Sînzîge unabhängige Tageszeîiung Veuischkands Nummer 148— 1. Jahrgang I Saarbrücken, Mittwoch, 13. Dezember 1933| Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inhalt Das çcafie ZcessescMacfuÇeld Seite 2 Jitutzeuqen aus Scnnenbucg Seite 3 Das Reich wicd. ausgehungert Seite 4 Rassenhämafe in Tlacdameciha Seite 5 J-nseeatenteiC beachten! Europas Diplomaten und Soldaten fronkreidis große anßenpoliUsdie Aktion Geist und Oewalt I« Berlin, in Paris und in London find die deutsch-französischen Beziehungen und die Abrüstungsfrage in neuen diplomatischen Gesprächen erörtert worden, ohne daß man einer Entspannung auch nur um einen Schritt nähergekommen wäre. Heber den Besuch des französischen Botschafters Francois-Poncct bei dem Reichskanzler besagt die deutsche Verlautbarung nur, daß über die verschiedenen schwebenden Kragen gesprochen worden ist. Ebenso zurück- baltenb ist die Meldung über die Unterredung zwischen dem Botschafter des deutschen Reichs in Paris Dr. Koester und dem französischen Außenminister Paul-Boncour. Tie deutsche Meldung verschweigt, dast sowohl in dem Berliner wie in dem französischen Gespräch die s r a n- zösische Regierung hat erklären lassen» dast die vom Reichskanzler aufgestellte» Korde- »ungen für Krankreich unannehmbar sind und also auch nicht die Grundlage von Ber- Handlungen bilden können. Im Lause beider fis«- spräche sind auch die militärähnlichen Berbände, also SA., EE. und Stahlhelm in die Erörterung gezogen worden. Der Reichskanzler hat in großen Wortlaskaden noch einmal nach- zuweisen versucht, daß seine Milizen für die Außenpolitik friedlichen Charakter tragen und nur die Aufgabe haben, de« inneren Keind niederzukämpfen. Wieder einmal hat die deutsche Regierung sich in beiden Unterredungen als das mächtige Bollwerk Europas gegen die„bolschcwiftisch-asia- tische Barbarei" aufgespielt, ohne mehr als skeptische Höf- I'chkeit bei den französischen Staatsmännern zu finden. Der Reichskanzler hat im Laufe seines großen Bortrags auch die Emigranten in den Kreis seiner Betrachtungen ge- zogen und dagegen protestiert, daß diese Elemente die deutsch- französischen Beziehungen, die er als deutscher Friedens- kanzler entgiften wolle, stören. Eine Auffassung, die geradezu kindlich ist, denn die französische Regierung weiß, wie gerade die letzten Kammerdebatten wieder gezeigt haben, die Inter- essen der französischen Republik wirklich ohne sremde Rat- schlüge ausgezeichnet wahrzunehmen. Inzwischen hat die feste Haltung der französischen Regie- rung die sich weigert, ohne klare und znverlässige englische Garantien und ohne Zustimmung ihrer östlichen Verbünde- ten, das sachliche Gebiet dentsch-französischer Gespräche zu betreten, in London zu Schwierigkeiten geführt. Der eng- lisch« Botschafter in Paris, Lord Ty rell, hat seine Ab- reise von London um mehrere Tage verschoben, weil er über die Abrüstungsfrage keine Einigung zwischen dem sranzösi- schen und dem englischen Standpunkt erreichen konnte. Er wird mit neuen Vorschlägen Macdonalds nach Paris zu- rückkehren, die wenig Aussicht aus Gegenliebe bei der fran- zösischen Regierung finden dürfen. Auch diese tiesen Met- nungsverschiedenheiten zwischen London und Paris hemmen die Entwicklung eines deutsch-sranzöstschen Gespräches. Inzwischen hat nicht nur das endgültige Vertrauensvotum in der Kammer sür das Kabinett Chautemps, sondern noch mehr der geistige Glanz und die freiwillige nationale Diszi- plin tiefen Eindruck in der ganzen Welt gemacht. Als Deut- scher kann man die französische Nation um die Festigkeit und die Geistigkeit ihrer parlamentarisch-demokratischen Vinrich- tungen nur bewundern und beneiden. Wir schließe« in diese Gedanken insbesondere die Anerkennung für die Haltung der beiden sozialdemokratischen Fraktionen ein. Frankreichs äußere Politik kann nun die Aktivität ent- wickeln, die man in den letzten Monaten an ihr vermißt hat. Gerade Berlin hat öster mit Hohn daraus verwiesen, daß die innerpolitischen Spannungen Frankreich hinderten, sich fruchtbar außenpolitisch zu betätigen. Mit pharisäerhaftem Stolz wurde dann stets auf den geschlossenen deutschen Re- gierungswillen hingewiesen. Nun steht der durch Terror er- zwungenen und daher sehr brüchigen dentschen Einheit eine ans freier nationaler Geschlossenheit erwachsende außenpoli- tische Aktion Frankreichs gegenüber. Bei diesem Vergleich gewinnt Frankreich nicht nur moralisch, es hat auch politisch seit einigen Wochen große Eroberungen in Eurova gemacht. Der deutsche«nd der dann folgende italienische Vorstoß ge- ge« den Völkerbund haben die mittleren«nd kleinen Völ- ker an die Seite Frankreich» gebracht. DaS sind immerhin hnndertfechzig Millionen Menschen, 50 Millionen mehr alS Deutschland und Italien zusammengenommen. Vereint sind auch die Schwachen mächtig. Die lebhaften Besuche im Osten künden dir wachsende Einigung der Klei- »en gegen die befürchtete Diktatur der Großen an. Der Rumäne Tituleseu und der Tscheche Benesch haben sich zu einer hochpolitischen Besprechung getrossen. König Boris von Bulgarien hat seinem alten Feinde in Belgrad einen Besuch gemacht. Benesch tritt seine Reise nach Paris an und Paul-Boncoor hat mitteilen lassen, daß ex selbst anschließend an die Reise von Benesch in die fran- zösische Hauptstadt die östlichen Regierungssitze Warschau, Prag, Belgrad und Bukarest besuchen werde. Durch das provokatorische Austreten Mussolinis und Hitlers ist Frankreich zur Schutzmacht der vielen mittleren und klei- nere« Völker Europas und zur tragenden Säule für den erschütterten Bau des Völkerbundes geworben. Rasch wechseln die Szenen in den großen außenpolitischen Kämpfen, die Europa voller Spannung erlebt. Ein tiefer Gegensatz aber bleibt: der Abgrund zwischen den politischen Staatssystemen der Demokratie und des Faschismus, die in den Hauptmächten Frankreich«nd Deutschland am stärksten ausgeprägt sind und sich unmittelbar gegenüber treten müs- sen. Es kommt daraus an, daß England wieder stärker als in den letzten Wochen spürbar gewesen ist, bekunden läßt, welche dauernde Gefahr vom Bolkswillen unkontrollierte machtwillige und gewalttätig Regierungen sür den bedroh- ten Frieden Europas bilde«. Es ist der sichere Instinkt der Schwächeren, die am meisten bei einem kriegerischen Znsam- menstoß zu fürchten haben, de» sie an die Seite Frankreichs treibt. Berlin macht die größeren außenpolitischen Gesten und tritt dramatisch aus. Frankreich üb« weit mehr Zurück- Haltung«nd erscheint deshalb oft genug als allzu zaghast und beobachtend. Immer wieder jedoch drängen Frankreich« Gegenstöße den saschiftischen Expansionswillen diplomatisch zurück. Diplomatisch! Die Sorge aller Europäer ist nur, ob dieses große und aufregende Spiel der Staatsmänner nicht eines Tages durch saschistische Soldaten beendet wird, wenn diese ihre Stunde sür gekommen glauben. Keine Verhandlungen" it Paris, 12. Dez. Nachdem die französische Oeffentlichkeit tagelang mit gespannter Aufmerksamkeit nach London ge- blickt hatte, wo der englische Botschafter in Paris aus Wunich der französischen Regierung um Verständnis für die zögernde Haltung Frankreichs in der Abrüstungsfrage und sür seine Völkerbundspolitik werben sollte, hat sich der Schwerpunkt des Interesses seit gestern nach Berlin verlegt. Die fran- zösische Presse bringt ausführliche Mitteilungen über Vor- geschichtc, Verlauf und mögliche Auswirkungen der aest- rigcn Unterredung zwischen dem Reichskanzler und dem französischen Botschafter in Berlin. Die offiziösen Blätter erklären, daß die bisherigen Besprechungen keine Verhandlungen seien, sondern nur der Feststellung dienen sollten, ob konkrete Verhandlungen möglich seien oder nicht. Dabei spielt wiederum die französische In- nenpolitik eine Rolle. Die der Regierung nahestehenden Zei- tungen bemühen sich, die konsequente Haltung Frankreichs gegenüber den deutschen Forderungen nachzuweisen, während oppositionelle Blätter wie das„Echo de Paris" die Regie- rung in Verlegenheit zu bringen suchen, indem sie eine überspitzte Darstellung der Meinungsver- schiedenheit geben.— Im Vordergrund des Interesses steht nach wie vor die Stärke des künftigen deutschen Heeres und die Anrechnung der verschiedenen Verbände. Unser„Kriegsplan" Noch eine kurze Antwort Wir haben gestern schon auf den Zweck der durch die Poli- zei- und Propagandaorgane der faschistischen Regierung in die Presse lancierten sogenannten„Enthüllungen" über die Sozialistcnkonfercnz in Paris hingewiesen: Mordhetze gegen die Sozialistenführer und der Versuch, die Gastländer gegen die Emigranten mobil zu machen. Der„Berliner Lo- kal-Anzeiger" ist so freundlich, daö offen zugestehen: Damit rücken die geflohenen Hetzer, die sich einst deutsche Sozialdemokraten nannten, völlig aus dem Bereich der Politik und werden einfach zu internattona- len Verbrechern. Solchen Elementen Gastsreund- schaft zu gewähren, ist eine gefährliche Sache. Die„Saarbrücker Zeitung" erzählt noch eine Ge- schichte von der„Abfuhr", die sich Höltermann auch in Saar- brücken geholt habe, alS er seine strategischen Pläne enr- wickelte: Haben die Sozialisten in Saarbrücken ihr eigene» Kops- schütteln vergessen? Dann seien sie freundlichst daran erin- nert, daß sie selbst von Höltermann al» dem„Phantasten" sprachen, al? er ihnen zum Beispiel seine Amsterdamer Pläne entwickelt hat. Wir können dazu nur sagen, daß Höltermann im Saar- gebiet weder vor einem kleineren noch vor einem größeren Kreise irgendwelche politischen oder militärischen Pläne ent- wickelt, überhaupt niemals an irgend einer offiziellen oder inoffiziellen Besprechung sich beteiligt hat. Die ganze Geschichte ist ein einziger Schwindel, und die Herren in Berlin wissen das auch sehr genau. Sie glaub: i nur, dadurch unserer politischen Arbeit Schwierigkeiten machen zu können. Darin werden sie sich täuschen. Bewaffnete Hitlerjugend Seitengewehr usw. Berlin, 12. Dez. Der Iugendführer des Deutsche« Reiches hat folgende Anordnung erlassen: In der Zeit der Machtübernahme ist es üblich geworden» daß von Angehörigen der Iugendverbändc zum Dienstanzug Waffen getragen werden(Seitengewehr usw.l. Hier- sür liegt kein Grund mehr vor. Ich verbiete daher mit sofortiger Wirkung allen Angehörigen der deutschen Jugend- verbände das Tragen von Waffen irgendwelcher Art. Dort wo die Rotivendigkeit besteht, eine Waffe zu führen, ist die polizeiliche Genehmigung hierzu einzuholen. Die Genehmigung zum Tragen des von mir ber Hitlerjugend und dem Deutschen Jungvolk verliehenen Fahrten- messerS bleibt von diesem Verbot unberührt. * AuS dieser Kundmachung geht hervor, baß 1. die Hitler- jugend mit„Seitengewehr usw." ausgerüstet ist, was sonst parteiamtlich abgeleugnet wurde, und 2. daß die Hitlerjugend ihre„Seitengewehre usw." behält: sie darf sie im Hinblick auf die Friedensbeteuerungen Hitlers an Frankreich nur nicht mehr öffentlich zeigen. Me stellt der Prozeß? Vor dem Wiederbeginn in Leipzig Das Beweisverfahren ist geschlossen. In dieser Woche beginnen die Schlußreden. Dann soll das Urteil folgen. Der absurdeste Prozeß der Weltgeschichte geht zu Ende. Seine Rätsel bleiben ungelöst. Ein ausländischer Jour- nalist, der der ganzen Verhandlung in Berlin beigewohnt hat, erzählt einiges über seine Eindrücke: Der Gesamteindruck ist auch bei der genauesten Beob- achtung verwirrend, denn das Ganze ist ein Spiel nicht nur mit verteilten, sondern mit verdeckten Rollen. Das. was den Prozeß so unverständlich und seine Probleme so unlösbar macht, ist, daß im ganzen VerHand- lungssaal keiner ist. der wirklich alle Zusammenhänge kennt. Manche wissen einiges, keiner weiß alles. Alle im Gerichtssaal auftretenden Akteure sind Mario- netten. Auch die Richter? Ganz gewiß. Der Vorsitzende Bünger und seine Bei- sitzer sind bestimmt nicht unparteiisch. Das heißt, sie waren von vornherein bereit, wie sie es in zahllosen andern Fällen getan hatten, die Kommunisten, an deren Schuld sie im allgemeinen glauben, auf jeden Fall zu verurteilen. Sie meinten, die Polizei werde ihnen, wie üblich, einen Schuldbeweis hinstellen und das Gericht werde, ohne sich darum zu kümmern, mit welchen Mitteln dieser Beweis zustande kam, ohne zu fragen, ob die Angeklagten wirk- lich schuldig sind, sie einfach nach der Anklage verurteilen. Sie waren ohne weiteres bereit, auch meineidige Krön- zeugen und erpreßte Geständnisse zu akzeptieren— das gehört zum Handwerk. Worauf sie nicht gefaßt waren, das ist, daß in dieser Sache soviel durcheinander und gegeneinander bewiesen werden würde, soviel unglaub- liche Regiefehler passieren— viel, viel mehr, als die Oeffentlichkeit erfährt—. weil auch diejenigen, die die Das große Presse-Stiiloditfeiti Disdidie im verzweiiinngshampt für die katholischen Zeitungen In allen deutschen Gegenden tobt der Konkurrenzkampf zwischen der nationalsozialistischen Presse und dem,>vas von anderen Zeitungen noch übrig geblieben ist. Mit der größten Rücksichtslosigkeit wird die braune Macht eingesetzt, um den Naziblättern Abonnenten und Inserenten zu sichern und den anderen die materielle Existenzgrundlage zu nehmen. Hin und wieder hört man, daß von einer zentralen Stelle aus den bürgerlichen Verlegern Selbständigkeit und Lebcnsmög- lichkcit zugesagt wird. Die unteren Instanzen aber kümmern sich nicht darum. U eberall lie st manAufruse und Gegcnaufrufe.bie denNicdergang des deut- scheu Pressewesens m i si t ö n i g begleiten. Der Verlag der„Pi r m a s e n s er Zeitung" wendet sich am 2. Dezember mit einem Vcrzweiilungsaufruf an seine Leser. Falsche Behauptungen, dasi die Bevölkerung verpflichtet sei, die betreffende Zeitung zu bestellen und dasi die Pirmascnscr Zeitung am 1. Januar 1934 ihr Erscheinen einstellen müsitc, kämen ihr täglich zu Ohren. Von amtlicher Stelle wird überall auf die Beamten ein Druck ausgeübt, die zuständige Nazizcitung zu abonnieren. Auch alle Amts- stellen müssen sie nach einer Verfügung des Rcichsinnen- ministers Dr. Frick neben dem offiziellen„Völkischen Veob- achter" halten. Wehe dem Kaufmann und dein Kleinhändler, der das örtliche Naziblatt nicht bezieht! Weigert er sich, den entsprechenden Aufforderungen Folge zu leisten, so ist er verdächtigt und wird geächtet, was immer mit Androhung wirtschaftlicher Nachteile verbunden ist. » Am schlimmsten tobt der Pressckamps in katholischen Gegenden. Hier stehen die Aufforderungen der national- sozialistischen Gauleiter in unverändertem Gegensatz zu den Ausrufen dcrBischöfe, dasi die Katholiken katholische Zeitungen lesen sollen. Der Gauleiter Wagner des Gaues Westfalen-Süd wagt diese Sprache: „Mit plumper Dreistigkeit unternehmen eö in der letzten Zeit gewisse Elemente, die schwer erkämpfte Einheit zu zersetzen. Man scheut sich nicht, politische Ten- denzen in die Kirche hineinzutragen: mit Ausrufen wie „Katholiken, lest katholische Zeitungen"—„Protestanten, lest protestantische Zeitungen" oder„Bürger, lest euer Heimatblatt", versuchen sie den Ungeist der Zwietracht zu schüren und Prosit« cinzu- heimsen..."Wer also auf obige Art und Weise ton- fesstonelle oder sonst irgendwelche Gegensätze und Spal- tungen in die durch Adolf Hitler am l2. November der, gestellte Volks- und Rotgcmeinschaft der Deutscheu trägt, ist ein Bolksverderber und wird als solcher behan» belt. Die Bevölkerung ist verpflichtet, diese Dunkel- männer namhaft zu machen, damit sie zur Verantwortung gezogen werden können." Mit anderen Worten: Schutzhaft und Konzentrations- lager drohen denjenigen, die es in Westfalen wagen, den Geboten der Bischöfe zu folgen nnd für die katholische Presse zu werben! Fast noch deutlicher als Herr Wagner ist Gau- bctricbszellenobmann Stei n, M. d. R. In seinem Aufruf heißt eS: „Mögen jene unparteiischen neutralen Blätter sich nationalsozialistischer gebSrden, als unsere amtliche Zet- tnng, mögen sie es tun, wir lachen darüber, weil wir wissen, daß sie immer die Fahne nach dem Wind gedreht haben. Der Nationalsozialismus wird jetzt von der unparteiische» neutralen Presse als G c s ch S s t betrieben." Man kann nicht leugnen, daß darin viel Berechtigung liegt. Nur finden mir bei geauer Beobachtung der nationa- sozialistischen Presse, dah sie die G e s ch ä s t e m a ch e r c haarscharf den anderen abgeguckt hat und da« sie sich heute mit ihren Anzcigenplantagen kommerziell- kapitalistisch außerordentlich behaglich iühlt. Immer schärfer und immer deutlicher wer- den zur gleichen Zeit die Mahnungen der Bischöfe. Zum Erzbischof von Köln hat sich jetzt der Trierer Bischof Dr. Borne wasser gesellt, der auch'»r das Saargebiet zuständig ist. Bornewassers Mahnrut ivendet sich mit den schärfsten Worten gegen die national' sozialistischen Werbemethodcn und rust dann die Katholiken auf:„Lest katholische Zeitungen! Ich rufe das Euch 5» im vollen Bewußtsein meiner heilige» Bischofspflicht und in tiefster Sorge um die Ver- tiefung des katholischen Glaubenslebens: Ob ich nun ein„V o l k s v e r r ä t e r", ein„B o l k s' verderbe r", e«n„Verräter" an der„deutschen E«m heit" bin— darüber mögen meine gerecht gesinnten D»o« zesanen urteilen, die mein Lehen»ad Wirten seit dal» zwölf Jahren kennen. Es gibt eine katholische Presse auch wenn sie den Titel„katholische Zeitung" nicht med* tragen dars. Nicht der Titel macht die Zettung katholtsch- sondern der Geist, der sie beseelt." Nach diesem Geist fragen die nationalsozialistischen Gau- leiter und Amtswalter wenig. Eine scharfe antitatholiscke Tendenz bricht immer deutlicher durch, für die dieser Presse- kämpf nur Kulisse ist. Irgendeine Lösung dieses StrcitS ist nicht sichtbar, zunial er vom„katholischen" und vom „nationalsozialistischen" Kapital, das in Presseunterneb- mungcn investiert ist, geschürt wird. Dort freilich stehe» nur die ermattenden Worte der Priester, hier die hatzö' gräflichen Mächte des Terrors als. Helfer zur Seite. Katholisches Kirdienhlatt gegen Sdilradi Das...Katholische Kirchenblatt kür da« BIS- tum Berlin" setzt seinen unerschrockenen Kampi gegen die aus dem Nationalsozialismus kommenden antikatho- tischen Tendenzen fort. Neuerlich wendet sich das Blatt gegen den Iugendsührer Baldur v. Schi räch, der auf der letzten Tagung der Hitlerjugend sagt«:„Wir Hitler- jungen kennen keine trennenden Konsesstonen, wir sind uns auch einig im Glauben." Mit diesen Worten erneuere Baldur v. Tchirach das bereitb in Frankfurt geprägte Ein- hcitsbekcnntnis der Hitlerjugend, das durch die Worte aus- gesprochen wird:„W ir verbinden Gott und Deutschland zum Begriff des Heiligsten. Die Schranken der Konfessionen werden mit unS fallen." Die katholische Kirche, die katholischen Eltern und die katholische Jugend sollen, führt das Kirchenblatt au», gestützt aus-ihr Pflichtgefühl, einen deutschen EinheitSglauoen, der eine Vernichtung der Konfessionen bedeutet, mit aller Klar- heit und Entschiedenheit ablehnen. Dessauers Diffamierung rnrch! des Verteidigers vor nalionalsozlalisllscliem Terror Jeder weitere Tag deS BolkSvereinsprozesses beweist, dasi die Verhandlungen lediglich der Diffamierung des führenden Katholiken und früheren Zentrumöabgeordnelen Prof. Dr. Deikauer gelten sollen. Der finanzielle Untergrund der Anklage ist ganz verlassen ivorden. Es geht nur nvch um die Frage der politischen Gesinnung und Haltung DcssauerS. die als landesvcrrüicrisch nachgewiesen werden soll. Infolge- dessen hat der Frankfurter Verteidiger Professor Dessauers, Dr. Everhard sein Mandat niedergelegt. Er habe, so sagte er nicht voraussehen können, daß der Prozesi sich so politisch entwickeln werde. Daraus geht hervor, dasi Dr. Everhard ein früherer Zentrumbman», sich fluchtet, die Verteidigung seines so großen politiichen Belastungen auSgcsctz- ten Klienten weiter zu behalten. Er fürchtet um seine Exi- stenz. Der Staatsanwalt ist auf den komischen Einsall gekommen, die K r i e g S i ch u l d s r a g e vor einem deutschen Amts- grricht klären zu wollen Er hat Herrn Krupp von Bohlen und Salbach als Zeugen dafür laden lassen, dasi die Firma Krupp vor Kriegsausbruch nicht besonders auf KrtegSliefcrnngrn eingestellt ivar. Krupp von Bohlen und Halbach hat das beschworen und außerdem zeugeneidlich eingehende Aussagen über die mangelhafte Rüstung Deutsch- lands an Sprengstoff gemacht. Die Verhandlung wandte sich dann eingehend dem Buche zu. das der frühere Krupp- Direktor Dr. Wühlen während des Krieges gegen die deutsche Kriegspolitik herausgegeben hat. Die Anklage be- hauptet. dasi Professor Dessaner die Ueberzeugunq MnhlonS geteilt und vertreten habe. Dessaucr selbst bestreitet das und erklärt, dasi er im Gegenteil Dr. Mühlon wegen dieses Buches Vorhaltungen gemacht habe. Im Zusammenhang damit kommt es zu einem außer- ordentlich scharfen Zusammenstoß zwischen dem Staatsanwalt und dem Angeklagten. Der Staatsanwalt erklärt:„Die Anklage streitet Ihnen eine patriotische Ge- s i n n u n g a b. Wir haben guten Grund zu der Annahme, daß Tie bei Ihren Reisen nach der Schweiz einer der Ver- trauten und Hinter männer Mühlons gewesen sind. Mithlons Gesinnung war auch die Ihre." Professai Dessaucr ruft erregt auS: Da S ist nicht wahr! Ich bin nur einmal bei Mühlon gewesen nnd habe ihm damals Vorhaltungen gemacht." Staatsanivalt:„Dasi Tie da» Buch„Verheerung Europas" nicht gelesen hätten, können Tie doch keinem Men- schen weismachen. Tie Anklage ist davon überzeugt, daß Sie de» öfteren bei Mühlon in der Schiveiz waren und daß Sie mit ihm über das Buch gesprochen haben." Der Vorsitzende erinnert bei diesem Punkt daran, daß die Verhandlungen bereits ergeben hätten, b«ß Dessaner von dem Pazifisten Förster abgerückt sei u»b daß er sich in einem ausführliche» Schreiben auch scharf gegen de» Separatismus gewandt Hab«. Tarauf crividcrt der Staatsanwalt, Dcssauer habe lediglich für seinen Staat, für den Staat von Weimar gekämpft, und er habe sich auch deswegen dagegen gewandt, dasi er von d i c s e m s c i n e m Staat durch die separatistischen Ilmtriebe ein Stück abgetrennt werde. Von Förster sei er ab- gerückt, weil dieser vaterlandsseinblich« Mensch für jede« Deutschen unmöglich geworden war. Wenn Dessaucr wirk- lich an den« Krieg hätte teilnehmen wollen, so hätte er als einfacher Soldat bei der Armee etntreien können, und nicht als Führer eines Röntgentrupps ivie er beantragt hatte. Dessaucr erwidert sehr bestimmt, daß alle feine Hand- hingen und Schriften von der Anklage nur in belastendem Sinne ausgelegt würden. Dagegen sei er wehrlos. Dasi er zweimal sich in Menschen geirrt habe, nämlich in Dr. Hohn sDirektor des VolkSvereinS) und Mühlon. gebe er zu. aber dies sei doch k e> n V e r b r e«h e n. Weder Menich noch Schriften könnten Zeugnis gegen ihn ablegen, daß er irgendwie gegen das Vaterland gehandelt habe. Hierauf wird die Verhandlung aus Dienstag vormittag vertagt. Anklage vertreten, die Dinge nicht völlig durchschauen uns nicht in alles eingeweiht sind. Man hat in manchen Fällen deutlich gesehen, wie entsetzt die Richter selbst über manche Aussagen waren, die andre Beweismittel völlig erschütterten: das stieß ihren eigenen Glauben um— den Glauben an die ordentlich fabrizierte Anklage. ._... lister internationale Untersuchungsausschuß, der den sogenannten„Gegenprozeß" durchgeführt hat, hat soeben eine kleine Schrift erscheinen lassen(„A nklagegegen oie Anklage r". herausgegeben vom Weltkomitee für Ole Opfer des Hitlerfaschismus, Verlag Edition du Carre- four, Paris 1933), die sich nur mit einigen der krassesten Ungeheuerlichkeiten beschäftigt und die Anklage mit ibren eigenen Widersprüchen konfrontiert. Insbesondere unter- sucht sie an Hand der vorliegenden Zeugenaussagen, des Lokalaugenscheines und der Sachverständigengutachten das angebliche Verhalten van der Lübbes im Reichstagsgebäude. Die Zusammenstellung ergibt, daß van der Lübbe für die Brandstiftung im ganzen nur 11bis14Minuten Zeit gehabt hat. In dieser Zeit aber soll er eine Serie von Handlungen vollbracht haben, die, wie die genaue Aneinanderreihung ergibt, mindestens 41'/, Minuten, normalerweise 83 Minuten, gedauert haben muß. Die 197 verschiedenen Handlungen sind der Reihe nach genau aufgezählt: die Unmöglichkeit, daß van der Lübbe allein den Brand gelegt haben kann, ist erwiesen. Er hätte dabei zahlreiche Gänge durchlaufen und mehrere Türen öffnen müssen. Einzelne dieser Türen waren ver- sperrt: er hätte die Schlüssel holen, die Doppeltüren öffnen und wieder mit Schlössern und Riegeln versperren müssen denn die Türen wurden verschlossen gefunden. Dabei wor es im Reichstag stockfinster— und van der Lübbe ist halb blind! * Diese Erörterung führt unser Gespräch auf das Ver- halten van der Lübbes im Gerichtssaal. Mein Freund lehnt die Ansicht ab, daß van der Lübbe vergiftet oder daß er hypnotisiert sei. Er ist der Meinung— und er beruft sich dabei auf ärztliche Urteile, die seine person- lichen Beobachtungen ergänzen—, daß es sich um einen Fall von Schizophrenie sBewußtseinsspaltung). einer durchaus nicht seltenen Geisteskrankheil, handle, bei der es auch„lichte Momente" gibt. Van der Lübbe ist also ein ..Halbdummer", der manches versteht und das meiste, soweit seine Geisteskräfte reichen, aufrichtig, ja mit einer gewissen starrsinnigen Ueberzeugung beantwortet. Er glaubt, was er sagt. Zum Beispiel glaubt er, daß or den Reichstag allein angezündet hat— und ist stolz darauf. Aber er hat es doch, wie wir eben festgestellt haben, nicht allein getan? Gewiß nicht. Nach dem Zeitablauf, der Oertlichkeit und nach dem Gutachten der Brandsachverständigen ist das n b s o I u t u n m ö g I i ch. Das ist eben das Rätselhafte an der Sache. Und wie erklärt man sichs? Oh, es gibt verschiedene van-der-Lubbe-Theorien. Die Hypnosetheorie haben wir schon erwähnt und fallen- gelassen. Es gibt andre, phantastischere und glaub- würdigere. Vor allem darf man nicht vergessen, daß van der Lübbe, der im brennenden Reichstag verhaftet wurde, gar nicht weih, was seither in der Oeffentlichkeit vor- gegangen ist. Er weiß nut, was vorher war: er hat keine Ahnung von den politischen Zusammenhängen. Er kennt höchstens die Leute, die ihn zur Brandstiftung ermuntert haben: er hält diese Leute wahrscheinlich für Komm uni st en— und es waren Nazi. Keinen einzigen dieser Leute hat man im Gerichtsjaal gesehen. Die Lockspitzel der Nazi hätten ihn also... Jawohl. Ist Ihnen nicht aufgefallen, daß sich aus der Rekonstruktion des Weges van der Lübbes im Reichstag und dem Gutachten der Brandsachverständigen zwei verschiedene Arten von Brandherden er- geben? Tie einen, die van der Lübbe mit seinen Kohlen- anzündern gelegt haben dürfte: das waren armselige Feuerchen, ähnlich jenen, d>e er in andern Gebäuden ge- legt hat, die leicht gelöscht werden konnten. Das andre war der Riesenbrand im Plenarsaal, mit einer chemischen Flüssigkeit erzeugt, von dem der Sachverständige aus- drücklich sagte, daß van der Lübbe nichts mit ihm zu tun hatte. Nur er meint, daß es sein Feuer war. In Wirk- lichkeit haben die Brandstifter, die durch den unter- irdischen Gang kamen und überall dort leicht Zutritt hatten, wohin van der Lübbe in der kurzen Zeit unmög- lich gekommen sein kann, gewartet, bis sie wußten, er sei im Gebäude. Und dann... Also zweierlei Brandstiftungen? Ich sagte Ihnen ja: das ist eine von den Theorien und nicht die unwahrscheinlichste... * Wir hatten gerade den unterirdischen Gang erwähnt, der von Dörings Palais in das Reichstags- gebäude führt, und durch den die Brandstifter gekommen sein müssen. Einer jener Zwischenfälle, erzählte mein Freund, die den Gerichtshof außer Konzept brachten und die viel zu wenig bekannt geworden sind, war. als der Nachtportier des Göringschen Palais. Adermann, angab, er habe schon vorher auf dem Bang mehrmals zur Nacht- z e i t S ch r I t t e gehört. Er hat daraufhin an den Türen Bindfaden angebracht: am nächsten Morgen waren sie z e r r i s s e n— die heimlichen nächtlichen Besuche im Gang waren e r w i e s e n. Er hat dies seinen Vorgesetzten gemeldet: geschehen Ist nichts... Das alles hat der Mann in offener Verhandlung ange- geben! * Wir sprechen von den andern Angeklagten. Torgler, sagt inein Gewährsmann, ist still und nüch- tern wie ein deutscher Bankbeamter. D i m i t r o s f da- gegen wirkt wie— nun wie ein aus Sibirien entflohener Bombenrevolutionär der Vorkriegszeit. Ein unbändiges Temperament. Er beherrscht den Saal. Sein Draus- gängertum bringt ihn sogar manchmal um eine Chance, die er bei ruhiger Ueberleaung besser hätte ausnützen können. Er bringt die Richter zum Rasen— aber er imponiert jedem, der ihn hört. Alle andern Angeklagten verblassen gegen ihn: man darf freilich nicht vergessen, daß auch Torgler gleich verhaftet worden ist und daher nicht weiß, was seither draußen geschehen ist. nichts weiß, als wag in der Anklage steht. Dort steht, die Kommunisten hätten den Reichstag angezündet. Dagegen wehrt er sich. Dimitroff ist später oerhaftet worden: der weiß schon mehr... Aber er ist auf jeden Fall ein fabel- hafter Kerl. Und das Schicksal, das ihnen allen droht? Mein Gewährsmann zuckt die Achseln. Er halte es für ausgeschlossen, daß selbst dieses Gericht Torgler und die Bulgaren wegen des Brandes verurteilt, mit dem sie so offenkundig gar nichts zu tun haben. Deshalb hat man sich ja im letzten Teil des Prozesses so angestrengt bemüht, die kommunistische„Verschwörung" zu beweisen. Man wird sie wahrscheinlich wegen Hochverrates ver- urteilen und sie in ein Zuchthaus verschwinden lassen— oder in ein Konzentrationslager... ... Armes Deutschland, in dem das Zuchthaus fast noch die bessere Aussicht ist! Sechs lote eines inrchfboren nngzengnnglHcK Berlin, 11. Dezember. Das planmäßige Berkehrsflug» zeug D 1403 der Strecke Berlin Hamburg ist heute nach- mittag bei der Landung ans dem Flughasen Fuhlsbüttel infolge plötzlich stark verschlechterter Sichtverhältnisse gegen ein Hindernis geraten und verunglückt. Dabei kamen der Flug- zcngliihrer Grntzbach und drei Fluggäste. der Präsident des Reichserbhosgerichts in Celle, Staatsrat Wagemann, sowie et» amerikanisches Ehepaar Barber«ms Leben. Die übrige» sechs Insassen erlitten Verletzungen. Von ihnen sind zwei im «rankenbans gestorben, nnd zwar der Fuukmaschiuift Wien und ein Fluggast Schuarrenbcrger. »> Am Montag abend legten die nationalsozialistische» Reichs« tagsabgeordneten im Plenarsaa ld«s Preußische» Laadtags vor dem Führer den Treueid ab. Blutzeugen aus Sonnenburg Zweite Sitzung des Untersuchungsausschusses zur Aufk'Krung und Verhinderung des Terrors in Hitler»DeufschIand lInpreß.) Der Untersuchungsausschuß zur Aufklärung uno Verhinderung des Terrors in Hitler-Deutschland tagte in semer zweiten Sitzung im Saal der Société pour l'encouragement(le I'Inaustrie unter dem Vorsitz des berühmten französischen Biologen von der Sorbonne. Professor Prenant. Diese Sitzung war eine neue ungeheure Sensation. Neben dem früheren Sekretär der Liga für Menschen- rechte in Berlin, dem heutigen Leiter der demokratischen Flüchtlingsfürsorge in Prag, Kurt Großmann, und eineni Internierten aus dem Konzentrationslager Neusustrum bei Papenburg wurde ein Zeuge vernommen, der sieben Monate lang im Konzentrationslager Sonnenburg ein- geschlossen war. Dieser Zeuge gab einen grauenerregen- den Tatsachenbericht aus dem Höllenlager Sonnenburg, über das Schicksal der rund 1000 Internierten, unter denen sichderfrühereHerausgeberder„Welt- bühn e".Carlo. Ossietzky.derSchrift st eller Erich Mühsam, der Rechtsanwalt Dr. Litten und die früheren Kommuni st ischen Abge- ordneten Kasper, Stöcker, Rechtsanwalt Obuch und Schneller befanden. Weiter enthüllte der Zeuge, wie ausländische Jour- nalisten getäuscht werden, wenn sie das Lager besuchen: er gab eine detaillierte Schilderung über die Manöver der Leitung des Konzentrationslagers beim Besuch des französischen Journalisten Jules Sauer- wein, der dasLager als Korrespondent des »Paris Soir" besuchte. 270 Protokolle Als erster Zeuge trat Kurt Großmann nor. Er erklärte, daß jeder Fall eines Geflüchteten, der mißhandelt worden war, in der Prager Flüchtlingssürsorge protokollarisch fest- gehalten werde. Das Protokoll eines jeden Falles werde zurückgelegt, bis die Angaben des Flüchtlings durch die Mit- teilungen eines weiteren Geflohenen aus dem gleichen Lager bestätigt würden. Man gehe also mit der größten Gcnauig- keit und Sorgfalt vor. Unter 2 70 aufgenommenen Protokollen hätten sich nur zwei ergeben, deren An- gaben nicht bestätigt wurden und eins, das als unwahr- scheinlich ausgeschieden wurde. Es bestünden demnach in der Prager Flüchtlingsfürsorge 267 bestätigte und un- widerlegbare Protokolle über schwere Terrorfälle in Hitler-Deutschland. Ueber daö Schicksal des Schriftstellers Kurt H i l l e r teilte Großmann mit, daß Hiller trotz schweren Magen- und Herzleidens zum Exerzieren bis zur Erschöpfung heran- gezogen und besonders schikaniert und beschimpft wird. Der Marsch ins Konzentrationslager Ter nächste Zeuge, der seinen Namen nicht nennen kann, weil Angehörige von ihm sich noch in Teutschland befinden, der sich jedoch vor dem Untersuchungsausschuß legitimiert hat, teilt mit, daß er am 28. Februar 10.83, in der Nacht des Reichstagsbrandes, verhaftet wurde. Sogleich bei seiner Verhaftung erhieli er Schläge ins Gesicht, Fußtritte in den Leib und Rücken, so daß er schon im Flur seiner Wohnung zusammenbrach. Im April wurde er mit anderen Gesänge- nen aus dem Berliner Gefängnis auf den Schlesischen Bahnhos gebracht und von dort ins Konzentrationslager Sonnenberg überführt. In Sonnenberg wurden sie von SS., mit Karabinern bewaffnet, empfangen, ins Gesicht geschlagen, mit schweren Stieseln aus die Füße getreten, mit Karabinerkolben derart geschlagen, daß er, der Zeuge, wochenlang Nierenschmcrze» hatte. Tie Häftlinge mußten sich in Kolonnen gruppieren, in außerordentlich raschem Tempo im Gleichschritt durch Tonnenburg marschieren: man befahl ihnen, das Deutschlandlied zu singen. Wer bei dem raschen Schritt nicht mitkam, wurde gestoßen, getreten und geschlagen. Am nächsten Tag berichtete die Svnnenbnrger Nazi- zeitung, daß die Gefangenen aus dem Marsch ins Konzentrationslager begeistert das Deutschlandlied ge- sungen hätten. „Wir hielten uns die Ohren zu" In Sonnenburg angekommen, erzählt der Zeuge, wurden die Gefangenen sofort den nationalsozialistischen Peinigern unrettbar ausgeliefert. Noch in ihren Zivilkleidern, mußten sie rund 80- bis l0»mal die bekannte Kasernenhos-Tortur exerzieren- Aufstehen— Hinlegen: zahlreiche Häftlinge brachen zusammen. Dann wurden sie zu einer Arbeit ge- „Personensclunugger Ueber die dänische Grenze... DaS nationalsozialistische Wolff-Büro bringt folgende Meldungen: Umfangreicher marxistischer Personenschmuggel an der dentsch-dänischen Grenze ausgedeckt. Zahlreiche Verhaftungen. wtb. Schleswig, li. Dez. Wie von der Regierung amtlich mitgeteilt wird, ist es der Hamburger und der Flensburger Kriminalpolizei gelungen, einem umfangreichen Personen- schmuggel von deutschen„Flüchtlingen" nach Dänemark aus die Spur zu kommen. Volksfeindliche Elemente in Hamburg und in anderen deutschen Städten hatten ein Versahren aus- geklügelt, mit dem sie jederzeit Flüchtlinge aus Deutschland über die sogenannte„grüne Grenze" nach Dänemark schaffen konnten. Die Flüchtlinge wurden von Hamburger Funktio- nären und bestimmten Personen nach Flensburg überwiesen, wo sie sich unter Angabe des geltenden Sprichwortes mel- deten. In Flensburg gelangten die Flüchtlinge dann an die Leute, die das eigentliche Hinüberschaffen über die dänische Grenze bei Nacht besorgten. * Soweit die Meldung des nationalsozialistischen Sorrespon- denzbüroS. Abgesehen von der Tendenz d'eseS Berichtes, abgesehen von der Niederträchtigkeit und gehässigen Stellung- »ahme gegen deutsche Republikaner stellen wir dazu sol- gendes seft: Deutsche Volksgenossen werden ihr deutsches zwungen, die sich allen als„Strohwalzer" grausam ein- geprägt hat: sie mußten Stroh für ihre Lager heranschassen, dabei eine Doppelkette von SA.-Lcuten passieren: sie wurden dabei mit Stahlrutcn, Gummiknüppeln, Karabinerkolben und Stuhlbeinen malträtiert: wieder brach eine Anzahl der Internierten zusammen „Man hat sich." sagte der Zeuge,„ein Foltersystem er- sonnen: ein System, sage ich: es ist notwendig, von einem System zu sprechen. Nicht nur. daß die Häftlinge dem rohestcn militärischen Drill unterworfen werden, daß sie über die Höfe gejagt und zu Boden geschlagen werden, daß sie mit ausgerissenen und blutenden Händen vom Exerzieren kommen: daß die Mißhandlungen gesteigert werden, wenn irgendwo illegale Druckschristen beschlagnahmt worden sind — man legt Ohnmächtige aus oie Rücken zweier Gefangener, die aus allen Vieren von der einen Seite des Hofes zur anderen vorwärtskriechen müssen. Ja, man veranstaltet sogar einen Wettbewerb zwischen solchen Zweiergruppen, die Ohnmächtige befördern: wer die Umfassungsmauern zuerst erreicht, wird von weiterem Exerzieren entbunden. Aber all das ist gering gegen die Folterungen, die an den neu Eingelieferten verübt lverden. Täglich kamen 8 bis 30 neue Gefangene. Sie wurden in die als Folterzellen berüchtigten Kellerzellcn des Ost- und Westflügels geworfen. Schreie, Hilfe- und Schmerzensrnsc durchreißen jeden Morgen und jeden Abend die Luft: die Zelleninsasien, die von den Fol- terungcn an diesen Tagen ve<' r-'"mt bleiben, halten sich die Ohren zu und werfen sich D> über den Kopf, um die Schreie nicht zu hören.. Ohnmächtige, Tote und... Zuchthäusler „Ich habe Gefangene gesehen," fährt der Zeuge fort,„die von Frankfurt-Oder und Fürstenwalde nach Sonnenburg überführt worden waren. Die Nazis hatten ihnen auf ihre Arme Hakenkreuze eingebrannt und eingeschnitten: die Narben waren noch nach Monaten ein schreckliches Zeugnis der unmenschlichen Behandlung. Ich habe eine Provokation der Svnnenbnrger Wachmannschaft erlebt, als der Komman- dant Siegmund abberufen werden sollte und seine Nützlich- keit beweisen wollte. Er ließ von einem SA.-Mann auf eine Türe des Lagers eine oppositionelle Parole schreiben: er befahl Strafexerzieren: er ließ die Gefangenen jagen, hetzen, blutig schlagen und erzielte das Resultat, daß 41 Männer ohnmächtig ins Lazarett befördert werden mußten. Man spekulierte aus eine Meuterei, und währenddessen stand eine Gruppe SA. und SS. mit Karabinern und Maschinengewehr in Bereitschaft... Am 11. August wurde eine Gruppe sozialdemokratischer Arbeiter eingeliefert und furchtbar mißhandelt: ein sozial- demokratischer Funktionär aus Frankfurt-Oder erhängte sich in der ersten Nacht. Bei den Folterungen tat sich ein SA.- Mann Müller hervor, der gleichfalls aus Franklurt-Oder stammte. Haß, Rache und persönfiche Vergeltung waren die Triebfeder der Bestialität. Zuchthäusler, die ehedem in Sonnenburg wegen Einbruch, Urkundenfälschung und ande- ren kriminellen Delikten eingekerkert waren, wurden zur Bewachung und Folterung politischer Gefangenen vcr- wandt..." Karl v. Ossietzky Ueber da S Schicksal Karl o. Ossietzkys, des früheren Herausgebers der„Weltbtthne" und repräsentativen pazisi- stischen Schriftstellers, erfuhr man aus dem Munde des Zeugen erschütternde Einzelheiten. Der Zeuge war fast täg- lich mit Ossietzky in der Freistunde zusammen. Ossietzky ist körperlich außerordentlich geschwächt, er ist abgemagert, geht gekrümmt und wird trotz seines schweren Herzleidens„wie ein Hund über den Hof des Lagers gejagt". Der Arzt er- klärt zynisch, daß er den Dienst mitmachen könne. Die schmutzigsten Arbeiten, wie Latrinenreinigen und dergleichen werden ihm zugewiesen. Ossietzky wird verspottet und ver- höhnt. Wenn ihm, erklärt der Zeuge, und dem kommunisti- schen Abgeordneten Kasper keine Rettung von außen komme, würden sie elend zugrunde gehen. Die Regierung ist schuld „Weiß die Regierung um diese Zustände?" wurde der Zeuge gefragt.„Ist Ihnen bekannt, ob die Regierung die Torturen, die an den Häftlingen verübt werden, duldet?" „Die Regierung weiß es," erklärt der Zeuge,„sie dulde: es, sie billigt es. Durch Kompeienzstreitigkeiten ist einer der Martersälle offiziell zur Kenntnis von Hitler, Göring und dem Inspektor der Geheimen Staatspolizei, Ober- regierungSral Diehls, gelangt. Man hatte drei Juden eingeliefert, den Vater mit seinen zwei Söhnen: sie wurden eine Stunde lang„verhört": dann waren sie nicht wieder zu erkennen. Die Gesichter aufgequollen, der Vater, ohnmächtig, Vaterland nicht deshalb fluchtartig verlassen, weil das„dritte Reich" paradiesische Zustände gebracht hat, sie sind gezwungen, ihr Baterland zu verlassen, um sich vor dem Konzentrattons- lager und dem ungeheuren Terror, vor den Mißhandlungen zu retten. „Erltfngk" sJnpreß.l Der nationalsozialistische„Führer" schreibt:„In letzter Zeit konnten einflußreiche kommunistische Funktionäre festgenommen werden. Der im ganzen Land unter dem Deck- namen„Rolf" bekannte und gesuchte Leiter der kommu- nistischen Landpropaganda wurde im September verhaftet, jedoch entzog er sich der Verantwortung dadurch, daß er sich alsbald nach seiner Festnahme und Einbringung hier im Polizeigcfangenenhaus erhängte." Da dieser Mordbericht den Stempel der Lüge zu deutlich an der Stirn trägt, rückt selbst der„Führer" sofort in Ber- tcidtgungslinie:„Bei dieser Gelegenheit sei ausdrücklich fest- gestellt, daß die im Ausland verbreiteten Gerüchte,„Rolf" sei nach seiner Festnahme zu Tobe gemartert worden, völlig halt- los und frei erfunden sind." Die Welt soll Hundertsach er- wiesenen Mördern glauben!... Weiter wird mitgeteilt, baß auch ber Nachfolger de?„Rolf", der unter dem Decknamen „Fred" arbeitete, verhaftet wurde. Hat sich auch„Fred" erhängt? Ueber leinen Verbleib gibt das Naziblatt mit keiner Silbe Aufschluß! wirb unter die Pumpe geschleift, die Nase wirb ihm zuge» halten, damit das Wasser in den Mund strömt und Brechreiz entsteht: man wollte ihn zum Bewußtsein zurückbringen. Alle drei machten in der kommenden Nacht Selbstmord- versuche: der Jüngste wurde von SA. homosexuell ver- gewaltigt. „Dieser Fall ist der Regierung— infolge Kompetenz- streitigkeiten zwischen dem Kommandanten der Wache und dem Leiter des Lagers— gemeldet worden! Was geschah? Die Folterung wurde verschärft! Und als Gefangene auf den Erlaß des Stellvertreters Hitlers. Rudolf Heß, hin- wiesen, wonach Mißhandlungen in den Konzentrations- lagern nicht erfolgen sollen, wurde höhnisch erklärt:„Wißt Ihr denn nicht, daß der Erlaß sürS Ausland b e st i m m t i st?" „Nock mehr," sagte der Zeuge.„Auf welche Weise immer, haben Internierte Akten deS Lagers eingesehen. I n d i e s e n Akten befand sich ein Brief der Berliner nationalsoziali st ischen Parteiführung. Darin hieß es, daß ein angesehener Bürger angeklagt sei, Greuel- Meldungen über das Konzentrationslager Tonnenburg ver- breitet zu haben. Die Lagerleitung wird anfgefordert, wahr- heitsgemäß zu berichten: stimme die Behauptung, so werde der Prozeß niedergeschlagen wer- den! DaS bezog sich auf Vorfälle aus dem Monat April. Was geschah später? ES wurde mehr und entsetzlicher ge- foltert, trotzdem und weil die Parteiführung, weil Hitler, weil Göring und Diehls insor- m i e r t sind!" Die Täuschung.Jules Sauerweins Zum Schluß der Vernehmung dieses Zeugen kommt es zu einer weiteren sensationellen Enthüllung. Der Zeuge teilt mit, in welcher Weise Jules Sa»erwein, der Korre- spondent des„Paris Soi r" bei seiner Besichtigung des Lagers Sonnenburg durch die Leitung des Lagers getäuscht worden ist. „Jules Sauerwein." erklärte der Zeuge,„kam Ende August oder Ansang September mit einem Kapitän Cutd und einem Vertreter des Innenministeriums nach Sonnen- bürg. Sauerwein befand sich auf dem Westhof,, als die Nazi- Wache einen Trupp Gefangener auf dem Osthof aufgestellt und ihnen befohlen hatte, das Lied zn singen: O Ttraßburg, o Straßburg, wir schwören bis zum Tod. daß einst von deinen Türmen weht die Flagge schwarzweißrot. Sauerwein und seine Begleiter hörten es: ein Kurier wurde zum Osthos entsandt, nun sangen die Gefangenen:„DaS Wandern ist des MüllerS Lust..." „Einer der Leiter des Lagers tat, als er die Treppe hinunterging, um Sauerwei» zu empfangen, einen Aus- spruch, der den ganzen Zynismus enthüllt, mit dem die Täuschung dur^gesührt wurde. Er sagte verbürgt und wört- lich:„Wenn dieser Kerl"— gemeint ist Sauerwein—„bloß nicht in die zweite Station des Westslügels geht!" Man fragt sich warum? Dies die Erklärung: Die offiziellen Arrest- und Folterzellen waren geräumt: die Namensschilder auf den Zellentüren umgedreht, so daß sie weiß und die Zellen unbe- setzt erschienen: alle Mißhandelten mit offenen Wunden und Verbänden— darunter ein Jude mit verbundenem Kopf— ivaren a»S den Kellern entfernt und auf de» zweiten Stock des Westslügels gebracht worden. Sauerwein besuchte dieses Stockwerk nicht: er hat von dem Stöhnen Gequälter nichts gehört und keinen von ihnen gesehen..." Am ersten Tage: drei Morde Der letzte Zeuge des zweiten Sitzungstages befand sich im Konzentrationslager Neusustrum bei Papenburg. Aus dem vierstündigen Marsch von der Station zum Lager hatte die Gruppe der neu Internierten den ersten Toten: ein Zwanzigjähriger wurde von SA. erschossen. Am ersten Tag des Lageraufenthaltes wurde gemeldet, daß der sozialdemokratische Polizeimeister G u h s e aus Bochum. Gerthe sich aus der Toilette„erhängt" habe. Der Tote hing am Fensterkreuz, die Toilette war voller Blut... Am gleichen Tage wurde der Jude B a r u ch von dem SS.- Mann Nolte erschossen. Baruch erhielt von Nolte den Be- fehl, sich als Kurier für irgendwelchen Zweck zu entfernen: aus kurze Entfernung schoß die SS.-Kanaille hinter ihm her und traf ihn ins Bein. Baruch brach zusammen. Nolle lies hin und schrie:„Willst du dich wohl umdrehen!"... und schoß den Gefangenen in den Rücken. Baruch war sofort tot. Techs Häftlinge wurden gezwungen, ein Protokoll zu unter- schreiben, daß Baruch aus der Flucht erschossen worden sei. Die Juden deS Lagers sind Samstag regelmäßig besonders furchtbar mißhandelt worden. Sie mußten strasexerzieren, man schlug ihnen die Zähne ein und zwang sie faule Kartoffeln zu essen. Die Nazi-Wache erklärte dazu: Die Juden haben Sabbat... Gegen die Preßfreiheit der Schweiz Der deutsche Gesandte in Bern hat, wie dem„Bund" be- richtet wird, bei Bundesrat M o t t a vorgesprochen, um sich über die S'ch'r'e l b w e t s e einer d e u t s ch w e i z e r i s ch e n bürgerlichen Zeitung zu beschweren, die gegen den Reichspräsidenten und den Reichskanzler„unstatthafte Aus- drücke" verwendet habe. Geleltsprudi Von Karl Schneller. Ob Wahrheit gefährlich ist, kümmre dich nicht! Es gilt, ob du ehrlich bist oder ein Wicht. Der Weg der beschwerlich ist. hebt sich zum Licht. Das Haßüberwindende heile den Wahn! Das Menschenverbindende breche sich Bahn! Das Liebeuerkündende führe hinan! Bon Uebermütigen blindlings gehetzt, schwelgen die Wütigen jubelnd im Jetzt aber die Gütigen siege» zuletzt. Dr. Richard Hern: Das Reidi wird ausgeplündert Kleine Geschenke für Fritz Thyssen— Eine Hypothek der„Allianz" und des Reichswirt- schaftsministers Schmitt Man würde Herrn Thyssen, diese Inkarnation des kapitalistischen Beutemachers, unterschätzen, glaubte man, daß er bloß auts Große geht: seine Verbindung mit den poli- tischen Beutemachern hat ihn nicht nur befähigt. das Reich aus seiner Herrschaitsstellung in der Montanindustrie herauszuiverken und die über 100 Millionen Reichsgelder dem schivcrindustriellen Privatkapital einzuverleiben, er nützt sie auch zu kleinen Geschäften gehörig aus. Dafür ein Beispiel, daS man nicht im Drang größerer Ereignisse verloren gehen lassen soll. Einer der skandalösesten Bankrotte Im Bereich der deut- schen Schwerindustrie war der Zusammenbruch der tlohlengcwerkschastc« Ewald und König Ludwig, ivohei sich eine Gesamtschuldenlast von rund 95 Millionen Mark ergeben hatte. Die Gewerkschaften waren bankrott, das Kapital verloren. Aber die Inhaber der Kuxe waren schwer- industrielle, also mächtige Herren, und unter ihnen war Thyssen. Die Gläubiger— soweit es nickt ausländische Banken waren— waren hauptsächlich die Berliner Groß- danken, an ihrer spitze die von der Golddiskont-, also von der Rcichsbank abhängige Deutsche Bank und die dem Reich gehörende Dresdner und Eommerzbank. ES war also zu erwarten, daß die unvermeidliche Sanierung die Tckwer- industriellen möglichst schonen und den Banken die gröberen Opfer auferlegen werde. Die Erwartung trog nicht. Die Gewerkschaft sollte in eine Aktiengesellschaft mit 16 Millionen Kapital umgegründct werden. 6 Millionen sollten die Gewerkschaften erhalten, ob- wohl ihr„Kapital" restlos verloren war, und 19 Millionen die Gläubiger. Ausdrücklich erklärten die Banken, daß das — nämlich das Geschenk von 6 Millionen an die bankrotten Besitzer— das Aeußerste wäre, daß noch zu vertreten fei. Aber der Borschlag stieß in den Gewerkenversammlungen am Opposition, und tonangebend war die Gruppe Thys- s e n. DaS war noch vor der politischen Machtergreifung Hit- lers und vor der wirtschaftlichen Machtergreifung Thyssens. Seitdem hat fich, wie manches andere im„dritten Reich", auch der Sanierungsplan geändert. Er ist, wie kaum noch gesagt zu werden braucht, nach dem mächtigen Befehl und dem privaten Interesse des Thyssen diktiert und die Banken mußten kapitulieren. Die neue Aktiengesellschaft wird mit 21 Millionen Kapital ausgestattet, statt mit 16. Davon erhalten die Gewerken 14 Millionen, also die Zweidrittelmehrheit, während in dem ersten Borschlag das Bcrhältnis gerade umgekehrt war. Die Banken müssen die Aktien gegen Aufrechnung der Forderun- gen in gleicher Höhe zu pari übernehmen: was das heißen wird, werden wir gleich sehen. Tie restlichen Bankkredite müllcn aus sechs Jahre zu dem unterdurchschnittlichen ZinS- ruß von 4 Prozent aestundet werden: eine Million sogar für dieselbe Zeit zinslos. Aber damit nicht genug! Die Bankrotteure bekommen nicht nur ihr Kapital wieder, sondern auch die absolute Ver- sügnngsgewalt. die M a i o r i t ä t S h c r r s ch a s t über daS Unternehmen und damit zugleich über die Dutzende von weiteren Millionen, die die Banken darin stehen lallen Müs- fett. Herr Thyssen kann wirklich zufrieden sein. Wirklich? Aber da kennt ihr den Thyllen, diesen totalen Kapitalisten und totalen Nationalsozialisten, noch immer nicht! Die Gewerken bekommen— und erst an diesem Mei- stergauncrstrcich erkenn ich meinen Thyllen— zu ihren Aktien als Gratiszugabe— denn daS Zugabeverbot gilt in diesen Sphären nicht— noch Genußscheine in der Höhe von 8 ,4 Millionen Mark. Damit hat es folgende Bewandtnis. Bon dem Reingewinn der nächsten fünf Jahre werden tährlich 1.7 Millionen Mark in einen Tilgungsfonds gelegt. Mit diesen Beträgen werden die Gcnußlcheine in Aktien von gleichem Nennwert umge- wandelt. Mit anderen Worten: nach 5 Iahren haben die Gewerken statt ihres setzigen Aktienkapitals von>4 Millio- nen eines von 22,4 Millionen: voraussichtlich wird der Gc- winn der nächsten Jahre über diese Summe nicht hinaus- gehen, so daß der gesamte G e iv i n n kür die G c- werken usurpiert bleibt: die Banken werden kür ilire Aktien voraussichtlich nichts erhalten: ihr Papier ist für die nächste Zeit dividendcnlos, und das haben lle zu pari übernehmen müllen! Tollte aber nach fünf Iahren Ge- ivinn- und Dividendenanssicht bestehen, dann llnd die Ban- ken vervflichtet. ihre Aktien zu pari den Gewerken anzubieten! Dalür haben lle es auch übernommen, kür das trotz allem nur zum Schein sanierte, von vornherein überkapitalt- sierte und überschuldete Unternehmen kür die kommenden schwierigen Zeiten einen zusätzlichen Ueberbrüi- kungSkredtt zur Berküanng zu stellen. Und jetzt kommt die Pointe, nein, gleich zwei! Für die gesamte Umwandlung der beiden Gewerkschaften hat daS Reich Steuerfreiheit gewährt, wodurch ein Millionenbetrag lnatürlich kür den Thyssen und seine Kumpanei erspart und das ganze saubere Geschäft erst möglich geworden ist. Und die zweite Pointe: Der neue Sa- Steigender Produhkionsindex Aber sinkende Verbrauchsgütererzeugung Die Indexziffer des Instituts für Konjunkturforschung der industriellen Produktion(1928= 100). stellt sich für Oktober auf 71,2 gegenüber 70F im Bormonat und 6l,0 im Oktober 1982. Während die Berbrauchsgütererzeugung sich etwas verminderte, ist die Herstellung von Prodnktions- gittern kräftig gestiegen. Besonders bemerkenswert ist die lebhaste Geschäftstätigkeit in der Bauwirtschaft: die Index- zisser des Instituts hat sich hier von 52.6 im September auf 62,9 im Oktober erhöht, während lle im Oktober 1982 nur 41,4 betragen hatte. Der Bruttowert der industriellen Pro- duktion ist für Oktober auf 8.45, Mrd. RM. zu veranschlagen: gegenwärtig werden monatlich kür rund 600 Millionen Reichsmark mehr Waren erzeugt als zur Zftit der tiefsten Krills im Herbst 1982. Die Beamten werden erzogen Der Retchsinnen-Frick hat den Reichsbund Deutscher Beamten als Einheitsorganisation anerkannt. Im Gegen'atz zn den früheren Beanttenverbänden. hat die neue Organisa- tion nicht die Ausgabe, die Interessen der Beamten zu schützen. Ihre wesentlichste Ausgabe ist:„die Erziehung der Mitglieder zu vorbildlichen Nationalsozialisten und Durch- dringung der gesamten Beamtenschaft mit NT.-Gedankengut sowie die Erziehung der Beamten filr ihre Sonderstellung unter den Volksgenollen als Vollzieher... dcö Willens des Führers" nierungsplan ist im engsten Einvernehmen mit der R e i ch s b a n k zustandegekommen. Verwaltung,»rühere Op- position und Banken haben Herrn Staatsrat Fritz Thysicn gebeten, den Vorsitz im Aufsichtsrat der neuen Gesellschaft z« übernehmen. Herr Staatsrat haben angenommen...... Die Methode ist dieselbe wie beim Raub von Gelsenkirchcn. Das Reich oder die dem Reich direkt oder indirekt gehören- den Banken werben zugunsten kleiner, aber politisch mächtig gewordener Kapitalisten beraubt. Und die berufenen Wahrer der Reichsinterellcn. wie in diesem Fall der ehrbare Schacht, stehen den Einbrechern Schmiere! Und dann stellt sich der Hitler hin und spricht von Korruption und Säu- berung. * Daß aber der Thvllen zwar der hervorragendste und er- kolgreichste, aber keineswegs der einzige Repräsentant von immer mehr um sich greisenden Methoden privatkapitali- stischer Bereicherung aus Kosten deS Gemeinnutzes ist, zeigt ein anderes Beispiel. Kurz bevor die TD.-Bank(Deutsche Bank und DiSkonto- gesellschasti zusammenbrach, hatte die DiSkontogesellschast ein riesiges«eues Direktions- gebäude in Berlin fertig gebaut. Es stand die letzten drei Jahre leer und kostete im Jahre mehrere hunderttausend Mark Unter- haltnngskosten und Abgaben. Dieses unvcrwendbare Ge- bände ist jetzt gekauft worden. Wer hats in dieser Krise dazu? Das Reich! Das Reich braucht das Gebäude drin- gend, um in dem„gewaltigen Komplex bisher zerstreut lie- gende MinisterialbüroS unterbringen" zu können. Denn wir leben ja in der Zeit der Berwaltungsvereinkachung. Zwar sind gerade erst durch die Beseitigung des preußischen Land- tages und deS Staatsrates zwei große Gebäude frei gewor- den, die fich sehr gut kür solche Zwecke eignen, aber waS tutS: wo ein Wille der Profitierer, da ist ein Weg für Normalillerer.... Wie dunkel das Geschäft an sich ist. geht am besten daraus hervor, daß man sich scheut, den Kaufpreis genau anzugehen. Man erfährt nur, bah es llch um einen Betrag von weniger als 10 Prozent des Kapitals der Bank handelt, das 144 Millionen beträgt. Er wird also knapp unter 14 Millionen liegen— eine horrende Summe kür ein praktisch aus viele Jahre hinaus unverkäufliches Gebäude! Aber wieber nicht genug: Vom Kapital der Deutschen Bank besitzt daS Tochterinstitut der ReichSbank. die Gold- diskontbank. 45 Millionen. DaS Reich bezahlt den Preis der Deutschen Bank in deren Aktien, die es von der Gold- diSkontbank erwirbt. In dieser Höbe wird also der Anteil der öffentlichen Hand an der DD.-Bank vermindert, r e p r i- vatisiert. Ein etwaiger Rest des Kaufpreises wird der TD.-Bank in S Prozent Reichsschavanweisungen gezahlt, um die dringend verbesierungswürdige Ltouidität zu steigern! Dabei ivird wieder nicht der AnrechnnngSpreiS der Aktien angegeben! Die Aktien stehen gegenwartig auf zirka 48 Pro- »ent. Die Golddiskontbank hat sie seinerzeit bei der Banken- sanierung über pari übernommen. Wir sind kest überzeugt, daß das Reich einen unangemessenen hohen Preis dafür jaJj« len wird, daß die Bank zu einem erheblichen Teil revrivati- llert wirb. Es ist schon eine ganz skandalöse Wirtschaft, die der kapitalistische Klüngel mit seiner politischen Macht treibt. Und nun zum Abschluß noch eine pikante Kleinigkeit. Die berüchtigten Labuken hatten kurz vor dem Krach für die „Nordwolle" ein Verwaltungsgebäude mit einem Kostenauswand von nicht weniger als 12 Millionen Mark errichtet. Das Haus ist seit der Konkurseröffnung in Zwangsver- waltuna der Versicherungsgesellschaft„Allianz", die darauf eine Hypothekeniorderung von 4,8 Millionen hat. DaS an sich unverkäufliche Gebäude loll im Dezember zur Zwangsversteigerung kommen, und es würde der Allianz nichts übrig bleiben, als es zu ersteigern. Nun wird be- kanilt, daß der bremische Staat als Treuhänder für das Reich ein Gebot bis etwa in Höhe der Hypothek abgeben wird! DaS Reich, man muß eS immer wieder wie- derholen, hats ja dazu. Einziehen soll— in das Riesen- gebäude!— die Präsidialstelle des LandesiinanzamteS Unter- wefer. sowie die Finanzämter Ost und West.(Erinnert man sich des nationalsozialistischen Geschreis über die„Luxusbau- ten" der Finanzämter?) Ferner die Preußische Staatsbank, die Staatliche Feuerversicherung und der Gemeinnützige Grundkreditverein. Man sieht, mit einiger Mühe gelingt es den vereinigten Anstrengungen von Reich und Staat sogar, Mieter zu finden. Aber das ist sa Nebensache, Hauptsache ist, daß mit öffentlichem Geld die laul gewordene Hypothek der „Allianz" abgelöst wird. Als Generaldirektor der Allianz hat Herr Schmitt die Hypothek gegeben und sie war uneinbringlich. Herr Schmitt ist seitdem Wirtschaftsminifter und die Hypothek ist erst- klaffig geworden. Nur Parleisiedlnngen erlaubt Alle freien Siedlungen verboten Ich habe in der letzten Zeit ieststellcn müssen, daß von den verschiedensten Stellen sogenannte„Stedlungsgruppen" bzw. „Siedlungsunternehmen" aufgezogen wurden und»och werden. Dieie Unternehmen sind, wenn sie auch zum Teil von Idealisten gegründet wurden unstatlhasl. Ich verbiete deshalb hiermit mit sofortiger Wirkung allen nicht ausdrücklich anerkannten Tiedlungstiägern iebe Pro- paganda und iebe Tätigkeit. Ich verbiete weiterhin, daß sich derartige Stellen und Privatperwnen direkt mit der Reichs- rcgierung oder sonstige» vorgesetzten Behörden selbständig in Verbindung setzen. Für alle TiedlungSsragen sind allein der Landesbauernsührer oder d-e von ihm beauftragten Stellen zuständig Ick werde rücksichtslos gegen ieden vor- gehen, der meine Anordnung nicht beachtet Der Gauleiter, gez.: Sprenger. Der Lohnabbau nah! Nach einem neuen Erlaß des ReichsarbeitsministerS wie des Reichsmirtschastsministers wird zur Zeit jede Lohn- erhöhung für die schlcchtbezahlten deutschen Arbeiter ab- gelehnt Es heißt ausdrücklich in dem Erlaß, daß an den geltenden Löhnen nichts geändert iverden dürfe. Allerdings sind einzelne Fachgruppe» bereits dahin benachrichtigt wor- den, daß ein Lohnabbau von S—17 Prozent bevorstehe. Warenhäuser Klagen.. Der Minister verbittet energisch alle Eingriffe Berlin. 12. Dezember. Die Fachgruppe der Warenhäuser hat dem Retchsarbeits- minister eine Klage unterbreitet gegen das Borgehen der nationalsozialistischen Polizeibehörden. Die national- sozialistische Polizei hatte den Warenhäusern d'e Offen- Haltung an solchen Sonntagen verboten, an denen in fämt- lichen andern Geichästen der Berkaus erlaubt war. Die Folge dieser Klage gegen die SA.- Polizei ist ein Runderlaß des preußischen Ministers für Wirtschaft und Arbeit. Der Minister»er, bietet sich ganz energisch die Einmischung der SA.-Polizei in diefe Angelegenheiten nnd stellt fest, und zwar ganz offiziell, daß die Waren- Häuser genau so behandelt werden müßten wie die übrigen offenen Berkaufs stellen. Er ersucht die nationalsozialistischen Polizeibehörden, unver« zllglich das Erforderliche zu veranlassen, daS Borgehen gegen die— Warenhäuser sei absolut unzuläsiig. Sie hätten das Recht auf dieselbe Verkaufs, zeit wie die übrigen Geschäfte. -i- Was sagt die SA. nun? Diese Meldung wird durch daS national sozial istische CRB.-Büro ausdrücklich bestätigt. Der ganze Phrasenspuk der Hitlersührcr aus dem vorigen Jahr ist über Nacht verschwunden,«ein Wort mehr und keine Silbe über den versprochenen Feldzug gegen die Waren- Häuser,»eine Silbe mehr über die Beseitigung der Waren- Häuser. EinS nur hat sich geändert: Nämlich die Zusammen- setzuug der Aussichtsräte. Totengräber... Die westdeutschen Industrie- und Handelskammern haben einen Autrui gegen Preissteigerungen erlösten, in dem eö heißt:„Wir richten den dringenden Appell an alle Betriebe in Industrie, Handel und Handwerk, diese Grundsätze sick zu eigen zu machen und strikte demnach zu handeln. Andernfalls»lachen Sie sich zum T o te n- gröber des eigenen und des deutsche» Schicksals. Wo wir vcrmcidbarc Preissteigerungen fest- stellen, iverden wir mit allen zu Gebote stehenden Mittel» dagegen angehen. Das gilt nicht nur für. die offenen PreG» steigerungcn, sondern für alle Formen, die das gleiche Ziel hintenherum erstreben." Nur eine Frage: Wenn die Handels- kammern gar so für die billigen Preise sind, warum setzen sie sich dann so brennend für die Kartellbildungen ein? Ihr Aufruf ist jedenfalls ein interestantes Dokument. Auch der „Leiter des OraaniiationsamteS der Deutschen Arbeitsfront «Titel haben die Burschen!) macht sich Gedanken über die Preise. Daß sie weder was mit Logik noch mit Volkswirt- schalt zu tun haben, sondern nur mit dem romantischen Kauderwelsch, in dem heute zu reden und zu denken modern ist, wird keinen wundern, der den Herrn Klaus Selzner (ein Name, der in Ungarn, der Tschechoslowakei und Oester- reich unbedingt aus einen Juden schließen ließe) kennt. Der Volkswirtschaftsgelehrte meint naiv:„Es kann naher nur einen einzigen Weg geben, der den Ausstieg der Wirtschaft zur Folge hat, und das ist der Weg, ivelcher als Ziel zur Preisreglung führt". Mit anderen Worten: die heutigen Herren machen genau nach, was sie die.Kriegswirtschast ge- lehrt bat. Auch damals schrie man gegen die Preise, auch damals verbot man Steigerungen usw. Folge: die Waren verschwanden. Die wirklichen Machthaber, die Thyssen und Konsorten, schweigen sich über die Lohn- und Preisfrage gründlich auS, sie haben ganz recht, denn diese Frage ist ia nach den Aphorismen der Nazibonzen keine wirtschaftliche, sondern eine ethische. Und für ethische Fragen ist Herr Thyssen doch bestimmt nicht zuständig. Welkere Sdirnmpiong Wie aus den folgenden Ziffern hervorgeht, ist der Wert der Aussuhr von Schrauben. Nieten und Nägeln weiter zu- rückgegangen: der Hamburger„Wirtschaftsdienst"(Nr. 47) stellt fest:„Auch im laufenden Jahr, in welchem sonst viele Anzeichen für eine Ausdehnung des Absatzes auk den Aus« laudsmärkten festzustellen sind, hält die Exportfchrumpsung noch an." Deutschland führte(in 1000 RM.) aus: Januar bis September 1929 48 982 Januar bis September 1930 42 006 Januar bis September 1931 31 980 Januar bis September 1932 16 501 Januar bis September 1938 10 468 Un Lebensmltkclhariell Das Reichsgesetzblatt 1 Ztr. 114 enthält eine Verordnung über die Schaffung eines Zwangskartclls der Betriebe, die Milch- und Sahnedanerwaren sowie Kasein erzeugen. Bis zum 81. Dezember 1985 bedürfen neue Betriebe der Gc- nebmigung des Reichsminister» für Ernährung«warum heißt der eigentlich so?) und Landwirtschaft. Tie Bestim- mungcn über die Preisgestaltung dieses Kartells sind be- zeichnenderweise nicht im Gesetz enthalten, sondern in der „Satzung des Verbandes der Dauermilcherzeuger", sie sind zudem sehr vorsichtig gehalten. In dem Ausschuß, der die Preise bestimmt, sitzen vier Vertreter der Milcherzcuger, womit wohl nicht die Kühe gemeint sind, je ein Vertreter der Betriebe, die Kasein, eingedickte Milch und Trockenmilch herstellen und der Betriebe, die andere Milch- und Sahnedanerwaren erzeugen, drei Vertreter der Milch-, Sahne- danerwaren- und Kaseinhändler, drei Vertreter der Milch- und Sahnedaucrivaren verarbeitenden Industrie. Ernannt werden die Herren vom RcichSmilchwirtschastskominisiar auf Vorschlag der Mitgliederversammlung deS Land- handclsbundes und des Reichsstandes der deutschen Industrie. Ein Schiedsgericht sorgt kür die ausdrückliche Ausschaltung deS Rechtsweges. Wirrwarr im Duchdrucherveretn Das Führerprinzip ist eine nette Sache: der Buchdrucker- verein hat einen Herrn Albert Frisch-Bcrlin zu seinem „Führer" bestimmt. Der Reichsstand des Deutschen Hand- werk? aber erklärt unter Tgb Nr. 38915022 vom 25. 11. klipp und klar:„Wir können Herrn Frisch auch nicht al? Führer des deutschen BnchdruckerhandwcrkS anerkennen, ungeachtet der Tatlache, daß wir uns jeder Stellungnahme gegcnnk r Herrn Frisch als Führer des industriellen Telles des beut- schen BuckdruckereigewerbeS enthalten." Der Reichsstand (ordert die ungekürzte Veröffentlichung seines Briefes, aber er hat gut(ordern, die Industrieherrcn veröffentlichen nur einen Teil Es hilft alles nicht?, dem Buchdruckereigewerbe geht es elend. Die Kleinbetriebe führen Krieg gegen die Großbetriebe, über deren Konkurrenz sie sich beklagen. Und dagegen hilft auch da» Führerprinzip nich'S. Allmählich muß es im Reich eine Millionenarmee von Führern geben. Mit Herrn Frisch beginnt die Reihe der nichtancrkannten Füh- rer. Die wird allmählich wachsen. k Holländische Stimmen Cm«He Emigranten Ein nicht zu unterschätzender Gegner D r. P, H. Ritter jr. schreibt in einem Artikel in ,5)e G roene A m st e r d a m m e r" zum deutschen Kirchenstrcit u. a. folgendes: „Ter deutsche Protestantismus ringt um seine Freiheit. Hierin liegt für den deutschen nationalen Einheitsstaat vielleicht die größte Bedrohung Denn dieses Christentum ist überzeug» und fußt auf älterer Tradition als der National- sozialismus. Es hat einen lebendigen und mit der Geschichte verflochtenen Kontakt m:t dem allgemeinen Humanismus, der durch die nationalsozialistische Lehre in Bann getan wurde. Was tut eS zur Sache, daß diese Führer Schweizer «Barth und Bcumers sind, wenn sie die innerliche Uebcr- zcugung des deutschen Protestantismus reiner vertreten als die nationalsozialistische Staatskirche des Oesterreichers Hitler?" Besiegt und geschlagen Wir entnehmen aus»De M a a s b o d e": Der Vertreter der öffentlichen Anklage stieg in den Sattel, um Wassenschau unter seinen Heericharen zu halten, mit deren Hille er dem Bolschewismus den Todesstoß versetzen will, dem Hitler entronnen ist.— Ter Reichstagsprozeß, so wurde in der Zeit gesagt, wird das letzte Wort der Kommu- nisten hicnieden sein. Wir haben das immer gerne geglaubt, aber nun kommen uns die Worte von zwei Grenadieren un- willkürlich aus die Lippen, wenn wir d'e armseligen Ueber- reste von Dr. Werners einst so stolzer Heercsmacht ansehen: „Besiegt und geichlagen daö tapfere Heer." Denn ach. was ist von dem Kommunistcnvcrnichterhccr übrig geblieben? Wieder sitzt so ein Häuflein auf den Zeugensesseln. Alles Zuchthausbuben und übergelaufene Bolscheivisten. Alle mit Polizisten neben sich und alle in einem Zustand, der keine Verteidigung zuläßt... Mit dieser Gesellschaft will man dem internationalen Bolschewismus den Todesstoß versetzen. Man hat den Fehler begangen, den Feind gründlich zu unter- schätzen." Faschismus stärkt Bolschewismus L. Catz van Aalten schreibt u. a. im„Kort Commen- taar" von„De Nieuwe Pers": „Tie Völker von Europa wurden sich der neuen deutschen Gefahr sehr bald bewußt. Als Folge davon stiegen die russischen Papiere, die bis dahin ziemlich niedrig standen: denn man begriff, daß man Sowjet-Rußland in Zukunft nötig haben könnte, um die deutsche Gefahr abzuwenden. To verHals der Antibolschcwist Hitler dem bolschewistischen Ruß- land zu Macht und Einfluß, nolens— volenè natürlich." Dreierlei Rechtsprechung Wir entnehmen aus der„Post Scripta" der„Haagschcn P o st": „Daß eine Partei den Platz des Staates einnimmt, ist keine Neuigkeit. Das ist auch in Rußland und Italien pass ert. Aber es ist wohl eine Neuigkeit, daß es in Deutschland jetzt dreierlei Rechtssprechung gibt, nämlich eine zivile, eine mili- täusche und eine„braune". Tenn jetzig hat man Sonderge- richte eingesetzt für die TA. und die TS. Ist es ein Wunder, daß das Recht selbst bei soviel Gedränge etwas unter den Füßen getreten ivtrd? Wir müssen in jedem Fall konsta- lieren. daß der Prozeß van der Lübbe von Woche zu Woche ein empörenderes Bild abgibt. Der Präsident des Gerichts- Hofes weiß sich scheinbar mit dem ganzen Anschlag keinen Rat mehr. Unparteiische Journalisten, die dem Prozeß bei- wohnen und sehr lange äußerst zurückhaltend gewesen sind mit ihrem Urteil, üben nun scharfe Kritik aus. Jegliche Ob- jeklivität die stets der Stolz der deutschen Richter war. ist verloren gegangen." Weiß iiimC Schwan Der Rassenkampf in Nordamerika Aus der amerikanischen Unabhängigkcitserklärung: „Wir erachten die folgenden Wahrheiten als unbe- streitbar und offenbar: Alle Menschen sind gleich gc- schaffen,' der-Schöpfer hat sie mit gewissen nnver- äußerlichen Rechten ausgestattet, llnter diesen Rechten stehen in erster Linie das Leben, die Freiheit und das «-uchen nach dem Glück." Aus einer Erklärung der frühere» amerikanischen Sklavenstaaten:„Die Sklaverei ist sittlich zulässig, für den Neger heilsam, in der Bibel anerkannt, ja sogar geboten." Tie 12,8 Millionen Neger, die es gegenwärtig in den Ver- einigten Staaten gibt, bilden die unterste Schicht der ameri- konischen Bevölkerung. Dieses Vorhandensein einer Klasse, aus die der weiße amerikanische Arbeiter, von Nassevorur» teilen beeinflußt, hcrabschauen konnte, täuschte die ameri- konische Arbeiterschaft über ihren proletarischen Charakter hinweg. Besonders die hochgualifizierten, gut bezahlten Arbeiter hatten die Denkart der Besitzenden angenommen. Die Wirtschaftskrise erzeugte obendrein die Not, die den amerikanischen Arbeitslosen im Schwarzen vielfach einen unbequemen Konkurrenten erblicken ließ, der ihm den Arbeitsplatz ungercchtfertigterwcisc vorenthielt. Es wurden Forderungen laut, alle Neger von den Arbeitsplätzen zu verjagen und Weiße statt ihrer einzustellen. In den Süd- floaten half man sich durch brutalen Terror: Negerheizer wurden von den Lokomotiven heruntergeschossen und Weiße traten an ihre Stelle. Wehrte sich früher der amerikanische Süden, der seine soziale und wirtschaftliche Existenz auf der Sklaverei aufge- baut hatte, gegen die Befreiung Jim Crows lTpitzname der Neger in Amerika» ans der Sklaverei, so wehrt sich heute die weiße Herrenrasse gegen sein Erwachen aus der geistigen Umnachtung, gegen seinen Aufstieg zum gleichberechtigten Mitmenschen und wirft ihn immer wieder mit den brutalsten Mitteln in die Barbarei zurück. Alle alten Argumente werden ivicder laut: der Neger sei träge, faul und menschlich minderwertig. Tut sich ein Neger auf einem Gebiet der Kunst oder Wissenschaft besonders her- vor, so bemüht man sich um den Nachweis, daß das dem weißen Blut zuzuschreiben sei, das in seinen Adern pulsiere. Begeht umgekehrt ein Weißer ein scheußliches Verbrechen, so wird das darauf zurückgeführt, daß ein Vorfahre ein Neger gewesen sei. Man sagt auch, daß die Neger einen unange- nehmen Körpergcruch haben. Wer Gelegenheit hat, kann sich persönlich überzeugen, daß ein schmutziger Weißer genau so stinkt wie ein ungewaschener Neger. Obwohl der Neger seit dem amerikanischen Bürgerkrieg «1861 bis 1865) auf dem Papier ein Mensch mit Rechten und Pflichten ist und nach dem fünfzehnten Amendement zur amerikanischen Verfassung das Stimmrecht der Bürger der Vereinigten Staaten keinem auf Grund der Rasse oder Farbe vorenthalten oder beschränkt werden darf, ist in Wirk- lichkeit der Neger heute noch von jeder sozialen Gemein- schalt ausgeschlossen, ein Menich zweiter Ordnung. Te, un- verkennbare kulturelle Aufstieg des Negers— 1866 haben von vier Millionen Schwarzen nur hunderttausend die bCentlichen Schulen besucht, während heute 2,15 Millionen von 12.3 Millionen Schulbildung genossen haben— ist für die weißen Herrenmenschen ein Grund mehr, ihn als Ein- dringling zu hassen und als Konkurrenten zu fürchten. Will er wählen, so wird er daran durch nackte Gewalt oder durch die„Großvaterklauscl" gehindert, indem man den Nachweis verlangt tdcn die wenigsten Neger erbringen können», daß sein Großvater ein kreier Mann genicscn ist. In den Straßen- und Eisenbahnen der Tiidstaaten gibt«Z eigen: Abteile für Farbige, wobei unter einem Farbigen jeder zu verstehen ist. der auch nur einen Tropfen Negerblut in den Adern bat. und dos bis zum vierten und fünften Glied. Eine Ehe mit Farbigen ivird in den Südstaaten und den meisten mittleren und westlichen Staaten noch heute mit Straie, jedenfalls mit völliger gesellschaftlicher Aechtung ge- ahndet. In vielen Orten darf kein fremder Neger über- nachten. Weiße Aerzte verweigern oit selbst bei dringenden Fällen die erste Hille und Krankenhäuser die Aufnahme, wenn eö sich um einen Neger handelt. Von wenigen Aus- nahmen abgesehen, wird kein Weißer mit einem Neger zu Tisch sitzen, kein Gasthaus, in dem Weiße verkehren, ihn aufnehmen. Als Herbert Hoover Präsident der UTA. war und einen Negerabgeorbncten empfing, zog er sich durch diese Handlung die offene Mißbilligung des Südens zu. Obwohl die Neger dieselben Steuern bezahlen müssen wie die Weißen, wirb in den Südstaaten für die Erziehung eines Negerkindcs durchschnittlich 12,5 Dollar im Jahr ausgegeben, iür die eiueS weißen Kindes 14,3 Dollar. Selbst im Staate Mississippi, wo die Neger den größeren Teil der Bevölkerung ausmache», gibt der Staat für ein Negerkinb nur 5,44 Dollar im Jahre aus, für ein weißes 45,34 Dollar. Aus allen Berufen, die früher für einen Weißen als schmutzig galten, wie Schuhputzer, Heizer und Ticner, wer- den heute unter der Wirkung der Krise die Neger verdrängt. Sic leiden daher unter der Arbeitslosigkeit viel stärker als die iveiße Bevölkerung. Das zeigt folgende Gegenüber- stellung. In der Stadt Pittsburg machen die Neger acht Pro- zent der Gesamtbevölkcrung aus, aber 38 Prozent von ihnen sind arbeitslos. Für Baltimore sind die Zahlen 17 und 31, für Bussalo 3 und 26, für Memphis 38 und 75, für Philo- delphia 7 und 25 Prozent. Man überläßt die Neger ihrer Not und jeder Versuch, ihnen zu Helsen, ruft einen Sturm der Entrüstung hervor. Tie Neger sind daher gezwungen, aus dem Norden, wohin sie nach dem Kriege unter dem Widerstand der weißen Arbeiterschaft vorgedrungen waren, nach dem Süden zurückzuwandern. Damit ist aber das Neger- problem der Vereinigten Staaten nicht gelöst. Mit Schrecken stellt man fest, daß sich die Schwarzen schneller vermehren als die Weißen. Tie Antwort ist gesteigerter Rassenhaß, ist — Lynchjustiz. Von 1890 bis 1632 sind— wie offiziell zugegeben wird— 361» Neger gelyncht worden. Tie meisten Lynchfällc ereignen sich wegen angeblicher Angrisse aus iveiße Frauen. Es ist ivahr, man schätzt in USA., daß 8» Prozent der Neger weißes Blut in ihren Adern haben,'«der nicht deshalb, weil sich Schwarze an weißen Frauen vergehe», sondern weil die weißen Männer ihren Rassenhaß bei hübschen Ncgcrmädchen ganz gern abkühlen. Beim Lynchen verhält sich die ameri- konische Polizei so, wie heute im barbarischen Hitler-Teutsch- land bei Arbeitermordcn: sie sieht nichts oder aber, sie Hilst mit. So ist der Ausbruch einer neuen Lnnchwellc nur ein Auö- druck der Krisenstunmung, die den Riescnkörper Amerikas erschüttert. Die bestialischen Morde Richter Lynchs werden erst aufhören, wenn der srühergckommene weiße amerika- Nische Arbeiter in der nachfolgenden Einwandererschicht, die sich, national anders zusammengesetzt, hungrig, bedürfnts- und kulturlos zur niedrigsten Arbeit drängt, ivenn er ins- besondere im Neger nicht mehr einen Eindringling, sondern einen gleich ihm Ausgebeuteten sieht: wenn er vom Rassen- kämpf gegen den Schwarzen zum Klassenkampf gegen den Kapitalismus übergeht. St. H. H. iwaïiKlrcRe freist« Rassenlîpgle ne Berlin, 11. Dezember. Ter Landcskirchenrat in Elsenach hat nach Zaiommentrlt» mit dem LandeSamt für Rassenwelen lBrösident Dr. Astelj vom LandeSbischos N. Reichardt Richtlinien herausgegeben, bereu Absaß 11 lautet: Um die Bestrebungen der Rassenhygiene zn fördern, soll der Pfarrer, wo immer es ihm möglich Ist, die ein Verlöbnis Schließenden aus die Bedeutung der Erbgelnndheit auimcrk- 'am machen. Er soll bei den Eltern der Verlobten daraus hinwirken, daß die Verlobten sich vor der Hochzeit Grb- "?snndheitsze«gnisse beschaffen. Er soll sich an der staatlichen Arbeit bei der erbbiologischen Bestandsaufnahme willig beteiligen und soll die Anlegung von Ahnen» und Sippschafts- tafeln fördern. Judenboykott geht weiter Die„Deutsche Mctallarbeiter-Zeitung"»Nr. 40) enthält ein Inserat:„Kauft nicht beim Juden!" Uebrigens scheint sich die Redaktion nicht ganz noch in Rassesragcn auszu- kennen, denn in der gleichen Nummer wird ein Film mit der Jeritza und mit Szöke Szakall gelobt. Tic Jeritza ist mit einem Juden namens Popper verheiratet und eine geborene Tschechin und Szöke Szakall ist ein ungarischer Bolljudc. Von Paul We st heim In den beiden ersten Monaten nach der„nationalen Erhebung" schien es, als ob die DAZ. sogar einmal zu Lesern kommen sollte Die noch verbliebene bürgerliche Zwischenschicht, die sich an die neue Unfreiheit noch nicht so gewöhnen konnte, griff, um der Charakterlosigkeit zu entgehen, mit der ihre ehemals demokratische Presse sich gleichschalten ließ, zu dem Blatt der Schwerindustrie. Da gab es gegen so mancherlei, was an Aberwitz geschah, dach hie und da noch Vorbehalte. Vorsichtige, versteht sich, nur so zwischen den Zeilen. Besonders die Montags- artikel ihres Chefredakteurs Dr. Fritz Klein wurden eifrigst zwischen den Zeilen gelesen. Was schließlich den Nazis so sehr auf die Nerven ging, daß sie trotz der Rückt- ficht auf die Schwerindustrie die DAZ. verboten und nicht eher wieder erscheinen ließen, als bis der unbequeme Dr. Klein an die Luft gesetzt war. Klein, der damals nicht umfiel, sondern in Ehren fiel, hat also am eigenen Leib erfahren, was Freiheit heißt im Zeichen der„Frei- heitsbewegung". Wenn er jetzt in Berlin wieder eine Wochenschrift die „Deutsche Zukunft" herausgeben darf, die auch an- deren aus der DAZ. herausgeflogenen Redakteuren, z. B. dem Doktor Fechter, ein Asyl bietet, so wird er wohl die entsprechenden Garantien gegeben haben. In der letzten Novembernummer zerbricht er sich— vielleicht i. A., im Auftrag— den Kopf über die Emigranten, die in der Tat dem„dritten Reich" Kopfzerbrechen machen. Am meisten empört ist er über die„lärmenden Lite» rate n".„In Paris", sagt er.„für b i e Meinungsfreiheit der deutschen Schrift st eller eine Lanze zu brechen, ist grotesk." Wenn etwas grotesk ist, so ist es die beschämende Tatsache, daß für die Meinungs- freiheit der deutschen Schriftsteller einstweilen eine Lanze nur noch außerhalb der deutschen Landcsgrenzen ge- brachen werden kann. Daß es innerhalb Hitlerdeutsch- lands nicht geschehen kann, dafür wäre sogar auch der in der DAZ. mundtot gemachte Dr. Klein leibhaftiger Beweis. Mancher kann sich die deutsche Zukunft nicht ohne die Meinungsfreiheit vorstellen, die man dem Dr. Klein so eklatant ausgetrieben hat, und nicht jeder hat das Talent, empfangene Fußtritte mit devoter Liebe- dienerei zu quittieren. Vielleicht kann man in Deutsch, land schon nicht mehr begreifen, daß es Menschen gibt, „lärmende Literaten", die lieber alles im Stich lassen und alles verlieren, um als Einziges— nußer dem Leben — ihre Meinungsfreiheit zu behalten und von dieser ihrer Meinungsfreiheit sogar auch Ge- brauch zu machen. Klein ist besonders entrüstet über Kerrs Absage an Hauptmann. Was den Hauptmann betrifft, so dürste Klein als gebildeter Mann wissen, daß es in der deutschen Geschichte eine verehrungswürdige Gestalt gab, deren Verehrungswürdigkeit nicht zuletzt daherrührt, daß sie einmal den Bekennermut hatte zu sagen:„Hier st ehe ich. ich kann nicht anders!" Aber weder in der deutschen noch in der übrigen Weltgeschichte ist— bislang wenigstens— als bemerkenswerte Charakterfigur je einer verzeichnet worden, der im entscheidenden Moment gesagt hat:„Hier stehe ich, ich kann auch an- d e r s" Luther war Protestant, was bekanntlich von pro- t e st i e r e n kommt. Protestieren gegen angemaßte Ge- wait und gegen Gewissenszwang ist eine wesenhaft deutsche Tugend, wenn zur Zeit auch wie so vieles andere Wesenhafte in Deutschland untersagt. Man kann es verstehen, daß in diesem mit Maulkorb behängten Deutschland besonders beliebt sind die Emigranten, die außerhalb Deutschlands den Mund halten und sich freiwillig die Be- schränkung auferlegen, die das Hnkenkrenzdeutschland seinen Untertanen so drakonisch aufzwingt. In der„Deut- scheu Zukunft" belobigt man sie geradezu.„Sie ver dienen",' meint der Dr. Klein,„auch die Achtung ihrer politischen Gegner. Es sei erlaubt, in diesem Zusammen- hang Theodor W o l s f zu nennen, der. seitdem er Deutsch- land verlassen, nach unserer Kenntnis nicht eine Zeile veröffentlicht hat." In der Tat, Theodor Wolff, nicht mehr ganz jung und enttäuscht von den vielen Enttäuschungen eine? langen politischen Lebens, hat keine Zeile mehr veröffentlicht. Und was ist der Dank des Bater- landes?! Gerade eben kommt die Nachricht, daß man seinen ganzen in Deutschland befindlichen Besitz b e- s ch l a g n a h m t hat. Wie sagt doch Goethe? Ein echter Deutscher mag keinen Emigranten leiden: Doch seine Habe nimmt er gern. Harinehapitün Kullrnan Ein Krieger, der den Krieg bekämpft Wohl der einzige Mensch auf der weiten Welt, der die internationalen Fricdensprollamationen ernst nimmt und für sich, sein Denken und sein Handeln, aus den Kriegs- ächtungspaktcn der Diplomaten die Konsequenzen zieht, ist der norwegische Marinckapitän Kiillmann. der am 2. Dezember i» eincin Aussehe» erregenden Zivilprozeß vor einem Gericht in Oslo seines Amtes verlustig erklärt ivnrdc. Ter Kommandant einer Küsienbattcrie der Haicnciniahrt von Oslo bat sich de» Geist des Kellogg-Pakteö zu eigen gemacht und ist aus dem militaristischen Taulus ein pazifistischer Paulus geworden. Seit einem Jahre ist er in seinem Lande zu einem Apostel der Kriegsdienstverweigerung geworden. Ein freiwilliges Ausscheiden aus der Marine lehnte er ab. um vor dem Gerichte Gelegenheit zu haben, seine neue Aus- sassung zu vertrete».„Wenn alle Offiziere der Welt im Jahre 1014 den Kriegsdienst verweigert hätten, wie ich ibu verweigern würde," erklärte er.„so wäre der Menschheit der Weltkrieg mit allen seinen Leiden erspart geblieben." Ter Prozeß endete, wie nicht anders zn erwarten war. mit einer juristischen Niederlage des friedliebenden Kapitäns Aber moralisch konnte er als Sieger die Walstatt verlassen, den» im Verlaufe der Zeugenvernehmung ist es ihm gelungen, die völlige Unzulänglichkeit und Sinnlosigkeit der nor wegischen Kriegsmarine zu demonstrieren. Ter komman dierende Admiral und eine ganze Reihe technischer Ossiziere wurden vernommen, aber ihre Aussagen bestätigten nur. daß die ganze norwegische Flotte, wie einer der Zeugen sich ausdrückte, keine zwei sauren Heringe wert ist. Norwegen musse sich seine Feinde mit größter Sorgfalt ausiucheii: eigentlich käme nur die Schweiz oder Luxemburg in Betracht, aber auch dann wäre es ain besten, ivenn die Norweger erst drei Jahre Zeit hätten, sich auf den Fetdzug vorzubereiten. Deutsdke Stimmen• föeifage zur..Deutschen Freiheit"• éteignisse und Geschichten Mittwoch, den 13. Dezember 1933 Tleudeutsches Dicnenlied Fünf Jahre Zuchthaus, Zehn Jahre Zuchthaus, Fünfzehn Jahre Zuchthaus. Lebenslänglich Zuchthaus, Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab: Halali!!! Ich bin eine öffentliche Dame, Justitia ist mein ehrenwerter Name. Früher war ich einmal Iteusch und züchtig. Das Zünglein meiner Waage stand im Gleichgewicht, Die Augenbinde war verhältnismäßig dicht. Aber später wurde ich dann richtig. Nachdem ein Richter mir die erste Unschuld nahm, Mußte alles kommen, wie es schließlich kam. Nun halte ich es gern Mit mächtigen Herrn. Alles, was sie wünschen, tue ich für Geld, Das ist der Lauf der Welt. • Fünf Jahre Zuchthaus, Zehn Jahre Zuchthaus, Fünfzehn Jahre Zuchthaus, Lebenslänglich Zuchthaus, Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab, Kopf ab: Halali!!! Das Volk dec Dichtet und Denket Dcei Dokumente. Noch immer gibt es Menschen, die den§inn des neuen Deutschland nicht begreifen. Am wenigsten die Knechtschaft w/>«r den Geist. Darum halten wir es für nötig, die Wissenden, die Zweifler und die Ungläubigen von einigen Dokumenten und Formularen wortgetreu in Kenntnis zu s e ff e n. Jeder, der in Hitler-Deutschland zu schreiben gedenkt, muß sich vor der Reichsschrift- tumskammer legitimieren. Ist er hier nicht genehm— aus Gründen, die jeder lesen kann—, dann kann er nie wieder etwas publizieren. Ein Ausgeschlossener von den Weihen und den Brotkörben des„dritten Reiches". Die Redaktion der„Deutschen Freiheit". Dec^caqeicqeu iu Dec Veetaç schreite i Ernst Rohwolt Verlag, Berlin W 50, Passauer Straße 8/9 Rundschreiben An die Autoren de« Verlages Wir teilen Ihnen hierdurch folgende Veröffentlichung des Reichsverbandes deutscher Schriftsteller mit: „In Durchführung des Kulturkammergesetzes haben sich alle deutschen Schriftsteller zur Eingliederung in die Reichs- schrifttumskammer beim Reichsverband deutscher Schriftsteller, Reichsleitung Berlin W 50, Nürnberger Straße 8, anzumelden. Diese Meldepflicht betrifft alle Arten schriftstellerisch Schaffender mit Ausnahme der für die Reichs- Pressekammer zuständigen Schriftleiter und Journalisten. Es haben sich zu melden alle Buchautoren und alle belletristischen Mitarbeiter bei Zeitungen und Zeitschriften, wissenschaftliche und Fachschriftsteller, Filmschriftsteller, UeberseQer, Lyriker, Textdichter, Bühnenschriftsteller, Funkschriftsteller und Kritiker aller Art. Die Meldung hat bis zum 15. Dezember zu erfolgen." Wir haben uns mit dem Reichsverband deutscher Schriftsteller in Verbindung gesetzt und haben die Auskunft erhalten, daß der Reichsverband durch das Kulturkammergesetz zu einer Zwangsorganisation aller Schriftsteller gemacht worden ist. Alle Schriftsteller haben sich im Reichsverband anzumelden, auch Nichtarier. Es ist erforderlich, daß Sie sich umgehend, auf jeden Fall bis zum 15. Dezember, beim Reichsverband deutscher Schriftsteller anmelden, sofern Sie nicht bereits Mitglied sind. Ohne diese Mitgliedschaft ist eine Publikationsmöglichkeit nach dem Kulturkammergeseff in Buch, Zeitschrift oder Zeitung für Sie nicht mehr möglich. In vorzüglicher Hochachtung Rohwolt Verlag GMBH, und Ernst Rohwolt Verlag K. a. A. Zwei unleserliche Unterschriften. P. S. Wir erlauben uns eine Aufnahmeerklärung des Reichsverliancles deutscher Schriftsteller e. V. beizufügen. „Jxh ecktäce midi leteü"... Ii. Reichsverband Deutscher Schriftsteller E. V. Reichsleitung Berlin W 50, Nürnberger Straße 8. Ausnahme-Erklärung Ich erkläre hiermit meinen Eintritt in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller E. V., Berlin. ich bin arischer/nichtarischer Abstammung. Ich bin Staatsangehöriger. Ich erkläre mich vorbehaltlos bereit, jederzeit für das deutsche Schrifttum im Sinne der nationalen Regierung einzutreten und den Anordnungen des Reichsführers des RDS. in allen den RDS. betreffenden Angelegenheiten Folge zu leisten. Name:.... Vorname:.... Wohnort:.... Straße:.... Geboren am:.... Geburtsort:.... Ich erkenne an, daß die mir überlassene Mitgliedskarte und das Verbandsabzeichen Eigentum des RDS. sind und werde beides bei meinem Ausscheiden zurückgeben. Den Aufnahme- und ersten Quartalsbeitrag entrichte ich sofort, sobald mir die bestätigte Aufnahme mitgeteilt wird. den.... 1933. Unterschrift: Aufnahmegebühr: RM. 3,—(fällt für Mitglieder des SDS., VDE., DSV., Bund deutscher Schriftst. und Journalistinnen, Vereinigung sächsischer Schriftsteller, Verband der Tanzkritiker. Verband deutscher Bühnenschriftsteller und Bühnen- komponisten E. V. und National verband deutscher Schriftsteller fort). Vorläufiger Beitrag pro Vierteljahr 5,— RM. Bitte deutlich ach eiben! Reichsverband Deutscher Schriftsteller E. V. Reichsleitung Berlin W 50, Nürnberger Straße 8 Bitte deutliche Schrift! Fragebogen für Mitglieder 1. Name:.... Vorname:.... Pseudonym:.... Privatadresse:.... Telef.:.... Berufsadresse:.... Telef.:.... Geboren am:.... Geburtsort:.... Religion:.... Staatsangehörigkeit:.... 2. Ledig:.... Verb.:.... Verw.:.... Geschieden:.... 3. Daten der Ehefrau: geborene.... bzw. Ehemann Geboren am:.... Religion:.... frühere Staatsangehörigkeit:.... 4. Kinder:.... 5. Kriegsteilnehmer:.... 6. Mitglied der NSDAP, oder Untergliederungen?.... 7. Frühere politische Zugehörigkeit?.... 8. Erlernter Beruf:.... 9. Sind Sie Mitglied de« SDS.?.... VDE?.... DSV.? Bund d. Schriftst. n. Journalistinnen?.... Vereinigung sächsischer Schriftsteller?.... Verband der Tanzkritiker? .... Verband deutscher Bühnenschriftsteller und Bühnenkomponisten?.... National verband Deutscher Schriftsteller?.... In welcher Fachschaft, als Haupt-oder Gastmitglied, wollen Sie eingegliedert werden?(Hauptmitgliedschaft nur in einer Fachschaft möglich, Gastmitgliedschaft in mehreren ohne Sopderbeitrag.) Hauptmitgliedschaft:.... als Gast: 1. Erzähler:.... Mundartdichter:.... 2. Lyriker:.... 3. Kritiker: a) Kunstkritiker:.... b) Musikkritiker:.... e) Theaterkritiker:.... d) Tanzkritiker:.... e) Filmkritiker:.... f):.... 4. Ucbersetzer:.... 5. Wissenschaftliche und Fachschriftsteller:.... 6. Rundfunk:.... 7. Film:.... 8. Textdichter:... 9. Bühne:... 10.:... 11.:... 12.:... Wo sind Ihre Buchwerke erschienen?....(Nur für Buchautoren.) In welchen Anthologien sind Sie vertreten?....(Nur für Lyriker.) Mit welchen Zeitungen bzw. Zeitschriften arbeiten Sie?... Aus welchen Sprachen übersetzen Sie?.... Mit welchen Filmgesellschaften arbeiten Sie?.... An welchen Sendern lesen Sie?.... Sind Sie im Kürschner verzeichnet?.... Zwei Bürgen, die erschöpfende Auskunft geben können, a) bezüglich politischer Einstellung, b) bezüglich schriftstellerischer Tätigkeit. Die Adressen der Bürgen sind genau anzugeben:.... Bemerkungen:.... Ich erkläre nach bestem Wissen und Gewissen die vorstehenden Angaben gemacht zu haben und werde mich jederzeit für das deutsche Schrifttum im Sinne der nationalen Regierung einsehen. Gleichzeitig verpflichte ich mich, bei meinem Ausscheiden aus dem Verband die Mitgliedskarte und die Verbandsnadel sofort zurückzugeben, da diese vorbehaltlos Eigentum des Verbandes sind. Gleichzeitig bin ich damit einverstanden, daß ich bei Nichtbezahlung der Verbandsgebühren aus den Listen gestrichen werde. ...., den.... 1933. Unterschrift: Strauß als. Musik:2Citlet Der Herr der Reichsmusikkammer Der Präsident der Reichsmusikkammer, Dr. Richard Strauß, hat bestimmt, daß die Körperschaften, Vereinigungen, Unternehmen und Personen, die auf dem Gebiet des Konzertwesens einschließlich der Vermittlung tätig sind, zu einem„Reichsverband für Konzertwesen" zusammengeschlossen werden. Dr. Richard Strauß hat zum Führer des Reichsverbandes das langjährige Vorstandsmitglied des Vereins der Musikfreunde in Lübeck, Hans Sellschopp, und zum Geschäftsführer des Reichsverbandes Dr. Otto Benecke, Abteilungsleiter im Deutschen Gemeindetag, bestellt. Der Führer des Reichsverbandes für Konzertwesen, Hans Sellschopp. hat den Reichsverband aus vorläufig drei Fachgruppen gebildet. Die Fachgruppen Ernste Musik(Arbeitsgemeinschaft für Konzertwesen), Unterhaltungsmusik (Reichskartell der Musikveranstalter Deutschlands), Konzert- Vermittlung(Verband der deutschen Konzertdirektionen). Die Eingliederung muß bis zum 15. Dezember erfolgt sein. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Zugehörigkeit zum Verband und damit zur Reichskulturkammer Vorausseffung für die künftise Betätigung auf dem Gebiet des Konzertwesens ist. Der Jiasecueustudeut So sieht es das Ausland Die..Basier National-Zeitung" darf seit kurzem wieder in Deutschland erscheinen. Das hindert das Blatt nicht, die deutschen Zustände mit der gleichen Drastik zu beleuchten, wie sie es bisher getan hat. Zu ihrer Ehre. Ueber den SA.-Studenten schreibt sie unter anderem (Nr. 569)...Die Ankündigung, daß in Zukunft nur derjenige Jüngling wird studieren dürfen, der zugleich auch SA.-Mann ist, wird die Professoren, die Väter, die vielen Studenten selbst freuen, die ohnedies schon genug klagen, die Anforderungen, die der Totalstaat jetzt schon an den einzelnen stelle, machen ein richtiges, solides Studium je länger desto mehr unmöglich. Studentische SA.-Leute werden vom Dienst dermaßen mit Beschlag belegt, daß ihnen im Tag oft kaum noch eine Stunde der Ruhe und der Sammlung übrig bleibt. Die meisten sind übermüdet. Ein in Norddeutschland imraatriku- ..ci ter Student berichtet anschaulich, wie er und seinesgleichen in der SA-Kaserne von soldatischen Rauhbeinen gezwiebelt werden. Da sei z. B. die Nachthemd- und die Handschuhprobe. Die Zöglinge haben im Nachthemd unters Bett zu kriechen. Als reingescheuert gilt der Fußboden nur, wenn die Hemden intakt schneeweiß bleiben. Oder der gestrenge Inspizient zieht schneeweiße Handschuhe an, fährt damit über den Boden hin und her und gibt sich nur dann zufrieden, wenn das Weiße durch kein Stäubcfaen und Schatten getrübt wird. Für manche Studenten ist dieser Dienst freilich eine Wonne, sie fühlen sich als SA.-Leute als Staatsträger, als den Staat selbst, und die Professoren haben nichts zu lachen." ■ Der Fall Manigk in Marburg bewies es jüngst wieder. Weil er auf die römische Herkunft des herrschenden politischen Systems hinwies, wurde er Gegenstand wilder studentischer Demonstrationen. Die Forderung auf Entlassung wird prompt erfüllt werrt»„:•> P-» Manigk bereit Gegenwärtig ist mein Strumpfgeldgeber Ein schmucker, braunlivrierter Totèngraker. Es ist süß, von seiner Macht zu trinken!— Liebst Du die Freiheit und das Recht, so mach Dich dünn, Fällst Du uns in die Finger, Freund, so bist Du hin' Blut und Tränen brauche ich zum Schminken.— Wer uns in unserm jungen Glück zu stören wagt, Der hat bald sem letztes Sprüchlein aufgesagt. Wer nicht gestraft sein will. Der schweige fein still. Ehe man nicht mich und meinen Herren henkt, Wird keinem was geschenkt. tin neues fflUtupftvoct „Verschweizerung" Wir alle kennen das furchtbare Schicksal, dem nach den geistvollen Ausführungen des tiefgründigen Theoretiker« Hitler das arme französische Volk verfallen ist: die Vernegerung. Leider mußte nunmehr bei einem anderen europäischen Volke, das es wahnwitzigerweise bisher immer noch ablehnt, sich von den Herren des„dritten Reiches" regieren zu lassen, ein ähnliches trauriges Schicksal festgestellt werden. Es handelt sich um Oesterreich, das zum Schaden der gesamten europäischen Kultur einer allgemeinen— Verschweizerung zum Opfer fällt. Wir lesen darüber: „Es ist ein Kampf der Unnatur gegen die Natur, ein Kampf, den die amtlichen Leiter eines deutschen Staates gegen einen wesentlichen Bestandteil des deutschen Volkes führen. Es ist ein Kampf, der, wenn die Amtsgewaltigen von heute Sieger bleiben, mit der Verschweizerung der urdeut- schen österreichischen Länder enden müßte." Uns lief ein Schauer des Entsetzens über den Rücken, als wir diese furchtbare Prophezeiung in einer Besprechung über das Buch: Mayrhofer„Sturmglocken über Wien", in der Nr. 21 der„Deutschen Handelswacht", Zeitschrift des Deutschen Handlungsgehilfen-Verbandes, lesen mußten. 2>eU=7lcU Im nichtgleichgeschalteten Deutschen Klub(Université dn Parthenon, M, Rue du Rocher. am Bahnhof St. Lazare) spricht am Samstag, deirt 1*6. Dezember, 21 Uhr. Richard flutter: Wiener Plaudereien. Gäste willkommen. 5 Franken, Stellungslose 2 Franken. Jean Longuet vor den Emigranten Jean Longuet, der französische Abgeordnete und zweite Vorsitzende dés auswärtigen Ausschusses in der Kammer, ist der Enkelsohn von Karl Marx. Das alte Haus in Trier gebar den berühmten Schöpfer der Wertlehre. Eine der Töchter Marxens aus seiner Ehe mit Jenny von Westfalen heiratete den Franzosen Longuet. Der Enkel Marxens war der erste Franzose, der nach dem Kriege auf einem internationalen Sozialistenkongresse sprach, in Frankfurt am Main und in Mainz. Der Urenkel des Alten. Karl Longuet, hat als Bildhauer das künstlerische Talent der Familie geerbt. Eine wunderbare Büste des greisen Kapital Bekämpfers steht in dem Wartezimmer des bekannten Anwalts, der in der Nähe des Pariser Rathauses seine Kanzlei besitzt. Jean Longuet sprach jetzt vor den deutschen Emigranten in Paris über das Thema: La France est-elle revolutionäre ou réactionaire? Zunächst es gibt zwei Frankreichs, wie es zwei Deutsch «Jands giàçr-»,«enn auch ehis die Herrschaft^ hat. aber das -^andere ist'nicht tot.-. Im„181 Brumaire'* hat.Marx die Entwicklung nach Klassen vorausgesagt Aber es ist ein Irrtum, i immer noch zu glauben, daß Frankreich eine agrarische Mehr- •ïheit habet;' ,-'■■■ nur noch 33 oder 34 Prozent der Bevölkerung ist bäuerlich. Allerdings ist der Prozentsatz von Mittelstand und Kleinbürgern wohl größer als anderswo. Es war die große Tat der französischen Revolution, den Bauern Land zu geben. Die deutsche Republik hatte immer eine große Klasse des Mittelstandes hin» r sich.' Man kann nicht behaupten, daß in Frankreich die Bauern überall für Demokratie und Sozialismus eintreten. Zum Beispiel erliegen sie im Westen des Landes, besonders in der Normandie, in der Bretagne, im Maine und in der Vendée vielfach der katholisch-reaktionären Agitation. Aber im Z e n- t r u m und im Südosten gibt es Hunderttausende von Bauern, die links stehen, so im Var. im Hérault, in der Haute Vienne, im Puy de Dome, in der Auvergne, und für den -Sozialismus stimtnen. Im Var sagen die Bauern:„Nous sommes des républicains rouges" und verstehen darunter, daß -aie für die am meisten links stehende republikanische Partei sind.-•_/-'-...,-' Die klein^anflrute nnd Angestellten sind, so besonders in Paris, nationaler Einflüssen unterworfen, aber der A n t f's e m i t i s m its bat seit der Affäre Dreyfus keine tiefen Weitzeln mehr geschlagen. Es war der Abbé Grégoire, Mitglied des Konvents, der in Frankreich die Juden befreit hat. Es gibt wohl, wie in der Frauenmode, eine Nachäfferei der Sitten, und daher, vielleicht auch etwas wie Nachahmung des, Antisemitismus im Auslande, aber ein politisch fundierter Antisemitismus in Frankreich besteht »icht. Dagegen ist der ,N■ t i.o n a l i a m u a verbreitet. Es gibt z w e i Sorten: den mit monarchistischen Tendenzen und den als Erbe der. Freiheitskämpfer von Valmy. Das Wahlsystem in Frankreich(Haupt- und Stichwahlen: Abschaffung der Verhältniswahl) bringt Koalitionen hervor. Man muß übrigens die Zahlen verdoppeln im Vergleich au denen anderer Länder, denn bekanntlich besteht in Frankreich kein FraüenWahlrecht Die K o m m u• n i s t en hs ben 780 O9V Stimmen im Mai 1932 gehabt, hätten also Anrecht auf 4V—-45 Mandate, haben aber nur 10. Die Sozialisten standen mit 2 Millionen Wählern da. aber nur 10 Frozen) sind organisiert. Die Radikalen erhielten Achtung, Eltern f Mein tuzendheun hedeu' veigrÖPert befindet sich jetzt in MARNES.L.\ COQUETTE, 3~ Grande Rae 20 Minuten Hahn'»hit vom Bahnhol St i.azare, fan» îeïtlM Gcnhcc Mt. 629, Große Villa mil riesigem Pirk, fließendes Wasser in icdem Zimmer. Zentralheizung usw Überleitung in die franz. Schulen Gymnastik, Sport. FRAU DR. BERG ta Pariser Pabrift den neuesten Schlager— den originellsten existierenden Spielautemsts.i fabrizierend, würde sieb, um die jro»e« i»w Irnkams i selbst voll ausnützen zu kennen, m t 50"i• an einem zu gründenden Stccn..fl beteiligen, welche das aufstelle» und Iseasso in Cafes, Restaurants usw. vornehmen laßt. Nur schnei/entschlossene Interessenten mit mindestens!0ü000 Fr. bares Kapital»ollen sich melden unter SoieUutoizst an: S.A.Metzl, 51, rue Turblgo Nr. 195, Parts Steuertragen Gesellschaftsgründungen Wenden Sie sich an F. BRIGUEU LICENCIE EN DROIT -hematiger Kontrolleur der direkten Steuerbehörden, um vom offiziellen Standpunk: aus beraten zu werden i Bd. III, le latsvrr Sichere Existenz Papisr-Engros-Oaaetiift mit gutem Um«itz in SriiSilsdt Lothringen« wegen Überlastung des Inhaber« mit anderen Se.cntftee in tie Ilgen surr entechlo« enen Herrn abeu- g-ben. La-gjShriqe gute Kundschaft«er- bänden. Bemge Unkneien, Mindeatelnkem men Fr. 42 000. jährt ch. Erforderlich 30 Mille. EILOFFERT IN UNTEN Nr. 1592»N DIE EXPEDITION 1,7 Millionen Stimmen: Im ganzen zählte die Linke 5 Millionen, die Rechte etwa 4. Bei den S t i ch w a h 1 e n gilt die Theorie des kleineren Uebels, die bis 1928 auch von den Kommunisten befolgt wurde. Aber 1928 änderten die Komintern ihre Politik. Aber die Arbeiter befolgten zum großen Teil nicht die Parole, durch die systematisch die ärgsten Feinde der Arbeiterklasse gewählt werden maßten. Ich selbst kam in der Stichwahl von 7200 auf 10 000 Stimmen: ein Teil rührte von den Radikalen her, aber 1600—1700 kamen von den Kommunisten. Die Hauptgegenden der Kommunisten sind Paris (wo sie stärker sind als die sozialistische Partei, teils infolge der großen Auflage der„Humanité", während sie weniger als 10 000 Pariser Mitglieder haben) und in den Industriestädten des Nordens wie Lille, Tourcoing, Roubaix, Valenciennes. Zum Syndicat unitaire gehören von den 200 000 organisierten Metallarbeitern höchstens 5—6000. Der Citroen-Streik verlief ohne Resultat. Die Radikalen haben den größten Teil der Arbeiterschaft verloren, nur in Saint-Etienne. wo Sonderverhältnisse obwalten, nnd vielleicht auch in Lyon, wo Herriot gewählt wurde, haben sie noch Arbeiterstimmen. Aber ein großer Teil der Bauern im Westen und im Osten, z. B. auch in Lothringen, wählt radikal. Ein Teil der radikalen Abgeordneten ist infolge der Parole:„II faut barrer la route à la réaction" in der Stichwahl durch Sozialisten und„ungehorsame" Kommunisten gewählt. Die gemeinsame Weltanschauung aller Radikalen ist der alte französische Antiklerikalismus. Im übrigen stehen von den 160 Abgeordneten der Radikalen etwa 50 links, ein weiterer Teil sind Republikaner, aber mit préjugés in sozialer Hinsieht(wie Herriot). der Rest sind die in der Stichwahl gegen dir Sozialisten Gewählten, die nach rechts ziehen. Der Druck der Hochfinanz, der Börse, ist groß. Diese Kreise wollten die Gehälter der S t a a t s b e a m t e n haupt- An- und Verkauf zentraipurops»choi und sûdamar.kani- schar Oevsen E'tehten und REICHSMARK durch das Sankhau* Georges Perles* P. Michel 34 RUE LAFFITTE. PARIS IX teiePON ta TBOuT aa-40 bis 49 sächlich deshalb vermindern, um einen Drude auf die Löhne in der Privatindustrie ausüben zu können; denn budgetmäßig fällt die Verminderung der Beamtengehälter nicht sehr ins Gewicht. Wir haben uns von der Abstimmung ferngehalten, um einen vierten Sturz eines Ministerium» zu vermeiden; außerdem haben wir die Freilassung der Einkommen bis 12 000 Franken und gewisse Milderungen erreicht. Außenpolitisch haben wir dir schweren Irrtümer des Friedensvertrages bekämpft, die neben anderen Gründen wie Arbeitslosigkeit. Spaltung der Arbeiterklasse usw. einer der Gründe des Scheiterns der deutschen Republik war. Es ist hoffentlich eine Täuschung, daß man jetzt die Zugeständnisse, die man der Republik verweigerte, dem Hitler Deutschland machen wo e. Der Völkerbund muß gestützt werden und der Ausgangspunkt von Verhandlungen sein: ist es mit dem Völkerbund vorbei, ist die Kriegsgefahr größer. Dunkel nnd seltsam ist es. daß derselbe Abgeordnete Ybegaray. der ganz rechts steht, jetzt direkte Verhandlungen mit Hitler fordert— da steckt etwas dahinter! Die Aufgabe der Sozialisten ist. den Frieden zu erhalten und die Beziehungen der Arbeiterschaft aller Länder zu bessern.(Lebhafter Beifall.) Nach einer kurzen französisch geführten Diskussion betonte Longuet, daß die Taktik der Fernhaltung von der Abstimmung durch Mehrheitsbeschluß herbeigeführt sei. Der Untergang der deutschen Republik sei, trotz allem, im wesentlichen mit durch die erste H i n d e n• bürg wähl herbeigeführt worden Ein verloren gegangener Einschreibebrief Die Filiale der Deutschen Bank schickte eines Tages, als sie noch nicht gleichgeschaltet war— heute hält sie wohl ihren Winterschlaf bei gefrorenen Krediten—, einen Einschreibebrief mit 20 Hundertmarkscheinen an Herrn Charles Sejerhag in Nizza, in einem schönen Hotel am Boulevard Victor Hugo. Als diese Sendung eintraf, war aber der Mann mit dem skandinavischen Namen schon weiter gefahren. Der Briefträger. statt den Einschreibebrief in die schöne Stadt am Rhein suriiek zu adressieren, gab aber die Sendung dem Pförtner, und der wechselte Ende der Riviera Saison den Platz, und die zwanzig blauen Scheine weilten nicht mehr unter Palmen. Nunmehr stiftet Adolf anscheinend auch darin..Ordnung". Er verklagte den Erbfeind in Gestalt des Hotelbesitzers in Nice auf zwanzig Blaue. Aber da der Artikel 21 der frau- zösischen Ausführung der Londoner internationalen Poat- konvention von 1929 die Auslieferung von Einschreibebriefen lediglich dem Empfänger auferlegte, so besteht kein Band zwischen den Düsseldorfern und dem Nizzaer Hotel, und die Klage des„dritten Reiches" wurde vom Handelsgericht*uf Kosten des Vaterlandes der Gleichschaltung abgewiesen. Denn da die französischen Referendare immer noch nicht wie die deutschen den Justinian durch Felddienstübungen ersetzen, gelten in diesem Lande immer noch die„Fetzen Papier". Uebrigens eine Nebenfrage: wieviel Briefe läßt die Hitler- Post, so nebenbei,„verloren" gehen? Der„Eintreiber" wird hoffähig Die Unsterblichen der französischen Akademie haben das Wörterbuch weiter durchgesehen Sie. haben u. a.(das Wort rabatteur(den Treiber bei einer Treibjagd) in der Bedeutung:„Zutreibcr" bei Geldgeschäften und„Eintreiber" für Parteien durch Propaganda aufgenommen. Gewissermaßen ist also der„Trommler" des politischen Lebens jetzt audi an der Seine hoffähig geworden. Der alte Vater Rabelais. Urvater des Humors und des Fressers Gargantua, wurde durch Aufnahme des Adjektivs Rahelaisien und natürlich auch des Feminimuins Rcbelaisionne geehrt. Uebrigens im selben Moment, wo der Musikkritiker des„Temps" darüber weint, daß„Gargantua", die Oper von Antoine Mariette, die rfian bisher nur durch Bruchstücke bei den Pasdelonp Konzerten kennen lernte, nach fünfzehn Monaten Vorarbeit von der Opéra-Comique verlassen wurde. Die Arbeit der Unsterblichen ist dann bis zum raeahout gediehen, worunter man eine süße Speise aus dem Orient zu verstehen hat. Im neuen Jahre verteilen die Unsterblichen zwei Preise von je 4000 Francs: einen für ein Gedieh) on 100 bis 300 Versen über die Eroberung der Lüfte um! einen für einen anderen Ausflug in das Land der Musen. Das Hakenkreuz im Vel' d'Hiv' Im Velodrome d'Hiver war am Sonntag der amtlich« Einaug des Hakenkreuzes zu verzeichnen nachdem dieses Symbol, unter dem so oft„Siegreich wolln wir Frankreich schlagen" gesungen wurde, die offizielle Fahne des „dritten Reiches" geworden ist. Die deutsche Loge war mit dem Banner geschmückt, unter dem noch kürzlich die Sedan- Feier als Tag der nationalsozialistischen Parteitage eingeführt wurde. Allerdings war die Parade des Hakenkreuzes auf blutrotem Grund an diesem Vorweihnachtstage in dieser Stadt, in der der Weibnachtsmann, der Père NoeL. nicht mit wilden Hitlerblusen umzugehen pflegt wie drüben, nicht besonders günstig. Denn die Hauptaufmerksamkeit war auf das große Match Archamband Richard gerichtet: die Deutschen mit dem Match France-Allemagne liefen bloß„Vorgericht". Außerdem fing die Geschichte zu spät an. und das Pariser Publikum, das durch 8 Grad Kälte gezogen kam. fing an zu johlen, bis endlich die„Vedettes" erschienen. Bei den Stayers fiel das Hakenkreuz hintenüber. Erster wurde der Franzose W a m b s t. noch dazu ein Lothringer (trotz der Enthüllungen des„Petit Parisien" ist es ja noch nicht gelungen, das Wainbst-Land zu annektieren). Schindler und Möller aus dem„dritten Reich" lagen an 2. und 3. Stelle vor Paillard. Bei den Sprinters war ein Sieg der Franzosen von vornherein zu erwarten. Immerhin erzielte Richter eine Gleichwertung mit Gérardin. Das Klassement war audi hier wieder: 1. Frankreich 30"*/», 2. Deutschland 30"*/». S g r. Filmtagung in Paris In Pari« fand eine internationale Tagung der Film- firmen statt, an der S dienermann. Dr. Plügge und Hoflfmann von der deutschet) Filmkammer teilnahmen. Es wurden Beschlüsse über die Beschränkung der Autoren- rechte gefaßt. Diese gehören nach Auffassung der Film- Produzenten restlos ihnen Die Aufführung eines Tonfilms schließt flach einer weiteren Erklärung nicht notwendig das'Recht ein, die Musikrechte an die Eintreibe-Gesellschaften zu bezahlen, da es zieh um Verträge zwischen Produzent und Autor handele. Der Komponist werde weder durch die Berner Konvention noch durch die Gesetzgebung der Staaten gehindert, dem Produzenten das Recht des Vortrags neben dem der Aufführung gesondert zu übertragen Die Satzungen der Eintreibe Gesellschaften. die dem entgegenstünden, seien gesetzlich nicht verbindlich Verlangt wurde, daß heim Brüsseler K on g re ß sich unter den Ländervertretungen ein Filmprod usent befände, der die Interessen der Kinoindustrie vertreten könne. Weitere Beschlüsse richteten sich gegen die Film Steuern in den verschiedenen Ländern. Selten wurde eine kapitalistische Internationale so unumwunden, so deutlich sichtbar, wie auf diesem neuen Bündnis gegen die Geistesarbeiter zu Paris... Peize-Krmr Q** Grand'rue 3 f f nur I. Stock STRASBOURG Gros>» Auswah. in t'eu- kragen ab 3o Ft., Pelz- iaquettrs ab 175 Ii. Pelzmantel ab 35C Er. Isab.- und Skunksflichsc ab!5t Fr,. Skunks-Col- liers und Echarots ab yx fr Reparatur. 5R Ersparnisse 1121 Kmkau und Au«lövun>. vom Versatsam A ~ BRILLANTEN GOLD§ | SILBERWAREN. UHREN® ^»agliche GeJceenhntv Verkau c& w BETTER, 49, FAUBOURG MONTMARTRE§ aaaaosa mam;p#ichi dbutjch s«»«»«« t ijlllllllllll y in Dud- weil«: fiir Inserate: Cito Kuhn in Saarbrücken, Rotationsdruck und Veilag: Verlag der Volksstimme GmbH» Saarbrücken 8. Schüventtrave 5. Deutsche lassen ihre Möbel und sonstigen Stückgüter nach Frankreich einzig und allein befördern durch STPPMiEXPDCSS 31, Rue de Pötrograd• PARIS 8 (Nähe Place Clichy) Telephon: Europe 60.10 Kabeladresse: Sternex»Paris Sammelwaggons aus den wichtigsten Stadien Deutschlands 1-3 mal wöchentlich nach Paris-Riviera und den Iranz. Provinz>Städtcn; dadurch ermäßigte Fracht Lagerung Verpackung Versicherung Agenturen in allen Städten Deutschlands und lentrai-Europas Beste Referenzen von deutschen Industriellen, lournalisten, Anwälten u. Ärzten Wo speist man gut und billig in Brüssel Restaurant à la Fourchette 22, rue St. Michel. 22. I. Querstraße rechts vom Platz Brouclcére Mittagessen von 6,— bis 10,— Fr. Abendessen von 18 bis 23 Uhr bestehend aus Suppe, Fleisch Gemüse und Bro». Preis nur 4,— Fr, Junges Mädchen das möglichst perfekt französisch spricht, sofort oder zum 1. lanuar als Haus« tochter in guten Haushalt gesucht. Kleines Taschengeld wird gegeben, Angebote unter R. L. an die„Deutsche Freiheit" Inserieren bringt Gewinnt