Sinzigs unabhängige Tageszeitung Veutfchiands Nummer 38— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, den 15. Februar 1934 Chefredakteur: M. Braun Ans dem Inha lt Vaegeschichte des Staatsstccichs Seite 2 Oesteeeeichs ifchiachtfetd Seite 3 JicUholischee Saac- Jiedahteue teeeoeisiect Seite 5 %ml£öBe Seite 7 Jus.ecatcH.teil Beachten! Ruhmvolle Niederlage Ende der soxialdemokratlschen Freiheitsschlacht In Oesterreich— Heldentum der Arbeiter und Ihrer Frauen— Der Austro-Klerlkallsmus eidbrüchig und mörderisch— Ende der europäischen Demokratie— Heroischer Auftakt der sozialistischen Revolution Ehrenvoll geschlagen.M Das Niederwerfen der Arbeiter Wien, 14. Febr.«St«. Bericht.) Um 12 Uhr mittags wird w Flvridsdorf und an einigen anderen Stelle» der äußeren Stadt noch gekämpft. Auch in einigen Teile« der Provinz find noch Gefechte im Gange. Die sozialdemokratischen Grup- Pen, die ohne Verbindung mit andern Teile« der Front find und die Gesamtlage daher nicht Überblicken können, setzen an manchen Stellen den Widerstand mit großer Erbitterung fort. Da und dort handelt es sich auch nur um überlegte Rück- zugsgcfechte. Es darf aber kein Zweifel obwalten, daß die Bundes regle rung tatsächlich militärisch ge- liegt hat, und die Kämpfe noch im Laufe die- ses Tages mit dem Niederwersen der ver« fassungstreucn Sozialdemokraten enden müssen. Die Versuche, sozialdemokratische Führer z>r diffamieren. »erden diesmal nicht gelingen. Ohne Widerstand verhaftet wurden nur greise Veteranen der Partei, die auf ihre» politischen Posten in der inneren Stadt aus Parteibefehl ans- halten mußten, wie etwa der siebzigjährige Bürgermeister Seitz, der schwer herzleidend im Gesängnislazarett liegt. Dr. Julius De n t s ch und Otto Bauer haben sich führend und aktiv an den Kämpfe» beteiligt und den Arbeitern ein Beispiel persönlicher Tapferkeit gegeben. Otto Bauer konnte sich nach dem Zusammenbruch seines Frontabschnittes in Sicherheit bringen. Ueber das Schicksal von Dr. Julius Deutsch, dem Gründer und Führer des Schutzbundes und früheren Wehrminister ist zur Stunde nichts bekannt. * D. F. Seit 48 Stunden tobt an vielen Stellen die Verteidigungsschlacht der Sozialdemokratie um die ?Freiheit in Oesterreich. Mit Erstaunen und auch dort, wo ie den Sozialismus haßt, mit Bewunderung blickt die Welt auf das Heldentum der österreichischen Arbeiter- Klasse. Dieses Arbeitsvolk bietet in Generalstreik und Bürgerkrieg seit Tagen ein Schauspiel von unerhörtem Opfergeist und todbereiter Ueberzeugungslreue. Die an Truppenzahl und Waffen weit überlegenen Kräfte des Mördertrios Dollfuß-Frey-Starhemberg haben bisher den Widerstand nicht ganz brechen können. Alle militärischen Mittel, die der Friedensvertrag von St. Germain Oester- reich erlaubt, sind gegen die kämpfende Sozialdemokratie eingesetzt, auch Artillerie und Minenwerfer. Sogar Flug- zeuge smd zur Erkundung aufgestiegen. Daß es nicht Bombenflugzeuge sein können, die reihenweise Arbeiter- Häuser in Trümmer legen würden, wird der fromme Bundeskanzler Dollfuß gewiß recht bedauern. Der Friedensvertrag hat auch Oesterreich Bombenflugzeuge ver- sagt. Sonst würden ihre Gasbomben ebenso gewiß Frauen und Kinder in dichtbewohnten Stadtvierteln vergiften, wie jetzt Granaten in den Arbeiterbezirken österreichischer Städte Frauen und Kinder zermalmen und zerreißen. Es ist ein grandioses Symbol des kämpfenden Sozialis- mus, daß die Schlacht um Wien gerade dort sich Konzen- trierte, wo unter sozialistischer Gemeinderegierung Wohn- siedlungen, vorbildlich für die ganze Welt, errichtet worden sind. In den Häuserblocks und Straßen, deren Namen die großen Denker und Kämpfer des Sozialis- mus ehren, leisten die sozialdemokratischen Schutzbündler ihren heldenhaften Widerstand. Die Grünflächen, auf denen Wiens Arbeiterkinder, die so lange in die engen Höfe der Grundstücksspekulation gesperrt waren, spielten, werden nun vom Blute ihrer Väter gedüngt. Die Feinde sozialistischer friedlicher Aufbaupolitik schießen die Sied- lungshäuser zusammen und töten ihre Verteidiger. Der Haß gegen sozialistische Gemeinschaft, lange schon wach, ist aufgestanden, um sein Bernichtungswerk zu vollführen Die Verluste sind, wie uns ein Privattelefonat mit Wien mitteilt, grauenhaft. Es fehlt in den Reihen der sozial- demokratischen Arbeiter an dem Nötigsten zur Pflege und zur Rettung der Verwundeten. Nur ein kleiner Teil ist m ärztlicher Pflege Die Krankenhäuser sind überfüllt. fo> weit sie überhaupt für die verwundeten Sozialdemokraten erreichbar sind. Verbandstoff ist kostbar wie Munition. Arbeiterfrauen und Arbeitermädchen bemühen sich im Kugelregen um die Opfer der Freiheitsschlacht. Wie hoch die Zahl der verletzten Frauen und Mädchen und Kinder ist, kann einstweilen nicht übersehen werden. Gewiß ist, daß Frauen und Mädchen während ihrer Hilfe für Verwundete den Kugeln und Granaten zum Opfer ge- fallen sind. Die Arbeiter-Sanitätskolonnen arbeiten ohne Pause und finden hilfsbereit Unterstützung bei der Ar- beiterbevölkerung, die freiwillig ihre letzte Habe für die ruhmvoll Verwundeten hergibt. Wie schwer die Kämpfe sind und welche Uebermacht die Bundesregierung braucht, wenn sie ihr blutiges Staats- verbrechen vollenden will, beweist die Tatsache, daß der Bundeskanzler alle ehemaligen Kriegsteil- nehmer aufgerufen hat, sich als Freiwil- lige sich in die Schlacht gegen die Sozial- demokratie einzureihen. Bundestruppen. Poli- zei und Gendarmerie reichen nicht aus, den Mordbefehl an der österreichischen Sozialdemokratie zu vollstrecken. Unter Bruch des Friedensvertrages verstärkt der Bundes- Kanzler die Armee gegen Oesterreichs sozialdemokratische Arbeiter und vermehrt so die blutige Schmach, in die er das unglückliche Land gerissen hat. Als Arbeitermörder steht nun Dollfuß mindestens eben- bärtig neben den Hitler und Göring. Die drei und ihre Kreaturen können sich brüderlich die blutbesudelten Hände reichen. Dollfuß ist den österreichischen National- sozialsten im Arbeiterschlachten nur zuvorgekommen. Die Nationalsozialisten würden eine nicht geringere Blut- arbeit geleistet haben. Wie auch Austrofaschismus und Nationalsozialismus sich unterscheiden mögen, einig sind sie in ihrem Haß gegen jede wirklich sozialistische Neu- gestaltung. Der Bürgerkrieg, den Dollfuß gegen die Sozialdemokratie begonnen hat, ist ein Verzweiflungs- streich auch gegen die Nationalsozialisten. Dollfuß und die Seinen lassen nicht auf die Nationalsozialisten schießen, mit denen sie viele Berührungspunkte haben. Dolssuß hofft, sich fo gegen den Nationalsozialismus behaupten zu können. Die Nationalsozialisten aber bewahren wohl- wollende Neutralität im Bürgerkrieg, weil sie hoffen, wahrscheinlich mit Recht, daß Dollfuß ihnen durch seine Mordarbeit gegen den Marxismus die Tore zur Macht öffnen wird. Der Bundeskanzler versucht, die Verantwortung an der großen österreichischen Schlacht auf die Sozialdemokraten abzuwälzen. Das wird ihm bei keinem Urteilsfähigen gelingen. Der Kampf ist durch den längst fälligen Heim- wehrputsch und durch die gewaltsame Unterdrückung der. Sozialdemokratie, durch ihr gewalttätiges Hinausdrängen aus ihren Positionen ausgebrochen. Die klerikale öfter- reichische Regierung hat bedenkenlos ihre Eide gebrochen und gewissenlos einen mörderischen Machtkampf entfesselt. Wir geben uns keinen Illusionen hin und wollen keine Illusionen hervorrufen: Oesterreichs Sozial- demokratie hat die Schlacht verloren. Die Arbeiter und mit ihnen die Bauern und der kleine Mittel- stand sind niedergeschlagen. Eine ideenlose Schicht der hohen Bürokratie des degenerierten Aristokratentums und internationaler Kapitalisten steht als Sieger auf dein Schlachtfeld. Einstweilen. Keine Stunde werden sie sich ihres Erfolges freuen. Der Machtkampf wird nun zwischen der Bundesregierung Dollfuß und den Nationalsozialisten erst recht entbrennen, und die Gefahr nationaler Wirren mit internationalen Folgen ist unvermindert. Die Dollfuß und Fey und Starhemberg sind die fluchbela- denen Nachfolger des Fürsten Windischgrätz. der 1848 mit seinen kroatischen Truppen die demokratischen Bürger Wiens massakrierte und den deutschen demokratischen Revolutionär Robert Blum auf der Brigittenau stand- rechtlich erschießen ließ. Die damals gemeuchelte Demokratie kehrte in jähr- zehntelangem Ringen wieder. Nun ist sie auch in Oester- reich dahin. Eine große geschichtliche Epoche ist abge- schlössen Das Bürgertum hat die Arbeiter, die um die Reste demokratischer Rechte kämpften, auch in Oesterreich niedergeworfen. Nun ist in ganz Europa die hi st arische Bindungdes sozialistischen Willens an die alten Formen der Demokratie vorüber. Die legale internationale Sozialdemokratie wird durch sozialrevolutionäre Aktionen mit dem nahen Ziele des Volkssozialismus abgelöst. Die Schlacht in Oesterreich, in der alle waffenfähigen Führer mit den waffenfähigen Mannschaften der Arbeiter- Klasse zusammenstanden, ist der großartige Auftakt kom- mender revolutionärer Umgestaltungen in Europa. Die Freiheitsschlacht in Oesterreich ist ruhmvoll zu Ende. Das Ringen um die sozialistische Herrschaft über Europa in neuen Formen und mit neuen Kampfmitteln beginnt. Widerstand bis nun äußersten Die leisten Gefechtsberichte Odo Dauer und Deutsch an der Spitze Frische Schutzbündler im Kampfe Wie», 14. Febr. Mg. Drahtbericht). Das Ottakringer Ar- beiterheim ist von den Sozialdemokraten erneut besetzt worden. Dem Schutzbund gelang es ferner, Polizei nebst Hilfstruppen in die Polizeikaserne in Simmering hinein- zudrängen und einzuschließen. Die Kaserne wird von den Schutzbündlern unter Feuer gehalten. Bei einem-Ausfall- versuch der Polizei wurden 5 Polizisten erschossen. Es wird bestätigt, daß die sozialdemokratischen Führer O t t o B a u e r und Julius Deutsch nicht verhaftet sind, sondern den Kampf von außerhalb leiten. Aus ihre Tätigkeit wird es vor allem zurückgeführt, daß immer neue Schutzbündler und sozialdemokratische Arbeiter eingesetzt werden, während die Polizei- und Militärkräfte bereits Ermüdungserscheinun- gen aufweise». „Wir ersehen uns nicht!" Die Gasarbeiter an die Regierung... Wt««, 14. Febr. Mg Drahtbericht). Besonders kritisch ist für die Regierung die Lage heim GaSwerk. Das Ulli- matum zur Uebergabe wurde von den Arbeitern des GaS- werks mit einer Gegenerklärung beantwortet. Tie ließen der Regierung mitteilen, daß sie sich nicht ergeben würden. In dem Augenblick, wo der erste Schuß gegen sie falle, und sie gezwungen seien, die Schüsse zu beantworten, würden sie das ganze Gaswerk in die Lust sprenge»„um uns und die ganze Bevölkerung der Stadt, die eine solche Regierung toleriert, in die Ewigkeit zu befördern." Diese Ankündigung hat ungeheure Beunruhigung hervorgerufen, und gleichzeitig den Widerstandswillen der Kämpfenden gestärkt. Auch Uni- tebed Preß berichtet, daß es an verschiedenen Stellen der Stadt dem Schutzbund gelungen sei, die Truppen zu um- zingeln und sie schwer zu bedrängen. Der Itampi um die liöfe Artillerie beschießt Häuserblocks—• Pioniere in Aktion Wie», 14. Februar Mg. Drahtbericht). Mit eine« Hel- denmut von weltgeschichtlicher Bedeutung setzen die Wiener Arbeiter ihren Widerstand gegen den Heimwehrterror fort. Ihre Burgen sind in den Wiener Vororten vor allem jene großen Bauhöfe, die dem schöpferischen Geist der sozialdemo- kratischen oerwalteten Wiener Gemeinde immer das höchste Zeugnis ausstellen werden. Gegen diese Höfe hat in ver- schieden«« Borstädten das Artillcrieseuer des Bundesheeres eingesetzt. Es kam zu richtigen Sturmangriffen, so etwa gegen den Karl-Marx-Hos, der von nicht weniger als 2000 Mietsparteien bewohnt wird. Der mittlere Komplex der Bauten ist schwer von Artillerietresfern mitgenommen, aber noch immer wird aus den Wohnungen geschossen. Die eigentliche Besatzung des Gebäudes soll in den Nachtstunden zum Mittwoch angeblich wegen Munitionsmangel die Waffen gestreckt haben. Aus FloridSdorf und Ottakring werden Kämpfe gemeldet, die noch von größerer Furchtbar- keit waren. Aus beiden Seiten fielen zahlreiche Opfer, Der Floridsdorser Bahnhof, der einer der Hauptstützpunkte der Arbeiterschaft war, ist durch mehrstündige Artillerie, beschießung dem Erdboden gleichgemacht worden. An andern Stellen der Stadt jedoch halten die kämpfenden Arbeiter nach wie vor ihre Position. Dies wird von Stadelau und Ieblesce gemeldet. An der Reichsbrlicke versuchen Pioniere Ilmgehungsmanövcr auf Pontons, um nicht durch Artillerie- seuer die Brücke zerstören zu müssen. In Simmering und Favoriten, wo angeblich die Exekutive Herr der Lage ist, finden immer noch Einzelkämpse und Be- fchießungen von Polizisten statt. Ein großer Teil der Gc- fchäfte ist geschlossen. Die Lcbeusmittelläden sind nahezu ausverkauft. Bo» den Wiener Theatern und Kinos wird de- richtet, daß sie ihre Pforten die ganze Woche hindurch nicht öffnen werden. Ebenso bleiben die Schulen geschlossen. so» rote Die Kämpfe dauern fort 35Men, 18. Febr. Die Kämpf« in den einzelnen Bororten in Wien hielten in den ersten Nachtstunden weiter an. Rur in der Innenstadt verstummte das Artillerie- und Maschinen- gewehrsener. Ans verschiedenen Vororten Wiens werden Ansammlungen von Gchutzbüudlern gemeldet, die sich znm Marsch aus die Bundeshauptstadt sammeln. Nach einer au- deren Lesart soll es nicht zutrefsen, daß von den Bororten aus Schutzbündler den Marsch ans Wien antreten wollen. Ueber die Zahl der Toten ist bisher noch keine Klarheit vorhanden. Eine Schätzung lautet auf 884 Todesopfer. Im Allgemeinen Krankenhaus sollen 123 Personen ihren Ber- letzungen erlegen sein. Ferner heißt es, daß 100 Leichen beim Anatomischen Institut eingeliefert worden seien. Ans den Bnodesländern liege« ebenfalls Nachrichten vor, denen znsolge die Kämpfe noch keineswegs abgeschlossen find. London. Nach Informationen des Wiener Reuter- Vertreters soll die Zahl der Todesopfer in ganz Oesterreich nicht unter SV» anzusetzen lein. Wie Seitz verhaftet werde! Einem Schweizer sozialistischen Journalisten gelang es, mit dem Bürgermeister S e i tz im Nathans« Verbindung zu erhalten. Er gab folgende Erklärung ab: „Eine halbe Stunde nach der Besetzung des Rathauses durch Militär erschienen in meinem Büro zehn Polizei- kommissäre in Zivil und zwei Polizisten in Uniform unter Führung^etnes Polizeirates. In diesem Augenblick befanden sich die Stadträte Speiser, Weber und Honay und der ehemalige Stadtrat B r e i t n e r bei mir. Der Polizetrat er- klärte, er habe den Befehl, den Bürgermeister und die sämtlichen Stadträte z« ver« haften. Er ersuchte uns, ihm, dem Polizetrat. zu folgen. Ich erklärte thm, daß ich seiner Anordnung nicht Folge leisten werde. Als Gewählter des Volkes von Wien, als Bllrgrmeister und Landeshauptmann des Landes Wien werde ich auf meinem Posten bleiben und daß ich mich durch niemanden und durch nichts, es sei denn das Volk Wiens selbst, in der Ausübung meiner Pflichten werde behindern lassen. Der Polizetrat er- klärte, er müsse in diesem Falle neue Instruktionen einholen. Er kam bald wieder und erklärte uns, er müsse auf unfern Verhaftungen bestehen, zumindest müßten die an- wesenden Stabträte ihm folgen. Die Verhaftung müßte unter Umständen gewaltsam erfolgen. Inzwischen hatte die Polizei bereits zwei Autos requiriert, in denen die bei mir anwesenden Personen abgeführt wurden Sic waren der Polizei gefolgt, nachdem diese darauf verzichtet hatte, mich ebenfalls sofort abzuführen. Um 20 ist das Militär, das das Rathaus besetzt hielt, abgezogen und wurde durch Hcimwchrabteilnngen ersetzt. Wie mir von einem Beamten berichtet wird, begab sich Stadtrat Danneberg sFtnanzdircktor von Wien! zum Finanzminister Buresch, um Auskunft von ihm zu verlangen, wie weit die Dinge getrieben werden sollten. Als er von dort nach Hause ging, wurde er in seinem Domizil ebenfalls ver- haftet.* Seitz— Renner— Breitner Der frühere Ftnanzreserent des Wiener Gemeinderates Breitner und der Landesrat P e tz n e k. der Gatte der sogenannten„roten Prinzessin", der Fürstin Windischgrätz, einer Enkelin des Kaisers Franz Joses, find am Dienstag verhastet worden. Der Bürgermeister von Wien, Seitz ser ist mindestens 70 Jahre alt), hat nach Angabe des behandelnden Arztes einen Schwächeansall, also keinen Schlagaofall, erlitten. Seitz befand sich bis Dienstag nachmittag im RathanS. Daraus wurde er ins Polizeigesängnis gebracht. Wien, 18. Febr. Wie amtlich mitgeteilt wird, hat am Dtenö- tag vormittag Minister Schmitz seine Tätigkeit als Bundes- kommissar im Rathaus aufgenommen. Wie bestimmt ver- lautet, wurde auch Bürgermeister Seitz in Schutzhaft ge- Kommen. Auch ber Präsident des Nationalrates Dr. Ren- n e r und ber Präsident des Bundesrates Körner seien verhaftet worden. Teilweise Wiederaufnahme de« Verkehrs dnb. Wien, 14. Febr. Im ganzen Stadtgebiet ist die Nacht ruhig verlaufen. Roch im Floridsdorser Ge« biet, wo stch bekanntlich die Gegner noch gegenüberstehe», kam es während der Nacht z» keinen Kämpfen. Auch in den ersten Morgenstunden hörte man nur vereinzelt daö Explo- dicre« einer schweren Min«. Erst gegen 8 Uhr nahm das Artillerie- und Minenscner wieder zu. Straßenbahn und Stadtbahn verkehren wieber. Am Ring allerdings ruht noch der Bertehr, um die dort besonders in der Umgebung des Polizeipräsidiums getrossenen Abiperrnngsmaßregeln aus« rechterhalten zu können. Der Landeshauptmann von Kärnten, Kernmayer, der dem Landbnnd angehört, ist— wie es heißt— vom Bundes» kanzler telegrafisch ausgesordert worden, zurückzutreten. Dar» über wird eine Sitzung des Landbnnbes entscheiden, die im Laufe des heutigen Tages znsammentritt.— Kernmayer ist, nachdem Seitz in Wien beseitigt ist, der letzte Landeshaupt- mann, der, obwohl rechtsstehend, der Heimwchrdiktatnr nicht genehm ist. Echo aus Prag In Prag werden die österreichischen Ereignisse mit außerordentlicher Spannung verfolgt. Die Erregung des Lande» ergibt sich schon aus ielner geographischen Lag«. Dauernd berichten Extrablätter über die Kämpfe in Oester- reich und Wien. Die Auffassung, daß der Regierung Doll« fuß die Schuld an den Ereignissen zuzuschreiben sei, ist nahe« zu allgemein. Die Vorstände der tschechischen und deutschen sozialdemokratischen Partei haben sich in einer gemeinschast- lichen Sympathiekundgebung für die Sache ber kämpfenden Arbeiter in Oesterreich erklärt. Gerüchte, daß tichcchoslowa- kische Arbeiterhilfskorps die österreichisch« Grenze über- schritten hätten, oder überschreiten wollten, werden demen- tiert. Anfrage In Unterhaus dnb, London, 18. Febr. Der englische Außenminister Simon nahm am Dienstag nachmittag zur Lage in Oesterreich Stel- lung und machte dem Hause Mitteilung über die Nachrichten, die ihm von der österreichischen Regierung zugegangen waren. Der Abg. M a n d e r fragte daraufhin, ob die englische Re» giernng bereis sei, der österreichischen Regierung tlarzu- machen, baß jede Unterdrückung verfassungsmäßiger Einrichtungen durch die öffentliche Meinung Englands nicht unter» stützt würde. Simon erteilte auf diese Frage keine Ant- wort. Ferner stellte das Mitglied der Unabhängigen Arbeiterpartei Maxton die Frage an Simon, ob und wann der Völkerbund in der Lage sein werde, die österreichischen Schwierigkeiten zu erörtern. Simon erwiderte daraus: Ich glaube, die Lage ist so, daß zwar die österreichisch« Regierung grundsätzlich beschlossen hat, den Völkerbund anzurufen, daß fie aber Dr. Dollsuß die Entscheidung überlassen hat, in welchem Augenblick dies getan werden solle. Sobald die An» rusung ersolgt, wird, wie ich annehme, eine Sondersitzung de» BölkerbundsrateS stattfinden. Auf die Frage Maxtons, ob der Völkerbund nicht zu den beunruhigenden Ereignissen in Oesterreich Stellung nehmen würbe, bevor st« ihm dnrch Doll» fuß vorgelegt werden, antwortete Simon, er sehe im Augen» blick keine Möglichkeit für den Völkerbund, aus eigenem An» trieb in dieser Angelegenheit etwas zu unternehmen. Indessen kam es in Frankreich wieder zu einer Linksregie- rung, in der Paul-Boncour zwar nicht mehr Augen- minister aber als Kriegsminister weiterhin ein sehr gewich- tiges Mitglied der französischen Regierung geworden ist. Komplikation durch die deutsche Note Herr Dollsuß war, wie man erfährt, trotz des Protestes der Mächte entschlossen, den Staatsstreich zu führen, wen» nicht j u st a m s e l b c n T a g die deutsche Antwortnote ein- getroffen wäre, die offenbar Herr Dollfuß zu einem späteren Termin erwartet hatte. Nun hatte sich aber die internationale Lage geändert, nun bedurfte Dollsuß in seiner Aktion gegen Deutschland die Hilfe der Westmächte— in diesem Augen- blick konnte er eS nickt wagen, den Bürgerkrieg zu entfesseln. So unterblieb diesmal der Schlag gegen Wien. So scheint der Staatsstreich in Tirol fehlzuschlagen. So scheint eS aber nur zur Stunde, da wir diesen Be- richt verlassen. Am nachmittag des Montag, den 5. Februar, ist w i e b e r Heim wehr in Innsbruck eingerückt und zur Stunde ist nicht zu übersehen, ob die Verbrecher nicht doch den Funken des Bürgerkrieges in das Pulverfaß Oester- reich schleudern. Appell zum Generalstreik Tie Arbeiterschaft war jedenfalls gerüstet, den Schlag ge- gen Wien mit dem Generalstreik zu beantworten. Schon am 2. Februar wurde Oesterreich mit ungeheueren Manen ille- galer Flugblätter überschwemmt, in der die unmittelbar dro- hende Gekabr eines Staatsstreiches in Wien alarmiert und der Generalstreik für diesen Fall angekündigt wurde. Bin Aufruf der Tiroler Sozialdemokratie Am i. Februar erließ die sozialdemokratische Partei Tirols folgenden Aufruf: „Der Versuch verblendeter Elemente, die Verfassung des Landes Tirol gewaltsam zu ändern, hat in den Reihen der Tiroler Arbeiter und Bauern schärfste« Widerspruch und ungeheure Empörung hervorgcruseu. Spontan hat sich die übergroße Mehrheit beS Volke» zu Recht, Gesetz und Verfassung bekannt, und in«achdrück» liche« Kundgebungen ihre Auffassung knndgetan. Ted Land braucht dringend Ruhe und Frieden, um aus der«nge» Heuren wirtschaftlichen Not herauszukommen. Darum müssen die Friedensbrecher, gleichviel aus welchem Lager fie stammen, entschieden zur Ordnung gerufen werben. Die Tiroler Arbeiters«hast leidet neben den Bauern am meisten unter der Not der Zeit. Sie warnt deshalb noch» malS davor, die Dinge zum Aeußersten zu treiben. Die Gegner des Selbstbcfttmmungsrechtes in der Jahrhunderte alten Freiheit deS Tiroler Volkes mögen ein süralle» mal wissen, daß die Tiroler Arbeiterschaft nicht duldet, daß fie und ihr gutes Rech« mit Füße« getrete« werden. Die Gefahren find noch nicht endgültig gebannt. Größt« Wachsamkeit ist weiterhin geboten. Die Arbeiterschaft Oesterreichs ist entschlossen, de« Staats» streich in irgendeinem der Bundesländer mit de« Gene» r a l st r e i k zu begegne«. Wen« die Verbrecher eS wageu sollten, in einem Bundesland den Staatsstreich zu uuter» »ehme«, so wird von dort a»S der Generalstreik und der Bürgerkrieg in ganz Oesterreich auf» gerollt werden. Die Entscheidung rückt heran! Arbeiter! Laßt Euch nicht alarmmüde machen! Haltet Euch bereit, um die Freiheit zu kämpfen! Hinter dieser Regierung der Desperados steht nicht» al» einige tausend unsichere Bajonette. Gegen diese Regierung steht das ganze Volk! Darum: Fällt die Entscheidung, so kämpft mit allen Waffen, denn es geht um Eure Freiheit, es geht um Eure Kinder, es geht um Eure Zukunft! Wir wollen nicht Sklaven werden! Frei wollen wir bleiben! Für uns streitet geheiligtes, beschworenes Recht! » Mobilmachung der ilelmwehr Die Hcimwchr hat— man beachte das Datum!— am 27. Jänner den folgenden Mobilisierungsbefehl erlassen. Uns liegt dieser Befehl im Original der Margaretner-Heimw.chr vor: er ist mit entsprechenden Varianten am selben Tag ron allen Abteilungen und Unterabteilungen der Hcjmmehr an alle ihre Mitglieder ergangen: er lautet: Wiener Heimatschutz Jägerbaou III Kompagnie. Herr Kamerad ssolgt der Name). Die Bundesregierung ist nunmehr gewillt, unter all«« Umständen die Entscheidung herbeizuführen. Sie wird tu den nächste» Tagen alle Angehörige« der im Schutzkorps eingegliederte» Wehrsormationen zur aktive» Dienstleistung in daS Schutzkorps einberusen. Unser LandcSsührer, Vizekanzler Major a. D. Emil Key, als Chef des Sicherheitswesens, sordert daher alle Heimatschützer aus, unter möglichster Rück» stellang aller beruslichen Rücksichten in dieser entscheidende» Stunde fich dem Staate durch Eintreten in das freiwillige Schutzkorps zur Verfügung zu stellen. Diese Rufe, bzw. Befehle unseres Führer» Folge zu leisten, ist uns MargaretuerHeimatschützeru selbst» verständliche Pflicht, unser Gelöbnis, als sreiwillige Kämp» ser für Heimat und Volk, für ei« freies christliches, deut« sches Oesterreich, einzulösen. Sie«erben daher aufgefordert, stch unbedingt am Montag, den 2». d. M. um halb 8 Uhr abends im Heime 4„ Haus» labgasse L, behufs Zusammenstellung der neu auszustelle»- den Formation des Schutzkorps pünktlich einzufinden. Dao«uentschuldigte Fernbleibe« wird als Austritt aus dem Heimatschntze ohne Rückficht auf die Dauer der Zu» gebörigkeit zum Heimatichutze augesehen. In diesen entscheidenden Stunden gehören alle wahren Kämpfer für unsere Idee in die Front. Heil Starhemberg! Heil Oesterreich! Wien, am 87. Jänner 1984. Der BaouSkmdt.: Karl Bieber«»»« e h. Dieses Dokument beweist, daß die Regierung Dollsuß-- Fey die Heimwehr nicht aufgeboten hat. um einen von den Nazi drohenden Putsch abzuwehren, sondern um selbst«ine „Entscheidung* herbeizuführen— nämlich den Staat s» streich. vorgesdiidtic des Staatsstreichs Material aus der Illegalen östereidiisdien wodiensdirtit Oesterreich wird illegal eine sozialdemokratische Wochen- schritt„Ruf zur Freiheit" verbreitet. Die letzte Num- mer, die uns heute erreichte, ist vom 11. Februar datiert. Sie bringt eingehendes Material darüber, daß der Bundeskanz- ler Dollsuß und sein Vizekanzler F e u schon kür Ende Januar oder Ansang Februar den Staatsstreich geplant hatten. Durch die Putschgefahr von den Nazis her sollte eine Panikstimmung ber Bevölkerung erzeugt werden, die Heim- wehr sollte in Tirol„revoltieren" und von dort aus sollt« sich die Bewegung bis nach Wien mälzen. Gleichzeitig sollte in der Bundeshauptstadt das RathauS besetzt und die sozta- listische Landesregierung vertagt werden. Bundeskanzler Tollfuß wählte diesen Zeitpunkt, weil am 20. Januar gemeldet wurde, daß der Sturz der französischen Regierung Chautemps unmittelbar bevorstehe. Gegenüber Paul-Boncour, dem Außenminister des Kabinetts Ehautcmps hatte nämlich Dollfuß die Verpflichtung ein- gegangen, entscheidende Maßnahmen gegen die sozialdemokratische Partei zu treffen, um Oester- reich vor der Katastrophe des Bürgerkrieges zu bewahren. Diese Verpflichtung bindet natürlich die österreichische Re- gierung an die französische Regierung und nicht nur an eines ihrer Mitglieder. Der jesuitische Dollsuß stellte sich aber so, als hätte er sich nur gegenüber dem Außenminister Paul-Boneour und nicht gegenüber der französischen Regierung gebunden. Und da mit EhauiewvS auch Paul-Boneonr demmtsiioniert hatte, so glaubte sich Herr Dollsuß dieser Vervflichiuna entbunden und war entschlossen, die kurze Spann? Zeit der französischen Re- gierunaSbildiing zum Staatsstreich auszunützen, um die neue französische Reaiernna einfach vor die vollendete Tat- fache de? Staatsstreiches zn stellen. Der seine Plan des Herrn Dollsuß war also in der Zeit- spanne zwischen der Demmission der Regierung Chau» temps und der Vorstellung der neuen Regierung in der Kammer, die Wiener Rathausregiernng zu stürzen und gleichzeitig von Tirol aus den Staatsstreich über ganz Oesterreich zu tragen. Der Schritt der Mächte Gegen diesen Plan protestierten nun. wie man aus dem „Prager Tagblatt" vom». Februar eriuhr, der engllsche und der s r a n z ö s i s ch e G e s a n d t e. Diese ungemem wich- tige Meldung, die der österreichischen Bevölkerung aus Wei- sung der Preßpolizei natürlich verheimlicht wurde, lautete: Wie«, 2. Februar. Gestern sprachen der englische und der srilnzöfische Gesandte beim Bundeskanzler vor,»m«hu über die Vorfälle in Innsbruck zu befragen. Gegenüber dem französischen Gesandten soll stch Bundes« kanzlex Dr. Dollsaß geäußert haben, daß er fich a n g e« ficht» der geänderten politischen Lage in Frankreich nicht mehr gebunden fühle, die er seinerzeit dem damaligen französischen Außenminister ge- genüber eingegangen sei, nämlich keine entschei» denden Maßnahmen gegen die sozialdemo» kratische Partei zu tresseu. Der französische Ge- sandte P u a u x soll dieser«ufsassuug des Bundeskanzlers entgegengetreten sein und gemeint haben, daß der Regierungswechsel in Frankreich kein Anlaß sei, dies« Zusichern«» zurück,uueh» wo. Der große Freiheitskampf Namenlose neiden In ganz Oesterreich kämpfen sie. die namenlosen Helden. In ganz Oesterreich verteidigen sie Freiheit, Republik und Sozialismus gegen das faschistische Verbrechen, das von Amts wegen das Oesterreich der Frei- heit, das Oesterreich der sozialistischen Kultur, das kul- turelle Oesterreich überhaupt, niederschlagen will. Es sind die Arbeiter aus den Betrieben, aus den Büros. Es sind die Arbeiter auf der ganzen Linie, die ihr Leben einsetzen in diesem Kampf gegen dar faschistische Ver- brechen. Wer weiß was von dem Mut dieser Männer, der von ihren Gegnern zum Verbrechen ge- stempelt wird? Wer weiß etwas von dem H e l d e n t u m. das in den Straßen Wiens, von Graz und überall in Oesterreich verzweifelt ringt gegen eine un- geheure Macht, gegen die Macht des Militarismus, gegen Polizei und die ganze Staatsmacht überhaupt? Kämpft gegen das von oben dirigierte Verbrechen am öfter- reichischen Volk? Kein Dichter singt ihnen Heldenoden. Ihnen wird man keine Ruhmesdenk m ä l e r setzen in Stein und Erz. Jeder von ihnen weiß das, der mit der Waffe in der Hand kämpft. Nicht für Orden und Ehren, nicht für klingenden Lohn, nicht für Rangstufe. Titel und Ve- förderungskram. womit die Helden des Krieges sonst ge- ködert werden. Diese namenlosen Helden kämpfen nicht für religiös verbrämten mittelalterlichen Tand. Zie kämpfen nur und letzen ihr Leben ein, daß die Luft freibleibtumsie.damitsieatmenkönnen, damit sie in Freiheit arbeiten und ihr Brot verdienen können, wovon sie leben müssen. * Sie stehen fest, die österreichischen Arbeiter und Helden. Jetzt zeigt sich schon, daß in diesem Bürgerkrieg nicht ge- kämpft wird um Stadtteile, einzelne Gebäude, Bahnhöfe, sondern überall, wo die Möglichkeit besteht. Wenn ein Bahnhos erobert wurde von den Faschisten, wenn eine Höhe gestürmt wurde, dann melden die österreichischen Verfassungsbrecher und blutbesudelten Fey-Starhemberg- Faschisten ihren Sieg in die Welt, um dann eine Stunde später wieder der aufhorchenden Menschheit verkünden zu müssen, daß sich die sozialistischen Kämpfer wieder an anderer Stelle gesammelt haben und,er- neutweiterringeninhartem. erbittertem Kampfe. Daß selbst die verfaffungsbrecherische Regierung ihre Lage anfängt ängstlicher zu beurteilen, geht schon daraus hervor, daß der hauptfaschistische Akteur. Major Fey. einen Runderlaß an sämtliche Militärkommandan- ten und Sicherheitsbehörden herausgab, in dem er rück- sichtslos jeden Versuch des Widerstandes mit„allen Mit- teln niederzuschlagen" befiehlt und hinzufügt: Im ganzen Bundesgebiet müsse bis zum Dienstag abend die„Ruhe wieder hergestellt sein". Daraus kann man ersehen, daß es den faschistischen Verbrechern angst und bange wird, zumal sie befürchten müllen, dak das Militär auf längere Zeit den ungeheuren Spannungen, denen der einzelne Soldat ausgesetzt ist. wenn er auf seinen Bolksbruder schießt, nicht mehr gewachsen ist. Wenn aber schon der österreichische Rundfunk in Bewegung gesetzt werden muß. um Freiwillige von den ehemaligen Kriegs- Teilnehmern aufzubieten gegen die kämpfende Arbeiterschaft, dann weiß man, wie die Lage in Oester- reich ist. So kämpfen Oesterreichs Sozialdemokraten gegen den Faschismus! NSDAP gegen DoIIfnO Kein Waffenstillstand mit den Heimwehren Münchs», 14. Febr. Wie die Landesleitung der NSDAP. Mitteilt, sind die Gerüchte, wonach zwischen H e i m w e h r und N S D A P. Waffenstillstandsverhandlungen geführt wurden, unzutreffend. Der Kampf der NSDAP, gegen das System Dollfuß wird kompromißlos weitergeführt. 'In ihrer Stellungnahme zu den blutigen Ereignissen in Oesterreich erklärt die nationalsozialistische Partetkorrespon- denz, daß es nur eine Möglichkeit gebe, dem Ehaos in Oester- reich ein Ende zu setzen, nämlich einen Schlußstrich unter das Willkttrregiment Dollsuß-Fey zu ziehen und dem öfter- reichischen Volk selbst das Bestimmungsrecht über sein Schick- sal in die Hand zu geben. Die Dlolopfer Viele Hunderte Wien» 13. Febr. Auch die amtlichen Berichte geben jetzt zu, daß die Kämpfe sehr schwere Blutopfer fordern. Die Verluste in Wien werden jetzt mit 33 Toten und 168 Schwer- verletzten angegeben. In Wien ist in der Lage im Laute des Vormittags keine wesentliche Aenderung eingetreten. Für eine Anzahl von Bezirken sind dringend Verstärkungen an- gefordert worden. In Ottakring explodierte durch einen Treffer ein Gaso- Meter. In diesem Bezirke wurden Truppen von den Dächern und einem Feuerwehrturm aus beschossen, woraus die Truppen zum Sturm ansetzten. Aus einem Gemeindehaus eröffneten die Verteidiger der Freiheit scharfes Maschinen- gewehrfeucr, worauf Haubitzen die Stellung unter Feuer nahmen. Bei der Besetzung eines ebenfalls in diesem Bezirk gelegenen großen Gemeindehause, das dnrch Artillerieseuer schwer beschädigt war, wurden 36 Schntzbttndler verhastet, bei denen mau jedoch keine Munition mehr vorfand. Schutz- bündler. die verhaftet worden sind, sollen vor das Stand- gericht gestellt werden. Der Adjutant des Staatsverbrechers Fey. Major Wrabel. ist durch einen Schuß in den Arm ver- letzt worden. Nach einer privaten Mitteilung ist die Frau des bekannten sozialdemokratischen Nationalrats Abgeord- neten Sever bei der Erstürmung des Arbeiterhauses in Ottakring erschossen worden. Entscheidende Tage in Oesterreich Oben: Die beiden sich feindlich gegenüberstehenden Mächte, links: Angehörige des sozialdemokratischen Schutzbundes: rechts: Eine Abteilung Seimwehr.- In der Mitte: Das Rathaus in Wien, das eine sozialistische Mehrheit aufweist. — Links: Seiy, der Oberbürgermeister von Wien, eine der führenden Persönlichkeiten der österreichischen Sozialdemo- kratie- Rechts: Bundeskanzler Dr. Dollsuß. der auf Forderung der Hcimwehr durch den Vizekanzler Fey jetzt den Kamps gegen die Sozialdemokratie eröffnete. Jedes Dans ist eine Festang.... Nach dem amtlichen Bericht wird bekannt, daß in Linz »ach wie vor die Arbeiterschaft weiterkämpft. Es heißt da: „gegenwärtig wird der Bahnhof gesäubert". Der Güterbahn- hos ist noch in Händen der Freiheitskämpfer, denn der amtliche Bericht kündigt erst noch eine„Aktion" an. In S t e q r wurde während der Kampfhandlungen ein Direktor der Steyrwerke erschossen. Auch hier ist es den militärischen Ab- teilungen und dem Heimatschutz bisher nicht gelungen, die Kämpfenden aus dem Ort herauszudrängen. Der amtliche Bericht kündigt an, daß ma» mit der„Säuberung"„noch" beschäftigt sei. I» B r u ck au der Mur wurde zwar der Schloßberg nach schwerem Artillerieseuer von der ver- saffungsbrecherischcn Soldateska erstürmt, aber in den Straße» wird nach wie vor der Kamps erbittert sortgesetzt. JedesHaus ist eine Festung. In Katzenberg sSteiermarks wurde das Gendarmerie- posteukommando von Schutzbündler» eingeschlossen. Die Frei- heitskämpser sind Herren der Lage. Heeresabteilungen und starke Abteilungen der Heimwehr sind nach Katzenberg unter- wegs. Der amtliche Bericht spricht davon:„Zur Befreiung des Gendarmerieposteukommandos". Daraus ist zu erkennen, daß in Katzeuberg und Umgebung die ganze Polizei und Gendarmerie festgesetzt und entwaffnet ist. In E g g e n b e r g bei Graz haben sich die Schutzbllndlcr in der Fabrik Wagner uud im Büro der Schienenwalzwerke festgesetzt. Auch hier ist es bisher nicht gelungen, weder mit Polizei-, noch mit Militärabteilungcn die Verteidiger aus ihren Positionen herauszubringen. In Graz soll vorläufig noch Ruhe herrscheu. In N i e d e r ö st e r r e i ch soll noch Ruhe herrscheu. In Judeuburg fanden Barrikadenkämpfe statt. Au« gebltch sollen die Barrikaden vom Bundesheer gestürmt worden sein. In Wien gehen die Kämpfe weiter. Im 19. Bezirk, also im Marxhof, und im 19. Bezirk, den städtischen Wohnungs- anlagen Sandleiteu und im Arbelterheim sowie au einigen Stelleu im 11. und ZI. Bezirk finden zur Zeit heftige Kämpfe statt. Die Verteidiger erwidern das Feuer der Polizei des Militärs und des Heimatschutzcs und schlagen die Angriffe der faschistischen Verbrecher überall zurück. Selbst Artillerie ist eingesetzt worden. Die Freiheitskämpfer wehren sich mit Heldenmut. DaS war die Lage in Oesterreich Dienstag vormittag. Nach einem amtl'">en Bericht. Man steht daraus, wie erbittert in ganz Oesterreich gerungen wird, und daß der verbreche- rische Staatsstreich der Heimwehrsaschisten unter Dollfuß' Duldung trotz Ausgebot der ganzen österreichischen Armee, Polizei, Gendarmerie und der Heimwehr, bisher nicht ver- mochte, die das freie Oesterreich verteidigende Arbeiterschaft niederzuschlagen. Die Kample um norfdsdorf und Ottakring Die Arbeiter nicht besiegt SB i e s, 18. Febr. Ju Floribsdorf, de« jeusettö der Donau gelegenen Bezirk, waren am Dienstag um 19 Uhr noch einige für den Berkehr»ach Norden wichtige Puukte im Besitz der Sozialdemokraten, so auch baS Leopoldsauer Gaswerk Eiu doppelseitig« Angriff, sowohl aus dem Innern der Stadt wie von der uiederöfterreichischen Seite her gegen diese Stellung der Sozialdemokraten ist im Gange. Bon offiziöser Seite wird erklärt, die beiden großen Gemeindebauteu im 19. Bezirk in der Ouellenstraße seien teils gestürmt, teils auch durch die Uebergabe in den Besitz der Regierungstruppeu gekommen. Seit 18 Uhr ist ein neuer Kamps um das Ar. beiterheim Ottakring ausgebrochen. Wie es heißt, solle» die Sozialdemokraten, die durch„unterirdische Gänge" in die Nachbarhäuser geflüchtet waren, nachdem sie von dort ans das Arbetterheim unter Maschinengewehrseuer genom, meu hatten, die schwache Polizeibesatzung wieder hinaus» gedrängt und das Heim erneut besetzt haben. Polizei geht nun erneut gegen das Arbeiterheim vor. Der Staatssekretär für das Heerwesen hat im Rund» funk eine Ansprache gehalten, in der er a l l e«he- maligen Kriegsteilnehmer aufforderte, sich bei den zuständigen Militärstellen oder beim vaterländischen Dienst als Freiwillige zu melden. Artillerie und Pioniere! Wie», 13. Febr. Die Kampfhandlungen der Regierung« truppeu gegen die Freiheitskämpfer ballen sich in de« Abend» stunden in dem jenseits der Donau gelegenen ZI. Gemeinde« bezirk Floridsdors zusammen. Die Regierung hat zur Säube» rung dieses Bezirks schwere Artillerie und Pioniere eingesetzt. Als ernst wird die Lage in S t e y r bezeichnet, wo jetzt ei» motorisiertes Bataillon eingesetzt worden ist. Heimwehr» abteilungen unter Führung Starhembergs sind nach Steyr im Bormarsch. Nach Artillerievorbereitung soll alsdann die Infanterie zum Sturm aus Steyr eingesetzt werde«. Im Initial wird noöi gekämpft Innsbruck, 13. Febr. In dem Jndustrieort W ö r g l im Inntal sollte am Dienstag das sozialdemokratische Arbeiter- heim besetzt werden. Die Arbeiterschaft versammelte sich daraus nnd leistete Widerstand, demgegenüber sich die i« Wörgl verfügbaren Machtmittel als zu schwach erwiese». Ju dem in der Nähe gelegenen Bergwerksort Häring ist ein Teil der Bergleute in den Streik getreten. Die Streikenden sind gemeinsam mit dem Republikanischen Schutzbund von Häring im Anmarsch aus Wörgl. Der Ort ist gegenwärtig von der Außenwelt abgeschnitten. Bon Innsbruck aus ist Heim- wehr und Gendarmerie abgesandt worden. Die Lage ist kritisch. Ulf ollen rafffein Wien, 13. Febr. Vizekanzler Major Fey hat einen Rund- erlaß an sämtliche Militärkommandanten und Sicherheit« Behörden herausgegeben mit der Aufforderung, rücksichtslos jeden Versuch eines Widerstandes mit allen Mitteln nieder- zuschlagen. Die Ruhe im ganzen Bundesgebiet müsse bis zum heutigen Dienstag abend wiederhergestellt sein. Räch de« bisherigen Berichte« aus Wien sollen 84 Tote uud 7Z Schwerverletzte allein in dem Allgemeinen Kranken, Hans festgestellt worden sei». In Graz sind 999 Personen verhaftet morde«. Di« Zahl der Toten in Graz wird mit 79 angegeben. Auch in B ö ck l a b r u ck ist ei» großer Unruheherd vor» Händen. „Deutsche Freiheit" Nr. 38 KP Hf■ I mm Mx If■fW I I# I 4p I Donneritag, 15. Februar 1931 Wuppertal unöilnsllü „Hoffnungen.. Die„Kölnische Leitung"(Nr. 76) berichtet: Nun liegen aber trotz aller Anstrengungen die Verhältnisse in der ßarmrr Besstzinduitrie, die dem Tal und seinen Hängen das Gepräge gibt, nicht gerade sonderlich günstig Ueberall nährt man die Hoffnung auf eine allgemeine konjunkturelle Besserung, aus der dann auch die stark modisch beeinflußten Industrien Vorteil haben könnten, und da und dort glaubt man auch schon ein Aufwärts zu beobachten. Während das Inlandgeschäft zu gewiesen Hoffnungen he rechtigt, leidet der Export noch sehr stark und ist überhaupt nur unter schwersten Preisopfern zu bewerkstelligen. Es bereitet rechtschaffen Mühe, selbst die stark zusammengeschrumpfte Ausfuhr auf dem niedrigen Stand zu behaupten. England, Oesterreich und Belgien stehen in scharfer Konkurrenz, und gerade dem erstem Lande kommt die Währungsdevalvation bei seinem Vordringen auf den internationalen Märkten außerordentlich zustatten. Was natürlich alle Firmen ziemlich gleichmäßig bedrückt ist der Umstand, daß die Leistungsfähigkeit, die Leistungsmöglichkeit allenthalben in ungünstigstem Verhältnis zu ihrer Ausnutzung steht. Die Beschäftigung in der Wuppertaler Bandindustrie ist nicht gleichmäßig. Während einzelne Betriebe weiter drosseln mußten, konnten andre wieder etwas mehr Aufträge hereinholen. Ein großes Sorgenkind des Wuppertals ist immer noch die Hutgeflechtindus t r t e. Hierin wird die Auslandskonkurrenz besonders lästig empfunden, wobei neben der Schweiz insbesondere Japan im Vordergrund steht. Waren- und Kaufhäuser Großer Umsatzrückgang Insgesamt zeigt die Statistik für das Jahr 193 3 bei den Warenhäusern einen Rückgang um 18,7 Prozent, bei den Kaufhäusern um 13,5 Prozent. Der Um- satzschwund ist am größten bei den Lebensmittel- abteilungen mit 22,2 Prozent und am geringsten in den Hausrat- und Möbel abteilungen der Kaufhäuser, die nur 6,2 Prozent verloren. Ueber die Entwicklung der Kundenzahl(Zahl der Kassenzettel), über die seit einiger Zeit keine statistischen Angaben mehr erfolgen, wird berichtet, es ergebe sich aus den Unterlagen deutlich, daß der Rückgang im ganzen nicht auf ein Sinken des Umsatzes beim einzelnen Kauf zurückzuführen sei, sondern auf eine 3 er- minderung der Zahl der Käufer- Dies bestätige, daß im legten Jahr eine Kundenahwanderung stattgefunden habe, eine Entwicklung, die nach den Unterlagen weiter anhalte. Dieses Gesamtergebnis bietet nach den regelmäßig veröffentlichten Monatszahlen keine Ucberraschung mehr. Seine Bedeutung für die La je der Warenhäuser wird indes erst klar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß schon das Jahr 1932 umsatzmäßig und an manchen Stellen auch finanziell bereits eine Zuspitzung gebracht hatte. Im Durchschnitt waren die Umsätze 1932 gegenüber 1931 bereits um 17 bis 18 Prozent gegenüber 1930 um rund ein Drittel zurückgegangen Der Umsatz verlast beträgt also gegenüber dem Stand von 1930 etwa 45 Prozent. Was der Umsatzrückgang bedeutet, wird ferner klar hei einer Gegenüberstellung mit den Ergebnissen der Fachgeschäfte, für die die Forschungsstelle für den Handel kürzlich einen Umsatzzuwachs im Dezember von 7 Prozent und im ganzen Jahr 1933 einen Rückgang von schätzungsweise 3 Prozent errechnet hatte. Deutsche Industrieproduktion Nach den Angaben des Instituts für Konjunkturforschung hat sich die industrielle Produktion wie folgt entwickelt: Schrumpfung des deutschen Außenhandels 1»« Ost. I9>3 April IM! Juli 1935 Ok». 1933 Monat» wer. In Will RM -"'990 3110 34» >440 33« Grumt»| Produktion». Vcrbrsuch»- s'rruRung etiler«Girr Textilien in"h von 1928 «9.1 65.5 706 TOJ ZI.4 54,-. 58.6 OI.9 T 78.3 82.5 88.7 84.2 86.6 »4.2 »4.7 96.7 72,8 66.4 82,3 94,9 lüd'sctie landwlrfsdiott Palästinas (Z. T. A.) In Tel Aviv fand eine Konferenz des Verbandes der judischen Landwirte Palästinas statt, der 50 000 in den jüdischen Vorkriegskolonien wohnhafte Mitglieder, unter ihnen 15 000 erwachsene Arbeiter, umfaßt. Auf der von 180 Delegierten besuchten Konferenz wurden technische und organisatorische Angelegenheiten von 25 landwirtschaftlichen Siedlungspunkten erörtert. In seiner Eröffnungsansprache machte der Vorsitzende des Verbandes, der bekannte Landwirt und landwirtschaftliche Schriftsteller Mos ehe Smilanski, bemerkenswerte Feststellungen über die Beziehungen der jüdischen Landwirte zur Mandatarmadit und übet die Vorteile, die die jüdische Kolonisation der arabischen Bevölkerung bietet. Smilanski wies darauf hin, daß in den von den Mitgliedern des Verbandes besiedelten Kolonien 5000 Araber ihr«n Lebensunterhalt verdienen. Wahrend früher ein Dunum Land in Palästina zwei Araber ernährt habe, zögen jetzt von demselben Bodenausmaß infolge der durch die jüdische Landwirtschaft herbeigeführten Intensivier ung 30 Juden und 5 Araber ihre Nahrung. Das heißt Kolonisation, das heißt Zionismus, rief Smilanski unter dem Beifall der Versammlung aus. Wir sind englandfreundlich erklärte Smilanski, weil wir der UeherzCugiing sind, daß. zum mindesten was unsere Generation betrifft, in Palästina vom jüdischen Volk nichts ohne englische Hilfe getan werden kann. Wenn auch die Landwirte für die von der englischen Verwaltung Palästinas begangenen Fehler und die Hindernisse. die dem jiidi'chen Aufhält in den Weg gelegt wurden, nicht blind waren, so könne er seine Haltung der Toleranz gegenüber den nichtjüdischen Faktoren des Landet doch durchaus rechtfertigen. Im Jahre 1933 Berlin, 13. Febr Die Außenhandelsumsätze sind im Jahre 1933 ebenso wie im Gesamtergebnis auch im Verkehr mit den einzelnen Ländern überwiegend zurückgegangen. Aus europäischen Ländern ist die Einfuhr im ganzen um 8,7 Prozent, aus Uebertee um 10,3 Prozent gesunken. Aber tnnerhalb dieser beiden Gruppen, d. h. bei den einzelnen Ländern, war die Entwicklung sehr verschieden. Während die Einfuhr von Lehensmitteln dem Werte nach um rund 28 Prozent gesunken ist, hat sich der Wert der Einfuhr von Rohstoffen auf dem Stand des Vorjahres halten können. Am stärksten abgenommen hat die Einfuhr aus Ländern, die Getreide nach Deutschland liefern, so insbesondere aus Rußland, Rumänien und Argentinien. Stärker vermindert war daneben aber auch die Einfuhr aus Dänemark, den Niederlanden, Spanien, der Tschechoslowakei, Brasilien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Zugenommen hat die Einfuhr, abgesehen von dem Saargebiet, vor allein aus Finnland(Holz), Schweden(Eisenerze), Ganada(Weizen, Kupfer, Erze!, Australien mit Neuseeland(Wolle), Uruguay (Wolle) und Peru(Mineralöle). Nach europäischen Ländern ist die Aua- fuhrinsgesamt um 18, 2 Prozent, nach Ueber- see um 2, 1 Prozent gesunken. Der überdurchschnittlich starke Rückgang des europäischen Absatzes beruht auf der starken Schrumpfung des Rußland- gesrhäfta. Schaltet man Rußland aus, so beträgt der Rückgang des Europaabsatzet„nur" 12.5 Prozent. Der Anteil der Ueberseegebiete an der deutschen Ausfuhr hat sich von 19 Prozent im Vorjahre auf fast 22 Prozent erhöht. Besonders ungünstig war die Absatz- ent wicklung, abgesehen von Rußland, nach den Ländern Mittel-, Ost- und Südost- e u r o p a s. Nicht ganz so stark hat aber auch die Ausfuhr nach Nord- und Westeuropa sowie Großbritannien abgenommen. Zugenommen hat innerhalb Europas in geringem Umfang in der Hauptsache nur die Ausfuhr nach Irland, Italien, Danzig und Portugal. Die günstigere Entwicklung des Ueberseeah- satzes ergab sich im wesentlichen im Verkehr mit amerikanischen Ländern, und zwar insbesondere Südamerika. Hier hat der Absatz nach Brasilien mit fast 60 Prozent die stärkste Zunahme aufzuweisen. Nach C a n a d a und den Vereinigten Staaten von Amerika ist die Ausfuhr dagegen gesunken. Verhältnismäßig stark(—21 Prozent) ist der Absatz nach Brit.-Indien zurückgegangen. Eine stärkere Zunahme weist die Ausfuhr nach der Türkei und nach Palästina auf. Die Ver- minderung des Absatzes nach den Entwertungsländern war gegenüber dem Vorjahre etwas geringer(—8 gegen— 12 Prozent ohne Berücksichtigung des Rußlandgeschäfts). Die deutsche Handelsbilanz schloß im Jahre 1933 im Verkehr mit Europa mit einem Ausfuhrüberschuß von 1520 Millionen Reichsmark, im Verkehr mit Uebersce mit einem Ausfuhrüberschuß von 846 Millionen Reichsmark ab. Gegenüber dem Vorjahre ist der Ausfuhrüberschuß im Handel mit europäischen Ländern um 627 Millionen Reichsmark gesunken, im Handel mit Uebertee ist eine Verminderung des Einfuhrüberschusses um 197 Millionen Reichsmark eingetreten. Im Verkehr mit europäischen Ländern hat der Ausfuhrüberschuß fast durchweg abgenommen. Eine nennenswerte Aktivierung(Steigerung des Ausfuhr- bzw. Verminderung des Einfuhrüberschusses) ergibt sich lediglich im Handel mit den Niederlanden. Italien und Spanien. Im Handel mit Großbritannien ist der Ausfuhrüberschuß gesunken. Eine verhältnismäßig starke Aktivierung der deutschen Handelsbilanz ergab sich im\ erkehr mit den amerikanischen Ländern. Arbeiter und Nazibonzen Hungerlöhne und Führergehälter Wir entnehmen dem Bulletin der Internationalen Föderation des Personals öffentlicher Dienste: Die Abzüge vom Wochen verdienst sind ganz ungeheure. Der Stundenlohn des ungelernten städtischen Arbeiters in Berlin beträgt zur Zeit etwa 80 Pfennig, bei 40stündiger Arbeitszeit 32 Mark brutto. Von diesem Lohn werden in Abzug gebracht: 8 Prozent Lohnsteuer; 3"» Prozent Arbeitslosenversicherung; l'/i Prozent Krisensteuer; 2"> Prozent für Krankenversicherung; 2 Prozent Invalidenversicherung; ] Prozent„freiwillige" Abgaben für die Opfer der Arbeitslosigkeit; 2' 3 Prozent Verbandsbeiträge. Das Netto-Einkommen beträgt hiernach 25,60 Mark. Von diesem Betrag sind fortgesetzt Sonderzahlungen für nationalsozialistische Veranstaltungen— die Pf licht Veranstaltungen sind— und die mit Eintrittsgeldern von 1—1,50 Mark bezahlt werden müssen, zu leisten. Das Netto-Einkommen(wöchentlich) des deutscheu Ge- ineindearbeiters ist heute um rund 40 Prozent geringer als zu Beginn des Jahres 1933. Die Kosten der Lebenshaltung sind im gleichen Zeitraum nach amtlichen Mitteilungen um 13 Prozent gefallen. Aus den öffentlichen Betrieben sind die früheren Funktionäre der Organisation fast restlos entlassen. Die früheren Vorstandsmitglieder des Gesamtverbandes wurden aus der Organisation ausgeschlossen und gingen damit jeden Anspruches an die Leistungen der Organisation verlustig. Die männlichen Angestellten sind restlos entlassen. Ein Teil des weiblichen Hilfspersonals ist in seiner Stellung belassen worden. Trotz, dem die Verbandsarbeit sich heute nur auf verwaltungstechnische Maßnahmen beschränkt, ist der neue Verwaltungsstab durchaus nicht kleiner geworden. Das Wort vom„Ge- werksrhaftshonzen" ist jetzt Wahrheit geworden. Beschließende Körperschaften gibt et nicht. Die Leitung befiehlt und der nachgeordnete„Pg."-Angestellte hat mit zusammengeschlagenen Hacken, Hände an der Hosennaht, die Befehle entgegenzunehmen und auszuführen. Als Leiter der Organisation wurde der 26jährige„Pg" Körner bestimmt. Körner war SA,-Mann. von Beruf Techniker und besitzt keinerlei gewerkschaftliche Vorbildung. Wieviel ist über die Gehälter der„marxistischen Bonzen - on den Nazis gesprochen und geschrieben worden! „Pg." Körner hat tirh ein Gehalt von monatlich 660 Mark bewilligt. Die früheren Vorsißenden bezogen zulegt ein Monatseinkommen von 495 Mark. Dafür mußten sie allerdings schwer arbeiten, während der Jüngling Körner nur kommandiert. K. ist nebenbei zum Mitglied des Reichseisenbahnrates bestimmt worden. F.r erhält hierfür eine Entschädigung von jährlich 12 000 Mark, das bedeutet, daß seine Bezüge dreimal so hoch als die der früheren Vorsiffenden sind. Angestellte der Organisation werden selbstverständlich nur bewährte Nazis. Die ersten Hunderttausend Pgs. sind natürlich schon lange untergebracht. Unter den Angestellten der Organisation befinden sich Mitglieder der NSDAP, mit einer Mitgliedsnummer über 1000 000 Ohne Wahl'erfolgt die Anstellung und ohne Rücksicht auf Vorkenntnisse durch den Leiter des Verbandes. Die Korridore des Gesamtver- bandet widerhallen von den Schritten der Kommißstiefel. Sämtliche Angestellte arbeiten in Uniform, der deutsche Gruß ist Selbstverständlichkeit. Eine Scene von einem Besuch des Verhandsleiters Körners bei der Ortsverwaltung Berlin sei hier noch wiedergegeben. Körner— selbstverständlich im hochfeudalen Auto— such des Verbandsleiters Körner bei der Ortsverwaltung begrüßt und durch die Räume des Verbandshauses in der Joliannisstraße geführt. Jeder Angestellte springt heim Erscheinen des„Pg." auf. nimmt militärische Haltung ein und meldet:„Parteigenosse X Nummer" Als in der Kassenabteilung die Pgs sich nicht schnell genug erhoben, herrschte Körner sie mit den Worten an:„Wollen die Kerle nicht aufstehen und melden?" Ein Kassierer für die 120 00t) Mitglieder zählende Ortsverwaltung wurde durch Inserat im „Völkischen Beobachter" gesucht. Die Archive in der Zentrale wie in den lokalen Verwaltungen sind z. T. vernichtet. Statistische Aufstellungen werden im„dritten Reich" nicht mehr gebraucht. Unlauterer Wettbewerb „Es kommt noch immer vor, daß Firmen mit irgendeinem Hinweis auf nationalsozialistische Grundsätze, Reden des Führers, bekannter Persönlichkeiten der NSDAP, oder unter Bezugnahme auf die Parteizugehörigkeit des Geschäftsinhabers Reklame treiben. Der Reichsstand des deutschen Handels hat erneut unter Berufung auch auf die diesbezüglichen Erlasse der Reirhsleitung der NSDAP, sich gegen diese Rekismemethoden gewandt und alle Organisationen des Handelt aufgefordert, für ihre sofortige Unterbindung in ihrem Bereich Sorge zu tragen. Et ist zu erwarten, daß heim erneuten Auftreten dieser üblen, den Grundsätzen des Nationalsozialismus schärfstens widersprechenden Geschäflsmethoden mit aller Strenge auch seitens der Verbände vorgegangen wird." Am gleichen Tage, da diese Verfügung im Börsenblatt iles Konkursburhhandels gedruckt wurde, macht der Verlag Franz Eher, Hitler» Privatgeschäft, für Rotenbergs Buchmist so Reklame, daß er seiner Anzeige die„Verfügung" des Osaf voranstellt, mit dei der Balte aus Petersburg und Paria mit der„Ueberwachung" der Naaigeistigkeit beauftragt wird. Gelten die üblen Geschäftsmethoden auch für den Besitze, der Firma Franz Eher? Oder soll der Erlaß dem Besitzer der Firma die Konkurrenz vom Hallt schaffen? Frauenarbeit in der Sowtelunton 1,8 Millionen Arbeiterinnen in der Großindustrie (FSU.) Aus einer amtlichen Statistik der Zentralverwal 1 tuug für Kontrolle und Verrechnung der Sowjetunion ergibt sich eine wesentliche Zunahme der Arbeiterinnen in det Industrie im Laufe der letzten 3 Jahre. Von 900 000 Franca am 1. Januar 1930 stieg die Zahl der Arbeiterinnen in de. Großindustrie auf 1.8 Millionen und erreichte 37 Prozent der Gesamtzahl der Beschäftigten. In der Metallindustrie ist die Zahl der arbeitenden Frauen von 9 Prozent auf 22,6 Prozent Mitte 193-3 gestiegen. Dies Zunahme der Frauenarbeit wird erklärt durch die weaentliche Erleichterung der Arbeitsbedingungen in der Industrie infolge der Mechanisierung einer großen Zahl von Arbeitsprozessen. Durch die Zunahme der Frauenarbeit haben sieh die Einkommenver- hältnisse der Arbeiterfamilien wesentlich geändert. Auf eine Arbeiterfamilie entfielen 1929— 1.22 arbeitende Familienmitglieder und 1933— 1.44. Das entspricht einer Steigerung des Familieneinkommens um durchschnittlich 93 Prozent. Palütinemischer Citrusexport Der Gesamte!trusexport Palästinas während der laufenden Saison beträgt bis Ende Januar 2 l U Millionen Kisten. Bis zum 28. Januar waren 2 227 402 Kisten gezählt. Der Hauptteil des Citrusexports betraf Apfelsinen. Di« Ausfuhr ging zum überwiegenden Teil über den Hafen Jaffa. Katholischer Redakteur terrorisiert Einschreilen der Relclisrefileiung Segen die halholische Presse an der Saar Ter bisherige Chefredakteur der katholischen„SandeS- Zeitung" in Saarbrücken, Herr Hoffmann, hat einen längeren Urlaub angetreten, vön dem er nicht mehr auf sei- nen Posten zurücktreten wird. Tie Entlassung dieses alten Zentrumsjournalisten ist ein neuer Beweis für den Gesin- nnngsterror, den die Nationalsozialisten an der Saar mit Hilfe der Neichsregierung und ihrer politischen Kreaturen auöpben. Nur deshalb und nicht wegen der be- häbigen und jedem wirklichen Kampfe ausweichenden Per- sönlichkeit des Herrn Hoffmann ist der Vorgang von allge- meiner Bedeutung. Die gleichgeschaltete Presse des Saargebiets hat Herrn Hoffmann dafür verantwortlich gemacht, da» die gesamte katholische Presse an der Saar das rohe, alle katholischen Gefühle verletzende Gefühl veröffentlicht hat, daß der»atio- nalsozialistische Landesführer Tpaniol, ein Tanfscheinkatho- lik, einem angesehenen schwedischen Journalisten gewährte. Wer die Vorsicht kennt, mit der erfahrene katholische Jour- nalisten alle die Religion berührenden Fragen behandeln, muß cS für ausgeschlossen halten, dast Herr Hoffmann gewagt haben sollte, einen solchen Vorstofi auf eigene Verantwortung zu unternehme». Er kann das nur im Einverständnis oder wahrscheinlich sogar»nt«r dem Druck des katholischen Klerus getan haben. ES ist auch möglich, da« die zuständigen Bischöse in Trier und Speyer ihre Zustimmung zu dieser Vertei- digung des katholischen Glaubens und des Papstes gegeben haben. ES handelt sich nicht um eine politische, sondern um eine rein katholische Angelegenheit. Der nationalso- zialistische Sandesführer Spaniol hat unter anderm Hitler für den künftigen Papst der Deutschen erklärt, hat ihn über Christ«» gestellt und den nahen Untergang der katholischen Kirche vorausgesagt. Tagegen hat sich die katholische Presse gewehrt, obwohl dieses Wort eigentlich schon eine Uebertrei. bung ist. Die katholische Presse hat sich in gleichgeschalteter Demut nur gehorsamst erkundigt, was ihr vorgesetzter San« desführer Spaniol zu dem Interview zu sagen gedenke. Seine Antwort war, daß er einen Falschcid anbot, und nun begann der EntriistungSsturm der von der Berliner Dilta- turregierung bezahlten Presse an der Saar. Nicht etwa ge- gen den Klerus, was zu offensichtlich katholikenseindlich ge- ivesen wäre, sondern gegen den im Grunde recht harmlosen Chefredakteur der früher zentrümlichen„Landts-Zeitnng". Er ist verdächtig, weil er viele Dienstjahre in der Zentrums- partei hinter sich hat. Man benutzte die Gelegenheit, den Zentrumsmann z« beseitigen, um irgendeinen linientreuen „katholischen" Nationalsozialiften an feine Stelle z» bringen. Keineswegs aber geht dieser Entschluß von Katholiken im Saargebiet aus. Vielmehr hat die Reichsregierung, die durch eine Zwischenorganisation über die Aktienmehrheit in der „Landes-Zeitnng" verfugt, einen Richtsaarländer von Berlin nach Saarbrücken geschickt, um einen Mehrheitsbeschluß für die Entlassung des katholischen Chefredakteurs Hoffmann zu erwirken. Alle paar Tage läßt die Reichsregierung durch ihre Presse erklären, daß über das Schicksal des TaargebieteS nur die eingesessenen abstimmungsberechtigten Saarländer zu entscheiden hätten. Dieselbe Reichsregierung jedoch übt, wie der hier geschilderte Vorfall zeigt, von Berlin aus Gest»-- nnngSterror im Saargebiet und macht jeden brotlos, der eine Ueberzeugung vertritt, sei sie auch eine religiöse, die den herrschenden Mächten in Berlin nicht paßt. Es bleibt abzuwarten, welchen Widerhall die Terrorist?- rung des Katholiken Hoffmann bei der katholischen Bcvöl- kerung im Saargebiet finden wird. Oeffcntlich dürkte sich die zweifellos vorhandene Erregung nur wenig äußern. Hni Hoffmann selbst ist alles andere als eine Kampfnatur und wird wohl still beiseite treten. Ob und wie sich der Klerus rührt, dürste von den weiteren Ereignissen im Reiche ab- hängig sein. Saarländer Im Reich verhaftet Saarbrücken, den 14. Februar. ^ Montag, dem 1Z. Februar» gegen I Uhr abends ist der in Oberstein zu Besuch weilende Saarländer Hein- rich Winkel von der SA. verhaftet worden. Grund der Berhaftung: Winkel hatte von Metz an seinen in Bölk- lrngeu wohnenden Bruder Reinhard Winkel» der fanatischer SA.,Manu ist, eine karte geschrieben mit dem Text: Du bist genau wie der Führer» versprichst viel und hältst nichts. Biel Geschrei und wenig Wolle. Ueber das Schicksal deS verhafteten Saarländers konnte noch nichts Näheres ermittelt werden. Die»Volksstimme" berichtet darüber: Diese Karte lag bereits in Oberstein vor. Tie Verhaftung war genauestens vorbereitet, der Saarländer Heinrich Win- kel soll ins Konzentrationslager kommen. Wohlgemerkt wegen einer abfälligen Bemerkung über den»Führer" auf einer Postkarte, die nach Völklingen gerichtet war. Obwohl das Saargebiet in jeder Beziehung vom„dritten Reiche"»,:» trennt ist, geht die NSDAP, über jedes Recht und Gesetz hinweg und beraubt Menschen ihrer Freiheit, die absolut nichts mit dem„dritte» Reich" zu tun haben, dort nicht wohnhast find und«ach wie vor das Recht aus ihre freie Meinung haben. Ter Fall liegt etwas kompliziert, weil der Verhaftete schon seit etwa drei Jahren in Metz wohnt, aber auch die französische Staatsangehörigkeit noch nicht besitzt. Dieser ungeheuerliche Als der Freiheitsberaubung durfte allen Saarbürgern zu denken geben. Kein vernünftiger Mensch wird sich nach solchen Zuständen sehne». Verurteil! nadi§ 175 Aber nicht Röhm! Bayerische Blätter melden: Am 23. Januar fand vor dem Schöffengericht in Amberg d'e Verhandlung gegen den ledigen Kaufmann Ottokär Andreas Koller aus Bayreuth, zuletzt wohnhaft in Schwandorf, wegen eines Vergehens gegen den Paragraph 173 statt. Tie Oesfentlichkeit mar während der Berhand- lung ausgeschlossen. Koller war vollständig. Die Schweine- reien mit denen sich der Angeklagte„vergnügte", reichen k'is in das Jahr 1922 zurück. Bei der Verhandlung waren drei Zeugen anwesend. Der Staatsanwalt warf I Jahre Zuchthaus auf und bei seinem Plädoyer wandte er sich scharf gegen die Untaten des Angeklagten. Das Gericht er- kannte aus eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und Tra- gung der Kosten des Verfahrens. Die abgesessene Unter- fuchungshaft wird angerechnet. Damit hat ein Fall, der lange Zeit schon die Schwandorser Oesfentlichkeit inter- enteric, seine Aburteilung gesunden. Auch im Kaiserreich war es so, daß ab und zu ein armer Teufel wegen gleichgeschlechtlichen Umgangs verknackt wurde, während die beste Gesellschaft in der Adlervilla in Potsdam ungestraft ihre» Vergnügungen nachging. So sehen die Ehhrer ans! Man schreibt uns aus Schlesien: In W e i ß st e i n Hat ein G e in e i n d e v o r ar b e i t e r, strammer SA.-Mann natürlich. 270 Mark Verbandsge l- der unterschlagen, trotzdem ist er Heute noch im Amt. Im gleichen Ort mußte der Jugendleiter der HJ. Herausgeworfen werden, weil er 120 Mark Sammelgelder abzuliefern vergaß. Der Gemeindevorsteher von Niedersalzbruuu wurde ab- berufen, weil er alle Fuhren, die die Gemeinde zu vergeben hatte, selber übernahm. Tagegen protestierten die anderen PG., die auch den Gemen,dejäckcl schröpfen wolle». Ebenfalls abberufen wurde der Gemeindevorsteher Hornig in Tiltersbach-Ncuhaus. Gegen ihn ist Anklage wegen Sittlichkeitsverbrechcn an Tchulmädchcn erhoben. In Reiße wurde dci kommissarische Bürgermeister Hancke, ein ehemaliger Rechtsanwalt, vom Amt suspendiert. Dem liegt folgender Tatbestand zugrunde: Der Herr Bürgermeister war mehr im Wirtshaus als in seinem Amtszimmer anzutreffen und meistens so besofscn, daß nichts mit ihm an- zulangen war. Kürzlich fand nun wieder eine Zusammen- kunst der Razi-Bonzen in Oppeln statt, zu der auch Herr Hauckc erscheinen mußte. Als es Zeit zur Abfahrt war. er- schien der Chauffeur mit dem Wagen vorm Wirtshaus und lud seine» Bürgermeister ein. da er die Hoffnung hatte, daß er bis Oppeln wieder nüchtern werben mürbe. In Oppeln angekommen, war Herr Hancke aber»och nicht nüchtern. Ter Chauffeur häkle ihn unter und schleppte ihn in dieser Ver- saffiing in den Saal, wo die anderen Bonzen beisammen waren. Darnach war es mit der Bürgermeisterherrlichkeit zu Ende Aber auch der Chauffeur wurde sofort hinausgeworfen! InGlatz wurde ein„alter Kämpfer" besonders ausfallend belohnt.. Es ist der SA.-Mann Fritz Protz«». Im Laufe sei- ner Tätigkeit für das„dritte Reich" war er Tamboursührer. Hilfspolizist, Grenzausseher. Gefängniswärter. So nebenbei ist er nur 2« mal»orbestraft. Jetzt hat er einen, armen Arbeiter aus seinem Schrebergarten Kaninchen geklaut. Da- für kam er vor das SA.-Ehrenger!cht und wurde mit—»re, Woche» Unisormverbot bestraft. Heute ist er Verwalter der Siedlung Trewog. Ilm Eberls Amnestie Rechtsanwalt zu Gefängnis verureilt Unter der Anklage des versuchten Betruges hatte sich vor der 18. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin der 47 Jahre alte Rechtsanwalt Kurt Heim zu verant- warten. Dem Prozeh lag ein eigenartiger Betrugsfall zugrunde, der durch das energische Eingreifen der Geheimen Staatspolizei seine schnelle Erledigung ge- funden hat. Anläßlich der W c i h n a ch t s a m n c st i e wurde bekannt- lich eine große Zahl von Schutzhäftlinge» entlassen. Durch einen Zufall verzögerte sich aber die Freilassung mehrerer Häftlinge, und Rechtsanwalt Helm sah sich als Anwalt eines dieser Häftlinge veranlaßt, bei der Geheimen Staatspolizei vorzusprechen. Da er sich selbst erbot, einige notwendige Formalitäten zu erledigen und de» Häftling persönlich abzu- holen, wurden ihm auch Entlassungspapiere eines Berliner Brlei Achtung— die Welt soll belogen werden! In einer Berliner Druckerei ist im Austrage der Reichs- regier»»« eine Werbeschrift für das neue Teutschland in Arbeit. Darin werben alle„Erfolge" der Regierung glori- fiziert. Zunächst soll diese Werbeschrift in Amerika ver- breitet werden. Sicher aber wird sie auch den Weg in die anderen Länder finden. Alles, was in einem Jahre in Teutschland sich vollzogen hat. wird so dargestellt, als ob das de»ischc Volk freiwillig sich in das ihm angeicgle Ge- schirr begeben hätte. Selbstverständlich sind alle Spenden freiwillig, alle Beteiligungen an Festen usw. freiwillig. Auch der Lohnabzug natürlich»nb die neuen„sozialen" Abzüge Tie Schrift ist eine einzige für die Ausländer bestimmte Lüge. Ein neuer Schnorrertrick Kommt da«ine Dame in die Geschäfte. Sie empfiehlt den Geschäftsinhabern Reklamekarlen. Ader wie? Gegen«inen festen monatlichen Beitrag nicht unter 20 Mark wird den Geschäfigmhabern in Aussicht gestellt, daß fit ein« Kart- in ihr Schaufenster stellen können mit dem— Autogramm irgend eine« von ihnen besonders geliebten Ministers. Auch wenn die Ministerliebe de« Geschäftsmannes gar nicht so groß ist sagt er aus Angst ja! Ein Jagdhaus brennt In der Tchorsheibe hat Herr Görina ein altes Jagdhaus zu einem villenähulicheiz Jagdjchloh umbauen lassen. Hunderttausende preußischer Slaaisgelder sind sicher hineinac- baut. Es sollte ein Geschenk für Herrn Hitler werden. Dses Schlößchen Ist plötzlich abgebrannt. Aus dem Geichtnk wird nichts Und sonderbar! Auch bei diesem Brande war Göring- gerade in der Nähe zur Jagd. Hat der Mann doch Pech— immer wenn eS brennt ist er gerade zur stelle. Davon wird nichts gemeldet In Neukölln wurde«in SA.-Heim plötzlich geschlossen. Warum? Tie SA.-Leute haben einen der Ihren ermordet. Alle« wurde vertuscht. TaS Heim wurde geschlossen, die zweiten in S ch» tz h a s t Befindlichen mitgegeben, dessen Freilassung ebenfalls verfügt mar. Obwohl es sich also »m einen reinen Gefälligkeitsakt handelte, liquidiert« der Angeklagte bei den Angehörigen des zweiten Schutzhäftlingö 230 Mark für seine„Bemühungen". Diese wurden jedoch nicht bezahlt, sondern man erstattete Anzeige. Das Gericht verurteilte Rechtsanwalt Helm wegen ver- suchten Betruges zu anderthalb Jahren Gefäügnis. Es handelte sich bei dem zweiten Schutzhäftling um Fritz E b e r t. dem Sohn des verstorbenen Reichspräsidenten. Strafschärfend wurde für Rechtsanwalt Heim in Betracht gezogen, daß er die Notlage der Familie Eberl auszunutzen versucht hatte. Täter werde» wohl unaussällig abgeurteilt werden. Tie Führer des Mördersturmes aber hatten die Frechheit, den Angehörigen des Ermordeten anzubieten, bei der Be- stattung dabei zu sei»— und einen Kranz am Grabe de» jungen Kämpfers niederzulegen. Das wurde natürlich ab- gelehnt. Eine feine Moral. Erst morden, dann ehren. Warum wurde der SA.-Mann von seinen„Kameraden" er- mordet? Warum wird die Öffentlichkeit nicht orientiert? Ein SA.-Mann erzählt uns Er ist natürlich nur eingetreten, um Arbeit zu bekommen. Aber... da sind ja noch welche von 1928 da. die warte» alle noch. An den Sturniabeiiden? Da wird instruiert über Ge- wehr 98. Es wird exerziert, und dann werden die AuS- sprnche der Führer gelernt. Auch die Geburtsdaten der Führer müssen auswendig gelernt werden. Und dann haben wir— Scharfschießen. Ta sind die Reichswehrleute da, die die Aufsicht führen. Auch für die Gemebrinstruktionen be- kommen wir nächstens Angehörige der Reichswehr. Kürzlich wurden zwei„Geheimerlasse" verlesen:„59 Mark bekommt derjenige, der Leute nennen kann, die verbotene Zeitungen oder Flugschristen lesen oder bekommen oder weitergeben." Das wärt also moderne Kopsjägerei! Tie zweite Befehlsausgabe betraf den Herrn Ernst, den Berliner Gewaltigen der TA.:„ES wird von den Kameraden viel übe" mein Lebenswandel gemasert ld. h. geredet, ge- meckert). To wurde das Gerücht verbreitet, daß ich jeden Tag einen Spazierritt im Tiergarten mache. Wer einen Kamerade» beim Moiern erwischt, hat ihn einfach zusammen- zuhauen"— Einfaches Verfahren, lästige Kritik zu be- fettigen Tie obere» Führer— so erzählt dieser SA.-Mann weiter — können sich alles leisten. Vom Gruppenführer anfivärtS brauchen die nichts z» bezahlen. Da wagen die Geschäfts- leute gar nicht zu fordern. Das gilt als eine„Ehre", diesen Herren etwas schenken zu dürfen. Fein— so hebt man den Mittelstand! Recht geschiebt ihm ja...! Denn diese Mittelständler haben das neue Deutschland gezimmert. „Studenten!" Ein junger Student au« Halle hungert sich durchs Sin- dium. Er will lernen. Es geht nicht. Sr berichtet:»Seit Wer ist Kriegsteilnehmer? Aus einer Verordnung des Reichswirischastsministers geht hervor, wer im„dritten Reich" als Kriegsteilnehmer z» betrachten ist:„Als Kriegsteilnehmer im Sinne der Ver- ordnung gilt, wer a) auf dem Kriegsschauplatz im Front- dienst unmittelbar der Kriegsgefahr ausgesetzt gewesen ist oder b> ohne bei der kämpfende» Truppe verwendet zu sein, wenigstens 0 Monate Kriegsdienste auf dem Kriegsschauplatz geleistet bat: e) wer a» den Kämpfen im Baltikum, in Ober- jchlesien ferner an bestimmt zu bezeichnenden Einzelkampf- Handlungen gegen Spartakisten, Separatisten nud die Feinde der nationalen Erhebung teilgenommen hat."— Aul diese Weise ist der russische Staatsbürger Rosenberg zu einem Kriegsteilnehmer auf deutscher Seite geworden. November bin ich in Halle. Zum Lernen bin ich»och nicht gekommen. Der Mittwoch und Sonnabend sind von vorn- herein für SA.-Dienst belegt. Der Tonntag verpflichtet zu einer Hebung. BtS fünf Stunden wird man herumgejagt. Dann kommt man müde nachbaute. Ans Lernen ist nicht zu denken. Dann kommt auch noch Ordonnanzdienst in de» Morgenstunden der Wochentage hinzu. Da muß für die SA., für die Partei, für die NS.-Wohlsahrt gelaufen werden, Manches wichtige Koüeg muß versäumt werden. Aber der Führer der Studenten verlritt den Standpunkt: Erst kommt SA.-Dienst— das Kolleg ist nicht ivichtig. To verbummeln dieie jungen Leute ihre beste Zeit. Aber etwas lernen können sie nicht— bestensaU» Schießen, Kriechen. Gelände- anpassen! Da« wirb die geistige Führerschaft bei neuen Deutschland! Verhaftungen und kein Ende Die Revolution ist bekanntlich beendet. Aber die Ge- fängnisse werden immer voller. Etwa eine Woche vor Weih- nachten setzte eine ununterbrochene Kette von Verhaftungen ein. Seit Wochen sitzen Männer. Frauen. Junge». Mädel in Halt. Kein Mensch.kann ein Ende absehen.„Es kann bi« in den Herbst dauern, bis eine Entscheidung gejrössen wird." Voy ein'gen jungen Männern wissen die Angehört- gen nach vier Wochen noch nicht, wo sie sich befinde»., Das ist überhaupt das schlimmst«, daß man die Angehörigen im Unklaren läßt, wo sich die Verhafteten befinden. Warum sie verhaftet sind, erisihrt selten jemand. Die Verhafteten wollen a>>^ Rechtsanwälte annehmen. Aber woher? Wer über- »'mmt die Verteidigung? Die Anivälte müssen ja fürchte», selbst in Verdacht zu kommen. Ei» trostloser„Rechtszustand" im neue» Deutschland.— Wieviel Unglück wird noch über die Menschen komme», die st» nicht zum willenlosen Tier umwandeln lassen wolle»? Die Revolution ist zu Ende— aber die Mißhandlungen, Verinlqungen gehen weiter. Es ist dieser Zustand schon»o zur Gewobnbelt-»-worden, baß er niemandem mehr aussöllt. Da« Gewissen der Menschen stirbt ab. Selbst die Hinrich- tungen treffen aus ein zermürbtes Volk. Das Volk de! Denker und Dichter stirbt— das Volk der Henker Ite+i Richter letzt! $>eutsffke Stimmen•(Beilage zur.Deutschen 9weitkeit"• Ereignisse und Qestfkltfkten Donnerstag, den 15. Februar 1934 «WWUWWWWWMUWM ä,, in- i'Msw.ä'!,- tut qleichq&schaitetet Steide Der Universitätsprofessor Ludwig Heyde fiat in Gestalt eines dicken Buches„Deutsche Gewerbepolitik'' seine Visitenkarte bei dem Osaf der braunen Bataillone abgegeben. In dem Buch verleugnet er sein ganzes Leben, das— so tat er wenigstens— der Sozialpolitik gewidmet war. Wir wollen seine früheren Anschauungen mit seinen heutigen konfrontieren, damit man sich ein Bild von dem mache, was Gleichschaltung bedeutet: ..Deutsche Gewerbepolitik", Verlag Ferdinand Hirt, Breslau, 1934: Seite 15:„Gänzlich gescheitert sind... die marxistischen Bestrebungen: sie haben nirgends den Menschen von seinem eigentlichen Leid, seiner Gemeinschaftsiosigkeit in der säkularisierten Welt, befreien können, nirgends die Wirtschaft in ihre dienende Stellung zurückgeworfen." Seite 14:„Die tvichtigsten Voraussetzungen der Wirtschaftsgesetze des kapitalistischen Zeitalters waren: persönliche Freiheit, Freizügigkeit, Fehlen aller Beschränkungen der Eheschließung, freier Arbeitsvertrag..." Seite 87:„.... Die Asphalt- Theologie des Vulgärmarxismus... „Abriß der Sozialpolitik", Quelle und Meyer, Leipzig: Seite 33:„Hatten Marxisten und Lassalleaner 1871 zusammen 102 000 Stimmen aufgebracht, so blieb die sozialdemokratische Wählerzahl 1877 bereits wenig hinter einer Million zurück. Eine solche Partei beeinflußte natürlich unmittelbar oder mittelbar die Gesetzgebung. Lassalles Einfluß auf Bismarck hatte bereits ausgereicht, um diesen in dem Gedanken zu befestigen, die Fortscfarittpartei müsse mit Hilfe des allgemeinen gleichen Wahlrechts niedergeworfen werden.... Stärker noch war indessen die mittelbare Bedeutung des Wachstums der Sozialdemokratie: dieses zwang Bismarck und die ihm ergebenen Parteien, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie durch verständige soziale Beformen die von ihnen gefürchtete sozialistische Bevolution hinten anhalten können..." Seite 63:„Die sozialpolitische Ausbeute der Bevolution und der Folgezeit war, allein schon nach der Zahl der Gesetze und Verordnungen, sehr groß... Auch die neue Verfassung des Deutschen Bei- dies vom 11. August 1919 enthält eine Beihe sozialpolitischer Bestimmungen.." Seite 23:„Ja, in der Tat, der Arbeiter hatte alle Bedite, die er nur haben wollte, denn er war„frei"; aber reilich „frei" in jenem berühmten doppelten Sinn Karl Marxens, daß er nicht nur politisch freier Bürger war und über seine Arbeitskraft nach Belieben verfügen konnte— was auch eine wichtige Voraussetzung aller modernen kapitalistischen Entwicklung gewesen ist,— sondern Seite 30:„Gelingt die Preissenkung über das Ausmaß der Senkung der Gesamt- Lohnsumme in der Volkswirtschaft hinaus, so entsteht eine Kaufkraftverschiebung, aus der neue Nachfrage erwachsen kann, so daß die ursprüngliche Disproportionalität u. a. unmittelbar beseitigt wird." Seite 16:„In der Bichtung der Korrekturen wirkten... der DHV., die Gewerkschaften überhaupt, die Boman- tiker, die Kathedersozialisten und Sozialreformer, die Planwirtschaftler, die solidaristi- sehe und universalistische Schule der Sozialökonomik. So verschieden diese Faktoren... so entstand aus ihrem oft unverbundenen Uebereinander... doch das komplexe Bild des Spätkapitalismus; es war voll der Disharmonien... von sozialem Institutionalismus und sozialem Ethos... von proletarischer Geste und kleinbürgerlichem Wunschbild, von unverbindlichem Patriotismus... Weß Ohr nicht taub geworden war gegen falsche Töne, vernahm der echten nicht viele, wohin er auch hörte." Wir könnten die Beihe der Gegenüberstellungen noch lange fortsetzen; aber wir glauben, mit diesen Beispielen aus dein Oeuvre des Universitätsprofessors, Beichswirtschaftsrates, Generalsekretärs der Gesellschaft für Soziale Beform Ludwig Heyde die Technik der Gleichschaltung deutlich dargetan zu haben: sie besteht in der Selbstbespurkung und in der Ver- äfhtlichruarhung seiner selbst. Man vergesse vor Ekel aber nicht, den Stil von einst und von jetzt zu vergleichen. Einst: ein relativ klares und verständliches Deutsch; jetzt: das Kainsmal frisch geschöpfter Fremdwörter und langer, kaum verständlicher Phrasen So sieht die Wissenschaft im Zeichen Hitlers aus: charakterlos, feig, verlogen. auch, daß er frei, bar, entblößt war von jeglichem eigenen Kapitalbesitz und daher gezwungen, sich dem Kapitalisten auszuliefern, sich ihm zur„Ausbeutung" zu überlassen." „Die Lohnfrag e", Gustav Fischer, Jena, 19 3 2, Seite 55:„Vollkommen zwingend ist die von Karl B e n n e r„Marxismus und Internationale", 2. Auflage, 1918, Seite 44, folgende angestellte Ueberlegung, daß der invididuelle Lohn heute längst nicht mehr das gesamte Arbeitsentgelt darstellt. sondern eine Art von Kollektivlohn in den gemeinsamen Erhaltungs- und Nachzuchtkosten bestehe, die die Wirtschaftsgesellschaft für die Arbeiterklasse aufwendet." „Die Lohnfrag e", Gustav Fischer, Jena, 1 9 3 2, Seite 48:„Wäre statt des Kampfes um die„spärlichen Freizonen" der Wirtschafts- gesetze(Ad. Weber) die einmalige allgemeine Erkenntnis ausreichend, daß die Harmonielehre von der Kaufkraft hoher Löhne richtig sei, dann würde ein äußerer Machteingriff genügen, um einen sehr großen Teil der sozialen Frage, die unserer Zeit auferlegt ist, zu schnellem Abschluß zu bringen. Gerade die unsägliche Geduld, die der Aufstieg der Massen erfordert, adelt die Arbeit der Gewerkschaften, gibt ihr die Würde Generationen überdauernden Wollens und Handelns." JUotest Solang ich noch ein Protestant, Will ich auch protestieren, Und jeder deutsche Musikant SolTs weiter musizieren. Singt alle Welt: Der freie Rhein! So sing doch ich: Ihr Herren, nein! Der Rhein, der Rhein, könnt freier sein,. So will ich protestieren. Kaum war die Taufe abgetan. Ich kroch noch auf den Vieren, Da fing ich schon voll Glaubens an, Mit Macht zu protestieren, Und protestiere fort und fort, 0 Wort, o Wind, o Wind, o Wort, O selig sind, die hier und dort, Die ewig protestieren. Nur eins ist not, dran halt' ich fest Und will es nit verlieren, Das ist mein christlicher Protest, Mein christlich Protestieren. Was geht mich all das Wasser an Vom Rheine bis zum Ozean? Sind keine freien Männer dran, So will ich protestieren. Von nun an bis in Ewigkeit Soll euch der Name zieren: Solang ihr Protestanten seid, Müßt ihr auch protestieren. Und singt die Welt: Der freie Rhein! So singet: Ach! Ihr Herren nein! Der Rhein, der Rhein könnt freier sein, Wir müssen protestieren. Herwegh, 1841. Siceicfiec gewidmet Neue deutsche Wissenschaft Dr. Kurt Plischke hat im NS.-Druch und-Verlag, Berlin-Schöneberg, ein wissenschaftliches Buch veröffentlicht: „Der Jude als Bassenschänder". Das Werk ist„dem nationalsozialistischen Vorkämpfer im Frankenland, Gauleiter und Beichstagsabgeordneter Julius Streicher, zugeeignet" und wird so angepriesen:„Wieder ein Bur" wider die Juden, wird der Spießer und der heimliche Anhänger der verflossenen Judenrepublik fragen, ist das nötig? Jawohl, lieber Spießer und Judenfreund, es ist sogar sehr nötig, die breiten Massen unseres Volkes müssen über die Bassefrage und die Basse schände aufgeklärt werden, wenn die Erneuerung unseres Volkes gelingen soll. Es ist vielleicht das bedauerlichste Zeichen einer von den Juden planmäßig herbeigeführten Ueberkultur und Zersetzung, das das instinktmäßige Empfinden, das unsere Vorfahren vor der französischen Bevolution noch gehabt haben, daß die Juden einer minderwertigen Basse angehören und daß jede Vermischung mit ihnen eine. Schande und Sünde ist, in weiten Kreisen verloren gegangen ist Jeder Deutsche, der esehrlich mit seinem Volk meint,muß alles tun, um das deutsche Volk über die Judenfrage aufzukläre n." Voc einem Jafic... Am Hasenmontaq des(ReUhstaqshandes „Fasteleer" in der Heimat! Die fern von ihr sind, denken daran— mit jener Wehmut, die den Menschen vor Unwiederbringlichem bewegt. Und doch war für sie der„Fastelabend 1933" kein Fest mehr. Hitler war seit vier Wochen im Amt. Wer Ohren hatte zu hören und Augen zu sehen, der wurde gewahr, wie die Schlammflut der braunen Willkür höher stieg, der Platz, auf dem die Gegner standen, eine täglich, ja stündlich mehr abbröckelnde Insel wurde. Ein befreundeter Anwalt,— der Himmel weiß, wohin ihn die Zeit verschlagen hat,— fand allerdings herrlich,„auf einem Vulkan zu tanzen," aber seinen Geschmack teilte von den Frauen keine. * Anders in den Proletarierfamilien! Dort, wo kurz nachher die braune Soldateska einbrach und die„Aufständischen" herausholte, alle die. von denen die nationalsozialistischen Führer behaupten, sie wären eben dabei gewesen, das deutsche Volk in die Arme des Bolschewismus zu treiben. Ist„Fastelovend" feiern eine bolschewistisch-revolutionäre Schandtat? Die braun- und schwarzuniformierten Machthaber mußten damals diese Meinung gehabt haben, trotzdem sie in diesem Jahr 1934, nachdem die„nationale Bevolution" so glorreich gelungen ist, Abend um Abend in Sitzungen und auf Bällen die alten Fastnachtslieder anstimmen und sich sogar zu„Karnevalsgeneralen" ernennen lassen. Sogar militärisch beim Fasteleer! Der„Bote-Funken"-Drill wird noch nie so echt gewesen sein wie diesmal. Aber 1933 hatte der damalige Oberbürgermeister die Weisung gegeben, nach alter echt rheinischer Art den Straßenkarneval wieder zu belegen. Man folgte ihm nur zu gern! In der„Spitz", in der„Löörgaß", überall da. wo die angeblichen Kommunistenhöhlen waren, begann fieberhafte Tätigkeit. Alte Begenschirme wurden kunstgerecht zerschnitten, Beinkleider aufs sorgfältigste ausgefranst, rotbedruckte Taschentücher als Krawatten gebunden! Wie in ver- klungenen Jahren wurden 1933 die letzten Betten ins Leibhaus gebracht, um von Samstag bis Mittwoch blau machen zu können.„Mer laasse nit, mer laasse nit vum Fasteleer!" Verlassen lagen tagelang die„hochverräterischen Schlupfwinkel". und ihre Bewohner trieben sieh mit der„decken Tiumm" voran, den obligaten Blechdeckeln und allem übrigen Tschingderassassa auf Straßen und Gassen der Bhein- Stadt herum, um die berühmten„Züge" zu bilden, die dem ..Bosenmontagszug" erst die würdige Umrahmung geben. Die„Bolschewisten", die nur darauf warteten, wie der Herr Beichskanzler und seine Paladine beteuerten, ganz Deutschland nach dem„Fanal" in Flammen aufgehen zu lassen,— sie saßen, aufs billigste maskiert, aber„maskeet", auf den Kühlern der sie bereitwillig durch die schunkelnden Massen schiebenden Autos ebenso harmlos vergnügter„Kapitalisten". Der Oberbürgermeister hatte einen Straßenkarneval auf die Beine gebracht wie seit Jahren nicht, und die zahlreichen Fremden, die sich das bunte Schauspiel ansahen, kamen, redlich auf ihre Kosten. Die„Kommunisten" tanzten, lachten, jubelten zwischen den Gassen der hundert Kirchen und Kapellen. Waren auch vielfach ihre Mägen nur halbleer: man hatte wieder Fastelovend, man konnte warten mit kindlich brennender Neugier, daß„d'r Zog kütt!" Keiner von ihnen, die 24 Stunden später schon zum Teil unter sinnlosen Beschuldigungen ins Polizeigefängnis geholt wurden, konnte ahnen, daß die schwarzen und braunen Truppen der Stadt marsch- und alarmbereit standen, daß nur auf das Signal von oben gewartet wurde. Und das Signal blieb nicht aus! ..Fastelovend 1933" war tatsächlich im ursprünglichsten Gewand der Volkstümlichkeit der Totentanz der rheinischen Demokratie, deren Tradition fast 150 Jahre alt geworden ist. Am großen Bathausbalkon vorbeimarschiert der Zug. Bauer, Jungfrau, Prinz Karneval, alle winken jubelnd mit fliegenden Blumensträußen, bunten Fastelovend-Bonbons für die Kinder dem Oberhaupt der Stadt, den Spitzen der Behörden zu. Hat keiner der Männer und Frauen im Luftschlangengewirr Uber den gotischen Zieraten begriffen, was hier„im Ernst" gespielt wird? Was brennend zutage treten wird, eh man auf die gut katholischen Stirnen das Kreuz des Aschermittwochs malt? * Bosenmontagsabend im Theaterrestaurant! Ein langer Tisch zusammengewürfelter Menschen auf der Empore. Kein Lied, das nicht mitgesungen, mitgeschunkelt wird! Aber zwei Frauen sitzen abseits Warum folgten sie den Männern, die sie zu dem„Vergnügen" dieses Abends gezwungen haben? Begisseure, Kapellmeister bitten die„Marxisten- Frauen" zum Tanz, aber sie sind nicht aus ihrer Ecke zu bewegen. Sie haben beide keinen besonderen politischen „Verstand". Aber die Freundinnen sprachen schon seit Jahren miteinander gefühlsmäßig über die kommenden Dinge, die sie unabwendbar hereinbrechen sahen. Ein schöner Sigismund aus dem„Weißen Bößl" drängt sich durch die Tische. Sein junges Lausbubengesicht ist erregt:„Der Beichstag brennt",„Fritzchen, damit macht man keine Fastelovendschwitj!" Seine kleine Kollegin scheint ernstlich böse. Die Freundinnen sehen sich an, schauen zu ihren Männern, die in irgendeine Scherzdebatte mit der Tafelrunde vertieft sind. Die eine sagte:„Die Nazis graben sich doch ihr eigenes Grab, wenn sie jetzt vor der Wahl den Beichstag anstecken. Das ist doch Unsinn." Die Musik intoniert. Man erhebt sich am langen Tisch- Finger schieben sich ineinander, Körper wiegen sich von einer Seite zur andern—„schaukeln" heißt es in der Sprache der Stadt: „Juja, juja. wenn das so weiter geht ein halbes Jahr"— Das alte Lied wird gemeinsam gesungen. Der freundliche junge Mann neben der Frau mit dem zerquälten Gesicht unter dem Puder ist der schon bestimmte erste Dramaturg des künftigen nationalsozialistischen Stadt-Theaters... • Die letzte Straßenbahn in der Nacht auf dem Heimweg! Allerorts wird vom„Beichstagsbrand" gesprochen.„Minsch, wat verzappste neu Fastelovends-Blödsinn," behauptet ein biederer Stammtisch-Köbes. Nur noch wenige Schritte trennen das Ehepaar von seiner Wohnung. Eine Baulücke ist ausgefüllt von einer Biesen- reklametafel. Der scharfe Scheinwerferschein der Bogenlampe fällt auf die Plakate. Da steht's wieder:„Zwei Millionen gestohlen" und„SPD.-Bechnung". Ehe sich der Mann versieht, haben die festen Finger der Frau das Hetzplakat gefaßt, auf dem der SPD. die Schuld am verlorenen Krieg, an der Inflation und an der Krise gegeben wird. Die Fetzen flattern zu Boden, und die Stimme, die sich diesen ganzen quälenden Abend nicht einmal erhob, ruft laut über die nächtliche Straße:„Das hat gut getan, das hat gut getan!" Die„SPD-Bechnung" wird sie an dieser Stelle, fast neben ihrer Haustür, so vermeint, bis zur Wahl nicht mehr erregen. « Passanten gehen vorbei. Einer äußert sich vernehmlich: „ßääcfa hat et, janz rääch. Wat soll uns dä falschen Berliner Zinnober." Sie gehen wortlos nach Hause. Die Frau ist stiller als vordem. In jener Nacht haben sie zum letzten Male in ihrer Wohnung und in ihren Betten geschlafen. Nur für die„Oberen Zehntausend", die am nächsten Tag den traditionellen„Dienstagsball" in überfüllten Sälen besuchten, war der„Fastelovend 1933" nicht mit dem Beichstagsbrand an jenem historischen Bosenmontag zu Ende.-• T r i n g kc Außenpolitischer Widerhall der liample bnb. Paris, 14. Febr. Die Ereignisse, die sich in Oesterreich abspielen, finden in Paris in der Presse wie in politischen Kreisen große Beachtung. Tie bieten Gelegenheit, das -.hemfl Oesterreich wieder einmal ausführlich vom aussen- politischen Standpunkt zu behandeln. Absurd ist eine„Enthüllung" des„Echo de Paris", daß die iranzösiichen Sozialisten und Gewerkschaften dafür ver« antwortlich seien, daß am Montag die österreichische Sozial- d-mokratie„zu einem blutigen Leichnam" gemacht wurde, «cit langem, so schreibt das Blatt, sei Doll'luß entschlossen gewesen, mit dem Marxismus auszuräumen. Der Einspruch der französischen Regierung habe die Durch- führung dieser Absicht bisher verhindert. Rarthon habe, als er das Außenministcrium übernahm, dieses Veto Panl- Roncour bestätigt. Iu Paris habe man nie begreisen rönnen, was Bundeskanzler Dollfuß gewinnen könnte, wenn er sich die Sozialdemokraten z« Feinden mache, die sich doch wenigstens gegen das Hitlerdeutschland auflehnten. Als am letzten Montag nun beunruhigendeNachrichten aus Wien eintrafen, habe der Onai d'Orsav leider mit seinem Vertreter in Wien wegen des Tclefonstreiks nicht sprechen können. Insofern hätten die französischen Sozialisten nnd Gewerkschaftler ihr Teil Verantwortung daran, dast man die österreichische Sozialdemokratie zu einem blutigen Leichnam gemacht habe. Die unmittelbar vorhandene Gefahr in Oester- reich werde nur beschworen werden können, wenn Hitler das Gefühl habe, daß Italien als Grenzland Oesterreichs sowie Frankreich und England bei Gelegenheit mit Gewalt den Artikel 80 des Vcrsailler Vertrages aufrechtzuerhalten wissen würden, der dieUnabhängigkeitOesterreichszumGegen- stand habe. Leider lasse der englische Außenminister die Juan- sprnchnabme des Völkerbundes durch Oesterreich nur mit knapper Mühe zu und biete Oesterreich nicht die geringste Versicherung hinsichtlich der Haltung, die England im Völkerbundsrat einnehmen werde. Im Gegenteil! Man wisse nicht einmal sicher, ob man Rnndeskanzler Dollsuß cnglischerseits nicht sogar ent» mutigt habe. DaS„Oeuvre" erklärt, Oesterreich verschiebe die An- rusung des Völkerbünde? von einem Tag zum andern. Der Grund sei wohl, daß Dollsust in Italien die einzige Grog- macht gesunden habe, die Oesterreich wirklich wirksam gegen Deutschland verteidigen könnte. Oesterreich wisse, daß die materielle Hilfe, die ihm Italien bringen werde, von der Bedingung abhänge, dast Oesterreich von einer Anrufung des Völkerbundes a'sehe. Die Niederwerfung der Marxisten in Wien und die Auslösung der Parteien, die die Möglich- keit zu einer vollständigen Faschisierung Oesterreichs verschlossen, hätten in Rom anscheinend ungeheure Besriedi- gung verursacht. Habe nicht der Vorsitzende des Völkerbunds» rateo, der polnische Außenminister Beck, bei Dollsust per- sönliche Schritte unternommen, damit die österreichische Frage nicht vor den Völkerbund komme? Man könne annehmen, so schlicht das Blatt, dast die Deutschen jetzt nach Beendigung der deutsch-französische,, Aussprache keinen Grnnd mehr hatten, aus Frankreich Rücksicht zu nehmen, und dast sie jetzt alles mögliche versuchen würden, den Anschluß zu verwirk- licheu. Werden sie ab-r auch die Italiener vor den Kopf stoßen? Der„Pettt Parisien" erklärt, dast die Unterredung Barthou? mit dem italienischen Botschafter aus die öfter- re'chiichc Frage Bezug hatte. Die englische und die sran- zöstschc Ausfassung bezüglich der deutsch-österretchischen Schwierigkeiten und der Anrufung des Völkerbundes seien gleichsam identisch. Aber die italienische Auffassung weiche davon ab Der Völkerbundsrat könne übrigens zu einer außerordentlichen Sitzung kaum vor Ablauf von IN Tagen zusammentreten, da sich der Vorsitzende. Außenminister Beck, gegenwärttg zu einem offiziellen Besuch in Moskau befindet. Im„Pöpulaire" schreibt Leon Blum: Um den Frieden in Europa zu schonen, haben die österreichische» Sozialisten de» Kampf verschoben, selbst auf die Gefahr, ihre Widerstands kraft dadurch zu verringern. Europa habe dieses Opfer der österreichischen Sozialisten grausam vergolten. Die Nieder- werfung der Sozialisten verurteile Dollsust aber zur Ver- ständigung mit den Nationalsozialisten. Zähle Dollsust etwa auf die Arbeiter, um den„völkischen Banden" den Weg zu sperren? Sklaven hätten kein Vaterland. Hnilcntsdic Truppenbewegungen Mussolini zufrieden dnb. Paris, 14. Febr. Der römische Korrespondent der Zeitung„Le Jour" will berichten können, daß Italien zwischen Trieft und Padua eine Armee zusammenziehe. In der Meldung, für die man dem Blatt die volle Verant- wortung überlassen muß, heißt es, man finde in Rom die Vorkommnisse in Oesterreich nicht sehr ärgerlich. Man er- kläre in Rom. die Regierung Dollfuß werde durch die Wider st andsprobe gestärkt werdest und außerdem nicht mehr zugleich nach zwei Fronten zu kämpfen haben. Im Palais Chigi erkenne man seit DienStag abend an, daß italienische Truppenbewegungen stattfänden, über deren Ausmaß man nichts bekannt gebe. Man erkläre sie mit der Durchführung eines seit mehreren Monaten ausgearbeiteten Planes des Generalstabs. Es scheine, daß diese„logischen Vorsichtsmaßregeln" in der Verdoppelung der Armeekorps beständen, die zwischen Trieft und Bozen stehen, sowie in der Zusammenziehung einer Armee in Padua. Frankreichs„äußerste Grenze" uoa a&$£ts 13$ I:'. Paris, 14. Febr. In den Wandelgängen der französischen Kammer herrscht trotz der bevorstehenden Vorstellung der Regierung Doümergue nur wenig Leben und Tretben. Grup- pen von Abgeordneten besprechen die allgemeine Lage und sind sich im allgemeinen darüber einig, daß die Parteistreitig- keilen nun endlich einer nutzbringenden Arbeit Platz machen müßten. ES wurde sogar in Erwägung gezogen, den bisheri- gen Ministerpräsidenten Daladier zu bitten, in der Donners- tag-Titzung in der Kammer nicht zu erscheinen, da seine An- Wesenheit möglicherweise zu ernsten Zusammenstößen zwi- schen der Rechten und der Linken führen könnte. Außerdem will man im Interesse der Wiederherstellung der Ruhe an den Abgeordneten Henriot herantreten und ihn bitten, seinen Interpellationsantrag auf gerichtliche Verfolgung Daladiers und seiner verantwortlichen Minister wegen der Unruhen vom Dienstag und Mittwoch fallen zu lassen. In gut unter- richteten parlamentarischen Kreisen rechnet man damit, daß vor Her Kominerdebatte- Enfsdieidende Aenderung in der AbrOslungsirage? die Regierung Doumcrgue am Donnerstag eine Mehrheit von etwa 450 Stimmen auf sich oereinigen werde. Zur französischen Antwort London, 14. Febr. Zur Abrüstungslage schreibt der diplo- inatische Korrespondent des„Daily Telegraph": Henderson und seine Kollegen hätten am Dienstag widerwillig zugeben müssen, baß mit dem Amtsantritt der neuen französischen Regierung eine entscheidende Aenderung in der Abrüstungs- frage eingetreten sei. Dies scheine in der französischen Ab- rüstnngsdenkschrist, die Henderson am Montag erhalten habe, klargemacht worden zu sein und dürste noch deutlicher aus der französischen Antwort aus die letzte deutsche Denkschrift hervorgehen. Das Kabinett Doumcrgue werde es ablehnen, eine' baldigen Aufrüstung Deutschlands oder einer Abrüstung Frankreichs zuzustimmen. In weiten Kreisen glaube man, daß diese französische Politik die Aussichten des briti» schen Abrllstungsplanes gefährde. Es werde vielleicht sogar schwer sein, sie mit den weniger weitgehenden Bestimmungen des italienischen Planes zu versöhnen. Dem Pariser Korrespondent der„Times" zufolge ver- lautet, daß die französische Antwort aus die deutsche Denk- schrift zwar die Tür für weitere direkte Verhandlungen nicht schließe, aber den deutschen Standpunkt in allen wichtige» Fragen unannehmbar finde. Es bestehe reichlich Grund zu der Annahme, daß die französische Regierung in dieser Be- ziehung eine etwas steifere Haltung einnehmen werde als ihre Vorgängerin. Aber sei es nicht überraschend zu hören lwenn auch noch keine amtliche Bestätigung vorlieget daß die französische Regierung aus den unbedingten Sicherheits» garantien beharre und jedes weitere Abrüsten Frankreichs ablehne, falls es von irgendwelchen deutschen Aufrüstungen begleitet sei? Man glaube auch, daß die französische Regie- rung daraus bestehen werde, die deutschen Verbände bei jeder Berechnung der Mannschgstsstärke mitzuzählen. Endlich nehme man an, die französische Regierung habe zu verstehen gegeben, daß die fetzige Lage nicht unbegrenzte Zeit fort- dauern könne und daß eine entscheidende Lösung in der nahen Zukunft gesunde» werden müsse. „Höflich aher entschieden" Paris, 14. Febr. Die Presse besaßt sich heute erneut mit dem Inhalt der französischen?lbrüstungsnote. „Matin" schreibt u. a.. der neue französische Außenminister Barthou haben den aus der Zeit Paul-BoncourS von den Dienststellen des Quai d'Orsay vorbereiteten Antwort- entwurf vollständig umgearbeitet. Der Wortlaut der Note werde veröffentlicht werden, sobald die Wilhelm- straße davon habe Kenntnis nehmen können. Der neue Text sei höflich, aber entschieden, und laufe daraus hinaus, baß die französische Regierung von den deutschen Ausführungen Kenntnis nehme und erkläre, ohne auf die gestellten Fragen zu antworten, daß eS Frankreich nicht möglich sei, irgendeine Maßnahme ins Auge zu fassen, die eine Rüstungsausgleichung Deutschlands zuin Ziele habe. Die von Barthou ausgearbei- tete Antwort sei im letzten KabinettSrat einmütig gebilligt worden. „Petit Parisien" erklärt, lebe Aussprache über die deutscher- seits gestellten einzelnen Fragen sei solange überflüssig, als nicht eine Verständigung über die Grundsätze erzielt sei. Das Blatt nimmt in diesem Zusammenhang ebenfalls aus eine eventuelle Rüstungsanglcichung Bezug. „Echo de Paris" glaubt daraus hinweisen zu können, daß die französische Regierung jetzt lediglich geneigt sei, an einer allgemeinen AbrüstnngsauSsprache teilzunehmen, d. h., daß die Verhandlungen in Genf weitergeführt werden müßten. „Oeuvre" will wissen, daß die französische Antwort ziem- lich trocken gehalten sei und sich daraus beschränke, die deutsche Einstellung zum Abrüstungsproblem abzulehnen. Die sran- zösische Antwort werde einige Sätze enthalten, denen zu ent- nehmen sei. daß Frankreich in seiner letzten Note und in seinem letzten Abkommcnsentwurf die äußerste Grenze seiner Zugeständnisse angegeben habe. 10 April Abrüstungskonferenz London, 18. Febr. Das kleine Büro der Abrüstungskon- ferenz trat heute vormittag um 11 Uhr in London bei dem Präsidenten der Abrüstungskonferenz. Arthur Henderson, zu einer Besprechung zusammen. Anwesend waren Benesch, Politis, Aghnides und Avenol. Die Besprechung erstreckte sich in der Hauptsache auf die Berichte der Regierungen Groß- britanniens, Frankreichs izyd Italiens übßr,,,ßu,,Htploma- tischen Verhandlungen mit Deutschland. Ueber dqs Datum des Nächsten Zusammentritts der Abrüstungskonferenz wurde kein Entschluß gefaßt. Genf, 13. Febr. Das Völkcrbundssekretariat veröffentlicht über die Tagung des Büros der Abrüstungökoniereirz, die Dienstag nachmittag in London stattfand, eine kurze Mit- teilung, aus der hervorgeht, daß beschlossen worden ist, daS Präsidium der Abrüstungskonferenz zum Ib. April einzu- berufen. Die Tagungsteilnehmer seien der Ansicht gewesen, daß es bei dem gegenwärtigen Stand der Abrüstungssrage unmöglich sei, Entscheidungen zu treffen, da diese die vor- gesehenen Verhandlungen des englischen LordsiegelbewahrerS Eden in den Hauptstädten ungünstig beeinflussen könnten. Falls eine an den Verhandlungen beteiligte Macht e? wünschen sollte, könnte die Tagung dcS Präsidiums auch bereits vor dem 10. April stattfinden. Paul löbe Eine angebliche Unterredung Nach etwa sechsmonatiger Haft ist der frühere Reichstagspräsident Paul Löhe am 16. Dezember aus der Haft entlassen worden. Er lebt seitdem zurückgezogen und ohne jede politische Betätigung in Berlin. Wir wissen, daß er bemüht ist. sich eine bescheidene Existenz aufzubauen, ohne daß ihm dies bis jetzt gelungen wäre. Er ist vermögenslos und bezieht keine Pension. Es ist auffallend, daß Paul Löbe plötzlich es für notwendig gehalten haben sollte, einer ausländischen Zeitung seine politischen Ansichten über das neue Deutschland kundzutun. Er weiß aus eigener schmerzlicher Erfahrung genau, daß freies Reden und Schreiben in diesem Reiche nicht möglich ist. Wir geben daher nur aus Chronistenpflicht nach gleichgeschalteten Auszügen den Inhalt einer Unterredung wieder, die Paul Löbe einem Vertreter des belgischen katholisch-konservativen Blattes„Lihre Belgique" gewährt haben soll. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, daß Paul Löbe nicht die Möglichkeit hat, diese Angaben der * Presse zu dementieren, selbst wenn das Interview grobe Fälschungen enthalten sollte. „Ich habe das Versprechen abgeben müssen," so erklärt Löbe,„mich politisch nicht mehr zu betätigen. Diese Ver- pflichtung ist mir mit so leichter gefallen, als ich von mir aus die Periode meiner politischen Tätigkeit für endgültig abgeschlossen halte. Eine zukünftige Entwicklung Deutsch londs wird sich auf neuen Grundlagen vollziehen und in dieser Hinsicht stimme ich den Worten Hitlers zu:„Was gewesen ist. kehrt nicht wieder!" Man würde mich für einen verächtlichen Neberläufer halten, wenn ich. der ich solange für andere Ideale gewirkt habe, plötzlich mich dem Nationalsozialismus an den HalS werten würde. Ich bin aber objektiv genug, um einzugestehen, daß die neuen Führer Deutschlands mit großer Da kraft Probleme in Angrift genommen'haben, denen iwr nicht gewachsen ge- wüten sind,< B Reichsresorm. die Rrbei sbeschassung und die Winterhilfe, in der ein starker sozialistischer Zug zum Ausdruck kommt. Das Agrarproblem scheint mir ebenfalls mit viel Schneid angepackt worden zu sein. Wenn es Hitler gelingt, sechs Millionen Arbeitslose in den Arbeits? rozeß wieder einzuordnen, so müssen auch wir in aller Hochachtung den Hut vor ihm ziehen." Im weiteren Verlauf der Unterhaltung erkundigte sich der Berichterstatter nach Lobes Auslassungen über die Außenpolitik.„Ich denke oft an O e st e r r e j ch," so jagte Löbe.„Sechzehn Jahre hindurch war ich Präsident des Deutsch Oesterrcicbischen Volksbundcs. Oesterreich ist ein deutsches Land und wenn diese beiden Teile des dent- schen Volkes den Willen haben, stch zu vereinigen, so hat niemand das Recht, diele Einigung mit Gewalt zu ver- hindern. Wir haben während der fünfzehn Jahre niemals an einen Gewaltstreich gegen Oesterreich gedacht und ich bin überzeugt davon, daß Hitler ebensowenig daran denkt. Gegen wen würde sich übrigens ein solcher Gewaltstreich richten? Die Mehrheit des österreichischen Volkes war seit jeher kür den Anschluß. Das gleiche gilt für die Saar. Die Rückkehr de» SaargebieteszuDeutschlandvordem Jahre 19 8 5 würde eine unnötige Spannung der deutsch-iranzö- fischen Beziehungen verhindern." Auf den Einwand des Berichterstatters„Tie sprechen ja genau wie Hitler!" er- widerte Paul Löbe:„Meiner Ansicht nach dars man seinen Patriotismus nicht von seinen inncrpolitischcn Anschau- ungen abhängig machen. Ueber den Parteien gibt es e i n Deutschland. Stresemann sagte mitunter ironisch zu mir: „Sie sind ja ein ganz schlimmer Imperialist mit Ihren ewigen Reden über den Anschluß" Aber was wollen Sie, ich bin immer ein guter Deutscher gewesen, stets eingedenk des Wortes von Lnurenee der einmal gesagt hat, daß die Nationen so wie Blumen sind, die erst zusammen einen schönen Strauß abgeben." Am Schluß der Besprechung gab Löbe der Ueberzeugung Ausdruck, daß, wenn man die Dinge von hoher Warte aus betrachte, man allen persönlichen Groll und Unmut vergessen müsse.„Ueber all." so fuhr Löbe fort,„s t n b Experimente im Gange: in Deutschland, in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Frankreich. Daß wir in fünf oder zehn Jahren wieder an die Macht kommen könnten, daran glaubt kein Mensch. Ich möchte zioar aus meine Freunde im Ausland nicht deprimierend wirken, aber sie wissen selbst, daß unsere Rolle ausgespielt ist. Sie wissen, wie sie sich halten müssen und was sie von der ihnen verbliebenen Rolle zu halten haben." v. F. Die Unterredung enthält Bemerkungen, die für einen alten Sozialisten unglaublich klingen. So das Lob der Win- terhilse. Der Parlamentarier Paul Löbe weiß natürlich sehr genau, daß dieser allgemeinen Bettelei eine Beraubung der Bedürftigen durch weitgehenden Abbau der Sozialpolitik, insbesondere durch den Hinausmurs Bedürftiger aus der Ar- beitSlysenrente vorausgegangen ist. Er weiß auch, in welchem Maße Reich, Länder und Gemeinden und private Fürsorge in den früheren Jahren geholfen haben, freilich ohne ihre Leistungen propagandistisch so aufzubauschen, wie es die jetzige Regierung liebt. Ob nun das Interview echt oder gefälscht ist: weder auf die Illegalen im Lande noch auf die Emigration wird es deprimierend wirken. Paul Löbe ist schon vom politischen .Kampsfeld abgetreten, als er, kurz vor der Auflösung der Partei, noch glaubte, irgend einen modus vivendi mit dem Hitlerregime finden zu können und eine entsprechende Poli» tik der ReichStagssraktion versuchte. Daß„wir" In fünf oder zehn Jahren wieber an die Macht kommen, haben„wir" nie behauptet. Die alten politischen Formen und ihre alte Führung sind es gewiß nicht, die die jetzige faschistische Diktatur ablösend Das Vergangene kehrt nicht wieder. Auch die Sozialdemokratie weiß das. tvie ihre entschlossene Abkehr von früheren Fehlern und eine grnnd- sätzliche Umstellung ihrer Politik zeigt. Die Illegalen drin- nen und wir draußen bereiten nur die kommenden Dinge vor. Ter Machtkanips um das Reich wird von mancherlei Kräften und Faktoren geführt und entschieden werden, die jetzt noch nicht klar zu erkennen sind. Dieses Ringen um die sozialistische Macht ist aber in voller Entwicklung, nnd die wachsende Bewegung ist unabhängig davon, ob irgend jemand müde beiseite treten sollte. Die Namen von Mlanz aus der parlamentarischen Periode sind verblaßt. Ans den Reihen der Ungenannten werden in einem unvergleichlich schweren Kampfe neue Volksführcr in entscheidenden Stunden her- vortreten. 0 ÄS Deutsche Poliklinik •I Allgemein« Konsultationen mit 9 Spe»«li«wn. b) Chirurgie c) Gebortshili liehe Klinik d) Zahnärztliche* Kabinett innere Medizin, Augen». Ohren», Nasen« and Kehlkopfkrank» ZweistöckigesJSanatorinmsge binde. Vierstockige» Gebäude. Zimmer Zahn und Mundchirurgie. Gold» aeiten. Röntgen. Diathermie. Elektrotherapie Spezialbehand» Kleine, mittler* und große(^hirur mit 1 bis 4 Betten. 1 Aerzte, 3Heh und Porzellankronen.«Brücken rang bei Blut« Harn« o. Geschlechtskrankheiten fie. Die aller modernste Einrichtung etntnen and 2 Operationssäle. Kautschuk-Arbeiten Ordination füglich von O—12 und 2—8; Sonntags und Feiertags von lO—12 und 2—4 Uhi *» Jugend aller länder! Ein Aufruf des Weltjugendkomitees Auf Initiative und unter Mitarbeit der bekannten Schriftsteller Henri Barbusse und Romain Rolland ist diese Bewegung auf dem Weltjugendkongretz in Paris im September 1933 an die Oeffentlichkeit getreten. Das Weltjugendkomitee, das auf dem Kongreß gewählt wurde, wendet sich von neuem an die Jugendlichen aller Länder zur Organisierung von Nationalkongressen und zur Verwirklichung der kämpfenden Einheitsfront auf Grund des Manifestes auf, um unter Zugrundelegung der erworbenen Erfahrungen die besten Aktions- und Organifationsmittel gegen die reaktionären Kräfte jedes Landes kennen zu lernen. Das Komitee richtet folgende Fragen an die Jugend: 1. Was denken Sie von solchen Zusammenkünften, in welcher Form müssen sie stattfinden, um wirksamer zu fein und eine breitere Basis zu finden? Welche Spezial- fragen müssen hier behandelt werden? 2. Welche Mittel muh die Jugend im Kampfe gegen die kapitalistischen Kräfte und den Chauvinismus an- wenden? 3. Für welches Ziel muh die Jugend kämpfen? Welches ist naa, Ihrer Meinung der Ausweg für die Tausende werktätiger und intellektueller Jugendlicher? 1. Wie ist die geistige Einstellung der Jugend Ihres Landes? Warum läht sich eine so große Anzahl durch die faschistischen Demagogen beeinflussen? 5. Wie muh man zur Jugend sprechen, um sie zu gewinnen, wie ihre Begeisterung wahrnehmen und dirigieren? 8. Welche Jugendaktionen müssen wir führen, um die Be- sreiung ihrer eingekerkerten Genossen zu erreichen, die in ihren Kerkern ihren heldenhaften Kampf fortführen? 7. Was können Sie in den Kreisen tun, die Sie besuchen und auf die Sie Einfluß haben, um noch zahlreicher alle die heranzuziehen, die ernsthafte Feinde der Sklaverei und der Unterdrückung der Menschen durch den Men- schen sind?. Weltjugendkomitee Henri Barbusse, Paris X, 237, rue Lafayette. Anfllasdiisfisdie Jurisien Aufruf zu einer internationalen Vereinigung Die Rechtsanwälte Benabue, London: Berger, Paris: Eampinchi, Paris: Tetscheff, Sofia: Gallagher, Los Angeles: Grigoroff, Sofia: Tekanina, Prag: Bermeylen, Brüssel und Willarö. Paris, die am Reichstagsbrandprozeß bzw. am Lon- doner Gegenprozeß teilgenommen haben, wenden sich mit einem Aufruf an alle Juristen und Intellektuellen. Aus Grund ihrer eigenen Beobachtungen und Ersahrungen mit der faschistischen Justiz in Deutschland»ordern sie alle ihre Beruiskollegen zum Protest gegen die Willkür und Brutali- tät der faschistischen Rechtsprechung, zur Unterstützung der verfolgten Antifaschisten auf. Sie appellieren an das Äe- rechtigkeitsgefühl jedes Einzelnen und fordern die Zusam- menkastuna der antifaschistischen Juristen und Intellektuellen in allen Ländern. Ter Aufruf schließt mit der Aufforderung, die Internationale Juristische Bereinigung in ihrem Kampf gegen Justizunrecht und-terror zu unterstützen. Nicht so isoliert kann der Einzelne die notwendige Arbeit leisten. Als Mitglied der Internationalen Juristischen Vereinigung aber reiht er sich ein in die große Front aktiver Antifaschisten und stärkt ihren Kampf. Der Kouniht Professor Dr. Schreiber tritt von seinem Posten als Leiter des Verbandes der deutschen Katholiken im Auslande zurück. Zwischen den Hitlerautoritäten und dem Verband der deutschen Katholiken im Auslände, der in den Randgebieten um Deutschland stark vertreten ist, kam es zu einem Kon- slikt. Er wurde zunächst beendet durch den Rücktritt des bekannten Universitätsprofessors und früheren Zentrums- abgeordneten Prälaten Dr. Schreiber von der Leitung des Verbandes. Der Zwist wurde verursacht durch einen Ka- lender, den der Verband für die deutschen Katholiken im Auslande für das Jahr 1934 herausgegeben hakte. Darin wurde weder der nationalsozialistischen Erhebung, noch der Machtergreifung durch Hitler Erwähnung getan, was den be- kannten Sturm im nationalsozialistischen Lager hervorrief. Die„Essener Nationalzeitung", bekanntlich das Publikations- organ Hitlers, teilt mit, daß entsprechende Maß- nahmen getroffen worden seien, um den Schaden wieder gut zu machen. Zur Verbandsftthrung gehört auch der frühere Führer der Bayerischen Volkspartei Prälat Leicht.— Ueber diesen Konflikt bringt nur der Pariser„Temps" eine Nach- richt. Von den deutschen Nachrichtenbüros, wie von der beut- schen gleichgeschalteten Presse wird die Angelegenheit ver- schwiegen. wo ovo Zeitungsausschnitte Im antifaschistischen Archiv Das Internationale Antifaschistische Archiv, das im Herbst 1938 gegründet wurde, ist die bisher vollständigste Sammlung oller Materialien über das Vordringen des internationalen Faschismus und besonders über den deutschen Nationalsozia- lismns. Schon jetzt find weit über 190 000 Zeitungsausschnitte aus deutschen und ausländischen Zeitungen gesam- melt und geordnet. Der Ausbau einer großen anttfaschisti- schen Bibliothek nach wissenschaftlichen Prinzipien ist im Ganor die olle wichtigen Werke unserer Zeit umfassen soll. DaS Archiv bittet um die Unterstützung aller derer, die die Bedeutung des Archivs als einer wichtigen Waffe im anti- faschistischen Kamps erkannt haben. Svezial-Material aus verschiedensten Gebieten de? Archivs steht Interessenten und insbesondere Zeitungsredaktionen auf Anfrage zur Ver- sügung. Deutsche jüdische Aerzte in Palästina fZTA.l Jerusalem. In der„Pakestine Gazette", dem Amtsblatt der Regierung, wird eine Liste von weiteren 53 jüdischen Aerzte« veröffentlicht, die zur Ausübung der Praxis in Palästina zugelassen wurden. Die neu Zugelassenen, unter denen sich auch sechs Aerztinnen befinden, sind zum größten Teil ans Deutschland eingewandert. Die gleiche Ausgabe deS Amtsblattes enthält eine Liste von 1» Zahnärzten, die in letzter Zelt Prarisllzenzen erhalten haben. Auch sie stammen anscheinend durchweas aus Deutschland. Mit der Ausaabe der neuen Lizenzen haben die für ärztliche Praxis dir^ghl'*°l dt» fit-- Zahnärztliche Vraris die Zahl 451 er- reicht Noch im Februar wird eine vollständige Liste der gegenwärtig in Palästina praktizierenden Aerzte, Zahnärzte und Apotheker veröffentlicht werden. Pariser Straßenkalender In der Ausstellung an der Porte de Versailles erregt besonderes Aufsehen eine Hitler-Karikatur, von Yvette Guilbert gezeichnet. ♦ Das Orchester des Refugies spielt am 27. Februar im Grand Orient, in der Gruppe„Fraternite-Reconciliation". Georg Bernhard wird sprechen. * Der jetzt viel gebrauchte Ausdruck„Briscard" bedeutet ursprünglich ein Militärabzeichen am Arm in Form eines V dann einen alten Soldaten mit Abzeichen. * Am Donnerstag 20.30 hält der Schutzverband deutscher Schriftsteller im Saal L der Mutualite einen Abend für Ludwig Renn ab. Theodor Plivier liest Renn. David Luschnat, Ludwig Marcuse, Josef Roth sprechen. * Am 21. Februar findet eine Mitgliederversammlung der deutschen Liga für Menschenrechte statt. * Am Donnerstag, 15. Februar, 2 Uhr, findet im Poste Parisien, 116 bis, Champs Elysees, ein Vortrag„Kunst des Mikrofons" mit praktischen Vorführungen statt, gegeben von dem bekannten früheren Kapellmeister der Berliner Staatsoper Meyrowitsch. Generalstreik.... Im Hotel unten liegen keine Briefe, der Briefträger ist nicht gekommen.„Du," sagt Friedrich,„heute muß ich nach dem Square Leon-Guillot, das ist ein neuer Square bei den Neubauten im 15ten— aber wie soll ich hinkommen? Es gibt kaum Polizisten in den Außenvierteln und keine Chauffeure— da such mal was?" Der Bäcker ist mürrisch, ihm ist der Tag grau. Die Autobusstelle ist leer, das ärgert ihn. Und dann ziehen so viele Menschen auf, wohin soll das führen? Die Milchfrau füllt den halben Liter für 15 Sous ein und sagt:„Wenn Sie schießen, schieße ich." Zeitungen gibts nicht, die französischen nicht, die deutschen nicht. Dafür wird eine Sonderausgabe des„Populaire" verkauft und laut ausgerufen. Es bilden sich schnell Gruppen. Drüben hängt der Aufruf der Unitaires an der Wand, da kommt niemand gut weg, nach Fontanx nicht. Na, wollen mal sehen, ob das elektrische Licht funktioniert — aber natürlich, die lebensnötigen Dienste werden ja gespeist. Waschen darfst Du Dich also auch, Mathilde. Und das Telefon? Hör doch, nebenan bei den Rumänen wird an die Tür geklopft.„An telephone, monsieur," sagt der Gar^on, der selbst, glaub ich, eifriger Diener der Action Franchise ist. Aha, der automatische Dienst geht also, braucht ja nur wenige Mädels zur Regulierung. Draußen liegt ein kalter Vorfrühlingstag. Die Metro funktioniert nicht. Nur mühsam wird ein Behelfsverkehr versucht. Die Familien gehen unschlüssig spazieren. Im Tabakladen, am Zink, wird unendlich viel geredet, jeder weiß was. So ungefähr erlebte der unbeteiligte Bürger den 12. Februar, den Rosenmontag der Gewerkschaften. Der kämpfende Arbeiter freilich erlebte ihn anders! Der Anfrnhr der Endel vor Gerldif Eine der amüsantesten Revolutionsgeschichten aller Zeiten ist der„Aufruhr der Engel" von Anatole France. Die aufrührerischen Engel gehen nach Paris, um dort eine Revolution gegen den Kosmos vorzubereiten. Bei einer ihrer Zusammenkünfte verliert ein Engel Explosionsstoffe aus der Tasche, und ein Pariser Häuserblock stürzt ein. Am nächsten Tage schreiben die Zeitungen teils, es waren die Juden, teils es waren die Deutschen. Aber die Mehrzahl, meint Anatole France, war für die Deutschen. Dieser berühmte Roman beginnt in der größten theologischen Bibliothek von Frankreich, in einem Adelsschloß, die einer der Abgesandten der aufrührerischen Engel auf Beweise gegen das Dasein Gottes durchsucht. Dabei spielt der Bibliothekar des Schlosses, Julien Sarette, eine besondere Rolle. Dieser verknöcherte Knabe wird wahnsinnig, weil ihm die schönsten Bücher seiner Bibliothek abhanden kommen. Anatole France schrieb diese schöne Geschichte vor dem Kriege. Das Haus Calmann-Levy brachte sie heraus, nachdem der Autor zu verschiedenen Aenderungen veranlaßt war. Das ist alles lange her. Anatole France ist tot, Luzifer hat immer noch nicht das Kommando der gestürzten Engel zum Sturm auf den Porphyrpalast des Himmels angetreten — und der einzige, der noch da ist und verspätet seine Ansprüche anmeldet, ist Julien Sarette. In der Tat ist dieser Tage eine Klage des Vorbildes des Bibliothekars gegen die Erben des großen Schriftstellers vor einem Pariser Gericht gestartet. Der Bibliothekar im Kriegsministerium(ausgerechnet), Jean Lemvine, glaubte sich in dem Julien Sarette des Romans zu erkennen. Daß er nicht eher geklagt hat, ergibt sich lediglich daraus, daß er wirklich wahnsinnig geworden war und lange Jahre in einer Anstalt steckte, wo er elf Jahre brauchte, um seine zivile Existenz wiederherzustellen, zugleich auch seine Stellung im Kriegsministerium und die Verurteilung seiner Frau. Er ist nunmehr also wieder in Amt und Würden, steht sogar im vollen Glänze einer von ihm verfaßten Lebensbeschreibung der berühmten Madame de Sevigne dar, der großen Brief- schreiberin der feudalen Zeit, und kriegt dafür in unserer demokratischeren(sofern das Wort noch angebracht ist) die Erben des Dichters an die Hammelbeine. Dem Advokaten des Klägers kam anscheinend sehr zu statten, daß Anatole France in dem Buche als eine seiner üblichen ironischen Wendungen die Worte gebraucht hat: „All unsere Einbildung folgt aus Erinnerungen." Die 3. Kammer des Zivilgerichts verurteilte daraufhin die Erben von Anatole France, der übrigens eigentlich Thibault hieß, zu 20 000 Franken Schadenersatz, aber auf die Einziehung des Buches wurde nicht erkannt, um dem„literarischen Erbbesitz Frankreichs" nicht zu schaden. BBIEFKASTEH Basel. Ja. Wir halten es in der Ordnung, ausdrücklich darauf hinzuweisen, datz wir die Interenanten Erinnerungen Woligang Heines an Hermann Bahr Ihrer vortrefflichen„Naiional-Zeitung" entnommen haben. Versehentlich war die Angabe der Quelle unter- blieben. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz In Dud» weiler: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Bolksstlmme GmbH., Saarbrücken 3, Schützenstratze&. Deutsches Zahnärztliches Institut 22. EUE DE OOUAJ. Hätro» Bloch«, PigalW r«l. Irinit* 40.27 Sprechstunden: 4.12, 2.8 Zahn««. Mundkrankh., Röntgen. Elektrotherapie, Prothesen, Kronen. Brücken in Gold, Platin u. 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