Arbeit und die Ziele des Komitees mit genauen Zahlenangaben. Wir werden dieses Interview, das für alle Deutschen von be- sonderem Interesse ist, in unserer Samstag-Ausgabe zum Abdruck bringen. Erdbeben in Paris Di« meisten Bewohner der Lichtstadt werden nicht be» merkt haben, daß am 3. Oktober die Woche mit einem Erd- beben begann. Das Beben ist registriert und beglaubigt, der Park St. Maur und die anderen Pariser Stationen haben genaue Berichte erhalten. In der Akademie der Wissenschaft hat ber Direktor des Physischen Instituts einen gelehrten Vortrag über dies unterirdische Grollen unter dem Montmartre und dem Mont- parnasse gehalten. Aber nicht bloß das: es gibt auch noch Lebewesen auf der Sonne, kleine mikroskopische Tiere, die Zuwendeten Möbl. Zimmer Küche mit Gas und Eleka trizität rum Preise v. 120— 300 Fr. monatlich. 219, Rae Bercy, M«ro Lyon 1—2 Zimmer unmöbliert, 830—2600 Fr. pro Jahr. 58, Rae Crozatier und 126, Av. Choisy, Paria Schön. Gut in Touraine HAUS IM EMPIRESTIL, Halle, Salon, Speisexim., Küche, Dienstbotenzim., Büro, schöne Schiafzim., schönes Badezim., W.»C„ I Stock 6 Schlafzim., 3 Toilettezim., heißes u. kaltes Wasser, Zentralheizung, Elektrizität, Nebengebäude,Garage,G ashaus.Waschraum, Stall. Schöner schattiger Park, Obst-n. Fruchtgarten, umzäunt, Oberfläscbe 15000 M 3, alles in gutem Zustande. Sofort frei. 225000 Fr. zu verkaufen. Brouord, i-bis, rua Fahre d'Eglantlne, Paris NN» nahekommen. Diese Zwerggeister haben starken Ein- fluß aus den Weizen. Man findet, wenn man Zeit und Lust hat, nicht weniger als vier Milliarden Organismen aus das Gramm Erde. Nach der Ernte stirbt diese unterirdische Zwergflora ab und gibt der neuen Saat bis zu 5 Tonnen auf den Hektar Dllngematerial. Inzwischen ist ein anderes Himmelsphänomcn eingetreten: ein herbstlicher Sternregen. Viele französische Städte, u. a. Nizza, Toulon, Reims, Nancy und Straßburg melden diese kosmische Ueberraschung. Das wunderbare Bild, das eine Stunde lang sichtbar war, ging bis nach Belgien. Die Stern- warte in Nizza, die einen solchen herbstlichen Sternrcgen schon seit vierzig Jahren nicht mehr registriert hat, führt die seit- fame Erscheinung auf das Zersplittern eines Sternes zurück. Mehr Kinder in Frankreich Der Pariser Wanderer muß feststellen, daß es überall viel Kinder und schwangere Frauen gibt. In den 20 Pariser Ar- rondissements sind Eßstuben für schwangere und stillende Mütter errichtet, die dort umsonst'Nahrung bekommen, so lange der Säugling noch unter 18 Monate ist. Diese kleinen sauberen Häuschen sind täglich von 11—1 und 5—7 Uhr geöffnet. Die Kinbcrzahl in Frankreich hat zugenommen: von Ja- nuar bis August 1933 wurden 185 500 Kinder geboren, das sind 11009 mehr als in der entsprechenden Zeit des Vor- jahres. Da aber auch die Kindersterblichkeit und die allge- meine Sterblichkeit erheblich zugenommen haben, so hat sich der Geburtenüberschuß auf 12 000 vermindert, die Halste weniger als 1932. Auch die Ehen haben abgenommen, hin- gegen sind die Scheidungen wieder ein bißchen gestiegen. Bekanntlich ist der Kinderreichtum Deutschlands, der sich einst so über das Absterben des„gallischen Hahns" lustig machte, unter die französischen Zahlen infolge der Not und der Krise gesunken. Da Adolf außerdem noch der Totenkurve durch„Fluchtversuche" und andere geeignete Mittel nach- hilft, wird die„aktive Bilanz" für 1933 wahrscheinlich nicht auf Seiten Teutschlands sein. vie Geliebte des jungen Cofy Die Mutter ber jungen Geliebten des Millionärssohnes Eotn, die in einem vornehmen Hotel ber Avenue Georges V. tot anigesilnden wurde, hat in London einem französischen Berichterstatter erklärt, daß ihre Tochter hübsch, lebenslustig und. finanziell gesichert war und gar keinen Grund hatte, sich zu erschießen. Die Mutter war in Brüssel, als sie die Kunde von dem traurigen Ende ihrer Tochter erreichte. Sie eilte sofort im Flugzeug nach Paris. Dort unterschrieb sie zwar ein Schriftstück, daß kein Mord in Betracht käme, aber jetzt sind ihr schwere Zweifel aufgestiegen. Der Anwalt der Mutter, die übrigens die Witwe eines Offiziers in der indischen Armee ist, erklärte:„Ich greife niemanden an, ich nenne keinen Namen. Aber ich bin von Mrs, Wright beauftragt, Licht in die geheimnisvolle Sache zu bringen, und diese Mission werde ich erfüllen." Nach Versicherungen des Londoner„Jntoan"-Vertreters werden neue Tatsachen, die die Familie Wright kennt, in Paris Sensation machen. Eine Zurückweisung des Antrags aus Neuuntersuchung erscheine unmöglich. Herbstfarben und Lichter vor dem Abendessen strolche ich oft los, um die Träume ber großen Boulevards und natürlich auch die kleinen hübschen Blusenstände zu schauen. Also, weißt Du, Mi, was Du tragen mußt: ein Complet in hellblauem Wollstoffs mit weißem Pan-Hütchen oder— ja, wenns man nicht so teuer wäre! Schwarze Samthttte, mein gutes Kind, sind große Mode, in Glockenform und mit Saumstreifen in demselben Stoff. Du, die vornehmen Pariserinnen gehen hier in Pelz- mänteln aus. ganz sportartig geschnitten, als wenn Du statt zum 5-Uhr-Tce zur Jagd wolltest. Nachmittags natürlich Stoffmantel, Kragen und Aermel und Schultern mit Pelz verarbeitet, so Dus kannst, und weißt Tu, ein schwarzes Samtkostüm mit Aermeln in Tütenkorm, aufgesteckt, dazu Erepe-de-Chinc-Bluse in Weiß, das ist ganz modern. Und was ich mache? Ach, Stoff bekommst Du doch schon für 10 Fr. das Meter, eine billige Fasson allerdings kostet 50, in den Modellgeschäften so und so viel mehr, also ich kaufe mir Schnitte nnd zaubere es selbst. Marderkrawatten, möglichst doppelt, daS trägt hier auch jede, die's kann. Wenn ich Geld habe, nähe ich mir«in Teekleid und zwar aus braunem Samt mit Brokatknöpfen und dazu eine braune Erepe-de-Ehine-Bluse mit Brokatschleifc. Sehr mo- der» Brokat und alles glitzernde Zeug. Perlenohrringe sind große Mode, Mi, möglichst groß, vor allem weiß, aber auch bunt. Ach, Mi, wenn ich an die Perlen denke, fällt mir manchmal Heinrich Heine ein: Die Perlen, Die der Königin Atossa Einst geschenkt der falsche SmerdiS, Doch die Perlen waren echt. Na, laß man. bei uns tun's auch falsche Perlen, wenn nur der Smerdis echt ist. Herzlichst Deine Marietta. vie Mala Hart von Pietz In die neue Metzcr Tpionageangclcgenheit, bei der ein Ingenieur aus Saarbrücken verhastet wurde, ist auch zum ersten Male seit dem Kriege wieder eine Frau ver- wickelt:„die schöne Sophie", eine Deutsche. Diese Nach- solgerin der Mata Hart stammt aus Herne in Westfalen, sie ist 35 Jahre alt und heißt Sophie Drozdt. Die schöne Sophie, die„bien en chair" war,(„gut was druss hatte"», war mit einem Deutschen verheiratet, der vor mehreren Monaten aus Frankreich ausgewiesen wurde. Ihr Mann begab sich ins Saargebiet. Die schöne Sophie be- sorgte sich in seiner Abwesenheit für Rechnung dessen, deu's angeht, ein tragbares Maschinengewehr, Modell 1924. Mit ihrer üppigen Blondheit betörte sie einen berittenen Jäger vom 18. Regiment in St. Avoid, der ihr eines Tonntagsnach- mittags den ersehnten Gegenstand in ber Kaserne stahl. Ein sofortiger Appell war die Folge, die Grenzposten wurden verständigt, und der schönen Sophie in ihrem Automobil wurde kurz vor Erreichung des Ziels die Waffe abgenommem Tie schöne Sophie und ihr betörter Jäger sitzen in Saar- gemünd. Man nimmt auch an, daß die Spionin von Herne noch weitere Täten im Dienste der an der Saar sitzenden Spione auf dem Kerbholz hat. Von der„schwarzen Kunst" Auf dem Boulevard Auguste Blangui, Nr, 94, wurde ein Geiverkjchaftshaus der Pariser Buchdrucker eilrgeweiht. Stach einer Preisverteilung an die Jugend und einem Ehrenwetn wurde das Haus besichtigt. Im Erdgeschoß fand ein großer Saal mit Büchern und Zeitungen als Aus- enthaltSrauw für die Arbeitslosen großen Beifall, im oberen Stockwerk die geräumigen und praktischen Arbeitszimmer, neben denen der Beratungsraum und zwei Bibliothckränme liegen. Ter schönste Schmuck sind Phönix-Maschinen, Setz- kästen, Handpressen und andere typograsische Gegenstände zur Ausbildung neuer Jünger Gutcnbergs, für die bereits seit 1904 Kurse dieser Art in ber„schwarzen Kunst" stattfinden. Eine Weltgefahr In der Akademie der Moralwissenschaften hat eine Sitzung stattgefunden, in ber der berühmte Historiker M. Funk- Brentano über Hitler sprach und erklärte: Ter beuiige Geisteszustand Teutschlands und sein fester Wille, sich über die anderen Völker zu erheben, bedeutet eine drohende We- fahr für den Weltfrieden. Ter Wissenschaftler erklärte, die heutige deutsche Nazi-Diktatur sei überzeugt, daß ihr das göttliche Recht übertragen sei, der Welt ihren Willen anszu- zwingen, ohne Beachtung der Verträge und Vereinbarungen, die dem„dritten Reich" vorhergingen- Tarzan heiratet Nach einer Pariser Meldung auS Hollywood hat der mexikanische Star Lupe Velez den berühmten„Assenmenschen" und Tarzan: Johann» Weismüller, geheiratet. Tarzan wurde von seiner ersten Frau ivegen einer seiner Rolle„wür- digen" Grausamkeit geschieden. „Mensdienredif gefrt vor ff if lermadif Deutscher Klub Igegr. 1925), Université du Parthönon, 04, Rue de Rocher, Paris 8 jam Bahnhof St. Lazare). Am Samstag, dem 14. Oktober, um 21 Uhr spricht der pazi- fistische Journalist Georges Pioch über„Menschenrecht geht vor Hitlermacht". Der Vortrag wird übersetzt. An- schließend Diskussion. Die Fahne des Deutschen Klubs ist schwarz-rot-gold. Der Deutsche Klnb ist der Treffpunkt aller Nichtgleichgeschalteten. Er ist nur Tamstagsabends ge- össnet. Eintritt: 5 Fr., für Stellungslose: 2 Fr. Gäste gern willkommen. SchSn, elegant, die faszinierenden TAXI-GIRLS liniin mil allen In Franlcralch nur Im COLISEUM D A N C I N G Abends um 9 Uhr 65, Rua Rochachouarf BRIEFKASTEN M. L. Antwerpen. Tas ist eine Frage, die sich unmöglich von hier aus beantworten läßt. Wenden Sie sich an das dortige sozialdemokratische Blatt„Booruit". „Saarbrücker Zeitung". In diesem Blatt, dessen Redakteur« sich sämtlich bei der Hitler-Partei angemeldet haben iman darf nicht zu spät kommen, besonders wenn man mit liberaler Vergangenheit belasset ist), rinnt am Mittwoch ein breiter Mitleidsstrom. Man licss da:„Tie Unterdrückung des Nationalsozialismus in Oester» reich wird mit aller Tatkraft weiter betrieben. Schätzungsweise dürs- ten etwa 14(WO Oesterreich«! nach Teutschland slüchtig geworden sein. Viele davon sind verheiratet, haben Kinder und eine geschalt« lichc Tätigkeit. Mit der Ausbürgerung wird zumeiss der Bermö- gcnsverfall verbunden. Wieviel Elend dadurch entstanden ist uns noch immer weiter entsteht, ist kaum zu ermessen." —„Kaum zu ermessen." Ten reichsdeutschen Familien, die in viel zahlreicheren Fällen durch den Nationalsozialismus schlim» meres erlebten, nämlich die Treieinheit Konzentrationslager— Mist» Handlungen—„aus der Flucht erschossen", gehört die Siebe dieser Saarbrücker Presse nicht. Sie verteilte schon immer ihre Gunst nach den Subventionen, die ihr jeweils von der Regierung zugestellt wurden. Herzblut über Menschenelend steht ihr heute nur für ver- tricbene Nationalsozialiften zur Verfügung. Tie neue Weltbühne, Prag t, Nr. 40 ist soeben erschienen nnd bringt unter anderem folgende Beiträge: Willi Schlamm: Pro» scssor Södermann, ein Unfall.— Robert Boucher: Angsslähmung. — Justin Steinfeld: Tie Moral des Falles Tshekedi.— May Bergner: Ter große Bauernfang.— Isa Strasser: Tie Arbeitslosen von Maricnthal., Tr. B. Sie übersenden uns die nationalsozialistische Essener„Na» tional-Zeitung", die sich über„Frechheiten Saucrweins" beklagt» ihn Dr. A. Sliosberg INNERE KRANKHEITEN 16, r. Jules Clarétie, Ecke 40, Bd. Emile Augier PARIS(16). Métro: Muette. Troc. 22-04 Mittwochs und Freitags von 2—4 Uhr und nach vorheriger Anmeldung Teilhaber mit 80-100000,- Fr, für nachweislich gutes Unternehmen Metz* Luxemburg gesucht. Angebote unt. Nr. 474 an die..Deutsche Freiheit 44 doppelzüngig und zweideutig nennt und hofft, daß er nicht mehr nach Teutschland zurückkehrt. Und diesem Sauerwein hat Naring in einem langen Interview sein pazifistisches Herz ausgeschüttet und ans alles verzichtet, was das„dritte Reich" semais von Frankreich erobern könnte! Ta scheint der gut« Göring wieder einmal eine Spritze zuviel gehabt zu haben. F. M. Wir geben Ihre Mitteilung zur Kenntnis, daß auch in Bahnpostämrern im Innern Teutschlands eine sehr strenge Post- kvntrolle eingesetzt hat und auch Briese aus deutschen Orten nach deutschen Orten gcössnet und mit einem Klebezettel wieder ver- schlössen werden„Zur Tcvisenüberwachung zollamtlich geössnet". Rrbeitersportler. Wunschgemäß teilen wir mit, daß sich in der Emigration eine neue Leitung sirr den Arbeitersport gebildet bat. Adresse». Bühren, Aussig a. IS., Lahnhosplatz 1(Tschechoslowakei.). Rechtsanwalt Tr.»., Lpon. Wir danke» für das Bild„Reichs- jnftizkommiijar Tr. Frank schreitet die Front der angetretenen Juristen in Leipzig ab." Ihre Frage, ob auch die Herren Richter des Reichstagsprozesscs mit stramm gestanden haben, können wir nicht beantworten. Auch ob die Richter jetzt nur noch„3» Befehl, Herr Minister!" sagen dürfen, wissen wir nicht. Tr. 38. F. Tast in den Gcrichtssälen Preußens wieder Kruzifix« angebracht werden, habe» wir gelesen. Dem tsckreuzigten wird nichts- erspart!— Ihre Meinung, daß die Kruzifixe nicht in Son- dcrgerichte gehörten, teilen wir nicht. Schließlich ist der Herr Jesus j, auch von einem Sondergcricht unter Ausnahmezustand verurteilt werden nnd hat alle Roheiten der römischen TA. genossen und den Herrn„Reichsbischos", damals Hohepriester genannt, auch. Man sollte unter das Kruzifix noch die Heilandsworte setzen:„Richte) nicht, aus daß Ihr nicht gerichtet werdet." Frankfurt a. M. Ter Reichsstatthalter Sprenger war, wie T>« uns mitteilen, ein kleiner verschuldeter Postbeamter. Noch vor we- nigcn Monaten. Jetzt ist er Parteibuch-Ttatthalter. Außer seiner Dienstwohnung von 9 Zimmern hat er noch eine Pilla von 22 Zimmern. An seiner Wohnung ist nächtlicherweile ein Zettel angebracht worden„Tprenglein, Sprengtet», woher h a st T u Tein G e l d l c i n?"— Trinkt Sprenger eigentlich noch mehr als Leo? Tas ist doch kaum möglich. Tr. P. Wir haben Ihren Brief, der sich mit Professor Sauerbrnch beschäftigt, ohne scdc Verwunderung gelesen. Sein„Aufruf an die Acrztewelt" wird nach unserer Auffassung geringeren Eindruck machen, als Sie glauben. Man weis im Auslände hinreichend, auf welche Weise derartige Aufrufe Zustandekommen. Sauerbrnchs wis- senschaftliche Autoritär mag groß sein. Aber gerade die Entblößung feines Charakters, die er an sich selbst vollzieht, hindert uns daran, aus sein„Vorleben" in Ihrem Sinne ausführlich einzugehen. Frau F., Colmar. Wir werden sehen, ob sich in Sachen der junge« Leute etwas tun läßt. Aber: wußten Sie, wie knapp unsere Mittel sind! Dank für Ihre Anregung über Frauen- und Kinderbeilagc. Sie haben ganz recht, daß der Weg zur Fra« mitentscheidend ist. Aber Ihre Idee stößt sich hart im Raum. Tazu bedarf es eines Ausbans, der uns heute noch nicht möglich ist. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz in Tnd- weiler: für Inserate: Ttto 3 u h n in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrücken 3, Schützenstraße 5. WiMninMMMWUUliWRWMWWW IMiWW 1 A Sil! iï:' 7 Mtöftjll T«E'(«mt»T 5H35HB5 von^^^^ Consomption 10 u. 15 Fr. 141, Avenue Malakoff. Métro Porte Maillot bilii&iMlifllaai^ Tél. Trinité 43-13 Métro: Pigalle Deutsche Poliklinik Paris, 62, Rue de la Rochefoucauld a) Allgemeine b) Chirurgie c) Geburtshilfliche d) Zahnärztliches Konsultationen ZweistBckim, Smato. Klinik Kabinett riumsgebäude. Die aller» Vierstöckiges Gebäude, mit 9 Spezialisten modernste Einrichtung Zimmer mit 1 bis 4 Betten Zahn» und Mundchirurgie Ordination täglich von 9—12 nnd 2-8; Sonn, nnd Feiertag* von 10—12 nnd 2—4 Uhr Die Geheimnisse um die Brandstiftung Van der Lübbe verblödet immer mehr Abgelehnte Verteidiger l Die abgelehnten Verteidiger der Bulgaren vor dem Reichstag. Von links nach rechts: Der bulgarische Rechtsanwalt Grigoroff, Rechtsanwalt Stefan Det« chesf-Sofia, der Vater des angeklagten Bulgaren Popog unb btt Pariser Rechtsanwalt Willard. Nervosität and Rätsel D. F. Der Bulgare Di m itroff ist„bis auf weiteres" Ausgeschlossen. Auch an dem abendlichen Lokaltermin vor dem Reichstage darf er nicht teilnehmen. Eine ganz vnerhört« Tatsache. Man nimmt einem der Haupt- »»geklagten da» Recht, die entscheidende Untersuchung «achzuprufen, wie der oder die Brandstifter angeblich durch Fossadenkletterei in das Gebäude kommen konnten. Der Ausschluß zeugt von höchster Nervosität des Gerichts- ?of». wenn man ein deutlichere» Wort vermeiden will, «ur weil Dimitroff Fragen, die der Vorsitzende noch gar Vicht kannte, zum Lokaltermin stellen wollte, wurde der «usschluß verhängt. Und der formal noch immer fungie- tend«„Verteidiger", der schweigsame und duldsame Herr Dr. Teichert? Nichts hat er zum Schutz seines Klien- »n zu sagen. Nicht einmal da» Papier mit den Fragen steht er an, die zu stellen dem Angeklagten Dimitroff Unmöglich gemacht worden ist. Der amerikanisch« Rechtsanwalt Haye» und die vnderen in Leipzig anwesenden ausländischen Anwälte baden schon bei dem ersten Ausschluß Dimitrosfs eine. Protestaktion beim Vorsitzenden unternommen. Diese Juristen betonen, kein Gerichtshof habe das Recht, einem Angeklagten zu verbieten, daß er die Richtigkit von ihn belastenden Zeugen bestreite. Der verschärfte ganz grund- w» erscheinende neue Ausschluß Dimitrosfs wird Staunen '« der Welt erregen. Ohnehin schon bringen auch sehr angesehene kapitalistische Zeitungen, die schroffste Gegner bes Bolschewismus sind, Stimmungsbilder mit bewun- Bernden Schilderungen der starken überragenden Persönlichkeit Dimitroff», dieses Kommunisten, der in fremdem Lande allen Staatsgewalten trotzt. Branddirektor Wagner hat eine wichtige Frage an den Polizeileutnant L a t e i t gerichtet: ob er es für mög- uch halte, daß ein Mann, der eben erst in das dunkle Reichstagsgebäude eingestiegen ist, sich darin zurechtfinden könne. Da» ist selbstverständlich ganz ausgeschlossen. Ein Genie an Ortssinn könnte das nicht. Es ist undenk- bor. daß Lübbe, selbst wenn er noch einen Gehilsen gehabt haben sollte, in etwa 20 Minuten in den Hallen, Korri- Boren, Sälen, Treppen, Fluren. Souterrains gewesen sein kann, die er in seiner rasenden Odyssee berührt haben tvill. Hier wird an das große Geheimnis des Brandes verührt. Van der Lübbe schweigt dazu, und die Wissenden schweigen erst recht. Das Verteidigungskomitee für den Reichstagsbrand schlägt vor, ein internationales Kollegium von Pyrotechnikern zu hören, ob die Brandstiftung, wie sie der Vorsitzende Bünger nach angeblichen früheren Bekundungen van der Lübbe rekon- struierte, technisch möglich ist. Daß die deutsche Regierung ein solches Kollegium anerkennen und deutschen Feuer- wehrleuten erlauben wird, vor den Herren auszusagen, ist Natürlich ein schöner Traum. Wie weithin auch der Reichstag in seinen Flammen wuchtete, die Entstehung des Brandes bleibt im Dunkel. Es ist ein sonderbarer Abend. Da ist ein Student der Theo- logie, der zusieht, wie ein Mann im Reichstagsgebäude Fenster einschlägt, einsteigt und Brand legt. Der angehende Bottesgelehrte alarmiert immerhin die Polizei. Dann aber hat er keine größere Sorge, als nach Hause zu gehen, um tin Butterbrot zu holen. So wenig regt ihn das immerhin Vicht alltägliche Ereignis auf. Nach solchem Zeugnis, dem sich noch andere an die Seite stellen, ist also der Brandstifter schon beim Erklettern der Fassade beobachtet worden. Von da ab hat er mindestens 20 Minuten Zeit gehabt, in allen möglichen Gegenden des Pebäudes Feuer zu legen. Es ist nicht zu fassen! Ein Brandstifter wird noch vor der Tat ertappt und behält °a»n noch endlos Zeit, sein Handwerk auszuüben. Und das an einem Tag höchster politischer Spannung! In einem der wichtigsten Gebäude der Reichshauptstadt! Wenige schritte von dem Hause des preußischen Polizeiministers, der zugleich Reichstagspräsident ist und eine SA.-Wache lm Hause liegen hat. Und der Mensch, der dieses Wunder an Brandstiftungs- ^ekord vollbracht haben soll, sitzt geduckt und stumpf vor Bericht und kann sich nicht einmal die Nase putzen! Soeben ist der weltberühmte dänische Schriftsteller Andersen Nexö dem Verteidigungskomitee fiür den Reichstagsbrandprozeß beigetreten,«in großer Name mehr, der die Deutschen nachdenklich machen sollte. Ander« sen Nexö schreibt an das Komitee: Bon einem Verhör kann bös jetzt kaum die Rede sein. Jedes Geständnis wird dem Angeklagten van der Lübbe auf die Lippen gelegt mit der Aufforderung Ja, seltener Nein, zuweilen auch Ja und Nein zu antworten. So kann es im Namen der menschlichen Anständigkeit nicht weiter gehen. Es ist unser aller Angelegenheit. Wir müssen alle der Gerechtigkeit und Wahrheit beistehen. Denn hier geht es um das Verbrechen als Prinzip um unsere Zukunft als ethische Wesen geht es. Prächtiger, kämpferischer Andersen Nexö: Es wird noch eine ganze Weile so weiter gehen, weil die„ethischen Wesen" in Deutschland niedergetreten sind von den Kom- mißstiefeln der SA. und die größten ethisch sein sollenden Organisationen, die Kirchen, stramm im Paradeschritt der Gleichschaltung mitmarschieren. Die Welt muß millionenfach lauter lärmen, al» jetzt, wenn Deutschland aus seinem Wahn erwachen soll. Id. Verhandlungstag Berlin, 11. Okt. Am Mittwoch ist die Kontrolle und Bewachung im ReichStagsgebäude noch verschärft worden. Tie Umgebung des Reichstagsgebäudes ist durch eine Posten- kette abgesperrt, die nur mit Ausweis passiert werden kann, um an die Portale zu gelangen. Auch die heutigen Zeugen- Vernehmungen bewegen sich noch um die Entdeckung des Brandes. Neben den gestern schon vernommenen Haupt- zeugen sind einige weitere P o l i z e i b e a m t e, die zuerst am Tatort erschienen, geladen: ferner der Nacht- Pförtner vom Portal 5 des Reichstages und Ober» Verwaltungssekretär Scranowitz von der Reichstagsverwaltung, der auch mit als einer der Ersten am Tatort war. Va» der Lübbe ist frisiert Als die Angeklagten in den Saal geführt werden, fällt das veränderte Aussehen Lübbes auf, der im Gegensatz zu sonst sauber frisiert ist. Nach Eröffnung der Verhandlung teilt der Vorsitzende mit. daß der Lokaltermin vor dem ReichStagsgebäude a m Donnerstagabend stattfinden soll. Dimitroff„bis auf weiteres ausgeschlossen"! Der Angeklagte Dimitroff steht auf und will eine Frage im Zusammenhang mit diesem Termin stellen. Der Vorsitzende lehnt daS ab. Dimitroff will trotzdem feine Bemerkungen fortsetzen. Der Borsitzende entzieht ihm das Wort. Dimitroff erklärt: Ich bin hier nicht nur Angeklagter, sondern auch Verteidiger für Dimitroff. Der Senat erhebt sich bei diesen Worten von den Plätzen und zieht sich zur Beschlußfassung über das Verhalten Dimi- troffs zurück. Nach kurzer Beratung verkttndbt der Vor- sitzende folgenden Beschluß: Der Angeklagte Dimitroff wird wegen wiederholten Ungehorsams gegen die Anordnungen des Vorsitzenden, insbesondere gegen die Anordnungen, durch die ihm das Wort entzogen worden ist, bis auf weiteres ans dem Sitzungssaal entfernt. Er ist ins Gefängnis abzuführen.— Dimitroff protestiert in erregten Worten dagegen und überreicht seinem Verteidiger Dr. Teichert ein Schriftstück mit dem Be- merken: Diese Fragen möchte ich stellen. Tun Sie es bitte für mich.— RA. Dr. Teichert ruft dem Angeklagten zu: Hätten Sie mir das früher gesagt!— Der Angeklagte wird dann abgeführt. Der erste Alarm Das Gericht setzt die Zeugenvernehmung über die Vor- gänge am Abend des Reichstagsbrandes fort. Polizei« leutnant Lateit, Führer der Brandenburger-Tor- Wache, beginnt seine Schilderung mit der Bemerkung, eS sei vielleicht wesentlich, daß am Abend des Brandes eine Kund- gebung der SPD. im Sportpalast stattfinden sollte. Gegen « Uhr wurde mir, fährt der Zeuge fort, die Auslösung der Kundgebung gemeldet, und ich bekam damit erhöhte Alarm- bereitschaft, um als erstes Eingreifkommando gegen Demon- strationen vorzugehen. Gegen 9.15 Uhr betrat ein junger Mann die Wache und teilte mit, daß im Reichstag ein Brand ausgebrochen sei. Wir fuhren schnell zum Reichstag. Vor der Treppe bemerkte ich oben einen hellen Feuerschein, der 2.30—8 Meter hoch war. Ich ging hinauf. Ter Wachtmeister Buwert erstattete mir Meldung. Ich unterbrach ihn sofort und fragte, ob Feuermeldung erstattet sei. Als er das be- jahte, sagte ich, es müsse sofort gelöscht werden. Auf weitere Fragen gibt der Zeuge an. daß er um 0.15 Uhr die Mel- dung von dem Feuer bekommen habe. Sie seien mit kolossaler Geschwindigkeit zum Reichstag gefahren und es könne sich nur um 2 Minuten gehandelt haben. Die Mel- dung sei also 0.17 erstattet worden. „Brandstiftung! Pistolen raus!" Als wir an die große Wandelhalle kamen, sah ich hinter dem Denkmal einen Schein und auch das Denkmal war etwas erleuchtet. Ich lief hin, und links von mir am Ein- gang zum Plenarsaal sah ich nun einen Feuerschein links und einen rechts. In der Mitte des Eingangs lag ein brennendes Kissen. Rechts hing ein dicker Plüschvorhang, der von rechts nach links oben brannte. Auch anf der linken Seite gegenüber war ein solcher Vorhang, der höher brannte, ebenfalls schräg abwärts. Aus eine Frage des Vorsitzenden erklärte der Zeuge Lateit, der Mantel van der Lübbes sei so sorgsam zu- samm^rgelegt gewesen, daß er ihn bei seinen ersten Ber- nehmungen als Kissen bezeichnet habe. Er habe nachher ge- hört, daß das vermeintliche brennende Kissen tatsächlich der zusammengelegte Mantel des Angeklagten war. Der Zeuge schildert dann, wie er in den Plenarsaal hineinkam. Der Fußboden sei noch dunkel gewesen, aber der Saal sei be- leuchtet worden durch eine Art flammender Orgel, die sich über dem Präsidententisch erhob. In der Mitte brannte eine hohe Flamme in verhältnismäßig ruhigem Licht, rechts und links daneben züngelten kleinere einzelstehende Flammen empor, die wie leuchtende Orgelpfeifen wirkten. Alle diese Flammen vereinigten sich aus dem Präsidenten- tisch zu einem zusammenhängenden Brandherd. Als ich das sah, war ich sofort im Bilde: Brandstiftung, Pistolen raus! Als der Zeuge dann zum Portal V zurückwollte, kam ihm auf der Treppe schon ein Feuerwehrmann entgegen lieber die Zeiten des Vorfall» gibt der Zeug« au. daß u etwa 0.20 Uhr oder 9.22 Uhr am Plenarsaal gewesen sein müsse. Die Oualmentwicklung ist, fährt der Zeuge fort, außerordent- lich groß gewesen. Da war ein Läuser in Brand geraten, hier brannte ein Papierkorb. Es waren zum Teil nicht eigentliche Brandherde, sondern mehr kleinere lieber- tragungen. Als wir dann auf einen Hof kamen, ließ ich ab- schließen, um mit meinen Beamten eine planmäßige Durchsuchung des ganzen Südflügels vorzunehmen. In der Wandelhalle fand ich eine Sporrmütze, einen Selbstbinder und ein Stück Seife. Van der Lübbe bekommt die Nase geputzt Dem Angeklagten van der Lübbe, der während dieser Ver- nehmung apathisch in seiner gewohnten gebückten Haltung auf der Bank sitzt, wirb von seinem Verteidiger, RA. sei- fert, schon zum zweiten oder dritten Male die Nase geputzt. Ter Angeklagte läßt sich diesen Dienst von anderen erweisen. Wenn ihm von den Anwälten das Taschentuch hingereicht wird, reagiert er nicht darauf. Van der Lübbes Festnahme Der Zeuge Polizeileutnant Lateit fährt in seiner Schil- derung fort: Ich erfuhr erst später, daß diese Gegenstände van der Lübbe gehörten. Im Reichstage selbst traf ich mit anderen Polizisten zusammen und man erzählte mir, baß man soeben an der Brandstelle van der Lübbe festgenommen habe. Er sei nur mit einer Hose bekleidet gewesen und sise jetzt in der Brandenburger-Tor-Wache. Ich be- gab mich dorthin und fragte van der Lübbe sofort, ob die von mir gefundenen Gegenstände ihm gehörten. Er bejahte. Ich fragte ihn dann, ob er den Reichstag angesteckt habe. Darauf sagte er: I a. Dann fragte ich, ob es stimme, daß er auch das Schloß und den D o m in Brand stecken wollte. Darauf sagte er auch I a. Vorsitzende r: Von dem Plan, den Dom in Brand zu stecken, haben wir hier nichts gehört. Zeuge Lateit: Auf der Wache war mir das erzählt worden. Ich fragte den An, geklagten dann, warum er den Reichstag in Brand gesteckt habe. Tarauf schwieg er und lachte. Ich hatte den Eindruck, daß ich es mit einem Irrsinnigen zu tun hätte. Der Zeuge war später einmal zugegen, als van der Lübbe mit einer Kommission im Reichstag war. Van der Lübbe sollte den Brandweg noch einmal vorführen. Er ging aber mit einem solchen Tempo vor, daß die Beamten glaubten, er wolle entweichen und nachstürzten.— Ober- reichsanwalt: Ter Zeuge hat bei seinem Rundgang überall Stofsreste herumliegen sehen. Waren das Stoffreste in größerem Umfange? Was für Stoffreste waren es? War es Brandmaterial?— Zeug«: Papier war es nicht: es können verkohlte Reste von Tischtüchern gewesen sein: es mögen etwa 20—30 Stücke in der Größe eines halben Hand- schuhs gewesen sein.— Oberreichsanwalt: Ist dem Zeugen bekannt, baß behauptet worden ist, im Reichstage sei zentnerweise Brandmaterial gesunden worden?àen bulgarischen Kameraden und Torgler unsere brüderliche Sympathie dar. Romain Rolland Henri Barbusse." Der berühmte französische Schriftsteller Andre Gide tele- grafterte dazu an die Redaktion der Zeitschrift: „Ich schließe mich von ganzem Herzen der Sympathie und der Bewunderung Romain Rollands für den Mut DimitroffS. seiner bulgarischen Genossen und Torglers an. Audi die Bunde Betteln Die 800 000 Mann SA. und SS. reichen zum Schnorren nicht aus „Die Hunde Berlins hatten sich mit ihren Besitzern am «onntag in den Dienst des großen WinterhilfswerkS ge- stellt. Der Reichskampfbund slir das deutsche Hundewesen, Gau Kurmark, hatte diese Veranstaltung organisiert. Eine großangelegte Biichsensammlung in ganz Berlin leitete die Veranstaltung ein, die leider durch das Regenwetter beeinträchtigt wurde. Nachmittags wurden Sternmärsche ausgeführt, an denen sich die Reichswehr und «chutzpolizci, Reichsbahnstreifen. SA.. SS. und Stahlhelm mit ihren Hunde staffeln beteiligten. Im Tiergarten- Sportpalast am Zoo trafen sich die Züge, und bort zeigten dann hervorragend dressierte Hunde ihre Kunststücke. Zur gleichen Zeit bewegte sich durch die Straßen Berlins ein Autokorso, an dem sich K ü n st l e r v o n F i l m und Bühne mit ihren Hunden beteiligten. Am Abend fand im Lanbwehrkasino ein kameradschaftliches Beisammnesein der Mitwirkenben statt, bei dem die Prämtierung der erfolg- reichsten Sammlerinnen und Sammler vorgenommen wurde." Ob die Hunde prämiiert wurden ober Herrchen und Frauchen, ist nicht klar ersichtlich. ..Edttert die Bestte!" „Winterhilfswerk" vor allem für die SÄ. sJnpreß.) Nach einem Interview, das der Sturmbann- sührer Seibler einem Nedaktionsmitglied des„Völkischen Beobachters" gewährte, soll für den kommenden Winter jedem„bewährten SÄ.-Mann ein Fürsorgebuch ausge- händigt werden". Dieses Buch erscheint in folgenden Aus- gaben: Ersten»: mit einer kostenlosen Urlaubsgewährung, die «inen Erholungsaufenthalt auf dem Lande nebst freier Fahrt und Taschengeld einschließt und eine öOprozentige Eintrittsverbilligung zu allen öffentlichen Veranstaltungen sstinos, Theater usw.) sowie nach Möglichkeit eine Ber- billigung ber Straßenbahntartfe gewährt? zweitens: wie zu 1, jedoch durch Gutscheine für kostenlose Besohlung ber Dienst- stiesel erweitert? drittens: wie zu 2, jedoch durst Lebens- mittel- und Kohlengutscheine erwettert. AuS diesen Plänen geht hervor, daß der Erlös des Winterhilfswerk vor allem dazu benutzt werden soll, damit die Terrorgarde Hitlers bei Stimmung bleibt. OetreMcaiitarkl« Der kommende Kampf zwischen Großgrundbesitz und Bauerntum „Deutschland hat den entscheidenden Schritt zur Autarkie gemacht!" verkündet die Presse des„dritten Reichs".„Deutsch- lands Getreidebasts ist von ausländischer Einfuhr unab- hängig geworden." Da auf dem wirtschaftlichen Frontabschnitt des„dritten Reichs" die tägliche ungeschriebene Meldung„un- verändert" lautet und die„Errungenschaften" der Arbeits- schlacht doch allen so unendlich klar sind, daß selbst die amt- lichen Zeitungsschreiber sie nicht verschleiern können, werden die Spalten des Wirtschaftsteils mit scharfsinnigen Betrach- tungen über die„erreichte" Autarkie ausgestopft. Was ist geschehen? Die Getreideernte dieses Jahres beträgt 28730MO Tonnen— so lautet nüchtern die vorläufige amtliche August-Vorschätzung. Sie liegt damit etwas über dem Ernteertrag des Vorjahres, dessen Saaten noch Brüning gesegnet hatte, und reicht etwa aus, um Deutschlands gesam- ten Bedarf an Brot- und Futtergetreide zu decken. Das gün- stige Ernteergebnis ist nicht etwa den guten Beziehungen des großen Adolfs zum lieben Gott zu verdanken, sondern ist das Ergebnis der Entwicklung des deutschen Getreidebaus in den letzten Jahren. In der Nachkriegszeit ist die deutsche Ge- treideproduktion, vor allem dank der Steigerung der Hektar- ertrüge infolge stärkerer Verwendung von Düngemitteln, ge- stiegen. Infolgedessen ging die noch bis vor kurzem erhebliche Einsuhr zurück. Da die deutschen Getreidcpreise durch starken Zollschutz vom Weltmarktniveau losgelöst wurden, während die Preise für Veredelungserzeugnisse lButter, Eier) und Ge- mttse infolge der Auslandskonkurrenz relativ niedrig blieben, war es vorteilhast, Getreide zu bauen und es zu Preisen zu verkaufen, die doppelt so hoch waren wie die Weltmarktpreise. Es war klar, daß, wenn dieser Zustand anhält, Deutschlands Getreideproduktion in absehbarer Zeit steigen und eine Ein- fuhr überflüssig machen wird. Das sind Tatsachen? sie versteht auch der gleichgeschaltete Spießer und freut sich über die„Nahrungsfreiheit des deutschen Volkes". Wenn er jedoch ahnen würde, daß es volks- wirtschaftliche Weisheiten gibt, die weder im Federprogramm noch im Vierjahresplan des Führers stehen, würde er un» bei den folgenden Betrachtungen folgen können: Die unmittelbare Folge ber Getreibeautarkie besteht darin, daß es auf die Dauer unmöglich sein wird, die deutschen Ge- Kunstseide-Export w&dist Aber der Erlös sinkt Deutschlands Ausfuhr von Kunstseidengarnen konnte im laufenden Jahre der Menge nach um 20 Prozent gesteigert werden? sie belief sich in den ersten acht Monaten auf 4 799 000 Kg. gegen 4 010 300 Kg. im gleichen Zettraum des Vorjahres und 3 915 MO Kg. in den ersten 8 Monaten 1931. Die Aussuhrsteigerung, an der, wie folgende lieber- ficht zeigt, eine größere Anzahl» vichtiger Absatzländer be- teiligt ist, mußte allerdings mit offenbar nicht geringen Prcisopfern erkauft werben, denn der Exporterlös ist trotz der um 20 Prozent größer» Absatzmenge gegenüber dem Vorjahr um eine Million RM. und im Vergleich zu 1931 so- gar um 8,2 auf 18,28 Mill. RM. gesunken. 1931 1932 1933 Januar bis August Aussuhr. in Mill. RM. 20,48 19,28 18,28 in 1000 Kg. 8915,0 4010,8 4799,0 barunter nach: China 895,4 522,9 771,8 Tschechoslowakei 470,9 399,9 382,7 Oesterreich 239,5 388,0 800,0. Ungarn 221.9 105,4 848,9 Schweiz 245.1 197.7 278.2 Argentinien 105,7 144,1 249,0 Dänemark 241,4 292,2 230,1 Mexiko 51,2 181.0 190,0 Spanien 257.1 899.7 194,7 Schweden 150,7 203.0 191,4 Südslawien 04,0 81,0 185,0 Holland 75,0 58,2 174,3 Vrittsch-Jndien 114.2 128 ,8 158,2 Rumänien 100,7 80,4 145,3 Frankreich 109,8 44,8 IM,3 Italien 49.9 40,2 23.9 Belgien—— 5,9 Deutschlands Einfuhr von Knnstfeibengarnen ist demgegenüber zurückgegangen und zwar in den ersten acht Monaten des laufenden Jahres der Menge nach im Vergleich zum Borjahr um 8 Prozent und damit gegenüber den ersten 8 Monaten 1931 um 22 Prozent aus 6 858 800 Kg. im Wert von 25,5 Mill. RM. Reldisbahn Im August Insgesamt waren die Ausgaben um 20 Millionen höher als die Einnahmen lt. V. 18,5 Millionen). Dieser Mehrbetrag wird zum Teil durch Steuergutscheine gedeckt. Gegen- über 1929 bleiben die Einnahmen insgesamt um 1091,0 Mil- lionen Mark oder 47,0 Prozent zurück, gegenüber 1932 um 48 Millionen ober 2,3 Prozent. Da- von entfallen 407,9 bzw. 55,1 Millionen auf den Personen- und Gepäckverkehr, 1103,9 bzw. 32,8 Millionen auf den Güterverkehr. Der Personalbestand erhöhte sich gegenüber Juli 1933 von 015 307 auf 018 218 Köpfe. Mefallwarenlndusfrle unbefriedigend Wie der Reichsbunb der deutschen Metallwareninbustrie mitteilt, kann für den Monat September im Jnlandgeschäft in den Industriezweigen, die sich mit ber Herstellung von Gegenständen für den HauShaltbedars befassen, gegenüber dem Vormonat eine leichte, saisonbedingte Zunahme der Anfragen und Austräge festgestellt werden. Auch gegen- über der gleichen Zeit des Vorjahres ist in vielen Fällen eine leichte Gefchästsbelebung zu erkennen. Im übrigen hat sich aber die Gesamtlage in der Metallwarcnindustrte, die wegen der A u s f» h r s ch r u m p f n n g als unbefriedigend zu bezeichnen ist, nicht wesentlich verändert. Das Ausland- geschäft ist infolge der bekannten Zoll-, Devisen- und Wäh- rungsschwierigkeiten, serner auch durch daâ starke Vor- dringen des japanischen Wettbewerbs auf dem europäischen Markt stark eingeengt. treidepreise völlig vom Weltpreisniveau loszulösen. War eS bisher möglich, durch Drosselung der Einfuhr die Preis« auf einer schwindelhaften Höhe zu halten, so nur darum, weil das Jnlandsangebot geringer war als die Nachfrage. Nun- mehr bestimmt das ausreichende inländische Angebot bei zu- sammengeschrumpster Kaufkraft der Volksmassen die Preise. Den daraus logischerwcise folgenden Preissturz wird selbst eine Stützungspolitik im Maßstab Schiele» nicht vermeiden können. Getreibeautarkie heißt, daß das Brot in der Stadt nicht billiger werden wird, da die Preise für Getreide die Preise für Brot und Gebäck nur wenig beeinflussen, baß eS unmög- lich sein wird, dem Bauern ausländisches Getreide als Ge- flügelfutter und für Mastzwecke zu einem niedrigeren PreiS abzugeben, wie eS bis jetzt im gewissen Nahmen geschah, d. h. die Veredelungswtrtschaft zu fördern, daß die katastrophale Lage deS einseitig auf den Getreidebau eingestellten oft- elbischen Großgrundbesitzes sich noch weiter verschärfen wirb. Wahrhaftig, ein Sieg der nationalen Wirtschaft! AuS ber Außenhandelsbilanz wird ein Posten in der Höhe von 250 Mill. RM., d h. 15 Prozent der Gesamteinfuhr verschwinden — falls die Getreideeinfuhr völlig aushört. Das ist Hitler» Aktivposten Tiefe Aufwühlung der Landbevölkerung, d. h. derjenigen Schichten, die Hitlers Sieg entschieden haben— das ist unser Aktivum! Die Getreideautarkie macht die bisherige indirekte Ge- treidepreisbeeinflussung durch Zölle und Subventionen auf Kosten aller Steuerzahler weitgehend unmöglich. Sie kann Hitler zu allerlei Experimenten verleiten und die jetzigen Machthaber vielleicht auf den Weg des Staatsmonopols und der amtlichen Preisfestsetzungen stoßen. Sie setzt baS Problem des ostelbischen Großgrundbesitzes auf die Tagesordnung. Der Preissturz reduziert die täglichen Einnahmen und entwertet gleichzeitig den überschuldeten Boden. Der AuSweg aus der heranziehenden Katastrophe kann nur über die Veränderung ber Produktions- sUebergang vom Getreidebau zur Ver- eüelungswirtschaft) und Besitzverhältnisse führen. Solange hat Helmut Brückner über die Agrarrevolution gesprochen. Einmal werden die Bauern selbst das Wort nehmen. »• Nur nodi" i850000 Erwerbslose Die geduldige Statistik In ber zweiten Septemberhälfte ist, wie die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung berichtet, durch den energisch und planvoll geführten Kampf gegen die Arbeitslosigkeit die 4- Millionengrenze um mehr als 150 000 unterschritten worden. Die Zahl der bei den Arbeitsämtern eingetragenen Arbeitslosen be- trug am 30. September rund 3 850 000. Die Lohnstcuerzahler und die Bankbilanzen beweisen, daß es sich nur um künstlich errechnete Zahlen handelt. Wo wirk» lich in nennenswertem Umfang Einstellungen erfolgen, ge- schiebt eS durch Arbeitsstreckung, also aus Kosten der Arbeiter. Statistisch nachgewiesen ist's, Daß Deutschlands Arbeitslose sich verringern. Das muß auch stimme», denn das Reich Saugt sich die Zahlen nicht a«S seinen Finger«. Zählt mit!— Hier steh» der Arbeitslosen drei» Schieß einen tot, dann bleiben doch nnr zwei! Am Geldbeutel des Staats Könnt Ihr es auch genau ermessen. Da wird genommen und gebucht, Und nicht ein Kupscrpsennig wird vergesse«. Zählt mit!— Hier fressen jetzt noch drei, Gib einem einfach nichts, dann bleiben zwei! Hier wohnten Leute unlängst noch, Die hatten rote Blumen, rote Mimpel, Die wollten essen, trinken, schlafen» Was dachten sich die Menschengimpel? Zählt mit! Man rief SS. und auch SA. herbei, Der eine wollte fliehen, da blieben zwei. Der deutsche Mann kriegt weiter seinen Lohn, Boranßgesetzt, daß blond er und ein Ehrist, Doch ist er dunkel, braucht er nichts zum Esse», Erst recht nicht, wenn er Jude ist. Zählt mit! Hier schafften jüngst noch drei, Den Juden schmiß man rans, da blieben zwei. Dies Rechenspiel ist lustig fortzusetze«, Es ist recht unterhaltsam und scharmant, Man lernt dabei Bilanzen anszustellen Und anch vom Sozialismus allerhand. Zählt mit!— Laßt Euch die Zeit vertreiben. Die Rechnung stimmt:— Nur Nullen werden bleiben! Marga Net» Marxisten mflssen verhungern Das Lübecker Gesetz- und Verordnungsblatt Nr. 43 enthält eine Verordnung über Sperrung von Unterstützungen, na« der an Personen, die gegen 8 2 des Gesetzes über die Neu- bilbung von Parteien verstoßen oder die sich im kommunt- stischcn oder marxistischen Sinne betätigen, Unterstützungen irgendwelcher Art nicht mehr verahsolgt werden. Selbstmordversuch— Konzentrationslager Die Duisburger„Nationalzeitung" teilt mit, baß ektt Mann, der sich in selbstmörderischer Absicht in den Rhein stürzte und gerettet werden konnte, in Schutzhaft genommen wurde. Nach einigen Tagen wird der Selbstmordkandidat einem Konzentrationslager zugeführt, wo die Nazis seinen Todes- wünschen in der üblichen durchaus legalen Weise entgegen« kommen werden. In Kleinstädten nicht Im Badischen Gesetz- und Verordnungsblatt(S. 161) wir» eine Verordnung erlassen, die die„gewohnheitsmäßige Au»' Übung der Unzucht in Gemeinden mit weniger als 20 000 Einwohnern verbietet." Was salje» Sic dazu Herr Erzbisdiof? Humnc eines Kirdienfürsfen auf den joiirer und die grauenhaften ratsadien Ich«laude, kein Geheimnis ,» verraten, wenn ich sag«, daß ich mich restlos hinter die nene Regierung und das neue Reich stelle. Wir wissen, was das neue Reich erstrebt. Es hat eiuen Vertrag geschlossen mit dem Hl. Stuhl, der nicht nur aus dem Papier steht, sondern lebendiges katholisches deutsches Volksleben werden soll. Eine der ersten Kundgebungen des Fllhrerswarein« christliche. Er hat sein« Hand erhoben gegen alle diejenigen, die gegen das Kreuz anstürmten. Wir wissen, daß das Bolkswohl und die Bolksgröhe sich nur erreichen lassen a«S den Wurzeln, die die gleichen sind, w i e dieWurzeln desKrenzes. Erzbischof Dr. G r 6 6 e r• Freiburg am 10. Oktober in Karlsruh«. Geheime Staatspolizei loliert Neue Methoden der Nazis (Jnpreß.) Der„Manchester Guardian" bringt„ausschluß- îeiche" Schilderungen eines Korrespondenten unter dem Titel:„Die neue Geheimpolizei der Nazis. Snstcmatische Folterung ersetzt die Angriffe der Braunhemden". In dem Artikel heißt es: Seit der Schaffung der neuen Geheimen Staatspolizei, ote sewöhnlich unter dem Namen ihres ausführenden Organs, der ST. bekannt ist, sei eine Aenderung in den Methoden der Behandlung von Juden, Sozialisten, Kommunisten einge- treten. Die Verprügelungen seien von der SA. in den meisten krallen auf die SS. übergegangen. Die SA. sind eine mili- türische Streitkraft und in der Tat ein Teil des Heeres Teutschlands, während die TS. eine Polizeistreitkraft sind, und es ihre Funktion ist, mit den politischen Sündern fertig hu werben. Früher seien die Opfer des Terrors verprügelt und bann entlassen worden, wenn sie noch lebend waren. Tie Geheime Staatspolizei dagegen wende die Folter an, «m Geständnisse oder Zeugenaussagen zu erpressen. Sie werde von der Bevölkerung mit Schrecken betrachtet. Sie ver- baste oftmals auf Grund privater Denunziationen. Der Korrespondent des„Manchester Guardian" läßt die Schilderung eines Mannes folgen, der von der Geheim- Polizei kürzlich festgenommen wurde. Der Mann wurde gegen -Uhr morgens von zwei SS.-Leuten mit vorgehaltenem »Revolver verhaftet und sofort verprügelt, obschon er keinen Widerstand leistete. Mit 80 andern Bewohnern der gleichen Straße wurde er zum Sitz der Geheimpolizei gebracht, dann Nach dem ColumbiahauS in Tempelhof befördert, hier ein- Sckerkert, drei Tage später verhört und. da er Aussagen nicht du machen hatte, gefoltert. Darüber heißt es: »Er wurde in einen Keller gebracht, wo er gezwungen wurde, sich ganz auszuziehen und mit dem Gesicht nach unten uackt auf einen Tisch gelegt. Zwei Männer hielten seine Arme Und ein dritter hielt ein nasses Handtuch an seinen Mund, um die Schreie zu ersticken, und vier Männer peitschten ihn Mit Pferdepeitschen. Darauf wurde er zu den Beamten hinaufgebracht, die ihn vorher ausgefragt hatten, erhielt die bleichen Fragen vorgelegt und gab die gleichen Antworten. Tann wurde er wieder in den Keller gebracht und zum dweiten Mal auf die gleiche Weise gepeitscht. Die Tortur wurde am nächsten Morgen wiederholt, so daß er im Verlauf uon etwa 11 Stunden dreimal ausgepeitscht wurde." Der Mann blieb insgesamt IS Tage im Gefängnis. Er wußte eine Erklärung unterschreiben, in der es u. a. hieß, »aß er niemanden irgendetwas darüber sagen dürfe, wie er behandelt worden sei.. Der Korrespondent erklärt, daß er den Rücken beS ManneS 14 Tag« nach der AuSpeitschung sah und daß der Rücken noch in einem schrecklichen Zustand war. Urteile! Sondergericht in einer Stadt an einem Tage Der nationalsozialistische Dortmunder„General-Anzeiger" berichtet: Als erster trat derS4jährigeBergmannWilhelm G. aus Geilenkirchen in die Anklagebank des Sondergerichts, weil er Greuelmärchen verbreitet hatte. Er erzählte einmal, daß die SA. in Düsseldorf einen Juden ausgezogen, in ein rotes Tuch gewickelt und mit Petroleum oder Teer über- schüttet hätten. Was bann mit dem Juden geschehen sei, könne man sich ja denken. Wilhelm wird sich mährend des einen Jahres der erkannten Gefängnisstrafe das Märchener- zählen hoffentlich abgewöhnen. 2. Und auch die Witwe Aloise K. aus Dortmund, die einen Heißmangelbetrteb unterhält, muß für 1 Jahr ins Gefängnis gehen. Sie hatte orakelt, daß Köpfe in Deutschland rollen würden, wenn die„5 Millionen in Konzentrationslagern schlecht behandelten Kommunisten" wieder freikämen. Wenn man im übrigen über Deutschland einmal die Wahrheit hören wolle, müsse man wie sie den Luxemburger und Moskauer Sender hören, nicht aber die deutschen, die doch nur alle lögen. Sie hatte bann noch eine unflätige Beleidigung des Führers und des Stabschefs hin- zugefügt. Zitternd und bebend stand die alte nervenkranke Verleumderin in der Anklage- bank und fiel auch zusammen, als sie den An- trag des Staatsanivaltes hörte, dem das Ge- r i ch t folgte. 8. Der Name des Angeklagten B. hat bei der Staatsanwalt- schalt einen üblen Klang, ist er doch alle paar Tage unter zahllosen einlaufenden Anzeigen zu lesen, die sich durchweg als haltlos ergeben. B. zeigt seine Mitmenschen immer gleich serienweise an. Nun hat es ihn, den das Gericht auch schon zweimal wegen Beleidigung verurteilte, gründlich selbst er- wischt. Er hat selbst zwei Jahre lang der NSDAP. undauchderSA. lzwischendurchb ein Stahlhelm) angehört, wurde dann aber zwangsläufig aus den Reihen der Nationalsozialisten entfernt. Am 25. Juli aber erzählte er in der Kolonie, er sei freiwillig ausgetreten. Diese Regierung sei auch nur dazu da,„sich die Taschen zu füllen und dann abzuhauen". Am 8. August machte er eine ähnliche Bemerkung noch einmal. Vor dem Richter aber stellte er sich als Un- schuldsengel hin und griff sämtliche Zeugen an, nannte sie Kommunisten, die in seinem Hause heimliche Versammlungen abhielten, ihm die Fensterscheiben einwürfen und ihn mit ihrem Haß verfolgten. Es stimmte, daß man B. seines schlech- ten Charakters wegen in der Kolonie sBodelschwingher Straße) mied. Das Gericht verurteilte ihn antragsgemäß zu insgesamt 1 Jahr 6 Monaten Gefängnis als«inen der übelsten Dunkelmänner in der Kolonie. Er wurde zurückgeholt. Der Vorsitzende:„Fühlen Sie sich dazu noch befugt? Angeklagter:„Jawohl, das ist meine Ueberzeugung". Er erhielt wegen Ungebühr vor Gericht, da er nur provozieren wollte, 8 Tage Hast hinzu." 4. Der noch nicht 19 Jahre alte Melker Werner P. aus Gclscnktrchen hat bei seinem Dienstherrn in Büren- bruch zu seinen Kollegen geäußert, die Nationalsozialisten hätten den Reichstag selbst angesteckt, um Adolf Hitlers Macht zu festigen. Van der Lübbe sei auch Nationalsozialist. Der Angeklagte versichert dem Gericht, nur ein in der Eisenbahn aufgeschnapptes Gespräch wiedergegeben zu haben. E r s e l b st habe keine Ahnungvon Politik, da erntemals Zeitungen zu lesen bekomme. Daß er nicht viel von Politik versteht, beweist seine Behauptung, daß alle Nationalsozialisten bei einer Kursänderung schnell Kommu- nisten werden würden. Das Gericht lieh sehr große Milbe walten und verurteilte ihnzunursechsMonatenGe- f ä n g n i S. 5. Der 85jährige ehemalige Bergmann Anton H., der sich jetzt als berufsmäßiger Tippelbruder den Titel„Wanderer" zu- gelegt hat, ärgerte sich darüber, daß Adolf Hitler allen Volks- genossen, also auch ihn an ehrliche Arbeit bringen will. Ihm war das seit 1930 geführte Vagabundenleben erheblich sym- pathischer und er schimpfte in der Herberge zu Nieheim bei Hörter nach reichlichem Alkoholgenuß auf de» Reichskanzler und auf Göring. Er wird sich nun während der erkannten Gefängnisstrafe von 1 Jahr 2 Mona- t e n auf den Wert der Arbeit besinnen. Noch ein Sondergericht Die Maschine arbeitet Aus Freiberg berichtet.Linpreß": Der Bïi:nvi.ie>r Al^d Eichhorn wurde zu einem ,re Gefängnis, der Dacharbeiter Jrmer und der Bauarbeiter Löschte z u je 6 Monaten Gefängnis verurteilt, weil sie eine Zusammenkunft mit einem kommu- ntsttschen Funktionär gehabt haben sollten. Eichhorn wurde außerdem vorgeworfen, daß er zweimal z«h» Stück des illegalen„Roten Frontkämpfers" verkaust habe. Das Sondergericht verurteilte den Arbeiter Hermann Weck zu einem Jahr sechs Monaten Gefängnis, weil er 50 Exemplare des„Neuen Vorwärts" aus der Tschechoslowakei über die deutsche Grenze gebracht hatte. Der Schlosser Friedrich Häntsch wurde vom Sondergericht z e e i n e m I a h r sechs Monaten, der Maschinist Louis Lauffer zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil st« im Besitz früher noch erlaubter, inzwischen aber verbotener kommunistischer Bücher betroffen wurden. Der Eisenhändler Kurt Günther erhielt vom Sondergericht eine Gefängnisstrafe von vier Monaten, der Berg- arbetter Paul Eißmann eine solche von zwei Monate«. Es wurde ihnen vorgeworfen, daß sie behauptet hätten, der sächsische Gesundhettskommissar Dr. Wegener beziehe ein Ge- halt von 72 000 Mark. Das Sondergericht verurteilte den Installateur Alfred Adolph zu neun Monaten Gefängnis, weil er, als Mitglied der NSDAP-„tschechische marxistisch« Zeitungen' vertrieben haben soll. „Greuel" Gegenüber Greuelmärchen teilt die Bayrische Polizei amtlich mit:„Im Konzentrationslager Dachau war noch keine einzige weibliche Schutzgefangene interniert- Weibliche Schutzgefangenc werben grundsätzlich nur in GerichtSgefäng- nissen untergebracht. Gegenteilige Behauptungen entbehren jeder Grundlage und entsprechen in keiner Weise der Wahr- heit." Woraus man also erfährt, daß das der totale Staat auch Frauen und Mädchen zu seinem Schutze einsperrt. nie geeinte Nation „Aus führenden Kreisen der SA." wird dem„Stuttgarter Neuen Tageblatt" folgendes geschrieben: „Beim Umzug aus Anlaß des Erntedankfestes ist es auf- gefallen, daß häufig den Sturmfahnen der SA. die ge- btthrendcn Ehrenbezeugungen nicht erwiesen wurden. Di« SA. ist der Garant des„dritten Reiches". Ihre Sturmfahnen sind Ehrenzeichen des Staates. Wer ihnen die Ehrerbietung versagt, gibt sick als Gegner de? Staates zu erkennen und muß es sich gefallen lassen, wenn er als solcher behandelt wirb." Die Nation steht, wie aus taufenden von Berkündunge« bekannt ist, geschlossen hinter ihren Führern. v Monate Gefängnis Der Brief eines Vaters an seine Kinder nach Amerika Hamburg, im Okt. Da» Sondergericht in Altona ver- urteilte einen Eisenbahnschlosser zu sechs Monaten Gefängnis, weil dieser an seine Kinder in Amerika einen Brief geschrieben hatte, der Unwahrheiten und Verunglimpfungen der ReichSregterung ent- hielt. Die DevisenllberwachungSstelle hatte den Brief an- gehalten. * 0 M AN VON 1 0 NAZ I O S l L O N E In jenen Tagen hatte der Sakristan Teofilo eine Samm- ^>ng veranstaltet, um Don Abbacchio zu einer allgemeinen Stesse»ach Fontamara einzuladen. Die Sammlung ergab an àie zehn Lire, aber Don Abbacchio meldete, daß die Messen teurer geworden feien und daß er nur kommen könnte, wenn tvir ihm weiter« zehn Lire schickten. Diese andern zehn Lire wurden mit viel Mühe— Soldo um Soldo— zusammen- gebracht und so erschien der Pfarrer an einem Tonntag Vor- Wittag zur Messe. Die Kirche war ganz verwahrlost, voller Staub und Spinn- tt>eben, und an vielen Stellen hatte die Feuchtigkeit den Kalk von der Mauer gelöst. Das einzig Schöne war ein Altarbild: das Abendmahl. Jesus hält da ein Stück weißen Brotes in der Hand und lagt:„Dies ist mein Leib." Das soll heißen, dies weiße Brot ist mein Leib, ist GotteS «ohn, ist die Wahrheit und das Leben. Jesus meinte weder das MaiSbrot der Cafoni noch die Hostie, diesen faden und geschmacklosen Brotersatz der Priester. Jesus hatte damals 'in wirkliches Stück Weißbrot in der Hand und sagte:„Dies gier jdas weiße Brot) ist mein Leib." Das also ist der Leib des Gottessohnes. Das heißt eS ist î®°tt, die Wahrheit und daS Leben. Und er wollte damit mgen: wer das weiße Brot hat, hat mich iGott). Wer kein Weißbrot hat. sondern nur Maisbrot, steht jenseits der gött- i'chen Gnade, kennt weder Gott noch die Wahrheit, noch das ^'ben. Für den, der kein Weißbrot hat, der nur MaiSbrot 'fitzt, ist«s. alS sei Jesus Christus gar nicht geboren, als sväre die Auferstehung nie gewesen, als müßte der Heiland überhaupt erst kommen und die Auferstehung sich erst voll- »leben. Wie sollten wir dabei nicht an unser mit so vieler und g'oßer Mühe gezogenes Korn denken, das noch grün, schon "v Mai, von der Bank aufgekauft wurde? Wir hatten eS im Schweiße unseres Angesichts gebaut, aber nicht genossen. ES wird in die Stadt kommen, alle bis zu den Hunden und Katzen werden es essen, aber wir nicht. Wir, wir mußten immer Maisbrot essen. Und doch meinte unser Christus oben am Altar, wenn er sagte:„Dies ist mein Leib," nicht rotes MaiSbrot, sondern weißes Weizenbrot. Und die Bitte im Vaterunser:„Gib uns unser täglich Brot heute," bezog sich nicht auf unser Maisbrot, sondern auf Weißbrot. Das Brot, daS Jesus zusammen mit den Fischen zur Speisung seiner hungrigen Cafoni vertausendfachte, war sicherlich auch kein MaiSbrot gewesen, sondern ein Weizen- brot. Und beim Brot im heiligen Lied: „O lebe, himmlisches Brot!" ist auch kein Maisbrot gemeint, sondern Weizenbrot,(auS dem Korn, das auf dem Land« wächst und in der Stadt ver- zehrt wird). Als Don Abbacchio das Evangelium gelesen hatte, wandte er sich zu unö und hielt uns eine kleine Predigt über Dan Berardo. Aber wir kannten dessen Geschichte besser als er. San Berardo war ein Cafone und ist immer der Heilige der Cafoni gewesen. Das größte Wunder seines Lebens war die große Kornverteilung an die Cafoni von Pescina während eines Hungerjahres. Daher ist er auch in gewissem Sinne der Heilige des weißen, des Weizenbrotes. San Berardo starb in hohem Alter, nach entsagungsvollem Leben. Man erzählt sich, daß Gott, als er vor seinem Thron erschien, ihn, den er kannte und dem er wohlwollte, mit den Worten begrüßte: „Alles was du dir wünschest, steht zu deiner Verfügung... Du kannst mich ruhig um das bitten, was dir am liebsten wäre." Die» Anerbieten verwirrte San Berardo sehr. „Kann ich um irgend etwas bitten?" fragte er schüchtern. „Um was du willst," antwortete Gott ermunternd... „Hier im Himmel befehle ich... Hier kann ich machen, wa» ich will... Und ich bin dir gut: um was du auch bittest, es soll dir gewährt werden!" Nach nochmaligem Zögern bat San Berardo endlich: „Herr, gib mir ein großes Stück weißen BroteSI" Und Gott hielt sein Wort, erzürnte sich nicht, sonder» um» armte den heiligen Cafone und weinte mit ihm. Dann rief er mit Donnerstimme zwölf Engel herbei und befahl ihnen, San Berardo jeden Tag vom Morgen bi» zum Abend per ommia saecula saeculorum mit dem besten Weißbrot zu ver- sorgen, das sich im Paradiese fände. Dies ereignete sich vor ungefähr vierhundert Jahren. Seit damals kam kein anderer Casone mehr ins Paradies. Dies ist die wahre Geschichte von San Berardo, wie sie bei uns vom Vater aus den Sohn vererbt wird. Von der Kirche aber wird sie anders erzählt, denn nach der modernen Lehre wird im Paradies ja überhaupt nicht mehr gegessen. Da freut man sich— ohne zu essen— im Anschauen Äotte»? da fastet man für all« Ewigkeit. Wenn dem so ist, so wäre eS ein Grund mehr, auf Erden viel zu essen. So dachte wohl auch Don Abbacchio, denn er war uns als riesiger Fresser bekannt, als einer, der im Hinblick auf das ewige Fasten so fett wie nur möglich zu werden versuchte. Don Abbacchio schloß seine Predigt mit dem Vorschlag einer Novena unö wollte damit für die Bevölkerung von Fonta- mara den Schutz des Allmächtigen erwirken. „Eine Messe ist etwas Schönes. Aber das genügt nicht," sagte er.„Eine Messe dauert eine halbe Stunde und bann ist sie vorbei. Wer von euch begnügt sich, mit dem Advokaten, bei dem er eine wichtige Sache anhängig hat, nur ein einzige» Mal zu sprechen? Die gleiche Beharrlichkeit ist bei Gott nötig. Gott ist unö natürlich gut, aber es gefällt ihm doch, sich ge- beten zu hören... Eine Novena würde großen Segen auf Fontamara herabziehen, wenn keinen materiellen, so be- stimmt einen geistigen... Zur Durchführung einer Novena müßte ein Priester auf Kosten der Bevölkerung neun Tag« in Fontamara bleiben... Die Kosten dürften an die fünfzig Lire betragen..." „Zahlen, immer zahlen," unterbrach Berardo Viola mit lauter Stimme und verließ die Kirche. Ihm folgten all« Männer, einer nach dem andern. Da griff Don Abbacchio nach dem Mistake, beendigt««ilig die Messe, legte Meßgewand und Chorhemd ab und ver- schwand aus der Sakristei, den Schwanz zwischen den Beinen. (Fortsetzung folgt.) Szenische ftimmen Feuilletonbeilage der„Deutschen Freiheit"* Freitag, den 13. Gktober 1933* Ereignisse und Geschichten „Sie zeift, die heilige Saat" Wenn et nun nachdenkt, dec ,,9(iilec junge Quex"? Choc dee 7la