êînzîge unabhängige Tageszettung Veuischlands Nummer 9— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, den 12. Januar 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inhalt Zuspitzung im Jemen Osten Seite 2 JsxdeskaMpf. im lüassetuxeck Seite 3 Die icuietbslasigkeit steigt Seite 4 ïBac&acei im Stcafeecht Seite 5 Ost dec JCcieg sa nahe? Seite 8 215000 Gefangene Das Heer der politischen Sdiutihäfflinge (Höring hat vor Weihnachten die Entlassung von 5000 Schntzhajtgesangenen tu Preußen angekündigt. Er wollte da- mit beweisen, daß das gegenwärtige Regime es sich leisten könne, Gegnern gegenüber großherzig zu sein. Aber diese Ankündigung ist nicht ansgesührt worden. Die Zahl der entlassenen Schntzhastgesangene» beträgt selbst nach den offiziellen Angaben nnr etwa 8 00». Amt- lich wurde gemeldet, daß in den drei Lagern bei Papenburg 1300, in Lichtenbnrg bei Torgan 300 Schntzhastgesangene zur Entlassung gelangt seien. In allen übrigen Lagern Preußens find die Entlassungen zahlenmäßig so gering- sügig gewesen, daß man es nicht gewagt hat, ihre genaue Zahl anzugeben. Ans den übrigen Einzelstaaten wurde ge- meldet, daß Baden 187, Sachsen 800— von insgesamt mindestens 8000—, und Lübeck 00 Schntzhastgesangene ent- lassen hat. Bayern hat keine Zahl angegeben. Ron den über 2300 Gefangenen in Dachau ist nnr ein winziger Bruchteil zur Entlassung gelangt. Veut Rerhastnngen erfolgen jeden Tag, Sie find zweisellos in den letzten vier Wochen größer ge- wcsen als die Entlassungen. Dir„Sopade-Jnforma- tion" hält deshalb nach wie vor an der Auffassung fest, daß neben de« etwa 30 000 Schntzhastgefangenen in Gefängnissen ssch auch noch rund 30 000 Schntzhastgesangene in den Kon- zentrationolagern befinden. *- t, r Nach nnsercn Berichten, die fich ans einen sehr gn» unter- richteten Gewährsmann stützen, nimmt„Sopadc" die Zahl der politischen Gefangenen viel zu gering an. Sie lag an der Jahreswende zwischen 210 000 und 220 000. In dieser großen Zahl befinden sich viele Gefangene, die vor einem Jahre das»dritte Reich" freudig begrüßt, ja eS sogar durch' sanatische Werbearbeit mit vorbereitet haben. In Görings Privatpalais Er kann es aushalten (Jnpreß.) lieber Görings Privatpalais, das sich in der Nähe des ehemaligen Preußischen LandtagSgebäudeS be- findet, erfahren wir, daß in allen Räumen das Familien- ivappen Görings angebracht worden ist. Im Park, der von einer hohen Mauer umgeben ist, befindet sich eine Reit- bahn. Ein großes, besonders errichtetes Wachhaus be- herbergt Tag und Nacht GöringS Leibivache, die ans Be- amten der„Abteilung zur besonderen Verwendung" gebildet wurde. Die Wache trägt die neue feldgraue Uniform und ist selbstverständlich stark bewaffnet. Im Arbeitszimmer Görings hängt eine große Karte von Deutschland, aus der der pol- nische Korridor... deutsch ist. kr fürchtet Meaterer Und baut vor... Berlin, 10. Januar. Wie der Amtl. Preuß. Pressedienst mitteilt, hat der preußische Ministerpräsident Göring durch Funkspruch an den Inspekteur der Geheimen Staatspolizei, die Ober- und Regierungspräsidenten nud den Polizeipräsidenten in Berlin folgendes angeordnet: Mehrere Sonderfälle zwingen mich, darauf hinzuweisen, daß die Polizei nicht nur berechtigt, sondern auch verpflich- tet ist. nach den bekannten polizeilichen Vorschriften jede Person, gleichgültig ob in Zivil oder in Uniform, mithin auch Angehörige der SA., TS., St. o. dgl. einer Polizei- wache zuzuführen, um die Personalien festzustellen, soweit die Feststellung an Ort und Stelle nicht möglich ist. Ter polizeilichen Aufforderung, zu diesem Zwecke zur Polizei- wache mitzugehen, ist unbedingt Folge zu leiste». Jede Widersetzlichkeit hiergegen wird unuachsichtlich als Widerstand gegen die Staatsqeivalt verfolgt. Diese polizeiliche Maßnahme stellt keine Verhaftung, Fest- nähme oder Vorführung im Sinne der Sondervorschriften bezüglich der TA., SS. usw. svergl. Erlaß des Obersten TA.- Führers vom 7. Oktober 1933) dar. Kampf um Wien Die Verfassung Oes geplanten Staatsstreiches Wien soll nicht mehr Bundesland bleiben Wien, 11. Jan. Der mit der Ausarbeitung der neuen Verfassung Oesterreichs betraute Minister und LandeShanpt- mann Dr. Ender hat seinen Entwurf fertiggestellt und dem Bundeskanzler Bericht erstattet. Ständestaat" i» 'Wien, 11. Jan. Nach einer Meldung der„Neuen Freien Presse" sieht der Endersche Verfassungsentwurf vor, daß die gesetzgeberischen Befugnisse, die bisher dem National- ^a t und dem Bundesrat zufielen, in Zukunft aus den Staatsrat, den Länderrat, die Äulturkammer und die Wirtschaftskammer ausgeteilt werden. Der Staats- t a t soll vom Bundespräsidenten ans Grund von Regierungsvorschlägen ernannt. werden. Ter Länderrat werde die Vertreter der Länder umfassen, und Zwar die Landeshauptleute bzw. ihre Stellvertreter und die Finanzreferenten der Länder. In beiden Körperschaften hätte die Bundesregierung beratende und mitbestimmende Funktion. Die Wirtschaftskammer werde durch Wahl der hierzu berufenen WirtschaftSkörper gebildet. Die Kultur- kammer solle die Vertreter von sechs Ständegruppen, näm- sich: Priester, Erziehungsstand(Lehrer und Eltern), Rechts- stand, Heilstand, Kunst' rstand und selbständige geistige Be- ruse, zusammenfassen..lebet die Abgrenzung der Befug- uisse der vier Körperschaften seien noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen. Jedenfallk werde der Grundsatz vertreten, daß alle auf das Gebiet der Kultur-, Rechts-, Bil- dungs- und UnterrichtSsragen fall^tden Angelegenheiten»er Kulturkammer zugewiesen werden. Die staatSwirtschaktlichen Fragen, insbesondere der Haushalt, Handelsverträge, Zoll- 'ragen usw., würden vornehmlich den Staatsrat unter Heranziehung der Wirtschaftskammer beschästigen. Tie Fragen, d>e die Länder betreffen, würden soweit sie ivirt (chaftlicher Natur sind, zwischen.Länderrat und Wirtschafts- tammer, soweit sie politischer Natur ssnd,»wischen Staatsrat und Länderrat, und soweit sie kultureller Natur sind, zwischen Länderrat und Äulturkammer ausgetragen. Ter bundes- staatliche Charakter bleibe, wie bereits gemeldet, auch in der Enderjchen Verfassung weiter erhalten. Wienwerdeals Bundeshauptstadt etne gewisse Sonder- fteltnng erhalten, aber die bisherige verfassungsrechtliche Stellung als B li» d e s l a n d verlieren. * Ter Entwurf bedeutet vollkommene Abkehr von der parla- tnentarischen Demokratie und ist nnr im Kampfe gegen die Sozialdemokratie zu verwirklichen, und zwar nur durch Staatsstreich, da an eine parlamentarische Verabschiedung nicht zu denken ist. Die Berfassnngskämpse in Oesterreich treiben nun entscheidenden Tagen zu. vie Spannung Wien, 11. Jan. In Klagensurt kam es am Mittwochabend zu Kundgebungen und Zusammenstößen mit der Hilfspolizei, wobei zwei Teilnehmer getötet wurden. Im Sinne der neuen Regierungsmaßnahmen gegen die Nationalsozialisten sind 11 Angehörige der österreichischen NSDAP, nach Wollersdorf gebracht worden. Bundeskanzler Dr. Dollfuß hat die oberste Führung der Sturmscharen übernommen, die vor einiger Zeit ein enges Kampsbündnis mit dem österreichischen Heimatschutz abge- schloffen haben.________ nodiicllsdiliflen elngebrodien 3 Tote Warschan. 11. Inn. Fu der Nähe der Ortschaft Olkeuiki im Wilnaer Gebiet brach ein mit Hochzeitsgästen besetzter Schlitten, der über einen zugefrorenen See iuhr, im Eise ein. Nazi-Emigrant spricht Veröffentlichungen in der„Deutschen Freiheit" Ein weithin in Deutschland bekannter national- sozialistischer Führer, der zwölf Jahre lang der Be- wegnng angehörte und in zahllosen Versammlungen und Aussätzen für die NSDAP, gesprochen hat» ist als Emi- grant im Saargebiet eingetroffen. Er hat Verfolgungen durch die NSDAP, hinter sich, wie sie Zehntansende Marxisten erlebt haben. Wir haben mit diesem National» s o z i a l i st e n Verbindung ausgenommen und stellen ihm unsere Spalten für eine Reihe von Aussätzen zur Verfügung. Seine Uebcrzengnng ist nicht die unsere. Wir halten es aber für gut, einen Mann zu Worte kommen zu lassen, der die NSDAP, genau von innen kennt. Die Veröffentlichungen werden morgen beginnen. Rußland und Polen Die Außenpolitik der Sowjetunion ist in den letzten Monaten so rührig wie noch nie. Kaum war Litwinow von seiner Reise nach den Vereinigten Staaten zurück- gekehrt und die japanische Drohung im Fernen Osten durch die russisch-amerikanische Verständigung vorläufig abgewehrt, so wandte er sich auch schon dem zweiten ge fährlichen Gegner in Europa zu und unternahm einen Vorstoß gegen den Einfluß Hitler-Deuts ch- lands in den ehemals russischen Rand staaten. Schritt für Schritt hatte Moskau feine Sc- Ziehungen zu all diesen größeren und kleineren Ländern an seiner Westgrenze bereits im vorigen Jahre verbessert. Dem Abschluß der Nichtangriffspakte folgte während der Londoner Weltwirtschaftskonferenz die Unterzeichnung des gemeinsamen Protokolls der Ostmächte über die Be- griffsbestimmung des Angreifers. Hitlers außenpolitische Berater sahen dieser fortschrei- tenden Bildung einer osteuropäischen Einheitsfront mit wachsender Besorgnis zu. Sie begannen nun auch ihrer- seits um die früher von ihnen so verachteten östlichen Nachbarn zu werben. Hitlers Friedenserklärungen an die Adresse Polens wurden durch Warschauer Besuche des Tanziger nationalsozialistischen Senatspräsidenten Dr. Rauschning ergänzt, der jedesmal kleine Zugeständnisse für die polnischen Kultureinrichtungen oder die polnische Zollverwaltung in seinem Freistaat mitbrachte. Da spielte Litwinow seine neue Karte aus. Er schlug Polen eine gemeinsame Garantie der Unabhängig- keit der vier kleineren Ostseestaaten, Li» tauen, Lettland. Estland und Finnland vor. Die Berichtigungen, die nach der vorzeitigen Veröffentlichung dieses Planes in die Welt gesetzt wurden, betreffen nur die Form des russischen Vorschlages. Sie lassen dadurch ziemlich genau erkennen, was wirklich beabsichtigt war und woran diese Absichten zunächst gescheitert sind. Ein polnisch-russisches Protokoll mit gegenseitiger Ver- pflichtung zum Schutze der kleineren baltischen Rand- staaten mußte seine Spitze deutlich gegen Deutschland richten. Litwinow hat auch ausdrücklich auf die be- kannten Veröffentlichungen Alfred Rosenbergs, des Lei- ters des Außenpolitischen Amtes der nationalsozialisti- scheu Partei, hingewiesen, der selbst aus dem Baltikum stammt und dort das nächste Betätigungsgebiet für den deutschen Ausdehnungsdrang sieht. Er verwies auf die „Gleic'-chaltung" der deutschen Minderheiten in den Randstaaten mit der Reichspolitik. In Warschau wir' ien diese Argumente nach den sanften Friedenstönen Hitlers nicht so stark wie die Aussichten aus die Verstärkung des eigenen Einflusses Polens im Ostseegebiet, die der neue Plan eröffnete. Waren doch alle Versuche der pol- nischen Politik zur Bildung eines baltischen Blockes früher immer an der Gegenwirkung des sowjetrussischen Einflusses gescheitert. Polen machte also seine Zustim- mung zu der Anregung Litwinows davon abhängig, daß die kleinen Ostseestaaten selb st sich damit ein ver standen erklären sollten. Das hätte bedeutet, daß Litauen, Lettland. Estland und Finnland sich aus- drücklich unter den Schutz Warschaus und Moskaus stellten. Aber gerade diese Verbindung eines Friedensgedankens mit dem Wunsch zur Ausdehnung der eigenen Einfluß- sphäre hat dem Vorschlag einen'Mißerfolg eingebracht. F i n n l a n d, das vom Deutschen Reich am weitesten ent- sernt liegt und keine deutsche Minderheit in seinem Staatsgebiet hat, fühlt sich von Hitler nicht bedroht und lehnte daher von vornherein die ganze Anregung ab. Ja, das finnische Außenministerium wollte so wenig mit der Sache zu tiln haben, daß es den Inhalt der vertraulichen Besprechungen darüber veröffentlichen ließ. Auf bi:- ,c. WM sollten ojMbax ou& E ff j g n d und LeltlgNÜ von der Teilnahme an der neuen osteuropäischen Kombination zurückgehalten werden. Diese beiden Länder sind wirtschaftlich von Deutschland abhängig. Ohne die Ausfuhr lettischer Butter nach dem Reich kann die Re- gierung von Riga die Handelsbilanz ihres Staates nicht ins Gleichgewicht bringen. Auch Lettland und Estland können also den Schutz ihrer Unabhängigkeit nicht ein- seitig Rußland und Polen anvertrauen, zumal jetzt nach- dem die Diskussion über dieses Problem bereits die Oeffentlichkeit beschäftigt. Rur Litauen, der einzige der vier kleinen Staaten, der unmittelbar an Deutsch- land grenzt, hat dem Vorschlag Litwinows bereits seine Zustimmung gegeben. Im litauischen Memelgebiet bilden die Deutschen die Mehrheit. Die Konflikte zwischen der memelländischen deutschen Selbstverwaltung und der litauischen Regierung haben wiederholt mit Niederlagen der Regierung geendet. Gerade jetzt droht die reichs- deutsche Presse diesem kleinen Nachbarn wieder mit Ver- geltungsmatznahmen, wenn er nicht alles zurücknimmt, was die„Gleichschaltung" der Memelländer mit der deut- schen Hakenkreuzpolitik hemmen könnte. Diese Brutali- täten der Nationalsozialisten haben dem Vorstoß Lit- winows wenigstens den Teilerfolg seiner Unterstützung durch diesen Staat eingebracht. Doch der Hauptzweck, den Moskau diesmal verfolgte, war zweifellos die Festlegung Polens gegen die deutsche Ostpolitik. Pilsudskis Entscheidung ist durch die vorzeitige Veröffentlichung der Verstand- lungen und durch die Ablehnung eines Teiles der inter- essierten Ostseeländer sehr erschwert. Läßt er das neue Litwinow-Protokoll jetzt öffentlich von seinem Austen- minister unterzeichnen, so brüskiert er Hitler. Tie bis- herige Linie des polnischen Verhaltens gegenüber Deutsch- land, die auf eine Ablenkung des nationalsozialistischen Betätigungsdranges nach dem Südosten— gegen Oester- reich— hinauslief, wäre damit verlassen. Lehnt er aber den russischen Vorschlag ab, so verstärkt der polnische Marschall das Misttrauen gegen die deutsch-polmschen Annäherungsbestrebungen. Die Warschauer Regierung?- presse erklärt also, dast sie von einem Pakt nichts wissen will, aber sie rühmt zugleich alle die Grundsätze, die den Inhalt des Vorschlages Litwinows bilden. Die weiteren Verhandlungen dürften nach der Störung durch die vor- zeitigen Presseveröffentlichungen jetzt wieder in aller Stille geführt werden. Und Polen mühte nicht von tief- stem Misttrauen gegen die deutsche RustungspolitiK erfüllt sein, Marschall Pilsudski müstte sein altes Interesse an Litauen ganz verloren haben, wenn nicht schließlich die russische Werbung auch in Warschau zum Ziele käme. Zuspitzung im fernen Osten Sowjetrußland, China und Japan London, 11. Jan. Nach Berichten der englischen Preise steht die Krönung Pu UiS zum Kaiser der Mandschurei be- vor, und diese Thronbesteigung werbe von Japan sanktio- niert. Die englische Regierung befürchtet von diesem Er- eigni» Komplikationen im Kernen Osten. Die„Frankfurter Zeitung" schreibt dazu: Pu?>t ist kein gleichgültiger Mann. Ist er doch als Knabe unter dem Herrschernamen Hsttan Tung der letzte Man- dschnrenkaiser des chinesischen Reiches gewesen. Die MandschuS aber waren nicht nur die Beherrscher Chinas zu ihnen standen auch die Prinzen der Mongolei in einem be- sonderen Lehens- und Treueverhältnis. Es liegt somit auf der Hand, baß Japan mit der Krönung Pu AiS zum Kaiser der Mandschurei in Hsinking— mit diesem Namen ist das frühere Tschangtschun, ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt bezeichnet worden ter bedeutet zu deutsch„neue Hauptstadt"» — bezweckt, auch die innere Mongolei näher an sich heranzuziehen. Anschläge Japans auf das Gcsamtgebiet der inneren Mongolei würden aber auch Rußlands ostasiatische Be- lange in empfindlichster Weise treffen. Japan würde nämlich dadurch um ganz Nordchina einen Gürtel legen, durch den direkte geographische Beziehungen zwischen der Sowjetrepublik und dem Reiche der Mitte unmöglich ge- macht werden würden. Außerdem hätte eine derartige Vor- schiebung der japanischen Machtstellung in der Mongolei auch eine eminent strategische Bedeutung. Könnte es doch für Japan im.Kriegssalle von der inneren Mongolei aus mög- lich werden, die äußere Mongolei zu überrennen und von dort aus die R ü ck e n v e r b i n d u n g c n der ostsibirischen Verteidigungspositionen Sowjetrußlands zu b c- drohen. Moskau würde somit eine Befestigung des japanischen Einflusses im Tschahar-Gebiet und in Suiyüan nicht gleichgültig mit ansehen können. Auch England müßte gegenüber einer solchen Entwicklung aus der Hut sein, da nicht nur religiöse, sondern stark politische Verbindungen von der Mongolei nach Tibet herübergehcn. Mit Interesse wird deshalb heute in der englischen Presse die Nachricht ver- zeichnet, daß Buddha eine neue Wiedergeburt in Gestalt eines Knäbleins gesunden hat, das in der Stunde des Todes des Dalai Lama in der Nähe von Lhasa das Licht der Welt erblickte, da somit daS neue Oberhaupt Tibets und der ge- samten lamaistischen Religionen nun nicht mehr in den ferneren Gebieten des Lamaismus gesucht zu werden braucht. Der neue Buddha hätte ja sehr wohl auch in der Mongolei erstehen können. Bezweckt aber Japan wirklich nicht, mit der Errichtung eines Throns für den ehemaligen Mandschu-Kaiser EHInas in der neuen-Hauptstadt der Mandschurei aus eine Los- lösung Nordchinas hinzuarbeiten? Die japanische Re« gierung bestreitet derartige Vorsäße auis entschiedenste, aber sie hat früher schon des öfteren abgeleugnet, was sie später, nachdem es eintrat, anerkannt hat. „Vier wünscht Kanonen?" Paris, 11. Jan.„Wer wünscht Kanonen?" überschreiben verschiedene Blätter eine Nachricht aus Ehalon-sur-Saone. Darin wird mitgeteilt, baß am 17. Januar die Domänenver- waltung von Chalons zwei 150.-Millimeter-Krupp-Geschütze, die aus dem Kriege stammen und als.Kriegstrophäen in Ehalons ausgestellt waren, öffentlich versteigern wird. Die Stadt Chalons hatte die Geschütze, weil die Räbergestelle zu verrotten begannen, an die Heeresverwaltung zurückgeben wollen. Doch lohnte diese wegen der hohen Transportkosten die Uebernahme ab und übertrug die Geschütze an die Domänenverwaltung, die sie nun versteigern läßt. Stamme Demonstration Berlin, 10. Jan. sJnpreß.» Wie man nachträglich erfährt, fand am Totensonntag an den Gräbern Karl Liebknecht», Rosa Luxemburgs und ihrer Mitkämpfer eine Demonstra- tion statt. Unzählige Arbeiter gingen in langsamen Zuge an den Gräbern vorbei, und immer wieder lösten sich aus dem Zuge Krauen und Jugendliche, die auf die Gräber Blu- men streuten und kleine Kränze niederlegten. TA.-Leute nahmen die Blumen fort, verhasteten aber niemanden. Das Aide Memoire Herriot vor Oer außenpolitischen Kommission Paris, 11. Jan. Herriot hat der gestrigen Sitzung der außenpolitischen Kommission der Deputiertenkammer präsi- diert und das in Berlin überreichte Aide Memoire verlesen. Er fügte ergänzend hinzu, daß Frankreich sich nicht weigere mit Teutschland zu sprechen, aber es müßten alle anderen an der Abrüstungsfrage beteiligten Nationen an denVerhandlungenteilnehmen. Die Unterhandlungen zwischen Frankreich und Deutschland könnten nur eine Teilphase der allgemeinen Unterhaltungen sein. Im Laufe der Aussprache wurde stark unter- strichen, daß Frankreich mit Recht die Einführung einer provi- sorjschen Periode verlange, die der Abrüstung vorauszugehen habe. In dieser Periode könne Deutschland zeigen, daß es wirklich die gemeinsam festgesetzten Abmachungen loyal er- fülle. Diese Periode würde auch die Einrichtung einer reziproken Kontrolle ermöglichen. Der Deputierte Fri- bourg erklärte u. a., daß die Vorschläge Frankreichs zu- gleich kühn und vorsichtig seien. Deutschland werde vor die Verantwortung gestellt, sich zu entscheiden, ob es seine eigene Ausrüstung wolle oder die allmähliche Abrüstung der anderen Nationen anstrebe. Zur Frage der Sanktionen führte Fri- bourg aus, daß grundsätzlich der Text des Artikels 43 des Versailler Vertrages und die Artikel 3 und 4 des Locarno- Abkommens maßgebend blieben. England werde dadurch ver- pflichtet, eine klare Haltung einzunehmen und gemeinsam mit Frankreich zu intervenieren, wenn Deutschland seine Verpflichtungen nicht erfülle und beispielsweise i n b e r e n t- militarisierten R Heinlandzone Truppenbe- wegungen vornehmen würde. Ans dem Inhalt Was die„Times" berichtet London, 11. Jan. Die„Times" bringt vine Inhaltsangabe der französischen Denkschrift, die von ihrem Pariser Korre- svondentcn herrührt. Wie er behauptet, soll es das Ziel der französischen Vorschläge sein, Gleichheit innerhalb eines Systems der Sicherheit zustandezu- bringen auf Grund eines Abkommens, das eine iv i r k- same Kontrolle und eine kollektive Garantie aller vertragschließenden Teile vorsähe. Der Korrespondent begnügt sich nicht, darüber zu berichten, sondern macht sich zum Anwalt der Vorschläge, indem er sie als bestimmt ge- eignet bezeichnet, durch schließliche allgemeine europäische Abrüstung zu Lande und in der Luft bis auf den deutschen Stand Gleichheit herzustellen, statt durch eine Aenderung des deutschen Rüstungsstandes nach oben. Mit Ausnahme eines Teiles seien die Vorschläge so gut >oie gleichlautend mit denen, die Frankreich in Genf angenommen hatte, die aber niemals restlos veröfsent- licht worden seien infolge des durch Deutschlands Weggang verursachten Zusammenbruches. ES seien zwei Perioden vorgesehen. Die erste sei die UebergangSperiode, die zweite stelle— sagt der Korrespondent— völlige Gleichheit der Ab- rüstung her. Die Länge des ersten Abschnittes snrsprttnglich vier Jahre) solle yo,x der Daner der Zeit abhängen, die Deutschland branche, um die tatsächliche Umwandlung der Reichswehr in eine Arm e von£00 000 Mann mit kurzer Dienstzeit zu vollziehe«. Die Zahl von 800 000 Mann gelte nach fran- zöstscher Ansfaisung als unannehmbar. Frankreich verpflichtet sich, während dieser Zeit seine Rüstungen in keiner Weise zu vermehren und Schritt für Schritt mit der deutschen Umwandlung ähnliche Aende- rungen in seiner Armee vorzunehmen. Da das Ziel Ab- rüstung sei, solle nach französischen Wunsch Deutschland sich verpflichten, Nüstungsmaterial weder herzustellen, noch zu besitzen, das ihm gegenwärtig verboten sei. ES werde aber natürlich das Recht haben, Waffen sür die neu einzustellenden 100 000 Mann anzuschaffen Der von Frankreich vorgesehene Kontrollausschuß solle sofort eingesetzt werden. Ferner wttr- den bestimmte Verminderungen bei der SS., SA. usw. verlangt. sNicht, wie es geheißen habe, ihre Ab- schaffung.l Tie Denkschrift vertrete die Ansicht, daß das Re- gime in Deutschland innerpolitisch so gefestigt dastehe, daß wenigstens ein Teil der Formationen entbehrlich sei, die immer noch von den Franzosen als militärisch verivendungS- fähig betrachtet würden und ihnen deshalb so viel Sorge ver- urfachten. Die Meldungen, wonach die französischen Vor- schlüge das Angebot enthielten, 50 Prozent der Mili- tärflugzeuge außer Dienst zu stellen, seien zutreffend. Das Angebot sei aber abhängig davon, daß andere Länder das gleiche tun. Der Korrespondent meint, daß diese fran- zösische Forderung sichnichtaufdieLuftflotteGroß- britanniens erstrecke. In Frankreich gebe man nämlich zu, daß die Abrüstung der englischen Luftwaffe bereits sehr weitgehend durchgeführt sei. Es sei auch möglich, daß der Vorschlag der Abschaffung aller Bombenflugzeuge in der Denkschrift wiederholt worden sei, obwohl dies von einer internationalen Kontrolle der zivilen Lustfahrt abhängig ge- macht werde. Am Ende der ersten Periode, das heißt, wenn die Angelegenheit der Mannschaftsbestände vollkommen ge- regelt worden fei, trete das französische Versprechen, etappen- weise bis zum deutschen Stand abzurüsten, in Kraft. Man könne, meint dazu der„Times"-Korrespondent, annehmen, baß, falls die erste Periode in befriedigender Weise verlaufen sei, dieser Prozeß mit ähnlicher Schnelligkeit durchgeführt werden würde. Als eifriger und vorbehaltloser Fürsprecher der französischen Auffassung erklärt dann der Berichterstatter, daß man eine wirkliche und ehrliche Gleichheit anstrebe, gehe klar daraus hervor, daß die französische Denkschrift, falls beschlossen werden sollte, Waffen wie leichte Tanks während der ersten Periode beizubehalten, ohne weiteres voraussetze, daß Deutschland auch das Recht aus de« Be- sitz leichter Tanks haben soll. Das Artilleriekaliber hoffe man auf ein Höchstmaß von 15 Zentimeter festzusetzen. Zum Abschluß des„Times"-Berichts wird es als möglich bezeichnet, daß im Laufe der Verhandlungen die französische-. Regierung sich hier und da zu einigen Aenderungen der Ein- zelheiten ihrer Vorschläge bereitsinden werde. Es bestehe aber guter Grund für die Annahme, daß diese Vorschläge im wesentlichen die äußerste Grenze dessen darstellten, was Frankreich zuzugestehen bereit sei. Die Dauer der ersten Periode fei nach französischer Auffassung vollkommen von der Enrr- gie abhängig, mit der Deutschland die Umwandlung der Reichswehr in eine Milizarmee durchführe, während in der zweiten Periode es in Deutschlands Ermessen gestellt sei, die Erreichung der Gleichheit durch Abrüstung zu beschleunigen, indem es feine Nachbarn von seinem guten Willen und Frie- denswunsch überzeuge. Der Berichterstatter meint, daS Bekanntwerden der Vor- schlüge werde bei der französischen Rechten voraussichtlich einen Sturm von Anklagen gegen die Regierung ChautempS auslösen. rar diplomatische Verhandlungen Abrüstungsausschuß des englischen Kabinetts London, 11. Jan.„Times" befaßt sich mit der Sitzung de» Abrüstungsausschusses des Kabinetts am Mittwoch. Wie ver- laute. Habe man sich auf die Auffassung geeinigt, daß die im Gange befindlichen Verhandlungen genügend Fortschritte machten, um ihre Fortsetzung wünschenswert erscheinen zu lassen. Die Methoden regelmäßiger diplomatischer Mlt- teilungen und persönlicher Fühlungnahmen habe sich als zweckmäßig erwiesen. Dies gelte auch für die Zukunft. Ans diesem Wege lasse sich noch am ehesten er- hoffen, daß zwischen Frankreich und Deutsch- land eine gemeinsame Grundlage gefunden werde. Wenn Simon wahrscheinlich am 15. nicht in Genf sein wirb, so geschieht das. wie„Times" meint, weil er den dringenden Wunsch hat. mit verschiedenen Außenmint- sterien in möglichst enger Fühlung zu bleiben. Zwischen London und den anderen Hauptstädten sei ein lebhafter Ge- dankenaustausch im Gange. Ueberdies sei es so gut wie sicher, baß Paul-Boncour infolge der außenpolitischen Kammer- ausspräche in Paris nicht vor Mitte nächster Woche nach Genf kommen könne. Heute werde Simon eine Unterredung mir Henderson haben. An der Sitzung des Büros der Ab- rüstungskonserenz am 22. teilzunehmen, sei England zwar durchaus bereit, doch dürste cS aus mehrfachen Gründen besser fein, sie zu verschieben, besonders in der Hoffnung, daß Ende Januar die Grundlage einer Vereinbarung zwischen Frankreich und Deutschland gefunden sein könne. Windmühlenflugzeuge London, 11. Jan. Das britische Suftfahrtministerium hat, wie die„Morning Post" meldet, 10 Windmühlenilugzeuge in Auftrag gegeben, die zunächst probeweise bei Hebungen mit gewöhnlichen Militärflugzeugen zusammenarbeiten fallen. Das Blatt sagt, Windmühlenilugzeuge seien zur Be- obachtung, Lustaufnahmen und Feststellung feindlicher Ge- schütze sehr geeignet, weil sie ihre Geschwindigkeit bis auf 24 Stundenkilometer ermäßigen und bis zu 134 Kilometer steigern könnten. Außerdem benötigten diese Flugzeuge nur eine sehr kurze Start- und Landestrecke. Marinemeuterei in Siam Unter den Marinetruppen sind Unruhen ausgebrochen. Die Ausdehnung ist nicht zu erkennen, weil die Behörden jede Verbreitung von Nachrichten militärischen Charakters verboten haben. Ueber die Ursache der Meuterei verlautet, daß man in der Marine mit der gegenwärtigen Regierung nicht voll einverstanden sei. vcr ftatiiolisdie Hieras im Zwiespalt Die Dlschöle In verschiedenen fronten Die deutschen katholischen Bischöse bieten in ihrer Haltung zum Httler-Rcich keineswegs das Bild einer geschlossenen Einheit. Zwischen Kardinal Faulhaber in München, den die bayerischen Machthaber lieber heute als morgen verhaften möchten, und dem Freiburger Bischof Dr. G r ö b e r, der sich gänzlich als Funktionär nationalsozialistischer Staatskunst fühlt, klaffen weitreichende Unterschiede. Eine mehr ver- mittelnde Haltung nimmt der württembergische Bischof Dr. S p r o l l ein. Am Montag waren in Stuttgart die Geistlichen der Dekanate Stuttgart, Neuhausen, Gmünd, Neckarsulm, Deggingen und Amrichshasen, im ganzen weit über hundert, versammelt. Bischof Tproll erklärte hier u. a.: „Ich erkläre nachdrücklich," so führte er dabei nnS,„w i r stellen uns positiv zum neuen Staat. Wir sind gerne bereit, das anzuerkennen, was der neue Staat aus ver- schiedeneu. Gebieten anstrebt und erreicht hat." Biichoi Dr. Sprvll wies in diesem Zusammenhang aus die U e b e r w i n- dung des Bolschewismus hin, der mit geistigen Waffen allein nicht zu beseitigen war, die Zurückweisung vieler liberaler Ideen, die Anstrebung einer wahren Vrlks- gemeinschast, die Ausstellung des F ü h r e r p r i n z i p S, die Errichtung einer ständischen Ordnung, den Kampf um ge- rechte Behandlung Deutschlands unter den Völkern. Wir halten dem Staat die Treue, erfüllen auch die Verpflichtung des Artikels 32 des Konkordats, der das Verbot partei- politischer Tätigkeit des Klerus enthält. Wir wollen nicht das Rad der Zeit zurückdrehen. Es wäre deshalb ein Un- recht, uns zu verdächtigen, als ob wir eine verkappte Zentrumspartei seien, als ob die Katholische Aktton getarnte politische Tätigkeit anstrebte. Unsere Haltung zum Staat kann nur eine positive sein. Stellung müßten wir jedoch nehmen gegen Gesetze, die gegen unser Gewissen wären» entsprechend dem Sprichwort:„Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen." Diese sanfte Selbstbehauptung wird bekräftigt durch eine Entschließung, die betont, daß der katholisch« Klerus kein« staatsfeindlichen Elemente unter sich dulden werde, und baß er sich durchaus positiv zur neuen Staats« gemalt stelle, da dies dem katholischen Gewissen und de» Weisungen der Kirche entspreche. * Diese„positive Einstellung" schützt den deutschen KleruS nicht vor unaufhörlicher Bedrängnis. Täglich mächst die Zahl der verurteilten und verhafteten Geistlichen. Täglich wird die Besorgnis größer, daß die nationalsozialistische Be- wegung zum Einbruch des Heidentums in die Bezirke des Glaubens führt. Wieder einer In Marktsteinach bei Schweinfnrt wurde der Kapla« Richard Hehler wegen„n«korrekten politische» BerjaltenS" in SchntzKaft genommen. Todeskampf im Wasserwerk Im.„Oberelsässer Volksfreund" schildert ein bei def. Katastrophe im Wasserkraftwerk am Schwarzen See Geretteter grauenvolle Stunden: Ich war mit meinem Kollegen, dem Schweizer Furling, ollein ganz unten im„Pumpenstock", dem tiefsten Raum der Zentrale, in etwa dreißig Meter Tiefe und zwölf Meter unter dem normalen Wasserstand des Sees, während unsere übrigen Arbeitskollegen sich zwei Stockwerk« höher, im Maschinenraum befanden. Ich war gerade im Begriffe, mich vom Turbinenbetrieb zum Pumpenbetrieb zu begeben, als plötzlich ein gewaltiges Getöse erfolgte und das Gebäude erzittern ließ. Im selben Augenblick wurde der Regulierarm am Pumpenwerk abgerissen und flog in Stücke. Sofort gab ich das vorgeschriebene Notsignal zum Anhalten der Maschi- nen. Dabei vernahm ich von oben her ein ohrenbetäubende? Geräusch: Das hereinstürzende Wasser. Mein Freund und ich erkannten sofort die große Gefahr. Wir stürzten die Treppe hinauf. Bald wurden wir vom Wasser in den Ma- schinenraum geschwemmt, wo unsere Arbeitskameraden gegen das rasende Element vergeblich ankämpften. Wir ver- suchten zum Ausgang zu gelangen. Doch vergeblich, da ge» rade aus dieser Richtung der Wasserstrom hereinbrach. Mit Entsetzen sahen wir den Wasserspiegel unaufhörlich steigen. Bald erstarb die letzte Hoffnung. Als wir in Brusthöhe im Wasser standen, ging das Licht aus. Völlige Dunkelheit um- gab uns. Bald stand uns das Wasser an der Kehle und hilflos schwammen wir im Raum umher, getrieben vom hereinbrechenden Wafferstrom. Immer mehr nahten wir uns der Decke des Raumes, vor der unS graute, denn einmal hier angelangt, gab es keinen Ausweg mehr. Mit Entsetzen spürten wir diese plötzlich einige Zentimeter über unseren Köpfen und machten uns fertig für das schreckliche Ende. Das Wasser stieg bis zur Decke. Da sich zwischen den Trägern, die die Decke stützen, Luft befand, die nun auf beiden Seiten durch das bis an die Träger heranreichende Wasser dicht abgeschlossen war, blieb diese enge L u f t k a m- mer von einer Höhe von etwa S9 Zentimeter wasserfrei. Zwischen diesen beiden Trägern hielten wir unsere Köpfe noch über Wasser. Einzelne meiner Kameraden waren in diesem Augenblick bereits tot, da sie nach meiner Ansicht gleich bei dem Hereinbrechen der Sturzwellen vom Schlage getroffen wurden. Doch die Mehrzahl war in diesem schreck- lichen Augenblick noch am Leben. Einer nach dem andern sanken meine Freunde neben mir, erschöpft und vom kalten Wasser erstarrt, leblos in die Tiefe. Ueber uns hörten wir das unheimliche Geräusch der vom Weißen See hereinbrechenden Wassermassen. Dieses Geräusch wurde dann und wann vom Getöse der oben an »ns zusammenbrechenden Teile der Zentrale unterbrochen., Wie furchtbar war das verzweifelte Schreien der Kamera- den, die nach ihren Frauen und Kindern riefen. Andere ver- richteten mit erstickender Stimme ein letztes Gebet.„Hilfe! Kameraden, rettet mich! Ich gehe unter!" schrie ein Arbei- ter dicht neben mir. Sein Geschrei ging in einem kurzen Wassergurgeln unter... Das Wasser hatte ein neues Opfer verschlungen. Nach einem kräftigen Atemzug und einem zitternden „Lebt wohl, Kamerade»!", das auf immer in meinen Ohren weiterklingt, taucht« Für» ling, ein ausgezeichneter Schwimmer, unter und schwamm unter dem Wasser aufs Geratewohl nach der Rich- tung, in welcher er den Ausgang wähnte. Tatsächlich hörten wir ihn auch bald uns zurufen:„Hierher, Kamera- den! Hier ist der Ausgang!" Doch keiner wagte sofort das große Wagnis, das Fürling gelungen war, nach- zuahmen, und wir hatten noch immer Hoffnung, daß von außen her Rettung kommen könnte. In dieser schwachen Hoffnung schwammen wir noch während einer für uns un- endlich langen Zeit zwischen den beiden uns schützenden Bal- ken umher unter dem infernalen Getöse von oben und den Verzweiflungsschreien der Sterbenden. Oft war auch ich der Verzweiflung nahe. Meine übermüdeten Glieder wollten nicht mehr. Moralisch und phnsisch war ich zusammengebro- che». Nur dank zäher Willenskrast konnte ich mich über Waffer halten. In Gedanken bei all denen, die mir so lieb sind, begann ich mit unmenschlichen Anstrengungen gegen das mörderische Element anzukämpfen. Infolge der Dun- kelheit war eS mir absolut unmöglich, mich zu orientieren. Als Anhaltspunkt diente mir lediglich der Ruf eines Schick- salsgenossen, der uns mitteilte, daß er sich a u f d e m K r a n der Maschinenhalle befinde. Da sich der Ausgang in entge- gengesetzter Richtung befand, schwamm ich nach diesem Ziel. Infolge eines plötzlichen leichten Rückganges des Wasser» konnte ich unter den ersten Querbalken, ohne stark zy tau- che», durchschwimmen. Bei den drei letzten Balken mußte ich unter Wasser schwimmen. Ein Glück für mich, daß ich in der Finsternis die Richtung nicht verloren habe. So er- reichte ich den Ausgang der Zentrale. Ich war noch nicht gerettet. Immer noch drohte mir die doppelte Gefahr, infolge meiner völligen Erschöpfung unter- zugehen oder durch die mit Wucht niederprasselnden Stein- und Eisenmassen totgeschlagen zu werden, denn ständig mußt« ich mich unter dem fürchterlichen Wasserstrahl, der von der Bruchstelle her kam, bewegen. Längs der Gangwände mich an LeitungS- und Kabelröhren festhaltend, konnte ich mich bis zur Türe durcharbeiten. Ich atmete auf! Doch die Türe war verschlossen! Mit Mühe gelang es mir endlich,«in Fenster zu erreichen. Ein Sprung ins Freie, und ich war gerettet Rings um das Turbinenhaus nichts wie Wasser. In der Dunkelheit stieß ich an einen Balken, der mir mehr oder weniger als Floß diente, und mit dem ich schwimmend das Uker des Sees erreichte, wo ich völlig erschöpft anlangte. Im tiefen Schnee machte ich einige Schritte. Das Empfinden in meiner Brust, als ich wieder festen Boden unter mir hatte, kann ich nicht schildern. Kaum hatte ich mich am Ufer etwas vorwärts bewegt, als ich zwei Männer auf mich zukommen sah. nachdem ich zwei Stunden, die mir eine Ewigkeit waren, nur Sterbende und Tote gesehen hatte. Ich rief den beiden au? Leibeskräften entaeaen und von diesem Augenblick an wußte ich nichts mehr Als ich wieder erwachte, befand ich mich in einem auten warmen Bett, in einem Nebenraum der Kantine. Ich sah bekannte Gesichter, in denen Schrecken und Entsetzen zu lesen waren. Ich gab den Anwesenden Di-ektiven, wie eine Rettuna-aktion im Maschinenhaus eventuell durchgeführt werden könnte. Leider bliebe» all« Bemühung«« erfolglos. Die Beisetzung der Todesopfer von Ossegg Oben: Kameraden der ums Leben gekommenen Bergleute bei der Beisetzung. Unten: Die Särge der dreizehn geborgenen Opfer. In Ossegg wurden unter ungeheurer Beteiligung die geborgenen Leichen der bei der Explosionskatastrophe ums Leben gekommenen Bergleute betgesetzt. Die Trauerfeier galt aber nicht nur den lg Särgen, die aus den Friedhof kamen, sondern ebenso den 129 anderen Opfern, die tief unter Tag im Innern des Berges ihr Grab fanden. vie Bergleute fordern Verstaatlichung In Prag hielten die Bergarbeiterorganisationen, und zwar sowohl die deutschen wie die tschechischen, eine Sitzung ab, in der sie folgende Entschließung faßten: Zur Beruhigung der durch die Katastrophe erbit- terten Bergarbeiter Nordmestböhmens möge die Regie- rungsverordnung vom 18. Dezember 1988 über die Beschäftigung. Entlassung und Löhne der Arbeiter bis Ende 1934 verlängert werden. Bei der bevorstehenden Sanierung der Bergarbeiterversicherung mögen die rechtlichen und mate- riellcn Ansprüche der Bergarbeiter, die schon bisher un- zureichend gewesen seien, ungekürzt aufrechterhalten bleibe». Im Interesse eines ordentlichen Betriebes in den Berg- werken möge an die Verstaatlichung der.Bergwerke ge- schritten werden. Der Senatsbeschluß vom Juni 1932 über die Zwangsverwaltung der Bergwerke erfordere unter den gegebenen Umständen die sofortige Durchführung. Die wirtschaftlichen und nationalen Rechte der Angestellten seien dabei durchaus zu respektieren." Finansskandal und Politik ROdtslditslose Aufklärung „Die ehrlichen Elemente haben es satt" Paris. 11. Jan. Der Vollzugsausschuß der Radikalen Partei nahm gestern zur politischen Lage im Zusammenhang mit der Stavisky-Affäre Stellung. Nach einer Ansprache des Parteivorsitzenden Herriot, der u. a. ausführte:«Die ehr- lichen Elemente, aus denen unser Land besteht, haben es iatl. immer wieder in den ersten Spalten der Blätter von Ver- brechen, Diebstählen und Skandalen zu lesen", und nach einem Rechtfertigungsversuch des zurückgetretenen Kolonial- Ministers D a l i m i e r wurde eine Entschließung an- genommen, in der die rücksichtslose Aufklärung des letzten Skandals ohne Schonung auch noch so hochstehender Per- sönlichkeiten gefordert und angekündigt wird, daß die Partei von sich aus unerbittlich gegen alle Mitglieder vorgehen werde, die nicht mehr würdig seien, ihr anzugehören. Angeordnete und Journalisten Paris, 11. Jan. Ter Untersuchungsrichter von Banoune hat die Aufhebung der parlamentarischen Immunität de? Abgeordneten B o n n a u r e von der Radikalen Partei be- antragt. Außerdem hat er Borführungsbcfehle aegen den Direktor der„Volonte", D u b a r r y, und den früheren Direktor der„Liberie" Camille A y m a r d erlassen. Dubarry soll von StaviSky zwei Millionen Franken erhalten haben und der als Deutschensresser bekannte Aymard- mW» Kranken. Der Abgeordnete Bonnaure soll sich seine Wahl- kompagne und eine Schneiderrechnung in Höhe von 15 999 Franken durch Stavisky haben bezahlen lassen. freunde des Hodistaplers Paris, 11. Januar. Die Gegenüberstellung des ver- hasteten Direktors des Credit Municipal von Bayonnc, Ttssier, und des gleichfalls verhasteten Bürgermeisters der Stadt. Abgeordneten G a rat, die vom Unterfuchnngs- richter vorgenommen wurde, hat keine Klärung gebracht. Ttssier bleibt bei seiner Behauptung, nur aus Anweisung Garats gehandelt zu haben, der mit Stavisky unter einer Decke steckte. Beide hätten«cki auch in den Gewinn aus de» Finanzgeschästen, deren betrügerischen Charakter er nicht gekannt haben will, geteilt. Garat bestreitet die Aussage Tis- siers, muß aber zugeben, mit Stavisky eng befreundet ge- wcsen zu sein. Die Bekanntschast des Hochstaplers will er durch Vermittlung hochstehender Persönlichkeiten gemacht habe». Er weigert sich jedoch, Namen zu nennen, und läßt sich schließlich aus Drängen der dem Verhör beiwohnenden Verteidiger zu der Acußerung herbei, Stavisky habe sich urbi et orbi aerühmt, bei dem Pariser Polizeipräsekten ein- und ausgegangen zu sein? jedoch habe er beide niemals zu- lammen gesehen. Gnadengesuche als Geschäft Der belgische Horrnptlonsskandal Brüssel, 10. Januar. Ein neuer Skandal, dessen Charakter vielleicht noch ernster ist, als die Angelegenheit der Polizeibestechung, ist in der belgischen Beamtenschaft ausgedeckt worden. Diesmal ist das I u st i z m i n i st e r i u m kompromittiert. Der Mann im Mittelpunkt dieses neuen Skandals scheint ein katholischer Expriester namens Berreecke zu sein, ein früherer Ka° plan in der belgischen Armee, mit einer ziemlich dunklen Vergangenheit, der aus Frankreich in Verbindung mit dem Skandal der Frau Hanau ausgewiesen worden sein soll. Dieser Expriester, der, obwohl er die Kirche vor Jahren verlassen hat, noch immer in halbgcistlicher Gewandung her- umging, unterhielt einige sogenannte Beratungsbüros in ärmlichen Brüsseler Straßen. Seine Klienten waren aus- schließlich strafrechtlich verurteilte Männer und Frauen oder Freunde und Verwandte im Gefängnis befindlicher Perso- nen. Diesen bot Berreecke Ratschläge und Hilfe zur Er- langung der Begnadigung, der Strafumwandlung oder der bedingten Entlassung für verurteilte oder eingesperrte Misse- täter. Die Hilfe scheint sehr wirksam und der verlangten Be- lohnung entsprechend gewesen zu sein. Da» BeratungSbür» scheint nicht immer gewartet zu haben, biS sich die Kunden selbst vorstellten, sondern scheint seine Dienste den Familien verurteilter Personen oftmals angeboten zu haben. Die Behörden erfuhren von der Sache im Gefolge seit- jamer Vorfall« in der flämischen Stadt Eourtr»^ du einer der hauptsächlichsten Schauplätze der Tätigkeit Vcr- reeckes war. Dort kam die Tatsache ans Licht, daß ei» ver- urteilter Mann niemals freigelassen wurde, obwohl die zu- ständige Begnadigungskommission ihn einstimmig zur Be- gnadigung vorgeschlagen hatte. Eines Tages kam ein B»r- treter von Berrceckes Bcratungsbüro z'u der Familie des betreffenden Sträflings und versprach, seine Befreiung ge- gegen Bezahlung einer Summe von 2999 Franken zu erwir- ken. Um dieselbe Zeit wurde auch bekann«, daß ein andrer Sträfling, dessen Gnadengesuch von der Kommission cinstim- mig abgewiesen worden war, freigelassen wurde, und zwar wie eS hieß, mit Hilfe Verreeckes. Der Staatsanwalt hörte von diesen merkwürdigen Tin- gen und ließ eine Untersuchung anordnen, die die interes- sante Tatsache zutage förderte, das Berreecke und eine feiner Helferinnen oft im Büro eines Hilfsstaatsanwaltes sowie auch im Büro eines hohen Beamten des Justizministeriums gesehen worden waren, dessen Aufgabe es war, die Gnaden- gesuche, Strafumwandlungsgesuche und bedingte Entlas- sungSgesuche zu behandeln. Beide Beamte wurden ebenso wie Berreecke und einige seiner Helfer verhastet. Einer der Beamten hat bereit» gestanden, von Berreecke G e- schenke entgegengenommen zu haben. Tie Sache hat, da sie unmittelbar dem großen Polizei- bestechungsskandal folgt, in der Oefsenllichkeit große Bc- gürjnng«rügt. Erwerbslosigkeit stark gestiegen! Die gleichgeschaltete Statistik kann es nicht ganz verbergen Berlin, in. Jan. Der Arbeitsmarkt stand— wie die Rcichsanstalt s ii r A r b c i t s v c r in i t t l u n a u n d Arbeitslosenversicherung berichtet— im Dezember untxr dem Einfluß des anßeracivölinlichen Kältean- »alls in der ersten Hälfte des Monats, der sich— Tiefen- Wirkung des Frostes— in der ganzen Bcrichtszeit hemmend bemerkbar machte. Die Außenarbeiten mußten daher in er- heblichcm Umfange eingestellt iverden und eine starke Be- lastung des Arbeitsmarktes blieb unvermeidbar. 343 000 bisher beschäftigte Arbeitnehmer wurden wieder in die Betreuung der Arbeitsämter üb e r n o ni m e n. In den voihcrgehenden Jahren waren die Steigerungen im Dezember erheblich höher<1330— plus 685 000, 1931— plus 008(KM), 1932— plus 418IKK)). In Anbetracht des Umstandes, daß gegenüber dem November là rund eine Million Arbeitslose mehr iu de» Außenberusen Arbeit gefunden haben und dadurch eine höhere Gefährdung des Arbeitemarkles bestand ist die Zunahme in diesem Jahre gering. Bon dem G e s a m t zu g a n g sind rund 300 000 Angehörige d e r A u ß e n b c r u s e. Da aber gerade in den Außenberufen auch für die Folgezeit durch die Arbeits- beschasfungSmaßnahmen Arbeitsmöglichkeiten in außerordentlich starkem Umfange zur Beifügung stehen, so wird es im wesentlichen von der Witterung abhängen, wann die enttaffcnen Arbeitskräfte wieder zur Einstellung kommen. In den einzelnen LandesarbeitSamtsbezirkcn ist je nach der wirtschaftlichen Eigentümlichkeit und der Abhängigkeit von winterlichen Einflüssen die augenblickliche Verschlechte- rung des Arbeitsmarktes verschieden. Tie ist am stärksten in den Bezirken in Erscheinung getreten, in denen die Anßenberiikc überwiegen. Die industriellen Be- zirke sind dagegen von dieser Entwicklung weniger betroffen. To kann z. B. in Brandenburg, Westfalen, Rheinland, Hessen, in den mehr konjunkturell bc- einflußten Berufsgruppen eine weitere Abnahme der Arbeitslosigkeit festgestellt werden, ein Zeichen für die stark iaisi'nn'äßige Einwirkung aus den Arbeitsmarkt. Bei den Arbeitsämtern wurden Ende Dezember rund 4 058 000 gegen 8 715000 Arbeitslose Ende November gezählt. Der Zugang entfiel in erster Linie auf die ArbeitSloscnvcr- sicherung sTtand rund 554 000) und Krisensürsorge fTtand rund 1 175 000». Durch die Rcichsanstalt wurden somit ins- gesamt rund 1720 000 Hauptunterstützungsempfänger betreut neben 1 410 000 anerkannten Wohlfahrtsenverbslosen. Die Zahl der von der Rcichsanstalt geförderten Notstandsarbcitcr ist infolge des Frostes um 123 000 aus 278 000 gefallen. Personenverkehr Die Reichsbahn Güterverkehr leicht gestiegen schwächer Berlin, 10. Jan. Der Güterverkehr der Reichsbahn nahm im November 1033 gegenüber dem gleichen Monat des Bor- jahres, gemessen an der Zahl der arbcitStäglich durchschnitt- lich gestellten Wagen, um 7,6 Prozent zu. Gegenüber dem Vormonat betrug die Zunahme 3,5 Prozent. Im Tpiegel des Eisenbahngüterverkehrs betrachtet, zeigte die Wirtschafts- läge somit din günstiges Bild. Im Personenverkehr ist der November stets einer der schwächsten Monate im Jahre. Auch in 1033 ging der Rcise- verkehr gegenüber dem Bormonat weiter zurück. Tagegen cigte der Berufsverkehr eine leichte Ansivärtsbewegung. E've'Belebung brachte eine Anzahl von Veranstaltungen, von denen u. a. der Gedenktag der nationalen Revolution in München 127, der Reichshandelstag in Braunschweig l»7, das Kriegsoviertreffen in Breslau 74 und das NTBO.- Treffen in Westfalen-Tiid in Dortmund 72 Sonderzüge er- forderten. Die Betriebseinnahmen stellten sich aus 250,52 s258,28) Mil- lionen Reichsmark? sie waren somit um 27,5 Millionen Reichsmark höher als im November 1032. Die Ausgaben erforderten insgesamt 301,06(298,64t Millionen Reichsmark, so daß der November mit einer Mehrausgabe von rund 40,5 Millionen Reichsmark(40 Mill. RM.) abschließt. Der Personalbestand betrug am Ende des Bcrichtsmonats 610 461 (620 731» Köpfe. Der Minderverbranch ist in der Hauptsache aus den geringen Bedarf an Urlaubsvertretern und auf ver- einzeltes freiwillige Ausscheiden von Arbeitern zurückzu- führen. Textilbetebiins? Zuversicht für 1934 Tie„Kölnische Zeit u n g" veröffentlicht über die Aus- sichten der Tertilwirtschait einen optimistischen Bericht. Mit dem Jahreswechsel hat in der Textilindustrie ein neuer Auftrieb eingesetzt. Das Weihnachtsgeschäft war nach übereinstimmenden Aeußeiungcn aus vielen Teilen deS Reicks über Erwarten günstig und hat im Verein mit der durch die Kälte vermehrten Nachfrage nach wärmender Kleidung zu einem erheblichen Abbau der Lager- Vorräte im Handel geführt. Infolgedessen haben die Abnehmer in großen» Umfang Neubestellungen erteilt. Es kommt hinzu, daß das KonjunkturivagniS bei Textilwaren zurzeit außerordentlich stark vermindert ist: infolgedessen laufen die Käufer augenblicklich kaum Geiabr, bei Ans- tragserteilungen zum Zweck der Lageranssiillung in der nächsten Zukunft Verluste zu erleiden. Der Auftragseingang in den Fabriken ist daher durchweg gestiegen. D ie Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte hat zugenommen, in manchen der besonders begünstigten Industriezweige so- gar in erheblichem Maße, und überall regt sich neue Zu- verficht und Vertrauen in die Zukunft. Eine Erhöhung der Fertigwarenlager ist gegenwärtig eine Notwendigkeit, da die Lagerhaltung während der vergangenen Krisenjahre auf ein Mindestmaß herabgesunken war. Wenn daher die Käufer jetzt zu vermehrten Eiiidcckungcn schreiten, solange ihnen günstige Preise hierzu Anlaß bieten, so handelt es sich nicht nur um Käufe aus Tpekulationcn, sondern auch in Er- Wartung einer weitern Zunahme des Verbrauchs. ES ist außerordentlich bemerkenswert, daß trotz der langsam steigenden Umsätze die Preise für Textilsertigwaren bisher nur febr wenig oder fast gar nicht gestiegen sind. Auf dem wichtigsten Gebiet, dem der Banmwollc. hat sich der durch- schnittlichc Preisstand im Vergleich zu den Preisen zu Be- ginn deS Vorjahrs nur wenig verändert. In andern In- dnstriezwcigen, wie z. B. in der Wollindustrie, die zur Zeit Tiiic ausgesprochene Rohstosfhausse erlebt, sind Preiskorrekturen nach oben nicht«mme» zu vermeiden. Die I n v e n t u r v e r k ä u f e. die dieses Jahr in den meisten Gegenden deS Reiches nicht vor Ende Januar An- fang Februar beginnen, werden voraussichtlich ebenso wie das Weihnachtsgeschäft größere Umsätze als im Vorjahr bringen. Aus den Städten, in denen die Jnventurverkäufe bereits begonnen haben, wird ein günstiger Verlaus berichtet. Auch für die..Weißen Wochen" sind bereits umfangreiche Be- steflnngen ans Banmwoll und Lcinenwarcn erteilt worden. In der B a n m w o l l i n d u strie haben die Produktion und die Zahl der beschäftigten Arbeitskräfte in der letzten Zeit zugenommen. Die Baumwollspinnereien und -Webereien sind größtenteils für die erste Hälfte des ersten Vierteljahrs mit Aufträgen versehen. Viclkach mar auch nach ein so großer Auftragsbestand vorhanden, daß die"olle Beschg'tianiia der Fabriken aufrechterhalten und si'india neue Arbeitskräfte eingestellt werden k"v»ten. Immer lue»^.vgl sich ä' p Ys„ficht d"' ch da kl mit einer Steige- run- der G"ld>, rette kür Vanu-ivosie gerechnet werden muß, und zwar nicht erst vom Zeitpunkt der Tollarstabilisiernng Frankreich Sowjet-Rußland Paris, 10. Januar. Da? französisch-sowjei russische Handelsabkommen, das am Mittwochnachmittag im Hau- delsministerium paraphiert ivvrden ist und am Donnerstag um Ii Uhr im AußenmiNistcrium unterzeichnet wird, stellt ein Provisorium dar. Die französische Regierung gewährt mit diesem Ab- kommen allen russischen Erzeugnisien, die keine Kvnknrreii, für französische Erzeugnisse darstellen. Zollbehandlung nach dem Mindesttarif. Wenn die Ge'ahr der Konkurrenz aus tritt, soll sie durch die Anwendung von Kontingenten be hoben werden Die Sowjetunion verpflichtet sich, im Laufe eines Jahres Aufträge in Höhe von 250 Millionen Franken an Frankreich zu vergeben. Frankreich hat sich bereit- gefunden, der Sowjetunion Kredite zu gewähren hinsichtlich der Diskontierung der sich aus den Aufträgen ergebenden Wechie' Di? französische Regierung gewährt der Sowjet »nid»'->>»?> das Recht eine offizielle Handelsvertretung in Pari», unterhalten Die französische Regierung wird einen'andelSatte'' für MoSkav ern inen. Da..Wow'-)- ,.i..(tiiici..ne on Klauseln an, sondern auch infolge des zunehmenden Verbrauchs an Baumwolle, der nicht nur in Deutschland, sondern auch in aller Welt festzustellen ist. Hochwertige Baumwollwaren und -garne sind in den Preisen noch etwas gedrückt, dagegen liegen die Standartsorten, für die teilweise bereits vor einigen Monaten innerhalb der Industrie Preisverein- barungen zustande gekommen sind, besser. Es ist allerdings auch für die meisten Artikel ein steigender Absatz nötig, um die stark gedrückten Preise halten zu können. Für viele Ge- spinsle liegen die Notierungen wieder in bedenklicher Nähe der Telbstkosieiigrenze. Die Wollindustrie ivird durch die Rohstolfhausi« stark beeinflußt. Gegenüber den niedrigsten Notierungen im Sommer 1032 während des Höhepunktes der Wirtschafts- krise sind die Notierungen für Rohwolle und Kammzug zur Zeit bis um 60 Prozent gestiegen. In den Kammgarn- und Strickgarnspinnereien herrscht daher«in überaus lebhafter Betrieb. Die Unternehmen sind kür die nächsten Monate voll be- schästigt und arbeiten vielfach mit doppelten und dreifachen Schichten, ohne den dringenden Liescrnngswttnschcn der Ab- nchmer entsprechen zu können. In manchen Artikeln ist bereits eine derartige Warenknappheit eingetreten, daß die Abnehmer bei den Fabriken vorsprechen, um die Ware gleich mitnehmen zu könnchi. Auch ein Teil der Streichgarn- industrie, die jahrelang stark daniedergelegen hat, ist zurzeit lebliait beschäftigt, und zwar hauptsächlich die Be- triebe, die Behördenauiträge auszuführen haben. In der K l e i d c r st o s f- I n d u st r i e hat sich das Weihnachtsgeschäft verhältnismäßig wenig bemerkbar gemacht: es wird jetzt mit neuer Kraft gearbeitet, um Aufträge für da? Frühjahr hereinzuholen. Da die Preise für Wollgcwcbc in- folge der höher» Rohstosfnotierunaen seit Monaten nach und nach gestiegen sind, nehmen die Abnehmer wieder Neuein- dcckungen vor. Die Lcinen-Jndu strie hat zur Zeit ebenfalls ein febr gutes Geschäft zu verzeichne«. Die Spinner müssen viel- fach ibre Lieferzeiten verlängern, und manche Nummern und Qualitäten sind ausverkauft oder nun mit länger» Lieferfristen lieferbar. Im Laufe der letzten Monate ist eine Anzahl von stillgelegten Spinnereien neu in Betrieb gefetzt worden. Trotz der hierdurch vermehrten Produktion ist keine Absatzstockung z» verzeichnen. Im Geaenteil. der Be- schäftignnasgrad ist gegenwärtig so gut wie leit Jahren nicht, und es konnten viele neue Arbeiter eingestellt werden. Auch in der? e s n c n w e b e r c i ist ein sehr lebhafter Betrieb zu verzeichnen Die zgblreich vorliegenden Bebörden- au sträge baben der Industrie eine starke Anregung ver- (chaikt. Auch sü'- die„Weißen Wochen" haben die Abnehmer iimsanare'che Aufträge erteilt Trotz der gesteigerten Nachtrage nach leinen?» Erzen inillen ist die Industrie bemüht, solange wie möglich ibr? Preise zu halten. Bisher sind nur „?r>n?? B r e i S e r b 6 b n n a e n eivoetreten. da man Och d?n Wün'ch?» der N?!chsrea!eruna Rechnung tragend, in der Preispolitik starke Beschränkungen auferlegt. über die Schisfahrt. Die Frage der Schulen ist im Ab- kommen nicht berührt. Sowjetrußland kauft holländische Schiffe Amsterdam, 11. Jan. Sowietrußland setzt daS Aufkaufen stillgelegter holländischer Schiffe»ort. Neuerdings sind drei Schiffe zu 1400, 2100 und 2200 Bruttotonnen nach Rußland verkauft worden. ♦ Belgrad, 11. Jan. In Jugoslawien werden jetzt japanische Bleistifte und Fahrräder zu besonders billigen Preisen an- geboten. In Agram wurde ein Zentralvertriebsbüro für japanische Waren gegründet. Inflation oder Staatszuschuß sJnpreß): In der Zeitschrift„Hansa" äußert sich der Vor- standsvorsitzcnde der Hamburg-Amerika-Linie Obonitier über die Lage der deutschen HandelSschissahrt. Entscheidend für den Geschäftsgang bei den Schiffahrtsgefellschaften seien in öfter Linie die Währungen der Welt. Immer wieder sei die deutsche Schiffahrt Nackenschlägcn auf diesem Gebiete auS- gesetzt, denen standzuhalten ohne staatliche Rückenstärkung ans die Dauer unmöglich sein müsse. Elendseinkomineii im„dritten ReidT Durch Lohntüten nachgewiesen Die Angaben über Löhne und Abzüge, die wir nachstehend veröffentlichen, entstammen einem städtischen Betrieb« im„dritten Reich". Man beachte insbesondere die enormen Abzüge, die ein Viertel bis zur Hälfte des Lohnes konsis- zieren. Diese Lohntüten entlarven zugleich den amtlichen Schwindel, der behauptet, das Sinken der Lohnsteuer« einnahmen fei daraus zurückzuführen, daß zwei Drittel der Arbeiter und Angestellten wegen ihres geringen Einkom- mens nicht steuerpflichtig seien. Die Lohntüten zeigen, daß auch bei elenden Nettolöhnen die Steuer abgepreßt wird: 4. 11. 1033 Lohn RM. 82.- Ttcucr 1,50 Krankenkasse 1,70 Jnv.-Versicherg. 1,— Erwerbslos.-F. 1,52 «rbl.-Hilse 1,16 Beitrag 0,95 Bolks-Soz.-Hilfe 0,14 7,97 RM. 24,03 11. 11. 1933 Lohn RM. 32.—» Steuer IM Krankenkasse 1,70 Jnv.-Versicherg. 1,— Erwerbslos.-F. 1,52 Arbl.-Hilse 1,16 Beitrag 0,90 Volks-Soz.-Hilfe 0,14 7,92 RM. 24,08 18. 11. 1933 23. 11. 1933 Lohn RM. 32.- Lohn RM. 32.- Ttcuer 1,50 Krankenkasse 1,70 Jnv.-Versicherg. 1,— Erwerbslos.-F. 1,32 Arbl.-Hilfc 1,16 Beitrag 0,90 Volks-Soz.-Hilfe 0,14 Bürgerstcncr 1,50 Ehcst.-Beihilfe 5,85 Steuer Krankenkasse Jnv.-Versicherg Erwerbslos.-F. Arbl.-Hilfe Beitrag 1,50 1,70 1,- 1,52 1,16 0,90 Bolks-Soz.-Hilfe 0,14 7.92 15,27 RM. 16,73 RM. 24,08 „0. 12. 1983(zwei Tage) Lohn RM. 10,66 Steuer Krankenkasse Jnv.-Versicherg. Erwerbslos.-F. Arb.-Silie Beitrag 0.50 1,70 1,— 0,50 0,37 0,95 BolkS-Toz.-Hilfc 0,14 5,10 RM. 5,50 Nidit einmal Marmelade Selbst der Absatz von billigstem Brotaufstrich •geht zurück In der GemllseverwertungSindustrie wird nach dem Monatsbericht des Rcichsverbandes der deutschen Obst- und Gemllseverwertungsindiistrie e. B., Berlin, auch für Dezember eine P r e i s b e f e st i g u n g festgestellt. Tie Nachfrage nach O b st k o n s e r v c n hat stark» a ch g e- lassen, jedenfalls stärker als zur gleichen Zeit im Vor- jähre. Das Weihnachtsgeschäft hat keine wesentliche Belebung gebracht. Ter Absatz in Marmeladen und Pflaumenmus war im Berichtsmonat geringer als sonst. Immerhin mar daS anhaltende Frostwettcr in mancherlei Beziehung günstig, mindestens für den Pslaumenmusverbrauch. Der Absatz der Fertigprodukte in Gelee und O b st k r a u t hielt sich durchweg in normalen Grenzen, nur iu Einzelfällen machte sich bei Großverbrauchern das Bestreben bemerkbar, sich zu den allen billigen Abichlußpreisen noch aus längere Frist einzudecken. Das Geschäft in Fruchtsäften hat sich im Dezember belebt, es handelt sich dabei um eine saison- mäßige Erscheinung, da Himbeersaft, wie überhaupt Frucht- faste, für die Feierrage viel Verwendung finden. D i e Um- s ä b e im' zember 1933 sind aber hinter denen des gleichen Monats I m Jahre 1 932 z u r ü ck g e- blieben. Der Absatz von Apfelweinen ist, hervorgerufen durch die ungünstige Jahreszeit, gering gewesen. Hinzu kam der starke Frost, der den Versand unmöglich gemacht hat. Die Nachfrage nach Beerenweinen, insbesondere Heide!» beerwein in Süddeutschlanb ist lebhafter geworden, doch er- reicht sie bei weitem nicht den in früheren Jahren erzielten Umsatz. * Die„Vossische Zeitung" bringt das unter der Ueberschrist „Konservenindustrie zufrieden". Weniger Dier Bericht von Schultheiß-Patzenhofer lieber die Geschäftslage wurde im Anschluß an die HB. ausgeführt, daß der Bierabsatz in den bisher ver- strichenen vier Monaten des Geschäftsjahres hinter der Ver- gleichszahl des Vorjahres zurückgeblieben sei. Die Wirt- schaitsbelebung habe sich noch nicht im Braugewerbe nach- haltig durchsetzen können. Tie frühzeitig bereits im Tezein- der eingetretene Frostpcriode habe es zwar ermöglicht, den sehr erheblichen Eisbcdarf im Inland zu decken, doch sei andererseits dadurch ein verringerter Bierabsatz zu verzeich- neu. Wenn man im Januar keine erheblichen Frostperioden mehr bekäme, lo hoste man, die Minbernna des Dezember- ablatzes ausgleichen zu können. Man lalle sich nicht von dem gesunden Optimismus abbringen, daß bei einer befriedigen- den Lösung der V i e r st e n e r l r g g e auch ein befriedigen- des Ergebnis zu erzielen sein werde. „Christliches Geschäft" Wann ist die Bezeichnung sittenwidrig? Das Landgericht Breslau hat die Bezeichnung„Christ- liches Spezialgeschäft" einer offenen Handelsgesellschaft untersagt, in der ein Gesellschafter getaufter Sohn eines Juden war. Der Beschluß stellt fest, daß der Gesellschafter zwar evangelisch sei, gleichwohl aber nicht „arischer Rasse", da sein Vater noch„mosaischen Bekenntnisses" gewesen wäre. Auf die Rassen- zugehörigkeit, nicht aber ans das Bekenntnis komme es cnt- scheidend an. Deshalb sei die Bezeichnung„Christliches Spe- zialgejchäjt" irreführend und zugleich sittenwidrig. Einbruch der Barbarei ins Strafrecht Das Ende der„Bumanitätsdnselei" n Nach nationalsozialistischer Auffassung stand im Mittelpunkt der bisherigen Strafrechtspolitik der Verbrecher. Man sorgte sich darum, ihm nicht wehe zu tun. Man versenkte sich liebevoll in seine Seele und suchte seine Eigenart zu verstehen. Man betrachtete ihn mit mitleidigem Bedauern als ein Produkt seiner Umwelt. So sah— Herr Dr. Freisler, Staatssekretär im preußischen Justizministerium, verrät es uns— die deutsche Strafrechtspolitik aus. Die Abschaffung des Schutzes des keimenden Lebens wurde zum Programmpunkt jener das„destruktive" System stützenden Parteien erhoben, und Versammlungen, die sich mit dem§ 217 befaßten, standen„unter dem Schutze von Dirnen und Zuhälterbanden". Die neuen Machthaber haben also weidlich nachsinnen müssen, da weder das alte Strafrecht noch der Strafgesetzentwurf, wie Herr Kerrl höchst persönlich ausführt, zur Grundlage des neuen Strafrechts gemacht werden konnten. So ist denn das, was als„Nationalsozialistisches Strafrecht"(R. v. Deckers Verlag— G. Schenck-Berlin) in einer Denkschrift der Oeffentlichkeit unterbreitet wurde, ein krampfhafter Versuch, die nationalsozialistischen Doktrinen auch im Strafrecht zum Ausdruck kommen zu lassen. Da dieser Entwurf von einer Reihe von Juristen gemacht wurde— unter ihnen finden wir den Senatspräsidenten Professor Dr. Klee, im übrigen aber meist unbedeutende Gerichtsassessoren, Staatsanwälte und Oberstaatsanwälte—, ist er immerhin ein Stück Facharbeit und der ernsten Betrachtung wert. 3roei wesentliche Gesichtspunkte kommen zum Ausdruck. Einmal die Militarisierung des Straf- rechts und ferner der Wunsch, jenen Normaltrip oesDeutschenzu schaffen, von dein der deutsche Staatsanwalt träumte, wenn er, wie im Falle George- Groß, die Frage stellte: wie wirkt das Bild auf den »normal" empfindenden Bürger. Als ein drittes.Kenn- Zeichen des Entwurfs wird die Barbarifierung des Straf- Vollzugs und die Wiedereinführung der Todes strafe, die jetzt bereits in Teutschland in einem Ausmaß an- gewandt wird, wie das seit siebzig Iahren in Teutschland nicht der Fall war, Erwähnung finden. An erster Stelle der Gesetzesreform steht der Schutz der Staatsordnung. Für den„Landesverrat" wird nicht nur als Höchststrafe 15 Jahre Zuchthaus, son- dern in besonders schweren Fällen Todesstrafe vorgesehen. Ein neuer Begriff ist„Landesverrat durch Greuelhetze", wonach verurteilt werden kann, wer «vorsätzlich eine unwahre oder gröblich entstellte Behaup- tung tatsächlicher Art aufstellt oder verbreitet, um dem Wohl des Reiches oder eines Landes durch Herabwürdi» gung ihres Ansehens im Auslande zu schaden". Aber man geht im„Staatsschatz" noch weiter. Kein Erfinder darf heute seine Erfindung im Ausland anbieten, wenn er sie nicht vorher den deutschen Behörden zur Heber- nahine angeboten hat. Eine solche Tat ist bereits Landes- verrat. Einen neuen Hochverratsbegriff haben die Nationalsozialisten übrigens aus ihren Erfahrungen ge- schaffen. Während das bisherige Strafrecht nur den ver- suchten Hochverrat kannte— den vollendeten Hochverrat zu praktizieren blieb den Nationalsozialisten vorbehalten —, schafft der neue Entwurf den strengen, aber unklaren Begriff des„schweren Hochverrats". Der„schwere Hoch- verrat" wird gekennzeichnet durch die Anwendung ge- waltsamer Mittel, aber auch schon durch die unmittelbare Richtung eines Angriffs auf die Staatsordnung und den Staatsraum. Derartige Vergehen werden zukünftig mit dem Tode bestraft! Ein Hochverräter, ein schwerer oder auch ein leichter, muß nach dem Entwurf immer sein Staatsbürgerrecht verlieren, und, so grotesk es klingen mag. für den Fall des„schweren Landesverrats" ist auch die Aechtung durch Reichs- Verweisung vorgesehen. Daß man jeden Streik als eine hochverräterische Handlung ansieht und sich ausdrücklich auf die bereits schon erlassenen Verordnungen vom 2ö. Februar beruft, sei nur nebenbei erwähnt. Die MilitarisierungdesStrafrechts zeigen die Vorschläge der Bestrafung wegen„Beschimpfung des Reiches",„Staatsverleumdung", Herabwürdigung der »Weihegesänge" sHorst-Wessel-Lied) und Verletzung der Hoheitszeichen, woraus deutlich hervorgeht, daß man eine Uniformierung im Denken und Handeln der Untertanen wünscht. Unter diese Kategorie fallen auch die schweren Strafandrohungen— die im übrigen in das freie Er- wessen des Nichters gegeben sind— für Angriffe gegen die nationalsozialistische Volksbewegung. Angriffe auf Leib und Leben höchster Staatsorgane usw. Dagegen nimmt man es mit dem Schutz der Wahlen und der Abstimmung nicht so genau, da in dem jetzigen Führerstaat, wir wollen es festhalten, solche »Wahlen und Abstimmungen nicht die ausschlaggebende Bedeutung, die ihnen bisher beizumessen war", haben. Tie Wehrmacht ist besonders geschützt. Ihre Ein- richtungen dürfen nicht verächtlich gemacht werden, und wenn eine solche Verächtlichmachung im Kriege oder bei drohender Kriegsgefahr erfolgt, wird der Täter als Hoch- verräter bestraft! Tie Nationalsozialisten, die vor nicht gar zu langer Zeit erklärten, daß sie keiner drakonischen Strafen be- dürften, um Ordnung zu schaffen, müssen ein sehr schlech- tes Gewissen haben. Sie wollen sogar denjenigen be- strafen, der, wie sie es ausdrücken,„böswillige Be- n n r u h i g u n g" in der Bevölkerung hervorruft. Das heißt also: Leute, die Gerüchte kolportieren, kommen ins Gefängnis. Ist man diesen Missetätern gegenüber sehr hart, so wird die Mensur sozusagen heilig gesprochen und steht nur bei tödlichem Ausgang unter Strafe. * Ein ganz neues Kapitel ist dem Entwurf eingefügt worden, das sich mit dem„Schutz von Rasse und B o l k s t u m" beschäftigt. Alan stellt einleitend fest, daß es sich bei den Juden nicht um eine Rasse, sondern um „Angehörige fremder Blutsgemeinschaften" handelt,„weil die Juden keine Rasse, sondern ein großes Rassengemisch darstellen, das aber durch die jahrhundertelange Inzucht zur Blutsgemeinschaft geworden ist". Als„Rasse- verrat" wird im Sinne der Wehrhaftigkeit bestraft, wer sich mft einem Fremdrassigen vermischt. Beide Teile sind strafbar. Tie farbigen Rassen sind verfemt, und wer sich öffentlich mit Angehörigen fremder Rassen zeigt, macht sich bereits der„Verletzung der Rassenehre" schuldig. „Rassengefährdung"(auch das ist ein strafbares Delikt) begeht, wer es unternimmt, gegen die sonstigen zur îfein- erhaltung und Veredelung der deutschen Blutsgemein- schaft ergangenen gesetzlichen Vorschriften zu verstoßen oder den AusKlärungen über dieses Gebiet böswillig ent- gegenzuwirken. * Interessant ist, daß die nationalsozialistische Staats- führung die Grabschändungen unter hohe Strafe stellt, obwohl durch ihre Angehörigen, nach einer be- kannten Denkschrift des Zentralvereins deutscher Staats- bürger jüdischen Glaubens mehr als dreihundert solcher Grabschändungen unternommen wurden. Gegen die„Zersetzung der moralischen Volkskraft" werden gleichfalls strenge Strafen vor- geschlagen. Niemand darf den„Willen zur wehrhaften Selbstbehauptung des deutschen Volkes" lähmen oder zersetzen. Niemand darf daher den„natürlichen Willen des deutschen Volkes zur Fruchtbarkeit" unterbinden. Ueberhaupt ist man im Lande des Herrn Röhm außer- ordentlich sittlich. Der§ 175 soll übernommen werden. Selbstverständlich auch der§ 218 in verschärfter Form. Frauen- und Kinderhandel wird neu als Delikt gekenn- zeichnet. Unter das Kapitel Sittlichkeit hat man auch den Tierschutz eingereiht, dem man ganz besondere Aus- merksamkeit schenkt. „Volksehre und Volksfrieden" gilt es zu schützen. Neue Strafdelikte wie„Volksverleumdung". „Volksoerhetzung". bei denen man auf Entziehung des Staatsbürgerrechtes erkennen kann, werden vorgesehen. Wehe dem, der die geschichtlichen Leistungen des deutschen Volkes anders beurteilt als die gegenwärtige Regierung! Das Volksgut soll behütet werden. Die nationale Ar- beitskraft darf nicht geschwächt werden, mit anderen Worten: Streikverbot. Ter„wirtschaftliche Landes- verrat" ist neu eingeführt worden, denn es gilt in Deutsch- land aufzurüsten. Begriffe wie„Gefährdung von Be- triebs- und Verkehrssicherheit" oder„Gefährdung des Vertrauens in die deutsche Wirtschast" zeigen, wohin das neue Strafrecht gebracht werden soll. Den Begriff des„N o r m a l b ü r g e r s" erläutert der Abschnitt über den„Schutz der Familie" am besten. Man höre, wie man sich diesen Typ denkt:„Tie Ehe, die ehe- liche Mutterschaft und das Verlöbnis sind unantastbare Grundlagen von Volk und Staat. Wer sie in Wort oder Schrift niederzieht oder schmäht, ist zu bestrafen." Ter Ehetreubruch kommt unter Strafe, jedoch nur auf An- trag des verletzten Ehegatten. Zu bestrafen ist, wer sich oder anderen die Fähigkeit, gesunde Kinder zu erzeugen oder zur Welt zu bringen, dauernd zerstört. In den allgemeinen Vorschriften, die dem Entwurf nachgestellt sind, während sie früher immer dem Straf- gesetzentwnrf vorangingen, ist der Grundsatz aufgeseilt, daß auch eine Strafe ohne Gesetz möglich ist.„Ist aber eine nicht ausdrüdtlich für strafbar erklärte Hand- lung nach gesunder Volksanschauung sittlich verwerflich und wird eine Bestrafung von dem einem bestimmten Strafgesetz zugrunde liegenden Rechtsgedanken gefordert, so hat der Richter für die Tat eine Strafe innerhalb des Rahmens des entsprechend angewendeten Strafgesetzes festzusetzen." Neu eingeführt wird auch der an die germanische Sippenhaftung erinnernde„Begriff der Strafbarkeit der Unterlassung" bei sittlicher Pflicht zum Handeln. Der Begriff„Versuch" wird ersetzt durch den Begriff„U n t e r- n e h m e n", wobei praktisch herauskommt, daß der Ver- such gleich der vollendeten Tat bestraft wird. Das Not- wehrrecht wird für Minderwertige eingeschränkt, denn es heißt, daß die Verteidigung rechtswidrig ist. die nach ge- sunder Volksanschauung einen erheblichen Mißbrauch des Notwehrrechtes darstellt. Also wehe dem, der einen SA.- Mann, der einen Andersdenkenden quält, abzuwehren wagt! Der Entwurf schließt mit dem Kapitel„Strafen und andere Maßnahmen", in dem mit der„Humanitäts- duselei" außer bei Unzurechnungsfähigen gebrochen wird. Der Verbrecher muß die ganze Schwere des Gesetzes zu spüren bekommen. Darum Wiedereinführung der Todes- strafe, bfc immer durch Enthauptung zu vollziehen ist, es sei denn, daß eine besondere Regierungsanordnung die Vollstreckung durch Erhängen bestimmt. Die körperliche Züchtigung wird als Zusatzstrafe eingeführt. Begründet wird diese Barbarei damit, daß die Züchtigung stark ab- schreckende Wirkung habe und eine besonders eindring- liche Sühne sei. Sie gibt die Möglichkeit, langfristige Freiheitsstrafen durch verschärfte kürzere Strafen zu er- setzen. Fastentage werden ebenfalls bei kürzeren Frei- heitsstrafen als Zusatzstrafen vorgeschlagen. Dem Richter ist ein weit stärkeres freies Ermessen gegeben, als er bis- her jemals hatte. Es kommt den neuen Herren in Deutsch- land nicht darauf an, durch die Strafe zu bessern, son- dem, wie ehedem, den Rechtsbrecher physisch und psychisch zu vernichten. In dem neuen Entwurf feiert die Barbarei herrliche Urständ. „Die Hirdic hat zu retten!" Dokumente zum Proie st antentrieg gibt die soeben erschienene neue Nummer der Zeitschrist„Die kommende Gemeinde". Die Dokumente beginnen mit de, Erklärung des Evangelischen Kirchenausschusjes zur Reichstagswahl im März und schließen mit dem Rücktritt des Lirchenministeriums. Die Auswahl ist nicht sehr objektiv, das Blatt steht zwar den„Deutschen Christen" nahe, ist aber kritisch und gleichzeitig nazisch. Von den bisher nicht oder nur wenig bekannten Dokumenten wollen wir einiges zitieren. To erschienen im Juni lONK Zwölf„Thesen der In ngretor motorisch en Be- weg„n g", deren siebte lautet:„Wir bekennen uns zu dem Glaube» an den Heiligen Geist und lehnen deshalb grund- whlich die Ausschließung von Nichtariern ans der Kirche ab, oenn sie beruht aus einer Verwechslung von Staat und Gliche. Der Staat h a t zu richten, die Kirche Hai i u rette n." * 5as Blatt bringt dann die„Erklärung der Opposition a»l der Preußischen Generallnnodr", in der festgestellt wirb, »aß die Majorität„ohne die dringend erforderliche kirchlich- Geologische Besinnung und ohne klärende und vorbereitende Aussprache" handelt. Weiters:„daß der rücksichtslose Ge- swauch der Macht über Gestakt und Wesen" der Kirche ent- 'Meiden lost. AiiS dem Gutachten der Marburger Theolo- buchen Fakultät werben l» seilen gebracht. Hingegen ist s'ue Zusammenstellung von Aussprüchen„Deutscher Ehrl- "en" sehr dnnkensivert:„Kirchenrat Leutheußer im Dieven Volk": Christus ist zu uns gekommen durch Adolf Atter..." Landesbischof Bene. Braunschweig:„Es gibt An Walhall für die Toten des 3. Reiches, und gäbe es daS nicht,' dann hätte das Sterben in den Ijafiren deS Kampfes keinen Sinn." Der anhaltische Landes« ''kchenrat bai angeordnet,„daß auS der Landeskirche Ausgetretene bis 81. Dezember zurückkehren sollen, sonst für alle -Jen von der Kirche getrennt bleiben und jeder viarramiliche Awnst an ihnen disziplinarisch geahndet wird. Aeltere unge- .?ufte Kinder müflen bis Ostern getauft, ungetraute Paare 0,8»um gleichen Termin getraut sein: im Unterlastungsfall hat der Gemeindekirchenrat über den Ausschluß aus der Kirche zu beraten. Nur bei tristigen Gründen ist Trauung solcher Paare zu späterem Termin gestaltet. Nicht konfir- mierte'ältere Personen haben zehnstündigen Vorbereitung?» dienst durchzumachen. Nichtkonsirmierten sind alle kirchlichen Rechte zu versagen." • Ende September verfügte der Magistrat von Schmal- k a l d e n:„Das städtische Wohlfahrtsamt ordnet hiermit an, daß alle Unterstützungsempfänger an dem festgelegten Gottesdienst sanläßlich des Erntedankfestes) in der Stadt- kirche teilnehmen. An diesem Tage soll der einzelne Mensch gezwungen werden, darüber nachzudenken, wer Speise und Trank täglich für alle Menschen schafft. Nur dann wirb ein Volk ivieder zum Ausstieg kommen, wenn die Religio» und der Glaube an Gott hochgehalten wird. Es werden Kontrollen stattfinden, ob alle Unterstützungsempfänger der Stadt wirk- lich erscheinen." Diesen Proben neuen Christentum? folgt deS Vize-OsasS Erlaß gegen die„Deutschen C h r i st e n", die Ent- schließung der„Deutschen Christen" im Sportpalast, die Er- Harting Müllers gegen die Sportpalastleute und eine Er- klärung des P'arrer-Rotbundes, dem 8000 Pfarrer angeschlossen sind. Ter vierte Punkt ist gegen den Arier-Para- graphe».„Der Psarrer-Rotbund steht unter der Führung eines früheren U Boot-Kommandanten, des Pfarrers Nie- möller in Berlin-Dahlem." Ein pommerscher Pfarrer las seiner Gemeinde am 1». November eine Erklärung gegen Reichöbischose und Landesbischöfe vor, in der u. a. den Gleichgeschalteten vorgeworfen wird,„daß sie Kirchengesetze erlassen haben, die dem Sinn und G e i st des Evan- g e l s u m s von Jesus C k r i st u s w i d e r st r e i t e n, daß fie Gewalttat in der Kirche getan und geduldet haben, daß sie in Predigten und Schriften und Reden öffentlich Irrlehre verkündet haben, daß sie endlich die alleinige Regel und Richtschnur unseres Glaubens, die Heilige Schrift alten und neuen Testamentes öffentlich gelästert und geschändet haben." Dem Abdruck diese? Dokuments folgt die Wiedergabe der bekannten Forderungen de? Siolbunde». Schließlich heißt es:„Eine von der Kirchenregiernng beab- sichtigte Auflösung der Deutschen Christen und de? Piarrer- NotbundeS sIungreformatorischeni ist nicht erfolgt, so da» wir aus eine zweite Phase der innerkirchlichen Ans- einandersetzung gefaßt sein dürfen." ver Hirdienkrieg 206 Pfarrer in der Provinz Sachsen 206 Pfarrer haben an den Bischof von Magdeburg und Merseburg, Dr. Peter, eine von ihnen unterzeichnete Ent- schließung übermittelt, sn der ihm daS Vertrauen abgesprochen wird. In der Entschließung heißt es, daß der Bischof «der Exponent jener Gruppe ist, die durch Gewalt und Ter- ror die Macht in der Kirche an sich gerissen hat" und daß er „im Kamps um die GlaubenSbewegung der Deutschen Clin- sten an der Spitze derjenigen stand, die das Vertrauen der unterzeichneten Pastoren nicht haben". Die Opposition for- dert den Bischof auf. sein Ami niederzulegen. 140 Pfarrer Schleswig-Holstein« 140 Pastoren haben den Bischof von EchleSwig-Holstein aufgefordert, seinen Rücktritt zu erklären, da er das Ver- trauen der Gläubigen nicht besitze. Protest in Lachsen In Sachse» bildet sich neuerdings innerhalb oer evange- tischen Kirche ebenfalls eine ernsthaste Opposition. Der Bischof der Deutschen Christen, Loch, legte in der sächsischen Tonode ein neues Glaubensbekenntnis von 28 Artikeln vor, das durch die Tonode, die in der Mehrzahl ans Nazis zn- sammengesetzt ist, angenommen wurde. Nunmehr hat eine größere Anzahl von Pastoren, unter Führung des Dresdner Pfarrers Ranps, erklärt, daß sie den neuen 28 Artikeln Widerstand leisten und verwerfen werde, weil ihr Inhalt mit der Doktrin der evangelischen Kirche nicht übereinstimme. 3>eutsdke Stimmen•'Beilage zur„SPeutsefken Freiheit"• Ereignisse und Qcsdfkitfkten Freitag, den 12. Januar 1934. Dec Weg zurück *Aus dem Jionzenttationslaget i$ t die 9Ceimat Ein Brief Zahlen, litte! Uns wird folgender Brief tum Abdruck zur Verfügung gestellt. Geschrieben hot ihn ein Mann, der nach monatelanger Haft im Konzentrationslager um die Weihnachtszeit entlassen wurde. Er hatte nichts getan— aber die einfache Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie ist schon eine Tat, die die Rache des Faschismus herausfordert. Mühselig unterdrückt der Autor im Uebersdiwang der Wiedersehensfreude alle Furchtbarkeiten dieser sechs Monate. Aber gerade darum ist dieser Brief ein menschliches Dokument. Ein Zeugnis für die menschlichen Unterschiede zwischen Quälern und Gequälten.... Liebe Grete! Vielen herzlichen Dank für Deine liehen Zeilen, die am heute am Neujahrsmorgen erfreuten. War das ein achöner Gruß! Ihr könnt Euch wohl denken, daß ich von all dem, was ich erlitten, noch ganz krank bin. All die Dinge könnt Ihr Lieben ja nur ahnen. Ach, wir glaubten alle an Weihnacht«- abend noch gar nicht, daß ich mit den Kindern und Elae am Licbterbaum aaß und die Freude an all dem, was Trude mit viel Liebe für aie zurechtgemacht hatte, erleben sollte. In mir und Elae lebte der Schrecken der angstvollen Tage und all dessen, was mir widerfahren. Und doch, es war ein großes Glück zu nennen, daß ich wieder bei meinen Lieben sein konnte. Ich hätte ja lieber an dem Tage sterben mögen, als ich meine geliebten Heimatberge aus so traurigem Anlaß wieder entdeckte. In den schlimmsten Stunden, die ich durchlebte, kam mir oft in der Verzweiflung der Gedanke, aller irdischen Qual ein Ende zu bereiten. Aber dann standen mir meine beiden lieben Kinder, Else und ihr Leben vor Augen, alle die liehen Menschen, an denen man hängt. Das alles zu Papier zu bringen, ist gar nicht möglich. Hoffentlich sehen wir uns einmal gesund wieder, dann können wir darüber sprechen. Alles ist mir wie ein furchtbarer Traum. Mir sittern die Füße, als ich am Tage vor dem Weihnachtsabend spät abends wieder vor unserer Wohnung stand. Wer kann so ein unerwartetes Wiedersehen jemals empfinden? War ich ein Geist, war ich Wirklichkeit, was da als ein armes Häuflein Mensch in der Winterkälte bei seinen Lieben an die Tür klopfte? Mit kurzgeschorenen Haaren, so erkältet, daß ich kaum sprechen konnte, noch in den Sachen, wie ich fortging, so stand ich da wie ein Bettler mit freudig erregtem Herzen, überwältigt vom Gefühl des Geborgenseins, mit Tränen in den Augen vor Else. Mein erster Gang war in die Kammer zu den Kindern, die mich freudig küßten. Was hat man nicht schon alles durchlebt! Die Schrecknisse des Weltkrieges, die Gefahr des Todes, in der ich so oft gestanden und der ich so oft entronnen, sie verblassen vor dem, was hinter mir liegt. Weil ich körperlich so elend war, brachte mir gestern eine Nachbarin, deren Eltern in der Nähe eine Wirtschaft besitzen, ein Huhn zur Stärkung. Die Menschenliebe ist doch das größte Zeugnis guten menschlichen Geistes in der Welt... Die(Hexenküchevon Spandau tBeitteäqe eue Hsqchotoqie des 9tUleewählees Europa staunt über den seltsamen Geisteszustand, dem das„V olk der Lichter und Denker" verfallen konnte. Man kann nicht begreifen, wie es zu all dem Aberwitz: Bücherverbrennung, Schandpfahl, Rassenwahn, Christusaufnordung, wissenschaftlicher Charlatanerie auf allen Wissensgebieten kommen konnte. Man wundert sich, wie ein 60-Millionen-Volk so ohne Widerstand den hohlsten Phrasen gerissener politischer Freibeuter erliegen konnte. Wenige Jahre systematischer Verdummung haben genügt, um aus der Bevölkerung eines Landes, das sich einer Philosophie der reinen Vernunft und einer „Stadt der Intelligenz" rühmen konnte, das zu machen, was zu ersehen ist aus einem(wortwörtlich wiedergegebenen) Bericht einer Berliner Zeitung, des„Westens". Ein Zeitdokument der Dumm und Abergläubigkeit, der im 20. Jahrhundert ein Volk verfallen ist, das durch tausend Mittel der Propaganda Tag um Tag völkischen Aberwitz— Dämonen im Sowjetkeller und dergleichen— eingetrichtert bekommt. Mehr als ein Zeitdokument: eine Psychologie des Hitlerwählers. * „Geisterwelt wird gegen einen Untermieter mobilisiert. Der Spaodauer Laternenanzünder M, so schreibt die „Berlin W.-Zeitung", hätte allen Grund gehabt, mit seinem Schicksal zufrieden zu sein, wenn ihm sein Untermieter nicht das Leben aguer gemacht hätte. Dieser Mieter war von einer geradezu rührenden Anhänglichkeit. Er wollte um keinen Preis ans der Wohnung ziehen; weder Prozesse noch gütliche« Zureden vermochten ihn aus den liebgewordenen Räumen herauszubringen. Nachdem alle irdischen Mittel versagt hatten, ging dem Laternenanzünder ein neues Licht auf und er beschloß, die Geisterwelt gegen den starrköpfigen Untermieter zu mobilisieren. Seit langem hatte er von den glänzenden Beziehungen einer Spandauer Dame, Fran von J„ zu dem Geisterreich gehört. Also wurde Frau von J. zu Hilfe gerufen. Nachdem sie einen gründlichen Lokalaugenschein vorgenommen hatte, befahl Frau von J, Salz und Mehl auf den Boden au streuen und gut durcheinander zu rühren Und siehe da! Das Mittel wirkte. Ob die Geister wirklich zu nächtlicher Stunde dem Untermieter den Schlaf von den Lidern scheuchten oder ob ihm die breiige Pfütze auf dem Fußboden nicht behagte. bleibe dahingestellt. Jedenfalls verschwand er nach drei Tagen aus der Wohnung und damit war auch Frau v. J's Ruf als Zauberin bei dem Ehepaar felsenfest begründet. • „Drei Tropfen Menscfaenblut: macht 9 Mark." Herr M. war daher eines Tages nicht wenig bestürzt, als Frau von J. ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteilte, daß seine Gattin es mit der ehelichen Treue nicht genau nehme. Dieselbe Eröffnung machte die Magierin der Ehefrau, und damit beide nicht auf den Gedanken kämen, durch eine gegenseitige Aussprache den Schwindel zu verderben, wurde derjenige, der das Geheimnis verraten sollte, mit Tod und Verdammnis bedroht. Inzwischen ging Frau von J. energisch daran, dir angeblich aus den Fugen geratene eheliche Harmonie wieder zusammenzuleimen. Zuerst bekam der Ehemann die Weisung, seiner Frau eine Zrise Alaun unter das Kopfkissen zu legen. Um es besonders gut zu machen, legte M. seiner Gattin gleich eine ganze Tüte unter das Kissen. Aber nun wurde Frau M. erst recht wütend, weil sie dachte, ihr Mann wolle ihr einen Schabernack spielen. Bei Frau M. mußte ein anderes Mittel herhalten. Um dem Casanova von Laternenanzünder seine Untreue abzugewöhnen, wurden drei Tropfen Men- sehenblut benötigt. Frau von J. beschaffte es von einer freundlichen Nachbarin und präsentierte es nebst der Rechnung:„Drei Tropfen Menschenblut macht zusammen 9 Mark." Und Frau M. bezahlte anstandslos... » Die Dämonen im Sowjetkeller. Ein anderes Mal mußte Frau M 69,85 Mk. dafür bezahlen, daß die Zauberin sich in den Keller der Sowjetbotschaft warte, wo sie finstere Gestalten mit drohend gezückten Dolchen hypnotisierte. Angeblich hatte der brave Laternenanzünder einen Vertrag mit Rußland, von dem er qnbedingt befreit werden mußte... Als die Zauberin bei einer anderen Gelegenheit entdeckte, daß 40 Flaschen Wein, die Frau M. besaß, vergiftet seien, nahm sie die Flaschen aus purer Fürsorglichkeit an sich. Um 300 Mark wurde das Ehepaar auf diese Weise erleichtert, bis M. eines Tages seinen Glauben an die Geisterwelt verlor und die Zauberin derartig vermöbelte, daß er zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt wurde." Die Dämonen im Sowjetkeller, drei Tropfen Menschenblut, die adelige Zauberschwindlerin, das an den Hokuspokus glaubende Ehepaar— die Edelrasse der Hitlerwähler. !Badeu:!Badenec'' kauft schöne Diamanten, Perlen, Silber, Gold VERKAUF! Paris, 43, rue Lafavette. Expertise Hund Hatte gleich nach Entstehen des Brandes Alarm ge- schlagen, war aber nicht gehört worden. Als das Feuer immer weiter drang, Teile des Gebälks bereits vom Dach fielen, die Bewohner aber immer noch schliefen, sprang der Hund schließlich durch das Flammenmeer in das Haus und , in die Schlafräume. Aus höchster Lebensgefahr konnten sich dix Hausbewohner noch im letzten Augenblick reiten. Der Hund dagegen wurde von herabstürzendem brennendem Ge- bälk begraben und verbrannte. vas„Ungeheuer" Vierzehiges Großtier Die Leiter des Zoologischen Gartens des Britischen Museums haben ihren Bericht über das Ergebnis ihrer ge- nauen Untersuchungen der Fußspuren, die von dem Forscher W e t h e r e I l am Ufer des Loch Netz entdeckt wurden, der Oeffentlichßeit übergeben. Dieser Bericht, der von Dr. E a l m a n und von dem stellvertretenden Direktor Mr. H i n t o n gezeichnet ist, läßt das Rätsel um den Be- . wohner des schottischen Bergsees in einem noch geheimnis- volleren Licht erscheinen. Das Gutachten hat nachstehen- den Wortlaut: In gemeinsamer Arbeit mit mehreren Mitgliedern des wistenschastlülien und technischen Personals der zoologischen Abteilung haben wir die von Wetherell gefundenen und in Gips gegossenen Fußspuren einer eingehenden und genauen Untersuchung unterzogen. Tie Abdrücke st a m m e n z wè t f e l l o S von einem vier- z e h i g e n G r v ß t i e r. Es ist uns nicht möglich gewesen,, irgendeinen wesentlichen Unterschied zwischen diesen-tust- spuren und. den Fußabdrücken eines Flußpferdes fest- . zustellen. Dieser Vergleich ist uns durch die Liebenswürdig- keil des Direktors des Zoologischen Gartens ermöglicht worden, der uns kür unsere Versuchszwecke ein iveib- liches Flußpferd aus dem Tierbestand des GartenS zur Ver- fllgung stellte. Das Positiv des Gipsabdrucks der ge- fundenen Spur und der Abdruck des lebenden Wasserbick- häuters aus dem Zoo weisen sowohl dem Umfang wie der allgemeinen Struktur nach eine verblüffende A e h n l i ch k e i t auf. Der einzige Unterschied ist der, daß der Abdruck der Flußpferdsohle in ihren mittleren Partien kräftiger erscheint. Es folgen dix LàMrifte». Ist der Krieg so nahe? Dortmund wird verdunkelt— Gesteigerte Luffschulzühung Wie Im Ernstfall Vom Polizeipräsidium Dortmund wird uns geschrieben: Der Luftschutzgedanke hat heute bereits große Teile des deutschen Volkes erfaßt. Jedem Deutschen mutz es allmählich klar geworden sein, datz man angesichts derRüstungenderanderennichtdieHände in den Schotz legen und auf eine Zufalls- Hilfe rechnen darf, sondern datz man die Lage mit dem nüchternen Verstände betrachten und wenigstens das auswerten mutz, was uns als passiver Luftschutz erlaubt ist. Jeder Deutsche mutz wissen, wie er sich bei Luftgefahr, sei es am Tage oder zur Nachtzeit, zu ver- halten hat. Um ein„luftschutzmätziges" Verhalten bei der Bevölkerung zu fördern, muffen Luftschutzübungen bei Tage oder Verdunkelungsübungen hei Nacht durch die hierzu berufenen Stellen abgehalten werden. Eine solche Verdunkelungsübung hat der Polizeipräsi- dent von Dortmund i n d e r N a ch t v o m 2 3. 3 u m 2 4. Januar angesetzt. Damit die Bevölkerung in die Lage versetzt wird, rechtzeitig alle Vorkehrungen für die Ver- dunkelung treffen zu können, wird der Verlauf der Uebung nachstehend bekanntgegeben. Schon heute wird auf die demnächst erscheinenden Bekannt m achun- gen des Polizeipräsidenten hingewiesen, deren genaueste Befolgung der Bevölkerung im eigensten Inter- esse zur Pflicht gemacht wird. Verlauf der Gehung: 1. Die Uebung beginnt um 18 Uhr mit der Einschränkung der öffentlichen Beleuchtung auf ein Mindestmaß, Fortfall aller Lichtreklame und Schausensterbelcuchtung, Abblendung aller Raumbeleuchtung in Wohn-, Waren-, Bürohänsern, Gaststätten, Werkstätten, Industriebetrieben, Krankenhäusern usw. Verkehrsmittel(Straßenbahnen, Kraftfahrzeuge usw.) haben ihre Geschwindigkeit auf das geringste Maß herabzu- festen. In der Zeit von 18-2 Uhr haben alle Verkehrsmittel abgeblendet zu fahren(nur Standlicht erlaubtt. Die Benutzung von Scheinwerfern hat zu unterbleiben. Die In- nenbeleuchtung von Verkehrsmittel darf nicht nach außen dringen. 2. Von 2—2.13.Uhr findet die T o i a l v erdunke.lung statt. Während dieser Zeit ist die gesamte öffentliche Be- lcuchtung einschließlich, aller Beleuchtung vpn Privatwegen und die Hofbeleuchtung v o l l k o m m e n z u lösch en. Das gleiche gilt für Reichsbahn-, Privatbahn-, Kleinbahn-, In- bustrie- und Zechcnanlagen. Während dieser Zeit ruht jeder Verkehr, Straßen- bahnen haben zu halten und die Beleuchtung zu löschen. Nicht an Schienen gebundene Fahrzeuge haben scharf rechts h e r an z u fa h r e n, zu halte» und die gesamte Beleuchtung zu löschen. 3. Für die Zeit von 2.13—3.00 Uhr gelten die unter 1) auf- geführten Maßnahmen. 4. Ab 8.00 Uhr kann wieder normal beleuchtet werden. * l' Um eine reibungslose Durchführung zu gewährleisten, beachte jeder Einwohner folgende Punkte: 1. Sorgt für Abblendung in Euren Wohnungen und Be- trieben. Kein Lichtschein darf aus den Räumen nach außen dringen. 2. Meidet während der Uebung die Straße, soweit es die Ausübung Eurer Berufspflicht gestattet. Bei einer Ver- dunkelung gibt es auf der Straße nichts zu sehen. Haltet insbesondere die Kinder der Straße fern. Fußgänger und Fahrzeugführer benutzen die Straße auf eigene Gefahr Find Verantwortung, ohne die Möglichkeit auf spätere Schaden- ersatzansprüche zu haben. 3. Wenn auch in allen Stadtteilen besondere Streifen (Polizei und TA.» eingesetzt werden, die die Bevölkerung vor lichtscheuem Gesindel schützen, so trefft doch alle Vorkehrungen zur Sicherung Eures Eigentums. 1. Fahrzeugführer, übt während der Uebung V c r ke h r S- d i s z i p l i n. Haltet Euch an die gegebenen Anordnungen, und Ihr bewahrt Euch und andere vor Schaden. 5. Jeder wahre strengste Disziplin und leiste den Anord- nungen der Polizcibeamtcn und den zu ihrer Unterstützung eingesetzten Angehörigen der SA. gern und willig Folge. •rt-xnoi ' •--'»:& iMlIWUfoW V' 4,'"- Z 4 y f Aufrüstung im Stillen Ozean Der Diamantenberg(Pfeil) aus Hawaii soll in nächster Zeit zur stärksten Festung der Welt ausoMut werden. Die Amerikaner wollen die Haivaii-Jnseln z.u ihrer^lottendasis machen und auf diesem paradiesifchen 5eil. d^r êrde die mörderischsten Waffen konzentrieren. Offensichtlich ist diese Rüstung durch heu japanischen RâubèrfaschismuS heraus- gefordert.,,.,..... BRIEFKASTEN „Gomelia". Dag der Streicher in'Nürnberg, intimer Freund des deutschen Reichskanzlers, ein Schweinekerl ist, haben wir oft genug nachgewiesen, irr macht feint politische Laufbahn durch Porno- graphie. Es ist gut möglich, daß er an dem unsauberen-onderdruck besonder? verdient Wir wollen uns aber in die Geschichte nicht ein- mischen. Der„«rief an» Westfalen" ist sür uns zu farblos. katholischer Leser Saarlonis. Wir habe» guten Grund, Ihre Zu- schrift einstweilen nicht zu veröffentlichen. Warten Sie noch etwas ab. Wir glauben nicht, daß die ecclesia milttanZ tot ist. Die katholische Kirche rechnet mit längeren Leiträumen als in den Dag hinein schwadronierende Nazis. 8. S. lkzernowitz. Da« Saargebtet steht keineswegs„unter fran- zöfischer Berivaltnng". ES wird von einer internationaler, Re- gicrnngSkommiision im Auftrage de» Völkerbundes treuhänderisch verwaltet, bis im Jahre lbR die Bevölkerung durch eine Abftim- mung ihre Wünsche über ihr ferneres staatliches Schicksal kund ge- tan hat. Die letzte Entscheidung trifft der Bölkerbundsrai. Präsident der RegiernngSkommîision ist ein«rite Frankreich hat«in Mitglieds il Schweiz. Lassen Tie doch das«ergangene ruhen Daß Tie mit unserer leitnng so zufrieden sind, beweist mehr, als Sie ahnen, wie sich„Tozialfaschisten" entwickeln können. Nebligen» habt doch auch Ihr ein langes Sündenregister und e» ist nicht nur christliche Nächstenliebe, wenn wir nicht mehr darauf zurückkommen. Ihre Rechtschreibung„Sozialdemokratie" ist so gut sächsisch, daß wir Ihnen raten möchten, sie nicht auf osfencn-Postkarten anzuwenden. E» könnt« für die Geheime Staatspolizei ein Anhaltspunkt sein, Ihre Heimat heran» z» bekommen. Anonymus, Mülhausen. Sie haben sich vergeblich gefreut. Ihre Hoffnung, daß auch sür den Baqonne-Skaniai Juden die Berant- worlung trage«, war trügerisch, und Ihr« antisemitische Postkarte haben Sie umsonst geschrieben. Stavisko war nämlich kein Jude. Dieser echte Rüge gehörte der gricästsch-kathollschcn Glauben«- gcmcinschaft an und betete früher einmal z»m Doppelkreuz, ehe er zum römischen Katholizismus übertrat. Tie haben sich in Ihre« Haß durch da«— n— täuschen läge».,! Germaniru». Wir danke» Ihnen sür Ihre» Brief, den Sie nnS schrieben als„reinragiger blauäugiger Arier mil einwandfreien Borsahrcn väterlicher- und mütterlicherseits." Aber Ihr Gedicht können wir leider nicht drucken E« ist in der Form alizuivcnig unterschieden von den zahlreichen Berscn, die wir in.den vergange- »cn Monaten erhielten und abdruckten. Biellcichi gelingt Ihne» gelegentlich etwas Beste«». Bruno Paul. Wir danken Ihnen sür Ihre Berichtigung. S» ist richtig, daß dieser ausgezeichnete frühere Timplizl>simus-'!eichner, der setzt von feinem Lehramt in der Berliner Kunstakademie ent- fernt wurde, einstmals denselben Wilhelm II. heftig karrikiert«, der ihn später an die Berliner Kunstakademie berief Diese kleine Ge- iäcbtiiißstärkiiüg erinnert uns an eine hstbiche Anekdote dns den ersten Wochen»er Hitler-Aera. Damals ftftl»er Erkronprinz an seinen Papa in Doorn ein Telegramm folneirdrn Inhalt» gerichlet haben:„Kehre zurück. Herrliche.'seilen. Wir letzt kleineres Ucbel" Brüssel. Im„Emigräntcnklüb Ifl.'ir 131 Rue Jossen« rLouv», Prince de Gallesi spricht am DienSiagl dem».. Januar. l»31, Dr. Hau» Grünberg über:„Dir Graphologie als-.Wisseüschaft und Kunst". Eintritt S,— belg-J-ranken.,, ' St Mies, Tschechoslowakei. Sie werden inzwischen durch mehrer» Aussätze Aufklärung erhalten habe«. Für den Gesamtlnhalt verantwortlich: Johann Pitz In Dud» weiler: sür Inserate: Otto K»hn l» Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Bolksstimme GmbH., Saarbrücken\ Schützenstrah« f Pariser Deridite Pariser Straßenhalcnder Wie wir erfahren, erscheint in der Librairie du Carrefour in Paris demnächst ein Werk über die Saarfrage. * Der französische Film Madame Bovary", nach dem berühmten Frauenroman Flauberts, steht vor seiner Pariser Uraufführung. * Die Buchhandlung des..Populaire" hat eine Drei-Franken- Medaille zur Erinnerung an Guesde und Jaurès herausgegeben. die das Wort Pa*(Frieden) über den Häuptern der großen Friedensfreunde enthält. * Von M. Plytas, einem hohen Beamten im Innenministerium und früheren Kabinettschef Tardieus. dem der energisch durchgreifende Ministerpräsident Chautemps die Untersuchung der Korruption in Sachen Stavisky übertragen hat, geht der Huf ungewöhnlicher Tüchtigkeit aus; er soll, bevor er einen Akt liest, schon..schnüffeln", was dran ist...Schade, daß der Akt Stavisky nicht besser riecht," bemerkt dazu ein Pariser Witj melancholisch. * Wie gemeldet wird, spielt der Halbfranzose Maurice Chevalier in Hollywood die„Lustige Witwe" mit der Regie von Ernst Luhlich. * Auf mehrere Anfragen teilen wir mit, daß die Post Verbindung abends nach dem Saargebiet und nach Deutschland folgende ist: ah Gare de TEst, Gleis 1, ein besonderer Postzug 21.55 Uhr und Gleis 7 ein D-Zug 23.25 Uhr. Spätere Züge haben keine Postverbindung mehr. Die Frau Staviskys fährt zu ihrem toten Mann Die Pariser Zeitungen veröffentlichen das Bild des toten Betrügers mit dem hart geschlossenen Mund, der Oeffnung an der Stirn, der langen Blutspur auf der Wange. Die Nachricht vom Selbstmorde des 400-Millionen-Abenteu- rers hat in Paris außerordentliche Sensation gemacht; die Blätter der Arbeiterparteien, die den Selbstmord des gehetzten Rumänen bezweifelten, waren alsbald an vielen Stellen ausverkauft. In der Kammer war die Nachricht von diesem Ende des Feldherrn der Schwindelkampagne ein besonderer Gesprächsstoff. Die bürgerlichen Radikalen schienen nach der Verhaftung des Rayonner Maires, der einer der Ihren war. reichlich gedrückt. Der Ministerpräsident Chautemps hat aber durch die Energie, mit der er den Rücktritt des formell belasteten Kolonialministers betrieb, und durch die energische Fortführung der Untersuchung stark an Vertrauen als Mensch gewonnen. Wieso auch der sehr sympathische und kulturell hochstehende Unterrichtsminister de Moncie in die Affäre einbezogen werden konnte, ist unerfindlich. Polizeipräsident C h i a p p e, der„starke Korse", hat inzwischen eine eindeutige Erklärung abgegeben, daß an den Gerüchten, der Abenteurer habe ihm oder seiner Gattin etwas für ein Polizeiheim geschenkt, kein wahres Wort ist. Man muß überhaupt in dieser ganzen leidigen Affäre die Schuldigen dort suchen, wo sie wirklich sitzen: nämlich in einer gewissen Art von käuflicher und Revolverpresse, die mit dem Betrügerkapital und auch mit dein Hitlerfonds zusammengearbeitet hat. An dieser klaren Spur ist nichts zu verwischen. An der trüben Affäre, die mit dem einsamen Tod eines gestürzten Schiebers in einem Schneehaus der ewigen Alpen von Savoyen geendet hat, fehlt aber auch ein menschlich erschütternder Zug nicht. Dies ist die Treue, die die Frau des großen Betrügers, der sie auch mit vielen Frauen betrogen hat, dem toten Stavisky gehalten hat. Die Verlassene ist einsam, geleitet von einem Inspektor, durch die Nacht in die Berge gefahren, den toten Gatten zu rekognoszieren. Unterwegs hat sie immer wieder, noch ohne Kenntnis von dem Ende, ohne Schlaf und Ruhe gefragt:„Lebt er noch?" >'vr«». 1 omnpn f»in M von Bergfexen, Modeknaben, Sportweibern wimmelte .. ,..«etil, gab l.auui uen Weg frei, als„sie" kam. So warf sie sich auf seine Leiche. Sie sagte, sie wolle so lange als möglich bei Tél. Trinité 43-13 Métro P I g a 11 e Deutsche Poliklinik Paris, 62, Rue de la Rochefoucauld al Allgemeine Konsultationen mit 9 Spezialisten. b) Chirurgie c) Geburtshilfliche Klinik d) Zahnärztliche» Kabinett Mundchirurgie. Gold» . Porzellan kronen.«Brucken, T»». Die aller modernste Einrichtung ammen und 2 Operationssäle. Kautschuk« Arbeiten Ordination täglich von 9—12 und Z-Ô; Sonntags und Feiertags von lO—12 und 2—4 Uhr 303 Innere Medizm. Augen», Ohren», Nasen» und Kehlkopflcrank» ZweistöcltigesJSanatoriumsgebäude. Vierstöckiges Gebäude. 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In Chamonix in den Alpen hat der Wintersport dieses Jahr große Sensation in der Hochsaison, in Bayonne auf der anderen Seite Frankreichs in den Pyrenäen auch. Dort läuft das Volk zusammen, wenn ein Cortège um den verhafteten Bürgermeister und Sparkassendirektor, den eingelieferten„Pariser" Darius zum Vorschein kommt. Die Wintersportplätze. die feudalen Hotels und Kurorte haben halt immer ihre Kehrseite. Baptist«. Darius Das Ende eines Hitlerfreundes Pierre Darius, der wortgewandte Lenker von der . Zeitschrift..Bec et Ongles"(zu deutsch:„Zähne und Klauen"), sowie von„Midi", dem hitlerfreundlichen Mittags- hlatt, sitzt im Violon,(zu deutsch: Kittchen). Die Affäre Stavisky hat dem Kämpfer für die Reinheit Frankreidis und Gastgeber Louis Thomas, des völkischen Wanderredners, das Genick gebrochen. Dem Manne mit dem Namen des Perserkönigs wird vorgeworfen, daß er im Vorjahre, als er eine Kampagne gegen den Stadtkredit von Bayonne eingeleitet hatte, die auf gutes Material gestützt war, urplötzlich davon abkehrte. Diese schnelle Sinnesänderung wird auf Stavisky-Bons zurückgeführt, die im Gegensatz zu denen, die der kluge Rumäne den öffentlichen Kassen aufdrehte, nicht„faul" waren. Darius hat vor dem Untersuchungsrichter gestanden, daß der jetzt zu Chamouix verblutete Betrüger, den er in den Räumen der„Volonté" traf, ihm die Leitung von„Zähne und Klauen" für monatlich 15 000 Franken anbot, was er annahm. Außerdem ist der Freund der Hitlerpropaganda überführt, sich von diesem Moment an für die Bons von Bayonne, unter Kenntnis der wahren Sachlage, eingesetzt zu haben, besonders bei der Landwirtschaftskasse, France Mutualiste. Pierre Darius macht daraufhin schöne Reisen. Nachdem er eben von seinem Landhaus in Cannes geholt wurde, hat Feines Aussteuer- und Betfwaren« Detailhaus mit über 30jähriger treuer Kundschaft ist krankheitshalber günstig abzutreten.— Für tüchtige Fachleute mit Kapital interessante Gelegenheit. Auskunft bei: O.Weill, Liquidateur, Mülhausen(Els.) Abreisehalber zu verkaufen ein gutgehendes Konfefttions- gescfiäji Zentrum, Lage eignet sich für jede Branche. Fonds sehr billig. Offerten unter Chiffre D. 211 Agence Havas. Mulhouse. man ihn jetzt in Begleitung einiger Uniformen nach dem schönen Pyrenäenort Bayonne gebracht, zur W inter- kur in Sachen fauler Bons. Der verwaiste„Midi", seine* Wohltäters beraubt, schimpft inzwischen kräftig auf die Regierung. Sehr heiter zu lesen, aber die Rolle dieses Blattes eines käuflichen Herrn, der vom„dritten Reich" schwärmen ließ, dürfte erledigt sein.„Midi— fini", sagen die Pariser. Dieser Darius teilt somit das Schicksal seines großen Namensvetters, der auch, nach anfänglichen Eroberungen, die berühmt gewordene Schlacht bei Marathon verlor. Gleich einem Marathonläufer eilen auch heute wieder manche Gerüchte von diesem Darius aus. Wie wäre es, wenn die Behörde, nachdem sie ergründet hat. warum dieser Mann de» „Midi" so gut Französisch schrieb, nun auch einmal feststellte, wie es mit seinen deutschen Sprachkenntnissen war? Es gibt sicherlich Leute in Paris, die darüber Bescheid wissen, sei es zum Beispiel in der ein und anderen deutschen Zeitungsredaktion, und man braucht dazu vielleicht noch nicht einmal Dolmetscher, denn manche dieser Leute wissen ganz gut, wo Gott in Frankreich wohnt.— Zu der Verhaftung des Chefredakteurs des„Midi", Darius, schreibt das„Pariser Tageblatt":„Der„Midi" des Herrn Darius hat in den letzten Wochen lediglich dadurch von sich reden gemacht, daß in dieser Zeitung sehr hitlerfreundliche Artikel des Herrn Louis Thoma veröffentlicht wurden, die stets fast gleichzeitig auch im„V ö 1 k i s c h e u Beobachter" und in anderen Hakenkreuz- blätterualsZeugnissefüreinedem„dritten Reich" genehme Richtung in Frankreich groß aufgemacht wurden. In diesem Zusammenhang dürfte die Untersuchung auch Klarheit über die Beziehungen des Herrn Dariiis zu dem Pariser Korrespondenten einer großen deutsehen Zeitung schaffen." Weiterhin ist ein gewisser P i g a g I i o, Redakteur an der „Volonté", verhört worden. Wie sich herausgestellt hat, hat Pigaglio, der Stavisky nur unter dem Namen Alexander gekannt haben will, diesem auf der Flucht geholfen. „Volonté" Der„General-Anzeiger" für das Saargehiet teilt mit: „Die„Volonte" hatte vor kurzem einen Sonderberichterstatter nach dem Saargehiet entsandt, der auch dem Röchling-Prozeß wegen der Flugblätter gegen die Domanialschuleu beiwohnte. Dieser Mann hat dann einen in der Saarbrücken Presse in großer Aufmachung wiedergegebenen Bericht über die Verhandlung veröffentlicht, in dem es u. a. hieß, daß einein Franzosen die Schamröte ins Gesicht steigen müsse, angesichts der von den Entlastungszeugen Röchlings angeführten„Druckmittel" auf die saar- ileutsche Bevölkerung. Wir können jetzt unseren Lesern mitteilen, daß dieser sogenannte„Journalist" von Herrn Röchling gekauft wa r." Hoyofle! Der Freund Staviskys stellt sich selbst Paris, 10. Januar. Der Direktor des Empire-Theaters, Hayotte, gegen den im Zusammenhang mit der Stavisky- Angelegenheit ein Haftbefehl erlassen worden ist, hat sich der Polizei in Begleitung seines Verteidigers gestellt.„Ich bin glücklich," so erklärte er,„vor Gericht erscheinen zu kön- nen: denn ich habe die Absicht, in voller Offenheit zu sprechen, da ich meiner Unschuld sicher bin." Seine Vernehmung dauert noch an. Es ist anzunehmen, daß er am Abend nach Bayonne gebracht wirb. Vor«er Guillotine Wie van der Lübbe geköpft wurde Leipzig, 10. Jan. Der Neichsgerichtsdienst des TNB. er- fährt zu der bereits gemeldeten Hinrichtung des 25jährigen Maurers Marinus van der Lübbe noch nachstehende Einzel- Helten: Die Mitteilung von der bevorstehenden Enthauptung wurde dem Delinquenten am Dienstagvormittag durch den obersten Anklagevertreter, Oberreichsanwalt Dr. Werner, in der Gefängniszelle gemacht. Van der Lübbe nahm die Mit- teilnng unbewegt entgegen und lehnte aus Befragen geist- lichen Zuspruch ab. Aach machte er keinen Gebrauch von den; Anerbieten, Briefe an seine Angehörigen zu ichreiben, und äußerte keinen weiteren Wunsch. Die Vollstreckung des Urteils wurde Mittwoch morgen 7.30 Uhr im umschlossenen Lichthof des Landgerichts in der Harkortstraße in Leipzig in Anwesenheit des Oberreichsanwalts Dr. Werner und des Sachbearbeiters Landgerichtsdirektor Parrisiu« voll- zogen. Vom Reichsgericht waren Senatspräsident Dr. B il n g e r sowie drei weitere Mitglieder des erkennenden 4. Strafsenats anwesend. Ferner wohnten 12 vom Rat «otjiJa abgeordnete Gemeindemitglieder der Hin lit' n" sowi. der Verteidiger des Angeklagten. Rechts- anmalt Sentiert, der holländische Dolmetscher Meyer- E ollin gs,.«reishauplmann Döni cke, der Gefängnis- birdktor, der Gefängnisgeistliche und zwei GertchtSärzt«. Pressevertreter waren nicht anwesend. Oberreichsanwalt Dr. Werner verlas den Urteilstenor und gab dann die Eni- schließung des Herrn Reichspräsidenten bekannt, wonach er sich dafür entschieden habe, von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen. Daraus übergab der Anklage- Vertreter van der Lübbe dem Scharfrichter. Der Reichstags- biandstifter gab keine Erklärung vor seinem Ende ab. Die Hinrichtung wurde von dem Scharfrichter Engelhardt lSchmölln) durch Fallbeil vollzogen und verlief ohne jeden Zivischenfall. Nach vollzogener Hinrichtung stellte der Ge- richtsarzt den Tod fest. 193$ ViMkerbund und Saoriroge Genf, 10. Januar. Der Vorsitzende der in der nächsten Woche beginnenden 78. Tagung des Vvlkerbundsrates wird der polnische Außenminister Beck sein. Für England wird Außenminister Simon und ittr Frankreich Paul-Boneour an den Verhandlungen teilnehmen. ES ist die erste Tagung des Rates seit dem Austritt Deutschlands aus dem Völker- bund. Hauptgegenstand der Tagung ivird die Volksabstim- mung im Saargebiet sein, zu der jetzt der Rat die Vorberei- inngen zu treffen hat. Vor allem soll der Rat den Zeitpunkt der Abstimmung festsetzen. Eine Verlautbarung des Völker- bundes erinnert daran, daß der Rat nach dèm Versailler Vertrag„die Freiheit, das geheime Vorgehen und die Ehr- lichkeit der Abstimmung zu sichern habe". Außerdem habe der Rat, wie es in der Verlautbarung weiter heißt, nach der Abstimmung durch Mehrheitsbeschluß die Ttaatszugehörig- keil deS Saargebietes zu bestimmen, indem er dem durch die Abstimmung ausgedrückten Wunsch der Bevölkerung Rech- nung tragen werde. Betriebsrat verhaftet (Jnpreß.) Der gesamte Betriebsrat der großen Adler- .1 ntpmobllwerke. der nur ans Mitgliedern der NSBO. be stand, ist verhastet und ins Konzentrationslager übergeführt worden. Er hatte sich geweigert, der Einführung der L0»Stu»de»«och« ohne LyhnauSaletch zuzustimmen. Das Neueste Einer Meldung aus Gens zufolge soll der Hauptauslchnst der Abrüstungskonferenz am 12. Februar ein» berufen werden. Der sranzösisch-fowjetrussische Handels» vertrag ist am Mittwoch p a r a s i e r t worden. Das Ab« kommen, das aus die Dauer von einem Jahr abgeschlossen ist, sieht n. a. die Meistbegünstigung für sranzöfiiche Firmen und Staatsangehörige in Rußland vor. Nachrichten zufolge, die aus Litauen vorliegen, wirb von litauischen Jungschützen und der litauischen Grenzpolizei ein neuer GewattstreichgegendasMemelland geplant. Es sollen alle Beamten abgesetzt, festgenommen und durch litauische Beamte ersetzt werden. Im Memelgebiet haben diese Pläne größte Beunruhigung hervorgerufen. Von litauischer amtlicher Seite werden diese Besorg- nisse als unbegründet erklärt. Die Flotte der Nanting-Regierung hat Amoy einge» nommen. Die Gesamtzahl der Rnndsnnkteilnehmer in Deutschland betrug am 1. Januar 1934 5 052 607 gegenüber 4 837 549 am 1. Dezember und 4 307 722 am 1. Januar 1933. Hiernach ist im Laufe des Dezember 1933 eine Zunahme von 215 058 Teilnehmern I— 4,4 Prozents und im Lause des Kalender, jahres 1933 eine Zunahme von 744 885(— 17,8 Prozent) ein- getreten. Die Zahl der Gebührenbefreiungen ist im Lause des Dezember um 9350 gestiegen, jedoch gegenüber Sem gleichen Zeitpunkt des Borjahres um 3712 zurück» gegangen.— Der Rundfunk wird mehr und mehr z» einer ZwangZetnrichtung. Für die Schwerkriegsbeschädigten sind Fahrbegünstigungen erlassen worden. Sie dürfen näm- lich von nun ab. wenn sie die dritte Klaffe voll bezahlen, die zweite benützen. Die Begünstigten müssen mindestens 50 Pro- zent ermerbsvermindert sein. Tie Benützung der 1. Klasse ist verboten. Die ist den l000-Mark-Ttaat?räten und den ander«» hochbezahlten Nazibonzen referpiut,