Wryff* Einzige uuadhSnglge Tageszeitung Deutschlands Nummer 57— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, den 9. März 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inha lt JCcitik an!Bcacqucmtte Seite 3 Vatikan qeqen Jlosenbecq Seite 3 Maschine macht lOeltcevclution Seite 4 Faschismus. in Qca^ctiannien Seite 7 Vollfufi als Aleineces liebet Seite 8 feinfliHegcr Otter Berlin Das„Geheimnis" der näditlidien Flieder Ober der Reldishaapistadt London. 8. März. Im Juni vorigen Jahres brachte die deutsche Presse im Austrag der Regierung und des Lustsahrtministeriums Be- richte von geheimnisvollen feindlichen Flugzeugen, die über Berlin Flugblätter mit Angrissen aus die Regierung ver- breitet hätten. Der Flugzengtyp sei, so hieß es. ganz unbekannt, die Geschwindigkeit enorm groß, singender Lärm sei vernehmbar gewesen. Da das Wetter sür die Flieger günstig, die Ankunft überraschend, der Abflug mit großer Geschwin- digkeit erfolgt sei, habe man keins der Flugzeuge verfolgen können. Die Regierungsstellen haben damals die ganze Sache als eine ungeheuerliche Gefährdung und Beleidigung von Boll und Regierung hingestellt und, weil das Eisen gerade warm zu sein schien, sofort das Recht zum Bau von BerteidigungSslugzengen gefordert. Die abgeworfenen Flugzette' sollten tZ Zentimeter im Quadrat sein und in vier mit Gummischrift ausgcstempelten Zeilen fürchterliche Beleidigungen gegen Kanzler und Regie- rung enthalten.„Gestern", so schrieben die Amtsstellen,„ist unser gerechter Anspruch auf Lustrüstung durch den uner- hörten Angriff aus uns gerechtfertigt worden. Wir können unter gar keinen Umständen noch länger inmitten schwer bc- «asfneter Nachbarn angerüstet bleiben." Der Angriff war. wie damals ein englisches Blatt schrieb, in der Tat unglaublich. Die feindlichen Flieger flogen so hoch, daß sie von keinem, außer dem amtlichen Ange, gesehen werden konnten. Die Wahrheit ist, baß sie nie existierten.— Man erfand ihr Austauchen, um damit für Deutschlands Wiederausrüstung Propaganda zu machen. Das einzige, was an der Geschichte wahr gewesen ist, bleibt der Abwurs von Flugblättern der oben beschriebenen Art nicht von feindlichen Flugzeugen, sondern— vom Garten des Dacheasss der„Berolina" aus. Der Beweis sür die Wahrheit dieser Schilderung kam jetzt in die Hand eines englischen Journalisten: Ein Flug, blatt, zwei grüne Eintrittskarten für das Dachcasö und der primitive Gummistempel, mit dem die vier Zeilen mit„un- geheuerlichsten Beleidigungen" gedruckt wurden. Das sind die vier Zeilen: Das Volk murrt, Hitler täuscht und betrügt Dich. Arbeiter erwacht? Die KPD. greift an! Spanien in Unruhe Verschärfter Belagerungszustand Madrid, 8. März. Die spanische Regierung Lerroux hat am Mittwochabend mit Rücksicht aus den drohenden General, streik den verschärften Belagerungszustand über ganz Spa- nie« verhängt. Die Regierung hat die Berhängung des verschärften Be- lagerungszustandes über das ganze Land der Presse gegen» über als eine ansgesprochene Vorsichtsmaßnahme erklärt, die in keiner Weise Beunruhigung erzeugen dürfe. Die Regierung wolle damit nur automatisch diejenigen Mit- tel in die Hand bekommen, die einen Generalstreik unmöglich machten. Die im Belagerungszustand ent, haltene Pressezensur solle nicht in Anwendung kommen. Festungen gegen Deoisddand Mussolini baut Forts am Drenner Wien, 8. März. Die tiefen Meinungsverschiedenheiten zwischen Italien und Deutschland wegen der Unabhängigkeit Oesterreichs sind mit Sicherheit als der Grund zur Errichtung neuer schweren Grenzbefestigungen aus italienischer Seite anzusehen. Nach ganz zuverlässigen Beobachtungen unserer Gewährsleute sind die italienischen Anstrengungen an der Brenncrgrenze besonders groß. Aus beiden Seiten des Paßhochweges ziehen sich seit dem Herbst begonnene, viele Kilometer lange Wälle und Sperren hin. Ihre Oberfläche ist kriegsmäßig durch An- striche unauffällig gemacht? die ganzen Anlagen werde« von Polizei bewacht. Der Zweck der Anlage ist die Bereitstellung von Plätzen für Flugzeugabwehrgeschütze und andere Ar- tillerie. Bon der Stellung aus wird der direkte Weg nach Innsbruck beherrscht. Die beherrschenden Höhen des Kreuz- und Sandjocheö sind durch den Ausbau ihrer Zugangs- ftraßen ebenfalls sür Artillerie erreichbar gemacht worden. Ein Blick ans die Karte zeigt sofort, daß diese Befestigungen nur Sinn bei Angriffen aus der Richtung Deutschland haben. # Audi Sfarhemherg Minister? Wien, 8. März. Aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, daß noch im Verlaufe dieser Woche, jedenfalls aber vor Ab- reise des Bundeskanzlers Dollfuß nach Rom, der Bundes- fährer der österreichischen Heimwehren. Fürst S t a r h e m- berg. als Minister ohne Portefeuille in die Regierung ein- treten werde. Gleichzeitig sollen sämtliche Wehrformationen, soweit dies bisher noch nicht der Fall war, der Vaterländischen Front anges-'lollen und damit dem Oberbefehl des Bundes- kanzlers Dollfuß. der bekanntlich der Letter der Baterlän- dtschen Front ist. unterstellt werden. * Vordringen der Heimwehr Wie«, 8. März. Im österreichischen Kabinett stehen meh- rere Veränderungen bevor. Die beiden Mitglieder der natio- nalständischen Front im Kabinett. Innenminister K e r b e r und Staatssekretär G l a ß. sollen zurücktreten. Die Frage der Neubesetzung ist noch nicht entschieden. Außerdem soll ein Ministerium ohne Amtsbereich geschaffen und mit einem Heimwehrmitglied besetzt werden. Hilfe Mir Oesterreichs Arbeiter Ausländische Aktionen Wie der Londoner„Dailo Herald" berichtet, werden gegen- wärtig aus dem vom gemeinsamen Nationalrat der Bri- tischen Arbeiterbewegung gegründeten Hilfsfonds für Oesterreich 2500 Familien in Wien und in anderen größeren Orten Oesterreichs unterstützt Sie erhalten wöchentlich 80 österreichische Schilling. Der britische Fonds weist ständig neue und große Beiträge auf. So ist an einem Tag an grö- ßeren Beiträgen allein mehr als 400 Pfund eingegangen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Beiträge der Zentral- organe der Gewerkschaften, während die Sammlungen in den einzelnen Unterorganen noch im Gange sind. Von mehreren Seiten aus wurde eine Hilfsaktion für die Angehörigen der Schutzbünbler und der eingekerkerten Parteifunktionäre unternommen. Von offizieller Hilfe für die Hinterbliebenen der Schutzbundopfer ist bisher trotz der bombastischen Ankündigung von reichen Sammelbeträgen im österreichischen Radio nicht viel zu spüren. Dagegen wirkt sich bereits wohltuend eine von den eng» l i s ch e n Gewerkschaften eingeleitete Hilfsaktion aus. Vertreter des Schweizer Gewerkschaftsbundes, die einige Tage in Wien weilten, haben an zuständiger Stelle ihre Be- reitschaft erklärt, bis zu 2000 Kinder von Schutzbündlern auf längere Zeit in der Schweiz bei Arbeitern, aber auch in bürgerlichen Familien zu beherbergen. Reges Interesse für die Kinderhilfsaktion ist ebenfalls in Belgien vorhanden, und auch die Arbeiterschaft der Tschecho- slowakei wird bei diesem edlen Menschenwerk sicher nicht zurückstehen. In dieser Sache weilten die Genossinnen Abgeordneten Blatny und Kirpal dieser Tage in Wien. Sie besuchten bei dieser Gelegenheit auch die unglücklichen Frauen der Wiener Hingerichteten und sprachen ihnen Mut zu. Ungelöst ist bisher das wichtige Problem der Rechtshilfe für die Eingekerkerten und Angeklagten, welches um so schwieriger zu lösen ist, als die hervorragendsten soztal- demokratischen Anwälte von der Regierung grundlos ver- haftet worden sind. nie Probeabslimmung Um die Aechtung Saarbrücken, 8. März. Die Zahl der Lokale für die Probe- abstimmung im Saargebiet, die als Beitritt zur„deutschen Front" getarnt ist, vermehrt sich von Tag zu Tag. Die Lo- kale sind durch breite Werbebänder in schwarzweißroten Far- ben gekennzeichnet. Die Probeabstimmung geht unter der klaren Parole einer Aechtung aller Gegner vor sich. In großer Aufmachung verkündet die gleichgeschaltete Saar- presse: Wir sind bereit, mit Franzosen, Engländer««nd Jtalie. nern, mit Menschen aller Herren Länder über die Saar, frage»u debattieren, eines aber wird uns wohl niemand zumuten können, nämlich, daß wir diese Frage hier aus diesem Boden mit Menschen erörtern, die des gleichen Bin- tes find wir wir! „Hier auf diesem Bodens— damit wird deutlich ausge- sprachen, daß man jedem Saareinwohner, der sich der söge- nannten„deutschen Front" und ihrem Terror nicht beugen will, das Recht abspricht, im Saargcbiet zu leben. So wird die Aechtung aller Gegner proklamiert, und die öffentliche Probeabstimmung, die sich unter den Augen des Völkerbun- des vollzieht, liefert die Listen für die Proskription. Ministerpräsident Alessandro Lerroux Domben In Madrid Madrid» 8. März. In Madrid wurden wieder zwei Bomben an Neubauten von streikenden Bauarbeitern zur Explosion gebracht, die größeren Sachschaden verursachten, aber kein Menschenleben kosteten. Ferner beschossen mehrere Streikende aus dem Hinterhalt einen Arbeitswilligen, der schwer verwundet wurde. Zwischen Navalmoral und Madrid stieß ein Personenzug mit einem Güterzug zusammcn, wobei mehrere Reisende und das Zogpersonal verletzt wurden. Die Kammer hat dem Gesetzentwurf zur Erhöhung der Stärke der Polizeitruppen«nd Zivilgardc um 2500 Mann zugestimmt. Die Kathollhen drohen Madrid, 8. März. Der Führer der Katholischen Volks- aktion, der s^irksten Partei des Landtages, erklärte, er werde die neue Regierung stürzen, wenn diese bei dem für morgen erwarteten Streik der Drucker das Erscheinen der Madrider Zeitung El Debate nicht garantiere. Diese Zeitung hat aus- schließlich katholisch organisierte Arbeiter, die nicht gewillt sind, sich den Anordnungen des sozialistischen Volkshauses zu fügen, weshalb ihr Weitererscheinen technisch möglich ist. Die Regierung sieht aber darin eine Herausforderung für die übrige Arbeiterschaft, weshalb sie im Falle des Streiks bei den anderen Zeitungen die El Debate am Erscheinen ver- hindern will. Krise ohne Lösung Von unserem spanischen Berichterstatter I.W. Madrid. 6. März 1934. Im Laufe der vergangenen-Woche hat endlich in Spanien die langerwartete Regierungskrise stattgefunden. Seit der Innenminister Martinez Barrio sich zu einem politischen Linkskurs und damit zur Unabhängigkeit des Minoritätenkabinetts Lerroux gegenüber der Rechten be- kannt hatte, stand außer Zweifel, daß die Rechte entweder das gesamte Kabinett Lerroux stürzen werde oder auf die Entfernung der Störenfriede Martinez Barrio und Lara sFinanzminister) aus dem Kabinett drängen würden. Schließlich hatte man sich mit Lerroux auf den letzteren Ausweg geeinigt: Martinez Barrio und Lara mußten ab- danken. Als Lerroux diese Entscheidung dem Staatspräsidenten Alcala Zamora überbrachte, erklärte dieser wider alles Erwarten, die politische Lage werde durch den Rücktritt der beiden Minister keineswegs geklärt, er müsse sich bei den verschiedenen Parteiführern darüber informieren, was zu machen sei. Lerroux sah diese Mit- teilung als Mißtrauensvotum an und dankte ab. In politischen Kreisen war man sich darüber einig, daß es sich bei der hervorgerufenen Gesamtkrise des Kabinetts nur um ein Manöver handelte, um zum Nachfolger Lerroux' wiederum Lerroux zu berufen. Bei einem Sturz der Regierung durch das Parlament wäre nach Paragraf 75 der Verfassung die Wiederberufung des gestürzten Ministerpräsidenten nicht statthaft. Die Rechte hatte mit einem solchen Sturz gedroht,(kr mußte vermieden werden. Und so geschah es auch. Die Autorität Aicala Zamoras sollte der Rechten beweisen, daß augenblicklich für Spanien Kein anderer Regierungschef außer Lerroux wirklich in Frage käme, um unabsehbare Folgen zu ver- meiden. Nachdem Alcala Zamora also zwei Tage lang die verschiedenen Parteiführer über das neuzubildende Kabinett konsultiert hatte, wurde Lerroux— trotz vieler gegenteiliger Ansichten von links wie von rechts, von neuem mit der Kabinettsbildung betraut. Im Laufe seiner ersten Bemühungen hatte man den Eindruck, er wolle ein weiter nach links hinüberreichendes Kabinett zusammen- stellen, denn er besuchte zwei Mitglieder der Azana- Partei Dr. Cardenal und Dr. Hernando. die jedoch das Angebot ablehnten. Daß diese Besuche aber nur dazu dienen sollten, die öffentliche Meinung irrezuführen, er- kannte man. als ohne iveitere Verhandlungen nach Ab- lehnung der Linkselemente ohne Verzug die neue Regierungeliste bekanntgegeben wurde: Drei neue Minister figurieren in ihr: Als Innen- minister der Radikale Salazar Alonso, bekannt wegen seiner kaum zu überbietenden Demagogie und Arbeiter- seindlichkeit, als Unterrichtsminister Salvador Madariaga. spanischer Botschafter in Paris und Vertreter Spaniens im Völkerbund, bekannt durch seine ausgezeichneten Ver- mittlungsvorschläge in der Abrüstung»- und anderen internationalen Fragen, und als Finanzminister Marraco (Radikaler), bisher Gouverneur der Bank von Spanien, in Finanzkreisen als erste Fachkraft bekannt. In der Linken bezeichnet man die neue Regierung als «kleinstes Uebel". In Rechtskreisen hingegen ist man einerseits zufrieden, daß Lerroux auch weiterhin bereit ist, sich die Verantwortung aufbürden zu lassen und sich den Wünschen der Rechten so weit als möglich zu fügen, andererseits droht Gi! Rabies den geringsten Anlaß zu ergreifen, um die Regierung zu stürzen, falls diese nicht striktest der durch das Wahlergebnis klar erkennbaren „Meinung im Volke" Ausdruck gebe. D. h.: Werden nicht umgehend die Programmforderungen der Rechten in die Wirklichkeit umgesetzt, d. h. erhält der Klerus nicht wiederum feste Bezüge, dürfen die Arbeitgeber sich ihre Arbeiter nicht dort suchen, wo es ihnen paßt, statt wie heute nur im eigenen Distrikt, und wird den geflüchteten Elementen der Diktatur und den Putschisten vom 10. August 1932 keine Amnestie gewährt, so kann Lerroux nicht auf die Unterstützung und das Vertrauen der Rechten — der Parlamentsmehrheit— rechnen. Geklärt hat sich also im Grunde an der politischen Lage, trotz des Ministerwechsels— nichts. Ein Minoritäten- Kabinett wie da» Lerroux' hätte nur dann Aussicht, wirk- lich fruchtbar« Arbeit zu leisten, wenn e» außerordentliche Vollmachten erhielte. Man steht aber— vorläufig noch— auf dem Boden der Demokratie. Vermutlich wird die neue Regierung sich— trotz gegenteiliger Ansichten aus allen Sektoren der Politik— wieder einige Zeit hinschleppen, wenigstens solange, bis die Rechte sich stark genug fühlt, selbst die Regierung zu übernehmen und durch diktato- rische Maßnahmen ihre Ziele durchzusetzen versucht. Daß es hart auf hart geht, zeigen die sozialen Konflikte der letzten Tage. Die Bauarbeiter, die im Laufe der ver- gangenen Woche mit 35 990 Mann in Madrid gestreikt hatten, haben auf Schlichtungsspruch der Regierung die Bewilligung der 44-Stundenwoche bei gleichbleibenden Löhnen der 48-Stundenwoche erreicht. Die Unternehmer lehnten sich gegen diesen Schiedsspruch auf und der Unter- nehmerverband gab in einem Manifest bekannt, daß seine Mitglieder nur den Gegenwert für die wahrhaft geleistete Arbeit, also 44 Stunden— bei der Wochenabrechnung auszahlen sollten. Die Arbeiter erhielten von ihren Gewerkschaften Weisung, keinesfalls darauf einzugehen, unvollständige Zahlungen nicht anzunehmen und. würden die Arbeitgeber sich weigern, den ministeriellen Schieds- spruch zu erfüllen, habe von neuem der Streik einzusetzen. Es hat sich herausgestellt, daß trotz des Minifeftes ihres Verbandes die Arbeitgeber die von den Arbeltern gefor- derten Löhne bezahlten. Allerdings mit dem Hinweis, nichts über diesen ihren..Disziplinbruch" verlautbaren zu lassen. Der Konflikt ist also im Augenblick beigelegt. Dafür droht aber ein anderer, der Streik der Buchdrucker. Motiv dazu ist die Haltung der monarchistischen Zeitungs- verleger des ABC. Die Leitung dieses Verlages hatte ver- sucht, unoraanisierte, faschistische Elemente In die Druckerei als Spitzel hereinzusetzen. Die Belegschaft wehrte sich dagegen und stellte die Arbeit ein. ohne den Betrieb zu verlassen. Die Zeitung konnte aus diesem Grunde nicht erscheinen und die Verlaasleitung verhängte Entlassung über die gesamte Arbeiterschaft. Natürlich er- klären sich die Buchdruckergewerkschaften mit ihren Kameraden vom ABC. identisch und. lost die Verlags- leituna nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt den Konflikt, so werden die Drucker in Generalstreik treten. Die Gesellschaft behauptet nun. sie hätte im Laufe des letzten Jahres ein solches Defizit aufzuweisen, daß sie es vorzöge, die Zeitung ganz eingehen zu lassen al» nachzu- geben. Wie sich die Angelegenheit regeln wird, ist vor- läufig nicht vorauszusehen. Das Wichtige bei all den sozialen Konflikten, die überall in verschärfter Form auftauchen, ist. daß weder die Arbelt- geber noch die Arbeitnehmer im Grunde die Autorität der Regierung anerkennen. Da das neue Kabinett Lerroux im Grunde— bis auf den kleinen Rechtsruck im Innenministerium— dem alten entspricht, so ist nicht zu erwarten, daß seine Autorität stärker sein wird. Lerroux, der am Sonntag Im Kreise seiner Partei- freunde seinen 79. Geburtstag feierte, erklärte, er werde dem neuen Kabinett solange vorstehen, wie die Radikalen die einzige regierungsfähige Partei feien, bis entweder von den Linksrepublikanern her oder von Reckt» die Garantie gegeben sei, daß das Werk der Republik welter im republikanischen Sinne geführt werden könne. Ob er e» aber mittlerweise dazu dringen wird, den sozialen Frieden— d. h. Brot. Ordnung, d. h. Zufrieden- heit der Arbeiterschaft und Ruhe. d. h. allgemeinen Wohl- stand— zu schaffen, wie er zwar gern möchte,— das ist au» der Lösung der Krise Keineswegs ersichtlich. Im Gegenteil. Die Krise bleibt im Grunde latent. ver„Kugelfeste" Berberfflhrer Das Vordringen fronzösisdicr Truppen in sndmarohko Paris, 8. März. Havas berichtet aus Rabat: Motort- sierte und berittene französische Abteilungen haben Gouli- inine besetzt. Der Kaiö Mokhtar-Uld-Lhassen hat sich mit 2799 Familien unterworfen. Der Stamm der Ait Khebbach zieht sich in Richtung auf den Dschcbel Astartai, südlich der Mlln- dung des Nun-Flusies zurück und vermeidet jede Kühlung mit den nachrückenden französischen Truppen. Im Tschebcl Astartas befinden sich bereits die zurückgewichenen Elemente des Ait-Hamou-Stammes. Während die französischen Trup- pen im nenbesetzten Gebiet die Anlegung von Autostraßen und Telekonlinien vorbereiten, beginnen im Antiatlas Ein- krcisungsmanöver gegen zwei Stämme, die bis jetzt jede Ver- Handlung abgelehnt hatten. Der Disiidcntensultan Merebbi Rebbo hat die Verhandlungen mit dem französischen Ober- befehlShaber abgebrochen und sich von Kerdous südlich zum Stamm der Tbouia begeben. * Agadir, 8. März. Langsam und vorsichtig, aber unerbittlich rollt die französische.Dampfwalze" dem Atlantischen Ozean z». Die zwei französischen Armeen, die aus Kolonialtruppen, aus der Fremdenlegion und aus zuverlässigen Formationen von Marokkanern bestehen, kreisen die noch selb- ständigen Berber st ä m me ein oder treiben sie d e r Kii st e zu. Zwei gesürchtete SchcikS haben sich an die Spitze der Berber gestellt, die gut mit dem bekannten Abdel Krim des RtfkriegeS verglichen werden könnten. Der Widerstand gegen die französischen Truppen wird mit ttbem Tage verzweifelter. Der mächtigste der Bcrbersührer ist Bei Kacem Ngadi. Da bei ihm wie bei seiner Gefolgschaft der feste Glaube herrscht, daß nur«ine Silberkugel sein Leben gefährden könne, führt er meist an der Spitze seiner Reiter die Angriffe gegen die Franzosen, da ihm die französischen Kugeln nicht gefährlich erscheinen. Der andere ist Mcrrebi Rebo, der schon 1912 dem General Mangin aus Marrakesch weichen muhte, trotzdem aber seine Herr- schalt im Antiatlasgebirge zu behalten wuhtc. Tie beiden französischen Armeen bewegen sich aus das spanische Protek- torat Rio del Oro an der Küste zu. Die erste Armee unter General Eatrour ging von Tiznet über die noch unerforschten Gebirge in südlicher Richtung vor und rückt gegen die Streit- kräste von Merrebi Rebo, der sich etwa bei Bon Nanian« befindet, vor. Der Uebergang über das Gebirge hat auf beiden Seiten Opfer gefordert, da die Berber von Hinterhalt zu Hinterhalt den vordringenden französischen Truppen in den Gebirgspässen Widerstand leisteten. Dort haben sich beson- derS die»Mehraristen", die marokkanische Kavallerie, die an- statt Pferde Kamele gebraucht, bewährt. Di« zweite Armee unter General Giraud bewegt sich in südwestlicher Richtung von Akka ani Tamanar zn, welche? inmitten eine» fandige« Hochplateaus liegt. Die beiden Kolonnen wollen si-k> südlich von Jini bei Rio del Oro treffen. Besonders die Truppen Giraudö haben außerordentliche Schwierigkeiten bei ihrem Vordringen durch gänzlich unbekannte» Gelände gehabt. Em schwerer Tandsturm, der mehrere Tag« dauerte, setzte die Truppen schweren Prüfungen aus. Oer wlrlsdiafflldie Dreibund Saar-AusschnO In Rom? Paris, 8. März. Der„Matin" berichtet aus Rom. daß der italienische Plan zur Förderung des östcrreichisch-ungari- schen Wirtschaftslevens vorsehe, daß binnen kurzem mit den Ländern der kleinen Entente Wirtschaftsabkommen abge- schlössen werden. Man denke an die Einführung eines kom- binierten Regimes von Vorzugszöllen und Kontingentie- rungen, das auf Oesterreich, Ungarn und Italien sofort an- wendbar wäre. Italien scheine entschlossen zu sein, zur Unter, stütznng der beiden kleinen Staaten in Mitteleuropa eine große Aktion zu unternehmen. Es rechne damit, baß sein Beispiel der Solidarität Nachahmung findet und baß andere Staaten entsprechende Opfer bringen. Diktatur in Havanna Die Verfassung für 90 Tage außer Kraft gesetzt Pari», 8. März. Havas berichtet au» Havanna, daß durch eine nachts veröffentlichte Verordnung die versassnngs» rechtlichen Garantien anf 90 Tage außer Kraft gesetzt wur» den. Die Regierung habe somit praktiich die Diktatur ein« geführt. DaS Innenministerium stehe auf dem Standpunkt, daß die Arbeiterorganisationen durch ihre Weigerung, sich auszulösen, von selbst der Auslösung anhelmsielcn. Alle Ar- beiterorganisattone« würden feiten» de» Innenministerium» als kommunistisch angesehen. Parts, 8. März.- HavaS berichtet aus Havanna: ES wur- den dort etwa r>o Personen verhaftet: außerdem nahm die Polizei 88 Textilarbeiter fest. Diese Verhaftungen brachten aber die Bevölkerung so aus, daß die Polizei, um die Orb- nung wieder herzustellen, gezwungen war, ihre Gefangenen wieder loszulassen. Tie Arbeiter der Tabatmaausaktur haben es abgelehnt, ihr Fabrikgebäude zn räumen. Wahrscheinlich wird Militär eingesetzt iverbcn müssen. Um Mitternacht haben die AutobuSchauisenr« den Streik beschlossen. Die Metzger, die Ladenangestellten und die Arbeiter der Metall- Industrie befinden sich bereits im Streik. Die Tchctnwericr der Festung von C a b a n a s bestreichen beständig die Stadt, um zu verhindern, daß die Bevölkerung aui die Truppen oder auf die Polizei schießt. ES ist daS Gerücht in Umlauf, daß im Truppenlager Columbia 89 Soldaten verhaftet wor- den sein sollen. London. 8. Mär».„TimeS" meldet aus Havanna, daß außer den Werftarbeitern in Havanna auch die Tabakarbeiter feiern. Die Zeitungen können, da die Drucker und Setzer die Arbeit niedergelegt haben, nicht erscheinen. Auch die An- gestellten der in amerikanischem Besitz befindlichen Kuba- Eisenbahn sind im Ausstand. Der Zugverkehr wirb von Milt- tär aufrechterhalten. Mittwochnachmittag wurde auf den Staatssekretär Dr. CoSme de la Torirnto ein Anschlag ver- sucht. Jedoch versagte daS Maschinengewehr der Attentäter, die entkamen. Pas Neuest*» DaS Marinegericht in Brest hat drei Matrosen der Kriegsmarine zu 2 bis 5 Iahren Gefängnis verurteilt. Die drei hatte« au Bord des Kreuzer».Sussreu" da» Spind eines Maatö ausgebrochen und diesem daran» seine Brie!» tasche mit 1500 Franken Bargeld gestohlen. Emile Cotti«, der während de» Kriege» einen Mord- anschlag ans Clemencean ausgeführt hatte nnb dafür erst zum Tod« verurteilt, dann aber begnadigt wurde, f» daß schließlich nur eine An»weis«n« gegen ihn übrig blieb, hat hiergegen verstoßen»nb wurde bei einem Besuche seiner Tochter in Tonlon verhastet. Man fand bei ihm einen ge» laden«« Revolver. Er erklärt«, er werde fich nicht an ein« Bestimmung halten, die ihm verbiet«, seine Tochter z« de- suchen. Am Mittwoch, dem 7. Mär,, ist in Warscha» durch den polnischen Außenminister Beck und den deutschen Gesandten v. M o l t k e ein Abkommen«nterzeichnet worden, durch da» der beutsch-polnische Zollkrieg endgültig ansgehoben nnb die Grundlage für einen normalen An»ba» der beiderseitige« Hau» deisbeziehnngen geschassen wird. Da» in Form eines Protokolls gekleidete Abkommen soll sobald al» mög- lich ratifiziert werden. Jedoch werden lein« Bestimmungen unabhängig hiervon bereits vom 13. d. M. an in Anwendung kommen. Neues englisches Militärflugzeug London, 8. März. Die britischen Luftstreitkräfte haben, wie die„TImeS" meldet, ein neues Militärflugzeug erworben, da» im mittleren Osten verwendet werben soll. Das Flug- zeug, das den Namen„Vickers Vincent" führt, hat drei Mann Besatzung. Neben der üblichen Ausrüstung führt es Schlafsäcke, einen Wasserbehälter, einen Sauerstoffapparat, einen Kasten mit Arzneien kür die erste Hilfe, einen Funkapparat mit aufklappbarem Mast kür den Fall von Notlandungen auf der Erde und einen Vorrat von Leuchtkugeln mit sich. Unter dem Rumpf der Maschine ist ein besonderer Brennstofsbe- hält«? angebracht, der Treibstoff« für einen Flug von etwa 2999 Kilometer fassen kann. Gens, 7. März. Aus italienischen Kreisen verlautet beute, daß die nächste Sitzung des eigentlichen SaarausichusseS lAloisi, Eantilo. Madariaga» die. wie ursprünglich vorge- sehen, noch der nächsten Genier Zusammenkunst deS Juristen- komiteeS. daS hier am 29. März mit seinen Arbeiten begin- nen wird, im April in Gens stattfinden sollt«, nicht in der VölkerbundSftadt. sondern in Rom abgehalten werde: wenigstens habe der Ausschußvorsitzende A l o t 11 diesen Wunsch ausgesprochen. Das Völkerbundssekretariat versuche dagegen anscheinend, die Tagung des Ausschusses wiederum in Genf stattfinden zn lassen.— Welter ist heute hier die Rede davon, daß eventuell daS spanische Mitglied de» Ausschusses, der bisherige spanische Botschafter in Part». Madariaga. durch einen anderen Delegierten ersetzt wer- den könne, da Madariaga kürzlich spanischer Kultusminister geworden ist. Danssachnng In der GroOloge Der Grund für Benno Walter« Verhaftung Berlin. 7. März. Die Politische Polizei erschien unser- mutet im Berliner LogrnbauS in der Kletftstraße, in dem der Tempel und die Büros der Grohloge Deutschlands de» Unabhängigen Ordens«ne Briß sowie die BüroS einer Anzahl Berliner Zmciglogen der Bn« Briß untergebracht sind, und nahm eine gründliche Haussuchung vor, die mebr als zwei Stunden dauerte Zahlreiche vorgefundene Dokumente wurden zur Durchprüfung mitgenommen. Verhaf» hingen Ttn& nicht erfolgt. Dr. Benno Walter, der Vizepräsident nnd Grrchäftsletter der Deutschland-Loge des UOBB. der im Zusammenhang mit einer von ihm tu München-Äladbach am 8. Januar ge« haltenen Ansprache verhaktel wurde, ist nun aus dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz nach dem berüchtigten Columbia-HanS, einem von der Polltischen Polizei unter- haltenen speziellen Gefängnis für politische Häftlinge, ge- bracht worden. Dr. Walter soll in München-Gladbach gesagt haben, daß die Juden in Deutschland niemals freiwillig auf ihre Bürgerrechte verzichten werden. Diese Aeußerung ist. wie nun offiziös zugegeben wird, der Grund für seine Berhastung gewesen. Die Dlulraebe Wieder zwei Todesurteile I« Prozeß gegen die fünf Angehörigen ber Kommonifti» scheu Partei Deutschlands, dl« am 24. Juni 1982 ans der Bergstraße in Dortmund-Ebing de» SA.»Mann Walter Ufer getötet haben sollen, hat der Staatsanwalt gegen all« Angeklagten die Todcsstras« beantragt. Da» Gericht hat fol, genbes Urteil gefällt: Die Angeklagten Boit und Rapier»erden»um Tod«»nb zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte ans Lebens« zeit verurteilt. Feldhaus, Beher und Kalipk« wegen schwere» LandiliedenSbrncheS nnd Totschlages zu je 15 Jahren Zucht« hau», Aberkennung ber bürgerlichen Ehrenrechte ans»eh« Jahre nnd Stellung unter Polizeiansstcht. * Vor drei Wochen brach in Oesterreich, von der Regierung provoziert, der Bürgerkrieg aus. Al» die Wellen der Empörung gegen die Regierung Dollfuß durch die Welt gingen, hat Herr Hitler den Zeitpunkt für geeignet ge- halten, um seine„unblutige" Revolution zu rühmen. Er rechnete offenbar damit, daß der Schrecken de» öfter« reichischen Bürgerkriege» die Bluttaten seiner SA. und SS. und der gleichgeschalteten Justiz im Schatten lassen wird. Damals hat der„humane" Diktator, gestern hat sein Gericht gesprochen. Die Blutrache gegen politische Gegner, die von den deutschen Gerichten geübt wird, zer« stört schonungslos die Legende von der unblutigen nationalsozialistischen Revolution. Man braucht wahr- haftig keine Dreueinachrichten, um die Wahrheit über die blutige Wirklichkeit de»„dritten Reiches" zu erfahren. Für dos deutsche Bolk an der Saar ist diese Wirklichkeit zugleich eine Warnung und eine Aufforderung. Auf- forderung zum Kampf mit aller Kraft gegen den Hitler- faschismus und die Röchling.Front als seine saarländische Vertretung, damit die„humane" Diktatur von Hitler nicht zur Wirklichkeit an der Saar wird. Nach Papenburg! HUbesheim, 7. März. Wie da» Pressebüro des Regterungl- Präsidenten mitteilt, ist ber Kaufmann Siegfried Sachsen- röber aus Einbeck, der nach mehrfache» Verwarnungen „wegen fortgesetzter Zersetzungstätigkeit" in Schutzhaft ge« nommen worden war. auf Anordnung des Geheimen StaalS- polizeiamte» in da» Konzentrationslager Papenburg über, geführt worden. Gestern und heute Das Ereignis des Tages ist die Rede des belgischen Ministerpräsidenten de Broqueville. Er hat von seinem hoch verantwortlichen Posten aus festgestellt, daß Deutschland sich in. voller Aufrüstung befindet. Und während früher alliierte Staatsmänner in solchen Fällen zu sagen pflegten, des sei eine Verlegung der Vertragsbestimmungen, eine Gefährdung des Friedens und jedenfalls etwas äußerst Tadelnswürdiges, hat Herr de Broqueville ungefähr das Gegenteil gesagt. Er hat die deutsche Wiederaufrüstung gewissermaßen wie ein Naturereignis jenseits von gut und böse behandelt, mit dem man sich nun einmal abfinden müsse, ob es einem lieb oder leid sei. Herr de Broqueville mag sich dabei gedacht haben, daß man ja auch einem ausbrechenden Vulkan nicht, vorwirft, er verlebe die Bestimmungen eines Vertrags. Solche Ansichten sind heute in dir Welt weiter verbreitet, als es offizielle Reden und gut disziplinierte Zeitungen erkennen lassen. Der Ministerpräsident des kleinen Belgien hat laut gesagt, was Leute wie Macdonald oder Sir John Simon wahrscheinlich im stillen denken. Im dunkeln sind es die kleinen Kinder, die zuerst weinen Und in einem Wirrwarr wie ihn heute das Abrüstungsproblem darstellt, ist es gleichfalls das Recht der Kleinen, zuerst die Dinge beim Namen zu nennen. Während die großen, vorsichtigen Zeitungen sich noch mit der Feststellung begnügten, daß Stavisky undurchsichtige Geschäfte gemacht habe, wußte der Mann auf der Straße bereits: wieder so ein Schwindler. Die Herren Macdonald und Simon sprechen noch von berechtigten Forderungen Deutschlands; Herr de Broqueville dagegen stellt trocken fest, daß Deutschland sich bis an die Zähne wappnet, und niemand den Mut hat, es zu hindern. Und warum nicht? Den legten Schleier des Geheimnisses hat auch Herr de Broqueville nicht gelüftet Dabei ist es gar nicht so schwer. Das neue englische Flotten-Budget für 1934135 sieht eine Mehrausuabe von 3 Millionen Pfund vor, das sind in deutschem Gelde rund 40 Millionen Mark. Der englische Steuerzahler ächzt unter diesen Mehrausgaben. Und der belgische Bürger vollends wird beim Gedanken an einen neuen Rüstungswettlauf blaß bis unter die Haarwurzeln. Es ist ja ein Irrtum anzunehmen daß der Staatsbürger immer dieselbe politische Ansicht habe. Eine andere hat er, wenn er die außenpolitische Spalte seiner Zeitung liest, und wieder eine andere, wenn er den Steuerfragebogen ausfüllen muß. Sicherlich hat Herr de Broqueville mit seiner Rede den belgischen Zeitungslesern nicht sonderlich gefallen. Aber der Steuerzahler mag finden, daß der Mann in einigen Punkten doch ganz vernünftige Ansichten hat. Und doch hat die Sache einen Haken. Denn wenn alle Welt kein Geld hat. neue Rüstungen zu bezahlen, so muß man sich immerhin fragen, woher denn Hitler-Deutschland es hat. Auch hier ist die Antwort gar nicht so schwer. Es ist kein Kunststück, Panzerschiffe und Flugzeuge zu bauen, wenn man seine Schulden nicht bezahlt. Die Regierung Hitler macht es im Grunde nicht anders als die Bolschewiki. Wie diese die Zarenschulden nicht anerkannten, löst die Regierung Hitler die Schulden der Weimarer Republik nicht ein. Mit nicht bezahlten Schulden bezahlt sie ihre Rüstungen; bezahlt sie das Nickel, das Kupfer, das Mangan-Erz, das in der deutschen Einfuhrstatistik jetjt mit so sonderbar hohen Ziffern erscheint. Und daß solche Methoden für andere Länder gleichermaßen unnachahmlich und unwiderstehlich sind— das hat Herr de broqueville in seiner Rede sagen wollen. Argus. Kritik an Broqueville 4 Brüssel, 7. März. Die in Deutschland viel besprochene Rede des belgischen Ministerpräsidenten de Broaueville findet in Belgien selbst eine ziemlich küble Ausnahme. Außer dem Außenminister Hymans ist dem Ministerpräsidenten auch der Borsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Senats, der Abgeordnete Segers, entgegengetreten. Er erklärte es als Grundsatz der belgischen Politik, einen gefährlichen Nachbar an der Wiederaufrüstung zu hindern. Die englischen und italieni- schen Vorschläge verstärkten die deutsche Gefahr an der belgischen Grenze. Frankreich habe jetzt das Wort. Belgien habe nur eine Politik der Ruhe, gegründet aus ein Jtonu promiß, zu befolgen, sondern einen Alarmruf auszustoßen. Auch der Parteifreund des Ministerpräsidenten, der Sena- tdr de Dorlodot, wandte sich gegen die deutschen Rüstungen und erklärte die Rüstungen Frankreichs und Belgiens für ungenügend. Des weiteren kritisierte er die Politik von Locarno und wandte sich gegen„alldeutsche" Politik des „dritten Reiches". Die katholische„Metropole d'Anvers". bemerkt, baß die Rede Broauevilles im Senat mit Zurückhaltung, ja Miß- fallen ausgenommen worden sei.^Jndependance Belge er- klärt, das Land werde nicht ohne tiefe Bewegung von der Ansicht des Regierungsoberhauptes Kenntnis nehmen, nach der man alle Hoffnung ausgeben müsse. Deutschland zur Respektierung von Verträgen zu bringen, die durch 4»»'^ belgische Tote teuer erkauft worden seien.„Etoile Belge sagt, die Rede Broguevilles werde im Land tiefe Nieder- geschlagenheit erwecken,' im übrigen sei seine Kritik am Ber- trag von Versailles ungeschickt gewesen.„Nation Beige meint, die Rede werde allen guten Bürger mit Befürchtung und Trauer erfüllen. Broqueville betreibe eine Politik des „sauve qui peut". SlavlshQ und die Polizei Der verbrannte polizeilldie Empfehlungsbrief Paris. 8. März. Der parlamentarische Untersuchungs- ausschuß in Sachen Stavisky hat den früheren Direktor der Sicherheitspolizei Thomö eingehend über die Tätigkeit der Polizei bei Behandlung des Falles Stavisky vernommen. Dabei wurden sowohl die Angelegenheit des Polizei- inspektor B o n y, als auch die Beziehungen Staviskys zur Polizei selbst angeschnitten. Mitte Januar sei, so sagte Thom^ aus, Polizeiinspektor Bonn, der den Fall Stavisky bearbeitete und sich gerade um die Klärung der Konten und damit auch um die Auffindung der Scheckabschnitte bemühte, mitten aus seiner Arbeit heraus vom Dienst suspendiert worden, und zwar wegen einer Angelegenheit, die auf 1928 oder 1929 zurückgehe. Aus Veranlassung des Generalinspek- tors P l y t a s sei Inspektor Bonn aus eine anonyme An- zeige hin beschuldigt worden, 1928 oder 1929 für eine einem Ausländer gewährte Vergünstigung Geld angenommen zu haben. Das sei die Begründung seiner Amtssuspendierung im Januar 1984 gewesen. Die SuSpendierung erfolgte durch einen Entscheid des Innenministeriums. Auf ihn, Thoms, habe diese Maßreglung um so mehr Eindruck gemacht und Erstaunen hervorgerufen, als in den Personalakten Bonys nichts Belastendes aus jener Zeit zu finden gewesen sei. Auch habe man ihn selbst über die Opportunität der Maß- reglung Bonys überhaupt nicht gefragt. Hinsichtlich der Beziehungen Stavisskns zur Polizei er- klärte Thoms, diese hätten sich seines Wisiens darauf be- schränkt, daß der Polizeikommissar B a n a r d nach Entlastung Staviskys aus dem Gefängnis mit iby, Verbindung ausrecht- erhielt. Aber solange er, Thom«, Direktor der Sicherheitspolizei gewsen sei, sei S'avisskn nicht„indicateur" der Polizei gewesen. Als Stavisky einmal an der Grenze Paß- schwierigkeiten hatte, habe Polizeikommissar Bayard ihm einen Brief ausgehändigt, durch den er Stavisky der wohl- wollenden Aufmerksamkeit seiner Kollegen anempfahl. Als der Dienstvorgesetzte des Kommistars Bayard von diesem Brief Kenntnis erhielt, habe er Bayard besohlen, diesen Brief Stavisky wieder abzunehmen, was auch geschah, und Bayard haben den betreffenden Empfehlungsbrief dann vor den Augen seines Vorgestzten verbrannt. Das dürfte nach Ansicht Thomss das einzige Schriftstück gewesen sein, mit dem Stavisky seine Beziehungen zur Polizei begründete. Der 0. Eebruar Chautemps vor dem Untersuchungsausschuß Paris, 8. März. Bei seinem Verhör vor dem parlamen- tarischen Untersuchungsausschuß über die Straßenunruhen in Paris am st. Februar erklärte der frühere Ministerpräsi- dent Ehautemps auf Befragen, niemals vom Polizeipräiek- ten Chiappe oder von anderer Seite über angebliche Um- triebe des früheren Innenministers Frot unterrichtet wor- den zu sein. Ehautemps ließ durchblicken, daß er bereits frü- her an eine Amtsenthebung des Polizeipräfekten Chiappe gedacht habe. Die republikanische Treue der Polizei habe er niemals in Zweifel gezogen. Auch glaube er nicht, daß den Kundgebungen umstürzlerische Absichten zugrunde gele- gen hätten. Der frühere Polizeipräfekt Chiappe läßt zu dem Dementi Frots erklären, daß er seine unter Eid vor dem Untersuchungsansschuß abgegebenen Erklärungen in allen Einzelheiten aufrechterhalte. Yalihan gegen Rosenfterg „Ostervatore Romano" knüpft an die Worte des Papstes an, daß das ganze deutsche Volk einen tragischen historischen Augenblick erlebe. Pius XI. sei der„Papst der Jugend" und habe im Konkordat gerade für die deutsche Jugend Sichc- rungen festgelegt. Nichtsdestoweniger sei die katholische deutsche Jugend Ziel von Anwürfen, Kritiken, Berdäch- tigungen und Feindseligkeiten. Erst kürzlich habe der Führer der kölnischen Hitler-Jugend erklärt, die restlichen katholischen Jugcndverbände müßten noch im Laufe dieses Jahres ausgelöst und in die hitlerische Jugend eingereiht werden, in deren Kreisen man nicht über Kirche und katho- tische Religion diskutiere.„Für die Ideen einer Priester- käste, die ihre wahre Mission vergessen hat, sind nicht einund- zwanzig Hitler-Jungen gefallen." In seiner Rede über Konrad von Parzham hat der Papst diesen bescheidenen und demütigen Kapuziner dem Führer der hitle- rischen intellektuellen Erziehung Rosen- berg gegenübergestellt: einen Heiligen einem Halben. Der Artikel zitiert Ausführungen des auf den Index gesetzten Rosenbergschen Buches und bemerkt, hier gehe es nicht mehr um Phrasen aus Versammlungs- reden oder um Interviews, sondern um philosophische Doktrinen, um eine sogenannte neue Religion, die in vollem Widerspruch zum christlichen Glauben und christlichen Leben stünde. Alle geradsinnigen Deutschen, welches Bekenntnisses immer, werden einsehen, daß eine Jugend, der das Beispiel des Konrad von Parzham vorschwebe, immer und überall dem Vaterland und der Welt bedeuten wird, daß die katholischen Werte auch jetzt, um mit den Nationalsozialisten zu reden,„im Kampf der Werte" un- überwindliche nationale und staatsbürgerliche Werte seien. Knebelung der katholischen Jugendverbände in Bonn Im Bereiche der Ortspolizeibehördc Bonn wurde den Angehörigen der konfessionellen katholischen Jugend- verbände bis aus weiteres jedes geschlossene Auftreten in der Oeffentlichkeit, das öffentliche Tragen von Bundestracht, das Mitführen oder Zeigen von Wimpeln oder Fahnen, jede sportliche oder volkssportliche Betätigung innerhalb der konfessionellen Jugendoerbände verboten. Das Verbot ist aus die Verteilung von Flugzetteln zurückzuführen. Projekt eines katholischen Senders Die schweizerische katholische Wochenschrift„Die Schild- wache" erläßt einen Ausruf zur Gründung eines Fonds für einen katholischen Sender, ber für den deutschen Sprachkreis aller Länder kirchliche Nachrichten, Kirchen- musik, Festberichte usw Tender für den deutsche bringen und somit dem vatikanischen t>en Kullurkreis, ähnlich wie die katho- lischen Sender in andern Ländern, im„Apostolat der Lüfte" zusammenarbeiten will. Der geplante Sender soll den Namen„Cherubim" tragen. Ein weiDbudi des Vatikan s Aus Berlin berichtet die Basler„Nationalzeitung": Die Publikation eines Weißbuches des Batikaus über den Konkordat st reit zwischen„drittem Reich" und K« r i e steht bevor. Der Vatikan beabsichtigt, mit einer Aus- zählung aller Verstöße vou feiten des Reiches gegen das letzten Sommer abgeschlossene Konkordat die eigene Stellung für die bevorstehende Wiederaufnahme der Verhandlungen über die Anssührungsbestimmungen des Abkommens zu stär- kcn. In zwei Punkten dürfte sich die vatikanische Politik nach wie vor unnachgiebig zeigen: in der Frage der S t e r i- l i s a t i o n und in der des Rassenvrinzips. In der geistlichen Jugenderziehung dürste analog dem Bei- spiel zwischen Kurie und Faschismus zwar ein Kompromiß vorbereitet werden. Freilich wird in Berliner katholischen Kreisen, die der Kurie nahestehen, immer wieder erklärt, der Unterschied zwischen dem Konflikt Kurie-Faschismus und dem Streit Kurie-„drittes Reich" sei sehr groß. Die Katho- liken in Deutschland seien eine Minderheit. Der Vatikan sehe sich deshalb gezwungen, die Rechte der deutschen Katholiken viel energischer, grundsätzlicher und kompromißloser zu ver» fechten als die der ohnehin überwältigend katholischen Volks- mehrheit in Italien. I« denselben Berliner Kreisen wird übrigens gehofft, die infolge der deutschen antikirchlichen und Rassenpolitik im Auslande entstandenen großen Schwierig» leiten würden die Reichsregierung zu großen Konzessionen an den Vatikan bewegen... Dc'di'geheimiits nldif mehr s'dier Der Pfarrer von Wcrmerichshausen iUnter- srankenj wurde in Schutzhast genommen wegen Aeuße- rungen, die er einer Beichtenden gegenüber getan hatte. Kardinal Bertrams Hirtenbrief Breslau, 7. März. Der Breslauer Erzbischos, Kardinal Bertram, hat einen Hirtenbrief erlassen, in dem gesagt wird: „Wer euch ein anderes Evangelium lehrt als das Evan- gelium, das wir euch bringen, der sei verflucht." Eingesetzt— abgesetzt Braunschweig, 7. März. Der braunschweigische Landes- bischof B e y e, der erst am 21. Januar in sein Amt eingesetzt worden war, ist zum Rücktritt gezwungen worden. ..Vieler Pessimismus" Verzögerung der französischen Note London, 8. März. Der diplomatische Mitarbeiter des„News Chronicle" sagt, die Absendung der französischen Antwort auf die britische Abrüstungsdenkschrift werbe wahrscheinlich beträchtlich verzögert werden. Diese Tatsache rufe tiefen Pessimismus bei den Anhängern des Abrüstungsgedankcns hervor Hur Sicherheitsfrage bemerkt der Mitarbeiter, eine politische Bürgschaft für die Grenzen eines anderen Land-s öedeute immer ein ötoficS Riftfo, öö man ltidjt ft&fiix getdöc* stehen könne, daß die Politik des betreffenden Landes frieo- fertig sein werde. Die Engländer hätten stets befürchtet, daß sie durch Teilnahme an einem Kollektivsystem in einen" ,-g gegen eine Regierung verwickelt werden könnten, die mora- lisch im Recht, aber technisch Im Unrecht sei. Ein Versprechen Großbritanniens, alles zu tun, was gerecht und möglich sei, um eine Verletzung einer Abrüstungsabmachung zu verhln- dern oder wiedergutzumachen, würde Frankreich eine oi-l bessere Gewähr kür britische Unterstützung«m Falle eines Anariffs geben als eS iemals durch einen politischen Ve> trag erlangen könnte Denn kein politilcker Vertrag. nicht der Vertrag von Locarno. würde in England so ,ll.e mein unterstützt werden wie ein Abkommen. daS der Regie- runa eine Verminderung der Rüstungsausgaben bei emem gleichzeitigen Gefühl erhöhter Sicherste, t gestatten wurde. Naziskandale In aller Welt Holländischer Protest gegen die Nazi-Invasion Amsterdam, 7. März. Einige hundert Nazis überschritten dieser Tage die holländische Grenze. Aus dem Weg nach Doetinchen, einer kleinen Stadt, die etwa 5 Kilometer jenseits der Grenze liegt, verteilten sie Flugblätter und beschmierten die Wände mit Hakenkreuzen. Es waren zum großen Teil Holländer, die in Deutschland leben und der deutschen NSDAP, an- gehören. Die holländische Regierung soll eine Protestnote an die deutsche Regierung vorbereiten. Nazi-Propaganda in Schweden Stockholm, 6. März. Wie die schwedischen Zeitungen berichten, hat sich ein ge- wisser Herr Malte Welin, der sich„Vortragsprosessor für skandinavische Literatur an der Universität Berlin" betitelte, dieser Tage schleunigst aus dem Staub gemacht, da man ihn wegen betrügerischen Konkurses festhalten wollte. Der Herr war Verleger mehrerer Zeitungen, die sich hauptsächlich mit nationalsozialistischer Propaganda befaßten. Entmannung Trotz gegenteiligen Sachverständigengutachtens Kassel, 8. März. Die Kasseler Strafkammer hat in einer Cnl'cheidung die Voraussetzungen für die Anordnung einer Entmannung als gegeben angesehen, obgleich sich der Sachverständige gegen die K a st r a t i o n aussprach. Ge- gen einen«2jährigen Manu, der zur Zeit seine dritte Strafe wegen Erregung öffentlichen Aergernisses verbüßt hatte die Staatsanwaltschaft den Antrag aus Ent- mannung gestellt. Ein vom Gericht zugezogener Tachver- ständiger sprach sich indessen nur für die Anordnung der Sicherungsverwahrung aus, da eS sich bei dem Angeklagten n i ch t um einen von krankhaftem Hang be- fallenen Menschen, sondern nur um einen moralisch minder- wertigen Mann handele, dem ethische Vorstellungen und Hemmungen fehlten. Entgegen dem Gutachten deS Sachverständigen gelangte das Gericht doch zur An- ordnung der Entmannung, da nach seiner Ueberzeugung dem gemeingefährlichen Treiben des Angeklagten auf andere Weise kein Ziel gesetzt werden könne. Darres„negehof" Und das kritische Fräulein Doktor Die Geheime Staatspolizei verhaftete in Halle ein F r ä u» lein Dr. Kisker wegen Verächtlichmachung- deS Reichs- Ministers Darre. Sie sandte, wie der„RWD." des Deut- schen Nachrichtenbüros meldet, dem Kreisleiter der NSDAP. Bieleleld-Land einen anonymen Brief, der sich in herabsetzen- der Form gegen einen vom Kreisleiter gehaltenen Vor- trag über den Hegehosgedanken des Reichsmini- sters Darre gewandt habe. Polizeibeamte verhaftet (Jitt)re&.) Der Polizeikommissar von Lengen und der boltzeimeister Kunzmann, beide aus Leer in Ostfriesland, wurden fristlos entlassen und verhaftet, weil sie verschwiegen hatten, daß sie früher einmal Mitglieder der SPD aewelen waren.' u' Deutsche Freiheit" Nr. 57 ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Freitag, 9. März 1934 Eine Maschine macht Weltrevoliition Neue jirbeifssciiiacir Der Mähdrescher verdrängt Bauern und Landarbeiter Die Maschine, von der hier die Rede sein soll, muß nicht erst erfunden werden. Sie ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Im l aufe der Zeit wurde sie zu ihrer weitem,- stürzenden Bedeutung verbessert Und die Revolution, die sie verursacht hat, ist keine Prophezeiung, keine Drohung. Etwa vierzig Millionen Arbeiter, mit ihren Angehörigen 100 Millionen Menschen, erleben diesen Umsturz schmerzlich in der Not der Arbeitslosigkeit. Wir alle erleben sie in den wirtschaftlichen und politischen Erschütterungen dieser Zeit. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, sei es deutlich gesagt: Es soll hier nicht behauptet werden, daß nur diese eine Maschine die Weltkrise verursacht hat. Der Krieg hat die wirtschaftlichen und psychologischen Voraus- segungen für die Weltkrise geschaffen. Tausende Maschinen und Erfindungen haben die Krise so gesteigert, daß sie mit den bisher angewandten Mitteln nicht beseitigt werden kann, aber diese eine Maschine hat die Lawine der Krise ins Rollen gebracht, sie hat die ersten Millionen Arbeitslose von der Arbeit freigesetzt, und nur in diesem Sinne ist sie die Ursache der Weltkrise. Eine Maschine— 280 Arbeiter Die Maschine, die als erste und mehr als jede andere Massenarbeitslosigkeit erzeugt hat, ist der Mähdrescher. Fast alle Einzelheiten dieser Maschine waren, wie gesagt, schon seit Jahren bekannt. Aber erst als der künstliche Dünger und der Motorschlepper, der Traktor, erfunden waren, bekam die Maschine ihre heutige Gestalt. Der Mähdrescher ist eine Maschine, die das Getreide mäht und zugleich drischt und in Säcke füllt. Dieser Mähdrescher braucht etwa 16—18 Mann für seine Bedienung und für die Ergänzung seiner Arbeit. Für die Arbeitsleistung eines Mähdreschers wären jedoch 200 bis 300 Arbeiter erforderlich. Diese Maschine allein hat es möglich gemacht, aus ungeheuren Länderstrecken, die noch vor zehn Jahren unfruchtbarer Steppenboden waren, Getreidefelder von gewaltiger Ausdehnung zu machen. Unübersehbare Oedflächen in Kanada und Nordamerika, in Argentinien und Australien, in Afrika und Rußland hat der Mähdrescher in Getreide- fabrikeu verwandelt. Der amerikanische Kontinent und Australien haben in der Vorkriegszeit etwa 14 Millionen Tonnen Getreide erzeugt. Im Jahre 1932 war der Ertrag dieser Gebiete auf mehr als 35 Millionen gestiegen. Schon im Jahre 1929. als die Krise begann, waren durch die Mähdrescher 8.5 Millionen Arbeiter überflüssig geworden. Damals arbeiteten in der Vereinigten Staaten allein 37 0Q0 Mähdrescher. Ihre Zahl stieg in den folgenden Jahren auf mehr als 50 000. Jeder macht durchschnittlich 280 Arbeiter überflüssig. Der europäische Bauer im Kampf gegen die Maschine In demselben Ausmaß, in dem in überseeische» Ländern die Verwendung der Mähdrescher stieg, wuchs in Europa die Krise nnd die Not der Landwirtschaft. Der kleine und der mittlere Landwirt mag mit seinen Angehörigen und mit seinen Hilfskräften noch so schwer und noch so lang arbeiten, gegen die überseeischen Getreidefabriken kommt er nicht mehr auf. Die Zölle mögen noch so hoch hinaufklettern. sie mögen zu den Absperrungsmaßuahmen führen, die jetzt das Wirtschaftsleben der ganzen Welt behindern, der Mähdrescher überrennt mit der Zeit auch die höchsten Gehalfshflrznngen bleiben! Berlin, 6. März. Im Rahmen eines Gesetzes, das sich mit Angelegenheiten des Haushalts und der Wirtschaft befaßt, wird, wie der Reichsfinanzminister in einem Erlaß mitteilt, auch die Geltungsdauer der drei Gehaltskürzungs- Verordnungen über den 31. März 1934 hinaus verlängert werden. Der Minister hat daher gebeten, bei der Berechnung der im Monat April 1934 auszuzahlenden Dienstbezüge usw. davon auszugehen, daß die zur Zeit geltenden Gehaltskürzungen auch für den Monat April 1934 in Kraft bleiben. Das Steuergeheimnis Jeder Vorstoß gegen das Steuergeheimnis wird bestraft In einigen Blättern des Westens ist eine Notiz erschienen, in der ausgeführt ist,„daß infolge der Intensität der NSDAP, mit dem nationalsozialistischen Staat ein Steuergeheimnis gegenüber den Dienststellen der Partei nicht existiere". Das Reichsfinanzministerium teilt dazu mit: Das Steuergeheimnis ist durch die Reichsabgabenordnung ge wähl leistet. Es wird auch hei einer etwaigen Abänderung der Reichsabgahenordnung bestehen bleiben. Das Steuergeheimnis gilt nicht nur gegenüber Privatpersonen, sondern auch gegenüber Behörden und anderen öffent- lichen Körpers ch aften. infolgedessen auch gegenüber den Dienststellen der NSDAP. Ausnahmen sind dem geltenden Recht gemäß nur zuzulassen, wenn ein zwingendes Interesse vorliegt. Ein zwingendes öffentliches Interesse ist nur in ganz besonderen Ausnahmefällen gegeben, so zum Bei spiel bei der Durchführung von gerichtlichen Strafverfahren. Et Ist hei einem Finanzamt verlangt worden, Auskunft dar ül.• zu ertei' u. in welcher Höhe sich bestimmte Personen an der freiwilligen Spende zur Förderung der nationalen Arbeit und au der Winterhilfe und anderen Spenden beteiligt haben. Alle diese Spenden beruhen auf Freiwilligkeit. Diese F'ejwtlüikelt darf durch unmittelbaren oder mittelbarer 7 zng in keiner Weise beeinträchtigt werden. Es darf in felgedessep auch die erbetene Auskunft über die Höhe dei geleisteten Spenden durch das Finanzamt n i ch t erteilt Zollschranken. Obwohl Millionen Menschen hungern, bemühen sich die Wirtschaftsführer seit Jahren, den Anbau von Getreide zu vermindern. Aber der unverkäufliche Ueberschuß der Weltgetreideernte stieg von Jahr zu Jahr. In großen Getreidegebirten, in Kanada und Argentinien, wurde Getreide in Lokomotiven verheizt oder ins Meer geschüttet. Auch Deutschland läßt schon seit Jahren mit Edel- getreide Schweine füttern, aber die Weltmarktpreise für Getreide sinken. Nicht nur in Europa leidet die Landwirtschaft. Auch aus den Vereinigten Staaten wird immer wieder von Farmerrevolten berichtet. Auch die Farmer werden von den großen Getreidefabriken, die mit Mähdreschern arbeiten können, verdrängt. Es ist in den Vereinigten Staaten von Nordamerika schon vielfach vorgekommen, daß Farmer ihren Grund und Boden einfach verlassen haben und in die Stadt gezogen sind, weil der Ackerboden durch die Konkurrenz der Getreidefabriken wertlos geworden ist. Wie wird das erst werden, wenn die russischen Getreidefabriken ihre Ueberschüsse auf den Weltmarkt schicken, was schon im kommenden Herbst der Fall sein wird? Wie die Weltkrise begann Die Not des kleinen und mittleren Bauern machte auch den Industriearbeiter arbeitslos Wenn der Bauer nichts kaufen kann, muß die Fabrik teilweise stillgelegt werden. Schon zu Beginn der Krise waren in den Vereinigten Staaten weit mehr als acht Millionen Arbeiter vom Mähdrescher verdrängt. Es waren in der Hauptsache gut bezahlte Erntearbeiter, die im Sommer ein Schönes Stuck Geld verdienten, das sie im Winter in den Städten verzehren konnten Mit der wachsenden Arbeitslosigkeit sank der Konsum, auch der Konsum an Brotgetreide. Die Krise der Landwirtschaft hat die Industriekrise erzeugt und die Industriekrise bat die Krise der Landwirtschaft verschärft. In dieser V echäelwirkung gebt es seither immer weiter. Was mit dem Weizen begann, setzte sich mit den anderen Massengütern des Weltverkehrs fort. Zucker und Kaffee, Baumwolle und Jute, Kautschuk und Steinkohle, Kupfer und Stahl, Oel und Holz lagern in vielen Millionen Tonnen unverkäuflich am Weltmarkt. Die Menschheit geht an dem mit Hilfe der Technik erzeugten Ueberfluß zugrunde, wenn nicht bald eine aridere Wirtschaftsordnung die Produktion regelt und den scheinbaren Ueberfluß dazu verwendet, hunderte Millionen notleidende Menschen mit Nahrung, Wohnung und Lebensbedarf zu versorgen. Von wirklicher Ueberproduktion kann natürlich nicht gesprochen werden, solange es vierzig Millionen Arbeitslose gibt und solange noch viele hunderte Millionen Menschen, die in Indien und China in Erdlöchern wohnen und von einer Handvoll Reis täglich leben. Der Mensch und die Technik Eine Maschine bat die Weltkrise ausgelöst. Aber diese Maschine könnte bewirken, daß unzählige Millionen Menschen vom schwersten und härtesten Arbeitsdruck befreit werden. Heute hat die Maschine den Zweck, Gewinn zu erzeugen. Wenn man die Technik von dieser Aufgabe befreit und ihr dafür die Aufgabe stellt, ohne Rücksicht auf Ge- winnintercssen mit dem geringsten Energieverbrauch alles zu erzeugen, was wirklich gebraucht wird; wenn die Arbeitszeit allgemein herabgesetzt und die Kaufkraft der Massen wieder hergestellt wird, ist die Krise überwunden. Die Menschheit kann von der Technik aus ihrer heutigen Not befreit werden, aber zuerst muß sie die Technik von dem Druck der Gewinnrechnung des Unternehmens befreien, der heute auf ihr lastet. werden. Jeder Finanzbeamte, der ohne zwingendes, öffentliches Interesse irgendwelche Auskunft über die Angelegenheit bestimmter Personen erteilen würde, würde gegen ein ausdrückliches dienstliches Verbot verstoßen und sich der Gefahr eines Dienststrafverfahrens aussetzen. USA. Sturz der Einkommen Ein deutliches Bild von der Schwere der Wirtschaftsdepression bieten die neuesten amtlichen Statistiken über die Einkommensverschiebungen seit dem Jahre 1929. Während in diesem letzten„Prosperitätsjahr" das Einkommen der amerikanischen Bevölkerung noch 83 Milliarden Dollar betrug, fiel es im Jahre 1930 auf 70,5 Milliarden Dollar, 1931 auf 54,7 Milliarden Dollar und iin Jahre 1932 auf 38,3 Milliarden Dollar. Das Jahr 1933 zeigt zwar einen scheinbaren leichten Anstieg auf 39,8 Milliarden Dollar; da abep in der zweiten Hälfte des Jahres schon die Dollarentwertung in geringem Maße fühlbar wurde, liegt das Volkseinkommen von 193.3 seinem wirklichen Werte nach noch unter dem des Vorjahres Während 1929 auf den einzelnen Amerikaner ein Durchschnittseinkommen von 638 Dollar entfiel, betrug dieses im Jahre 1933 nur noch 316 Dollar. Keine Abwertung de» Schweizer Franken dnli Bei n. 3 März. Im Rahmen eines Vortrages über die Möglichkeiten und Grenzen der schweizerischen Wirtschaftspolitik lehnte Bundesrat S ch u I t h e ß, der Leiter des Eidgenössischen Wirtschaftsdepartements, eine Abwertung des Franken als verhängnisvoll entschieden ab und befürwortete eine systematische Anpassung der schweizerischen Wirtschaftspolitik an die Weltwirtschaft, was für das Inland einen gewissen Abbau der Löhne und Preiae bedinge. Schultheß appellierte an die Zusammenarbeit des ganzen Volkes zur Ueberwindung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die unter der bisherigen Staatsform erfolgen solle. Abonnier I die„Deutsdie Freiheit Beginn£1. März Berlin, 7. März. Auf Einladung des Reichsministers Dr. Göbbels fand im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda eine Besprechung über die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im Frühjahr und Sommer d. J. statt, an der die Führer der deutschen Industrie, des Handels und des Handwerks teilnahmen. Am 21. März sollen in allen Teilen des Reiches große neue Arbeitsvorhaben der öffentlichen Hand in Angriff genommen oder bereits begonnene in ihrer Durchführung gesteigert werden. Die Privatwirtschaft wird an diesem Tage die Zahlen der voraussichtlich neu einzustellenden Arbeitskräfte bekanntgeben. Der Führer selbst wird von einer der Baustellen der Reichsa u tobahnen eine Rede halten die auf alle deutschen Sender übertragen werden wird. Reidislflgner Dr. Göbbels Auch die Reichspost widerlegt ihn In Leipzig soll jetzt die„Messe des deutschen Wiederaufstiegs" bluffen. Der Reichslügenminister Dr. Göbbels verkündete zur Eröffnung: In diesem Sinne und aus solchem Geiste heraus sind Regierung und Wirtschaft an die Arbeit gegangen. Der Erfolg, der gezeitigt wurde, ist der beste Beweis für die Richtigkeit der Methoden, die dabei zur Anwendung kamen. Wie der„Erfolg" aussieht, berichtet soeben die deutsche Reichspost: Die Gesamteinnahmen der Deutschen Reichs- post fielen im Kalenderjahr 1933 auf 1681(i. V. h33) Millionen Mark, looi'on 1619(1696) Millionen Mark Betriebseinnahmen waren. Dem standen gegenüber Gesamtausgaben in Höhe von 1698(1717) Millionen Mark, einschließlich 232(242) Millionen Marli Ablieferungen an das Reich. Unter Berücksichtigung dieses Postens errechnet sich hiernach ein Fehlbetrag von 17,5 Millionen Mark anstatt eines Ueber- Schusses von 16,2 Millionen Mark im Vorjahre. So wird..Kontanktor" gemadif Festanzüge auf Stottern Die Stadtverwaltung von Düsseldorf hat eine Maßnahm® getroffen um ihren Arbeitern und Angestellten die Beschaffung des Festanzuges der Deutschen Arbeitsfront zu erleichtern. In allen städtischen Aemtern, Dienststellen und Betrieben werden Bestellisten aufgelegt. Die Stadtverwaltung hat die Vorfinanzierung der Aufträge übernommen. Die von ihr vorgelegten Beträge werden in klein e n Raten vom Gebale oder vom Lohn eingehalten. Die„r Aufträge werden gesammelt und geschlossen an die Düsseldorfer Schneiderinnung, die von der Deutschen Arbeitsfront mit der Durchführung der Aufgabe betraut ist, weitergegeben. Die Stadtverwaltung beschäftigt rund 3000 Arbeiter und 700 Angestellte. Rechnet man für den Festanzug einen Durchschnittspreis von 96 Mark, so ergibt sich bei 3000 Bestellungen ein Kapitalbedarf von 165 000 Mark, der restlos dem Düsseldorfer Schneiderband werk zugute kommt. Die erste Auswirkung dieser Maßnahme ist. daß die 150 Schneider, die zur Zeit noch vom W ohlfahrlsaiut unterstützt werden, wieder Arbeit finden. Verhehrsrfidigang In Berlin (ITF.) Auf den Berliner Nahverkehrsmitteln wurden im Jahre 1933 1 100,7 Mi». Fahrgäste befördert gegen 1 146,3 Mi», im Jahre 1932; der Rückgang beträgt demnach rund 4 Prozent. An dem Gesamtverkehr sind die einzelnen Verkehrsmittel wie folgt beteiligt: 1933 Prozent 1932 Prozent Straßenbahn,» 473,2(4.3,0) 481,2 Omnibus.... 96,7(8,8) 99,6(8,. Untergrundbahn. 185.6(16,9) 204,0(17,8) Reichsbahn... 345,2(31,3) 361,5(31,5) 1 100,7(100) 1 146,3(100) Der Verkehr der Berliner Verkehrs-Gesellschaft zeigt gegen 1932 einen Rückgang von 3.7 Prozent, im Vorjahre betrug er gegen 1931 10,9 Prozent. Wenn der Verkehr 1933 weniger rückläufig als im Vorjahre ist, so bat dies seine Ursache hauptsächlich in der am 1. September 1933 erfolgten Einführung eines Kurzstreckentarifes. In den ersten 8 Monaten(Januar bis August 1933) macht der Rückgang im Vergleich zum gleichen Zeitraum i. J. 1932 7,4 Prozent aus. Der eiserne Vorhang Alles Ungünstige verschweigen!! (Inpreß.) Der neue bayerische Wirtschaftsminister Esser läßt im„Völkischen Beobachter" eine Erklärung veröffentlichen, die eine sehr bemerkenswerte Stelle enthält.„Es sei." sagt Esser,„ein dringendes Erfordernis, daß die politische Propaganda und die Einstellung zum Wirtschaftsleben, wie sie sich in der Presse widerspiegeln, so gehalten werden, daß sie sich nicht gegen uns selbst richten, indem man dem Ausland Gelegenheit gibt zur Ausschlachtung der Presseäußerungen zu unserem Nachteil. Leider bestünde Anlaß, einen Teil der bayerischen Presse auf diese ihre Unvorsichtigkeit aufmerksam zu machen." Rückgang im Ruhrkohlen-Absatz Beim Rheinisch Westfälischen Kohlensyndikat hat der Absatz im F e b r u a t einen Rückgang erfahren. Der Gesamt- absatz des Monats»teilte sich auf arbeitstäglich 185 000 (Vormonat 203 000) Tonnen. In das unbestrittene Gebiet gingen 92 000(99 000) Tonnen, in das bestrittene 93 000(104000) Tonnen Die Lagerbestände auf den Zechen sind unverändert geblieben. Republik oder liperimentierfeid? Von laden Romler Der folgende Aufsog des bedeutenden französischen Publizisten untersucht mit außerordentlichem Ernst die Krise der französischen Demokratie Wir geben diese Ausführungen wieder, weil sie über die gefährdete Situation der Demokratie auch in anderen Ländern Wesentliches sagen. Romier zeigt keine Lösung und was ihm vorzuschweben scheint, sieht mehr nach provisorischer Pseudolösung aus. Aber unübertrefflich sieht er die entscheidende Gefahr der Demokratie: aus Ziellosigkeit gegenstandslos zu werden. Man kann über die Geschtchtsurteile von Charles Sc:g- nodos streiten, sagte mir ein Mitbürger. Aber niemand wird bezweifeln, daß er die Tatsachen der Geschichte weist,»nd dast kr ein„republikanischer" Historiker im strengsten Sinn des Wortes ist. Schenken Sie mir ein paar Sekunden Ausmerk- samkeit. Ich werde Ihnen zwei Sätze vorlesen, in denen Herr TcignoboS am Schiust seiner„Wahren Geschichte der fran- äösischen Nation" den Geist des republikanischen Regimes de- liniert... Ich horte folgendes:„Der persönliche und willkürliche Zwang, den die Mächligen dauernd übten, ist allmählich ver- ichwunden. Der Staat hat aufgehört auf die Gedanken und »as Privatleben seiner Untertanen einen Druck auszuüben." Ter Mitbürger fuhr fort: Aus diesen Ausführungen ergibt sich, daß entweder die Republik nicht das ist, was man uns versprochen hatte und was Herr Seignobos so meisterhaft definiert— oder aber wir befinden uns nicht mehr in einer Republik. Denn der Ttaat widmet sich offenbar mit Elfer seit einigen Iahren der Aufgabe, seine Machtmittel zu erweitern, um aus unser Den- kcn und unser Privatleben zu drücken. Pom staatlichen Koh- lcnbezug bis zur ZwangSvcrsicherung und vom Steuerfrage- bogen bis zum slaatStreuen Rundfunk, in tausend anderen offenen und verhüllten Formen des Drucks, immer handelt es sich nur darum, unser Denken und Tun unter Regeln zu zwingen, die wir uns nicht ausgesucht haben. Ich fragte den Bürger, wo er hinauswolle. Wir haben, antwortete er mir. die Republik entivedcr ge- wollt oder als das gegebene Regime anerkannt. DaS gegen- wältige Regime gleicht offenkundig der Definition nicht mehr. Wenn eS so steht— seien wir ehrlich gegen uns selbst. Fall? wir es für möglich und für das Bessere halten, sollten wir die wahre Idee der Republik wiederaufnehmen. Wenn uns aber dieser Rückweg versagt erscheint, dann sollten wir zugeben, dast wir mitten in der Tuche nach einem bis jetzt noch nicht definierten Regime sind. Im letzten Fall, hcistt es Ernst machen. Wir müssen den Mut haben, wieder frei und unbefangen zu urteilen und zu experimentieren. Dies Entweder-Oder macht die Unsicherheit deutlich, die viele französische Gemüter verwirrt. Tie meisten Franzosen nennen sich heute nachdrücklichst Republikaner, wobei sie diesem Wort die Bedeutung eines tastenden oder systematischen Streben? nach Veränderung beilegen. In unseren politischen Streitigkeiten und poli- tischen Gegensätzen überwiegt der Wunsch nach einem Wech- sei de» nach einem Festhalten an den einmal gewonnenen Prinzipien. Es ist paradox, aber die Parole„republikanische Verteidigung" wird nur noch von denen bcnlltzt, die den ganzen Staat umformen«vollen. Unsere Verfassung deckt in Wahrheit daher nicht mehr einen Staat, dessen Grundanschauungen und dessen Regeln für den Bürger feststehen, sondern ein Regime der Experi- mente und der Versuche. Dieses Staatswesen steht unter dein regellosen Druck der jeweiligen Notwendigkeiten, des Wahl- gcschästö und des Jnteressenstreitö. Eine rein experimentelle GeisteShaltung, was die poli- tischen Tatsachen im allgemeinen und die Formen des Regimes im besonder» angeht, ist vom Gesichtspunkt der Bcr- nunft wie dem der Praxis aus sehr wohl zu rechtfertigen, klebrigen» ist diese GeisteShaltung an sich nichts Neues. Tie bat, wenn auch nicht immer offen und ausdrücklich, zahlreiche Vertreter in der Vergangenheit, vor allem während der Renaissance und im 1#. Jahrhundert. Sie kann sich heute auf die Veränderlichkeit in der materiellen Seite unserer Zivili- sation berufen, die eine fortdauernde Revision der sozialen Einrichtungen und politischen Methoden mit sich bringt. Aber wenn man diese rein experimentelle Geisteshaltung in der Politik annimmt und noch mehr, wen» man in den Be- griff des Staate? selbst und in seine Beziehungen zum Bür- ger den Grundsatz des unbegrenzten Expcrimentiercns ein- führt, dann muß man wenigstens auch die Gefahren sehen. Vor allem besteht eine Gefahr,— und jeder Beobachter spürt sie heute,— das ist die des Schwindens des politischen Idealismus. Der politische Idealismus ist verschwunden, der Bürger gehorcht nur noch den Meinungen und den Inter- essen de? Augenblicks: er ist äußerlich oder innerlich bewegt, je nach den Umständen, aber er hat keine allgemeine Willens- meinung. Unter einer Erregung, die an der Oberfläche bleibt, wird er politisch passiv. Ein Regime, das kein anderes Prinzip mehr kennt, als das experimentierende Streben nach einem tatsächlich bc- ständig wechselnden Gleichgewicht, und ein Bürger ohne poli- tischen Glauben, der sich selbst in dieser Lage des Expertmen- tierens befindet— das bedeutet freie Bahn für alle Experi- mente. Wenn sich ein Regime in dieser Richtung entwickelt— mögen seine unmittelbaren Aussichten auch noch so beruhi- gcnd erscheine»—, dann sollten die, die von der Befreiung der Menschheit träumen, sich nur mit größter Vorsicht auf neue Wege wagen. Weit entfernt, die Menschheit zu befreien, würden sie nur sich selbst zu versklaven Gefahr laufen. Zieht man die Bilanz oer cseivlnuc und Verluste der De- mokratie der letzten 12 Jahre, vor allem in Europa, so er- kennt man, daß sie sehr ungeschickte Führer und Inspiratoren gehabt hat. Der Sieg der Nationen des Westens hatte der Demokratie unerhörte Chancen in der Welt gegeben. Tiefe Chancen sind heute nicht nur fast alle verloren, sondern die demokratische Ideologie ist von der Vorhut zur Nachhut des politischen Denkens geworden. Niemals hat eine Sache, die so zu triumphieren schien, in so kurzer Zeit eine solche Niederlage erlitten. Diejenigen, die sich als Vertreter dieser Sache seit dem Kriege ausgebe», haben keinen Grund, sich ihres Fleißes zu rühmen. Bevor sie das weiter tun, täten sie gut daran, einmal gründlich nachzudenken. t ES bleiben nur noch zwei Länder, in denen die Fahne der demokratischen Freiheit iveht: Frankreich und England. Diese' zwei Länder sind beinahe die letzten Zufluchtsstätten der Opfer einer intoleranten Politik. Wird die Borniertheit bcr Hetzer, früher oder später, soweit gehen, in Frankreich und in England einen Rückfall zn diktatorischen Methoden hervorzurufen?... Dann bliebe nur noch übrig, die Ge- schichte des vollständigen ganzen Verrats des Volkes durch seine angeblichen Verteidiger z» schreiben. Was ist nun daS, wirkliche Geheimnis der demokratischen Niederlagen seit 12 Jahren? Es liegt darin, daß die Links- Parteien, verleitet durch de» Hang zum demagogischen Ex- perimentiercn, alles dem Zufall anHeim gestellt haben, einschließlich des FrciheitSprinzlpS. Ist es erst mit der Freiheit vorbei, dann bleibt nur Autorität ober die Gewalt, also das Gegenteil der Demokratie. Für Frankreich ist das Problem beute ziemlich klar. Es muß eine Reform seiner politischen Einrichtungen vor- nehmen. Je länger eS diese Reform hinausschiebt, desto bru- taler wird sich diese Notwendigkeit eines Tages ergebe». Wirb sich die Reform im Endziel für oder gegen die Republik auswirken? DaS wirb einzig und allein von der Ach- tung oder der Indifferenz abhängen, die die Linksparteien den alten Prinzipien zollen, die den Erfolg der Republik herbeiführten. Hier steht voran die Gedanken- und die Bc- wegungSfrcihcit des Bürger?. Wenn die Parteien der Linken die These des reinen Ex- perimentiercns annehmen, deS unbegrenzten messiantschcn „Werdens", und wenn sie dabei zum brutalen Zwang ihre Zuflucht kehmen. dann ist die Republik verloren. Denn das Experiment wird bald nichts andere» sein als gewaltsamer Kamps. Und in ihm wird die Zahl, wie in allen Gewalt- kämpfen, der Anziehung einer Kraft erliegen, die außer und über ihr steht. AuS dem„Temps". Emigrantenzustrom abgeebbt Nach Mitteilungen der verschiedenen FlüchtlingSkomitccS ebbt bcr Zustrom auS Deutschland ab. In Prag selbst gibt eS nicht mehr als 800 bis 820 Flüchtling«, eine Zahl, die we- sentltch geringer ist als im Sommer 1888. Viele Emigranten sind nach Deutschland zurückgekehrt, viele sind nach anderen Ländern, besonder» nach Palästina und Frankreich, weiter- gereist.„Prager Mittag" bringt Beschwerden über Auswei- jungen von Emigranten und ungleiche behördliche Praxis vor und fordert Abhilfe. RasDiitln Impressionen von einem Sensationsprozeß Aon Id. R.(London). London, im März 1834. Liest man eines der welthistorischen Dramen unseres Jahr- Hunderts ln den nüchternen Werke» eines jener kühlen Ge- schichtschrcibcr nach, die Zusammenhänge suchen und logische Schlüsse ziehen wollen, kann man je nach Profession und Temperament das sogenannte„Interesse" an den Tag legen oder auch gähnen. Man muß schon besonders santasicbegabt sein, um das blntwarme Leben des geschichtlichen Gcscheh- nisses fühlen zu können, aber da? Empfinden der meisten Menschen ist stumpt geworden gegen die Flut jener gewal- tigen Ereignisse, die seit 20 Jahren— von 1914 bis 1984— ununterbrochen ans sie einstürmen. Aber plötzlich wird einmal durch irgend einen banalen Zufall der Staub von den Blättern der Geschichte hinweg- gefegt, eine Bühne ersteht, die Historie beginnt noch einmal lebendig zu werden, und ihre handelnden Personen sind noch einmal Akteure. Man sitzt im Parkett und sieht ein Spiel. Nein, gespielte, furchtbare Wirklichkeit.. Das, was wir in diesen Tagen wieder zu einem gespensti- gen Leben erwachen sahen, war eines der ergreifendsten und mächtigsten Trauerspiele unseres Jahrhunderts. ES trägt den Titel:„Rasputin". Am 28. November 1912 wurde da§ Vorspiel zu dieser Tra- gödie in Moskau von der Worubowa, der Hofdame und Ver- trauten der letzten Zarin, niedergeschrieben. Sic war dem Wundermönch verfallen, wie keine der zahllosen anderen. „Sein böker Geist" wurde sie genannt und war doch selbst eine Besessene. Ihre Tagebuchauszeichnung von jenem Tage ist sprunghast, zerhackt, erregt, wie alle private» Notizen, ausgeschrieben. „Wie entsetzlich. O. wie entsetzlich. Wer mag dieses Weib sein? Akilina(die Haushälterin und Vertraute Raiputins) sagt, daß die Unbekannte oft, besonders in den letzten Tagen, den Starez angeklingelt hätte. Und er hätte sich jedesmal lange mit ihr unterhalte». Einige Male hätte sie ihm in den Hörer vorgesungen, und er hätte sie gelobt. Und als Akilina den Starez nach ihr fragte, hätte er gesagt:„So, das ist so eine... Klingelt in cincmsort. sagt immer, sie will zu mir kommen und kommt doch nicht. Nun sagt sie, ich soll kommen.. Und als der Starez antwortete:„Ich komme" und fragte, „aber wohin denn?", wurde sie verwirrt und hängte an. Ter Starez fluchte und sagte„Dumme Gans". Akilina bat den Starez. er solle zu der Unbekannten nicht gehen, er solle nichts riskieren. Er aber lachte und sagte: „Ein tolles Frauenzimmer.... Redet auf einen ein. dann hingt sie an." Nach diesem Gespräch verging eine Woche. Ter Starez kam gerade von den„Inseln">wo die Vergnügungsrestau- rank« waren», ivar sehr ausgekratzt, wollte zu Mama fahren („Mama" nannte man am Hake die Zarin), besann sich aber und ging sich«in bißchen hinlegen. Plötzlich geht das Telefon. Er ging selber ran. flüsterte fröhlich hinein: „Werde da sein, sowohl, sawohl, jaivohl." Und nach ein paar Minuten fuhr er loS. Auf alle Frage» der Aktlina, wohin er denn wolle, sagt er nur:„So gib doch Ruh." Tie klingelt sofort Kommissarow an. Dieser war im Augenblick da. Geriet in große Ausregung. Macht« sich so- fort auf den Weg, die Spuren zu verfolgen. Mehr ol? drei Stunden vergingen in großer Unruhe. Alles war auf die Beine gestellt, Doch Kommissarow befahl man solle sa nur keinen Lärm schlagen. Schon um 11 Uhr Ger Starez war um 6 Uhr weggegangen) fuhr die Droschke tzor, und man trug den Starez auf Händen hinauf. Er lag ohnmächtig. Dann kam Doktor Badmajew, man hatte ihn sofort geholt. Nach einer Stunde kam der Starez zn sich. Doch der Tokcor brachte ihn zn Bett und verbot, auch nur das geringste auszufragen. Er machte sich mit ihm zn schaffen bis zum Morgen, und erst nach starkem Erbrechen sagte der Arzt, nun wäre sein Leben außer Gefahr. Als ich am nächsten Tage— ganz ln Tränen— um sein teures Leben gebetet hatte, erzählte er mir folgendes:„Seit mehr als einem Monat„intrigiert" irgend so eine seine Dame den Starez, und bald verspricht sie, zu ihm zu kom- inen, bald bittet sie ihn zn sich. Immerfort sagt sie:„Ich halt s nicht aus, ich muß Dich sehen, und ich fürchte Dich." Und das letzte Mal, da bat sie ihn zu kommen. Ihre Stimme war so angenehm uni^simpel, daß er hinfuhr. Er sagte aber niemand was zuvor. Er kam in die Wohnung— ja, nicht einmal eine Wohnung— einlach ein Zimmer. Auf der Stein-Insel. Alle? herrschaftlich, erzählt der Starez. Die Tür öffnete kein Diener, auch kein Stubenmädchen, sondern ein OssizierSbursche. Er nahm mir den Mantel ab. Tic Madame selber kam heraus, noch blutjung, fast ein junges Mädchen. Schönes Gesicüt. hinkte aber ein wenig. Begann zu sprechen- dieselbe Stimme. Führte ihn zu sich hinein. Bewirtung stand da. Man sah— sie kannte alles, was er gern hatte: seinen Wein, Torte». Kuchen, Birnen. Alles hochanständig. Tie begann zn schwatzen. Da klingelt das Telefon. Sie geht'ran. Er gießt sich Wein ein, trinkt ihn aus. ißt ein Stück Torte, nimmt Mj von dem Kuchen. Sie kommt zurück und wirft sich plötzlich vor den Starez aus die Knie:„Trink nicht.... Gift— Hab Dich vergiften wollen." Und selber bebt sie am ganzen Leibe. Murmelt noch etwas Unverständliches. Der Starez fühlt, wie ihm schwindlig wird, taumelt nach dem Vorzimmer, wo er niemanden antrifft, eilt hinaus— ohne Sn«— ohne Mantel. Glücklicherweise kommt gerade eine Droschke vorüber. Er sagt noch die Adresse und fällt in Ohnmacht. Am nächsten Abend stand in der„Abendzeitung" eine Notiz:„Die Gattin des Generalleutnants W. wurde tot auigesunden. Der Tod ersolgtc durch Bergiftung." Der Starez war erschüttert. Warum hat sie Selbstmord begangen? Hat sie plötzlich Angst bekommen vor der Ver- antwortung, oder war was Persönliches im Spiel? Ter Starez sagte:„Ich hätte keinen Finger gegen sie ge- rührt und auch nicht zugelassen, daß irgendwer ihr was antat. Sie sagte immerzu:„Ich Hab Dich, Grigori, töten wollen,»m die anderen alle zu retten. Aber wie ich Dich gesehen habe, da habe ich verstanden, daß man« nicht darf." Nun hat sie sich selber getötet Für die muß man bete»." Von dem. was dem Starez passiert war, wurde verboten zu sprechen. Die Verstorbene war ei» junges Institutsfräulein, das vor kurzem geheiratet hatte. Man sagte von ihr. daß sie iehr exaltiert war. Früher einmal wollte sie ins Kloster. Jctzc beschloß sie- wie erzählt wird, in den Tod zu gehen, um zugleich'Rußland von Starez zu befreien. Sie war unter den Einfluß eines Menschen geraten. Als sie Starez erblickte, konnte sie seiner Heiligkeit nicht widerstehen Die Szene wechselt. London— 19 Jahre später. Im März 1984. Kleiner Gerichtssaal, hölzerne Wandpaneele, imitierte Gotik. Ans seinem Thron sitzt der Gerichts- Vorsitzende Ernstes wächsernes Gesicht mit fast tetlnahms» losem Ausbruck. Au» dem Dunkel des Zuhörerraume» sieht man irgendwo Hände(rotgelackte Nägel— Juwelen) der Damen der Gesellschaft. Genaue Kontrolle der Eintretenden. Das Publikum: die letzten Mitglieder einer Dynastie, gegenüber die Streitkräfte einer großen Filmfirma. Aus der Anklagebank: ein Filmdirektor. Gutmütig aussehender Mann in den besten Jahren? rundes, rotes Gesicht. Tie Klägerin: Fürstin Jussupow, Gattin deS Mörders Rasp». tinS. Die Klägerin: schmal, schwarz, nervöses ängstliches Gesicht. Auf»er Zeugenbank: ihr Mann,»er Fürst, aristokratischer Offizier, schlank, leicht angegraut, sehr beherrscht. Gegenstand der Verhandlung: In einem Film„Rasputin", den die beklagte Gesellschaft herausbringe» will, gibt es eine Figur: Prinzessin Natascha. Sic Ist die Geliebte Raspn- tin». Hinter diesem Name» erkennt man unschwer die Ge- statt der Fürstin Jussupow. Nie hat— so sagte sie— irgend- eine Beziehung zwischen ihr und dem Mönch bestanden. Sie fühlt sich tief in ihrer Frauenehre verletzt, wünscht, vom Gericht rehabilitiert zu werden und ein Verbot des Films. Das Spiel beginnt: Sir Patrick Hosting», Anwalt der Fürstin, steht auf nud sagt:„Gestatten Sic, Herr Vorsitzender, daß ich a» den Zeugen Fürst Jussupow einige Fragen stelle?" Vorsitzender:„Bitte."— Sir Patrick:„Fürst Jussupow. Tie lebten damals in Ihrem Palais am Itfcr der Moika?" — Jussupow:„Ja."— Sir Patrick:„Im Jahre 191« haben Sie es so einzurichten gewußt, daß Sic die Bekanntschaft RasputlnS machten?"- Jussupow:„Ja."— Sir Patrick: „Hat Ihnen Rasputtn einige seiner Geheimpläne eröffnet?" — Jussupow:„Ja."— Sir Patrick:„Hat er Ihnen gegen- über auch davon gesprochen, daß es in seiner Macht stehe, den Zareivitsch zu heilen?"— Jussupow:„Ja."— Sir Patrick:„Hat Rasputin Ihnen eine Begründung für sein Zusammengehen mit Deutschland gegeben»nd Aufschluß über seine Tätigkeit für Deutschland in Rußland?"- Jussupow:„Ja."- Sir Patrick:„Zielte diese Tätigkeit aus eine Absetzung des Zaren hin und eine Ergreifung der ganzen Macht durch Rafputin?"- Jussupow:„Ja."- Sir Patrick:„Haben Tie deswegen den Entschluß gefaßt, daß Rasputin sterben müsse?"— Jussupow:„Ja. weil er eine Gelahr für mein Vaterland war."— Sir Patrick:„Folgte Rasputin in der Nacht zum 1«. Dezember Ihrer Einladung ins Palais Moika?"— Jussupow:„Ja."— Sir Patrick: „Hierfür haben Sie sich von einem Arzt das Gift beschafft, mit dem Ziel, Rasputtn zu ermorden?"— Jussupow:„Ja." — Sir Patrick:„Wie sollte ihm das Gift beigebracht wer den?"— Jussupow:„In Kuchen und Wein."- Sir Patrick: „A)o trafen Tie sich in Ihrem Palais mit Rasputin?"— Jussupow:„Unten, in den Vorratsränmen, im Keller.— Patrick:„Zu dieser Stunde war Musik im Palais, wo?" ~~ ilunupow:„In meinem Privatsaton."— Sir Patrick: „Der befindet sich gerade über dem Vorratsgewölbe?"— Jussupow:„Ja."— Sir Patrick:„Wen traf Rasputin zu- nächst im Keller?"- Jussupow:„Mich."- Sir Patrick: „Auch jemanden anders?"-- Iusinpow:„Nein."— Sir Patrick!„Wer bot Ihm Wein und Kuchen an?"— Jussupow: „Ich."— Sir Patrick:„War die Dosis Gift nach Aussagen des Arztes ausreichend, um einen oder mehrere Menschen z» töten?"- Jussupow:„Mehrere."— Sir Patrick: „Schien das Gift irgendeine Wirkung auf ihn auszuüben?" — Jussupow:„Zunächst nicht, später sa."— Sir Patrick: .^Schien es ihn schwer anzugreifen?"— Jussupow:„Ja."— Sir Patrick:„Als er noch nicht gleich starb, haben Sie mit einem Revolver nachgeholfen, von wem hatten Sie ihn?" -Jussupow:„Vom Großfürsten Dlmitri."- Sir Patrick: „Wo war der?"— Jussupow:„In meinem Salon."— Sir Patrick:„Was, Sie find wieder hinuntergegangen, um ic- wanden zu töten?"- Jussupow:„Ja. Rasputin."- Sir Patrick: ,,®chjen er dann tot zu sein?"— Jussupow:„Ja." —®ir Patrick:„Später schien wieder Leben in ihm zu [ ei"?^7 Jussupow:„Ja. später."— Sir Patrick:„Was haben®,e dagegen getan?"— Jussupow:„Pürjskewitsch hat dreimal auf lhn geschossen."— Sir Patrick:„Das war wohl m~ Jussupow:„Rein, noch nicht."— Sir Patrick' „Was haben Sie also gemacht?"— Jussupow:„Ich habe ^>ukn Spazlerstock benutzt, der Blei enthielt."— Sir Patrick: „Wurde der Körper de» Ermordeten nachher von Ihren drei Freunden und zwei anderen Männern fortgetragen und in» Wasser geworfen?"— Jussupow:„Ja." Der Vorhang fällt„nd der Prozeß geht weiter..... Deutsche stimmen•(Beilage zur.Deutschen Freiheit'« Iveignisse und Qesdkidkten WWW »TOHr •Hill..;: Freitag, den S. Mflrz 1934 Die Äedcohte Ufacce Von Jkuno J&candy Mein Freund ist Rechtsanwalt, Hunderte Leute aller Stände mit allen möglichen Schmerzen kommen zu ihm— und so erfuhr ich die Geschichte jener sanften, gutbürgerlichen Schwiegermutter, in der ein schweres Verbrechen keimte.„Niemand ahnte, was in ihr vorging," erzählte der Rechtsanwalt,„denn sie war rund, behäbig und'etwas spießig, niemand hätte ihr einen verbrecherischen Gedanken auch nur zugetraut, aber die Sache mit ihrem Schwiegersohn warf sie einfach aus dem Gleise- Dieser Schwiegersohn war ein höherer deutscher Justizbeamter— sagen wir Amtsrichter—, und das machte die kleine Tragödie so brenzlig, denn als Mann der sogenannten Gerechtigkeit muß er auch über falsche Eide urteilen. Was besonders kritisch ist, wenn man selbst unter diesen Para- graf fallen könnte. Aber das ahnte dieser Richter nicht. Er hatte die eidesstattliche Versicherung, daß seine Ahnenreihe und die seiner Frau arisch seien, in gutem Glauben abgegeben. Lediglich die Schwiegermutter, Frau... nun sagen wir Frau Renate, wußte Bescheid. Das bißchen „Rassenschande" lag weit zurück: die Großmutter der Frau Amtsrichter hatte eine jüdische Mutter. Wer wußte das? Nicht einmal die Frau Amtsrichter, mit deren blondem, blauäugigem, urgermanischem Typus der Gatte in Kollegenkreisen gern protzte. Frau Renate schwieg wie das Grab und bis dahin an ihr unbekannte Energiefalten gruben sich rechts und links der Mundwinkel ins Gesicht. Warum sollte sie den beiden eine momentan unangenehme, historische Wahrheit sagen? Schweigen ist Gold. Frau Renate schlief sogar nach Tisch ihre halbe Stunde so fest wie ehedem, als Deutschland noch zu den zivilisierten Staaten gehörte. Bis dann das eintrat, was uns bei Strindberg immer so geparkt hat— weißt du, wenn plötzlich der Bösewicht seinen Schatten durchs Fenster warf. Es klopfte an Renates Tür und herein trat Eduard, ein brünetter, etwas wurmstichiger Cousin. Seit einem Jahrzehnt hatte man nichts mehr von ihm gehört. Nun saß er pomadig hinterm Kaffeetisch, sprach von den schlechten Zeiten und so nebenbei mit öliger Stimme auch vom Arierparagrafen und daß doch auch der Amtsrichter habe unterschreiben müssen. Dabei sah er mit unschuldigem Blick zu Renate herüber. Sie stand auf, ging zum Kanarienvogel, steckte ihm Biskuit zwischen die Stäbe und sammelte sich... Was wußte er nun eigentlich? Das Gespräch glitt weiter, und kurz vorm Abschied stellte sich heraus, daß Eduard etwas Bargeld brauchte. Nicht viel, aber immerhin... Renate gab. Man wußte ja nicht, was der Mann wußte. Seit diesem Tage war es mit Renates Ruhe vorbei. Nach einigen V ochen fand sich der Cousin abermals ein— und brauchte wieder Geld. Und so in immer kürzeren Zwischenräumen. Renate gab zweimal, gab dreimal. Ihre Angst wuchs, Man konstatiert mit Betroffenheit: Allgemeine Besoffenheit! ihr Geld nahm ab. In schlaflosen Nächten wälzte sie sich bin und her, sann und sann, wie sie ihre Kinder retten könnte. In Halbträumen erlebte sie Katastrophen: der Schwiegersohn wegen Betrugs vor Gericht, die Ehe geschieden, die Tochter weinend, flüchtend, tot. Die runde Renate magerte ab, dachte an Selbstmord— aber wem sollte das nützen? Der Erpresser würde sich an die Tochter heranpirschen. Nein, etwas anderes mußte geschehen! Das innere Fieber trieb sie in ihren Geburtsort. Dort umkreiste sie die Pfarre, denn hier lag das Buch, in dem alles schwarz auf weiß stand. Vielleicht existierte es gar nicht mehr... oder reichte nicht mehr so weit zurück? Eine Verzweifelte klammerte sich an einen Strohhalm. Sie ging hinauf, ließ sich das Buch zeigen, der Pfarrer war nett, höflich, diskret— aber der verräterische Vermerk verschwamm im Buche vor ihren Blicken... Eine Woche blieb sie in ihrem Heimatort, der ihr immer feindlicher und unheimlicher erschien. Hier lauerte die ewige Gefahr, hier mußte etwas geschehen das unselige Buch mußte weg. In diesen Tagen waren die Zeitungen voll vom Reichstagsbrandprozeß. Da wurde es Renate zur fixen Idee: die Pfarre mußte brennen. Eine dunkle Nacht abwarten— Benzin an alle Ecken— im Parterre lag der Amtsraum mit dem Kirchenbuch— Benzin durchs Fenster gießen— im Nu war alles weg... Aber vorher mußte sie noch einmal zurück in den Wohnort, das Ueld ging ihr aus, und man hatte sie hier in der alten Heimat zu lange gesehen. Unbeachtet nachts eine Station vorher aussteigen... so mußte sie wieder hierher gelangen und ans Werk gehen... Sie reiste zu ihrer Tochter und das war ihr Glück. Denn dort erfuhr sie, daß vor einigen Tagen ein Verwandter gestorben sei: ihr Cousin. Grippe. Einer jener heftigen Fälle, die in drei Tagen mit dem Tode ausgehen. Die Tochter konnte das nervös-heitere Gesicht der Mutter nicht verstehen, und sie konnte es ihr nicht erklären. So witzig ist das Leben im„dritten Reich", nicht wahr, mein Lieber?! Und dann kam sie zu mir. Wir kannten uns von Kindheit her. Sie kam, weil sie mit der Sache nicht fertig wurde. Es bleibt eine meiner schwierigsten Beratungen, und eigentlich war der Arzt zuständig, denn manches klang schon wie Verfolgungswahn. Eine längere Erholungsreise ins Ausland— das war der vorläufige Schluß. Der Amtsrichter aber gehört zu den führenden Rassejuristen seines Nestes. Käme ein Falscheid in Sachen Arierparagraf vor seinen Tisch— der Mann würde unnachsichtlich richten. Denn Ordnung im Stammbaum muß sein und Rasse bleibt Rasse. Urahn bleibt Urahn. Mit Juden will er nichts sff Sil' Pißt i> zu tun haben. Und da er zu den Dunklen gehört, ist er um(flOCSCnK« so stolzer auf das blonde, unverkennbare Ariertum seiner Frau. Deshalb hat er sie ja geheiratet, nicht wahr?" Aus dem neudeutschen Jxcenhaus 0 Vaterland, dein Heil• und Führerfimmel, Dein Brei von Dummheit, Rassenquatsch und Bluff, Gemischt mit echtem, altem Spießermuff, Kurzum, dein„drittes Reich", es stinkt zum Himmel, Des Deutschen Hirn ist hoffnungslos verkleistert;. Er lebt und stirbt noch im Paradesekritt, Und jeder kleine Bürger grölt begeistert. Wenn ihm ein Nazi in den Hintern tritt. Die deutschen Frauen weinen Freudentränen Auf jede Lebensmittelteuerung Zwecks arisch-völkischer Erneuerung.— Bei Brüning rasten sie noch wie Hyänen. Wer einst von Frieden nur zu lispeln wagte. Der wurde als Verräter fast gekillt, Indes der Jubel heut' zum Sturm anschwillt, Wenn Hitler sagt, was Stresemann schon sagte. Die Jugend aber kann es kaum erwarten. Daß sie der Osaf auf die Schlachtbank führt, Derart ist sie vom Massengrab gerührt Und von den künft'gen Invalidenkarten. Horatio Spacsamec qcatuCieeen Der Lebensabschnitt, der„sich darstellt" Der Stellvertreter des Führers übergibt den nationalsozialistischen Gauleitungen folgende Erklärung:„Im Hinblick auf die große Zahl verdienter Nationalsozialisten, führender Männer des Staates und bedeutender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, deren ich anläßlich von Geburtstagen entsprechend gedenken müßte, ist es m i r n i c h t möglich, offiziell meine an sich selbstverständlichen Glückwünsche regelmäßig telegrafisch oder schriftlich zum Ausdruck zu bringen. Um daraus sich etwa ergebenden falschen Auffassungen vorzubeugen, gebe ich daher bekannt, daß ich Geburtstags wünsche grundsätzlich nur dann übermittle, wenn in dem Geburtstag ein wesentlicher Lebensabschnitt sich darstellt. Ich bitte allerseits, mir gegenüber nach dem gleichen Grundsatz zu verfahren." e Also Rudolf Heß. In jedem Betracht ein Stellvertreter. Sogar im Respekt vor der deutschen Sprache. Wer zu schreiben wagt:„Wenn in dem Geburtstag ein wesentlicher Lebensabschnitt sich darstellt"..., der muß Hitlers„Mein Kampf" mit besonders großem Erfolg gelesen haben. cKü&en und dcii&en „Die THagaoiimstca(ie" von£ouis Qotdinq h Englische Provinzstadt nicht weit von London: Das Schicksal einer Straße vor dem Krieg, im Krieg und 1930. Aber was für eine Straße! Auf einer Seite wohnen im dichten Beieinander die Christen, auf der andern die Juden. Die christliche Straßenreihe hat ihren Mittelpunkt in der Wirtschaft, die„jüdische Seite"* jedoch trifft sich im Spezerei- laden einer Krämerin, deren Vorfahren noch„weit hinter dem Dnjepr" Urvätergebete lasen. Leise spinnen sich die ersten Fäden. Mit einer Liebes- geschickte des Seefahrers und der schwarzäugigen Rose aus dem Bonbonlädchen fängt es an. Es geht ein Raunen und Flüstern hinüber und herüber, noch sitzt die alte jüdische Mutter auf dem Trauerschemel, als ihr Sohn die dralle Frau von gegenüber heiratet. Aber der Krieg ist die große Mühle, die die Straße durch das gemeinsame Schicksal ihrer Brüder und Söhne mahlt. 1930 wird zur Apotheose jahrzehntelangen Beieinander^ der Sohn eines Rabbi ist Weltmeister im Boxen geworden. Er gibt der Magnolienstraße ein Fest. Die beiden Straßenseiten sind durcheinander geraten, viele sind gestorben, verdorben, gefallen, ausgewandert. Die, die noch da sind, die herbeieilen, ob sie inzwischen in Squares von Westend oder Herzogschlössern zu Hause sind, sie werden zu einer einzigen großen Familie. Am nachdenklichsten haften unsere Gedanken bei dem *) Verlag Europäischer Merkur, Paris. alten Emanuel, dem ewigen Idealisten, dem gläubigen Menschen, der„alle Rassen und Völker in der Morgendämmerung eines schöneren Tages auf dem Weg der allumfassenden Nächstenliebe dahinschreiten sehen will". Keine Angelegenheit ernster Literatur? Es ist mehr als das: ein Mensch erzählt Menschenschicksale an Menschen, die über dem geschriebenen Wort noch nicht Lachen und Weinen verlernt haben. Alle die Großen und Kleinen in Schwächen und Ueberlegenheiten wachsen in unser Erlebnis hinein, werden Menschen, die wir meinen seit Jahr und Tag, vielleicht in einem anderen Leben vor hundert und mehr Jahren gekannt zu haben. Trotzdem sind sie„englisch", den Nöten des Kontinente entrückt und gegen ihren Willen mit ihnen beladen. Die Menschheits-Sehnsucht liegt über den Juden der Magnolienstraße. Denn dieses Buch, das mit behutsamer Hand und schlichtester Einfühlung an die Kulturschande unseres Jahrhunderts, an das Rassenproblem rührt, versucht die Lösung aus der Feder eines Juden im wahrhaft christlichen Sinn. Was ist das Christentum anders als Menschlichkeit? Was ist das Ringen aller Religionen, deren Gläubige in Aufruhr geraten sind, anders als das ewige Gottsuchen, das die Evangelien des Jesus von Nazareth mit den Worten der Propheten des alten Testaments übernahmen:„Liehe deinen Nächsten wie dich selbst." Die ..Magnolienstraße' ist am Ende der Wundertraum einer Dichtung- e- w. See jQcoße Gedanke Das Armeemuseum Das Hauptorgan der NSDAP. Gau Baden,„Der Führer", schreibt in einem Artikel, der fast eine ganze Seite einnimmt:„Der große Gedanke des Reichsstatthalters beginnt Wirklichkeit zu werden." Welcher Gedanke? Die Schaffung eines Aimeemuseums„Reichsstatthalter Robert Wagner hat im Herbst vergangenen Jahres die Anregung gegeben zu diesem badischen Armeemuseum und hat in einem Aufruf die Bevölkerung aufgefordert, mit beizutragen, daß in diesem Museum eine lückenlose Darstellung all dessen möglich wird, was badisches Soldatentum im Laufe vieler Jahrhunderte auf allen Schlachtfeldern der Erde vollbracht hat." Die „feierliche Eröffnung" ist für den 13. Mai vorgesehen.„In der Haupthalle wird in der Mitte die Geschichte des groß- herzoglichen Hauses und der badischen Generalität ihre lebendige Darstellung erleben, auf der einen Seite wird Badens Militärgeschichte von 1771—1849, auf der anderen Seite von 1849—1913 dargestellt. „Lebensgroße Puppen in den Uniformen der Leibgrena- djere und der Leibdragoner zieren eine Ecke, Pauken der Grenadiere, die prachtvollen Kesselpauken der Leibdragoner, Uniformen alter badischer Garde du Corps. In einer großen Vitrine sehen wir die Sammlung der badischen Orden vom Zähringer Löwen und dem Orden der Treue bis zu den Tapferkeits- und Verdienstmedaillen der verschiedenen Kriege...., haben doch badische Truppen in allen Teilen des Kontinents gekämpft." Und zwar:„unter den verschiedensten Fahnen". Nur ein Schatten liegt über dem „großen Gedanken" des Reichsstatthalters:„Zu dem Orden der Treue fehlt leider heute noch die Kette, die bisher noch nirgends zu finden war". Trotzdem ist hier— mit einer riesigen Sammlung von Helmen. Säbeln, Degen. Lanzen bis zu den Seitengewehren des 70er-Krieges—„in stiller unermüdlicher Arbeit ein Museum im Werden, das in ganz Deutschland einzigartig dasteht". Von einer. Frauen Versammlung in Zittau berichtet die dortige„Morgenzeitung":„Dann nahm die Kreisrednerin Frau M. Horschke, Reichenau, Stellung zu den wichtigsten Fragen, die eine deutsche Mutter, eine deutsche Frau und ein deutsches Mädchen heute bewegen. Sie betonte dabei insbesondere, daß die Familie heute wieder die Keimzelle des deutschen Staates und Volkes geworden und wieder in ihre ältesten Rechte eingesetzt ist. Obwohl aber der Nationalsozialismus die deutsche Frau ganz der Familie wieder zurückgeben will, werde sie sich— wenigstens für die nächste Zeit—— noch nicht völlig aus dem öffentlichen Leben zurückziehen dürfen. Erst wenn der Kampf einmal bis zum endgültigen Sieg durchgerungen sein wird, dann werde sich die deutsche Frau wieder allein ihrer gottgewollten Bestimmung widmen dürfen." Die schändlichen Marxisten hatten dekretiert, daß die Frau ein dem Manne gleichberechtigtes Wesen sein solle, und hatten ihr auch das Wahlrecht gegeben. Von dem Wahlrecht wollten diese„deutschen" Frauen ferner nur noch Gebrauch machen, es wieder abzuschaffen, und zu ihrer„gottgewollten Bestimmung" zurückzukehren: Gänse zu sein und zu bleiben. JlecCin! In einer Statistik über die Uraufführungen in den ersten vier Monaten dieser Spielzeit werden im deutschen Sprachgebiet 195 Werke gezählt; davon fallen auf Deutschland 168 Uraufführungen, von denen in Berlin nur 13 herauskamen- Da von diesen 13 auch noch 8 Werke der Operette gehören, so kann man ermessen, wie bedeutungslos die Theaterstadt Berlin für die dramaturgische Seite des deutschen Bühnenlebens nachgerade geworden ist. „Preußische Jahrbücher", Berlin, Februar 1934. 2>eit=7lctii Zusammen 84 BOO Welterschittternd sind also diese Zahlen nicht. Sie sind nicht einmal erschütternd für die 45 Millionen englischer Ein- ivohner. Zur Oesdildife des Nationalsozialismus Bücher Konrad Heidens in französischer und englischer Ausgabe Die beiden großen Bücher über den Nationalsozialismus von Konrad Heiden,„Geschichte deö Nationalsozialismus" und»Geburt deS»dritten Reiches" sind jetzt, in einem vier- hundert Seiten starken Bande vereinigt, auf französisch er- schienen(Ltbrairie Stock. Paris). Das Buch, zu dem Julien Benda ein glänzendes Borwort geschrieben hat, trägt den Titel„Aiitoire- f:•'-«*«'1»et Die Ansliefernng der Jnngsozlallsfen Ein Verstoß gegen die Grundsätze der holländischen Polizei Vor einigen Tagen hat die lokale Polizei deS holländischen Ortes Laeren drei junge deutsche Sozialisten über die deutsche Grenze abgeschoben. Die Jungsozialisten hatten sich an einer internationalen Jugendkonserenz in Holland de- «eilig«. Sie gehörten, wie festgestellt wird, weder der 2. noch der 3. Internationale an. lieber diese Auslieferung von politischen Gegnern an die nationalsozialistische Polizei ist in Holland und außerhalb begreifliche Erregung entstanden. Do hat die unabhängige Arbeiterpartei in England in einer scharfen Resolution gegen diese Auslieferung protestiert. Der Polizeipräsident von Amsterdam hat nun. wie setzt der „Manchester Guardian" mitteilt, in einem Interview vor der Auslieferung erklärt, daß ein» Auslieferung an die NaziS nicht beabsichtigt sei. Er sagte nach dem genannten Blatt:„Wenn sie es nicht wünschen, werden sie nicht über die deutsche Grenze abgeschoben werden. Der Abschnitt deS Polizeigesetzes, der sich mit den Ausländern besaßt, macht es der Polizei nicht zur Ausgab«, die betreffenden Personen in Schwierigkeiten zu bringen." Der Bürgermeister von Laeren, der anscheinend aus Grund seiner polizeilichen Besugniste gehandelt hat. erklärt, die ausgelieferten Deutschen seien keine Flüchtlinge gewesen, sondern in Deutschland ansässige Leute, deren Papiere in- besten nicht in Ordnung gewesen seien. Von anderer Seite wird diese letzt« Behauptung bestritten. Studenkennnrnhen In Polen Um den Arierparagrafen Warschau, 6. März. An der hiesigen Universität»er- anstalteten nationalistische Studenten Kundgebungen gegen die Regierung, gegen dir jüdischen Studenten und gegen den Rektor der Universität. Jüdische Stu- denten wurden von den nationalsozialistischen Stubenten aus den Hörsälen vertrieben und verprügelt. Die Lage wurde schließlich so bedrohlich, daß der Rektor die Polizei zu Hilfe rief. 32 nationalistische Studenten wurden ver- hastet, 13 sind im Verlauf der Unruhen mehr oder min- der schwer verletzt worden. Dle Unruhen haben folgende Vorgeschickte: Vor einiger ett hatte die studentische Selbsthtlfe-Organisation belcklos- en, den A r i« r p a r a g r a s e u in ihre Satzung aukzuneb- men. Der Ariervaragras war schon vor einigen Wochen von mehreren polniichen Universitäten, darunter auch von der Warschauer, bestätigt worden. Aus Druck der Regie» r u n g hi» hat aber vor wenigen Tagen der Senat der Warschauer Universität seine Zustimmung zu der Aufnahme des Arierparaarafen in die Satzung der Studenten-Seldst- Silke-Organisation zurückgezogen. Gegen diesen Be- schluß de» Senat« und de« Rektors richteten sich die Kund- «Hungen. Da auch ander« Universitäten auf dt» Vorstellungen her Regierung hin ihre Zustimmung zu dem Arierparagraken ebenfall» zurückziehen dürften, können auch die Unruhen auf andere Universitäten' übergreifen. I Pariser Straßenhalendcr Das„Ungeheuer von Cherbourg", der von un» beschriebene Fisch aus der Familie der Haie, ist in Paris im Jardin des Plantes eingetroffen, wo das Skelett untersucht wird. * Als Nachfolger Painleves wurde der Schwerkriegsbeschädigte Professor Julia, dem die Nase weggeschossen wurde und der an ihrer Stelle eine schwarze Binde trägt, in die Akademie gewählt. Der neue Akademiker war an zweiter Stelle präsentiert worden, wurde aber mit 32 gegen 21 Stimmen unter die„Kuppel" berufen. Professor Julia ist Lehrer der Differentialrechnung und Integralrechnung und erst 41 Jahre alt. * Die Mistinguett wurde zum zweiten Male als Zeugin im Falle der Ermordung des Revuetheaterbesitjers Dufrenne vernommen. * Die Erschießung eines Bankiers in der rue Clichy namens Lignac durch einen Kunden namens Dendreve, der sich von ihm bedrückt fühlte, erregt stark die Oeffentlidikeit. * Ein Kongreß der vormaligen politischen französischen Gefangenen, die während des Krieges in deutscher Haft waren, trat in Lille zusammen. Den Vorsitz führte den Senator d' Hauburdm, der mitteilte, daß mehrere von der deutschen Besatzungsbehörde zum Tode Verurteilte bis jetzt noch nicht die französische Kriegsmedaille erhalten hätten. * Ein Gärtner in Nahteuil-Ie-Haudoin erschien vor den Ge- Sfhworenen wegen elf Ueberfällen und Sittlichkeitsverbrechen auf junge Mädchen und Frauen während der Jahre 1932 und 1933 Bei einem Ueberfall auf eine junge Polin, die in Ormoy-Villers nach Hause ging, wurde er verhaftet. Der Mann wurde den Opfern vorgeführt und zeigte keine Reue. Er erhielt neun Jahre Zuchthaus. * Morgen abend, Samstag, den 10 März, um 21 Uhr, veranstaltet dei nicht gleich geschaltete Pariser Deutsche Klub ein geselliges Beisammensein in der Universite du Parthenon, 64, Rue du Rocher. Paris 8"(am Bahnhof St. Lazare). Frau Mitzi Bera singt heitere Lieder und lustige Chansons. Gäste gerne willkommen. Eintritt 5 Franken(für Stellungslose 2 Franken). Aufhebung der Einheitspreisgeschäfte Der Kampf um die Einheitspreisgeschäfte in Frankreich, der seit einiger Zeit heftig geführt wird(und von einer gewissen Presse mit antisemitischen und teils gegen die deutschen Emigranten gerichteten Bemerkungen begleitet wird) hat zu einem interessanten Beschluß geführt. Die Kammet hat, weit über den Entwurf hinausgehend, der u. a. eine Sondersteuer von 1 bis 6 Prozent auf den Umsatz einführen wollte, einen Gegenentwurf angenommen, der die Einheitspreisgeschäfte völlig verbietet. Und zwar erfolgte dieser Beschluß einstimmig, mit 588 gegen 2 Stimmen. Die„Prixunics" haben sich nach diesem Beschlüsse innerhalb drei Monaten in gewöhnliche Warenhäuser umzuwandeln. Neue„Prixunics" dürfen nicht mehr errichtet werden, auch keine neuen Filialen oder sonstigen Vergrößerungen. Der Beschluß der Abgeordneten geht nunmehr an den Senat. Es ist sehr ungewiß, was in dieser Frage geschehen wird. Citroen unter Bankenaufsicht Die offizielle Mitteilung, daß eine Reihe von Bauken und ähnlichen Unternehmungen mit Hilfe der Bank von Frankieich die Stützung der großen Autofabrik Citroen übernommen haben, ist ein sicheres Anzeichen dafür, daß die Weltkrise auch nach Frankreich fortschreitet. Trotz großem Auftragsbestand und an sich sehr günstigem Abschluß hat das gewaltige Motorenhaus an der Seine, das riesige Neueinrichtungen geschaffen hat, es nicht verstanden, mit den Gesetzen der schwierigen Wirtschaftslage von heute Schritt zu halten. Das nähere über diesen Fall des Hochkapitalismus in einem Gründerreiche werden wohl die Nationalökonomen sagen. Der Beobachter entsinnt sich des großen Streikes, der im Vorjahre in dem Hause geführt wurde, und des gewaltigen Festessens für Tausende von Personen, das der König des Reiches Andre Citroen vor einiger Zeit in den neuen Hallen wie ein zweiter Renaissancefürst gab. Kleine Gesdiidifen Das verlorene Goldstück Baron James de Rothschild spielte eines Abends Ecarte mit Tallenrand und mehreren anderen Herren. Beim Bezahlen ließ Rothschild ein Goldstück zu Boden fallen. Er begann zu suchen. Er blickte aus^en Teppich, unter die Stühle... Da zog Talleyrand eine 5M-Frankci.-Note aus der Tasche, faltete sie in der Länge zusammen, zündete sie an der Kerze als Fidibus an, und sagte höflich: „Darf ich Ihnen leuchten?" Mit vorzüglicher Hochachtung Professor Promethke war seinerzeit ein berühmter Spe- zialist für Haarhygicnc. Er stand, kann man sagen, im Tcheinwerferlicht sämtlicher Glatzen des Kontinents. Aber nicht jeder hat das Gelb, persönlich die Reise zum Professor zu machen. Daher ordinierte der Prosessor zu- weilen auch brieflich. Eines Tages erhielt er ein Schreiben, dessen Absender über leichten Haaraussall klagte und genau die Somptome be- schrieb. Professor Promethke verordnete ihm eine Salbe, ermutigte den Patienten und forderte ihn auf. zwecks Kontrollierung der Kur jeden Monat e i n Haar einzusenden. Drei Monate lang trafen die Kuverts mit dem Haar pünktlich ein. Im vierten Monat war dem Haar folgendes Begleitschreiben beigelegt: Hochgeehrter Herr Profehor, indem ich dieses Haar übermittle, halte ich es für meine Pflicht, Sie daraus aufmerksam zu machen, daß ich meine Sendungen künftig leider einstellen muß. Es ist das letzte Haar, welches ich auf meinem Kopfe auffinden konnte. Mit vorzüglicher Hochachtung usw. usw. Für den Gclamlinhali verantwortlich! Johann P i y in Dud> weilet- für Jnseraiei Cito Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag! Verlag der Bolksktimme GmbH., Saarbrücken 8, Schützenstratze 5.— Schließfach 77S Saarbrücken. rei. Mniie 43-13 M6iro P i q a 11 e Deutsche Poliklinik Paris. OL., Rue de ia Rochefoucauld ■I Allgemeine Konsultationen mit» Spezialisten b) Chirurgie e) Geburtshilfliche Klinik d) Zahnärztliche« Kabinett Innere Medizin, Augen», Ohren», Nasen» und Kehlkopfkrank. Zweistöckiges}Sanatoriumsgeblude. Vierstockige» Gebäude. Zimmer Zahn und Mundchirurgie. Gold» aeiten. Röntgen. Diathermie. Elektrotherapie Spezialbehand. Kleine, mittlere und große Chirur. mit 1 bis 4 Betten. 5 Aerzte, 3 Heb- und Porzellan krönen.»Brücken, lung bei Blut». Harn» u. Geschlechtskrankheiten gie. Di* aller modernste Einrichtung smmen and 2 Operationssäle. Kautschuk»Arbeiten Ordination täglich von O—12 und 2—8; Sonntags und Feiertags von IO—12 und 2—4 Uhr Dolüuß als kleineres llebel Von Victor Sdmf Der Vergleich zwischen dem heldenmütigen Untergang der österreichischen Sozialdemokratie und dem. was man allgemein als das Kampf- und ruhmlose Verschwinden der deutschen Sozialdemokratie zu bezeichnen pflegt, ist nahe- liegend. Darf man überhaupt bemerken, daß er hinkt? Es ist heute ein undankbares Beginnen, der Auffassung zu widersprechen, daß die Sozialdemokratie die Schuld am Zusammenbruch der Weimarer Republik trüge. Und der tragische Endkampf der österreichischen Schutzbündler, die wenigstens„die Ehre gerettet" haben, wird jetzt als ein Beweis mehr für die„schmachvolle Kapitulation der SPD." angeführt. Kein Wort der Bewunderung wäre übertrieben, um die Größe des historischen Opfers zu preisen, das die öfter- reichischen Arbeiter— oder richtiger gesagt: jene leider nur kleine Minderheit, die gekämpft oder wenigstens ge- streikt hat— ihrem Freiheitsideal dargebracht haben. Aber es tut bestimmt dem Ruhm dieser Kämpfer keinen Abbruch, wenn man jener Gegenüberstellung: Berlin, 29. Juli 1932 und Wien. 12. Februar 1934— mag sie noch so naheliegend und„populär" sein— entschieden widerspricht. Man braucht nur daran zu erinnern, daß die deutschen Arbeiter überhaupt nicht das Maß von Waffen hatten, mit denen die österreichischen Sozialdemokraten wenigstens zum Teil versehen waren. Qualitativ war die Bewaffnung des Schutzbundes, gemessen an der des Bundesheeres, das über Artillerie, Tanks und Minen- werfer verfügte, allerdings hilflos. Und diese Unterlegen- heit hatte nur ausgeglichen werden können durch die an- dere, ungeheure Waffe des Generalstreiks. Doch ist es inzwischen bekannt geworden, was ein jeder von uns bereits von den Berichten vom ersten Kampftage mit Schrecken vernahm, daß die Streikparole nur von einem geringen Prozentsatz der Arbeiterschaft befolgt worden ist; und dies in einem Lande, dessen Mitgliederzahl in Partei und Gewerkschaften seit jeher Staunen und Be- wunderung in allen anderen Teilen der Internationale erregten, dessen Arbeiterschaft als die bestorganisierte, einheitlichste und disziplinierteste Europas galt. * Wenn man schon unbedingt vergleichen und gegenüber- stellchn will, und zwar nicht nur um billige Verdammungs- urteile gegen die sozialdemokratischen Führer zu fällen, sondern um nützliche Lehren für die Zukunft zu ziehen, dann soll man zunächst bei diesem Punkte verweilen. Die Frage, warum die reichsdeutsche Arbeiterschaft keine Waffen hatte, werde ich nicht scheuen, zu beantworten. Aber der Raum fehlt mir hier dazu, denn ich müßte auf die Ereignisse nach dem November 1918, auf die Spartakusputsche in Berlin und München, auf die darauf fol- gende Entstehung der bayerischen und sonstigen Ein- wohnerwehren, auf die außenpolitischen Ereignisse(Dik- täte von Versailles und Spa) und auf viele andere Dinge eingehen. Aber, so wird man einwenden, am 29. Juli 1932 hatte die preußische Schupo doch Waffen und das Reichs- banner hätte als Hilfspolizei eingesetzt und bewaffnet werden können! Ich setze als selbstverständlich voraus und zweifle natürlich nicht daran, daß jeder, der heute so spricht und schreibt, damals nur darauf brannte, auf die Barrikaden zu steigen und in aussichtslosem Kampfe gegen die Koa- lition Reichswehr-Stahlhelm-SS.-SA.. die sich automatisch gebildet hätte, zu sterben, nur um die Ehre der Republik zu retten. Daß ein solcher Kampf, bei dem übrigens jeder Schupooffizier und-mann sich von vorn- herein bewußt für Severing gegen Hindenburg hätte ent- scheiden müssen, im voraus verloren war, darüber sind sich hoffentlich auch die schärfsten Kritiker der Sozial- demokratie, wenigstens heute— nach Wien— im klaren, wenn sie es vielleicht in der ersten Erregung nach dem 29. Juli 1932 noch nicht zugeben wollten. Aber der Generalstreik? Ja. glaubt man etwa, daß jene Parole, die nicht einmal in Wien, wo zwei Drittel der Bevölkerung sozialdemokratisch war. befolgt wurde, in Deutschland größeren Erfolg gehabt hätte? Hat man denn ganz vergessen, daß bei den Preußenwahlen im Frühjahr 1932 die Sozialdemokratie nicht ganz 29 Prozent der Stimmen erhielt, etwa die Hälfte dessen, was die Nazis allein erlangten? Die Wahrheit ist, daß die Republik in Preußen bereits vor dem 29. Juli besiegt war, und zwar durch das allgemeine Wahlrecht. Sie führte nur noch ein Schattendasein, gestützt auf gewisse Bestimmungen der preußischen Verfassung und der Ge- schäftsordnung des preußischen Landtages, die das Weiterbestehen der Regierung Braun-Hirtstefer als Ge- schäftskabinett mit einem Mindestmaß von politischer Autorität ermöglichten. Die Wiener Streikparole verpuffte, weil die Arbeiter- schaft durch Krise und Arbeitslosigkeit demoralisiert war. Die Erwerbslosenziffer von k bis 7 Millionen in Deutschland war eine Tatsache, die schwerer wiegte als alle etwaigen Generalstreiksbeschlüsse. Ein Vergleich mit dem siegreichen Generalstreik gegen Kapp im März 1929 kommt schon wegen der katastrophalen Durchsetzung ge- rade der Beamtenschaft von oben bis unten.mit Nazis überhaupt nicht in Frage. Das alles gilt für den 29. Juli 1932 ebenso wie für den 39. Januar 1933(Hitler- ernennung) oder für den Morgen nach dem Reichstags- brand. * In Oesterreich ober, so stand kürzlich in einem Poriser Emigrantenblatt zu lesen, war wenigstens der Wille zum sozialistischen Aufbau spürbar, in Deutschland dagegen nur„sozialer Bürokratismus". Kein Wort hier, das als eine Herabsetzung der groß- artigen Leistungen der roten Gemeinde Wien gedeulet werden könnte. Ich selber habe sie einst besungen und habe nie so stark den Stolz empfunden, Sozialdemokrat zu sein, wie beim Anblick des Marx-Hofes, des Amalien- Bodes, der Sandleiten-Siedlung und der frischen, selbst- bewußten ungeheuren Massenaufmärsche unter roten Fahnen auf der Ringstraße Jene Wiener Arbeiter, die mit dem herrlichen„Freund- schaft"-Gruß auf den Lippen starben, sie wußten, wofür sie kämpften, sie waren von Begeisterung und Liebe zu ihrer Partei erfüllt, die so Großartiges für ihre Klasse voll- bracht hatte. Und in Deutschland? Nun, es war, wenn auch unter ganz anderen gesetzlichen Voraussetzungen und finan- ziellen Methoden, kaum weniger Schönes geleistet wor- den. Nur kannte man es nicht oder man wollte es nicht kennen und jedenfalls nicht anerkennen. Manch links- stehender reichsdcutscher Journalist, der es als eine an- genehme Pflicht empfand, die Wiener Gemeindehäuser und das Amalienbad sich vorführen zu lassen und daheim zu besingen, hätte sich lieber die Hand abhacken lassen als die Leistungen sozialdemokratischer Kommunal- Politiker in Berlin, Hamburg, Dresden oder Magdeburg zu beschreiben und zu loben Das Amalienbad in Favoriten— herrlich, weltbekannt? Das Stadtbad in der Gartenstraße— wo ist das eigent- lich? Berlin N, 159 Meter vom Stettiner Bahnhof— na, wenn schon: wird schon wieder so eine Geldverschwen- dung roter SPD.-Bonzen sein. Die Rehberge? Ach, Sie meinen wohl die Sandwüste, wo man als eingezogener Muschkote schießen lernte? Keine zehn Pferde kriegen mich wieder hin— zu trübe Erinnerungen. Wat? Herr- licher Volkspark daraus gemacht? Glaube ich Ihnen aufs Wort, ist mir aber viel zu weit. Strandbad Wannsee? Na ja. is schon allerhand— übrigens ist der Stadtbaurat Wagner aus der SPD. ausgetreten und schreibt für die „Weltbühne". Sehnse, leistet einer von denen was, dann hält er es nicht lange beim SPD.-Stumpfsinn aus. Neue Untergrundbahnstrecken nach Lichtenberg und Gesund- brunnen? Der Stadtrat Reuter hat'n Vogel, der läßt Bahnen bauen, als ob wir die reichste Stadt der Welt wären. Der sollte lieber eine Zwischenstation zwischen Wittenbergplatz und Zoo einlegen— direkt vor dem Romanischen Cafe. Magdeburger Stadthalle? Wahnsinn — wozu braucht Magdeburg so'n Eisenbau? Der Ober Beims hatte typischen Sozigrößenwahn und hat gerade für Hitler den Versammlungsraum geschaffen, den er dort brauchte. Scherz beiseite! Ist es nicht so gewesen, daß es bei uns geradezu als Sünde wider den„lebendigen Geist der Kritik" galt, etwas zu sagen oder zu schreiben, was ge» eignet gewesen wäre, die Vorurteile im eigenen Volke gegen die sozialdemokratischen Führer zu erschüttern, ihre tatsächlichen Leistungen zu würdigen, Vertrauen und Liebe zu der einzigen republikanischen Massenpartei zu propagieren? Heute sind es oft gerade dieselben, die jahrelang ihre ganze Kraft— und bei manchen füge ich hinzu: ihr großes schriftstellerisches Talent— daran gesetzt haben, der deutschen Arbeiterklasse ihreRepublikzuver- ekeln, und die jetzt die Führer schelten, weil diese es nicht gewagt hätten, die Massen zu einem ebenso mör- derischen wie aussichtslosen Barrikadenkampf aufzurufen. # Und nun vernehmen wir aus verschiedenen Organen der Emigration, daß die europäische Linke, insbesondere die Sozialdemokratie, niemals begriffen hätte, was Macht bedeute. Neuester Beweis für dieses Un- vermögen: der rein gefühlsmäßige Bannfluch englischer, französischer, tschechischer Sozialisten gegen Dollfuß. Das sei keine Politik. Dollfuß müsse als letzter Damm gegen Hitler gehalten werden. Wohlgemerkt: ich diskutierte diese These nicht. Denn die Parole, die Leon Blum im Wagramsaal unter tosen- dem Beifall von 8999 Pariser Sozialisten schleuderte:„Ob Hitler oder Heimwehr— der internationale Sozialismus hat keine Wahl zwischen zwei Abarten des Faschismus zu treffen, die Unabhängigkeit Oesterreichs interessiert uns nicht mehr!", diese Parole vermag mich auch nicht zu befriedigen. Sie stellt auch keine Lösung dar. Aber ich bewundere die Gemütsstärke jener Real- Politiker, die es fertig bringen, während immer noch neue Schutzbündler an den Galgen oehängt werden, zu ver- künden, daß Dollfuß das„kleinere Uebel" sei und daher gestützt werden müsse, allen Ressentiments zum Trotz, die nur von sozialistischer Unfähigkeit zeugten, die Begriffe „Macht und Gewalt" zu erfassen. Ach ja— als w i r uns seinerzeit weigerten, die Weimarer Koalition in Preußen bei jeder Lappalie in die Luft zu sprengen, da schallte es uns entgegen:„SPD.- Bonzen, die an Aemtern und Gehältern kleben! Schluß mit den Kompromissen! Immer wieder eure Redensart vom„kleineren Uebel". Es wird einem speiübel dabei." Und als man gar Brüning tolerierte, um Hitler den Weg zu versperren, da ging es erst recht hoch. Für die Kom- munisten, die ihre Stimmen dem Hitler-Hugenbergschen Volksentscheid gegen die Regierung Braun zuführten und bis zum 29. Juli 1932 gemeinsame Sache mit dem Faschismus gegen die„SPD.-Bonzen" machten, hatte man immer Verständnis, immer Entschuldigungen. Denn sie taten es letzten Endes, nicht wahr?, aus Empörung gegen die ewige SPD.-Politik des kleineren Uebels. Es ist immerhin ein Trost, daß die Erkenntnis von der Notwendigkeit, Dollfuß gegen Hitler zu stützen, gerade von denen verkündet wird, denen die deutsche Sozial« demokratie nie radikal und revolutionär genug mar..,««.