Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 103—1. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, den 19. Oktober 1933 Chefredakteur: M. Bra u n Aus dem Inhalt: QäMels imitiert Stcesemann Seite 2 ZCocfipoCitische Zeuçea Seite 3 Jkoteste qeqen JteicksqecicfU Seite 3 Qiptematie keine deutsche JCunst Seite 4 Das deutscheVolk wird belogen Daladier und Sir Simon in Einheitsfront gegen Hitler^Deutschland- Verhandlungen nur im Rahmen des Völkerbundes— Amerika befürchtet europäischen Krieg »Daladier weicht aus."„Kein Mut zur Entscheidung." und ähnlich unterrichtet die gleichgeschaltete Presse Ji&er die Erklärung des französischen Ministerpräsidenten Daladier vor der französischen Kammer. Dabei bringt die ^.urze, aber'inhaltschwere Rede des französischen Staats- luhrers die klar und unzweideutige Feststellung, daß «rankreich kompromißlos auf seinem Stand- Punkt beharrt und in seiner Entschlossen- peit keineswegs isoliert ist. Wenn der fran- »ofische Ministerpräsident solche unzweideutige Worte Ausspricht, hätte das deutsche Volk allen Grund, mit Ernst und Sorge über die Tatsachen nachzudenken. Man vorenthält ihm aber die Wahrheit genau wie im Kriege Und täuscht eine verfrühte Siegessicherheit vor, die zu den Orößten Enttäuschungen und zu einem schweren Zu- lammenbruch führen muß. Es ist auch nicht richtig, daß der französische Minister- ^sident Daladier das Angebot Hitlers auf direkte Ver- Handlungen zwischen Frankreich und Deutschland über- Köngen hat. Die Rede Daladier» weist dies Angebot deut- "ch und gut begründet zurück. Der Ministerpräsident «ugt. daß Frankreich„unter allen Umständen einer Politik per Zusammenarbeit treu bleiben und in gleichem Geiste p>e Prüfung einer neuen Lage weiter verfolgen will, a n p^r nicht nur Deutschland und Frankreich, sondern auch die Gemeinschaft der Völker interessiert i st. die sich zu einer großen und edlen Aufgabe zusammengefunden haben". ...^ns ist die glatte Abfuhr Hitlers. Das ist das fran- oosische Bekenntnis für den Völkerbund und kegen isolierte Verhandlungen. Das ist die «orderung, daß Deutschland an den gemeinsamen Tisch veg Völkerbundes zurückkehren muß. wenn es sich mit «Kwkieich finden will. 38ie wir durch die ausführliche Wiedergabe je eines Aufsatzes aus dem„Temps" und aus der„T i tn e s" Beißen und wie zudem auch die Rundfunkrede S i r I o h n Simons beweist, besteht die Einigung zwischen Frank- 7®>ch und England in den Grundfragen des Abrüstungs- problems fort. Es bleibt insbesondere der Standpunkt Unverändert. daß die jetzige deutsche Reichsregierung ^oder von Frankreich noch von England das Maß von Gleichberechtigung ohne vorherige Kontrollperiode er- polten wird, das früheren Regierungen zugestanden war. Simon hat noch einmal gesagt:„K ü r z l i ch e Gr». ,Jßtttffe in Europa hätten das Gefühl der A^rvosität erhöht. dasGe fühltatsächlicher Beunruhigung, die der wirkliche Grund seien, wes- ^llb hochgerüstete Staaten zögerten, ihre bewaffneten Streitkräfte zu schwächen." Das ist der Kern der Schmie- ißkeiten. den keine pazifistische Schauspielerei der ^liner Militaristen hinwegschieben kann. Wir haben gestern schon auf die bedeutsame Stimmungs- erschlechterung auch in Italien hingewiesen, die Mussolini BU größerer Zurückhaltung gegenüber der deutschen Dik- zwingt. Darüber liest man natürlich in der deutschen ^esse nichts. Dafür wird versucht, die Erklärung des Mexikanischen Delegierten Norman Davis, daß 7V?eiika nicht wünsche, an Besprechungen zwischen euro- Tüschen Regierungen in einer rein europäischen politi- "Yen Angelegenheit sich zu beteiligen, als einen Bruch in er Abrüstungsfrage zwischen Nordamerika und Frank- .oich und England darzustellen. Auch das ist eine nur ?o^fristige Täuschung. Die nordamerikanische Regierung palt die Lage in Europa für so außerordentlich ernst, daß l,e eine Verantwortung für die Verwicklungen, die zu einem europäischen Kriege führen können, nicht über- x-pîuen will. Das entspricht durchaus ihrer bisherigen Mtung. zwar in einer allgemeinen, die Welt umspannen- i°n Abrüstungskonvention mitzuarbeiten, nicht aber aktiv _v rein europäische Politik einzugreifen. , Die Lage ist so schwierig und verworren, daß alle Be- »"igten nur mit größter Vorsicht an die zahlreichen . îplosivstoffe herantreten. Deutschland allein macht eine Ausnahme. Es sucht die Welt durch eine gewaltige nafio- ^sozialistische Bewegung einzuschüchtern und zugleich l? 9 deutsche Volk über die Größe der Gefahren im un- »,l°ren zu lassen. Dieses Spiel muß verhängnisvoll für ^utschland enden. Die sich anbahnende Entwicklung wird wahrschienlich nur langsam reifen, aber am Ende steht Deutschlands Niederlage, verschuldet durch ein System, das für jede europäische Zusammenarbeit unerträg- lich ist. Was Daladier sagte Die Sanierung der französischen Finanzen sei nnvedingt notwendig im Interesse unserer Außenpolitik, die von der Sorge um den Frieden in Europa und die Sicher, heit der Ration getragen ist. Durch den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbünde sei plötz- lich in der Diskussion über das Problem der Friedensorganisation ein neues Element auftaucht, dessen Konsequenzen zur Zeit von der Regierung geprüft werden. Bevor über dieses Problem in nützlicher Weise eine parlamentarische Debatte beginnen kann, müsse klar und deutlich die Haltung festgelegt sein, die Frankreich einnehmen wolle. Die Regie- rung der Republik sei sich bewußt, daß sie stets und mit ganzem Herzen die Politik der internationalen Zusammen- arbeit gefördert hat in dem aufrichtigen Bestreben, ein Regime des Vertrauens und der Sicherheit zu fchaffeu, in dem die Würde aller Völker in gleichem Maße gewahrt sei» soll. „Wir haben sür kein einziges Wort taube Ohren, aber auch für keine einzige Handlung haben wir blinde Augen. fStürmischer Beifalls. Weshalb fängt die deutsche Regie- rung, wenn sie die Verständigung wünscht, mit einem Ab, brach der Beziehungen zum Völkerbund an. Weshalb widersetzt sie sich der Kontrolle, wenn sie bereit ist, das letzte Gewehr zu opfern? Weshalb nimmt sie nicht einen loyalen und aufrichtige» Plan znr progressiven Herab- sctzung der Rüstungen an." Wir wollen unter allen Umständen einer Politik der Zusammenarbeit treu bleiben und in gleichem Geiste die Prüfung einer neuen Lage weiter verfolgen, an der nicht nur Deutschland nnd Frankreich, sondern auch die G e- mcinschast der Völker interessiert ist, die sich zu einer großen und edlen Ausgabe zusammengesunden haben. Die maßvolle Haltung, die wir stets bewiesen haben, die tat- sächlichen und schweren Opfer, die wir in der Vergangenheit gebracht haben, ermächtigen uns, an einer Aktion weiter fest- zuhalten, deren Mäßigung an sich schon weder Kuhhändel noch Berzichtleiftungen zulassen könne. In diesem Geiste wird die französische Regierung aoeitcrhin die großen miteinander solidarischen Interessen Frankreichs und des Friedens verteidigen. Am SS. Oktober wird Frank- reich in Gens wie üblich zur Stelle sein. Frankreich ist nicht isoliert, und es ist entschlossen, an Ruhe und Kalt- blütigkeit mit gutem Beispiel voranzugehen, um so mehr als es weiß, daß es imstande sei, die Verteidigung seines Ge- bietcs und seiner Freiheit zu gewährleisten.(Großer Beifalls. « Dem Ministerpräsidenten wurde mit 47» gegen 129 Stimmen das Vertrauen ausgesprochen. noter Sieg? « Gefährlichere Eiperimente als semais" Der„TempS" schreibt: Wenn man in verschiedenen Kreisen großen Wert aus die Tatsache legt, daß die Erklärungen des Kanzlers Hitler nicht endgültig für jede weitere Verhandlung die Tür zugeschlagen haben, so scheint man uns das Gelände für vielleicht gefährlichere Experimente vorbereiten zu wollen, als sie jemals gewagt wurden. Tie Erklärun- gen des Führers sind eine Sache, die Entscheidung Deutsch- lands, sich von der Konferenz und dem Völkerbund zurück- zuziehen, ist eine andere Sache. Aus der einen Seite gibt eS Worte im Hinblick aus ein i n n e r v o l i t i s ch e s M a n ö- ver,' auf der anderen Seite gibt es eine Tat, über deren Charakter und Tragweite sich niemand einer Täuschung hin- geben kann. Diejenigen, die glauben, daß die Diskussion mit größeren Aussichten aus Erfolg auf der Grundlage des Viererpakts wieder ausgenommen werden köunte, laufen Gefahr, sich zu täuschen. Wir" haben bereits bei der Erörterung der grundsätzlichen Fragen auseinandergesetzt, daß der Viererpakt nur im Die nordischen Völker für Sozialdemokratie Oslo, 18. Okt. Bei den Wahlen zum Storting er» hielten: Arbeiterpartei kö Sitze(Gewinn 22), Konser- vative 31(Verlust 10), Liberale 24(Verlust v), Bauern- bund 22(Verlust 3), Liberale Volkspartei 1(Verlust 2), Radikale Volkspartei 1(wie vorher). Die kleinen un- abhängigen Gruppen haben zwei Sitze erhalten. Die Wahlen zum Storting haben eine beträchtliche Ber» schiebung der politischen Kräfte erbracht. Die Arbeiterpartei hat 22 Sitze gewonnen und damit die schwere Niederlage bei den Oktoberwahlen 1980 mehr als wettgemacht. Die großen bürgerlichen Parteien haben erhebliche Einbußen erlitten» und zwar die Konservativen als Opposition ebenso wie die Liberalen als Regierungspartei. Gut halten konnte sich der Bauernbund, der ja aus bestimmte Wählermassen des gleichen Bcruses zurückgreisen kann. Durch die Wahlen ist natürlich auch die Frage akut ge» worden, wie die künstige Regierung Norwegens aussehe» wird. Als Ende Februar d. I. die konservativ-bauernbündle- rische Regierung Hundseid durch daS liberale Kabinett Mowinkcl ersetzt wurde, betonte man aus liberaler Seite, daß man unter keinen Umständen in irgendeiner Form mit der Arbeiterpartei zusammengehen wolle. Die ziemlich scharfen Bestimmungen des Gesetzes gegen die Sabotage des Arbeits- sriedens, das im Juni erlassen wurde, sollten diesen Willen bekräftigen. Ob es angesichts der neugeschaffenen Lage mög- ltch ist, diese Politik fortzustthren, darf bezweifelt werden. Rahm en des Völkerbundes sich auswirken kann, auf den sich seine hauptsächlichen Bedingungen be- ziehen. Was die an Frankreich gerichteten Worte des Konz- lers Hitler betrifft, so begreifen wir wohl, daß es sich da um eine Einladung für eine Verständigung unter vier Augen handelt. Man kann von dieser Geste nur Kenntnis nehmen, aber wer erkennt nicht, daß in der gegenwärtigen Lage eine derartige Politik die Gefahr suit sich brächte, uns mit Eng- land und allen unseren Verbündeten zu entzweien. Frankreich weigert sich nicht, sich m>t Deutschland zu v«r- ständigen, aber es kann erst in dieser Stunde, nachdem das Reich sich so verhält, nur im Rahmen einer allgemeinen Entente", welche die Rechte, die Interessen und die Sicherheit aller Völker schützt. Die internationale Zusammenarbeit ist der wesentliche Grundsatz des Völkerbundes, was man nicht vcr- gessen darf und man darf auf ihn nicht verzichten, ohne in gefährlicher Weise aufs Spiel zu setzen, was in EuropaindcrFolgedesgemeinsamenSiegeS der Alliierten geschaffen wurde- Gcfälsdifcr Timfs-Arflhcl Wie daS deutsche Volk durch die gleichgeschalteten Tele- grafenbttroS unterrichtet wird, dafür heute einen Beweis, lieber die Ausnahme des deutschen Schrittes in London brachte WTB. unter anderm folgenden Auszug aus einem Artikel der„Times": „Times" behauptet, daß der Kanzler Methoden, mit denen er in der inneren Politik Deutschlands gute Er- folge gehabt habe, in die auswärtigen Angelegenheiten einzuführen versuche. Die Kundgebung an das deutsche Volk enthalte einige offenbare und allgemeine Wahr- heiten, die jeder unterschreiben könne. Aber daS meiste falle nicht ins Gewicht angesichts der verhältnismäßig geringen Meinungsverschiedenheiten, die tn Genf er- örtert würden. Auch die Rundkunkanforache habe nicht? enthalten, was einen Bruch gerade im jetzigen Augenblick gerechtfertigt hätte. Die„Saarbrücker Zeitung" versah das mit der Ueber- schrist„Mehr Verständnis als Herr Simon". Wie das, was die gleichgeschaltete Presse als„mehr Verständnis" umlügt, in Wahrheit aussieht, möge man aus folgender Ueber- sctzung des in Frage kommenden Times-Artikel ersehen: „Ein Bruch in der Abrüstungskonferenz war verschiedene Male von vielen vorausgesagt, von allen befürchtet, aber Niemand hat die halsstarrige Plötzlichkeit der „Killer führt Id die Katastrophe" „Sind die Millionen, die Ihm ihre Stimme Sahen, so blind, daO sie Ihm bis mm Ende lohten? Unter diesen Überschriften schreibt das Pariser »Journal": „Man möchte annehmen, daß es in Deutschland noch Menschen mit eigenem Urteil gibt. Sind sie sich klar darüber, daß die Hitlerregierung ihr Land in die unvermeidliche Katastrophe führt?! Man zerreißt nicht einfach alle Bande internationaler Zusammenarbeit, wie dies der Reichskanzler Hitler tat, ohne sich darüber klar zu sein, daß ein solches Vorgehen zu den schwerwiegendsten Folgerungen führt- Moralisch wird Teutschland den Ring der Isolierung und des Mißtrauens sich fester schließen sehen, der mit den ersten Ausschreitungen und politischen Ungeschicklichkeiten des „dritten Reiches" seinen Anfang nahm. Für Teutschlands Ehre ist dadurch nichts zu gewinnen, im Gegenteil, es wird mehr und mehr an Prestige verlieren. In finanzieller und wirtschaftlicher Hinsicht hat es von keiner Seite mehr Hilfe zu erwarten- Es genügt, einen Blick in gewisse Statistiken zu werfen, um festzustellen, daß der deutsche Handel unter der Httlerpolitik schon sehr gelitten hat. Tie einstmals bedeutende Ausfuhr nach verschiedenen Ländern, vor allem nach Amerika, ist beträchtlich zurück- gegangen und wird weiter zurückgehen. Das eröffnet Per- spektiven auf den wirtschaftlichen Ruin- Politisch ist die Zukunft ebenso düster. Wie auch die Machte In Genf sich entscheiden mögen, die seit anderthalb Jahren seinen fortgesetzten Vertragsverletzungen so große Ge- duld bewiesen haben—: Deutschland selbst wird nicht naiv genug sein, zu glauben, daß seine vertragswidrige Auf- rüstung einfach als feststehende Tatsache hingenommen wird. Die Dinge werden in irgendeiner Form ihre Erledigung finden, dessen darf es sicher sein. Ob dies aus diplomatischem oder auf anderem Gebiete geschieht, die Ungleichheit des Kräfteverhältnisses zivischen Deutschland und seinen Gegnern kann es nur zu einer neuen Niederlag« führen. Hitler hat es fertiggebracht, eine ebenso festgefügt« und einigere Front gegen Deutschland zu formieren, als die vor dem letzten Kriege- Katastrophe, Zusammenbruch und Züchtigung stehen am Ende der Politik des„dritten Reiches". Sind wirklich alle Deutschen bereit, diesen Weg bis zum Ende mitzugehen? (iöbhels Immert Strcscmann miicrs„Mein Kampf" nur nodi als Einnahmequelle zu bewerten Zell gewinnen!- Das ist die Methode London, 17. Okt. Der Neichspropagandaminnter Dr. Göbbels hat dem Korrespondenten der„Daily Mail" in Berlin, Ward Price, einige Fragen im Zusammenhang mit dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und der Abrüstungskonferenz beantwortet. Auf die Frage, wie die Aeußerungen, die Hitler in seiner Rundfunkrede im Hinblick auf die deutsch-französischen Beziehungen getan habe, mit dem in dem Buche„Mein Kampf" und sonstwo ausge- drückten Gefühl gegen Frankreich in Einklang gebracht werden könnte, habe Göbbels geantwortet, daß das Freund- schaftsangebot, das Hitler an Frankreich machte, ein Beweis für die Evolutionsfähigkeit der nationalsozialistischen Partei sei. Schon seit längerer Zeit sei eine Veränderung in der Haltung Deutschlands gegenüber Frankreich vor sich gegangen. Wenn Deutschland die Saar zurückerhalte, werde es keine gebietsmäßigen Klagegründe gegen Frank- reich haben. Auf die Frage, ob dies auch auf Polen zutreffe, habe der Propagandaminister erwidert: Deutschland könne den Korridor sicherlich nicht als ständige Einrichtung betrachten, aber es sei der Ansicht, daß es keine Frage in Mitteleuropa gäbe, die einen neuen Krieg rechtfertigen und notwendig machen würde. Deutschland wünsche den Korridor zurllckzu- erhalten, aber es sei überzeugt, daß dies Sache von Ver- Handlungen sei. Das möge zum Teil unmöglich erscheinen, aber manche scheinbare Unmöglichkeiten seien in Europa der letzten Jahre ermöglicht worden. Der Aufstieg der NSDAP, zur Macht sei eine davon. » Das sind außenpolitische Grundsätze, die auch Stresemann und Breitscheid gesagt haben könnten. Nur daß beide wohl größere deutsche Vorbehalte gemacht haben würben. Hitlers Haßpredigten gegen Frankreich und GöbbelS Revanchereden gegen die„Affen Europas", wie er die Fran- zosen mit Vorliebe zu nennen beliebt«, sollen, wie man nun hört, durch die Entwicklung überholt sein. Den Esel möchten wir sehen, der das glaubt. Zum mindesten wird man fragen, wie lange es dauern kann, bis auch das tetzige Entwicklungsstadium der Anbiederung an Frankreich über- wunden sein wird. Doch zweifellos sofort bann, wenn die regierenden Herren in Deutschland die Militarisierung des Volkes so weit vorgetrieben haben werden, daß sie glauben, Frankreich militärisch herausfordern zu können. Jeder Wortbruch ist den Nationalsozialisten zuzutrauen. Ihr Ziel ist die Macht unter allen Umständen und mit allen Mitteln. Irgendwelche Hemmungen gibt es dabei nicht- Sie geben heute preis, was sie mit aller Leidenschaft gepredigt haben, um es morgen von neuem überzeugungstreu zu ver- treten. Dazu brauchen sie Volksmassen, die einschwenken wie Rekruten, ohne zu fragen, ohne zu denken und ohne zu mucken. Die Außenpolitik der Nationalsozialisten ist darauf gerich- tet, Zeit zu gewinnen, bis die ganze waffenfähige Nation zu einem nie in der Geschichte erlebten Kriegsinstrument ge- worden ist. Paris und die Saar Die gesteigerte Bedeutung, die die Saarfrage nach de« Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund hat, spricht sich auch darin aus, daß der„Intransigeant", eine der am meisten gelesenen Pariser Abendblätter, mit einem großen Foto einer hakenkreuzgeschmückten Straß« Saar- b r ü ck e n s auf der ersten Seite erscheint. Ueber dem Bilde steht die Aufschrift:„Fünfzehn Monate vor der Volks- abstimmung" und in noch größeren Lettern„Die Saar unter der Bedrohung durch das Hitlertum". Der Sonderberichterstatter des Blattes Andre Wil- l e m i n, der in Saarbrücken eingetroffen ist, wundert sich i« ersten Artikel einer von ihm geschriebenen Serie über die große Menge von Hakenkreuzen, die er auch an ärmeren Häusern in Saarbrücken sieht. Er hat fast überall das Bild Hitlers, Görings und der anderen Hakenkreuzler in den Ge- schäften festgestellt. Ein kleiner Hitler als Bleisoldat für die Kinder kostet nach seinen Ermittlungen 2 Franken, ei« Göring 1,70, ein einfacher SS.-Mann 1,55 Fr. An der Tür des nationalsozialistischen„Borposten", der für drei Monate verboten ist, hat der Berichterstatter eine Karte des Saargebtetes gesunden, und längs der deutschen Grenze stand geschrieben:„Diese Schranke wird fallend („Cette barrière tombera.") Der Franzose fügt hinzu:„Diese Worte hat der Kanzle« jetzt wiederholt." Tat, die dazu geführt hat, voraussehen können. Herr Hitler hat in die auswärtige Politik mehr und mehr die Methoben eingeführt, die ihn in der inneren Politik Deutschlands wohl zum Erfolg geführt haben, und es ist die erste klare Pflicht anderer Regierungen, ihm zu zeigen, daß der Weg des Bramarbas und Hitz- lapses ihm keinen Erfolg in der Diplomatie bringt. Gerade den Augenblick, um den Austritt Deutschtands aus der Konferenz und fein künftige Entfernung aus dem Völkerbund zu proklamieren, hat in der Tat der deutsche Kanzler gewählt, als die Unterhandlungen in Genf einem besseren Abschluß näher zu sein schienen als je vorher. Die britische, französische, amerikanische und italienische— und scheinbar auch die deutsche— Delegation waren vollkommen überrascht, und niemand will die Vehaup- tung glauben, daß die Sonnabend-Enlscheidung in Berlin die unvorbereitete Antwort darstelle auf Sir John Simons Erklärung am gleichen Morgen in Genf. Das deutsche Ka- blnett hat sie offenbar während der langen Tagung am Tag zuvor vorbereitet, zu welcher Präsident Hindenburg von Ostpreußen nach Berlin zurückgerufen wurde. Die Zuendladung war fertig und die Erklärungen, welche der Entscheidung folgten, tragen alle Zeichen der sorg- sättigen Vorbereitung. Die erste, Herrn Hitlers Manifest an die deutsche Nation, Vnthält verschiedene und unbestrittene Wahrheiten, denen wir alle zustimmen können, aber das meiste ist ganz be- ziehungslos zu den verhältnismäßig geringen Differenzen, die zum Schluß in Genf diskutiert wurden und vielleicht zu einem Abrttstungsabkommen von größtem Wert für den Frieden Europas hätten führen können. Die Rede, die am Abend folgte, war ein Elaborat gleicher Art, vorgetragen mit Herrn Hitlers ganzer oratorischer Kunst, aber eben- falls schweigsam in bezug einer Rechtfertigung des Bruches gerade in dieser Zeit. Di« gleichzeitige Entscheidung sstr Neuwahlen ist genau die Art. die bestimmt ist. das eigene Bolk zu beeindrucken, die dem Ausland aber als reinste Heuchelei erscheinen muß. Niemand von«ns zweifelt, daß ganz Deutschland, d. h. das Deutschland, dem sich zu äußeren erlaubt ist, geschlossen hinter Herrn Hitler zur Unterstützung der deutschen Forderung auf Rüstungsgleichheit steht. Um davon die Welt zu überzeugen, sind Neuwahlen nicht notwendig. WaS der Welt wahrscheinlich bewußt wird, deutlicher als eben durch die diese possenhafte Demonstration, ist, daß gegnerische politische Parteien, die Zeitungen und die öffentliche Meinung in jeder Art und Weise verboten ober gleichgeschaltet sind, daß das Ergebnis uninteressant ist, weil es von vornherein fest steht,' und in Kürze, daß HitlerismuS in seiner jetzigen Stimmung die Unterdrückung aller Frei- heit des Denkens und des Sprechens bedeutet, und also eine Gefahr ist für die Zivilisation, wie wir sie verstehen. „Times" untersucht die Gründe, die Hitler zu seinem Entschluß geführt haben können und schreibt:„Ein Grund ist wahrscheinlich der verhältnismäßige Mißerfolg der theatralischen Kraftanstrengungen in anderen Richtungen. Sein Versuch, Oesterreich zu durchdringen, hat ein Land verfeindet, das gewöhnlich freundlich zu Deutsch- land stand. Der ReichStagSbranb-Prozeß droht zu einem Mißerfolg selbst in Deutschland zu werden. Alle Nationen, schreibt die„TimeS", könnten zugehen, daß Fehler gemacht worden find. Aber, so wird von „Times" in allen Einzelheiten dargelegt, man war in Genf auf dem besten Wege, zu einem befriedigenden Ab- kommen, das alle europäischen Armeen verkleinert und sie nur mit Defenstvwaffen ausrüsten wollte.„Diese große Hoffnung ist für den Augenblick durch die Naztre- g i e r u n g zerstört worden".„Times" meint, der beste Weg wäre nun, das in Genf vorbereitete Abkommen in cndgül- iig« Form zu bringen, vor aller Welt zu zeigen, was Deutschland hätte unterzeichnen können und in der ein- sechsten Form der öffentlichen Meinung verständlich zu machen.„Deutschland ist zweifellos gegen Nachrichten abge- schlössen,' aber eine solche Erklärung, allgemein in den freien Ländern der Welt bekannt, wird doch nach und nach durch- sickern. So schwierig wie es auch sein mag, es gibt keinen Grund, warum man den Deutschen selbst nicht sollte ver- ständlich machen können, daß weitaus das größte Hindernis für das Zustandekommen eines Abrttstungs-Abkommens die bewußte und unablässige Militariste- rung des deutschen Volkes ist. Seine eigene mora- lisch« Abrüstung ist das erste und dringendste Erfordernis jür den Frieden Europas." Entente cordiale Paris, 18. Okt. Der„Matin" will berichten können, baß der englische Botschafter Lord Tyrrell bei seiner gestrigen Besprechung mit dem Ministerpräsidenten Daladier die väl« lige Übereinstimmung zwischen der englische« und sran- zöstschen Regierung angesichts der durch das Ausscheiden Deutschlands auS dem Völkerbund und der Abrüstungskonse- renz geschaffenen internationalen Lage bestätigt habe. Aofrüsfong? „Time s" äußert beiläufig den Verdacht, daß der Grund für Deutschlands Genfer Schritt in der Abneigung zu suchen sei, den Stand der deutschen Rüstungen untersuchen zu lassen- „Daily Herald" schreibt: Während das Kabinett heute die Abrttstungssrag« erörtern wird, ist ein Plan in Vor- bereitung, der auf ein umfangreiches Aufrüsten Englands zu Lande, zu Wasser und in der Luft ab- zielt. nifler kompromittiert Daladier Der„Temps" schreibt: ... Denn wir nehmen nicht an, daß die Radikalen die Lobsprüche, die der Reichskanzler an den radikalsozialistischen Chef der französischen Regierung gerichtet hat, für eine Lösung der internationalen Frage halten. Vielmehr sind wir überzeugt, daß der Ton und die Form der Hitlerrede sie dazu bringen werden, mehr als jemals über die Schmie- rigkeiten, die Verwicklungen und Spiegelfechtereien bei den Verhandlungen zwischen den Nationen nachzudenken. Sie müssen fühlen— und sie fühlen es gewiß—, daß die Ver- antwortung der Regierung, welche sie unterstützen, zu größeren Bedenken Anlaß gibt, seitdem Deutschland sich zurückgezogen und sein Regierungschef eine rednerische Sympathie für Daladier bekundet hat- Tollten angesichts dieser erschwerten Lage die Radikalen weiterhin im vollen Einverständnis mit den Sozialisten handeln wollen? tiewalfstrelch in Oesterreich? Beschlüsse der österreichischen Sozialdemokratie Der sozialdemokratische Parteitag in Wien faßte eine Resolution über die Taktik der Partei, deren In- halt lautet: „Die Partei hat sechs Monate lang eine Taktik der Zurück- Haltung, des Zuwartens geübt, um alles zu vermeiden, was dem deutschen Nationalsozialismus Gelegenheit zu einem Angriff auf Oesterreich gegeben hätte. Die Regierung hat diese zurückhaltende und zuwartende Haltung der Partei mit der weiteren Verschärfung ihres Kampfes gegen die Freiheitsrechte des Volkes und gegen die sozialen Rechte der Arbeiter und Angestellten beantwortet. Die Partei mar immer und bleibt auch jetzt zur friedlichen und verfassungs- mäßigen Lösung der Krise bereit. Die Regierung hat aber diese Bereitschaftserklärung mit einer neuen Verschärfung ihres Kampfes gegen die Arbeiterklasse und gegen die Sozialdemokratie beantwortet. Angesichts dieser Tatsache muß die Partei mit grö- ßerer Aktivität als bisher den Kamps gegen die bürgerliche Diktatur führen und jede Mög- lichkeit ausnützen, zur Offensive überzugehen. Ter Partei- tag ruft die Arbeitermassen auf, stärkste Aktivität zu entfalten im Kampf für die folgenden Forderungen: Wiedereinberufung der Volksvertretung, Arbeitsbeschaf- fungsprogramm, Wiederherstellung der vollen Koaltiions- freiheii, Aushebung der seit dem 5. März verfügten Maß- nahmen, Wiederherstellung der VersammlungS- und Pressefreiheit für alle demokratischen Parteien, Auflösung und Entwaffnung der faschistischen Wehrorganisationen. Die Aktion im Kamps sttr diese Forderungen muß die Arbeiterschaft bereitmachen und bereithalten für den Eut» scheidungskampf, der unvermeidlich werden kann. Angesichts der Forderungen der Heimwehrsaschisten nach dem totalitären Staate, nach Auslösung der Partei, nach Gleichschaltung der Gewerkschaften, nach Besetzung des Wiener Rathauses und Einsetzung eines Regierungskom- missars sür Wien haben Parteivorstand und Bundesvor- stand der Freien Gewerkschaften am 17. September be- schlössen, in jedem dieser Fälle die Arbeiterklasse zum Generalstreik aufzurusen. Der Parteitag bestätigt und bekräftigt diesen Beschluß und fordert die Organi« sationen auf, die gesamte Arbeiterklasse und über diese hinaus alle freiheitsliebenden Republikaner mit diese« Beschluß vertaut zu machen." Bine Verhaktunz Wien, 17. Okt. Beim Verlassen des Gebäudes, in de« ver sozialdemokratische Parteitag eben seine Beratungen abge» schlössen Hatte, wurde der sozialdemokratisch« Landtagsabge» ordnete R e i t m a n n von Kriminalbeamten verhastet. Reitmann wird beschuldigt, gegen die Regierung Dollfaß öffentlich manifestiert zu haben. Der Berhastete besitzt als Landtagsabgeordueter die Immunität: doch ist er bisher nicht freigelassen worden. Es wird kritisch Wien, 18. Oktober(Eig. Meldung). Die Lage in Oesterreich wird von Tag zu Tag kritischer. Zwar find die Maßnahmen des Kanzlers Dollsuß gegen dir Nationalsozialisten sehr scharf, gestern find zum Beispiel sämtliche Hochschulen und Universitäten wegen nationalsozialistischer Umtriebe auf unbestimmte Zeit geschlossen«ad eine Reihe von Verhaftungen vorgenommen worden, aber der Kurs Dollsuß geht zugleich sehr scharf gegen die Sozial« demokratie und kommt dem Faschismus bedenttich nahe. Oie tägliche Blutarheit Meseritz, 18. Okt. Der 33 Jahre alte Arbeiter Emil Schisse? aus Petersmühle(Kreis Schwerin a. d. Warthe) wurde heute morgen hingerichtet. Schiller hatte einen Landwirt aus de« Hinterhalt erschossen. » Die Essener A l l g e m e i u e Z e i t un g ist bis 21. Oktober verboten worden. Der rumänische Finanzmini st er Madgearu ist in Paris eingetroffen, wo er die zwischen Frankreich und Rumänien wegen der rumänischen Anleihen in Frankreich entstandenen Schwierigkeiten regeln will. In einer Riesenkundgebung im Sportpalast zu Berti« verkündete Reichsjugendstthrer Baldur». Schirach die Aa!» lösung der RS.-Jugendbetriebszellen und dt« Überführung ihrer Mitglieder in die Hitler-Jugend. Proteste gegen Retdisgeridit SA. am brennenden Reldisfag î>aê Reichsgericht hat in seiner Sitzung vom 14. diese» Monats sich wieder einmal das Vergnügen bereitet, gegen oen Untersuchungsausschuß zu Felde zu ziehen. Anlaß dazu Sab ihm die Feststellung des Untersuchungsausschusses, daß nach Ausbruch des Brandes SA. und SS. den Platz vor dem Reichstag abgesperrt habe. Diese Feststellung wurde von Staatsanwalt und Verteidigung in schöner Einmütigkeit als »Greuelmärchen" entlarvt. Niemals sei an jenem Abend auch nur ein einziger SA.- Mann in der Nähe des Tatortes gewesen. Demgegenüber hat sich beim Untersuchungsausschuß ein neuer Zeuge gemeldet, der in Form eines an Rechtsanwalt Teichert gerichteten Briefes, dessen Durchschlag dem Unter- Inchungsausschuß zuging, seine Bereitschaft bekundet, den folgenden Tatbestand zu beschwören: Dr. jur- Prinz zu Löwenstein Schloß Neumartzin- b- Brixlegg sTirolj Den 13. Oktober 1933- Herrn Rechtsanwalt Teichert, Reichsgericht Leipzig. »Hochverehrter Herr Rechtsanwalt! Ihnen, als dem Vertreter des im Reichstagsbrandprozeß angeklagten van der Lübbe, erlaube ich mir eine Mitteilung zu machen, die für die Verteidigung und im Sinne der ob- lektiven Wahrheitsfindung nicht unerheblich ist: Am 1. Oktober dieses Jahres ist es in der Verhandlung Nor dem Reichsgericht zu folgendem Gespräch zwischen dem Herrn Oberreichsanwalt und dem Zeugen Herrn Leutnant Lateit gekommen: Auf die Frage des Oberreichsanwaltes an Leutnant "atcit, ob bei den Absperrungen in der Brandnacht SA.» oder SS.-Abteilungen herangezogen worden seien, erwiderte Leutnant Lateit: »Ich habe überhaupt keine solchen Abteilungen gesehen. 7- Auch vorher nicht?— Auch vorher nicht.— Es sind nämlich vielfach Gerüchte verbreitet, daß gleich von Anfang an, wie aus der Pistole geschossen, SÄ-- und TS.-Leute da- gewesen seien, also schon gewissermaßen in Vorbereitung lagen, um die Brandstelle abzusperren.— Ich bin kurz vor 28 Uhr im Absperrdienst abgelöst worden: bis zu diesem Zeitpunkt waren weder TA.- noch TS.-Leute da." Demgegenüber habe ich folgenden Sachverhalt zu schil- oern: Ich habe den Brand des Reichstages durch den Rund- funk erfahren und traf in Begleitung zweier Leute zirka um /«22 Uhr an der Brandstätte ein Um diese Zeit war bereits l>er gesamte Komplex von SA.-Leuten besetzt und zwar so, daß der Sicherheitsdienst von ihnen verrichtet wurde. Es fiel mir besonders deswegen auf, weil es das erstemal war, daß ich SA.-Leute in der Eigenschaft von Hilsspolizei sah, und ich machte meine Freunde noch darauf aufmerksam. Es herrschte unter den SA.-Leuten eine große Geschäftigkeit. Man sah ihnen an. daß sie mit dem Polizeidienst noch nicht so ganz vertraut waren. Auch darauf machte ich meine Freunde aufmerksam. Abgesehen von den polizeidienst- tuenden SA.-Leuten marschierten starke Abteilungen von SA.-Leuten geschlossen um den Reichstag herum. Das ganze nächtliche Bild erhielt durch die Uniformen der SA. sein Gepräge. 5>ck bin bereit, über diese Dinge vor der deutschen Bob- schaft in London auszusagen, da ich in den allernächsten Tagen dort sein werde. Briese erreichen mich unter folgender Anschrift: London EC 2, 7—11 Moorgat« Street c/o Sanderson u. Co- Mit kollegialer Hochachtung bin ich Ihr sehr ergebener gez.: Prinz zu Löwenstein. Eine Erklärung Grzesinski Beim Untersuchungsausschuß ging am 14. Oktober 1933 ein Schreiben des ehemaligen Polizeipräsidenten Grzesinski ein, das wir untenstehend im vollen Wortlaut wiedergeben: Paris, den 14. Oktober 1933. An den Untersuchungsausschuß zur Aufklärung des Reichstagbrandes Paris. Nach den Zeitungsberichten über die Verhandlungen des 4. Strafsenats des Reichsgerichts in dem Prozeß gegen Lübbe und Genossen hat Rechtsanwalt Dr. Sack auf die Aussage verwiesen, die ich in den Verhandlungen des Reichstags- blandes gemacht habe und insbesondere meine Aussage in dem Punkt angegriffen, wo ich gesagt habe: ,^Venn der große Alarm nicht sofort nach dem Eingang der ersten Nach- richt vom Ausbruch des Feuers im Reichstag angeordnet worden ist, dann muß es verboten worden sein." Ich muß diesen Angriff auf das energischste zurückweisen, da meine Aussage in jeder Beziehung richtig ist. Tatsache ist, und aus den Dienstvorschriften sowohl für die Polizei wie auch für die Feuerivchr muß es hervorgehen, daß— so habe ich mich auch in London ausgedrückt— bei Menschen- leben in Gefahr und bei Brand in Regierungsgebäuden ein großer Feueralarm eo ipso und von Amts wegen erfolgt. Ob dieser große Feueralarm wirklich gegeben ivorden ist, vermag ich natürlich nicht zu sagen und darüber habe ich mich auch nicht in London ausgelassen. Ich habe nur gesagt und dabei bleibe ich, ivenn eine Großalarmierung der Feuer- wehr bei der Nachricht vom Reichstagsbrand tatsächlich nicht erfolgt ist, müssen Kräste am Werk gewesen sein, die es ver- hindert haben, daß diese zwangsläufige Dienstvorschrift nicht sofort in vollem Umfange angewendet worden ist. Wie ich jetzt in den Zeitungsberichten gelesen habe, hat sich in den Verhandlungen des Reichsgerichts herausgestellt, daß der erste Feueralarm 21.14 Uhr inach manchen Berichten 21.17 Uhr), der große Alarm aber erst 21.42 Uhr erfolgt ist. Wenn diese Berichte richtig sind, so erhält meine in London geäußerte Vermutung, daß die rechtzeitige Großalarmierung durch irgendwelche Einflüsse verzögert worden sei, eine neue Stütze. gez. Grzesinski." Geheimnisvoller Schornsteinfeger! Am 16. Verhandlungstag, am 14. Oktober, ist Herrn Senatspräsidentcn Bünger eine kleiner Regiesehler unter- lausen. Er blätterte in den Akten und murmelte ein paar Worte mit leiser Stimme vor sich hin, die die deutsche Presse zwar taktvoll verschwieg, die aber ein taktloser und unbe- sachlicher Zeuge registriert hat: nämlich die WachSviaüe, dir der Radioübertragung dient. Es sind nur einige wenige Worte, die wir stenografisch auf Grund der Rundsunkttber- tragung des durch Wachsplatte reproduzierten Prozesses fest- hielten. Sie lauten: „. seit 27 Jahren Schornsteinfeger, gleichfalls der Tat verdächtig.... wurde verhaftet... aber das ge- hört wohl nicht hierher...." Wir betonen, wenn es noch jemanden gibt, der der Tat verdächtig ist und der verhaftet wurde, dann gehört er wohl in den Prozeß! 8 Monate Voruntersuchung, 17 Verband- lungstage,— und bis beute ist kein Wort gefallen über diesen geheimnisvollen Schornsteinfeger, der als der Tat verdächtig verhaftet worden ist Nur auf ein Verplappern des Herrn Dr. Bünger und auf die Unbestechlichkeit der Wachsplatte ist es zurückzuführen, baß die Oefsentltchkeit von ihm erfuhr. Was ist mit ihm? Reldistagsabgeordncter wird gesudit Am 13. Oktober stellte der Senatspräsident Bünger an den Zeugen Wenbt die Frage, ob während des Brandes„vielleicht ein Zivilist in das Haus oder aus dem Haus geschlupft sei". Die Frage ergab ein offenbar unbeabsichtigtes^ind sen- sationelles Resultat. Herr Weirdt antwortet nämlich inach WTB.): „Zeuge: Nein! Erst später kam aus dem Hause ein Zivilist, der sich als Abgeordneter auswies und den ich deshalb passieren ließ: er wurde aber von der Polizei zurückgeholt und von dem Polizeioffizier kontrolliert. Dann konnte er weiter- gehen. Nach einer Viertelstunde kam dirier Abgeoronete zurück, weil er etwas veraessen hatte. Ich habe ihn aber nicht ins Haus gelassen, sondern an den Polizeioffizier verwiesen. Dieser Vorgang war etwa gegen 22 Uhr." Tableau. Wir erfahren das erstemal, daß während des Brandes ein Abgeordneter sich im Reichstag aufgehalten und das brennende Gebäude erst gegen 22 Uhr verlassen hat. Wer war dieser Abgeordnete? Der Vorsitzende und auch die Verteidigung halten es offenbar für unangebracht, diese Frage zu stellen. Doch ist sie eine der Kardinalfragen des Prozesses. Man stelle sich einmal vor, es sei nicht bewiesen, daß Torgler den Reichstag um 8.29 Uhr verlassen hat. man hätte ihn vielmehr erst um 22 Uhr aus dem brennenden Reichstag kommen sehen! Würde daS in den Augen des Reichsgerichtes nicht gleichbedeutend sein mit dem Beweis, daß Torgler den Reichstag angezündet hat? Und diesem unbekannten Abge- ordneten widmet man nicht einmal eine Frage, obwohl seine Identität festgestellt worden ist?' Der Untersuchungsansschuß wird nicht versäumen, diese Frage vor der Oeffcntlichkeit zu stellen. Hochpolitische Zeugen Keines- Görina- Göbbels- Schulz 18 Verbandlnngstag Fortsetzung aus Nummex 102 Der Pförtner von Portal II Der Amtsgehilse Wocköck. der seit elf Jahren Pförtner am Portal 2 ist, bekundet, er habe am 27. Februar ein paar Minuten nach 8 Uhr das Portal geschlossen. Der Amts- üehilfe Kohls habe ihm zugerufen, daß Torgler noch im Hause sei. Äphls habe schon bei ihm angerufen, es habe sich >iber niemand gemeldet. Gleich darauf, erklärt Wocköck. wurde er telefonisch gebeten, die Garderobe Torglers hin- aufzubringen. Der Zeuge hat das Portal wie immer ver- schlössen und auch den Riegel vorgeschoben. Aus die Frage des Vorsitzenden, ob jemand seinen Schlüssel zum Portal benutzen könne, erwidert der Zeuge, daß das nicht möglich sei. Auch die Anfertigung eines Wachs- abdruckes von dem Schlüssel hält der Zeuge für ausge- schlössen. Tie Frage des Rechtsanwalts Dr. Teichert. ob er. abgesehen von Torgler, jemals einen der Angeklagten durch das Portal habe gehen sehen, verneint der Zeuge-— Oberreichsanwalt: Ter Zeuge hat ge- lagt, daß er an großen Tagen sein Tor ständig im Auge be- halten mußte. War es während der Zeit möglich, baß Ab- üeordnete oder vertrauenswürdige Personen, die in der Loge telefonierten, sich an dem Schlüssel zu schassen wachten?— Zeuge: Das wäre möglich. Den Herren, die da telefoniert haben, kann ich das aber nicht zutrauen. Um vertrauenswürdige Abgeordnete haben wir unS, wenn sie telefonierten, natürlich nicht weiter gekümmert.— Dr. Dei chert: Haben Sie am Brandtage oder vorher durch Portal 2 einen Mann mit einer Kiste gehen sehen?—Zeuge: Nein!— Dr Sack: Dr. Hertz, der Sekretär der sozialdemo- tratischen Fraktion, hat in London ausgesagt, daß am 27-Fe- bruar im Fraktionszimmer seiner Partei eine Besprechung mit ausländischen Journalisten stattgefunden haben soll.— Zeuge: Mir ist nichts darüber bekannt und durch mein Portal ist niemand zu jener Besprechung hereingekommen.— Dr. Sack: Im Auslände und im Braunbuch wird be- hauptet, der nationalsozialistische Hausinspektor Tcranowitz habe die diensttuenden Beamten um 1 Uhr nach Hause ge- schickt.— Zeuge: Zu den diensthabenden Beamten gehöre auch ich. Uns hat niemand nach Hause geschickt und ich habe auch nichts darüber gehört- Ministerpräsident Göring vernimmt Der Amtsgehilse Kohls der seit etwa 29 Jahren an der Garderobe beim Portal 2 tätig ist, sagt aus, am 27. Februar, etwa 19 Minuten vor 8 Uhr abends, habe noch die Garderobe des Abgeordneten Torgler am Riegel gehangen. Er habe anrufen wollen, ob die Garderobe nicht hinausgeschafft wer- den könnte- Zweimal habe er aus Nr. 821 im Zimmer 9 a angerufen- Es habe sich niemand gemeldet und auch das Be» setztzeichen sei nicht gekommen Dann habe er zweimal über Nr. 322 im Zimmer 9 b angerufen- Auch dort habe sich nie» mand gemeldet. Als er nach dem zweiten vergeblichen An- ruf den Hörer noch in der Hand halte, habe der Nebenappa- rat in der Garderobe geklingelt und der Fahrstuhlführer Düsterhöft habe ihm gesagt: Eben wird angerufen, wir möchten die Sachen des Abgeordneten Torgler nach oben bringen. Etwa 3 Minuten nach 8 Uhr seien Düsterhöft und er, Kohls, nach Hause gegangen. Auf verschiedene Fragen bleibt KohlS bei seiner Aussage, baß er auf selnen Anruf in den kommunistischen Fraktionszimmcrn keinen Anschluß be- kommen und auch kein Besetztzeichen gehört habe. Die Frage des Reichsanwalls P a r r t s i u s, ob ihm ausgefallen sei, daß er an diesem Abend keinen Anschluß bekam, verneint der Zeuge. AlS der Zeuge im weitere« Verlaufe seiner Vernehmung erklärt, daß er seinerzeit znerst zum Ministerpräsident«» Göring gefahren und genau das gesagt habe, was«r auch hier gesagt habe, fragt Dr. Sack, ob diese erste Aussage beim Ministerpräsidenten Göring nicht ein Irrtum sei. Er könne sich nicht vorstellen, daß Ministerpräsident Göring eine Vernehmung angestellt habe. Darauf erklärt der Zeuge, er sei um 8.4S Uhr nach Hause gekommen und habe sich um 9.39 Uhr ins Bett gelegt. Gleich nach 19 Uhr habe sein Nach- bar geklingelt und mitgeteilt, der Reichstag brenne. Er sei dann sofort mit der Straßenbahn zum Reichstag gefahren- Ein Poltzcibeamter wollte ihn nicht in das Gebäude lassen und sagte. M i n i st c r Gör i n g sei gerade drin, woraus ich erwiderte, daß ich gerade zu Göring wolle. Er sei dann ins Portal 2 gebracht worden und sei später zusammen mit dem Ministerpräsidenten Göring. der ja gleichzeitig auch Reichs- tagspräsident war, im Auw nach dem Ministerium Unter den Linden gefahren und dort vernommen worden. Wenn er nicht irre sei es D a l u c g c gewesen, der ihn zu Protokoll vernommen habe. Der Oberreichsanwalt bemerkt dazu, daß Daluege damals Chef der Kriminalpolizei war. Der Zeuge sei also von der Kriminalpolizei vernommen worden wie jeder andere. Der Angeklagte Di m i troff stellt dann wieder einig« Fragen, u. a. welcher Partei der Zeuge angehöre. Kohls erwidert: Ich habe noch nie einer Partei angehört, Herr Dimitroff, wenn Sie es genau wissen wollen. Auf eine wettere Frage Dimitroffs. ob der Zeuge mit dem Mi- Nisterpräsidenten Göring noch einmal zusammengekommen sei, erklärt KohlS, inSachen derBrandangelegen- h e i t nicht. Hierauf tritt eine Pause ein- Ein Nachschlüssel Nach der Pause wird der Pförtner Wocköck vom Vor- sitzenden nochmals gefragt, wie er sich die Beobachtung de« Zeugen B o g u n erklären könne, daß nämlich spät abends ein Mann aus Portal 2 herausgelaufen sein soll. Wocköck erklärt, daß dann dieser Mann nicht nur über einen Nach- schlllssel zum Oefsnen des Portals verfügt, sondern unbe- dingt auch einen Heiter innerhalb des Reichstags gehabt haben müsse, der nachher von innen das Portal wieder so verschlossen und den Riegel so vorgelegt habe, wie eS tat- sächlich der Fall war. Der BetriebSîngcnieur des Reichstags, Risse, äußert sich dann über die technischen Anlagen deS Reichstages. Er be- kündet, daß er nach dem Brande die Lllstungseinrichtungen geprüft und gefunden habe, daß während des Brandes die Lüftungsklappen geschlossen waren. Auf die Frage eines Sachverständigen, ob im Plenarsaal eine Luftbewegung zu spüren gewesen sei auch mit geschlossener Lustzuführung, er- widert der Zeuge hin und wieder ja, das hänge von den Windverhältnissen ab. Keller und unterirdischer Gang Die Frage des RA. Dr. Sa ck, ob im Keller eine Anzahl als Akten oder Waffen deklarierte Kisten mit Brandmaterial gelegen habe, wie es im Braunbuch stehe, verneint der Zeuge. Im Maschtnenkeller hätten lediglich alte Kisten mit Seife, Soda und Altmaterial gestanden. Es müßte ausgefallen sein, wenn da fremde Kisten hineingekommen wären. Die Frage des RA. Dr. Sack, ob das Personal des PrästdenlenhauseS. wenn es ins Reichstagsgebäude gelangen will, den unter- irdischen Gang benutzen müsse, bejaht der Zeuge. RA. Dr. Sack: Wenn nun im PräsibentenhauS eine sogenannte StabSwache von 39 Mann ständig gelegen habe, hätten Sie und Ihre Leute das beobachten müssen, oder hätte Ihnen das entgehen können?— Der Zeuge erwidert, daß ihm das hätte entgehen können, aber der Obermaschinenmeister Mutzka könne vielleicht darüber Aus- kunft geben. Die Frage des OberreichsanwalteS, ob der Zeuge unter seinem Personal unzuverlässige Leute hätte, verneint Riffe mit Entschiedenheit. Die Frage Dimi- trofss, ob seit Ende Januar neue Arbeiter eingestellt wor- den seien, beantwortet der Zeuge dahin, daß im ganzen zwei neue Leute eingestellt worden seien, mit denen er die besten Erfahrungen gemacht habe. Oie"Euren zum unterirdischen Gang geöffnet AlS nächster Zeuge wird der Obermaschinenmeister Mutzka vernommen. Er erklärt, daß der unterirdische Gang nicht vom Reichstag zum Präsidentenpalais führe, sondern vom Reichstag zuni Maschinenbaus. Der Gang habe später«ine Abzweigung zu dem später erbauten Präsidentenhaus erhal- ten, um auci> dieses Haus mit Heizung zu versorgen. Wenn daS Maschinenbaus in Betrieb sei, seien beide Türen des Ganges geöffnet. Der Vorsitzende erklärt dann, daß eine Ortsbesichtigung vorgenommen werde, um eine bessere Grundlage für die weiteren Erörterungen über den unterirdischen Gang zu haben. Die Frage de» Vor- sitzenden, ob er am 27. 2. etwas Auffällige? in dem unterirdischen Gang bemerkt habe, wird vom Zeugen verneint. Auf weitere Fragen erklärt Mutzka, e» sei einmal vorgekom- men, daß ein Schlüssel zum Gang verloren ging und auch verschwunden blieb. Dieser Vor- gang liege aber sehr weit zurück. Auf eine entsprechende Frage des Vorsitzenden erklärt der Zeuge weiter, eS sei ihm nicht bekannt, daß im Präsidentenhaus eine SS.- oder SA-Wache aewesen sei. Er wisse auch nickt, ob Minister- Präsident Göring damals im Präsidentenpalais gewohnt habe. Oberreichsanwalt Dr. Werner betont dann in län- geren Ausführungen, im Braunbuch werde ohne jeglichen Versuch des Beweises die Behauptung aufgestellt, baß durch den unterirdischen Gang unter Führung des Polizeipräsiden- ten H e i n e s- Breslau, des Oberleutnants Schulz und des Polizeipräsidenten Graf H e l l d o r f- Potsdam SA.-Abtei- lungen in den Reichstag eingedrungen seien und dort den Brand gelegt hätten. Für jeden einzelnen der ausgesuchten TA.- und SS.-Führer sei die Stelle genau bezeichnet worden, wo er einzusetzen gehabt hätte. Am Tage vorher sei General- probe abgehalten worden. V a n d e r L n b b e sei als 5. oder 6. mitgegangen. Als der Beobachtungsposten im Reichstag mel- dete, daß die Luft rein sei, begaben sich die Brandstifter an die Arbeit. Die Brandlegung war in wenigen Minuten vol- lendet, und sie gingen den gleichen Weg, den sie gekommen waren, nach getaner Arbeit zurück. Van der Lübbe blieb allein im ReichstagSgebäude zurück. Anträge des Oberreichsanwalts Ich beantrage, fuhr der Oberreichsanwalt fort, als Zeu- gen den Polizeipräsidenten HeineS- Breslau, den Ober- leutnant Schulz und den Polizeipräsidenten G r a s H e l l- b orf-Potsdam dafür zu laden, daß sie mit dieser Sache nicht das geringste zu tun haben. Ich beantrage weiter, al» Zeugen den Preußischen Ministerpräsidenten Gö- ring und den Reichsminister Dr. Göbbels zu laden. In dem Braunbuch wird daS Unerhörte behauptet, ohne auch nur zu versuchen, einen Beweis zu führen, daß Minister Göbbels als indirekter Urheber und der preußische Minister. Präsident Göring ebenfalls als Urheber des Planes gegolten haben. Es ist eine Pflicht, wenn solche unerhörte und unbewiesene Verdächtigungen in die Welt gesetzt werden, daß dann auch diesen Herren die Möglichkeit gegeben wird, sich über«de lit diesem Zusammenhang stehende Borgänge 5« Lüstern, insbesondere auch über die damalige politische Lage und die da- durch notwendig gewordenen Maßnahmen vor Gericht unter Eid auszusagen. Nach kurzer Besprechung mit den übrigen SenatSmitglie- bern verkündet der Vorsitzende den Senatsbeschluß, den Be- n eisanträgen des Oberreichsanwaltes stattzugeben. Tie Ver» nehmung der Zeugen Heines, Schulz und Graf Hell- b 0 r f soll bereits am Freitag erfolgen. Ministerpräsident G ö r i n g und G ö b b c l s sollen vernommen werden, wenn das Gericht mit den politischen Erörterungen beginnt. Ueber einen Antrag des Angeklagten Dtmitrosf, ihm das Braunbuch zugänglich zu machen, wird der Senat mor- gen entscheiden. RA. Tr. S a d weist auf ein Telegramm deS Polizeipräsidenten Heines aus Breslau hin, in dem dieser darlegt, daß er vom 28. Februar bis Anfang März in Glciwitz war. Dr. Sack ersu^t, Zeugen aus Gleiwitz zu laden, die über den mehrtägige» Aukcntbalt Heines dort aussagen sollen, nicht weil er an der Glaubwürdigkeit deS Zeugen zweifle, son» bern weil die Mentalität des Auslandes es verlange. Auch Oberleutnant Schulz habe brieflich mitgeteilt, dast «r zu jener Zeit in Tutzing krank gelegen habe. Gerade weil Oberleutnant Schulz in der Emigrantenpresse als Lügner hingestellt werde, beantrage er, auch mehrere Zeugen aus Tutzing zu laden. Da der Oberreichsanwalt keine Bedenken gegen diese Beweisanträae geltend macht, erklärt der Borsitzende, daß die von Dr. Sack beantragten Zeugen geladen und so bald wie möglich vernommen werden. Die Sitzung wird darauf auf Mittwoch vertagt. Endildi erlaOI! Im Konzentrationslager der christlichen Nächstenliebe In der Papen-katholischen„Germania" wird eine lange Predigt über den„Sozialismus" Adolf Hitlers serviert, aus welcher der Bürger mit Befriedigung erfährt, daß dieser herrliche„deutsche Sozialismus" nur eine„geistige Haltung" sei. aber in keiner Weise die irdischen Besitzver» h ä l t n i s s e antaste. Das würde uns jedoch nicht veran- lassen, von dem Geschwafel Notiz zu nehmen, wenn wir nicht auch folgenden schönen Satz in der„Germania" fänden: „Der Katholik, überhaupt der Christ, der bis hierher ge- folgt ist, hat vielleicht schon lange eine Ergänzung im Sinne. Sie soll hier ausgesprochen werden: Deutscher Sozialismus als Haltung und Gesinnung ist ganz schlicht gesagt im Letzten die Erfüllung des Christuswortes:„Du sollst den Nächsten lieben wie dich s e l b st." Ganz schlicht gesagt... DaS Konzentrationslager, die Folterung von taufenden von Marxisten, die Ermordung Stellings, Fechenbachs, Grafs und all der andern, die Miß- Handlung der Juden, all das ist„im Letzten die Erfüllung des Christcnwortes: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst!" Wenn in Nürnberg und Mannheim die„Judenlieb- chen" mit abgeschorenem Haar vom Mob durch die Straßen- geschleift werden, so geschieht das sicher im Namen dessen, der sogar die Ehebrecherin mit den Worten schützte:„Wer unter Euch rein ist von Sünden, der werfe den ersten Stein auf sie." Kein Atheist hat die Lichtgestalt des milden Heilandes je so geschmäht und besudelt, wie es dieses fromme katholische Blatt tut, das die Hitlcrsche Barbarei als die Erfüllung christlicher Nächstenliebe verherrlicht. „Ernste Bibelforscher" staatsgefährlich! Nachdem die Polizei festgestellt hatte, baß die im Sommer aufgelöste Internationale Bibelsorscher-Ber- « i n i g u n g in Erfurt geheime Zusammenkünfte abhielt und auch außerhalb Erfurts wieder ihre Propagandatätigkeit aufgenommen hatte, gelang es bei einer geheimen Zusam- menkunft, fünf Personen, darunter den Leiter der verböte- nen Internationalen Bibclforscher-Vereintgung, sestzu- nehmen. Zahlreiches Material, das vor der Auflösung bei- feite geschafft worden ist, sowie ein zur Propaganda benutztes Auto wurden polizeilich beschlagnahmt. Diplomatie keine deutsche Kunst Faschistische Iyrannel and Wilhelms II. Absolutismus Eine große Blöße Wir entnehmen bet„Post Scripta", bet H a a gsche» P oft: „Diplomatie ist eine Kunst, aber keine deutsche Kunst. DaS haben wir bei der Behandlung des holländischen Vorschlags hinsichtlich der Hilfsaktion für die deutschen Flüchtlinge unter dem Protektorat des Völkerbundes gesehen. Deutschland hat die Hilfsaktion erst nicht verhindern wollen. Das war eine löbliche Haltung. Danach kam plötzlich der Widerstand, an dem das ganze Problem— zumindest als Völkerbunds- aktion— zu scheitern drohte. Darauf folgte wieber eine Be- kehrung zum Guten. Dadurch wurde die antideutsche Stimmung natürlich noch verschärft. Sie bekamen von allen Seiten den Wind von vorne. Selbst Italien, das gerne so vorsichtig wie möglich gegen Deutschland vorgehen möchte, nahm eine Haltung an, die Berlin scheinbar einen Schrecken einjagte Gegenüber den Nichteuropäern, die wahrscheinlich nicht alles, was man über die Behandlung der Juden ge- sagt hatte, glaubwürdig gefunden haben, haben sie sich da- durch eine große Blöße gegeben. Auch die Art und Weise, auf die sie versuchten, die Juden aus ihrer Volksgemeinschaft zu stoßen und ihnen die Rechte der Minderheit zu entreißen, haben ihnen sicher keine Sympathien gebracht." Deutschland erwache! Wir lesen u. a. in„H e t V 0 l l": „In der nationalsozialistischen Presse hat man den Wunsch geäußert, baß Deutschland sich befreien sollte aus der tief- verächtlichen Gemeinschaft der demokratischen Staaten von Europa. Tie deutsche Gesandtschaft in Genf hat sich bereits aus der sittlichen Gemeinschaft befreit. Es besteht ein Punkt der Uebereinstimmung zwischen der faschistischen Tyrannei und dem Absolutismus Wilhelms II. Der Kaiser war verantwortlich für das Mißlingen der Ent- waffnungskonferenzen von 1899 und 1906. Das Hitler- regime strebt danach, die Entwaffnungskonferenz von 1932/33 mißglücken zu lassen. Immer wieder, wenn Deutschland in eine Forderung der Anftüstungsfrage eingewilligt hatte, immer wieder, wenn es schien, daß man nun eine Basis ge- schaffen hatte, aus der die Konferenz fortgesetzt werde» konnte, sprach Deutschland einen Wunsch aus und sagte, daß seine Mitarbeit von der Erfüllung des Wunsches abhänge» sollte. Mit finsterer Konsequenz steuert Deutschland auf«ine neu«, bis zu äußer st er Schärf« zugespitzten Gegnerschaft der Völker zu. aus einen neuen, ruchlosen, unvermeidlich zum Krieg führenden B e w a s s n u n g s w e t t st r e i t. Es ist durchaus begreiflich, daß in vielen Kreisen die Frage laut wird, ob ein Eingreifen der Völker, die ihre Kultur retten wollen, nicht die humanste und loyalste Methode ist. Begreif- lich, aber darum noch nicht richtig. Die Befreiung eineS Volkes kann allein durch das Volk zustande gebracht werden. Den Teufel mit Beelzebub n-rir-ib?«. würde den Untergang Europas bedeuten.", Bresse in Ketten Der deutsche Korrespondent von„H e t V 0 l k" schreibt u. a.t „Ein Journalist, der augenblicklich in Deutschland seinen Beruf ausübt, ist der Diktatur vollkommen ausgeliefert, und er muß jede Minute daran denken, daß er nur ja nichts tut, „was dlêKraft des deutschen Volkes schwächen" könnte. Di« Folge ist, daß er nichts als Feuilletons schreibt und im übrigen einem widerlichen Byzantismus huldigt. Der deutsch eJournali st i st einwillenloserSklav« des Propagandamini st eriums geworden. An demselben Tage, wo das Pressegesetz herauskam, ist eS Minister Göring gelungen, ein anderes Gesetz im Reichs- Ministerium durchzudrücken. Und zwar ein Gesetz, das sich gegen die Journalisten wendet, die sich nicht der Diktatur unterworfen haben. Dieses Gesetz bedroht die, die im Aus- land verbotene Zeitungen und Broschüren schreiben und ver- breiten und die, die sie nach Deutschland einführen und bort verbreiten, mit lebenslänglichem Zuchthaus oder dem Tode. Diese schreckliche Maßregel kann allein durch die Tatfache erklärt werben, daß die Hitler- regierung voller Schrecken feststellen mußte, daß die Verbreitung von illegaler Literatur vonTagzu Tagzunah m." vie Zell arbeitet für Frankreich" n Ein rumdnlsdier Relsebrlei Der französische Korrespondent Fernand Andre schreibt aus der Bukowina: Wenn früher auch gewisse Kreise Sympathien für Deutschland, als es noch demokratisch regiert wuro>., yeg.eu, so kann heute ruhig behauptet werden, daß durch die Methoden des neuen Deutschland unter Hitler eine ausge- sprochene Gegnerschaft konstruiert wurde- Die von Frank- reich verfochtene Idee, die Nachkriegsverträge als unantasi- bar zu erklären, wird hier heute als Ausgangspunkt für jedes politische und wirtschaftliche Handeln genommen. Hier- zu kommt noch, daß durch die mittelbare und unmittelbare Nachbarschaft der Freunde Frankreichs, und zwar Polens, der Tschechoslowakei und nunmehr auch Oesterreichs, eine Basis für die Verfechtung der politischen Ziele Frankreichs ge- geben ist, wie sie nie günstiger war. Besonders der Abwehr- kämpf Oesterreichs wird hier aufmerksam verfolgt und man wünscht dem österreichischen Bundeskanzler Dr. Dollfuß vollen Erfolg. Die Verhandlungen in Genf wegen der Abrüstung machen wohl einen gewissen beunruhigenden Eindruck, doch nimmt man diese Manöver des Herrn Hitler nicht zu tragisch. Man sieht, daß Deutschland heule alle Staaten gegen sich hat und erwartet, daß sich Frankreich nicht nur nicht unnachgiebig bei den Verhandlungen erweist, sondern auch künftighin den machtpolitischen Willens Deutschlands in seinen Grenzen hält. Man ist der Ansicht, daß die Zeit, wofür Frankreich gearbeitet hat, und daß die durch die Verträge gegebenen Verhältnisse keinerlei Aenderung erfahren, dafür werden Frankreichs natürliche Verbündete und Freunde, zu welchen sich nunmehr auch noch Oesterreich zählt, dessen weitblickender Führer Dr- Dollfuß die Zeichen seiner Zeit richtig verstanden hat, Sorg« tragen. Und das beruhigt wieder die Gemüter, deren Träger natürlich auch von der Krisis stark betroffen wurden und welche nur in Frankreich den einzig wahren Friedensfreund und Helfer ans dieser schweren Zeit sehen. vie brltlsdie Labour Partei Zunahme an Mitgliedern Der Bericht der Parteiexekutive stellt eine Zunahme bet Einzelmitglteder der Partei während 1982 um 82 830 fest, wonach insgesamt 371 607 Einzelmitglieder der Partei angeschlossen sind. Durch die Gewerkschaften sind der Partei kol- lektiv 1960 269 Mitglieder angeschlossen, trotz der Krise nur 60 000 weniger als bisher, durch sozialistische und genossen- schaftliche Organisationen 39 911, um 3000 mehr als bisher, so daß die Gesamtmitgliederichaft der Partei 2 371787 beträgt. Seit der letzten Konferenz wurden die Sozialistische Liga und die Schottische Sozialistische Partei in die Partei aufgenommen »eise im..dritten keim Von einem Schweizer Juden Ein gelegentlicher Mitarbeiter in der Schweiz stellt unS folgenden Reisebericht zur Verfügung: Der ausländische Beobachter kann tatsächlich im Zweifel sein, was Wahrheit ist und waS„Greuelpropaganda". Aber wenn man auch äußerlich sich unbehelligt bewegen kann, ge- schiebt doch sehr viel, was niemand im Ausland weiß, und der Felbzug der Reichsregierung gegen die sog-„Greuel- propaganda" beruhte mehr aus Abwehr als aus Wahrheit. Leider geschehen schlimme Dinge, denn es gibt kein Recht mehr in diesem Reich, das von entfesselten Trieben geleitet wird. Der Jude hat im m e r Unrecht, ist ein neuer Rechtssatz. Wenn er die Hitlerstandarte nicht grüßt, wird er als staatsfeindlich belästigt: wenn er sie aber grüßt, wird er als artfremder Eindringling verhöhnt. Kehrte da in einer Großstadt um die Boykottzeit herum eine Gruppe Juden nach Hause zurück, als sich vor ihnen eine Gruppe Nazis postierte und provokatorisch„Heil Hitler" rief- Die Haltung der Juden, gemäß dem Satze„Weh mir, wenn ich etwas sage: weh mir, wenn ich nichts sage" war unschlüssig, worauf die Gegner aggressiv wurden. Ein Jude erreicht die nächste Telefonzelle und benachrichtigt das Ueberfallkommando, eS seien von Männern mit Hakenkreuzen und einem SA.-Mann Juden auf der Straße belästigt worden. Darauf die klassische Ant- wort:„Unmöglich, ich hänge ab!" Am Boykottag selbst durften die SA-Männer laut Weisung die jüdischen Ge- fchäfte nicht betreten. Als in einer mittleren Stadt Deutsch- lands sich die Bewacher trotzdem im Geschäft zu schaffen machten, kam das Ueberfallkommando erst, als der Inhaber meldete:„Verkappte Kommunisten überfallen mein Ge- schäft!" Dieser„Tip" war ihm von einem im Geschäft tätigen SA.-Mann gegeben worden. Was der Antisemitismus in diesen örtlichen A«S- Wirkungen lokaler Natur fertig bringt, bewies einer jener berühmten Vorfälle, wo Juden auf Lastwagen durch die Stadt gefahren werden sollten zum allgemeinen An- srsiauunasunterricht. Da holte ein SA.-Mann einen alten Mann, den er gerade kannte, der aber zu Bette lag und nicht kommen konnte. Als man ihn trotzdem auf die Straße zerrtn wollte, kam gerade ein jüdischer Handlungsgehilfe nach Hause, der bei diesem Mann wohnte, und erbot sich, an seiner Stelle mitzufahren. Da ihn der SA.-Mann nicht kannte, fragte er ihn, ob er sein Sohn sei. Auf seine Ant- wort, er sei aus£. und hier nur Zimmerherr, erhielt er die typische Antwort:„Dann soll Sie der Kreisleiter in£. einsperren!"— Sehr häufig wurden Kaufleute malträtiert, weil sie vor langer Zeit einmal einen Wechsel nicht pro- longierten oder Hausbesitzer, die einem zahlungsunfähigen Nazi kündigten. Als ein Optimist auf dem Beitreibungs- wege zu seinem Gut kommen wollte, herrschte ihn der dienst- tuende Richter an:„Wissen Sie, daß Sie vor einem deutschen Gericht stehen?"—„Ja."—„Wenn Sie daS wissen, ist es am besten, Sie ziehen Ihre Klage zurück!" Im großen ganzen beklagen sich die noch zugelassenen An- wälte nicht sehr über die Richter, da noch immer die alten deutschnationalen Herren, für die Antisemitismus Ge- sinnungssache und nicht Rowdytum ist, amtieren. Aber die arischen Anwälte merken sich genau die arischen Mandanten, die noch etwa einen jüdischen Anwalt beschäftigen, so daß auch wohlmeinende Christen nicht mehr in der Lage sind, einen Inden zu beauftragen. Mehr als einzelne Anrempe- lungen zeigt dieser planmäßige Aushungerungsfeldzug daS Antlitz des neuen Teutschland. An verschiedenen Gerichten wurden in den letzten Wochen Erlasse herausgegeben, in denen der Präsident die arischen Richter aufforderte, mit den entlassenen jüdischen Richtern überhaupt nicht mehr zu sprechen und die noch im Amt verbliebenen nicht mit„Herr Kollege" anzusprechen. Ueber die Behandlung der 300 angesehensten Juden in Nürnberg, den Pogrom in Landau, das Wüten in Hessen wurden an dieser Stelle schon Einzelheiten mit- geteilt, die, so unwahrscheinlich es klingt, alle wahr sind Auch die letzthin aus Breslau verbreitete Nachricht, daß der VerioaltungSdirektor Dr. Rechnitz und der Handftings- angestellte Rosenthal wegen eines an sich ganz unbebeuten- den Artikels im dortigen Gemeindeblatt ins Konzentrationslager eingeliefert wurden, bewahrheitet sich. Das Wort„Konzentrationslager" spricht kein Jude in einem Cafe hörbar aus, man spricht überhaupt nichts von Politik, da auch die Wände Ohren haben. Der Besuch von Cafes, Theatern, Kinos usw. hat von jüdischer Seite ganz rapid abgenommen, was die Theater am meisten spüren. Wenn einem in einem Cafe, wie es mancherorts üblich ist. vom Kellner ein Zettel auf den Tisch gelegt wird mit der Aufschrift„Juden werden hier nicht bedient", vergeht einem die Lust, weitere zu besuchen. Auch wird dauernd von SA.- Leuten in den CaseS für„SA. Spende",„SturmfondS" und dergleichen mit klingender Büchse gesammelt, so daß man ausfällig wird, wenn man öfter erscheint und nichts gibt. Die aufgenordeten Damen— Wasserstoff nimmt alS Auf- nordungsmittel zu— würden in ihrer Begeisterung ihren letzten Fünfer opfern, wenn der Mann mit der Büchse er- scheint und als Zeichen beb Dankes feinen Arm hebt. Doch soll auch jener gedacht werden, die kultivierten und humanen Sinnes den RadauanttsemitismuS ablehnen und sich durch die Ungebildetheit des neuen Systems persönlich beleidigt fühlen. Die Mehrzahl der Universitätsprofessoren lehnen das System ab, der große Haufe der ehemals organi» sierten Arbeiter hat für den Judenhaß wenig übrig, die republikanische Beamtenschaft, die die Wahrheiten über das alte Teutschland kennt, weiß, daß die Juden an der gegen- wältigen Lage unschuldig sind, da sie die politische Kon- stellation absolut nicht beeinflußten. Viele Millionen denken noch anständig und kultiviert und fühlen sich bedrückt, genau wie die deutschen Juden, da eine Schicht als Herr- schende auf ihnen lastet, die kulturell weft, weit unter chne» steht. Medizinprofessoren haben durch Anschlag das Betreten von Krankenhäusern und Behandeln in SA.-Uniform ver» boten, die Rektoren der Hochschulen bemühen sich, die jüdischen Studierenden nicht persönlich zu verletzen: doch zeigte bereits der Fall Cohn in Breslau, wie machtlos ein Rektor schon vor dem„dritten Reich" den fanatischen Stu- denten gegenüberstand. Wenn ein Jude mit Orden und Kriegsabzeichen auf einem Amt erscheint, mildert sich die Differenzierung ein wenig, da dann ganz einfach nur der Orden geachtet wird. So holt wieder jeder seine Dekora- tionen hervor, da der Feldzug nach Isjähriger Pause offen- bar im eigenen Lande weitergeht. Abschließend sei noch an einen Gelehrten erinnert, der anläßlich des historischen Boykottages dem Rabbiner und dem Gemeindevorsteher der Stadt sein Beileid ausdrückt« und erklärte, er schäme sich, einem Volk anzugehören, da» im 20. Jahrhundert seine Juden zur Auswanderung treibt. Derartige Sympathiekundgebungen erfolgten an vielen Orten und von vielen Seiten sselbst in der Schweiz erhielt ein Gemeindeführer Blumenj, und sie taten wohl, da daraus ersichtlich war. daß vornehm denkende Menschen trotz allen Tamtams und aller Begeisterung nicht gleichzuschalten sind. — Aber leider, sie haben im heutigen Deutschland wenig zu sagen. S) eut sc fie$ Ummern „Çeisûçe£andesveccätec" ùnpacmç Thomas Mann, Rene Schickele und Alfred Döblin àl»„Unpolitische" Wir haben vor kurzem auf den unerhörten Boykottausruf èrr»Reichsstelle des deutschen Schrifttums- hingewiesen, der »um Boykott gegen»an Emigrantenzeit- 'christen mitarbeitenden Schriftsteller" auf- «orderte.»Geistiger Landesverrat"— das war die Etikette, oie man ihnen anklebte. Jetzt liest man in Nr. 286 des„Buchhändler-BörfenblatteS" »om 10. Oktober 1933: Ïhomas Mann, Ren« Schickele und Alfred Döblin haben nach Erscheinen der ersten Nummer der Emigranten-Zeitschrift»Die Sammlung" folgende Er-> klarungen abgegeben: »Kann nur bestätigen, daß Charakter erster Nummer «ammlung ihrem ursprünglichen Programm nicht ent- spricht." Thomas Mann. .Ja schriftlicher Ergänzung dieses Telegramms schrieb Thomas Mann:»Ergänzen Sie meine Erklärung logischer- weise dahin, daß mein Name von der Liste getilgt wird— »enn daraus läuft sie hinaus." T. M. »Bin von politischer Charakter-„Sammlnng" peinlich überrascht, da gelegentlich Mitarbeit nur für rein literarische Zeitschrift in Aussicht gestellt war. Stehe mit Ouerido in kemerlei Verbindung, halte mich auch weiterhin von allem Derartigen ausdrücklich fern." Schickele. »Desavouiere jede schriftstellerische und politische Ge- Meinschaft mit Herausgeber der Zeitschrift„Sammlung". *>'"« baê in geeigneter Form beschleunigt bekanntzugeben. Tendenz der Zeitschrist war mir unbekannt." Döblin. AuS diesen Erklärungen geht hervor, daß die genannten Autoren über den Charakter der Zeitschrist getäuscht worden sind und jede Gemeinschaft mit ihr ablehnen. Darüber hin- aus haben sie mehrfach öffentlich erklärt, bah sie sich jeder politischen Aeuherung im Auslände enthalten werden. Da die Voraussetzungen, die zu einer solchen berechtigt scharfen Stellungnahme seitens der Reichsstelle führten, sich als hinfällig erwiesen, können wir den Vorwurf des geistigen Landesverrates nicht mehr auf- rechterhalten. Die Reichs st elle st cht aber nach wie vor in keiner Weise hinter der geistigen und literarischen Haltung der an- geführten Autoren. Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums. * Wir wissen nicht, ob Thomas Mann, Rene Schickele und Alfred Döblin über den antifaschistischen Charakter der „Sammlung" rechtzeitig unterrichtet wurden. Wie dem auch sei: der Vorwurf des„geistigen Landesverrats", von dieser Seite ausgesprochen, scheint uns eher ein Ehrentitel als eine Beleidigung zu sein. Ein deutscher Schriftsteller, der heute im Zeichen der Konzentrationslager, der Feme und der Verbrennung von Werken seiner Kollegen„sich jeder poli- tischen Aeuherung im Auslände enthält", wird den freiheit- lichen Traditionen des deutschen Schrifttums und seiner Wegbahner nicht gerecht. Daß Thomas Mann, Schickele und Döblin trotz ihrer Er- klärungen von dieser verhinkelten„Reichsstelle" einen nicht einmal sanften Eselssuhtritt erhalten, macht dieses Zwischen- jpiel um so peinlicher. Die Îûaçnec-Jxissade Von Hedwig Lachmann ES freuen sich die Schergen und die Schacher, daß man d«e Unschuld peinigt und verhöhnt, febunden steht das Opfer, dran ein frecher 'yrannendünkel seiner Willkür frönt. So muß zu Fluch und ewigem Verderben der Schwache dulden die metallne Faust, die ihm, ihr Sckandmal in das Fleisch zu kerben, aus den gebeugten Nacken niedersaust. Zu einem mörderischen Handwerk rüstet sich aus dem Markte der gedungene Knecht, der Menschenwohnungen zu Staub verwüstet, vom Boden tilgt ein wehrloses Geschlecht. Wie von bekränzten Stieren, an Altäre« dem srommen Opfertob geweiht» raucht war« das Menschenblut zu einer Gottheit Ehren und keiner sällt den Henker« in den Arm. Einst tönte eine Botschaft in die Lande, die in Erbarmen wandelte die Gier und schlug um alle Menschen Liebesbande: Was ihr den Acrmsten tut, das tut ihr mir! Wo wächst die Kraft, daß sie die Flamme schüre, den Mordgeist wie ein Spukgebtld verscheuch', mit Allgewalt an alle Herzen rühre: was diese» hier geschieht, das tut mau euch! Wann schwillt zu solch zerstörerischer Welle getretener Mcnschcngeist, dah er sich bäumt, wild überflutet seine eigene Schwelle und dann gelassen wieder weiterschäumt? fAus„Kameraden der Menschheit, Dichtungen zur Weltrevolution", herausgegeben von Lud- wig R u b i n e r. Verlag Kiepenheuer, 1919.) Schweizer Ironien Talander schreibt in der Basler„National-Zeitung": Die ?euen deutschen Wohlfahrtsmarken mit den Darstellungen aus Wagners Opern habe ich siEt Interesse studiert, denn an den kleinen Kultur- Erscheinungen kann man sich am besten ein Urteil über die Gräfte bllden, die dahinter stehen. Es geht recht bewegt zu auf diesen Markenbildern und »ridenschaftlich» und man sieht den einzelnen dargestellten Dpern nicht an, wie lange sie mitunter dauern können. Am Angelegtesten gebärdet sich der unselige Tannhäuser. Er schlagt seine Leier mit so ingrimmiger Wucht, dah seine Hand nach geschehener Rupfung der Satten gut einen halben Meter nach hinten geschleudert wurde, wo sie nun. ^°n zu neuem Angriff auf das Instrument gespreizt, vom Künstler festgehalten worden ist. Man gewinnt durchaus den Eindruck, dah das Singen und Sagen eine heftige Sache ist, î"as den Respekt vor diesem Beruf nur vertiefen kann. Den Parsifal zu vierzig Pfennig dagegen hatte ich weniger gramerfüllt und dafür ohne Bubikopf vor- siestellt. Auch dah er so entsetzlich lange Finger besaß, wie sie °er Künstler ihm zu verleihen für richtig fand, glaube ich "'cht. Seine Zeit lag noch vor der Blüte des Raubritter- Wesens. Eâ ist eigentlich merkwürdig, waS für ein geradezu un- sieheurer KultuS im„dritten Reich" mit Richard Wagner getrieben wird. Tagelang sitzen die Führer dieser un- geduldigsten Bewegung der Geschichte mit gebanntem Blick Und ausdauernder Ergriffenheit in den zeitraubenden Dar- wetungen seines Riesenwerks. Wenn ich zu seinen beson- deren Verehrern gehörte, würde ich mich längst zu besorgter Warnung versucht sehen. Denn einen solchen hartnäckigen Vcrehrungsbetrieb für einen einzelnen Künstler hält auch das heldischste Volk nicht lange aus. Ich riskiere jede Wette, dah binnen kurzem ein großer Neberdruh die Folge sein wird. Ich persönlich kann mich darüber trösten: aber die Wagner-Enthusiasten werden das Nachsehen haben. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, worin der Zauber liegen mag, den der Führer des Nationalsozialismus in Wagners Werken empfindet. Es muh da irgendeine Bcr- wandtschaft der eigensten Empfindungen vorliegen. Viel- leicht gibt eine Stelle aus Gustav Freytags„Er- innerungen aus meinem Leben" einen Hinweis, wo der kluge alte Herr über den Tondichter schreibt:„Er erzählte bei einem Begegnen im Herbst 1848, dah ihn die Idee zu einer großen Oper beschäftigte, die in der ger- manischen Götterwelt spielen solle: der Inhalt aus der nor- dischen Heldensage stand ihm noch nicht fest, aber was ihn für die Idee begeisterte, war ein Chor der Walküren, die auf ihren Rossen durch die Lust reiten. Diese Wirkung schilderte er mit großem Feuer.— „Warum wollen Sie die armen Mädchen an Stricke hängen, sie werden Ihnen in der Höhe vor A n g st s ch l e ch t singen." Aber das Schweben in der Luft und der Gesang aus der Höhe war für ihn gerade das Lockende, was ihm die Stoffe aus dieser Götterwelt zuerst vertraulich machte. Nun ist für einen Schaffenden nichts so charakteristisch, als das Ei, aus welchem sein Vogel herausfliegt. Die Freude an un- erhörten Dekorationswirkungen ist mir immer als der Grundzug und das stille Leitmotiv seines Schaffens erschienen. „Ausecwählt" „Arische Rasse"— ein jüdischer Dreh? Der Herausgeber der„Tribuna", Forges-Davanzati, ver- öffentlicht einen großen Artikel, in dem er beweist, daß die Idee des„auserwählten Volkes" hebräischen Ursprungs ist. Den deutschen Faschisten wird von einem Publizisten des faschistischen Italien folgendes ins Stammbuch geschrieben: „Dex Kult der Rassen-Vorherrschaft hat keine religiöse Grundlage und beruht auf keiner übernatürlichen Wahrheit. Er ist durchaus irreligiös und steht in Verbindung mit Ideen, die unsere Zivilisation zu zerstören suchen. Ideen, die der durch den Duce geführte Faschismus stets heftig be- kämpft hat." Auf jeden lall Der Geist der Philosophie und SA. Auf dem in Magdeburg tagenden Kongreß der Deutsche» Philosophischen Gesellschaft erklärte Ministerialrat Achelis als Vertreter des Preußischen Kultusministeriums:„Auf jeden Fall wird die neue Hochschule nicht aus dem Geist der Philosophie erwachsen, sondern aus dem Geist der SA. und der entschlossenen Studentenschaft." Qott wilt es ®ec fachende cfCauptmatut Zefclhttem von in Uraufführung der„Goldenen Harfe" hîlm Sonntagabend bildete die festliche Uraufführung d-â t À a lt Hauptmanns„Goldener Harfe" £? Münchener Kammerspielen den Abschluß des der deutschen Kunst". Diese Szenenfolge von der o.°??ntischen Liebe zweier gräflichen Zwtllingsbrüder zur . ömtesse im Waldschlößchen offenbarte sich in tieferer Weise ..?5.utsam für eine Besinnung auf deutsche Kunst. Der Rück- ei,,-^ romantische Zeitalter war kein äußerlicher: aus ftnh 1^"bindung von Naturbeseelung, musikalischem Emp- einem herben, fast schamhaften Heroismus entstand ein h.er.k reinster Poesie, das man im besten Sinne als deutsch ei« ebnen darf. Für die Inszenierung hätte man kaum »-".en kongenialeren Regisseur als Otto Falkenberg finden bie weibliche Rolle war durch Käthe Gold in all ihrer d?» m innigkeit verkörpert.. Der Dichter wurde zu Beginn l ru Vorstellung von Staatsminister Esser unter u°,hasten Ovationen des Publikums in den auerraum geleitet: zum Schluß war der fa?"' für ihn, Regisseur und Darsteller ungemein herzlich, ja "îmtsch. w. » s^°weit der Bericht der„Frankfurter Zeitung". Er ist g?'bar zurückhaltend. Der„Rückgriff ins romantische Zeit- rer" jst erfreulicherweise ergänzt ivorden durch eine«zene »." blendender Aktualität. Vor genau einem Jahre ließ sich Di« Geschäftsräume der Berliner Kunsthandlung Arthur Dahlheim in der Kochstraße wurden wegen„Unzuverlä»igkeit" polizeilich geschlossen und versiegelt. * Nach einer im AmtSnachrichtenblatt erschienenen Anordnung ist das vor kurzem vom thüringischen Ministerium erlassene Verbot von Gruppen und Bereinigungen der sogenannten Gesundbeter, ins- besonder« der»Freien Chriftltch-Wioenschaftltchen Bereinigung lGesundbeter)", jetzt wieder aufgehoben worden. * Tie Stadt Grenoble will ihrem berühmten Sohn Be? le- Stendhal ein Museum errichten, als dessen Stätte eine alte Kapelle gewählt worden ist. Das Museum soll die bisher in der Städtischen Bibliothek aufbewahrten Handschriften ausnehmen und weiter alles vereinigen, was sich auf das Leben und Schassen Stendhals bezieht. Als vor einem Fahr die Japaner in Schanghai einfielen, erregt« tas Testament eines in Bozen verstorbenen Deutschen namens Basse Aufsehen, der sein große» Vermögen der chinesischen:»e-- gierung»zur Bekämpfung Europas" vermacht«. Wie jetzt berichtet wird, glaubten die Chinesen, dem letzten Willen des seit- somen Europahassers am besten genügen zu können, indem sie das Vermächtnis dafür zu benutzen beschlossen, die vergriffenen Aus- gaben der chinesischen Klassiker und Philosophen JjLLCrl toiich tPLlt neu zu drucken. m-nut+vtwnwi, Der Leiter des AufklärungSamteS für Bevölkerung?- Politik und Rassenpflege, Dr. med. Walter Groß, schreibt im Naziorgan„Der Führer":„Man hat uns gesagt— und man glaubte damit den Rassestandpunkt des Nationalsozialismus zu treffen—, daß jede Rasse aus dieser Welt ein Ge- danke Gottes sei. Grade das glauben wir auch, und deshalb fordern wir reinliche Scheidung zwischen Blut und Blut, damit die Gedanken Gottes nicht verwirrt werden." JCeine jüdischen Jocheis aber jüdische Rennstallbesitzer Der Preußische Innenminister Göring hat eine Verfügung erlassen, die die Zulassung von nichtarischen Jockeis bei Rennen verbietet. Immerhin: die„Reinigung des Pferde- sports" bleibt auf halbem Wege stecken, denn:„Dagegen sind nichtarische Besitzer von Renn>'"'>&en in keiner Weise zu be- schränken." Schwäbische JCunde „Moralische Erneuerung" im„dritten Reich" Von der mit tönenden Phrasen gepriesenen„moralischen Erneuerung" des deutschen Volkes gibt das„Stuttgarter Neue Tageblatt" folgendes Beispiel:„In letzter Zeit haben sich die Fälle öffentlicher schamloser Annäherung von Män- nern an Frauen und Kinder in Stuttgart in erschreckender Weise gehäuft. Gewisse Gegenden der Außenbezirke sind bereits berüchtigt." Hauptmann anläßlich seiner zahlreichen Geburts- CIS g CSrnuiioiJi&ii-n Ariern mehrere dutzend Male in mehreren deutschen JWf"«S WCOHienVUCÇ l jf'ä&ten von republikanischen ksiermeistern und Revräientanten taatömännern, Ober- des a^istia-n"-ä-ng z° si a u so„in den Zuschauerraum führen", wie dieSma' den Nazi-Staatsminister Esser. Zerpeitscht uns, die wir Greuellüge« schufen: Wir ruhen nicht, solang Ihr da seid, Die Rache kommt— wir werde« rufen: „WaS denkt Ihr von der Greuelwahrheit?" „Geschi eiß der Bücherschreiber" Ein Herr Max Dufner-Greif hat ein„Zuchtbüchlein der deutschen Seele" veröffentlicht, aus dem es sich verlohnt, einen Vierzeiler zu zitieren, der die Kultur des„dritten Reiches" treffend kennzeichnet:„Das Geschmeiß der Bücher- schreiber,—Bringt die Bildung auf den Hund,—Macht aus Männern alte Weiber:—Nur die Flucht hält uns gesund." BAS BUNT NUMMER 103- 1. JAHR G A N G Ii T A G1L)I C HE U NT E R H ALT U N G S= BEIL A CE DONNERSTAG, ID EN 19. OKTOBER 1933 Jltut Mut ist eine schöne Eigenschaft. Eine männliche Eigen- fchaft. Man setzt sie beim Manne als Selbstverständlichkeit voraus. So heißt es ja wohl. Aber es trifft nicht immer zu. Nicht immer. Manchmal ist die Angst vor der eigenen Courage größer als der Mut. Oder der Mut offenbart sich letzten Endes als ein einziges großes Maulaufreißen. Auch das mit der„männlichen" Eigenschaft stimmt nicht mehr so ganz. Heutigentags nicht mehr. Wir wissen, daß das weib- liche Geschlecht diese edle Eigenschaft auch für sich in Anspruch nehmen darf. Das braucht durch Betspiele nicht erst erhärtet zu werben. Vielleicht schnitte das stärkere Geschlecht nicht einmal gut dabei ab. Mut steht heute sehr hoch im Kurs. Es wird wenigstens wieder sehr viel davon gesprochen. Gesprochen, wohl- verstanden. Die Mutigen, sind daS nun immer nur die, von denen man gerade spricht? Sind es nicht vielmehr die Tausende, die Un- bekannten? Sind es nicht alle, alle die Hoffnungslosen, die ohne Zukunft» die Alternden? Sind es nicht.im Grunde genommen alle, auf die seit achtzehn Jahren ununterbrochen eine furchtbare Not hämmert? Unaufhaltsam, ohne Licht- blick. Wir müssen uns jeden Tag mit neuen Katastrophen ab- finden. Mit großen, mit kleinen. Mit öffentlichen, mit privaten. Es läßt uns kaum aufatmen, das Schicksal. Es macht uns stumpf, gefühllos, mitleibarm. Diese Notzeit, dieser Lebenskampf, furchtbar und erbarmungslos wie noch nie, legt uns eine Pflicht auf: den Kopf oben zu behalten. Eine harte Pflicht. Eine nette Redensart! Behalte einer mal den Kopf hoch mit dieser Angst im Herzen, mit dieser großen unbestimmten Angst vor dem Morgen, dem Ueber- morgen. Und doch wird immer und immer wieder von uns gefor- dert: Mut, Hoffnung! Wie viele lebten(wenn man es leben nennen konntej nun schon seit Jahren von der Hoff- nung? Bis sie erkennen mußten, daß es, genau genommen, nichts andres war als Selbstbetrug. Nur ein Hinauszögern, eine verlängerte Qual. Viele allerdings gaben es auf. Sie zogen die letzte, die bitterste Konsequenz. Sie gingen aus dem Leben, das kein Leben mehr für sie war. Das waren die Schwachen, die Zaghaften, die Zerbrechlichen. Aber die andern, die Robusten, die nahmen den Kampf auf, diesen furchtbaren, oft so aussichtslosen Kampf. Viel- leicht ohne Hoffnung— aber mit Mut. Bestimmt mit Akut. Gehört nicht etwa ein großer, ein starker Mut dazu, diesen Kampf zu führen? Der kleine Angestellte, der unverdrossen seiner Arbeit nachgeht, mit bleicher, banger Furcht im Herzen, jeden Ultimo seine Stellung zu verlieren— ist er nicht mutig? Ist das kein Mut, sein kleines Geschäft zu betreiben, unent- wegt, trotz den erdrückenden Steuerlasten und der ver- zweifelten Wirtschaftslage? Ist er nicht hoch zu bewerten, der Mut der Hausfrau, dieser Mut, mit dem sie jeden Tag den Haushalt bestreitet, trotz Abbau und Teuerung? Und der stille, anspruchslose Heldenmut aller der nach Arbeit Fragenden? Die sich immer wieder bemühen, zäh und verbissen. Und alle die Alten, Gebrechlichen, Kranken, sie alle, die den letzten Kampf führen— wer spricht von ihnen? Sie alle konnten eigentlich das Leben von sich werfen? sie sind ja ohne Hoffnung. Trotzdem— sie haben noch Mut und er- tragen dieses Leben. Da stehen sie in den Höfen, auf den Straßen und singen. Noch nie ist in Deutschland so viel gesungen worden. Frei- lich, sie singen nicht aus Uebermut, jene Armen. Man fragt sich oft, wie mag es wohl im Herzen dieser Menschen aus- sehen, die da in abgerissener Kleidung, bei Wind und Wetter. straßauf und-ab ziehen? Und singen. Singen:„Es geht schon wieder besser"— und der Hunger krampst ihnen den Magen zusammen. Ist das kein Mut? Eigentlich ein Wider- spruch. Mutig sein bedeutet doch nichts andres, als keine Angst haben. Dabei schnürt die Angst gewiß so manchem dieser Armen die Kehle zu. Um so grüßer also dieser stille, bescheidene Mut. i flufe aus dem Jirieé Wir stehen in den Straßen mit stumpfem Gesicht. Unsere Augen weinen nach innen. Wer stahl uns das strahlendlebendige Licht? Wißt ihr das nicht??? Aber wer spricht schon von diesen Mutigen? Man hat einfach die Pflicht, mit dem Schicksal zu kämpfen, eine mora- lische Selbstverständlichkeit— so sagen die Satten, die Ge- sicherten. Ethik zu predigen, dazu gehört ein voller Magen, ein ruhiges Gemüt. Mit leerem Magen, mit zerquälter Seele einen furchtbaren Kampf um das nackte Leben aufzu- nehmen— dazu gehört Seelengröße. Man braucht nicht zu fragen, was schwerer ist. Darum: Ehrfurcht vor diesen end- losen grauen Kolonnen des Elends. Unter dem grauen Himmel dieser grauen Tage ziehen sie immer wieber hinein in diese unaufhörliche brutale Schlacht, die wir— wider- spruchsvoll genug— Leben nennen. Es achtet keiner mehr auf den andern. Wer stolpert, fällt. Eigenes Unglück macht uns gefühllos. Wer spricht von dem Mut dieser stillen, zähen Kämpfer, die ruhig und unbe- merkt die harte Pflicht des Kämpfens aus sich nehmen? Biel stiller und bescheidener als die Zufriedenen und Satten, die mit so lauter Stimme ihre Moral verkünden. A r t u r Hein. Man hat uns geleimt wie ein Möbelstück, Nun finden wir nicht mehr ins Leben zurück Mit halbverloschencn Sinnen. Verstümmelte Glieder schrein nach Gericht. Hört ihr das nicht??? In unseren Lungen, die längst nicht mehr ganz Da kreist der Bazillen grausiger Tanz, Da frißt die Tuberkulose. Welch trostlose Sprache das Leben uns spricht, Fühlt ihr das nicht??? Der Lärm des Krieges ist kaum vorbei, Der tausendstimmige Jammerschrci, Die berauschenbe Blutnarkose Beginnt wieder die Arbeit, Schicht um Schicht. Merkt ihr das nicht??? Hachen nicht ver lernen Die Internationale der Kriegsindustrie, Krupp, Schneider und Bickers und Compagnie, Nicht zuletzt die I. G. Farben Den neusten modernsten Tod euch verspricht. Frent euch das nicht??? Im Wechsel der Zeit „Sie wissen nicht den Vornamen Ihrer Frau?" Der Ehemann schüttelt den Kops: „Dreißig Jahre sind wir verheiratet. Die ersten zehn Jahre nannte ich sie Schätzchen und Liebste, die nächsten zehn Jahre rief ich sie Frau oder Mutter und die letzten zehn Jahre Hyänen des Kriegs, sehn sie nur den Profit. Was kümmert fie's, was eine Mutter je litt? Was kümmert es sie, daß wir starben? aber. Proleten tut eure Pflicht!!! ennt ihr die nicht??? nenne ich sie nur Alte. Ihren richtigen Rufnamen habe ich („Neue I. Z."j dabei völlig vergessen." Ein guter Mensch Der unbekannte Dichter ging mit zehn dicken Dramen zum bekannten Verleger. Der Verleger gab sie nach Einblick zurück. „Ich bin ein guter Mensch," sagte er. „Wieso?" (Tod eines berühmten Jtirtenmädffkens „Ich nehme prinzipiell von meinen Mitmenschen niemals („Neue I. Z."j das Schlechteste an." Lebenswende „Ja, Kinder, ich habe Philosophie studiert. Aber dann ging ich zum Kabarett, als ich entdeckte, daß ich die Leute zum Lachen bringen konnte." „Ach, das war wohl beim Examen?" („Fliegende und Meggenborfer Blätter"! So oder so „Ich weiß, daß ich mir was antue, wenn ich die Else nicht bekomme." „Aber, lieber Freund, weißt du denn auch, was du dir antust, wenn du sie bekommst?" ✓ („Fliegende und Meggenborfer Blätter") Der Ordnung halber „Mutti, Mutti, wir müssen Vati wecken!" „Aber warum denn?" „Er hat sein Schlafpulver nicht eingenommen!" („Buen Humor") In M y r a bei Själaved in Norbschweden ist dieser Tage Sara Erikson gestorben, die, ohne eine Jungfrau von Orleans zu sein, sich doch als Hirtenmädchen wegen ihres Mutes in ganz Schweden einen großen Namen gemacht hatte, weil sie bei einem großen Waldbrand im Jahre 18S0 durch ihre Tapferkeit und Umsicht der ihr anvertrquten Rinder- Herde das Leben rettete. Das Mädchen hütete mit andern Hirtinnen eine große Herde von Kühen und Ochsen, als ein Waldbrand ihr den Heimweg zum Gehöft versperrte. Die andern Mädchen brachten sich in Sicherheit, ohne sich um die Rettung der Herde zu kümmern. Sara Erikson trieb die Tiere zunächst in einen zur Tränke beb'ten Teich, führte sie bann mit triefend nassem Fell du oen erst teilweise vom Brand betroffenen Wald, wobei sie selbst sich am Kopf und Füßen Verwundungen zuzog, bis zu einem kleinen See, in den sich die verängstigten Tiere stürzten. Das Mädchen konnte nicht schwimmen, hielt sich aber an einem der Ochsen fest und gelangte so auf das andre Ufer, von wo aus sie, nun den brennenden Wald im Rücken, die Herde in das Dorf zurücktrieb. Dort hatte man sie und das Vieh schon für ver- Irren gehalten. Das verwechselte Frühstück Der zerstreute Professor gab Biologie und sagte:„Wir wollen heute das bekannte Frosch-Experiment machen. Ich habe zu diesem Zweck einen toten Frosch mitgebracht!" Er greift in die Tasche, holt ein kleines Päckchen hervor und öffnet es. Heraus rollt ein Brötchen. „Nanu." sagt der Professor verdutzt,„ich erinnere mich doch genau, mein Frühstück schon gegessen zu haben!" („lit-BitS") 3)er deutsche Jfundeadet Leicht übertrieben „Der Atlantik? Herrlich, sage ich dir. Ueber den bin ich so oft gefahren» daß ich beinahe jede Welle kenne..." („Kasper") Ueber die in Leipzig abgehaltene Rassenhunde-Ansstellung schreibt die„Weser-Zeitung" ein rührendes Feuilleton. D« heißt es n. a.:„Wer sind Rolf v. Heiligen Born, Siegbert vom Heidelstcin, Artus von der Schnepfehardt, Aster von der Elmburg? Es sind dies nicht adelige Personen, wie man den klingenden Namen nach vermuten könnte, es sind vielmehr die Namen rassiger Hunde, die in das dieser Tage erschei- nende Stammbuch deutsche Rassehunde für das Jahr 193# aufgenommen sind. Wer weiß, daß es einen deutschen Hunde- abel gibt, der streng gehütet und gepflegt wirb?" Mit anderen Worten: Heil dem nordischen Rassenhund! X 0 M AN VON 1 ONA 2!O S 1L 0 N E Der Held schrieb an verschiedene Adressen nach Rom und erhielt die Nachricht, daß Bedarf an Erdarbeitern vorhanden sei. Dafür bekam man zehn Lire im Tag. „Zehn Lire sind nicht viel," sagte Berardo zu mir,„aber das wird der Durchschnittslohn sein. Wenn man mehr als die andern schafft, wird man auch mehr verdienen. Was die Ausgaben angeht, will ich den Gürtel schon aufs letzte Loch ziehen." Berardo bat mich um 100 Lire zur Abreise und ich lieh sie ihm unter der Bedingung, meinem Sohn dafür mitzu- nehmen. Berardo willigte ein und bekam auch noch weitere SV Lire von Elvira. Am Abend vor der Abreise suchte ich ihn, um ihm wegen meines Sohnes noch einiges zu sagen und fand ihn wie ge- wöhnlich in der Färberei, neben Elvira, die auf dem Stroh lag. „Ich möchte nicht, daß mein Sohn länger als zehn Stunden am Tag schwere Arbeit tut," begann ich Berardo zu erklären. „Ich möchte nicht, daß er in einem Gasthos logiert, wo schlechte Weiber ein- und ausgehen..." Hier mußte ich unterbrechen, weil Rafsaele Scarpone eintrat. Er war von anderen Leuten begleitet, die vor dem Hause warteten. Noch unter der Tür rief Scarpone zu Berardo hinüber: „In Sulmona ist die Revolution ausgebrochen." „Was für eine Revolution?" fragte Berardo. „Wieso, was für eine Revolution...?" „Die Revolution der unfern?" „In Sulmona haben sich die Cafoni erhoben," erklärte Scarpone mit ernster Stimme. „Wer hat dir das gesagt?" fragte ihn Berardo. „Baldlssera." „Und wer hat es Baldlssera gesagt?" „Das ist sein Geheimnis," erwiderte Scarpone. „Dann ist es erlogen," schloß Berardo. Scarpone trat aus die Straße und bat Venerbi Santo, der auch draußen geblieben war, den Schuster zu holen. Während des Wartens fiel kein Wort. Baldissera ließ sich lange bitten und dann erschien er und gab uns folgenden Bericht: „Ich bin heute in der Hauptstadt gewesen, um Leber zu kaufen. Aus dem Platz begegnete mir Donna Zizzola, die aus der Kirche kam. Wie ihr wißt, war ich als Junge im Hause ihrer Eltern: daher sind wir noch besser bekannt und bleiben immer beieinander stehen, wenn wir uns begegnen.„San Antonio schickt dich," sagte diesmal die Frau des Don Carlo Magna mit leiser Stimme.„Komm einen Augenblick zu mir, ich will dir etwas sagen." Gehorsam, aber ohne etwas zu ahnen, ging ich gleich nach meinem Einkauf zu ihr.„Weißt du schon die große Neuigkeit?" fragte sie mich beim Oeffnen der Türe.„In Sulmona ist die Revolution... Alle Cara- binieri von hier und aus der Umgebung sind hingeschickt worden"... Nach Donnas Zizzolas Erzählung scheint es auch in Sulmona eine Art Impresario gegeben zu haben, der alle ins Elend brachte. Die Revolution hat vor drei Tagen auf dem Marktplatz begonnen und geht noch weiter.„Ist vielleicht auch die Stunde der Vergeltung für unsere Bri- ganten gekommen?" fragte dann Donna Zizzola und meinte damit wohl unfern Impresario... Darauf habe ich ihr keine Antwort gegeben. Dann raunte sie mir ins Ohr:„Seit zwei Monaten habe ich Tag und Nacht zwei Kerzen vor San An- tonio brennen, damit er ihm ein Unheil schicke. Aber das Un- heil kommt noch nicht." Da ich weiter schwieg, begann sie offen mit mir zu sprechen:„Jetzt ist der Augenblick zum Han- dein da... Die Carabinieri sind fort nach Sulmona... Tie Unzufriedenheit mit dem Impresario ist allgemein. Man wartet nur auf ein Zeichen... Nur die Fontamaresen kön- nen es geben. Als ich dich oben vor der Kirche traf, wußte ich sofort, den hat San Antonio gesandt." Ich erklärte ihr, daß ich nur um Leder in die Stadt gekommen sei. Aber Donna Zizzola dachte an etwas anderes.„Es ist San Antonio selbst, der dich geschickt hat," erklärte sie mir.„Als ich heute morgen mein gewöhnliches Gebet sprach, hat mir der Heilige Folgen- des eingegeben: Ich kann nichts für dich tun, nur die Fonta- maresen können diesem Räuber die verdiente Lektion geben Und beim Verlassen der Kirche habe ich dich dann getroffen." Die Frau des Don Carlo Magna hatte dem alten Schuster durchblicken lassen, daß die Fontamaresen, wenn sie Petro- leum oder Waffen durch eine Vertrauensperson beziehen wollten, es schon bekommen würden... Nachdem Baldissera geendet hatte, sagte Raffaele Scar« pone hastig zu Berardo:„Was hälft du davon?" „Und du, was meinst du?" fragte Berardo schnell zurück- „Ehe wir herkamen, haben sich Luigi della Croce, Antonio Spaventa, Venerdi Santo Gasparone, Antonio Zappa und ich zusammengetan... Sie stehen vor der Tür. Auch in ihrem Namen sage ich dir, daß wir dem Beispiel von Sul- mona folgen müssen und daß wir Niemandes Hilfe aus- schlagen dürfen," antwortete Raffaele. Er hatte schon einen Plan für einen nächtlichen Angriff auf die Kreisstadt fertig, der mit Zerstörung der verschiedenen Gebäude des Jmpre- sario begann. „Und warum daS alles?" wandte Berardo ein. Das war so dumm, daß wir»nS alle erstaunt ansahen. „Und warum das alleS?" wiederholte Berardo gelassen. (Fortsetzung folgt.! A. Pariser Berichte DfiriCfT CfriBßfnkßlfOdfr^ ro® e antifaschistische Demonstration à. HvV>*^>1 mHH«y VlflB ornCia AttHfrtfHhtfftfrfvoag ihre Tagungen wieder aufgenommen. Paris wartet ge- spannt ans die Erklärungen über Deutschland. Auch die Finanzpläne der Regierung werden viel besprochen. ♦ ®i« elsässischer 27jähriger früherer Student Adolphe «lessen, der wegen Ermordung eines Zugführers im Pack« wagen Paris—Epernay im Jahre 1929 z« lebenslänglichem ■öogno verurteilt war und vor zwei Jahren aus Guyana floh, ist als Urheber eines Wildweststreiches im Faubourg St. Denis ermittelt worden, bei dem ein Geldwechsler 72 099 Franken einbüßte. Der Täter ist in Begleitung einer schlanken, schwarzgekleideten» stark elsässisch sprechenden Frau gesichtet. * Das Gesundheitsamt der Seine hat die Zerstörung dreier Barackenlager auf den früheren Besestignngswerken in Pantin, Montreuil und Malakoss angeordnet. * Die Pariser Metro wird eine neue Strecke Porte de St. Cloud—Montreuil mit 14 neuen Stationen hauptsächlich >n Arbeitervierteln noch vor Jahresschluß eröffnen. Die große antifaschistische Demonstration in Livxy-Garaan bei Paris hatte einen riesigen Zulauf. Im Park des Rat- Hauses von Gargan sprachen der vom Wiener Kongreß zu- rückgekehrte Leon Blum, der Italiener Nitti, Emile Farinett, Chabrier(Seine) und G e r m a i n e D e g r o n d(Seine et Oise). In der ersten Gruppe marschierten die deutschen sozialistischen Emigranten mit. Zahlreiche rote Fahnen wurden getragen. Die Kundgebung richtete sich nicht nur gegen den Faschismus, sondern auch gegen den Leipziger Prozeß und erweckte im Zeichen der neuen von Hitler ausgehenden Kriegsdrohung ungeheure Begeisterung. Film in Palästina Nach Mitteilungen der Pariser Presse wurde in Palästina eine„Orientalische Film-Korporation" gegründet, die über erhebliche Kapitalien verfügt. Die Leitung haben die Brü- der Kareltz. Das neue Unternehmen will in Tel Aviv mehrere Ateliers bauen. Auch ein Konservatorium zur Aus- bildung des Nachwuchses an Künstlern und Technikern soll errichtet werden. Der erste Film, der in dem günstigen Klima des„Heiligen Landes" gedreht wird, soll die jüdische Kolonisation seit einem halben Jahrhundert zeigen. Die Regie führt der jüdische Schriftsteller Avigdor Achimeyer. Internationales Advolcaturbüro M2 Georges Lewinsky (25 Jahre Praxis) 28. Avenue de l'Opéra, Paris(2), Tel. Opéra 51*10 Erledigung sämtlicher Rechtsangelegenheiten, Be* sprechungen, Gesellschaftsgründungen, Notariats» a*te, legale Obersetzungen werden prompt erledigt. Sprechstunden von 9—12 und 2—6 Uhr.» Doktor Wachtel Harn-, Blot- ond Hautkrankheiten 123, Bd. Sébastopol.— Sprechstunden v. 9-12 u. 2-8 Uhr; Sonntags vormittags Nase, Hals. Ohren: Sprechstunden tägl. von 5-7 Uhr. Kassenversicherte werden angenommen. Freiherr Dr. Jur., 50 Jahr«, seit Jahren In Paris ansässig als Vorwaltungsrat bedeutender Wirtschafts-Organisation, suait Ehe- Anbahnung mit Dame entsprechender Vermögens-Lage. Offorten unter H. G. 150 Serritres de Briard Pariser Spaziergang Am Grabe Heinrich Heines Ich habe hier neulich vom Grabe Heinrich Heines ge- wrochen, und ich habe es jetzt ausgesucht. Der Sänger der Lorelei; hebt noch immer sein krankes, träumendes Haupt in oen Montmartre-Wind. Wenn man die Treppe von der Straße heruntersteigt, geradeaus durch das Portal bis zum Rond Point, dann die Avenue de la Cloche, 27. Abteilung. Reihe. Der tote Dichter schaut in das brennende Herbst- laub in der Sonne, und die Nächte werden schon kälter. Trüben schauen die neuen Häuser von Paris herein. Auf diesem Friedhof war ich das letztemal im Jahre 192.3. Ter Wächter mit dem einen Arm, der Kriegsinvalide, ist noch da. Es kommen viele Deutsche, Polen, und Engländer zu dem Dichter. Damals hat sich ein Pole, ein neunzehnjähriger Student, aus Liebeskummer nachts auf dem Grabe erschossen, er hatte sich bei den Toten einschließen lassen, der Wächter er- innert sich noch.„Es geschah aber wohl auch aus Geld- wangel," meinte er jetzt düster. Aus dem Grabe stand früher eine Urne, da hinein legten die Berehrer des Dichters und die Liebenden ihre Grüße, es war ein Briefwechsel der Lebenden mit dem toten Heine, man ver infernlsfenhal! Dr. fur. fotcfkivüo RECHTSANWALT 96, Av. des Ternes, Telefon Eto 26-59 Elegantes Viertel, Nähe Montparnasse Kolonialwaren» und Dellkatessen»Gesdiäft (exotische Früchte) abzutreten. Venn. verb. Schreiben Publ. Mctzl, Paris, 51, rue Turbigo Nr. 787 Forderung!» einziehung in Deutschland Handelsvertretung Dr. jur. Karl Goldmam ehem. dtsch. Rechtsanwalt BRÜSSEL r.d. l'Enseignement 15—17 Rückporto. Besuchsanmeldung erbeten.(415-19 konnte ganze Verse lesen. Auch die Urne ist sort; es lägen in viel Papierschnitzel herum, sagt der Wächter, und jetzt in der Ordnung duldet man das nicht mehr. ..Aber die Inschrift der Worte auf den Seiten der Platte ganz verwischt. Man kann sie auf dem spröde» Marmor kaum noch lesen; ich will sie hierher setzen: Wo wird einst des Wandermüden Letzte Ruhestätte sein. Zwischen Rosen in dem Süden, Zwischen Sieben an dem Rhein? Werd ich wo in einer Wüste Eingescharrt von fremder Hand, Oder ruh ich an der Küste Eines Meeres in dem Sand? Einerlei, mich wird umgeben Gottes Himmel bort wie hier. Und als Totenlampen schweben Nachts die Sterne über mir. D deutsche Juden, deutsche Emigranten, Heine-Freunde reiche Leute auf der ganzen Welt: stellt diese Inschrift °uf dem Grabe Heinrich Heines wieder her! Nur auf diese ^veise könnt Ihr den Angriff des teutonischen Gottes Wotan °us den Marmor der Welt aufhalten. Abenteuer an der Durance geht nicht um die Durance in Ost-PariS, an der das somite liegt, sondern uin die User der Durance, den Alpen- '"om. der bei Avignon in die Rhone fließt. . Im Vaucluse bei Avignon, berühmt durch die von Petrarca Ölungen« Quelle, gibt es noch Räuber, die sich in den Schluchten verborgen halten, echte Söhne der Wildnis und °<ö Mordtaten. Der kühnste der dortigen Menschenjäger ist ^ioux le Bandit". er heißt genau nach einem französischen R.vma». Roux führt seine fünf Jahre die Herrschaft aus der ^niöde und raubt, was er kann, schießt auch auf Menschen. Die Gendarmen haben ihn jetzt, eine ganze Truppe, bei ît"er Treibjagd auf wilde Eber gestellt, mit Flinten und runden umzingelt, knallte der Räuber der Durance so lange S.^gen seine Feinde loS. b-S ihn eine Ladung Schrot in die lü* Körperseitc kampfunfähig machte. ,. Roux soll bei ieincr Gefangennahme mit seinem fürchter- '.'che» Waldbart beinahe noch wilder ausgesehen haben als Î* Banditen von Korsika, gegen die die französische Polizei "ensalls einen Vernichtungskrieg sührt. Die große sogenannte„Unslttlichkeit" von Paris ist der Jnterntstenball, der als medizinische Angelegenheit jedes Jahr im strengsten Nudismus stattfindet. Es ist ausgezeich- neter Nährboden für den zwtckellos im Grabe ruhenden Bracht. Die weiblichen Teilnehmer treten ganz ohne Hülle an, gewissermaßen im Arbeitskleide, nur im Anfang tragen sie noch eine Art Badckostüme, das aber später abgelegt wirb, wie dereinst die Mädchen bei Pg. Stetnmener. Die letzten Jahre fand dieser Ball der„Verruchten* als Sommernachtstraum im Juni statt, jetzt hat man ihn wieder in den traditionellen Oktober verlegt, und zweihundert Schutzleute haben die Ordnung vor der Salle Bulkier auf- rechterhalten. Die„Verruchten* haben infolge der Jahres- zeit die bacchantischen Glieder blau gefroren. Man kann sich Karten zu diesem Ball bei befreundeten Medizinern be- sorgen, es ist nur etwas teuer- Dieses Jahr war der ganze Saal in Rot. Beim großen Zuge der„bösen Krankheiten*, der jedes Jahr stattfindet, thronten die Zauberinnen, die Gistspritzerinnen und die Lepramädchen oben, und die wilden Jünger Aesculaps nebst älteren Patienten sangen dazu die „Patrouille* und andere schlimme Lieder. Zum Schlüsse wurde die Schönste gekrönt, von dieser ganz unbestechlichen und forschungsreichsten Jury der Welt, und wer wurde ge- wählt: eine Braune, eine ganz Braune! O Adolf, Adolf, Adolf, am Tage deiner Rundfunk-Rede. am Tage deines Austritts aus dem Völkerbund. Da siehst du, was du angerichtet hast. Schon ist die erste Niederlage der blonden Völker da, und diese Niederlage hat kein anderer verschuldet als du!— Baptiste. Eine Briefmarke im Dienst der Gesundheit Mit diesem wirkungsvollen Plakat wirbt das französische Komitee zur Bekämpfung der Tuberkulose für den Kauf der neu herausgegebenen Wohlfahrtsbriefmarken. Der erzielte Ueberschuß fließt restlos dem Komitee zu. Deutsche medizinische POLIKLINIK 143, Bd. M urat. PARIS Métro I Porto do St. Cloud Autobus> AS Trom. 1. 2, 18, 123/124 ÄRZTLICHE LEITUNG: A arzte der Berliner und Pariser med. Fakultät Sp. zi. I-Ärzt. für F»ouen- und Kinder- krankheilen, Haut- und Geschlechtskrankheiten, Chirurgie OHREN-, AUGEN-, NASEN- UND HALSLEIDEN Höhensonne- Diathermie, Röntgen- u. chemisches Laboratorium. Behandlung sämtlicher Krankenj^ssanmitgljedar Zahnärztliches Kabinett Empfang von 10—12 und 15—20 Uhr Sonn- und Feiertags von 10—12 Uhr BOULOGNE s/Seine 43, rue de l'Est. Gang komfortabel(Fahrstuhl« Heizung, Badezimmer! 4 Zimmer 7000 Fr.« 2 Zimmer 4600 Fr.» Zimmer ab 1600 Fr. 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E r mit a g e- Club des U r s ul i ne s(72, Champs« Elysées). Cavalcade(engl. Originalfassung, franz. Untertitel). Lord Byron(122, Champs-Elysées). Privatleben Heinrichs Vlll.(Ch. Laughton), engl. Originalfassung, tranz, Untertitel. Madeleine. Léchant du Nil. Paramount. Un Soir de Réveillon(Meg Lemonnier). Parnasse Studio(11, rue J.-Chaplain). Dostojewski) (Sowjetfilm), La Terre a soif. Ras pa II 210. Prospérité(Marie Dressier), Originalfassung, franz. Untertitel. Studio Caumartin. Back Street, franz. Untertitel. Studio Etoile(It, rue Troyon). Liebelei(naoh Arthut. Schnitzlet) mit Magda Schneider.(Deutsche Originalfassung.) Ununterbrochen von Ii Uhr 30 bis 19 Uhr; abends um 21 Uhr. Studio Diamant(Place Saint-Augustin). Die 13 Koffer des Herrn 0. F.(À. Granovsky), deutsch.„Das Leben, wenn man 18 Jahre alt Ist". Studio 28(10, rue Tholozê). La Foire aux Illusions(Statefair) Originalfassung, französische Untertitel. U r s uli ne s(10, rue des Ursulines). The Phantom President, amerikanische Originalfassung, franz. Untertitel; L'Homme à la barbiche. Washington Palace(li, rue Magellan). t2nd Street, franz. Untertitel; ab Mont. 16. Okt. Once in a lifetime. Washington Club(14, rue Magellan). Dienstag. Donnerstag, Samstag und Sonntag, 3 Uhr und 9 Uhr 30: Grand Slam(Lor. Young), tranz. Untertitel. Pariser Theater Jeudi, fe 10. Cctobre 1033 Opera. Keine Vorstellung. C o med le F rançaise. 2 h Phèdre, Le Malade imaginaire; 8 h 30 L'Arlesienne. O pera C omique. 8 h 15 Mme Butterfly. Od eon. 2 h 30 l'Etourdi, il ne faut jurer de rien; 8 h 30 Marchand de Venise. Gaite-Lyrique. 8 h 45 Le Pays du Sourire(Op. de Franz Lehar). Th. Montparnasse. 9h Crime et Châtiment(Dosto- jewsky). Th. de Paris. 8h 45 Tovarltch. Vendredi, le 20. Cctobre 1033 Opera. 8h Marouf. C o m e d i e Française. 8 h 30 L'Autre Danger. Opera Comique. 8h 30 Barbiero di Siviglia(Gala Italien). Od eon. 8 h 30 La Colombe poignardée(rep. gèn.). Gälte Lyrique. 8h 45 Le Pays du Sourire(Op. Frarrt Lehar). Th. Montparnasse. 9h Crime et Châtiment(Dosto- Jewsky). T h. de Paris. 8 h 45 Tovarltch. M „Notenschreib-Biiro Notenkopie Transposition Fehlerfreie Exprefj-ArbnHen unter Leitung«Ines Kapellmeisters „Copie de Musique" PARIS, 36 Faubourg Montmartre 49-34 - S3 37 GroO- u Klclitverkool von Kaviar, risdie, versdiledene Konserven Dr. Spécialiste 06, rue de Rivoli— Métro: Ctsalelel RADIKALE HEILUNG von BLUT., HAUT, and FRAUENKRANKHEITEN Heilung von Krampfadern und offenen Reinwund.n Neueste Behandlungsmethoden Elektri« zttät Impfungsvertahren; TrypafJe vine- Einspritzungen Blut, und"«^Untersuchungen, Sper« makultur, SAlvarsan. Wismut usw. Sprechstunden täglich von 10-12 and von 4—8 Uhr; Sonntags von 9—12 Uhr Konsultationen von 25 Fr. ab. Man«pricht daalick Deutsch« Jüdin, 23 Jahr«, »ueh* Stall« alt Haustochter odar su Kindarn gaqan kl. Tatchanaaldi Schraiban an Publ. Matzl, Paris, 51, rua Turbiao Nr. 791. 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Großer Laden£»£ Auskunft: Herr Kermer, I, Rae de Bruxelles, PARIS NSD0. „Nun sind Bonzen oben" Man schreibt uns aus dem Aachener Industriegebiet: Wir möchten Sie mit einer nationalsozialistischen Bonzensamilie bekannt machen: 1. Schme e r sen., Aachen, arbeitsloser Werkmeister. Letzte Beschäftigung bei der bekannten Nazi-Firma Mehker, Maschinenfabrik, Aachen, jetzt Gauletter des Werk- mei st erver ban des Düsseldorf. 2 Hans Schmcer. Aachen, Sohn des Vorgenannten, war nie beruflich tätig, ist jetzt Sekretär des Bau« arberterverbandes Aachen. Da er selbst nicht sähig ist, irgendwelche Arbeit zu verrichten, ist ihm jemand zuge- teilt worden. 8. Eduard Schmeer, Aachen, ebenfalls Sohn des Erstgenannten, ist Kreisleiter der NSDAP, und zu gleicher Zeit besoldeter Beigeordneter der Stadt Aachen. Also Doppelverdiener schwersten Kalibers. 4. Rudolf Schmeer, Aachen, jetzt Berlin, eben- falls Sohn des Erstgenannten, nie beruflich tätig. 1923 or- ganisterte er während der Ruhraktion ein Etsenbahnatientat bei Rohnheide Aachen, lieh bei der Ausführung seine Helfer im Stiche und flüchtete nach Holland. Das wird ihm als«ine besondere Heldentat angerechnet, wofür er zuerst Reichs- tagsabgeordneter wird und dann zum Reichs- Inspekteur der Arbeitssront avanciert- Ei» würdiger Adlatus des versoffenen Dr. Ley, Leiter der Deut- fchen Arbeitsfront. Aus der obengenannten Firma Mehler ist auch der jetzige kommissarische Oberbürgermeister der Stadt Aachen, Quirin Jansen hervorgegangen. Auch eine dufte Nummer und nicht mit besonderen geistigen Borzügen beschwert. Er hatte jedoch das Glück, eine hübsche Tochter von 18 bis 19 Iahren zu haben, die sich der bekannte Nazihäuptling Dr. Schöneck in Aachen, nachdem er zum zweiten Meile geschieden war, als Ehegespan erkor. So wird man denn zuerst kommissa- rischer Leiter der Gewerkschaften sowie des Arbeitsamtes Aachen, und dann Oberbürgermeister- Es schadet nichts, daß man von allem so viel Ahnung hat wie eine Kuh vom Sonntag. 10-15 MarK wodienlohn SA-Mann sucht Arbeit Im„Westdeutschen Grenzblatt"(nationalsozialistisch) zu Aachen finden wir folgende Annonce: SA.-Mann sucht Stelle alj Fahrer bei 10 biSISMK.Wochen- verd.(Beherrscht Stenographie und Maschinenschreib.) Ausk. Geschäftsst. Die Annonce lehrt mehr als alle gefälschten Statistik«» wie es im„dritten Reich" aussieht. Die Bonzen-Staatsrät« aber erhalten 1000 Mark im Monat für Nichtstun. 251251 Arbelfsdlensfwilllge Nach einem Bericht des NeichSkommisiar? für den Arbeits- dienst waren am 31. August 1933 im Deutschen Reich insgesamt 257 257 Arbeitsdienstwillige tätig, die insgesamt S 834 079 Tagewerke leisteten. Bon der Gesamtzahl der Arbeits- dienstwilligen entfielen auf je 100 von ihnen 7$ unterstützte Arbeitslose und 0,2 sonstige Erwerbslose. Die Zahl der Ge- samtmaßnahmen betrug, über das ganze Deutsche Reich ver- teilt, 4348 Die Mehrzahl der Arbeitsdienstwilligen wurde bei Bodcnverbesscrungsarbciten eingesetzt, und zwar in einer Gesamtzahl von 110 041. Innerhalb der Berkehrsverbesie- rungsarbeiten betätigten sich S3 932 Arbeitsdienstwillige, während auf die Not- und Winterhilfe und sonstigen allge- meinen Maßnahmen 34 113 Arbeitsdienstwillige entfielen. Sie„Arbelfssdiladif" Brief aus Königsberg .... Wie wir lesen, geht eS bei euch ja wieder viel besser. Die Zeitungen schreiben, daß eure Betriebe voll beschäftigt sind und baß fast alle Arbeitslosen eingestellt werden konnten- Hofsentlichnichtwiehier.wo man uns alle vor die Wahl stellt, entweder auf den Rittergütern für„lau"(Für nichtS. D Red.j zu schaffen, oder aus der Unterstützung zu fliegen. Ich habe es drei Wochen mitgemacht, mußte aber aufhören, da ich das nicht aushalten konnte. Bon fünf Uhr morgens bis abends immer auf den Feldern und die schwere körperliche Anstrengung. Das ging nicht mehr. Wir bekamen einen Taufraß. Fleisch nur Sonntags, ins Dorf konnte man nur truppweise gehen, weil einen sonst die BauernjungenS vermöbelten: Wir nähmen ihnen die Arbeit weg und drückten die Löhne- Denn für die blöde Schusteret gab es außer dem Esten noch 30 Pfennig. Nun lungere ich wieder herum und kann froh sein, daß ich noch wenigstens etwas Unterstützung kriege.... Binden die Nazi-Tarife? Das Arbeitsgericht Dessau hat entschieden:„Wenn ein Arbeitgeber an sich keinen Bedarf an weiteren Facharbeitern hat, aus Entgegenkommen(!) Lehrlinge nach Beendigung der Lehrzeit weiter beschäftigt, um ihnen Gele- gen^-it zur wetteren Ausbildung(!) zu geben, so kann er mit ihnen eine untertarifliche Vergütung verein- bcren." NiederrhelnRiihr Wirtschaftsbericht über das dritte Vierteljahr 1933 Der Vierteljahrsbericht der Niederrhein-Ruhr-Kammcrn für das dritte Vierteljahr 1933 führt über die all« gemeine Entwicklung der Wirtschaftslage unier anocrm aus: Bergleicht man die Linie, die der wirtschaftliche Abiaus im vergangenen Vierteljahr am Ende September erreicht hat, mit der im vorausgegangenen Vierteljahr gewonnenen Stellung, so kann man ein ruhiges und stetiges Vorwärtsdringen feststellen. Ohne jeden Zweifel ist aus dem Jnlandmarkt die Erstarrung gelöst, es befindet sich olles, wenn man den Gcsamtausschnitt der Wirtschaft de« niederrheinisch-westfälischen Industriegebiets betrachtet, in Bewegung. Schwer sind nach wie vor die Hemmungen im Ausfuhrgeschäft- Ein Schmerzenskind ist und bleibt nach wie vor die A u S- fuhr, und die zunehmenden Schwierigkeiten auf dem Well» markt lasten natürlich in ganz besonderer Schwere auf dem Berichtsgebiet, wo es kaum eine Gewerbegruppe gibt, die nicht ein besonderes Interesse am Export hätte, das aber— was besonders wichtig ist— Gcwerbegruppen aufweist, deren Wohlergehen in geradezu entscheidendem Maß von der Aus- fuhrmarktlage abhängt,- man denke hier nur an die Kohlen- Wirtschaft, an die eisenschaffende und-verarbeitende Indu- strie usw. Es sind deshalb alle Maßnahmen zu begrüßen, die die deutsche Wirtschaft in die Lage versetzen, dem Währungs- dumping eines großen Teils des Auslandes einigermaßen wenigstens, wenn auch in bescheidenem Rahmen, Paroli zu bieten. ..vie Ausfuhr fehlt" Die„Kölnisch« Zeitung": Bon dem allgemeinen Rückgang der Arbeits- losigkcit ist jetzt auch Solingen erfaßt worden, doch be- fürchtet man, daß diese Entwicklung nur für kurze Zeit ist. In der Stahlwarenindustrie hat nämlich, wie wir aus Nach- frage beim Arbeitsamt erfahren, das Weihnachtsge- schäftein gesetzt wie immer um diese Zeil. Durchgängig handelt es sich bei den vielfachen Neueiiistellungen nur um kurzfristige Einstellungen, weil bei dem We'bnacsitSaeichä't ebenfalls die Ausfuhr fehlt. Der Inlandsbedarf ist leider sehr bald gedeckt. Bei den Handwerkern war ebenfalls eine Belebung des Geschäfts zu bemerken, nament- lich durch die Jnstandsetzungsarbeiten und bei behördlichen Aufträgen(Reichsbahn). Allerdings wirkt sich hier das Bild nicht so wohltuend aus. weil im Rahmen der Tchneidwaren- industrie das Handwerk wesentlich weniger Ar- b e i t s k r ä s t e aufsaugt. Englands Ausfuhr wächst Die englische AußenhandelSstatistik für September meldet eine Ausfuhr von 32,23 Mill. Pfd. und eine Ein- fuhr von 57,77 Mill, Pfd. Gegenüber August ist die Ein- fuhr um 1 Mill. Pfd., die Aussuhr um 1.2 Mill- gestiegen- Sehr beachtlich sind die Veränderungen gegenüber dem Sep- tember 1932. Damals stellte sich die Einfuhr auf 54,27 Mill. Pfd., di« Ausfuhr auf 26,23 Mill. Während sich also die Ein- fuhr gegenüber dem BorjahrcSstand nur um S Prozent er- höht hat. stieg die Ausfuhr um fast ein Viertel (23 Prozent), wobei freilich die weitere Pfundabwertung zu berücksichtigen ist. Für die er st en drei Vierteljahre 1933 beträgt die Gesamteinfuhr 487,82 Mill. Psd. gegenüber 620,21 Mill. Pfd. in der gleichen Zeit des Vorjahres. Der Passivsaldo der englischen Zahlungsbilanz verminderte sich dadurch von rund 280 Mill. Pfd. im Vorjahr aus 220 Mill, im laufenden Jahr. 5(lnhhomhen „Made in Germany" Der nationalsozialistische„Dortmunder General-Anzeiger" witzelt: Der„Manchester Guardian" vom 29. September 1933 brachte einen Bericht über die„Anti-Hitler-Kundgebung" im Londoner Shaftesbury-Theater gegen Werner K r a u ß. Danach ist den jüdischen Demonstranten ein er- götzlicher Mißgriff unterlaufen. Die in den Zuschauerraum hinabgeworfenen Flugblätter trugen bekanntlich die In- schrist:„Eine Botschaft an Hitler durch Werner Krauß. Wir wollen britische Schauspieler für britische Stücke, keine Nazi-Schauspieler. Boykottiert Hitler. Kauft britische Waren." Damit die„Botschaft" einen schöneren Geruch von sich gebe, begleiteten die„Olvmpischcn" ihren Papierauswurf mit etzlichen Stinkbomben. Im blinden Eifer hatten sie aber gar nicht bemerkt, baß ihnen ein gerissener Ge- schästsmann mit diesen Bomben Kuckuckseicr angedreht hatte. Denn, wie ein Theaterbcamter dem Berichte! des „MG." erzählte, trug dieses wohlriechende Konfekt den Ausdruck„M ade in Germany!" Warum wundert sich da das Naziblatt? ES ist doch klar, daß kein Land der Welt in Stinkbomben so leistungsfähig ist, wie Hit l e r dcutschland. In vielen Ländern wird solcher Unfug gar nicht hergestellt. Nazis und Stinkbomben gehören zusammen. Sie fahren wie verrückt! Ein Autounfall des Berliner SA.-GruppenführerS, Stadt- rat Ernst, wurde von oppositionellen sächsischen SA.-Leuten zum Anlaß genommen, ein Flugblatt zu verteilen, in dem festgestellt wurde, daß seit dem 1. Juli 1933 insgesamt 80 nationalsozialistische Minister, Oberpräsidenten. Staatsräte, SA.- und SS.-Führer sowie Leiter der„deutschen Arbeits- front" und der NSBO. Autounfälle erlitten haben. «eine Welzins mehr! Kaufzahlung durch Miete sofort beziehbar. Pav Hons u. Häuser. Paris. Provinz Vorort. Bauerieichterung Zuschriften an TARORD, 82, ru« füllten, VANVfcS An- und Verkauf zantraleuropl»chor und sOdamarkanl- achar Oavtaan EHaktan und REICHSMARK durch daa Bankhaus Georges Perles S P. Michel 34, RUE LAFFITTE. PARIS IX TELEFON TAITBOUT*8-40 SIS 48 Nodi Immer gesetzwidrige Maßnahmen Nachdem verschiedene Gemeinderäte in pfälzischen Orte» beschlossen hatten, daß Feldfrevler durch die Straße« der Gemeinden geführt werden und in einer Gemeinde sogar an einem am Marktplatz errichteten Pranger angebunden werden sollen, bat das Bezirksamt Bergzabern stw in einem Runoschreiben an sämtliche Bürgermeisterämter ?e g e n diese Ma ß n a h m e n gewandt und ste als ßj' etzwi d r i g bezeichnet. Unter anderem hatte auch der Ge« meinderat des pfälzischen Ortes Schweighofen beschlossen' Feldfrevler durch Stockschläge zu bestrafen. Die Gemeinden— so wird erklärt— würden mit solchen Strafen in unzulässiger Weise in den dem Staat zustehende« Strafanspruch eingreifen. Die Bürgermeister würben Ge- fahr laufen, sich einer strafrechtlichen Verfolgung wege« Nötigung und Freiheitsberaubung auszusetzen, wenn sie die gesetzwidrigen Beschlüste der Gemeinderäte vollzögen. Außerdem könne gegen die Bürgermeister auÄ ein Disziplinarstrafverfahren eingeleitet werden. Man„könne", aber man wird es nicht tun. wenn es die SA. nicht erlaubt. BhlEPKflSTIH „Arbeiterlied" Sie machen nnS daraus aufmerksam, daß sstngst in Gegenwart de« Regierungspräsidenten in Köln eine gemein» same Kundgebung der Kölner 9ÎSBD. und der Universität Köln staltgesunden hat. Die Veranstaltung wurde mit de« Liebe„Lützow« wilde verwegen« Jagd" geschlagen. Ed war das zwei Tage vor der großen FrtedenSred« Adolf Hitler« mit dem FreundschaftSwerben um Frankreich. Zwei Strophen des alten Kriegsliedes gegen die Franzosen lauten: 3?a6 zieht dort rasch durch den finstern Bald »nd streift von Bergen zu Bergen? ES legt sich in nächtlichen Hinterhalt, das Hurra jauchzt und die Büchse knallt, e« fallen die fränkischen Schergen. Und wenn ihr di« schwarzen Jäger fragt! DaS ist LützowS wilde, verwegene Jagd! Bo die Reben dort glühen, dort braust der Rhein der Wlltrich geborgen sich meint«, da naht eS schnell mit Gewitterschein und wirft sich mit rüstigen Armen hinein und springt ans User der Feinde. Und wenn Ihr die schwarzen Schwimmer fragt! DaS ist Lützow« wilde, verwegen« Jagtl Paris. Aber wegen unfrer Kritik können Sie doch rühig auch Rußland fahren, wenn Sie das nötige Geld haben! Daß soztaldemo- keattfche Journalisten, die beruflich Rußland bereisen wollten, die Einreise verweigert worden ist, bleib« leider Tatsach«. Beachten& ie auch in Zukunft unseren Inseratenteil ausmerksam. Er verdient«s An mehrere Einsender. Die Revanchestellen gegen Frankreich au« HttlerS„Mein Kamps" sind schon vor einer Reihe von Wochen von uns zu einem„Interview mit dem deutschen Reichskanzler"»er» arbeitet und veröffentlicht worden. E. R. Paris. Der nicht nur von Ihnen geäußerte Wunsch, die „Deutsche Freiheit" möge auch in sranzösischer und englischer Sprach« erscheinen,«läßt sich einstweilen nicht verwirklichen. Bielleicht ist später eine fremdsprachig« WochenauSgab« möglich. M. D., Straftburg. Veranlassen Sie die„Jnpreß" zu einer Richtig- stellung. Ob Mar Köhler der SAP. oder der SPD. zugerechnet wird, scheint unS übrigen« für den vorliegenden Fall gleichgültig zu sein. S. R., Straßdurg. Der Aufsatz liegt un« nicht vor, und wir tt* inner« unS auch seiner nicht. I. E., Amsterdam. Sie tun dem„Neuen Vorwärts" unrecht. ET ha» ganz andere Aufgaben als wir. Daß er selbstgerecht in den alte« Pfaden weiter wandelte, können wir nicht finden. „Zeitglocke", Zeitschrift für Kunst und Leben. Verlag Feuz. Bern, Eine amüsante und lebendige Halbmonatsschrift, die Schweizer Schriftsteller und Künstler zum Wort kommen läßt. Wir empfehle« sie. Fran W. B., Straßbnrg. Und ist nichts davon bekannt, daß>« Hitlerdeutschland ein« Amnestie geplant wäre. Wir glauben auch nicht daran. ES könnte sich höchsten« um einen Tbeatereonp handeln, der solche Gefangene„amnestiert", die man ohnehin freigelassen hätte. Für den Gesamttnhalt verantwortlich: Johann Pitz In Dud» weiter: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Bolksfttmme GmbH„ Saarbrücken A Schützenstraße b. Tél. Trinité 45.t J Métro; P i g a 11 e Deutsche Poliklinik Paria, 62, Rue de La Rochefoucauld a) Allgemeine h) Chirurgie Konsultation«« Zwei«t»ckige« Sunt». riumsgebäude. Die aller« mit 9 Spezialisten modernste Einrichtung Ordination täglich tob 9-1 1 and 2 c) Geburtshilfliche Klinik Vierstöckige« Gebäude. 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