Sinzigs unabhängige Tageszeitung veutschlands ^Wnifr 138— 1. Jahrgang I Saarbrücken, Freitag, den I. Dezember 1933| Chefredakteur: M. Braun Am dem Inhalt lüeücüsten in dec£u(t Seite 2 1Yuniicoft unecmüdÜdi Seite 3 Cc&chießt die Jceiheit Seite 4 JCeine Saatixccfumdiunçen Seite 8 ÜMseccäenteil beachten! Dtr PelcnslagsscliwlBdel ftedinni Das Parlament des Verfassungsbruchs, des Terrors und der Fälschung Präsident des Reichstages der 8. Wahlperiode, Reichs- und wird nicht verjähren. Wir beugen uns nicht dem Terror 'nister Göring, hat auf Grund der Artikel 23 und 27 der und mit uns stehen schon viele Millionen Deutsche. Die wer- '^'chsversassung den neugewählten Reichstag der 3. Wahl- den richten und rächen, nnd aus diesm Deutschland der Periode auf Dienstag, den 12. Dezember 1938, nachmittags Schande dennoch ein Reich freier Gemeinschaft errichten. Kihr, einberufen. v»?,»^^chstag wirb vermutlich sich nicht nur auf außen- nAbnniont Kundgebungen beschränken, sondern er wird wahr- NOOI CHI LH) Il II Hit, III 'peinlich auch zur Annahme einer neuen ständischen Ber- . MUUJ Olli ÜIIUUI)mi i I il JAfTttttfl befohlen werden. So will man den Schein der Lega- 'tat siix die Gegenrevolution wahren. I« Wirklichkeit besteht o, a 9 1^ em Wortlaut und dem Sinn dtzr noch immer geltenden -etchsversassung dieses Ja-Sage-Parlament nicht zu Recht. ^'»«Proklamationen sind nichtbieStimme erNationundseineBeschlüssesindvorjeder lrkljchen Selbstbestimmung nichtig. Schon der am 5. März gewählte Reichstag war dnrch die t'nterdrllckung fast jeder Wahlarbeit der Opposition nicht ver- tassungsmäßig zuftandegekommen. Durch Verfassungsbruch wurden dann die Kommunisten und später die Sozialdcmo- «rate« ihrer Mandate beraubt. Unter Patronage eines Reichs- Präsidenten und durch die Verordnung eines Reichskabinetts, e feierliche Eide aus die Reichsvcrsassuug abgelegt hatten. Die sogenannten Wahlen zum jetzigen Reichstag rissen alles JJ Setzen, was überhaupt noch an politischen Bolksrechten in Deutschland bestand. Es gab keine Möglichkeit einer Gegen- Kandidatur gegen die Parteilifte der Nationalsozialisten. Jede Versammlung, jede Druckschrift, nicht nur jede öffentliche, sondern auch jede private noch so zahme Meinungsäußerung wurde unterdrückt und mit schweren Strafen belegt. Dennoch wagten 5'/> Millionen Wähler nnd Wählerinnen ihre Ehre "cgen die Schande dieses korrupten Systems zu wahren. Die "Deutsche Freiheit" hat den Beweis dafür erbracht, daß«nge- Zahlte Oppofitionsstimmen mehr abgegeben worden sind als "ozählt wurden. Wir fügen dem Material und den Doku- Wanten, die wir veröffentlicht haben, einen neue» Beweis lur die amtliche Wahlfälschung Hinz«. Bor uns liegt ein Stoß amtlicher Wahlkuverts. Jeder amt- 'che Umschlag enthält je eine Nein- Stimme gegen die ^>eichsregier«ng und gegen den Wahlvorschlag der National- sozialistischen Deutschen Arbeiterpartei Wahlkreis Süd-Han- "over-Braunschweig Keine dieser Rein-Stimmen w»rde gezählt. Sie wurden von dem nationalsozia- "fischen Wahlvorstand in den Papierkorb des Wahl- îauWg geworfen. Die Beauftragten des Reichskanzlers 3'nge» so schamlos vor, daß sie ihr Tun nicht einmal ver- oorgeu. Als Sozialdemokraten, die mit Nein gestimmt hatten, oi'rten, daß keine Nein-Stimmen abgegeben worden seien, 3'ugen sie in das Wahllokal, wo inzwischen der parteiische Wahlvorstand sich entfernt hatte und fanden dort ihre Stimm- ä*ttel und Wahlkuverts im Papierkorb. Obwohl es sich meist Um Wohlfahrtserwerbslose handelte, brachten sie durch eine Sammlung doch soviel zusammen, um einen der ihrigen als Kurier zur„Deutschen Freiheit" zu entsenden. Dieser Freund oat uns die neuen Beweise für die Wahlfälschung zu all den "brigen gebracht. Wir alle sind ihm für seinen Mut zu Dank ""pflichtet. Man male sich aus, was ihm zugestoßen wäre, wen» man ihn mit seinem Paket Nein-Stimmen aus der Beise gefaßt hätte. Man hätte ihn zn Tode geprügelt. Er ist '«zwischen in seinem Heimatort wieder angelangt. Mit der Beröfsentlichung mußten wir warten, bis sich der tapfere Kamerad wieder in Sicherheit befand. So also wurde in Hannover gefälscht, und das ist ein ver- "ältnismäßig fortgeschrittener Bezirk. Man mag nun er- wessen, wie es dort war, wo die Partei des Reichskanzlers 'einerlei Kontrolle zu erwarten hatte. Die Wahlen sind ein einziger Betrug. Die Reichstags- abgeordneten sind Träger und Nutznießer einer Fälschung. Das Reichskabinett thront auf der Höhe einer politischen Korruption, die ohne Beispiel ist und deren Gestank die ganze Welt erfüllt. Der Reichspräsident, der zur Wahrung der BeichSverfassung berufen ist, duldet die Terrorisierung und b'e Entrechtung des deutschen Volkes, dessen große Mehrheit °e» gigantischen Betrug längst erkannt hat und nur durch Gewalt niedergehalten wird. Wir sprechen dem Reichstag der Wahlfälschung jedes Recht *"r Gesetzgebung ab. Wir erklären, daß die Reichsregierung «nd der Reichspräsident als Schuldige an hundertfachen Ber- '"ssungsbrüchen nicht das Recht besitzen, gültige Unter, 'christen z« leisten. Sie gehören samt und sonders vor einen ^'ratsgerichtshos Wir wissen sehr wohl, daß unser Protest einstweilen nicht wirksam werden kann. Noch haben die andern die Macht nnd wißbrauchen sie. Das Recht des dentschen Volkes aber bleibt Als Beweis dafür, wie die Wahlvorstände rein partei- mähig zusammengesetzt wurden, veröffentlichen wir folgen- den Brief: Walter Hilke Berlin W 50, Marburger Str. 7 4. November 1933 An die NSDAP. Ortsgruppe Tauentzien Hierdurch teile ich mit, daß ich für den 12. November 1933 als Abstimmungsvorsteher für den 16. Stimmbezirk Charlottenburg, Restaurant Grcvenitz, Augsburger Straße 25, ernannt worden bin. Mein Vertreter ist Pg. Paschke, Rankestraße 28. Nachstehende Pgg. habe ich ausgestellt als Schriftführer: Max Schneider, Rankest». 29, als vertr. Schriftführer: Paul Dietrich, Marburger Str. 7, Beisitzer: Heinz Hotze, Rankcstr. 29, Erwin Nieter, Marburger Straße 6, Hans Reuter, Marburger Straße 7, R. Klemmt, Marburger Straße 8, Andre Niedermeicr, Augsburger Straße, Karl Mittag, Augsburger Straße 44, Max Wallnig, Marburger Straße 6, Ramin, Ansbachcr Straße 19. Heil Hitler! Sadisenbarg voran! Das Lager Sachsenburg hat unter den Konzentrations- lagern des„dritten Reichs" schon immer eine Sonderstellung eingenommen. Die Behandlung der Gefangenen war dort weniger brutal als in anderen Lagern. Menschenwürde und Menschenrecht der Gefangenen wurden dort nicht so bar- barisch mit Füßen getreten wie sonst fast überall. So konnte sich auch das Unwahrscheinliche ereignen, baß es am 12. No- vember tn Sachsenburg eine richtig geheime Wahlhandlung gab, die von den Häftlingen kontrolliert wurde. Das Er- gcbnis war 61« Nein und 460 Ja. Zu diesen 469 Ja-Tttmmen gehören offenbar die meisten Stimmen ber Lagerwache, die eine Stärke von ungefähr 399 Mann hat. Die Belegschaft des Lagers zählte 759 Mann, wovon etwa 199 unter 29 Jahre alt, also nicht wahlberechtigt waren. Daß das Wahlergebnis mit seiner klaren Mehrheit gegen Hitler wie ein Donnerschlag wirkte, versteht sich von selbst. Augenblicklich setzte ein strengeres Regime ein, ein Rauch- verbot und ein Spielverbot waren die ersten Strafen, die über die Gefangenen verhängt wurden, weil sie es mit ihren Staatsbürgerrechten ernst genommen hatten. Heute Ist ganz Deutschland ein Konzentrationslager. Aber ein Konzentrationslager nicht wie Sachsenburg, sondern wie Dachau und Börgermoor. Wie die Abstimmung ausgefallen wäre, wenn die Deutschen noch ein freies Volk wären, zeigt trotz alledem Sachsenburg. PlasseiUilnridifung Das Blut der Opfer komme über Hitler und Göring! Köln, 39. Nov. Im Gefängnis Köln-Klingelpütz sind heute vormittag um 7.39 Uhr die zum Tode verurteilte« Otto Wäser, Hermann Hamacher, Bernhard Willms, Heinrich Horsch, Joses Moritz nnd Josef Engel, alle aus Köln, hing--» richtet worden. Das Urteil war am 22. Juli d. I. vom Schwurgericht Köln wegen Mordes bzw. Anstiftung zum Morde an de» SA.-Männern Walter Spangenberg und Winterberg gesprochen worden. Priester verhaftet Katholiken-V erfolgungen München. 30. Nov. Die bayerische politische Pylizet teilt mit: Der bayerischen politischen Polizei war von mehrere» Seiten gemeldet worden, daß von einigen katholischen Geist, lichen in München unglaubliche Greuelmeldungen über an- gebltche Vorkommnisse im Konzentrationslager Dachau ver- breitet werden in der offenkundigen Absicht, Empörung und Unruhe zu errege». Die bayerische politische Polizei hat in Verfolg ihrer Bestrebungen, den dyrch den Abschluß des Konkordats angestrebten Nelegionssrieden zu wahren, die notwendigen Erhebungen durchgeführt, in deren Verlauf die Festnahme von mehreren Geistlichen uncrläß« lich war. Die Festnahmen erfolgten nach Fühlungnahme mit der Staatsanwaltschaft. Die unwahren Erzählungen gingen von dem ehemaligen Bayerischen-Volkspartei-Stadt- rat Stadtpsarrer Dr. Emil M« h l e r aus, der ebenfalls festgenommen wurde. Strafanzeige ist erstattet. Weitere Er» Hebungen find noch im Gange. Stalin and Roosevelt Tre e Wahl" Durch hie Straßen des Dorfes Puppen lKreiS OrtelS- bürg) wurden am vorigen Sonntag zwei Leute geführt, die auf der Brust und auf dem Rücken große Plakate trugen mit der weithin leserlichen Inschrift:„Ich habe aus Niedertracht nicht gewählt." Ein Trommler ging dem Zuge voraus. Einer der Angeprangerten, den man am Wahltage mit dem Fuhr- werk hatte zur Wahlurne holen wollen, hatte sich brüsk g e- weigert, seiner Staatsbürgerpflicht Genüge zu tun. Der andere hatte sich das Ja-Abzeichen nicht anstecken lassen, ob- wohl man es ihm unentgeltlich angeboten hatte. Major a. D. Pabst über die„Wahl" Der auS vielen politischen Affären bekannte Masor a. D. Pabst äußerte in einer Geheimen Ftthrerbesprechung des Stahlhelms, ber er beiwohnte, über die Reichstagswahl fol- gendcS:„Die Wahl ist eine ungeheure Farce. Da werden Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Amerika und der Sowjetunion ist ein Ereignis von weit- politischer Bedeutung. Die meisten andern Großmächte haben allerdings die Anerkennung Sowjetrutzlands längst, vor mehreren Jahren, vollzogen; auf der anderen Seite gibt es noch immer eine Reihe von Staaten, die auch heute noch keine formellen diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion unterhalten. Aber gerade daß die Aner- kennung durch Amerika so spät, und daß sie im jetzigen Zeitpunkt geschieht, kennzeichnet und erhöht ihre Be- deutung. Ein Umstand gibt ihr im gegenwärtigen Augenblick de- fonderez politisches Gewicht: die Lage im Fernen Osten. Der Vorstoß des japanischen Imperialismus hat an der Ostgrenze der Sowjetunion eine gefährliche Spannung er- zeugt. Der stürmische Ausdehnungsdrang des imperialist!- fchen Japan stößt in seinem Ausdehnungsgebiet an zwei Grenzen auf zwei Gegner: im Norden und Westen der jetzt japanischen Mandschurei an Sowjetrußsand, im Süden und Osten, das heißt im Stillen Ozean, den Japan als feine Einflußsphäre betrachtet, auf die Vereinigten Staaten. Der japanische Generalstab weiß genau, daß. wenn er zur Auseinandersetzung mit Amerika, die er für unausweich- lich hält, gerüstet fein will, er vorher China beschwichtigt und Rußland gebunden oder besiegt haben muß: dies um so mehr, als Erdöllager und Kohlengruben, die er zum Kriegführen braucht, sich heute in russischem Besitz be- finden. Unter diesen Umständen ist die Verständigung der beiden Gegner Japans eine ernste Warnung an die japanischen Militaristen; unklar ist nur, welche Wirkung diese Warnung haben wird. Es ist möglich, daß sie die japanischen Eroberungsgelüste dämpft. Es ist freilich auch nicht ausgeschlossen, daß sie den japanischen Generalen den Gedanken nahelegt, erst recht rasch über Ruhland her- zufallen. Denn die Anerkennung Rußlands durch Amerika bedeutet nach keineswegs ein Bündnis; und die Ver- Fortsetzung Seite 2- einigten Staaten, die heute vollauf mit Roosevelts großem h Der Reidisiagsstiiwindel beginnt Fortsetzung von Seite 1 einfach Ja-Stimmen dazu und Nein-Stimmen weggetan, das machen die Brüder doch ganz wie es ihnen paßt. Das weiß doch das Ausland ganz genan. Ich habe auch schon mal solche Abstimmungen gemacht." Me Toten Obers Wahlresaifat Die Deutsche Metallarbeiter-Zeitung(Nr. 47) teilt mit, was die Toten übers Wahlresultat sagen: „Der Tote erwacht. Denkt an die Opfer, Die er gebracht. Er sieht uns und spricht: Ihr lebt in Ehre, Mehr will ich nicht!" Und was soll denn schlieftlich auch ein Toter noch wollen. Sollten übrigens die Belegschaften der Friedhöfe auch als Ia-Stimmen gezählt worden sein? „Die Wahl ist geheim" In Sendlingen(Württemberg) wurde ein Mann ver- haftet, der einen Wahlzettel abgegeben hatte, aus dem sich einige»schmeichelhafte" Bemerkungen für die Hitler- Regierung befanden. Der Stimmzettel war fotografiert und der Urheber durch Schrtftvergleiche ermittelt worden. Die Rache für die Nein-Sager! Lübeck, 20. Nov. Eine 40 Mann starke Gruppe von einstigen Mitgliedern der früheren KPD. ist festgenommen worden. Die Verhafteten haben vor und nach der Wahl vom 12. November 1083 eine rührige Agitation betrieben. Experiment zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise be- Ichäftigt sind, denken nicht an einen Krieg. Um so eifriger denkt Japan daran: mit Rußland fertig zu werden, ehe die russisch-amerikanische Freundschaft Fortschritte macht, ist ein Wunsch, der möglicherweise den glimmenden Brand im Fernen Osten erst recht entfacht. * Rußland wünscht nichts weniger als den Krieg. Ebenso wie die Vereinigten Staaten, ist auch die Sowjetunion gegenwärtig mehr als je mit ihrer Wirtschaft beschäftigt. In seinem gewaltigen Ringen um den Ausbau einer neuen Wirtschaftsordnung hat Rußland gerade mit Amerika seit langem wichtige wirtschaftliche Beziehungen. Ameri- konische Wirtschaftswissenschaft, amerikanische Technik und amerikanisches Tempo waren zu gewissen Zeiten ge- rodezu Rußlands Borbilder: die„neue Sachlichkeit" der bolschewikischen Industrieponiere bezog aus der Musik des amerikanischen Maschinensaales einen Teil ihrers Rhyth- mus. Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern befestigt und legalisiert nunmehr Verbindungen, die auf wirtschaftlichem Gebiet seit langem bestanden. Freilich, welch ein Gegensatz zwischen den beiden Ländern! Hier ein Riesenreich aus primitiver, über- wiegend bäuerlicher Wirtschastsstufe, das den giganriiqen Versuch unternimmt, durch planmäßig angetriebene In- dustrialisierung und gleichzeitig durch die Kollektivisie- rung der Landwirtschaft den Kapitalismus nicht nur ein- zuholen, sondern zu überholen. Dort ein Land, in dem der Kapitalismus, unbeschwert durch feudale Vergangen- heit, aus der Vollkraft und dem Reichtum eines ganzen Kontinente schöpfend, zu einem Mammutgedilde empor- fiewachsen ist, das stolz und stürmisch auf seine Macht und eine Vollkommenheit pochte. Aber gerade in diesem Widerspruch offenbarte sich etwas wie eine Aehnlichkeit der äußersten Gegensätze. In Rußland baute man ebenso fanatisch Maschinen wie in Amerika. In Rußland ging oer amerikanische Motorpflug ebenso stürmisch über un- endliches Gelände wie in der amerikanischen Weizen- prärie, wo er später ins Stocken geriet. Rur: Ruhland glaubt an den Sozialismus— Amerika glaubt an den Profit. In Amerika war der Kapitalismus, war der Glaube an den Wohlstand des Volkes, den nur der Kapi- talismus zu oerbürgen vermöge, ebenso Massenreligion wie der russische Bolschewismus. Darum hat Amerika, die Vormacht der kapitalistischen Welt, am längsten von allen Großmächten gezögert, Ruhland anzuerkennen: in Amerika fühlte sich der Kapitalismus am stärksten. Darum hat kein Land solcher Kulturstufe den Bolschewismus grimmiger gehaßt als die Vereinigten Staaten: dem Amerikaner erschien er nicht nur als politisches Ver- brechen, sondern als Irrsinn, als unmoralische Auflehnung gegen die sittliche Ordnung der Welt. * Dann aber kam die Krise, die den Kapitalismus nirgends heftiger traf als dort, wo er sich am unangreif- barsten wähnte: in Amerika. Sie schlug ihn härter als anderswo: denn sie zerstörte den Glauben der Menschen an ihn. So wurde bei der letzten amerikanischen Präsi- dentenwahl Hoover, der Herold des hundertprozentigen Kapitalismus, schmählich geschlagen. So wurde Roosevelt gewählt, der mit beispielloser Kühnheit unternahm, was vor wenigen Jahren in Amerika noch jeden, der e» gewagt hätte, ins Zuchthaus oder ins Irrenhaus gebracht hätte: die heilige Ordnung des Kapitalismus anzutasten, die Freiheit des Unternehmers zu beschränken, den Kapitalis- mug zu kontrollieren, die Götter und Götzen der kapi- talistischen Welt, den Preis, den Profit, ja selbst den Wert des Geldes der staatlichen Regelung zu unterwerfen. Frei- lich, wir wissen und Roosevelt wird es erfahren: Regelung allein rettet den Kapitalismus nicht. Nicht ihn Gesetzen zu unterwerfen, sondern nur seine Gesetze selbst aufzuheben, vermöchte die Krise des Kapitalismus wirklich zu bannen: aber das wagt keine kapitalistische Regierung, und darum wird Roosevelts Versuch wenn nicht scheitern, so doch nur höchst unzulänglich gelingen. Immerhin: die geistige, die moralische Allmacht des Kapitalismus in Amerika ist er- schüttelt. In diesem großen geschichtlichen Geschehen, in dieser Entwicklung des mächtigsten kapitalistischen Staates vom Kapitalismus weg— in diesem Prozeß ist die Aus- söhnung Amerikas mit dem bolschewistischen Rußland ein Symptom. Init-Wettriisten Der britische loitiahrlmtnlsrer Kündigt große Verstarhang Oer laililotte an „G&ältrdong des©emekiiwojis Die Preissteigerungen Berlin, 20. Nov. Der R e i ch s w irisch a st s m inist«' hat bereits in seinem Erlaß an die Spitzenverbande vv 30. August und erneut im Oktober d. I. in der Ocffcnti feit eindringlich die Wirtschast ermahnt, die Maßnahm»»® Reichsregterung zur Arbeitsbeschaffung und Wirtschai belebung nicht durch Preissteigerungen zu gefährden.»J Verfolg dessen ist er gegen Maßnahmen von Berbano. durch die Preise erhöht worden sind, in einer Reihe» Fällen eingeschritten, um die Preise wieder aus den frita« Stand zurückzuführen. Soweit einzelne WirtschaftSznc. dem Verlangen der Reichsregierung auf Beibehaltung• alten Preisstandes nicht entsprochen haben, beabsichtigt^ NeichSwirtschaftsminister mit den schärfsten Mitteln vor» gehen. Er hat bereits die Marktreglung eines Berban- für nichtig erklär» und hat weiter heute die marktregelns Verbände für Messingrohrc. Schnellautomatenstabl, n- schweißte Stablrobre. Kohlebürsten. Schleifmittel, gen■- Torten von Dachpappe, ersucht, die Preiserhöhungen oisisi kürzester Frist rückgängig zu machen, andernfalls er miai Maßnahmen, die unter Umständen bis zur Aushebung Marktreglung gehen werden, ergreifen wird. Was mit* Warenpreise gilt, muß auch für die Preise für handwerMw und sonstige gewerbliche Leistungen gelten. Der Reichswir schaftsministcr hat sich entschlosien, ein Berdingungsrari der Bauwirtichast wegen Gefährdung des Gemeinwohles m nichtig zn erklären, da bei einer Rcglung den an der■«« dingung Beteiligten durch das Kartell übersetzte Preise vo geschrieben und die Geheimhaltung der Vereinbarung»> Pflicht gemacht worden war. ★ Ans MitteIjava wurde eine Verschwörung ErmordungderEuropäer, die nuter religiösem D«a mantel arbeitet«, ansgedeckt. Drei Führer der Organisai« wurde» verhaftet. , Klrthcnkampf aller Men alle Honfillhl mil dem nelllden Sfnlil om die sterîlisleruiid Der Rücktritt des„deutschen Christen" Hossenfelder von seinem Amt als Führer der Bewegung und seiner De- mission als Bischof von Brandenburg war, wie wir gestern schon schrieben, nichts weniger als ein Zeichen innerer Beruhigung im Reiche der evangelischen Kirche. Man er- fährt, daß der Oberkirchenrat eine Kundgebung der Oppo- si'tion, die sich im Pfarrer-Notbund vereinigt hat, im letzten Augenblick verboten hat. Trotzdem haben stark besuchte Zusammenkünfte stattgesunden. In der Singakademie und in der lutherischen Nikolaikirche forderten zehntausend Teil- nehmcr in einer Entschließung den Schutz der überlieferten Doktrin in voller Reinheit. Um sich nicht in die Gefahr zu begeben, al?„staatsfeindlich" gebrandmarkt zu werden, be- tonten sie gleichzeitig ihre Treue zu Hitler und zum Ratio- nalsozialismus. Unter dem Eindruck dieses Kampfes aller gegen alle hat nicht nur der bisherige Bischof Hossenfelder, sondern das gesamte sogenannte Geistige Mini st e- rium der deutschen evangelischen Kirche seinen Rücktritt erklärt. Der Reichsbischof hat den Rücktritt angenommen und die Herren gleichzeitig gebeten, ihre Aemter bis auf weiteres auszuüben. Tag und Nacht finden Konferenzen statt. Außer dem Gelöbnis der Treue zu Hitler vermeidet es der Retchsbischof Müller, klare Ent- fchlüsse zu fasten, da er jeden sicheren Boden unter den Füßen vcrliert und nach allen Seiten hin beschwichtigen muß. An- geblich will Müller versuchen, Hitler zu einer klaren Stel- lungnahme zu bewegen. Diese ist aber nicht z» erreichen. Hitler ist schließlich Katholik und hat keine inneren Be- ziehungen und Binbckräfte zum Protestantismus alt- preußischer Prägung. Er hat genug zu tun, um mit dem Vatikan zn einer Verständigung zu gelangen. Die Spannung zwischen Vatikan und Hitler-Deutschland ist wieder gewachsen. Nach einer Reuter-Mclbung erhebt der Heilige Stuhl nach wie vor Einspruch gegen das SterilifiernngSgesetz, daS grundlegend gegen die Kirchenlehre verstoße.„Osier- vatore Romano", das amtliche Organ de? Heiligen Stuhls, stellt auf Grund zahlreicher Zitate fest, daß das Vererbungs- problem wissenschaftlich ungeklärt sei. Sicher sei nur, daß die Eugenik in der von Deutschland geplanten Weise durch gött- liches Gesetz verboten sei. Stcrilisierung sei gegenüber einem Tiere unbedenklich. Nicht aber bei dem Menschen,»er ein Gewissen und eine Seele besitze. Inzwischen ist l» 1 Sinne dieser Anschauung eine Anweisung an die Kirchen- behörden in Deutschland ergangen, scharfen Einspruch gegen die Anwendung des SterilisierungsgcsetzeS einzulegen. Hiejj dürfe cS kein Kompromiß geben. Katholischen Aerzten sei«S unter keinen Umständen erlaubt, eine derartige Operation vorzunehmen. Katholisch« Krankenpfleger und Assistenten dürsten dabei nicht mitwirken. Bekanntlich soll das neue deutsche Gesetz am 1. Januar 1034 in Kraft treten. ES fordert die Unfruchtbarmachung Geistesschwacher, Blinder, Tauber, Stummer, Epileptiker und anderer Personen, bei denen die Gefahr besteht, daß sie ihre körperlichen Uebel anf ihre Nachkommenschast über- London» 20. Nov. Im Oberhaus fragte heute nachmittag der Herzog von Sutherland, ob die britische Regierung eine Erklärung abgeben könne, die die britische Stärke in der Lust im gegenwärtigen Zeitpunkt darlegt, sowie die britische Stärke im Verhältnis zu der der anderen europäischen Mächte, und ob die Regierung beabsichtige, angesichts der be- stehenden internationalen Lage die britische Luftstärke zu erhöhen. Dieselbe Frage wirb heute abend auch im Unter- hauS erörtert werden. Der Herzog von Sutherland führte u. a. aus, wenn Lon- don zerstört würde, so werde auch England zerstört werden. Frankreich und Deutschland könnten ohne ihre Hauptstädte dagegen weiterleben. Großbritannien habe seit dem Kriege seinen Luftetat um 8 Prozent verringert, während Frank- reich den seintgen um 112 Prozent erhöht habe und die Ber- einigten Staaten um 108 Prozent. Deutschland besitze die raschesten Handelsflugzcugc der Welt. Alle müßten darauf hinarbeiten, einen neuen Krieg zu verhindern; aber sollte cin neuer Krieg kommen, so dürfte England wenigstens nicht hilflos sein. Auch der konservative Abgeordnete Lord Lloyd ersuchte um die endgültige Zusicherung, daß die britische Regierung entschlossen sei, eine Heimatschutzstrettkraft von genügender Stärke zn haben, um Großbritannien zu verteidigen. Der Führer der Arbetteropposttion, Lord Ponsonby, be» merk.c i.i seiner Rede. eS würde bedauerlich sein, wenn die englische Regierung im gegenwärtigen Zeitpunkt ihre Luft- streitkräste erhöhe. Lustsahrtmtntster Londonderry, der kür die Regierung antwortete, erklärte, Großbritannien besitz.' eine bemerkenswert wirksame Luststrettkraft für die Verteidigung. England sei Ende des Krieges die erste Luftmacht der Welt geivesen, während eS letzt an fünfter Stell« steh«. Frankreich besitze 1850 Flugzeuge, Sowjctrußlanb 1300—1500, die Vereinigten Staaten 1000—1100, Italien über 1000, Großbrttannen da- gegen nur 750 Maschinen. Großbritannien müsse die Politik einseitiger Abrüstung aufgeben. Der Ernst des Wunsches der britischen Regierung. Abrüstung in der Luft zu erreichen, sei durch ihre Behandlung dieses Problems zum Ueberfluß er» wiesen worden. ES scheine nun, daß eS Nationen gebe, die nicht bereit seien, der Abschaffung der Flotten» und Militär- lnststrettkräfte zuzustimmen. Wenn die Parität nicht durch Herabsetzung erreicht werden könne, müsse der entgegengesetzte Plan folgen. Die britische Regierung würde keine Wahl haben, als zu beginnen aufzubauen, während sie gleichzeitig ihre Anstrengungen fortsetze, cin Uebereinkommen durch Festlegung ber Parität auf dem niedrigsten Niveau zu er- reichen, dem die anderen Nationen zustimmen wollen. Der Präsident der Vereinigten Staaten habe eine Erhöhung der amerikanischen Luftkräfte bewilligt. Japan und Sowjet» rußland hätten ein großes Programm zur Erhöhung der ihren begonnen. Diese Regierungen verursachten ernste Be- sorgniS. Er könne dem Hause versichern, daß die Regierung ihre Aufmerksamkeit der unvermeidlichen Reaktion auf die britische Politik widme. Die gegenwärtige relative Schwäche Großbritanniens in der Luft dürfe nicht weiter fortdauern. Eden pessimistisch London, 80. Nov. In einer Rede sagte heute StaatSsekre- tär Eben, in Europa beherrsche gegenwärtig ein Problem alle anderen: das der Beziehungen Deutschlands zu seinen Stachbarn. Wenn wir auch die Gesichtspunkte deS Versuchs zur Wicbcrversöhnung begreifen, erklärte er, so bleibt daS Problem doch außerordentlich schwierig. Wir können die Be» mühungen um eine Einigung unterstützen, aber nicht zur Ewigung zwingen. Bischof Hossenfelder, Reichsietter ber Glaubens- bcwegung Deutscher Christen teilte seinen Rücktritt aus dem evangelischen Kirchen- Ministerium mit. tragen könnten. Hier liegt ein Konflikt grundsätzlicher Natu» vor, dessen Lösung nicht abzusehen ist. Der„totale Staat" fordert das Recht über Leben und Tod seiner Untertanen» beansprucht also auch den„totalen" Menschen. Die katholilch« Kirche muß im Gegensatz dazu die Gewissensentschciduns gegenüber dem lebendigen Menschen beanspruchen, wenn si« sich nicht selbst preisgeben will. Inzwischen wachsen in gewissen Nazikreisen antiklerikale Bestrebungen. Jene Personen, die am liebsten eine deutsche Einheit»- und GtaatSkirche gründen möchten, sind begreif- licherweise mit dem Konkordat sehr unzufrieden. In München hat sich bereit» ein Verein zur Bekämpfung de» Konkordats gebildet, dessen Vorsitzender ein bayerischer StaatSminister ist. Diese Dinge erregen in katholischen Kreisen wachsende Erbitterung. Trotz aller Verhandlung«» in Rom haben die katholischen Organisationen das beschlag- nahmt« BereinSvermögen noch nicht zurückerhalten. Noch immer sitzen Führer der Bayerischen Volkspartei und des Zentrums teils in Schutzhaft, teils im Konzentrationslager. Die großen Prozesse, die gegen H i r t s t e s e r, dann gegen den früheren Reichskanzler Marx und Professor Dessau er im Zusammenhang mit dem katholischen BolkSveretn München-Gladbach angestrengt werden, lassen erkennen, daß der große Racheseldzug gegen einstige poli- tische Führer im Lager des Katholizismus weitergehen ioll. Pas Neueste Paris, 29. Nov. Außenminister Paul»Bo«eour hak dem Botschafter des Deutscheu Reiches wegen der k o m m u- nistischen Demon st ratio» vor der deutschen Bot- schast sein Bedauern zum Ausdruck bringen lassen. Bon den 19 Kommunisten, die weae» Demonstration vor der deutschen Botschaft verhastet worden sind, wurden nen» nach Feststellung ihrer Personalien wieder freigelassen. Di« übrigen sind wegen verbotenen Rassentragens bzw. nnge« nügender Ausweise in Haft behalten worden. Mittwoch abend snhr bei Compiegne ein Person««- kraftwagen in ein« Kruppe von Rekruten, die von einer Justrnktionsftunde in die Kaserne zurückkehrten. Zwei Man« wurden auf der Stelle getötet, sieben find schwer verletzt worden. Die Polizetdirektton Wien hat bisher»9 Personen»eae« angeblicher vfterreichseindlicher Betätigung die Staatsbürger« schaft entzogen. Nach dreimonatiger Untersuchung mußte das Verfahre« gegen die deutsche Berkehrögewcrkschast in Rieu, die als getarnte nationalsozialistische Organisation der Bundesbahnangest?llte« bezeichuet wurde,«inaàlU werde«, da kein Anlaß zur Beanstandung ooolchch DimUrotf oncrmfldlidi Seine Traden als Sdiredien des Gerldifs Vas nnlerscli'agcn w'rd Seit einigen Tagen lassen die gleichgeschalteten Berichte erkennen, daß die Reichsregierung den politischen Teil des Leipziger Prozesses noch mehr fürchtet als die verun- Muckten Verhandlungen über die Brandstiftung. Insbe- sondere die unerbittlichen und schneidigen Offensiostöfee Dimitroffs werden dem deutschen Volke unter- schlagen. .Dimitroff stellte die Frage, obdienationalsozia- s> st i s ch e F ü h r u n g an der Jahreswende 1932 und 1933 der Regierung Schleicher mit einem bewaffneten Aufmarsch gedroht habe. Der Vorsitzende Bünger er- widert kühn, daß das nicht zur Sache gehöre. Allerdings bittet der Oberreichsanwalt. die Frage zuzulassen, damit "'cht falsche Schlüsse in der OeffentlichKeit gezogen werben. Selbstverständlich weife der kleine Kriminalrat, °n den die hochpolitische Frage gerichtet wird, nichts zu antworten. Dimitroff fragt nun. ob nicht Anfang 1933 die Gefahr einer unmittelbaren gewaltsamenAuseinander- Atzung zwischen den Nationalsozialisten und den An- hängern Seldtes, Popens und Hugenbergs bestanden habe. Der Senat beschliefet, diese entscheidende Frage als nicht zur Sache gehörig abzulehnen. Dimitroff läfet nicht locker. Er beantragt, die früheren Reichskanzler Brüning. Schleicher und Papen und den ehe» waligen Reichsminister Dr. H u g e n b e r g als Zeugen zu laden. Sie sollen über die unbeantwortet den Prozefe be- herrschende Frage gehört werden, wer ein Interesse an der Brandstiftung hatte. Das Gericht weist selbstverständ- 'ich auch diesen Antrag Dimitroffs ab. Dasselbe Schicksal erleidet seine Forderung, den Kommunistenführer T h ä l- w a n n zu hören. Der Oberreichsanwalt wirft ein, Thal- wann sei ein ungeeigneter Zeuge, weil gegen ihn ein Ver- fahren wegen Hochverrats schwebe. Der schlagfertige Dia- lektiker Dimitroff setzt den Oberreichsanwalt sofort matt wit der Feststellung, dafe unter den 237 von dem DberreichsanwaltselbstgeladenenZeugen wehrere waren, die wegen Hochverrats in Untersuchungshaft fitzen. Macht nichts. Das Bericht verzichtet auf Thälmann. Dafür hat es kriminelle Lumpen der verschiedensten Art über Ziele und Strategie der KPD. gehört. Torgler nimmt den Herrn Kriminalrat Heller von der anderen Seite in die Zange. Dieser Polizeimann hat unter seinem Eid verschwiegen, dafe nicht nur zahlreiche k o m- w u n i st i s ch e Terrorfälle, sondern auch viele, wahr- scheinlich noch mehr nationalsozialistische Terrorakte vorliegen, und so manche kommunistische Ausschreitungen in der Verteidigung und in der Notwehr begangen worden sind. Torgler fragte den Zeugen, ob ihm bekannt sei, dafe in Königsberg im November 1932 zwei bekannte Kommu- Pistenführer auf der Strafee erschossen worden seien und dafe in jenen Tagen in Ostpreufeen im ganzen 70 Kommunisten von den politischen Gegnern ermordet wurden, was den damaligen Kanzler von Papen bewog. Oberregierungsrat Diels mit einer besonderen Untersuchung zu be- "uftragen. Der Zeuge kann sich nicht erinnern. Torgler stellt fest, dafe er dies wissen müfete. Dimitroff erwähnt, vom Präsidenten wieder zur Ruhe gemahnt, nationalsozialistische Bombenanschläge in Ostpreufeen. Der Zeuge weife nichts davon. »Merkwürdig, wie schlecht jedesmal das Gedächtnis des Zeugen wird, wenn Nationalsozialisten die Schuldigen sind," bemerkt Dimitroff, was ihm wieder eine Rüge des Vorsitzenden einträgt. Ein weiterer Zeuge, Kriminalsekretär Mallach aus t>er Grenzmark(Posen), bekundet, dafe anfangs 1933 eine erhöhte Tätigkeit auf dem Gebiete der Zersetzung der Reichswehr zu beobachten war. Wenn es nicht zum Auf- stand gekommen sei, erklärte der Zeuge, so nur wegen der Mafenahmen der Reichsregierung. Verschiedene Fragen Dimitroffs nach nationalsozialistischen Ueberfàllen a u s kommunistische Versammlungen, Zu- sammenstöfeen mit Stahlhelm usw. wurden vom Präsidenten abgelehnt. Der Angeklagte fragt den Zeugen, wie er den am 30. Januar vom preufei- schen Ministerpräsidenten Gör i n g gegebenen Befehl zur Einleitung des Feldzuges gegen die KPD. zur Ausfüh- rung gebracht habe. Der Zeuge kann sich an diese Weisung nicht erinnern. »Sie haben also den Befehl von Herrn Göring gar nicht ausgeführt," konstatiert Dimitroff.(Heiterkeit.) »Giftkolonnen" Leipzig, 29. Nov. In der heutigen Sitzung des Reichs- tagsbrandprozesses setzt zunächst Kriminalsekretär Bros« g aus Düsseldorf seine gestern abgebrochene Aussage fort. Er verliest eine Reihe von Zeitungsartikeln, deren In- halt im wesentlichen aus den Bekundungen de» Kriminal- rats Heller schon bekannt ist. Daß die kommunistische Partei mit allen Mitteln den gewaltsamen Umsturz durchführen wollte, wird, betont der Zeuge, auch dadurch bewiesen, dab in Düsseldorf eine Glstkolonne gebildet worden war, die den Auftrag hatte, das Essen in den SA.-Küchen bei einem evtl. Ausstand zu vergiften. Tie beschlagnahmten Giftmengen hätten nach dem Gutachten der Sachverständigen ausgereicht, um 18 000 Menschen zu vergiften Gegen die Beteiligten ist Anklage wegen versuchten Massenmordes erhoben worden. Der Zeuge berichtet serner über eine Gebeimsttzung in Düsseldorf, in der be- schlössen wurde, den Sekretär der SPD. in Düsseldorf zu rrschieben und die Erstfiiebunq dann den Nationalsozialisten in die Schübe zu schieben. Der Täter wurde in der Ver- sammlung ausgelost. Auf Fragen des ReichSgerichtsrateS Dr. EoenderS ant- wartete der Zeuge, es sei allgemein davon gesvro- chen worden, daß der geplante kommunistische Aufstand in der entmilitarisierten Zone deS Rheinlandes beginnen sollte. Dimitroff» unbequeme Fragen Der Angeklagte Dimitross stellt wieder einige Fragen, die der Vorsitzende jedoch ablehnt. Dimitross erklärt dann, für den gesunden Menschenverstand sei es unmöglich zu glauben, dab Kommunisten SA.-Leute vergiften wollen. Das sei ausgeschlossen und absurd. Der Zeuge erwidert darauf: Am 28. Februar 1983 wurde das Gift beschlagnahmt. Ein kommunistischer Galvani- s e u r hatte es in dem Betrieb gestohlen, in dem er beschäf- tigt war. Der Mann war früher Bezirksleiter deS Sparta- kusbunbes im Bezirk Niederrhein. Bei ihm sand man Mit« gltedsausweise der KPD., der Roten Hilfe, des RFB. usw. Die Akten darüber sind beim Reichsgericht. Der Bor- sitzende bemerkt, dab sich der Senat die Akten werde geben lassen. Der Angeklagte Dimitroff richtet dann wiederum eine Fülle von Fragen an sämtliche Kriminalbeamten. Nach kur- zer Beratung des Senates teilt der Vorsitzende mit, daß die Fragen Dimitroffs als unerheblich und nicht zur Sache gehörig zurückgewiesen werden. Nur eine einzige Frage Dimitroffs, welche Gründe für die Verhaftungen nach dem Reichstagsbrand« ange- geben worden seien, wird vom Senat zugelassen. „Vollkommen erklärt" Die Polizeizeugen äubern sich der Reihe nach zu dieser Frage. Als Kriminalrat Dr. Heller erklärt, nach seiner langjährigen Erfahrung hätten stets die Kommunisten die Schuld an den Zusammenstöben getragen, unterbricht der Angeklagte Torgler den Zeugen mit.beleidigenden" Be- merkungen, die der Vorfitzende energisch zurückweist. Zu den Verhaftungen nach dem Reichstagsbrand erklärt Kriminalrat Heller, der Zweck der Verhaftung der kommu- nistischen Funktionäre babe darin gelegen, die Massen füh- rerlos zu machen und allgemein vorbeugend zu wirken, um Gcwaltmabnahmen von vorneherein zu unterbinden. Die anderen Kriminalbeamten äubern sich ähnlich. AlS sich Dimitroff damit noch nicht zufrieden gibt, betont der Vorsitzende energisch, die Polizei und die Behörden hätten allgemein die Ausfassung gehabt, dab ein kommunistischer Aufstand kommen würde. Damit seien die Festnahmen roll- kommen erklärt. Der Oberreichsanwalt hat Angst Nach einer Mittagspause legt der Angeklagte Dimi- troff einen neuen Bewcisantrag vor. Als der Oberreichs- anmalt bittet, diesen Antrag alS unerheblich abzulehnen, wirft Dimitroff dem Oberreichsanwalt vor, er habe Angst vor seiner Frage. Ter Oberreichsanwalt ersucht, diese Unter- stellung, dab er aus Angst die Ablehnung des Antrages ver- lange, zurückzuweisen. Er handele lediglich aus sachlichen Erwägungen. Der Vorsitzende bezeichnet Dimitroffs Verhalten als grobe Ungehörigkeit. Der Senat beschlieht sofort die Ablehnung des Beweisantrages. Tragödie des Illegalen Ein Zwischenfall ereignete sich in einer Verhandlung vor dem Berliner Schöffengericht, in der sich der 26 Jahre alte Herbert B o g d a n wegen Körperverletzung zu verantworten hatte. Der Angeklagte, der schon einmal im Zusammenhang mit einer politischen Schlägerei vorbestraft ist, war srüher Filialleiter bei der kommunistischen Zeitung»Die Welt am Abend". Am 21. Juni d. I. hatten SA.-Männer den Auftrag erhalten, die Filiale der„Welt am Abend" in Wethens« nach illegalen Druck s christen zu durchsuchen. Während die SA.-Männer das Gebäude umstellte», betrat der Sturm- führer die Räumlichkeiten und gab die Anweisung, dah sich niemand entfernen dürfte. Trotzdem versuchte Bogdan zu entkommen, wurde aber von einem SA.-Mann nochmals zum Bleiben aufgefordert. Bogdan stürzte sich nun auf den SA.-Mann und versetzte ihm mehrere heftige Schläge ins Gesicht. Als Bogdan sich zur Flucht wandte, nahmen SA.-Männer seine Verfolgung auf. Der Flüchtende blieb aui wiederholten Anruf nicht stehen, so dab einer der SA.-Männer einen Schub abgab, der Bogdan ins Bein traf. Das Bein muhte nachher amputiert werben. Während des Plädoyers des Staatsanwalts brach Bogdan laut weinend zusammen. Seine im Zuhörerraum anwesende Schwester weinte ebenfalls so heftig, dab sie hinausgeführt werden muhte. Kurz darauf stürzte sie jedoch wieder in den Verhandlungslaal und drängte zur Anklagebank vor. Ein Justizwachtmeister versuchte zwar, sie zu beruhigen und aus dem Saal zu führen. Sie setzte sich jedoch heftig zur Wehr und schlug den Beamten mehrmals ins Gesicht. Nur mit Mühe und Not gelang es dem Wachtmeister, sie aus dem Saal zu entfernen. Das Gericht beschlob sofort gegen die Schivester des Angeklagten wegen Ungebühr vor Gericht eine sogleich»u vollstreckende H a s t st r a s e von 24 Stunden. Der Angeklagte Herbert Boadan wurde zu zwei Mo- naten Gefängnis verurteilt. Dcn'sdics..nedif" Ein Rechtsanwalt namens Mannzcn hatte in der »Deutschen Juristen-Zeitung"(Seite 1420s ausgeführt, dah Schutzhaft nur zur Abwehr kommunistischer Gewaltakte ver- hängt werden könne. Die„Juristische Wochenschrift" unter- suchte, wohl im Zusammenhang hiermit, die Frage der richterlichen Nachprüfung von Schutzhaftbefhlen. Ein Rechtsanwalt Ncubert stellt fest, dab eine solche Prüfung im „nationalsozialistischen Staat undenkbar ist" und fährt fort: »Denn die nationalsozialistische Revolution ist selbst Rechts- quelle mit unmittelbarer Rechtswirkung." Damit hat auch in der Theorie Recht und Gesetz zu bestehen aufgehört. Urlaub för sa.tt'ensl Die»Deutsche Freiheit" hat vor kurzem den Röhm- Erlah mitgeteilt, in dem eine UrlaubSpslicht für SA.-Tchulen angekündigt wurde. Nun ist der Ankündigung der Befehl gefolgt. Er lauter:„Wegen der Regelung der Ein be- rnfungen zu mehrwöchigen Lehrgängen, UebungS- und Schulungskursen aller Art(Führerschulungskurse der NSBO.. der Deutschen Arbeitsfront. Lehrgänge deS frei- willigen Arbeitsdienstes, Schulungskurse der Amtswalter und Hoheitdträger der politischen Organisationen, Lehrgänge der NS.-BetriebSjugend und der HJ. Luftschutzkurse, Wehr- sportlehrgänge u. a. m.l ist eine Fühlung deS Reichsstandeö der Deutschen Industrie mit der Reichsregierung und der Reicksnartejleünng aufgenommen. Die Angelegenheit schwebt. Von ihrem Ergebnis wird hier Mitteilung gemacht werden." Fr soll gesagt haben Der Zeuge Kriminalsekretär B r o s i g(Düsseldorf) tritt dann vor. Er erklärt, er Habe noch eine für den Prozcb viel- leicht bedeutsame Mitteilung zu machen. Am 25. und 26. Februar d. I. Hat, bekundet er, in Remscheid eine Konferenz des KampsbundeS gegen den Faschismus stattgefunden, an der ungefähr 1000 Funktionäre teilnahmen. Der Reichs- letter des Kampsbundes, OSkar Müller, soll dabei sol- gende Ausführungen gemacht haben: »Wir werden uns den Tag, an dem wir losschlagen, nicht von anderen bestimmen lassen. Wir werden ihn selbst be, stimme». An dem Tage, wo wir losschlagen, werden Pa, löste brennen.— Während der Rede Müllers soll ein Kurier erschienen sein. Müller soll darauf erklärt haben, er habe äusserst wich- tige Nachrichten und den Auftrag, sofort nach Berlin zurück- zureisen. Ter Zeuge Brosig fügt hinzu, dab Oskar Müller sich in Schutzhaft befindet. Der Vorsitzende regt darauf- hin an, Müller als Zeugen zu vernehmen. Anschliessend äussert sich der Untersuchungsrichter beim Reichsgericht, LandgerichtSrat Lösche, als Zeuge über die Erfahrungen, die er bei seinen zahlreichen Voruntersuchnn- gen über die Vorbereitung eines bewaffneten kommunisti- schen Aufstandes gemacht hat. Auf Grund des umfangreichen Materials ist der Zeuge, wie er angibt, zu der Ueberzeugung gekommen, dass hinter den zahlreiche» kommunistischen Ein- zclorganisationen ein einheitlicher Wille der Parteileitung zur Organisierung der Revolution stand. Bis in die klein- stcn Ortsgruppen hinein, betonte der Zeuge, habe es Ar- beiterwehren und Rote Wehren gegeben. Dass es sich hier nicht um harmlosen Sport handelte, ergebe sich aus Rund- schreiben, in denen diele Wehren als unerläblichc Mittel für die Vorbereitung und Durchführung der Revolution bezeich- net werden. Ausdrücklich wird erklärt, dass der Bürgerkrieg der blutigste sei und keinerlei Rücksichtnahme kenne, dass die gegnerischen Führer im Moment des bewaffneten Aufstau- des sofort zu liquidieren seien. Ter Zeuge erklärt, dass er sich nicht nur auf Schriftmaterial stütze, sondern dab zahl- reiche Kommunisten zugegeben hätten, dass die Wehren den gewaltsamen Umsturz vorzubereiten hatten. Landgerichtsrat Lösche weiß nichts RA. Dr. Seif sert fragt alS stellvertretender Beriet- feiger des Angeklagten Torgler, ob dem Zeugen bei seiner langjährigen Beschäftigung mit Hochverratsverfahren der Name Torgler als Angeklagter oder Zeuge vorgekommen sei. Zeuge Lösche: Ich hätte den Namen erwähnt, wenn er bei den Dingen, die ich hier vorgetragen habe, vorge- kommen wäre. Mir ist dieser Name aber aus meiner son- fügen Tätigkeit gut bekannt. Ich habe erst vor einiger Zeit ein Flugblatt beschlagnahmen müssen, das hochverräterische Absichten verfolgt und das den Namen Torgler trägt. Oberreichsanwalt: Ich kann dasselbe sagen: denn ich habe noch viel mehr Flugblätter beschlagnahmt. Dimitroff wünscht eine klare Auskunft darüber, ob der Reichstagsbrand nach Auffassung des Zeugen der Auf- takt zum bewaffneten Aufstand sein sollte. Der Zeuge erwidert, in seinen Vorunter- suchungen sei davon nickt die Rebe gewesen. Die KPD. habe auch viel zu vorsichtig gearbeitet, um solche Dinge auf diesem Wege vorher zu verbreiten, denn sonst wäre eine solche Aktion sofort zur Erfolglosigkeit verurteilt gewesen. Die Weiierverhandlung wird auf Freitag vertagt. Losgchuuil In das Konzentrationslager Sonnenburg wurde im Juni d. I. der Generaldirektor der Berliner Lagerhallen- Aktiengesellschaft(Bebalaj, Marcel Holzer. gebracht. Zu- nächst mutzte er wie die anderen die schmutzigsten Arbeiten verrichten und vor allem die Kloaken deS Lagerkomman- bauten in der Verwaltung reinigen. Seit Mitte September ist aber in seiner Behandlung eine grundlegende Aenderung eingetreten. Er darf sich selbst beköstigen, hat unbeschränkte Freizeit und Ausgang in die Stadt: er darf alle 8 Tage den Besuch seiner Frau empfangen und mit ihr in der Stadt wohnen. Des Rätsels Lösung ist. dass Anfang September die Lager- Verwaltung an Holzer herantrat, ihn aussorderte, 100 000 Mark für das Arbeitsbelckaffungsprogramm zu zeichnen und dass man sich schließlich auf einen Betrag von 50 000 Mark einigte.(Jnpress.j Fin aufrechter Mann Der Hausmeister des städtische»'Realgymnasiums in Vek- bert hatte sich trotz aller an ihn ergangenen Aufforderungen und Verwarnungen beharrlich geweigert, den deutschen Grub zu entbieten. Die Verwaltung hat in diesem Verhalten deS Hausmeisters, der als Beamter aus Kündigung angestellt war, eine Verletzung der Beamtenpflicht erblickt und dem Hausmeister deshalb zum 31. März 1934 gekündigt. Katholisches Kirchenblatt wiederholt verboten Das Satholische Kirchenblatt für Bochum und Umgegend ist von neuem aus die Daner von vier Wochen verboten worden. Das Verbot ist zurückzuführen auf einem in dem KirärenblaA verössentlichte» Ausruf des Pfarrers Ostermann in Bvchum-Linden. Meuchlings erschossen Am Donnerstag vor der Wahl ist, wie ivir erst jetzt erfahren, ain Lindenplatz in Berlin-Weißen!« ein komwu- nistischer Arbeiter beim Anschreiben von Wahlparolen meuch- lings erschossen worden. Die gesamte deutsche Presse ver- schweigt den Mord. Juristische Fachvereine sind, wie die„Juristische Wochenschrift" bekann.macht, auf Anordnung des ReichSjustizkommissars bis 31. Dezember zu liquidieren und in den Bund N 5-Juristen einzuordnen. Damit hört auch der„Deutsche Anwaltverein" nach mehr als 60 Jahren auf, zu bestehen. Fine Prophezeiung Ein LandgerichtSrat Schumacher, Altona, stellt in der „Deutschen Juristen-Zeitung" Meditationen darüber an. wie man„arisch-jüdische" Ehen zur Auslösung bringen kann. Er schließt seine Rechtsverdrehung mit folgender Prophezeiung: „Die rassische Zuspitzung unserer Tage wird übrigens in manchen Mischehen obnehin den Konfliktstoff so vermehren, dab bereits das bestehende Scheidungsrecht zur Lösung ausreicht." Wasser im Nazi-Wein Mit grobem Geschrei wurde eine Altersversicherung für das ganze deutsche Volk angekündigt. Was aus diesem Plan wurde, sagt sankt ein gleichgeschaltetes Blatt(„GewerkschaltS- Archiv" Nr. Iii:„Anzudeuten scheint sich, dab die von der NSDAP, stark betonte Einführung einer all- gemeinen Altersversorgung für das ganze dentsche Volk zu- gunsten des PlanS einer gesicherten Altersversorgung der ixten Berufe umgewandelt wird." Aber auch dieser Plan wirb noch manche Umwandlung erfahren. Berliner City in vermieten Erschießt die«Freiheit" E. P. schreibt im»Neuen Wiener Tageblatt": Der einstige Glanz der Berliner City ist vollständig ver- blaßt. Konnte man einst kaum ein vermietbares Bllro oder Geschäft, auch in den entlegensten und verstecktesten Seiten- straßen, finden, so ist heute das Gegenteil der Fall. Nicht nur das Gegenteil, es ist weit schlimmer, es ist katastrophal. Ganze Häuserfronten sind in der Friedrichstrabe zu ver- mieten, ost stehen mehrere nebencinanderliegende Läden leer. In den Nebenstraßen glaubt man sich schon in einer aus- gestorbenen Stadt zu befinden. Nur zwischen Bahnhos Fried- richstraße und der Ecke der Leipziger Straße ist in der Fried- richstraße ein Abglanz der Zeiten, die noch vor zwei Jahren geherrscht haben, übriggeblieben. Und die Leipziger Straße, die die einzige Straße der Berliner City ist, die ungefähr noch dem früheren entspricht, wenigstens was die Schau- scnster betrifft. Aber auch hier sind viele Geschäfte um- gezogen, haben ihre Plätze gewechselt, sich verkleinert, und so manches berühmte Geschäft, das jahrzehntelang, auch vor dem Kriege, zu den Anziehungspunkten der Leipziger Straße gehört hatte, ist nicht mehr. Die größten Konfektionshäuser haben wiederholt Konkurs gemacht, nur die bekannten Namen sind stehengeblieben, während neue Besitzer die Ge- schalte übernommen haben. Der Glanz der belebten F r i e b r i ch st r a ß e zwischen den Linden und der Leipziger Straße reicht jedoch nur bis zum ersten Stock. Was darüber liegt, ist ein trauriger Anblick. Ganze Etagen dieser Häuser, ganze Eckhäuser sind vom Parterre bis zum Dachboden zu vermieten. Alle Fenster weisen ein und dieselbe Dekoration auf— schräg aufgeklebte rote Zettel:»Zu vermieten!" Man kann sich buchstäblich fast in jedem Hause die Etage aussuchen, die einem gefällt, und kann den Preis diktieren. Die Bermieter sind zu allem bereit. Die übrigen Mieter zahlen auch nicht mehr die fan- tasttfchen Preise, die»och vor einigen Jahren in Berlin gezahlt wurden, die sich nur noch mit Neuyork vergleichen ließen. Läden, für die man oft bis ILM Mark und mehr im Monat bezahlt hatte, sind heute für» bis 8U00 Mark zu haben. Büroräume, für die man pro Zimmer und Monat ISO Mark zahlen mußte, bekommt man heute oft für 80 bis 40 Mark inklusive Hetzung. Die Ecklädcn in dem noch bc- lebten Teil der Fricdrichstraße, einst von Geschäftsinhabern begehrt, die sich gegenseitig in den Preisen überboten, sind heute nicht mehr vermietbar. Ecke Frtebrichstraße und Leip- ziger Straße ist ein kleiner Krawattenhänbler eingezogen, der Ramsch im wahren Sinne des Wortes, Krawatten für SV Pfennig da« Stück, verkauft. Die gegenüberliegende Ecke der Leipziger Straße, wo einst das Tportmodchaus S. Adam sich befand, das sich jetzt einen billigeren kleineren Platz ausgewählt hat, steht leer, wie fast das ganze Haus. In Er- manglung an Mietern hat sich dort die nationalsozialistische Volkswohlfahrt eingenistet, die hier Lose für die Winterhilfe, Stück eine Mark, abgibt. Die Hausbesitzer wissen sich keinen Rat. Die Etagen sind nicht zu vermieten, die Häuser sind praktisch unverkäuflich. Mlllionenobjekte an Ecken oder Plätzen bringen heute nicht einmal einen Bruchteil der früheren Mieten ein, im Gegen- teil, die Hauswirte zahlen drauf. Der Zustand der Häuser wird taglich schlechter und die Häuser werden ununter- brachen weiter entwertet. Theoretisch soll ein Haus in der kity, gleichgültig auf welchem Platz es steht, etwa das Sechs- bis Siebenfache der Friedcnsmiete wert sein, aber verkänf- lich ist es für diesen Betrag nicht. Ein ununterbrochenes Ziehen hat eingesetzt, eine Kette von Zwangsversteigerungen bringt den Leidensweg der Berliner City und den Nieder- gang setner internationalen Geschäftsbeziehungcn zum Aus- druck. Seit dem 30. Januar ist man krampfhaft bemüht, eine Wiederbelebung der Wirtschaft herbeizuführen. Hier, -n der Friedrichsrraße, tritt sie nicht in Augenschein. Denn statt eines Konfektionshauses oder eines gut gehenden Re- stanrant« oder eine« JuwelierladenS ist jetzt eine Schieß- bube oder ein ärmliches Geschäft, das billige GelegenheitS- kaufe anbietet, eingezogen, oder hat die Zengmetsterei der SA. einen„Nazi-Bedarf" eingerichtet, wo die angehenden SA.-Leute und Amtsanwärter ihre Uniformsrücke aus Teil- zahlung kaufen können. Ueberall ist der Umsatz katastrophal zurückgegangen, eine Umfrage in den Geschäften ergab ein wenig erfreuliches Bild. Die Kauflcute und Geschäfts- inhaber, nach dem Geschäftsgang befragt, schütteln wehmütig den Kops.„Wiederbelebung;' Mag ja sei», aber nicht bei mir.. Rückgang, Stillstand, keine Kundschaft. Die Leute kaufen nichts oder nur das Notwendigste. Die jüdische Kund- schaft bleibt weg. Ausländer kommen so gut wie gar nicht mehr nach Deutschland.„Wenn da» so weitergeht." äußerte sich einer,„mache ich meinen Laden zu." DaS ist die Stimmung, mit der die Berliner City in das kommende Weih- nachtsgeschäft geht. Nur hie und da bekommt ein Hand- werker Reparaturarbeiten an den Fa adcn der leerstehenden Häuser, die die Regierung durch Zuschüsse subventioniert, damit das Bild der City nicht zu trostlos wird. Es wird ein harter Winter. Die Jäger st raße, einst das„Glatteis", auf dem früher die Provinzonkels ausgeglitten sind, wo sie geneppt wurden, macht katastrophale Geschäfte. Die kleinen Lokale existieren noch, wie die„Weiße Maus", die kleine„Maxim- Bar", der„Grobe Gottlieb". Aber sonst ist rlles tot, steht gähnend leer. Die großen Leuchtbnchstaben kleben wie Ver- steinerungen auS vorsintflutlichen Zeiten an den Fassaden der Häuser, um von einer entschivundcnen Hochkonjunktur zn zeugen, die vielleicht nie wiederkehrt. Meist sind in diese» Lokalen nur ganz wcniae Tische beletzt. Südlich von der Leipziger Straße bezeichnete man die Friedrichstraße al» Filmniertel. Dicht gedrä saßen hier die Vertreter ameri- konischer und Filmgeselttchatten. die Büro« zahlloser deutscher Filmvroduzcntcn,-Verleiher und-ver- mittler. Ein lebhaftes Bild von eleganten Filmschauspielern, die die Treppen ans und ab rasten, um ein Engagement nach dem andern abzuschließen, kecker Filmstatistinnen, die sozu- sagen aut der Straße wegenga">ert wurden, pelzverbrämter Filmprodnzenten und elegantester LnruSautomobile war man einst hier gewohnt. Heute ist alle? leer. Seitdem die Amerikaner ihre Ftlmbezießungen zu Deutschland ab- gebrochen un'' ihre Berliner Büros ausgelöst haben, ist nicht mehr viel loS. Der Arierparagraf kür den Film hat hier den Rest fast vollständig vernichtet. Nur weniges ist übrig- geblieben. Die führen das große Wort; hungrige, ärmlich gekleidete, junge Mädchen und Schauspieler stehen an den Ecken der Straßen, um mit einst berühmten Regisseuren und Operateuren, die nun keine Stellung mehr bekommen«"•<"- die trostlose Laae zu klagen. Um so häusiger trifft man aber Menschen in SA.-Unilorm. die, die Aktenmappe unter dem Arm, in einem der übriggebliebenen »Audi mit Schußwaffe vorzugehen« DaS StaatSprefseaim Hessen« gibt amtlich bekannt: Di« Polizeibehörden haben die Anweisung, gegen Flugblatt- Verteiler der SPD. und KPD. mit den schärssten SWaB' nahmen, auch mit Schußwaffe, vorzugehen. Büros einen Posten erhalten haben. Armut und Elend be- herrschen das Bild. Unter den Linden ist es wenigstens etwas besser, weil sich dort der Strom de« Verkehr« abwickelt und die Lücken wieder a"«gefüllt werben konnten. Aber auch hier ist ncch so manche Etage verhältnismäßig billig zu haben. Die Hotels klagen aber gleichfalls und sind meist zum groben Teil unbesetzt. Es kommen keine Fremden? hie und da ein Amerikaner, Engländer und Franzosen überhaupt nicht mehr. Auch hier beherrsch» da« Braunhemd das Bild wegen der nahen Wtlhelmstrabe. Nur wenn dir Wache mit klingen- dem Spiel die Linden entlang zieht, steht man Tausendc von Menschen, jung und alt, mitmarschieren, einen seligen Ausdruck in den Augen, den Arm zum Httler-Gruß erhoben. Berlin hat sein Antlitz verändert... WTD. und TU. Die armselige deutsche Presse DaS Wolffsche Telegrafenbiiro und die Tele- grafen-Union hoben ihre Bereinigung beschlossen. Tit neue Gesellschaft nennt sich Deutsches Nachrichtenbüro. Das Wolff-Bttro ist seit langen Jahrzehnten der offiziöse deutsche Nachrichtendienst. Die Telegrafcn-Unton stand unter dem Einfluß der deutschen Schwerindustrie. Die Fusion ist eine Folge des Schrumpfungsprozesses in der deutschen Presse. Beide Büro« waren seit Jahren Zuschußunter- nehmungen und sind rS durch die Notlage von taufenden deutschen Zettungen noch mehr geworden. Durch die ZA- sammenlegnng wird die deutsche Presse noch mehr untfor- miert werden al» bisher und auch noch unzuverlässiger, da jetzt jede Rücksicht deS einen Nachrichtenbüro« auf Konkur- rcnzunternchmen fortfällt. Die wenigen unter Furcht und Schrecken noch bestehenden kleineren Korrespondenzbüros kommen kaum mehr in Betracht. - gegenüber weise ich mit allem Nachdruck darauf hin, daß nach der Weisung de« Reichskommissars für Milchwirtschast«ine Erhöhung der seitherigen ButterkleinvcrkaufSpreise nicht in Frage kommen kann. Wer KleinverkauiSpreis« fordert, d i e 8 U P s g. fe Pfund über der Notierung.der entsprechenden Qualität« st use liegen, setzt sich unter Ilmständen Unannehmlichkeiten aus, vor denen ick ihn nicht schützen will und kann. Die Aufteilung deS Zu- schlage« von 30 Pfg. zwischen Notierung und Kleinverkauls- preis bleibt der Vereinbarung der Beteiligten vorbehalten. Die Zuschläge für Markenbutter können in allen Absatzstusen btS zu 10 Psg. vro Plund in Rechnung gestellt werden. Da an» der Butterabsatz in die Neureglung deS Milch- und Milchprodu'tenmarktcS einbezogen werden wird, erscheint e« zweckmäßig, von Abschlüssen lang- fristiger Lieferung»- und»oitfnerträn«"' Abst and, u nehmen." Keine„Schwierigkeiten" bei Entlassung.. In einem Erlaß des ReichSarbeitS-Deldte beaustragt del Minister die„Treuhänder", dallir Sorge zu tragen:„da» dem Arbeitgeber bei der Entlassung von kurzfristig»u vor- übergehenden Zwecken eingestellten Arbeitnehmern keine Schwierigketten entstellen". Halb Offenbach hungert Der Setter de» WinterhilfSwerkS im»reise Offeuba«' Lang, erklärte nach einem Bericht der„Frankfurter Zeitung- „Infolge der langandauernden Wirtschaftskrise ist nen>e Ottenbach wobl die ärmste Stadt«»»üin*r«ki»' ivnbnerschas» lebt bc'nabe dre Hälfte von össentlichen Unter« ftiißungen. Auch der Mittelstand. Handwerk und Gewerbe, ist"on dieser wirtschaftlichen BedränantS aui« stärkst« be- tro'sen." Goldzufluß der Schweizerischen Nationalbank 91,42». 6. Golddeckung Der in der ersten Hälfte beS Roncmber sast zum Stillstand gekommene Goldruttuß ha» plötzlich in der dritten November- mocbe pr-'t!' krd'ttla eina-leüt. D-r Goldbestand bat sich»M 11 aus loa? Millionen aeßoben. während der Devisenbestand miolgc von Umwandlungen nm■>'/> au»>0 Mill onen an- genommen bat• Die vermehrt u Kgllabedürsnisi« haben den sonst nm diele Zeit eintretenden Notenrückttuß in e^ Vermehrung des Notenumlaufs nm 22 aitt»3.S Millionen verwandelt. Die täolich fälliaen Verbindlichkeiten haben nm 47 nut 768 Millionen zugenommen. Sie und der Not-nnmlau''ind mit 08.42 Prozent durch Gold und Gold- dcvtt-n nedeckt. „Voller Sieg der Bankiers" In einer Enauete-AuSfprache über Krebitversorguna.»er führende deutsche Banklcuie beiwohnten, erlaubte sich der iunge Mann der deutschen Wirtschast. Herr Staatssekretär Tr. Feder, einige Vorschläge zu machen. Die Untersuchung endete, wir Vizepräsident Dreuer bemerkte,„«it eine« vollen Sieg des Bankiers und VankbtrektorS". Frauen an der Front Ein Sozialdemokrat, der erst vor wenigen Tagen die deutsche Hölle verließ, singt hier das Lied von Frauentrcue und Frauenmut. Kein Wort ist erfunden Die„Szenen" könnten, wie er sagt, endlos sortgesetzt werden. . îllê ich am Anfang dieses Jahres, zu Zeiten also, da es , Teutschland noch io etwas wie eine Literatur gab, in Trotz» rys Buch über„Die russische Revolution" von der herrlichen Haltung der russischen Frau las, habe ich mich immer gefragt, wie ssch wohl die deutsche Frau i» der gleichen Situation verhalten würde. Die gleiche Situation ist zwar nicht ein- ssetreten, aber eine ähnlich gefahrvolle. Und ich antworte heute: »Die deutsche Sozialistin. die deutsche Arbeiterfrau, hat sich wunderbar gehaltenI" Einer von vielen äRan bestellt Herrn Schulz aus die Polizeiwache zu einer Vernehmung. Er geht früh um 10 Uhr. nachmittags um fr. î>'t er noch nicht zurück. Da weiß Frau Schulz, was loâ w. Er wird am Abend nicht wiederkommen, morgen nicht, vw ganze Woche nicht: eS wird Monate dauern, vielleicht sogar Jahre. Und dann schreibt Schulz seiner Frau den ersten Brief. Wen» es irgend ginge, möchte sie ihm doch etwas zu essen witbringen beim Besuch am Sonnlag im Lager. Di« Unter- Nutzung hat man ihr ohnehin schon etwas gekürz», weil doch letzt ein Mann weniger in der Familie sei. und sie weiß kau«, wie sie es anfangen soll, sich und die vier Kinder mit öen paar Mark durchzudringen. Sie weiß nicht, wie sie das Fahrgeld nach dem Lager aufbringen sott. Aber sie geht, ohne einen Augenblick zu zöger», und kauft ihrem Mann etivas du essen und auch ein bißchen Tabak. Dann fährt sie am nächsten Sonntag los Nachher? Die Miete kann nicht bezahlt werden, und wenn ne zwei Monate im Rückstand bleibt, kann der Hauswirt sie Vach dem geltenden Recht vor die Tür setzen. Das tut er auch, weil er die Marxistenbrut loswerden will, und kein «mt hilft ihr: ein deutsches Amt hilft heute keiner roten Frau. Sie räumt selbst alles aus. zieht mit den Kindern zu Bekannten. die ebensowenig haben wie sie, und dann, als auch die sie nicht mehr behalten können, muß sie ins Armen- haus. Dort wartet sie. bis der Mann wiederkommt. Tie Zeit verrinnt eintönig, wie eine Sanduhr, bis dann der Sonntag wiederkommt, an dem sie— alle vier Wochen ein- wal— ,u ihrem Mann fahren kann. Ins Konzentrations- lag«. Mutter Lehmann Alt ist sie, und schon ein wenig eingetrocknet. Ein kleines, verhutzeltes zahnloses Mütterchen. Wir kannte» sie alle. Wie sie da stundenlang vor dem Stacheldraht iu der Kalle auf und ab ging, um einmal beim Rundgang ihren Sohn zu sehen, einen großen blonden, unbeholfenen Kerl. Am Sonn- tag beim Besuch steht er vor ihr und sie fragt ihn. wie es 'hm geht »Na, Mutter, gut", sagt er und sein Gesicht sieht nach dem Gegenteil aus- „Du, ich will wissen wie dirs geht!" »Wie soll mix's denn gehen? Halbwegs, Mutter, einiger- waßen", stottert der Junge. „Du, ich will wissen, wie dir's geht! Du stehst vor deiner Mutter und der hast du die Wahrheit zu sage», verstehst du!" Sie schreit fast und ihre Gestalt wächst, sie hat ihn bei den Oberarmen gepackt und schüttelt ihn hin und her. „Ich ivill wissen ob du Hunger hast, Junge!" „Ja. Mutter", sagt er verlegen und ganz leise. „Ich will wissen, ob sie dich geschlagen haben!" „Ja. Muter" stammelt er. Die kleine Frau koch'. „Brauchst du eine Decke zum Schlafen? Ihr habt doch so wenig Stroh!" „Ja, Mutter", kommt es aus dem gepreßten Mund. Da greisen die SA-Posten schnell ein: „Schluß der Besuchszeit!" Man trennt die beiden und Mutter Lebmann läuft zitternd und rasch hinaus. Am nächsten Tage schon ist ein Paket da mit Brot und Butter und Wurst, mit einer Decke, mit Obst und einer Büchse Wundsalbc. Das ist Mutter Lehmann— und sie hat doch selber nichts zu essen und kein Feuer für den Ofen, weil die Arbeitslosenunterstützung, seit sse den Jungen fort- holten, gestrichen ist und sie nur»in paar Pfennig Rente bezieht. Ich habe sie später gefragt, ob sie denn keine Angst gehabt habe, solche Fragen zu stellen. Es sind doch schon so viele Lente deswegen festgenommen morden: „Mich alte Frau nimmt keiner mehr fest", sagt sie trotzig. „Na, und wenn schon... Wag gibtS denn für mich noch hier draußen?" Ich bin hart geworden in der Schutzhaft. Aber über Mutter Lehmann habe ich doch geheult. Sie ist eine grandiose Frau, dieses«ingetrocknete alte Mütterchen. Lie muß wissen, wann der Mann wieder heimkommt Frau Elster ist mittelgroß, 3N Jahre alt, sehr beweglich und verdammt verliebt in ihren großen Mau». Sie ist gleich mitgegangen, als er verhaftet wurde, und hat in der Polizei- wache gewartet. Gewartet von früh zehn Uhr bis abends nm acht, bis man ihr sagte, er käme heute nicht mehr heraus. Am nächsten Morgen um 8 Uhr ist sie wiedergekommen. Bis mittags hat sie gcivartct, dann ging sie wieder und blieb bis zum Abend Dann machte sie sich aus den Weg zum Bürger- meister, zu den beiden Stadträten, ging zum Äreislciter. zum OrtSgruppenleiter, zum Ttandartensithrer, schrieb an den Ministerpräsidenten, an den RcichSstatthalter und— dann wartete sie. „Jetzt warte ich acht Tage, und wenn er nicht draußen'st. fange ich von vorn an." Das ist das Schlimmste für die Frauen, daß niemand ihnen sagt, wo ihre Männer hingebracht wurden, weswegen ma» sie festgenommen hat und wie lange sie fortbleiben werden. Herr Elster war nach einer Woche immer noch nicht daheim. Seine Frau ging wieder die langen, endlos langen Wege: von der Polizei zum Bürgermeister, der sie nicht vorließ, zum Stadtrat, der nicht zu spreche» war, zum Ortsgruppen- letter, der keine Zeit hatte, zum KrciSlciter. der sich ver- leugnen lieb- „Der Herr Kreisleiter ist in Anaelegenheit von«chutz- hastsachen nicht zu sprechen!" Frau Elster wußte, daß der Kreisleiter in der Nazipartel der Allmächtige ist der letzten Endes zu entscheiden hat. „Ich gehe nicht fort von hier!" erklärt sie ruhig. „Wie sie wollen", meint ein EA.-Mann,„wir schließen um sechs Uhr." Frau Elster setzt sich hin. zieht eine Handarbeit heraus— sie strickt öfm Mann ein Paar wollene Socken— mittags ißt sie ihre mitgebrachten Brote. Der KrciSlciter ist an dis dreißig Mai an ihr vorübergegangen, die Sache ist ihm augenscheinlich peinlich. Um sechs Uhr steht Frau Elster auf. aber am nächsten Morgen, pünktlich um acht Uhr. ist sie wie- der zur Steile. „Tie wünschen? Ich habe keine Macht über Schutzhaft- fachen. Das verantwortet alles die Polizei." „Weiß ich", sagt Frau Elster trocken.„Das verantwortet immer«in andrer als der. der eS tut. Wen» Sie aber meinen Mann freilasse» wollen, dann ist er srci!" „Was kann ich sür Sie tun?" fragt der Mann in der braunen Uniform. „Ich will wissen, wann mein Mann wiederkommt. Ich will ja schon gar nicht mehr hören, daß das heute oder mor- gen sein wird. Ich will nur wissen, wie lange die Hast dauert und wo er überhaupt ist." Die braune Uniform entgegnet:„Wer weiß das? Es kann morgen sein, in einer Woche, in einem Monat n»d es kann auch noch Jahre daner». Wir haben sogar Falte, die nie mehr herauskommen werden! Ihr ganzes Leben nicht wieder!" „Welche? Aber mein Mann? Wie lauge bleibt der? Bleibt er Wochen, Monate, Jahre?" „Weiß ich nichl!" „Kann das Jahre dauern mit meinem Mann?" Ter Kreislciter lächelt höhnisch:„Tja, er war doch Funktionär! Ist schon möglich!", Da kocht Frau Elster über. Nun ist es zu Ende mit ihren Kräften: mit einem einzigen Handstreich säubert sie den Schreibtisch des hohen Herrn. Die Akten fliegen herunter, Tinte ergießt sich über die höchsten Befehle des OsafS, die Schrcibtischlampe poltert hinterher. Ein heilloses Durch- einander herrscht in dem Raum. Fran Elster steht heftig atmend da. Ter Herr Kreisleiter ist hilflos in dieser un- gewöhnlichen Situation. Männer kann er verhaften und schlagen lassen, kann kalt zusehe», wie sie ohnmächtig hin- satten. Dem Wutausbruch dieser kleinen Frau ist er nicht gewachsen. Nach einer weiteren Woche Belagerung des Kreislciters weiß sie sogar, daß nichts gegen Batern vorliegt. Acht Tage später hält sie ihn lcibhafpg in den Armen. Freiheit! Wir laufen in Viererreihen auf dem Hos herum, mit einem Meter Abstand Es ist Redeverbot. Draußen vor dem Zaun, auf der Straße, steht eine große Frau, eine, der man ansieht, daß sie zn arbeiten gewöhnt ist. Tic sieht den Zug der stum- men Zweihundert, wie er Immer wieder dieselbe Runde geht. „Weitergehen", brüllt ein SA.-Mg»n ihr z», der uns bewacht. Da schreit es aus ihr: „Eine Schande ist das!" Hoch reißt sie de» Am, ballt die Hand zur Faust und ruft:»Freiheit!" Zweimal laut:„Frei- heit!" Verständigung zwischen den Posten. Einer entsichert den Revolver und läuft auf die Straße. Hält sie an: „Was haben Sie gerufen?" „Freiheit habe ich gerufen!" spricht ein Frauenmund. „Wenn man die armen Kerle gefangen sieht, bleich, unrasiert, stumm ivie Tiere im Käfig, wo sie alle nichts verbrochen haben, da muß mau doch Freiheit brüllen!" Man nimmt sie fest, schafft sie in die Wachstube. Sic schlägt ungeheure» Lärm. Einer vv» uns hat es gehört, weil er gerade die Stube ausscgtc Mau konnte nicht fcrtigwerden mit ihr. Sic hat immerwährend gebrüllt. Diese große Frau erkennt das braune Hemd nicht als Amtsorgan an, obgleich es doch das höchste Amtszeichen im Deutschland von heule ist. Man hat sie dann schließlich freigelassen. Sie halten sich wunderbar, die Arbeiterfrauen an der brau- neu Front. G0t>ftei$ mit der raundhormonSha Die Leute vom Film und die Herren von der Literatur, die dem Propaganclarainiater bei der Eröffnung der Kultur- hammer 10 heftig und begeistert Beifall geklatscht haben, «lud zwar um vieles in ihrem Wissen bereichert nach Haus gegangen. Aber ao ganz und gar, so tiefinuerlich ist ihnen offenbar die neue deutsche Kultur im nationalsoaialistischen Heist doch noch nicht eingegangen. Denn wie könnte es sonst geschehen...? Alao da war der Horst-Wessel-Film— doch wahrlich eine nationale Sache! Die einst so bürgerlichen und jetzt so nationalen wie sozialen Zeitungen haben sich in Begeisterung tiberpurzelt. Und dann kam die schroffe, bittere Verurteilung durch den kleinen und so rücksichtslosen Dr. Göbbels. Jetzt wiederum ist mit einem selbst Gauleitern imponierenden Aufwand von neuem Volksgefiihl der Film„Abel mit der Mundharmonika" gedreht worden— es hat nur so gerasselt mit Superlativ für die dort agitierende blaubloride deutsche Jugend. Deutschlands Zukunft! saugen Tageblatt und Lokalanzeiger, die Voss und der Fridericus— jetzt kommt der„Angriff", das offizielle Blatt des Herrn Reichs- propagandamiuisters, und erklärt unterm 20. November: „Der bürgerliche Kritiker einer Berliner Zeitung bringt es in seiner Besprechung des Films„Abel mit der Mundharmonika" fertig, diesen Bildstreifen als ausgesprochen nationalsozialistisch zu bezeichnen. Diese Ansicht bedarf dringend einer Korrektur. Der Film wurde nach dem gleichnamigen Roman von Manfred Hausmann gedreht, und der Romanverfasser war auch am Drehbuch maßgebend beteiligt. Hausmann ist nun alles andere als ein Nationalsozialist. Erst kürzlich wurde sein Roman..La m n i o o n k ü ß t M ä d ch e n und kleine Birken" auf die Liste der verbotenen B ü ch e r geseßt.— Warum? Hausmanns Arbeiten sind durchaus zwitterhaft. Er malt Stimmungen, die hell sind, zart und beinahe k e u s ch, und er laßt diese Stimmungen durch dunkle, triebhafte Gefühlsausbrüche sprunghaft wechseln. Er läßt einen Ver. brechet, einen Mörder, ütnge erleben und Stimmungen auskosten, die so unerhört fein und zart sind, daß sie einen schuldlosen Menschen vorausseßen und nichl einen Vagabunden, an dessen Händen Blut klebt, und der ohne Reue und Gewissen ist, Hausmann wird in seinen Erzählungen oft bis s um Ekel brutal und zynisch. Fr eröffnet aus den lieblichsten 'osigsten Stimmungen heraus plößlirh Perspektiven in ein undurch dring bares. grnuenbergen- des Dunkel. Und begnügt sich damit. Kommt nie zu einer klärenden Lösung. Wir halten diese Manier nicht für nationalsozialistisch Wir halten sie für liberalistisch. ja"dem für marxistisch Die Abel-Erzählung ist nun zweifellos eine Arbeit Haus rnanns, die am wenigsten zu beanstanden ist. Sie behandelt — das war eine Zeitlang sehr beliebt— das erwachende Liebesgefühl eines Fünfzehnjährigen, eine Erscheinung also die man wissenschaftlich als Pubertät bezeichnet. Hausmann macht das diesmal sehr sauber, sehr anständig. Aber was hat dieses Thema mit Nationalsozialismus zu tun? Nun gar im Film.— Die Art, wie dieser Stoff gestaltet wird, könnte vielleicht mit dem Prädikat nationalsozialistisch ausgezeichnet werden, vorausgesetzt, daß sie eben wirklich der nationalsozialistischen Weltanschauung entspricht. Das ist aber leider hier nicht der Fall. Wenn man die Muchart dieses Films nationalsozialistisch nennt, so ist das fast Hohn, Vergleichsmöglichkeilen sind bei der Hand. Nehmt den „Hitlerjungen Quex". Hier hat man wirkliche Jungen siih selbst spielen lassen. Und wie herrlich war das Ergebnis. Echte Jugend strahlte eben kraft der mitwirkenden frischen Jungen und Mädel aus jedem Bild dieses Films. Beim Abel- Film vermißt man das nicht nur, man fühlt sich sogar sehr oft und sehr heftig vor den Magen gestoßen. Dieser Abel ist kein Fünfzehnjähriger. Er ist ein sehr erwachsener junger Mann, der sehr w eib is ih tut und uns dadurch auf die Nerven fällt. Als Schauspieler überdies sehr vorbelastet. Und es handelt sich dabei nicht etum um eine Sünde, die damals aus Zwang getan werden mußte und heute großmütig verziehen werden kann. Vielmehr hat sich dieser Darsteller in ein Fahrwasser lenken lassen, das man auf der Unterweser und der Nordsee nicht kennt, höchstens in einigen üblen Lokalen des Berliner Westens, die heute geschlossen sind. Durch die Polizei. Eine krasse Fehlbeseßung für einen sonst ausgezeichneten Film, der ein Wegweiser hätte sein können. Aber auch die Fehlbeseßung einer Filmhauptrolle kann man nicht gut nationalsozialistisch nennen." Ach ja. so ist es. wir lassen noch einmal die Worte des „Angriff" über die Zunge laufen-. diesmal sehr sauber, sehr anständig. Aber was hat dieses Thema mit Nationalsozialismus zu tun?" Das fragen wir auch. Und weiten..... einen Vagabunden, an dessen Händen Blut klebt und der ohne Reue und Gewissen ist... in seinen Erzählungen bis zum Ekel brutal und zynisch... plößlirh Perspektiven in ein nndurchdringbares. grauenbergendes Dunkel..."— ja, und wenn man weiterliest, von der unverzeihlichen Sünde und den üblen Lokalen dea Berliner Westens— ist das nicht, exakt geschildert, das Milieu der Fememorde, der Heines und Genossen, wie es Ernst von Salomon unverhüllt in seinen„Geächteten" wiedergibt, sind das nicht die Ursprünge der NSDAP.? Ist die Partei schon so weit, schon so im Volk gefestigt, daß bereits die Filmkritiker von ihrer Geschichte abrücken können? Ist er es der Mann vom„Angriff", oder der harralose Hausmann, der hier beim Klang der Mundharmonika eine Satire über die Partei der QeffentMikeit präsentiert? Wer von beiden muß hinter Stacheldraht? *iosfs w'rfl flitéelHiuf Der„Dortmunder Generalanzeiger" triumphiert in drei- zölliger fetter Ueberschrifl;„Moses hat das Landgerichtsgebäude verlassen!" Moses? Welcher Moses? Ein Landgerichtsrat, bei dem der Name sich schließlich doch als stärker erwiesen hat als das Eiserne erster? Ein Rechtsanwalt, dessen Schonfrist wegen des bei Langemarek verlorenen Arms jetzt wie üblich von drj Kollegen gekürzt wurde? Nein, es ist dieses Mal— man möchte heinahe sagen: ein christlicher Moses. Ein Moses aus Stein. Der des Michelangelo! Hören wir den Dortmunder General: „Bisher wurde der das Dortmunder Landgerichtsgebäude von der Hamburger Straße aus Betretende bekanntlich t>o>t der Kolossalstatue des gvseßgebenden Moses hegrüßt, einer Nachbildung der berühmten Plastik des Michelangelo, die von dem großen Italiener für das Grubmal des Papstes Julius II. geschuffen wurde. Nach dem politischen Umschwung erhoben sich Stimmen, die für die Entfernung der Plastik im Landgerichlsgehäude. eintraten, da es sich zum mindesten doch um die Per*. des jüdischen Geseß- gebort handele. Gestern morgen war Moses auf einmal „abgebaut", er war restlos verschwunden Uttel nur noch der Marmorsoe-kel mit einigen Gipsresten taugte von verschwundener Pracht.". „... da es sich sum mindesten doch jaw ohl, ao ist es. Was geht das neue Deutschland dieser Moses an? Dieser vorderasiatische Semit. Was war er achon? Der Dortmunder General sagt es richtig: Ein jüdischer Gesetzgeber! Der Bursche, welcher unter seinen stets überschätzten Zehn Geboten verlangte: Du sollst nicht töten. Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten.,. Einfach lächerlich! Das mag er von seinen Glaubensgenossen verlangen, ein Nationalsozialist handelt nach wesentlich anderen Grund- aätzen! Fort mit Moses! Der mit der Vernichtung des Standbilds beauftragte Sturm hat noch mehr getan, er hat sich an die Verfasser der Reisehandbücher gewandt, an Meyer, Baedeker, Grieben, damit in den neuen Auflagen die Porträts und Plastiken rassisch nicht unbedingt einwandfreier Heroen nicht mehr erwähnt werden. Da ist vor allein dieser Rembrandt... ins Feuer mit seinen Bildern alter Juden! Und dieser Michelangelo! Wenn man bedenkt, tlali sein Moses in einem Gerirhtsgehäude des nationalen Deutschlands stand! So lesen wir in Meyers Reiseführer:..Moses, die höchste Schöpfung der modernen Kunst, der Geseßgeber im gewaltigsten Gemütskampf, im mühsam bewältigten Un- i villen über die Torheit der Menge; die Rechte stiißt sich auf das mißachtete Geseß... Dieser aufgeregte, urkräftige Kopf, so klein und doch so gedrungen energisch, diese Sprache der verhaltenen überquellenden Tatkraft in jedem Muskelbausc-h, sie sind eine vorempfundene Verkörperung des neuen Volksgeistes..." Sagt Meyer, der Reiseführer. ,,... Torheit der Menge... mißachtetes Gesetz.. Verkörperung des neuen Volksgeistes..."— also das geht nun einmal nicht im Dortmunder Landgericht, das wird jeder einsehen. In Stücken mit Moses, auf den Schutthaufen mit ihm! Seit drei lagen ist die kleine Kirche Sein Pietro in Vincoli zu Rom mit einer Wache versehen, mit einem Carahinieri- Posten. Das Grabmal des Papst* Julius IL, das dort vier, hundert Jahre lang die Stille beherrschte, wird sorgsam, Tag und Nacht, beobachtet. Denn angesichts der vielen Reisen des K' isterpräsidenten Goring nach der ewigen Stadt und mit Rücksicht auf die vielen nationalsozialistischen Abordnungen. die sich auf dem Forum Romanuw tummeln—• mau kauu nie wissen. Und aicher ist sicher, &eutsdke Stimmen•(Beilage zur ,®euts(fhen Freiheit"• Ereignisse und Gesrfkidkten Freitag, den 1. Dezember 1933 r':^^. IliSSÉlIflI Die TUmhaÇten Die Jiäiutec mit dec çaidenm 7 ladet An Setma Von Gerhart Hermann Mostar. Einst sah ich am Lagerfeuer Der Jugend dich weisend steh'n: Es war kein Gefolge dir treuer, Als wir zwischen zwanzig und zehn. Wir lauschten Ekehys Hämmern, Gösta Berlings Lachen klang her, Es zogen im Abenddämmern Nils Holgersons Vögel zum Meer. Doch später, die Feuer versanken, Hat mancher die Lippen geschürzt: Zu schlicht seien deine Gedanken. Einfach und wenig gewürzt; Man wählte sich andere Götter, f Die wohnten näher der Zeit: s Kluge Männer und scharfe Spötter, Und dein Haus in Wärmland war weit... Nun ist zum Braunhemd geworden Der Kindheit buntes Gewand, % Die Gruppen wuchsen zu Horden, Die Lauten lärmen im Land, Unsere Götter sind ihr Gesinde Und beten den Götzen an, Ihre Mäntel Wehn längst nach dem Winde. Es verdient, wer verdienen kann... Nur du hast, was du geschrieben, Einfach und still verschenkt An solche, die fest geblieben. An solche, die Fremde bedrängt. Es rufen die Wildgansschwärme Wie einst dein freies Wort, Aus Wärmland bringt deine Wärme Wie einst der Wind von Nord. Die Hämmer von Ekeby hallen Wie einst durch die deutsche Nacht, Wie damals ist in uns allen Gösta Berlings Lachen erwacht... Und geht nun dein Leben zur Neige, Grüßt unsre Ehrfurcht dich neu: Manch alter Mann wurde feige. Eine alte Frau blieb treu! * Selm* Lagerlöf, die große schwedische Dichterin, ist jüngst 75 Jahre alt geworden. Sie hat einen namhaften Geldbetrag für deutsche Emigranten, die Opfer der Hitlerbarbarei, gespendet. Obwohl irgendwelche Aeußerungen der bedeutenden Frau über die Politik Hitlers nicht bekannt sind, zumal sich Selm* Lagerlöf grundsätzlich nie mit Politik befaßt, veröffentlicht eine deutsche Zeitungskorrespondenz eine förmliche Achterklärung gegen Selma Lagerlöf und bezeichnet es als eine Schädigung Deutschlands, wenn ein Deutscher eines ihrer Bücher kaufe... Die Jlache am Sohn Der Fall Gruber in Jena Die Verhaftung des Professors von Gruber, Jena, über die in Nr. 131 der„Deutschen Freiheit" berichtet wird, ist ein persönlicher Racheakt Hitlers. Grubers Vater, der Professor der Hygiene an der Universität München war, beschäftigte sich überaus viel mit Rassenfragen und veröffentlichte kurz vor seinem Tode ein Gutachten über die Rasse des Osafs, das dem Größenwahnsinnigen nicht eben günstig war. Der Hygie- niker Max von Gruber war ein konservativ eingestellter Mann; er war in keiner Weise beschränkt oder von Vorurteilen gehemmt und so blieb er mit seinen Jugendfreunden, den Sozialdemokraten Victor Adler und Engelbert Pernors- torfer bis zum Tod in Verbindung. Für all das bezahlt nun sein Sohn, allerdings nach dem alttestamentarischen Grundsatz, daß die Söhne für die Sünden der Väter zu büßen haben cKitlet- ecleuchtei und ducchsuhtiq ilsch. der erlaubt ist Vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda sind wiederum Entscheidungen auf Grund der§§ 2 und 4 des„Gesetzes zum Schutze der nationalen Symbole" gefällt worden. Es wurden durch die neue Entscheidung abermals 20 Erzeugnisse als einwandfrei zugelassen. Darunter befinden sich Neujahrskarten mit dem Hakenkreuz, Christ- batimschmuch mit dem Hakenkreuz und ein d u r ch s i ch• tiges Bildnis des Reichskanzlers mit Vor- richtung zur Erleuchtung. Auch sind diesmal zum ersten Male SA,- und SS.- Puppen zuge- lassen worden, weil sie von guter Ausführung waren und der SA.- und SS.-Uniform ein würdiges Aussehen verlieben. Auf die Verbotsliste wurden dagegen 49 Kitsch- gegenstände gesetzt Darunter befanden sich u. a. Abziehbilder mit berühmten deutschen Persönlichkeiten, Selbstbinder mit eingewehten Hakenkreuzen, Speisekartenständer aus Holz in Form eines Hakenkreuzes, Pullover mit aufgenähtem Hakenkreuz, Kinderschürzen mit aufgenähtem Hakenkreuz und aufgenähter Aufschrift„Heil Hitler', Hosenträger aus Gummiband mit eingewebtem Hakenkreuz- muster. Ferner wurden auf die Kitschliste gesetzt Buchdrucke, die in ganz unkiinstierischer Art und mit unähnlicher, zum Teil entstellender Wiedergabe der Bildnisse der Staatsmänner den Staatsakt in der Garnisonkirche in Potsdam darzustellen versuchten, sowie Postkarten mit einem Gedicht „Der Führer", wobei in senkrechter Zeilenfolge der Name des Führers durch die jeweiligen Anfangsbuchstaben in roter Farbe herausgehoben war. * Das sind interessante Aufschläge über die Industrialisierung des Hitler-Mythos. Hitler-Transparent auf Haus altärchen, Hitler auf Hosenträgern, Hitler im Herzen und auf der Bauchbinde: Gegen solche Emanationen de- deutschen Geistes wird auch das Propagandaministerium nichts aus- Reichsminister Dr. Göbbels hat als Schirmherr des Reichsbundes der deutschen Freilicht- und Volksschauspiele„eine Reihe namhafter Dichter" in den Dichterkreis berufen und durch die goldene Nadel des Reichsbundes der Deutschen Freilicht- und Volksschauspiele ausgezeichnet. Es sind dies: Fred. A Angermayer, Paul Apel, Friedrich Arenhövel, Max Barthel, Peter Bauer, Julius Bernhard, Paul Beyer, Walter Bloem, Hans Friedrich Blunck, Hans Brandenburg, Otto Brües, Hermann Burte, Paul J. Cremers, Kurt Eggers, Hans Franck, Georg Feichtinger, Reinhard Göring, Wolfgang Götz, Joachim v. d. Goltz, Sigmund Graff, Friedrich Griese, Paul Gurk, Max Halbe, Hanns Heyck, Kurt Heynicke, August Hinrichs, Karl Maria Holzapfel, Hans Christoph Kärgel, Kurt Kluge, Eberhard König, Hans Kyser, Alois Job. Lippl, Felix Lützkendorf, Joseph Maria Lutz, Walter Lutz, Gerhard Menzel, Eberhard Wolfgang Möller, H. Römer, Karl Röttger, Walter E. Schäfer, Franz Schauwecker, Dietzenschmidt, Wilhelm Schmidtbonn, Wilhelm von Scholz, Wilhelm Ritter von Schramm, Florian Seid), Heinz Steguweit, Götz Otto Stoffregen, Hellmut Unger, Joseph Magnus Wehner, Franz Johannes Weinrich, Leo Weismantel, Heinrich Zerkauten, Maxim Ziese. * Diese Liste bereichert die Reihe der Gleichgeschaltete» in bemerkenswerter Weise. Immer neue Namen kommen zu den schlechten der Barthel, Blunck und Schauwecker— auch manche, um die es einem für einen Augenblick leid Jèàwaehe als teziehee Nachwuchs sitzt ihm zu Füßen... Wir haben kürzlich berichtet, daß der Chefredakteur des „Westdeutschen Beobachters" in Köln, seit einiger Zeit 22 Jahre alt, wegen seiner großen Verdienste um den Aufstieg des deutschen Pressewesens zum Direktor des Forschungsinstitutes für internationales Pressewesen an der Kölner Universität ernannt worden ist. Am 27. November wurde das Institut unter seiner neuen Leitung eröffnet. Die Eröffnung erfolgte im Beisein zahlreicher Ehrengäste durch den Kurator der Kölner Universität, Staatskommissar Dr. Winkelnkemper(der andere Chefredakteur des„Westdeutschen Beobachters" und Stubenältester. Die Red. der„Deutschen Freiheit"), der den neuen Leiter des Institutes in sein neues Amt einführte. Dr. Winkelnkemper bezeichnete den Eröffnungsakt als ein außerordentlich bedeutsames Ereignis auf dem Gebiete des Journalismus. Zweck und Ziel des Institutes sei, von Köln aus an einer neuen Form der deutschen Presse und an der Erziehung des journalistischen Nachwuchses richtunggebend mitzuarbeiten. Wahrhaftig ein„bedeutsames Ereignis". Einer, der dringend der Erziehung bedarf, wird zum Erzieher ernannt. Einer, der noch nicht ausgewachsen ist, hat bereits einen Nachwuchs zu betreuen. Aber dieser wackere Schwache forscht sich nit. Er hat eine wunderschöne schwarze Uniform mit feinen Litzen und ist damit hinreichend ligitimiert. # Unter den Zuhörern sah man die bedrückten Gesichter der bisherigen Leiter des Instituts, die es mit Mühe und mit Sorgfalt aufgebaut und organisiert hatten: den Historiker Professor Kallen und den Privatdozenten D r. W o h 1 e r s. Kallen ist 55, Wohlers 45 Jahre alt. Man kann richten. Immerhin hat es Sinn für unpassende Zusammenstellungen. Daß es eine Hitler-Postkarte verbietet, auf der der Name des Führers senkrecht erscheint, noch dazu in rot, ist nur in der Ordnung. Die schönste Aufçaée Stählernes spricht zu uns Durch die Provinzpresse läuft ein Berliner Brief:„Eine interessante Ausstellung im Berliner Schloß: das Reichskartell der bildenden Künste hat Bildnisse und Bildwerke der heutigen Staatsführer gesammelt. Die bildenden Künstler haben in ihnen viele Aufgaben gefunden. Es gibt für sie keine schönere Aufgabe, als den Willen im Antlitz des Schaffenden zu suchen und zu gestalten. Da sehen wir das Hitlerporträt von Walter Miehe, das der Deutsche Gemeindetag angekauft hat, das vor allen Dingen den schlichten, volkstümlichen Menschen im Reichskanzler sieht, im Gegensatz zu der Bronzebüste von Hermann Joachim Pagel, die das Kinn und die Stirnpartie sprechen läßt und den stählernen Willen des Kanzlers offenbart. Ernst Segers hat das Seherische in Adolf Hitler gestaltet— das Auge, das auch für Beethoven und Richard Wagner leuchtet. Viel kehrten in dieser Aufstellung das Profil des Dr. Göbbels wieder mit seinen gebändigten Nerven und der eiserne Blick Hermann G ö r i n g s. Letzterer ungebändigt! Ritual-Jiocd-3Utzz ist die neueste Blüte des Antisemitismus in der Hitlerei. Der Verlag„Deutsche Kultur-Wacht" Berlin-Schöneberg bringt ein zweibändiges Werk von Julius Baron Rosenberg, bearbeitet von G. Arnold:„Die Juden in Rußland, 1. Band: Leben und Treiben im jüdischen Kahal; 2. Band: Jüdische Ritualmorde in Rußland. Alles für die Psychiater! tut, sie in dieser Gesellschaft zu sehen. Nur einen Augen' blick. Da ist Wo 1 f g a n g Götz. Er hatte Unterkunft bei der liberalen Asphaltpresse gefunden und schrieb Dramen, die er den jüdischen Theaterdirektoren kniefällig antrug, Kurt Heynicke, zuletzt Dramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus, schrieb Sozialrevolutionäre Sturmverse und war zu Dreivierteln Kommunist. Dietzenschmidt aus Deutschböhmen war das Schoßkind und die Hoffnung der jüdischen Literaten, von denen er sich unterstützen ließ. Gerhard Menzel gefiel sich in lärmender Jugend und stürmte den Pelion. Um jetzt, wie sie alle, beim Ungeist und bei der Gedankensperre zu landen. Brothunger bricht Charaktere und Widerstand. Man könnte das noch ertragen, wäre die Unterwerfung nicht fast immer begleitet von dem Hand aufs Herz Bekenntnis, daß man schon immer Das ist die Quelle des Ekels, die nicht eingedämmt werden kann. Heinz Steguweit, heute Feuilletonredakteur eines Nazi- blatte», schrieb kürzlich einen Roman:„D er Jüngli n S» im Feuerofe n." Hier schmoren sie alle, seine Kollegen, in brauner Glut, selig mit der goldenen Nadel des Reichsbundes der Freilicht- und Volksschauspiele. Sie leuchtet jetzt auf dem Talrai der Gesinnungen— vorausgesetzt, daß sie echt ist. denn es ist möglich, daß Göbbels, überwältigt von der Fülle der herandrängenden Dichter, dekretiert hat: Vergoldung genügt! sich vorstellen, mit welchen Gefühlen sie die Einführung ihres 22jährigen Institutsvorgesetzten begleiteten. Der Universitätskommissar und Redaktionskollege Schwaches, D r. Winkelnkemper, tröstete sie mit der Bemerkung, daß die Ernennung Schwaches„ keine persönliche Spitze gegen die beiden Abgesetzten enthalte. Denn: Das Bedingende zu der Umgestaltung sei hier, daß nunmehr die Leitung in die Hand eines Mannes gelegt würde, der neben den ideellen Möglichkeiten zur Ausgestaltung des Instituts auch die notwendige Partes- autorität besiffe und einsehen könne, die revolutionären Ziele aus der politischen Praxis heraus zu verwirklichen. Die Bedeutung der letzten neun Monate für die deutsche Presse und die sich daraus ergebenden Folgerungen müßten sich nun in Forschung und Lehre zugleich auswirken. Es gelte, einen Nachwuchs zu schaffen, der aus nationalsozialistisch-revolutionärem Geist hier geschult und gefördert würde zum Nutzen der gesamten deutschen Presse.... Leiten ist so klar gesagt worden, warum es geht: ein Mann„mit Parteiautorität" mit der Legitimation de* autoritativen Wissenschaftlers in Forschung und Lehre zu versehen. Kraft der gleichen Autorität ist der Dr. Winkelnkemper selbst zu seinem Amt als Universitäts-Kommissar und Kurator gekommen. Vor weniger Jahren bestand er mit Ach und Krach sein Doktorexamen an dieser Universität. Mit Schrecken denken seine Lehrer an die grauenvollen Prüfungsstunden des sehr blonden, aber sehr unbegabten jungen Ariers zurück. Heute prüft er seine Professoren und läßt sie durchfallen, wenn sie das ABC des Parteikatechismus nicht beherrschen. Kurz, er genießt jeden Tag kalte Rache und freut sich, wenn die Professoren, die ihn einst peinigten, heute stramm grüßen müssen. Zeit=7lùtl e k e r als Bettler am Pont des Arts, und statt der Verse v°n Heine und Rilke und der Worte von Büchner und Grabbe, die um den Triumphbogen des Kaisers und das Dantondenkmal wehen, intrigieren die Nazizellen und senden ®itie Feme ab. Leider können der Kölner Tünnes und sein Mariaux nicht alle Tücke der Hoedur Richtung abwehren. So zum Beispiel kommt Einstein die nächsten Monate wieder ans ..College de France und liest über das Weltall, statt daß ihm 'in Plag neben van der Lübbe angewiesen wird. Auch Tos- c• n i n i, der dem Meister in Bayreuth den Taktstock ver- •agte, erfreut die Pariser, noch dazu durch Wagner. Max Reinhard spielt„ungehängt" in Paris,— und die Schwester des Baidur von Schirach singt Unter den Linden in der Oper. All das ist peinlich. Auch die theatralische Nieder- legung von Kränzen mit Hakenkreuzen am französischen Totentage ist da nur ein schwacher Ersah. Der Film„Morgen- rot", der auf den großen Boulevards nach dem Wunsche des Meisters gerne laufen möchte, ist zwar eine schärfere Dosis. Aber ach, einen Hauptcoup, die schöne S e d a n- F e i e r, die der Führer nach Ueberreidiung der wieder zurückgezogenen Straßburg-Fahne in Nürnberg eingeführt hat, konnte die Nazi-Kolonie der Seine nicht abhalten. Die sonst so rührigen nationalen Handlungsgehilfen mußten mit langen Nasen abziehen, und die Männerworte mußten von dem projektierten Fest in Joinville-le-Pont auf einen anderen„Pont" (man weiß ja, daß das Wort in Frankreich zweierlei bedeutet) v erlegt werden. Auch dem mit Hitlerbild versehenen Leiter der deutschen Handelskammer zu Paris Herrn K a r w e g ist manchmal angesichts der für Frankreich erwiesenen Passivität der beiderseitigen Handelsbilanz schlecht. Die eingefrorenen Gelder reizen selbst dann nicht immer, wenn man sie zeitgemäß am Brasero wärmt, und überhaupt weht Herhstluft auf den Terrassen. Es ist sicher nicht leicht, die Heimat von Waschpulver, Bier, Spielwaren usw. an der Seine„würdig" zu vertreten, wenn das vertrackte Schild„Vertreter deutscher Häuser werden nicht empfangen" nicht verschwinden will, zumal vom Solinger Messer, das man verkaufen will, nicht hloü— Ruhm spritzt. Ja. wenn Hitler nicht des Barons Fabre-Luce sicher wäre, der auf Kurfiirstendammliöhe eine Rassenschule für erfreulich hält, die Sache wäre schwierig! Aber so hat man neben dem alten Houston Stewart Chamberlain und dem tibetanischen Wundermönch Trebitsch-Lincoln sowie dem Raiten Rosenberg doch wenigstens internationale Gesellschaft. Gottseidank hat man mit Hilfe des Niehsche-Stocks jeht aber weiter vorgefühlt und ist endlich, in Erweiterung alter Tir- pih-Ziele, dem Kanal nahegekommen. Der Pg. Chefingenieur Frederling hat bekanntlich inDunKerque auf französischen Boden eine Nazi-Zelle gegründet, um dem Boykott der französischen Docker entgegenzuwirken, und vom Pas-de-Calais bis Loire und Gironde wird hoffentlich das gute Beispiel Nachahmung finden. Auch der Graf H e 1 1 d o r f hat bei seinem Aufenthalt in einem feudalen Pariser Hotel Spuren hinterlassen. Frankreich ist ja das alte Land der Gotik, und auch die..Sainte- Vehrae" ist ja eine mittelalterliche Einrichtung. Hüten wir uns, sie nicht nächstens auch an der Seine mit— gotischen Lettern geschrieben zu sehen!— Baptiste. Wenn einer ei« Mode l heiraten will Eine Pariser Geschichte— aus dem Leben Nachdem er in der Zeitung gelesen hatte(so erzählt Michelle Deroyer), daß die Modelle der Maler auf dem Montparnasse heute schlechte Zeiten haben, schrieb ein braver Mann an Mutter Rosa, das ist nämlich so ne Art Schuhpatron an der Akademie der Grande-Chaumière. Der gute Mann schrieb: „Also ich bin 45 Jahre alt. Ich bin Taxi-Chauffeur, munter und stark. Ich verdiene, was ich brauche, ausreichend und könnte eine Frau glücklich machen, sollts meinen. Kennen Sie nicht vielleicht unter den jungen Mädels, die da in die Akademie kommen, ein Modell, die gerne heiraten möchte... Mutter Rosa las aufmerksam diese ernsten Absichten. Dann lachte sie sich eins. Also der Chauffeur wartete ein paar Tage auf ein Zeichen. Nichts geschah. Was tat er? Eines schönen Nachmittags zog er sich mit besonderer Sorgfalt an, rasierte sich tadellos und suchte Mutter Rosa auf. Sie war da. achtunggebietend und liebenswürdig zugleich. Also richtig, der Mann wollte wirklich eine Frau fürs eheliche Heim. Mutter Rosa zog los, von Saal zu Saal, und suchte erst Mal die mageren, schlimmen und bemitleidenswerten Modelle aus. die nicht alle Tage zu futtern haben, aber lebensfroh bleiben. All diese kleinen Dinger hopsten die Treppe herunter, um in die Loge der Mutter Rosa zu kommen, wo der Chauffeur verschüchtert seine Mühe zwischen den Fingern drehte. „Na, nette Mädels, was?" ermunterte Mutter Rosa. Der Chauffeur sah sie der Reihe nach ein, sagte nichts, die Wahl fiel ihm schwer. „Klar," murmelte er,„alle gut gewachsen." Das war alles. Nun war es an der Reihe von Mutter Rosa, den Mädels Maisonnette des Comédiens Russes Erstklassiges Restaurant-Czbaret. Normale Preise RAPHAEL trcilunin.Monieo-) NAST IA FOUAKOWA und die berühmten russischen Sänger Abendmahlzeit(von 8 Uhr). Soupers(bis T Uhr) 36, RUE VI VIENNE(BEI BOURSE) PARIS. je««*»« Heufe Eröffnung***"% NORBERT FACONI| CABARET Paris(17) Chez Sacha A Tel. Carnot 01-17 6, Rue Dctrenaude« R* 383382*8888888888888888888$ CONCERTS POULET (Theatar Sacab-Bernhafdt) SONNTAG, den Dez um 11 Uhr 30 unter der Leitung vo< GASTON f*OULET und der M twirkung von Denite LEWI-SORIANO(Violoniste): Symphonie Nr. 4. en ré, Schumann. 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Mutter Rosa aber jammerte mit erhobenen Armen:„Na, solche unklugen Dinger!... Lieber warten sie eine wie die andere, bis ein Maler kommt, bei dem sie hungern können, jahrein, jahraus, und Ruhm gibts nicht, und Geld gibts nicht. Bloß sc-lvade, daß unsereins nicht mehr an die Zwanzig ist.. (favfsev(Ifteaiev Tendrestf, Its 1 Détemftre Opera. 8 h Marouf. O p. C o m i<1 u e. 8 h Contes de Hoffmann. Com. Française. 8 h Im Marche Nuptiale. Od eon 8 h 30 Jeanne de Pantin, Le Joli rôle. walte Lyrique, fb h 45 Le Pays de Sourire. S t. C h. E l y s é e s. 9 h Yvette et ses enfants, Lettre d'une Inconnue, Stioplc et Mania.» T h. P i a alte. 8 h 30 Opérette„ Im Chauve Souris"(Max Reinhard). fametBi. le S? j>é«em6ic Concerts Pasdeloup. Th. Ch. Elysée, 17 h. Chef d'Orchestre Pierre Coppola, sol Mary. Chattenet(pian.). Roger Boardin(chant). Opera 8 h Faust. O p. C o m I q u e. 8 h Tosca, Car. Rustlcana. Corn. Française. 8 h Primerose. O deon. 2 h 30 Jeanne de Pantin, Le Joli rôle. 8 h 30 La Cagnotte. Trocadéro. 8 h Le Trouvère. Oa tt e L y r I que. 8 h 45 Le Pays de Sourire. S t. C h. E l y s é e s. 9 h Yvette et ses enfants. Lettre d'une Inconnue, Stioplc et Mania. T h. P i galle. 8 h 30 Opérette„ Im Chauve Souris"(Max Reinhard). E'ne Zelle, ein Hol. eine Mauer* Von Er» st Toller Im Korridor oor metner Zelle postieren sich zwei Sol- baten mit aufgepflanzten Bajonetten. Rasch Hat eS sich im Polizeigebäude berumgesprochen. bast ich gefangen bin. an die Zellenienster aller Stockwerke pressen sich Köpfe, Hände winken mir, alte Kameraden grüßen mich, selbst die Ttraßen- Mädchen verleugnen ihren Beruf,»Mir sau a politisch", schreien sie im Ehor und„Hoch die Retterepubllk!" Bor meiner Zelle defilieren in großer Prozession die Polizei- iunktionäre, jeden Augenblick wird die Klappe am Spion ge- öffnet, eine Auge glotzt. Wie grauenhaft ein menschliches Auge aussehen kann, aus dem weissen Augapfel quillt gierig die Pupille. Ich drehe der Tür den Rücken zu. Die Zellentür wird aufgeschlossen, herein trampeln zwei Beamte, Polizeiassessor Lang und ein Schmied. — Welche Fesseln? fragt der Schmied. — Wie bei Levine, antwortet Lang. Der Schmied faßt eine grobe Kette, nietet ein Ende an wein linkes Handgelenk, das andere an den Knöchel. Ich lache. — Ihnen wird das Lachen vergehen! — Wenn Sie meine Gedanken fesseln könnten, vielleicht. Die Tür knallt zu. Mir ist eigentümlich leicht und heiter zumute, die zerrende Spannung der letzten Wochen hat sich gelöst, ich schleiche nicht mehr gebückt und lauernd, ich kann wieder frei mich ausrichten, frei durch die Zelle geben. Ich werde zum Fotografen geführt, ich must mich auf eine» Stuhl setzen, der meine„Berbrechernummer" trägt. Ter Fotogras brückt mir eine Reisemütze ins Gesicht und koto- glasiert mich von allen Seiten, später bringen die Zeitungen das Btld, mit retouchierten wulstigen Lippen und stechenden„Berbrecheraugen", zum Abschrecken. — Wenn die Bilder gut werden, geben Sie mir ein paar, saae ich. Aus dem steifen hoben Kragen schiesst die Antwort: „Bis die fertig sind, fressen die Würmer an Ihnen." Als ein Beamter meine Fingerabdrücke nehmen will, pro- testiere ich: — Ich bin fein Krimineller. — Du Lump, Du Schurke, hier wirb nicht protestiert, er packt meine Hand, klatsch Ne in die Farbe und nimmt Sie Abdrücke. Ich werde ins BernehmunaSzlmmer geführt, am Tisch sitzt Staatsanwalt Lieberich ein kleiner hagerer Mann mit ver- knitterten, Gesicht von Falten überzogen, die Auqen flach, vo» unzähligen Krähenlüsten umrissen, die Lippen dünn und scharl. — sind die Soldaten? schreit er. ss'-chts!>' d links neben meinen Stuhl stellen sich«oldaten mit aiilocollanzlkm Bajonett. —"alien Sie die Kette nicht abnehmen? frage ich. Kurz und lchari die Antwort:„Nein...«ie werden gegen Levine auslaaen! ») Au» dem Buch„Eine Z u g e i,» in T c U t s ch l z» 4", tai t« Verlag Cucriio, Amsterdam, erscheint. — Gegen Levine? Levine ist unschuldig an der Erschiestnng der Gefangenen. — In der Räterepublik bekämpften Sie ihn? — Ja, diesseits der Barrikade. Lieberichs Stimme wird ölig: — Herr Toller. Sic haben jetzt Gelegenheit, Ihre Situa- lion zu verbessern. — Bitte protokollieren Sie meine Aussage. — Wie Sie wollen. Welche Konfession haben Sir? — Ich bin konfessionslos. Er wendet sich zur Stenotypistin: — Schreiben Sie: Inde, jetzt konfessionslos... Also Sl« wollen den Mord verteidigen? — Wer hat gemordet, wer hat Gustav Landauer erschlagen, wer die zahllosen Unschuldigen erschossen? — Ich verbitte mir diesen Ton, Gustav Landauer war ein Rebell, er wurde mit Fug und Recht legal gerichtet. Stundenlang werde ich vernommen. Herr Licberich macht sich kleine Notizen, dann diktiert er ein Protokoll, das manch- mal meine Worte wiedergibt, oft ihren Sinn entstellt. Nach der Vernehmung bitte ich um die Erlaubnis, Zeitungen zu lesen. — Im Interesse Ihrer Nerven kann ich Ihnen die Er- laubnts nicht erteilen, schonen Sie sich, regen Sie sich nicht aus... Absübrenl Nacht? in meiner Zelle wache ich auf. über mein Bett beugt sich ein fremder Mann: — Haben Tie diese Verordnung unterzeichnet? — Lassen Sie mich schlafen, ich antworte setzt nicht. — Ich meine cS gut mit Ihnen, wollen Sie eine Zigarette rauchen? — Ich will schlafen. Ich kehre mich zur Wand und schwelge. Das Klappfenster öffnet sich, draußen sieben die Posten, zwei Arbeiter aus Stuttgart, wir sprechen wie Kameraden, über den Krieg, über die Revolution, ich bin nicht mehr Ge- sangener, sie sind nicht mehr Wärter. Einer der Soldaten bringt mir ein Päckchen Butter, zwei Stunde» später wird er abgelöst und bestrast, aber nacht« öffnet sich die Klappe wieder, einer steckt mir Zeitungen zu. Levine erschossen! lese ich. Mein Herzschlag setzt aus, diese Erschicstung ist ein Justiz- mord und die RechtSlozialisten haben ib» nickt verhindert, der Kriegsminister, der mit seinem Kops sich kür die Räte- rcpublik verpfändete, bat sich der Stimme enthalten, als der Ministerrat über die Begnadigung beriet. Daß die sozial- demokratischen Führer diesem Justizmord nicht wehrten, zeigt ihre Ohnmacht, ihre Schwäche, ihren moralischen Verfall, dock die Millionen Anhänger haben sie nicht mit Schimpf und Schande davongejagt.. Und mit welch intamer RechtSkonstrnktton wurde daS Todesurteil begründet! Als Levine Mitglied der Räte- regierung wurde, die er anfänglich bekämpft hatte, hielt sich die Räterepublik schon eine Woche, der angebliche Hoch- verrat war beganaen, Levine« Tätigkeit nach iuristtschcn Begriffen also nur Beihilfe zum Hochverrat, ein Verbrechen, da« mit Festung oder Zuchthaus geahndet werden kann, nickt mit dein Tod. Doch ne koffte zu a Tode u"? fingert*'" w rfcetr Die»j.ff{>e# R'ck>, sich zu Helsen. Die„erste" Räterepublik, erklärten sie, sei nur eine »Auflehnung" gewesen, erst mit Levines Singreifen habe der Hochverrat begonnen. Sie sprachen ihm die Ehre ab und verurteilten ihn zum Tod. Gestern hatten die gleiche» Richter Männer, die an der„Auflehnung" teilgenommen hatten, de« vollendeten Hochverrats schuldig befunden und zu vielen Jahren Festung und Zuchthaus, ia zum Tode verurteilt. Sie wunderten sich, wenn das Volk das Vertrauen zu ihren Rlchtersprüchen verlor. To gedächtnisschwach waren sie, daß sie in heller Empörung stammten, wenn jemand ausstand und sie anklagte, Klasseniusttz zn üben. Uebrrall in München regieren die alten Herren, sie ver- leidigen die Republik. Die gleichen Männer, die im Auftrag der Monarchie Pazifisten und Sozialisten verfolgten, ver- folgen heute im Auftrag der Republik Revolutionäre, einige Jahre später werden sie ihre Brotgeber einsperren, die Roth und Pöhner. Nach einigen Tagen bringt man mich ins Gefängnis Stadelhcim, im Auto sitze ich gefesselt zwischen zwei Kriminal- beamten, mir gcacnüber mit entsichertem Revolver Offiziere, ei» Lastauto eskortiert uns. Soldaten stehen daraus, vor sich, schußberetl, Maschinengewehre. Wir fahren durch die Mazimllianstrasse, welch anderes Ge- ficht zeigt heute die Stadt, ans dem Trottoir flaniert Militär, ordensgeschmückt, Monokel im Auge, elegante Damen flirten, die Bourgeoisie ist obenauf, in den Arbeiterviertel» ducken sich die Nienschen und ltblelen nach»nicrm Wage», sie haben so viele Gefangene gesehen in der letzten Zeit. Bor dem Tor deS Stadelhelmcr Gefängnisses halten wir, weisse Kreideschrift. Menetekel dieser Zeit, leuchtet:„Hier wird aus Spartakistenblu» Blut- und Leberivurst gemacht, hier werden die Roten kostenlos zu Tode befördert." Johlend, schimpfend, cmpfänat uns die Soldateska. Ein Kriminalbeamter will mir meine» kleinen Koffer tragen helfen. - Dem Hund wirb nicht geholfen! schreien die Soldaten, erschossen wird er! Im Aufnahmeztmmer mnss ich mich ausziehen, man bc- tastet mich, meine Kleider, Kamm, Zündhölzer, Taschentuch, Taschenspiegel werden mir weggenommen, ich werde i» r»ic Zelle geführt, die Türriegel knallen, mich umsängt die töd- ( che Stille des Dtadclheiincr Zrllenbaus. Ich Hause im Gang der Schwerverbrecher. Trostlos grau und leer sind die Wände, daS Fenster au» MaltglaS liegt boch an der Decke, wenn ich es öffne, sehe ch einen Fetzen Himmel. Ein Klavvtisch. eine Bank, eine Pritsche mit graugewürscltem groben Leinen, in der Ecke der stinkende Vlbortkübel. Im Polizelgesängnis spürte ch daS Leben der vielen hundert anderen Gefangenen, Ich iah ihre Gesichter, ich hörte ihre Stimmen«nd manchmal, nach», den warmen Lärm der Stadt. Ich bin ielir allein. Im Käsig der schweren Stille überfällt mich die Angst der grossen Ver- lasscnhclt, um einen Mensche» z» hören, spreche ich ein paar Worte laut vor mich bin, die Worte tönen hohl und ohne Echo, mitten im Satz zerbricht meine Stimme. Ich lese die Tafel der Hausordnung, ich suche auf den Wänden die Zeichen der Gefangenen, ich finde eingekratzte Namen von Menschen, d!e in iL lern Ronin Jahre gckcrkcrt waren. In«in m Win'el sehe ich util Bleistift geschriebene Worte, ich entziffere sie: „Gleich holen sie mich zum Erschießen, ich sterbe unschuldig, L. Mai,010."(Schluß jolgl.1, Heine SaarverhandluDgen! Beschluß des französischen Hammer-Ausschusses Der Auswärtige Ausschuß der französischen Kammer hat nach einem Bericht des radikalen Abgeordneten F r i b o u r g über das Saarproblem beschlossen, die Aufmerksamkeit der französischen Regierung auf die Notwendigkeit hinzulenken, im Völkerbund zu verhandeln, um der Saarbevölkerung die Rechte und die Sicherheiten sowie die volle Abstimmungs- sreiheit zu garantieren, die ihr durch die Verträge gegeben worden sind. Der Abgeordnete Fri bourg sprach sich unter lebhafter Zustimmung des Ausschusses gegen Verhandlungen über die Rückgliederung des Saargebietes ohne Abstimmung aus. Er verwies insbesondere darauf, baß diese Frage nicht zwischen Frankreich und Deutschland, sondern nur durch den Völker- bund selbst entschieden werden könne. Die entscheidenden Teile seiner Ausführungen lauten: „Die Reichsrcgierung möchte mit uns verhandeln, um die Rückgabe des Saargcbietes noch vor der Abstimmung zu er- langen. Man wird uns vielleicht als Gegenleistung einige wirtschaftliche Zugeständnisse machen, die entweder gegen- standslos werben, sobald es dem Reich gefällt, oder die unbedingt notwendig sind, wenn man die saarlän- bische Industrie am Leben erhalten will. Falls wir auf einer solchen Basis verhandeln, erwecken wir zunächst an der Saar den Eindruck, daß wir kapitulieren. Mitten in der Schlacht verhandeln, ist ein Fehler. Wenn wir«ns mit dem Reich in Verhandlungen einlassen, schwächen wir unsere Stellung im Saargebict. In zweiter Linie würden solche Besprechungen sicher gegen uns ausgebeutet werden, besonders in Elsaß-Loth- ringen, wo die Hitler-Propaganda sich immer mehr aus- breitet. Dadurch würden wir innerpolitische Schmierigkeiten bekommen. Auch im Innern Frankreichs würden solche Ver- Handlungen eine schwächende Auswirkung haben. Hingegen würden sie in Deutschland der pangermanistischen Kampagne einen neuen Antrieb geben. Sie würden anßer- dem als ein neuer Sieg des Hitl«r»Regimes ausposaunt werden. Man würde sagen, da, wo andere nichts fertig brachten, hat es Hitler geschafft. In Italien, das zahlreiche Forderungen an uns vorzu- bringen hat, würde man durch unsere Schwäche dazu verleitet werden, ebenfalls zur Tat zu schreiten. Der Vatikan, dessen Politik durch unser Zögern beeinflußt würde, hätte einen ausgezeichneten Grund dafür, an der Saar nicht einzugreifen. Wir würden mit eigener Hand einen wesentlichen Teil des Bersaillcr Vertrages zerstören. In einem Wort: Die direkten Verhandlungen über die Saar, in die uns Hitler hineinziehen möchte, sind eine Gefahr. Wenn wir den friedlichen Kamps um das Saargebiet führen, mit Methode, mit Mut, unter Verwendung der nötigen Mittel und unter einheitlichem Kommando, wer- den wir ihn gewinnen. Gleichzeitig werben wir auf diese Weise den Frieden, den Völkerbund und den Freiheitsgeist stärken." J01 kauft schöne Diamanten, Perlen, Silber, Gold VERKAUrt Paris, 43, rue Lafayette. Expertise Deutsche Poliklinik Chefarzt Profr.ior WENSTEN I) SPEZIALXRZTLICHE ORDINATION Hir«angliche Art Erkrankungen. 2) INNERE Klinik 3) CBIRUrtUISCHE Klinik 4) GEBURTSHHPIICHE Klinik ===== ORDINATION: täglich von I bis 8 Uhr. Sonn, und Feiertag! von 10 bis 12 Uhr.— Englische Stimme zur Saarfrage • Der„Observer" hat einen Korrespon- denten in das Saargebiet entsandt.„Ob- server" ist das bedeutendste konser- vative Wochenblatt, einer der Hauptmit- arbeitcr ist Peter Garvin. Im„Observer" kommt in etwas zugespitzter Form die Meinung des„offiziellen" England zum Ausdruck, ohne daß die Zuschrift an die Regierung gebunden wäre. In dem sehr langen Bericht ist besonders interessant, was über die Katholiken an der Saar gesagt wird. So wünschen die Sozialisten, nicht zur Wahl zu gehen? aber, was überraschend ist. daß auch die Nazis nicht hingehen wollen. Die Sozialisten, die bestimmt vor einem Jahr sür Deutschland gestimmt hätten, werden 1985 fast sicher sür die Fortführung des jetzigen Regimes stimmen. Diese Stellung, welche die Katholiken einnehmen wer- den, ist Ungewisser. Kirchcnmäßig gehört die Saar zu den Bistümern von Trier und Speyer, von denen man erwarten kann, daß sie seit der Unterzeichnung des Konkordats in Deutschland ihren Einfluß zugunsten Deutschlands ausüben werden. Aber, obwohl die Katholiken-Partei an der Saar — welche in der Wahl zum Landesrat 1932 etwa 60 Prozent der Stimmen bekam, bei 29 Prozent Kommunisten und 12 Prozent Sozialisten— kürzlich ihre polttiiche Organisation aufgelöst hat,— die Entscheidung wurde nur mit geringer Mehrheit angenommen— gibt es Anzeichen dafür, daß die Katholiken an der Saar nicht völlig mit ihren Glaubens- genossen jenseits der Grenze übereinstimmen. Der Bischof von Trier ist nach Rom berufen worden und es wird vermutet, daß der Vatikan nicht eine so entschiedene prodeutsche Linie einn"n<">» r>^,nen konnte, und.»ach dem Vor'>»«"Vf"'':-"» Administrator einsetzen wird, der für die Abstimmungs- Periode die beiden Bischöfe ersetzen würbe. Der äußere Ausbruck der Nazi-Propaganda ist erheblich: aber die wirkliche Kraft in der Stimmenwerbung darf geringer eingeschätzt werden, wenn man sich erinnert, daß die Mittelklasse, durch welche sie sonst überall so erfolgreich ope- rierte, kaum 15 Prozent der Saarbevölkerung repräsentiert. So mag die Tatsache, daß alle Schaufenster der Fotografen in Saarbrücken voll von Bildern Hitlers und Görings sind, nicht so bezeichnend sein, wie es dem Besucher erscheint. Die Einwohnerschaft der Saar setzt sich in ihrer enormen Mehr- heit aus Industriearbeitern zusammen und fast kaum— nur zwei Prozent— aus Landwirten? und die große Mehrheit dieser Arbeiter sind Katholiken. Ich habe noch gar nickst von wirtschaftlichen Neberlegungen gesprochen, welche von Einfluß auf die Abstimmung sein könnten, weil es gewöhnlich als selbstverständlich genommen wird, daß politische, religiöse und nationale Gefühle am schwersten wiegen. Es gibt aber kaum Zweifel, daß die wirt- schaftlichen Interessen der Saar durch weniger enge Ber- bindung mit Frankreich leiden würden und wenig gewinnen durch engere Verbindung mit Deutschland. Ich habe von mancherlei Ueberlegungen gesprochen, die vielleicht die Saar- arbeitcr— sie sind ein ruhiges, besinnliches und nicht leicht erregbares Volk— beeinflussen können, nicht sür die Rück- kehr der Saar nach Deutschland zu stimmen. Die Motive, die Frankreich und vielleicht andere Mitglieder des Völker- bunds-Rates veranlassen mögen, vor der Zustimmung zur Rückgabe zu zögern, und auf bestimmte Garantien zu be- stehen, wenn die Rückgabe vollzogen werden soll, sind eine andere Sache. Die große strategische Wichtigkeit des Gebietes darf als politischer Punkt nicht unberücksichtigt bleiben Das Weckst der Einwohner, befragt zu werden, darf als eine Sache der Ehre nicht unberücksichtigt bleiben. Die Sicherung der Minorität darf als eine Sache der Gerechtigkeit auch nicht unberücksichtigt bleiben.— An- und Verkauf zantraleuropS sehet und südamerikanischer Devisen Effekten und REICHSMARK durch das Sankhaus Georges Peries S P. Michel 34 RUE LAFFITTE. PARIS IX TELEFON TAITBOUT S8-40 BIS 4S abhangt, die Kläger oder Beklagte zur SA. oder den Nazis haben. So ists auch bei den Schiedsgerichten, und die Rechts- stcherheit, die dem russischen Handel fehlt, fehlt jedem Aus- lander, der mit deutschen Behörden und Gerichten zu tun bekommt, da ja nun, wie mir berichteten, auch das Privat- recht gleichgeschaltet wird. Auf dentsdiem Boden ersdiossen Die Oesterreicher schuldig? Wien, 29. Nov. Wie die„Neue Freie Presse" aus Kitzbühel meldet, wnrden gestern aus der Eggenalm gemeinsam von einer österreichischen und einer deutscheu Kommission Er« Hebungen gepflogen. Es wurde eine Vermessung des Grenz« Verlaufs vorgenommen, deren Ergebnis dahin geht, daß sick Reichswehrsoldat Schuhmacher, als ihn die tödliche Kugel traf, aus deutschem Boden befunden hat. Die Blutlache be- findet sich, wie festgestellt wurde, auf deutschem Bode« in einiger Entfernung von der Grenze. 00 Jahre Zuch haus Schreckensurteil gegen Kommunisten Jin Breslau fand ein dreitägiger Hochverrats» prozeßgcgen 39 Kommuni st en ans Schmiebeberg im Riesengebirge statt. Er endete am Mittwoch mit dem Frei» spruch von sieben der Angeklagten und der Verurteilung von 23 Angeklagten. Die Haupttäter Höhn, Runge. Mosler. Richard Wagner, Zahn, Weist und Böhm wurden zu Zucht- ha us st rasen von zehn bis sechs Jahren und j« zehn Jahre Ehrverlust wegen Vorbereitung zum Hochverrat, teilweise wegen Verabredung zum Hochverrat oder wegen Verbrechens gegen das Sprengstoffgesetz ver» urteilt. Zwölf der Angeklagten erhielten Zuchthaus- strafen von fünf bis ein Jahr, und vier Ange- klagten wurden zu je einem Jahr Gefängnis v- ilt. Ins- gesamt verhängte das Gericht achtzig Ja Zucht» haus und vier Jahre Gefängnis. Es sah als.esen an, daß auch die Schmiebebexger Kommunisten einen oewasfneten Ausstand geplant hätten, der gleichmäßig in allen schlcsischen Orten zum Ausbruch kommen sollte. Insbesondere hatte man auf mehreren Fabrikanlagen Sprengstoffe und Waffen gestohlen, um so ein größeres Waffenlager zur Verfügung zu haben. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P l tz In Du»- wetler? für Inserate: Ctto Kuhn tn Saarbrücken. Rotationsdruck und Bet lag: Verlag»er Bolksfilmme GmbH„ Saarbrücken 8, Schlltzenstrahe 5. Die„Deutsche Freiheit" Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschland« mufj man regelmäßig lesen Herriot, Frankreichs Vertreter beim Völkerbund Edouard Herriot ist zum ständigen Vert>- ernannt worden. 's beim Völkerbund Senat Secken rnuenw ihirechf Im französischen Senat forderte Senator LouiS Martin, daß die Frage des Frauenwahlrechts auf die Tagesordnung gesetzt werde. Seit dem lö. Juli 1932 habe die Kommission, an die der Senat die Vorlage nach einer langen Debatte zurückverwiesen hatte, nichts gemacht. Da die Frist ab- gelaufen sei, verlange er, daß die Frage in der nächsten Sitzung, am 19. November, zur Diskussion gestellt werbe. Namens der Kommission erwidert ihm ihr Präsident, der sich gegen die Behandlung ausspricht und den Frauen vor- wirft, daß sie es so eilig hätten, weil sie an die Auflösung des Parlaments dächten und kandidieren möchten. sEin wahrhaft überzeugendes Argument gegen die Behandlung einer Gesctzesvorlage durch den Senat, die von der Kammer mit allen gegen eine Stimme angenommen wurde!! Senator Boche let tritt dafür ein, daß die Frage auf die Tagesordnung gesetzt werde und betont insbesondere, was sür eine Dummheit es sei, den Frauen das Wahlrecht aus Angst vor den Geistlichen zu verweigern. Die Radi- kalen, die die Mehrheit des Senats bilden, erinnert er an ihre Wahlversprechungen und an ihr Programm. Nachdem noch Senator Servez dafür und einer dagegen gesprochen, wird es mit 175 gegen 118 Stimmen abgelehnt, das von der Kammer schon beschlossene Fraucnwahlrecht ans die Tages- ordnung des Senats zu setzen. Parlelgcrldite Die Zeitschrift„Sowjetwirtschast und Außenhandel fNr. 19), die Halbmonatsschrift der Handelsvertretung der UdSSR, in Deutschland stellt fest:„In der letzten Zeit hat die Praxis der Schiedsgerichte, die in Deutschland die Streitfälle zwischen den Towjetorganisationen und den deutschen Firmen behandelt, eine vollkommen unzulässige, überaus einseitige Richtung angenommen. Diese Praxis besteht in dem Bestreben, die Sowjetorganisationen zu verurteilen und den deutschen Firmen selbst in den Fällen recht zu geben, wo diese ganz offensichtlich im Unrecht sind. Unseres Erachtcns entspricht eine solche einseitige Behandlung keineswegs den allgemeinen Interessen der deutschen Industrie, wenn auch vielleicht ein Urteil einer einzelnen Firma von Nutzen ist." Wir haben des öfteren bereits darauf hingewiesen, baß die deutsche Rechtsprechung einfach von den Beziehungen Bestellschein Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Unterschritt Verlag der„Deutschen Freiheit" Saarbrücken 3> Sdiützenstrafje 5■ Postschließfach 776 Umarbeitungen, Reparaturen und Neu anfertigungen zu billigsten Preisen. Ge- legenheiten in Persianer, Silberfüchsen FOURRURES„ELITE" 320, rue St.«Honoré, PARIS Telefon Opéra 87-71 NI. 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