Tînzîge uuabhSngîgs Tageszeitung Veutkchkands Nummer 151— 1. Jahrgang I Saarbrücken, Samstag, 16. Dezember 1933| Chefredakteur: M. B r a u n Aas dem Inhalt tBeaesch in JUuis Siaatsfeinde ohne Untecstützung. Seite 2 Zoiteckamntecn in Lettin Seite 4 Das JlooseoeCisExpeeUnent tfAioeii qeqen ïfckacht Seite 5 Zwei Köpfe«ollen rollen Die Anfräße ßeßen Torßler und van der Lübbe Das Redifsbewußtsein der ßanzen well lehnt sidi ßeßen die Lelpzißer Renfterjustlz auf D. F. Dimitroff ist gerügt worden, weil er während der Anklagerede des Oberreichsanwalts nicht ernst ge- blieben ist. Es war das Lächeln des Weisen über einen Narren. Wie Kann der Oberreichsanwalt irgend einem Kritisch denkenden Menschen zumuten, seinen Anklage- schwinde! noch ernst zu nehmen? Vielleicht redet er sich ein. die Staatsräson erfordere sein Tun. Wahrscheinlich sehen er und seine Auftraggeber keinen Rückzug mehr aus dem Lügenlabyrinth, das sie bewußt während der Unter- suchung aufgerichtet hoben, und das sich während der Verhandlungen noch mehr verwirrte. Nun, so glauben sie, müsse der Weg dieser großen Lügen kleiner Karriere- leelen zu Ende gegangen werden. Aber sie gehen ihn ollein, und nur zu ihrer Verachtung. Es ist närrisch zu glauben, daß der Antrag auf Todesstrafe gegen Torgler von irgendeinem gebildeten Menschen irgendwo auf der Erde als Schuldbeweis der Kommunisten angesehen werde. Dieser schändliche Antrag eines unwürdigen Dieners der Justiz vollendet nur das vernichtende Urteil, fsïït'SÄ bj â àchtsàe sin dritte,. Reich" gefallt worden ist. Selbst wenn der Senat des Reichs- gerichts soviel Verstand und Mut aufbringen sollte, um den unhaltbaren Antrag des Oberreichsanwalts zurückzuweisen, bleibt die Tatsache, daß der Oberreichsanwolt die Ermordung eines Angeklagten gefordert hat. für dessen Schuld nicht die Spur eines Beweises vorliegt Eines Angeklagten zudem, der sich freiwillig gestellt hat. Ministerpräsident Gäring, der meineidige Zeuge dieses Prozesses, hat anscheinend eine klarere Vor- Itellung von den verhängnisvollen Auswirkungen des Verfahrens als der Ankläger und die Richter, wenn er sich dieser Tage bitter beschwerte, daß man die VerHand- lungen so sehr in die Länge gezogen hat. Er hat die An- geklagten kurzerhand aufknüpfen lassen wollen. Er leugnet zwar die Beschuldigungen, die ihm das Braun- buch auf Grund der Oberfohrenschen Denkschrift nachsagt, ober insoweit war er unterrichtet, daß man bei diesem Prozeß keine Schuldbeweise für die Kommunisten finden werde. Und wenn der Oberreichsanwalt pflichteifrig auch noch die Köpfe der Bulgaren gefordert hätte, und wenn das Gericht alle Todesurteile aussprechen würde, den Beifall ihres vorgesetzten Herrn Zeugen würden sie nicht mehr erringen können. Die Angeklagten kann man erwürgen, aber es leben die im Prozeß erwiesenen Tat- fachen, die den preußischen Ministerpräsidenten, seine Polizei und die ganze Untersuchungsbehörde als Fabri- kanten und Nutznießer von Lügen und Fälschungen nach- gewiesen haben. Was für ein Plädoyer! Der Oberreichsanwalt hat für seinen Antrag auf Todesurteil gegen Torgler keinen an- deren Beweis, als daß der Vorsitzende der Kommunist!» schen Reichstagsfraktion am 27. Februar verrückt gewesen sei. In den Tagen, in denen die Nationalsozialisten nicht nur die volle Staatsmacht befehligten, sondern auch ihre eigenen Streitkräfte konzentriert und bewaffnet hatten wie nie zuvor, solle der parlamentarische Führer der KPD. den Reichstag in Brand gesteckt haben, um feine geschwächte und desorganisierte Partei dem gewai- tigsten Terrorapparat auszusetzen, der je erlebt worden ist. Als Signal zu einem Kommunistischen Aufstand! Aber nirgendwo erhob sich auf dieses„Fanal" auch nur die kleinste Gruppe der Kommunisten. Der Brandstifter und Hochverräter Torgler saß ruhig in einer Kneipe und wunderte sich nicht einmal, daß die Flammen des Reichs- tags nicht zum Brandherd der bolschewistischen Révolu- tion wurden. Er saß ruhig beim Abendessen. Diese Ruhe des guten Gewissens wird ihm vom Oberreichsanwalt be- sonders hart angekreidet. Nie hat ein Angeklagter ein lückenloseres Alibi vor- gebracht als Torgler. Aber das hilft ihm nichts. Drei nationalsozialistische Zeugen wollen ihn nachmittags mit van der Lübbe im Reichstag gesehen haben. Nur national- sozialistische Zeugen! Dem Oberreichsanwalt fällt dabei nichts auf. Mit würdigem Gesicht gibt er sich auch den Anschein, er glaube, daß Torgler seinen Komplicen van der Lübbe am Abend aus dem Reichstag wieder hinaus- geschickt habe, damit er sich von draußen als Fassade- Das Henkerbeil liegt bereit Kletterer mit Kohlenanzündern betätige. Nur um recht aufzufallen und Zeugen zu beschaffen. Allen Klatsch zog der Oberreichsanwalt heran. Sogar die schwerbepackten Aktentaschen, die der vielbeschäftigte Abgeordnete täglich zum Reichstage trug, mußten her- halten. Und von seinen kriminellen Zeugen gab der Oberreichsanwalt keinen preis. Da ist sein Kronzeuge L e b e r m a n n, der in Hamburg rückfällig eine schwere Strafe wegen Raubs und Diebstahls verbüßt. Da ist eben- bürtig der Zeuge Bannert, der zurzeit wegen Betrugs und Konkursvergehens eine Gefängnisstrafe absitzt. Da ist Grothe, der unzurechnungsfähige Zeuge, dessen Fan- tasten über seine geheimen Beratungen kommunistischer Führer von anständigen und unbestraften Kommunist!- schen Arbeitern unter Eid zurückgewiesen worden sind. Nicht nur die kommunistischen Zeugen Kempner und Singer, auch politisch unbeteiligte Zeugen haben die Aus- sagen Grothes als unglaubwürdig erwiesen. Sogar die sonst so passiven Offizialverteidiger forderten seine Verhaftung wegen Meineides. Er blieb aber unbehelligt. Der Oberreichsanwalt brauchte diesen unzurechnungsfähigen Kriminellen als kostbares Beweisstück gegen den beschul- digten kommunistischen Führer. Vor Dimitroff und den übrigen Bulgaren hat die An- klage die Waffe gestreckt. Wegen mangelnden Beweises! Nach neun Monaten Untersuchung und Prozeßverhand- lung muß also der Oberreichsanwalt vor der aufhorchen- den Kulturwelt zugeben, daß man Unschuldige der Frei- heit beraubt, sie in Fesseln gelegt, sie mißhandelt, sie mit allen modernen Folterungen mürbe zu machen versucht hat. Nur der überlegene Geist und die fast Übermensch- lichen Willenskräfte Dimitroffs haben den Anschlag gegen die Bulgaren zu Fall gebracht. Der marxistische Arbeiter Dimitroff aus Radomir Hot dem Oberreichsanwalt und dem Reichsgericht überlegen lächelnd Schläge beigebracht, von denen sich die höchsten Anklagevertreter und Richter des Reiches nicht mehr erholen werden. Es hat sich bestätigt, daß noch vor Weihnachten Todes- urteile in Leipzig beantragt werden. Für van der Lübbe ist dos Todesurteil gewiß. Daß er rein kriminell schuldig ist, steht ohne Zweifel. Dennoch bleibt es eine juristische Ungeheuerlichkeit, daß er verurteilt werden soll auf Grund eines Gesetzes, das am Tage der Tat noch nicht in Kraft gewesen ist. Gewiß gibt es für die rückwirkende Kraft von Strafandrohungen Präzedenzfälle. Aber sie liegen weit zurück, und die wichtigsten findet man in der von den Nationalsozialisten sonst so gehaßten franzö- fischen Revolution. Kein Zweifel kann aber darüber be- stehen, daß die Entwicklung des Rechtes auf dem Grund» satze fußt:„Keine Strafe ohne Gesetz." Nach diesem Grundsatze aber könnte van der Lübbe höchstens zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt werden, denn nur diese Höchststrafe war für sein Verbrechen am Tage der Tat möglich. Es gibt Juristen, die bezweifeln, ob die holländische Regierung ohne Widerspruch zusieht, wenn für einen holländischen Staatsangehörigen und für ihn allein ein Sondergesetz angewendet würde mit dem ein» zigen Zweck, ihn hängen zu können. Indes mag es frag- sich erscheinen, ob van der Lübbe der holländischen Regie- rung für eine Rechtsverwahrung als geeignetes Objekt erscheint. Ob nun der holländische Einspruch erfolgt oder nicht, gewiß ist, daß schon ein Todesurteil gegen van der Lübbe auf Grund des rückwirkenden Sondergesetzes die deutsche Rechtspflege in allen Völkern mit hoher Rechts- Kultur kompromittieren würde. „Volk ohne Recht ist ein Volk ohne Ehre!", so schrieb neuli/h ein ausländischer Jurist zum Reichs- tagsbrandprozeß. Kein Wort braucht der Reichskanzler öfter als das Wort„Ehre". Wer aber verlangt, daß der deutschen Ehre nicht zu nahe getreten wird, darf den Rechtsboden nicht verlassen In Deutschland ist durch das Hitlerregime das Recht zerstört und gehöhnt worden, und offen genug haben die führenden Staatsmänner ihr Parteirecht gegen jede objektive Rechtsfindung pokla- miert. Nur aus solcher Geistesverfassung und sittlicher Verwilderung sind die Strafanträge in Leipzig zu ver» stehen. Ob das Reichsgericht wagen wird, den Abgeordneten Torgler dem Henker auszuliefern, mag zweifelhaft er- scheinen. Es ist freilich nicht minder zweifelhaft, ob Torgler im Falle eines Freispruchs in die Freiheit zurück- kehren würde. Und diese Zweifel darf man auch gegen- über dem Schicksal der Bulgaren hegen, wenn das Ge- richt zu einem Freispruch kommt. Das Leben der unschuldig Angeklagten Torgler. Dimitroff, Taneff und Popoff ist »n höchster Gefahr. Aus Deutschland kann ihnen keine Rettung kommen. Der kultivierte Teil unserer Nation liegt in Fesseln. Banditen ohne Rechtsbewußt- sein terrorisieren die Massen und hindern sie an Aktionen für die von Henkern und Mördern bedrohten Führer. Aus der Kulturwelt jenseits der deutschen Grenzen müssen die gewaltigen und selbst die regierende Barbarei in Deutsch» land erschütternden Proteste verletzten und entwürdigten Menschentums kommen. Es geht hier nicht um eine Partei, nicht um die Gesinnung und die politischen Taten ber angeklagten Kommunisten. Nur um die Frage geht es. ob die Welt ruhig Zusehen will, wie ein Staat in- mitten Europas durch einen unverhüllten Justizmord die Freihetts- und Rechtsbegriffe schänden darf, die in jähr- tausendelanger Entwicklung erarbeitet worden sind. Daß Deutschland wieder ein Rechtsstaat werde, ist unser Wille und unser Glaube. Dazu zu helfen, ist die Aufgabe aller. Wir rufen die Welt.zum Protest, zum Widerstand, zu leidenschaftlichem moralischen Angriff aus. Leipzig Reichstagsbrandstifterprozeß vdz. 5B*rf r«. 15. Dez. Zu Strain» der hentiac,, Ver- Handlungen bittet Rechtsanwalt Dr. Last den Senat, seinem stattzugeben, daß er sein Plädoyer erst am Samstag halt. Der Vorsitzende fragt, ob er erklären wolle, dast er aesnndhe'ilich nicht in der Lage sei, heute nachmittag zu plädieren. Dr. Jack beiaht dies. Der Angeklagte D> mi- troff bittet daraus, ihm stattdessen heute schon das Wort zu geben. Der Vorsitzende erwidert, er glaubt- nicht, das, da» geschehen werde. Der Senat werde darüber Veschlust fassen. Dann setzt Rechtsanwalt Dr. Teiche r t sein gestern unterbrochenes Plädoyer fort, und zwar wendet er sich der Gruppe von Veweisa»trägen zu, die sich unter dem Aegriss Indizien zusammenfassen lassen. Pai Meuerte Auf der Schneekoppe 15 Grad Kälte, im Tal 29 Grad TMrfchDcrg,>5. Dez. Ihr Riesengebirge herrscht Temperatur- Umkehr, d. h. es ist in den höheren Vage» erheblich milder als im Tal. Heute irüh wurden an der tiefsten Stelle des Kirsch- berger^.als 29 Grad Kälte festgestellt, während auf der >-chneekoppe nur 15 Grad Kälte gemessen wurden. Zurück zum Ghetto T>ez. Tie„Halberstädter Zeitung« schreibt ein Laster völkischer Mann ,ei nur derjenige, dem„das Blur ins Gesicht schient in dem Augenblick, wo ein Jude es wagt, ihn aus der«trage anzusprechen". » Wegen Vorbereitungen zum Hochverrat und schwere» «prengsto sdiebstahls erhielten zwöls ll i m e r K o m m u- nisten Gesängnisstrasen von siins Monaten bis zu 8"- Iahten, der Hauptangctlagte zwei Jahre vier Monate Zucht- yaus. Der für Donnerstagabend von kommunistischer Seite be- absichtigte Versuch einer Protestkundgebung gegen die Kür- Zungen der Äeamtengehälter auf dem Dpernptah in Paris» lst ohne Erfolg geblieben. Immerhin wurden 370 Personen ststiert und bis zur Feststellung ihrer Personalien ans de» Polizeirevieren zurückgehalten, weil sie den Weisungen der Pol,ze« keine Folge leisteten. Räch einer Havasmelduug auS Santiago de Chile ist der Oberbefehlshaber des chilenische» Heeres General Big- »ola zurückgetreten. Die Regierung hat sein Rücktritts- gesuch angenommen. Im Osten... Konflikte in Ostoberschlesien, Posen-Pommerellen «Der Ausländsdeutsche"(Rr. 28) weist auf immer mehr Konflikte in Ostoberschlesien und Posen-Pommerellcn h.n: so ain antideutsche Kundgebungen des polnischen Wcstmarken- Vereins in Kattowitz, ans die Verhaftung zweier Direktoren der Kattowitzer Laurahlttte und ziveicr Direktoren der R»b- inker Steinkohlengewerkschaft. Das deutsche Kriegerdenkmal in Rikolai wurde zerstört. In Posen-Pommerellen sei Wahl- terror gegen die Deutschen geübt worden:-1st Prozent der deutschen Aerzte In Pommerelken wurden von den Kranken- .lassen entlassen. Die deutsche Schule in Schiuetz mustte ihren Unterricht einstelle».— Alle diese Tinge sind Folgen des Hitlerregimes, unter dem das Auslandsdeutschtum innner mehr leiden must. Die Ausländsdeutschen kommen immer mehr in die Lag? der Juden im Reich. To entzündet ein Wahnsinn den anderen. „Verrat an«1er weisen Rasse" Wenn Frankreich.... so weil geht, dast es, um bei seiner linkenden Geburtenzahl das militärische llebergeivlchi aus- reiht erhalten zu können, in grösttein Umfange t-.gei zum Waffendienst in Europa heranzieht und die Gleichde.ech- tiguiig der Neger mit de» Weihen anerkennt, so be-"-h: es Verrat au der ganzen weifte» Rasse. Wie weit die Sclbst- eiitäusteriing der Franzosen geht, kann ina» ermessen, wenn man die Worte des Generals Atouain bei einer Aus nrach' vor einem teilweise schivarzen Publikum zu Gemlite'lit 1 Itcin Druckfehler! Der grammatikalische Fehler ist nazi- deutsch!): Mit jener iinsiiiniaen Legende von der Unterlegen- heil der schwarzen Raise must ein Ende gemacht werden. Das sagt Fritz Rothakcr-Berli» in der„Deutschen 4'tetill- arbeitcr-Zciluiig Nr. öl). „Stfaa&lcind" bekommt keine Unterstützung Die Sperrfrist wird angesetzt, wenn sich die fristlose Entlassung rechtfertigt...' „Schuldhaftes Verhalten" DaS NcichSversicherungsaint hat alö maßgebende Instanz die Frage zu prüfen gehabt, ob bei s r i st l o s c n E n t l a s- s» il g e n auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berussbeamtentums, insbesondere bei Entlassungen wegen st a a t s> e i n d l i ch e r Umtriebe, die Vorschrift des fi t>3, Abs. l des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeits- losen-Versicherung anwendbar ist, wonach kür eine gewisse Zeit, regelmässig für s e ch s W o ch e n. derjenige keine A r b e i t s l o s c n- ll n t c r st ü tz u n g erhält, der seine Arbeitsstelle durch ein Verhalten verloren hat. das zur fristlosen Entlassung berechtigt. Nach eingehender Würdigung der durch die Gesetze gegebenen Rechtslage kommt der Spruch- Unat zu der Erkenntnis, dast die Sperrfristen bei Anszah- lung ber Arbeitslosenuntcistützuna nach dem genannten Paragraien dann nicht anwendbar seien, wenn Arbeit- iichmer lediglich ivegen ihrer n i ch t a r i s ch c n A b st a m- m un g entlassen worden seien. D>e Sperrfrist komme bann schon deshalb nicht in Frage, weil ans diesem Grunde allein ein-.- fristlose Entlassung nach den Gesetzen gar nicht z u l ä s k i a sei. sondern vielmehr eine wenn auch vielleicht abgekürzte Kündigungsfrist eingehalten werden müsse. Dagegen könne die Sperrfrist An- wendung finden bei E n 11 g i f u n g c n, die wegen staatsfeindlicher B etät i g u n a lMerkmale des 8 4 des Berussbcamtcn-Wiederheistellungs-Gesctzes) fristlos ausgesprochen würden, auch, soweit sie ergingen, weil der Arbeitnehmer«nach seiner bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bietet, dast er jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintritt". Es müsse jedoch ein fchuldhastcs Verhalten des Arbeitnehmers vorliegen. Ob diese Voraussetzung gegeben sei, könne nur nach de» Umständen des Einzelfalles entschieden werden. ES sei der Nachweis zulässig, dast nach den Umständen des Einzeliass.es das Verhalten des Arbeitnehmers einwandfrei gewesen M und dast ihn der Vorwurf des Verschuldens nicht treffe. -- Diese neue Bestimmungen bestätigen nur die bisher gc- übte Praxis. Tie Sperrfrist, die einer sechswöchigen Aus- hungerung gleichkommt, wurde schon früher im größten Um- fange gegen Staatsfeinde, also Marxisten und Gewerkschaftler, angeordnet. Sie wurde in iast allen Fällen mit der Tätigkeit der Betroffenen vor der Machtergreifung Hil>«'s begründe:. Das bleibt bestehen, wobei jeder Willkür Raum gegeben>st- Wer sich heute noch Entlastung wegen«staatsfeindlicher Betätigung" fristlose Entlassung zuzieht, braucht sich um die Sperrfrist überhaupt nicht mehr besorgen. Hier gehl der Weg vom Arbeitsplatz unmittelbar zur Schutzhaft oder zum Kon- zentrationSlager. „Reform' Oes Völkerbundes unannehmbar! Benesch und Paul-Boncour— Gleichberechtigung der kleineren Staaten Paris, 15. Dez. Der erste Berhandlungstag Beneschs in Paris wird verhältnismäßig nur wenig besprochen. In einer halbamtlichen Auslassung wird hervorgehoben, daß das gest- rigc Gespräch zwischen dem französischen und dem tschecho- slowakischen Außenminister sich auf die Völkerbundsfrage be- zogen habe lind dast in dieser Hinsicht kein schriftlicher Re- sormvorschlag seitens Italiens vorliege, der bestimmtere Verhandlungen zulasse. Immerhin könne man annehmen, dast Paul-Voncour und Benesch den Standpunkt vertreten, wenn eine Völkerbundsreform ins Auge gefaßt werden könne, w nur im Hinblick auf eine Verbesserung der inrernationa- Ic» Zusammenarbeit, und zwar durch Methoden, die unter Berücksichttgtzng aller vorhandenen Faktoren alle Garantien bieten, damit man wirklich zu dieser Besserung gelange. Ganz ähnlich äußert stell«Echo de Paris". Er erklärt, hin- sichtlich der italienischen Völkrrbuiidsreiormvorschlägc tappe man in? dunkeln, denn die italienische Diplomatie habe kci- nerlei schriftliche Angaben gemacht. Boncour und Beneich schienen sich dahin geeinigt zu haben, dast jede Reform, die dem Grundsatz ber Gleichheit der Völkerbundsmitglieder widerspreche, für unannehmbar erachtet werde, und dast Frankreich und die Kleine Etztente nicht zulassen würden, dast von der gegenwärtig in Kraft befindlichen Verfahrens- art abgewichen werde, eine VeriahrcnSart, die bekanntlich o:: Elnsiimmtgkèit der Vollversammlung bei Beschlüssen er- Ketscht. Wenn dagegen Zusatzanträge gemacht würden, die einer engeren internationalen Zusammenarbeit den Weg eröffnen zu können schienen, und zwar nicht nur zwischen den Großmächten, sondern zwischen allen Mitalicdstaaten. Völkerbundes, dann könnten andere schneller wirkende M t- tel ins Auge gelabt werden. Fraglich sei nur, so'ügl das Blatt hinzu, ob der Quai d'Orsan und die Kleine Entente stets ein und Derselben Ansicht sein werden über die Be- deutung dieses oder jenes evtl. italienischen Planes bezüglich der Gleichheit der VölkcrbnndSmitglicdstaatcn und bezüglich der Sache ber internationalen Zusammenarbeit. liait sîent keinen Weg Die Reise Simons Noch immer ist die Frage deutsch-sranzösiichcr Be- sprechungen in der Schwebe. Man rechnet damit, daß heute oder am Sonntag in Paris die Minister der nationalen Verteidigung unter dem Porsitz dcö Ministerpräsidenten Ehankemps in eine Prüfung des deutsch-sranzösischen Pro- blems eintreten werden, wobei die militärteckniichen Fragen und die allen sichtbare deutsche Wiederaufrüstung eingehend besprochen werden sollen. Auch in England ist man sehr skeptisch geworden, ob Verhandlungen Frankreichs mit Deutschland, wenn sie überhaupt zustandekommcn, zum Er- folge führen können. Fedcnsallo hat die vielbeiproch-ne Unterredung zwischen dem britischen Botschaster in Berlin Sir Eric Philipp, der in London eingetroffen ist, keinerlei wesentliche Ergebnisse gehabt. Der englische Außenminister Sir John Simon wird während der Nenjahrsierien eine Rundieise durch verschiedene Hauptstädte unternehmen, ver- mutlich nach Paris, Gens und auch nach Rom. Diese Besuche werden im Zusammenhang mit dem Erholnngsurlanb des englischen Außenministers nach Eaprj gebracht. Die englischen Blätter sind immer noch der Hoffnung, daß es möglich sein würde, aus der gegenwärtigen Sackgasse herauszukommen. Die englische Regierung solle einen letzten Versuch nnternehmcn, so schreibt die«Times", um Parts und Berlin an! diplomatischem Wege miteinander auszuiöhnen, bis das Ergebnis dieses neuen Versuches be< lannt sein werde, würde England sich weigern, eine be- stimmte politische Linie zu verfolgen. Chautemps wieder gefährdet? Paris, 14. Dez. Der Beschluß des Senatsausichusses iür Finanzen, die Fliiaiizsanieningsvorlage weitgehend' abzu- ändern, hat die parlamentarischen»nd politischen Kreise stark beunruhigt. Verschiedene Vlätier werfen die Frage au«, ob der Senat eine neue Regierungskrise Heraufbeschwöre» wolle. Angesichts des Ernstes der Kagc hat Ministerpräsident Eliau- temps beschlossen, heute vor dein Finanzausschuß des Senates zu erscheinen. Man glaubt nicht, dast der Tenat dem Beschluß seiner Kom- 'mission ohne weiteres folgen wirb. Erst am Montag wird die Debatte im Plenuni beginnen. Dast allerhand Intrigen im Gange sind, ist unbestreitbar. Hinter ihnen stecken reaktionäre Wünsche zur Bildung eines„nationalen KonzentrationS- kabiucttö". Gehaltsabbau und Steuerreform Paris, den 14. Dezember 1083. Obwohl die Kommission des Senats zu verschiedenen Malen ihre Absich» bekanntgegeben hatte, die von der Kam- mer beschlossenen Maßnahmen zu verschärfen, hat doch der Entschluß der Kommission in den Wandelgängen des Senats einen tiefen Eindruck hinterlassen. Man bemerkte besonders die große Mehrheit bei der Abstimmung. Das Prinzip eines Gehaltsabbaues der Beamten wurde mit 28 gegen 5 Ttiin- men angenommen und die Höbe und Umfang des Abbaues mit 23 gegen 4 Stimmen bei 4 Enthaltungen aus 8« Ko»n- missiviismitglieder angenommen. Durch die zahlreichen Ab- änbcrungen und Verschärfungen bei einzelnen Steuern will die Senatsk"nimissivii 2100 Millionen Einsparungen meßt erzielt haben als die Kammer. Ilm Deutschlands Reer Die Pariser Besprechungen Paris, 14. Dez. Der„Matin" schreibt: Da Deutsch- land ein Heer von 800 00 0 Mann haben will und dieicr Wille allen künftigen Verhandlungen zwischen dem Kanzler Hitler und Außenminister Paul-Boneour zu- gründe llegt, werden die Minister der nationalen Verleibt- gung(Krieg, Marine und Lultarmtt) demnächt unter dein Vorsitz de» Ministerpräsidenten Ehantemps zusammen- treten, um diese Frage unter ihren verschiedenen Gesichts- mumm z„ prüfen. Erst nach dieser Konferenz wird der Ministerrat eine endgültige Entscheidung treffen. Dokument der Niedertracht Wie die Nationalsozialisten fälschen! Die«S a a r b rlickcr Zeitung" schwelgt. Auf unsere klaren Feststellungen, dast sie plumpe Fälschungen verbreitet hat, weist sie nichts zu bestreiten. Das„Protokoll" ist in allen Teilen Erfindung, Das wird auch in elner Erklärung nach- newicicn, die uns vom Büro der Sozialistischen Arbeiter- -Internationale in Zürich zugebt. Die nationalsozialistische„Saarbrllcker Zeitung" verösfent- licht in ihrer Nr. 323 vom ll». Dezember einen angeblichen „geheimen Sitzungsbericht", der eine„Niederichrist übe» die Ausschustsitznng der I. Internationalen Soziallstischen Kon- sex«uz über deutscheFragcn in Paria s2l. bis 28. August l»3:>>" sein soll. Diese in sensationeller Ausmachung unter dem Titel „Ein Dokument der Niederträchtigkeit" erfolgte Publikation ist auch außerhalb des Saargcbictes von der Presse nach- gedruckt und durch Depescheiiagentnren verbreitet worden. DaS Sekretariat der Sozialistischen Arbeiier-Jnternatlonale sieht sich daher veranlaßt, folgende Feststellungen zu machen: l. Die angebliche„Niederschrift" der„Saarbrllcker Zeitung" ist in alle» Teilen frei erfunden und eine cbenio grobe wie plumpe Fälschung. t. Die In der„Saarbriicker Zeltuna" wiedergegebenc Liste der„Tellnebmer" der angeblichen Sitzung trägt schon des- halb den Stempel der sr-ie» Ersindnng. well eine Reihe der i n dieser Liste genannte» Perso- neu der Pariser Konserenz überhaupt nicht beiwohnten. So waren der unter„Dcntschland" ange- führte Vertreter H ö l t e r m a n n, serner der unter„Eng- land" angeführte Vertreter C i b r i n e losseiibar soll es Eitrine heißen), weder zur Konferenz delegiert, noch an ihr anwesend. Eine vollständige Liste allex Teilnehmer und Gäste der Konserenz»st in der Oktobernnmmer des „Bulletins der Sozialistischen Arbeiter-Jnternationale" er- schienen«nd jedermann zugänglich. 3. Die„Saarbriicker Zeitung" nennt als„B a r s i tz e n- d e n" der Sitzung„Otto Baner sOesterreichs". Otto Bauer bat während der aanzen Tagung in Paris niemals den Vorsitz geführt, weder im Plenum noch in Kommissionen. 4. Sine Sitzung, di, die in der„Niederschrift" der„Saarbrilcker Zeitnng" enthaltenen Beschlüsse oder überhaupt Ge- beimbeschliisse erfaßt hat, fand nicht statt. Die in der Konserenz gefaßten Beschlüsse sind vollinhaltlich in der„In- ternationalen Information" vom î August und in dem „Bulletin der SAJ." vom Oktober wiedergegeben. 5. Kein e l n z i a e r deutscher»der sonstiger Redner hat bei einer der Sitzungen der Konferenz oder sonstigen Beratungen im Znsammenhang mit der Konferenz irgend eine Rede aehalte». di? mit de,, i« der„Nieder- schrift" der„Saarbrllcker Zeitung" e n t h al- tenen Treten auch nur im entferntesten übereinstimmt Ans Grund der in drei Svrachen stena- graphisch aufgenommenen Reden hat die„Internationale Information" einen der gesamten Presse zugänglichen Bericht von 7t) Seiten während der Tagung der Konserenz verösfent- licht. Das stenographische Protokoll der Konferenz ist im Er- scheinen begriffen und wird jedermann zugänglich sein. Das Sekretariat der Sozialistischen Slrbeiter-Jnternatio- nale erwartet, daß alle Zeitungen, die den vcrleum- dcrischcnArtikel der„Saarbrückcr Zeitnng" ganz oder auszugsweise wiedergegeben haben, von der Feststellung Kenntnis nehmen, daß daS angebliche Dokument eine plumpe Fälschung ist. » Bor Gericht wird nachgewiesen werden, daß das Haupt- organ der„deutschen Front" Im Saargcbiet. die„Taarbrücker Zeitnng" ein verleumderisches Unternehmen lst. Warum? Selbstmord des Generalstaatsanwaltes Stürenburg Stettin, 14. Dez. Die Justizpressestelle teilt mit: Nach den bisher getroffenen Feststellungen liegt bei dem Ableben deS erst vor einigen Tagen als Generalstaatsanwalt hierher be- rufen«« Staatsanwaltsrates Stürenburg Freitod vor. Dienstliche Gründe scheiden als Ursache aus. Die bisherigen Untersuchungen lassen nur s-e Möglichkeit offen daß eine plötzliche lchivere Erkrankung der Beweggrund für den Schritt gewesen ist. Der Ton der Todesanträge Die unerhörte Anklage des Oberreldisanwalfes (Fortsetzung aus Nummer 150) „Idi beantrage.. Der Wortlaut 6er Straf antrage Leipzig. 14. Dezember. Die Strasanträge, die der Ober- reichsanwalt heule am Schluß seines Plädoyers stellte, haben folgenden Wortlaut: Ich beantrage 1. den Angeklagten van der Lnbbe schuldig Z« sprechen eines sortgesetzten Verbrechens des Hochverrates nach§ 81 Rr. 2 und 82 des StrGB. in Tateinheit mit drei Verbrechen bet schweren Brandstiftung nach 8 806 Nr. 8 und 8 307 Nr. 2 StrGB. und eines Versuches der einfachen Brandstiftung nach 8 308 StrGB. Ich beantrage deshalb An- Wendung des 8 5 Abs. 1 der Verordnung des Reichspräsi» deuten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar 1988 in Verbindung mit dem Gesetz über die Verhängung und Bollstreckung der Todesstrafe vom 29. März 1938 ihn zur Strafe des Todes zu vcrurteilen. Zugleich beantrage ich. dem Angeklagten die bürgerlichen Ehrenrechte aus Lebenszeit abzuerkennen. Ich beantrage 2. den Angeklagten Torgler schuldig z» sprechen eines fortgesetzten Verbrechens des Hochverrats nach 8 81 Nr. 2 und 82 StrGB. in Tateinheit mit einem Ver- brechen der schweren Brandstiftung noch 8 800 Nr. 3 und 807 Nr. 2 StrGB. und in Anwendung der Verordnung des Reichspräsidenten znm Schutze von Volk und Staat vom 28. Februar in Verbindung mit dem Gesetz über die Ver- hängung und Bollstreckung der Todesstrafe vom 29. März zum Tode zu verurteilen. Zugleich beantrage ich, ihm die bürgerlichen Ehrenrechte aus Lebenszeit abzuerkennen. Ferner beantrage ich, den Angeklagten van der Lübbe und Torgler die Kosten des Bersahrens aufzuerlegen, soweit sie nicht durch die Verfolgung der Angeklagten Dimitrosf, Poposs und Tanefs entstanden find. Endlich beantrage ich, die Angeklagten Dimitrosf, Tanefs und Poposs von der Anklage des fortgesetzten Hochverrates in Tateinheit mit einem Verbrechen der schweren Brand- stiftung mangels ausreichenden Beweises freizusprechen. Die durch ihre Verfolgung entstandenen auSschaltbareu Kosten beantrage ich, der Staatskasse aufzuerlegen. Die Dede des Oberreichsanwalfs Und das sollen Beweise sein! Der Oberreichsanmalt beschäftigt sich eingehend mit dem Angeklagten Torgler und betont dabei, daß auch gegen den früheren kommunistischen Abgeordneten Kocnen Anklage wegen des Reichstagsbrandes erhoben worden sei, der heute nur aus dem Grunde nicht auf der Anklagebank sitze, weil er es vorgezogen hat. zu fliehen. Der Verdacht falle auf Torgler zunächst deshalb, weil er sich kurz vor der Tat im Reichstage aufgehalten habe. Da für die Vorbereitung des Brandes hauptfächlich die Abendzeit in Frage komme, sei es besonders auffallend, daß der Aufenthalt Torglers gerade in dieser Zeit nicht nachgewiesen werben könne bzw. das, nach- gewiesen worden sei. datz Torgler sich um diese Zeit nicht in seinem Zimmer aufgehalten habe. Der Oberreichsanwalt fuhr dann fort: Zu diesem Ver- dachtsmoment kommt aber noch etwas anderes, und das ist das Durchschlagende: Torgler ist nicht nur vor Entdeckung der Tat am Tatort gesehen worden sondern er ist auch mit dem zweifellos festgestellten Täter kurz vor der Tat am Tatort gekehen worden. Die Zeugen Karwane. Kreyer und Freu haben nach 3 Uhr im Reichstage Torgler mit van der Lübbe zusammen gesehen Die Personen die nach Torglers An- gäbe mit Lübbe verwechselt worden lein konnten, kommen nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme dafür nicht in Frage. Es muh danach angenommen werden, dah Torgler wenige Stunden vor der Tat mit dem Täter zusammen im Reichs- tag gewesen ist. Torgler>st auch mit einer weiteren Person, die der Tat verdächtig gewesen ist. nämlich mit dem Ange- klagten Popoff, zusammen am Tatort gesehen worden wenige Stunden vor der Tat. Das ist durch die drei national- sozialistischen Zeugen jedenfalls bekundet worden. Die meineidigen Zeugen des Staatsanwalts Zu diesen Beweismomenten kommt nun noch die Aussage des Zeugen Grothe. Grothe hat verhältnismäßig spät in dem Versahren Bekundungen gemacht, die geeignet sind. Torgler und Poposs sehr zu belasten. Der Oberreichsanwalt erör- tert dann die Zeugenaussagen zu den Bekundungen Grothcs und erklärt: Durch die erhobenen Beweise ist meines Er- achtens ein Nachweis dafür, datz die Aussage Grothes un- richtig ist. keineswegs geführt. Ich will aber nicht bestreiten, datz auf diese Aussage von Grothe allein ich nicht in der Lage sein würde, aus ein Schuldig zu plädieren: denn es haben sich immerhin einige Momente ergeben, die Zweifel an der vollkommenen Zuverlässigkeit dieser Zeugenaussage begründe: ericheinen lassen. Der Oberreichsanwalt führte weitere Momente an, die eine Belastung des Angeklagten Torgler enthalten. Am Bor- mittag des Brandes sei Torgler von verschiedenen Zeugen aus dem Wege zum Reichstag beobachtet worden und mehreren Zeugen sei aufgefallen, datz Torgler über das nor- male Matz hinaus dicke und schivere Aktentaschen getragen habe, dah er ein scheues Wesen zeigte, als ob es ihm unan- genehm wäre, datz er gesehen wurde. Verdächtig sei auch das Verhalten Torglers im Restaurant Aschinger am Abend des Brandtages gewesen. Während die Kunde vom Reichstags- brand naturgemätz bei allen Gästen des Lokals große Aus- regung hervorrief, habe sich Torgler mit seiner Gesellschaft so gleichgültig verhalten, als ob ihnen die Nachricht nicht überraschend gewesen wäre. Aehnliche Beobachtungen seien auch von anderen Zeugen im Lokal Stawicki gemacht worden. Torglers Kopf muß fallen, um Hitlers„Prestige" zu retten! Oberreichsanwalt Dr. Werner kommt zu dem bereits ge- meldeten Schluß, datz der Angeklagte Torgler als Täler am Reichstagsbrand beteiligt sei und daß er die Tat begangen habe zu dem Zweck, die Mitglieder der Kommuni,tischen Parte» zum Losschlagen anzureizen Es handelt sich, so be- tonte Dr Werner, um vollendete Brandstiftung, und es komme außerdem in Tateinheit hinzu, dah ein Hochverräte- risches Unternehmen begangen worden set. Dimitroff wird wieder angebrüllt Die Nachmittaassiünng des Reichstagsbrandstiite»prozesies beginnt mit einer scharfen Zurückweisung des Angeklagten Dimitroff durch den Vorsitzenden, weil Dimitroff während der Ausführungen des Oberreichsanwaltes wiederholt»ge- lächelt" hat. Der Vorsitzende bezeichnet diese Haltung als unehrerbietig gegen das Gericht und als Provokation und droht, Dimitross von der Sitzung auszuschließen. Der Oberreichsanwali fährt in seinem Plädoyer sort uno wendet sich nunmehr den drei bulgarischen Angeklagten zu. Oberreichsanwalt Dr. Werner stellt sodann die bereits gemeldeten Strasanträge. Nach einer kurzen Pauie wird Rechtsanwalt Dr. Teichcrt sein Plädoyer für die dre, Bul- garen halten, während RA. Seufsert für den Hauptange- klagten van der Lübbe erst morgen sprechen wird. Selbst der nationalsozialistische Verteidiger Dr. Teichert muß den Meineid der Zeugen feststellen Nach der Pause beginnt RA. Dr. Teichert kein Plädoyer für die orei bulgarischen Angeklagten Der Alibibeweis tur Poposs und Tanefs sei zwar nicht schlüssig gelungen, aber die Beweisaufnahme habe doch die Angaben der beiden über ihren Aufenthalt am Brandtage gestützt und jedenfalls nichts kür ihre Schuld ergeben. Von Dimitroff stehe ja feit, datz er am Brandtage nicht in Berlin gewesen sei. Der Angelpunkt der ganzen Anklage gegen die Bulgaren, die Auslage des Zeugen Helmer, enthalte eine ganze Reihe von Irrtümern. Der Verteidiger weist diese im einzelnen nach. Dr. Teichert bespricht dann in ausführlicher Weise die Aussagen der zahlreichen anderen Zeugen soweit deren Be- kundungen die drei Bulgaren betreffen. Insbesondere wendet sich Dr. Teichert gegen die Aussagen des Zeugen Grothe, dem er vorwirst, seine Bekundungen frei erfunden zu haben. Um 7.45 Uhr abends wird die Satzung geschlossen. Am Freitagmorgen will Dr. Teichcrt sein Plädoyer fortsetzen. «. Tschechischer Minister Mitglied des Untersuchungsausschusses Prag, 14. Dcz.(Jnpretz.) Der ehemalige tschechische Minister, Rechtsanwalt Dr. Leo Winter, hat zum Beweise seiner Solidarität und seines Einverständnisses mit den bisherigen Beschlüssen und Arbeiten des Untersuchungsaus- schusies zur Aufklärung des Reichstagsbrandes seinen Bei- tritt zum Unterfuchungsausschutz erklärt. Brandzeuge ermordet Paris, 14. Dez.(Jnpretz.) Das»Pariser Tageblatt" erfährt aus einer über jeden Zweifel erhabenen Berliner Quelle, datz Anfang November in einer Berliner Strafanstalt ein dortiger Gefangener namens Rall sich bei der Gefängnis- leitung als Zeuge im Reichstagsbrandprozeß erboten habe. Rall sagte aus, er sei Mitglied des SA.-Sturms 17 gewesen, habe sich vor dem Ausbruch des Reichstagsbrandes in den: unterirdischen Gang des Reichstags befunden und selbst mit angesehen, datz von verschiedenen Mitgliedern seines Sturms die Explosivflüssigkeiten durch den Gang in den Reichstag geschast worden seien... Vor etwa 14 Tagen hat man die Leiche des Rall in der Gegend bei Strautzberg gefunden. Verteidigungsmaterial beschlagnahmt Paris, 14. Dez. Das Verteidigungskomtiee für den Reichstagsbrandprozeß hat auf Wunsch DimitrosfS, zum Teil sogar aus Verlangen seines Offizialverteidigers, schon mehrere Male sowohl Dimitroff selbst, als auch Reichsanwal» Teichert Abhandlungen, Schriften, Broschüren usw. eingeschrieben ttbersandt. Dieses Material steht inhaltlich in engsten» Zu- sammenhang mit dem im politischen Teil des Prozesses be- handelten Stoff. Das VertcibigungSkomitee erfährt nunmehr aus Leipzig, datz das Reichsgericht die Aushändigung dieses Vertei- digungsmaterials an Diinitroff veriveigert, und zivar mit der Begründung,»datz durch die Aushändigung eine Gefähr- dung der Ordnung iin Gefängnis zu besorgen sei". Mit der gleichen„Begründung" iverden fast alle Zuschriften an Dimi- troff nicht ausgehändigt, u. a. auch nicht die Begrützungs- telcgraininc von Henri Barbusse. Andre Gide und Romain Rolland. Der„Gegenprozeß" (Inpreßs: Der Untersuchungsausschub zur Ausklärung deS Reichstagsbrandes tritt,»vie nunmehr endgültig feststeht, am Montag, den 18. und Dienstag, den 19. Dezember in Lon- don unter dein Vorsitz des königlichen Rats D. N. Pritt zu- sammen. Die öffentliche Sitzung findet in der Carton Hall statt. Urteil schon am Montag? Das Sekretariat des Untersuchungsausschusses zur Auf- klärung des Reichstagsbrandes teilt mit: Nach neuesten Nachrichten über den»vetteren Verlauf des Reichstagsbrandprozesses in Leipzig»nutz mit der Möglich- keit gerechnet werden, daß das Urteil entgegen allen blS- herigen Verlautbarungen des Gerichts bereits ain M o n- tag verkündet wird. Infolgedessen hat das Sekretariat des Untersuchungsausschusses beschlossen, die für Montag und Dienstag anberaumte Sitzung des Untersuchungsausschusses vorzuverlegen, so daß auf alle Fälle der Untersuchungsaus- schütz noch einmal zu dem ganzen bisherigen Versahren ab- schließend Stellung nehmen wird, bevor das Reichsgericht das Urteil fällt. Gleichzeitig»vurde beschlossen, daß der Unter- suchungsausschutz nicht nur das Verfahren prüft und kriti- siert, sondern auch mehrere neue Zeugen hört. Diese Zeugen sind in Leipzig nicht vcrnoinmen»vorden. obivohl sie wesent- lichcs zur Aufklärung des Reichstagsbrandes hätten bckun- den können. Ihre Aussage hat jetzt besondere Bedeutung er- langt, nachdem der Obcrreichsanivalt Ausführungen über das Alibi Torglers gemalt hat, die gerade durch diese Zeu- gen sofort widerlegt werden können. ES werden außerdem ausländische Journalisten als Zeugen auftreten, die erst vor kurzen, aus dem Münchner Polizeigefängnis entlasten wor- den sind und die dort mit gesangen gehaltenen hohen Ftih- rcrn der SA. und SS. zusammengetroffen sind. Unter die- sen SA.- und SS.-Lcuten befindet sich auch der Mörder des bcutschnationalen Führers Dr. Ernst O b e r s o h r e n. er hat diesen Mord vor mehreren Zeugen eingestanden. Damit wird erneut die Echtheit und entscheidende Bedeutung des Ober- »ohren-Memorandums vor aller Welt crivicscn. das die Un- schuld der beschuldigten Kommunisten beiveist. Die Verhandlungen des Untersuchungsausschusses iverden also wieder von größter Bedeutung sür die Aufklärung deS Reichstagsbrandes sein. persönliche vache erlaubt? Die Zeitschrift»Das Recht" tili veröffentlicht ein Urteil des bayerischen ObL.-Gcrichtes Über die GeiväHrung von Straffreiheit nach der bayerischen Verordnung voin 2. August 1933. Ein bayerisches Gericht hatte sich geweigert, die Ver- ordnung aus mehrere Nazi anzuwenden, da eö nicht ange- nomme»» hatte, daß die Taten der Burschen für die„nationale Revolution" geschehen seien. Das OberlandeSgericht hebt dieses Urteil auf und begründet die Ainnestierung der Nazi so:„Aus dein Sachverhalt ergibt sich, datz die Angeschuldigten aus politischer Ueberzcugung mit dem Willen handelten zur Durchsetzung des nationalsozialistischen Staats mitzuwirken. Ohne Belang ist es, ob ihre Handlungen objektiv hierzu qe- eignet waren: denn nach der VO. ist wesentlich nur die Ab- ficht der Täter. Kann darüber die nach der VO notwendige Feststellung getroffen werden, so ist es nicht von Bedeutung, wenn de,.-'•»<• oder der andere Täter, wie es bei dem Auge- schuldigte- der Fall gewesen sein mag, neben diesem Willen anch noch einen anderen Zweck, für eine persönlich er- littene Unbill Rache zu nehmen, versolgt hat. sofern nur jene Absicht, was hier ohne weiteres anzunehmen ist. der über- »vicgcnde Beweggrund ivar..." 13 000 Marxisten verhaftet sInpretz): Die Geheime Staatspolizei teilt mit, daß in der letzten Woche vor der„Wahl" nicht»veniger als 15 000 Marxisten»vcgcn staatsfeindlicher Betätigung verhaftet worden sind. Gefährliche Unterhaltung In Hast genommen Darmstadt, 14. Dez. Das hessische StaatSpreffeamt teilt mit: In einem hiesigen jüdischen Kaufhaus unterhielten sich die Angestellten über die politischen Verhältniste und über Mitglieder der Reichsregierung in einer Art und Weise, datz die Angestellten Lina K. und Georg H. bei dieser Firma von der Polizei sür längere Zeit in Haft genommen werden mutzten. Unzuverlässige Leute Marxisten und Juden aus der„Kraftfahrvereini- gung deutscher Aerzte" ausgeschlossen Die„Mitteilungen der Kraftfahrervereinigung deutscher Aerzte" veröffentlichen einen Aufruf ihres Führers. ES heitzt darin:„Meine Kameraden! Ich erwarte von Ihnen, datz Sie am Wiederaufbau unsres Vaterlandes wie bisher in Krieg und Frieden in der ersten Linie marschieren»verde». Das verlangt den Einsatz jedes deutschen Mannes. Der Füh- rer mutz sich auf seine Gefolgschaft verlasten können. AuS diesem Grunde haben unzuverlässige Leute, Marxisten und Juden, unsre Reihen zu verlassen. Mord an Oberfohren? AnlKlörang des Mordes an dem deufsdinafionalen FrahflonsiOhrer (Jnpretz.) Das Sekretariat des Internationale» Unter- snchungsausschusses zur Aufklärung des Reichstagsbrandes hat an den vierten Strafsenat des Reichsgerichtes, vor dem der Reichstagsbrandprozeß verhandelt wird, folgendes Telegramm gesandt: „Zuverlässige Zeugenbcrichte bekunden, datz Hauptmann Röhrbcin. der zur Zeit im Polizeigefängnis München in- haftiert ist. Mitgefangene» gestanden hat, an der Ermordung des Fraktionsführcrs der Deutschnationalen Bolkspartei, Dr. Obersohren, führend beteiligt geivesen zu sein und daß die Ermordung wegen der Behauptungen im„Oberfohren- Memoranduin" erfolgte. Damit ist die Aussage des Minister- Präsidenten Göring zum Oberfohren-Memorandum»vider- legt. Wir fordern erneuten Eintritt in das BeweiSversahren zwecks Einvernahme deS Hauptmanns Röhrbein, des Chef- Redakteurs Fiehler, des Obersten von Chommutry, des Barons Erwin von Aretin. des SS.-Sturmführers Ritter, des Oberleutnants Zelch. des Regierungsrats Dr. Bogel und anderer Mitgefangener aus dem Münchener Polizeige- fängniß Wir fordern weiter die Konsulatsvernehmung von Walter Tschuppik. Chefredakteur Basilics, beide Prag. Stefan Lorant. Budapest, sowie des englischen Journalisten Panier tn London. Die Aufklärung der Ermordung Ober- fohrens ist ein tragisches Moment zur Beurteilung der Schuldfrage im Reichstagsbrandprozeß. Wir zweifeln nicht daran, daß die Vernehmung des Hauptmanns Röhrbein die Notwendigkeit ergeben ivird. ein Erinittlungsvcrsahren gegen den Ministerpräsidenten Göring einzuleiten. Durch die Vernehmung Röhrbeins ist die Unschuld der Angeklagten Dimitroff, Torgler, Poposs und Tanefs erne«t zu beivcisen." » (Jnpretz.) Wie wir erfahren, wird der Untersuchungsaus- schütz zur Ausklärung des Reichstagsbrandes in seiner ösfent- lichen Sitzung nächste Woche in London den Fall der Er- mordung des Fraktionssührers der Deutschnationalen Volkspartei. Dr. Oberfohren, in voller Breite ausrollen. Es haben sich beim Untersuchungsausschuß Zeugen gemeldet, die mit dem Mörder Oberfohrens gesprochen haben und die außerdem weitere wichtige Aussagen zu diesem Punkte zu machen haben. * Tschechischer Minister Mtiglied des Untersuchungsausschusses Prag. 14. Dcz.(Jnpretz.) Der ehemalige tschechische Minister. Rechtsanwalt Dr. Leo Winter, hat zum Beweise seiner Solidarität und seines Einverständnisses mit den bis- herigen Beschlüssen und Arbeiten des UntersuchunasauS- schustes seinen Beitritt zum Untersuchungsausschuß er- klärt. I {Folterkammern In Berlin Stundenlange Marterung wegen eines soslalclemekratlsclien Plugblattes ïa>îî! em i f^ cr îschechoslowakci erschien ein dent- ü t 1'? der sich in einem grauenerregenden Zustand veiand. vittt mit dem Aufwand außerordentlicher Energie war es dem übel zugerichteten Mann gelungen, die rettende Frenze zu erreichen und bei der nächsten Lokalorganisation der'Partei Hilfe zu suchen. Tic Genossen brachten den Flucht- ling zunächst zum Arzt, einem bekannten Deutschnattonalcn, der ibm folgendes Zeugnis ausstellte: -rr. F. K. N. Stempelfrei in Strafsachen. Aerztlichcr VcrlctziingS-Bcricht. Herr E. R. aus Vr.. 98 geboren, kam am 4. 10. 33 in meine Ordination. Er gibt an. am Freitag<29. g. 33» abends von mehreren Männern festgehalten und mit einem harten Ge- genstand«Metallrohr?» aus Rücken und Gesäß und aus Tchlä- sen mit Faust geschlagen worden zu sein. Fit der Nacht be- gann Erbrechen und Brechreiz, das besonders am l. 10. 33 heftig auftrat. <4. 10. 38» Befund: blangrüner. pslaumengroßer, schmerz- hafter Fleck über rechter Schläfe über dem Ende der Augen- braue: über linken Schläfe bloß Schmerzen ohne Versär- bung.(Beiderseits angeblich infolge Fausthicben». Ucber vorletzter oberster freier»tippe«N i e r e n g e g e n d» dunkle Verfärbung(bräunlich» der Hau«(Hühnerei- groß».- über ganzem Kreuzbein und darüber hinaus nach links und rechts schmutzig-grünc Verfärbung der Haut, am untersten Ende des Kreuzbeins Bluterguß unter der Haut (blau-schwarz» von Eigrvßc. Die ganze linke Seite de? G e s ä ß e s i st b l a u- sch w a r, verfärbt«Bluterguß unter Haut», daselbst fingerbreite (Striemen» Streifen des Blutergusses sichtbar. Auf corre- spondender rechter Seite das gleiche Bild, nur in geringerer Ausdehnung. Der linke Handrücken ist dick geschwollen, druckempfindlich, über 3.. 4. und 5. Fingergelenk blau-schwarze Flecken: die- selben sind sehr druckempfindlich. Angeblich auch durch Hieb mit Rohr. lieber unterer Hälfte des linken Oberarms außen, hinten grünblaue Verfärbung, innerer Vlutaustritt. eben- falls angeblich durch Rohrhicb. An Außenseite des rechten Oberarms im oberen Drittel ein singerbecrcngroßer grüner, wenig empfindlicher Fleck, ein ebenso farbiger so großer Fleck am rechten Unterarm vom Ellbogengelcnk abivärts an Außenseite. Diagnose: H i r n e r s ch ü t t e r u n g«Erbrechen. Schwin- del. Kopfweh», Contusioncn besonders am Rücken. Gesäß, lin- ken Handrücken(hervorgerufen durch Rohr-Stockhiebe erscheint glaubwürdig». N... 4. 10. 83 gez. Dr. F. St. Ucber seine Erlebnisse berichtete der Flüchtling, dessen Per- son und Darstellungsart den Eindruck vollster Glaubwürdig- kcit hervorruft, folgendes: Am Freitag, dem 20. September, wurde ich iu Berlin auf offener Straße verhastet. Alles war wie üblich. Die SA. vcr- anstaltcte wieder einmal eine Razzia. Ein Straßentcil wurde abgesperrt und alles, was sich nun zufällig dort befand, einer Leibesvisitation unterzogen. Bei mir fand man ein Exemplar einer in Berlin illegal erscheinenden sozialdcmokrati- schcn Flugschrist. Unter ständigen Mißhandlungen— Faust- hieben. Fußtritten usw.— wurde ich auf ein Lastauto ge- laden. Etwa 30 Leidensgefährten sammelten sich noch und nach an. Wir wurden samt und sonders in die berüchtigte CA.-Kaserne nach Berlin-FohanniSthal befördert. Mich schaffte man sofort in einen Keller. AlS ich nach eini- gcr Zeit wieder nach oben geholt wurde, empfing mich im Geschäftszimmer der diensthabende Tturmtührer R o s e mit den Worten:«Wo hast Du Schwein das Flugblatt her?" Ehe ich überhaupt ein Wort der Entgegnung sagen konnte, sprang er auf mich zu und Holzknttppel und einen dicken, mit Blei gefüllten Schlauch. Beide Marterinstrumente zeigte er mir.«Wenn Du mir jetzt nicht sofort sagst, woher Tu das Flugblatt hast, dann schlage ich Dich tot. Du wirst von mir solange bearbeitet, bis Du oerreckt bist. Und wenn es bis morgen früh dauert! Dabei stieb er mich dauernd mit dem Holzknüppel in die Herzgrube, die Nieren, den Leib»nd die Geschlechts- teile. Meine Versicherung, ich hätte das Flugblatt denselben Dior- gen auf dem Arbeitsnachweis von einem mir dem Namen nach unbekannten Erwerbslosen erhalten, glaubte er nicht. „Schwindle nicht. Du Aas! Wie heißt der Kerl?" „Das weiß ich nicht!" „Wirst Du mir sagen, wie er heißt?" „Ich weiß eS nicht!" Jetzt nahm mein Peiniger den bleigefüllten Gummischlauch und drosch unbarmherzig aus mich loS. Schrie ich, dann schlug er um io stärker. „Hältst Tu Schwein Deine Schnauze!" Als seine Kräfte nachließen, hielt er ei»:„Ich gebe Dir jetzt 10 Minuten Bedenkzeit. Gestehst Tu dann nicht alles ein. dann gebt es von vorn loS. Dn bist nicht der erste, der unter meinen Fingern kre- piert ist!" Nach einiger Zeit kam Grünberg wieder. „Na. wie heißt der Kerl? Wo wohnt er?" „Ich weiß es nicht!" Schon ging eS wieder los. Hageldicht kielen die Schläge. Auf die Arme, den Rücken, das Gesäß. Und zum Schluß im- mcr wieder:„Du hast jetzt 10 Minuten Bedenkzeit! Ueber- lege Dirs reiflich, ob Du totgeschlagen werden willst oder nicht." Beim vierten oder fünften Erscheinen hielt Grünberg einen Revolver in der Hand. „Los. den Rock runter! Das Hemd vor« öffnen!" Ich entkleidete mich und stellte mich an die Wand. Grünberg legte auk mich an. „Wenn Tu mir jetzt nicht sofort sagst, von wem Du das Dreckblatt hast, dann ziehe ich durch!" „Ich weiß es tatsächlich nicht!". Der Hahn des Revolvers knackte.„Wenn er doch»chienen würde", dachte ich.„dann hat wenigstens alles ein Ende!" „Sagst Du bald die Wahrheit, Tu Strolch?" „Ich weiß nicht»!" Grünberg warf den Schießprügel weg und schlug wieder mit dem bleigefüllten Schlauch aus mich loS. Dann wurden mir mit meinem Leibgurt die Hände aui den Rücken zuiam- mengebunden und zwar so lest, daß mir nach ganz kurzer 'seit die Hände abstarben. Ich konnte mich nicht mehr rühre»,. To ging das 10- bis 12mal in regelmäßigen Abständen. Ich hielt mich kaum noch aufrecht. Alles zitterte an meinem Kör- per. Ich schrie nur nock:„Ich weiß nicht., wie der Mann heißt! Ich weiß es nicht!" „LoS z u m A r z t I" Dieser iaubere Mediziner kam zusammen m>» Grünberg. Letzterer wandte sich zum Arzt: „Herr Doktor, der Mann ist doch vollkomm n normal, nicht> wahr? Keine«pu von schlechter Behandlung, was?" „Nein, nein! Der Mann ist vollkommen normal!" Grünberg zu mir:„Bist Du mißhandelt worden?" Ich antwortete nicht, sondern hob nur urine dick ange- schwollenc blutunterlaufene linke H'"d hoch. „WaS hat der Mann denn da?" wandte sich der Arzt an Grünberg.^ Grünberg:„Nanu, was ist denn das? Ach will. Sic, Herr Doktor, der Hai sicher im Keller am Ofen^erumgeipielt: dabei ist ihm dann der Ofendecke! aus die Hand gefallen!" „Ja. das kann schon stimmen! Heil Hitler!" Kaum war der Arzt fort, da sie Mißhandlungen ihren Fortgang. In mir schrie eS:„Nur keinen G rossen verraten! Keinen Verrat! Endlich, nach weiteren Stunden der Qual hieb eS:„Der hat jetzt genug! Aufhören!" Die Mißhandlungen hatten von 5 Uhr bis etwa 11 Uhr gedauert. Nun wurde ich dem politischen Kommissar vorgeiühc:. „Wenn Du mir jetzt die reine Wahrheit sagst, dann.alle ich Dich frei!" sagte dieser. Ich versprach es ihm. In dem folgenden Verhör schil«rie ich nochinals. nunmehr mit vielen Einzelheiten, daß ich das Flugblatt auf der Stempelstelle bekommen habe.„Herr Koni- inissar. ich bin bereit. Ihnen den Mann zu zeigen. Geben Sie mir Gelegenheit dazu!" Beratung. Ich höre Gesprächsfetzen:„ES ist für uns viel besser, wir bekommen den Verteiler. Vielleicht entdecken wir eine Zen- tralstelle!" Als ich wieber in das Zimmer des Kommissars kam.:agte er mir:„Tu bist jetzt entlassen! Sieh zu. daß Tu uns den Man> vom Arbeitsnachweis namhaft machen kannst. B's Mitte der kommenden Woche geben wir Dir Zeit. Du halt Dich jetzt täglich 2mal zu melden. Rückst Tu in der Zivi- schc»,zeit aus und mir sangen Dich wieder, dann wirst Du ohne Gnade erschossen." Damit war ich„frei". Nach ein paar Tagen gelang mir die Flucht. Ich weiß übrigens, daß mein Schicksal nichts Äuß:r- ordentliches ist. Tankenden ist es schon so gegangen.. Der Fall ist in der Tat nichts Ungewöhnliches, sondern etivas Typisches— nur daß die Mißhandelten zun« st in eine Gefängniszelle oder in ein Konzentrationslager vcr- schwinden. Menschen viehisch zu mißhandeln, um von ihnen Geständnisse zu erpressen, gehört zu den ständigen Uebnnzen im neuen Teutschland. Damit ist es nicht bester geworden, sondern eher noch schlimmer, zumal jetzt nicht mehr nur in SA.-Kasernen, sondern auch in Polizeipräji- dien geprügelt wird. In der ersten Zeit der glorreitien „Revolution" galten Gefängnisse und Polizeistuben geradezu als Asyle und die Beamten als Beschützer der Ge'anqe.ien. Inzwischen ist der Beamtenkörper so stark mit sogenannten „national zuverlässigen" Elementen durchsetzt ivorden, dag.. die Bestmli'ät stch allenthalben„«gehindert austoben kann. („Neuer Vorwärts".) meist ist strafbar Blumen für die Revolutionsopfer schlug mich mit aller Gewalt init der Faust an die Schläfe. Rechts und links. Eiva 4- bis ömal. Dabei brüllte er: „Jetzt wirst Tu Schwein alle gemacht! Heute noch wirst Du erschossen! Du kommst dann in einen Sack und dann hinein in die Spree! Schafft ihn runter in den Keller! Marsch!" Ein Fußtritt, und ich flog mehr als ich ging zum Geschäftszimmer hinaus. Wieder runter in den Keller. Kurze Zeit daraus betrat der Scharführer Grünberg — die Namen erfuhr ich später aus den Gesprächen der SA.- Leute— den Kcllcrrani». Iu Händen hatte er einen massiven In Kiel»vollten einige junge Leute aus den Gräbern der Revolutionsopscr von 1018/19 einen Kranz niederlegen,«ie bestellte» einen solchen mit Schlei»? in einem Blumengeschäft. Ter Drucker, der mi, dem Druck der«chleife beau'tragt ivurde. glaubte, diese Arbeit mit seinem Gewtsten nicht rer- cinbarcn zu können. Er lehnte den Auftrag nun aber nicht etwa ab. wie das ein anständiger Mensch getan haben würde, »andern denunzierte die Besteller bei der Kriminalpolizei. Als der bestellte Kranz abgeholt wurde, verhattete man Abholer und brachte sie ins Gefängnis. Daran» wurden die Gräber der RevolutionSopter von Polizeibeamten besetzt, swei andere junge Sozialdemokraten, die stch den Gräbern näherten, wurden ebenfalls iestaenommen. da gegen sie-bcu- ialls der Verdacht bestand, daß sie beabsichtigten, Blume» eus die Gräber zu legen. Auk Grund ein'eisender Ermittlungen verhastete man dann in gleiche» Sache eine» weiteren Mittäter. Einer der Verhakteten wurde später entlassen. Bier sitzen noch lm ivc» à Ei n'en Tag nach den Verhaitungen wurden die noch immer von der Polizei beobachteten Gräber mit Blumenstraulicn überschüttet. Die Täter konnten unerkannt entkommen. JOdlsdie Studenten — Warten bis ein anderer aufsteht! Einer Verfügung für daS ganze Reich entsprechend, sind nunmehr in Hamburg kür die jüdischen Studenten der dor- »igen Universttät gelbe Ausmetskarten ausgegeben ivorden. Die jüdischen Studierenden der Fakultät für Zahnhcilkunde konnten in der Poliklinik auch keine festen Arbeitsplätze be- kommen, sondern sind daraus angewiesen, den Platz eines arischen Studenten zu benützcn, falls ein solcher den Platz vor Klinikschlnß räumt. Tippelei im„dritten Reidi »t Von H a n s Hacker(Wien» Hitler wird es schon machen Angst, zuviel gesagt zu haben.„Es wird schon besser werden. Hitler wird es schon machen." Geschäftsleute, die ich sprach, äuszcrn den ganzen Tag, »lichtstuend vor ihrer Tür stehend, dieselbe Meinung: „Hitler wird eS schon machen."* In den Tagen nach der Auto- und Straßenkontrollc»var es schwer, ein Auto zu bekommen, das einen mitgenommen hätte. Das Mißtrauen war gewachsen. Ich fuhr kleine Strecken mit Personenzügen, tippelle, schlief in Wirtschaften und Herbergen.— In der Paderborner Gegend kam ich in ein kleines Bauern- 'aus und bat als Wanderer um llnterkunit. Eine gebückte, alte Frau fragte, warum ich nicht beim /rbcitsdtcnst wäre. „Da ich Oesterreicher bin." „Oesterreichcr," sinnt sie nach.„Tic sind doch gegen Hitler." „Nicht alle." „So!— Sind Sie kür Hitler?" fragt sie»nich. „Ich darf in Teutschland nicht politisieren," antworte ich. „Warten Sic." Sic bringt mir Milch und bestrichenen Pumpernickel „Setzen Tie sich." Während ich este, kragt sie mich,»vte es nlir in Deutschland jetzt gefällt. „Jetzt ist es so weit," antworte ich vorsichtig aber zwei- heutig. „Sov," macht sie langgezogen. „Und wie geht es Ihnen letzt?" frage ich.„sie haben doch viele Begünstigungen. Steuererlästc." „Ja. ia. es geht. Es muß gehen. Hitler wird es schon „Wie viel bekommen Sie setzt für ein Pfund Butter?" '^Für^Bulter? Wir können keine mehr verkaufen. Bringen sie vom Markt immer wieder nach Hanse. Butter wird jetzt viel weniger gegeben. Die Leute verdienen nichts." ,/Jhiu und die Milch?" „Daran ist nichts zu verdienen." „Und beim Vieh?" „(5s wird kein s verkauft. Die Viehluden kommen""» mehr Und die anderen Händler zahlen genau io wenig.w e früher."—„Aber daS»nacht ja nichts," sagt sie plötzlich iu Menschenjagd Im Detmoldischen. Ivo der ehcinalige Redakteur Felir Fcchcnbach. der frühere Sekretär des ersten bayerischen Mtnisterprästdcntcn in der Republik, ElSner, auf der Flucht erschossen ivurde,»var gerade Menschenjagd. Ein bekannter Kominnnist, der die illegale Arbelt im Detinoldischen leitete, wurde gesucht. Mit Revolvern her»,«- fuchtelnde SS.-Leute fuhren init Ueberlallautos durch die Straßen Detmolds, fixierten jeden Pastanten und nahmen unzählige mit, indem sie stc unflätig beschimpften und an- brüllten. Diese Vcrbrecherkvpke mit ihren»nordlüstrrncn Visagen boten einen schrecklichen Anblick. Zweimal entkam ich diesen AutoS, das drittemal ivurde gerade bei mir gestoppt. „Halloh. Papiere!" Ick zeige»neinen Paß. „Oesterrcicker, voohooo," geht es durch die Leute. „Mit zuin Wagen. Mitgefahren!" Ick laste»nich jedoch nicht einschüchtern. „Mein Paß ist in Ordnung. WaS wollen Sie von mir? Lasten Sie mich doch gehen oder bringen Sie die Polizei her." D»e Leute brüllen vor Lachen. „Immer man mit der Ruhe!" Ich werde auk die Wache gebracht, durchsticht, muß alle meine Kleider ausziehen, sie sehen die diskretesten Körper- teile nach, ob ich Ivo was versteckt babe. Man findet nichts Verdächtiges bei mir. Nach einigen Stunden ließen sie mich doch geben. War nichts zu machen mit mir Ich hatte etwas Geld bei mir und»var ein harmloser Wanderer. In den Arbeitsdienst konnten ste mich nicht stecken, da ich Oester- reicher bin. Wütend entließen ste mich. Ich möge zum Dollkuß ivandern und ihm ausrichten, daß er ein stinkendes Aas sei.„Hau abl" Deutschland, Deutschland üher alles Ich kam ins Westfälische. Abseits der großen Haupt« verkehrsstraßen. Ein über Land fahrender Bauer nahm mick> in seinem holprigen Wagen mit. Er fragte, wohin ich»oill. „Egal, das neu« Teutschland kennen lernen." „Sooo." Er sei SA.-Instrnktionsinhrer in einem Tors bei Heesen. Sei zivar nur ein kleines Kaff, aber es wird dort tüchtig gearbeitet. Er diene gerne mit Auskünften. „Wie viele organisierte Nationalsozialisten gibt es in Ihre»n Tors?" „14 SA.-Leute." „Und»vir viel organisierte Frauen?" „Die brauchen wir nicht," antwortet er mir. Jetzt sei ja in Deutschland eine neue Ordnung.„Alles viel bester, alles deutsch, alles militärisch," beginnt er zu schwatzen.„Wir kennen keine Negertänze und Negerinnsik mehr. Oder gar die scheußlichen Schlager wie„Der blaue Johann trägt den Käse zum Bahnhof"(?». Wir tanzen Walzer und Rhein- länder, stngen deutsche Volkslieder. Die Loreley. Ist das nicht schön? „Ja." sage ich,„die Loreley ist ja viel schöner." DaS Lied ist von dem Juden Heinrich Heine. Was dieser biedere Schasskopf natürlich nicht»vußte. Nun legte er wieder los:„Wir tragen»nieder unsere alten deutschen Volkstrachten. Wir verbrauchen deutsche Erzeugnisse. Unsere Führer handeln kerndeutsch. Das Vonzentum bat aufgehört. Hitler»var ia auch nur ein einfacher Arbeiter. Er wird es nie vergesten und niemals die deutschen Arbeiter bedrücken. Unsere Führer, das find ja aanz andere Menschen." Hier unterbreche ich ihn und erzähle ibm. daß ich vor kur- zem in Frankreich»oar und dort in den Emiqrantenzeitungen gelesen habe, daß Göring sich eine LuruSvilla bauen lasse. „Ich glaub' es ja nicht." füge ich gleich vorsichtshalber hinzu. „Lüge. Lüge." braust der bäuerliche Instruktionsstihrer auf. êiese gemeinen Schurken.— Nein. Sie stnd ein gemeiner Marxist. Raus aus meinen, Wagen." Er nimmt feine Peitsche zur Hand. Und ich bin natürlich auch schon init einem Hups draußen und laufe quer über ein Feld davon., H. N. Brollslord-london Zwischen lohn und Prom Der Widerspruch In Roosevelts Experiment Dos Schicksal des Rooseveltschen Experimentes in Amerika ist von brennendem Interesse. Das Experiment 'st so lehrreich, weil es unter besonders günstigen Bedingungen vor sich geht. Es zeigt uns, was der Kapitalis- Usus im besten Falle zu leisten imstande ist. Die Be- ulngungen sind günstig, erstens weil der ungeheure Natur- Reichtum Amerikas und die technische Geschicklichkeit der Amerikaner zum allgemeinen Wohlstand führen mühte, wenn die Organisation nur halbwegs klappt. Zweitens war die Revolte der Volksmassen gegen die Regierung der Großkapitalisten stark genug, um dem Präsidenten Roose- uelt genügend Unterstützung bei seinen Schritten gegen dag Großkapital zu sichern. Schließlich ist Roosevelt selbst Zweifellos ein mutiger und ehrlicher Mann. Er versucht sicher nach besten Kräften die Auswüchse des Raub- Kapitalismus zu beseitigen und dem„vergessenen Mann", dem Angehörigen der amerikanischen Arbeiter- und Formerklasse, eine neue Gelegenheit zum wirtschaftlichen Aufschwung zu geben. Aber er ist ein Liberaler; er will dem System der privaten Profite kein Ende machen. Er wäre zufrieden, wenn er einigermaßen Ordnung und Mäßigung herstellen könnte. Der Plan des Präsidenten enthält im wesentlichen drei Mittel zur Herbeiführung des Wiederaufstieges. Erstens soll die Kaufkraft der Massen wiederhergestellt werden. Zu diesem Zweck ent- halten die neuen, von der Regierung festgesetzten Arbeits- vertrüge für alle Industrien Mindestlöhne, während gleichzeitig die Arbeitszeit auf vierzig, in manchen Fällen auf fünfunddreißig Stunden herabgesetzt wird Infolgedessen entsteht ein erhöhter Bedarf an Arbeits- Kräften, so daß zwei Millionen Menschen zur Arbeit zurückkehren konnten, wogegen etwa zwölf Millionen noch arbeitslos find. Zweitens hat der Preissturz eine unerträgliche Erhöhung der Schuldenlast herbeigeführt: daher soll das allgemeine Preisniveau auf den Stand von 1926 zurückgeführt werden. Um die Preise zu erhöhen, hat der Präsident den Dollar vom Gold abgelöst und läßt ihn sinken, oder richtiger gesagt, er drückt ihn herunter, bis er den Wert erreicht, den er im Jahre 1926 besaß. Sobald dieses Ziel erreicht ist, plant der Präsident, den Dollar stabil zu halten, so daß er in der nächsten Generation noch immer die gleiche Kaufkraft besitzt und als ein ehrliches Maß für Schulden dienen' kann. Drittens sind die landwirtschaftlichen Preise stärker als die industriellen Preise gesunken: daher will Roosevelt die Farmer zur Herabsetzung des Anbaues von Weizen und Baumwolle ver- anlassen, indem er ihnen eine Prämie bezahlt, wenn sie einen Teil ihrer Felder brach liegen lagen. Die Amen- kaner haben alle Hoffnung verloren, ihren früheren Aus- fuhrhandel jn Landwirtschaftsprodukten wiede,herzu- stellen, daher werden nicht weniger als vierzig Millionen Morgen Landes wieder in Prärieland verwandelt werden. * Bis zum Juli war der Erfolg dieses Programms sehr beträchtlich: aber von da an nahm das Tempo ab. Was geschah, ist klar. Die Fabrikanten sahen voraus, daß die Kosten der Arbeitskraft und der Rohstoffe steigen würden, sobald die neuen Arbeitsverträge in Kraft ge- treten wären: sie begannen also mit echt amerikanischer Energie, billig Ware zu erzeugen, die sie teuer zu ver- kaufen hofften. In anderen Worten, sie nahmen sich vor. so wenig als möglich an Löhnen zu zahlen und soviel als möglich Profite zu erzielen. Im Laufe der Monate wurde es deutlich, daß zwar diejenigen Industrien, die für den unmittelbaren Verbrauch arbeiten, einen Aufschwung nahmen, daß aber wenig oder kein Fortschritt in den- jenigen Wirtschaftszweigen zu verzeichnen war, die Kapitalsgüter oder dauerhafte Güter erzeugen, wie zum Beispiel das Baugewerbe, die Maschinenindustrie usw. In diesen Industrien gab es noch immer mehr als fünf Millionen Arbeitslose. Wenn es gelänge, diese Leute zur Arbeit zurückzubringen, dann wäre die Wirtschafts- Krise vorbei: denn die übrigen Arbeitslosen gehören zu Hilfsindustrien, angefangen vom Transportgewerbe bis zur Vergnügungsindustrie, die dann Geschäfte machen, wenn die produktiven Industrien im Aufschwung sind. Das wirkliche Problem besteht also darin, die Schwer- industrie und das Baugewerbe zum Arbeiten zu bringen. Aber für dieses Ziel hat das Roosevelt-Programm sehr wenig geleistet. Der Bau von Kriegsschiffen,ist leschleu- nigt worden— ein unheilvoller Wirtschaf'-»""^"!' Kongreß Hal 3300 Millionen Dollar für öffentliche Ar- beiten bewilligt, was uns Europäern eine groge w.» scheint. Aber erstens oerteilt sie sich auf drei Iabre. Zweitens ist noch fast überhaupt nichts davon ausgegeben worden, da der Präsident bemerkenswerterweise jolche Angst vor der Korruption hat. daß er der Bewilligung der einzelnen Bauvorhaben übertriebene Vorsichtsmaß- regeln in den Weg legi. Da überdies alle großen amen- konischen Gemeinden bankrott sind, wird jettt wenige» a s öffentlichen Mitteln gebaut, als in den Tagen des t enlosen und konservativen Präsidenten Hoover Schließlich ist diese Summe, so groß sie für uns aussieht, doch ganz ungenügend, sogar wenn sie sofort und in einem einzigen Jahre ausgegeben wird. Sie kann nicht einmal die Bauarbeiter wieder zur Arbeit bringen, von den anderen Grundproduktionen gar nicht zu reden. Die Statistiken von 1929 zeigen, daß damals in einem Jahre nicht weniger als 9000 Millionen Dollar in Amerika für N nbauten ausgegeben wurden, wobei Reparaturen und kleinere Ausbesserungen gar nicht mitgezählt werden. Für die große Mehrzahl der Arbeitslosen kann daher unter diesen Umständen nur die private Initiative Arbeit kinden. * Und hier hakt ein Argument der Konservativen ein. Man kann in großem Stil nur mit Hilfe von Bankkredit und PrivatdarleHen bauen. Aber die Banken geben nur dann Kredit und die Privatkapitalisten leihen nur dann. wenn sie die Sicherheit des Profits sehen. Ge- rade diese Hoffnung ist durch die neuen Arbeitsverträge oermindert worden. Zwar werden die Preise steigen, aber auch die Löhne: und Präsident Roosevelt hat sogar ver- sprachen, daß die Löhne rascher steigen werden als die Preise. Diese Aussicht bereitet den Darlehensgebern kein Vergnügen. Zweitens hat Präsident Roosevelt der Raub- finanz den Krieg erklärt. Er räumt die leichtsinnigen und oft unehrlichen Banken weg. Er hat ein Gesetz er- lassen, das den Finanzgewaltigen Amerikas ein gewisses Maß von Ehrlichkeit und öffentlicher Rechnungslegung bei der Verwendung des Geldes anderer Leute auferlegt' angesichts dieser Pläne ist das ganze Finanzkapital erstarrt vor Schreck und Wut. Schließlich zittern die Kon- servativen Kreise Amerikas vor dem Gedanken der In- station und rufen laut nach der Rückkehr zum Gold. Nun ist es zwar nicht wahr, daß Präsident Roosevelt eine Inflation plant, aber er plant wirklich, den Dollar auf das Niveau von 1926 zu senken und dort zu halten Warum aber soll der amerikanische Kapitalist Dollars herleihen, die weniger wert sein werden, wenn sie zur Rückzahlung gelangen? Er wird seine Dollars lieber nach Kanada oder England schicken, wo die Regierungen den Kreditgedern freundlich gesinnt sind. Die Banken geben also keinen Kredit: der Privatkapitalist leiht nichts her; Wallstreet str.ikt. Infolgedessen wird nichts gebaut und die Arbeitslosen suchen vergebens Arbeit. » Es läuft also darauf hinaus, daß Amerika sich nur erholen kann, wenn den Besitzenden genügend Profit versprochen wird. Es ist aber die Absicht Roosevelts, die Profite durch Lohnerhöhungen zu vermindern. Sein Landwirtschaftsminister Wallace hat vor einigen Tagen gesagt, daß es die Absicht der Regierung ist. die Profitquote in Amerika zu vermindern. Und kein Wunder! Die Amerikaner, mit ihren genauen Statistiken, verstehen, wie notwendig das ist. Die gesamte Lohn- summe der amerikanischen Fabrikindustrie stand im Jahre 1926 bei der Indexzahl 100, fiel in den nächsten zwei Iahren um drei Punkte und war im Jahre des höchsten Wirtschaftsaufschwunges 1929 immer erst bei 100 angelangt. Die Prositsumme aller Gesellschaften hingegen stieg von 100 im Jahre 1926 auf 173 im Jahre 1929 und (dank der aufgehäuften Reserven) sogar auf 196 im Jahre 1930, während die Löhne rapid sielen. Die Profite zerstörten den Wirtschaftsausschwung. Tie Kaufkraft der Massen war nicht imstande, die Güter aufzunehmen, die aus den neuen Fabriken kamen, in welchen diese an- geschwollenen Prosite investiert wurden. Es scheint also, daß man. wenn man die Profite zu beschränken versucht, den Wiederaufschwung nicht herbei- führen kann. Wenn man aber die Profite nach dem Willen des Kapitals anschwellen läßt, dann werden, so- bald sich das Rad der Wirtschaftskurve wieder um ein paar Jahre gedreht hat. die Profite ohne Zweifel wieder den Wirtschaftsaufschwung zerstören. Aus diesem Wider- spruch kommt kein Liberaler heraus. schwell gegen Schacht Eine sdiarle Ablehnung Zu dem Vortrag Schachts in Basel schreibt die„B a S- l e r N a t i o n a l- Z e i t u n g"e HLlUe de» von Deptlchland-'"e'-it»- genen nrlvaten»»»ssanbKs-t'nlden d>e deutsche Wlrt'chaft aar"'*t erreis-t lanb-rn aeradem-a» in b»>> Daschen der Steäermächi» aetlaffen seien bsstten sich die pri- naten^tnglandKatänblaer an die t»n»ente?n wenden. NM das G-»d. mit dem Deutschland« Renaration»,ablnnaen ermilasich- morden M-m»»rO*"*«ttft»»••afte«^a« mar der Sinn der Folgerung, die Herrn Schacht aus seiner Rebauvtuna zog. Eine derartige Araumeutierung bedeutet ein starkes Stück vor einem Gremium, das stch aus wirtschaftlich geschulten schweizerische» Hörern zusammensehte. WaS sollen in Tat und Wahrheit die Reparationszahlungen mit de» privaten Schulden Deutschlands zu tun haben? Diese privaten An- leihen nahmen deutsche Kommunen, nahmen Industriegesell- schatten und Werke nach der Inflation aus. um sich wieder slott zu machen. Prachtvolle stäbtische Gebäude— wie wir sie in der Schweiz nicht haben— wurden errichtet, soziale Einrichtungen ausgebaut, bei den Industrien, in Erwartung zukünftiger Prosperität. Erweiterungen aller Art vorgenom- men: wer jemals nach Deutschland kam, konnte Schritt für Schritt Zeuge dieser zahlreichen kostspieligen Investitionen sein. Dazu wurden die deutschen privaten AuslandSanlei- hen verivendet: das entliehene Kapital ivurde in aktive Werte umgesetzt. Es besteht nicht der geringste Zweifel darüber, daß das deutsche Volk seinen privaten Gläubigern gegenüber, die ihm zu seiner städtischen und industriellen Wiederherstel- lung verhalsen, für Kapital und Zinsen haftbar ist. Die gestrige Rede des Herrn Schacht bildete einen klug — fast überklug— ausgedachten Vorstoß Deutsch- lands gegen seine privaten G l ä u b i g e r. Ob er seine Wirkung erreicht hat? Wußte Schacht, daß er in einer Stadt sprach, die durch ihren kritischen Sinn bekannt ist, in -unem Saale, aus dessen vordersten Bänken unsere erstell Vertreter der Bankivelt, des Handels und der Industrie saßen? Hat er seine Hörer nicht unterschätzt? Vermeint er, mir würden nun dem Beispiele seiner Volks- genossen folgen, uns blind in seine Gefolgschaft begeben nnd vor dem Drohen mit der Rute zurückweichen?— Nein, wir lind keine gläubigen Gläubiger. Wir haben uns gemerkt, was Herr Schacht nicht sagte: er sprach kein Wort von der großen deutschen D o l l a r Verschuldung, die durch die Ent- wertung des Dollars bis hente um»5—1« Prozent niedriger geworden ist, kein Wort davon, baß Deutschland seine Obligationen scharen- weise zu den niedrigsten Kursen— die gestrige Rede wird die Kurse in gewünschter Weise wieder»allen lassen— ans- kautt und sich so entschuldet. Er sprach theoretisch gegen da» Leihkapital und nannte den Gläubiger, der es verschmähe, sich mit seinem Schuldner an eiuen Tisch zu setze» und über Hilfeleistung an ihn zu sprechen, unanständig: es hätte nur »och gekehlt, daß er von den Gläubiger eine großzügige Hills- aktion für den Schuldner verlangt hätte. Herrn Schachts Vorstoß muß zurückgewiesen werden. Wir sind durch den Vortrag nicht belehrt iv o r d e n:>v i r haben die Absicht gemerkt, nnd das h a t uns v e r st i m m t. meine wirlschaflsbiider Hackerbräu, A.-G., München Bei der Gesellschaft ist im Berichtsjahr der Bierumsatz nur noch um 9.8 Prozent zurückgegangen gegenüber einer Absatz- Minderung um etwa 29 Prozent im Vorjahr. Die Besserung des Geschäfts»var im deutschen Geschäft zu verzeichnen, da- gegen habe das Ausfuhrgeschäft unter Boykott und anderen Erschwerungen zu leiden gehabt. Hitler« Zeitungsgeschäft tInpreßi: In einer ganzseitigen Annonce te.l' der..Völ- tische Beobachte»? mit, daß die Auslage seines Blattes am letzten Stichtag, den 21. November, 314 759 Eremplare betrug. Das Geschäft lohnt stch umsomehr. als gleichzeitig festgestellt ivird:„Der Anieigenumlana der Berliner Ausgabe hat sich seit Januar 19.23 um da? Fünfzehnsgchc vermehrt." Dienen statt verdienen Aber ans Tagung der Dinta Werkzeitungcn führte Ing. Arnold-Diisteldorf aus. die Werkzeitungen hätten folgende Aufgaben: 1. Mithilfe bei Schaffung eines überbetrieblichen Arbeits deals: 2. Die Thesen des neuen Reichs zum Er- lcbnis kür den Arbeiier zu machen:„Der Geist der Pflicht- erfüllnna des Dienen s. statt Verdienens muß 'ieghaft in die Fabriken einziehen":». Die letzten Spuren de?- Alten zu überwinden Was alles Herr Arnold wohl auch den Herren Thnssen und Vögeier gesagt haben mag. die es aber immer noch vor- z'eben. aus die kleine Silbe großen Wert zu legen und brav inciter verdienen Zwangsverwaltung Die Reichsarbeitsgeincinschait für Iugenderholungö- und Hrnttürsorge in Berlin ist durch Erlaß unter Verwaltung abstellt worden Zun» Vermalter ttt^»e'b».znnivast Mob» bc- stimmt worden. So ivird ein Stück Wohlfahrt nach dem andern zerschlagen. E« geht aufwärts Wie der Berliner„Angriff"»nittcilt, hat eine Untersuchung der Wohnverhältnisse der Landarbeiter auf der Insel Rügen ergeben, daß»5 bis 49 Prozent der Landarbeiterivobnungen unbeivohnbar sind. Achnliche Feststellungen seien in ganz Pommern zu machen. „Die größte Weihnachtsfreude" In der„Deutschen Wochenschau", Herausgeber Gottfried Feder, vom 9. Dezember 1988 befindet sich folgende Annonce: „Die größte Weihnachtsfrcude für den deutschen Jungen ist ein Tankgeschioader,»vunderschön, groß und»nassig. Acht Tanks, vier Kanonen und die zehn echte Bleisoldaten, zusammen für nur 2,99 Mark franko Nachnahme, direkt vom Hersteller... Frauen im Beruf Frauen haben immer größere Schwierigkeit, in irgend» einem Berus unterzukoinmen. Durch die dumme Agitation gegen die Frauenarbeit ivagt es kaum noch ivcr, Frauen einzustellen. Es ist ein Ausiveg der Verziveislung,»venu El. Mleineck in der Zeitschrift:«Die Handels- und B ü r o a n g e st e l l t e" die Einführung eines Frauendtenst- iahreS fordert. ES solle» gewisse Dienstplätze als„Frauen- dienstplätze" durch die Gemeinden anerkannt»Verden: diese Dienstplätze sollen„durch Gewährung einer baren Diensthilse ausgezeichncl" werde»». Das Ganze läuft daraus hinauS, GratiShauSgrbilfinnen zu schatten. Der Unternehmer zahlt die Gewerkschaftsbeiträge Unter der Ueberschrist«Das ist Sozialismus" berichtet die„Deutsche Metallarbeiter-Zeitung" jNr. 19»:„Der In- Haber der Firma Hillebra»»d und Kracht in Werdohl, dessen gesamte Belegschaft stch dem TMB. angeschlossen hat, bezahlt für jeden seiner organisterten Arbeiter die Hälfte des zu zahlenden BerbandsmitgliedSbettrageS". Die Gleichschaltung der Geiverkschast scheint also der Firma gut zu tun. eut sehe Stimmen• fâellaée cur.Deutsehen Freiheit"•£teiéntsse und Geschichten r"»w— UM«—'—-—-— III— II—MI«■■ IHM Uli mHUflfl Samstag, den 16. Oezember 1933 flo&eipceistcäget Schcödmyec Cin QeteActec stellt eine Schicksatsfcage T'nter den drei Physikern, die durch die Verleihung des iv.h. t-Freises ausgezeichnet wurden, befindet sich auch der <»tf rreicher Schrödinger. Schrödinger, der zu den vielen groHen Gelehrten gehört, die Deutschland nach dem Aus- luch der Barbarei verlassen haben, und der nun an der d rühmten englischen Universität von Oxford tätig ist. hat durch seine Arbeiten auf dem Gebiet der Atomtheorie Welt- ruf erlangt. Die Atomtheorie ist der bedeutendste Vorstoß des menschlichen Geistes in die Geheimnisse der Welt: die Enträtselung des Aufbaues aller Stoffe, die das Weltall aus- machen. Man kann leicht begreifen, daß diese Arbeiten die höchste Wissenschaftliche Bedeutung besitzen, aber sie können auch son gewaltigen praktischen Folgen für die Menschheit sein. Fs ist bereits gelungen, die Atome— das sind die winzigsten Bestandteile, aus denen sich die Masse zusammensetzt— zu zertrümmern. und es ist leicht möglich, daß wir auf diese * eise neue, ganz ungeheure Energiequellen erschließen, deren Ausmaß die der Kohle, der Elektrizität, des Erdöls bei weitem übertrifft. Die Technik könnte dann, gestützt auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung, die ganze W irtschaft und auch das Leben jedes einzelnen Menschen in einem Umfang umgestalten, den wir uns jetjt überhaupt noch nicht vorzustellen vermögen. Ans diesem Grunde ist es sehr wichtig zu hören, was einer der Männer, die an diesem großen Werk arbeiten, uns zu sagen hat. Schrödinger hat uns seine Ansicht mitgeteilt, er hat in Schweden gesagt-„Meine neuen Atomtheroien können vielleicht in Zukunft dazu beitragen, den Menschen eine größere Kenntnis über das innere Wesen der Natur zu geben. Ich halte es aber für zweifelhaft, ob dies nüfflich wäre, denn meine Theorien würden auf diese Weise immer die Technik fördern und die Technik hat der Menschheit eigentlich nie Glück, sondern nur Unglück gebracht." Es ist eine erschütternde Wahrheit, die der große Physiker hier ausgesprochen hat. Erschütternd zunächst darum, weil hier ein Gelehrter, der eben auf dem Gipfelpunkt seines bisherigen Ruhmes angelangt ist, selbst den Wert seiner von den Wissenschaftern der ganzen Welt bejubelten Arbeiten, den Wert seines ganzen Lebenswerkes in Zweifel setzt. Erschütternd aber vor allem, weil er mit diesen Worten das cJCetdengedicM mit ssen Vom ÎDatiec JCett(JUuU) Dreierlei regt im Menschen die Dichtdrüse an: Liehe, kein Geld und die Einsamkeit. Weh' aber dem Unglücklichen, den diese drei Uebel auf einmal befallen. Da ist kein Halten mehr. Ich will nichts verheimlichen und nichts beschönigen: An jenem feuchtkalten Vormittag im November, ila ich mit Füllfeder und Schreibblock bewaffnet in den Pariser Alltag hinausschlich, war ich von Kopf bis Fuß auf Dichtkunst eingestellt. Verliebt bis über die Ohren, dito in Schulden und dementsprechend vereinsamt. Fest entschlossen zu dichten, war ich mir nur noch Uber das Thema im unklaren. Sollte ich nun Giseles betörende Wimpern oder Herrn Hitlers gewaltige Taten besingen? Eine Weile fraß grauer Zweifel an meinem Herzen. Dann aber siegte das Heldische. Mein Blick wurde stählern. Dabei fiel er auf eine Bank, die geruhsam am Wege stand. Sie war unbesetzt, bis auf einen kleinen Regentümpel, der sich zur Mitte hin angesammelt hatte. So setzte ich mich hin, tauchte meine Hose in die Pfütze und die Feder in mein Herzblut und schrieb: An den Führerl Ein deutsches Heldengedicht I Du bist kein Mensch.(Natürlich auch kein Jude.) Du bist ein Gott, ein Recke aus Walhall. Vor Deinem Blick erzittert rings das All Und barst in Genf die Völkerquasselbude. Etwas berührte mich unsanft am Hinterkopfe. Ich wandte mich um und sah, daß ich nicht mehr allein war. Auf der anderen Sitzfläche der Bank, jenseits der Rückenlehne, hatte sich ein„clochard" in voller Kriegsbemalung niedergelassen. Lr schien durchaus vergnügt und zufrieden mit sich und der Welt. Vielleicht lag. das an der unvermeidlichen Flasche mit Rotwein, die er neben sich stehen hatte.(Bitte, das ist kein Witz. Man sieht in Frankreich oft genug Bettler, die nichts besitzen außer einer Flasche„pinard".) Nun zückte er ein Messer und begann an einem Stück Brot zu stochern. Sein Speisen war hörbar, so daß ich beschloß, das Ende seiner Tätigkeit abzuwarten, bevor ich weiterdichten würde. Doch kaum hatten die Eßgeräusche aufgehört, als der Elende mit schallender Stimme zu singen anhub:„II est cocu, le chef de gare..." Diese Franzosen haben nun einmal keinen Sinn für heldische Poesie. Unwillig und würdevoll erhob ich mich und ging meiner Wege. Nach wenigen Schritten schon war mein Dicht vermögen wieder in voller Tätigkeit. So kam ich an eine Eisenbahnbrücke, deren feuchtschmutziges Geländer mir einladend winkte. Behutsam breitete ich mein Manuskript darauf aus, zückte von neuem die Füllfeder und schrieb: II. Wohin Du schmetterst Deine Donnerkeile, Da wächst kein Gras mehr auf den grünen Tischen, Du tänzelst, hoch zu Roß. auf schwankem Seile Und wo zwei Stühle stehn, sißt Du bestimmt dazwischen Des Weges kam ein Hund, und er hatte es eilig. Ich achtete seiner nicht.(Was geht mich so ein Hund an. ich dichte für meinen Führer.) Mein Herz wogte, mein Hirn brandete, die Feder zischte und die Augen quollen mir über. (Genau wie ihm.) Vom Himmel tröpfelte Regen, von meiner Feder tröpfelte Hersblut, und von meiner Hose tröpfelte Oleaneistec Richtet Im Handwerker-Erholungsheim Wernigerode fand eine Nazi-Schulungswoche für Obermeister statt. Bei dieser Gelegenheit dichteten sie in ein Gästebuch. Z. B. so:(wörtlich!) „So ist die Nachkriegszeit verstrichen. Wo uns Marxisten machten Qual, Bis nun das Elend ist gewichen Durch„Adolf Hitlers" Kanzler-Wahl. Was 50 Jahre schien unmöglich, Ist— Gott sei Dank— durch ihn geschehn. Dazu ist jetzt auch weiter nötig, Nach diesem Willen vorzugehen. Dies ist der Zweck der ganzen Uebung Zu schulen uns— um jeden Preis Und fortzupflanzen die Vorsehung In unserem Kollegenkreis." Hier wäre nicht Fortpflanzung, sondern Sterilisierung am Platze, Zwei gilt es nicht Todesurteil über die heutige Gesellschaftsordnung gesprochen hat. In der Tat: die Technik hat der Menschheit eigentlich nie Glück, sondern nur Unglück gebracht Die großen Heldentaten des forschenden Geistes, die Entdeckungen und Erfindungen der Gelehrten schienen stets nur im ersten Augenblick Segen und Reichtum für die Menschheit zu bedeuten— immer wieder wurden sie zu ihrem Verderben mißbraucht. Der Stifter des Nobelpreises selbst, den Schrödinger jetzt erhalten hat. Alfred Nobel, ist der Erfinder des Dynamits. Er hatte gehofft, daß seine Erfindung nur zu friedlichen Zwecken, zu Sprengungen in Steinbrüchen. Gruben usw. verwendet werde, und mußte es schaudernd erleben, daß die Menschen sich damit gegenseitig in die Luft sprengten. Die Chemie hat uns im Laufe des letzten halben Jahrhunderts Stoffe in die Hand gegeben, die. richtig verwendet, einen unschätzbaren Segen für alle Völker bedeuten könnten— aber die Beherrscher der Erde gebrauchen sie lieber dazu, die Menschen mit Giftgasen, brennendem Phosphor und fürchterlichen Sprengstoffen zu Zehntausenden hinzumorden. Die Ingenieure haben Flugzeuge erfunden, durch die Raum und Zeit überwunden, durch die die Kontinente selbst einander nähergebracht werden— aber die Militärfachleute lassen diese seihen Flugzeuge Bomben über Städte und Fabriken abwerfen und verwandeln so die Werkzeuge der Völkerversöhnung und-Verbrüderung in Instrumente des Massenmordes Die Menschen haben Maschinen erfunden, die ihnen die Mühe der Arbeit abnehmen und Güter in unendlichen Mengen erzeugen, so viel, daß alle in Reichtum und Zufriedenheit leben könnten. Aber unsere Welt ist so eingerichtet. daß diese Maschinen der Menschheit anstatt Glück nur Unheil bringen und sie zu Millionen auf die Straße stoßen, ohne Arbeit. Verdienst und Brot, dem Hunger und dem nackten Elend preisgegeben. Es ist nicht die Schuld der Wissenschaftler, nicht die Schuld der Techniker, daß in dieser Welt alles zum Verderhen wird was Segen bedeuten könnte. Es ist die Schuld der Gesellschaftsordnung. die die Großtaten der geistig Schaffenden verbrecherisch mißbraucht. Es ist zugleich die Gesellschaftsordnung. die den Faschismus honoriert, um sich gegen ihre sozialistischen Gegner zu behaupten. Niederringung des Faschismus und Kampf für den Sozialismus im Bunde mit der Freiheit: das sind die Aufgaben, die uns gestellt sind. ein Drittes. Als ich dessen endlich gewahr wurde, war der Hund schon weit. Kochend vor deutschem Zorn schrie ich ihm nach, soviel mir an Göbbelsscher Prosa einfiel. Er hörte es nicht, oder wollte nicht versteht,. Es war eben ein französischer Hund, und wahrscheinlich ein Jude. Wieder schritt ich meiner Wege. An der nächsten Straßenkreuzung war natürlich ein Café. Es hatte einladend einen Ritterpanzer auf das Pflaster gestellt, der sich bei näherem Zusehen als ein Oefchen entpuppte. Freundliche Wärme strahlte es von ihm aus und scheuchte den Nebel von der Terrasse. So ließ ich mich sinnend nieder, bestellte ein Helles und schrieb: III Du brichst seit Jahren nichts wie Sklavenketten Und tust Dir an dem Eisenfraß noch gütlich. Man sagt, es sitje sich nicht gut auf Bajonetten? Du findest es, im Gegenteil, gemütlich. Dabei kicherte es. Zwei halbwüchsige Gören(weibliche Göringe) saßen am Nebentisch, sahen zu, wie ich heldische Poesie verbrach und schüttelten sich wie meine Reime. Was sie darüber zu bemerken hatten, war nicht schmeichelhaft, sondern französisch, aber um der Treue dieser Chronik willen übersetze ich:„Schon wieder so eine dichtende Nudel," sagte die eine.„Laß ihn, was soll! ihm bei der Kälte schon Besseres einfallen," meinte die andere. Mademoiselles! unterbrach ich empört das Gezwitscher. „Ich bin keine Nudel, und die Kälte ist mir egal, aber ich schreibe eine Hymne auf den Führer der deutschen Nation. Haben Sie bitte soviel heldischen Anstand, sich nicht darüber lustig zu machen." Danach schraubte ich zornvoll meine Feder zusammen, kniff das Gesicht in viele kleine Falten, vergaß zu bezahlen und ging, ohne das wonnig glucksende Weibervolk noch eines Blickes zu würdigen. Am Wege stand eines jener niedlichen Häuschen, welche die Franzosen nach dem Kaiser Vespasian getauft haben. Bei seinem Anblick fiel mir ein würdiger Abschluß meines Gedichtes ein. So betrat ich es, zückte mein Messer und schnitt drei wuchtige Hakenkreuze in die wasserumbrandete Wand. Ich weiß, was ich dem deutschen Ansehtfh im Auslande schuldig bin. In seiner Jugend Kraft und Saft zerstreuen, um Held zu sein; und später dann im Alter Feuer speien, um jung zu sein— Das gibt es nicht! Erst mit Fouqué geschient zu Pferde steigen im Mondenschein;' nach fünfzig Jahren dann im Realistenreigen ein Zola sein— Das gibf es nicht! Du glaubst, du kannst mit Orden und mit Tresset heut Oberst sein, und morgen Radikale dann karessen, lieb Kind zu sein?— Das gibt es nicht! „Wer weder warm noch kalt mit mir im Bunde — spricht der Psalmist— Und wen nur lau ich fand, aus meinem Munde Gespien ist." Zwei gibt es nicht/ Oskar Panizza, 1900, Die JUamage eines£exik „Deut»oh«n Fr«i- heil"or noi Erlolq Dimitroff und— Parie i»TIenri Adam, der Berliner Berichterstatter des Pariser ,-Intran" teilt mit, diß die bulgarischen Behörden Dimitroff dermaßen fürchten, daß sie die deutsche Regierung gebeten hätten, ihn, im Falle seiner Ausweisung, nicht nach Bulgarien zu dirigieren. „Er wird wohl die Möglichkeit finden, nach Paris als Réfugié zu gehen," sagen„Lästerzungen". „Aber soweit sind wir noch nicht." meint der französische Berichterstatter vor dem Beginn der Plaidoyers. Die französische Presse für Danzigs Pressefreiheit Danzig, die alte Hangestadt, die in wahrhaft deutachen Zeiten noch einen anderen Begriff von der Freiheit der Person und des Denkens hatte, hat durch seine hitlerianische Unduldsamkeit von heute die Wachsamkeit der. französischen Presse hervorgerufen. Der Vorstand des französischen Presseverbandes(400 Berufsjournalisten) protestierte soeben schärfsten» gegen die Aerhaftung und das Hochverratsverfahren gegen die leitenden Redakteure der„Danziger Volksstimme" und der „Danziger Zeitung". An das französische Außenministerium und durch seine Vermittlung an den Völkerbund wurde die sofortige Intervention, Freilassung der Verhafteten und Wiederherstellung der Pressefreiheit gefordert. Der demokratische Presseverband(90 Mitglieder) schloß Sich dem Vorgehen gegen das Danziger Unrecht an. . Musikschätze in der Galerie Mazarin Auf der französischen Musikausstellung der National- Bibliothek, Galerie Mazarin. die der regsame Unterrichts» minister de Moncie eröffnet hat, sind berühmte Werke. Der Psalter von Saint-Germain de Paris, aus dem 6. Jahrhundert, die Bibel Karls des Kahlen aus dem 9. Jahrhundert, eine Kantilene der heiligen Eulalia aus dem 9. Jahrhundert sind die ältesten Exemplare, von phantastischem, historischem und Seltenheitswert. Aus A/cfj liegt ein Evangelienliuch aus dem 10. Jahrhundert vor. Besonders schön ist ein Psalter von Saint-Germain-des-Près mit Bildern vorn Harfenspiel des Königs David. Aus dem Mittelalter locken natürlich insbesondere die Liebeslieder des Troubadours. Die Sammlung geht durch die ganze Musikgeschichte bis zur Gegenwart und ist für jeden Musik- und Kunstfreund ein einzigartiger Genuß. Baron Henri de Rothschild bat die Tapeten zur Wandbedeckung au* seiner hervorragenden Sammlung geliehen. U. a. waren der Dichter Paul Valéry und der Botschafter Margerie anwesend. „Die neue Friedensschule" in der Sorbonne Im Rahmen der„neuen Friedensschule" hat Dr. Breit- scheid kürzlich, außerordentlich beachtet, unter dein Vorsitz von Emile Vanderveldc gesprochen. Jetzt hielt der tschechische Gesandte M. Stefan Osusky in Gegenwart des rumänischen Finanzministers und großer Zuhörerschaft einen bei der heutigen politischen J-age besonders interessanten V ortrag über die„Kleine Entente und ihre Nachbarn, Der Miniiter präzisierte insbesondere die Stellung von Ungarn. Ungarn hatte nach dem Kriege zwei Wege,— einen nach Prag, zu seinen alten Untertanen, einen nam Berlin. Der Weg nach Berlin war- der Weg nach dem Pangermanis-, raus, was bedeuten würde, die Nord- und Südslawen zu trennen und freie Bahn dem„Drang nach Oaten" zu schaffen. Diese Worte sprach der Minister deutsch. Von der Kleinen Entente sagte der Minister, daß aie sich vorzüglich mit all ihren Nachbarn verstehe, im Muße, wie diese sich auf Wahrung ihrer Sonderinteresien im europäischen Gesamtinteresse beschränkten. Der Vortrag wurde lebhaft applaudiert. Bekanntlich ist die tschechische Kolonie in Paris von besonderer Bedeutung. Eine besonders herzliche Freundschaft verbindet die Tschechoslowakei und Frankreich besonders durch den großen Gelehrten Denis, dessen Denkmal unterhalb des Prager Hradschins steht, während das von ihm und den neuen tschechischen Staatsmännern geschaffene Institut lieh in der Nähe des Luxembourg zu Paris befindet. Bekanntlich teht die Witwe des großen französischen Slawenfreundes noch: sie wohnte erst kürzlich, am tschechischen Nationalfeiertage. dem 28. Oktober, einer Feier bei, die für tschechische Schülerinnen eines Pariser Lyzeums veranstaltet war. Mit dieser Freundschaft zweier Völker vergleiche man die Tatsache, daß dem preußischen Staat vor dem Kriege über drei Millionen polnische Zwangsuntertanen angehörten, ohne daß«ich einer von den leitenden Regierungsleuten überhaupt die Mühe inachte, polnisch zu lernen. Die denfsdien Lelhblbllofliehen in Parts Eine Weihnachtsreportage In Paris gibt es zwei deutsche Leihbüchereien: eine in der Nähe der Trinité in der rue Blanche, eine ain Montparnasse gegenüber einem berühmten Café, rue Bréa. Wir haben sie vor einiger Zeit ausgefragt. In- zwischen liegen die Neuerscheinungen des Querido- Verlagcs, der Bücherei der Verfemten, auf dem Gabentisch. Anfrage rue Blanche: Welche Berufe sind Ihre Kunden. Madame? Die Leiterin(100 Proz. französisch. 100 Proz. deutsch): Alles: Deutsche. Oesterreicher, Russen. Tschechen, Franzosen — deutsch sprechende Franzosen, 10 Proz. Und welchen Schichten gehören die Franzosen an? Gebildete bürgerliche Franzosen— weniger Akademiker, mehr Kaufleute und Ingenieure. Viele Französinnen. Die französischen Studenten und Studentinnen lesen mehr Englisch. Was lesen die Franzosen? Zeitgenössische Dokumente, auch viele offizielle Hitler- Sachen, ökonomische Werke. Beletristik? Romane natürlich auch Abenteuer sind sehr beliebt, audi deutsche Ueber- «e.tzungen von Sachen wie Wallace. Viel Reisen auf Gruud von Wirklichkeit. Und die„verbrannten Bücher"? Im Verkauf gehen die„verbrannten" natürlich stärker, u a. Feuchtwangers„Jüdischer Krieg". Josef Roths„Hiob", die beiden Mann. Kaestner, Toller, schon wegen des Seltenheitwertes. Die Leute kommen und fragen:„Was haben Sie aq verbrannten Büchern da?" Ander» in der Leihbibliothek, wo die alten Kunden ja das meiste gelesen haben und nun die neuen Kunden fragen:„Haben Sie„verbrannte" Bücher?" Vielen genügt auch das bloße Wissen. Man verlangt audi Werke mit der„neuen" Tendenz, wie Ebermayer, Frank Generalvertreter für absolut gangbare Sache in Paris, Wien, Amsie dam und Prag mu*iwa 209,—> is KO,- IM. Kaut'oo gesuent. Orts'ten unter Inleie S"nt" an d e AGENCE LIBERTE STRASBOURG 1. peil Allgemeine Konsultationen mit9 Speiialiiteo. b) Chirurgie c) Geburtshilfliche Klinik d) Zahnärztliches Kabinett Innere Medizin, Augen-, Ohren-, Nasen, und Kehlkoplkrank. Zweistöckiger Senetoriumsgebäude. Vierstöckiges Gebjude. Zimmer Zahn und Mundchirurgie. Ould- heiten. Röntgen Diathermie. Elektrotherapie Spezialbehand» Kleine, mutiere und große Chirur. mit 1 bis ♦ Betten. 3 Aerzte, 3 Heb» und Porzellankronen,»Brucken lung bei Blut». Harn» u. Geschlechtskrankheiten gie. Die aller modernste Einrichtung ammen und 2 Operationssäle. KautschulcArbeiten Ordination täglich von 9—12 und 2—8; Sonntags und Feiertags von lO—12 und 2—4 UHi 5'" „Freunde des neuen Deutschland' Odiscn Im Porzellanladen SL. Nenyork, Ansang Dezember 1933. Wir haben kürzlich über die Naziintrigen in den USA und den deutlich ablehnenden Widerhall in den amerika nischen Volksmassen berichtet. Inzwischen beginnen die Machenschaften der jungen Männer des„neuen Teutschland" nicht nur klarer, sondern auch immer spannender nach der Manier knalliger Hintertreppenromane zu iverdcn. Bekannt- lich ist vor kurzem die ausländische- Nazipropaganda von dem neuen Berliner Friedcnsmessias aus offensichtlichen Gründen abgeblasen worden. Heinz S p a n k n ö b e l, der der Hauptverkünder der Nazilehre in den Vereinigten Staaten und auch der Hauptterrorist der Naziregierung war, hat sich seiner drohenden Verhaftung rechtzeitig durch-die Flucht ent- zogen. Er soll jetzt in Kanada, von dem sicheren Boden der dortigen deutschen Botschaft aus, tätig sein. Als zweiter Hitlerreisender fährt gegenivärtig Professor Eugen Kühnemann der in Amerika recht bekannt ist und früher so schone Reden aus die Republik und die deutsche Demokratie halten konnte, im Lande herum. Auf wessen Kosten? Nun, die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Seine Werbetönc sind mit dein üblichen akademisch-schöngeistelnden Schmus verziert, der diese Art deutscher Wissenschaftler den alten Weibern beiderlei Geschlechts überall wertvoll macht. Immerhin kam es nach einem Vortrage in Boston zu Un- ruhen, die in schweren Zusammenstößen zivischen der Polizei und den zu Recht erregten hitlerseindlichen Demonstranten gipfelten. Die Veranstalter des Vortrages nahmen darauf- hin die Gelegenheit wahr, von dem akademischen Hitler- trommlcr abzurücken. Der dritte und komischste im Bunde ist ein aus dem Rhein- lande stammender Hauptmann Georg Schmitt. Er kün- digte sich ursprünglich als ein mit offiziellen Beglaubigungen versehener Vertreter des Stahlhelms und der Propaganda- stellen des„dritten Reiches" an, entfaltete im. Lurushotcl Waldorf-Astoria eine rührige Tätigkeit und ließ sich sogar zu langatmigen Presseinterviews herab. Nach Konferenzen mit den Nazidrahtziehern und dem Konsulate zog er aber später vor. kleinlaut zu werden und von sich nur noch als harmlosem Weinreisenden und Touristen zu sprechen. Dieser Wechsel hatte seine guten Gründe. Bevor Schmitt von Deutschland abfuhr, hatte Hitler die Propaganda im Auslande noch nicht als schädlich abgestempelt. Er kam also besten Willens hier an und aestand sröhlich und unver- froren ein, daß er eigens nach Amerika gekommen sei, um die hiesigen 230(1 Stahlhelmer mit den Nazis gleichzu- schalten. Nation der„Erhebung" Gesinnungsdruck erzeugt Gesinnungslumperei Das hessische Staatspresseamt teilt mit: Herr Staatsminister Jung sieht sich veranlaßt, einmal ganz eindeutig gegen das sich immer noch breitmachende Angcbertum Stellung zu nehmen. Es ist geradezu widerlich, wenn man sieht, wie tagtäglich Volksgenossen einander bei den maßgebenden Stellen herab- zusetzen und in den Schmutz zu ziehen suchen. Es wäre viel wünschenswerter, wenn jeder von denen, die einen anderen Volksgenossen verleumden, seine ihm auferlegten Pflichten unter Einsatz der letzten Kraftreservc zum Besten seines Vol- les erfüllen würde: denn dann fände er gar keine Zeit, sich mit einem derartig verwerflichen Handwerk abzugeben, wie es die Denunziation eines anderen Volksgenossen darstellt. Was soll man dazu sagen, wenn es so weit kommen ckann, daß zum Beispiel ein Professor einen anderen aus solche Weise in Mißkredit zu bringen sucht. Das ist ein derartig schmutziges Unterfangen, daß man nur sagen kann:„Pfui!" Spielhallen geschlossen(für die Kleinen) lJnpreßj: Die Geheime Staatspolizei hat einen Erlaß her- ausgegeben, wonach alle„Spielhallcn"(meist leerstehende Geschäftsräume, in denen Lochbillards, Münzspielautomalen usw. ausgestellt und die jedermann zugänglich ivarenl, ge- schlössen werden müssen, weil„kommunistische und andere volksfeindliche Elemente sich trafen und geheime Zusammen- künste abhielten". In den eleganten Spielräumen von Ba- den-Baden sind„geheime Zusammenkünfte" politischer Art nicht befürchtet: sie bleiben nach wie vor geöffnet. Passionierte Zager Berlin, 12. Dez. lJnpreßj: Ter„Völkische Beobachter" veröffentlicht eine Unterredung mit dem Inspektor der Ge- Heimen Staatspolizei, Obcrrcgierungsrat Diehls, in der Herr Diehls folgendes erklärt:„Politische Polizei ist ein Handwerk, das nur mit Passion betrieben werden kann. Es kommt dabei weniger auf das bürokratische Funk- tionieren, als auf den reinen Erfolg an." Ein Licht, wie schwierig seine Ausgabe angesichts der Tat- sache ist, daß über 35 Prozent dieser Stahlhelmleute bereits amerikanische Bürger geivorden sind, ging ihm erst später auf. Seitdem ist es um ihn ruhig geworden, was aber nicht sagen ivill, daß er sich jetzt ausschließlich dem Verkauf deut- scher Weine und der Bewunderung amerikanischer Naturschönheiten widmet. Im Gegenteil, seine Verhandlungen mit den Spitzen der getarnten Naziorganisation„Freunde des neuen Deutschland" und ihren amerikanischen Helfershelfern beweisen, daß die alten Pläne zur Vergiftung der amerika- nischen Oesfentlichkeit unentwegt verfolgt werden. Der Fall Schmitt macht auch den amerikanischen Be- Hörden Kopfschmerzen. Versucht er offiziell aufzutreten, so wird man ihn sehr schnell und sehr unzeremoniell an die Lust setzen. Macht er auf eigene Faust Propaganda, so kann man nur aufpassen und ihm rechtzeitig aus die Finger klopfen. Immer- hin ist in Regierungskreisen zu verstehen gegeben worden, daß man vorerst prüfen will, unter welchen Vorspieglungen Schmitt das amerikanische Besuchsvisum erhalten hat. Die amerikanische Besuchsreise des Hauptmanns Schmitt ist wahrlich kein Rosenbett. Bleibt nur noch Fritz Gissibl zu erwähnen, der an Stelle des verschwundenen Spanknöbel an die Spitze der „Freunde des neuen Deutschland" getreten ist. Gissibl, der seit 1923 amerikanischer Bürger ist, gründete schon 1921 die ersten Nazizellen in Ehikago. Er kam später nach Neuvork, wurde Arzt in einem Harlemcr städtischen Hospital, mußte aber jetzt unter dem Druck der aufgebrachten öffentlichen Meinung seinen Posten ausgeben. Sein letztes öffentliches Auftreten war bei dem neulichen Eckener-Luther-Emp'ang in Ehikago. Als Botschafter Luther seinen Nazigefühlen Ausdruck verschafft hatte, fuhr Gissibl wie ein Ochse im Porzellanladen in die mühsam zusammengekleisterte gute Stimmung und forderte von den anwesenden Amerikanern mit Stentorstimme die Würdigung der Hakenkreuziahne als des Symbols der deutschen„Erneuerung". Ueberklüssig zu sagen, was sich die Amerikaner von diesem Vertreter der neuen deutschen Menschheit dachten. So sehen die Vertreter Hitlers aus. die den guten Namen des deutschen Volkes in Amerika mit Kot beschmutzen und verächtlich machen. Das ist nur ein winziger Teilausschnitt, lieber andere Machenschaften in offiziellen Kreisen und unter der Protektion der deutschen Diplomatie wird noch zu reden sein. BfEFKASTCIf GTomo. Ihren trefflichen Vierzeiler haben wir längst verössent- licht. Haben Sie ihn nicht gefunden? Wir wollten Ihnen schreiben: da stellte sich heraus, daß Ihre Adrene gänzlich unleserlich ist. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz tn Dud- weiter: fiir sfnlerale: Cfto Kuhn in Saarbrliiken Rotationsdruck und Veilag: Verlag der Volksftimme GmbH„ Saardrücken S. Tchiivenitrahe 5. ft"» 1 OZONE Das Radium, dsr aktivst« Bestandteil aller Keilquellen, in Verbindung mit Ozone, die Quintessenz der Bergluft, ist das wirksamste und schnellste Heilmittel aller chron. Leiden, wie: Anémie, Rheumatismus, Eczéma, Darmentzündung und besondere Infektion der Blase(Harn- nd Blasenleiden), Gonorrhöe. Prostatit, Metrit. Salpingit usw. 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