Sinzige unadhSugige Tageszeitung Deutschlands ^Ur wmer l IZ— 1. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, 31. Oktober 1933 Chefredakteur: M. B r a u n Am TtliitlMch, 1. Tlovem&ec(AlCecAeiligett) ist im Saacqeliet çesetiUchec Jeieetag Die„Deutsche Jteiheii" muß infolgedessen Jfiit diesen Jag ausfüllen •Gott strafe England Der Oberste Kriegsherr der braunen Milis macht neue moralische Eroberungen England in starker Erregung— Die deutsche Presse schweigt und liigt »?? Sonntag, dem 22. Oktober, große Aufmärsche ö Uebungen der SA. bei Kehlheim in . 0 9 er it. Der deutsche Reichskanzler spricht zu seinen "raunen Truppen. x.^'" Korrespondent des„Daily Telegraph" berichtet von Hok ârabe Hitlers über 20 000 Mann. Der Vorbeimarsch ,"e im Takte eines neuen Gesangs der Nazis stattgefun- 2?"' dessen Refrain lautete:„Volk, zu den Waffen." ausende von SA.-Männern seien mit dem Gewehr ans .^ Schulter und aufgepflanztem Bajonett ^°am Osas Hauptmann Röhm vorübermarschiert. Reichs- êhr und Polizei hätten sich beteiligt, îsin 23. Oktober erscheint Panthers Bericht, stark ausge- °cht, im„Daily Telegraph". Am 24. Oktober wird Noel Panther verhaftet, îer deutschen Presse wird untersagt, über den Vorfall zu berichten. , Am 2S. Oktober beginnt die englische Presse Lärm zu schlage». Auch die französische Presse nimmt die Angelegen- twl au f- Sämtliche deutschen Zeitungen schweigen. Der ^rhastete Journalist Panther wird in das Gefängnis ©eSeimm Staatspolizei nach Berlin j"'rfßljrt Der britische Generalkonsul in München ver- "cht zunächst vergeblich, den angesehenen britischen Jour- ""listen im Gefängnis zu besuchen. Am 26. Oktober ünrd der Retchsregierung klar, daß der siwjschxnsall diplomatische Folgen haben muß und der °>«fche Außenminister Freiherr von Neurath versaßt Note on die englische Regierung. Darin uird gesagt, daß Panther des Hochverrats und der Spio- °fle angeklagt sei und in Anwendung des Artikels 92 des Zutschen Strafgesetzbuches vor das Reichsgericht in Leipzig uisiellt werde. Dieser Paragraph sieht für die Verbreitung ft° n« Meldungen zum Schaden Deutschlands Gefängnis- ' rasen von 6 Monaten bis zu 2 Jahren vor. In deutschen ^tegierungskreisen wird dem britischen Journalisten noch Last gelegt, daß er sich bemüht habe, Material zu er- und zu sammeln, das für den militärischen . darakter der SA. und SS. Zeugnis ablege, ' material, auf Grund dessen eine Verletzung des Versailler -Vertrages konstruiert werden könnte. Die deutschen Zet- ""gen dürfen noch immer nicht berichten. Am 27. Oktober wird die deutsche Note dem Foreign MFice in London übermittelt. Sir John Simon bittet unverzüglich den deutschen Botschafter von --'uesch zu sich und legt ihm in sehr deutlichen Worten dar, "Alchen starken Eindruck die Verhaftung Panthers im eng- Uchen Volk und bei der englischen Regierung macht. Sir sa n Simon verschweigt gleichzeitig dem deutschen Bot- uhafter nicht, wie stark sich die Stimmung in Genf » e g en Deutschland verschlechtert. Die gesam'e ngltsche Presse bringt erregte Aussätze gegen die Verhas- "ng Panthers. Man zieht Vergleiche zwischen Sowjetruß- ""d und Deutschland, die Presse muß noch immer schweigen, ^as deutsche Volk, das täglich Reben von Hitler, Wöbbels '"d Göring vorgesetzt erhält, erfährt von dem englisch- Zutschen Konflikt nichts. Am 28. Oktober legt der englische Botschafter in Berlin bei der deutschen Regierung scharfen P rote st gegen die Verhaftung Panthers ein mit der Begrün- dung, es könne sich unmöglich um Spionage handeln, da ja die SA. immer als zivile Miliz ohne jeden militärischen Charakter bezeichnet worden sei und deshalb ein Bericht über Uebungen der SA. nicht unter den Spionageverdacht fallen könne. Die deutsche Presse darf noch immer nichts be- richten. Der Exekutivausschuß des Journalisten- verbandes übermittelt dem Foreign Office eine einstimmig angenommene Resolution, in welcher gegen die Verhaftung Noel Panthers protestiert wird. Am 29. Oktober dürfen endlich einige auch im Ausland verbreitete Zeitungen, wie die„Frankfurter", in einigen Zeilen den Vorfall ermähnen, jedoch müssen sie den ernsten Charakter deS Protestes der englischen Regierung und die neue Verschlechterung der englischen Bolksstiinmung ver- schweigen. Der allergrößte Teil der deutschen Presse darf noch immer nichts über den Zwischenfall veröffentlichen, die für die breiten Volksschichten bestimmten Zeitungen müssen sich damit begnügen, den Geburtstag des deutschen Presse- ministers zu feiern und hervorzuheben, daß ihr oberster Chef, Herr Dr. GöbbelS, die besten Artikel des 20. Jahr- Hunderts schreibt. So wird in Deutschland das Volk„unterrichtet", und so bleibt bei Millionen der Eindruck, der ruhmvolle Kanzler erobere moralisch die Welt. o Eine französische Stimme WMF. schreibt unter der Ueberschrift„Die deutsche Furie" im Figaro vom Sonntag, 29. Oktober: Worum handelt es sich? Ich habe den.Artikel Noel Paniers gelesen, der ihm die Feindschaft der Deutschen zuzog. Es ist eine einfache Repor- tage über den Aufmarsch in Kehlhcim in Bayern, die u. a. auch folgende Mitteilung einer gut unterrichteten Stelle enthält: „Durch das Propagandaministerium waren an die Presse folgende Anweisungen ergangen: Alles vermeiden, was den militärischen Charakter der Veranstaltung beweist- Vor allem keine Erwähnung der Schießübungen, der Inspektion der Truppen und der Bc- teiligung der Reichswehr. Auch die Bildberichrerstatter hatten strengste Anweisung, nur Bilder zu veröffentlichen, die den friedlichen Charak- ter der Veranstaltung beweisen sollten." Diese Ausführungen genügten, um den englischen Kollegen unter der Beschuldigung der Spionage festnehmen zu lassen. Es scheint also doch, daß Deutschland etwas zu verbergen hat und daß seine nach außen getarnten„friedlichen" Knud- gedungen den Zweck haben, vor dem Ausland seine Ans- riistungssucht und seine militärische Reorganisation zu ver- bergen. Glücklicherweise nimmt England die Sache sehr ernst. Und man weiß, daß die Engländer, wenn es sich um einen ihrer Volksgenossen handelt, für ei» solches Vorgehen Sühne verlangen. Es ist lediglich eine Pflicht der Kamerad- schaftlichkeit unserem englischen Kollegen gegenüber, wenn wir uns dem Protest gegen dieses ungeheuerliche Vorgehen ebenfalls anschließen. Katholische Priester Heuen Popen 1er katholische Kommls millers im Saargehlel r Pariser„Rem p art" berichtet: .^>e Anwesenheit des Vizekanzlers v. Pape» im Saar- à,">et wurde vor einigen Tagen gemeldet. Der Mitarbeiter <-.l'ers ist, wie man iveiß, Eigentümer des Schlosses Wal- Nansen, das er durch seine Frau besitzt, die aus der Fa- ft-i« Villeroy und Boch, den bekannten keramischen Jnou- ' hellen, stammt. Inzwischen hat Herr von Papen das Saar- ^v,et wieber verlassen, um in Berlin den wilden , a> mähreben des Kanzlers gegen den Versailler Ver- '"9 und die Alliierten Beifall klatschen zu können. Welche Absichten hatten von Papen ins Saargebiet ge- "brt? Das wollte ich in Erfahrung bringen. ?> Alit einem Wort kann man sagen, daß von Papen zur jp 1' der Reisende in katholischen Angelegen- tu des Reichskanzlers Hitler ist. Es ist bekannt, daß dos Konkordat in Rom ausgehandelt hat. Man weiß auch, wäre nicht das Zerwürfnis mit Wien gekommen,«r. die österreichischen Christlich-Sozialen zum Hakenkreuz bekehren sollte- Seine Gegenwart im Saargebiet, einem wesentlich katho- tischen Lande, hatte keinen anderen Beweggrund, als d'e Gleichschaltung des saarländischen katholischen Zentrums zu betreiben. Bis zu einem gewissen Grade scheint von Papen Erfolg ge- habt zu haben, da in dem kleinen Landesparlament des Saargebiets der Vorsitzende der Zentrumspartei im Namen der politischen Parteien, die mit dem Zentrum zusammen die sogenannte„nationale Front" bilden, eine Erklärung abgegeben hat. Der Vorsitzende der Zentrumspartei, der aus Saar- I o ü i S stammt, wo er als Rechtsanwalt tätig ist, trägt den sehr französischen Namen Le vacher. Er war in Schloß Wallerfangen empfangen worden. Fortsetzung Seite 2. SA. marschiert... DF. Ein sehr kluger ausländischer Politiker hat den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbunde mit der Er- Klärung des unbeschränkten Unterseebootkrieges ver- glichen. Er meinte damit dieselbe außenpolitische Wirkung: vollkommene Isolierung des Deutschen Reichs. Damals standen immerhin noch Oesterreich-Ungarn und die Türkei an Deutschlands Seite. Diesmal hat sich der einzige„Alliierte". Italien, hörbar von den Berlinern Donnerern entfernt. Auch hinsichtlich der öffentlichen Meinung Teutschlands paßt der Vergleich mit dem U-Bootkrieg. Damals ver- kündeten der Kaiser und seine Presse, die ganze Welt sei eingeschüchtert und auf den Meeren sei kaum noch ein Schiff zu sehen. Jetzt erzählen die deutschen Leitungen einmütig dem Volke, überall bereite sich ein Stimmungs- umschwung zugunsten Deutschlands vor. Insbesondere sei man draußen tief beeindruckt von den täglichen Friedens- reden Adolf Hitlers. Genau so wie man vor zwei Jahr- zehnten in aller Welt bezaubert war von dem Charme der Beredsamkeit Wilhelm II. Die scheinbare Ruhe, die außenpolitisch in Paris herrscht, begünstigt diese Täuschung des deutschen Volkes durch die deutsche Presse. Wie wenig Anlaß vorliegt, sich in Sicherheitsträumen zu ergehen, beweisen die Verhandlungen in der auswärtigen Kommission des,Senats, über die wir schon kurz berichtet haben. Eine ausführliche Pariser Meldung lautet: In der heutigen Sitzung der auswärtigen Staats- kommission gab Senator Hcnxi B e r e n g e r einen längeren Bericht über die außenpolitische Lage auf Grund von Informationen, die ihm am Quai d'Orsay zuteil ge- worden sind. Das Exposé befaßte sich mit vier Haupt- punkten: 1. Auffassungen der verschiedenen Mächte zu dem Austritt Teutschlands aus dem Völkerbund und aus der Abrüstungskonferenz. 2. Die Folgen, die sich für Frankreich aus der Vertagung der Abrnstungskon- serenz bis zum 4. Dezember in militärpolitischer und dip- lomatischer Hinsicht ergeben. 3. Die Lage im Donau- decken und auf dem Balkan, die Beziehungen Oesterreichs und Bulgariens zu den üb- rigen europäischen Mächten. 4. Die Annäherung zwischen Rußland und den VcreinigtcnStaatcn von Amerika und ihre Auswirkungen auf die inter- nationale Politik im Fernen Osten. Nach einer längeren Debatte über diese Punkte machte der elsässischc Senator General Bourgeois dem Ausschuß eine längere Mitteilung„über den gegenwärtigen Stand der deutschen Armee und die Macht der i n d u st r i- e l l e n Mobilisierung", die, wie es in dem offi- ziellen Communiqué heißt, einen tiefen Eindruck ans die Zuhörer machte. Der Ausschuß beschloß, sich gemeinsam mit den zuständigen militärischen Ausschüssen von Kammer und Senat an die Regierung zu wenden, um sich über die praktischen F o l g e n, die sich aus dem Bericht des Generals Bourgeois ergeben könnten, zu verständigen. Diese ernste Geste aus Paris wird in der deutschen Presse, soweit sie überhaupt registriert wird, mit einigen Zeilen im kleinsten Drucke abgetan. Von der neuen Un- ruhe, die Deutschland in London verursacht hat, durfte die deutsche Öffentlichkeit bis zum Sonntag überhaupt nichts erfahren. Auch jetzt beginnen nur die Berichter- statter einiger großer Zeitungen in den vorsichtigsten Formen auf den schweren deutsch-englischen Zwischenfall, die Verhaftung des Korrespondenten des„Daily Tele- graph", Noel Panier, wegen Spionage(Siehe„Deutsche Freiheit" Nr. III) hinzuweisen. Der englische Korrespon- dent soll wegen Spionage und Hochverrat vor das Reichsgericht gestellt werden. Was hat er getan? Er hat einem Worte des bayrischen Ministers Esser vertraut, der in öffentlicher Rede die ausländische Presse aufgefordert hat, sich in Deutschland umzusehen, und zwar „mit offenen Augen und Ohren", denn Deutschland habe nichts zu verstecken. Der unvorsichtige Brite hat aber übersehen, daß Herr Minister Esser keineswegs einge- laden hat, nun über das Gesehene auch wahrheitsgemäß zu berichten. Herr Panter aus London kennt wahrschein- lich nicht das Wort unserer roten westfälischen Bergleute, die jetzt zu sagen pflegen„Augen und Ohren op, Muul to"! So hat er den Mund aufgetan und nach England berichtet, was er sah, und das kann eben das„dritte Reich" nicht oertragen. Bei einem Inländer heißt diy Wahrheit Landesverrat und bei einem Ausländer Spionage. Es geht um die, wie der Herr Reichskanzler täglich mit seinen feierlichsten Eiden schwört, ganz unmilitärische SA. und an einem Hitlereid soll man nicht drehen und deuteln. Der britische Korrespondent hat das leider getan. Statt im Sinne des„Führers"', dessen Rede für einen simplen Untertan Seiner britischen Majestät Befehl sein sollte, den friedlichen Charakter der braunen Vierer- Kolonnen zu betonen, hat der durch pazifistische An- schauungen verderbte Engländer von militärischen Uebungen und Vorbeimärschen sogar.mit Waffen be- richtet. Und das von der Bef^iüngshalle bei Kehlheim just an dem Tage, an dem dex Wahrheits fanatiker Adolf Hitler wieder einmal den holden Friedenegeist seiner von der bösen Welt verkannten SA. rühmte. So flog denn der sabotierende Engländer ins Loch und hat einstweilen Gelegenkeit, sich in das freieste und modernste Presserecht der Welt'zu vertiefen, das neulich in Deutschland geschaffen worden ist. Statt nun der deutschen Regierung dankbar zu sein, daß sie. sich die Mühe gibt, auch den englischen Iourna- listen gehorsamstes Maulhalten und Strammstehen bei- zubringen, regen sich die demoliberalistischen britischen Minister auch noch auf. Es ist nicht zu fassen: für einen gewöhnlichen Zeitungsschreiber, der weder im Gepäck- marsch noch im Entfernungsschätzen bisher irgendwelche Leistungen nachweisen kann, setzen sie eine gehörige Staatsaktion in Gang. Noch immer wird eben der tiefe welterneuernde Sinn des Nationalsozialismus außerhalb des deutschen Paradieses nicht begriffen. Im Ernst: die deutsche Regierung hat sich durch die Verhaftung Noel Paniers in einen unlöslichen Wider- spruch verrannt. Sie bezeichnet ihre braune Schutzgarde als eine ganz unmilitärische, lediglich der Niederknüppe- lung des Marxismus dienende Truppe, und sperrt zu- gleich einen Journalisten wegen Spionage ein, wenn er über die SA. berichtet. Als Spionage gilt aber doch wohl nur das Ausspähen militärischer Einrichtungen. Wie mag sich der kluge und die ganze außenpolitische Unfähigkeit seines Reichskanzlers klar durchschauende Baron von Hoesch vorgekommen sein, als er sich im Foreign Office abkanzeln lassen mußte? Wie mögen die Geheimrüte des Auswärtigen Amts über der Antwort brüten, die dem englischen Botschafter in Berlin auf dessen sehr energischen Protest erteilt werden muß? Die gleichzeitige entschiedene Aktion Großbritanniens in London und in Berlin zeigt die Bedeutung an, die dem Zwischenfall beizumessen ist. Er n rb, woran nicht zu zweifeln ist, sehr rasch mit der Freilassung Noel Panters ' und mit Entschuldigungen enden, die Hitler immer rasch zur Hand hat, wenn ihn ein Stärkerer am Kragen nimmt. Außerhalb Deutschlands wird der Vorfall die Glaub- Würdigkeit der Reden des Reichskanzler über den Cha- rakter der braunen Miliz, wenn diese Glaubwürdigkeit wirklich irgendwo gewachsen sein sollte, von neuem er- schüttern. Zugleich wird die unsagbar dumme. Verhaftung des angesehenen englischen Journalisten den Eindruck verstärken, daß der Reichskanzler die unteren Organe nicht in der Hand hat. In einem geordneten Staatswesen ist es unmöglich, daß eine Verhaftung, die schwere olsthen- politische Folgen haben kann, ohne Zustimmung der für die Außenpolitik verantwortlichen Stellen..erfolgep darf. Mag sich Hitler noch so viel Muhe geben, die Sprache, der Diplomatie zu reden. Die Kommißstiefel seiner SA. stampfen immer wieder seine Friedensbeteuerungen in den Dreck. ver labour wahis'eg Zu dem schon gemeldeten Tieg der Labour-Party wird uns aus London noch berichtet: In East-Fulham, einem westlichen Bezirk Londons, fand eine Nachwahl statt, die durch den Tod eines konservativen Abgeordneten notwendig geworden war. Ter Labonr-Kan- dtdat hat den Wahlkreis ervbcrt, und zwar unter Begleit- umständen, die den Wahlsieg als sensationell erscheinen lassen. Der Wahlkreis war bisher stets konservativ gewesen: selbst bei der für die Labour-Party sonst so günstigen Wahl im Jahre 1Ü29 hatte der Konservative bas Mandat mit einer Mehrheit von 1705 Stimmen gehalten Bei der Pantkwahl 1931 hatte der Konservative 23 000 Stimmen, der Labonr- Kandibat nur 8900. E. war also eine konservative Mehrheit von über 14 000 Stimmen da Diese konservative Mehrheit. hat sich jetzt In der Nachwahl in eine konservative Minderheit von 4800 Stimmen verwandelt. Die Labour-Party hat ihre Stimmenzahl von 8900 ans 17 790 erhöht, die konservative Stimmenzahl sank von 28 000 ans 12 950 Stimmen. Dieses Wahlergebnis hat in England Sensation, bei den Konser- vativen Bestürzung hervorgerufen, da es eine» Stimmungs- Umschwung anbeutet. Allerdings werden erst die Gemeinde- wählen, die tn der nächsten Woche stattfinden, und eine Reihe weiterer Unterhansnachwahlen, die bevorstehen, zeigen, ob dieser Umschwung allgemein ist. Der Labonr-Kandidat in East-Fnlham hat in seinem Wahlkampf zwei Dinge in den Bordergrund gestellt: Frieden und Wohnungspolitik, die ^riebensparole soll besonders bei den Frauen gewirkt haben, zumal der konservative Kandidat sich, wenn auch verschämt, für Ausrüstung einsetzte. Unruhen In Jerusa'em Jerusalem, 80 Okt. In der Altstadt, in der Nähe des Judenviertels, versuchte der Pöbel die Polizei zu entwaff- nen. Diese machte von der Schußwaffe Gebrauch. Die Bcr- luste der Ausständischen werden bisher auf zwei Tote und 15 Verwundete geschätzt. In der gestrigen Mittagsstunde ver- suchten die Araber, die von aus den Dächern stehenden ver- schletcrten mohammedanischen Frauen durch schrille Schreie angefeuert wurden, die Polizeikette am Jaffa-Tor zu durch- brechen. Die Polizei war gezwungen, den Gummiknüppel zu gebrauchen und einige Schüsse abzufeuern. Zu Zusammen- stöben kam es auch aus der Hauptstrabe in der Altstadt, als die Araber jüdische Geschäftsinhaber zwangen, ihre Läden zu schließen. Die Polizei zerstreute die Menge, konnte aber nicht verhindern, dab ein Laden zerstört wurde. In den üb- rigen Teilen Palästinas soll Ruhe herrschen mit Ausnahme von Haifa, wo sich eine gewisse unruhige Stimmung bemerk- bar macht. * Der frühere französische Ministerpräsident Paul Pain» l»ve ist Sonntag srüh gestorben.— Painleve war ein ans- richtiaer Freund der deutsch-sranzöstsche» Verständigung. Er bemühte sich stark um kulturelle Zutammenarbeit. Präsident Roosevelt hat die Ermächtigung zum An- kauf von Gold im Ausland erteilt. titiihoJisdii; dnester gegen Papen Fortsetzung von Seite 1. Wenn es von Pape» gelungen ist, die Laien des Zentrums zu gewinnen, so hat ihm die Geistlichkeit eine schwere Nie- Verlage beigebracht, da ein grober Teil der Pfarrer es Hitler nicht verzeiht, bast er die Priester im Reich zum Verzicht auf jede politische Tätigkeit gezwungen hat. Ter saarländische Klerus ist sehr eng mit dem politischen Leben des'Landes verbunden. Jeder Priester an der Saar ist ein Kämpfer. Diese Geistlichkeit ist geivohnt, in einer politischen Atmosphäre zu leben— und sich auch zu schlagen. Gegen- wärtig ist übrigens das Saargebiet das einzige Land, wo eine Geistlichkeit deutscher Struktur in die politische Arena herabsteigen kann. Die schweren Zwischenfälle, die sich in der nahen Pfalz er- eigneten, wo Pfarrhäuser von SA.-MLnnern demoliert und Priester gesangen gesetzt wurden, haben hier ihre« Widerhall gefunden. Diese(Geistlichkeit ist von Papcn aufgefordert worden, sich gleichzuschalten. Zu diesem Zwecke hatte der Vizekanzler die Mitglieder der saarländischen Geistlichkeit in einen groben Saal des Johannishofs in Saarbrücken eingeladen. Der Vorwand war, die Priester des Taargebiets Über das neue Konkordat zu unterrichten, daS durch seine Vermittlung zum Abschluß gelangt war. Ich habe mich lange mit einem der Geistlichen unterhal- ten, die der Einladung des Vizekanzlers gefolgt waren. Eine ausfallende Tatsache ist, baß keine Zeitung ein Wort von der Zusammenkunft erwähnt hat. Mein Gewährsmann sagte mir folgendes: „Von Papen war im Anfang ganz Freundlichkeit. Er versuchte auf uns Eindruck zu machen, indem er die Ge- fahren an die Wand malte, welche die Priester des Reichs gelausen wären, wenn sie sich nicht der großen Bewegung der nationalen Wiedergeburt des„dritten Reiches" ange- schlössen hätten. Ans diesen Punkt lenkte er unsere ganze Aufmerksamkeit. Er unterhielt UNS dann vom Heiligen Bater, den er in Rom gesehen und dem er alle Vorteile auseinandergesetzt hatte, die für die katholische Bevölke- rung aus einem Konkordat erwüchsen. Pape»«ästete ab uns einen letzten Appell, indem er die patriotische^eite anschlug und uns erinnerte, daß wir die gehorsame» Sohne des Heiligen Vaters sein müßten. Er versuchte 8» A'veiien, dav unser Platz an der Seite der Priester dt» Reichs ware, die am nationalen Wiederausbau Deutim lands arbeiteten. Er w a g t e e s s e l b st. die e v a n g e Irschen Pastoren als Betspiel anzuführen. Aber der Mitarbeiter Hitlers war sehr überrascht, nett Betsall zu ernten. Einer von uns erhob sich um 1" antworten. Tic wissen, daß von Papen Westfale ist. Und derjenige, her sich erhoben hatte, um ihm zu antworten, ist ebenfalls west' saltscher Herkunft. Keulenschläge fielen auf nieder, denen Sprachlosigkeit vollständig war.„Kein "blub und keine Gleichschaltung,!" Das war der Refraw' der regelmäßig aus dem Munde des Gegners kam.»er unterstrich daß die Hakenkreuzlehre der kirchlichen völlig entgegengesetzt sei. welche auf religiösem Gebiet keine ral- fischen Unterschiede anerkennt. Bon Papen suchte von Zeit zu Zeit ein Wort dazwischen- âder sein Gegner erinnerte daran, daß dit iaar —»i.j;...--■->-...—."nschlvi- hätten.« Bon Rapen wäre beinahe auf den Rücken"elallen, sei« Gegner ihm gerade ins Gesicht sagte:„Wir^ es vor. jenen ins Konzentrationslager ,n folgen, at. schmachvoll zu verraten!" Bon allen Seiten ertonte* fall.. Nun war Papen still. Er verließ den Johannishos, schämt wie ein Fuchs, dem die Beute entgangen ist. So lautet bcr Bericht, den mir ein saarländischer P^iei^ gegeben hat. Er sagte auch, daß die jungen Mitglieder, Geistlichkeit, die für das Hakenkrcuzsystcm gewonnen gm ten, dem Gegner des reisenden Kommis Hitlers am le u schaftlichsten Beifall geklatscht hätten. vie vier Angeklagten unschuldig' Der amerlkanisdie De® Isen wall flaues glaubt an rrelsprndi Der amerikanische Rechtsanwalt Hayes, der mehrere Wochen lang den Verhandlungen des Reichstagsbrandpro- zestes in Leipzig und in Berlin gefolgt ist, hat Samstag- abend Deutschland verlassen. Er legte Wert daraus, vor seiner Abreise den ausländischen Journalisten Erklärungen abzugeben, die auch der deutschen Presse mitgeteilt wurden. Er sagte: Bevor ich Deutschland verlasse, erachte ich es für meine Pflicht, meiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben, die ich in derselben Weise auch außerhalb Deutschlands aus- spreche» werde. In London habe ich die Aussagen der Flüchtlinge gehört, die es nicht wagen, hier auszusagen. Den Verhandlungen des Reichsgerichts habe ich fünf Wochen lang beigewohnt, und ich glaube tatsächlich alle Aussagen gehört zu haben, die aus eine Feststellung der für den Reichstagsbrand Verantwortlichen hinzielten. Ich stelle ohne Vorbehalt fest, daß jeder Unparteiische nicht anders kann, als die Schlußfolgerung zu ziehen, daß Torgler, Dimitroff, Popokf und Tanelf mit dem Brande weder mittelbar noch unmittelbar etwas zu tun haben. Die hier gesammette« Zeuaenauswgeu bestätigen die in London gemachten, welchx die Unschuld der vier Beschul- dtgten erhärteten. Die belastenden Aussagen bestehen aus Angaben, die ausschließlich von erklärte« lA lit iichen Gegnern gemacht worden sind. Die er klarun^en dieser Zeugen sind widersprechend und absurd Dann unterwarf Rechtsanwalt Hayes diese Aussage" einer uubarmherzigen Kritik. Besonders hebt er die D»j jache hervor, daß. wenn Torgler die Absicht gehabt hätte, cw schweres Verbrechen zu begehen, er seine Komplicen niost in einem allgemein zugänglichen Gang des Reichstag" öiicntlich ausgestellt hätte. Niemand, so meint er auch, km" sich erklären, wie ein Mann vom Aussehen van der Lübbe» am hellichten Tag in den Reichstag hat gelangen können- Popoff ist gesehen worden, als er durch eine Türe de" Reichstag verließ, die ohne jeden Zweifel geschloffen n> flt: Ein Zeuge hat im Reichstaasgebäude am Brandtage van d^ Lübbe gesehen, der eine Kiste auf der Schulter trug••■" usw. Fünf Wochen Beobachtung, so schloß Herr HayeS, habe" mir die Ueberzeugung gegeben, daß daS Reichsgericht gen dieser Art in keiner Weise Glauben schenken wird. E» ist möglich, baß andere Zeugen herangezogen werden. Wenn sie den gleichen Charakter tragen, werden sie 5tin<>n Einsluv ouk das Endergebnis haben: die vier Angeklagte» sind u"' schuldig, und ich glaube, daß sie freigesprochen werden. nciG8lsgM«kcv:Mgcn Meineid vtrüalfcl! Der Ifaoswirl des Bulgaren loneff 27. Verhandlungstag Berlin, so. Okt. In der heutigen Sitzung des Reichs- tagsbrandstiftcr-Prozestes wird als erster Zeuge der srtt- here Wirt des Angeklagten Taneff, S ö n k c. vernommen. Derselbe bestätigt, daß Taneff etwa acht Tage unter seinem richtigen Namen bei ihm gewohnt habe. Aus Fragen des Vorsitzenden gibt der Zeuge an, daß er nicht Komm»- »ist sei und auch nicht gewesen sei. Er habe Taneff bereits 1919 oder 1920 in Bukarest kennengelernt. Wenige Tage vor dem Reichstagsbrand, etwa zwischen dem 24. und 25. Februar, habe er Taneff i» Berlin auf der Straße gc- troffen. Da Taneff keine Wohnung hatte, habe er ihm einen Unterschlupf bei sich angeboten. Er habe weder Koffer noch Tasche hei sich gehabt, nur ein kleines Päckchen mit Lebens- Mitteln. Taneff habe angegeben, baß er von der Reise komme, aber nicht woher. Vorsitzender: Haben Sie Tanefks Gepäck vom Bahn- hos geholt?— Zeuge Sönke: Das weiß ich nicht mehr. — Borsitzender: Vorher haben Tie gesagt, er hätte gar kein Gepäck gehabt, dann können Sie doch jetzt nicht sagen, Sie wissen nicht, ob Sie Gepäck abgeholt haben.— Zeuge: Nein, ich habe Gepäck nicht vom Bahnhos geholt.— Vor- sitzender: Taneff hat früher die Sache ganz anders dar- gestellt. Er hat gesagt, Popofs habe ihm durch einen Mittels- mann die Wohnung bei Sönke beschafft.— Taneff: Als ich am 24. Februar in Berlin ankam, traf ich mit Popoff auf dem Bahnhof Zoo zusammen. Popoff gab mir einen seiner Freunde mit auf den Weg, der mich zur Wohnung Sönkes führte. An demselben Abend habe ich Sönke Geld gegeben und ihn beauftragt, er möge am nach st en Tage vom Bahnhof Zoo meinen kleinen Koffer abho» len. Das hat er auch getan. Es ist nicht wahr, baß mich Sönke auf der Straße getroffen hat. Ich habe Sönke Professor CaUnelfe t Paris, 29. Okt. sEuropapreß.) Professor C a l m e t t e, Di- rcltor des Pasteur-Jnstltuts, starb heute um 0.30 Uhr an den Folgen einer Darmvergiftung. Profestor Calmette ist der Entdecker deS sogenannten Impfstoffes B. E. G. gegen Tuderlulose. I» Deutschland stand Ealmettes Jmpl-Zchutz- stoff im Mittelpunkt des großen Prozesses von Lübeck, wo damals über 70 Säuglinge nach der Verftttterung von Tu- tcikel-Kulturen, deren Beschaffenheit nicht einwandfrei war starben. Nazi überfällt Saar-Landjäger GerSweiler, 80. Okt. Am Samstagnachmitta-> überfiel ein gewisser Stegfried Lauer von hier, ohne jeden Grund einen Landjäger und verletzte ihn erheblich. Lauer, der Nazi ist, wurde verhaftet. von früher her nicht gekannt. Ich habe ihn erst hier kennen' gelernt. Ich fordere den Zeugen auf, doch die Wahrheit»' sagen.— Sönke: Es ist möglich, daß ein Mann Tant' zu mir gebrächt hat.— Vorsitzender: Sie haben einc>^ bewußten Meineid geleistet. Sie haben der Wahrheit wider gesagt, daß Sie Taneff auf der Straße getroffen hàv ten, während Sie jetzt zugeben, daß er zu Ihnen in die Wo«' vung geführt worden ist. Warum haben Sie denn eine" Meineid geleistet, was haben Sie für einen Zweck daivs verfolgt?— Oberretchsanwalt: Ich beantrage sofortige Festnahme dieses Zeugen. sEin Schutzmann begj^ sich zum Zeugen Sönke) RA. Dr. T e i ch e r t: Wollen jetzt zugeben, daß Tie den Koffer Taneffs abgeholt Habens - Sönke: Jawohl. sBcwegung).— Vorsitzender' Was haben Sie denn für einen Zweck mit Ihrem Meine! verfolgt?— Zeuge: Ich habe nicht gewollt, daß ich>' die Sache verwickelt werde. Nach kurzer Beratung verkündet der Vorsitzende folgen^ Entscheidung. Es ist zu Protokoll festzustellen: Der ZeuS^ Sönke hat durch die eidliche Aussage, er kenne Taneff an Rumänien, habe ihn zufällig auf der Straße in Berlin 3** troffen und ihm Quartier angeboten, und er Hab« keine« Koffer für ihn abgeholt oder erinnere sich dessen nicht. o® des versuchten Meineides dringend verbat« t i g gemacht, da er selbst auf Vorhalt zugegeben hat, daß c in diesen Punkten bewußt die Unwahrheit gesagt hat- vorläufige Festnahme ist schon ausgesprochen worden. îe Zeuge Sönke ist in Polizeigewahrsam zu nehmen und dor solange zu behalten, bis ein Haftbefehl gegen ihn erlassen w Der Zeuge Sönke wird von Polizei'""^'>n abgeführt. Die Verhandlung baue« an. Bas Neuest Vor dem Damaskus-Tor in Jerusalem kam eS zu neuer' lichen Zusammenstößen zwischen Arabern und der Polizj'' Rejchslnstsahrtminifter Goring nahm am Sonntag Essen den ersten Spatenstich für den Bau einer«enen F t" 8 sporthalle vor. In zehn der von der NSDAP, veranstaltete« Bersam>"' hingen legte Danzig ein gewaltiges Bekenntnis znr deutscht Erhebung ab. Wie„Echo de Paris" zu wissen glaubt, wird die Reg^' rnng Sarrant als Finanzsaoiernngsgese«.^ zunächst nur die Abdeckung von S,S Milliarden des schätzange weise sechs Milliarden betragende» Hauohaiifehlbe'raS^ vorschlagen. Der Herr Haler als Zeuge Der harmlose Pressechef Oer Nationalsozialisten Ein alfer Offizier lügt nidir Torglers Verteidigung ist schwächer, als es die erfordert. Entweder hat der sonst sehr geistes- opiiu®* Qnn doch mehr durch die lange Haft in Fesseln n"\ e"> als zunächst zu erkennen war. oder sein Offizial- •;» l 0ct Dr. S a ck hat ihm die zurückhaltende Taktik fnrvli*" Dorgler muß sich aber sagen, daß er zur Welt »pricyt. Seine Aufgabe ist weniger, die Richter zu ge- "innen, die sich nur bis zu einer gewissen Grenze über. --„^ lassen werden, als in diesem Prozeß Schläge gegen "i System zu führen, dag Brandstiftung, Justizmord und Meineide bedenkenlos in die Mittel zur Selbstbehaup- "Ug einreiht, Dimitroff ist es, der das klar erkennt und jjiu rücksichtsloser Konsequenz handelt. Er ist längst die oerragenbe Figur dieses Prozesses geworden, ein Reoo- ~ v°när. der sich und sein Schicksal ganz oergißt und den »eind. der ihm Auge in Auge gegenübersteht, erbar- 'uungslos attackiert. -o» eidlichen Aussagen der nationalsozialistischen nnl^ ett i'ad voller Widersprüche. Wir haben das schon .^gewiesen, und selbst die gleichgeschalteten Berichte "»en es erkennen. Nachdenklich stimmt schon, daß es uns*« nationalsozialistische Abgeordnete no Besucher waren, die durchaus und mit Bestimmt- neu van der Lübbe im Gespräch mit Torgler und außer- em den Bulgaren Taneff im Reichstage gesehen haben allen. Eine ganz unmögliche Erzählung setzte Major • D. Weberstedt dem Gerichtshof vor. Er will am «randtage wenige Stunden vor dem Ausbruch des Feuers Marsen beißenden Geruch bemerkt haben, der noch 10 kein politischer Säugling. Er selbst hat täglich durch f*™ re^ e bie Schauernachrichten von der drohenden bol- wiewistjschen Revolution verbreiten lassen. Er hat sicher "jehr als einen Aufsatz des Inhalts geschrieben, daß die «randstiftung zu den revolutionären Methoden der KPD. gehöre. Er wußte von den Brandstiftungen an Wohl- lahrtsämtern und im Schloß. Nun steigt ihm aus dem Kommunistischen Fraktionszimmer angeblich ner Geruch feuergefährlicher Stoffe in die Nase, und er nndet das gar nicht weiter verwunderlich, informiert nie- blanden, sagt es keinem Reichstagsbeamten, nicht dem nationalsozialistischen Reichstagspräsidenten, sondern geht nhig nach Haufe und wartet, bis die„Kommunisten" das Gebäude in Brand gesteckt haben. Eine sonderbare Ge- 'chichte. aber Herr Weberstedt beschwört sie und sagt pa- chetifch;„Ein alter Offizier lügt nicht." Demnach scheinen ® 16 Heeresberichte im Weltkrieg von alten Damen ver- Gßt geworden zu sein. Herr Major a. D. Weberstedt beschwört mit der strengen ..Wahrheitsliebe des alten Offiziers, daß er van der Lübbe ^nd Taneff zusammen im Reichstage gesehen habe, als oan der Lübbe eine Kiste durch das Haus trug. Nun weiß ver jeder, der jemals als Gast im Reichstage war, daß niemand, der nicht einen Dauerausweis besitzt und außer- oem den Pförtnern persönlich bekannt ist, ohne Beglei- 'ung eines Reichstagsdieners oder eines bekannten Ab- geordneten durch das Haus gehen darf. Erst recht ist aus- geschlossen, daß ein Pförtner zwei unbekannte Männer Gepäckstück durch die Korridore schleppen läßt. Hätte Weberstedt recht, so müßte er zugleich den Begleiter der van der Lübbe und Taneff gesehen haben. Entweder einen bekannten kommunistischen Abgeordneten oder einen oieichstagsdiener. Da Weberstedt beruflich im Reichstage vus- und einging, also Abgeordnete und Personal kannte, wußte er bei seiner scharfen Beobachtungsgabe die Be- Miter der beiden Fremden, die ihm als„Stettiner «anger" auffielen, bezeichnen können. Er sagt aber nichts vorüber und leider hat ihm auch noch niemand durch Fragen zugesetzt. Jeder Reichstagsdiener muß wissen, daß v>e Schilderung^ die Weberstedt gibt, unmöglich ist. --Ein alter Offizier lügt nicht", aber es scheint doch wcht unmöglich zu sein, daß auch das Gedächtnis alter Offiziere durch Parteiwünsche und Parteihaß getrübt wird, zumal wenn ein alten Offizier, wie Herr Weber- siebt schon unmittelbar nach dem Brande am Rundfunk M asiatischen Horden der Bolschewiken für den Brand verantwortlich gemacht hat. Die Fantasie des rasenden Funkreporters Weberstedt vom 28. Februar ist allerdings hinter der des Zeugen Weberstedt vom 28. Februar zurück geblieben. *6. Verhandlungstaçi Fortsetzung aus Nummer 112. Die Nazizeugen wurden nicht gesehen r Fragen des Borsitzenden erklärt der Zeuge, er könne 'ich auch bei genauester Prüfung seines Gedächtnisses nicht Zinnern. Karwahne, Freu und Kroner im Borraum des «aushaltssaales während der Dauer seines Gespräches mit ^orgler gesehen zu haben. Lediglich einige Fraktionsdicncr Wien durch den Vorraum gekommen. Die Frage eines Bei- Utzers, ob er nach dem Reichstagsbrand mit Torgler teleso- viert habe, bejaht der Zeuge und bekundet, daß Torgler ihn °ei dieser.Gelegenheit gefragt habe, ob er ihm raten würde, "ch selbst der Polizei zu stellen, weil er mit dem Reichstags- vrand in Verbindung gebracht morden sei. Der Zeuge ^ e h m e habe ihm erwidert, dab es im Interesse der Kommunistischen Partei liege, wenn er sich der Polizei zur Ver- ^gung stelle. Der Beisitzer hält dem Zeugen dann seine «ekundung vor der Polizei vor, in der er angegeben habe, er sei niemals früher als 4 Uhr im Reichstag erschienen, ^beute, so betont der Beisitzer, habe er eine andere Aussage gemacht.— Zeuge: Um seiner persönlichen Sicherheit willen habe ich es damals für zweckmäßig gehalten, nicht sofort alle Einzelheiten vor der Polizei bekanntzugeben. Ich habe Gamals vielleicht eine falsche, sogar eine bewußt falsche Aus- sage gemacht. . Angeklagter Torgler: Als Sie am Montag, dem 27.. sii den Reichstag kamen, haben wir uns nicht da erst im Zimmer 9 B getroffen und haben Sie mich nicht zum Essen eingeladen?— Der Vorsitzende bitte», die Fragen nicht in Weser suggestiven Form zu stellen. Der Zeuge bekundet, aß das Zusammei-t»«sj«n bestimmt nicht in 9 B stattgefunden habe: Torgler selbst hatte gewünscht, daß man sich in den Vorraum setzen solle, weil im Fraktionszimmer Diktate oder Besprechungen waren. Es sei möglich, daß er Torgler gebeten habe, mit ihm zu essen, das könne aber auch ein anderer Tag gewesen sein, denn er habe ihn wiederholt darum gebeten.- Torgler fragt weiter, was er gejagt habe auf die Mitteilungen, die Oehme in der Brandnacht ihm telefonisch übermittelte. Der Vorsitzende fragt, was das mit dem Beweisthema zu tun habe, woraus R.-A. Dr. Sack erklärt: Ich könnte mir das so vorstellen, daß Torgler sagen will: Ich habe frühzeitig erfahren, daß man mich mit dem Brand in Zusammenhang bringt, ich hätte also, wenn ich wollte, mich drücken können. Der Zeuge erinnert sich, daß Torgler in der Tat sehr empört darüber gewesen sei, daß man ihn verdächtigen könne. Er könne aber nicht auf seinen Eid nehmen, ob das schon im Gespräch in der Nacht oder erst in dem Gespräch am Vormittag gewesen sei. Er wisse nicht, ob in der Nacht schon ein solcher Verdacht ausgesprochen worden sei. Auf weitere Fragen bekundet der Zeuge, e r besitze einen Mantel von ähnlichem AuS» sehen, wie ihn gestern der Zeuge Denschel g e° schildert habe. ES sei also möglich, daß Denschel ihn mit diesem Mantel im Gespräch mit Torgler gesehen habe. DaS könne aber nicht am Brandtage gewesen sein, sondern an einem anderen Tage. Zwei sozialdemokratische Entlastungszeugen für Torgler Es wird dann der früher bei der sozialdemokratischen Fraktion als Chauffeur tätig gewesene Zeuge G u t s ch e vernommen, der auf Antrag deS R.-A. Dr. Sack geladen ist, weil er für eine Verwechslung mit van der Lübbe in Frage kommen könnte. Der Zeuge erklärt, er könne sich nur er- innern, daß er etwa gegen 3 Uhr am Portal 2 den Abgeordneten Torgler im Hut und Mantel traf. Der Zeuge fuhr zusammen mit Torgler ins Obergeschoß, und Torgler ging vor ihm her, allerdings nicht mehr in den Vorraum, da die sozialdemokratischen FraktionSzimmer davor liegen und der Zeuge infolgedessen schon vorher zurückblieb. Im übrigen bekundet der Zeuge, daß er Torgler wiederholt mit zwei stark gefüllten Aktentaschen in den Reichstag kommen gesehen habe. Zur gleichen Frage wird der frühere Fraktionssckretär der Sozialdemokraten I a k u b o w i tz vernommen. Er war am Brandtage von 9 bis 4 Uhr im Reichstag tätig. Er er- innert sich, sowohl am Bormittag wie auch nachmittags Torgler im Vorraum gesehen zu haben, aber ohne ve- g l e i t u n g. Auch zwischen 3 und 4 Uhr sei das durchaus möglich. Er glaubt, sich zu«rinnern, daß Torgler ihm in dem Borraum entgegenkam. Der Vorsitzende fragt den Zeugen, ob er vielleicht auch einmal so gegangen sei. daß er in gleicher Richtung mit Torgler schritt. Der Zeuge erklärt, das sei durchaus möglich, er habe aber keine Erinnerung daran. Auf Kragen des R.-A. Dr. Sack bestätigt er, daß er früher erheblich längeres Haar getragen hat als heute. Der Oberrcichsanwalt fragt, ob der Verteidiger die Möglichkeit einer Verwechslung»och für gegeben halte. R.-A. Dr. Sack bittet, den Zeugen dem Abg. Karwahne und Frey gegenüberzustellen. Eine verdächtige Zeugengeschichte Bei der dann folgenden Gegenüberstellung steht vor dem Richtertisch der Angeklagte van der Lübbe in der ihm eigenen tiesgebückten Haltung zunächst neben dem Zeugen Gutsche. Die Zeugen Karwahne, Frey und Kroyer werden nacheinander hereingerufen und gefragt, ob sie eine B e r- wechslung des Lübbe mit Gutsche für, möglich hielten. Jeder der Zeugen antwortet aus diese Frag«:„Ganz ausgeschlossen." Der Zeuge Frey betont gleichfalls den Unterschied zwischen den groben Zügen des Angeklagten van der Lübbe und dem Gesicht des eseugen Gutsche. Nunmehr wird Jakubowitz den drei Zeugen gegenüber- gestellt. Karwahne erklärt auch in diesem Falle eine Ber- wechslung für ganz ausgeschlossen. Jakubowitz mit seiner geraden schlanken Figur sei gar nicht mit Lübbe zu ver- wechseln. Selbst wenn er damals längeres Haar gehabt hätte, so bestehe doch ein großer Unterschied. Auch die Ge- sichtsbildung des Jakubowitz erinnere nicht an den östlichen Typ. den Lübbe zeige. Die Zeugen Frey und Kroner be- gründen in ähnlicher Weise, weshalb sie eine Verwechslung des van der Lübbe mit Jakubowitz nicht für möglich halten. Dimitroff äußert Verdacht Dimitroff. Wie kommt eS, daß Karwahne nur Lübbe mit Bestimmtheit gesehen und Pop off nicht, daß Frey nur Popoff, aber Lübbe nicht genau gesehen hat, daß Kroyer nur Lübbe gesehen hat und Popoff nicht? Wie kommt das? Mir ist diese ganze Zeugengeschichte auf- fallend und verdächtig. Zeuge Karwahne: Dimitroff hat Zweifel wegen unserer Glaubwürdigkeit durchblicken lassen und geglaubt, daraus hinweisen zu müssen, daß hier vielleicht eine Ver- abredung vorliege. Ich möchte mich entschieden dagegen ver- wahren, mich länger vor Gericht von diesem Angeklagten beleidigen zu lassen. Der Vorsitzende weist den Zeugen darauf hin, daß Dimitroff besser geziigelt werden müsse, daß sich andererseits aber auch der Angeklagte weitgehend verteidigen können müsse. Als Dimitroff weiteres sagen will, entzieht ihm der Vorsitzende das Wort und droht ihm mit erneutem Ausschluß, als er sich nicht zufrieden geben will. Weberstedt„Stettiner Sänger" Nach einer längeren Pause wird der Zeuge Major a. D. Hans Weberstedt vernommen, der als P r e s s e l e i t e r der Reichstagsfraktion der NSDAP, sein Arbeitszimmer direkt neben den Frakttonszimmern der Kommunistischen Partei hatte. Der Zeuge bekundet, daß er am 27. Februar, nachmittags»wischen 3 und 4 Uhr, es könne auch 4.30 Uhr gewesen sein, vor dem Zimmer 5t. das dem kommunistischen FraktionSzimmer gegenüber liegt, einen 'charfen, beißenden Geruch bemerkte, der noch schärfer mar als Benzin oder Benzol. Aus dem Fußboden war aber nichts zu sehen. Ich hatte das Gefühl, daß die Luft in Höhe von 1—2 Meter mit dem Geruch geschwängert war. Einige Meter weiter war davon nichts mehr zu be- merken. Ich vermutete zunächst, daß vielleicht Benzin auS einer Flasche gelaufen sei und legte der Sache keine beson- der« Bedeutung bei. Mir sagte bann am nächsten Tage der Journalist Dr Dröschen, daß auch er einen solch scharfen Geruck, am vorhergehenden Tage wahrgenommen habe. Der Zeuge schildert dann eine Zweite Beobachtung, bei der er ,wei Männern beaeanete. An welchem Tage eS war, be- kl ndet er, weiß ich nicht mehr, ob am Brandtage oder einem der vorhergehenden Tage. Genau an derselben Stelle, die ich eben bezeichnet habe, stieß ich auf zwei Männer, einen auffallend großen breitschultrigen mit einer Ballonmütze und einen im Verhältnis zu ihm kleinen Mann mit auf- fallend langem Mantel und einem Hut, stark ins Gesicht gezogen. Der Gegensatz wirkte direkt lächerlich und ich habe«n» willkürlich an die Ltettiner Sänger denken müssen. Der Große trug eine Kiste oder ein Gepäckstück aus der liuken Schulter. Ich habe ihn für einen Transportarbeiter ge« halten, der GlaS trägt, denn es war ein leicht verschaltes Gepäckstück. Als mir die Angeklagten vom Untersuchungsrichter in der Bismarckhalle gegenübergestellt wurden, stutzte ich bei T a n e s s sofort. Ich habe ihn in einer Sekunde als denjenigen wiedererkannt, der dort oben gegangen ist. Vorsitzender: Hatte Taneff bei der Gegenüberstellung auch den langen Ueberzieher an? Zeuge: Jawohl, in derselben außergewöhnlichen Länge. Der Vorsitzende fragt den Zeugen, wann er van der Lübbe das erstemal gesehen habe. Zeuge: Ich ging unten an dem ausgebrannten Saal vorbei und sah dort den Untersuchungsrichter, mehrere Polizeibeamte und mitten in dieser Gruppe einen großen Mann an der Kette. Ich stutzte sofort und überlegte, wo ich diesem Manne schon einmal begegnet sein könne. Ich habe aber nichts weiter geäußert, weil ich mir in der Sache nicht ganz sicher war. Am nächsten Tage bat ich darum, mich diesem Manne gegenüberzustellen. ließ van der Lübbe ausstehen und habe ihm glatt aus en Kops zugesagt, daß er der andere Mann war, woraus auch er nichts bestritt» sondern im Gegenteil einen sehr erschrockenen Eindruck machte. Vorsitzender: Sie haben ihn damals zweifelsfrei als den erkannt, der die Kiste getragen hat? Zeuge: Jawohl! Der Zeuge schildert nun die dritte Beobachtung. Am Morgen nach dem Brande ging ich in den Reichstag. Dabei kam ich an den Zimmern der KPD. vorbei und trat dabei auf einen Haufen Scherben. Im Glasdach darüber fehlte eine große Scheibe. Ich ging hinunter zur Kriminal- polizei, um meine Wahrnehmung mitzuteilen. Ich bin mit dem Kriminalkommissar zu dieser Stelle gegangen. Die Scherben waren mittlerweile weggefegt worden. Wir gingen eine Treppe höher aus das Glasdach und sahen, daß da eine lange Leiter lag. Plötzlich sagte der Kommissar:„Das ist ja merkwürdig: An dem Fensterbrett dieses Zimmers sind ja Fußspuren!" ES handelte sich«m ei« kommunistisches Abgeordnetenzimmer. Auf weitere Fragen erklärt der Zeuge, baß am Abend die Scheibe noch ganz gewesen sein müsse, sonst hätte er das bemerkt. „Ich war nie im Reichstag" Taneff wird nunmehr vor den Richtertisch geführt. Dee Zeuge erkennt ihn mit Bestimmtheit wieder. Der Vorsitzende fragt Taneff, ob er damals einen so langen Mantel getragen habe. Taneff läßt durch seinen Dolmetscher erklären: Darin irrt sich der Zeuge oder er sagt nicht die Wahrheit. Vorsitzender: Ich frage, ob Sie einen so langen Mantel getragen haben! Taneff: Ich habe nur einen einzigen Mantel, dtn ich auch jetzt noch trage. Taneff muß nun seinen Mantel an- ziehen und seinen Hut aussetzen. Der Zeuge Weberstedt sagt: Er ist es! Wenn man den einmal im Leben sieht, verg-ßt man ihn nicht mehr. Auch van der Lübbe wird vorgeführt. Rur widerstrebend erhebt er sich von seinem Platz. Er muß sich neben Taneff stellen, erscheint aber zunächst nur ebenso groß, da er seinen Kopf tief gebeugt hält. Nach wiederholten energischen Aufforderungen gelingt es den vereinten Be- mühungen der Prozeßbeteiltgten, daß van der Lübbe den Kopf hebt und ein dickeS Aktenbündel, daS die Kiste vor- täuschen soll, auf die Schulter nimmt.— Zeuge Weberstedt erklärt: Das gleiche Bild? Vorsitzender: Sie versichern auch heute, daß es die beiden gewesen sind? Zeuge: Ganz b e st i m m t! Bei der weiteren Fragestellung ergibt sich die Notwendig- feit eines neuen Lokaltermins, um den Ort, wo die Scherben lagen, und die Zimmer, die darüber sind, festzustellen. Nach dem Lokaltermin wird der HauSinIpektor Skranowitz nochmals als Zeuge gehört. Der Zeuge ist der Auffassung, daß sich der Täter in irgendeinem Zimmer des zweiten Obergeschosses aufgehalten haben kann. Taneff: Ich habe keine Fragen mehr z« stellen. Ich sage nach wie vor, daß ich nie im Reichstage war, daß ich am 24. 2., Freitag, nach Berlin kam und nie mit deutfchen Kommunisten irgendwie in Verbindung gestanden habe. Der Angeklagte Taneff fragt den Zeugen Weber- stedt durch den Dolmetscher, ob er bei seiner Begegnung mit den beiden„Stettiner Sängern" schon einen Verdacht geschöpft habe. Der Zeuge verneint. Die weitere Frage des Angeklagten, warum er erst am 20. März seine Bekundungen über die Bulgaren gemacht habe, beantwortet ber Zeuge dahin, er habe sich dieser Begegnung erinnert, als. er die Bilder der Bulgaren an den Anschlagsäulen sah. Als dann der Untersuchunqôrichter in Berlin eintraf, habe er es.für seine Pflicht gehalten, feine Beobachtungen mit- zuteilen. Der Vorsitzende vertagt dann die weitere Ber- Handlung auf Montag. vle gfhe!mii'svol!e rosstsskeik Man schreibt uns: Am 22. BerhandlungStag gibt der chemische Sachverständige ein äußerst aufschlußreiches Gut- achten ab. Er weist nach, daß die Brandstiftung mit Hilfe einer selb st entzündlichen Flüssigkeit vorgenommen wurde. Angeblich wegen der Gefahr, andere Verbrecher in die Methode ber Brandstiftung mittels selbstentzündlicher Stoffe einzuweihen, ließ der Sachverständige bei der nähe- ren Erörterung dieser Angelegenheit die Oefsentlichkeit ausschließen. In Wirklichkeit dürste ber Grund für die Ausschließung ein anderer sein. Die Brandstiftung erfolgte zweifellos mit einer Lösung, die als Lösungsmittel einen petroleum- oder benzinartigen Körper, einen sogenannten flüssigen Kohlenwasserstoff, enthielt. Ed gibt eine ganze Reihe solcher Flüssigkeiten. Welcher Stoff- es im vorliegenden Falle gewesen ist, ist von unter- geordneter Bedeutung. Diese Flüssigkeiten sind brennbar, aber nicht selbstentzllndlich. Um sie zur Selbstentzündung zu bringen, muß man in ihnen einen Stoff auflösen, ber bei Berührung mit dem Sauerstoff der Luft zu brennen an- sängt. Hiersiir eignet sich besonders gut gelber Phos- phor. Er löst sich in den oben erwähnten Flüssigkeiten auf, und solange er in Lösung ist, kann die Flüssigkeit soaar der Luft ausgesetzt werden, ohne daß Entzündung eintritt. Gießt man aber die Flüssigkeit in breiter Fläche aus, so daß Ein Begräbnis Im„dritten keim Aus dem Reich erreicht uns auf Umwegen nachstehender erschütternder Bericht: Der Breslauer Sozialdemokrat Alexander war im Kriege Soldat. Er erhielt die höchsten militärischen AuS- Zeichnungen. Angst vor dem Feinde hatte Alexander nie ge- kannt. Auch vor dem deutschen Feinde seiner Klasse nicht! Zur Zeit der Weimarer Republik war er Führer des Reichsbanners. Er war ein militärischer Führer ersten Ranges, wenn er auch nie„Venera! gelernt" hatte. Er vcr- stand auS seiner Ueberzeugnng, aus setner Menschlichkeit, aus seiner Ehrlichkeit heraus Genossen mitzureißen, zu be- geistern. Er war ein Revolutionär, ein Sozialist. Im Februar kam er ins K o n z e n t r a t t o n s l a g er bei Breslau. Herr Polizeipräsident und Fememörder Heines lieh es sich nicht nehmen, Alexander im Konzentrationslager sich vorführen zu lassen und ihn also zu begrüben: „Heil Hitler, Alerander!" „Guten Tag, Herr Polizeipräsident!" antwortete Alexan- der ruhig. „Ich habe dick Heil Hitler! gegrüßt," schrie HeineS.„Tu hast zurückzugrübenl" „Guten Tag, Herr Polizeipräsident!" „Alerander, es gibt heute nur mehr einen deutschen Gruß: Heil Hitler!" „I habe keinen andern deutschen Gruß gelernt als: Guten Tag, Herr Polizeipräsident!" „Schwein, du hast Heil Hitler! zu grüben!" Ta sah Alerander den wutschnaubenden Polizeipräsidenten von Hitlers Gnaden an und sagte ruhig: „Verlangen Sie nicht von mir, daß ich meine Ueberzeu- guitfl wechsle, wie mein verlaustes Hemd im Schüben- graben!" Ta trat Heines auf den Gefangenen zu. klopfte ihm auf die Schulter und sagte:„Das wollen wir uns merken, Alexander." Monate später wird das Lager in Breslau aufgelöst.-r<<| Gelungenen werden nach Osnabrück befördert. Alexander vertraut Freunden an: „Ich schwöre euch, daß ich nicht fliehen werde, daß ick das Lager nur auf ausdrücklichen Befehl der Gewalthaber ver- laben werde." Alexander wurde im September„auf der Flucht er» schotten". Bestimmt kann Herr Polizeipräsident Heines für seine Person sein Alibi nachweisen. Tas ist so Eitt« .'Anteil Reich", daß hohe Beamte stets in der Lage sind, ein Alibi nachzuweisen. Alexanders Leichnam kam im verlöteten Sarg in Breslau an. Keine Zeitung des„dritten Reiches" durfte dar- üoer berichten. Aber die Genossen des Zweiten Reiches mutz- irn es trotzdem. Von Mund zu Mund ging die Nachricht- Tas Leichenbegängnis, das in aller Stille statin»- X-S 1?« toatc f 0«6 in aller Stille statt. Aber war es jene Stille, die beabsichtigt war? Plötzlich waren auf dem Friedhof an tausend schweigende Menschen versammelt. Im Arbeitsanzug mit schwarzer Kra- matte und weiffem Vorhemd. Manche hatten keine Krawatte, kein weißes Vorhemd— aber alle trugen sie plötzlich rote Nelken im Knovsloch. Zauberei? Nein. Solidarität ist keine Zauberei! Trauerballe faßte alle die Menschen nicht. Nicht» !>„« 1 Disziplin der Schweigenden. Tann standen sie vor der Grube, Hand auf Hand schüttete Erde auf den Sarg»nd rote Nelke um rote Nelke folgte. Es war kein Totengräber nötig, der hier Arbeit zu ver- richten hatte. Vorher aber war ein älterer Arbeiter an das Grab ge- irrten und sagte rukig: „Wir alle willen, daß du nicht umsonst gestorben bist. Eine» TageS werden wir für den toten Alerander Rechenschaft fordern!" So geschehen im September 1983 im„dritten Reich" deS Herrn Hitler. das Lösungsmittel verdampfen kann, so entzündet sich der Phosphor, sobald er einen bestimmten Grad von Trocken- hcit erreicht hat, von selbst. Die dabei entstehende Flamme ist außerordentlich heiß und läßt sich zudem durch Wasser schwer löschen. Man hat diese Art selbst- entzündlicher Flüssigkeiten im Kriege zur Füllung von Brandbomben benutzt. Die Kenntnis dieser Dinge ist dem geistig nicht sehr hoch stehenden van der Lübbe nicht zuzutrauen. Dagegen müssen sie andere Herren kennen, die im Kriege Brandbomben geworfen haben. Insbesondere dürften der erfolgreiche Kriegsslieger Görin g und sein Kreis recht intime Kennt- nisse solcher Brandwirkungen haben. Wiener Brici An den Senatspräsidenten Dr. B ü n g e r Vorsitzender des 4. Strafsenats des Reichsgerichts zur Zeit Berlin, Reichstag. Herr Präsident, bei meiner Rückkehr nach Frankreich erfahre ich, daß das Gericht sich endlich entschlossen hat, den Minister Görin g zu hören und zwar als Zeugen. Diese Vernehmung kann von außerordentlichem Interesse sein. Jedoch hängt oie Wirksamkeit dieser Aussagen osfen- sichtlich von den Fragen ab, die man diesem Zeugen stellen wird. Ich beeile mlch daher, dem Gericht folgende Fragen vor- zuschlagen: 1. Wie war sein Palais gegen Eindringen Unbefugter geschützt? Wie war die Stabswache organisiert? 2. Welche Beziehungen hatte der Zeuge zu dem Amts- gehilsen Kohl? Hat er ihn in der Brandnacht vernom- men? 3. Kennt der Zeuge den Gang vom ReichStagSprästdcn- tenpalais»um Reichstag? 4. War der Gang verschlossen? Wer hatte den Schlüssel? War der Gang bewacht? 5. Wo befinden sich die angeblichen im Karl-Ltcbtnecht- Haus gefundenen Dokumente? Weshalb sind sie nicht ver- öff-v^licht worden? 6. Wie erklärt der Zeuge, daß von den in den angeb- lichen Dokumenten angekündigten Terrorakten kein ein- ziger in Deutschland begangen wurde? 7. Welche besonderen Anordnungen zum Schutze vffent- licher Gebäude hat der Zeuge getroffen, nachdem er von den angeblich gefundenen Dokumenten Kenntnis erhal- ten hatte? Hat er insbesondere Inspektor Skranowitz und Direktor Galle auf die erhöhte Gefahr hingewiesen und besondere Schutzverkehrungen verlangt? Wenn nicht, warum? ». Wieso war der Zeuge gerade am 27. Februar vcr- sammlungsfrei? ll. Wer hat die Litte derjenigen Personen zusammen- gestellt, die bereits in der Nackt vom 27. bis zum 2«. Februar und kurz daraus verhaftet worden? 16. Ist der Zeuge im Jahre 1925 in der Nervenheilanstalt Langbro untergebracht gewesen? Dem Zeugen ist das Gut- achte» des Stockholmer Gerichtsarztcs vom 26. 4. 1926 vor- zuhalten. Werden diese Fragen gestellt werden? Die Weltössentlich- keit wird es hören und danach urteilen. gez. Marcel W i l l a r d, Rechtsanwalt. Dessaoer und nirfslclcr Zwei Zentrumsführer unter Anklage Ans München-Gladbach wird gemeldet, daß gegen Prof. D e s s a u e r in Frankfurt a. M. und den G e- schäftsfiihrer der Carol uS-Dr uckerei G. m. b. H. Anklage wegen Anstiftung und Beihilfe zur Untreue erhoben worden sei. Das Verfahren schwebe bei der Großen Strafkammer des Landgerichts in Mttnchen-Glabbach. Tie Straskammcr habe Haftbefehl gegen Professor D e s s a u e r erlassen. AuS Essen wird gemeldet: Auf Grund der Enthüllungen über Korruptionshand- lungen, die dem ehemaligen preußischen WohlsahrtSminister Htrtsieser vorgeworfen winden, hat die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen Minister eingeleitet. DaS Verfahren, das in Bochum anhängig ist, ist nunmehr soweit gediehen, daß die Untersuchung abgeschlossen ist. Die Bochumer Staatsanwaltschaft hat Anklag« gegen Hirt siefer erhoben. 12. Norember Ja!— Oder ehrlose Volks Verräter! Von allen Seiten wird schamlos der Terror zur„Volks- abstimmung" und zur„Wahl" am 12. November proklamiert. Ein« Proklamation des bayrischen LandeSbauernführers Luber«MN.N.j v. 19. Oktober» schließt: W«r diese Front verläßt, wer unserem Führer«nd 91*8** >n de« Rücken fällt, der wird für immer ehrlos bleiben, f'f immer ehrlos bleiben wird der Vaterlandsverräter. Dit» möchte ich mit aller Tentlichkeit den wenigen etwa«»"* vorhandenen Saboteuren als Wink mit anf den W«g» nr Wahlurne gehen. Bon meinen Unterführern verlange.ich, baß sie am Abend des 12. November melden: Alle, anch die Kranke« und Siechen, die Alten and I«ng<«- Männer and Frauen, haben mitgeholfen zum Sieg. Fm Kampfe für die Ehre d«r Nation hat kein Angehöriger Bayrischen Landesbauernschaft versagt. Kontamara ROMAN VON I O N A Z I O S IL O NE Die erste Diskussion ging über den Titel der Zeitung. Der -Held der Porta Pia wollte einen in der Stadt üblichen: Il Mesaggcro, La Trtbuna oder etwas Aehnliches. Aber Raf- faele Scarpone, der Berardos Art geerbt hatte, fuhr ihm über den Mund.-. „Unsere Zeitung ist eine Cafoni-Zettung..., die erste Zet- tung der Cafont... Wir wollen nichts nachmachen. „Bor unserer Zeitung ist keine andere erschienen," entschied Scarpone- Michelc Zompa schlug einen guten, vielversprechenden Titel vor:„Die Wahrheit". Aber Scarpone rümpfte die Nase. „Die Wahrheit? Wer kennt die Wahrheit?" sagte er- „Wir kennen sie nicht, aber wir wolle» sie suchen," gab Michele zur Antwort- „Und wenn du sie gefunden hast," höhnte Scarpone.„willst du dann daran deine Suppe kochen?" So war jetzt seine Art zu diskutieren. Generale Baldissera hatte auch eine gute Idee:„Gerech- «gleit". „Tu bist verrückt," schrie Scarpone ihn an,„wo die Ge- rcchtigkeit doch immer gegen uns ist." Um diesen Einwand zu verstehen, muß man missen, daß für uns Gerechtigkeit und Carabinicri das gleiche war. Mit der Gerechtigkeit zu tun zu haben, hieß bei uns, mit den Earabinieri zu schaffen zu haben. In die Hand der Gerech- tigkeit zu fallen, hieß in die Hände der Earabinieri fallen. Im Dienst der Gerechtigkeit zu stehen, hieß Spion sein und ein Vertreter der Earabinieri. „Aber ich meine die wahre Gerechtigkeit," antwortete der alte Schuster gekränkt.„Die Gerechtigkeit für alle." „Ter wirst du im Paradies begegnen," entschied RaEaele Scarpone. WaS konnte man da erwidern? Tie Sorcanera schlug als Titel vor: „Die Posaune der Cafoni!"... Aber niemand ging auf ihren Vorschlag ein. „Was sollen wir ckun?" sagte Scarpone. „Wir sollen den Titel machen," entgegnete der Heid. „Mach auch einen Vorschlag..." „Ich habe meinen Borschlag schon gemacht:„Was sollen wir tun?"" wiederholte Scarpone. AlS wir nach mehrfachem Hin und Her verstanden hatten, daß Scarpone als Titel der Zeitung die Frage„Was sollen wir tun?" verwenden wollte, sahen mir uns überrascht an „Aber das ist doch kein Titel!" warf der Held sofort ein. „TaS ist doch kein Titel. Wir brauchen einen Titel. Einen Titel, den wir oben über die Zeitung schreiben können, ver- stehst du?... In schöner Schrift, verstehst du?" „Da wirst du eben in schöner Schrift an den Kopf der Zei- tung schreiben:„Was sollen wir tun?", antwor- tete Scarpone,„und dann wirb es ein Titel sein..." „Aber ein Titel zum Lachen." widersprach noch einmal der Held.„Wenn ein Abzug unserer Zeitung nach Rom kommt, wird jeder, der sie sieht, zu lachen ansangen." Rassaele Scarpone wurde wütend. Die Zeitung müsse eine Zeitung für Cafoni werden, die erste Zeitung der Eafoni, von Eafoni für Eafont... AlleS, was sie in Rom darüber dächten, wäre ihm ganz egal. Baldissera gab Scarpone recht. So wurde sein Vorschlag angenommen. Während der Held widerwillig den Titel zu schreiben begann, warf sich die Diskussion aus den ersten Artikel. Michele Zompa schlug vor: „Der erste Artikel muß heißen:„Sie haben Berardo Viola ermordet." Damit werdet ihr alle einverstanden sein." Scarpone war einverstanden, aber er schlug einen Zu- satz vor:„Sie haben Berardo Viola ermordet, waß sollen wir tun?" „Was sollen wir tun? haben wir schon im Namen der Zeitung," warf Michele ein. „Das genügt nicht," fuhr Scarpone fort„Man muß«s wiederholen.... Wenn eS sich nicht wiederholt, taugt es nichts.... Man muß es herausheben.... WaS sollen wir tun? Man muß in jedem Aussatz wiederholen: Sie haben uns das Wasser genommen, was sollen wir tun? Versteht ihr? Der Pfarrer weigert sich, unsere Toten zu begraben, was sollen wir tun? Sie vergewaltigen im Namen des Gesetzes unsere Frauen, was sollen wir tun?... Don Circostanza ist ein Aas, wag sollen wir tun?..." Da verstanden alle ScarponeS Borschlag und waren ein- verstanden. Eine andere kleine Diskussion entstand über Berardos Namen. Baioissera meinte, man müsse Violla schreiben, mit zwei „l", während Michele Zompa daran festhielt, daß ein„l" genüge.... Schließlich erklärte der Held, so schreiben zu können, daß eS zweifelhaft bleibe, ob es sich um ein oder um zwei„l" handle und damit schloß die Diskussion über diesen Punkt. Als ich merkte, daß nichts mehr zu besprechen war. ver- ließ ich die andern und ging heim, um ein bißchen mit meinem Sohn an der Sonne zu sitzen: ich hatte ihn ja ver- loren geglaubt und nun wiedergefunden.... Spät am Abend kam Scarpone mit einem Pack von dreißig Abzügen der Zeitung noch zu mir. Damit sollte ich nach San Benedetto gehen und dort— wo ich viele Ve- kannte hatte— das Blatt verteilen. Am Tag darauf wollten es andere Cafoni in anderen benachbarten Dörfern ebenso machen. Im ganzen hatte man fünfhundert Abzüge her- gestellt. In San Benedetto wohnte die Familie meines Freundes und wir beschlossen, alle drei hinzugehen, um die Befreiung meines Sohnes zu fetern. Das mar unsere Rettung. So brachen wir am Nachmittag deS nächsten Tages auf. Ich hatte die Zeltung in einer halben Stunde verteilt. Wir aßen in San Benedetto zu Abend und begaben uns gegen neun Uhr auf den Heimweg. Auf halbem Weg hörten wir von ferne Böllerschüsse. „Welches Fest ist heute?" fragte ich meine Frau, um zu erraten, von welchem Dors sie kamen. ES war schwer zu sagen, welcher Festtag war. San Luigi war vorüber und Sankt Anna noch nicht gewesen. Beim Weitergehen wurden die Böllerschüsse häusiger. „Man könnte meinen, die Schüsse kommen von Fpnta- mara," bemerkte ich. In diesem Augenblick fuhr ein Karren aus Manaforno, der aus der Richtung der Kreisstadt kam, an uns vorüber. „He, Fontamarcsen," schrie der Kutscher, ohne Halt S» machen,„in Fontamara ist Krieg..." „Krieg?.... Warum Krieg?....", fragten wir einander. „Krieg unter den Fontamaresen?.... Unmöglich!" sagten wir uns gleich. „Krieg des Impresario gegen Fontamara? Aber warum?" Ab und zu brachen die Schüsie ab, aber dann setzten noch dichter und wilder ein. Im Weitergehen wurde une klar, daß die Schüsse auS Fontamara kamen und daß es Flintenschüsse waren. „Was sollen wir tun?", fragten wir einander. Es war die Frage des Scarpone:„WaS sollen wir tun? Aber die Frage war einfacher als die Antwort. Und f D setzten wir unseren Weg fort. An der Straßenkreuzung von Pescino nach Fontamara stießen wir auf Pasquale Cipolla. „Wo wollt ihr bin?... Nach Fontamara?... Seid ihr verrückt? rief er uns zu und setzte seinen Weg nack Pescina fort. Wir rannten hinter ihm her. „Tiber was gibt es denn in Fontamara?" schrie ich' «Warum die vielen Schüsse?" „Krieg, Krieg...", antwortete Cipolla,„Krieg gegen die Eafoni,... gegen die Zeitung..." „Und was machen die andern?" fragte ich. „Wer konnte, bat sich in Sicherheit gebracht... Wer konnte, ist geflohen...", antwortete Cipolla, ohne stehe» zu bleiben. „Ist Scarpone entkommen?" fragte mein Sohn. „Er ruhe in Frieden," antwortete Cipolla und machte da» Kreuz. „Ist Venerdi Santo entkommen?" „Er ruhe in Frieden," antwortete Cipolla und machte das Kreuz. „Und Pontius Pilatus?" fragte ich. „Ist ins Gebirge." „Und Michele Zompa?" „Ist gegen Ortono" „Und General Baldissera?" „Er ruhe in Frieden." „Und wer von den andern ist noch tot?" Wir hörten in der Ferne Pferdegetrappel, das näherkam- Das konnten die Caräbinieri aus Pesctna fein, die nack Fontamara eilten. Wir schlugen uns in die Felder. In der Dunkelheit ver- loren wir Pasquale Cipolla aus den Augen. Wir hörten nicht» mehr von tbm. Wir hörten auch nichts mehr von den andern. Weder von denen, die starben, noch von denen, die sich retteten- Weder von unserem Haus noch von unserem Land. To sind mir hier. Mit Hilfe deS großen Unbekannten sind wir hierher in» Ausland gekommen. Aber es ist klar, daß wir hier»Ich' bleiben können. Was sollen wir tun? -Nack soviel Mühen und soviel Kämpfen, soviel Träne» -nd Wunden, soviel Blut, soviel Haß und ioviel Berzweif- lung: Was sollen wir tun? sSchlutzj ®ciitfs«fke Stimmen•(Beiiage zur ,.!Deutsdken Freiheit"• Ereignisse und Geschiehten Dienstag, d Gitterfenster zu schauen. Wenn wirklich einmal einen f e&" nflCne, t Lust anwandelte, ein Stückchen Himmel zu a» knatterten gleich unten im Hof die Gewehre, und ft»*"'örihten gegen die Backsteinmauer. Aber sie spritzten z.gl'^nn keiner sich am Fenster zeigte, bei Tag und bei der-r ronr à gemütliches Gefängnis. Das konnte auch „. fremde sehen, führte ihn der Weg in den Maitagen am a,-.,. Tore Stadelheims vorbei. Weiße Kreideschrift, kok»» r dieser Zeit, leuchtete:„Hier werden Spartakisten blu» r-? Tod« befördert."„Hier wird aus Spartakisten- »»« e®' Mt'»nd Leberwurst gemacht." Pro- 1919, etwa drei Wochen vor Beginn meines Zeil* ê' lehrte mich der Aufseher eines Tages aus meiner filnu-li in einem Seitenflügel de» ersten Stockwerkes lag, de» în ein Bürozimmer zur Bcrnehmung. Als ich s," Korridor deS Erdgeschosses betrat, erblickte ich etwa i?„ î ute tu Mannschaftsuniform, die offensichtlich— man 9 es den Gesichtern und Gesten an— Studenten und Ossi- er"V Üarcn. Als sie mich bemerkten, rief einer:„Da ist sut,!^ btl Vernehmung, die etwa zwei Stunden dauerte, tint î"îch der Aufseher wieder nach oben. Die sechs Tol- ' öie immer noch im Korridor standen, folgten uns wimpsenb aus den Fersen:„Du roter Lump!"„Du roter 'Und!«„Tu Spartakistenaas!"„Warte nur, die Kugel ist i??"' iir dich gerichtet!"„Jetzt hat deine Stunde ge- Ichlagen I" o? et Aufseher schloß oben die Eisentür ans, die zum jvl*ngang führte. Ich ging hinein. Die sechs bleiben vor v.^ör stehen. Ich mar etwa eine Stunde wieder in meiner q-f' mon batte mir mit raffinierter Absicht jene Zelle ge- ♦im'"' b'e Levine vor seiner Erschießung bewohntes, als ein .^lfsaufseher die Zellentür aufschloß. Dieser junge S«.« fseber war mir wohl gesonnen:„Herr Toller, lassen ^' e'ich nicht auf den Spazierhof führen. Ich stand vor der öes Bernehmungszimmers und hörte, was die sechs Soldaten mit Ihnen vorhaben. Tie sagten, jetzt sei eine gute Wesenheit, Sie um die Ecke zu bringen. Als einer fragte, . denn, schlug«in anderer vor: Wenn er auf den Spazier- geführt wird, gehen wir mit. Einer tritt ihm aus die tf'rf«, daß er aufspringt, das wäre dann Fluchtversuch." Der Hjlfsanfseher ging. Zollte ich den Rat befolgen? Wie war die Zellenluft vom "vortkübel verpestet! Auf die halbe Stunde Spazierhof ,_ sichten? Bor dem gierigen Wunsch nach frischer Luft ^ stäubten Ueberlcgungcn und Bedenken. Run>oar es kein Wünsch mehr, Zwang trieb mich. Schließlich ivar ich schon >n paarmal Klinten-»nd Revolverlänien entwischt. Essend etwas wie Trotz kam dazu, als der Gangaufseher Mit umgehängtem Säbel und Revolver an der Zellentllr er- Innen und^,Spazierhos" rief. Ich folgte ihm. Bor dem Eisengitter des Zellenganges lauerten wirklich we sechs. In solchen Sekunden geschieht Merkwürdiges. Der Körper trafst sich, aber cS ergreift den Menschen nach Sekunden irftiger Angsterschütterung Fühllosigkeit, er empsinbct nicht, e konstatiert mechanisch geringste Einzelheiten seiner Um- ??bung. Wir gingen die Treppe hinunter. Die sechs folgten mlweigend. Beim Hinuntergehen sah ich, daß an einigen stellen der Wand Mörtelteile sich abgelöst hatten, daß der lagen des Aufsehers speckig war, daß der Aufscher auf der linken Seite zwischen Kieferknochen und Oftr einen großen roten citrigen Pustel hatte, der eben reif wurde. Wir standen vor dem Eiscngitter des Zellcngangs im Erdgeschoß, durch das eine Seitentür in den Spazierhof führte. Der alte Ausseher Müller, der, wie der Hilssaufsehcr, den Plan der sechs kennen mußte, hatte nicht gewagt, mich zu warnen. Als automatisch handelnder Beamter führte er mich, wie eS seine Borschrist verlangte, aus den Spazier- Hof. Am Eisentor aber handelte er nicht nach der Dienst- ordnung. Er sperrte das Tor auf, gab mir einen Stoß, folgte schnell nach, dann schloß er ebenso schnell das Tor von innen zu. So rettete er mir das Leben. Die sechs Soldaten rüttelten am Gittertor.„Lassen Tie uns raus, wir befehlen es Ihnen!" „Ich habe Auftrag, den Gefangenen allein zu führen, be- schwere» Sie sich halt beim Herrn Gefängnisvorstand!!" Wir waren im Hof. Erst»ach ein paar Runden Laufens im Quadrat begann das Herz rascher zn schlagen. Das Gefühl lebte das Geschehene nach. Es lebte um so stärker, als die eine Hofwand, an der über dreißig Menschen, Männer, Frauen, Knaben, in den Maitage» erschossen wurden, und erst neulich Eugen Levine, von zahlreichen Äugeleinschlägen zerlöchert war, die Erde davor ein- getrocknete Blutlachen narbten. Eine halbe Stunde später kam zufällig mein Rechts- beistand, der Münchener Anwalt Kaufmann, in den Hof. Er hatte von einem Gefängnisaufseher erfahren, was sich zugetragen und Protesttclegramme an die Regierung in Bamberg und die Regierung in Weimar vorbereitet. Schon am nächsten Tag wurden zwei besondere Wächter, ein Ter- geant und ein Unteroffizier, Soldaten der Münchcncr Schutzpolizei, die groteskerweist mich in der Zeit der Räte- republik einmal vereidigt und sich später auf die andere Seite geschlagen hatten, mir zugeteilt. Sie begleiteten mich, zu welchem Zweck ich auch immer die Zelle verließ. Am folgenden Tage erstattete ich Anzeige beim Vorstand des Stadelheimer Gefängnisses. Da ich den Hilssaufseber nicht verraten wollte, mußte ich eine Notlüge gebrauchen. Ich sagte, ich hätte die Worte:„Einer tritt ihm auf die Fersen, daß er aufspringt, das wäre dann Fluchtversuch," selber gehört. Die beiden Ausscher müßten es gleichfalls gehört habe». Eine Woche später eröffnete mir der Herr Festnng-direktor, daß die Nachforschungen eingestellt seien. Meine Bekundungen seien von den Aufsehern bestätigt worden. Aber man habe nicht feststellen können, welche Truppe an jenem Tage in Stadelheim Dienst getan. Ebenso seien alle Nachforschungen nach den sechs Soldaten vergeblich gewesen. Wir werden noch öfter aus. Hitlerdeutschland die An- wendung dieses Rezeptes zur Tarnung eines ge- meinen M e u ch e l m o r d e 6 an wehrlosen G e- fang en en erfahren. Bei diesem„Iustizversahren" ist bei dem bloße» Verdacht schon das Todesurteil vollstreckt, ohne daß man sich erst noch krampfhaft um„Beweismaterial" zu bemühen braucht. Mögen nun die jetzigen Machthaber, die vor keinem Verbreche» zurückschrecken, ihre Opfer„aus der Flucht erschießen", durch„Zufall aus dem Fenster des -f. Stockes" fallen lassen, oder auf irgendwelche qualvolle Marter jener Arten„erledigen", wie wir sie aus den Jndianerschwarten, der LicblingSliicratur des„Führers" her kennen, den Freiheitsdrang des Proletariats werden sie nur kurze Zeit hemmen.. Schon sind die Massen im Um- bruch und ivir haben die Ausgabe, den Tag mit vorzu- bereiten, an dem Deutschland von der Despotie befreit wird und die Schuldigen ihre verdiente und rücksichtslose Ab- rechnung erfahren. Bis zu diesem Tage heißt es, immer der Opfer gedenken und in ihrem Geiste weiterarbeiten zur endgültigen Befreiung. Äec Schönste,dec Deinste, dec Müaste bbels tässt seine JCutis schreiben Bn? 1' Röbbels ist 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlaß . îr die ihm dienstbaren Federn besonders heftig in Be- öung gesetzt. Der Herr Propagandaminister muß schließ- w»eigen, daß er vor allem die Propaganda für sich selbst mobilisieren weiß. ämtliche Wolff-Büro gibt nahezu zwei Seiten Daten °us dem Leben des Geburtstagskindes. In diesem Stile: Der Geburtstag wird für Dr. Göbbelö immer geschicht- I'ch bleiben, der Tag, an dem ihm die Berliner Bewegung den Scheck über die Sammlung überreichte, die den Grund- stock bildete zum Ausbau des Berliner Kampforgans „Der Angriff" zur Tageszeitung. Dr. Göbbelö als Zeitungsmann, als Journalist! Auch hier wirkte er vor- bildlich, und die besten Leitartikel, die in unserem Jahrhundert in Berlin erschienen lind, st a m m e n u n z iv e i s c l h a s t von Dr. Joses G ö b b e l S. Schon um dieser Leitartikel mit dem Zeichen D>r. G. willen lohnte eS sich damals, den„Angriff" zu kaufen. Langsam aber sicher rang Dr. Göbbels dem Marxismus in Berlin den Boden ab. und die Berliner ^A.-Lente gingen für den Doktor von jeher durchs Feuer. Und manches Mal mußte der Doktor als„Hochverräter" vor Gericht erscheinen, von jüdischen Richtern und mar- ristischcn Staatsanwälten gleichermaßen schimpflich bc- bandelt, von jüdischen ßieck'sann'äl'en bespien und ver- höhnt. Wenn aber dann Dr. GöbbelS mit messerscharfen, spitzen Worten zum Gegenangriff vor- hing, dann schwieg alles im Gerichtssaal, denn der Rede dieses Mannes konnte sich niemand entziehen. Die„besten" Leitartikel des Jahrhunderts: weiß man boch. wie er schrieb? In einem schludrigen, zerhackten Stile ßöufte er wüste Schimpfereien gegen republikanische Staats wanner und gegnerische Parteiführer an. Er ergoß Welle, des Hasses und des Schmutzes und peitschte jene Instinkte °n. die sich schließlich zur braunen Flut gegen menschliche Besinnung und Gesittung erhoben. Ein krähender Hahn auf einem publizistischen Misthaufen— man verzeihe uns das harte Wort, aber eS gibt kein besseres, um den Schreiber der„besten Leitartikel unseres Jahrhunderts in Berlin" den Lesern naturccht zu veranschaulichen. Immerhin wird er als Primus unter den Tchimpfbolden und Lästerern des Jahrhunderts gelten können— es fei denn, daß das Wunder geschieht, es erscheint in den nächste» Jahrzehnten einer, der GöbbelS in diesen Fähigkeiten noch übergöbbelt. Die ausgezeichnete Pariser Zeitschrist„Die Zone" hat ihn vor kurzem als nachgedunkelten Schrumpf- arier bezeichnet. Wir lieben solch starken Ausdrücke nicht, zumal nicht an vaterländischen Gedenktagen. Für uns soll er der Lichtgott der nationalen Revolution zu deren Ruhm immerdar sein und bleiben. iüas ist da tos? Absetzung eines Nazistücks Paul Josef Ercmers„Rbeinlandtragöbie". das Werk, das sich ursprünglich„Frankreich am Rhein" nannte, und das am 28. Oktober in Bremen, Esien, Gotha. Karlsruhe, Koblenz und Mannheim zur Uraufführung gelangen sollte, ist jetzt an allen Bühnen vom Spielplan a b- gesetzt ivorden. Cremer ist der Autor der mit vielem Erfolg gespielten„Marneschlacht". * Eremer gehört zu den wenigen dramatisch begabten Nazi wssnungcn.„Rheinlandtragödie" hieß ursprünglich„Fron ,'scn am Rkcin" und hatte die Rnhrkanipfjahre zum Hinter tinde. Auf höh reit Befehl, wohl mit Rücksicht ans Hitler .'lubenpolitik. die Friedfertigkeit gegenüber Frankreich vor gibt, wurde der Titel des Dramas abgeändert. Jetzt ver schwindet es ganz... Dec Jiciseiiçeivinnec Es war einmal Krieg: ihr wißt es nicht mehr wie Schützengräben sind, wie ein Rückzug ist mit geschlagenem Heer und wie man marschiert mit Pack und Gewehr und wie schwer man sein Leben gewinnt. Wir schrien damals manchen Flnch, der im Frieden erröten macht. Ihr seht de» Krieg wie im Lesebnch, wo der Schutzengel betet und wacht. Es war einmal Krieg und man braucht zur Schlacht nicht Menschen nur allein. Man braucht der Monturen gehäufte Fracht: Das gibt Geschäft«, die man macht, so zwischen Karten und Wein. Wir wußten: an dem grauen Tuch, das rauh den Leib nn» rieb, verdiente einer, und unser Fluch nannte den Kerl einen Dieb. Und hent ist Krise, ein Mann geht herum und liefert, als wäre Krieg, Gewehre, Granaten und Trommelgebumm und macht unS mit Rundfunkreden dumm und quatsch« von Sterben«nd Sieg. Den Kriegsgewinnern galt einst unser Fluch, uns wurde»er Fluch nicht fremd: einst lieferten uns sie ein feldgraues Tuch und heute— ein braunes Hemd. Wenzel S l a d e 5 T)aww wird verboten Der Berliner Berichterstatter des„Daily Expreß" meldet: Die deutsche Regierung hat die Verbreitung der Werke Darwins in Deutschland verboten, da die Ideologie Dar- wins den Anschauungen der gegenwärtige» Regierung nicht entspricht. Sämtliche Buchhändler müssen die noch vorhandenen Exemplare der Werke Darwins an eine bestimmte amtliche Stelle abliefern. Gleichzeitig wurde die Verbreitung der Werke Professor Freuds in ganz Deutschland verboten. Das ist nichts Neues mehr. Tie unerträgliche Belastung der nordischen Edelmenschen durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Entdeckungen der letzten zwei Jahrhunderte wird bald beseitigt, die Totalität der Unwissenheit uikd Verblödung bald hergestellt sein. Die Gefahr, daß die SA. sich mit Darwin und Freud beschäftigt, war ja nie sehr groß, aber im deutschen Urwald gab eS noch immer Jntelli- genzbestien, die sich mit den geistigen Exkrementen der neuen Machthaber nicht begnügten: ihnen will man daher die geistige Nahrung entziehen. Immerhin ist es erstaunlich, daß auch Darwin verboten wird: die Leute, die Rassensorschung und Zuchtwahl propa- gieren, sollten dem Manne dankbar sein, der diese Begriffe in der Wissenschaft eingeführt hat. Oder sind sie gerade des- halb gegen den großen Gelehrten? Fürchten die Schwindler» die aus einer ernsten Wissenschaft eine blutige Operette, einen romantischen Dreckhauseu gemacht haben, man könne ihren Dilettantismus an der vorbildlichen Methode des Meisters messen, man könne ihr Rassengeblödel durch die Werke des Mannes, der die Entstehung der Rassen unter- sucht hat, in seiner ganzen Albernheit entlarven? Vielleicht aber mutet man den deutschen Machthaber« auch damit zuviel Kenntnis der Dinge zu: wahrscheinlich hat keiner der Leute je ein Buch von Darwin gelesen. Ulactin Ruber entlassen Auf Grund des Bernfsbeamtengesetzes wurde M a r t i» Buber, der an der Frankfurter Universität die Professur für Religionswissenschaft bekleidete, entlassen. Martin Bnber ist ein weit über Deutschland hinaus bekannter Ge- lehrter, dessen Neuübersctznng der Bibel in allen theo- logischen Kreise», gleich welcher Konfession, Bewunderung erregt hat. Zeit=7lotiieH Werner Krauss Reichsminister Göbbels hat Werner Kraust zum ftellver» tretenden Präsidenten der Reichstheaterkam- mer ernannt. Die Meldung ist amtlich. Kraust ist bereit» Staatsrat im„dritten Reich". Er ist gegen alle weiteren Er- Nennungen sicher nicht wehrlos. Er kann sie ablehnen. Was ihm als Staatsrat des Herrn Göring— und nicht in seiner Eigenschaft als Schauspieler— in London passiert ist, kann ihm als Thealcrkammerpräsident des Herrn Göbbels auch anderswo passieren. Werner Kraust weiß doch, daß seine Kollegen, Elisabeth Bergner, Fritz Kortncr, Ernst Deutsch und hunderte weniger Prominente ans dem Reich verjagt wurden, zu dessen Theaterkammerpräsident er jetzt ernannt ivurde. Oder ist Kraust ein Anhänger deS GciselsnstemS, ein Befürworter der Judenhatz und der Konzentrationslager. Wie es den Intellektuellen geht Sert Ruft teilt mit, daß vi>» 1373 Absolventen technischer Hochschulen-!««, also nicht ganz«in Drittel,„fest oder vorübergehend" angestellt wurden. Aach Mitteilungen von Ingenieur- und ahn- lichen ln Betracht kommenden Kreisen ha» Ruft seine Anstevnngs- zahl sehr frisiert: danach wären bestenfalls an die 200 junge Akademiker angestellt worden, was gar nicht« besagt, wenn man den lin der„Tcntschen Freiheit" verdffentllchtenj Notschrei längst absolvierter Ingenieure in Erinnerung hat, mit dem Gemeinden und öffentliche Körperschaften»m Arbeit angefleht weröeu. Lehrergehalt— 132 RM. Statt Lehrer ordentlich anzustellen, werden nur„Hilfslehrer" eingestellt. Der Begriff wird offiziell so erklärt:„Hils»lehrer sind außerordentliche Lehrkräste»nd erhalten nur staatliche ilsen in Höhe non etwa>l>3 91W. monatlich ti» Brut' g." Quelle:„Beriiiskundllche Aachrichten" Nr. Ib. Lehramtssperre in Lachsen Zum«ludiiim für da« Lehramt an höheren Schulen in Sachsen und vom Abiturienleniahrgang UM insgesamt dreißig Be- >erber zugelagen Wer al« Alchtzugelagener aui eigene Eesahr ndiert. darf weder die praktisch pädagogischen Hebungen mit- nachen. noch die Staatspiiisiingen ablegen. Aber auch die glück- üchen Trelßig denen das Studium erlaubt wird, erwerben keine Anwartschaft auf eine Stelle. Onelle:„veriifSkundliche Nachrichten" Nr. IS. U/f/', ®r. Richard Kerns Eoosevelts Experiment In den Vereinigten Staaten hat die antikapitalistische Bewegung mit der Wahl Roosevelts einen vollen Er- ftlg erzielt. Waren die Staaten vorher das klassische Land e!ner unbeschränkten, rein kapitalistischen Politik, die von de» Interessen der Großindustrie und des Bankkapitals ausschließlich beherrscht ivurde, und selbst die einfachste sozialpolitische Maßnahme unbekannt war— galt doch das Verbot der Kinderarbeit und die obligatorische Kranken- Versicherung schon als Sozialismus— so hat jetzt die anti- kapitalistische Nebellion einen vollständigen Umschwung be- wirkt. Im Gegensatz aber zu Deutschland, wo die kapi- tolisttschcn Mittelschichten sich zugleich gegen die starke Ar- beiterbewegung gewandt haben und schließlich zum Werk- zeug der grobagrarischen und großkapitalistischen Reaktion geworden sind, hat in den Bereinigten Staaten, wo es eine selbständige politische Arbeiterbewegung von nennens- n ertem Ausmaß nicht gibt und auch die Gewerkschaften nur schwachen Einfluß, und auch diesen nur in bestimmten Wirt- schaftszweigen, ausüben, ein Zusammenfluh der antikapi- talistischen Bewegungen der Farmer und Kleinbürger mit den durch die Krise erst lebendig gewordenen antikapi- tolistischen Tendenzen der amerikanischen Arbeiterschaft stattgefunden. Daher die eigentümliche Mischung: mit der Forderung der Farmer nach Abwertung ihrer Schulden durch Herabsetzung des Dollarwertes, nach Preissteigerung ihrer Produkte und gesetzlicher Einschränkung der Ueberpro- duktion, verbinden sich eine Reihe sozialpolitischer Maß- nahmen zugunsten der Arbeiterschaft. Der die bisherige Tradition umstürzende Grundgedanke ist aber der. baß an Stelle der kapitalistischen freien Konkur- renz eine vom Staat kontrollierte Planwirtschaft treten soll. Deshalb werden alle Bestimmungen, die den Zusammen- schluß von Industrien zur Beseitigung der Konkurrenz untersagt haben, aufgehoben. Im Gegenteil, dieser Zu- sammenschluß wird jetzt vom Staate gefordert. Es sollen Vereinbarungen getroffen werben, um ungesunden Weit- bewerb und gegenseitigen Preisdruck zu vermeiden. Eine Art Zwangskartellterung, bisher streng verpönt, wird jetzt vom Staate erzwungen. Denn wenn der Zu- ftimmenschluß nicht freiwillig erfolgt, so kann er von der neu eingesetzten obersten Wirtschastsbehörbe, der National Industrial Recovery Corporation(die Behörde zur Wiederbelebung der Wirtschaft, an deren Spitze General .Hugh Jo h n s o n stehtj angeordnet werden. Dafür müssen den Arbeitern wichtige Rechte eingeräumt werden. DaS Wichtigste ist die Anerkennung der Gcwerk- schatten und ihreS Rechts, Kollektivverträge abzuschließen. Es ist zugleich jene Bestimmung, welche auf den stärksten und zum Teil auch erfolgreichen Widerstand der Unter- nchmer, z. B. Fords, gestoßen ist, die sich nach wie vor weigern, mit den Gewerkschaften zu verhandeln und un- abhängige Gewerkschaften in ihren Betrieben zuzulasien. Ferner müssen sich die Industrien zu Minimallöhnen und zu einer Maximalarbeitszeit, die 40 Stunden nicht „Preissdiaften" überschreiten soll, verpflichten. Kommen Verträge freiwillig nicht zustande, so werden sie oerordnet. Bestimmend für den Inhalt dieser Codes, wie diese Reglungen heißen, ist der sogenannte Mantelcode mit seinen 14 Bestimmungen, die die Beschäftigung voy Kindern verbieten, die wöchentliche Arbeitszeit aus 40 Stunden beschränken, einen wöchentlichen Minimallohn festsetzen, der in den Großstädten IS Dollar und in Städten von 2500—250 000 Einwohnern 14 Dollar beträgt; in den kleineren Städten und Dörfern sollen die Löhne um mindestens 20 Prozent erhöht werden, sofern da- durch der Minimallohn nicht über 12 Dollar hinaus ge- steigert wird. Die Unternehmer verpflichten sich feierlich, diese Bestimmungen einzuhalten. Zugleich mit dieser Neureglung in der Industrie ist eine Summe von 3,8 Milliarden Dollar, die durch Anleihen auf- gebracht werden sollen, für öffentliche Arbeitsbeschaffung zur Verfügung gestellt worden. Durch Sanierung der Banken und weitgehende Krediterleichterungen mit öftent- lichen Mitteln sucht man die Unternehmungslust anzuregen. Ten Baumwollfarmern und den Bauern wirb eine be- trächtliche Einschränkung ihrer Produktion durch Verringe- rung der Anbauflächen ermöglicht, indem man die dadurch entstehenden Verluste zu einem großen Teil aus öffent- lichen Mitteln deckt. Der Verlauf dieses großen Experimentes ist sicher durch seine Verbindung mit der Inflation außerordentlich kom- pliziert worden. Diese Inflation, zu der die Vereinigten Staaten nicht aus ökonomischem Zwang, sondern aus freiem politischen Entschluß geschritten find, ist ein Faktor von größter Unsicherheit geworben. Zunächst hat die Geld- entwertung eine stürmische Preissteigerung auf den Roh- stoffmärktcn hervorgerufen und die Spekulation hat die Preise weit über das Maß der Entwertung hinaus ge- trieben. Viel langsamer aber folgten die Löhne und gerade deshalb sollte durch die Codes eine zwangsweise Erhöhung der Kaufkraft der Arbeiter erfolgen. Die Lohnerhöhungen, zum Teil auch die Verkürzung der Arbeitszeit haben eine Steigerung der Gestehungskosten bewirkt und drängen zur Steigerung auch der Konsumwaren. In der Tat sind die Lebenshaltungskosten von 116 im Mai 1033 auf 122 im Juli 1033, die Kosten der Nahrung von 02 auf 104 gestiegen. Auch die erhöhten Löhne drohen hinter der Preissteigerung, die bei anderen Fertigwaren zum Teil viel rascher erfolgt ist als bei den Lebenshaltungskosten, zurückzubleiben. Eine Welle von Streiks, die sich auch zugleich gegen die Nicht- einhaltung der Code-Bestimmungen durch die Unternehmer und namentlich gegen die Nichtanerkennung der Gewerk- schatten richten, geht durch das Land. Die Gewerkschaften erhalten außerordentlich starken Zuwachs. Die Ar» bsiterbcwegung ist im Aufstieg und der prole- tarische Anttkapitalismus, eindrucksvoll belehrt durch das Experiment kapitalistischer Planwirtschaft, löst sich von dem vagen und reaktionären Antikapttalismus der Mittel- schichten. Die sozialistische Idee ist im Fortschreiten. Nationalsozialistische Klagen Ober die wamsende Tencrnng Die nationalsozialistische„Essener National-Zeitung" weist darauf hin. daß viele Fachschaften, die jetzt gegründet werden, eigentlich Preisschaften heißen sollten, ,cha sie in preislicher Hinsicht immer wieder ihre Bestrebungen daraus richteten, in egoistischer Manier für die eigene Tasche zu sorgen, anstatt dft in der Entwicklung begriffene Konsumiionssteigerung durch gerechte Preise zu beschleunigen". Diese bittere Kritik gilt nicht nur für die industriellen, sondern auch für die handwerklichen Kartelle, die Innungen. Eine sehr eindrucksvolle Zusammenstellung derartiger Preis- erhöhungen findet sich in dem zitierten Blatte; wir greisen aus der langen Liste die Preise für Jsolierslaschen heraus, die um dreißig bis vierzig vom Hundert gestiegen sind, die hauswtrtschaftlichen Maschinen mit bis zu dreißig vom Hundert Preissteigerung, die Scheibengardtnenstangen mit rund 65 vom Hundert, Armaturen mit 20 bis 30 vom Hundert, Meßwerkzeuge mit 20 vom Hundert, Automobilfebern mit 30 bis 8S vom Hundert, Bindfäden mit 10 vom Hunderl. und ähnliche Verteuerungen meldet fast jede Nachricht über den Abschluß eines neuen Kartells. Eine indirekte Preis- Vom deutschen zelfnngssferben lJnpreß.f Die Wiener„Rcichspost" läßt sich unter dem Titel„Pressesterben im dritten Reich" aus Berlin schreiben: „lieber den Verfall des reichsdeutschen Zeitungsgewerbes seit Uebcrnahme der Macht durch die Regierung Hitler liegen jetzt von gut unterrichteter Stelle genauere Ziffern vor. Schätzungsweise sollen seit dem 30. Januar zirka 250 Zeitun- gen zum völligen Erliegen gebracht worden sein. Das bc- deutet zunächst eine starke Belastung des Arbeitsmarktes, da es den Arbeitern, ebenso wie dem Redaktionsstab meistens nicht möglich ist, bei der nationalsozialistischen Presse unter- zukommen, zumal die meisten nationalsozialistischen Blätter sogenannte Kopsblätter sind, deren gesamter Inhalt bis aus den lokalen Teil vom Zentralverlag der Partei in Matrizen zur Verfügung gestellt wird. Den großen Verlust der Nachrichten-Agenturen, die ihre Abonnenten verloren haben, versucht man zunächst durch Subventionen zu erleichtern, die aus einem durch Beschlag- nähme der sozialistischen und kommunistischen Vermögen ge- bildeten Fonds entnommen werden." Weiter heißt es, daß das Hans Ullstein und die„Münchc- ner Neuesten Nachrichten" sich in Schwierigkeiten befinden und auch der Verlag der„Germania" mit groben Schwierig- ketten zu kämpfen hat. da die nunmehrige Haltung des Blattes in katholischen Kreisen starke Ablehnung gesunden habe. Schließlich soll man schon an ein Eingehen der „Deutschen Tageszeitung", des„Berliner Börsen-Kurier" und sogar des„Angriff" gedacht haben. Auch die„Frank- furter Zeitung" ist in Nöten. Rückg&ng der Gaststätten Berlin zählte Ende 1032 10 043 Gaststätten, davon 11003 vollkonzessionierte. Jetzt gibt es nur noch 18 644 Gaststätten. Der Neichseinheitsverband des Gaststättengewerbes er- strebt im Reich eine Verminderung der Gaststätten um 30 Prozent und für Groß-Berlin um 30 Prozent, erhöhung stellt, um ein Beispiel zu nennen, der Beschluß der Berliner Bäckerzuuft dar, einen Botenlohn von wöchent- lich 20 Pfennig für den Frühgebäckvcrsand zu erheben. Der Verband begründet diese Maßnahme mit der„Notwendig- keit",„daß jeder seinen gerechte» Lohn für geleistete Dienste erhallen soll", und mit dem Wunsch,„die nationale Kauf- kraft zu heben", obwohl auf diese Weise bestenfalls die Kauf- kraft der Bäckermeister auf Kosten ihrer Kunden gehoben wird. In dieser ungleichmäßigen Verteilung der Kauf- kraft liegt aber die eigentliche Gefahr. Da der Gesamtindex nur wenig gestiegen ist, geht aus der unbescheidenen Er- höhung einer großen Anzahl von Monopolpreisen hervor, daß andere Preise entweder gar nicht oder nur minimal er- höht werden konnten, ivenn nicht gar gesunken sind. Die Produzenten also, die nicht imstande sind, die Preise zu dik- tieren, weil sie sich nicht kartellieren können oder weil sich ihre Abnehmer weigern, die Waren zu höheren Preisen zu kaufen, laufen Gefahr, in eine neue Rentabilitäts» k r i s e zu geraten. Betriebsabwanderung In der„Deutschen Volkswirtschaft" iNr. 13) besaßt sich Dr. Siegert mit den„Gefahren der Betriebsabwanderung". Gegen die immer mehr um sich greisende Betriebsabwande- rung ins Ausland ist eine„Hilfsmaßnahme" eingeführt worden, es werden nämlich Devisen zur Bestreitung der Vcrlegungskosten nicht bewilligt. Durch Einführung des „SichtvermcrkzwangeS ist die Möglichkeit erreicht, die Ab- Wanderung von Facharbeitern zu überwachen. Auf dem Wege über die Spttzenorganijation des Anzeigenwesens ist darauf hingewirkt worden, daß ausländische Anzeigen, die aus eine Abwanderung deutscher Facharbeiter und Betriebe abzielen, nicht aufgenommen werden sollen." Weiter wird der Ausfuhrzoll für gebrauchte Maschinen aufrechterhalten und schließlich wird erwogen, ob die Ausfuhr von Spezial- maschinen überhaupt noch gestattet werden soll; ebenso er- wägt man, an die Erteilung von Reichspatenten den Zwang der inländischen Ausnutzung zu binden. Hakenkreuz als Alkoholreklame Da sich immer mehr Gaststätten ein bei Nacht beleucht- bares Hakenkreuz als Reklame zulegten, ist diese Herab- Würdigung des nationalen Symboles durch die Ortsbau- behörbcn verboten worden. In Bewegung! In den großen Jndustrtebezirken des Rheinlands und an der Ruhr ist seit einigen Tagen eine immer stärker werdende Erregung und Agitation unter der Arbeiterschaft im Gange, die sich gegen die ständigen empfindlichen Kür- zungen der Arbeitslöhne richtet. Di« meisten Betriebe haben in der letzten Zeit die Arbeitszeit wesentlich herabgesetzt und zahlen nicht mehr Wochenlöhne, sondern sind zum System des Stundenlohnes übergegangen. In einigen groben Jndustrtebezirken hat dt« heutige Situation riesige Erregung ausgelöst und zu spontanen Kundgebungen der Arbeiterschaft geführt Die(apanisdien Exporlsiege Gewaltige Profite Im dritten Vierteljahr betrug die Ausfuhr aus Japa« nicht weniger als 324 Millionen Ken, wovon die Hälfte am Fertigwaren allein entfällt. Im vorangegangenen machle der japanische Warenexport 433 Millionen Ken uno im dritten Vierteljahr 1032 tätig. Nach der Macht- ergreifung Hitlers hat er sich als Agent der Nazis hervor- getan. Der UZD. hat in seiner Nr. 33 vom 20. 4. 1933<1- Jahrgang) berichtet, wie Kindermann mit einer Gruppe an- gebltcher„schweizerischer Journalisten" den gefangen ge- haltcnen kommunistischen Führer Thälmann im Gefängnis „besuchte",»m dann zu konstatieren, daß Thälmann besser logiert, gekleidet und genährt werde als seinerzeit er, Kindermann, im Towjctgesängnts. Diese„Konstaticrung" wurde von der deutschen Presse weidlich ausgebeutet, und Kindermann erklärte, er werde über diese gute Behandlung politischer Gefangener im Gegensatz zu der schlechten BeHand- lung in Rußland öffentliche Vorträge in der Schweiz, i« Italien und in Frankreich halten Tochter eines mißliebigen Politikers getötet Nach einer Meldung aus Berlin wurde aus der U-Bahn- strecke zwischen vohenzollernplatz und Fchrbelliner Platz die Leiche der 25jährigcn Käthe Koch-Weser aus Dahlem, Tochter des ehemaligen Rcichsministers Koch-Weser, aufgefunden- Es handelt sich um einen Verkehrsunfall. Dem Reichsminister a. D. Koch ist vor einiger Zeit die Mitgliedschaft zum Anwaltsstande aberkannt worden, weil er Demokrat ist. In Berlin ist das Gerücht verbreitet, bei dem Tode der Tochter des bekannten Politikers handele es sich nicht um einen Unfall. SA.-Rehellion In Emden ist es, wie der Nazi-Rcgierungspräsident vo« Aurich festgestellt Hat und zugeben muß, zu Tätlichkcitev gegen den Oberbürgermeister gekommen, die von Mit- gliedern der NSDAP, begangen wurden. Tie Täter, bei denen eS sich um Fischer Handelt, die mit der Heutigen wirt- schattlichen Lage unzufrieden waren, wurden in» Konzentrationslager gebracht. Pariser Berichte Pariser Straßenkalender Bezirk Saint-Philippe-du-Ro«le wurden zwei ge- Ehrlich« Automarder, die aus Frankreich bereits aus- »ewiesenen und erheblich vorbestraften Italiener«ergami ""d Bassini, unschädlich gemacht. Im Cluny-Museum ist wenige Tage das 8,10 Meter lang« »nb 1,50 Meter breite Leinentuch„der heiligen Anna- aus °er Kirche von Apt ausgestellt, das durch die berühmten Gobelins-Werkstätten repariert wurde. Das Tuch wurde "n Jahre 489(1096 unserer Zeitrechnung) in Damiette gewebt. Die Wiener Fußballmannschaft wird Dienstag, 81. Okt., vormittags 9.80 Uhr, ans der Gore de l'Est eintressen. Das Hochwasser der Loire und des Allier hat viel Schaden angerichtet. Der berühmte Golfplatz von Bicky steht unter Kaiser. In Burgund bei Nonlius ertrank ein Bauer, der »ein Pferd retten wollte. Boni Montag, 80. Oktober, an wird die Linie 88 Choisy— lihatelet durch Autobusse ersetzt. Der Dienst der Verkehrs« dampser hört von Montag an sür die Winterzeit aus. Die grasten Pariser Warenhäuser stnd dieses Jahr, da die >°nst übliche Genehmigung zur Geschästsössnung am Sonn- 'ag vor dem Feiertag Allerheiligen nicht erteilt wurde, am ganzen Mittwoch(Allerheiligen) geöffnet. Der General Wcygand, der Gencralinsvekteur der sran- zosischen Armee, hat sich von Paris nach Marokko begeben. Der amerikanische Flieger Lindbergh und Mist Lindbergh nnd aus unbestimmte Dauer in Paris eingetroffen. £*****•*«»•••«*• Sndien Sie eine nene Existenz? Wollen Sie wieder arbeiten? Wir bieten Ihnen Möglichkeiten mit größerem und mittlerem Kapital in bestehenden. bestrenommierten französischen Unternehmungen teilzunehmen od. solche zu erwerben.— Wir stehen Ihnen mit Aufklärungen und Rat auf Grund langer Erfahrungen zur Verfügung.— Wir geben Ihnen nicht nur exakte Unterlagen, sondern sichern Ihnen vor Ihrer Entscheidung das Recht *ur längeren Beobachtung des Betriebes zu. Anfragen an: DDCOERA, 21). RUC du Ed St Hanert, Perlt• Palnlevé und Einstein Es war einer vornehmsten Züge Painlevss, des großen Jranzosen, daß er seinem großen deutschen Gegner Einstein die Pforten des Instituts de France erschloß. Denn im Grunde ivaren Einstein, der Begründer der zur Weltan- schauung eroberten Relativität und PainlevS, der abstrakte Mathematiker, der reine Logiker, Meister aus der Schule PasculS. wissenschaftliche Gegensätze. Aber der große la- leinische Gelehrte legte diesen Konflikt, auf dem in Deutsch- land heute vielleicht politische Prügelstrafe steht, mit dem verfeinerten Mittel der höchsten Kultur aus. Er verHals dem vom Konzentrationslager Bedrohten, dem Hitler die Zuge- Hörigkeit zum Vaterlande eines Lessing und Kcu»t absprach, zum Sessel der Unsterblichkeit. Painlevs, ein Kind des Volkes, frühreif ivie fast alle Denker der mathematischen Figuren, beherrschte schon als Kind von elf Jahren die ganze Geometrie. Mit 23 Jahren saß er aus dem Katheder der Universität von Lille, mit 28 zierte er die Torbonne. Die„Funktionen des Painlevê" in öer Differentialgleichung sind sein unsterblich Werk. Mit 87 Jahren wâr er Mitglied der Unsterblichen und von zehn Akademien des Auslandes. Auch die Politik, das Ministe- viuin des Krieges 1917 in seinein zerissenen Lande, später vis Ministerpräsident, trieb er mit der Kühnheit hoher wathematischer Kurven. 1924 verließ er zivciinal das PalaiS Bourbon, um an der Sorbonne über Molekül und Flui- bum zu lesen. Painlevs hat ivenig geschrieben: er hat, ivie manche»vahr- Haft Große, das Wichtigste seines Lebens gesprochen. Seine Taten und sein Sinn für die Zukunft, der vor allem in die kleberwindung der Luft gerichtet war, überdauern ihn. Painlevs ist still und einfach, bttrgerlich-unbemerkt aus der Welt gegangen, ivie er gelebt hat. In seiner Kammer, worgcns nach?, an einem Herbstsonntag, waren nur seine Schwester, sein Sohn, ein Neffe, sein alter Kabinettches und êin früherer Ordonnanzoffizier, der Arzt und sein Privat- sekretär um ihn versammelt, als sein Auge brach. Vorgestern arbeitete der erhabene Gelehrte noch an einem Werke über die neue Mechanik. Am Abend vor seinem Tode übersetzte er Goethe mit seinem Privatsekretär. PainlevS ist in der Rue de Lille gestorben. In der Nue de Lille liegt auch die deutsche Botschaft. Die deutsche Botschaft muß Schmach und Schande empfinden, wenn sie an diesen großen Franzosen denkt, der seinem großen Gegner die Hand des Asyls reichte und vor seinem Tode Goethe übersetzte... Jean Christophe. Konzerte der Vertriebenen Deutscher Klub. Université du Panthenol!,«4, Rue du Rocher, Poris 8. Donnerstag, 8. November, 9 Uhr abends, 1. Konzert des aus emigrierten deutscheu Musikern gebildeten Kammer-Ttrcich- ^»chesterS: Werke von Bach, Händel, Mozart, Ehopin und Johann Strauß. Solisten: Sara Wittenberg iMeifterschiilerin Prof. Artur Schnabels, Klaviers, Ernst Tottorf lBaritons. Karten: zu 8,50, 6,— und 10,- Fr. Vorverkauf„Pro Musiea"..78, Bd. St. Michel, Paris 5, Tel.-Tanton 80-00. F ouIet-Konzerte Man schreibt uns: TaS große Jntercge, das die Konzerte Pauket hervorrufen, verdanken wir dem berühmten russischen Dirigenten 6 m i l e Kuper Am 18. Oktober wurde die 8. Symphonie von Reuiiel,„Abasien»" laus der 5. Symphonies für Saiteninstrumente von Mahler.„Ter Sturm" von Tschaikowsty und ein Vorspiel aus bem„Tannhäuser" von Wagner gespielt. Unter der meisterhaften Leitung Emile KupcrS klang das Orchester ausgezeichnet, bcson- bers in der unruhigen und mannlgfaltig-rhythmtschen Symphonie von Roussel und bei Wagner. Einen großen Erfolg beim Publikum bette die berühmte russische Sängerin Maria Kurcnko llyrischer Soprans, die Mozart und Stravinsky sehr schön gesungen hatte. Da» weiße Rößl in Marseille Dem Vernehmen nach wird die„Auberge bu Cheval Blanc" von Erik Cbarell, die seit vielen Monaten in Paris auf dem Repertoir steht, in einiger Zeit in Marseille llegeben werden. Die Riesenbenfe der bagerisdien Sdiwesfern Die ungeheure Giftmenge im Leibe der Tuberkulosen— Moro-Giafferri als Sachverständiger für Zink-Versuche A ix-en-Champagne, 28. Oktober. Ein besonders furchtbares Beweisstück ist die U h r des in der einsamen Villa ermordeten früheren Priesters Cham- bon, die der Angeklagte Sarret immer bei sich trug. Katharina, die Geliebte von Sarret, die jüngere der zwei Mitangeklagten bayerischen Schwester», war nach dem Ende des hochversicherten tuberkulösen Mädchens Magali, die unter dem Namen der Bavert» begraben wurde, amtlich tot. Tie führte nach dem Zeugnis der Hotelinhaberin Mine. Lambert in Rice, wohin sie sich versteckt hatte, eine furchtbar gedrückte Existenz, wollte abwechselnd Selbst- mord begehen und beichten. Wenn Sarret sie besu-chte, zog er stets die Uhr des Toten aus der Tasche, dann erschrak sie furchtbar. Er hielt sie damit unter seiner Botmäßigkeit. Der Zeuge Leon Amici, vormals Trogist in Mar- seille, erinnert sich ganz genau, daß Sarret 1924 bei ihm eine ungewöhnliche Menge Vitriol kaufte. S a r r e t: Das stimmt. Das Vitriol besorgte ich im Aus- trage von Chambon und Deltreuil. Vorsitzender: Ausgerechnet für Deltreuil, der ein armer Schlucker in einem billigen Hotelzimmer war, so viel Chemikalien! S arret: Gewiß, er besaß eine Fabrik, Warenlager... Der nächste'Zeuge wurde vor Gericht ohnmächtig. Es war der Notar L i c u t a r d. bei dem P h i l o m e l c, die ältere Schwester, in einer Kapuze als ihre eigene Mutter aus Deutschland erschienen ivar, um das Versicherungsgeld in Empfang zu nehmen. P h i l o m e l c gibt das zu. Sie erklärt, Sarret habe, als er sie in diesem Aufzuge sah, erklärt, daß er sie gerne fotografieren möchte. Bei diesen Worten fällt der Notar um. Die Hitze und ein scharfer Gasgeruch im Gertchtssaal haben ihm die Be- sinnung geraubt. Unter anderen wird dann der Pariser Hotelbesitzer B o- c a r e l l i aus der Rue du Helber in der Nähe der großen Boulevards vernommen, bei dem Sarret und Katharina ivohnten. Bocarelli weiß nichts Besondere« auszusagen. Der Zeuge Professor B a r r a l aus Lyon, bekannter Ge- lehrter und korrespondierendes Mitglied der Akademie der Medizin, hat in der Leber der toten tuberkulösen Magali — — 1 Sichere Existenz Wir suchen fur einige unserer seit 20 Jahren bestehenden Filialen iu die zirka 75 000,— Fr. Sicherheit stellen können. Gutes Einkommen. Zuschriften an: COMTANT 247.276 Rue Vivienne 17, PARIS BB — die ungewöhnliche Menge von 83 Hundertstel Gramm Zinksalz festgestellt, im Darm und in den Eingeweide» Mengen von 31 bis 52 Hundertstel Gramm, im ganzen 2,79 Gramm. 25 bis 59 Hundertstel Gramm könnten schon den Menschen töten. Katharina und Philomele beteuern, daß sie die arme Magali nicht vergiftet haben. Verteidiger de Moro-Giafferri: Entsinnen Sie sich an die Versuche in der Sorbonne, in deren Verlaufe der Gelehrte Craissac Brot mit Zink aß, um zu beweisen, daß Zink nicht schädlich ist? Professor B a r r al: Ich erinnere mich dunkel. M o r o: Ich will zwar nicht„wie Grosjean meinen Pfarrer lehren"(d. h. klüger als die Henne fein), aber ich versicher«, daß dieser Versuch stattgesunden hat. Professor B a r r a l bemerkt noch, daß die junge Magali diese ungeheure Menge nur bei sich behalten hat, weil sie in sehr geschwächtem Körperzustauöc war. Ein gesunder Mensch hätte das.Zinksalz erbrochen und wäre gerettet gewesen. Der General st aatSanw alt stellt fest, daß auch der Bruder Sarrets an Zinksalz gestorben ist. Am Ende deö 5. Tages geraten sich zwei Zeugen, die mit dem zweifelhasten Haus in Marseille, das die Schwestern Schmidt zeitweise betrieben haben, in Verbindung standen, fürchterlich in die Haare. Sie beschimpften sich gegenseitig als Räuber, Halsabschneider nnd dergleichen.„Hals- abschneider. das ist möglich." erwiderte der eine,„aber ich habe nicht wie Sic mein Geld in Buenos Aires gemacht." Die Schwestern Schmidt versicherten, sie hätte» das „HanS der Zusammenkünfte" wieder aufgegeben, weil es ihnen dort nicht schamvoll genug zugegangen seil Alles reiche Leute— Das mysteriöse Buch Am 0. Tage wird der Zeuge H e n r i M a r t i n als Tach- verständiger vernommen, der die Bücher Sarrets und der Schwestern Schmidt prüfte. Der Expriester Chambon nnd seine Geliebte hatten im Moment ihrer Ermordung 195 999 Fr. S a r r e t hatte um dieselbe Zeit ziemlich viel Geld, aber im Jahre 1939 verminderte sich sein Bankkonto auf 39 999 Franken. Er hatte ein Jahreseinkommen von 49—99 999 Fr. Von der Versicherungsbeute entfielen 899 999 Fr. auf Sarret, 999 999 auf die beiden Schwestern. Die Schwestern machten wahnsinnige Ausgaben, u. a. kauften sie für 35 Mille Schmuck nnd für 49 Mille Pelze. Sarret kaufte Papiere. Im Gelbschrank sand man 389 999 Fr. nach der Verhaftung. Seltsamerweise wurde nach langer Zeit ein von Sarrets Hand geführtes, aber unvollständiges, mit verlöschbarer violetter Tinte geschriebenes Abrechnungsbuch in der Portierloge des Marseiller Gerichts gesunden. Es wird fest- gestellt, daß es im Untersuchungsgefängnis keine violette Tinte gab. S a r r e t erklärte jetzt, bas Buch sei von I o a n n y ge- führt worden— einem Toten. Ein Geschworener will Sarret eine Falle stellen und fragte, in welchem Fach das Buch lag—(um nachmessen zu können). Sarret merkt die Falle: Das Buch lag in einer Schublade, sagt er. Das Geheimnis dieses Büches ist noch nicht aufgeklärt. „Gleichschaltung" von Violette Nozières Während in Paris Violette Nozteres immer noch in der Zelle des Franengefängnisses Petite Rognette siyt nnd in Gesellschaft zweier alter Tanten Pullover strickt, und der berühmte Herr„Emil" immer noch nicht gefunden ist, hat sich östlich vom Rhein der zum nationalen Ehrendienst erklärte Berus der sittlich geläuterte» Presse dieses wunder- baren Falles sür Herrn Julius Streicher bemächtigt. Da schreit es in gewaltigen Runen„Das Verbrechen der Rue îeilkabev naefi Jronfircicfi Musikinstrumenten- Fabrik gegründet 1898 Sitz in den franz. Vogesen, sucht Tal baber mit etwas Kapital zur Aufnahme neuer Art'kel(Kinderspielzeug). Herren, die branchekundig sind, bevorzugt. Offerten unt. „MM Vogesen" an die Gesch. der„Deutschen Freiheit" Madagascar".— Madagascar, die Ncgerinsel, bat zwar mit dem Fall nichts zu tun, sondern die Straße dieses Namens liegt harmlos im Spießbürgerviertel an der Porte de Charenton, Ivo es in das Bois des Ostens hinausgeht. Aber „Madagascar"— klingt das nicht gleich nach:„Negerblut am Messer spritzt"? Na, und dann hat Violette ja auch, als sie mit dem schwarzen Saxophonisten ins Stundenhotel siing,„Rassenschmach" getrieben, wogegen Herr Göbbels, selbst das Produkt einer solchen Kreuzung, empfindlich ist. Die Einleitung des von einem Verivandtcn von Wipp- che» mit einem Zusatz Ewers geschriebenen Aufsatzes in der illustrierten„Süddeutschen Sonntagspost" ist köstlich. Daß diese Giftmörderin und Bnmmclantin auf dem Boul. Mich, von der gesamten französischen Oefsentlichkcit verabscheut, ja gehaßt wird und daß Straßenkundgebungen gegen sie stattgesunden haben, ist dem Gleichgeschalteten nicht so wichtig. Der Mann, der hier seine nationale Pflicht in Fettdruck tut, stellt fest, daß dies eine„echt französische Sen- sation" ist, und es will ihm„fast scheinen, als seien der französischen Öffentlichkeit solche Dinge noch wichtiger als Abriisfti»q? Wii4schasts4rise und ,die übrige» Sorgen der Menschheit". Ritterlich, was? Schwupp, da bat die teuto- ntsche Bärentatze es dem gallischen Hahn mal wieder ge- geben.- i- î â-.. Diesem Vorspiel folgt ein spaltcnlanger, in schlechtem Holzbock-Stil zzisammengehaucner Bericht, der ungefähr so aussieht, als wenn ein braver Familienvater nach Paris kommt und seinen Aerger über die ihm unerreichbar gewor- dene„Unsittlichkeit" abreagiert. In Wirklichkeit ist die ganze Wippchen-Erzählung aber nur geschrieben, um die Spießbürger daheim nach der Methode des lieben Spiegel- berger mit den ach so verpönten Sensationen zu versorgen. Doch mögen sich die Leute um Göbbels beruhigen: Der Fall der Violette ist gar kein Fall„französischer" Sen- sation, ebenso wenig wie etiva der Fall der beiden in Aiy vor Gericht stehenden, aus Bayern stammenden Mordhelfc- rinnen ein„deutscher" Fall ist. Sondern die Biolette ist eine allgemein europäische Jngentü^ r Nachkriegszeit. Ffarrer mit dem Fliegerexamen Aus Boulogne-sur-Mcr wird eine Kuriosität gemeldet: Zum erstenmal haben zwei im Amt sitzende Pfarrer das Flugpatent erhalten. Der eine ist ein Pfarrer Papillon von einer Abtei in der Somme, der andere ei» Geistlicher Charlon aus Lille. Die beiden nahmen ihre Flugstunden bei dem Luftakrobaten Longin im Fliegerklub Nord, der unter der Leitung des ersten Paris—Madagaskar-Fliegers Marchcsseau steht. Die deutsche Uraufführung der„Marne" Raynals^berühmtes„Grabmal des unbekannten» Sol- baten", diese ergreifende Kriegsidylle mit dem Appell eines Dichters, vom Hasse abzulassen, war einer der größten Theatxrersolge im Berlin des republikanischen Deutschland. Günther Hadank hat unzählige Male in der einfachen Figur des französischen Soldaten, der von seinem Geivtssen überwältigt wird und nach dem Vergießen von Ozeanen von Blut die Feindesliebe predigt, die Herzen erschüttert. Im heutigen Deutschland, in dem der Minister Göbbels verlogen die Franzosen durch Liebesschwüre zu ködern ver- sucht, ist für Beteuerungen der Menschlichkeit k e t n Raum mehr. Die Fortsetzung des„Grabmals des unbekannten Soldaten", die Raynal geschrieben hat, kann in Deutschland nicht aufgeführt werden. Das Stück, das unter dem Titel„La Franeerie" im März in der Comedie Française, dem französischen Staats- theater, uraufgeführt wurde, muß jetzt seine llraufsührnna in deutscher Sprache außerhalb der deutschen Landes- grenzen suchen. Die Premiere des Schauspiels, das«n deutscher Sprache„D i e Mar n e" heißt, wird am 3. No- vember im Stabttheater Basel stattfinden. Die Regie führt Alwin K r o n a ch e r. der neue Intendant von Basel, der vom„dritten Reich" als Intendant der Goethestadt Frankfurt abgesetzt wurde. Die Dichtung NannalS ist von SI. v. M altza h n ins Deutsche übertragen. Wegen Todesfall In sehr guter Lage ist in Paris ein«ehr gut gehendes Lebensmittel» Geschäft mit ♦•Zimmer»Wohnung z. Preise v Fr. 600X>.— sofort zu verkaufen. Umsatz Fr. 280000,— Miete pro Jahr k> 4500,-. Zahlungierleichterung. M-,«prichi d«.l*ch I Bmol 92. rbg. St. Drall P»ri. 10«. Tel. 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Ter nachstehende Aussatz, der noch vor der Abstimmung geschrieben wurde, schildert die Lage vor der Abstimmung und kennzeichnet den Inhalt des faschistischen Versassungspro- jektes: Hinsichtlich der künftigen politischen Prodis läßt die neneVerfassu n g, wie die„Neue Auricher Zeitung" be- richtet, alle Möglichkeiten ossen. Sie sieht zwar ein nach dem Personalprinzip gewählte» und von 10» auf Ai Abgeordnete reduziertes Parlament, einen direkt vom Volk gewählten Präsidenten und eine von diesem ernannte Regierung vor, verleiht jedoch dem Präsidenten eine Machtsülle, wie sie kein anderer Präsident in Europa oder Nordamerika be- sitzt. Er kann nicht nur die Hausordnung des Parlaments, das Gesetz über die Abgeordneiendiäten, über die gerichtliche Belangnng der Minister, sondern auch das Bubgetgesey und das Staatsbudget selber austcr«rast setzen. Seine Stellung der Regierung und dem Parlament gegenüber ist derart, dast er, je nachdem er von seinen Befugnissen Gebrauch macht oder nicht,„parlamentarisch",„autoritär" oder auch als Diktator regieren kann. Wie die Zeitung„Vaaba Maa" sich etwas drastisch ausdrückt, wird künftig mit der Präsidenten- wähl alle fünf Jahre auch eine neue Entscheidung über die Etaaisform Estlands gefällt. Der Machtkampf der Parteien, den die„Freiheitskämpfer" restlos auszuschalten hoffen, kann zwar der Tagespolitik entzogen werden, wird sich aber desto intensiver auf die Präsidentenwahlen konzentrieren. Sollte es den„Frei» il e il sl ä m p s c r n" gelingen, stets den Präsidenten zu stellen, was immerhin fraglich erscheint, so würden lie aller- dings den Staat beherrschen. Nach ihrem Führer S> r£ erstrebt die Bewegung indessen keineswegs die Diktatur: der Präsident dürfe nur in äußersten Notfällen zu seinen maximalen Befugnissen greisen. Mit dem Nationalsozialismus habe die Bewegung nur die antimarxistische Einstellung ge- mein. Ueber den Umschwung in Estland zeigt sich aber die ruf- fische Presse st a r k beunruhigt. Die„Jsvestija" be- trachte: die Aushebung des Parlamentarismus und Errich- tung einer„Art faschistischer Diktatur" als eine bereits voll- zvgene Tatsache. Das Blatt konstruiert einen engen Z u- i a m m e n hang zwischen der Stärkung der fa>chistischen Organisationen in Estland und der Tätigkeit gewisser sow- jetfetndlicher Elemente unter den deutschen National- s o z i a l i st e n, die hofften, die estnische Politik mit der deutschen zu verknüpfen und Estland schließlich zu einem Werkzeug der Außenpolitik des deutschen Faschismus zu machen. Nach„Prawda" hat der Bormarsch des estnischen Faschismus auch aus die russischen Emigranten, die von einem„Kreuzzug" gegen die Sowjetunion träumten, ermunternd gewirkt. Der Weg zur offenen Diktatur führe in Estland gleichzeitig zum Verlust der Unabhängigkeil und zur Umwandlung in einen Vasallenstaat des deutschen Faschismus. Tatsache ist, baß die Deutschen Estlands überwiegend für die Reform stimmten, trotzdem sie in dem dezimierten Parlament mit Sicherheit ihre ganze Vertretung einbüßen werben. Sdiweizcr Dundcsgeridti für Asylredit Sdiufz für einen wegen.jofsdiiags" verfolgten Reidisbannermann lP.G'i Das schweizerische Bundesgericht hat am 20. Okto- ber einen juristisch und polltisch gleich, bedeutsamen Entscheid in der Frage de» Asylrechts gesaßt. _Es handelte sich um folgenden Vorfall: In der Nacht vom -'7. zum 28. Februar d. F., also in der Nacht des Reichs- tagsbrandes, war der zwanzigjährige Reichsbannermann, Heinrich Ockert, gemeinsam mit einem Kameraben auf dem Hiimweg von Frankfurt nach Höchst. Aus dem Wege wur- den die beiden von einer knapp hinter ihnen gehende» Gruppe von vier SA.- und TS.-Männern angerufen und unter Drohungen mit Revolver und Gummiknüppel zum Stehen aufgefordert. Ockert und sein Kamerad ergriffen die Flucht, ivorauf die Verfolger Schüsse gegen Ockert abfener- Un. Da ihm die Verfolger immer näher kamen, drehte sich Ockert im Laufen um und ichost zurück. Von diesem Moment an war es plötzlich rubia. Ockert, der nicht wußte, daß einer seiner Verfolger, der TS.-Scharführer Joses Bleser, tödlich getrotten war, ergriff die Flucht und begab sich in die Schweiz. Deutschland batte acgen Ockert Hastbefehl ertasten und beantragte, nachdem Ockert in Zürichs wo er ordunngsge» maß angemeldet wohnte, verhaftet worden war, seine Aus- lieferung wegen Totschlages. tl'ö ist für die deutichc Justiz im„dritten Reich" kennzeich- Ucnd, daß in einer amtlichen Denkschrift des Amtsgerichts- «chad in Frankfurt a. M., die zur Unterstützung des Ai.slieierungsbegehrens an das Eidg. Justiz- und Polizei- département gesandt wurde, sowohl tatsachenwidrige als auch amtlichen deutschen Angaben widersprechende Anschuldigun- gen gegen Ockert erhoben wurden, um seine Auslieferung zu erzwingen. Der Referent des schweizerischen Bundes- gcrichtes, Näqeli, stellte vor dem Bnndesaericht fest, daß der Haftbefehl Ockert des Tott-blaa» beschuldigt, während die ^cnkichrist ihn ohne jede Begründung des Mordes anklagt. Die Denkschrift bestreitet den volitischen Ebarakter der Tat und erklärt, keiner der Teilnehmer an dem Zivischensall sei als Angehöriger politischer Wehrformationen erkenntlich ge- wlsn^ Der Bcrickst der deutschen Polizei selbst aber spricht von SA.- und SS.-Männern einerseits und zwei unifor- mierten Reichsbannerlenten andererseits. Ueberbies konnte der Verteidiger Ockerts, der sozial- ^„«tische Natinnalrat Johannes Huber, umfangreiches und eindeutiges Material dafür darbringen, daß bentsme Behörden in anderem Zusammenhang allerdings den politischen Ehgra'trr der Tat nicht nur zugeben, son- dern geradezu hervorheben. Ter Referent de» Bnndesaerichts hob aus diesem Material insbesondere einen Brief Hitlers an die Frau des getöteten Ses.-Mannes hervor, in dem dieser als Opfer im Kampf für die nationale Erhebung bezeichnet wird sowie eine To- tenliste im Programm des hesscn-nassanischen Gaupartei- leges der Nationalsozialisten, in der Bleser als im Dienst gefallen bezeichnet und die Sbnld stir seinen Tod der beul- sch"n S"iigldemot>-at|-„geschrieben wird. Ter Referent des BnndeSgerlchtes verwies ferner aui eme Reihe deutscher amtlicher Kundgebungen, in denen die Wiederherstellung des Rechtszustandes durch die Einstellung individueller Aktionen verlangt wird und erklärte, daß der zur Verhandlung stehende Fall n»r als eine Episode in den gewaltigen politischen Kämpfen um die Macht in Deutschland anzusehen sei. Die zahl- reichen Amnestien für politische Delikte, z. B. im bekannten Mordfall von Potempa unterstützen diese Auffassung. Aller- dings erfolgten diese Amnestien nur zugunsten einer poli- tischen Richtung. Für das schweizerische Bnndcsgericht kann entsprechend seiner langjährigen Praxis, die auch vor zehn Jahren gegenüber Italien geübt wurde, dieser einseitige Standpunkt nicht in Betracht fallen. Der Referent beantragt daher Ablehnung des Anslieferungsbegehrens. Dieser Antrag wurde von den sieben Mitgliedern der staatsrechtlichen Abteilung des Bundcsgerichtcs einstimmig ange- n o m m e n. Die Auslieferung Ockerts an die deutsche Rachejustiz unterbleibt also, trotz der im amtlichen Verkehr min- dcstens als ungewöhnlich zu bezeichnenden Me''^- der deutschen Behörden. nnier faisait sein Doch Für den Auslandgebrauch In einem Brief an die Redaktion der„Times" macht P. I. Hartog darauf aufmerksam, daß der Ucbersetzer der englischen Ausgabe von Hitlers„Mein Kampf" u. a. eine Passage des Originals übersprungen hat, die Hitler als te-n politisches Testament bezeichnete. In diesem Ab- schnitt des 14. Kapitels, das sich mit dcjr Notwendigkeit-iaer Isolierung Frankreichs gegenüber einer Mächtegruppe Deutschland, Italien und England befaßt, heißt es: „Duldet niemals das Entstehen zweier Kontinental- mächte in Europa. Seht in jeglichem Versuch, an den deutschen Grenzen eine zweite Militärmacht zu organi- sieren, und sei es auch nur in Form der Bildung eines zur Militärmacht fähinen Staates, einen Angriff gegen Teutschland und erblickt darin nicht nur baS Recht, sondern die Pflicht, mit allen Mitteln, bis zur Anwendung von Waffengewalt, die Entstehung eines solchen Staates zu verhindern, beziehungsweise einen solchen, wenn er schon entstanden, wieder zu zerschlagen..." Pfälzer Brief Die gegenwärtigen Machthaber sind auch in der Pfalz über die tiefgehende, allgemeine Unzufriedenheit gut unter» richtet. Neue Schikanen, Verfolgungen, Entlassungen, Haus- snchnngen und Verhaftungen sind deshalb die voraus- gesehene Folge... Es wurden überall große Haussuchungsaktionen, teiln-elir auch Durchsuchungen von Passanten und Verkehrs>nlt>cu> auf der Straße durchgeführt. In einem amtlichen Ber«w über das Ergebnis dieser Aktion heißt es,„Hekatomben von Hetzblättern flattern durch das Land. Mit einem ungeheuren Aufwand wird versucht, den so oll tctgesagten Marxismus erneut lotzuschlagen. Aber der s.ol- gesagte ist auch bei uns in der Pfalz sehr lebendig und itn- del mit der zunehmenden Verschlechterung der VerhälttniE aui allen Gebieten immer mehr Verständnis auch bei eye- maligen Gönnern der verlogenen Hitlerpropaqanda. Die als Hetzschriften bezeichneten marristiscben Aufkla- runas'-hriften sind auch in nichtmarxistischen Kreisen ieyr begehrt, weshalb sich die Haussuchungen auch bereits in. gro- bem Umfang auf diese Kreise erstrecken. Die tatsächlichen Verhältnisse haben den Glauben an alles, was heute von offizieller Seite verkündigt wird, stark erschüttert. Die Lüge kann vorübergehenden Erfolg haben, muß aber als„System ziEanimenbreckien. Das soll durch gesteigerten Terror ver- hindert werden.„ Während die Razzia" fast überall trotz der„Hekatomben von Hetzschriften erfolglos verlief, sollen angeblich in P«f masens Schritten gesunden worden sein. Es wurden zwei Anhänger der SPD. und einige der KPD. verhaftet una mit einem Prozeß wegen„hochverräterischer Umtriebe uno Greuelvro>f->nnda" bedroht. Tie werden beschuldigt,„mit den Prominenten im Saarstaat und im Elsaß" in Verbin- duna gestanden zu haben. Das ist genau so gelogen, wie die Anklage gegen oic angeblichen Reichstagsbrandstifter tw Lcivziner Prozeß. Es wird auch von keinem Urteilsfähigen geglaubt. Aus A nn weiter berichtet die Nazipresse, daß verschte- dene zu den früheren linksgerichteten Parteien gehörende Arbeiter und Handwerker entlasten iverden mußten,„wen sie dem nationalen Staat keine Sympathien entgegenbrtn- gen wollen". In Lemberg wurde ein Mädchen verhaltet, weil es irgend eine Besorgung in eine alte Parteizeitung, die da- mais nicht verboten war, eingewickelt hatte. Die Beamten wurden damals allerdings eingeiangen mit dem Versprechen, ihre Lage werde sich unter national- sozialistischer Herrschaft wesentlich bessern. Sie hat sich oller- dings in jeder Beziehung wesentlich verschlechtert und die meisten werden wohl wieder das alte System zurückersehnen, in dem sie frei nach Liebet aehungert haben. Aus allen gegenwärtigen Gemeinderatsberichten gebt her- vor, daß jetzt auch in den Gemeinden, die sich früher W d> magogischer Weise unter Hinweis auf ihre nationalsozialistischen Grundsätze geaen die B ü r a e r st e n e r gewendet haben, einstimmig aui Verlangen der Bezirksämter 200 und mehr Prozent beschlossen werden. Die bitlertreuen Bauern machen natürlich wegen dieser und anderen Maßnahmen böse Gesichter. Trotz außerordentlicher Werbemaßnahmen ist die Lage des Landestheaters für Saar und Pfalz sehr ungünstig- Die Vorstellungen werden schiebt besucht, weil die wirklichen Theaterfreunde ausgestoßen sind, während der rauhe SA-- Mann für solche Veranstaltungen kein Interesse hat. Das wird trotz aller Klagen über den schlechten Besuch nicht bester. Die Gauinbrerin des BTM. bat"ch nach einer Besichtigung des unter großen Opfern der Mitglieder erbauten und jetzt von den Nazis gestohlenen Naturfreunde- Hauses am Ebersberg bei Annweiler anerkennend über die hübsche Lage ausgesprochen. Wir glauben schon, daß sich die Spitzbuben dort wohl suhlen. An- und Verkauf zentralem opä sohei und südamerikanischer Devisen Effekten und REICHSMARK durch das Bankhaus Georges Pertes& P. Michel 34 RUE LAFFITTE. TELEFON TAITBOUT PARIS IX OS- 40 BIS 45 BfHEFKflSîEW Dr. R. Zürich. Sie schicken uns da» nationalsozialistische Blatt „Ter Reichsdeutsche", das in Zürich erscheint. Da heißt eS in der Nr. t2:„Tic SKchrljeit wird und muß durchbrechen: sie wird das Tun jener Leute, die glauben, mit Bajonetten einem Volke seine» Willen und sein Sehnen unterdrücken zu können, als das ent- fchlcicrn, was es ist: Verrat am Volk!!" Fettgedruckt und zwei AusrnsnngSzcichen im Original!— TaS soll ein Wort sein, ouch wenn ei nur aus Oesterreich gemünzt ist. «n viele. Tie Flut der Manuskripte steigt von Tag zu Tag und die Sichtung erfordert Zeit. Wir bitten um etwa» Geduld. Renyvrk. Tank für den ermunternden Brief. Verständnis wirkt in.mer belebend. Wir sind froh, daß auch drüben der Widerhall wächst. Tr. W. K Bukarest. TaS Saargebiet ist rein deutsch. Französisch« Sprachinseln gibt es nicht. Tie Sprachgrenze liegt auch im benach- berten Lothringen noch Dutzende Kilometer westwärts. Asta. Wir geben davon Kenntnis, daß Fuliii» Zerfaß noch in Dachau und Karl Bröger seit kurzem au» dem KonzentrationS- leger entlagen sein soll. Für den Gcsamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz in Dud- weiler: kür Fnserate: Otto Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH.. Saarbrücken». Schützenstrage S. Dr. A. Sliosberg INNERE KRANKHEITEN 6. r. InlesC arét e. Ecke 40 Bd. Emde Augier ' AK1S( 6). Méiro- Mottle. Troc. 22 04 Mittwochs und Freitags von 2—4 Uhr und nach vorheriger Anmeldung Tél. Trinité 43-13 Métro: Pigalle Deutsche Poliklinik Paris, 62, Rue de la Rochefoucauld .1 Allgemeine Konsul tat toner nit 9 Spezialisten b) Chirurgie Zweistöck ges Sanato- nuinsgehaude. Die aller modernste Einrichtung c) Geburtshilfliche Klinik Ordination täglich von 9 12 and 2 d) Zahnärztliches Kabinett Zahn, und Mundchirurgtc 8; Sonn, und Feiertags von 10—12 and 2—4 Uhr Vierstöckiges Gebäude. Zimmer mit 1 bis 4 Betten ■an