Ar. 77. Abonnements- Hrdtngungtn: AbonnemenlZ-Pret« pränumerando: «ierteljährl. ZL0 Mü, monall. 1,10 Mr, wöchentlich 28 Psg. frei lnS Hau«. Einzelne Nummer S Pfg. Souniagi- Rümmer mit illustrirter Sonntag«- Beilage„Die Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: ZL0 Marl pro Quartal. Eingetragen in der Post-Zeit»»g«- Preisliste sür 1887 unter Et. 7437. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich- Ungarn 2 Marl, sür da« übrige Ausland 3 Marl pro Monat. 14. Jahrg. Erschei»! täglich»usjer Wonlag«. -* Vevlinev VolksblÄkt. Die Insertions- Gebühr betrögt für die sechSgespaltens«olonel- zeile oder deren Raum 40 Pfg., für Verein«- und versammlungS-A izeigen, sowie Arbeitsmarlt 20 Pfg. Inserate sür die nächste Nuinmer müssen bi« 4 Uhr nachmittag« in der Expedition abgegeben werde». Die Expedition ist an Wochentagen bi« 7 Uhr abends, an Eon»- und Festtagen bi« g Uhr vormittags geöffnet. >ernsprecher: Ruit I, Er. 1208. Telegramm-Adresse: «Sozialdemokrat Srrlin". Dentrawrgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands. FUdtliUiott; SW. 19, Wenty-Straße 2. Donnerstag» den 1. April 1897. K-rpedttio»: SW. 19, WMh-Stt.che 3. Abolllleiiieilts-EinllldWg. Am l. April eröffnen wir ein neues Abonnement auf den ,.Vor»oörks" mit der illnstrirten Sonntags-Beilage „Die neue Welt". Die Aendernngen, die mir seit dcni 1. Januar eingeführt haben, erfreuen sich des lebhaftesten Beifalls unseres Leserkreises Unsere Literarische n. Volkswirthschaftliche Rnndscha» werden aNgemein als bedeutungsvolle Bereicherung des In- Halts unseres Blattes angesehen. Durch unsere Nnterhaltuttgs-Beilagc ist dem Uuterhaltungsbedürfniß unserer Leser und Leserinnen in reichstem Maße Rechnung getragen worden. Wir beginnen in ihr am 1. April den Abdruck des spannenden, an er- schiittcrnden Konflikten reichen Romans Em aliee 30fvcif von W i l h e l IN i u e von H i l l e r n. Für Berlin nehmen sämmtliche Zeitnngsspediteure sowie unsere Cxpcditio», Bcuthstr. 3, Bestellungen entgegen zum monatlichen Preise von R Mark 10 Pfennige frei ins Hans. Für außerhalb nehmen sänimtliche Postanstaltcn Abonne ments zum Preise von 3,30 M. fnr die Monate April, Mai u. Juni entgegen.(Eingetragen in der Post- Zeitungsliste sür 1897 unter Nummer 7437.) Ncdciktion u. Expedition des„Vorwärts". Vss öptevveichifllkze K�bgeovdnekenhems. Nun ist es wieder zusammengetreten, dieses seltsamste aller Parlamente der Welt. Giebt es doch auf dem weiten Erden- rund keinen legislativen Körper, in dem der wirklichen Volks- Vertretung eine Fünfsechstelmehrheit von privilegirten Vertretern gegenübersteht, in dem der Großgrundbesitz mehr Stimmen in die Waagschale werfen kann als die Vertretung des gesamnitcn Volkes. Scltsani ist auch am österreichischen Parlamentarismus, daß das Abgeordnetenhaus mehr als 2 Dutzend Parteien zählt, und daß die stärkste dieser Gruppen noch nicht einmal den siebenten Thcil des Parlaments umfaßt. Welcher Zustand! Die übergroße Mehrheit niuß sich von der kleinen Minderheit stets sagen lassen, sie habe kein Recht, im Namen des Volkes zu sprechen und zu stimmen. Welche Schwierigkeit zu regieren, wenn jedes Ministerium sich mindestens auf ein halbes Dutzend Parteien mit stark widersprechenden Anschauungen, Gesinnungen und Interessen zu stützen hat. Bei jeder Regierungsvorlage, bei jedem Initiativantrag aus dein Hanse kann sich eine andere Parteigruppiruug bilden, jede größere Partei hat, da sie zum theil aus privilegirten, zum thcil ans Volkswahlen hervorgegangen ist, in sich den Keim der Zwic- tracht, weil verschiedene Interessen von ihren Mitgliedern vcr- treten werden müssen. Heute noch weiß niemand, welche Politik das Ministerium einzuschlagen beabsichtigt, welche Parteien es unterstützen wollen. Die Thronrede des österreichischen Kaisers hat hierüber gar keine Klarheit geschaffen. Biel ist darin versprochen, aber säst jeder Satz mit einer Versprechung ist durch einen Nachsatz aufgehoben worden. Ueberall tönt das Wenn und Aber aus der Rede des Monarchen, so daß allgemeine Unzufriedenheit. in allen Parteien das Ergcbniß des Staatsaktes ist. Weit schwieriger als dem Grasen Taasfe, diesem virtuosen Parlaments- Jongleur, wird es seinem Schüler, dem Grafen Badem, werden, mit dem in Parteien und Partcichcn zersplitterten Parlamente zu regieren. Dies zeigt ein Blick ans das Abgeordnetenhaus. Gruppiren wir das aus 425 Mitgliedern zusammengesetzte Parlament nach der Größe der Parteien. Bios fünf Gruppen babeu mehr als 30 Mitglieder: die Jnngczechen(60), die Regiernngspolen(59), die Dentsch-Fortschrittlichen(49), die Deutsch-Klerikalen(41) und die deutsche Volkspartei(39).; dann folgen zwei Gruppen mit je 28 Mitgliedern, die Christlich- Soziale» und die(liberalen) versassnngstreucn Großgrundbesitzer Hieran schließen sich der Zahl nach die folgenden Parteien: Die feudalen Großgrundbesitzer(21), die Slovencn(16), die Sozialdemokraten(14), die liberalen Italiener (14), die Kroaten(11), die Ruthenen(11), ferner je zwei Parteien mit je 6, 5, 3, eine mit zwei und vier mit blos je einem Vertreter. Um aber die kleinste Majorität im Parlamente zn haben, bedarf es der ziivcrlässigen Unterstützung von 213 Abgeordneten. Diese muß Badem sich verschaffen, koste es was es wolle. Nur von dem kleinsten Theile des Abgeordnetenhauses kann man sagen, daß es dem System Badem unbedingt Gefolgschaft leisten, oder sicher Opposition niachen werde. Auf zuverlässige Unterstützung kann der polnische Graf nur beim Polenklub und einigen Ruthenen und Großgrundbesitzern rechnen, diesen 60— 70 Manu Kerittrnppen der Regierung stehen als unbedingte Opposition gegenüber die Sozialdemokraten, die Stojalowski-Partei, die deutsche Volkspartei, die Deutsch-Nationale», Sozialpolitiker, Demokraten, radikalen Ruthenen. Diese beiden Gruppen um- fassen je ca. 70 Mann. Ca. 140 Abgeordnete muß Badem somit für Bildung einer Regierungsmehrheit noch finden. Am nächsten müßte ihm liegen, die verschiedenen klerikalen Partei- gruppcn zn gewinne». Diese sür sich ergeben durch die Zu sammenfassung der Dcutsch-Klerikaleik, Christlich-Sozialen, der klerikalen Czechen und Italiener, und einer Anzahl Slovenen, Kroaten, Serben, Rumänen und der feudalen Großgrundbesitzer erst 131 Stimmen, also noch immer nicht mit den Polen eine Mehrheit. Das Fazit für den Grasen Badem ist, daß er ohne den Beitritt der Jnngczcchen oder der Deutsch-Libcralen zu einer polnisch-klerikalen Mehrheit nicht regieren kann. Keine dieser Parteien kann aber eine klerikale Schulpolitik, auf die von den Ultramontanen der größte Werth gelegt wird, unterstützen. Bei den großen Aufgaben, die das österreichische Parka ment in nächster Zeit zu erledigen haben wird, wozu in erster Linie die Verlängerung des österreichisch- ungarischen Ausgleiches, die Aendernng des Strafgesetzbuches, die Moderni- sirnng der Militär-Strafprozcßordnung gehören, bedarf das Ministerium einer sicheren, fest zusammenhaltenden Mehrheit, die auf die Dauer sür Herrn Badem zu erhalten schwer fallen wird. Wer es mit dem Volkswohl ernst nimmt, der wird freilich einer Mehrheit für das Kabinet Badem nie angehören können. Dies beweist schon die Thronrede, welche sich über die früher von Badem in Aussicht gestellte Ausdehnung des Wahlrechts, über die beim Schlüsse der letzten Session ver- sprochene Preßreform, über die Erweiterung der politischen Rechte und Freiheiten, über die Ausdehnung der Arbciterschntz- Gesetzgebung, mit einem Worte über all' die Dinge, die einem wirkliche» Volksvertreter am Herzen liegen müssen, völlig ausschweigt. Sicher ist aber das eine, daß sich auch für den Grafen Badem eine Mehrheit finden wird. Wie diese Mehrheit ich gestalten wird, durch welche Prinzipienverrätherei, Ver- prechungen, Geschenke sie gewonnen wird, läßt sich ruhig abwarte». Lorbeeren werden dabei weder Badeni noch die gegenwärtigen und zukünftigen Badeniten ernten., Aber was nicht gleichgiltig ist, ist der Charakter der Opposition in dem neuen Abgeordneteuhause. Sie wird schärfer sein als die in einem früheren österreichischen Parka mente. Graf Badeni wird ihr noch mehr Anlaß geben als irgend einer seiner Vorgänger, und was das wichtigste ist, diese Opposition wird zum ersten Male einen ernsthaften Stützpunkt im politischen Denken des Volkes finden, die Reden der Führer der Opposition werden im Volke wiederhallen. Das neue österreichische Parlament wird ebenso lebhafter Anthcilnahme im Volke sicher sein, wie dem früheren Parlamente Gleichgiltigkeit entgegengebracht wurde, das ist der Erfolg der Erweiterung des österreichischen Abgeordneten- Hauses durch eine, wenn auch ganz ungenügende Vertretung des Volkes und des Einzuges der sozialdemokratischen Fraktion in den österreichischen Parlamentspalast. Uns interessirt natürlich vor allem die Vertretung des österreichischen Proletariats, ihre Stellung i»i Parlamente, ihre Aussichten und ihre kommenden Leistungen. Schon die That- fache einer sozialdemokratischen Fraktion im österreichischen Abgeordneteuhause hat nicht nur, wie ein Blick auf die österreichische Presse aller Parteien beweist, das größte Aussehen hervorgerufen, ihre Zusammensetzung aus Abgeord- ueten der sich sonst bis aiiss Blut bekämpfenden Haupt- Nationen des Kaiscrstaates gilt als Ercigniß und ihre ersten Thate» im Parlamente sind Beweise des größten taktischen Geschickes, sie sind auch von glücklichsten Erfolgen begleitet gewesen. Eine der kleinsten Fraktionen im Parlaniente haben sie die Führung der Opposition übernehmen können, um sie gruppirtc» sich die schärfsten Gegner des Badcni'schcn Systems, die Stojakowski- Partei, die radikalen Ruthenen, die polnische Volkspartei und andere. Die erste parlamentarische Schlacht, die geschlagen ivurde, drehte sich um das Jmmunitätsrecht der Abgeordneten, um die widerrechtliche Verhaftung des polnischen Radikalen Szajer. Nicht die deutschen Liberalen, nicht die Jung- czechen dachten an die Wahrung des obersten parlamentarischen Rechts, die Sozialdemokraten mußten als die Wahrer des Ansehens des österreichischen Parlamentarismus auftreten, und obgleich der Jnstiziniuistcr und der Zllterspräsident des Hauses die Verhandlung der sozialdemokratischen Anträge verhindern wollten, setzten unsere Fraktion nicht nur die Berathung ihres Antrages, sondern auch die sofortige Freilassung des verhasteten Abgeordneten durch. Die erste That des österreichischen Abgeordnetenhauses war ein Sieg der jüngsten sozialdemokratischen Fraktion! Auch in die Nationalitäten- und staatsrechtlichen Diffe- renzen des österreichischen Parlaments haben Miserere Abgeord- neten in bemcrkensmerther Weise eingegriffen, und damit hat unsere Fraktion bewiesen, daß sie ganz andere Bahnen wandelt als alle anderen Parteien in dem von nationalen Kämpfen zerrissenen Oesterreich. Bekanntlich treten die czechischen und dalmatinischen Abgeordneten stets mit einer formellen staats- rechtlichen Verwahrung in das Abgeordnetenhaus ein, wodurch sie die Verfassung eigentlich sür rechtsungiltig erklären und sich auf den Standpunkt eines nüttelalterlichen Staatsrechts stellen. Zuni ersten Male seit Bestand des österreichischen Abgeordnetenhauses haben czechische Abgeordnete dieser Er- klärnng widersprochen. Die sozialdemokratischen Abgeordneten czcchischcr Ratio- nalität haben nämlich folgende das größte Aufsehen erregende Erklärung im Abgeordnetenhause nach den erwähnten Rechts- Verwahrungen abgegeben: „Die miterzeichniten sozialdemokeatischcnAbgeordneten czechi scher Nation erklären gegenüber der Erklärung der jmigcjecliischen Partei und des Klubs der böhmisch-konservativen Aroßgrnndbesitzer: Als pflichlbeiviißte Vertreter des czechischen Volkes und als Sozialdeino- traten stehen mir im Vereine mit den anders nationalen Sozialdeino- kratenOesterreichs auf demBoden der Gleichberechtigung allerNationen. Wir prolestiren in unserer Eigenschaft als Czechen und Sozial- dcmokraten gegen die Ausgrabung vergilbter historischer Privi- legien und Dokumente.(Lebhafter Widerspruch bei den Jung- czechen.) Wir sind Söhne unserer Zeit und verlangen für uns und für alle Nationen Oesterreichs moderne Jnstitntionen. Wir verlangen daher auch für unser Volk die Abschaffung aller auf Geburt und Besitz beruhenden Privilegien. Wir prolestiren daher dagegen, da& man unser Volk durch Vorspiegelung nationaler und ivirthschastlicher Vortheile blenden will.(Widerspruch bei den Juilgczeche» und Rufe:„Hanba!" (Schande!) Wir protestiren dagegen, daß man die Aufmerksam- keit der weitaus größten Masse des politisch, ökonomisch, national und kulturell gedrückten czechischen Volkes von seiner materiellen und geistigen Nolhlage ablenken und ans phantastische staats- rechtliche Jrrivege locken will.(Widerspruch und Gelächter bei den Jnngczechen.) Wir geben unserer Ueberzeugung Ausdruck, daß wir nur dann mit unseren deutschen Landcsgenossen, die unsere Brüder sind, uns werden verständigen können, wenn die hüben und drüben heute herrschenden bürger» liehen Kliquen in ihrer Selbstsucht vollends erkannt und durch- schaut werden. Wir wissen, daß das czechische arbeitende Volk sowie das deutsche heute das Opfer einer geldgierigen Bourgeoisie und eines herrschsüchtigen Feudal-Adels sind(Abg. Brzeznovsky: Der Juden!); wir wissen, daß diese beiden Faktoren daß größte Hemmniß der politischen, materielle» und kulturellen Entwickeluug unseres, des czechischen Volkes sind. Wir erklären schließlich, daß die Befreiung auch unseres Volkes aus entwürdigenden politischen Fesseln, aus der sozialen Knechtschaft, aus der nationalen Be- drückung nur erfolgen kann durch den Sieg des Sozialismus, dem wir ergeben sind als Söhne unserer Zeit und unseres Volkes." Berner, Cingr, Hybes, Steiner, Vrütny.(Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Die Zwischenrufe der Jungczechen beweisen, wie unbequem den Vertretern der czechischen Bourgeoisie die Erklärung unserer Genossen war. Die sozialdemokratische Fraktion hat auch den folgenden Antrag eingebracht: Die Abgeordneten Zeller, Schramme! und Genossen beantragen. das hohe Haus wolle beschließen: Es sei ein 36gliedriger Ausschuß aus dem gänzen Hause zu wählen, der Vorschläge zu erstatten hat bezüglich der Aenderung der Verfassung durch Bildung einer auf arund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts für alle Erivachsenen vom 21. Lebensjahr an zn schaffenden Volks- Vertretung an stelle des gegenwärtigen, zum größten Theil auf Steucrzensus und Privilegien beruhenden Abgeordnetenhauses. Man sieht, unsere österreichische Fraktion versteht es, ihren Mann zu stellen. Schwere und große parlamentarische Kämpfe werden das österreichische Abgeordnetenhaus bewegen. In diesen Kämpfen wird der sozialdemokratischen Fraktion eine iveit größere Rolle spielen, als ihr ihrer Kopfzahl nach zn- fallen würde. Mit größtem Interesse und wärmster Sympathie ver- folgen die deutschen Genossen die parlamentarische Thätigkeit der österreichischen Bruderpartei. z�olitifche Berlin. 31. März 1897. Im Ncichsiage wurde heute die Debatte über die H a n d iv e r k e r- V o r l a g e bei sehr schwacher Besetzung des Hauses fortgesetzt. Besonders wies die rechte Seite bc« deutende Lücken auf. Auch auf der Tribüne war die Besetzung nur dürstig und die wenigen Handwerksmeister, die der Ans« forderung der„Staatsbürger- Zeitung", sich einmal die Freunde des Handwerks im Reichstag anzusehen, nachgekommen waren, sahen recht verdutzt, daß von den Konservativen während der Tagung nur vier bis fünf Mitglieder und von � den Antisemiten blos drei anwesend waren. Von der national» liberalen Partei saß Herr K r u s e ganz allein auf den Bänken seiner Parteifreunde, als unser Parteigenosse Gri llenberger gegen diese Partei polemisirte. Von der starken Opposition, die außerhalb des Paria» ments seitens der Zünftler geübt wurde und sich oft in recht drastische» Aeußerungen des Unmnths über die geringe Bc- rücksichtignng der Wünsche des Handwerks kund that, fand heute bei den eifrigen Befürwortern dieser Agitations». bestrebungen keinen Ausdruck. Resignirt erklärte sich Herr Jacobskötter(k.) mit der Vorlage einverstanden, nur wünschte er, daß wenigstens für das Baugewerbe der Befähigungsnachweis in der Vorlage Berücksichtigung gefunden hätte. B a s s e r m a n n(natl.) wandte sich gegen die im Berlepsch'scheu Entwurf enthaltenen obligatorischen Zwangsinnnngen, gab aber für seine Fraktion keine bindende Erklärung ab, wie sie sich zu den fakultativen Zwangs- innu gen des gegenwärtigen Entwurfs stellen werden, vielmehr behielt er sich für seine Partei in dieser Frage die freie Entschließung vor. Viel Lob spendete er den Gewerbevereinen und stellte sich sympathisch zn der Errichtung der Handwerker- kammern, während er den Befähigungsnachweis ablehnte. Der Abg. Schneider(frs.) sprach sich gegen den Entwurf «itS und bezeiclinete ihn als eine erhebliche Vcr- schlechternng der Gewerbe Ordnung. Nachdem Herr G a ni p (Rcichsp.) seine Zustiuininng zur Vorlage i» einer Rede, die als selbst für Herrn Gainp sehr oberflächlich bezeichnet werden darf, begründet hatte, erhielt Grillenbcrgcr(Soz.) das Wort, um von unserem Parteistandpunkt die Vorlage zu kritisiren, was er in treffendster Weise that. Nachdem er an der Hand der wirthschastlichcu Entwicklung den Rückgang des Handwerks gezeigt und die Erfolglosigkeit der Vorlage zur Hebung des Handwerkerstandes nachgewiesen hatte, behandelte er sehr eingehend und wirkungsvoll diejenigen Bestimmungen, die im besonderen für die Arbeiter von Bedeutung sind. Die Znrücksetzling der Gesellen und den geringen Einfluß, den die Vorlage ihnen zu theil werden läßt, sind dein Redner typisch für die Mißachtung und Zurücksetzung der Arbeiter in der ganzen sozialpolitischen Gesetzgebung des Reichs. Nicht minder interessant war die Gegenüberstellung der Vor- theile, die in der Gewerbegcsetzgebuug des Kantons Z ü r i ch für den Schutz der Lehrlinge enthalten sind, gegenüber den winzigen und ganz unzulänglichen Bestimmungen, wie sie die Vorlage bietet. Nach einer kurzen Rede des Abg. Hilpert (Baucrnbündler) vertagte sich das Hans und wird die Debatte morgen fortsetzen. Das preußische AbgeorbneteiihanS hat heute die Besoldungs- vorläge durchweg»a6) de» Beschlüsseu der Kommission angenommen. SSou ualionalliberaler Seite und seitens der Zentrumspartei waren zahlreiche Abäudernngsanträge gestellt, von denen jedoch keiner eine Mehrheit im Hause fand, da die beiden konservative» Parteien, denen sich einige Natioualliberale und der„Fleisinnige" Ehlers anschlössen, der Parole des Finanzmiuisters folgend, gegen jede Aenderuug stimmten. Die Herren ans der Rechten be- theiligten sich nur sehr wenig an der Debatte, was ihnen gewiß niemand verdenken kann. Daß sie aber in einer so wichtigen Frage die Gegner majorisirten, den Debatten über viele Punkte durch Schlußanträge ein Ende machten und die Reden der anderen Seile fortwährend durch uuartiknlirte Laute zu nuterbreche» suchten, ist sicherlich kein Zeichen des vornehmen Tones, dessen sich die Herren so oft rühmen. In der Gesamml- abstimmnng stimmte das Zentrum und die beiden freisinnigen Par- tcien gegen die Vorlage, während die Natioualliberalen trotz der Ablehnung ihrer Anträge, mit den konservativen Parteien für die Vorlage eintraten. Zur Annahme gelangten außerdem noch mehrere von der Koni- Mission vorgeschlagene Resolutionen, von denen eine die infolge der Beschlüsse des Landtages erforderlich werdende anderweile Regelung eines Theiles der Dienstaltersstufen nach den seither zur An- Wendung gebrachten Grundsätzen verlangt. Eine andere Resolution fordert die Regierung auf, dafür Sorge zu tragen, daß bei der Ausführung der Vorlage diejenigen Beamte», bei deren Klasse das Mindestgehalt herabgesetzt wird, gegenüber ihrer gegenwärtige» Gehaltsverhältnisse auch nicht vorübergehend ungünstiger gestellt werden. Ferner ist die Regierung aufgefordert, baldmöglnhst eine Ausgleichung der bei einzelnen Kategorien von Unterbeamten feil ihrer letzten Gehaltserhöhung hervorgetretenen Härten und Ungleichheiten herbeizuführen und zu diesem Zwecke dem Abgeordnetenhause eine Vorlage zugehen zu lassen. Schließlich sollen von Aussichts wegen für die Vorlesuugs- Honorare an de» Universitäten Maximalsätze eingeführt und daraus bedacht genommen werden, daß die Stundung der Honorare allmälig durch Einführung eines Erlaßsystems beseitigt wird. Eine Resolution B e l e i t e s(natl.), worin die Regierung ersucht wird, durch den nächsten Etat eine Ausgleichung der bei den Gehältern der Unterbeamten herrschenden Ungleichheiten und Härte» herbeizusühren unter gleichzeitiger anderweitiger Regelung des Wohnnngsgeld-Zuschusses wurde ab- gelehnt. Dasselbe Schicksal widerfuhr einer Resolution des Zentrums, worin die Regierung aufgefordert wird, in der nächsten Session in Ergänzung der Besoldnngsaufbesserung für die mittleren und höheren Beamten eine Vorlage über die Ausbesserung der B e s o l- düngen der unteren Beamten zu machen. Morgen: Etat der Zentral- Genossenschaftslasse und Städte- Ordnung für Hessen-Nassa«.— Herr Liebermatt» v. Sottne«berg �schreibt uns:„In Nr. 74 des„Vorwärts" wird mit bczug auf meine Rede in der Sitzung vom 27. März unter der Rubrik„Politische Ueber- ficht" behauptet:„Für Flottenvergrößernng und Arbeiter- Maßregelung trat dann der Antisemit Liebermann v. Sonnenberg ein." Es ist völlig aus der Luft gegriffen, daß ich für Arbeiter- Maßregelungen eingetreten bin. In meiner Rede ist kein Wort davon enthalten. Herr Liebermann hat recht, und«r kann sich sogar auf That- fachen berufen, was ihm sonst selten passirt. Wir haben uns einer Pflichtvernachlässigung zu schulde» komme» lassen, als wir seine Rede nicht zu Ende anhörten; aber wer kann uns das verargen? Wir glaubten Herrn Liebermann in inniger Har- mouie mit seinem Fraklionskollegen Vielhaben, der sich sehr eifrig bemühte, die Werftverwaltung zu strengeren Maßnahmen gegen unsere Parteigenossen aufzustacheln. Hält Herr Liebermann die Abwehr eines solchen Verdachtes, die gleiche Absicht mit seinen» Freund Vielhaben zu theilen, für nothivendig, so hätte er besser gethan, es auch im Reichstag offen zu bekennen. Die nationalökonomische» Professoren und„Ver- schiebuugen" auf den uatioualökonomischen Lehrstühleu der preußischen Universitäten bilden augenblicklich das Thema nationalliberaler Betrachtungen. In Berlin soll eine dritte ordentliche Profeffur für Nationalökonomie geschaffen werden. Ueber die Wünsche, die hierbei verfolgt werden, liest man in der„Kölnischen Zeitung": „Man darf gespannt sein, ob das Ministerium diese Gelegen- heit benutzen»vird, nin, nachdem bisher der 5iatheder- S o z i a l i s»n u s allein das große Wort an preußische» Universi- täten geführt hat, auch den ihm entgegenstehenden Richtungen «ine angemeffene Vertretung zu verschaffe». Der Minister hat sich bisher jedesmal,»venu die Frage erörtert»vurde,»vie dein kathedersozialistischen Einfluß ein Gegeuge»vicht zu setzen sei, schivach oder schlecht unterrichtet gezeigt. Er steht allem Anscheine nach direkt oder inderekt— unter dem Ein- flusse des Berliner Kathedcr-Sozialismus, der in der Person der Professoren S ch m o l l e r und Wagner, vornehinlich des ersteren, Vertreter einer andere» Richtung möglichst lauge von den Universitäten sernhaltei»»vill. In Berlin herrscht der Katheder-Sozialisnms umuuschränkt. Auch im Ministerium haben die Berliner Herren dem Einfluß eines großen Theiles der deutschen Presse und der Volksvertretung und selbst de» Wünschen der aller- höchsten Stelle bisher die Stange gehalten. Es ist zn befürchten, daß der Minister auch jetzt sich de» Einflüsterungen von dieser Seite »ucht entzieht. Um so»nehr ist es Pflicht aller, die in dem ein- seitigen Einfluß des Katheder-Sozialisinus ans die studirende Jugend eine Gefahr für den Staat und die Zukunft sehen, die Nothivendigkeit einer Remedur nachdrücklich zu betonen. Diese ist in der Schaffung einer Airzahl»euer Lehrstellen, die dem Einfluß der Berliner Herreu entrückt werde», zu suchen. Hierüber zu sprechen»vird die Debatte über den Etat des Kultusministeri»i>»s nach Ostern Gelegenheit geben. Fürs erste ist aber dafür zu sorgen, daß nicht auf die bereits freien oder demnächst zur Bcsetzring kommenden Lehrstühle»vieder Professoren komme», die sich de» Katheder-Sozialisten mit Haut und Haare» verschrieben habe» oder die z» den Indifferenten gehören, die, wenn sie auch nicht deutlich Katheder-Sozialisten sind, doch„in der Furcht der Herren" leben." Das ist der-Geist des scharfinachenden Herrn v. Stumm? Die Leser erinnern sich ja, daß dieser Herr im Parlament den Professor Adolf Wagner anrempelte und ihn später, auf dessen in der Presse erfolgte Verkheidigüng hm, zum Duell forderte. Er»vurde wegen dieser Forderung zu,»venu wir nicht irren, 14 Tagen Gefängniß vcrnrtheilt, vom Kaiser aber schon am ersten Tage seiner Festlingshaft begnadigt. Und auch die Agrarier wittern Morgenluft. Die„Deutsche Tageszeitung" schreibt zu demselben Thema: „Für viel wichtiger würden»vir es halten, daß einige Lehr- stähle für Agrarpolitik geschaffen würden. Von allen unseren volkslvirthscbaftlichen Hochschullehrern verstehen die»venigsten auch nur die Grundzüge dessen,»vas man Agrarpolitik nennt. Für die meisten zerfällt schon das ganze Wirlhschaftsleben in industrielle Unternebiner und Lohnarbeiter." Daß der agrarische, das Berliner Asphalt tretende und das Land»vohl nur vom Hörensagen kennende Grünschnabel beispielslvcise von den Berliner Professoren Wagner und Scnug auch in landwirthschaftlichen Dingen jedenfalls sehr viel lernen könnte, nur nebenbei. Die ganze Anfmirbelnng dieser Profefforenfrage hat aber für uns eine große symptomatische Bedentnng. Sie zeigt, daß die Vertreter der kapitalistischen Gesellschaft ihre Stellung unter dcii Füßen wanken fühlen, sie ist ein Baronieter für die steigende Wirkung des Klassenkampfes. Man fühlt den Gegner auf den Fersen; nnd ebenso, wie man sich gegen das nachrückende Proletariat in llnternehmerverbänden sammelt, »vie Ulan die Behördenorganisation spielen läßt,»vie man den sich emanzipirenden Arbeitern ans gesetzgeberischem Gebiet Berge entgegenivirst, so soll auch die„freie Wissen- schaft" iil den Dienst dieser Bertheidignngsposition gezogen werden. Hier gilt es den Kampf der bedrohten Kapitalistenklasse gegen das Proletariat, nnd da soll eben jeder seinen Mann stehen. Die Wissenschaft ist ihnen Heknba. Und auch der angefochtene Katheder-Sozialismns selbst ist symptomatisch und ein benierkenslvcrthes Zeichen der Zeit. Thatsache ist, daß es eine andere akademische national- ökonomische Wissenschaft als die angefochtene gegenwärtig in Deutschland kaum noch gicbt. Die nianchesterlichen Zeiten sind längst vorüber. Alles, was bei»ins irgendwie einen Namen hat auf nationalökonomischem Gebiet, die Schmoller, Wagner, Bücher, Brentano, Conrad, Lexis, Sombart:c.:c., so verschiedene Gebiete diese Herren auch bearbeiten und so sehr sie im einzelnen differiren, ja sich bekämpfen: mehr oder weniger „kathedersozialistisch" sind sie alle. Sie müssen es sein,»venu sie nicht einfach Kommis der herrschenden Klassen seien, wenn sie nicht gerade auf das Niveau des Professors Julius Wolff in Zürich oder der Redakteure der„Kölnischen Zeitung" oder der„Deutschen Tageszeitung" oder gar der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" herabsinken, sondern noch als »vissenschaftliche Arbeiter gelten»vollen. Die bürgerlichen Gelehrten der»lationalökonomischen Wissenschaft, die sich mit dem Sozialismus beschäftigen mußten, haben eben nicht ungestraft unter Palmen geivandclt. Als Angehörige der bürgerlichen Gesellschaft fühlen sie sich ja alle und sie bemühen sich auch, möglichst viele Argumente der proletarischen Weltanschauung eutgegeuzuwerfeu. Daß sie aber die Sozialdemokraten nicht mit Haut nnd Haaren ans- fressen, daß sie sich nicht geradezu als handiverksmäßige Klopffechter der herrschenden Klassen geriren, nicht jeden Systemivechsel„wissenschaftlich" begründen wolle», daß an ihnen allen irgend etwas Sozialpolitisches oder dergleichen hängen geblieben ist: das bildet eben ihren„Katheder- Sozialismus", das kann die herrschende Klasse nicht dulden, und das muß ausgerottet werden. Möglich, daß es gelingt. Soweit man die jetzige Richtung der Regierung überhaupt beurtheilen kann, spricht sogar vieles dafür. Möglich, daß bald strebsame, vom König Stumm protegirte junge Männer die meiste Aussicht haben, preußische Professoren zu werden. Ans politischem und»virthschastlichein Gebiet, in der bürgerlichen Presse ivird der Kampf gegen den Sozialismus schon seit langen» fast ausschließlich mit Lüge und Verleumdung geführt. Ans den Universitäten»vurde dieser Kampf bisher zum theil mit wissenschaftlichen Gründen zu führen gesucht. Wenn dies jetzt auch anders »verde» soll, so haben»v i r keine Veranlassung, der bürger- lichen Gesellschaft dieses Vorhabens wegen zu grollen. Den Liberalen jener Richtung, die aus vergangenen Tagen noch eine geivisse Schiväche für die Freiheit der Wissenschaft gerettet habe»»,»vird es bereits schivül. Die„Vossische Zeitung" schreibt: „Will man dieses Mittel(Professoren anderer Richtungen anjnstillen) jetzt anwende», nm de» Einfluß des Katheder-Sozialismns zn brechen, so»verde»»vir»»ns frene», ivenn man bei der Ansivahl der neu anzustellenden Professoren ausschließlich ans die abgelegten Be»veise»visse»schaftlicher Tüchtigkeit sehen»vill, nnd sich dessen eiithält,«inen Preis aus die Gesinnung zn setzen." Nun, die nächste Zukunft wird es ja zeigen, was von Herrn von Stumm und der Regierung bei Benutzung national- ökonomischer Lehrstühle als„Beiveise»vissenschaftlicher Tüchtig- keit" angesehen werden wird. Die Internationale»nacht Fortschritte. Ans dein Welt- postkongreß, der deinnächst in Biüssel zusammentritt,»vird die Frage der internationalen Briefmarke» wieder zur Verhandlung kommen und hoffentlich ihre Lösung finden. Haben »vir die internationale Briefmarke, so sind»vir auch aus den» Wege zum i n lern a t i o» a l e n Geld, das seit langem von alle» Vernünftigen, die über die vier Pfähle des„Vaterlandes" hinaus- blicken, gefordert»vird.— Paris, 31. März. Nachdem der Untersuchungsrichter Arton mit Boyer, Maret nnd Via» konfrontirt hatte,»vurde» diese in Freiheit gesetzt. Dieselben»nässen sich jedoch zur Verfügung des Uutersuchnngsrichters halten und dürft» ihre Wohnungen nicht oerlasse». Von mehreren Seiten»vird gemeldet, der Untersuchungsrichter Le Poitevi» habe eine sehr genaue Kopie der Papiere des Baron Cottu erlangt, durch welche 17 Mitglieder der Rechten koinpronnttirt seien. Im Laufe des heutigen Vormittags sollen zahlreiche neue Hanssnchungen vorgenommen»verde»». Die Berhastung eines sehr bekannte»» ehemalige» boulangistischen Deputirten sei bevorstehend. Gerüchtweise verlantct, der Unlersuchnngsrichler habe Vorladlmgen an 13 von Arton angebene frühere Parlamentarier erlassen. „La petite Röpnbliqne" erklärt, die Aertagnng der Ernennung einer Koinmission zivecks Untersuchung der Panama-Affäre bedeute die Vertuschung des Skandals. Die kretische Ffrage hat außer der Lockerung der französisch- russischen Allianz noch eine sehr gute Wirkung ge- habt: nämlich die Unfähigkeit und die Unehrlichkeit der euro- päischcn Diplomatie in so augenfälliger,»vir möchten fast sagen klassischer Weise hervortreten zn lassen, daß kein halbivegs denk- fähiger Mensch noch einen Rest von Achtung sich beivahren kann. Während man als politisches Schaugcricht auf der Bühne die Komödie des„einigen Europa" ausführt, spielen hinter den Koulissen die gemeinsten Jntriguen nnd sucht jede der„Vereinigten" Mächte die a»idere über'» Ohr zu hauen. Daß Griechenland nicht auf eigene Faust vorgegangen ist, das fängt jetzt auch den gefühl- vollsten der Gefühlspolitiker an klar zu»verdeu; und da die Macht oder die Mächte— denn es sind mehrere— auf die Griechenland sich stützt und durch die es zum Vorstoß nach Kreta bestimlnt»vorden ist, im„einigen Europa" sitzen, so haben »vir das erbauliche Schauspiel, daß das„einige Europa" mit er- heuchelter Anstrengung gegen Schwierigkeiten ankäii»pst, die es sich selber geschaffen hat nnd fortwährend schafft. Und zwar nicht wider Willen, sondern voll berechnend und absichtlich. Bon der Posse ans Kreta selbst haben»vir schon früher ge- sprochen. Ebenso d»lrchsichtig ist die Posse, die jetzt in betreff des angeblich drohenden Krieges zlvischen Griechenland und der Türkei aufgeführt wird. Der Türkei kriegerische Absichten zuzutrauen, kann selbst einem Gladstone nicht einfallen. Aber wie kann denn Griechenland daran denken, die militärisch zivanzigsach überlegene Türkei anzugreisen, wenn es nicht ge- Heime Helfer hat? Die Frage ist blos,»ver steht hinter Griechenland? Die allgemeine Annahme ist: England ui»d Frank- reich. Und geiviß haben beide Mächte bisher eine Haltung be- folgt, die dieser Annahme eine geivisse Bestätigung giebt. Allein auch noch eine andere Macht steht hinter Griechenland, nnd das ist Rußland. Wer dies nach den bekailnten Re- gungen in Montenegro, Bulgarien und Serbien noch bezweifeln konnte,»»uiß durch die neueste Note der serbischen Regierung an die Pforte von seinen Ziveifeln geheilt»verde»». In dieser Note, die gester»» von der„Frankfurter Zeitung' ver- öffentlicht»vard, beschivert die serbische Regierung sich über Grenzverletzungen von türkischer Seite in einem frech heraus- fordernden Tone, den die Pforte sich»licht gefallen lassen kann. Serbien»nacht also eine Diversion zn gunsten G r i e ch e n l a n d s. Und Serbien ist gegenivärtig, seit der dicke Milan, O e st e r r e i ch s Mann, das Feld räumen mußte, vollständig in russischen Händen. Und während diese niederträchtige Koniödie sich abspielt, »vird ans Kreta und in Armenien»veitergenietzelt, und da- „vereinigte Europa" vergießt Krokodilsthränen über diese Metzeleien, an denen es s e l b st schuld i st. Wem bei solchem Treiben die Schuppen nicht von den Augen fallen, der ist unheilbar mit Blindheit geschlagen.— Tie Lage in» Orient ist heute nicht geklärter. Man fürchtet, daß der 6. April, der Gedenktag der Unabhängigkeits- erklärnng Griechenlands, eine entscheidende Wendung, nämiich die Kriegserklärung Griechenlands an die Türkei bringen»vird. Die„Times" melden ans Athen: Das kretensische Zentralkomilee hat sich mit einem Schreiben an -die Königin von England, an die Kaiser von Oesterreich, Deutschland und Rußland, srnvie an den Pcäsidenten Faure geivendet. Darin»vird dem Erstannen Ausdruck gegeben, daß die Kreier von denselben Schiffen bombardirt würden, welche» sie ihre Befreiung verdankten und um Zilrücknahine des grausamen Entschlusses ge- belei». die Kreter zur Annahme einer Konstitution zic z»vi»geii. indem man sie künftig neue» Leiden durch Hungersnoth anssetzl; ferner»vird verlangt, es möge die Vereinigung Krela's mit Griechenland gestaltet»verde». Der„Staudard" meldet aus Kanea von gestern: Das Gefecht vor dem Fort Spinalonga hat 48 Stunden gedanerl. Die türkische Garnison mußle nach schweren Verlusten ihre Stellung aufgebe» nnd zog sich nach einer geschützten Stellung auf der Insel zurück. Der französische Admiral hat sich nach Spinalonga begeben, wie angenommen»vird. u»» auf den Entsatz der Türken hinzuivirke». Eine Depesche aus Kanea z»tfolge machen die Moha»n«daner, »velche in Kandano ihre Waffen abgeliefert habe»», trotz des dem englischen Konsul gegebenen schriftlichen Versprechens, daß sie sich in keinem Falle a» Feindseligkeiten betheiligen würden, Ausfälle gegen die Aufständischen. Aus Kanea»vird noch gemeldet: Die Aufständischen griffen das Fort Jzzedin,»velches den Ein- gang zur Sudabai beherrscht, an. Die fremdeu Kriegs» schiffe feuerten ans die Kreter, un» das Fort,»velches von Türken mit 12 Geschützen und einer Mitrailleuse besetzt ist, zu unterstützen. Im englischen Parlamente erklärte der Parlaments-Unter» sekretär des Aeußern Curzon: Am 25. März hat der russische Botschafter in Konstantinopel den anderen Botschaftern von einem Telegramm des rnsstschen Adinirals vor Kreta Mittheilung gemacht, in welchem dieser im Namen der Geschivader-Chefs betont, daß ein europäischer General- Gouverneur von Kreta, ernannt»verde» solle, und zivar mit um- fassenden Bollmachten. und den nöthigen Fonds,»md daß die Pforte aufgefordert»verden solle, allmälig ihre Truppen zurückzuziehen, somie die Admirale dies für erforderlich hielten. Diese Vorschläge hätten die volle Unterstützung der britischen Regierung, welche keine Gelegenheit verabsäumt habe, die Wichtigkeit derselben zu betonen. Die Vorschläge würden gegenwärtig von den Mächten erwogen. Von allen Mächten sollen weitere Truppen nach Kreta entsandt werden.— Zur überseeische» Konkurrenz. Für die Zukunft der deutschen Landlvirthschaft ist, wie die„Goldivährungs-Korrespondenz" richtig hervorhebt, die Frage entscheidend:»velche Entivickelung»vird die überseeische Konkurrenz in de» nächsten Jahren nehmen? Die amerikanische zeigt folgenden Stand: es betnlg die Anbaufläche die Produktion der Export Prozent Mill. Hektar Mill. Dztr. Mill. Dztr. 1870—79.. 10,05 84,2 22,8 27,2 1880- 89.. 16,6 121,2 34,2 28.2 1894- 95.. 15,3 126,0 39,1 81,5 Danach hat die Anbaufläche seit 1830 nahezu eine Million Hektare eingebüßt, trotzdem aber das Ernte-Ergebniß zugenommen; für den Export ist demnach mehr dispo>»ibel geblieben, und z>var auch aus dem weiteren Grunde,»veil Mais mehr und mehr zum allgemeinen Nahrungsmittel»vird und im Konsnu» den Weizen ersetzt. I» manchen Territorien ist der Weizenanbau schon seit Jahren ebenso wenig lohnend als bei uns»nd deshalb durch den Maisbau oder die Baumivollknltur ersetzt»vorden. In Joiva z. B. wurden 1380 drei Millionen Acres mit Weizen bebaut, 1390 nur 565 000, 1395: 700 000 Acres; anderseits ftug dort der Maisbau von 6.6 Millionen auf 8,5(in Nebraska von 1.6 ans 7,8) Millionen Acres. Dagegen hat der Weizenban der beide» Dakotas kolossal zugenommen und sich binnen eines Jahrzehnts verzehnfacht.— Die gleiche territoriale Verschiedenheit»vie die Anbaufläche zeigt auch die Preisbewegung: beide stehen als Ursache nnd gleichzeitige Folge in Wechselbeziehung zn einander. Der Durchsch>»itlspreis de? Weizens hielt sich bis 1390 auf 100—160 M. per Tonne;»vohl zeigte sich im Osten schon seit 1335 eine sinkende Tendenz, allgemeiner aber gelangte der Preisrückgang erst in den letzten Jahren zum Durchhruch, in welchen der Preis ans 70 M. fiel. Der naturgemäße Unterschied, der pvischen den einzelnen Territorien hervortritt, hat sich zivar mit dem fortschreitenden Ver- kehr etivas ausgeglichen, ist aber immer noch von großem Belang. Vor einem Jahrzehnt noch kostete z. B. i» Dakota, Minnesota u. f.>v. der Weizen ca. 65 M. per Tonne, in Chicago 130 M., heute 70 »nd 105 M.(New-Nork 1896: 120 SR.).— Professor Eonrad, der die neliere», namentlich auch»vährend des WahlfeldzugS bearbeiteten Ergebnisse in dem soeben erschienenen Hefte der Jahrbücher für Nationalökonomie Ultd Statistik eingehender rekapitulirt. faßt sein Urtheil dahin zusammen: das Anwachse» des eigenen Bedarfs hat ausgleichend gewirkt; diese Ausgleichung wird, da das weiter zu okkupireude Land zum großen Theil theils weniger frucktbar ist, theils in klimatisch ungünstigeren Landstrichen liegt, in Zukunft sich noch fühlbarer macheu, deingemäß die Lieferungs- und Konkurrenzfähigkeit der Vereinigten Staaten herabmindern. Ein Trost für unsere Agrarier wird diese Feststellung nicht sein, denn eine Reihe von südamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Gebieten werden erst in den»eich sie» Dezennien zur Anspannung ihrer wirthschaftlichen Kräfte und zur Ausnutzung ihrer Export- fähigkeit an Getreide komme».— »» Deutsches Reich. — Der oberste Militär-Zentralgerichtshof soll in Leipzig seinen Sitz erhalten.— — Gollma nn's Urlaub. Die Mittheilung der..Kreuz- Zeitung", daß der Staatssekretär Admiral Hollmann einen längeren Urlaub nachgesucht und bewilligt erhalte» habe, wird von der '„Nordd. Allg. Ztg." bestätigt. Dagegen sind nach den„Verl. N. N." alle Nachrichten über die Ablehnung des Abschiedsgesuchs unrichtig; dasselbe ist bisher weder genehmigt noch abgelehnt. Wie aus Marinekreisen verlautet, ist der Chef der ostasiatischen Kreuzer- Division, Kontre-Admiral Tirpitz, zur Vertretung des beurlaubten Staatssekretärs hierher kommandirt. Bekanntlich ist Admiral Tirpitz der Vertreter der uferlosesten der uferlosen Flottenpläne. Der Reichstag wird diesen Wink ver- stehen, aber das ändert doch nichts an seinen Beschlüssen.— — C h a r a k t e r i st i s ch für den„Geist" des t e u t s ch e n Patriotismus i st es, daß aus Anlaß der Z e» t e n a r- sei er in verschiedenen Städte» ans amtliche Anordnung das berüchtigte Benedetti-Lied gesungen wurde, dessen Verlogenheit nur von seiner bodenlosen Rohheit und Dummheit erreicht wird. I» diesem„Lied", das die BismareTsche Hetzlüge von der Jnsultirung des Preußenkönigs durch Bcnedetti(„das klägliche Gewächse") iu unglaublich schlechte und alberne Verse ge- bracht hat, offenbart sich„die Zivilisation, an deren Spitze Deutsch- land marschirt", durch die denkwürdigen, schon während des Kriegs ob ihrer Rohheit und Dummheit gebrandmarkte» Verse: Wilhelm spricht mit Mollk' und Noone Und spricht dann zu seinem Sohne: Fritz geh' hin und haue ihm!(Napoleon) Fritze ohne lang zu feiern, Nimmt sich Preußen, Schivaben. Bayern, Gehl nach Wörth und— hauet ihm. Haut ihm, daß die Lappen fliegen, Daß sie all' die Kränke kriegen In das klappernde Gebein; Daß sie, ohne zu verschnaufen, Bis Paris und weiter laufen Und wir ziehen hinterdrein ic. Und solches Zeug wagt man noch heute, 26 Jahre nach dem furchtbaren Kriege, in den die Bismarck-Napoleonische Staatsraison die zwei vornehmsten Kulturvölker des europäischen Festlandes ge- stürzt hat und unter dessen Folgen wir noch heut leiden, dem deutsche» Volke zu bieten! Ein schlechteres Zeugniß dem Deutsche» Reiche auszustellen war nicht möglich.— Kiel, 80. März.(Eig. Ber.) Die Germauisirungsversnche bei de» Dänen haben es im verflossene» Jahre, wie wir dem Thätigkeits- bericht des dänisch-nordschleswigische» Schulvereins, der ain 28. d. M. erstattetet wurde, entnehmen, dahin gebracht, daß die Mitgliederzahl des obengenannten Vereins von 4460 ans 4600 stieg. Mit Hilse des Vereins sind im verflossenen Jahr 200 junge Leute auf dänischen Schulen gewesen. Die Einnahmen des Vereins betrugen 14 377 M. und 375 Vertrauensmänner wirken für denselben in den einzelnen Ortschaften. Gester», also am 29. März, ist auf der Werst der Aktiengesell- schaft„Weser" in Bremen ein Kreuzer II. Klasse vom Stapel ge- laufe». Interessant sind in der voni Erbgroßherzog von Oldenburg gehaltenen Taufrede die Worte:„Dieser Kreuzer ist der erste Typ einer neuen Klasse Seiner Majestät Schiffe, einer besonderen Ab- theilnng, die Seine Majestät der Kaiser durch seine g r o ß e F a ch k e n n t n i ß s e l b st angegeben hat." Die Biel- seiligkeit unseres Kaisers findet sich hier wieder bestätigt.— Leipzig, 29. März.(Eig. Ber.) Eine ungeahnte Wirkung haben die Bestiminnngeii zur Bekämpfung der Konsumvereine in Sachsen gehabt. Nach den in einer am Montag in Leipzig ab- gehalteneu, von 79 sächsischen Konsumvereinen mit 300 Personen beschickten Versammlung gemachten Mittheilungen hat die An- regung des Ministeriums, den Gemeinden zu empfehlen, die Er- Hebung einer Umsatzsteuer von Konsumvereinen zu bewerkstelligen, nur den Erfolg gehabt, daß 17 Städte und 21 Gemeinden die Erhebung der Umsatzsteuer beschlossen, aber eine Ent- scheidung des Ministeriums noch nicht erfolgt ist. Vier Gemeinden zogen die gefaßten Beschlüsse wieder zurück, abgelehnt wurde die Umsatzsteuer in 4 Städten und 13 Gemeinden, während in 16 Ge- ineinden die Beschlußfassung noch aussteht und in 3 Städten und 7 Gemeinden die Beschlußfassung ausgesetzt wurde. Die Höhe der Steuer haben je eine Gemeinde auf Ve bezw. 1 pCt., 23 auf 2 pCt., 9 auf 3 pCt., 3 auf 4 pCt. und eine aus 5 pCt. vom Umsatz bemessen. Infolge der in Aussicht stehenden Umsatzsteuer haben sich die Konsuni- vereine in Nossen und Siebenlehn aufgelöst, waS allgemein geladelt wurde. Einen großartigen Erfolg haben die Bestimmungen des Gesetzes vom 12. August 1896, das ani 1. Januar d. I. in kraft ge- treten ist, auf die Konsumvereine ausgeübt. Die Zahl der Mitglieder ist bei 127 Konsumvereinen von 11536 auf SS 77ö Mitglieder, also ein Mehr von IS SSV gestiegen. Die ganzen 132 Konsumvereine dürften seit dem I.Januar 1397 SO 000 Mitglieder neu gewonnen haben. Außerdem ist der Umsatz mancher Konsumvereine um 100 pCt. gestiegen, während nur 27 Vereine auch aus anderen Gründen einen kleinen Rückgang zu verzeichnen haben. Die Bestimmungen haben somit den Konsumvereinen nur Nutzen, den Krämern aber den erhofften Gewinn nicht gebracht und allgemeine Unzufriedenheit hervorgerufen. Die Versammlung beschloß weiter» die Agitation gegen die Umsatzsteuer in die Hand zu nehmen. Ungarn. — Abgeordnetenhaus. Der Abg. Kalma» hat auch gegen den Vizepräsidenten des Hauses, Ludwig Lang, die Jnkoinpati- bilität angemeldet. Graf Stefan Tisza erklärte die Behauptung, daß seine politische Stellung zu seiner Thätigkeit auf volkswirthschast- lichem Gebiete in irgend einer Beziehung stände, als eine kühne Verleumdung.— Tchlveiz. Bern, 27. März.(Eig. Ber.) Nach l4tägiger Dauer ist heute die B n n d e s v e r s a in m l u n g wieder geschlossen worden. Das wichtigste Geschäft der zweiten Sessionswoche, wie der ganzen Session, war die Ersatzwahl in den Bundesrath, die eine tief- gehende Unzusriedenheil auf der linken wie auf der rechten Seite zurückgelassen hat. Daß die Radikaldemokraten oder Freisinnigen, welche im Volke absolut keine Mehrheit haben, dennoch von sieben Bundesralhssitzen sechs für sich beanspruchen und weder den reformirten Konservativen auf der Rechten noch den Sozialisten und Demo- kraten auf der Linken einen Sitz überlassen, hat viel böses Blut gemacht und die Wirkung davon wird sich bei der erstnächsten eid- genössischen Volksabstimmung schon geltend machen. Von den in der zweiten Sessionswoche erledigten Geschäften erwähnen wir das vom Sländeralhe behandelte Besoldungsgesetz, das 7 Gehaltsklassen von 2500 bis 6000 und 8000 Fr. festsetzt, und betreffend die An- gestellten und Bediensteten soll der Bundesrath die Frage prüfen, ob auch für sie ein Besoldungsininimiim fest- zusetzen sei. Der Äationalrath nahm ein Postulat an, betreffend Reduktion der Posttaxen für abonnirte Zeitungen von 1 aus 3/i Cts.; ferner ein weiteres Postulat betr. Revision der Ver- ordnung über die Equipementsentschädigungen an Offiziere und Unteroffiziere im Sinne einer Erhöhung der Entschädigungen und sodann die Motionen auf Erleichterung der Abstimmungen und Wahlen und aus Aushebung der jüngsten buiidesräthlichen Ver- ordnung betreffend Ausübung des Initiativ- und Referendums- rechtes; endlich wurden noch eine Reihe kleinerer Geschäfte er- ledigt. Für den E i s e n b a h n r ü ck k a u f hat der Nationalrath bereits eine 21glicdrige Kommission gewählt. Frankreich. Paris, 30.°März. Der Senat setzte heute die Berathung der Zucker st ener-Vorlage fort. Handclsminister Boucher be- tonte die Roth wendigkeit, gegen die deutschen Prämien zu kämpfen, besonders ans den englischen Märkten. Ministerpräsident Meline wies nach, daß der deutsche Kon- sument höhere Abgaben auf Zucker zahle als der französische Konsument. Schließlich wurde der erste Paragraph des ersten Artikels, durch welchen das Prinzip der Prämien eingeführt wird, angenommen.— Belgien. — Personalarrest. Seit 1871 ist in Belgien der Personal- arrest abgeschafft; nur eine im Lande der uneingeschränkten Preß- freiheit verwunderliche Ausnahme ist beibehalten: über Journalisten, welche die ihnen gerichtlich auferlegten Geldstrafen nicht entrichten können oder wollen, kann der Personalarrest verhängt werden. Da aber der Personalarrest gegen Frauen und Greise untersagt ist, so haben einzelne sozialistische und kleine vlämische Blätter theils Frauen, theils Greise als verantwortliche Redakteure angenommen. Der Jttstizniinister hat jetzt ein Gesetz eingebracht, nach welchem in Sachen der Presse der Personalarrest sortab auch gegen Frauen und Greise vollstreckt werden kann. Damit hat er aber kein Glück. Die Regierungsvorlage hat allen Parteien inißfaNen und ist von dem zu ihrer Prüfung eingesetzte» Kammerausschusse abgelehnt worden.— Niederlande. Haag, 30. März.(Eig. Ber.) Die Zweite Kammer der nieder- ländischen Generalstaaten beschäftigt sich augenblicklich mit einem Gesetzentwurf, wodurch den Gemeiuderätheu verboten wird, eine be- liebige Progression in ihren Einkommensteuern einzuführen. Wenn dieser Entwurf Gesetz wird, werden die Reichen in vielen Gemeinden entlastet und ihre Lasten auf die niederen Einkommen übergeivälzt. Der Zweck dieses Entwurfs ist wohl, die Reichen zu schützen gegen eventuelle Steuergesetze der Sozialdemokraten, wenn diese in Folge der Wahlreform in einigen Geineinderäthcn die Mehrheit be- kommen. Winschotcu.(Nordd. Volksblatt.) Schntzzöllner- b e w e g u n g. In Holland erheben die Schntzzöllner, wie sie kurzweg genannt werden, z. Z. ihr Haupt. Besonders ist dies der Fall in den Provinzen Groningen und Friesland. Das böie Beispiel der deutschen Bauernbündler hat die großen Bauern daselbst angesteckt, sie haben einen Bund gegründet und schreien, schreie», schreien. Mit denselben Mitteln und nach derselben Methode agitiren sie. Sie verlangen ganz nach deutschem Muster einen Schutzzoll ans Getreide, um den Preis des Getreides hochzutreiben. Der Getreidebau, so behaupte» sie. decke nicht mehr die Produktionskosten. Durch die deutschen Zollschranken, besonders die Getreide- und Viehzölle, ist ohne Zweifel die Position des holländischen Bauern, der Getreide zum Verkaufe baut, verschlechtert worden. Wenn sie nun auf den Gedanken kommen, durch die Spekulation auf die Dummheit oder Gutmnthigkeit des holländischen Volkes die Verluste wieder einzubringen, so ist das nicht verwunderlich, da sie das Beispiel in Deutschland vor Augen haben. Eine schlechte Sache kann nicht mit guten Mitteln verfochten werden, darum lügen die Bündler dem holländischen Volke das Blaue vom Himmel herunter, um ihm den Protektionisinus muud- gerecht zu machen. Die Holländer sind ein Handelsvolk, also im innersten Wesen freihändlerisch gesonnen. Die kapitalistische Ent- Wickelung bringt die Schattenseiten des bürgerlichen Liberalismus auf wirthschaitlichem Gebiete ans Tageslicht und es fehlt hier nicht an ge- scheidten Leuten, die den Schutzzoll nunmehrZals Heilmittel empsehlcn. Um nun die Arbeiter und Kleinbürger für die Schntzzollbewegniig zu geivittnen, wird ihnen vorgemacht, der Schutzzoll bringe vermehrte Arbeitsgelegenheit und höhere Löhne, das goldene Zeitalter breche damit auch für den Mittelstand an nach dem Sprichwort:„Hat der Bauer Geld, hat's die ganze Welt." Sie behauvte», in Deutschland habe die Schutzpolitik alle die angedeuteten Wirkungen hervorge- bracht. So seien die Löhne gestiegen, die Arbeitslosigkeit beseitigt, die Armenlasten verringert, die Sozialgesetzgebung eingerichtet worden. Gegen diese unwahre und demagogische Agitation und Beweisführung für die günstige Wirkung der Zölle, macht nun am entschiedensten Front die sozialistische Partei. Der äußerst rührige, agitatorisch ebenso geschickte wie prinzipiell klare Genosse Troelstra, ein geborener Friesländer, zieht schon seit einiger Zeit in den Kreisen Friesland und Groningen gegen die Brot- verthenrer zu Felde, zugleich auch für die Prinzipien des demo- kratischcn und ivissenschaftlichen Sozialismus Propaganda machend. Um die Behauptungen der Baneriibttndlsr und Protektionisten über den Vortheil, der dem deutschen Volke, besonders den Arbeitern, aus der Zollpolitik, besonders de» Getreidezöllen, entstaiiden sein soll, Lügen zu strafen, ließ der hiesige Propagandaverein für das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht den Genossen Paul Hug aus Deutschland nach hier kommen, um in einer öffentlichen Versainmluiig darüber zu sprechen. Nachdem Genosse Hug aus Bant am Sonntag Abend bereits in Klein-Ulsla bei Neuschanz über die Wirkungen der Getreidezölle in Deutschland gesprochen, sprach er in einer gut besuchten Versammlung in Dommerings Hotel hier über dasselbe Thema. Genosse Troelstra, der über das Wesen des Sozialismus wie über die Lage der Landwirlh- schaft und die Abhilfe in der Agrarkrisis sprach, über- setzte in beiden Versanimlungen die Ausführungen de? Genossen Hng, welche auf die Zuhörer großen Eindruck machten. Die Proteklionisten blieben mäuschenstill und wagten nicht, ihre Behauptungen zu ver- theidigen. Nur ein antirevolntiouärer Arbeiter(christlich-sozial) gab einige Genieinplätzs der Protektionisten zum besten. Es ist für die junge sozialdemokratische Partei und für ihr Wachsthum von großem Vortheil, daß sie so energisch dem Protektionismns und den Brot- verlheurern zu Leibe rückt. Diese praktische Politik der Sozialdemo- kraten erweckt bei den ausrichligen bürgerlichen Radikalen wie auch bei den Arbeitern, die noch unter dem Banne der anarchistischen Phrasen eines Nieuwenhuis stehen, Vertrauen und wird die Fahne sein, unter welcher sie die Arbeiter und«nlwickelnngsfähigen bürgerlichen Ideologen zu einer starken sozialdemokratischen Partei versammeln wird.— England. London, 31. März. Oberst Willoughby, einer der Theilnehmer an dem Zuge I a m e s o»' s, ist heute a u S dem G e f ä n g n ijß entlassen worden.— Dänemark. Kopenhagne, 30. März. Bei den heutigen Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung siegte» die Kandi- baten der O p p o s i t i o n s l i st e über diejenigen der sogenaiinteii Bürgerliste mit einer Mehrheit von etwa 700 Stimmen. Unter den gewählten Ovpositionellcn befinden sich drei Sozialisten, von denen zwei Reichstagsmitglieder sind. — Aus dem Folkething. Die Anträge, die ans eine Reform der Polizeiverordnunge» in bezug auf Fest- «ahme und Untersuchungshaft gestellt waren, kamen im Folkething zur zweiten Verhandlung. Hauptsächlich wollte man die Beseitigung der bisherigen Willkürherrschaft der Polizei in bezng auf die Arrelirung und die Anwendung von Prügelstrase gegen die Untersuchungsgefangenen beseitigen. Der Minister erklärte die An- träge für unannehmbar und die Rechte stellte sich auf seine Seite; dieselben Abgeordneten, die angesichts der Kopenhagener Polizei- skandale die Nolhwendigkeit einer Reform der Befugnisse der Polizei anerkannt hatten, lehnen diese Anträge ab, obwohl, trotz des vom Justizminister gegebenen Versprechen?, diese Reform noch immer nicht stattgefunden hat und die Leitung der Kopenhagener Polizei sich noch immer in denselben Händen befindet. Dennoch halte im Folkething die Opposition die Uebermacht und die Anträge wurden anginommen.— Aber da der Minister dagegen ist, werden sie im Landsthiug scheitern und es bleibt ohne Reform. Dem dänischen Folkething ist über den Gesetzentwurf betreffend die Vermögens- und Einkommen- st e u e r vom Finanzausschuß die Begutachtung zugegangen. Dieser Ausschuß hat in seiner Gesammthcit das Prinzip des Gesetzvorschlages gebilligt, aber eine Minderzahl der Rechten meint doch, daß erst einige Reformen in der kommunalen Besteuerung nöthig wären, und möchte damit eine Hinausschiebung der Steuer- resorm erreichen. Der Ausschuß hat folgende Aenderungen vorgenommen: 1. Das steuerfreie Einkommen beträgt 700 Kr. in Kopenhagen, 600 in den Provinzstädten und 500 auf dem Lande. 2. Für jedes Kind unter 15 Jahren sind fernere 100 Kr. in Kopenhagen, 85 in den Provinz- städlen und 70 Kr. auf dem Lande steuerfrei. 3. Gaben und Unter- stützungen von Eltern, Ehegenossen, Geschwistern oder Kindern, dann auch Leibrenten, Lebensversicherungs-Renten werden nicht als steuerpflichtiges Einkommen gerechnet. 4. Das steuerfreie Vermögen beträgt 3000(nicht 2000) Kr. Dagegen stimmt die Mehrheit keiner steigenden Steuer» s k a l a zu, obwohl diese früher zum Programm der Linken gehörte, die vor der T h a t jedoch immer zurückschreckt. Daher hat Klausen namens der Sozialdemokratie folgende Erklärung abgegeben: „Wir meinen, daß das Steigen in der Stenerskala bedeutend größer sein muß, als es in diesem Gesetzesvorschlag vorgesehen ist. Da die jetzt bestehende indirekte Besteuerung äußerst ungerecht ist gegen die unbemittelte Bevölkerung, sollte diese Ungerechtigkeit da- durch gemildert werden, daß man eine mäßig steigende Einkommen- skala einführt, wodurch die Steuerzahlung in höherem Maße der wirkliche» Steuerkrafl entspricht." Klausen schlägt folgende Skala vor: t/w pCt. für Einkommen von 800—1100 Kr. und wächst um l/io pCt. mit jeden 300 Kr. bis zum Einkommen von 2000 Kr., daß also mit V» pCt. besteuert wird. Die Steuer wächst noch weiter niit V10 pEt. für jede 400 Kr. bis 4400 Kr., die also mit I pCt. besteuert werden. Nun steigt die Steuer um '/io für jede 500 Kr. bis 6400 Kr., die also mit l'/e pCt. besteuert werden, dann um Vio für jede 100 Kr. bis 9600(also mit 2 pCt. besteuert), dann für jede 800 Kr. bis 12 000 Kr.(also 2,3 pCt.), dann für jede 1000 Kr. bis 15 000 Kr.(also 2,6 pCt.), dann für jede 2000 bis 21000 Kr.(also 2,9 pCt.), dann jür jede 8000 Kr. bis 30 000 (also mit 3.2 pCt.), dann für jede 4000 Kr. bis 33 000 Kr.(also mit 3,4 pCt.) u. s. w., so daß 55 000 Kr. mit 3,7 pCt., 80 000 mit 4 pCt. besteuert werden, wobei es dann weiter hinauf bleibt. In der z w e i t e n Berathung schloß sich die Mehrzahl beim Schluß« resultat an die Steuerskala der Regierung, die pCt. vom Einkommen und 0,3 pCt. vom Vermögen erheben will, ganz gleich, wie hoch das Vermögen und die Einnahmen sind, obwohl die Linke die steigende Skala ans ihrem Programm hat. Alberti sollte namens der Partei diesen Bruch mit ihren Versprechungen motiviren. Aus„Zweckmäßigkeitsgründen" hätte man von der Durchführung einer steigenden Skala absehen müssen. Er meinte, auch arme Leute möchten gern das Jdrige zur Erhaltung des Staates beitragen(!). Die steigende Skala wäre hauptsächlich eine Agitationsnummer.(!) Klausen als Vertreter der Sozialdemokratie enthüllte in energischen Worten die ganze lügnerische Politik der Linken, wie sie bei den Wahlen die größten Versprechnngen mache und hernach im Reichstag aus„Zweckmäßigkeitsgründen" auf die Hauptforderungen verzichte. Klausens Autrag auf eine steigende Skala wurde mit 77 gegen 11 Stimmen verworfen, ebenso sein Antrag auf Steuerpflichl des Königshauses mit 76 gegen 9 Stimmen. Die Anträge der Mehrheit wurden angenommen. Schweden. — Unter der zahlreichen Fischerbevölkerung der schwedischen Westküste herrscht zur Zeit große Gr- regung wegen angeblicher Uebergriffe und Gewaltthaten, die von� deutschen Fischern innerhalb des schwedischen Seeterritorium? begangen worden sein sollen. Bestimmte Beschwerden sind von Fischern aus der Nähe von Gothenburg erhoben worden; sie behaupten nämlich, daß ein Blankeneser Trawler, deffen Name „Blankenese Nr. 15" ist, ihnen den größten Theil der von ihnen ausgesetzten Angelhaken weggenommen habe. Eine Untersuchung ist sofort eingeleitet worden und eS verlautet, daß ein schnellfahrendes Kanonenboot bereits Befehl erhallen hat, sich nach der Westküste zu begeben, um daselbst Polizeidienst zu thun und die Interessen der schwedischen Fischer zu wahren.— Amerika. Washiugto», 31. März. Allgemein glaubt man, daß der Senat den englisch- amerikanischen Schiedsgerichts-Vertrag nicht ratifiziren werde.— — Argentinische Finanzen. AuS London wird tele- araphirt: Der argentinische Gesandte hat dem Vorsitzenden deS Boiidholder-Ansschusses, Baron Rothschild, mit�etheilt, daß infolge der gebesserten finanziellen Lage Argentiniens die volle Zahlung der Zinsen für die im Uebereinkommcn von 1393 angegebenen Anleihen ein Jahr früher werde ausgenommen werden, als es in dem Ueber« einkommen festgesetzt worden sei.— Australien. — Die Vereinigten Staaten von Australien sind der Verwirklichung wieder um einen Schritt näher gerückt. Theoretisch ist die Vereinigung der jetzt von einander getrennten englischen Kolonien in Australien und Neuseeland schon wiederholt als Strebeziel hingestellt worden, und eS hat auch nicht an Ver« fassuiigsvorschlägen für den neuen Bund gefehlt. Gegenwärtig tagt nun in Adelaide, der Hauptstadt vpn Süd- Australien, ein C o n v e n t von je sechs Delegirten sämmtlicher australischen Kolo- »ien, mit alleiniger Ausnahme der Kolonie Queensland. Der Konvent hat die Errichtung eines Bundes und einer Bundesverfassung beschlossen und die Mehr- heit ist für eine Bersasfung nach dem Muster der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die Ausführung wird noch einige Zeit dauern, sie wird aber zweifellos erfolgen. Und daß ein australischer Staatenbund nicht lange in einem staatlichen Abhängigleitsverhältniß zu England ver- bleiben kann, das liegt auf der Hand. Ueber Nacht tritt daS aber nicht ein, und es wird um so mehr Zeit bis da« hin verstreichen, je weniger niau in England Hindernisse in den Weg legt. Das ganze vernünftige England ist übrigens seit Jahr- zehnten schon mit diesem Gedanken vertraut und solch« Dummheiten. wie der Krieg gegen die amerikanischen Kolonien im vorigen Jahr- hundert, können in England nicht mehr gemacht werden.— Korrespondenzen siehe auch 1. Beilage. VeirhzskÄg«� 202. Sitzung vom 31. März. 1 Uhr. Am Tische des Bundesraths; Brefeld, von Bötticher- Die erste Berathung des Gesetzentwurfs betreffend die Ab» ändern n g der Gewerbe-Ordnung(Haudwerkervorlage)� wird forrgesetzt. Abg. JacobSkötter(k.): Die Vorlage ist sehr abfällig von allen Seiten beurtheilt worden, namentlich auch von der linken Seite. Ich habe es deshalb schon vor dieser Berathung für nöthig gehalten, für die Vorlage einzutrelen, insofern ich eine unbefangene Prüfung ver-' langte, I(Sehrgut!richts.)und ich befinde michdadei mit meinen Freunden in Uebereinstimninng.(Sehr gut! rechts.) Unter Ausrechterhaltung unserer weitergehenden Forderungen werden wir die Vorlage zu verbessern suchen. Auch wir bedauern, daß der BefähigiingsnachweiZ in derselben nicht enthalten ist, daß die verbündeten Regierungen ib» so kategorisch abgelehnt habe». Ich halte ihn für nothwendig für alle Gewerbe, wobei es sich um öffentliche Interesse» handelr Wenn wir den Befähigungsnachweis für das Hnfboschlag-Gcwerbe schon lange haben, und zwar mit guter Bewährung,»so hätte man ans grund dieser Erfahrung den Besähignngs- Nachweis für das Baugewerbe einführen können. Im Bau- gewerbe sind die Arbeiter, welche dabei beschäftigt sind, ge- fährdet. Ei» Bauunternehmer wurde bei Verunglückung seiner Arbeiter freigesprochen, weil er keine Ahnung von der Bautechnik halte. Es ist doch geradezu eine Prämie für das Pfuscherlhum, welches straflos ausgeht, wo der Sachverständige bestraft wird! Die Jnnungsvorstände gehen zn weit, wenn sie die ganze Vorlage ablehnen wollen, weil der Befähigungsnachweis darin gar nicht ent- halten sei. Meister darf sich nach der Vorlage nur derjenige nennen, der die Befähigung»achgewiesen hat; er allein darf Lehrlinge unterrichten. Dieser mildere Befähigungsnachweis ist i» der jetzigen Vorlage enthalten, wie i» der preußischen Vor- läge. Dadurch, daß festgestellt wird, wer ist Lehrling und iver darf lehren, wird die Lücke ausgefüllt, welche sich jetzt in der Gewerbe- Ordnung findet. Das ist ein ganz gewaltiger Fortschritt. Die Gesellenprüfung trägt ejn erziehliches Moment i» die ganze Ausbildung des Handwerkerstandes hinein, namentlich dadurch, daß der Fortbildungsunterricht obligatorisch gemacht wird. Wo den Innungen Vorrechte auf grund der lOOE und 100F gewährt sind, ist meist etwas Erkleckliches geleistet worden. Aber vielfach sind daraus auch viele Prozesse und Streitigkeiten ent- standen, so daß die Handwiner schließlich ans den Gedanken ge- kommen sind, daß alle Handwerker zwangsweise zur Innung gezogen werden müßten. Deshalb haben wir es mit Freude» begrüßt, daß die preußische Vorlage diesem Gedanken gesetzliche Kraft verleihe» wollte. Die Schwierigkeiten aber könnet» von keinem vernünftigen Mensche» übersehen»verden; sie liegen in der Verschiedenheit der Verhältnisse. Denn die Innungen sind hauptsächlich mir in Norddentschland ent- »vickelt, sie fehlen im Süden»»nd Südwesten. Dort sind die Ge- »verbcvereine, deren Verdienste ich durchaus nicht verkenne. Ich bin einverstanden mit dem,»vas jetzt vorgeschlagen»vird. denn es entspricht der historischen Entwicklung. Die Vorlage kommt den Wünsche» der Handwerker möglichst nahe. Die Vorlage betrachten»vir als eine Abschlagszahlung, die so»verth- voll ist, daß»vir sie nicht zurückiveisen. Der Handiverkerstand kann und darf nicht alles von der Gesetzgebung erwarte», er muß sich organisiren, und zu der gesunden Organisation dielet die Vorlage elivas die Hand. Abg. Basscrninnn(natl.): Wir erkennen die Nothiveudigkeit tind Nützlichkeit der Organisation des Handiverks a». I» den Handiverkerkanriner»»vird die für die Regelung des Lehrlingsivesens erforderliche Organisation geschaffen. Die Ge- iverbevercine haben sich mit den obligatorischen Handiverker- taniinern einverstanden erklärt. Mit meinen politischen Freunden stehe ich aus dem Standpunkt, daß»vir es begrüßen, daß die Berlepsch'schei» Entivürfe gefallen sind, die in der Praxis gar nicht durchführbar waren, nanientlich nicht für das platte Land und die kleine»» Städte. Durch eine Organisation an und für sich köuncii große»virthschastliche Schädigungen nicht beseitigt»verde». Die Nothlage des Handiverks hängt nicht mit der Organisation zu- sainnie», sondern mit der Entivickelung der Maschinentechnik. Die Geiverbevereine haben erhebliches geleistet für die Ans- bildung der Lehrlinge durch Ausstellung von Lehrlingsarbeile», Förderung des Fachunterrichts ec. Ich freue mich, daß das auch von Herrn Jacobskötter heute anerkannt»vorden ist. Wenn das Hand- »verk organisirt»vird, dann muß man auch Gesellenausschüsse bilden. Man sieht darin allerdings eine Förderung der Sozialdemokralic. Wenn»»an die Meister z>va»gs»veise in eine Innung hineinzieht, dann»vird man in den großen Städten zi»>eifellos eine Reihe sozialdemokralischer Innungen bekouiinen. Durch die soziale Gesetzgebung sind die Handiverker z>var belastet, und man könnte bedenklich sein, daß die Vorlage ihnen neue Lasten auserlegt. Aber da Ersatz der Baaranslagen und Ersatz für Zeitvcrsä»lu»uiß geivährt»verde» kann, so haben die Handiverker selbst das Recht, diese Bedenke» zu beseitigen. Der Abg. Hitze hat sich gester» dagegen ausgesprochen, daß jemand Lehrlinge ausbilden darf, der fünf Jahre sein Geiverbe ausgeübt hat. Die Prüfung kann doch allein nicht maßgebend sein für die Befähigung zur Lehrlingsausbildung. Die Handiverker selbst er- klären, daß ihnen jetzt ei» schlechtes Material a» Lehrlinge» zu- geführt»vird,»veil die Söhne der Hand»verker sich nieist nicht»vieder dein Handiverk zilivenden. Viele Meister sind nicht»«ehr in der Lage, Lehrlinge vollständig auszubilden,»veil sie zu Theilarbeiter» oder zu Flickern herabgesunken sind. Es muß also mehr aus die Errichtung von Lehrlings- Werkstätten hingeivirkt»verde»». Ich betone, daß»vir eine vernünftige Organisation des Handiverks, »vie sie in den Handiverkerkammern liegt, fördern»vollen; aber für die Zivangsinnungen können»vir»ms nicht erlvärmen. Abg. Schneider(fr. Ap.): Auch»»eine politischen Freunde sind der Meinung, daß die Vorlage so»vichtig ist, daß»vir die Venveisuug an eine Kommission verlgnge». Die Erivartungen,»velche a» die Organisation des Handiverks geknüpft»verde»», sind in mancher Beziehung überschivenglich. Man erivartet eine Besserung der»virthschaftlichen Lage der Handiverker, eine bessere geiverbliche Vorbildung i»nd eine angcinessene Vertretung der Interessen der Handiverker. Auf die Mängel der Organisation ist die schlechte Lage der Handiveiker nicht zurückzuführen, sonder» auf dasUeberhandnehmen des MaschinenivesenS; hier muß der Handiverker dem Großbetriebe folgen oder sich auf das Knnstgeiverbe legen,»voiür der Staat manches lhun könnte. Die Innungen sind jetzt häufig behindert »vorden durch die Aufsichtsrechte der Behörden. Wenn die Zivaiigs- innunge» jetzt zugelassen»verde»» sollen, dann kann man die freien Innungen von den» Aussichtszivange etivas befreie». Wenn die süddenlschen Geiverbevereine beibehalten»verde», dann koinnie» »vir zu einer geiverbepolitischen Mainlinie, und die Geiverbevereine ivürden bei ihrer Freiivilligkeit den norddeutschen Innunge» den Rang ablause». Man sollte Normativbestininiunge» ausstelle» für die Jnnungsbildung;»veiin diese Bestimmungen von de» Innunge» angenommen sind, sollte»»an ii» der Beaufsichtigung sehr vorsichtig sein. Gegner der Jninliigen sind»vir nicht,»vir»vollen nur den Innungen keinen Einfluß gestatten a»>f Leute, die von ihnen nichts»vissen »vollen. Ein»vichtiger Punkt ist die bessere Ansbilditug der junge» Handiverker. Eine ganze Reihe von Handiverker» betreibt verschiedene und nicht innner verivandlc Geiverbe gleichzeitig. Werden diese durch die vorgeschriebene öffentliche Älnffordcrnng gelroffe» oder nicht? Wird bei der beabsichtigte» Bildung sein Haupt- oder sein Neben- beruf getroffen, und»vetches ist sein Hauptberuf? Auch die Frage. ob das Geiverbe fabrikmäßig betrieben»vird, kommt in benacht. Ein bedauerlicher Ilückschrilt»vürde gemacht»verde»,»ven»»vieder eine Abgrenzung zivischen de» einzelnen Handiverke» ins Leben z» rufen versucht»vürde,»vie nia» das niit der Gesellenprüfung an- bah>»t. Solche Abgrenzungen der Arbeitsgebiete können unmöglich als Forderungen des Handiverks angesehen»verde». Die Erwartung des Hern» Hitze, daß die Linke ihn und seine Bestrebunge» auf diesem Gebiete, die Selbstverivaltung des Handiverks auszu- dehnen, nnterslützc»»vird, ist»vohl kaum ernst gemeint. Die Meister, die keine Lehrlinge halte»,»vürden ganz rettungslos der sogenannten Selbstverivaltung. der Zivangsverivallnng ansgelicfert sein; sie »vürden zn Einrichtungen mit Leistungen beitrage» müssen, die für sie selbst gar keine Vortheile haben. Darin liegt auch eine Be- schränknng der Geiverbcsreiheit. Die Hauplsordernng der Handiverker, der Befähignugsnachiveis, ist von der Re- ierung»nit Entschiedenheit abgelehnt»vorden. Man braucht ch darüber gar nicht zu»vundern nach den Erklärungen, »velche die Vertreter der Regierungen bereits 1886 abgegeben haben. in geivisser Befähigungsnachiveis»vird verlangt für die Ans- bildung von Lehrlingen. Eine Ausnahme ist ja zugestanden, daß nämlich jemand, der sei» Geiverbe S Jahre selbständig betriebe» hat, Lehrlinge ausbilden darf; das ist ein Beiveis dafür, daß man die Prüfling allein als nicht maßgebend betrachtet. Würde die Prüfung obligatorisch gemacht, so müßte ja eine Ab- grenzung der Handiverke gegen einander»vieder eintrete». Verantwortlicher Sledatieiir- Angnst Jacobe», in Berlin. Für den Ins Ein bedenklicher Eingriff in die Ge»verbeverhältnisse ist es, daß schon die Unter- Verivaltnngsbehörde» darüber entscheiden sollen, ob in einer Werkstätte zu viel Lehrlinge beschäftigt»Verden. Die höheren Behörden, die Innung und die Handiverkerkammern können auch Anordnungen treffen gegen die Beschäftigung zu zahlreicher Lehrlinge i» einzelne» Geiverbeziveigcn. Sollen darunter die Fabriken ein- begriffe» sein? Daß das Handiverk eine besondere Vertretung sür sich beansprucht, ist ja nach Einrichtung der Landlvirthschaflskammern begreiflich.'Aber eS»nuß darauf gesehen»verde»,»vie diese Kanlineru zusammengesetzt»nd geivählt»verde». Warum sollen die einzelnen Handiverker, welche keiner Innung n»d keinem Gewerbeverei» an- gehören, von der Wahl zur Kammer ausgeschlossen bleiben? Man sollte nicht zuviel von der Gesetzgebung verlangen, das ist auch»nsere Meinung, und da»vir glauben, daß eine Organisation im Rahmen der gegenwärtige» Geiverbe-Ordnung möglich ist, so sind»vir nicht geneigt, für die Vorlage e in zutreten, wenn uns nicht noch besondere verborgene Vorzüge vorgeführt»verde». Abg. Gamp(Rp.): Warum echanffirt man sich gegen die Zivangsorganisalio», die wir doch ans allen andere» Gebieten haben, z. B. in de» Handelskammern?(Znrnf links: Handiverks- kaninierii.) Es ist erfreulich, daß Sie(links) wenigstens sür die Handiverkskammern den Zivang billigen. Den außerhalb der Geiverbevereine und Innungen stehenden Handiverker»» kann man kein Wahlrecht sür die Handiverkskammkrn gebe», ebensoivenig können die Geselle» daran thcilnehmen, denn die Handlungsgehilfen sind bei de» Handelskammern auch nicht vertreten. Erfreulich ist, daß die Handiverkskamnier» obligatorisch angehört»verde» »nnssen; ivenn das schon bestanden hätte, da»»»» hätten»vir die ominöse Bäckereivcrordnung garnicht bekommen. Ob sich die Junungs- verbände erhalten»Verden, kann man jetzt noch nicht absehe»; an ihre Stelle»Verden»vohl meistens die Handwerkskamniern trete». Den Handiverksrammeri» sollte nia» ein Mitivirkungsrecht bei den Forlbildnngsarbeiten einräumen, damit die Ha»d>verker das theil- »veise herrschende Mißtraue» gegen dieselben verlieren. Eine geivisse Genuglhuung empfinden»vir darüber, daß der Befähiguugs- »achiveis in der Form in der Vorlage enthalten ist,»vie »vir ihn immer vorgeschlagen habe» seit zehn Jahren im Gegensatze zn de» Dcutschkonservalive»»ind den» Zentrum,»velche den unbedingten Befähigungsnachiveis verlangten,»vährend»vir die Prüfung oder eine angemessene Lehrzeit forderten. Hätte man sich diesen» Gedanken angeschlossen, dann bestände der Besähignngs- nachiveis schon feit zehn Jahren. Das Examen»st aller- dings kein unbedingter zuverlässiger Prüfstein, aber es bietet doch einen ge»vissen illnhalt für die Befähigung. Viel zn bureankratisch und ninfangreich sind die Bestimmungen über die Innungen. Derartige Bestimmunge» finden sich in» preußische» Handelskanuner-Gesetze nicht. Die Konnnission»vird die staatliche Beaufsichtigung.»vo sie irgend entbehrt»verde» kann, beseitigen inlisfc», denn sonst»vürdci» die Handiverker sich in die Geiverbevereine begeben, die sich freier beivegen können, oder sie »verde»» gegen die Einrichtung obligatorischer Jniningen sich sträube». Abg. Grillenbergcr(Soz.): Seit Anfang der achtziger Jahre ist mindestens durch ei» halbes Dutzend Gesetzentwürfe und Novellen zur Geiverbe Ordining das Handiverk zu rette» versucht»vorden. Stück für Stück»vird vo» der alle» deutschen Geiverbe-Ordnung abgebröckelt, so daß sie eigentlich gar keine Geiverbe-Ordnung mehr ist. Trotz aller dieser Novellen hören die Klagen nicht auf. Man hört inimer noch dasselbe Lied von de»» nämlichen Leuten, daß es »nit dem Handiverk rückivärls gehe»nid nicht genug dafür geschähe. Das liegt daran, duß alle diese Flickarbeiteil sich nicht gegen die Ursachen, sondern nur gegen die Allsivüchse dessen richteten,»vas man auf der Rechten Geiverbefrechheit statt Ge- iverbefreihcit bezeichnet. Das Handiverk als selbständiger»virth- schaftlicher Faktor ist durch die bcutige Gesetzgebung überhaupt nicht zu retten. Man behauptet»nit Unrecht, daß»vir Feinde des Hand- »verks seien;»vir meinen»»r, daß das Ha»>d>vcrk es mit der Kon- knrrenz, mit der es zu kämpsen hat, nicht ausnehmen kann. Es»vird vielmehr zivische» seinen Feinden zerrieben»Verden und»»iß sich mit dem Gedanken vertraut mache», daß seine Mitglieder sich auf eine andere Prodnktionsforni einzurichten haben, in der aller- dings die jetzige sogenannte Selbständigkeit nicht vorhanden ist, in der es aber den Handiverker» zehnmal besser gehen»vird als jetzt. Seit dem Bestehen der Geiverbe-Ordnung ist allerdings das Hand- werk zurückgegangen, aber nicht durch das Bestehen der Geiverbe- Ordnung. Ich habe»och als Geselle unter den alten Jnnnngs- bestilnmungen gearbeitet vor 1869, und damals»var das Handiverk bereits auf einem außerordentlich traurigen Slandp>»»ikt auge- kouunen. Das JniuingSivesen hatte sich überlebt und deshalb hielt mau es siir das Beste, die Geiverbefreiheit einznsührc». Die national- liberale Partei hat allerdings die Geiverbefreiheit betont, aber die Betonung allein macht's nicht. Preisgegeben habe» die Herren die Geiverbefreiheit oft genug, sie haben speziell den Zünftlern die Erlaubniß gegeben, anch vo» denjenigen Handiverker» Bei- träge zn erheben, die nicht zu de» Jnnnnngcn gehören. An ihrer Spitze stand damals der Abg. Dr. Miqncl. Der Abg. Bneck hat anerkannt, daß die Maschine» und die Großindilstrie das Hand- »verk nicht rninirt haben; aber er nieint, der Schuhmacher, der nichts a>»dereS leistet als»vas die Maschinen auch leiste»,»vird nicht »veiter kommen. Die Maschinen leisten aber bedeutend mehr als Menschenhände, sodaß eine ganze Anzahl Handiverker dem Unter- gange geiveiht sind. Das Handiverk kann nicht aufkommen gegen die großen Bazar«»nd Bersandthänser. Sie führen einen auSsichls- lose» Kampf gegen die rasfinirle Reklame»nd andere Dinge, die mit dem Großkapital zusaminenhängen. Der Handiverkerstand ist auch zm» großen Theil zi»' der Ueberzengnng gelangt. daß ihm mit derartigen Kinkerlitzchen nicht geholfen ist. Nur knapp ein Zehntel der deutschen Handiverker gehört de» Innungen an in ca. 8060 Innungen; die übrigen»en» Zehntel sind doch nicht indifferent gebliebei», ein erheblicher Prozentsatz hat sich in den süddeutsche» und sndivestdeutsche» Geiverbevereine» organisirt. Ich persönlich schivärme für diese Geiverbevereine nicht gerade, aber sie haben viel mehr für den Handiverkerstand geleistet»vie die Innungen. Der größte Theil dieser Handiverker hat sich sozial- de>nokralischen Aiischaunngen zugeneigt. Ich glaube nicht an die Drohungen auf den Junungstagen, daß die Zünftler mit Sack und Pack ii» das sozialdemokratische Lager marschiren»vürde», »venn ihnen»licht alle Vergünstigungen eingcränint»vürde». In» sozialdemokratischen Lager»vürde man sich»vahrscheinlich für einen derartigen Zinvachs sehr bedanken. Unsere Kräfte reichen nicht aus, solche Leute sozialdemokratisch zn erziehe». Die Ziinstler »volle» sich nun dadurch helfe», daß sie die große»» Waarenhäuser so hoch belhcnern»volle», daß diese gezivnngen sein»vürden, ihre Maaren so hoch hinaufzuschrauben, daß der kleine Handiverker »nit ihnen konkurrire» könnte. Das hat z. B. Herr Lutz in» ba»)erischen Landtag verlangt. Für das Handiverk»vird aber damit nichts geivonnc». Die großen kapitalkräftigen Waarenhäuser können die Konkurrenz ails- halten. Sie»vürden die kleinen Haitdiverker, die sür sie arbeite», zivicke» und zivacken und die Preise»och mehr herabdrücken,»nd mit diese» niedrigen Preise» die Konkurrenz todtschlage». Wann die Aufsaugung des Handiverks durch das Großkapital vollzogen sein»vird,»Vilsen »vir nicht. Jedenfalls ist das Handiverk in der letzten Zeit rapide zllrückgegangen. Es gicbt genug skrupellose Politiker, die den Hand- »verlern vorreden, daß sie mit der Zivangsinnung und dem Be- sähignngsiiachiveis den schönen goldenen Bode»»viederfinde»»vürde». Unser Exkollege Biehl hat einmal ans der Schule geplaudert, gegen»ven sich die Innung z>» wenden hat, nämlich gegen das Psuscherlhuu». Darunter verstand er diejenigen Handiverker, die nichts sind und nichts haben, die sogenannten Fretter. Er»var aber auch so ehrlich zuzugeben, daß die J n n n n g e» gegen die o r g a u i s i r t e n Arbeiter kämpfe»>» ü ß t c n. Ob frenvillige oder freiwillig gezivnngene Innungen eingeführt»verde»»,»st nicht so»vichtig, als die Frage,»vas die Innungen gegen die Arbeiter im Plane führen. Der Gesetzentivurf geht darüber kurz hiniveg,»vie die Organisation der Gesellen stattfinde» soll. Auch das so»vichtige Lehrlingsivesen ist lange nicht so aussührlich behandelt, wie die Organisation der Innungen. Wenn der Abg. Gamp gesagt hat, es»väre niemals davon die rntentheil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druci und Verlag von( Rede gewesen, einen Z>va»g zu gunsten der Zivangsinnung auszu« üben, so ist das falsch; die radikalen Zünstler stehen heute noch auf diesem Standpunkte. Sicher ist. daß Kollege.-Metzner nlit dem Ge- sänge, den Herr Kdllege Hitze gestern angestinunt hat, durchaus nicht einverstanden ist; er»vird in dieser Vorlage auch nur einen„mit Rosens bekränzten Leichnam" erblicken. Der Abg. Jacobskötter, dem ich sonst bei seinen radikalen und reaktionären Jnnungsrede» ge- lauscht habe, hat heute eine»nerkivürdige Zahmheit an den Tag gelegt. Ich»vciß nicht,»velche Einflüsse geltend geivesen sind. In der nationalsoziale»„Zeit" des Pfarrers Naumann stand ei» großer Artikel von ihm,»vorin er seinen»enen Standpunkt niedergelegt hat. Die Herren»vollen es mit dem»venigeu probiren, um mehr zu erreichen. Wir stimmei».gegen eine solche Knebelung der Arbeiterklasse». Die srciivillgen Zivangsiiinunge» sind einfach schon sprachlich eine Lächer- lichkeit, und sie»vürden sich anch in der Praxis nicht beivähren. Machen Sie doch ganze Arbeit und führe» Sie Zivangsinnungen für das ganze Deutsche Reich ein. Dann»vird man bald sehen,»vie der Hase läuft und in»venigen Jahrzehnten die Abivirthschastnng der ganzen Geschichte erleben. Diese ganze Vorlage hat eine Art nationalliberalen Charakter, so daß ich es begreiflich finde, daß die Herren von der äußersten Rechten mit den iienen Anschauungen Jacobskötter's»licht ganz übereinstiinnien. Die eigentlich sozialdemokratischen Handiverker er- blicken die Hilfe für sie auf politischein Gebiete. Sie»vären zu- frieden,»venu inan ihre Söhne nicht auf so lange Zeit unter die Soldaten steckte, ihnen nicht so viel direkte oder»»direkte Steuern abnähme und durch die Zollpolitik den aus- »värtigen Markt sür die Industrie versperrte.(Zustimmung links.) Am liebsten ivürden»vir die ganze Vorlage a limine ablehnen; da aber die Gefahr besteht, das etivas Gefährliches zustande kommt, so»volle»»vir»venigstens dafür sorgen, daß der Gesetzentivurf in möglichst»venig schlininier Form angenominen»vird. Nach unserer Meinung sollten nicht blos alle organisirten, sondern alle Hand- »verker das Wahlrecht zu den Handiverkskanimern haben. Daß in die Gesellenansschüsse auch sozialistische Elemente Eingang finden »vürde»,.halte ich sür selbstverständlich. Diese Erivägung hat»vohl die Regierung veranlaßt, die Vorlage dahin zuzustutzen, daß man die allgemeinen Zivangsinnungen»veglassen und nur die freiivilligen Jiniuilgeii haben»vill,»veil dann diese Gefahr»veniger vorhanden ist- Zurückiveisen»vird man diese Elemente ans den freiivilligen Innungen nicht gut können. Früher»vollten die sozialdemokratische» Handiverksgesellen von solchen Ausschüsse» überhaupt nichts»vissen, jetzt scheint sich diese Ansicht etivas verändert zu haben. Wenn die Gesellenausschüsse obligatorisch«ingerichtet»Verden, haben die sozial- demokratischen Gesellen, die bei Jnnungsmeistern arbeiten, de» ernst- haflesten Willen, sich zn betheiligen. Diese Elemente»verde» dafür sorgen, daß»venigstens keine Kirchhofsruhe in diesen idiillischen Ein- richlnngen stattfindet.(Sehr richtig! links.) Der Kampfstoff ist dadurch gegeben, daß den Gesellen absolut kein bestimmter Einfluß eingeräumt ist. Sie sollen»ach der Pfeife des Meisters tanzen, aber ans die Ab- stinnnungen haben sie keinen Einfluß. In den alten zünftigen Or- ganisationc»»varen die Gesellen— Bruderschafte» vollständig frei. Sie sind freie Korporationen innerhalb der Zilnftorganisationen geivesen und konnten ihre Angelegenheiten, zu denen sie mit Bei- träge» herangezogen»vnrden, vollständig selbst verivalten. Arbeits- »achiveis. Krankenkasse»,»vill man ihnen auch nicht überlassen. Die Meister solle» darüber herrschen. Bon besonderer Bedentilng ist das Lehrlingsivesen. Das ganze Handiverk ist sehr»venig geeignet, das Lehrlingsivesen zu regeln, noch »veniger es zn heben und auch die Innungen sind dazu nicht sähig. »vie das Beispiel Sachsens zeigt. Nur 1t pCt. der Gesannnt- Innunge» habe» das alleinige Vorrecht erhalten, Lehrlinge zn hallen, an» meisten i» Preuße»,»vo man sich alle Mühe gegebe» hat, den Zivangs-Organisatione» Vorschub zn leiste». Dieses Vorrecht ist aber einen» großen Theil der Innungen»vegen absol»iter Unfähigkeit »vieder entzogen»vorden.(Hört, hört! bei den Sozialdemokraten). Ter Meister soll nach den» Gesetz die Pflicht haben, de» Lehrling vor Mißhaiidlunge» seitens der Hairdiverksgenossen zu schützen. Dagegen steht ihn, das Recht der väterlichen Züchtigung zn. Dieses Recht wird er nun auf den Altgeselle» oder erste» Geselle» übertragen, und»ver die Sachen ans der Praxis kennt, der »veiß,»vie dieses Recht zn einein Recht der körperliche» Mißhandlung arisartet.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Ich habe es an»nir selbst erfahren. Vielleicht»verde» nun einig« vo» Ihnen sagen: jD»»»virst es verdient haben. Aber ich habe hunderte von Lehrlingen gekannt, denen es ebenso ergangen ist. I» jeder Mittelschule ist es den Lehrern verboten, Schülerin» 13. und 14. Lebensjahre körperlich zn züchtigen; hier soll es bis znin 16. Lebens- jähr gestattet sein. Die Lehrlinge sollen behandelt»verde» wie dnninie Jungen, die noch nicht aus der Schule entlasse» find. Das ist ei» nnivurdiger Zustand. Sluch eine ganze Reihe anderer Bestinimnngcn sind nnpraktisch und niüsse» in der Kommissioii geändert»verde»,. In der Schiveiz existirt ei» einheitliches Geiverbegesetz noch nicht, nnn hat aber 1395 der Kanton Zürich ein kankonales Geiverbegesetz zn formulire» gesucht. Der Regiernngsrath Locher. der es verfaßt hat, ist ans Verlangen i» Arbeiter- und Handiverker- versannnlungen gegangen und hat den Gesetzentivurf erläutert, hat Eingaben verlangt von'Arbeitgebern»nd-nehmeri» über den Entivurf,»vorauf das Gesetz ausgearbeitet»vorden ist. Unsere geiverbe- n»d sozialpolitische»» Geheiuirälhe kümmern sich natürlich»»»» solche Gesetzentivürfe nicht. In diesem Entwürfe »vird eine Verordnung über das Verfahren beim Sntnnilsionsivesen beigegeben. Letzlere könnte auch i» Deutschland nichts schaden. Die Herren Jnnnngsbrüder steigern sich unter einander herunter. Sie bereiten sich Schinntzkonknrrenz. Das Züricher Geiverbe- gesetz enthält auch Bestiminnngen über Sicherheitsvorrichtungen in bezng ans das Gesellen- und Lehrlingsivesen. Davon ist bei»ins sehr»venig die Rede, lieber die Beschaffenheit der Arbeitsränme anch sür die Hansindnstrie ist vorgeschriebe», daß die WohnnngSränme der Heimarbeiter bestiininlen hlzgienischen Vor- schriftcn entsprechen müssen, sie dürfen nicht in Keller- lokalen liegen, nicht zum Koche» und Schlafen verivendet werden. Früher sagte Herr v. Bütlicher, die Regierung hätte keine Ver- nnlnssinig, sözialdemokratische Programinpunkte zu vcrivirklichen. Das kann sie hier nicht entgegendalten. In den» Enl>v»>rs»vird »veiter vorgeschrieben,»vie die Schlnsränme sür Arbeiter nud Lehrlinge beschaffen sein solle»,»vie viel Kubikmeter Lnftrann» sie haben, daß sie direktes Licht habe»»»üsseu. Kostentziehnng darf für Lehrlinge nicht angeivendet»verde».'An best», mute», Feiertage»» darf nicht gearbeitet»verde»» unter Strafandrohung. Die tägliche Arbeitszeit»vird festgesetzt auch für die jugendlichen Ar- bester in den Fabriken. All das fehlt in diesem vorliegende» Gesetzentwurf. Wir appelliren ja vergeblich a» Ihre Ohre», aber hören»nüffei» Sie es,»venigstens»verde» es die Leute im Lande hören, die sich dafür interessiren. Was aus der Gründung der Innunge»»vird, ist uns in» großen und ganzen ziemlich gleichgiltig; ebenso »vie es eingerichtet»verde»»vird. Wir stiinmen gegen alles,»veil damit den» Handiverk nicht geholfen»verde» kann. Man»veist z>var ans das Knnstgeiverbe hin; aber»vieviel Leute können sich den Lnxns leisten, kunstgeivervliche Gegenstände zn kaufen. Die speziellen Arbeiterbestimnuliigen»verde»»vir in der Konnnijsioi» sehr genau unter die Lupe nehme». Allen denen, die bei der Wahl» ngitation ihren arbeiterfreundlichen Charakter herauskehren»vollen. uiöchte ich rnthen, sich zu überlegen, ob sie an ihren reaktionäre» Bestrcbnngen festhalten»volle». Daß»vir ein derartiges G e s e tz n i ch l n n t e r st ü y e>» k ö n n e n, v e r st e h t s i ch von selbst. Im übrigen»vünschen»vir Ihnen viel Vergnügen und Erfolg zu Ihre» fkomniissionsberathnngen.(Heiterkeit.) Slbg. Hilpert(b. k. F.): So lange nicht die Regierung die großen Geschäfte energisch besteuert,»vird für die Handwerker nichts zu erreichen sein durch die Vorsage. Redner empfiehlt eine größer« Berücksichtigung der kteinen Geiverbevereine in de» lleiiien Städten. Ilm 5'/« Uhr»vird die»vettere Berathung bis Donnerstag 1 Uhr vertagt. Vvpv»ol»ei» siehe 1. Beilage. Babing in Berlin. Hierzn�Ä Beilagen u. Nnterhaltnngsblatt. Kr.N. lt. MM,, f. Ktllllßt VsvlÄtnenkÄvifches. Der Bnndcsrath hat in seiner am 30. d. SUl. abgehaltenen Plenarsitzung den vvm Reichstag zurückgekommenen Gesetzentwürfen wegen Feststellung des NeichshanshaUs-Etats für 1897/98, wegen Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltungen des Reichs- Heeres, der Marine und der Reichseiscnbahnen und ivegen Fest- stellung des Haushaltsetats für die Schutzgebiete auf das Etatsjahr 1897/98 in der vom Reichstag beschlossenen Fassung die Zustiinninng erlheilt.— Tie Answanderergesctz- Kommission verhandelte in der beiltige» Sitzung zunächst über folgenden Antrag Frese:„Der Nntcrnehiner ist verpflichtet, mit seinen Schiffen beförderte, im tvestimirnmgslande zurückgewiesene, sowie solche Auswanderer, die durch ihn angenommen, aber wegen Nichtzahlung des Uebersahrt- gelbes nicht befördert sind, auf seine Kosten in die Heimath und, soweit es sich um nichtdenlsche Auswanderer handelt, über die deutsche Grenze hinaus zurückznbefördcrn." Der Antragsteller hält die Aufnahme dieser Bestimmung zum Schutze der Kommunen der Hafenplätze für dringend nothwendig und weist auf die vor mehreren Jahren erfolgte Zurückweisung russischer Ans- Wanderer von feite» der Regierung der Vereinigten Staate» hin, welche Auswanderer alsdann vom Norddeutschen Lloyd mit zurückgebracht und in Bremen ausgeschifft wurden. Den Bremern verursachten sie viele Koste», da die russische Regierung die Wieder- aufnähme der Leute verweigerte. Die Regierungsverlreter erklären übereinstimmend, daß gerade die vom Antragsteller crivähuten Vor- kommuiffe de» ilieichs- bezw. Landesbehörden Veranlassung gegebe» hätleu, Wiederholungen dieser Art für immer unmöglich zu mache»; gegen die Ausnahme der beantragten Bestimmung aber läge» Bedenke» politischer Natur vor. aus welchem Grunde der Buudesrath darauf nicht eingehen werde. Nach dieser Erklärung zieht Frese seinen Autrag zurück. Ein weiterer Antrag Frese, welcher fordert, daß, wenn die Auswanderer in einem austerdeutschen Hafen das Schiff besteigen oder wechseln müssen, dies im Be- sördernugsverlrage ausdrücklich zu vereinbaren sei, wird ein- stimmig anaenonnnen. Zu dem Abschnitt V. welcher von den „besondere» Bestimmungen für die überseeische Auswande- rung»ach außereuropäischen Ländern" handelt. haben unsere Genossen G e r i s ch und Metzger eine große Anzahl von Anträgen eingebracht, welche sämintlich dem bewährten Hauiburglschcn Zluswanderungs- Gesetz entnommen sind. Nachdem Ger i s ch diese Anträge kurz begründet und zur Annahme empföhle» hat. erklären die Bundesrathsbevollmächtigtcn Senator Marcus(Bremen) und B u r ch a r d(Hamburg), sowie andere Regierungsvertreter, daß irgendwelche prinzipiellen Bedenken gegen diese Anträge nicht vorlägen, aber andere Bedenke», namentlich formeller Natur hätten den Bundesrath veranlaßt, davon abzusehen, das Gesetz mit diesen Details zu belasten, und empfehlen sie die Ablehnung der Anträge aus diesen Gründen. Auch die Abgg. Hasse und Prinz A r e n b c r g sind der Meinung, daß damit das Gesetz z» sehr belastet würde und wolle» die in den Anträge» enthaltenen Bestimmungeil den Anssührungsverorduungen des Bundesralhs vor- behalten wisse». Metzger ist der Ansicht, daß die in de» 9 In- trägen enthalteneil Schutzbestimniungen, welche als das Resultat jahrzehntelanger Erfahrung im Hainburger Gesetz aufgenoinmen worden sind und sich durchaus bewährt habe», sehr wohl innerhalb des Rahmens der Vorlage Aufnahme finden könnte», ohne daß eine zu grobe Beschiveruug zu be- fürchten sei. Senator Burchard erklärte, daß diese Bestlininiiuge» in der Vorlage zu einem Auswanderungsgesetz, welche der Harn- burger Senat Mitte der achtziger Jahre entworfen, auch nicht eut- halten gewesen sind und erst aus Drängen der Bürgerschaft hinein- gekommen seien. Dieser Redner, wie auch die übrige» Regiernngs- Vertreter, erkläre» jedoch, daß der Bundesrath bei Erlaß der Ausführungsverordnungen diese Schutzbestimmnngen zur Nicht- schnür zn nehme» und sie in allen Thrile» berücksichtigen iverde. Jnzivischen hat auch der Slbg. Li n g e n s eine Reihe von Anträge» eingereicht, welche sich nach derselbe» Richtung hin bewegen. Nach längerer lebhafter Debatte erklärt Metzger, daß, iveu» die Regierungsverlreter bis zur zweiten Lesung eine bindende Erklärung zu Protokoll gebe», daß die Anträge in den Ausfüh- »iittgsbestinuuniigcn die weitgehendste Berücksichtigung finden und als Minimum des de» Auswanderern zn gewährenden Schutzes zn gründe gelegt werde», er i» Uebereiustiinuinng mit dem Milantragstelter keinen Anlaß habe, darauf zu bestehen, die An- träge dem Gesetz einzuverleiben. Die Regierungsvertrcter geben ein dieebezügliches Versprechen ab, womit diese Angelegenheit ihre vor- läufige Erledigung findet. Einige kleinere Anträge unserer Genossen zu diesem illbschnitte gelangen zur einstimmigen Annahme. Eine kurze Debatte entspinnt sich dann noch über mehrere Anträge des Abg Hasse, welche die Schaffung eines„Auswandenmgsralhes" ans Mitgliedern des Bundesrathes und Reichstags bestehend, bezwecken. Dem Antragsteller hat bei Stellung seiner Älnträge als Aualogon d�e„Kommission für Arbeiterstatistik" vorgeschwebt. Ferner will er das ganze Auswanderungswesen einem besonderen„Auswanderungs- auii" überwiesen wissen, da das Reichsamt des Innern ohnehin schon schiver genug belastet ist. Die Regierungsvertreter wende» sich mit großer Entschiedenheit gegen diese Anträge mit den ver- schiedenste», mehr oder minder stichhaltigen Gründen, worauf Hasse seine säunnllicheu diesbezügliche» Anträge wieder einmal mulhig zurückzieht. Einige weitere Anträge desselben Abgeordneten, welche die ganze Ueberivachung des Auswaudernngswesens in den Einschiffungs- Haieuplätze» dem Reichskanzler überweisen wollen, anstatt wie in der Vorlage mit dieser Ueberivachung die Landesbehörde zn be- trauen, iverde» mit allen gegen seine eigene Stimme abgelehnt. Ferner beantragt Hasse»och Errichtung von Lieichskouiniissarialen „zur Wahrnehmung der Rechte und Interessen deiitscher Ans- wanderer" ec., welchen Antrag er aber, nachdem der Regierungs- Vertreter darauf verwiesen, daß durch derartige Einrichtungen den deutsche» Steuerzahlern Opfer zu gunsten derjenige» Volksgenosse» aufgebürdet ivürde», welche selbst an diesen Lasten nicht ullltragen wollen, abermals zurückzieht, jedoch»lit der Erklärung, daß er i» der zweite» Lesung eine Resolution im Sinne dieser Anträge ein- bringen werde. Damit ist dieser Abschnitt der Vorlage erledigt »»d wird die Weiterberalhimg auf Donnerstag Bormittag 10 Uhr ausgesetzt. Sächsische Landtagswahlc«. In einer Versammliing der Chemnitzer Parteigenossen sprachen sich sämmtliche Redner siir die Belheilignng an der Wahl ans. Ebenso erklärte sich in Oels- i tz i. V. eine Versammlung der Parteigenossen ans dem 23. Reichstags-Wahlkreise für die Beiheiligung. Dagegen beschloß in Leipzig eine Parteiversaminlnng, a» den früheren Be- schlüffen: Nichtbelheiligung und Niederleguug der Mandate der sozialdemokratische» Laudlags-Abgeordneten, festzuhalten. Eine Ver- sannnlnng von Parteigenossen ans dem 19. Reichstags-Wahlkreise, die in S ch» e e b e r g tagte und die über die Frage der Belheilignng selbst verschiedener Meinung war, erachtete jedoch sich und die sächsische Sozialdemokratie durch den Beschluß der letzte» Landes- Versammlung für gebunden. In Dresden faßte eine Partei- Versammlung für den 4. Wahlkreis eine Resolution sür die Wahl- belheilignng, mit dem Hinzufügen, man erwarte, daß die Landesversannnlilug die Einigkeit und Aktionsfähigkeit der sächsische» Sozialdemokratie wieder herstellen werde. Bei der Gemeinderathswahl in dem braunschweigischen Dorfe Broitzem wurde in der dritten Klasse der Parteigenosse Maurer Karl B i e d mit 62 von 6ö Stimmen gewählt. Ks„Wwiilts" Bei den Gewerbegerichtstvahlen in Zwickau i. S. siegte in der Klasse der Arbeitervertreter die von unseren Parteigenossen aufgestellte Liste. Auch in der Klasse der Iknternehmervertreter wurde einer unserer Kandidaten gewählt, im übrige» siegten hier die Kandidaten der Gegner. Wie niait»ns behandelt. Sehr oft schon mußten wir be- richten, ivie Behörden den W i r t h e n, die ihre Säle zu sozialdemokratischen Versammlungen hergeben, Schwierigkeiten in der Ausübnng ihres Gewerbebetriebes bereiten. Unser Parlei-Organ in Dessau ist in der Lage, zu den vielen Bei- spiele» ein neues hinzuzufügen. In Coswig wurde von einem Parteigenosse» um Erlheilmig der Konzession nachgesucht, die ganz unerwartet von der Kreisdirektion mit der Begründung abgelehnt wurde, daß in diesem Lokal die Sozialdemokraten ihre„Gelage" ab- hielten; an eiuer anderen Stelle wird sogar von„ausschweifenden Gelagen", zn welche» angeblich die Zusammenkünfte der sozial- demokratische» Vereinigungen in den Stammlokalen der Partei häufig ausarteten, gesprochen. Es sei deshalb anzunehmen, so hieß es weiter, daß der Gewerbebetrieb zur Förderung der„Unsittlich- keit" und„Völlerei" mißbraucht werde. Das anhaltische Landes-Verwaltungsgcricht ließ sich vernünftigerweise durch diese höchst sonderbaren„Gründe" der Kreisdireklio» nicht beeinflussen, sondern es hat auf erhobener Klage unserem Parteigenossen die Konzession ertheilt. Jeder, der unsere Vkrsanimlnnge» einmal besucht hat, weiß, daß dort der Genuß von Getränke» äußerst gering ist, und dem Wirth nicht selten der geschäftliche Erfolg viel zu unbedeutend er- scheint. Die Annahme, in unseren Versammlungen würden Gelage abgehalten, steht also— zart ausgedrückt— mit den Thatsache» auf sehr gespanntem Fuß. AuS Belgien. Bei den Wahlen zu de» Gewerbe- Schieds- gerichle»(Conimil de Pmd'hommes) in V e r v i e r s und Molen- deck(Vorort von Brüssel) siegten die Liste» der Sozialdemokraten mit großer Majorität, hier gegen die der Liberalen, dort gegen die der Klerikale». In Gent erhielten die Sozialdemokraten 9794, die Klerikalen 10 III, die Liberalen 1937. Zwischen den beiden ersten Parteien findet Slid>>vaHl statt. Polizeiliches, Gerichtliches ic. — In Halle a. S. war der Parteigenosse M a n n i g e l, der frühere verantwortliche Redakteur des„Volksblatts", vom Schöffengericht von der Anklage freigesprochen worden, den Lehrer Ernst Btümel in Eislebe» beleidigt zu habe». Das Landgericht hob dieses Urtheil auf und erkannte auf 30 M. Geldstrafe oder 6 Tage Gesäuguiß._ Vonttnttnnlvs. Stadtvcrordneteu-Bersamiulnng. Außerordentliche Sitzung vom Mittwoch, 31. März, nachmittags 5 Uhr. Die heutige Sitzung ist nöthig geworden, um die rechtzeitige Verabsckiicdung des Stadthanshalts-Elats für das morgen beginnende neue Elatsjahr zu ermöglichen. Die ordentliche Sitzung am Donners- tag, den 1. April, fällt dafür aus. Stadrbaurath Krause- Stettin hat die Wahl zum Stadt- baurath in Berlin angenommen. Die E t a t s b e r a t h u n g wird fortgesetzt. Der Spezialetat sür Straßen- und Brückenbau ist vom Etatansschnß unverändert zur Genehmigung empfohlen, desgleichen der Etat der Kapital- und Schuldenverwaltung. Der Spezialetat „Verschiedene Eiuuahuien und Ausgaben" führt als Anhänge die Etats sür das Märkische Provinzialmusenm, für das Statistische Amt, sür das Gewerbegericht und für die Volksbibliotheken und Lesehallen. Diese Anhangs-Etats sind im Ausschusse unverändert geblieben. Zur Annahme gelangt ist im Ausschuß eine Resolution, den Magistrat zu ersuchen, die Zeit zur Entgegemiahme von Klage»«» das Gewerbegericht zn erweitern. Der weiter- gehende Wunsch, beim Gewerbegericht eine» Abenddienst einzurichten, um die Klageführeuden vor Verlust der Arbeitszeit zn schützen, hat im Ausschüsse mit Rücksidzt aus den Kostenpunkt keinen Anklang gefunden. Unter den„verschiedenen Ausgaben" dieses Spezial-Etats be- finden sich unter besonderem Titel die Beiträge und Geschenke an Vereine und Institute. Der Hanptverein für Knaben- Handarbeit erhält jährlich 1800 M. Subvention. Eine Petition des Aereinsvorsitzende» fordert die Erhöhung auf 5000 M. Der Ausschuß hat das Petitum abgelehnt, hält aber sür empfehlenswerth, jeder der S hier be- stehende» Kuaben-Handarbeitschulen 600 M. Zuschuß zn be- willigen, also den Gesainintzuschuß künftig auf 3000 M. zu erhöhen und beantragt, in eiuer Resolution den Magistrat zur Erwägung dieser Anregung aufzufordern. Die Humboldt- A k a d e in i e soll nach dem Etatsentwurf von jetzt ab 1000 M.(statt bisher 200) Zuschuß erhalte». Die Beihilfe von 1200 M. an das M a g d a l e n e n- S t i f t ist vom Älusschuß gestrichen worden, nachdem zuvor eine Petition um Erhöhung der Beihilfe um 3000 M, erörtert worden war. Es wurde auf die ziemlich zweifelhasten Erfolge des Stiftes und aus den Umstand hingewiesen, daß das Stist aus diesem Etat von der Stadt aus grund des Provinzialdolalions-Gesetzcs von 1872 7200 M. erhalte, lieber die Petition soll zur Tagesordnung übergegangen werden.! Für die dauernde Beschränkung des für die Pferdebahn erforderlick, gewordenen Theils des 11» i v e r s i t ä t s g r u n d st ü ck s soll eine jährlickie Rente von zirka 27 000 M. ab l. Juli 1894 an die Universität gezahlt werden. Gegen diese„unerhörte", eigentlidi von der Pferdebahu-Gesellschast zn zahlende Summe(die Universität bereckiuet die llieute sogar auf 76 000 M.!) ist im Ausschuß lebhaft Front gemacht worden. Die Magistratsvertreter haben für die heutige Plenarsitzung'Aufklärung zugesagt. Heber die vorstehend erwähnten Etats referirt Stadtverordneter Dr. P r c u ß. Beim Tiesbau-Etat war die Einstellung von 33 000 M. ins Extra-Ordinariuni zum Zwecke der Pflasterung des Platzes D(au der Lette-, lliaumer-, Dnucker- und Lyd>e»erstraße angeregt, der betr. Antrag später aber zurückgezogen worden. Der Tiesdauelat und der der Kapital- und Schuldeuverivaltnng werden ohne Debatte genehmigt. Zum Etat des G e w e r b e g e r i ch t s bemerkt Stadlv. Borgmann: Die vom Ausschuß empfohlene Resoliltion soll einen Mißstand beseitige», der darin besteht, daß der Arbeiter, der in den jetzt dafür vorgeschriebene» Stunden seine Klage anbringe» wolle, dadurch event. nicht nur seine Arbeitszeit, sondern auch unter Umständen selbst seine'Arbeitsgelegenheit verliert. Wir hatten im Ausschuß befürwortet, für diese» Zweck einige'Abendstunden zu be- stimmen. Dem Einwand, daß dadurch sehr hohe Kosten erwachsen, möchte ich hier eutgegeutrctcn. Des nachmittags in der Zeit von 1 Uhr ab werden erfahrungsmäßig gar keine Klage» mehr angebracht. Aber elbst unter Beibehaltung der jetzigen Bureauzeit könnte bei Eiurichtilug von 2 Abendstunde» höchstenfalls ei» Kostenaufwand von 800 bis 1000 M. eintrete». Diese kleine Summe steht i» keinem Verhältniß zu den Verlusten, welche de» Arbeiter» aus dem heutigen Zustande entstehe». Vorsteher Langerhans warnt vor Beschlüssen, welche auf Aussagen einzelner hin gefaßt werden. Die Abendstunden werden in dem Geschäftsbetriebe des Gerichts große Störungen hervor- bringen. Man niüsse zunächst die Vorsckzläge des Magistrats ab- warten. Stadtv. B o r g m a n n: Ich habe nicht den Ausschußanlrag be- kämpfen, sonder» blos einen Weg der Aussührung bezeichnen wolle». DomrßG, 1. April 1897. Die Mittags- und Nachmittagssttmden von 1—3 nützen den Arbeitern gar nichts. Die Resolution wird angenomme», ebenso diejenige wegen des Vereins für Knaben-Handarbeit. Für die Bewilligung der 1200 M. für das Magdaleneustist wird seitens der Sladtvv/Reiß und Schwalbe lebhast plaidirt. Die Versammlung beschließt die Bewilligung der Summe. Die a» die Universität zu zahlende R e n t e bezeichnet der Referent als eine Nachwirkung der bekannte» Million, welche die Pferdebahn an die Stadt zahlte, um die Linie über den Opernplatz führen zu können. Die'Rente werde möglicherweise die Zinsen der Million noch übersteigen.(Hört, hört!) Den Kanon sür die Benutzung der Straße sollte»ach dem damaligen Referat des Dr. Stryck nicht die Stadt, sonder» die Pferdebahn- gesellschaft zu tragen habe», ein thalsächlicher und rechtlicher Jrrthum, wie sick) jetzt herausstelle. Stadtv. Wallach will die Summe bewilligen, beantragt aber die Einsetzung einer gemischte» Deputation zur Berathung der Frage, wie es möglich ist, die Stadt von dieser Last zu befreien. Die Sache zeige wieder, daß der Fiskus auch die vitalsten Interessen der Stadt miß- achte, wenn es gelte, einen pekuniären Vortheil herauszuschlagen. Nie- mand vom damaligen Ausschuß habe an eine so horreudejForderung gedacht; die Versammlung sei an der jetzigen Ueberraschung un» schuldig, denn der Magistrat und seine Rechtsverständigen hätten ans's bündigste versichert, daß es sich nur um eine kaum nennens- werlhe Summe handeln werde. Selbst die 27 000 M. seien nod> ein ganz kolossaler Betrag. Für die Verpflichtung, später solche Verträge griiudlidzer zu prüfen, sei das ein gar zu hohes Lehrgeld.(Zustimmung.) Stadlv. D i n s e will die Summe gleichfalls bewillige», aber die Zahlung nur auf grund einer besonderen Magistratsvorlage leisten lasse». Stadtv. B o r g in a n n: Die Million ist wie eine Fata Morgan» verduftet, und es zeigt sich, daß die damalige Vorlage ebenso wenig gründlich ausgearbeitet war, wie die Vorlage wegen der Hochbahn von Siemens u. Halske. In beiden Fällen ist die Stadt ins Hintertreffen gebradst worden. Jene Million hat sich durch den Betrieb über den Opernplatz längst ainortisirt. Man kann thatsächlich nicht anders sagen, als daß so ungemein wichtige Vorlagen mit ungemeiner Oberflächlichkeit ausgearbeitet worden sind. Auch hier sieht man wieder, in weldze Misere die Stadt durch die Konzessionirung der Pferdebahu-Gesellschast gekommen ist. Nur durch Ueberuahme der Pferdebahn in eigen« 'Regie ist abzuhelfen. Die Universität wird natürlich nidsts ablasse». Vorsteber Dr. L a n g c r h a n s: Der Antrag Wallach geht zu weit; der Dinse'schc Vorschlag ist besser, denn wir haben dann mit- zurede»,»nd darauf kommt es mir sehr wesentlich an. Stadtv. Wallach bleibt dabei stehen, daß die Versammlung keine Mitschuld trifft. Stadlv. L a d e w ig rügt, daß trotz des bezüglichen Protokoll- Vermerks heute keiner der beiden Syndici anwesend ist, nicht ein- mal derjenige, der damals die Verhandlungen mit der Pserdebahn geleitet hat. Kämmerer M a a ß: Der Syndikus Meubrink ist verhindert. (Ruf: Leider!) Ich bin aber als Vertreter des Magistrats zu jeder Anskuust bereit. Auch Sachverständige könne» irren, und unsere Vertreter haben sich geirrt. Der Fehler ist gemacht und muß eingestanden werde». Die 27 000 M. jährlich halte ich für da? Maximum. Stadlv. B o r g in a n»: Der Magistrat hat Monate Zeit, die Vorlagen auszuarbeiten und zu prüfen; die Versammlung wird plötzlick; vor große Vorlagen gestellt, die in einigen wenigen Tagen erledigt sein müssen.(Lebhafte Zustimmung.) Wie kommt es, daß die Versammlung von einer so exorbitanten Forderung der Universität gar nicht Kenntniß erhalten hat bis zu dieser dürstigen Etats- Position? Die Antwort auf diese Frage bleibt aus. Die Position wird mit dem Antrag Dinse angenommen. Stadtv. Borgt» an» konstatirt, daß der Kämmerer auf sein« Frage nicht geantwortet hat. Kämmerer M a a ß: Ich bin als Kämmerer doch nicht ver» pflichtet, eine besondere Vorlage zu machen.„Ich Hab' hier n»r ein Amt und keine Meinung." Versdfleierl wird dadurch nichts. Die eigentlichen Sleueretats sollen ebenfalls nach deilt Magistratsaiisd>lage genehmigt werden, mit der Maßgabe, daß die an den Zlnsgaben beschlossenen Abstriche— 24 800 M.— von der Umsatzsteuer abzusetzen sind. Im übrigen bleiben somit die Etats der B e t r i e b s st e u e r, der Hundesteuer, des B r a u m a l z« st e u e r- Z u s ch l a g s, der W a» d e r l a g e r- S t e n e r, der 11 in s a tz si euer, der G e in e i n d e- G r n n d st e u e r, der G e- w e r b e st e it e r und der G e in c i n d e- E i n k o in in e n st e u e t unverändert. Die Umsatzsteuer schließt ab mit einer Mehreinnahme von 2 362 200 M., die bekanntlich auch sür die aufgehobene Bauplatz- slener Ersatz bieten soll. Durch die Grund-, Gewerbe- und Ein- kouimenstcuer sind 46 176 000 M. aiiszubringen. Nach dem Korn- munalstenergesetz entfallen davon 120 pCt. des auf 10 800 000 M. veranlagten Staats- steuersolls an Grund- und G e b ä n d e st e u e r oder 2,8 pCt. des auf 282000000 M. zu beziffernden Nutzertragcs der Grundstücke... 16 326 000 M. 120 pCt. des auf 4680000 M. veranlagten Steuersolls der Gewerbesteuer. 7 020000„ 100 pCt. des auf 22 800 000 M. anzu- nehmenden Normalsolls der Gemeinde- Einkommensteuer....... 22800000„ 46 176 000 M. Der Etat b a l a n c i r t in Einnahme und Ausgab« mit 88 01)5 681 M. Die Versammlung setzt den Etat mit dieser Suiiiine definitiv fest. Zur Vorlage wegen Verbreiterung des F a h r d a m in e s der P o t s d a in e r st r a ß e zivischeu Potsdamer Thor und Lützow straße empfiehlt der niedergesetzte'Ausschuß solgende Beschluß fassung: „Die Versammlung ist damit einverstanden, daß die Pots- daiuerstraße zwischen dem Potsdamer Platz und der Lützowstraße nach dem ihr vorgelegten Projekt regulirt wird, ersucht aber den Magistrat, die geeigneten Maßnahme» demnächst zu treffen, um eine g ä n z l i ck, e Beseitigung der Vorgärten auf der bezeichneten Slraßenstrecke herbeizuführen." Dieser letztere Antrag wird von den Stadtv. W a l l a ch»nd Schwalbe bekämpft, von den Stadtv. V o r t in a n n und W o h l g e in u t h befürwortet und von der Versammliing a n» g e n o»i»> e n. Die Vorlage wegen Abänderung des zwischen der Straße 1 und der Ringbahn, sowie der zwischen der Schönhauser Allee und der Straße 9 belegenen Theile der Abtheilung XI. des Bebauungsplanes beantragt Stadtv. Borgmann einem Ausschuß von 10 Personell zu überweisen. ES wird demgemäß beschlossen. Schluß»/«3 Uhr. Voksles. lieber die Berliner Wohnungsverhältnisse bringt das neueste Berliner„Statistische Jahrb." zum letzten Male das bisher aus den Miethssteuer-Kalnstern geschöpfte reiche Zahlenmaterial Im 1. Quartal 1895(bezw. 1894) wäre» von 23 730(23 402) da nials im Kataster geführten G r u n d st ü ck e n 23 222(22 861) mi Gebäuden besetzt und 203(24l) noch uubebaute als Zimmer-, Holz- Kohlenplätze:c. benutzt. Wohnungen waren 461 423(449 873) vorhanden. Die Vermehrung der Grundstücke und der Wohnungen ,var nur gering. 1,4 nnd 2,6 pCt. sttr die ganze Stadt. Bon den einzelnen Stadtlheilen hatten, wie immer, die äußeren eine erheblich stärkere Bermehrnng, während in den inneren eine Verminderung eintrat. Auf je 1 Grundstück ranien durchschnittlich 19.45 Wohnungen(19,22. 13.93. 18,43 18,91. 17.34, 17,02, 16.49. 15,94, 15,77, 15,32 in den 19 Vorjahren zurück bis 1835, ferner 1389: 14.41. 1375: 12,97, 1S79: 11,48 und 1351: 9,26). Von 1851—95 hat sich die durch- schnittlich aus das Grundstück fallende Zahl von Wohnungen mehr als verdoppelt. Das ist nicht blos zurückzuführen auf die Auf- thurmung von mehr Stockwerke» als früher, sonder» auch auf riigere Bebauung, Verkleinerung des Hosraums, Verminderung der Hansgärten, mit einem Wort: auf stärkere Ausnutzung von Grund und Bode». In den einzelnen Stadtthcilen schwankt die Durchschnittszahl bekanntlich. Sie war 1395(bezw. 1894) einerseits z. B in der untere» Friedrichsvorstadt 6,49(6,41), Dorotheenstadt 7,93'7,99), Friedrichswerdcr 8,99(8,39), andererseits z, B. im Stralauer Viertel 23,65(23,23), Moabit 24,87(24 26). Oranienburger Vor- stadt 24,97(24,84), Rosenthaler Vorstadl 25.67(25,72), jenseitige Luisenstadr 27,12(27.95). Die genaue Neihen- folge sämmtlicher Stadtlheile nach dieser Durchschnittszahl ist im ganzen alle Jahre immer wieder dieselbe, sattsam bekannte: die vorwiegend armen S t a d t t h e i l e haben die höchsten, die vorwiegend reichen die niedrigsten Zahlen. In den ärmeren Stadttheilen ist auch, wenn man iveiter als nur auf das Vorjahr zurückgreift, die Steigerung dieser, die Grundstücksbesitzer bereichernden, aber die Mielher an ihrer Gesund- heit schädigenden Bodenausnutzung am stärksten gewesen. Die Durchschnittszahl war in den Jahren 1379 und 1395 einerseits zuin Beispiel in der unteren Fricdrichsstadt 6.12 und 6,49. Dorotheen- stadt 8,29 und 7,93, Friedrichswerder 8,18 und 8,99, andererseits zum Beispiel im Stralauer Viertel 14,31 und 23,65. Moabit 9.63 und 24,87, Oranienburger Vorstadt 15,52 und 24.97, giosenlhaler Vorstadt 13,37 und 25,67, jenseitige Lnisenstadt 13,91 und 27,12. In den reicheren Stadttheilen hat theilweise sogar ein Rückgang stattgefunden, während in de» ärmeren die Znnahme bis zur Ver- doppelung und darüber hinausgeht. Die Sterblichkeit in Berlin war 1396 bedeutend niedriger als 1895. Es starben ohne Todtgeborene 1896(in Klammern für 1895) 16 213(17 779) niännliche Personen oder 29,99(22,53) pro 1999 der männlichen Bevölkerung und 14 369(15 357) weibliche Personen oder 16,16(18,13) pro 1999 der weiblichen Bedölkerung, zusammen 39 573(33 627) oder 13,93 29,25) pro 1999 der gesammten Bevölkerung. Dazu kommen noch 1741(1652) Todt- geborene, 3,43(3,38) pCt. aller Geborenen, 1,93(9,99) pro 1999 der Bevölkerung. Gegen das Vorjahr a b- g e n o m m en hat die Sterblichkeit, wenn man die absoluten Zahlen gegen einander hält, in den meisten Alters- t l a s s e n, weitaus am stärksten aber bei den Säuglingen(bis 1 Jahr alt), obwohl 1896 die Zahl der Berliner Geburten höher war als i>» Vorjahre. Es starben ohne Todtgeborene 1396(bezw 1395) 19 952(11731) Säuglinge. 29,95(24.77) pro 199 lebend Geborene(b/? der Geborenen des gleichen, �/7 der Geborenen des vorhergehenden Jahres genommen). Von den Todesursachen sind einige in hervorragendem Maße an dem Rückgänge der Sterb- lichkeit belheiligt. Es starben 1896(bezw. 1395)— um nur einige der häufigsten Todesnrsachen zu nenne»— z. B. an Masern einschl. Lnugenentzündung nach Masern 219(329), Scharlach einschl. Scharlach- Diphtherie 338(817), Diphtherie 515(939), Keuchhusten 541(453), Diarrhoe 1129(1335), Brechdurchfall 1494(2337), Magen-Darm- katarrh 849(1173), Lungenentzündung 2333(2492), Lungenschwind- sucht 3724(3399), Grippe 139(478). Mit den höchsten Zahlen er- scheinen, ivie jimner,— entsprechend dur starken Vertretung der Arbeiterklasse in Berlin— einerseits für die mittleren Altersklassen die Erkrankungen der Athmungsorgane, besonders Lungenentzündung nnd Lungenschivindsucht, andererseits sür die Säuglinge die Erkrankungen der Verdauuugsorgane, be< sonders Brechdurchfall nnd Diarrhoe. Gegen das Vorjahr hat sich jedoch, infolge günstigerer Witterung, die Sterblichkeit an Ver- dauungskrankheitcn bedeutend verringert, woraus denn nnch in erster Linie der bedeutende Rückgang der Kindersterblichkeit zu erklären ist. Erheblich zurückgegangen ist serner die Sterblichkeit an Maser», Scharlach und Diphtherie, auch an Grippe, während dagegen z. B. der Keuchhusten mehr Opfer gefordert hat. Gewaltsamer Tod>vurde in 931(378) Fällen festgestellt, wovon 497(446) als Selbstmord gemeldet wurden. Bon der„Rentenquetsche" Neu-Rahnödorf entivirft einer, er es wisse» muß, nämlich der dort als erster Assuienzarzt angestellt gewesene Dr. med. A. Schanz in Dresden in der hier erscheinende» „Tägl. Rundschau" ein Bild, das trotz dem Wust vo» Vorein- genomnienheil gegen die Arbeiter, der sich in ihm wiederspieglt, im Kern manches Richtige enthält. Der Herr Doktor knüpft an die letzte» Reichstagsverhandlungen an, in denen das für die Arbeiter so unheilvolle Wirken der Berufs- genossenschaften gebührend zur Sprache gebracht worden ist. Um eine direkte Stellungnahme zu diesen Verhandlungen drückt er sich leider herum, allerdings init einer Wendung, die mehr besagt als lange Ausführungen. Er schreibt: „Ich will hier nicht auf die Fragen eingehen, um welche es sich bei den betreffenden Reichstags-Debatten in erster Linie gehandelt hat; ich müßte s o n st unbedingt auf d i e S e i t e der Sozialdemokraten treten, mit denen ich nicht an einem Strang ziehen möchte." Einer solchen zartenScheu vor derSozialdemokcatie entsprichtes auch wenn der Assistenzarzt weiter des langen nnd breiten darüber jammert, wie Neu-Rahnsdorf eine„Zentrale sozialdemokratischer Agitatoren" sei, und wenn er dann noch die im Dienste unserer Prozentpatriolen zu Krüppeln gewordene» Arbeiter dadurch ver- dächligt, daß er diese„Heilanstalt" als„Schule des Bummelns und Verbummelns der Verletzten" und als„Schule für Simulanten" be zeichnet. Diese Ausfälle sind aber nebensächlich und können dem prole tarische» Leser nur ein Lächeln des Bedauerns abnöthigen. Von wesentlichem Werth dagegen ist, was der Arlikelschreiber über die Wirkungen der Heilanstalt auf die dort stationirten Unfall verletzte» sagt: „Die Sozialdemokratie kann sich aber auch gar keine» günst ige reu Boden für ihre Agitation wünsche», als ihr in dieser Anstalt geboten wird. Die Patienten derselben re- krntiren sich ausschließlich ans der Gesellschaftsklasse, in welcher die Sozialdemokratie hauptsächlich Anhänger sucht und findet. Sind die industriellen Arbeiter schon an sich mit den bestehenden Verhältnissen unzufrieden, so sind sie es natürlich»och viel mehr, wenn sie bei der Arbeit sür einen sozial besser Situirten einen Unfall erlitten haben, wenn sie dadurch an Körper und Gesundheit g e- (ch ä d i g t wurden, wenn sie ein Krankenlager durchgemacht aben, wenn sie dabei trotz Kranken- und Unfallversicherung ihren Sparpfennig ausgezehrt haben, wenn sie in Sorgen sind um ihre eigene Zukunft— um ihre Familie, wenn sie glauben, daß ihnen von feiten der Berufsgenossen- schast unberechtigter weise Renten gekürzt oder ent- zogen worden seien. Dazu kommen nun noch die speziellen Einflüsse der Anstalt. Die strenge Hausordnung, die A n st a l t s k l e i d u n g, die Unmöglichkeit, nach freiem Er messen ans- und einzugehen, die ungewohnte Kost, die ewige Beaufsichtigung durch Wärter, Verwaltungsbeamte und Aerte und derartige Dinge mehr erwecken in dem Patienten das Gefühl, nicht Patient, sondern Gefangener zu sein. Ist der Patient doch auch nicht ans freiem Willen in die Anstalt gekommen; er wurde unter Verweisung auf einen Gesetzes- Paragraphen h i n e i n b e f o h I e n. Ist es ein Wunder, wen» diese» Leuten das Herz schwer wird, wen» sie unzufrieden werden? Ist es ein Wunder, wenn sie den Lehren de?.sozial demokratischen Agitators ein williges Ohr leihen?" «er /(KI Und an anderer Stelle folgt folgendes resumirende Urtheil über die Heilanstalten ä la Rahnsdorf:„Daß diese Krankenhäuser etwa nöthig feien, weil die Verletzten in denselben eine bessere ärzt- liche Behandlung finden, als an anderen Stellen, muß ich entschieden verneinen. Wir haben dafür heute völlig genug der tüchtigsten Privatärzte, der besten Anstalten. Die Stelle, an welcher der Fabrik Herr Heilung sucht und findet nach einem Unfall, ist auch fähig, den Fabrikarbeiter zu be- handeln. Das Berufsgenossenschasts-Krankenhaus sucht der Fabrik- Herr aber ganz gewiß nicht auf— ebenso wenig wie sonst jemand. Ich möchte z. B. das Mitglied des Reichs-Versicherungs- mnles sehen, welches zur Beseitigung der Folge» eines Unfalles in das Neu-Rahnsdorfer Krankenhaus gehen würde! Wäre j e ni a l s ein solches dorthin gegangen, so würde das Reichs-Bersicherungsamt jetzt ganz g e w i ß nicht sür die w e i t e r e G r ü» d u n g derartiger A» st a l t e n eintrete n." Man vergleiche mit diesem vernichtenden Urtheile eines Fach- mannes die Ausführungen, bieder Präsident des Reichs-Versicherungs- amtes, Herr Dr. Bödiker, in bezug auf Reu-Rahnsdorf machte, als vor einigen Monaten eine Anzahl Patienten sich darüber beschwerten, daß ihnen stark mit Maden versetztes Fleisch als Speise vorgesetzt worden sei. Es hieß in der den Beschwerde- sichrer» ertheilten Antwort, machdem die Patienten vorerst allen Ernstes verdächtigt worden wären, daß sie aus Bosheit sich selber die Maden aus den Teller praktizirt hätten, die Verwaltung, Pflege und ärztliche Behandlung in der Heilanstalt in Neu- Rahnsdorf sei eine durchaus gute; ferner wurde noch von Herrn Dr. Bödiker die kuriose Erwartung ausgesprochen, daß„die der Heilanstalt über- wiesene» Arbeiter in der Ueberzeuguug, dort gut aufgehoben zu sei», fortan die Kraft finden mögen, etwaigen Aufhetznngsversuchen entschiedenen nnd nachhaltigen Widerstand entgegen zu setzen." Wird Herr Dr. Bödiker etwa auch den früheren Assistenzarzt Dr. Schanz in die verruchte Schaar dieser Aushetzer einreihe»? f An Diphtherie sind im Jahre 1896 in Berlin 4232 Per- sonen erkrankt(nach den bei der Polizei eingegangene», aber natürlich unvollständige» Meldungen, die aus den Angaben der Todtenscheiue möglichst ergänzt sind) und 5l5 Personen g e st o r b e n. Auf 1999 ermittelte Erkrankungen des Jahres kamen also rund 122 in dem Jahre Gestorbene.(Daß einzelne der Erkrankten erst iin folgenden Jahre starben und einzelne der Gestorbenen schon im vorhergehenden Jahre erkrankt waren, darf wegen der Geringfügigkeit der betreffenden Zahle» außer betracht bleiben.) Für die Jahre 1836-93 wurden 6352, 5357, 4193, 4233, 4648, 3431, 3341, 4314, 5232, 6015, 4232 Diphtherie-Erkrankungen und 1535, 1394, 1913, 1139, 1492, 1999, 1329, 1531, 1361, 939, 515 Diphtherie-Sterbesälle ermittelt. Aus 1999 Erkrankungen kamen 1336— 93 rund 242, 243, 243, 231, 321, 294, 346, 366, 269, 156, 122 Gestorbeue. Aus diese» Zahlenreihen ist ersichtlich. daß die Diphtherie in den einzelnen Jahren in sehr verschiedener Ausdehnung auftritt, und daß auch das Verhältnis der Sterbefälle zu den Erkrankungen sehr schwankt. 1395 und 1396 ist jedoch dieses Verhältniß so günstig gewesen, wie nie zuvor. Die Wirkung der Behandlung mit dein D i p h t h e r i e- H e i l s e r u m, die in den Jahresberichten verschiedener Berliner Krankenhäuser ausdrücklich betont worden ist, tritt auch in dem Gesammtergebniß un- verkennbar hervor. Das Jahr 1396 nimmt i» dieser Beziehung die allererste Stelle ein: es muß überdies auch in bezug auf die Zahl der Erkrankungen(falls nicht die Unvollständigkeit der Meldungen zugenommen hat), zu den günstigsten des ganzen Jahrzehnts ge- zählt werden. Gegen de» Stacheldraht, der seit längerer Zeit nicht nur zur Umfriedigung vo» Privatgrundstücken, sondern auch zur Sicherung öffentlicher Parkanlagen vielfach in einer Weise verwendet wird, die man nicht anders als rücksichtslos nenne» kann, wäre eine ähnliche polizeiliche Maßregel zu empfehlen. wie die kürzlich aus Rixdorf gemeldete gegen die vor vielen Schaufenstern angebrachten eiserne» Spitzen. In Parkanlagen Stacheldraht anzubringen, ist geradezu ein Unfug. dem im Juteresse der in diesen Anlagen spielende» Kinder endlich einmal gesteuert werden sollte. Wir müssen das leider auch mit bezug a»f die Berliner städtischen Aulagen sagen. Hier reichen die stacheldurchflochtenen Ränder der Drahtkörbe, die zum Schutze der Blumenbeete und Ziersträucher aufgestellt werden, nicht selten so nahe an die Promenadenwege oder an das Trotloir heran, daß Kinder, die beim Spiel über die den Rasen abgrenzende niedrige Eiseustange kippe», leicht auf die Stachel» fallen können. Das Aergste in dieser Beziehung hat man auf dem ehemaligen Sophien-Kirchhos zwischen Berg- und Gartenstraße, der jetzt städtischer Spielplatz ist, und in den Anlage» an der Zionskirche geleistet. Hier sind an den Eingängen die schräg au die Thürflügel gelehnten, als Stütze dienenden Eisenstangen, ob- wohl sie mitten in den Weg hineinragen, mit Stacheldraht umwickelt! Vielleicht sollen die Kinder dadurch abgehalten werde», ihre Kletter- künste an den Staugen zu versuchen; aber der Draht gefährdet auch diejenigen Kinder, die nur in der Nähe der Eingänge auf den, Wege spielen. Gerade in der Nachbarschaft der genannten beiden Park- anlagen wohnen viele Leute, die gezwungen sind, ihre Kinder— oft sogar die kleinsten, die eben erst laufen gelernt haben— ohne Be- gleitung und Aussicht aus die Straße oder den Spielplatz gehen zu lasse». Welche patriotischen Unternehmer zahlen den Arbeitern nicht den schuldigen Lohn sür die Zeutenarseiertage, die sie ihnen aufgezwungen habe»? Die Gummiwaarensabrik- Zlkliengesellschast, vormals V o l p y u. Schlüter, hat ihre schlecht entlohnten Arbeiter am ersten Tage des„Jubelfestes" feiern lassen, ist ihnen aber den Lohn schuldig gebliebe». Desgleichen hat die Wollwaarenfabrik Laer u. Sohn, Wallstr. 67, ihre 125 Arbeiter und Arbeiterinnen zwei Tage lang ohne Entschädigung seiern lassen. Ans dem Neu- bau des königl. Zlmtsgerichts-Gefängnisses, Char- l o t t e n b u r g, ist gleichfalls der Lohn für den Feiertag nicht bezahlt worden. Ferner ist die Dekoratenrfirma F l a t o w u. P r i m e r ihren Arbeitern de» Lohn schuldig geblieben. Zu denjenigen M e t a l l i n d u st r i e l l e», welche vergaßen, die Arbeiter für die erzwungenen Feiertage zu entschädigen, gehören noch folgende Firmen: Mix».Genest, Gebr. M e ch n i g, Müller, Köpnicker- Straße 154 a, Hoppe, Garten Straße, Grünauer, Kirchner. Brandenburgstraße, Holy, Oranienslraße 23., I n l. P i n t s ch. Letztere Firma überwies dafür dein sogenannten Jnbiläumsfonds 5999 M. Die Firma Mehlich, Sophienstraße, gab ihren Arbeitern bekannt, daß die Gelder, welche bisher zu einer Landpartie Verwendung fanden, a>n 1. September denjenigen Arbeitern, ivelche seit 1389 dort beschäftigt sind, in Gel stalt einer Prämie von 59 M.» und denjenigen, die seit 1393 dort arbeiten, mit 25 M. Verwendung finden sollen. Die Gel sammtheit der Arbeiter mag sich deshalb über den Aus fall des Lohnes trösten, in dem Bewußtsein, daß einige Auserivählte sür geleistete Arbeit eine Belohnung erhalten. In Luckenwalde hat die„P a p i e r w a a r e n- I n d u st r i e (E. G. m. b. H.) ihren 299 Arbeitern und Arbeiterinnen zwar ver- sprachen, sie für die zwei Zeutenarseiertage zn entschädigen, doch hat der mehrfache Millionär, Vorsteher Georg Seligmann, trotz allem dem Personal am Sonnabend den Betrag vom Lohne gekürzt. Ueber die Berliner„Kircheunoth äußert sich in den„Blättern aus der Stadlmission" ein Mann, der seit 16 Jahren in der Berliner Stadtmissiou thätig ist, in bemerkenswerther Weise. Er schätzt die Gemeinde, in der er arbeitet, ans 79 999 Seelen, die Zahl der Kirchenbesucher dagegen auf 2999 verschiedene Personen im ganzen Jahre;„denn es sind immer dieselben." fügt er hinzu,„die mau bei regelmäßigem iiirchenbesuch bald kennen lernt." Die festtägliche» Ausnahmen, meint er sehr richtig, könnten nicht in betracht kommen. Er bezeichnet es als Verblendung, aus diesen Ausnahmen den Schluß zn ziehen, die Kirchen seien immer voll,— eine Ansicht, der er täglich begegne.„Fragt man: Wann sind Sie in der Kirche gewesen? so heißt es: Am Sylvesterabend. Ja, da ist die Kirche gefüllt; aber schon am Neujahrstage waren hunderte von Plätzen leer. So an jedem gewöhnlichen Sonntage. Als Beispiel führt er an,„daß aus dem sogenannten Scheunen- viertel, das etwa 5999 Seelen umfaßt, oft viele Sonntage hinter einander keine Seele zur Kirche kommt; desgleichen aus einem nahe bei der Kirche liegenden Häuserkarrs von 8999 Seelen." Nun, was der gute Mann da erzählt, ist ja für niemand etwas Neues. Ueber- raschend ist nur, daß dieses rückhaltlose Eingeftändniß des wahren Sachverhalts aus einem Kreise kommt, in dem man sonst das Be- dürfniß einer weiteren Vermehrung der Kirchen geradezu aus der Stärke des se st tägliche» Kirchenbesuches zu erweisen be- müht ist. Haustvirthe unter sich. Die schwarze Mietherliste des Bundes der Berliner Hausbesitzer-Bereine weist immer noch nur 72 Namen„zweifelhafter" Miether auf, mit denen diese Liste vor einem Jahre zuerst erschien. Ein größerer hiesiger Hausbesitzer- Verein, der über 1999 Mitglieder zählt, hat daraufhin eine eigene Liste nur zum Gebrauch für seine Mitglieder angelegt. Auch hier gingen innerhalb eines Jahres nur dreizehn Meldungen ein. Viel öfter als derartige Meldungen soll das Wegloben schlechter Miether von ihren bisherigen Hauswirlhen vorkommen. Aus solchen An- lässe» haben bereits wiederholt Prozesse geschwebt, in denen die Hausbesitzer, welche über eine» bei ihnen wohnenden Miether eine falsche Auskunft erlheilten, zum Ersätze des dem neuen Vermiether erwachsenen Schadens verurtheilt wurden. Tie„Berliner Reform", deren Verleger der durch Selbst- mord geendete frühere Rechtsanwalt M. Glünicke war, ist eingegangen. G. hatte das Blatt im Herbst v. I. gegründet, um dasselbe seinen medizinischen Zwecken dienstbar zu machen. Der Urlaub der Post-Unterbeamten hat in diesem Jahre besonders früh und zwar bereits zu Anfang dieses MonatS begonnen. Die festangestellten Briefträger erhalten sieben Tage Urlaub, während den Hilfsbriefträgern nur vier Tage beivilligt werden. Der Grund dieser so zeitigen Urlaubsertheilung liegt darin, daß es ohne Benachtheiligung des Publikums nicht möglich sein soll, zu gleicher Zeit eine größere Zahl von Post-Unterbeamten vom Dienste zu beurlauben. Ein Polizeilieutenant fand es für angebracht, in der vorgestrigen Metallarbeiler-Versanunlnng, die bei Ke ller's tagte, einen unserer Genossen sistire» zu lassen, weil er das Verbrechen begangen hatte, Flugblätter zur Vertheilung zu bringen, in welchen die Arbeiter zum Abonnement auf ihr Blatt, den„Vorwärts" aufgefordert werden. Eine Kenntnißnahme von den einschlägigen Paragraphen der Gewerbe- Ordnung wird den Herrn voraussichtlich über seinen begangenen Jrrthum aufklären. Verhaftet wurde von einem Beamten der Kriminalpolizei ein unger Mann, der angab, Goldschmidt zu heißen und in einem Hotel zu wohne». Trotzdem bei ihin gefundene Legitimationspapiere und Nachfragen im Hotel seine Angaben bestätigten, wurde er der Polizei zugeführt. Dem ihn vernehmenden Kommissar wiederholte er seine Angaben, die aber dessen Mißtrauen nicht zerstreuen konnten. Es tellte sich in kürzester Zeit heraus, daß der, für den sich der Fest- genommene ausgab, hier wohnt und in Stellung ist. Als dieser behufs Gegenüberstellung geholt werden sollte, gab der angebliche Goldschmidt zu, der Kaufmannslehrling Otto R. zu sein und einer Hamburger Firma 4499 M. unterschlagen zu haben. R., der Sohn vermögender Eltern aus Spandan, hat seit Anfang Januar er. unter den Namen Rosenfeld und Goldschmidt ganz Deutschland bereist. Bei seiner Festnahme fand man nicht die geringsten Geld- mittel bei ihm vor. Eine» Selbstmordversuch beging gestern Abend aus Furcht. in eine Besserungsanstalt gebracht zu werden, die»och nicht 15jährige Paula P., indem sie sich am Elisabeth-User in den Luisen- lädtischen Kanal stürzte. Sie wurde indessen, anscheinend ohne Schaden genommen zu haben, durch einen Schiffer gerettet und später ihrem Vormunde zugeführt. Durch Ueberfahrc» wurde am Dienstag Nachmittag gegen 5 Uhr die Frau des Bildhauers Lüdtke aus der Swinemünder» straße Nr. 3 getödtet, als sie au der Ecke der Bernauer- und Swinemünderstraße den Fahrdanim überschreiten wollte. Sie hatte so schwere Verletzungen erlitten, daß sie bereits auf dem Wege zum Kraukenhause starb. Die Person des Kutschers ist von der Revier- polizei festgestellt worden.— Gleichfalls wurde durch Uebersahren am Dienstag Nachmittag um 2�/« Uhr der 69 Jahre alte italienische Drehorgelspieler Francesco Ferrari schwer verletzt, der in der Pappel-Allee 123 in Schlafstelle wohnt. Als der alte unbeholfene Mann mit seiner Drehorgel an der Ecke der Wilhelm- straße nnd Unter den Linde» über den Fahrdamm hinweggehen wollte, faßte ihn eine Equipage, warf ihn zu Boden nnd ging über ihn hiniveg. Der Verunglückte erlitt einen Bruch deS rechten Ober- armes und Verletzungen am Kopfe und mußte von einem Schutz- mann des dritten Reviers mit einer Droschke in ein Krankenhaus gebracht werden. Eil» iuternatioualer Bankdieb ist bei der Hundertjahr- Feier vo» der hiesigen Polizei ergriffen worden. Im vergangenen Jahr» erhielt die Kriminalpolizei die Mittheiluug, daß drei bekannte Bank- diebe von Amerika aus über England und Hamburg in Deutschland eingetroffeu seien, um aus Anlaß der Gewerbe-Ausstellung in Berlin zu„arbeiten". Alle Bemühungen der Polizei, die Verbrecher hier zu ermitteln, waren vergeblich, sodaß man schon vermuthete, die Ameri- kaner wären garnicht hierher gekommen. Am Sonntag, 21. d. M., bemerkte nun eine Dame an der Ecke der Friedrich- und Leipziger- straße, wie ein Taschendieb ihr das Portemonnaie aus der Jacket- lasche nahm. Sie drehte sich um und verfolgte den fliehende» Spitzbuben, der denn auch festgenommen wurde. Auf dem Polizeipräsidium erkannte man in dem Verhaftete» einen jener drei amerikanischen Bankdiebe, namens James Fallow, der, wie man weiter feststellen konnte, sich unter falschem Namen und mit falschen Papiere» verschiedentlich in Berlin aufgehalten hat. Der Gauner steht auch im Verdacht, in einem großen hiesigen Hotel eine» Pelz im Werthc von 2990 M. gestohlen zu haben. Fallow hat zu- letzt in der Charlottenstraßc gewohnt. Bei ihm wurde ein nicht un- erheblicher Geldbetrag vorgefunden. Die beiden Genossen Fallow's dürfte», wenn sie überhaupt mit nach Berlin gekommen sind, unsere Stadt schon seit längerer Zeit verlassen haben. In der Urania in der Jnvalidenstraße wird heute, Donnerstag, Herr Dr. Spieß über„Neue Versuch« mit flüssiger Lust" sprechen.- Am Sonn- tag Nachmittag 5 Uhr spricht in der alten Urania Herr Dr. Köppen Uber: Reinhold Begas. Theater. Im Schill er-Theater wird heute Eugen Reichels Schauspiel„Die Bildhauer" zum ersten Male wiederholt. FNr nächsten Sonntag Nachmittag wurde„Der Millioncnbauer", sür die Sonntag- Abendvorstellung Rosegger'S Schauspiel„Am Tage des Gerichts" angesetzt. — Die Saison des Zentral-Theaters schließt am 18. April. Ans de» Nnchbarorteu. Die Berliu-Charlotteuburgcr Pferdebahn-Gesellschaft de- absichtigt, nach dem Vernehme» der„Charlottenb. Z.", sobald aus der Linie Pferdebahndepot— Kupfergrabe» der Aktumnlatoreubetried eröffnet ist, auch aus der Strecke Alt-Moabil— Gotzkowskybrücke— Wilmersdorferstraße— Bahnhof Charlotteuburg den elektrischen Be- trieb einzuführen. Auch dort wird die Gesellschaft Akkumulator«»» wagen in Dienst stellen._ Soziale Vertzlspfle-ge. Tie Frage, wer der Arbeitgeber sei, macht der Kammer III des Gewerdegerichts nach wie vor recht viel zu schaffe». Auch der Bauunternehmer Landsdorf wollte durchaus nicht der Arbeit- geber mehrerer Putzer sein, die von ihm Lohn beanspruchte». Er habe dem.Putzmeister" Müller die fragliche Arbeil in Bausch und Bogen übertragen und an ihn müßten sich die Leute halten, denn Müller wäre ihr Arbeitgeber. Ja dem Vertrag zwischen Müller und dein Beklagten hat sich letzterer nun sonverbarerweise vor- behalten,„Müller's Arbeiter" entlassen zu dürfen. Ans Ve- fragen deS Vorsitzenden meinte der Beklagte, er habe sich dadurch eine Art Polizeirecht in Fällen von Trunkenheit und der- gleichen sichern wollen. Im übrigen sei aber Müller der Putzunternehmer gewesen, den» er habe 7 M. pro Mann und Tag jede Woche als Vorschuß erhalten und nur je S M. an die Leute abgeliefert. Auch sei er bereit gewesen, Schablonen und andere Hilssmittel zu liefern, jedoch hätte er, Beklagter, das abgelehnt, weil er dadurch zu sehr in die Hände der Leute gerathe» wäre. Gerade in diesem Ver- halten des Bauunternehmers und in der augeführten Vertrags- bestimmung erblickte aber der Gerichtshof Merkmale dafür, daß der Beklagte wohl alle Rechte eines Arbeitgebers sich vorbehalten wollte, ohne indessen formell als solcher gelten zu müssen. Das Gericht erklärte ihn dc-Zhalb für den wirklichen Arbeitgeber und trat in die materielle Verhandlung ein. Der Verlaus derselben ist für die Oeffentlichkeit belanglos. Verlehnngen beim Streit als Folgen eines Betriebs- Unfalles. Der Kutscher N o v i ck i ließ am 7. Januar des ver- gangenen Jahres nach vollbrachtem Tagewerk seine Pferde be< schlagen. Einer seiner Kollegen kam dazu und gerieth mit ihm in Streit. Den Anlaß gab der Vorwurf, des anderen Gespann benutzt und ein Pferd verletzt zu haben. Novicki erhielt schließlich eine» Schlag mit der große» Schmiedezange, daß sein linker Arm mehrfach brach und später abgenommen werden mußte. Mit seinem Anspruch auf eine Unfallrente wurde Novicki demnächst von der Fuhrwerks-Berufsgenosfenschaft abgewiesen und auch das Schiedsgericht vermochte einen Betriebsunfall nicht anzunehmen. Der Rekurs des Klägers an das Reichs-Versicherungsmnt halte je doch Erfolg. Das Rekursgericht begründete die Berurtheilnug der Fuhrwerks- BerufSgenosscnschaft solgendermaße»: Vorsätzliche Korperverletzungen infolge von Zwistigkeiten zwischen Arbeitern, die auf der Betriebsstätte oder bei der'Arbeit vorkämen, seien unter geanfsen Voraussetzungen als Folgen eines Betriebsunfalles im Sinne des Gesetzes zu behandeln. Ein ursächlicher Zusammenhang mit dem Betriebe sei dann vorhanden, wenn sowohl die Veranlassung zum Streit wesent- lich im Betriebe ruhe, als auch die Handlung, die die Verletzung hervorrufe, ein Ausfluß von Bctriebsgesahrcn sei. So lägen nun die Dinge iin Falle Novicki. Der fragliche Streit habe seine Ur fache in Betriebsverhältnissen gehabt und der verhängnißvolle Schlag sei init der Schmiedezange gerade in dem Moment geführt worden, wo Kläger das Bein des Pferdes hielt, wo er also durch eine Betriebsverrichtnng verhindert gewesen sei, dem Hiebe auszuweichen. Gevichks B Schwere Mißhandlungen eines Dienstmädchens führten Mfter» die Kaufmanns-Ehefrau Anna R ü t o w vor die 131. Ah stheilung des Schöffengerichts. Die Belastungszengin. das Dienst- mädchen Ida Zinn, gab eine trübe Schilderung von der Behandlung, die sie während der Dienstzeit bei der Älugeklagten habe erdulde» müssen. Schlechte Nahrung, unfreundliches Wesen und übermäßigeAnsprüche an ihre Leistungsfähigkeit, das sei die Signatur ihres Dienstes bei der Frau Rütow gewesen. Zweimal habe ihre Herrin sie ge- schlagen, beim dritten Male, am 25. Januar, habe dieselbe es aber zu arg gemacht. Eines der Kinder habe sich be- schwert, daß sie, die Zeugin, ihm in ungeschickter Weise beim Anziehen der Stiefel helfe. Wüthend sei die Mutter auf sie los- gestürzt, habe ihr den Stiefel aus der Hand gerissen und ihr damit mehrere Schläge ins Gesicht und ans den Kopf versetzt. Dann habe die Angeklagte sie gepackt und sie mehrmals heftig mit dem Gesicht gegen die Tischkaule gestoßen. Daß die Zeugin nicht übertrieben hatte, bewies der Umstand, daß sie infolge der Verletzung nach dein K r a» t e n h a u s e gebracht werde» mußte. Erst nach 14 Tagen konnte sie als geheilt enilassei» werden Der Staatsamvalt beantragte eine Geldstrafe von 250 3X1. Der Vertreter der Nebenklägcrin, R.-A. Dr. Schwindt, beantragte für die Mißhandelte noch ein Schmerzensgeld von SO M., zog diesen Antrag aber zurück, als der Ehemann der Angeklagten sich bereit fand, der Zeugin diesen Betrag sofort auszuhändigen. Der Gerichtshof ver- urlheilte die Angeklagte zu einer Geldstrafe von 1S0 M, wobei hervorgehoben wurde, daß ihre Handlungsweise als eine äußerst rohe bezeichnet werden müsse. Giftine Pilze sollte die Händlerin Marie Köppen am 3. September vor. I. in der Markthalle feilgehalten habe». Sie hatte sich deshalb gestern vor der vierten Strafkammer des Land- gerichts I wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz zu ver- antworte». Die Augeklagte hatte au dem genannten Tage in ihrem Stande einen Korb mit Trüffel» stehen, die sich nach dem Gutachten des Kustos des Botanischen Gartens, Dr. Henning, mit Exemplare» von Pilzen vermischt erwiesen, welche als schädlich be- zeichnet werden müßten. Es sei der„Hart-Bovist" gewesen, ein Pilz von dem iilussehen der Kartoffel, der giftige Eigenschaften besitze. Da der Angeklagten nicht nachgewiesen werden konnte, daß sie die gute» Pilze von den giftigen zu unterscheiden vermochte, verurtheilte der Gerichtshof sie nur wegen Fahrlässigkeit und beinaß die Strafe auf 10 M. Unter der Zluklage der versuchte» Erpressung stand gestern der Verstcherungsbeamte Karl T r e t o w vor der neunte» Straf- kammer des Landgerichts I. Ein hiesiger höherer Beamter erhielt im Januar d. I. von dem Angeklagten ein Schreiben, worin Verl selbe ihm mittheille, daß sein betagter Vater sich vor Jahren eines ehrenrührigen Vergehens schuldig gemacht habe. Er verlange 1200 M. Schiveigegeld. sonst werde er das Vergehen an die Oeffentlichkeit ziehen und dadurch auch die Stellung des Sohnes erschüttern. Der Gerichtshof war mit dem Staatsanwalt der Ansicht, daß die Handlungsweise des Angeklagten in hohem Grade verwerflich sei;»ach dem Antrage rvurde aus sechs Monate Gesäugniß und zweijährigem Ehrverlust erkannt. Bor dem Schwurgericht des Landgerichts I stand gestern das Dienstmädchen Auguste S ch a l s unter der Anklage derBrand- sti ftung. Die Augeklagl�keute bei einer Herrschaft am Werder- schen Markt, in deren Wohnung kurz nach Weihnachten Feuer aus- brach. Der Brand war durch einen Korb entstanden, i» welchen die 'Angeklagte glimmende Kohlenasche geschüttet hatte. Der Brand- schade» soll etwa 1000 M. betragen haben. Die Anklage nahm an, daß es sich hier um eine vorsätzliche Brandstiftung handelte und die Angeklagte darauf ausgegangen sei, ihre» Liachednrst zu befriedigen, weil ihr zum Januar der Dienst gekündigt war und sie kein Weih- »achtsgeschenk erhalten halte. Auf grund der recht umfangreiche» Beweisaufnahme beantragte der Staatsanwalt das Schuldig im Sinne der Anklage, während Rechtsanwalt Dr. C o ß m a u n aus- führte, daß der Angeklagten eine Vorsätzlichkeil nicht nachzuweisen sei, sondern nur eine Fahrlässigkeit angenommen werden dürfe. Die Geschworene» gaben ihren Wahrspruch auch nur auf schuldig der fahrlässigen Brandstiftung ab. Der Staalsanwalt beantragte neun Monate Gefängniß, der Gerichtshof hielt bei der ganzen Sachlage diese Strafe aber nicht für ausreichend, sondern erkannte auf das höchste zulässige Strafmaß von einem Jahre Gefängniß. Wie traurig es zwei Frauen aus Schwabenland in Berlin ergangen ist, erzählte eine Anklage, die den Zimmerineister August Mittelstädt und dessen Ehefrau Katharina Mittelstädt, geb. Seiz, gestern vor die dritte Strafkammer des Landgerichts l führte. In Steinheim in Württemberg lebte ruhig und in Frieden eine bejahrte Wiltwe namens Schmander mit ihrer Tochter Katharina. Der verstorbene Ehemann derselbe» hatte seiner Frau außer einem kleiuen Häuschen mehrere tausend Mark hinterlassen und auch seiner Tochter ei» kleines Vermögen vermacht. Frau Mittelstädt, die gleichfalls aus Württem- berg gebürtig ist, hat die Tochter i» Stuttgart kennen gelernt und in der Folge nicht nur sie, sondern auch die alte Mutler nach Berlin gelockt, um hier beiden ihr gesammtes Hab und Gut bis ans den letzten Groschen abzunehmen. Die beiden Schwäbinnen wurden von dem sicheren Auftreten und der vornehmen Erscheinung ihrer Lands- männin derartig geblendet, daß sie in deren Hand ein willenloses Werkzeug waren. Der Angeklagte Mittelstädt, der einst Bau-Unter- nehmer gewesen, hat finanziellen Schiffbruch gelitten und inzwischen 'chon lange den Offenbarungseid gzleistet. Seine Ehefrau hielt des- halb zunächst die Katharina Schmander für ein geeignetes Objekt, welches im stände sei, das festgefahrene Miltelstädt'sche Geldschiff wieder flott zu mache». Sie spielte sich dem Mädchen gegenüber als reiche Dame auf und bewog es, zu ihr nach Berlin zn ziehen. Hier wußte das Ehepaar sowohl die Tochter als auch die Mutter um ihr ganzes Vermögen zu beschwindeln. Der Gerichtshof bezeichnete die Handlungsweise beider Angeklagten als höchst verwerflich und be- schämend; der angeklagte Ehemann sei milder anzusehen als seine Ehefrau, der erstere sei zu z w e i Jahren, die letztere zu zwei Jahren sechs Monaten Gesäugniß verurtheilt, und beiden seien die Ehreilrechte auf die Dauer von drei Jahren aberkannt worden. Ei» böser Kampf mit Kriminalbeamten gelangte gestern zur Kenntniß der ersten Strafkammer des Landgerichts I., nachdem das Schöffengericht, dem die Sache ursprünglich überwiesen war, sich als unzuständig erklärt hatte. Angeklagt war der Tischlergeselle Heinrich Hafenrichter aus Ansbach, gegen den dnrch die Beweisaufnahme folgender Thatbestand für erwiesen erachtet wurde: Am Abend des Dezember v. I. beging ein Kollege des Angeklagten in der Linienstraße eine Ueberlretuug geringfügiger Natur. Ein vorüber- gehender Kriminalbeamter machte ihn aus das Unpassende seines Verhaltens aufmerksam, ivorauf der Gerügte sich schleunigst entfernte. Jetzt war aber der'Angeklagte hinzugekomuic», der den Beamten so lange mit Redensarten belästigte, bis dieser sich genölhigt sah, ihn zur Wache zu bringen. Der Angeklagte setzte sich zur Wehr und erst nachdem zwei Schutzleute ihrem bedrängten Kollegen zur Hilfe geeilt waren, gelang es ihren vereinten Anstrengungen,! den Rasenden zu bändigen. Auf dem Flur des Polizeibureans angekonunen, entivand der Verhaftete sich plötzlich den Händen der Beamten, entriß dem einen plötzlich den Stock und schlug damit auf die Beamten ein. Als der Krmiualbeamte Dungler den Rasenden an der Kehle zu packen versuchte, ergriff der Angeklagte den Ringfinger an dessen rechter Hand mit de» Zähnen und biß heftig hinein. Erst nachdem einer der Schutzleute dem An- geklagten einen wuchtigen Hieb mit dem Seitengewehr über den Kopf versetzte, gab dieser den Finger frei. Sowohl der Gebissene wie der Geschlagene mußten die Sanilätswache aufsuchen, während der letztere aber völlig geheilt wurde, mußte dem Beamten der Finger abgenommen werden, um einem Umsichgreifen der eingetretenen Blutvergiftung vorzubeugen. Der Gerichtshof verurtheilte den An- geklagten zu einem Jahre Gefängniß und ordnete seine sofortige Verhaftung an. Unter Ansschluß der Oeffentlichkeit wurde gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts I eine Anklage wegen Münz- Verbrechens verhandelt, die sich gegen den Schlosser Rudolph G u t h m a n n richtete, welcher schon einmal wegen desselben Verbrechens mit Gefängniß vorbestraft ist. Kaum wieder auf freiem Fuße, sing Guthmann wie im früheren Falle an, falsche Ein- und Zweimarkstücke anzu- iertige». Diesmal versagte» ihm die Geschworenen mildernde Um- stände, woraus der Gerichtshof auf eine Zuchthausstrafe von vier Jahren erkannte. Vier Apothekenbefitzer, die Herren Riesenfeld, Birnbaum, Virchow und Böttcher, welche ihre Geschäfte sämmllich im Stadttheil Weddiug haben, standen gestern vor der 137. Ab theilung des Schöffengerichts, weil sie einen Berussgeuosse», den Apothekenbesitzer Hahne in verleumderischer Weise beleidigt haben sollten. Im August vorigen Jahres richteten die vier Angeklagten an die Aruiendirektioii eine Eingabe, worin sie mit th eilten, daß sie in Erfahrung gebracht hätten, ihr Kollege Hahne uüßbrauche seine Stellung als Stellvertreter des Armen kommissions- Vorstehers zn selbstsüchtigen Zwecken. Er weise die Leute, denen er ein'Rezept für Rechnung der Armen- Verwaltung zu beglaubigen habe an, dasselbe in seiner Apotheke anfertigen zu lasse», wogegen es jedem unbenommen bleibe, ein derartiges Rezept machen zn lassen, wo er wolle. Wege» dieser Bezichtigung stellte die Armendirektion namens »Oes Beleidigten Slrafanlrag. Die Angeklagten behaupteten, daß 'sie sich im guten Glauben befunden hätten und befinde» mußten, denn es seien Kunden in ihre Geschäfte gekommen, ivelche ihr Befremden darüber ausgesprochen hätten, daß Herr Hahne sie in der bezeichneten Weise habe beeinflussen wolle». Der als Zeuge vernommene Dr. med. N e u m a n n bekundete eben falls, daß ihm das erwähnte Gerücht zu Ohren ge- kommen sei. Der Staatsanwalt hielt den Beweis der Wahrheit zwar nicht für erbracht, die Angeklagten aber dennoch für straf frei, den» eiueslheils hätten sie sich in Wahrnehmung berechtigter Interessen befunden und audernlheils sei eine beleidigende Form oder Absicht in der Eingabe nicht zn erblicken. Der Gerichtshof schloß sich dieser Ansicht an und fällte ein freisprechendes Urlheil. Unberechtigte Vollstreckung einer Gefäugnißstrafe. Gegen den D i st r i k l s k o m m i s s a r S p e i ch war seinerzeit das Haupt- verfahren wegen Uebertretung des Z 342 Abs. 2 des Strafgesetz buches eröffnet worden. Die Staatsanwaltschaft warf dem Polizei- und Verwaltungsbeamteu vor, durch seine Stachlässigkeit verschuldet zu haben, daß der Ortsarme D. statt dreier Tage noch zwei Stunden länger im Polizeigcfängniß verweilen mußte. Die Re gierung in Bromberg erhob aber zu gunsten Speich's den Konflikt und machte geltend, er sei nicht dafür verantwortlich zu machen. Das Strafverfahren mußte nun vorläufig ausgesetzt werden. Der Konflikt wurde besonders damit begründet, daß Speich die Führung des Gefangeneuregisters einem Bureaugehilfen überlassen habe und daß er wegen weiterer Dienstpflichten dazu befugt gewesen wäre. Indessen erklärten die zuständigen Justizbehörden den Konflikt für unbegründet. Der Distriklskommissar(eine Art Landrath) habe allerdings das Recht, sich in dringenden Fällen vertreten zu lassen. Jedoch dürfe er die Vertretung nicht einem Schreiber übertragen, sondern nur einem solchen Angesessenen des Distrikts(Posenlcher Kreis), der voll- st ä n d i g die Vertretung übernehmen könne. Im vorliegenden Falle sei nun aber Speich nicht einmal durch eine Reise verhindert ge ivesen, die erforderliche Kontrolle persönlich auszuüben. Der erste Senat des O b e r- V e r w a l t u n g s g c r i ch t s erklärte in seiner letzten Sitzung den Konflikt gleichfalls für unbegründet, so daß das Strafverfahren seinen ordnungsmäßigen Verlauf nehmen kann.' Verfntttmlitttjzen. Der Zweigbereiu der Barbiere, Friseure und PerrUcken- macher hielt am 22. März bei Badiel, Rosenthalerstr. 27, seine regelmäßige Milgliederversaniinliuig ab. Kollege S i m s o n hielt einen interessanten Vortrag über„Die Selbständigen in unserer Organisation", an welchem sich eine anregende Debatte anreihte. Im weiteren Verlauf der Versammlung wurde bekannt gegeben, daß am Donnerstag, den 1. April, bei Wille, Andreasstr. 26, eine öffentliche Versainmluug stattfindet, in der S t a r o f s e n über„Die soziale und rechtliche Lage der Barbiere, Friseure und Perrückenmacher" reseriren wird. Die Lohgerber, Weisigerber, Färber»e. hielten am Sonntag eine öffentliche Versammlung in der Königsbank ab, in der Genosse Fr. Hansen über die wirthschaslliche Lage und die Aufgaben der Gewerkschaftsorganisationen referirte. Dem beifällig aufgenommenen Vortrage folgte eine längere Diskussion, wobei die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in diesem Berufe erörtert wurden. Mehrere Redner bemängelten, daß sich trotz der überaus traurigen Arbeits- bediiigungen, die Löhne betrage» im Durchschnitt bei verhältniß- mäßig lauger und schwerer Arbeitszeit kaum 13 Mark (sehr oft viel weniger), noch ein großer Theil der Arbeiter von der Organisation fern hält. In einigen Betriebe» soll es den Arbeitern bei Strafe der Entlassung verboten sein, sich der Organisation anzuschließen, obwohl die Unternehmer selbst sehr gut organisirt sind. Es gelangte schließlich eine Resolution zur An- nähme, in der sich die Versammelten mit den Ausführungen dez Referenten einverstanden erklären und sich verpflichten, in reger Weise für die Stärkung der Organisation zu wirken, durch die es möglich ist, bessere Arbeitsbedingungen herbeizuführen. Die Agitationskommission soll durch Werkstellen-Besprechungen nach dieser Richtung thätig sein, sowie das Material über die vielfachen Mißstände der verschiedenen Betriebe sammeln, um es der öffent« lichen Kritik zu übergeben. Eine gut besuchte Maurer- und Zimmerer-Versammluug tagte am Sonntag, den 23. März, in Rüdersdorf, um Stellung zu nehmen gegen diejenigen Meister, ivelche die erforderliche Unter- schrift der Lohnkommission verweigert haben. Der Maurer Kater aus Berlin legte dar, daß sie auf diese Formalität ganz gut ver- zicksien können, die Hauptsache wäre doch nur, daß die Unternehmer durchweg bewilligt hätten und sie ihr Wort mit Unterschrift ebenso gut zurücknehmen können als ohne Unterschrift. Mit Freude ist zu begrüßen, daß die Arbeitszeit von 11 auf 10 Stunden herabgesetzt und der Stundenlohn von 40 Pfennig erreicht worden ist. Da nun aber auch den Rüdersdorfer Arbeit- gebern die Organisation ein Dorn im Auge ist, so tragen sie sich mit der Absicht, eine Gegenorganisation zu begründen. Der Direktor der Z e m e n t s a b r i k hat seinen Arbeitern einen ReverS unter- schreiben lassen, worin sie sich verpflichten, die angefangene Arbeit fertig zu machen. In der Diskussion wurde das Verhalten der Friedrichshagener Kollegen, welche in dem Verband organi- sirt sind, scharf getadelt, weil sie dort die Arbeit der Streikenden übernommen hatten. Es wurde dann der Streik für beendet erklärt. Die Stuckateure beschlossen am 29. März in einer öffentlichen Versammlung, den 1. Mai überall, wo es ohne Schädigung ihrer wirthschastlichen Interessen möglich ist, durch Arbeiisruhe zu feiern. Von einer besonderen Versammlung wurde Abstand genommen, da- gegen wurden die am l. Mai Arbeitenden verpflichtet, 1 M. zum Fonds der Stuckateure zu zahlen.— Von der Beschickung deS Kon- greffes der lokalorganistrten Gewerkschaften in Halle im Mai d. I. durch einen Delegirten nahmen die Stuckateure Abstand, da sie von diesem Kongreß eher eine Schädigung als eine Förderung der Gewerkschaflsbewignng erwarten. Sie beschlossen in dieser Frage eine abwartende Stellung einziinehmen, bis die gesetzgeberischen Arbeiten in bezug auf die Bereinsgesetzgebung abgeschlossen sind. Die Möbelpolirer nahmen am Montag in einer öffentlichen Versammlung Siellung zur Maifeier. Nach langer Debatte fand folgende Resolution einstimmige Annahme:„In anbetracht, daß die Möbelpolirer seit dem Jahre 1890 den 1. Mai stets durch Ruhen- lassen der Arbeit würdig feierten, beschließt die öffentliche Ver- samiiilung, auch in diesem Jahre den Arbeiterfeiertag durch voll- ständige Arbeitsruhe zu begehen." Die nothivendigen Vorbereitungen hat eine dreigliedrige Kommission, bestehend aus Urban, Nieße iind C. H a a k in die Hand zu nehmen und liegt der Kommission ob, obigen Beschluß durch rührige Agitation zur weiteren Kenntniß � aller Kollegen zu bringen und für«ine der Würde des Tages entsprechende Feier Sorge zu tragen. Vertrauensmann Lederhanse giebt nun seine Abrechnung vom 2. März 1396 bis 23. Februar 1897. Nach dieser beträgt die Einnahme einschließlich eines allen Bestandes von 100,43 M. 273,07 M., der eine Ausgabe von 271,22 M. gegen- übersteht, so daß der Bestand am I. März dieses Jahres 1,22 M. betrug. Nachdem die Revisoren die Richtigkeit der Abrechnung be- kündeten, ertheilt die Versammlung Decharge. Lederhause, gleich- zeitig Delegirter zurGewerkschaftskommission.giebt nun einen Bericht der letzten Verhandlungen in der Koinmissioii. die hauptsächlichsten Punkte der nenerdiiigs einzuschlagenden Taktik hervorhebend. In der De- batte kritisirt Schulz den vorliegenden Rechenschaftsbericht der Kommission, der an verschiedenen Punkten fehlerhast sei, und un- genügende Ailsknnft über gezahlte Streikgelder ec. der Gewerkschaften gebe. Die Versammlung beschließt alsdann,„den Delegirten zur Gewerkschafts-Kommisston zu beaustragen, daselbst zu beantragen, daß 1. die Rechenschaflsberichte nicht halbjährlich, sondern jährliaj herausgegeben werden, daß 2. die bei größeren Streiks gezahlten Summen der einzelnen Gewerkschaften in der Abrechnung nicht zu- sammengezogen aufgesührt, sondern, wie dies bisher bei kleineren Lohnbewegungen gehandhabt wurde, spezialisirt werden". Es folgt alsdann eine ausführliche Debatte über die Ausführungen Massini's in der Gewerkschaftskommission bez. der Bewilligung von Streiks, des Verkehrs mit Indifferenten u. f. w., in der die Mehrzahl der Redner bedeutete, daß diese Vorschläge wohl den prozentual gut organisirten Buchdruckern, keineswegs aber den Gewerkschaften anzupassen seien, deren Hauptaufgabe zum theil noch darin gipfelt, die abseits stehende» heranzuziehen und aufzuklären. Am Schlüsse der Versammlung wird aus das Flugblatt des „Vorwärts" aufmerksam gemacht und ersucht, für das Partei- organ zu wirken. Die Gchuhmacher hielten am Montag eine öffentliche Ver- sainmlnng in Cohn's Saal ab. Daselbst hielt Grempe einen Vortrag über Humanität und Todesstrafe. Dann machte Diener den Borschlag, am 1. Mai für die Schoßarbeiter eine Vormittags- versanimliing im Cohn'schen Saale abzuhalten, und nach Schluß derselbe» sich einem Ausflnge nach Stralau anznschließen. Mehrere Redner ersuchte» um möglichst zahlreiche Betheiligung an der Mai- feier. Ein definitiver Beschluß über den gemachten Borschlag soll erst in einer künftigen Versammlung gefaßt werde». I» Schöueberg hielten die Bauarbeiter am 21. März eine Versammlung ab, in welcher Kollege Krüger einen inter- essanten Vortrag hielt. Unter Verbaiidsangelegenheiten wurde be- kannt gegeben, daß die Zahlstellen R i x d o r s und Schöneberg keine Reiseunterftützung mehr zahlen; diese wird in Berlin auS- gezahlt. Köpenick. Am 22. d. M. hielt der hiesige Sozialdemokratische Arbeiterverein seine sehr gut besuchte Versammlung im Lokale des Genossen Adolf Schulz ab, in welcher Genosse Dr. W o l l h e i m (Berlin) über„Geschichtliches" sprach. Nach Erledigung des wohl- gelungeneii Referats wurden der Wiltwe de? an der Proletarier- krankheil verstorbenen Genossen Dommersch 12 M. ans der Vereins- lasse bewilligt. Charlottenbnrg. Am Montag tagte hier eine Generalver- sammlung des Deutschen Holzarbeiier-Verbandes. Genosse Bruns (Berlin) hielt einen Vortrag über das Thema:„Was lehren uns die letzten Streiks? Im zweiten Punkt wurde das Mitglied Bleeck als Delegirter zur Provinzial-Konferenz gewählt. Zur Maifeier soll in einer Versammlung am 12. April Stellung genommen werde». Endlich beschlob die Versammlung Maimarken zum Streikfonds um- zusetzen. Ferner wurde bekannt gegeben, daß am 1. Mai Vormittags eine öffentliche Geiverkschafts-Versammlung stattfindet. WitteruttgSiiber icht vom St. März I8V7. Wetter-Prognose für Donnerstag, den t. April tbiS7. Ziemlich trübe und regnerisch bei mäßigen südwestlichen Winde», wärmerer Nacht und wenig veränderter Tagestemperatur. Berliner Wetterbureau. Movvefpondenzen. Pat�iS, 30- März.(Eig. Ber.) I» der gestrig«» Kmmnerslhung spielte sich der zweite Akt der niinisteriell-gerichtlich-parlamentarische» P a n a m a» P o s s e»b. Der Haupinkteur, J»stizn>i»ister Daria», eutledigte sich seiner Nolle womöglich i»»och kläglicherer Weise als i» der Sch»»g vom 27. März. Diesmal>v»rde er vo» der Oppositio» nicht blos ausgepsiffe», sonder» mick a» Ort und Stelle der direkten Unwahrheit überfährt. Der Zwischenfall ist erwähnenswcrth, weil er jeden Zweifel über die panamisten-retterische Arbeit des Kabinets beseitigt. Unter dem gesährlichen Eindruck, den der Verfolgnngsantrag gegen drei oppositionelle Älbgeordnete ge- macht, hatte sich der Justizminister zum Entschluß aufgerafft, nach- träglich auch ein paar opportunistische Großpanamiste», darunter den ehemaligen Ministerpräsidenten Rouvier, z» opfern. Diesen Entschluß kündigte er in unzweideutigen Worten der Verfolgungs- konnnission an. Die betreffenden Abgeordneten erfuhren davon durch eine indiskrete Meldung einiger Morgenblätter und verlangte» daher selber die Aufhebung ihrer Immunität. Der Jnstizmimster bat nun nm eine Unterbrechung der Sitzung, um dadurch, wie er zum Eni- setzen seiner Parteigänger erklärte„vielleicht in die Lage zu kommen, neue Dokumente(d. h. einen neuen Versolgungsantrag) einzubringen.- Wie groß war aber nicht das Erstaunen der Kommisfionsmitglieder, als er bei der Wiederaufnahme der Sitzung— nach eine m während der Si tz u» g s p a u s e in der Eile abgehaltenen K a b i n e t s r a t h— eine geschriebene Erklärung vorlas, wonach der Obcr-Staatsanwalt sich weigere, einen weiteren Aer- folgnngsantrag einzubringen.... Genosse D e v i l l e, Mitglied der Kommissio»,»agelte nun den Minister mit folgenden Worten fest:„Gestern hat der Jnstizminister vor der Kommission erklärt:„Ich werde in meinen« Portefeuille Verfolgungsanträge mitbringen und sie, falls die betreffenden Abgeordneten selber die Aufhebung ihrer Immunität verlangen, beim Präsidium der Kammer niederlegen." Der überführte Minister versuchte eine» verlegenen Protest, er ivurde aber zum Schiveigen gebracht durch das Zeugniß von zivei weiteren Kommissionsmitgliedern, die Deville's Worte bestätigten, und durch das verurtheilende Schweige» der regierungsfreundlichen Koinmissionsmitglieder.— Hervorzuheben ist ferner, daß der Justizminister in seiner ersten— mündlichen— Erklärung das Untersuchnngsgeheimniß ausgeplaudert hat. Danach hat Arton ausgesagt, N o» v i e r, Juli teil, G o i r a n d und C l o v i s H ngues verschiedene Bestechungssuinmen übermittelt zu haben. Es steht also fest, daß die„unabhängige" Justiz Arton's Älussageu Glauben schenkt,«venu sie oppositionelle Abgeordnete belasten, dagegen sie sür null und nichtig hält,«venn ein Nottvier in Frage kommt. Daß init lsionvier und seinen zivei opportunistischen Kollegen, Jnllie» und Goirand, auch der sozialistische Dichter Clovis Hngues verschont«vurde, hat mit der Unparteilichkeit der Darlan-Meline'schen Justiz nichts zu thu». Der verhaftete ehemalige boulangiftische Abgeordnete Saint Martin, der Hngues aus schurkische Weise in Artons Notizbuch hatte hineintragen lassen,«vird offenbar die Schurkerei bereits eiiigestcuide» haben. Jndeß trotz Darla» und Meline«verde» die opportunistischen Hauptpanamisten mindestens der öffentlich-inoralischen Brandmarkuiig nicht mehr entgehen. Die Negierung mußte in der gestrige» Sitzung sich verpflichten, nach Abschluß der Panama-Untersnchung der Kammer sämmtliche Akten vorzulegen, und,«vas»och«vichtiger ist, in die E i n s e h n n g einer neuen p a r l a n« e n t a r i s ch e n U n t e r s n ch n n g s k o n«»> i s s i o n einivilligc». Es gelang ihr nur— bezeichnenderiveise mit blos z«v e i S t i u« in e» M c h r h e i t— die Ernennung der Kommission tun drei Monate hinnusznschiebeu. Die Aufschiebung ist übrigens seitens der Regierung ein höchst ungeschickles Manöver. Sie bat damit nicht nur ihren Widerivillcn gegen die Reinignngsarbeit verrathen, sondern auch die politischen Folge» derselben für die herrschenden Parteien gefahrdrohender gemacht. Je später nämlich die Untersuchnugss- Kommissioit zusammentritt, desto uutnittelbarer und daher entscheidender werden die konuiienden K a»t in e r«v a h l e tt durch die Panama-Affäre beeinflußt werden. Daß die Monarchisten, die sonst den Mund gegen die„korrupten Nepublikaner" recht voll nehmen, das panainisten- retterische 5kabiiiet auch gestern gerettet haben, ist selbstverständlich. Die honneten Barone und Grafen fürchten eine gründliche Ausdeckung des Panama-Echmutzes ebenso sehr,«vie die Bonrgeoisrepnblikaner. Der m o n a r ch i st i s ch e Arton heißt Baron C o t t u, wie der ausschließlich großbürgerliche republikanische Arton Baron R e i«t a ch hieß. Cottu lebt zivar irgendwo im Ausland in diskreter Zurückgezogenheit, doch dürften noch Spttren seiner Thätigkeit aufzufittden sein, die deutlich genug wären, um mindestens den moralischen Betveis sür den monarchistischen Panauiismus zu liefern. Einen unverivindbare» Schlag hat die Panaina-Unlersuchung bereits der Regierungspartei versetzt. Ans dem„nicht mehr ttnge- «vöhnlicheu" Wege der Jndiskrelioit«vurde die Aussage des Untersuchungsrichters vor der Kammerkonttnissio» bekannt, wonach B u r d e a u, eine verstorbene opportunistische Ruhmes- gestalt, ehemaliger Finanzminister und Kannnerpräsident, beehrt mit einer„Älationalen Bestattungsfeier" tt»d mit einer Slaatspension für feine„armen" Hiitterlasse»e»t, ein B e st e ch n n g s»« a k l e r Arton's«var. Für 50 Tausend- Frankenscheine half er Arton die bestechungsfähigen Abgeordneten auffinden. Der„vielbedauerte",„unvergeßliche" je. Staatsmann war also Bestochener und Bestecher zugleich. Am Schluß der gestrigen illbendsitzung volirte noch die Kauimer im Handunidrehen das aus dem Senat zum ziveiten Male mit Ab- äuderungen zurückgelangte Budget für IS 97. Ter Panama- Skandal hat die Aufmerksamkeit der Kainmer so sehr erschöpft, daß sie unbesehen nach einer siebenstündigen beispiellos erregte» Tagung alle vom Senat gemachten Abänderungen guthieß. Der Senat hatte übrigens die Hattplttrsache des Konflikts, die Erhöhung eines Kredits gegen den Willen der Kamiuer, dem Ministiriuin zu Liebe beseitigt.—_ Getvevkfchsfklichces. Berlin und ltuigebniig. Achtung, Tapczirer! Herr Laivsohn in Liverpool sucht seit einiger Zeil in deutsche» Blättern(n. a. im hiesigen„Lokal- Anzeiger") Leute für sein Geschäst. Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, daß derselbe Herr schon vor Jahren einmal deutsche Tapezirer für fein dortiges Geschäft angeivorben hat, um sie als Lohndrücker gegen die englischen Kollegen ans- zuspielen. Die letzteren haben es damals aber durch- gesetzt, daß die Deutschen die Arbeitsstelle«vieder verlassen mußten. Die Vorliebe des Herrn L a«v s o h n für deutsche Arbeiter, die er jetzt«vieder von Neuem bekundet, ist höchstivahrscheinlich auf die gleichen Ursachen zurückzuführen, als damals und fordern«vir die Kollegen auf, den englischen Arbeitsgenossen nicht in de» Rücken zu fallen, zumal sie doch nur für kurze Zeit als Nothnagel werde» dienen sollen. Die Töpfer erneuerten in der am 25. März stnttgefuudenen Versammlung den schon früher gefaßten Beschluß, daß jeder Berufs- genösse pro Woche 50 Pf. zu einen« Streikfonds zu zahlen habe. Bisher haben sich erst 200 an den Sammlungen bctheiligl. Ter Streik der Maurer und Zimmerer in Niidcrsdorf ist zu gunsten der Arbeiter beendet. Deutsches Reich. Jtt Liibeek hat das Landgericht, entgegen dem kürzlich im „Vorivärts" erwähnten freisprechenden Urtheile des Schöffengerichts, entschieden, daß das Po st e n st e h e n b e i m S t r e i k als„grober Unfug" anzusehen sei. Zum Glück ist Lübeck noch nicht ganz Deutschland. Tie„Deutsche Tachdecker-Zeitnug", ei» Unternehmer- Blatt, veröffentlicht in ihrer Nttttttner vom 21. März die Mit» theilnng, daß sich in Gera die Unternehmer zu ciner Vereinigung zusainmengethan und sich notariell verpflichtet haben, keine» der dort streikenden Dachdeckergesellen im Jahr 1397 zu beschäftigen. Es«vird dann darauf aufmerksam gemocht, daß infolge dessen die streikenden Dachdecker sich wahrscheinlich sehr bald von Gera entfernen würden, und nun veröffentlicht das genannte Unternehmer- blalt die Personalien der Streikenden. Wenn A r b e i t e r b l ä t t e r die Namen von Streik- b r e ch e r n veröffentlichen, werden die Redakteure wegen V e r- r tt f s e r k l ä r tt n g bestraft, und unter den Urtheile» steht: Von Rechts wegen. Ist es z u k ü h n, zu verlangen, daß der Unteruehmerpresse die Veröffentlichung der Namen von streikenden Arbeitern ebenfalls abgetvöhnt werden muß, wenn Recht Siecht bleiben soll's Jtt Elberfeld erreichten die am Rathhans-Neuban beschäftigten Maurer durch zirka t'/estiindigen Streik die Erhöhung des Tage- lohnes von 4 und 4.10 M. aits 4,50 M. und die Handlanger, die bisher 2,80—3 M. bekamen, die Erhöhung ihres Lohnes auf 3.40 M. Ju Eilenbnrg haben die B a u h a n d>v er k e r anstatt der bisherigen elsstündigen Arbeilszcit die zehnstündige Arbeitszeit und 34 resp. 35 Pf. Stundenlohn von den Unternehmern beivilligt erhalten. Altersschwache Arbeiter bekoimneit jedoch 33 Pf. Stttndeit» lohn. Der Ausstand ist beendet. Die Kretöhaupttttauitschaft Leipzig bat die Beschiverden verworfen, die gegen die A u f l ö f u n g d e r V e r e i n e der dortigen preußischen und sächsischen E i s e n b a h n- A r b e i t e r eingereicht«vorden waren. Die Auflösung erfolgte bekanntlich, weil die beiden Vereine tnit einander in„Verbindung" getreten waren. Die Schithfabrikaiiteu in Offenb, ich- Oberrad haben mit ihrer Klage gegen die streikenden Älrbeiter, von denen jeder 12 M. und etliche Pfennige zahlen soll, noch kein Glück gehabt. Vor dem Geiverbegericht führte der Beistand der Beklagten aus, daß die Arbeiter durch das Fabrikanten-Zirkular vom 3. März in ihrem Ehr- gefühl beleidigt«vorden seien nnd daraufhin die Arbeit sofort niedergelegt hätten. In diesem Zirkular sei erwähnt worden, daß es i» jeder Fabrik«inehrliche Arbeiter gäbe. Das Gemerbegericht erblickte hierin eine einfache Beleidigung, keine„grobe",«velch letztere zur sofortigen Lösung eines Arbeitsverhältnisses berechtige, stellte jedoch zunächst anheiin, die Fabrikanten«vegen Beleidigung am Schöffengericht zu belangen und setzte deshalb die Fortführung der Verhandlung aus 14 Tage aus. Attöland. Jtt den Vercittiatcu Staate» von Amerika sind nach den Ermillelttitgett des Aroeilsamts in Washington in den Jahren 1331 bis 1894 im ganzen 14 389 Streiks ttnd Anssperrtingeit in 75233 Betrieben vorgekommen. Zlit den Streiks waren 3 714 231 Arbeiter betheiligt, an den Aussperrungen 366 390. Der durch die Streiks und Aussperrungen verursachte Lohnverlust betrug über 300 Millionen Mark. Im Staate N e«v- D o r k streikten in der Zeit von 1885 bis 1894 557738 Arbeiter in 24 507 Betrieben, und zivar in 17 000 Betrieben mit vollem Erfolg, in 1860 mit theiliveisem und in 5707 ohne Erfolg. Während dieser Zeit verursachten die Streiks den Arbeiterorganisationen Kosten und Lohnverluste von 14 Millionen Dollars, der Verlust der Unternehiner wird auf 6l/i Millionen Dollars geschätzt, und der Lohngeiviun der Arbeiter aus lO'/e Millionen Dollars._ Mtttevuvh»nev-Vevbki»tde- Der deutsche Bereitt für Fabrikation von Ziegel», Thon- waare», Kalk uitd Zemcitt hat itn vorigen Jahr eine„«v i r t h- s ch a f t l i ch e Kommission zur N e b e r«v a ch u n g der Geschäftslage" eingesetzt. Diese Kommission versandte an die Mitglieder des Vereins Fragebogen, worin über alle möglichen Angelegenheiten Auskunft verlangt wird. Die Fragen beziehen sich in erster Linie auf Zu- und Abnahme des Verkaufs, Preise, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit mit den Eisenbahn- transport- Verhältnissen, Einfluß der Handelsverträge nnd Zolltarife auf den Verkauf. Weiler wird Auskunft über die Höhe der Arbeitslöhne im Vergleich zum Vorjahre und über die Arbeiter- zahl verlangt. Eine andere Frage laütet:„Hat die Sozial- d e m o k r a t i e bei Ihren Arbeitern Eingang gefunden oder Fortschritte gemacht, oder hat sich dieselbe' durch Störungen belhätigt? Die Fragen 10 bis 12 lauten: 10. Was ist nnd kann «veiter geschehe», tun das Verhältniß zivischen rbeitgebern und Arbeitnehmer» zu verbessern, desgl. das zivischen Besitzer» und 31»- gestellten? 3lusbild>tng der Lehrlinge, Forbildungs- und Fach- schule», Wohlfahrtseinrichtungen, Slrbeiterivohnunge», Geivinn- belheiligung. II. Welchen Einfluß übt die Sonntags- ruhe auf die Betriebsverhältnisfe der Fabriken aus? 12. Was können Sie über die Thätigkeit der Geiverbc-Jnspektion in Ihrer Fabrik mittheilen? Die Fragen 23 und 24«vünschen Mittel gegen das Sinken der Preise vorgeschlagen und Meinungsaustausch über gemeinsainen Einkauf von Rohmaterial te. Endlich kommt noch die Frag«, ob das Patent- und Musterschutzgesetz veräiiderungs- bedürftig sei. 28 deutsche D�uhtstift- Werke, der Produktion»ach die Mehrheit, haben eine einheitliche Geivichtspacknng be- schlössen. In England ist, wie der„Zeitschrift sür Deutschlands Buch- drncker" geschrieben«vurde, das Gerücht verbreitet, daß ein großes Syndikat von deutschen ReprodurttouSanstalten in der Bildung begriffe» sei zu dein Zivecke, die Gemälde der National- gallerie in London im Wege de? Dreifarbeit-DruckversahreiiS zu vervielfältigen und diese Vervielfälligttiigeit zu einem sehr billigen Preise zu verkaufen. SoziallvS. Ein nnd Ausfuhr der wichtigste» Bergwerks- nnd Hütten- erzettgitiffe tm dentschcn Zollgebiet. Die E i» f tt h r der«vichtigsten Bergiverks- und Hültcnerzeugnisse in das deutsche Zollgebiet (soiveit sie 100 000 Tonnen überstieg), betrug im Jahre 1896 an Steinkohlen 5 476 752 Tonnen(gegen 5 117 356 Tonnen im Jahre 1395), Koaks 393 881(461 778), Braunkohlen 7 637 503(7 181 050), Eisenerzen 2 586 705(2 017 135), Schwefelkies 343 852(293 446), Roheisen 322 501(188 216) Tonnen. Die A n s f n h r betrug an Steinkohlen 11 593 757(10 360 337), Koaks 2 216 395(2 293 327), Preß- und Torfkohlen 224 366(200 373). Eisenerzen 2 642 334(2 480135). Abraiiinsalzen 285 022(22t 183). Siede», Stein- te. Salz 214 060(196 843), Roheisen 140 449 (133 289), Eck- nnd Winkcleisen 173 386(172 362), Eisenbahnschienen 123 413(116 627), schmiedbarem Eisen in Stäben Zt., Radkranz- und Pflngschaareisen 259 461(273 277), rohem Eisendraht 113 846 (115 632), grobe» Eisenivaaren, Werkzeuge» ic. 135 023(116 316) Tonnen. Subtil ifftottöblüthcn. Man schrecht uns: In Stendal «vnrden kürzlich P f l a st e r a r b e i t e n vergeben. Dieselben erhielt ein Steinsetzmeister aus Oicherslebcn, der 1686 M. gefordert hatte. Das Höchstgebot betrug 8603,30 Mark!— Die Junungsuteister lieben es, die Schuld an den Ausivüchsen des Submissicuswesens der Gewerbefreiheit in die Schuhe zu schieben, die es allerlei„un- lauteren Elementen" ermögliche, sich am Weltbeiverbe zu betheilige». Daß aber da. wo die Junungsuteister geradezu ein Monopol ans die vorhandene Arbeit habe», die Zustände auch nicht anders sind, lehren die Erfahrnngen bei der Vergebung der Pflasterarbciten in Berlin. Vor einiger Zeit wurden die Arbeiten in der X. Stadt- bau-Jnspektion vergebe». An der Submission bethtiligtei« sich im ganzen zehn Unternehiner, darunter nur ein Nichtinttnngsmeister. Die ab- gegebenen Gebote beivegten sich zivischen 67 900 M. und 37 239 M. Der „O b e r n> e i st e r" der Berliner S t e i n s e tz e r- I n n n n g «var der ziveitbilligste mit 33 969 M., tvährend der einzige Nicht- Inn ungsuieister das zivcithöchste Gebot tnit 54 585 M. abgegeben Halle. Auswärtige Meister werden bei der Vergebung der Berliner Pflasterarbeiten überhaupt nicht zugelassen. Dezrefchen und letzke Muchvichken. Hamburg, 31. März.(W. T. B.) Heute Nachmittag traf der Dampfer„Maroa" mit 4 Personen hier ein, die von einem Boote des am 8. d. M. beim Kap Hatteras(Nord Karolina) gesunkene» Dampfers„Ville Saint Nazaire" am 13. März anfgeitoinineit waren. Fraufnrt a. M., 31. März.(B. H.) Der„Franks. Ztg." «vird aus Paris telcgraphirt:„Die„Lanterne" giebt heute einen ausführlichen Bericht über die Aussage, die der Unter- snchungsrichter Le Poitevin am Sonntag vor der Kammer- koininission gemacht hat. Behufs Notirung des Loos- Emissionsgesetzes hatte die Pananta-Kompagnie int Jahre 1333 ein wahres Korruptionssyndikat gebildet, bestehend aus Arton und den Deputirten Naquet, Barbe, Vian, Martin, Marek und Burdean, welch letzterer gleichsam als Präsident des Syn- dikats fnngirte, während die Mitglieder des Syndikats als Vermittler thätig«varen. Als beispielsiveise Baron Reinach einige Mitglieder des Ministeriums kaufen«vollte, dem Rouvier als Kabinetschef, Barbe als Ackerbauininister angehörten. «vurde zwischen Arton und Barbe ausgemacht, daß Barbe zu diesem Ziveck 600 000 Franks erhallen sollte. Das Ministerin»« stürzte jedoch, ehe es die Loos-Emissionsvorlage einbringen konnte. Trotz- dem verlangte Barbe die altsgemachte Sunune niit dem Hinweis insbesondere darauf, daß er bereits Siouvier 50 000 Franks versprochen habe. Als Arton dies Baron Reinach miltheilte, antivorlcte letzterer, er selbst habe bereits a» Rouvier 50 000 Franks bezahlt. Trotzdem ermächtigte Reinach Arton, an Rouvier«veitcre 50 000 Franks zu zahlen. Barbe selbst,«velcher Sieinach mit Drohungen verfolgte, erhielt später im übrigen 550 000 Franks. Miiitcheu, 31. März(Privatdepesche des„Vorivärts"). Der Raubmörder Berchthold ist zu lebenslänglichem Znchthause begnadigt worden. Die Miitheilung der Begnadigung hat er theilnahmslos entgegengenommen. Heute Vormittag wurde er nach den« Zucht- hause Kaisheiin überführt. Wien, 3t. März.(W. T. B.) In der heutigen Sitzung des Gemeinderalhes verlas Vizebiirgermeister Dr. Lueger ein Schreiben des Bürgermeisters Strobach, in«velchen« derselbe mittheilt, daß er sein Amt als Bürgermeister der Stadt Wien niederlege. Paris, 31. März.(B. H.) Ronvier protestirt gegen die Meldung, daß er mit Arton Beziehungen«interhalten habe. Er habe Reinach persönlich gekannt nnd eine Vermittlung Arton's nicht nöthig gehabt. PariS, 31. März.(B. H.) Die Justizbehörde im Rain- bouillet hat heule sehr«vichtige Dokumente bei Vinn beschlagnahmt. PariS, 31. März.(W. T. B). Die von verschiedenen Blättern gebrachte Meldung, der Untersuchungsrichter Le Poitevin habe Ab- schrist der Papiere Coltu's erlangt, wird von halbamtlicher Seite für unbegründet erklärt. Tottloit, 31. März.(W. T. B.) Der Kiel des Panzerschiffes „Janrsgniberry"«vurde bei Schiffsübungen mit Torpedos durch vor« zeitiges Losgehen eines solchen stark beschädigt. Kattea, 31. März.(B. H.) Der Kampf um das Fort Jzzedin dauert fort. Die Insurgenten befinden sich bei dem Blockhause Calann,«vo sie Batterien aufgestellt haben und das Fort be- schießen. Bisher konnte» die Geschosse der in Aktion getretene» internationalen Flotte die Insurgenten nicht aus ihren Stellungen vertreiben. Briefkasten der Redaktion. Die juristische Sprechstuude fmdet Montags, Dienstags, Freitags und S o«in ab c» ds, abends von 7—8 Nhr statt. F. K., Charlottcnburg. Die Adresse der„Gazcta Robotnicza" ist O. Andrcasstr. 78». Vox populi. Zum Abdruck nicht geeignet. Dorf-Grüiithal. Tätowirungen sind unseres Wissens nicht aus der Haut zn entfernen. Lappi». Sie»ilisscn am 1. Slpril rmnnen.— ff. Lenz. 1. Ja. 2. Nur er selbst, nicht der Vormund, haftet. 3. Inserate nimmt unsere Expedition an.— P. 35. Sic müssen Herausgabe des vollstreckbaren Schuldtitcls be- gchren, cvcnt. ans Herausgabe klagen.— M. F. 22. Die Sache ist für «ms glcichgiltig; der betreffende hat überhaupt keine eigene Wohnung, hatte auch scinc«niiblirtei« Zimmer nicht erleuchtet.— G. E., ff harlottenbiirg. 1. Zinn Abzug ist er berechtigt. 2. Ja.— H. M., Liegnitz. 1. Dem Wirth ist zur Beschwerde und zur Klage im VerivalMngöstrciivcrfahren zu rathm. 2. Nein.— A. W., Rixdorf. Zum Abzug sind Sie nicht be- rcchtigt.— F. P., 125. Nein.— 8. 91., 18. Aber! Jeder kann mit seinem Kieldc machen,«vas er«vill.— 2 Wettende, R. Seidel: Ja.— ff. B. I0V. 1. Falls nicht mehr als 300 Arbeitstage zu gründe zu legen sind■ 405 M. 2, 4 Wochen. 3. Darüber bestehen keine Vorschriften.— K. P. 47.(Silva 331/,— 50 My— Nr. 37. Wenden Sie sich an ciiici« Arzt. — P. N.<50. Nein. Sie können sich an die Steuerbehörde wenden.— 333. Spreche» Sie gelegentlich in der juristischen Sprechstnndc vor.— L. K. Sie innssen ihn aufbewahren, falls Sie nicht das kostspielige Aus- gebot auiwnciren lassen wollen. Der Eigcnthümer kam« Herausgabe nur gegen Erstattimg der Futterlosteu und Fundgeld(10 pCt.) verlangen, Sie dürfen de» Himd aber nicht verkauscn.— I. W. 2000. Nein.— ff. 9t. 100. 1. Das Fangrecht besteht. 2. Hängt vom Umfang des Handels ab. 3. Polizei- und Gemeindebehörde. 4. Ja.— H. H. Ueber die neue Jnvalidenversicherungs-Vorlagc ist längst eingehend von uns berichtet.— ff. S., Graveure. 1. Eiienbahn-Kursbuch. 2. De» MiethSstcmpel hat der Wirth zu besorgen. Es«vird nicht der Miethsvertrag, sondern das Miethervcrzeichniß gestempelt. Der Stempel beträgt bei Jahresmiethen bis 300 M. Nichts, von 300-500 M. ciiischließlich 50 Pf., von 500-1000 M. IM. — Birkncr. Schriftliche Antioort ertheile» wir nicht. In dein auf H. bezüglichen Passnö kann eine Bcleidizinig erachtet werden.— Louis Kellers Festsäle, struße Nr. 29. Sonntnfi;, den 4. April 1897: ir. Partei Vergnügen veranstaltet von den Pilfieiiftilssseil des L Beel. MstG-WHkmses W. fr. Vokal- u. Insiroinental-Konzert ausgeführt von der„Freien Vereinigung der Zivil- Berusömnsiker" unter Mitwirkunz der Gcsaiigvercinc„Liedeöfretheit" und„Jhiisichcr Mänuerclwr" (M. d. A.-S.-B.). Auftr. der Gesellschaft„Strzcleivicz". Ganz neues Progr. Turnerische Auffühningeii. Marmorgruppen. Festrede. Cirosser Tanz.'VfB 215/16 Anfang 4 41»._ Pag Comlte. Arbeiter-Radfahrer-Verein„Berlin". Sonnabend, de» 3. April, abends pünktlich 9 Uhr, in Rnnbe'a 8alon, Kolbergerstr. 23: Esepernnenketl Vovkrng des Herrn F. Olnnggen über die Röntgen'scheu X-Strahlen. Billets ä 30 Pf. für Mitglieder und deren Gäste bei Wilke, Andreas- straßc 26, Raabe,.nolbergerstraßc 23, Rcimanii, Pnttbnserstraße 30, und den Vorstandsmitgliedern. 13216 Nachdem: Tanzkrfinzchcn."MG Der Vorstand. I. A.: Max K e r n. Achtums! Merein der Former. Achtuills! Am Sonnabend, den 3. April, abends 8>/z Uhr, findet im Vereins- lokal, Hirteiistraße 21, die_ 1327b IPSjr* Vierteljahres Sitzimg"WI des Vereins statt. Der wichtigen Tagesordnung halber ersucht der Vor- stand nui recht rege Betheiligung. Ferner findet dort die Ausgabe der Ostcr-Matince-Billctö(19. April im„Feen-Palast") statt. Der Vorstand. I. A.: Albert M e w e s. Veranlivorllicher illedakleur- August Jacobey in Berli». Für deu Jitjernteulheil verantiportlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Max Padiug in Berlin. Nr."■ lt. mm. 2. Keilllze des Dmiirts" Keriiller KlksdlÄ. l. m l8S7. VevfAinmlungVn. Die Tubcekulosefragc und die Volksheilstätte» bildeten den Gegenstand der Erörternng in einer am Dienstag abgehaltenen, von Vertretern der Berliner Krankenkassen, der Alters- und Jnvaliditats- anstalt, sowie der Aerzteschafl sehr zahlreich besuchten Versammlung. Das einleitende Referat hielt Dr. Friedeberg. Es wies aus die Thatsache hin, daß etwa>/? aller Kulturmenschen an der Tuberkulose sterben, daß in Preußen sogar Vs aller Todesfälle auf diese Krankheit zurückzuführen sei, und daß dies Verhältniß in den Jndustriebezirken ein noch weil ungünstigeres sei. sodaß beispiels- weise von den industriellen Arbeitern Berlins S0 pCt. der Schwind- sucht erliege». Nun habe sich neuerdings herausgestellt, daß diese bisher für unheilbar gehaltene mörderische Krankheit in ihrem An- fangsstadium sehr wohl geheilt werden könne, und zwar durch die hygienisch-diätteische Methode. Für zahlungsfähige Leute gebe es ja seit Jahren entsprechende Heilanstalten. Es frage sich nun, ob nicht auch die von der Tuberkulose am häufigsten befallenen Proletarier geheilt werden könnten. Redner weist an der Hand eines reichhaltigen statistischen Materials nach, wie ungemein hoch die Zahl der an Schwindsucht gestorbeneu Mitglieder von Berliner Krankenkassen ist, und ivelche enormen Summen die unter der bisherigen Methode vergebliche Behandlung der Tuberkelkranken den Kasse» gekostet hat. Es sind Fälle darunter, wo für einen solchen Kranken mehrere hundert, ja über tausend Mark verausgabt sind. Die Krankenkassen hätte» deninach ein hohes pekuniäres Interesse an der Heilung der Schwind- süchtige». Dasselbe gelte auch von den Alters- und Jnvaliditats- nnstallen, den» die Rentenansprüche aus grund von Tuberkulose seien von Jahr zu Jahr zahlreicher geworden. In Berlin waren im Jahre 1392 9.47 pCt., im Jahre I89S aber 12,5 pCt. aller Rentenempfänger Tuberkulosekranke. Die Alters- und Jnvaliditäts- Anstalt Berlin lasse ja diese Kranken behandeln, aber leider sei es, wenn sie eintrete, schon zu spät zu einer erfolg- reichen Behandlung. Der Kranke müßte nicht nur iin Anfangsstadium behandelt werde», sondern es müßte auch, ivährend der Patient in der Heilanstalt weilt, für seine Familie gesorgt werden. Die Volksheilanstalt am Grabowsee habe sich gut bewährt, aber sie sei eine Privat-Wohllhätigkeitsanstalt. Die Arbeiter könnten mit gutem Recht Heilanstalten zu ihrer Be- »ntznng fordern. Dr. Sommerfeld berechnet, daß von den Mitgliedern der Berliner Krankenkassen etwa 12 900 an Schwindsucht leiden möge», von denen ein Drittel heilbar wären. Eine Heilanstalt sei also für Berlin ein dringendes Bedürfniß, und empfehle es sich, daß sich die Krankenkassen auf grund des§ 40 des 5tranke»kasse»versicheru»gs- Gesetzes vereinigen zum Bau einer Heilanstalt, denn die Invaliden- Anstalt werde diese Angelegenheit wohl noch lange hinaus- schieben. Da die von der Schwindsucht Geheilten leicht eine» Rück- fall bekämen, wenn sie wieder in ihre ungünstigen Berufsverhältnisse eintreten, so müsse auch ein Weg gefunden werde», diese Geheilten in günstigere Verhältnisse zu bringen. Fabrikant Levi, Vorsitzender der Allgemeinen Orts-Krankenkasse, führt aus, daß die Alters- und Jnvaliditäts-Anstalt Berlin der Errichtung von Heilstätte» für Tuber- kulose durchaus nicht ablehnend gegenüberstehe. Sie habe den besten Wille», die Sache in kurzer Zeit ins Werk zn setzen, sei aber dabei ans Schwierigkeiten gestoßen. Im Etat sei ein Betrag zur Errich- tnug einer Heilanstalt ausgeworfen worden, das Reich-Bersicherungs- aml habe jedoch diesen Posten beanstandet und der Jnval.-Anstalt anempfohlen, mit dem Bau der Heilanstalt zu warten, bis die Novelle zum Alt.- u. Jnv.-Gesetz dnrchberathen sei. Dann müsse auch— so habe das Reichs-Versicherungsamt weiter gesagt— sestgestellt werden, ob nicht die Krankenkassen in erster Linie zur Tragung der Kosten verpflichtet wären, auch solle man abwarten, ob nicht das gesammte Versicherungswesen zusammengelegt werde. Die Alters- und In- validitäts-Anstalt werde sich durch diese» Bescheid aber nicht ab- halten lassen, i» dieser Sache selber vorzugehe». Die Anstalt i» Gütergotz solle vergrößert, und außerdem besondere Heilanstalten für Lungenkranke errichtet werden. Den Aerztcn empfiehlt Redner, daß sie die Arbeiter darüber aufklären, daß dieselben ein Recht auf gründliche Heilung hätten.— Es traten»och mehrere Vorsitzende von Krankenkassen für Errichtung von Heilanstalten aus den Mittel» der Alters- und Jnvaliditätsversicherungs-Anstalt ein, sowie für hygienische Einrichtungen in den Fabriken zum Zweck der Vorbeugung. Dr. B e l o w führte aus, daß die Tuberkulose oft zu spät erkannt werde, weil es den Kassenärzten a» Zeit zur Unter- suchung des Auswurfs fehle. Es müsse zu diesen» Zweck ein Institut zur Benutzung der Kassenpatienten errichtet»verden. Dr. Grabe bespricht die mangelhafte Besoldung der Kassenärzte»»»d schließt unter Heiterkeit der Versammlung mit der Bemerkung, daß,»venu die Aerzte materiell besser gestellt»vürden, die Schwindsiicht abnehmen werde,»veil man sich dann eingehender mit den einzelnen Patienten beschäftigen könne. Dr. M u g d a n führt aus, daß der Kampf gegen die Schwindsucht nicht eher den gewünschten Erfolg haben könne, ehe nicht die aus den sozialen Ver- hältnisse» resultirendcn Uebelstände aus der Welt geschafft seien. Bon der medikamentösen Behandlung der Schivindsncht denke er nicht so gering. Er betont zun, Schluß, daß er den hier zu Tage tretenden Bestrebungen durchaus günstig gegenüber stehe. Nach einem Schlußwort des Neserenten wurde solgende Resolution ein- stimmig angenommen: Die heute in der Berliner Ressource tagende öffentliche, von mehr als 700 Theilnehmern besuchte kombinirte Versammlung der Berliner A e r z t e s ch a f t, der K r a n k e n k a s s e n- V o r< st ä n d e und V e r>v a l t u n g s b e a in t e n, sowie von Mit- gliedern des V o r st a n d e s und Ausschusses der Jnvaliditäts« und Alters-Versicherungsanstalt beschließt: In anbetracht der Thatsache, daß die Schivindsncht immer weitere Volksschichten ergreift und nainentlich unter der Arbeiterschaft Berlins furchtbare Opfer fordert, ist es Pflicht der dazu geeigneten sozialpolitischen Faktoren, alle Kräfte zur Bekämpfung dieser Seuche zu vereinigen. Wir erwarten daher I.: daß die Jnvaliditäts- und Alters-Versicherungsanstalt Berlin bei denjenigen Kranken, bei welchen sestgestellt ist, daß die Lungentuberkulose noch im Anfangsstadium begriffen ist, auf Antrag der zuständigen Kranken- lasse das Heilverfahren auf eigene Kosten übernimmt, indem sie die Kranken einer der zur Zeit verfügbaren Lungenheilstätten überweist. Im Ferneren erwarten wir. daß die Jnvaliditäts- und Alters- Aerstcherungsanstalt Berlin im Juteresse der Versicherten ffowohl wie im eigenen mit der Errichtung eines Sanatoriums für Lungen- krank- beiderlei Geschlechts unverzüglich vorgeht, da nur so dem mächtig erwachten hygienischen Bewußtsein der arbeitenden Be- völkerung Rechnung getragen werden kann. Wir erwarten 2.: daß die Berliner Aerzte von allen für das hygienisch- diätetische Heilverfahren geeigneten Fällen der zu- ständigen Krankenkasse Miltheilung machen, damit letztere diese Kranken unverzüglich der Jnvaliditäts- und Altersversicherungs- Anstalt überweisen kann. Ferner ist es Pflicht der Berliner Aerzte- schaft. durch häufige Referate Aufklärung über Wesen und Verhütung der Tuberkulose in die weitesten Bevölkerungsschichte» zu tragen, und erhoffen wir eine» dahingehenden Einfluß und Förderung von den Aerztevereinigungen sowohl, wie von einzelnen in autoritativer Stellung befindlichen Mitgliedern des Aerztestandes. 3. Die Krankenkassen- Vorstände und Verwaltungsbeamten ver- pflichten sich, in allen durch die Aerzte überwiesenen geeigneten Fällen sofort bei der Jnvaliditäts- und Altersversicherungs-Anstalt Antrag auf Einleitung des Heilverfahrens zu stellen. Ferner verpflichten sich sämmlliche Krankenkassen, bei denjenigen ihrer Mitglieder, für ivelche die Jnvaliditäts- und Altersversicherungs-Anstalt, ohne die Kasse ersatzpflichtig zu machen, das Heilversahren übernommen hat. die Fürsorge für die Familicn-Angehörigen im vollen Umfange der der Kasse obliegenden Leistungen zu übernehmen. 4. Zur Förderung der rechtzeitigen Erkenntniß der Schwindsucht muß die Errichtung einer Zentralstelle für bakterioskopische Unter- suchungen, die den oft vielbeschäftigten Kassenärzten unentgeltlich zur Verfügung steht, ins Auge gefaßt werden, wodurch die Stellung von Frühdiagnosen wesentlich erleichtert werden würde. Endlich erhofft die Zentralkommission, welche die Agitation in die Wege geleitet hat, daß sie von feiten der Krankenkassen durch Ueberweisnng des ganzen statistischen Materials zu»veiterer Agitation bestmöglichst ausgerüstet wird. In 14 Tagen findet wieder eine Versammlung in dieser Ange- legenheit statt. Ueber„Reaktionäre Pläne" sprach am Dienstag der Reichs- tags-Abgeordnetc R. Fischer vor den Parteigenossen seines Wahl- kreises. Ter Redner behandelte in diesem Thema die verschieden- artigen Pläne einzelner Personen und Parteigruppen, die darauf hinauslaufen, das Volk politisch rechtlos zu machen und dazu dienen sollen, die vorwärts strebende Arbeiterschaft niederzuhalten. Genosse Fischer verweist hierbei ans die Debatten über die Ab- ändernng des Vereins- und Versammlungsrechts im Reichstage und dem preußischen Abgeordnetenhause, die widersprechende Stellung einzelner Personen in de» beiden Parlamenten, deren Bestrebungen darauf gerichtet sind, statt der Verbesserung des Koalitionsrechtes, wie sie allgemein vom Volk gefordert wird, eine Verschlechterung desselben herbeizuführen. In ähnlicher Weise soll die ins Stocken geralhene Sozialgesetzgebung mit ihrer neuen Handwerkervorlage, durch die die Regierung den Anschein zu erwecken sucht, als wolle und könne sie das Kleinhandwerk vor dem wirthschaftlichen Untergang retten, benutzt werde». Auf die Debatte gelegentlich der Marineforderungen eingehend, erörterte der Redner die immer lauter werdenden Drohungen der Reichstags-Auflösung, der Abänderung des allgemeinen Wahlrechts, das Verlangen einzelner Personen nach einem Staatsstreich und die Befürwortung eines Verfassungsbruches von oben. In eingehender Weise bespricht der Referent, der auf die Grundlagen der Verfassung hinweist, die fast unmögliche Ver- wirklichnng dieser reaktionären Pläne, denen außer der Sozialdeniokratie das Zentrum, die Polen, die Elsässer und der Freisinn schon ans dem Selbsterhaltungstriebe entgegenstehen, sodaß auf gesetzlichem Wege eine Beseitigung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts nicht zu erwarten ist. Ebenso wenig sei daran zu denken, daß sich von den Bundesstaaten eine Mehrheit findet, die der schönen Auge» der preußischen Krautjunker wegen einen Verfassungsbruch billigen würde, zumal die Regenten keineswegs geneigt sein werden, einen jahrelang dauernden Konflikt mit dem Volke heraufzubeschivören. Wenn also auch, meint der Redner, nicht zn befürchten ist, daß sich die bei jeder Ge- legenheit wiederholenden Drohungen verwirklichen ließen, da der reale Boden hierzu gänzlich fehlt und es mit der vorgeschlagenen Delegation ans den Landtagen für den Reichstag vorläufig noch nichts werden wird, so sei doch alle Ursache vorhanden, die Stimmung in den Regiernngskrcisen ebenso wie die Strömungen in den Parteien zn beobachten. Jedenfalls aber werde die Sozialdenw- kratie mit der Wahlparole, allgemeines gleiches direktes Wahlrecht, in den nächsten Wahlkamps einzutreten haben. Lebhafter Beifall folgte den Ausführungen. Eine Diskussion über den Vortrag wurde nicht beliebt. Zur Abhaltung der Maiseier wurde die Unions- brauerei ansersehen. Der Eintrillspreis soll 20 Pf. betragen und die Feier in derselben Weise wie im vorige» Jahre veranstaltet werden. Die weiteren Arrangements wurden den Genossen Karl Fischer, Barsch, Lange. Scho n heim, Bauer, Mews und Köhler übertragen. Mit einem begeisternden Hoch auf die völkerbesreiende Sozialdemokratie erfolgte hieraus der Schluß der gutbesuchten Versammlung. Die Kommisston für den Kirchenanstritt hatte am Montag Abend eine Versamiuluiig nach Sanssouci einberufen. Die Ver- sammlung war sehr stark besucht; Genosse Dr. L ü t g e n a u sprach über:„Sozialdemokratie und Kirche". Der Referent erklärte zu- nächst, daß er de» Vortrag übernommen habe infolge der ihm ge- machten irrlhümlicheu Miltheilung, die Versammlung gehe von der Partei aus. Redner behandelte dann in 1'/2stündigem Vortrage Entstehung und Entwicklung der Religio» und der Kirche in ihrer Abhängigkeit von den Produktionsverhältnissen, rechtfertigte den die Stellung zur Religion betreffenden Punkt des sozialdemokratischen Programms und lehnte einen Zusammenhang der Partei mit der Kirchenanstritls- Agitation ab.(Lebhafter Beifall.) Im Sinne des Referenten sprachen die Genossen Genth. Ramsch, Borchardt u. a. Frau F a h r e n w a l d t berichtete in Eindruck machender Weise über ei» Vorkommniß mit dem Prediger der Jesu- Gemeinde Schulze. Die Genossen Adolf H o f f m a n n und W a l d e ck M a n a s s e erklärten sich gegen die vorwaltend wirthschaftliche Ans klärung und Agitation; die„wirthschaftliche, religiöse und pöli- tische" gehörten nebeneinander. Demgegenüber betonte» andere Redner und der Referent, daß die wirthschaftliche Ausbeutung die Wurzel aller übrigen Unfreiheit sei und daß man mit der stärksten Macht de» Schlüsselpunkt der seindlichen Position angreisen müsse: die kapitalistische Produktionsordnung. Den von Manasse gegen die Geistliche» angeführten Goethe'schen Ausspruch:„Es war von je die Art, mit eins und drei und drei und eins viel Jrrthum zu ver- breiten," wandte Lütgenau auf den Versuch an, die obige locker aneiandergereihte Dreiheil an stelle des einen und untheil- baren Sozialismus zu setzen. Auch bürgerlich Radikale und Freidenker hängten gern der religiösen und politischen Freiheit ein dischen vom Kampf gegen wirthschaftliche Ausbeulung an; das sehe dann sozialistisch aus und verwirre vielleicht manchen Arbeiter. Die Herren Rieger und Schlaupe sprachen im kirchliche» Sinne; ersterer wurde von anderen Rednern leicht widerlegt, letzterer brachte überhaupt nichts der Diskussion Werthes vor. Die in angemessenen Formen verlaufene Versammlung dauerte bis 1 Uhr. Der Vor- sitzende H o f f m a n n nannte ihren Verlauf einen sehr befriedigen- den. wenn er auch durch die Haltung des Referenten und der Mehrheit ein anderer gewesen sei als der der früheren Versamm- luugen. Ter Allgemeine Arbeiter und Arbeiterinueuvereiu Berlins und Umgegend hielt am 22. d. M. seine.regelmäßige Mitglieder- Versammlung ab. Der Genosse M a s s a t s ch hielt einen beifällig aufgenommenen Vortrag über die Stellung der Frau. In der Diskussion sprachen die Kollegen Göbler, Kasten und Solisch im Sinne des Referenten. Unter Vereinssachen theilte der Kollege Arndt- Adlershof mit, daß die dortige Filiale des Vereins am Charfreitag eine Fußpartie unternimmt. Treffpunkt ist 11 Uhr bei Haberlandt, O b e r- S ch ö n e w e i d e. Ein Antrag, betreffs Beschickung des Kongresses der lokalorganisirten Gewerkschasten, welcher zu Pfingsten in Halle tagt, wurde zur Regelung dem Ver- trauensmann Schüler überwiesen. Im Textilarbeiter- Verband, Filiale I, hielt Herr Dr. B e r n st e i n am 22. März einen Vortrag über neuere Natur- Heilmethoden. Kollege N a d e m a ch e r wurde als erster Schrift- sichrer gewählt. Außerdem wurde der Vorstand beauftragt, für die ahlstelle ein anderes geeignetes Lokal im Osten zu ermitteln. Das ergnügungskomitee macht bekannt, daß das Stiftungsfest am 26. Juni bei Lips, Am Friedrichshain, stattfindet, und ersucht um rege Betheiligung. Zum Schluß macht der Vorsitzende bekannt, daß am 11. April eine Versammlung der fünf Filialen bei Keller, Koppenstraße, stattfindet. Verband der Möbclpolircr, F i li a l e S üd- Ost. Inder Versammlung vom 22. März hielt Kollege G. Reuter einen Vortrag über„ D e n km äl e r". Bei der hierauf folgenden Wahl wurden die Kollegen S u i t n e r, Bevollmächtigter, B r u ch w i tz, Beisitzer, H ö f e r, Kassirer, wiedergewählt. Eine rege Diskussion entspann sich bei der Werkstattangelegenheit von Schröp u. Ritter, die zur Regelung dem Vorstand überwiesen wurde. Hierauf machte Kollege S u i t» e r noch bekannt, daß am 29. März eine öffentliche Versammlung stattfindet und daß Billets zu der Uraniavorstellung, welche am 2. Osterfeiertag 1 Uhr stattfindet, bei ihm zu haben sind. Im Fachvercin der Tapczirer hielt am 23. März Herr Dr. O p p e n h e i m e r einen Vortrag über die S i e d e l u n g s« g e u o s s e n s ch a f t. In der nachfolgenden lebhaften Diskussion wurde vom Kollegen Franzke mit recht gerügt, daß trotz der Annonce im„Vorwärts" und brieflicher Einladung an alle größeren Tapezirer- Werkstätten so wenig erschienen seien. Schuld daran habe wohl die Illumination zur Zentenarfeier, welche die Arbeiter mehr interessire, als ihre eigenen Angelegenheiten und eine beißende Ironie aus das Klassenbewußtsein und die Aufgeklärtheit der Berliner Arbeiterschaft bilde. In den weiteren Ausführnngen der einzelnen Diskussionsredner zeigte es sich, daß ihnen die Ideen von Herrn Oppcnheimer noch zu neu sind, um darüber ein abschließendes Urtheil abgeben zu können. Man sei aber der Ueberzeugung, daß innerhalb der organistrten Arbeiter- schast über derartige Thematas in eingehendster, freiesier Weise im Interesse der Aufklärung diskutirt werden müsse. Kollege Franke» welcher schon seit längerer Zeit auf einem mehr freiheit- lichen genossenschaftlichen Standpunkt stehe, betonte noch ausdrücklich, daß mit dem Eintrete» für diese, im Gegensatz zum Kommunismus, genossenschaftliche Form einer sozialistischen Gesellschaft man durch- aus nicht aufhöre, Sozialdemokrat zu sein, wenn auch keiner von der„allgemeinen Schablone". Der politische und wirthschaftliche Kampf der Arbeiter in der Partei und Gewerkschaft dürfe deshalb nicht im geringsten beeinträchtigt werden, trotzdem man ihn von einem anderen als dem bisherigen Standpunkt ans führe. Zum Schluß gab man noch dem Wunsche Ausdruck, daß Herr Dr. Oppen- heimer noch recht oft Gelegenheit haben möge, in Gewerkschaften für seine Ideen einzutreten, da diese der geeignetste Boden dafür seien. Doch sei es auch wünschenswerth, daß sich die Gesammtheit der Parteigenossen in öffentlichen Versanimlnngen damit beschäftige. I» eilier Vcrsammlnng der Ortskrankenkasse der Kauf- leute, die am Sonntag Vormittag im Feenpalast stattfand, hielt der Reichstags-Abgeordnete Robert Schmidt einen Vortrag über „das Krankenversicheruugsgesetz mit besonderer Berücksichtigung der Arbeiterinteressen." Er wies darauf hin, daß i» neuerer Zeit das Interesse an der Verwaltung der Ortskrankenkassen gewachsen ist, was nur zu billigen sei. Die Beitragsleistungen der Mitglieder sind in den letzten Jahren ganz beträchtlich gestiegen, während die Leistungen der Kassen vielfach zurückgegangen sind. Redner meint, daß diese Etttwickluiig zum Theil auf das System der freien Arztwahl zurückzuführen sei. Gestiegen sind namentlich das Arzthonorar und die Kosten für Medizin. Allerdings bat sich auch vielfach die Behandlung der Mitglieder unter diesem System gebessert, namentlich was die Gewährung von Medikamenten und Stärkungsmitteln betrifft. Redner streift kurz die Bestrebungen auf Zentralisation sämmtlicher Orts-Krankenkassen. Die Schwierigkeiten, die in der verschiedenen Gefährdung der Berufe liegen, ließen sich durch Einführung von Gefahrenklassen überwinden, wobei die Unternehmer, in deren Betrieben die Arbeiter mehr gefährdet sind, höhere Beiträge leisten müßten. Am Schluß führte der Redner aus, daß auch die Handwerker- vorläge der Regiernng, wenn sie Gesetz werden sollte, auf das Krankenversicherungswefen ungünstig einwirken würde. Es würden dann mehr Jnnungs-Kraukenkassen gegründet werden; dies liegt aber nicht im Interesse der Arbeiter, die im allgemeinen jeder Zersplitterung des Kraukenkassenwesens entgegenwirken müßten. In der anschließenden Diskussion wurden wenig neue Gedanken zu tage ge- fördert. Straub, Schumann und Pölitz sprachen wesentlich im Sinne des Referenten; H o f f m a n n erwähnt die in der Krankenkasse vorhandenen verschiedenen Strömungen, die namentlich in der verschiedenen Stellung zur freien Arztwahl und zu politi- schen Fragen ihre Quelle haben.— Schließlich wurde eine sieben- gliedrige Kommission gewählt, die die weitere Agitation für die Kasse betreiben soll und aus folgenden Herren besteht: Werner, Schumann, Kamp, S t r e i t n e r, B r ü s ch k e, Förster und G r ä f. Für die in der bevorstehenden General- Versammlung vorzunehmende Vorstandswahl wurden nominirt; Werner, Brüs ch ke. Knebel und als Ersatzmann G r ä f. Tie Stellmacher beauftragten in ihrer Versammlung am Sonnlag Nachmittag nach lauger Debatte ihren Delegtrten zur Geiverkschaftskommissio», dortselbst gegen die bekannten Resolutionen zu stimmen. Die Abrechnung der Agitatiouskommission wies eine Einnahme von 37,76 M. gegenüber einer Ausgabe von 75,44 M. aus, somit bleibt ein Bestand von 12,32 M. zn verzeichnen. Ueber eine Reihe von Mißständen bei Kühl st ein, Dittmann, Stahl, Pauls und einer ganzen Anzahl weiterer Werk- statten wurde bittere Klage geführt, so über Abzug von Strafgeldern bis zur Höhe von 20 M. für angeblich mangelhafte Arbeit; über den Verbleib der Strafgelder sei niemandem etwas be- kannt geworden. Unregelmäßige Lohnauszahlungen, Nichtlieferung der Nrbeitsgeräthe, Vergebung von Ueberstunden nach Gunst und hauptsächlich Zurückziehung der mit vielen Kämpfen ein- geführten neunstündigen Arbeitszeit und niedrige Löhüe. Ueber die Lohn- und Arbeitsverhältnisse der Gr. B. Pferdebahn-Aktiengesellschaft wurde bekannt gegeben, daß in der betreffenden Werkstatt 48 Stell- wacher mit 2 Hilfsmeistern beschäftigt würden; von den Stellmachern fingen 16 mit 30 Pf. Stundenlohn an, in dem Zeitraum von 10 bis 12 Jahre» brachten sie es zn dem Höchstlohn. der überhaupt von der Gesellschaft gezahlt werde, zn 40 Pf. Stundenlohn; das Alter dieser 16 variirt zwischen 40 und 45 Jahren. Andere 9 von den 43 Stellmachern stehen im Alter von 30— 40 Jahren, diese erhielten nach 7 bezw. 10 Jahren 37l/z Pf. Stundenlohn; 13 er, hielten nach 2—3 Jahren 35 Pf., und 10, deren Alter zwischen 24—30 Jahren schwebt, fingen mit 32'/- Pf. Stundenlohn an und arbeilen jetzt 4 Monat bis zu zwei Jahren. Die Arbeitszeit ist 10 Stunden. Seit Erbauung der neuen Wagen würden gewöhnlich in den Monaten März, April und Mai Ueberstunden gearbeitet, die bis zu 1396 ohne Lohnausschlag bezahlt wurden; die seitdem ge- zahlten 15 Pf. Aufschlag pro Stunde würden jedoch gegenwärtig wieder nicht gezahlt. Zum Schluß wurde der Versammlung das von der Agitationskommission entworfene Reglement für den Arbeitsnachweis zur Begutachtung unterbreitet und einstimmig gut- geheißen. Eharlottenburg. In der am Sonntag, den 23. März, im Bredlow'schen Lokale, Augsburgerstr. 73. abgehaltenen, leider nur schwach besuchten Versammlung sprach die Genossin Frau M e s ch über das Thema:„Unsere Pflichte n." Allseitiger Beifall wurde ihr für den lehrreichen Vortrag gezollt. Von einer Diskussion wurde Abstand genommen und die Versammlung mit einem Hoch auf die allgemeine Frauenbewegung geschlossen. frb«!trr-KIIdiing«fchi!le. Scmester-Ferien bi« Mitte April. i» Krstli»»« der ArI>rIter-�!Ud»»gosiIi>ile> Brunnenstr. 25, ist Wochen» tag» von»— o Uhr, Sonntags von 4-s Uhr, uncntgeltllch für jedermann geöffnet: die Wilhclmstüdtisches. Don Carlos. »llexanderplah. Die Tanzfrida. Ostend. Berlin wie es weint und lacht. «merican. Lumpe-Gastspiel: Ritter Benno von Schreckenstcin. Passagc-Panoptiknm. 32 Mädchen aus Samoa. heatev sdV»!Ii»vr-.'ri,v»tei.»). Donnerstag, abends 8 Uhr: Die Bild- Hauer. Freitag, abends 8 Uhr: Die gerechte Welt. Osteud-Theater. Gr. Frankfurterstr. 132. Dir.(f. Weist. Heute: Zum letzten Male: Berlin, wie es weint»nd lacht. Anfang 8 Uhr. Freitag: Znm ersten Male: Klein Geld. Posse mit Gesang von E. Pohl. Anfang 8 Uhr. Volks-Theater Zk. Reichcnverger- Strastc 84. Pferdebahnsiation: Kottbuser Thor. Von Ltukv zu Stufe. Lebensbild in 4 Alten von Dr. Hugo Müller.— In Vorbereitung: Hopfen- rathS Erbe». Volksstück mit Gesang in S Alten von H. Willens. Anfang 8 Uhr. Kasseneröffnung 7 Uhr. Thalia-Theater. (vormals Adolph Ernst-Theater). „Frau L i e ti t e it a n t." Vaudeville in drei Akten von Paul Ferrier»nd Anton» Mars. Deutsch von Hermann Hirsche! Musik von A. Serpette und V. Roger. Anfang 71/2 Uhr. Morgen und folgende Tage: Frau Lieutenant. In Vorbereitung: Die DrillingSmntter. Schwank in drei Aufzügen von Graves. Alexanderstr. 40. Heute und die folgenden Tage: Gastspiel des urkomischen Bendix. Die Tanzsrida. Berliner Posse mit Gesang und Tanz n 3 Akten(4 Bildern) von Heinrich Wilker. Musik von Albert Wicher. Kleine Preise. Anfang 8 Uhr. Sämmtliche ausgegebenen Bons ve- halten ihre Giltigkeit. Billetö sind ohne VorbesteNgebühr schon drei Tage vorher an der Theater- lasse zu haben. Vormittags U— 1 Uhr und abends von VgT Uhr an. r. 26/26, Heute: Don Carlos. Trauerspiel in B Aufzügen von Schiller. Anfang 8 Uhr. Morgen: Don Carlos. Billet» sind schon drei Tage vorher ohne Vorbestellgebiihr an der Theater- lasse zu habe». Aicherdem im In- validendank, Unter den Linden 24, bei Paul Romeick, Leipzigerstrasie 6. und Julius Lengcnfeld, Markgrafenstr. 60. Ceutral-Theater. Alte Jalobstr. 30. Dir. Aich. Schultz. NV Znni 56. Male: Cm sideler Abend. Burleske dramatische Revue in einem Vorspiel und 3 Bildern v. I. Freund und W. Mannstädt. Musik von Julius Einödshofer. Anfang>/z8 Uhr. Morgen und die folgenden Tage: Ein fideler Abend. Schluß der diesjährigen Possen- Saison Sonntag, den 18. April er. WM- Nur noch kurze Zeit. Lireus de«? Karlsti-asse. (Jnbilnnms- Saison 1806/97.) Tonnerstag. den 1. April 1897, abends 7V2 Uhr: Durchschlagender Erfolg. Ans der Mappe eines Außerdem: 6 Trakehner Fuchs- Hengste, in Freiheit dressirt und vor- geführt van Herrn Hugo Herzog. hjuadrillo ä la com-, geritten von 8 Damen und 8 Herren. Miranda, engl. Vollblut iil Freiheit dressirt u. vorgefiihrt von Mr. Rowland. Großes Spring-Potpourri. Auftreten der hervorragendsten Künstler und Künstlerinnen, sowie der beliebtesten Alowns. Morgen: Ans der Mappe eines Riesengebirgs- Phantasten. rfASnia Tauben-Strasse »I«IUI», Xo. 48-49. Naturkundliche Ausstellung täglich geässnct von 10 Uhr vorm. ab. Eintritt 50 Pf. Wissenschaftl. Theater abends 8 Uhr. Jnvalidenstr. 57/62 l II III III Ii Lehrter Stadtbahnhof. Täglich von 7'/z Uhr abends ab 50 Pf. Im Theater-Saale täglich 8 Uhr abends Vorträge, mit Experi- m enteil». gr. Lichtbildern ausgestattet. Näheres die Tagesanschlage. Gssfsii's™ Panopticum. „S. Pygmäen die kleinsten Menschen der Welt! Damen-Wettschwimmeu. Fee»-Palast, Direktion Winkler& Fröbel. PM Nenes Künstler- Personal Zum ersten Male: kin schwarzes Wiegenkind. Komische Operette, unter Mitwirkung des Direktors Wilhelm Fröbel. Verlängertes Gastspiel der lebenden Photographien mit dem Sensativnsbilde: Endlich allein! Anfang 7l/z Uhr. Sonntags 7 Uhr. AV Entree 30 Pf.-Tpg Apollo-Theater. Wsttiz iioes Ironam und neue, unvergleichliche Bilder-Serie des Kinetagreipl, und zwar: Pariser Karuevalzug. Der berühmte Schnellmaler Jigg. Der Riagarafall im Winter(hoch- interessant). Russische National- tänzer. Ein Traum. Mist Eveline Ethardo. Station Warschanerstraste Zivoteiisr-reier: 1. Fürftenhalle. 8. Vorbeimarsch der Truppen. Das Sensationsbild: Endlich allein! und 12 neue Debüts. Kaffeneröffnungttl. Den Parteizenossen zur Nach- richt, daß unser alter, bewährter Genosse, der Spediteur Gusta? Rosenthai verstorben ist. 219/14 Die Beerdigung findet am Donnerstag, den 1. April, nach- mittags 4 Uhr, von der Leichen- halle des Zentral-Kirchhofes in Friedrichsfelde aus statt. Um rege Betheiligung ersucht Der Vertrauensmann ! für Gesundbrunnen«. Rosen- thaler Vorstadt. vanhsagung. Für die vielen Beweise der Liebe und Theilnahme während der Krank- heit, sowie für die reichen Kranzspenden bei dem Begräbniß meiner lieben Frau Anna geb. Grefrath sage ich allen meinen herzlichsten Dank. Berlin, den 31. März 1897. 1323b Carl Dada. Nachruf! Allen Kollegen und Bekannten zur Nachricht, daß unser Kollege Itarl Libau am 30. d. M nachmittags nach langem schweren Leiden an der Proletarier- krankheit ensschlafen ist. Die Beerdigung findet Freitag, nachmittags 6 Uhr, von der Leichen- Halle des St. Golgatha- Kirchhofs, Äarfusstraße, aus statt. 1326b Um rege Bethciligung bitten. Die Kollegen von Devitt u. Herz. Möbel auf Theilzahlung. I. Kellermann. _ Neue Jakobstr. 26.* Wichtig für Bmitleute! Wegen Ersparniß der Ladenmiethe verkaufe Möbel, Spiegel, Polster- waaren bedeutend billiger. DieArbcitcn werden a. bester» Material angefertigt. 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