Linzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 48— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, den 27. Februar 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inha lt Meiden Seite 2 BimUioft£M Jaht im JiecAec Seite Z Ausruhe-A&stiuz Seite 3 Der Austcafaschismus Seite 5 Qeheimnis um JtidUet JUince Seite 7 Jjtsecalenteil beachten! Eine Million Bonxeneide Die Meineide des Führers V. F. Das größte Reklame-Institut der Welt, die NSDAP., bat viele neuartige Propaganda-Ideen. An solcher Fantasie ubertrifft es alles, was sich jemals, in Deutschland nicht uur, sondern in der Welt, als Massenbewegung betätigt hat, uue Kirchen und alle Parteien. Immer wieder Fahnen und <5este, immer wieder Märsche und Paraden, immer wieder Gesänge und Girlanden, immer wieder Spalier und Heil- *ufe, immer wieder Feiern und Selbstbespiegelung, immer wieder Pläne und Hoffnungen, immer wieder und dennoch Deutschland über alles in der Welt. Und immer wieder der Versuch, durch gewaltige irrationale Gesühlsströme über das Versagen des Regimes im nüchternen Alltag des wirt- schädlichen Daseins hinwegzutäuschen. Tiesmal wurde die größte Verschwörung der Wcltge- schichte ausgeführt: 1 Million Eide der Treue und des Gehorsams zum Führer. Genau 1017 000 Fahneneide auf den Führer und die Macht der Nationalsozialisten. Wir zweifeln nicht, daß man eines Tages nicht nur diese Million, sondern das ganze Volk antreten lassen wird, um es durch den Rund- funk die Stimme Adolf Hitlers als des deutschen Gottes aus Himmelshöhen hören und es den Eid der ganzen Nation leisten zu lassen. Diesmal übten sich nur die 1 Million Bonzen im Treueschwur, alle, die irgendwo und irgendwie versorgt und untergekommen sind, alle, die zu Vorgesetzten der großen Volksmehrheit wurden. So sieht die Gruppierung der 1 Million Verschworenen aus: Leiter der Politischen Organisationen sGauleiter, Kreislditer, Ortsgruppenleiter usw.) mit ihre« Stäben 373 ttnit Amtswalter der NSBO. 120 nnn Amtswalter der NSDAP. 25 800 Amtswalter der NS.-Haqo 57 000 Amtswalter des Amtes für Beamte...... 88 000 Amtswalter der Franenschast........ 58 000 Amtswalter des Agrarpol. Appar....... 20000 Amtswalter des NS.-Lehrerbundes..... 12 700 Amtswalter des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen 1 600 Amtswalter des NS.-Aerztebundes 1 500 Amtswalter der NS.-Bolkswohlfahrt..... 68000 Amtswalter des Amtes für Kommunalpolitik., 8 600 Amtswalter der Parteigeschichte....... 2 500 Amtswalter der Propaganda........ 18000 Amtswalter der Presse 7 800 Führer und Führerinnen der Hitler-Jugeud und des BdM 205 000 Unterführer des Freiwilligen Arbeitsdienstes.. 18 500 Es ist eine Verschwörung gegen die Selbstbestimmung des deutschen Volkes. In einer widerspruchsvollen Rede, die der nationalsozialistische Parteiführer in dem für seine Be- wegung historischen Hofbräuhaussaale in München hielt, kam dieser Wille, alle Gegner des Systems mit allen Mitteln niederzuhalten deutlich genug zum Ausdruck. In 4er Mitte der Hitlerrede wurde das große Versprechen abgegeben: »Wir wollen in der Zukunft wenigstens einmal in jedem Jahre dem Volke die Möglichkeit geben, sein Urteil über uns zu fällen." Zu Beginn der Rede aber wurde als eiserner Grundsatz des Nationalsozialismus proklamiert:„W i r dulden keine zweite politische Erscheinung neben diekerin Deutschland" Nachdem so mit allen Machtmitteln des Staatsheeres und des Milizheeres der Polizeitruppen und der Gesetzgebung dem Volke gedroht worden ist verhöhnt man es mit der..Möglichkeit, sein Urteil über uns zu fällen". Noch klarer als Hitler selbst bekannte sein Stellvertreter Rudolf Heß in der Rede, die der Eidesleistung voranging, daß die Macht der nationalsozialistischen Tyrannen auf ihren bewaffneten Milizen und nicht auf dem freien Volks- willen beruht. Niemand wird behaupten wollen, daß die politische Erziehung des Volkes abge- schlössen ist. daß diese Erziehung ungestört möglich wäre, wenn nicht im Hintergründe schirmend die SA. stände. Wer glaubt, der Gebanke an einen..Putsch" einer energi- scheu Minderheit sei absurd und die SA. demgemäß über- flüssig, dem sei erwidert, daß der Gedanke nnr deshalb absurd ist, weil die SA. bereit steht, i« einem einzigen Schlage jedem Gegner ihresurcht, bare Kraft zu beweisen. Woher will Heß wissen, daß dieser„Putsch", den er fürchtet, nur von einer energischen Minderheit kommen konnte? Vielleicht dachte er in diesem Augenblick lediglich an die Mo- narchisten. und alles, was der Nationalsozialismus jetzt „Reaktion" zu nennen pflegt. Wir denken an die unsterbliche und mit jedem Tag wieder wachsende wirklich sozialistische Bewegung, die längst auch in der TA. und SS. ihre Pioniere hat. Die feierliche Massenverschwörung gilt nicht dem Häuf- lein Monarchisten, sie ist gegen die drohende Größe des Sozialismus gerichtet, der unbesiegbar mahnend vor den Machthaber» des„dritten Reiches" steht. Vielleicht erinnern sich die nationalsozialistischen Führer eines Massenschwurs, der alljährlich dem großen Häuptling des„zweiten Reichs" geleistet worden ist: Der Fahneneid für den deutschen Kaiser und König von Preußen. Unter dem eisernen Zwang des größten militärischen Systems der Welt hielt er die deutschen Heere in Zucht, bis der Glaube an den Tieg der deutschen Waffen unter übermenschlichen Zu- mutungen zermürb» worden war. Da kam am 9. November die Stunde, in der Generalquartiermeister Grüner dem obersten Kriegsherrn achselzuckend sagte:„Majestät, in solcher Lage ist der Fahneneid eine Fiktion." Der Fahneneid, den in jener Stunde sogar der Marschall des Weltkrieges vergessen mußte, der nun am Tage des großen nationalsozialistischen Eides mitgeschworen hat. Dieser uralte Generalfeld- Marschall, der den Treuschwur leistete für drei Hohenzollcrn- Monarchen, für die Republik, die diesen Hohenzollern folgte und für den Führer, der die Republik von Weimar ab- gelöst hat. So wandeln sich die Menschen und die Eide... Die Versammlung im Hofbräuhaus zu München galt dem Gedenken an das unabänderliche nationalsozialistische Pro- gramm, das vor 14 Jahren an dieser Stelle verkündet worden ist. Hitler ließ seine Bewegung schwören. Er selbst aber ist meineidig, denn er hat alle Eide ge- brachen, die er in 18 Jahren aus die 25 Punkte seines Programms geleistet hat. Nicht mit einem Wort berührte er sein Programm der Verheißungen, nicht mit einem Gedanken näherte er sich der Not des deutschen Volkes, nicht den leisesten Versuch machte er, im Rahmen seines Programms irgendeinen Plan für die Rettung der hungernden Volksmassen zu entwickeln. Halten wir also dem eidbrüchigen deutschen Kanzler eine Reihe seiner Versprechungen vor: Zusammenschluß aller Deutschen zu einem Großdeotschland: In Wahrheit Preisgabe Süd» tirols, Verzicht aus Elsaß-Lothringen und aus den Pol- nischen Korridor und Hinnahme des italienischen Protet» torats über Deutsch-Oesterreich. Zerreißung der Friedensverträge von Versailles und St. Germain: In Wahrheit neue Unterwerfung unter diese Verträge durch den Bierer, pakt durch das Ostlocarno und durch feierliche Ber» sprechungen. Kolonialland zu Ansiedlung und Ernäh» rung deutscher Auswanderer: In einem Jahre Regierung gab es nur Schweigen und Verzicht in der Kolonialfragc. Kamps gegen das Parteibuchbeamtentum: In Wahrheit wurde dos„dritte Reich" das größte und korrupteste Parteibuchbeamtensystem, das die Welt je ge- sehen hat. Ausweisung fremder Staatsangehöriger, aller, die nach dem 2. August 1018 ein» gewandert sind: In Wahrheit wurden Zehntausende deutsche Volksgenossen mit Frau und Kinder« über die Grenzen gejagt. Nicht die Inländer, sonder« die Aus- länder allein wurden unter Schutzbestimmungen gegen die brauneu Horden gestellt. Gleiche Rechte und Pflichten für alle Staatsbürger: In Wahrheit eine Fülle von Vor- rechten und Versorgungen nur sür die Parteigänger der herrschenden Clique. Abschossung des arbeits» und mühelosen Einkommens und Brechung der Zins» knechtschast: In Wahrheit bewaffneter Schutz für den Hochkapitalismus und die Bank- und Börsenfürsten. Restlose Einziehung aller Krieg»., Revolutions- und Jnslationsgewinne: In Wahrheit blieben sie unangetastet und nur die Vermögen der Arbeiterorganisationen, ihre Häuser und ihre Heime wurden geraubt und gestohlen. . Fortsetzung siehe 2. Seite. Direkte Saarverhandlungen? „Wenig verheißungsvoll" London, 26. Februar. In einem Aussatz in der „Times" über die Saarsrage heißt es, dem Borschlag in der Rcichstagsredc des Reichskanzlers oom 30. Januar, eine dcutsch-sranzösische Vereinbarung über die Saar abzn» schließen» sei vielleicht nicht genügend Beachtung geschenkt worden. Eine solche Lösung würde trotz gewisser Nachteile der einzig gangbare Weg sein, um Verwicklungen zu ver, meiden. So wenig verheißungsvoll die Aussichten auch seien, so würde es doch bedauerlich sein, wenn nicht ein neuer Versuch gemacht würde, eine Lösung durch direkte Berhand- langen zu erreichen. Englischer Briet Oesterreich im Mittelpunkt Dr. 0. G. London, Ende Februar. Wie überall so stand auch in England in den letzten Wochen Oesterreich im Mittelpunkt. Selbst die Londoner Abendblätter, die sonst nur über Sensationsprozesse, Raub- Überfälle usw. zu berichten pflegen, widmeten ihre Schlag- zeilen dem Kampf in Wien. Aber es war nicht nur Sensation, die Engländer, die bisher Dollfutz vergöttert hatten, fühlten sich durch die furchtbaren Vorgänge aufs tiefste er- schüttelt. Artillerie gegen Grotzstadtwohnhäuser, Frauen und Kinder getötet— die ganze englische Gefühlswelt wurde aufgerührt. Dem Engländer galt Wien immer nur als die Stadt der Fröhlichkeit. Und nun dies. Dollfutz hat die Sympathien der Engländer verloren. Man nimmt ihn vielleicht noch als kleines Uebel hin, aber niemand sieht in ihm noch den grotzen Mann. Der heldenhafte Kampf der Arbeiter hat bis weit in die konservativen Kreise hin Bewunderung erregt. Selbst der durch und durch sozialistenfeindliche„Daily Telegraph" hat geradezu begeisterte Berichte über die Tapferkeit und Eni- schlossenheit der Arbeiter veröffentlicht, er Hat sich über die Verleumdung der Führer Deutsch und Bauer durch Fey empört. Auch die anderen konservativen Blätter wie „Times",„Observer",„Sunday Times",„Morning Post", und sogar Lord Beaverbrooks„Daily Expretz" waren voller Respekt. Nur die faschistischen Rothermfjre-Blätter stgnden auf der Seite der Dollfutz-Fey. Fast alle Blätter gaben den Heimwehrprovokateuren einen wesentlichen Teil, wenn nicht die ganze Schuld. Alle empörten sich über die Hinrichtung eines schwerverwundeten Kämpfers. Und der— nach autzen hin private— Schritt des englischen Gesandten in Wien, der Dollfutz zur Milde aufforderte, wurde allgemein gebilligt. Aber darüber darf man sich nicht täuschen, politische Konsequenzen will niemand aus seinen sentimentalen Gefühlen ziehen. Ein Vorstotz eines Abgeordneten in dieser Richtung stietz auf ent- schiedensten Widerstand. Ja, fast möchte man annehmen, datz manche Engländer die furchtbaren Ereignisse in einem Winkel ihres Herzens begrützen, weil ihnen nun ein Vor- wand gegeben ist, nicht nur Dollfutz fallen zu lassen, sondern sich aus der ganzen österreichischen Affäre zurück- zuziehen. Die Dreimächteerklärung zugunsten der Unab- hängigkeit Oesterreichs ist daher auch auf Englands Ver- anlassung recht nichtssagend ausgefallen: und Simons Er- Klärungen im Unterhaus haben sie noch mehr oerwässert. Der„Daily Telegraph" sprach es ganz brutal aus: nur für die sranzösisch-belgische Grenze würde England sich aktiv einsetzen, aber für keine andere Grenze in Europa. Wenn Oesterreich den Anschluß will, so würde England es nicht hindern, obwohl es natürlich Mussolini nicht in den Arm fallen würde. England möchte sich aus der österreichischen Affäre zurückziehen und steckt deshalb wieder einmal den Kopf in den Sand— es will die schwerwiegenden Pro- bleme nicht sehen, weil sie unangenehm sind und aktives Handeln fordern würden. Und das scheut die englische Außenpolitik wie in der Abrllstungsfrage so auch hier. Um momentane Konflikte zu vermeiden, duldet man es mit geschlossenen Augen, datz der Brandstofs aufgehäuft wird. Ist auch Englands Freiheit in Gefahr? Die gleiche Inaktivität in der Innenpolitik bedeutet zweifellos eine Gefährdung der demokratischen Einrichtungen. Die Taten- und Ideenlosigkeit der Regierung, die nicht nur dem Lebensalter nach aus 60-70jährigen besteht, beunruhigt allmählich auch die Anhänger der Regie- rung. Die Iungkonfervativen werden unruhig. Eine Redewendung des Landwirtschaftsministers Elliot, eines der wenigen jungen Regierungsmitglieder, und sicher der ideen- und erfolgreichste Minister des Kabinetts, erregte weitgehend Aufsehen. Er sagte in einer Rede, daß Mintster, die sich nicht zu Aktivität und zum Handeln auf- raffen können, abtreten müssen, wenn sie nicht weggefegt werden sollen. Obwohl Elliot es leugnet, sah jeder dorm eine Mahnung an die Kabinettskollegen. Macoonald ver- suchte die Regierung durch einige Reden populärer zu machen, aber das mißlang ihm völlig, feine Reden machten selbst im Regierungslager einen katastrophalen Eindruck:, da sie nichts als Phrasen enthielten. Verschiedene Nachwahlen in sicheren konservativen Bezirken zeigten auch die Unpopularität der Regierung, die nur knapp die Man- date halten konnte. Mehr noch freilich bewiesen sie den Zusammenbruch der Liberalen, die bestenfalls ein Drittel ihrer früheren Stimmenzahl behielten. Der Rest ging zu zwei Ditteln zttr Labour Party, zu einem Drittel zu den Konservativen. Die Inaktivität der Regierung läßt zweifellos eine faschistische Gefahr entstehen. Mosley nutzt die Situation aus, an Geld scheint es ihm dabei nicht zu fehlen. Wenn die faschistische Gefahr auch noch nicht sehr akut ist, so fühlen sich doch die freiheitsliebenden Engländer bereits beunruhigt. Da ist dieser Tage ein Aufruf für„Freiheit und Führerschaft" herausgekommen, der sich gegen alle Diktaturbestrebungen wendet. 145 namhafte Männer und Frauen haben ihn unterzeichnet, darunter der Labourführer Lansbury, der liberale Führer Samuel, namhafte jungkonservative Führer, bedeutende Männer der Wissenschaft. Kunst, Literatur, der Erzbischof von?1ork, der zweithöchste Mann der englischen Kirche, und viele andere. Dieser Aufruf, der von allen bedeutenden Blättern gebracht wurde, auch von der hochkonserootiven„Morning Post", war sicher gut gemeint— aber ob er wirksam sein wird? Er appelliert reichlich viel an die heute ja nicht sehr hoch im Kurs stehende Vernunft, er ist nüchtern und ab- strakt. Den robusten Faschismus jedenfalls muß man mit anderen Waffen bekämpfen. Faschistische Aktivität Die Mosley-Partei macht viel von sich reden. Da hat sie sich jüngst Kugel- und flaschensichere Wagen angeschafft, da veranstaltet sie gelegentlich Prügeleien— meist mit anderen faschistischen Gruppen. Die letzten Wochen hatte man sich etwas Neues ausgedacht. Die Landwirte liegen mit den Kirchen und Universitäten, die ein uraltes Zehntenrecht auf den Grundstücken haben, im Streit. Die Bauern wollen diesen Zehnten sTithe) nicht mehr zahlen. Deshalb kommen gelegentlich Pfändungen vor. Jetzt sollte wieder das Vieh eines Landwirts in Suffolk ge- pfändet werden. Aber da besetzten Mosleys Schwarz- Hemden gegen den Willen des Landwirts das Gut und be- wachten die Schweine, sie zogen Gräben, fällten Bäume, blieben tagelang dort im Biwak— kurz: sie spielten etwas Krieg. Eines Tages erschien die Polizei und lieferte 18 Schwarzhemden im Gefängnis ein. Gegen Kaution und das Versprechen, nicht wieder auf das Gut zu gehen, ließ man sie schließlich laufen, nachdem sie ein paar Tage ge- brummt hatten. Und in der Tat, das Feld wurde geräumt. Es war nicht gerade ein Sieg, aber die Zeitungen haben über die Schwarzhemden geschrieben— und das war wohl der Hauptzweck der Aktion. Die große Frage ist die: Hat der Faschismus bereits Wurzel geschlagen oder ist er noch durch Lächerlichkeit zu töten. Darüber gehen die Meinungen auseinander. Lord Beaverbrooks„Daily Expreß" versucht es mit dem Lächer- lichmachen. In einem großen Artikel zählte er alle Hemdfarben ckuf. die die verschiedenen faschistischen Organisationen haben. Die Iungkonfervativen dagegen haben im Unterhaus einen beifällig aufgenommenen Vor- stoß gegen die Privatarmeen und die Uniformierung über- Haupt unternommen, Der Innenminister hat erwähnt, daß die Zahl der Zusammenstöße sich in letzter Zeit als Folge der Uniformierung stark erhöht habe. Die Regierung be- obachte die Angelegenheit und werde, wenn es nötig sei, handeln. Wird sie es wirklich? Oder steckt sie auch hier den Kopf in den Sand und wartet, bis es zu spät ist? Der Löwe und das Einhorn sind die Symbole Englands, die Regierung Macdonald ist eifrig bemüht, aus diesen Tieren eitlen Strauß zu machen. Edens Mlfierfo!« Kein Gedanke an eine Aorüstungskonvention Einige Tage mimten nicht nur die deutschen, sondern auch die englischen Zeitungen gemähigten Optimismus über die Ergebnisse der Berliner Reise des britischen Lordsiegelbewahrers Eden. Jetzt verrät die angesehene englische Zeitschrift„Obseroer", daß diese schönen Mel- düngen Schwindel waren.„Obseroer" schreibt: „Eden ist von seiner Berliner Reise schwer enttäusch» gewesen. Er hat keinerlei Grundlage für die Möglichkeit einer Einigung gesunden. Die Aus- künfte, die Eden zuteil geworden sind, haben die B e f ü r ch- tungen der englischen Regierung b e st ä t i g t. Die von der Reichsregierung vorgebrachten Forderungen beweisen klar, baß kein Abkommen geschlossen werden kann, weder aus der Basis des britischen Memorandums, noch aus irgend einer anderen Grundlage. Die englische Regierung ist der Ausfassung, daß der französische Vorschlag eine Beschränkung und eine Herabsetzung der Rüstungen bezweckte. Das britische Memorandum iußt gleichfalls auf einem Plan der Rüstungs- beschränkung und-Verminderung. Dir deutschen Forde- rungen dagegen beweisen mathematisch einwandfrei, da» das Reich mit keinerlei Riistungsverminde- rung rechnet und daß es für sich selbst mehr als Gleichberechtigung verlangt." * Die Kundgebung der kommunistischen Hunger» mörschler am Sonntagnachmittag im Hyde-Park verlief ohne jeden Zwischenfall. ZM Kommunisten wurden oou 20 000 Schutzleuten zu Fuß und zu Pferde begleitet. Fortsetzung von der 1. Seite. Eine Million Bonzeneide Verstaatlichung der Trusts, die Gewinn- beteiligung an Großbetrieben: In Wahrheit herrschen Trusts und Kartelle mächtiger denn je. Nichts ist geschehen, um nur noch einige Programm- punkte herauszuholen, für den Ausbau der Alters- Versorgung, denn im Gegenteil: Die Renten wurden gekürzt und an Stelle der sehlenden StaatShilse ein rieten- haster Massenbettel eingerichtet. Nichts ist geschehen sür die Uommunalisieruug der Warenhäuser, sür die Bodenreform, sür die A b s ch a s s u n g des Bodenztuses, den» der Grobgrundbesitz wird durch Zölle und Preisbindungen mehr subventioniert denn je. Nichts ist getan worden sür den KampfgegenWucher nnd Schieber, nichts sür die Ausbildung be- sonders veranlagter Kinder armer Eltern ans Staatskosten, denn im Gegenteil werden die Kinder dieser Eltern vom Studium ausgeschlossen. Abgebaut statt auf- gebaut wurde die Gesetzgebung zur Hebung der Volks- gefundheit, zum Schutze der Mütter und der Kinder. Und für diese und andere Punkte des Parteiprogramms versprachen die Führer unter Einsatz ihres Lebens cinzu- treten. Keincr ist in diesem Jahre für seine Uebcrzeugung gefallen. Getötet wurde nur jener Naziführer Muchvw, der bei einem Weingelage m« Lcy und Konsorten durch einen andern Naztbonzen fiel: gelötet wurden zahlreiche Naziführer, die bezecht ihre Limousinen zu Schanden fuhren. Die andern alle leben herrlich und in Freuden auf Posten, die glänzender bezahlt werden als je. Nie hat in Deutschland eine hohe Beamtenschicht so die Staatsmittel für sich selbst mißbraucht, wie diese Hitler und Göring und Göbbcls und Röhm. die luxuriöser reisen als weiland die Fürsten, die sich Villen und Landgüter und Schlösser auö politisch erworbenen Summen bauen oder schenken lieben. Die Existenz dieser Herren ist ein einzigerVerratandenZö Programm punkten, die jetzt in München gefeiert worden sind. Als sein Ziel verkündet nun der nationalsozialistische Parteiführer: „Ausgabe der Bewegung Ist die Eroberung des deutsche« Menschen sür die Macht dieses Staates." Das ist kein Ziel, sondern eine Phrase. Es kommt daraus an, wie die Macht dieses Staates eingesetzt wird. Dieser Entscheidung kann der Nationalsozialismus so wenig ausweichen, wie es je ein« andere Staatsmacht konnte. Sein Schicksal liegt nicht im ersten Teil des Wortes, denn der deutsche Nationalstaat wird von allen Deutschen, auch den aus ihrem Lande Verstoßenen, bejaht. Hitlers und seiner Bewegung Schicksal wird durch die große Frage des Jahr- Hunderts gestellt: die sozialistische Organisation der Wirk» schaft und die sozialistische Erneuerung der Gesellschaft. Diesem Ziel gilt unser Eid, und wir ver» trauen fest, daß zwar nicht die versorgten Bonzen, aber die unversorgten Idealisten den Eid aus den S o z i a l i S- m u s meinen, wenn sie die Hand zur roten Fahne mit dem Hakenkreuz erheben.„. Die Verrät«? da oben haben längst ihren eigenen Sckwur gebrochen. Niemanden ist Meineidigen Treue schuldig. Eines Tages werden die Meineidigen zur Verantwortung ge- zogen werden. und nur der Eid aus den SozialSmuS wird seine Geltung behalten. Sfrafvertaliren gegen Rudolf HeB? Wegen der Münchener Schwurformel München, 26. Febr. Wie von gut unterrichteter Seite ver- lautet, hat der Staatsanwalt beim Landgericht I, München, Eranzöslsdie„Reidisnrehr"? Eine militärpolitische Forderung Paris, 26. Fcbr Der militärische Mitarbeiter des Echo de Paris, Andre Pironneau, der als Vertrauensmann deS französischen Generalstabs gilt, wirbt in seinem Blast für die Schaffung einer aus Berufssoldaten bestehenden Kern- truppe, die überall dort im Ausland eingesetzt werden könnte, wo Frankreichs Politik sich durch einen Kraftaufwand durch- setzen müsse. Pironneau begründet die Dringlichkeit seiner Forderung mit den Ereignissen in Oesterreich. Die Erhal- tung des Friedens, so schreibt er, sei nur noch ein« Frage der Macht. Die Regierung Doumergue sei sicher davon über- zeugt. Ihre Zusammensetzung, der ernste Hinweis des Ministerpräsidenten aus die augenblickliche Lage und die feste Haltung in der Abrüstungsfrage bewiesen, daß Träumerei und Verzichtpolittk aufgehört hätten. Marschall Petain werde von sich aus alles Notwendige für den Ausbau der natio- nalcn Verteidigung tun: aber es gelte außerdem Neues zu schaffen. Frankreich brauche dringend eine aus BerusS- ioldaten bestehende Stoßtruppe, die außerhalb der fran- zösischen Grenzen das Instrument der BeistandSpolttik sei, die für„präventive nnd represiive Manöver" eingesetzt werden könne und die außerdem als Kern- und Elitetruppe daS Rückgrat dcS übrigen Heeres bilde. Diese Stoßtruppe mtisie mit dem modernsten motorisft—en Kriegsmaterial a. s- gerüstet sxin. Pironneau behauptet, baß die führenden mili- iärischen Kreise für diesen Gedanken bereits gewonnen seien und daß er auch der persönlichen Auffassung des Kriegs- minister» Marschall Petain entspreche. Petain wird vom Echo de Pari« beschworen, im Hinblick aus die„Anschluß- gefahr", die Reichswehr usw. nicht länger mit der Verwirk- lichung zu zögern. Grenzsidiciung! Die feindlichen Heere an der deutsch-österreichischen Grenze Paris, 26. Febr. Sine französische Nachrichtenagentur meldet aus Wien: Aus Sorg«, daß die nach Bayern geflüch- leten österrc'chischeu Nationalsozialisten ihre Drohung, auf österreichische» Gebiet einzudringen, wahrmachen könnten, gegen Rudolf Heß, Ncichsministrr in Berlin, ein_ lungSvenahren wegen Verdachts einer strafbaren Handlung nach 8 128 Abiatz 1 nnd 2 des Rcichsstrasgesctzbuches einge- leitet. Die strafbare Handlung wird erblickt in der voll Reichsminister Heß den Amtswalter» der NSDAP, bei der Vereidigung vorgesprochenen Schwursormel:„Ich schmore Adolf Hitler unverbrüchliche Treue, ihm und den von ihm bestimmten Führern unbedingten Gehör ja m." In 8 128 StGB, heißt es:„Tic Teilnahme an einer Ver- bindung, in welcher gegen Obere unbedingter Gehor« s a m versprochen wird, ist an den Mitgliedern mit Gefängnis bis zu sechs Monaten, an den Stiftern und Vorstehern mit Gefängnis von einem Monat bis zu einem Jahre zu be- strafen." Wie dazu von zuständiger Stelle erklärt wird, hat dos Vorgehen der Münchner Staatsanwaltschaft in maßgebenden Kreisen höchstes Befremden erregt. Man weist darauf hin, daß vielleicht nach den formaljuristischcn Anschaungen einer längst überlebten Rechtsordnung der Staatsanwalt formell zu seiner Handlungsweise berechtigt sein könne. Dies dürft aber nun und nimmer einer untergeordneten Stelle unseres Staatswesens einen Freibrief sür ein derartiges groteskes Vorgehen geben, das einer schweren Herabsetzung und Ver- ächtlichmachung der Regierung gleichkomme. Nach dem Wort- laut des betreffenden Paragraphen des Strafgesetzbuches müßten eigentlich auch Reichskanzler Hitler und die 1,6 Mil- ltonen Amtsivalter der NSDAP., ja deren gesamte Mit- gliedschast, unter Anklage gestellt iverben. Wen» man sich diese Konseouenzen des staatsanwaltlichcn Vorgehens anS- male, erübrige sich eigentlich jedes Wort. Es zeige sich aber wieder einmal, wie verheerend die Buchstabenjustiz des ReichSgerichtS im Leipziger Reichstagsbrandprozeß auf ge- wisse, noch in alten Vorstellungen befangene Köpfe unserer Juristcnwelt gewirkt habe. neiden Der Rabbiner und die Christenmenschen Am Sonntag huldigte Deutschland.che» gefallenen Helden". So lauten die Uebcrschriften in den deutschen Zeitungen. Gemeint ist die Gedächtnisfeier für die Millionen deutscher Volksgenossen, die wie die Opfer des Weltkrieges der andern Nation«» auch, sinnlos gestorben sind, weil die Menschen, ihre Staats- und Wirtschaftssysteme noch zu unreif sind, um die Welt sinnvoll zu gestalten. Wir hörten die Reden, die am Tonntag auf dem großen Friedhof bei Saarbrücken gehalten wurden. Dicht an der französischen Grenze. Auf den blutgetränkten Spicherer Höhen mit ihren vielen Kriegergräbern des 6. August 1876, die nun wieder französisch sind, war jedes Wort der Reden zu verstehen. Ein evangelischer Pfarrer sprach politische Worte an das neue Deutschland und seine Führung. Nichts vom Friedensgeiste des Christentums. Ein katholischer Priester predigte. Auch er in Worten, die fern ab lagen von dem, was die Männer einst in den Schützengräben erlitten und erlebten. Ein Rabbiner nahm das Wort und tn seiner Rede zitterte die Empörung über das Unrecht, das der Dikiaturstaat an zahllosen Kriegsteilnehmern verübt. Auch er freilich sagte nichts vvn der Schande, die dem Andenken der gefallenen Marxisten, ihren lebenden Freunden, den Kriegsteilnehmern in den Konzentrationslagern, in den Kerkern, in der Emigration angetan wird.. Immerhin der Rabbiner rief ins Land und über die fran- zösischc Grenze hinweg: Er sei der einzige, der im weiten deutschen Reich an diesem Tage der 12666 im Kriege ge- fallenen Juden gedenken dürfe. Still hörte es die große Ver- sammlung an. Die Taarbrückcr Zeitungen hatten ihre Be- rtcbterstatter bej der Heldengedcnkseier. Ausführlich geben sie die Reden des evangelischen und des katholischen Priesters wieder. DerJude muß»ich mit drei Zeilen Ver- legenhest begnügen. Keine Zeitung wagt zu drucken, was der Rabbiner gesagt hat, denn im Taargebiet regiert zwar der Völkerbund, aber es herrscht der national- sozialistijch^ Terror. find am Sonntagvormisiag vier Bataillone Heimwehr ans Lastkraftwagen an die österreichisch-bayerische Grenze abgc- gangen, wo sie nachmittags strategische Punkte besetzt haben. Bisher sind keine regulären Truppen an die Grenze gesandt worden: doch stehen Truppen in ihren Quartieren alarm- bereit Sollte die Lage bedrohlich werden, bann könnten in einigen Stunden 5666 Mann die von den österreichischen Nationalsozialisten bedrohten Punkte besetzen. Pas neueste Der derzeitige britische Botschafter in Brüssel Sir George Clerk ist— einer amtlichen Mitteilung znsolge— zum Nach- solger des in Kürze in den Ruhestand tretende« Pariser Botschafters Lord Tyrrell bestimmt worden. Am Sonntag wurde bei P e r i g n e« x im Departement Dordogne ein Kraftwagen, den der Chausfeur deS Präsekte» Steuerte, von einem Zuge erfaßt und zermalt. Der Chausfeur, ein« Frau nnd zwei Kinder kamen ums Leben. Die Bahn, schranke war geschlossen, doch hatte der Chausfeur sie von der Tochter der Bahnwärter!« öffnen lassen. Im gleichen Augen» blick brauste der Zug heran. In der Nähe von Bordeaux wurde eiue Zigeunerbande festgenommen, die falsche Fünft und Zehusrankenstücke in Verkehr gebracht hotte. Die Untersuchung ergab, daß die anS zwei Männern und zwei Frauen bestehende Bande über sämtliches Falschmllnzcrmatcrial verfügte und das einträg« liche Geschäft bereits seit längerer Zeit betrieb. In Oran ist es am Sonntag erneut zu lärmenden Straßenszenen gekommen. Anhänger des Abb,: Lambert, der im Gemeinderat mit seine» Gegnern hart aneinander ge- raten war, demonstrierten in Massen und sorderten den Rück- tritt des Gemeinderates. Gendarmerie mußte wiederholt eingreisen» um die Kundgeber zurückzutreiben. 156 Berhaft tungen wurden vorgenommen. Die meisten Verhasteten sind im Schnellversahren zn 8 bis 14 Tagen Hast verurteilt worden. AnS R o f a r i o in Argentinien wird berichtet, daß bei dem Rennen um den Großen Antomobilpreis von Argentinien ein Wagen in der Kurve Ins Schleudern kam nnd in die Zuschaucrmenge hineinraste. Sieben Personen worden ge» tötet und fünfzehn schwer verlesst. Nach einer Havasmeldang aus Salt Lake Eity hat ein Skiläufer die Leichen der Insassen des seit mehreren Tagen vermißte» verkchrsslogzengs entdeckt. Saar-Landräte unter Eine Nehenregierung etabliert sich.. Saarbrücken, 26. Februar. ^ Die Gleichschaltungswoge an der Saar hat auch die Bauern Weht verschont. Die bisher hier bestehende Bauernorgani- sation(Freie Ba:ernschaft, Trierischer Bauernvereins wur- den gleichgeschaltet und der Reichsbauernschast angegliedert. Die neue Organisation erhielt den Namen„Bauernschaft der Saar" und ein Herr Groß aus Schafbrücke, der aller- dings mehr vom Nazi, als vom Bauernwesen versteht, wurde »um Führer ernannt. Er ernannte sich dann noch einen Führerrat. Das ging alles ohne große Beachtung der Oesfent- lichkeit vor sich. Nun aber sollen auch die Lokal- Abteilungen, die den Landräten bisher unterstellt waren und die bei den Kreisen eingerichtet und durch öffentliche Mittel unterhalten wer- den. dieser Bauernschaft an der Saar als„technische Ab- teilung" angegliedert werden. Das„Deutsche Nachrichten- büro" Saarbrücken weiß darüber folgendes zu berichten: „Wie wir erfahren, haben in einer Besprechung des Bauernsührers mit den Direktoren der landwirtschaftlichen Lokalabteilungen und der landwirtschaftlichen Bezirksvereine diese ihren geschlossenen Beitritt zur Bauernschaft der Saar- erklärt. Diese neue„technische Abteilung der Bauernschaft der Saar" erfährt in ihrer Leitung und innere.« Organi- sation sowie in ihrem Aufgabenkreis keine Veränderungen. Sie wird auf ihre Mitglieder, die Bauern im Hauptberuf sind, in dem Sinne einwirken, daß diese Berufsorganisation des Bauernstandes der„Bauernschaft der Saar e. B." als Einzelmitglieder beitreten." Das kann ja nett werden! Mit öffentlichen Geldern sollen also die Bauern gezwungen werden, sich der„Bauernschaft der Saar" anzuschließen. Man versucht die Einrichtungen, die bei den Kreise bestehen, die sogenannten Lokalabt-st» lungen, mit ibren Einrichtungen und Machtmitteln in den Dien st der Nazibewegung einzuspannen, 5. as wird hier naziamtlich bekanntgegeben. Weiß die Regte- rungskommission etwas davon? Weiß sie, welche Rolle ihre Landräte hier zu spielen haben? Soweit sind wir also schon im Saargebiet, daß die Nazis die Landräte kommandieren. Die Behauptung, daß ich in der inneren Organisation sowie im AusgabenkreiS der Lokalabteilung„keine Veränderungen" zeigen würden, ist eine der üblichen Heucheleien und Beschwichtigungsversuche. Alles wurde nach dem Führerprinzip gemacht, das heißt, die Nazis haben besohlen und die Vereinsmitglieder gewisser- maßen gez. mngen, die Nazi-Einrichtungen für die„Bauern- schaft der Saar" per Ernennung über sich ergehen zu lassen. Unter den gleichgeschalteten Bauern gärt es unter der Decke. Aber infolge der ungeheuerlichen Machtbefugnisse der Nazi-Nebenregierung an der Saar und angesichts der A n g st vor 19 82 wagt niemand ernstlich gegen den Naziterror in der saarländischen Bauernschaft vorzugehen. So ist den Nazibauernführern der Kamm geschwollen, daß sie jetzt sogar die Lokalabteilungen mit samt den Landräten unter ihre Botmäßigkeit stellen. Tolle Geschichte! NaziFührern? Ein Sdiwede- Wird Vorsitzender des Saar-Juristenausschusses Ueber den Vorsitzenden des Taar-Juristenausschusies weiß das Deutsche Nachrichtenbüro Saarbrücken zu melden: Der nach einer Berliner Blättermeldung als Vorsitzender des be- ratenden Juristenausschusses für die Volksabstimmung im Saargebiet vorgesehene Schwede Freiherr Marks von Wirtemberg ist einer der hervorragendsten schwedischen Rechtsgelehrten. Präsident des Oberlandesgerichts in Stock- Holm. Er genießt als Spezialist für Bölkerrechtssragen inter- nationalen Ruf. Freiherr Marks von Wirtemberg ist Mit- glied des ständigen Tchiedsgerichtshofes im Haag und hat mehrmals als Delegierter Schwedens an den Völkerbunds- Verhandlungen in Gens teilgenommen. An mehreren Re- gierungen Schwedens nahm er als Mitglied teil, zuletzt als Außenminister der Rechtsregierung Tryggers 1928. Große Kundgebungen der Ereihelfslront In Heiligenwald, Dubweiler und St. Arnual fanden Sonntag geschlossene Kundgebungen der Freiheitsfront statt, in denen die Genossen Kaupp. Kirn. Sender. Meier und Max Braun sprachen. Sämtliche Kund- gebungen waren sehr gut besucht. Insbesondere war die Kundgebung von St Arnual derartig überfüllt, daß man noch einen zweiten Saal hätte füllen können. » Die drei Redner verbreiteten sich in den Versammlungen über die politische, wirtschaftliche, sozialpoli- tische und j u r i st i s ch e Situation an der Saar und trafen überall ein ebenso begeistertes wie aufmerksames Publikum an. das ihren Ausführungen stürmischen Beifall zollte. D i e Versammlungen waren eine erneute schärfste Absage an das Henkersystem des„dritten Reiches". * Einen besonderen Borgeschmack der nationalsozialistischen Jugenderziehung erhielten die Versammlungsbesucher in Dudweiler. Dort hatten sich unter Anführung von drei Er- wachsenen zirka 29 schulpflichtige Kinder, zum Teil in der Tracht der Hitler-Jugcnd eingefunden, die vor dem Ver- sammlungslokal einen wahnsinnigen Radau aus- führten, gegen die Versammlungsbesucher die Zunge h e r a u s st r e ck t e n, die gemeinsten Schimpfworte schrieen und dazu immer wieder von den im Hintergrund stehenden Erwachsenen angefeuert wurden. Es war ein häßliches Bild einer'verrohten Jugend, die bereits im zarten Jugendalter in einem solchen Maße in den Kampf der poli- tischen Leidenschaften hineingestellt ist, daß man von ihr das S ch l i m m st e erwarten muß. Notlage der saarkumpels 408 Millionen Lohnverlust Wie wir der„Saar-Bergarbeiter-Zeitung" entnehmen, zeigte der Abschluß des Jahres 1983. daß die Lage der Saar- bergarbeiter durch die Feierschichten gegenüber dem Vorjähre noch eine wesentliche Verschlechterung erfahren hat. Während nämlich die Zahl der Feierschichten im Jahre 1932 1617 betrug, ist sie im Jahre 1933 auf 1654 gestiegen. Mit dem Jahre 1931 verglichen, ist das Ergebnis noch katastro- phaler, weist doch dieses Jahr„nur" 1148 Feierschichten aus. Diese Differenzen besagen, daß das Jahr 1933 in der Absatz- krise am stärksten betroffen wurde. Die Saarbergarbeiter haben in der Spitze mit 264 Feier- schichten in den drei Jahren des Wirtschaftsniederganges fast ein ganzes Jahr nicht gearbeitet. Während in den Jähren 1931 der Ausfall der Schichten dreiviertel bis zwei- einhalb Monate betrug, weisen die Jahre 1932 und 1933 einen Schichtenausfall von zwei bis vier Monaten auf. Je nach dem Ausfall der Schichten ist dann auch der Lohn- ausfall zu bemessen. In den letzten drei Jahren hoben die Haushalte der Bergarbeiter und damit das Wirtschaftsleben des Saargebietes einen Lohnausfall durch Feierschichten von insgesamt 498,6 Millionen Franken zu verzeichnen. Die Feierschichtenzahl machte zum Beispiel beim Lohnaus- fall eines Arbeiters der Grube Griesborn im letzten Jähr 51 X 41,49 Fr. aus, das sind 2113,99 Fr. Diesem gewaltigen Lohnverlust der Bergarbeiter stehen nur bescheidene Aus- gleichsziffern gegenüber. Papstrate gegen neudeufsdie Heiden „Warnung" an Ditler-Deutschland Rom, den 26. Februar 1934. Der Heilige Vater hat im Konsistoriensaal des Vatikans in Anwesenheit einer Anzahl von Kardinälen und höchster kirchlicher Würdenträger die Verlesung der Dekrete über die Heiligsprechung dreier neuer Heiligen der katho- tischen Kirche» darnnter des Deutschen Konrad von F a r z h a m, verlesen. Zu dem letztere« hielt der Papst eine bedeutsame Rede über die Lage in Hitler- Deutschland, in der er sagte: „Die christliche Nächstenliebe für die Kleinen, für die Armen, für die Schwachen, für jene, welche die Welt so grau- sam den„Auswurf der Menschheit" nennt, bildet anch eine Warnung vor einer andern Strömung, eine Strömung, die alle und alles zu einem Heid- uischeu Leben zurückführen möchte, zu jenem Heidenleben, von dessen Irrungen und Schrecken das Altertum Zeugnis ablegt, und dessen Finsternis man anch heute noch überall da sieht, wo das Kreuz des Erlösers noch nicht hingelangt ist, oder dort, wo es verdrängt wurde, jenes heidnische Leben, das der Erlöser von der Welt ver, trieben hat, um es durch das christliche Leben, das seinen Namen trägt, zu ersetzen. Wir sehen in Konrad von Farzham ein anderes Volk, das große und edle deutsche Volk, und die Vorsehung selbst stellt diese G e st a l t i n v o ll es L i ch t in einem so tragisch historischeu Augenblick. Wir sagen tragisch historisch, weil die Drohung schrecklicher Uebel noch sehr groß ist für die Seelen,»nd ganz besonders für jene, die dem göttliche» Heiland am teuer st en sind, nämlich die See- len der Jugend im Augenblick, wo die Ex- altierung der Gedanken und Ideen, die wederchristlichnochmcnschlichsind, zunimmt, wo die Verherrlichung des Rassen st olzes immermehrumsichgreift, dernnreinendem christlichen und menschlichen Geist wider- sprechenden Hochmut erzeugen kann, läßt die göttliche Vorsehung wundcrbarerweise die so echt christliche Gestalt hervortreten, um die wahren Wurzeln des christlichen Lebens, die Pslichtreue, den Geist des Gehorsams, der Disziplin, der Selbstverleugnung und Entschlossenheit vor Augen zu sührc«, d. h. all jene Eigenschaften, welche d i e Mäßigung predigen und die Seelen zurück- halten, damit sie nicht in der Materie ver- sinken." * Selbstverständlich hat das Deutsche Nachrichtenbüro, die hitleramtliche Nachrichtenzentrale, diese Rede des Papstes gefälscht, indem sie die Verdammung des neudeutschen Rassenstolzes und den Abschnitt über die schrecklichen Uebel. die der deutschen Jugend durch die Entchrist- lichungsversuche der Nazilehren drohen, unterschlagen hat. Bestimmt wird auch ein Teil der sogenannten katholi- schen Presse des Saargebietes sie ihren Lesern vor- enthalten. „So grobschlächtig gezimmerte Gestalten" Katholische Stimme Da in Hitlerdeutschland jegliche Kritik am braunen System bei Strafe verboten ist, versucht es die Opposition da und dort mit Umschreibungen, die das ganze Elend noch deutlicher offenbarem Gegen die allgemeine braune Zwangsjacke pro- testiert die katholische Zeitschrift„Stimmen der Zeit", indem sie die Gefahren übersteigerten Zwanges auszeigt. In einem Artikel Stanislaus von Borkowskis heißt es da: „Die Erzieher im grauen Altertum wußten bereits, daß übersteigerte Zucht Zuchtlosigkeit erzengt. Das war eine ganz naheliegende Einsicht. Ist doch der allzn üppige Zucht, aufwand nichts anderes als Zuchtlosigkeit des Erziehers? und was kann der Zuchterdrückte besseres tun, als sich an- stecken lassen?..." „Erzieher" sagt der Verfasser und Führer meint er. Das wird noch deutlicher in den folgenden Abschnitten: „So grobschlächtig gezimmerte Gestalten glaubten sogar, mit diesem Furioso ihres Ziehens zu erziehen? als läge die Auszichung zur Zucht in einer kreischenden Stimm-, und als entrinne der wildgeschwnngenc Arm und eine drohende Miene dem offenen Gelächter des Weisen und dem versteckten Spott des Kindes... Wir sprechen von einem Zwang, auch von einem Zwang zum Guten, mit dem man nicht bloß das Kind, auch den blühenden Reisen- den«nd den Gereisten, überfällt, bevor man aus das ge- naueste ausgespürt hat, ob die Sache sür das Gewissen des Uederraichte« tragbar ist. Die Erzwingung einer Zucht ohne diese Voraussetzung und Vorarbeit ist unsittlich... Wer sich aber aus dem Felde der l>ndinid«alerziehnng. auch innerhalb einer großen Menge, mit Gemeinplätzen, Schlag- warten. Allbeilmitteln,„großen Gesichtspunkten" wie sich biete Gedankenlosigkeit in ihrer be»eb»niaenden Verhüllung betitelt, bescheiden, aber gemeinaelährlich beanügt, mühe sich um Einladungen zu andern Berufen..." Das heißt, Hitler und die Seinen sollen sich weder Führer, noch Erzieher oder Reiniger nennen. Das Unsittliche, Cha- rakterverderbende des braunen ZuchthausstaateS ist hier rich- tig charakterisiert. oimitroN ein Jahr eingekerkert Ein„Times"- Arßkel Ober die deutsche Schande Die„Times" hat den folgenden, in ungewöhnlich scharfem Ton geschriebenen Artikel über Dimitrosf als Leitartikel ver- öffentlicht: „Wenn es ein Gefühl gibt, das in England besonders stark entwickelt ist, so ist es der Haß gegen Unterdrückung. Es ist unmöglich, den Abscheu zu übertreiben, den die meisten Menschen in diesem Lande anläßlich der sortdauernden Ein- kerkerung DimitroffS und seiner Genossen in den Zellen der Berliner Geheimpolizei empfinden. In wenigen Tagen ist es ein Jahr her, daß Dimitrosf verhaftet wurde, am Mor- gen des Reichstagsbrandes. Im Augenblick, da diese sensationelle Brandstiftung stattfand, saß der bulgarische Kom- munist in der Eisenbahn in Sttddeutschland. Trotzdem wurde er mit'einen Gefährten Poposf und Tauest verhaftet, in Ketten gelegt und für sieben Monate ins Gefängnis gesteckt. Schließlich kam es zum Prozeß. Für seine Mittäterschaft gab es auch kein Körnchen von einem Beweis. Er und seine bei- den Landsleute und der deutsche Kommunistensührer Torgler, der unter der gleichen Anklage stand, wurden freigesprochen. Die deutsche Justiz schien gerechtfertigt. Jeder Freund Deutschlands freute sich, daß auch unter dem Nazi-System das Menschenrecht sich gegen politische Pression durchsetzen konnte. Aber sie waren bald enttäuscht. Die freigesprochenen Kom- munisten wurden im Gefängnis behalten. Zeitweise schienen die Bedingungen ihrer Haft verhältnismäßig milde. Sie wur- den regelmäßig von Verwandten besucht und Fotografien wurden von ihnen veröffentlicht, wie sie rund um einen Tisch sitzend Zeitungen lesen und Zigarren rauchen. Doch diese Behandlung wurde bald geändert. Ihr Los wurde härter. Sie wurden von Leipzig nach Ber- lin überführt und in getrennten Zellen untergebracht, so- weit man weiß, im Keller des Hauptquartiers der Geheim- polizei. Sie sind jetzt zu Staatsbürgern der Sowjetunion gemacht worden, die formell ihre Freilassung gefordert hat. Man sagt, daß die augenblickliche rigorose Behandlung ihre Ge- sundheit untergrabe, ja, nach den Angaben der Mutter Dimi- trofss. die immer noch zu regelmäßigen Besuchen zugelassen wird, soll sie bereits gebrochen sein. Man kann schwer den furchtbaren Verdacht unterdrücken, daß man sie nur als ge- brochene Menschen herauslassen will. Herr Hitler wurde neulich von einem Vertreter der„Daily Mail" gefragt: „Meinen Tie, daß diese Männer sdie drei Bulgaren» frei- gelassen und aus Deutschland heraus gebracht werden?" „Gewiß werden sie das," war die Antwort des Kanzlers. Es ist wahr, baß drei Tage später eine andere Antwort aus die gleiche Frage erteilt wurde, die der gleiche Korrespondent an General Görina richtete. Unzweifelhaft steigert jeder Tag Verzögerung die Abneigung gegen D e u t s ch l a n d, die diese Episode hervorgerufen hat. Es ist ebenso wenig zweifelhaft, daß erst der Mut Dimitrosfs und dann seine Verfolgung ihm die Bewunderung und die Sym- pathie von Tausenden eingebracht hat, für die der Kom- munismuS nach wie vor etwas Abscheuliches bedeutet. Seine Behandlung hat geradezu das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erzielt. Das Ansehen des Kommunismus hat gewonnen»nd der gute Name Deutschland hat gelitten. Bei den meisten der schweren politischen Probleme ber Gegen- wart ist das Haupthindernis für eine gegenseitige Verstän- digung ber Zweifel, ob man Teutschland auf der gleichen Basis wie andere Völker behandeln kann und soll. Nirgend- wo ist Deutschlands Anspruch auf Gleichberechtigung konse- guenter verfochten worden als in den Spalten der„Times". Aber die bewußte Pervcrsion des Rechts in der Angelegen- beit der Reichstagsgefangenen führt geradewegs dahin, daß die Menschen Deutschland in eine andere Kategorie bringen als andere zivilisierte Nationen." So die„Times", ein konservatives, in seiner Sprache stets sehr sorgfältiges Blatt. Die Mordfahne Ein interessanter Freispruch Der kommunistische FolketingSabgeordnete Aste* LarFn aus Kopenhagen hatte vor mehreren Monaten anläßlich einer Demonstration aus dem Marktplatz einer dänischen Kleinstadt eine Hakenkreuzsahn« zerrissen und dabei gesagt, das sei die Art, in der Arbeiter mit dieser Mordsahne um- gehen müßten. Er wurde auf Antrag der deutschen Gesandtschast unter Strafverfolgung gesetzt. In diesen Tagen fand vor dem Schwurgericht in Kopenhagen der Prozeß statt, der zu einer moralischen Niederlage des„dritten Reiches" wurde. Der Verteidiger des Abgeordneten, ein weltbekannter und be- liebter Jurist, hielt eine mehrstündige Anklagerede gegen den Nationalsozialismus. Daraufhin wurde der Angeklagte freigesprochen mit der Begründung, daß die Hakenkreuzsahne am Tage der Tat von der dänischen Regierung noch nicht offiziell als Hoheit»- zeichen des Deutschen Reiches anerkannt gewesen sei. „Deutscht* Freiheit", Nr. 48 ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Dienstag, 27. Februar 1934 Denfsdie Börse Aktien- und Rentenindex Nach den Berichten des Statistischen Rpirhsamts zeigt die Lntwicklnng der Aktien- und Rentenwerte folgendes Bild: Ourch.chnm.mJ. S. lü.' 19. 1.1 Jan Deibi Ok.br,Ssptbr.i Aug. Mai Okth,. '»'«b ,I9?6='CC Fab. 4bi»\ 3 1034 1033 I0'3 1033 1033 1035 1032 Akfiaai Moman.... 78,r 5 77,07 73 4? 72,35 66.33 67,53 72 02 80.51 58 32 Verarbeitung 65.83 63.78 64,62 61.01 7.2»l 57,88 61.13 67,5: 52 18 HanJe Vrrkrhr 77 60 76,1 1 74,07 72,42 66 50 65 8 2 68 76 76 50| 64.70 Durch.chnitt.. 72,77, 71.44 70,17 67,36 62,11 62,08 66,1*0; 73 26 57 10 Die reslanittge Ohne feste Preise Das neudeutsche Arheitsheschaffungsprogramm nimmt immer sonderbarere Formen an. Nun wird der Arbeiter und Angestellte bereits gezwungen, sich einen zweireihigen blauen Anzug zu bestellen, um Schneider- und Textilgewerbe zu beschäftigen. Für die Lieferanten besteht nur die Vorschrift des Ahstemplungszwanges für die verwendete Ware„aus einer der vier zugelassenen Stoffqualitäten, dann soll noch ein besondere« Etikett unter dem Aufhänger eines jeden Sakkos eingenäht werden". Mit dem Etikett soll kontrolliert werden, daß vorgeschriebenes Material verwendet worden ist. fm übrigen aber soll nach einer Bekanntmachung der„Deutschen Schneider- Zeitung'' in der Preisgestaltung dem freien Spiel der Kräfte nach dem System des Liberalismus Raum gewährt werden. In der amtlichen Geschäftsrcklanie wird betont: „Die Preise werden vom Schneidermeister selbst bestimmt. Es gibt also demnach keine festgesetzten Preise... Der Maßschneiderei ist zugestanden worden, daß sie für die Anfertigung der ersten und zweiten Stoffqualität in Frage kommt, doch ist es auch gestattet, daß die Maßschneiderei Anzüge in der dritten und vierten Qualität anfertigen kann." Arbeitsfront-Anzüge konfektioniert oder nach Maß, in vier Stoffqualitäten zu beliebigen Preisen, das ist eine solche Vielheit von sozialer Gliederung, daß fast die Volksgemeinschaft in Gefahr geraten könnte. Aber auch hier sind Vor- beugtingsmaßnahmen getroffen: Die„Deutsche Schneider- zeitung" schreibt: „Die Machart des Anzuges haben wir genau festgelegt, eine Schnittaufstellung ist bereits schon gegeben worden." Im übrigen wird Einheitlichkeit itid Gleichheit unter Beseitigung aller Klassengegensätze dadurch hergestellt, daß die Festanziige sämtlich einen deutschen Steirinußknopf mit Hoheitsabzeichen an Jackett und Weste erhallen. Mitgliederzahlen der Arbeitsfront Nach der Zusammenfassung der früheren Gewerkschaft*- Organisationen in der Deutschen Arbeitsfront wurden, wie Bruno Kurth im„Informationsdienst" mitteilt, bei den Angestellten verbänden insgesamt 1 268 578 Mitglieder und hei den Arbeiterverbänden rund 3 364 000 Mit- plirder gcrählt. Ende 1933 war bei den Al^MtoliteilVßrfläflrfPII die Vfifelicdprznhl auf 1933 453 Personen und bei den Arbeiterserhänden auf 7 190 439 g e I t i C g 0 n. In d.eSCD Zahlen sind die rund 3.5 Millionen E i.. Z e I f... I g l l e de r der Arbeitsfront sowie vor allem der Handels- und Gewerbetreibenden nicht enthalten. Her Ausfuhr-Absturz Hyp»P anJbr..»2,64«2 83, 93 30 90 55 86.76 80 96 S1 85 84 27 75 11 Üfentl.Ptandhr. 90,67 1 90 97 1 91,04 88 47 85 25 76 35 76 83 79 40 66,6» Konm..Obl|f;. 89.43 89.56 8« 57 86,8? 80,72 70.47 70 08 76 64 62 49 Offentl. Anl.. 88 48 88 77 88,70 92 2.3 87 44 81.69 Hl Ol 82 30 70.39 induUT..Oblig,. j 86 73 36 27| 86 1» 83,33' 76,89 72,96 74 37| 79,36 66 04 Dutchichmtl. Tjj 9I.66J 9l7ej 91,9/; 89.55, 84.74! 78.17j 78,47 j 81,51 70 04 Verödeter GrandsfQcUsmarht Entsprechend dem Rentahilitätsrückgang. der durch das Leerstellen von schätzungsweise einer Millionen Quadratmeter gewerblichen Raumes weiter verschärft wird, sind die Hoden- und Gebäudepreise gesunken. Zur Zeit sind Cily- gehäude nahezu unverkäuflich. Es kommt sogar selten zu Sub- hastationen, da hei manchem völlig leerstehenden Gebäude, wie besonders im Konfektionsviertel, eine Zwangsversleige- rung überhaupt erfolglos sein würde. Die Häuser bleiben notleidend, der Raum veraltet und verfällt, lind so werden dem Volksvermögen beträchtliche Werte nach und nach entzogen. Für die normalen Wohnbauten verharren die Preise zwar auch jetzt noch auf dem Stand der etwa fünf- bis sechsfachen Jahresfricdensmiete, was ungefähr der Hälfte des Vorkriegswertes entspricht. Töölldi besser und besser? Elend und Knechtschaft! Es liegt uns eine Reihe von Berichten über die Lage der deutschen Arbeiterschaft vor. In Rundfunkrede 11 und Propagandaartikeln betet das Regime den bekannten Vers: E s geht den Arbeitern täglich besser uud besser! Einwandfreie Berichte zeigen uns: L o Ii 11 d r 11 c k auf der ganzen Linie, der widerspruehlos ei tagen werden muß unter der Drohung der Hungerpeitsche. Die Organisation der Arbeiter restlos zerschlagen, jeder Organisatioiisversucli grausam verfolgt. Wie die Sklaven werden die Arbeiter unter Bewachung zu Versammlungen geführt. Wohlfahrt«» empfänger werden mit Droh u 11 genund Prügeln zur Arbeit getrieben.„Ihr hallt nicht zu denken"— so sagte ihnen ein Nazifunktionär in Pirmasens—„wir denken für Euch". Grauenhaft ist das Los der Erwerbslosen. Sie liegen auf der Straße. Sie hungern und müssen noch dazu die Lügen der Propaganda ertragen, daß die Arbeitslosigkeit zurückgehe. Wehe dem Arbeiter, wehe dem Erwerbslosen, der aufschreit— ihm droht Konzentrationslager und Justiz- terror! Wer dies Schicksal tragen muß, den fängt keine Pro- pagandalüge. Wer hungert, der läßt sich nichts vorlügen, daß er satt sei. Freiheit fehlt den deutschen Arbeitern! Freiheit sich zu wehren, Freiheit sich zusammenzuschließen. Ihr Elend ist die Folge der Knechtschaft. Die Freiheit aber werden sie nur im Kampfe gewinnen! Zurück auf 1898 Die vom statistischen Reichsamt herausgegebene Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik" vermutet, daß sich die Hemmnisse, die sich besonders in den europäischen Absatzgebieten der Belebung des Außenhandels entgegenstellen, gerade in der jüngsten Vergangenheit zunächst noch einmal erheblich verstärkt haben. Der deutsche Außenhandel hat im Jahre 1933 mit RM. 9.1 Mein, einen Tiefpunkt in seiner Entwicklung erreicht, der nur noch mit den Ergehnissen des Jahres 1898 zu vergleichen ist. Die Abnahme gegenüber dem konjunkturellen Höhepunkt von 1929, die sich auf fast 18 Mein, belauft, ist allerdings nicht nur ein Ergebnis des vergangenen Jahres, sie ist größtenteils schon in den Jahren 1931-32 eingetreten. Der Außen- handelsriickgang von 1932 und 1933 ist im wesentlichen ein Ergebnis der stark gesunkenen Ausfuhr. Gegenüber 1932 ist die Ausfuhr von 1933 weiter insgesamt um RM. 868 Mill. zurückgegangen, die Fertigwarenausfuhr hat 703 Mill., die der Rohstoffe 129 und die der Lehensmittel lind Getränke 32 Mill. verloren. Die Verluste in der Fertigwarenausfuhr haben fast ausnahmslos alle wichtigen Ausfuhrgüter der Fertigindustrie betroffen Allein gegenüber dem Krisen jähr 1931 mit seiner schon z. T. rückgängigen Ausfuhr betrugen die Verluste bei den wichtigsten Waren wertmäßig durchschnittlich rund die Hälfte. Es handelt sich um folgende Warengattungeii(in Mill. RM.): 1931 1933 Eiserne Maschinenteile. 186,1 91,7 Bleche und Drahte.. 158.1 89.6 Stab- und Formeisen. 152.3 64,5 Maschinen, allg.... 946,3 438.9 Werkzeugmaschinen., 258.3 131,9 Kohlen und Koks... 607.7 317,2 Gewehe, allg..... 772,1 314,9 Baumcvollgewebe... 278.3 112,1 Leid.» und Kunsts.-Gew. 220,7 95,9 Wollgewehe.... 256,3 95,6 Elektrische Maschinen u. Erzeugnisse.... 448,3 220,4 Papier und-waren.. 342,7 155,5 Kleidung, Wäsche usw.. 282,9 140,0 1931 1933 Musikinstrumente,. 48,1 20.9 Wollgarne..... 70,6 32,4 Textilrohstoffe... 182,8 89,7 Leder 178,8 86,8 Kupfer...... 51,4 21,7 Eisen 25,8 11,1 Pelze u. Pelzwaren.. 174,0 70,2 Ton- u. Porzellanwaren 95,3 51.5 Kautschukwaren... 92,6 47,1 Schuhwerk und Lederw. 109.0 41,0 Kinderspielzeug... 81.5 38.5 Schwefel, Ammoniak. 74,6 31.0 Felle zu Pelzwerk.. 55,2 28,2 Der Rückgang in der Fertigwarenausfuhr ist teilweise auf den P r e i s f a I I, teils aber auch auf echte Mengen- abnähme zurückzuführen. Fast ausschließlich durch den Preisrückgang ist die gegenüber dem Vorjahr eingetretene Verminderung der Garuausfuhr zu erklären(Wertrückgang ■—12,6 Prozent, Mengenrückgang—0,3 Prozent), ebenso von Geweben(—13,4 Prozent bzw.—0,3 Prozent), Kleidung und Wäsche(—12,3 bzw. 1,4 Prozent) sowie von Leder(—10-6 bzw. 1,3 Prozent), Eine Mengensteigerung hei gleichzeitigem Preisrückgang haben die Ausfuhrgüter Glas- und Tonwaren(Wertrückgang—4,6 Prozent; Mengensteigernng ~f"7,8 Prozent): Musikinstrumente und Uhren(—2,5 bzw. —f-5,6 Proz.), Textilmaschinen(—6,5 bzw.-1—1,1 Proz.) und Fahrzeuge(—3.5 bzw.—12,6 Proz.) aufzuweisen. Mengenmäßig verloren hat besonders stark die Ausfuhr von Werkzeugmaschinen(Wertminderung—38,4, Mengenabnahme—30,2 Proz.), elektrotechnische Erzeugnisse und Maschinen(—31.6 bzw.-—24,1 Proz.) und sonstige Maschinen (—28.0 bzw.—27,0 Prozent); hei Lederwaren, Pelze, feinmechanischen Erzeugnissen und Eisenfertigwaren sowie Walzwerkserzeugnissen erklärt sich der wertmäßige Rückgang teils aus dem Prcisverfall, teils aus einem echten mengenmäßigen Minderabsatz. Im Verlauf des vergangenen Jahres war die Ausfuhr in den beiden ersten Monaten mengen- und wertmäßig beträchtlich unter den Tiefpunkt des Vorjahres Juli gesunken, in den darauffolgenden Monaten wurden die Januar- und Februarumsätje nicht mehr unterschritten. Belebung der Hraftfabrzeniiindusfrie Aber Rückgang des Exports Laut„Wirtschaft und Statistik" hat sich der Personen- Kraft wagen-Absatz gegenüber 1932 mehr als verdoppelt; der Verkauf von Liefer- und Lastkraftwagen ist um 44 Prozent gestiegen. Hervorzuheben ist die erhöhte Nachfrage nach Automohilomnihussen, deren Absatz fast das Fünffache der Zahl von 1922 ausmacht. An der allgemeinen Belebung hatten jedoch die steuerfreien Kleinkrafträder nicht teil, von denen noch weniger als im Jahre 1932 hergestellt und verkauft worden sind, während der Absatz d*., Steuerkrafträder sich um 42 Prozent erhöht hat. Produktion und Absatz von Kraftfahrzeugen im Jahre 1933 Personenkraftwagen... L efer« und Lastkraftwagen Dreirädrige Fahrz uge.. Automob lomnibusse... Kleinkrafträder Steuerkrafträder Produktion 1933 Stückzahl emtehl.»Untergestelle> W TT 12 404 12692 818 34 265 14 489 1932 T7T3T 8 082 999 142 26 541 9123 Abiatz Insgesamt davon nach dem Auslände 1933 "WT h T 12 804 12 340 7 86 24 815 16 343 1932 -45555 8 86V 11 187 108 27 406 11 543 19.35 imr 1 782 585 379 704 718 *iW "TOT 1 827 I 094 25 1 459 1 182 An der Prodiiktionsvermehrung in der Personenkraft- wagen-lndusule waren in erster Linie die Kleinwagen bis 1,5 Liter Hubraum beteiligt, insbesondere die 1-Liter- Wajren, von denen mehr als das Fünffache von 1932 hergestellt worden ist. Der Anteil der Kleinwagen bis 1.5 Liter Hubraum am Gesamtergebnis der Produktion hat sich damit von 56 auf 71 Prozent erhöht. Anderseits ist die Herstellung schwerer Wagen von über 3 Liter Hubraum mit 2400 Stück unverändert geblieben. In der Liefer- und Lastkraftwagen- Industrie ist vor allem die Produktion der Sie wundern sich h. h. Die„Flensburger Nachrichten" melden in ihrer Nr. 28 unter Bfedsted folgendes: „Entgegen den Vorjahren ruht jetzt noch immer der Stallochsenhandel fast völlig in hiesiger Gegend. In den Vorjahren herrschte in dieser Zeit schon ein ganz netter Handel in Stallochsen. Sowohl Käufer wie Verkäufer sind zur Seit noch recht zaghaft. In Händlerkreisen erklärt man sich diese Tatsache damit, daß die Landpachten recht erheblich gestiegen sind." Da kann man wieder einmal sehen: Der nationalsozialistische Wirtsrhaftsaufbau bringt ao allerlei interessante Erscheinungen mit sich. Lnifverftehr der Sowjetrepublik (ITF) Der Rat der Volkskommissare in Rußland erteilte vor kurzein einem Plan für die Entwicklung des Luftverkehrswesens seine Zustimmung. Auf der betreffenden Versammlung erklärte der Kommissar für das Transportwesen, der Bau von Eisenbahnen verlangte notwendigerweise viel Zeit, weshalb inzwischen das Luftverkehrswesen mit allen Mitteln gefördert werden müsse. Die Moskauer FlugzcugwerkmäUcn»ollen»Itl» in Zukunft mit der Serienherstellung eines einheitlichen Flugzeugtyps befassen. An den bis in die entlegendsten Teile des Landes geführten Luftlinien sollen Ersatzteile niedergelegt werden. Die bereits übliche Beförderung kostbarer Pelze und Felle schweren Wagen erhöht worden. Die Herstellung der Wagen„!t mehr als 2 Tonnen Eigengewicht ist um über das Doppelte gestiegen; ihr Anteil an der Gesamtzahl der erzeugten Liefer- und Lastkraftwagen hat-ich damit von 39 auf 52 Prozent erhöht. Audi bei den dreirädrigen Fahrzeugen entfällt die Zunahme in erster Linie auf die größeren Fahrzeuge über 200 Kubikzentimeter Hubraum. Die Absatzsteigerung der Kraftfahrzeugindustrie ist vorwiegend auf die Belebung des Inlandgeschäfts zurückzuführen. Der Auslandahsatz hat lediglich hei den Personenkraftwagen und Automobilomnibussen zugenommen, in allen übrigen Produktionszweigen ist die Ausfuhr zurückgegangen. Der Anteil des Auslandabsatjes am Gesamtabsat)(— 100) hat sich gegenüber 1932 bei sämtlichen Kraftfahrzeugarten— außer den Omnibussen— vermindert, und zwar war die Exportquote im 2. Halbjahr fast durchweg geringer als im Durchschnitt des ersten Halbjahrs. Der Ausfaliranteil betrug hei Personenkraftwagen im letzten Jahre 11 Prozent(i. V 17 Prozent), Liefer- und Lastkraftwagen 14 Prozent(21 Prozent), dreirädrigen Fahrzeugen 5 Prozent(11 Prozent), Kleinkrafträdern 3 Prozent (5 Prozent) und hei Steuerkrafträdern 4 Prozent(10 Prozent).• Anfang 1934 wurde, wie in den vorangegangenen Jahren, wieder die Anzahl der in der verkehrsschwachem Zeit des Jahres hei den Zulassungsbehörden vorübergehend, d. h. bis zur Dauer von acht Monaten, abgemeldeten Kraftfahrzeuge 27 858(29 714) und bei Zugmaschinen 2176(2049), im Deutschen Reich ermittelt; sie betrug gegenüber dem Stichtag des Vorjahres bei Krafträdern 144 818(188 148). bei Personenkraftwagen 125 835(157 309), bei Lastkraftwagen aus dem Norden mittels Flugzeug nach Moskau soll auch auf den Transport von Gold, Platin und andere Edelmetalle ausgedehnt werden.• Man beschäftigt sich zur Zeit mit der Anlage eines ausgedehnten Luft Verkehrsnetzes, durch das die verschiedenen Gebiete des Landes miteinander verbunden werden sollen. Ferner geht man daran, die Flugplätze stark zu vermehren. In den ländlichen Gebieten dringt das Flugzeug mehr mehr ein. Dort wird es vielfach zur Aussaat benutzt. Bau einer Kugellagerbahn in Mittelasien Moskau IKSU.L Dir turkmenische Regierung hat de» Cowjetingenicur Waldener eingeladen, den Bau einer Kugellagerbahn in Mittelasien auszuarbeiten. Projektiert werden soll die Verbindung der iMtelasiatischen Etsenbabn mit dem Oelgebiet Nestedak bzw. eine neue Verbindung mit dem Industriegebiet von tÄaurdak. Die Kugellagcrbalm ist eine Bahn, bei der Kugeln die sonst üblichen Räder ersetzen. Die durch Motoren angetriebenen Kugeln lausen in einem schma- len Bett, das auf einer verhältnismäßig leichten Brücke ver- legt werden kann. Der durch Propeller angetriebene ,'jug soll eine Höchstgeschwindigkeit von M-«tundenkilometer er- reichen können. Der III. Hochofen der Sowjetunion Moskau(3«IL). Am 17.2. wurde der zweit« Hochofen dei Asow-Stahlwerke in Mariupol in Betrieb genommen, dessen Kapazität 775 Tonnen Eisen ist. Es ist dies der 111 Hochosen der Sowjetunion. totilisdics urteil aber Ocsterrck» Ein Anfsafz im„Economlsl" DW ..The Economist" lNr. 4721), die sehr angesehene englische Zeitschrift, beschäftigt sich Mit dem österreichischen Bürger- srieg. Ter Verfasser geht davon ans» daß die Schuld zweifelsfrei nicht bei der Sozialdemokratie liege, sondern bei dem Vizekanzler F e y, der die Reise des Bundeskanzlers Doli- ''" 6 nach Budapest benutzt habe, um loszuschlagen. Tann führt der Verfasser auS: Ter erste— und sicherlich wichtigste— Eindruck, den die schrecklichen österreichischen Geschehnisse aus den englischen Beobachter machen, ist das unheimliche, alpdruclähnliche c- '»Ol, das? die Grundmauern unserer Zivilisation unter unseren Düften wegsacken. Tcnn es ist Tatsache, daß wir lest dem August 1014 immer wieder erschüttert vor Ver- »rechen stehen, von denen wir annahmen, da« sie in unserer westlichen Welt nicht mehr möalich find? aber die Vorgänge dieser Woche in Oesterreich habe» uns erneut und tiefer in den Abgrund sehen lassen. Tic Schrecken eines internal loyalen Krieges— bis seht anerkannte Einrichtung, wie groß auch immer sein Anachronismus ist—, bringen weniger au» der Fassung als diese entsetzlichen Tinge, die mit dem Bürgerkrieg zweier Privatarmeen verbunden sind: ES ut Barbarei, geächtet vom Staatsrecht und dem Gewissen des Einzelnen in der westlichen Welt seit mehr als vierhundert Bahren. Tabei cr'olate der Wiederausbruch dieser schon w lange vcrdamniten Barbarei nicht in den Randgebieten der Zivilisation, nicht in Rustland oder Rumänien, noch in Brland ober Ehikago oder ostclbisch Preußen, sondern in Oesterreich, das dem Gerzen der westlichen Zivilisation so »ahe ist, wie Frankreich, die Niederlande und England. Wenn solche Tlnae in Osterveich passieren können, dann darf sich kein i'nnh in der Welt mehr einbilden, daß eS dagegen immun sei: Ter Privatbesitz an Waffen und die private Organisation von Armeen muß nun so ernst genommen und beiden» von allen Menschen anständiger Gesinnung so entschieden entgegengetreten werden, wie eS durch die Kirche des Mittel- alters geschah, in das unsere westliche Welt zurückzusinken droht. Bor allem sollten wir auch in unserem eigenen Lande, wo in bürgerlichen Angelegenheiten die Gewohnheit des Verzichts auf die Gewalt sich durch mehrere Iabrbnnoerte erhalten bat. diese wertvolle Erbschaft von augenblicklich größter Bedeutung sicherstelle». Eine zweite Uebcrlegung, welche die österreichische Tra- gödie auszwinat, ist die Mutwilligkeit, mit der von den Be- waffneten die Katastrophe beschleunigt herbeigeführt wurde. Und hier müssen wir ganz offen sagen, wer auch immer den ersten Schuß abgab, ivir fühlen klar, daß die Heimivehr woralisch der Angreifer war. In dem österreichischen Kampf liegen das Nazitum, offensichtlich eine der Hauptaufgaben der Regierung Tollfuß, waren es die Sozialdemokraten, die wiederholt ihre Mitarbeit angeboten und die Faschisten, die wiche Mitarbeit abgelehnt haben oder ihr ausgewichen sind. Es sind die Faschisten, die sich immer ivicder Eingrissc in die demokratische Verfassung deS Landes erlaubten, die von den Sozialdemokraten allein zu verteidigen gesucht wurde. Es >st die Heimivehr, die sich offen für diesen Krieg organisierte »nd bewaffnete, und»war mit der Förderung durch die Bundesregierung, ivährcnd zugleich der republikanische Schutzbund unterdrückt wurde und mit ihm die demokra- tischen Einrichtungen und die gleichartige Regierung Oesterreichs. Tie bewassneten Kräfte dieser bindern,ördeiischen Kon- slikte repräsentieren zwei scharf kontrastierende Elemente im nationalen Leben Oesterreichs nach dem Kriege: Ans der einen Seite die konservative, katholische Bevölkerung der ländlichen Bezirke und aus der andere» Seite die anti- klerikale Bevölkerung des großen städtischen Zentrums Wien. Viele sehen die Tinge so. als ob Oesterreich niemals eine große politische Bedeutung gehabt habe, Wien Ist der Be- ivcis für die große historische Rolle Oesterreichs in vier Jahr- Hunderten, endend im Jahre 1018; eö ist der kleine Kern eines wirklich großen Reiches. Tie Teilung des österreichischen Volkes in zwei Hälften mit gegenseitiger natürlicher Abneigung ist Wirklichkeit— »nd in einem so kleinen Lande muß das Vorhandensein einer so großen Stadt wie Wien ohne Frage sehr oft unangenehm wirken. Toch vom Moment des Zusammenbruchs der Habs- biirgcr Monarchie ISMO bis jetzt zu dieser Woche haben die Oestcrrcicher ihre Fähigkeit zur Zivilisation durch den be- harrlichen Erfolg bewiesen— inmitten schrecklicher politischer und wirtschaftlicher Sorgen— einen modus vivendi zwischen dem sozialistischen Wien und der konservativen Gegenseite zu finden. Länger als zehn Jahre haben die Sozialdemo- kraten keinerlei Versuch gemacht, ihre Wiener Vormacht- stellung gegen die Bundesregierung auszunützen und im Ausgleich haben die bäuerlichen Konservativen die Verwaltung von Stadt und Bundesland Wien in die Hände der Sozialdemokraten gelegt. Tie Zerstörung dieses Zustandes ist leichtfertig, weil in all diesen Jahren des Schwedens, so schwierig und empfind- lich anch alles war, doch erfolgreiche Arbeit möglich ge- wesen ist. Beide Seiten haben versucht, einen Gleichgewichtszustand aufrechtzuerhalten, wie er ihnen durch die schwierigen Uin- stände vorgeschrieben war. Und gerade in Wien, wo die Sozialdemokraten ihre anerkannte Einflußzone hatten, haben sie. trotzdem die Macht durch Wahlen in vollem Umfange an sie kam. sie nicht mißbraucht. Wenn in Einzcldingcn die Maß- nahmen der Wiener Regierung für das Bürgertum lästig und einige wirtschaftliche Bestimmungen unklug gewesen sei» sollten, im ganzen hat die Regierung weder einen Amok- laus gemacht, noch hat sie jemals versucht eine tvranniiche Klassenherrschaft auszurichten, aber sie hat auk ihrer Kredit- leite solche soziale Errungenschaften, an? die die ganze west- liche Welt stolz lein sollte. Tas sozsgsistische Rgchkriegs Wien teilt mit dem bürgerliche» Nachkriegs Amsterdam den Rubm. Pionier im Bau so mustergültiger Arbcitcrwvhnungen zu lein, wie man sie gern überall sehen würde. Und die teil weise Beschädigung und Zerstörung der großen Rachkriegs- Arbeiterwobnhävser am Rande von Wien durch Artillerie in diesen Kämpfen ist ebenso unheimlich>n ihrer symbolischen Bedeutung ivie in ihrem wirklichen Barbarismus. Während wir schreiben, nähert sich dr Kainvk seinem Ende — mit dem Ovter unzähliger Toter. Verwundeter und Per- nnglückter. aus der Reihe von Unbeteiligten und.Kämpfen- den Und schon beginnen die Erekutionen- der erste«ozial- demokrak ist gehängt worden, es war e.n schwerverwunde er Mann Wir sehen in Maior SVn dnsWipdMcrnmrfif^&imr alten kaiserlich-«!,erreltM'en TroMtiion. j j ,C^J J f J erscheinen M'"'e sie>"il^ Namen Hayna» und N^estkn verhustden sin«..„-„taktische Wh welcher innere,, ikserechl>a»>m bei dem tefterreich seine«lagt«cgen H-Mr-Tru"«- ^öllerbniid vorbringend Wir haben noch etwa? Sympathie für Dollsuß, weil wir nicht glauben, daß die Katastrophe der letzten Woche von ihm gewollt war. Sie ivurde erzwungen, während er in Ungarn war und seit seiner Rückkehr scheint er sich bemüht zu haben, das Blutvergießen zu beende»»nd beruhigend zu wirken - ,wüschen Minister des Arabern, Barths»,. „Maßnahmen" Wien, 25. Febr. lInsa.j Die österreichische Regierung be- faßte sich gestern in mehrstündiger Sitzung mit Maßnahmen, die nun nach der Auslösung der Arbeiterorganisationen, ins- besondere der Gewerkschaften, getrosten werden sollen. Tos ganze Problem verursacht der Tollfiiß-Rcgicriing erheblich mehr Schwierigkeiten, als das Auflösungsdekret als solches. Insbesondere hat es mit der Beschlagnahme des Vermögens der Arbeiterorganisationen einen Haken, denn die Arbeiter- schalt hat hier vorsorgliche Maßnahmen getroffen, die zu internationalen Besprechunaen führen. To lauten beispicls» weise gewisse Immobilien auf den Namen ausländischer Ge- nossen. Tie in jeder Beziehung der Beerdigung vorzuziehende Leichenkremation ist bekanntlich ein von der katholischen Kirche scharf angcgrisscncr Fortschritt. Tic Kirche hat es nun bereits durchgedrückt, daß das Krematorium in Linz ge- schlössen wurde: es sind alle Hebel in Bewegung gesetzt, um auch daS Krematorium in Wien und jenes in Graz zu schließen. Bücherverbrennungen? Nach braunem Vorbild werden die Arbeiterbiblioihckcn zur Zeit gründlich„gesäubert" von marxistischer Literatur: alle Arbciterbüchcrcicn sind gegenwärtig gesperrt und sollen nach der„Säuberung" der Arbeiterschaft wieder zugänglich gemacht werden. lDann sind es aber keine Arbciterbüchcrcien tz 1*011 mehr!) Die beschlagnahmten Werke werden vernichtet: ob das, wie in Berlin, durch öffentliche Verbrennung geschehen wird, steht noch nicht endgültig fest, wird aber wahrschcin- lich eintreten, weil die Tollsuß-Rcgicrung damit den Nazis wieder Wasser abgraben will. letzten Samstag hätte in Zürich eintreffe» sollen, habe» die nachstehenden erschütternden Zeilen bekommen: „Bei uns schießen sie durch die Fenster I» die Wohnung und da haben sie meinen Bruder Heinrich niedergeschossen. Er wollte sich rasieren: aus einmal krachte es und mein Bruder fiel tot zu Bode,,. Meine Mutter meinte, es sei ihm schlecht geworden und nahm den Wassereimer und schüttete ihm Wasser hinaus, da schwamm das Hirn ihr entgegen. Tic Hirnschale war ganz zersprengt. Meine Brüder sielen zu Boden und meine Mutter hatte beinahe den Verstand ver- lore». Ter Vater wollte eö gar nicht glauben, daß er tot sei. Meine» Vater und die drei Brüder lden verheirateten„nd die ledige»,> habe,, sie dann alle verhaftet. Wir müssen ihnen etwas zu essen bringen. Liebe Pflegeeltern, wenn das so weiter geganaeii wäre, wäre die ganze EnnSlcite in die Lust geflogen. O, lieber Onkel und Tante, ihr habt mir das Fahr- gcld geschickt: seid nicht böse, daß ich nicht kommen kann. Wir hatten kein Gcld, wir»ahmen das Geld znn, Leben, weil wir keinen Bissen zum Essen hatten. Nicht einmal die Arbeits- loscnuntcrstiitzung bekommen wir." Rroteststreiks polnischer Arbeiter gegen den Austrofaschismus Marschau, 25. Febr. r o 11 n e r G. m. b. H/, das ein ngttonglsozialistisches Organ ist, übergehen. Deutsche Stimmen• föeilage ziif..Deutschen Freiheit"• twci&nisse und Geschichten Dienstag, den 27. Februar 1934 ACles schtäft, einsam wicht- „Adolf r i n a e r heißt, als„Hellingcr" geschrieben war. Da dies kaum ein Versehen der Post gewefen sein kann, liegt, wie wir bereits.vermerkten, die Vermutung nahe, daß der Täter oder sein Helfer deutsch sprechen konnte, da ein nicht des Deutschen Kundiger kaum in der Lage ist, eine so typisch deutsche Fortbildung wie den Namen Hellinger zu erfinden. Dieser Name findet sich vorwiegend in Süddentschland. Die Aussetzung einer Prämie von hunderttausend Franken durch den Ministerrat wird hoffentlich herbeiführen, daß eine solch furchtbare Sensation, die die Fantasie eines Wastace und selbst das Schwefelbad eine? Sarret übertrifft und die nur in den zum System gewordenen mittelalterliche» Mor.dzügen der politischen SA. ihresgleichen findet, aus dem Leibe Frankreichs ausgeschnitten wird. Schneestürme in USA. Wieder Tote und Verletzte Ein neuer schwerer Schneesturm hat Neucngland heimge» sucht, wo die bei dem Sturm am Dienstag niedergegangenen Schneemassen noch hoch aufgeschichtet liegen. Seit Sonntag- mittag ist in Ncwyork bei starkem Wind Schnee gefallen und hat die Straßen t» eine dichte weiße Decke gehüllt. Der Flugverkehr ist eingestellt morden In Northport auf Long Island sind viele Familien, die noch vom letzten Sturm her eingeschneit sind, von Mangel an Lebensmitteln und Brenn- stoffen bedroht. In Philadelphia ist eine Frau erfroren. Teile der Staaten Mississippi, Alabama und Georgia wurden von schweren Wirbelstürmtn heimgesucht. 17 Personen wurden getötet und mindestens 49 verletzt. Am schwer- sten hat Alabama gelitten, wo 19 Todesfälle berichtet'werden. Eine Familie, von sechs Personen kam bei Zerstörung eines Landhauses umS Leben. DNB. Salt Lake E>ty, 26. Febr. Das mit acht Personen besetzte Verkehrsflugzeug, das am Freitag in einen Schnee- stürm geraten war und seitdem vermißt wurde, ist in den Wasatsch-Bergen am Rande einer tiefen und engen Schlucht zerstört aufgefunden worden. Die Insassen sind bei dem Unglück ums Leben gekommen. Wailensfein Zu seinem dreihunderlsten Todestag Von Hermann Wendel Am 24. Februar 1634 zog Albrecht Wenzel Eusebius Wal- len stein. Herzog von Fried land, in Eger ein, nicht hoch zu Roß, wie es dem größten„Kricgskapitän" seiner Zeit anstand, sondern in einer von zwei Pferden getragenen Sänfte, da ihm die Gicht höllisch zusetzte. Schlimmere Qual aber nagte ihm am Herzen, er wußte, daß ihm in der zwie- spältigen Lage, in der er sich befand, arge Gefahr von der Hofburg drohte. Sehnsüchtig hoffte er auf die Ankunft des schwedischen Reiterkorps, um das er den Herzog Bern- hard von Weimar gebeten hatte. Aber schneller flogen die Mordbesehle des Kaisers. Der stumpfe und bigotte Habs- buraer Ferdinand ll. hatte sich nicht nur von einem Aus- schuß. in dem neben dem Fürsten Eggenberg und dem Grafen T r a u t m a n n s b o r f der Bischof von Wien saß, das„Recht" bestätigen lassen, den unbequemen Feldherr» umzubringen, sondern auch durch seinen Beichtvater, den Pater Lamormatn, die Zustimmung des Himmels ein- geholt. So entsetzte ein kaiserliches Patent W a l l e n st e i n als Verräter seiner Stelle als Generalissimus und erklärte seine Güter für eingezogen, und von seinen Unterführern waren mehrere durch Aussicht auf Ehren und Pfründen für unselige Tat gewonnen. Bei einem Trinkgelage in der Burg wurden am 2 5. Februar vier von Wallen st eins Ver- trauten, Kinsky. Trtschka, Jlow und Neumann abgeschlachtet, und ein weniges später drangen Butlersche Dragoner in das Haus, in dem sich der Herzog schon zur Ruhe gelegt hatte. Seinen Mördern entgegentretend, empfing W a l l e n st e i n mit ausgebreiteten Armen mitten in die Brust den Hellcbardcnstoß. der ihn tot hinstreckte. Auf die Herkunft der Handelnden angesehen, erschien die Tragödie fast als internationale Angelegenheit. Bon den Generalen, die zuerst von ihrem Feldherr» abfielen, war Piccolomini Italiener. Gallas aus spanischen Diensten gekommen: von denen, die den Mord ausführten oder deckten, stammte Butler aus Irland G o r d o n aus Schottland: von den Opfern waren-tri, cht« und Kinsky Tschechen, und ein Tscheche, kein Deutfcher war auch der passive Held des Dramas. W a l l e n st e i n selber. Gleichwohl ging es um Deutschland. Der Aufstieg Wallen stein s vom einfachen böhmischen Edelmann zum mächtigsten Herrn der! Fristen he itgehört in seiner ersten Hälfte eher einer Geschichte der Gcldwirtschaft als des Kriegswesens an. Durch reiche Heirat wie durch Münz- und Grundstücksspekulationen gelangte er zu einem fanatischen Vermögen, das ihm gehiatt enitiil äIS i;tt den wirren Kriegsläuiten der Zeit.da» Hau» S* 68 6 u tg so flut wie aus dem letzten Loche pfiff, 1625 und 188*, fefttc Hilfe alS„KricgSunternchmcr" anzubieten. Beide Male stampfte er große Heere aus dem Boden, beide Male wen- dete er entweder das Kriegsglück gründlich oder brachte doch den Sicgeszug der Feinde zum Stehen. Wie er aus der Höhe seines Erfolgs und Ruhms die Fantasie der Mit- lebenden in Nahrung setzte, so bot er auch nach seinem jähen Ende späteren Geschlechtern Stoff zum Nachdenken. Viele dünkte er in vielem rätselhast und problematisch. Was für Gedanke» barg der kalt Verschlossene, der doch in Laune und Unmut überraschend aus sich herausgehen konnte, hinter der hohen Stirn über dem gelblichen Gesicht, in dem kleine, helle, schlaue Augen spielten? Kitzelte ihn die Macht, die ihm als Herzog von Mecklenburg erlaubte. Münzen zu schlagen und den Adel zu verleihen? Berauschten ihn Prunk und Pracht, in der er sich gefiel, etwa, daß in seinem Marstall dreihundert Pferde aus marmorenen Krippen fraßen? Ent- sprach es seinem innersten Wesen, daß er sich in seine», Pra- ger Palast malen ließ: als Triumphator im S-'eges- w a gqn, von feurigen Rossen, gezogen, den Glückssteru überm Haupt? Sicher galt auch für W a l l e n st e i n das Wort Hegels: „Große Menschen haben gewollt,»m sich zu befriedigen, nicht um andere." Aber wenn Ehrgeiz und Machttrieb unter den Motoren seines Handelns nicht fehlten, war er doch alles andere als eine grobschlächtige Abenteurer- und Banden- führernatur, der das Aeußere der Dinge genügte. Ob er als Feldherr der Vorläufer der Strategie des achtzehnten Jahrhunderts war, ob ein Nachzügler der Landsknechtsführer des sechzehnten Jahrhunderts, als Staatsmann blickte er in die Zukunft. Gewaltige politische Entwürfe stellten ihn an die Seite eines Richelieu, der in Frankreich über die Leichen der großen Feudalherren dem königlichen Absolutes- mns den Weg bahnte. Aehnlich strebte W a l l e n st e i n den „absoluten D o m i» a t" des Kaisers über Deutschland an und machte kein Hehl daraus, baß zu diesem Ende der Uebcrnuit der Reichssürsten. die aus die Zcntralgcwalt, pfif- sen. gedämpft werben müsse: in seinem Sinne ließ sich einer seiner Vertrauten aus, im Reich würden die Schäden nicht aushören, ehr nicht einem der Kurfürsten der Kopf vor die Füße gelegt sei. In einer Zeit, da der Glaubenshader alles zn beherrschen schien und zu zerreißen drohte, suchte er, der, geborener Protestant, wirklich nicht aus inneren Gründen zum Katholizismus übergetreten war. weitsichtig zu einem wahreil Ausgleich der Bekenntnisse zu gelangen, und wie über den Konfessionen sollte nach seinem Willen der Kaiser über den Klassen stehen, von denen, im Interesse des Ganzen, auch der ärmeren ein leidliches Los gebührte: kennzeichnend, wie er in dem ihm verliehenen Herzogtum Mecklenburg Bau und Besetzung von Armenhäusern betrieb. Als Snmbol da- für, daß ein also geeintes und auf gesunde Grundlage ge- stellte? Deutschland seine wirtschaftliche und politische Kraft entealten konnte, schwebte ihm eine Verbindung von Ost- und Nordsee durch einen Kanal vor. ferner die Herstellung unmittelbarer Handelsbeziehungen der norddeutschen Hansastädtc mit Spanien unter Ausschaltung Englands und Hollands, schließlich die„heilige Jmpresa". der groß organisierte Kampf gegen die Türken und ihre Vertreibung aus Europa. Aber so sehr sein Ziel, die weltliche Erbmonarchie Deutsch- land, auf dem Wege des- geschichtlichen Fortschritts lag. so starke und unbedenkliche Gegner brachte Wallnstein damit gegen sich aus. In seiner allgemeinen Entwicklung hinkte Deutschland hinter Frankreich her, das sich für R i ch e- l i e u s umgestaltende Pläne reif erwies. Während hier der Anarchie der Großen der Garaus gemacht ivurde, schoß dort die Anarchie der Groben üppig ins Kraut, und ihre Nutz- niehor, die K» r f ü r st e n d e s R e i ch s, schlössen sich, Katho- liken und Protestanten, über ihre konfessionelle» Gegen- sätze hinweg wider den zusammen, in dem sie den grimmsten Feind ihrer Hausmachtsinteressen erkannten. Aber auch das B ü r g e r t u m der Hansa st ädt e, statt einsichtiger zu sein, weigerte sich seinen Plänen, und der Kaiser vollends, iür dessen Machterweiterung Wallenstein stritt, pfuschte ihm nicht nur mit einem sanatisch katholischen Akt wie dem Restitutionsedikt von 1629 ins Handwerk, sondern ließ sich auch immer mehr von der Hofklerisei und feinen spanischen Freunden gegen den„Ungläubigen" einnehmen, der freilich alles andere war als ein Vorkämpfer der allein selig- machenden Kirche gegen die lutherische Ketzerei. Nicht ein- mal das Heer, das er geivorben hatte, besoldete und unter- hielt, bot Wallenstein eine sichere Stühe für seine politischen Strebungen. An ihren Wachtfeuern sangen die Soldkncchte aus aller Herren Ländern, die beim Friedländer Handgeld genommen hatten: Wir han gar kleine Sorgen Wol um das römisch Reich, Es sterb heute oder morgen. So gilt uns alles gleich, und auch die Offiziere band kein Ideal und keine Jd«H son- dcrn einzig die Aussicht auf Gewinn aN ihren Feldherr». Da derart der Herzog nirgends festen Boden unter den Füßen hatte, bewegte er sich in Zickzacklinien vorwärts, und der heiße Drang, die für richtig befundene Politik, die Be- sriedung Teutschlands, auch gegen den Willen seines kaiserlichen Schuldners, durchzuführen, brachte ihn zu selt- saiilen Wtnkelzügcn,.zu geheimen Verhandlungen mit Schive- den und Sachsen, Franzosen und tschechischen Emigranten. Aber das gefährliche Tovpelspiel, auf das er sich einließ, entsprang weniger der Verschlagenheit seines Charakters, sondern Franz Mehring trifft mit der Erklärung in? Schwarze:„Wallenstcin ivar kein Abenteurer und Fantast, der mit großen Dingen nur zu spielen lonßte, sondern weil die. großen Dinge, die er in tief geschöpften und iveit"e- faßten Plänen verfolgte, in Deutschland unmöglich ivaren, geriet er in eine abenteuerliche und fantastische Politik, die ihn in einen tragischen Untergang verstrickte." Diese Feststellung des sozialistischen Historikers deckt sich mit den neuesten wissenschaftlichen Funden und Forschungen über den Mann, in dem Ranke„die außerordentlichste Gestalt in der Weitausgreisenden Bewegung der Epoche" sieht, und den Hans Delbrück„den ganz großen Persönlich» ketten der Weltgeschichte" zuzählt. Pariser Deridite Weißer Sklavenhandel mit deutschen Emigranten? Alle maßgeblichen Kreise des öffentlichen Lebens, die der Tragödie der deutschen Emigration mit Wohlwollen gegenüberstehen und mit Helferwillen, müssen diesen unglücklichen Opfern und ihrem Schicksale eine verschärfte Aufmerksamkeit zuwenden, je länger die Emigration dauert und die Gefahren der materiellen und seelisch-geistigen Zermürbung größer und größer werden. Unter den Emigranten sind zahlreiche Menschen von hoher geistiger und moralischer Begabung und großer Leistungsfähigkeit auf den verschiedensten Gebieten, ausgenommen einige Emigrationsgewinnler, die ihren notleidenden Landsleuten Konjunktur und Schwindel vorwerfen und sie nach Deutschland zurückjagen wollen. Die Hilfskomitees sind(Februar-März 1934) im Abbau begriffen. Man redet jetzt von produktiver Berufseinstellung„Umschulung", an Stelle karitativer Fürsorge, obgleich man es versäumt hat, in den abgelaufenen zwölf Monaten in dieser Richtung wirklich praktische Arbeit zu leisten. Von der großen Zahl uns bekannter und nachweisbarer lälle nennen wir z. B.: ein Emigrant übt für fünfzehn französische Franken wöchentlich eine volle Arbeitstätigkeit aus. Ein anderer leistet bei einem Unternehmer neun Stunden Arbeit täglich gegen zweihundert französische Franken monatlich, d. h. gegen den Monatspreis eines bescheidenen Hotelzimmers. Für Lebensunterhalt und Nebenausgaben erhält der Betreffende nichts. Kein Wunder, daß sich jetzt die Fälle von Selbstmorden und Selbstmordversuchen unter den Emigranten häufen, ein übrigens sinnloser und feiger Ausweg zur Lösung des Problems. Die allerschliramste Ausbeutung und Existenzvernichtung durch Existenz„aufbau" droht aber einer großen Zahl von Emigranten, wenn die sogenannte„Umschulung" in landwirtschaftlichen Betrieben und Siedlungen zur Wirklichkeit wird. Eine solche„Umschulung" soll zwei Jahre dauern und wird auf monatlich hundert deutsche Reichsmark Kosten für jeden einzelnen Arbeiter im ersten Jahr berechnet, auf fünfzig Reichsmark im zweiten Jahr, eine Summe, die jeden Betroffenen mit Geldschulden belastet, die er später nur mit größter Mühe oder überhaupt niemals zurückzahlen kann. Ein Großteil des erforderlichen Geldes muß natürlich vorher durch Kreditaufnahme oder durch Schenkungen aufgebracht werden, bei nur hundert Emigranten bereits eine recht erhebliche Summe. Auch uns erscheint das Siedlungsproblem als eine sinnvolle und wirksame Hilfe für eine große Zahl der deutschen Emigranten. Aber jeder Kenner und Fachmann der Landwirtschaft und des Siedlungswesens weiß auch ganz genau, daß jeder arbeitsfähige und arbeitswillige Emigrant in einen gut geführten bäuerlichen Betrieb sofort, ohne kostspielige „Umschulung" eingesetzt werden kann, so daß er vom ersten Tage ab durch seine Leistung seinen Unterhalt verdient. (Siedlungsfachmann Freese.) Diese Selbstversorgung ist die unterste Grenze als vollberechtigte Gegenleistung für die geleistete Arbeit. Wenn uns auch utopische Kollektive in der Art eines St. Simon für die gegenwärtige Zeitepoche verfrüht erscheinen, so muß doch die Begründung solcher Siedlungen in den Händen von geistig und moralisch entwickelten Lebenspraktikern liegen, nicht in den Händen jener berüchtigten Emigrationsgewinnler. Lehrkurse, kulturelle Arbeit, künstlerisch-musikalische Gestaltung der Freizeitstunden, ein höheres Geneinschaftsieben sind die notwendigen Voraussetzungen und Persönlichkeiten mit Begabung und Initiative müssen weitschauende Geldgeber finden— an arbeitswilligen Mitarbeitern fehlt es nicht. Nur dann kann eine Tragödie vermieden werden, die ohne Uebertreihqng als Sklavenhandel mit deutschen Emigranten in Szene gehen würde und ein umfangreiches Schwarzbuch zur Folge haben müßte. Heinrich Gast. SS Deutsche Poliklinik XSä a) Allgemeine Konsultationen mit 9 Spezialisten. b) Chirurgie c) Geburtshilfliche Klinik Auch die„Kleine Anzeige" in dei „Deutschen Frel- helt'bringt Erfolg 20 fahre Weltgeschichte in 700 Bildern! Einleitung von Fr. Sieburg Gelegenheits» Angebot»tat! 29,30 Fr. jetzt nur 8,55 Fr« Sofort zu beziehen durchs BUCHHANDLUNG der „Volkssfimme" Saarbrücken, Bah.hot.tr. 32 Da« deutsche Hilfskomitee In der rue de la Durance hinter der roten Mauer sind nur noch spärliche Gäste. Das französische Hilfskomitee stellt alsbald seine Arbeit ein. Ein Hauch des Vergangenen liegt über den Sälen mit den vielen Fensterschreiben. Unten im Hof, über dem Turngerät, das verlassen zwischen abwandernden jüdischen Mädchen steht, hängt die Abendluft. In einem Büro, in dem eine Schreibmaschine klappert, ist einstweilen auch der deutsche Sekretär des neuen Hilfswerks untergebracht. Auf dem Schreibtische liegen Zettel, Gesuche von Leuten, die sich mit Hilfe des Ausschusses durch Darlehen eine Existenz gründen wollen, der da einen Laden, der ein'landwerksgeschäft, der eine Siedlerstelle über dem Meer. „Keine karitative Leistung mehr," sagt der Leiter der Stelle,„nur mehr produktive Arbeit, Vermittlung der Existenz, das ist die Parole, unter der wir Geld sammeln, hoffentlich mit gutem Erfolg auch unter den reicheren Landsleuten, die in Südfrankreich und in Paris in feinen Hotels wohnen. Auf diese Kreise einzuwirken, in der richtigen Form, wird nicht zum wenigsten unsere Aufgabe sein." Draußen auf dem Gange drängen rieb immer noch die letzten Unterstützten. Einige sechzig Stellen von Stellenangeboten hängen an der Wand, Posten nach den Kolonien, abgelegenen Stationen der Wüste— einer sucht einen Apotheker für Abessinien, einer Vertreter für spezielle Konditoreiwaren, einer einen Uebersetjer- Aus dem kahlen Saal, in dem wenige Bänke stehen, fällt der Blick auf die Mauern, die Fenster, die Wäsche der Vor- ortgeg^nd. Männer und Frauen stehen herum und reden. Darüber ein Plakat in französischer Sprache, zu deutsch etwa:„Man merkt immer nur das weniger Gute, das der eine oder andere tut— das Gute der Mehrzahl fällt picht auf." Dies kanu wahrlich die Parole der ganzen Emigration sein... Baptist. BBIEFKASTEH Dr. B., Paris. Wir danken für den Brief und werden ihn bringen. W. T. Mülhausen. Sie sind keineswegs der einzige Kommunist, der unserem Blatt in seiner Grundhaltung zustimmt. Nun wünschen Sie, daß wir bei gelegentlichen Polemiken, die selten genug sind, stets zwischen den„kommunistischen Führern" und den„Kommu- nisten", also den kommunistischen Arbeitern, unterscheiden sollen. Die, so schreiben Sie, hätten zu den kommunistischen„Führern" so wenig Bertrauen wie zu den früher führenden Sozialdemokraten. Die von Ihnen gewünschte Unterscheidung ist manchmal möglich. Nicht immer. „Wien." In einigen Tagen wird eine Broschüre von Dr. Otto Bauer über den österreichischen Bürgerkrieg erscheinen. Ferner wird die österreichische Sozialdemokratie aus der Tschechoslowakei ein Wochenblatt„Arbeiter-Zeitung" verbreiten. Malstatt. Danke, das war uns entgangen. Also: die kommu- r.iftische„Arbeiter-Zeitung" in Saarbrücken bringt in ihrem — pardon!— Kopf einen rotumränderten Kasten dieses Inhalts: „Burbach geht schärfer ins Zeug uud hat drei weitere Abouueuten für die„A.-Z." geworben." Drei weitere Abonnenten! Wir gratulieren. Wenn Saarbrücken nun noch schärfer„ins Zeug" geht, tönnen es sieben Abonnenten werden. So geht es im Sturm revolu- tienärer Eroberungen den Sowjets an der Saar entgegen. R. W. Paris. Tie gratulieren uns zu unserem„Feldzug". Wir sind mit unseren Offensiven noch lange nicht zufrieden. Niemandem ist mehr bewußt als uns, welche großen Mängel wir noch zu über, winden haben. Ihre Anregung, öfter und nachdrücklich darauf hin- zuweisen, daß der notorisch unwahrhastige Schwätzer Papen die Versprechungen nicht halten wird, die er den Juden des Goargebiets für den Fall der Rückgliederung macht, werden wir erfüllen. Wer weiß denn überhaupt, wie lange Fränzchen noch^.Vizekanzler ist. Er ist ganz auf die Gnade der Hitler und Röhm angewiesen. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P> tz In Dub- weiter: für Inserate: Otto Kuhn In Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken 8, Schützenstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. Jazz In Paris Das Verbot des Jazz war eine der ersten Ruhmestaten des Hitlerlandes und der Münchener„Siraplizissimus"— einst der herrlichste Wort- und Bildjazz— hat eins seiner ersten gleichgeschalteten Titelblätter zur Verherrlichung dieses Verbotes benützt:„Johann Strauß säubert den vernegerten deutschen Musikhimmel" von Gulbransson n. Co.... Kümmert uns dieses Verbot, hat es Bedeutung für unsern Kampf?— Ja und nein! Nein, soweit es das Amüsement einer nur noch durch Gewalt und Verbrechen existenzfähigen Bourgeoisie betrifft. Ob sie nach Straußschen Walzern oder Jazzband-Klängen ihre Feste im Angesicht des faschistischen Mordregimes feiert, ist höchst gleichgültig. Aber der„Jazz", jene neue Art, Mnsik zu machen, die den Namen Sinei Negermusikanten trägt, ist etwas mehr, als. Göbbels Ministerium uns vorzumachen beliebt. Gewiß, der Jazz ist eine der ersten^Welterscheinungen, in denen eine Anregung des schwarzen Menschheitsteiles sich durchgesetzt hat. Aber das geistreiche Negerlied(Negro- Spiritualj und die rhythmische Entfesselung der Instrumentalmusik, diese beiden Quellen des Jazz, sind in den Händen europäischer Komponisten zur Musik dieser Zeit schlechthin geworden Sie beherrschen auf der Straße, auf dem Tanzboden, durch Theater, Radio. Tonfilm und Konzert, ja in der modernen symphonischen Musik das Ohr, das musikalische Empfinden der Massen. Und es ist kein Zufall, daß die wenigen Musiker, die in ihrem Schaffen einer neuen Volksverbundenheit zustreben— man denke an Weills Song in der Dreigroschenoper und Eislers Arbeiterlieder—, die ihr technisches Rüstzeug von der Jazzmusik beziehen. Denn der Jazz war es, der endgültig mit allen Idealen der romantischen Musikepoche aufräumte; ihm gegenüber, der vor keiner Persiflage auch des„Heiligsten" zurückschreckt, hat sich heute der Wert jeder Musik durchzusetzen oder doch neu zu erproben. Und hier liegt die politische, die soziologische Bedeutung des teutschen Jazzverbots: eine Ge- brauchsmusik. die eine Waffe sein kann, die mit dem ganzen Plunder gemütvoller Haus- und Salonmusik aufräumt, die sportlich, aber nicht militärisch in der Geste ist, deren Witz, Spott und Ironie unbegrenzt, deren Möglichkeiten bis zu einer neuen Massenkunst weitab vom Bockbierfest und Parademarsch reichen, die mußte von der sonst sich so„fortschrittlich" gebärdenden Barbarei als„blutfremd und„kulturbolschewistisch" abgeschafft werden. Der deutsche Arbeiter kann heute keinen alarmierenden Markie-Messen-Song, kein Solidarität forderndes Kuhle-Wampel-Lied mehr hören. Die Komponisten von solchem Kulturholschewismus befinden sich in der„schimpflichen Emigration", die Schlagerfabrikanten stellen sich in nationaler Erhebung auf SA.-Marsch und Walzerkitsch um,— ein Friedhof mehr, es fällt im braunen Mosaik kaum auf. Die übrige Welt, so reaktionär sie sonst sein mag, lacht über die neudeutsche Marotte des Jazz-Verbotes. Paris, London, Neuyork, Rom und Warschau produzieren weiter Jazzschlager und Jazzplatten(sogar Eislers revolutionäre Proletarier-Songs sollen in Amsterdam neu herauskommen). Alle Volksschichten tanzen weiter zur„rassisch minderwertigen Negermusik", die neben allen Formen der Konzert- und Theatermusik, in die sie eingedrungen ist, auch in ihrer Urform, der„Jazzband", in immer neuen Variationen weiterexistiert. jetzt hat Paris eine Frau bewundern dürfen, die eine eigene Jazzband kommandiert. Schade, daß keine Koryphäe des„dritten Reiches" zugegen war: im vornehmsten Pariser Konzertsaal produzierte sich Frau Jack Hylton mit ihren Spielern, die zugleich Sänger, Tänzer und Schauspieler sind, und die sich von der Frau des englischen„Jazzkönigs"— die ihrem Manne beträchtliche Konkurrenz macht — dirigieren lassen. Es war nicht ganz so kurzweilig wie bei Mister Hylton persönlich, aber es herrschte so ein bißchen Volksfeststimmung im Saal, man sah viele, die sonst nicht gerade die Konzertsäle bevölkern. Man darf Frau Hylton nach diesem Start recht viel Erfolg prophezeien für die Tournee, die sie durch ganz Mitteleuropa führen wird, ausgenommen natürlich in Deutschland; denn dort würde sie nicht nur mit ihrem Jazz-Programm, sondern auch mit ihrer modernen Frisur, ihrem ein klein wenig nachgemalten Gesicht und ihrem gutsitzenden Hosenrock peinlichstes Aufseben erregen. P. W. Bruckners„Rassen" im Oeuvre Die Uraufführung der französischen Fassung der„Rassen" von Ferdinand Bruckner findet, wie wir hören, am 7. März im Pariser Theatre de l'Oeuvre statt. Das Schauspiel(das bekanntlich in Hitler-Deutschland, in einer rheinischen Universitätsstadt spielt) ist durch G. C a c e übersetzt worden. Die Aufführung wird von Raymond Rouleau inszeniert. ■ Uraufführung einer„Jüdischen Symphonie" Im letzten Konzert des Orchestre Symphonique de Paris spielte die bekannte englische Pianistin Hariett Cohen das D-moll-Concert von Bach. Die Darstellung des Werkes erhielt spontanen Beifall nach jedem Satz. Aber nach Schluß des Werkes begann, von einer bestimmten Gruppe im Saale ausgehend, ein Zischen und Pfeifen. Als der Dirigent Mon- teux nach kurzer Pause wieder an das Pult trat, rief man laut durch den Saal:„Wieviel hat die Pianistin bezahlt, um hier spielen zu dürfen?!" Dem Nicht-Pariser fehlt das Verständnis für einen solchen Zwischenfall im Rahmen einer der besten und vornehmsten Konzertinstitutionen, die Paris besitzt. Hariett Cohen ist eine in beiden Weltteilen bekannte und anerkannte Pianistin, ihre Leistung war— über Tempofragen läßt sich bei klassischen Werken immer streiten— ausgezeichnet, der erste Dirigent Frankreichs und das erste Pariser Orchester hatten sich mit ihrer Arbeit identifiziert. Im gleichen Konzert wurde eine„Jüdische Symphonie mit Hymne" von Daniel Lazarus uraufgeführt. Das Werk ist vor dem Beginn des„dritten Reiches" geschrieben worden. Es hält sich auch fern von allzu starker Verwendung jüdischen Melodiengutes, will vielmehr mit seinen Instrumental- und Vokalsätzen in moderner Tonsprache ein Bekenntnis zu Weg und Schicksal des Judentums darstellen. Die fünf Teile haben programmatische Ueberschriften: der Einleitungssatz stellt die ewige W anderung der Kinder Israels durch Länder und Zeiten dar, ein Andante kündet von der„M i s» sion Israel s": die Schläfer aufzurütteln, Friedenskämpfer zu sein;„P o g r o m" ist der dritte Satz betitelt, ein teuflisches Scherzo, in dem alle Geister des Hasses sich auszutoben scheinen, bis das Klagelied eines Solo-Cellos überleitet in den schönsten und ergreifendsten Satz des Werkes: den Trauermarsch für die gefallenen jüdischen Frontkämpfer. Ein„Hymnus" zu Worten von Denise Alpiran- dery, der den Blick auf eine bessere Zukunft in der irdischen und ewigen Heimat lenkt, gibt den erhebenden Ausklang. Die Symphonie, deren Tonsprache man etwa als eine Modernisierung der Mahlerschen Orchestertechnik bezeichnen könnte, und die jedenfalls einen starken Talentbeweip darstellt, wurde widerspruchslos mit einhelligem starken Beifall, der auch dem Orchester, dem Philharmonischen Chor von Paris und dem Dirigenten Pierre Monteux galt, auf- genommen.' Paul Walter,