Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 60— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, den 13. März 1934| Chefredakteur: MBraun Aas dem Inhalt Jxeie Synoden Seite 2 £ando*tee und JMuveizec Siege Sei's 3 Deutsche Volk&tdcche Seite 5 Die Siestie in Oestecceich Dez gcaße SMuitebundpcazeß Seite 7 Die schone Madame Stauisky Seite 8 Torgier und die Staatspolizei Behauptungen des Ministerialrats Dr. Diels i Gestern und heute Berlin, 12. März. Der Chef der Geheimen Staatspolizei in Preußen, Ministerialrat Dr. Diels, nahm vor einigen Tagen an einem Krühstück der ausländischen Presse teil. Er machte dabei Bemerkungen über die politischen Gefangenen. So behauptete er, dah 3» 001) Deutsche die Schutzhast in Konzen» irationslagern„genossen" hätten. Sicher ist, daß das Mehr- fache dieser Zahl an Gefangenen durch die Lager„behandelt" worden sind. Schließlich machte er sonderbare Angaben über >n Haft befindliche Kommunisten. Er sagte u. a., T o r g l e r könne nicht freigelassen werden, weil dies eine Ungerechtig- teit gegenüber den andern Kommunisten, die man noch zu- rückhält, wäre. Ein weiterer Prozeh dagegen werde gegen Torgler nicht geführt werden, wahrscheinlichadergegenThälmann. Die Frage, »b Torgler tatsächlich Nationalsozialist geworden fei, wie Berichte besagen, bestätigte Dr. Diels indirekt indem er sagte, er sei heute kein Kommunist, und indem er nicht dementierte, dah Torgler ein Aufnahmegesuch an die NSDAP, gerichtet habe. Schliehlich erzählte Dr. Diels noch, wie man mit Milde zahlreiche Kommunisten für den Nationalsozialismus gewinne, die durch Verteilung von Flngzetteln, falls sie der Justiz ausgeliefert «erden würden, Gefängnisstrafen von sechs Jahren verdient hätten. Wir nehmen die Behauptungen des Dr. Diels nur mit Zurückhaltung und mit Zweifeln auf. Immerhin sprechen für die Möglichkeit seiner Angaben einige Indizien, und die Kommunistische Partei hätte allen Grund, den Fall Torgler zu klären, denn immerhin handelt es sich um den früheren Führer ihrer Reichstagssraktion. Daß ein Hoch- »erratsprozeh gegen Torgler im Gegensatz zu Thälmann nicht stattfinden wird, scheint als sicher gelten zu dürfen. Die Erklärung des Dr. Diels, daß man Torgler nicht freilasse, weil man anderen gefangenen Kommunisten nicht wehe tun wolle, kling« allerdings nicht überzeugend. Wichtiger ist die Frage nach dem jetzigen politischen Stand- ort Torglers. Ist er noch Kommuni st oder nicht? Die Frage ist berechtigt, wenn man beobachtet, welches gc- ringe Interesse die kommunistische Bewegung an dem Schick- sal Torglers nimmt. Die Sowjetunion hat zwar die drei Bulgaren zu russischen Bürgern gemacht, nicht aber den Deutschen Torgler. In der ganzen Welt sind berechtigte leidenschaftliche kommunistische Meetings für die Freilassung der in Leipzig Freigesprochenen veranstaltet worden, aber der Name Torgler wurde stets nur nebenbei genannt. In der kommunistischen Presse wird zwar gelegentlich noch in ein paar unauffälligen Zeilen geschrieben, Torglers Leben sei in Gefahr, aber von irgendeiner Protest- stimmung gegen die weitere Inhaftierung Torglers ist nichts zu spüren. Der ganze Kamps der illegalen Kommunisten drinnen und der legalen Kom- munisten drauhcn gilt der Befreiung Thälmanns. Noch eine kurze Zeit und Torgler wird bei den Kommu- nisten in Vergessenheit geraten sein. Vielleicht löst der vorstehende Bericht den Kommunisten die Zunge. Was ist mit Torgler los? Die Zweifel be» ganneu, als Dimitross in den Schluhtagen des Prozesses deutlich von seinem Parteigenossen abrückte, indem er sagte, er werde lieber aufs Schafott gehen, als sich eine Vcr- teidigung wie die des Dr. Sack für Torgler gefallen lassen. Adlige in Konzentrationslagern Bemerkenswert war schliehlich, was Dr. Diels über die Verhaftungen der letzten Zeit sagte. Hier handle es sich'er Hauptsache nach um„Reaktionäre". In O st p r e u h e n und Pommern ses sind dies die Länder, in denen Hitler zuerst die absolute Mehrheit erlangt hatte, was eine unge- heure psychologische Wirkung auf die andern Länder aus- übte. D. R.) sei die Reaktion stark, und so befänden sich gegenwärtig auch zahlreiche Angehörige des preußischen Adels in den Konzentrations- lagern. Ueber das Schicksal von einigen katholischen Geist- l i ch e n befragt, gab Dr. Diels die u n b e st i m m t e A n t- wort: Er glaube, dah sich gegenwärtig keine katholischen Geistlichen in Schutzhaft befänden. In der Behandlung werde zwischen politischen und Schutzhäftlingen kein Unter- schied gemacht. In den evangelischen Kirchenstreit habe die Geheime Staatspolizei nur in den dringendsten Fällen ein- gegriffen. Dr. Diels gab zu, dah auch eine groheZahlvonSA.- Leuten, die sich undiszipliniert benommen haben, auf gewisse Zeit in gewissen Lagern interniert wurden. Eine Zersetzung der SA. und der SS. im kommunistischen Geiste komme jedoch nicht in Frage. laviere krauen Ein besonders ehrendes Zeugnis stellte Diels den Frauen aus. Es seien noch 200 Frauen in den Konzentrations- lagern, und es sei besonders gefährlich, Frauen zu ent- lassen. Während bei den Männern„Rückfälle" nicht be- kann« geworden seien, hätten dagegen die Frauen sowie man sie in Freiheit setzte, sofort von neuem ihre Wühlarbeit begonnen und hätten wieder eingeliefert werden müssen. Alle, die das Konzentrationslager verlassen, mühten einen Revers unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, nicht gegen den nationalsozialistischen Staat zu arbeiten und keine Regrehansprüche zu stellen. ein Erpressungsversudi? Paris, 12. März. DaS Internationale Befreiungskomitee für Dimitross und Thälmann verlangt auch die Freilassung Torglers, über dessen Schicksal eS beunruhigt sei. Das Komitee behauptet, dah die Geheime Staatspolizei von Torgler eine Zustimmungserklärung für die Politik der „Nationalen Regierung" fordere, Neue Schutxhaftbestimniungen Der Versuch, Rechtsgarantien su schaffen Berlin, 12. März. Wie die Pressestelle des Geheimen Staatspolizeiamtes mitteilt, hat Ministerpräsident Göring als Chef der Geheimen Staatspolizei folgende Neureglung der Schutzhaftbestimmungen in Preußen angeordnet: 1. Die bisher für die Anordnung der Schutzhaft aus poli- tischen Gründen geltenden Zuständigkeitsvorschriften wer- den a u f g c h o b e n. In Zukunft dürfen Beschränkungen der persönlichen Freiheit nach Maßgabe des 8 1 der Verordnung zum Schutz von Volk und Staat vom 2«. Februar 1033 nur von dem Geheimen Staatspolizeiamt mit Wirkung für das ganze Staatsgebiet und von den Ober- und Regiernngs- Präsidenten, dem Polizeipräsidenten in Berlin und den Staatspolizeistellen für ihren örtlichen Amtsbereich an- geordnet werden.., 2. Wird die Schutzhaft als provisorische Mannahme wegen des Verdachts einer strafbaren Handlung angeordnet, so ist unverzüglich die Entscheidung des Gerichts für dte Ver- hängung der gerichtlichen Untersuchungshaft herbeizufuhren und im Falle der Ablehnungen eines richterlichen Haft- bekehlS auch die polizeiliche Maßnahme außer Kraft zu setzen iosern nicht auSnabmswene ihre.lutrechterhal- tung aus anderen Gründen begründet erscheint. 8. Beschränkungen der persönlichen Freiheit, ö.e von den Ober- und Regierungspräsidenten, dem'olizeip>asidenten jn Berlin und den Staatspolizeistellen angeordnet werden. treten am achten Tage nach Ablauf des TageS, an dem die Schutzhaftanordnung vollstreckt worden ist, von selbst außer Kraft, sofern»ich« inzwischen auf entsprechenden Antrag hin die Fortdauer der Schutzhaft von dem Minister- Präsidenten ausdrücklich angeordnet worden ist. 4. lieber jede von den Ober- und Regierungspräsidenten, dem Polizeipräsidenten in Berlin und den Staatspolizei- stellen angeordnete Schutzhaft ist dem Ministerpräsidenten persönlich telegrafisch binnen 2 4 Stunden unter genauer Angabe von Namen. Alter, Beruf und politischer Einstellung des Betroffenen sowie des Anlasses zu der Maß- nähme zu berichten und erforderlichenfalls die Notwendigkeit einer über sieben Tage hinaus für angebracht erachteten Frei- heitSbeschränkung zu begründen. S Verhaftungen, die nicht unter den Begrif)„Schutzhaft" fallen dürfen nur von den hierfür gesetzlich bestimmten Be- Hörden erfolgen. In diesem Falle ist aber unter allen Um- ständen binnen 24 Stunden richterlicher Haft- befehl herbeizuführen. Wrrd ein solcher Haftbefehl vom zuständigen Richter abgelehnt oder ist derselbe binnen 24 Stunden nicht zu erlangen, so ist der Betreffende sofort zu entlassen oder falls die Verhaftung aufrechterhalten werden soll, entsprechend Ziffer 3 und 4 zu verfahren, indem telegrafische Mitteilung binnen 24 Stunden an den Minister- Präsidenten zu ergehen hat.< Zwei Ereignisse haben in den leßten Tagen bewiesen, daß die„Gleichschaltung Europas" irgendwo defekt ist. Es sind der Sieg der englischen Arbeiterpartei in den Wahlen zum Londoner Stadtparlament und die Ablehnung des sogenannten Schußgeseßes in der Schweiz. Selbstverständlich haben beide Abstimmungen, wie alle politischen Ereignisse, etwas Vieldeutiges und in gewisser Weise Doppelsinniges. Man versteht sie nur dann ganz, wenn man sie aus den örtlichen Verhältnissen heraus begreift. Aber man versteht sie troßdem nur halb, wenn man sie nicht aus dem Oertlichen in Europäische überseht. Denn im Zeitalter des Rundfunks und der über die Grenzen tönenden Propaganda gibt es keine in einzelnen Ländern wie unter schalldichter Glasglocke isolierte Politik mehr. Zuerst die Londoner Wahlen. Sie waren ein offener Kampf für oder gegen den Sozialismus. Was bedeutet Sozialismus in England? In vielen praktischen Einzelheiten gewiß etwas anderes, als er in Deutschland oder Amerika bedeuten würde. Aber das wesentliche, eindrucksvolle an den Londoner Wahlen war ja nicht, was der einzelne Wähler sich unter Sozialismus dachte. Diesmal war das Entscheidende, über Stadt- und Landesgrenzen hinaus Wirkende das Gefühl. Die Mehrheit der Londoner Wähler fühlte, daß Sozialismus soviel sei wie Gerechtigkeit für die Massen. Deshalb warfen sie die bisherigen kommunalen Machthaber von den Stühlen, auf denen sie bisher allerlei für Londons Glanz als Hauptstadt des britischen Weltreiches, aber allzu wenig für die Verelendeten in den Höhlen der Slums getan hatten. Der Deutsche wird solche Wahlen in den altdemokratischen Ländern nie ganz verstehen, wenn er nicht einsieht, wie sehr dort Politik mit dem Begriff der Gerechtigkeit verbunden ist. Bei uns in Deutschland war auch in den Zeiten des demokratischen Wählens der Stimmberechtigte immer fasziniert von der scheuen Sehnsucht nach einer strahlenden, übermächtigen Staatsgewalt; er empfand es als seine Pflicht, sich hinzugeben und bescheiden zu sein, damit, wie Herr Göring das jeßl so klassisch ausgedrückt hat,„66 Millionen Energien in einer Faust gesammelt werden, um dort als Hammerschlag zu wirken**. Der demokratisch empfindende Mensch aber will keinen Staat, der wie ein Hammer schlägt. Denn er weiß nicht, ob er nicht eines Tages selbst unter dem Hammer liegen wird. So empfand auch die Mehrheit des Schweizer Volkes, die. das von den konservativen Parteien vorgelegte„Schußgeseß" in mächtiger Volksabstimmung abgelehnt hat. Man würde die Schiveizer Entscheidung falsch verstehen, wenn man sie als Machtkampf deutete. Das war sie nicht. Den konservativen und liberalen, jedenfalls aber bürgerlichen Befürwortern des Schußgeseßes standen nicht hur die Sozialdemokraten gegenüber, sondern auch die verschiedenen faschistischen„Fönten", außerdem die in der Schweiz schwachen Kommunisten. Es war also kein Ringen geschlossener Gruppen um politische Postionen. Es war einfach eine Frage an das demokratische Gefühl des Schweizer Volkes. Die militärischen Machtmittel der Rundesgewalt sollten nach dem Schußgeseß verschärft und die Machtbefugnisse der einzelnen Kantone eingeschränkt werden; diese leßte Forderung richtete sich namentlich gegen den Kanton Genf und seinen sozialdemokratischen Präsidenten Nicole. Außerdem enthielt die Vorlage Eingriffe in die Versammlungsfreiheit und das Streikrecht. Und hier tat der Schweizer eben nicht mehr mit. Mochten einzelne der Vorschläge dies oder jenes bedeuten— das Ganze war für ihn ein Angriff auf seine demokratische Freiheit, den er wuchtig abschlug. Auch die faschistischen Organisationen haben dabei mitgeholfen, und zwar nicht ohne Wirkung; das zeigt das ablehnende Ergebnis in einem so konservativen Kanton Bern. Da Bedeutungsvolle an diesem Vorgang ist, daß eben in der Schweiz selbst die Faschisten sich dem großen demokratischen Zug des Volkes nicht entziehen können. Sie haben sich damit taktisch klüger erwiesen, als die alten bürgerlichen Parteien. Aber zugleich haben sie sich selbst ad absurdum geführt. Denn ein demokratischer Faschismus ist sinnlos. Die Kerntruppe des Sieges in London wie in der Schweiz war jedenfalls die Arbeiterschaft. In all den Ländern, in denen der bürgerliche Konservativismus die Arbeiterschaft niederschlägt, zerschlägt er zugleich die Demokratie und bahnt dem scheinrevolutionären Faschismus den Weg. In Deutschland tat das Papen, in Oesterreich tut es soeben Dollfuß. Der wahre Schuß der Demokratie liegt bei den großen Arbeiterbewegungen. Werden die träumenden demokratischen Ideologen in anderen Ländern es jeßt endlich begreifen? Argus. Die mißbräuchliche Anwendnug der Hast wird der Minister- Präsident in Zukunft unnachsichtlich ahnden. Dienststellen der Partei oder der Verbände dürfen Festnahmen von sich aus nicht tätigen. Bei'Nicht- beachtung dieser Anordnung ist von der zuständigen Behörde sofort hiergegen einzuschreiten und dem Ministerpräsidenten umgehend Meldung zu erstatten. Adolf, der Bager Der Einheitsstaat ist proklamiert, aber die Länder be- stehen fort wie bisher. Sie im Reich wirklich aufgehen zu lassen, ist schon deshalb unmöglich, weil zu viele Nazi- Konzen an der Beibehaltung hoch bezahlten Posten inter- essiert sind. Am Sonntag gab es in München einen feierlichen Kay- rischen Staatsakt. Man veranstaltete ein Iahrgedächtnis der Machtergreifung in Bayern. Auch der Reichskanzler sprach und sagte nichts. Diesmal kein Wort über seine „Erfolge" und erst recht nichts über seine Pläne. Trotz- dem hat die Rede weltgeschichtliche Bedeutung, wie alles, was aus SEINEM Munde kommt. Mittendrin ernannte sich der Reichskanzler Adolf Hitler zum Bayern: „Ich habe seinerzeit erklärt, daß ich, der Bayer, in meiner Eigenschaft als Reichskanzler dafür einstehe, daß gerade dieses Bayern hier jederzeit zu den Treucste» derTrcucn gerechnet werden kann. „Ich. der Bayer..." Geboren ist Herr Hitler in Oesterreich, Soldat war er allerdings in einem baye- rischen Regiment, eingebürgert wostte er werden in Thüringen, nämlich als Gendarmeriekommissar in Hildburghausen, eingebürgert wurde er dann in B r a u n- schweig als Regierungsrat, denn der Freistaat Bayern wollte, solange er noch eine freie Regierung hatte, den hemmungslosen Demagogen nicht als Staatsbürger haben. Aber jetzt heißt es:„Ich, der Bayer..." Das braucht nicht zu hindern, daß Hitler, da er ja zur Zeit in der Reichskanzlei wohnt, nächstens im Lustgarten redet: Ich, der Berliner... Oer Kapitalismus fuhrt Reichswirtschaftsminister Schmitt wird über die ständische Neuordnung sprechen DNB. Berlin» 12. März. Reichsivirtschaftsminister Dr. Schmitt hält am Dienstag, dem 13. März, vormittags 11 Uhr, im großen Sitzungssaal des Rcichswirtschaftsraies vor Vertretern der Industrie, des Handels, des Handwerks, des Reichsnährstandes und aller übrigen an der Wirtschast be- teiltgten Kreise einen Vortrag über das Gesetz zur Vor- bereitung des organischen Aufbaues der deutschen Wirtschaft. Der Reichswirtschaftsminister wird hierbei Aufschluß dar- über geben, in welcher Form und wie weit er von der ihm erteilten Ermächtigung zur Neuorganisierung der deutschen Wirtschaft Gebrauch machen wird. liegen vonmergne Kampfansage der Sozialisten bnb. Paris» 12. März. Eine Entschließung, die der Ratio- ualrat der Sozialistischen Partei am Sonntagabend mit er- drückender Mehrheit angenommen hat, fordert die Landes- verbände auf, gegen die gegenwärtige Regierung, die durch den„bewaffneten Ausstand" ans Ruder gelangt sei. ent- schlössen« Opposition zu betreiben. Die Sozialistische Partei fordere die Parlaments- und Wahlrcform, die Auflösung der Kammer sowie die Uebernahme der RegterungSgewalt. Der kommende Kampf mache ein engeS Zusammengeben mit der Arbeiterklasse notwendig, wobei man sich jedoch nicht durch die Manöver der kommunistischen Führer beeinflussen lassen dürfe, sondern im Gegenteil versuchen müsse, sie durch besonderen Eifer zum Scheitern zu bringen. Vor dem Bürgerkrieg? Die Madrider verproviantieren sich Madrid, 12. März. Trotz der beruhigenden Erklärungen der Regierungen und ihrer vorbeugenden Maßnahmen gegen einen politischen Generalstreik, ist die Beunruhigung in allen Teilen der Bevölkerung groß. Die Lebensmittelgeschäfte werden ausgekauft, weil man sich mit Lebensmittelvorräten versieht. Die Sorge, daß es zu einem Bürgerkrieg kommen werde, ist allgemein. Mordtat In Saarlonls In der Nacht vom Freitag aus Samstag ereignete sich in Saarlouis eine schreckliche Bluttat. Das Ehepaar Wilhelm H o t o p p wurde um 12.80 Uhr durch mehrere Schüsse aus dem Schlafe geweckt. Herr H. durcheilte sämtliche Räume der Wohnung und fand seinen 83jährigen Sohn Erwin im Borzimmer seines Schlafzimmers blutend und fast leblos auf dem Boden liegen. Der herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod des jungen Mannes feststellen. Die Polizei wurde sofort benachrichtigt. Der Batcr gab als vermutlichen Täter einen früher bei ihm beschäftigten Schreinergesellen Eugen Funk aus Fettenbach an. Dieser bedrohte seit seiner Entlassung dix Familie Hotopp fort- gesetzt. Nach längerer Vernehmung und unter der Last des BewetSmaterialS gab er schließlich die Tat zu. Ausschreitungen beim Boxkampf Gegen den Ringrichter PariS, 12. März. InLtlle kam es im Anschluß an einen Boxkampf zu heftigen Zwischenfällen, weil das Publikum das Urteil der Ringrichter im Hauptkampf für parteiisch erklärte. Ein großer Teil der Anwesenden gab seinem Un- willen dadurch Ausbruck, daß er den Boxring mit sämtlichen greifbaren Gegenständen bombardierte. Andere Zuschauer versuchten den Ring in Brand zu stecken. Schließlich gelang es einem anwesenden Polizeikommissar. sich Gehör zu vcr- schaffen und das Publikum selbst abstimmen zu lassen. Mit über 200 gegen 48 Stimmen wurde der von dem Ringrichter als Punktsieger erklärte Boxer zum Besiegten erklärt. Goldlunde in Südafrika London, 12. März. Die„Times" meldet aus Bloemsontcin: Goldfunde, die in der letzten Zeit gemacht worden sind, haben zu der Vermutung Anlaß gegeben, daß sich in Transwal und im Oranje-Freistaat eine Goldader befindet, die sich über einen Kreis von annähernd b0 Kilometer Durchmesser und IM Kilometer Umfang erstreckt. Mittelpunkt de» Kreise» ist die Stadt ParyS. Proben von Gold, die an verschiedenen Stellen gefunden wurden, ergaben durchschnittlich 7 Penny Gewicht je Tonn«. Um den Donauraum Italien und die deutsche Balkanpolitik Rom, 12. März. Der ungarische Ministerpräsident Gömbös ist in Begleitung des italienischen Gesandten in Ungarn Prinz Eolonna hier eingetroffen. Der österreichische Bundes- kanzler Dr. Dollkuß wird am Dienstag mit dem Flugzeug erwartet. Die Gäste werden mit großen Ehren empfangen. Am Mittwochabend ist ein großes Galadiner bei Mussolini. Am Donnerstag gibt ihnen der König ein Frühstück. Am Abend ist eine Fcstvorstellung in der Oper. In der Presse wird noch einmal unterstrichen, daß es sich nur um wirtschaftliche Fragen handele, die zwischen den drei Staatsstthrcrn besprochen würden. Deutschland solle nicht übergangen werden, es habe sich aber einstweilen durch sein renitentes Verhalten ans der Wirtschaftskonferenz von Stresa selbst ausgeschlossen. Man erwartet demnächst den tschechischen Außenminijter Benesch in Rom und verspricht sich davon eine Milderung der Spannung zwischen Italien und der Kleinen Entente. Mit großer aber etwas spöttischer Aufmerksamkeit ver- folgt man die Versuche Deutschlands, nachdem seine öfter- reichische Politik eine entscheidende Niederlage gesunden hat, Freie Synoden Oer Pfarrernotbund ist wieder aktiv sich durch die Kleine Entente und durch Jugoslawien in die Fragen um den Donauraum einzuschalten. Es sollen Ver- Handlungen über einen Nichtangriffspakt zwischen dem Deutschen Reich und der Tschechoslowakei im Gange sei». Deutschland hofft, bei der Kleinen Entente Entgegenkommen zu finden, da nun die Frage des Anschlusses Oesterreichs an Deutschland erledigt sei und die Tschechoslowakei befürchten müsse, daß der italienische Einfluß in Oesterreich und im ganzen Gebiet die Interessen der Tschechoslowakei zurück- drängen werde. Man hält hier diese deutsche Politik für illusionär, da die Tschechoslowakei sich weniger vor Italien als vor Deutschland fürchte. Infolgedessen sei es wahrschein- lich, daß Prag trotz starkem Druck von deutscher Seite die italienische Führung im Tonaugebiet vorziehen würde, und man weiß zum mindesten, daß B e n c s ch diese Haltung ein- nimmt. Andererseits sei es durchaus verständlich, wenn Jugo- slawien Deutschland als seinen natürlichen Verbündeten gegen Italien ansähe, und es könne daher wohl dazu kom- men, baß die künftige Entwicklung den Zusammenhalt der Kleinen Entente auf eine harte Probe stelle. Nun hat sich der Pfarrernokbund noch einmal zu einer großen Offensive gegen die mit der Staatsmacht verbundenen „Deutschen Christen" aufgerafft. Er organisiert jetzt„freie Synoden", die die Aufgaben haben, die Opposition zu sammeln und die Verteidigung der evangelischen Lehrer gemäß dem Augsburger Glaubensbekenntnis von 1530 durchzuführen. Unter der Führung des Pfarres Jakoby, der an der Kaiscr-Wilhelm-Gedachtniskirche predigt, wurde schon in der vorigen Woche eine solche„freie Synode" gegründet. Es handelt sich um den gleichen Pfarrer, der vor etwa sechs Wochen von„Deutschen Christen" überfallen und in seiner Wohnung schwer mißhandelt wurde. Dem mutigen Manne gebührt die allgemeine Achtung, in welcher Lage man auch stehe. In Berlin-D a h l e m, wo Pfarrer N i e m ü i l e r trotz feiner Absetzung weiter seine gläubige Gemeinde führt, trafen sich am Tonntag einige hundert Anhänger der Opposi- tion. Unter ihnen sollen mehr als 300 Pastoren aus dem Rerliu-Brandenburger Kreise gewesen sei». Man nahm eine Entschließung an, die ein' scharfes kämpferisches Bekenntnis enthält. In jeder Psarrerei soll eine entsprechende religiöse Vereinigung der Mitglieder der evangelischen Kirche gegründet werden... ■*' Die Gründung solcher„freien Synoden" ist in vollem Gange. In Pommern, vor allem aber in Rheinland- Westfalen, wo Bischof O b e r h e i d. der„Chef des StabcS des Reichsbischoss", residiert. Am Sonntag Hielt j^berheid in Düsseldorf eine sorgenerfüllte Rede, worin er Mit ver- hältnismäßig sanften Worten erklärte, daß die Kirche auch ihre äußere Form ändern müsse, wenn sie im neuen Staate stehen wolle. Oberbeid kündete finstere Strnkturverände- rungen" an, denn Führung und Einheit, wie sie im Heuligen Pas Neueste Der deutsch-französische Handelsvertrag, der am 10. Januar von der frauzöfischen Regierung gekündigt worden war und nach Ablauf der Kündigungsfrist am 20. April außer Kraft trete» mußte, ist auf Grnnd einer gemeinsamen Ber- einbarnng bis zum 20. Mai verlängert worden, um den Regierunge» mehr Zeit zur Ausarbeitung eines neuen Ber- träges zu lassen. Im französischen Kolonialministerium sind Unregelmäßig- ketten aufgedeckt worden, die dem Staat einen Verlust von 22,7 Millionen Franken gebracht haben. Sin französischer Arttlleriehauptmann und Inspektor deS Artilleriematerial-Lagers von Mailly ist Sonntagnachmittag aus dem Schnellzuge PariS—Metz gestürzt und von dem darauf folgenden Straßburger Schnellzuge überfahren worden. Er war ans der Stelle tot. Man vermutet, daß er zur Toilette wollte und sich an der Tür irrte. Staat herrschten, müßten auch in die Kirche einziehe«. Diese Bemerkung des Herrn Stabschefs und Bischofs läßt erkennen, daß man mit weiteren Vergeltungsmaßregeln der offiziellen Kirchenleitung gegen die widerspenstigen Pfarrer rechnen muß. Die Lage in der evangelischen Kirche ist unsicherer und ver- worrcner als je zuvor. Während Müller ein zentralistischeS und autoritäres Regiment durchführen will und alle terroristischen Mittel dafür bereit hält, wehrt sich ein großer Teil der Gläubigen unter Führung ihrer Geistlichen gegen die Unterdrückung der evangelischen Freiheit. Man ginge zu weit, wenn man darin die Anfänge eines kirchlichen TchiSmaS erblickte. Aber die stark vom Calvinißmus beeinflußten Strömungen in Rheinlang und Westfalen scheinen mit dem drößte Aufgebot an Widerstand ihrer alten Synodalrechte sich verteidigen zu wollen. *'iL Inzwischen sind die Neuheiten gesammelt, in der„Deut- scheu Glaubensbewegung", emsig tätig. In Braunschweig sprach in einer Versammlung ihrer deutschen Klaubens- bewegung der bekannte Graf Reocntlow. ES kam zu stürmischen Kundgebungen. Revcntlow behauptete, daß die deutsche Glaubensbewegung bereits über 2 Millionen Mit- glieder habe. Fünffechstel des Führerrats der Bewegung be- ständen aus alten Nationalsozialisten. Bemerkenswert ist. daß bereits von evangelischer Seite der deutschen Glaubens- bewegung der Vorwurf gemacht wird, sie sei^iy Deckmantel für die° Fteidetttei's Dr. phil Georg Kram er/ der ver- antworlliche Leiter des alten ,.F r ei d e n^er s" gebe setzt die„Deutsche Klaubenswarte" heraus, das Organ der Arbeitsgemeinschaft der„Deutschen Glaubensbewegung". Es ich interessant, diesen Zusammenhängen nachzuspüren. SO 000 Waldarbeiter aus der Gegend von Dax in Frank« reich Haben beschlossen, am 18. März einen Protestmarsch nach Mont de Marfan anzutreten, um gegen den Beschluß des Finanzansschusses des Senats zu protestieren, der ihnen die Krisenznlage abgeschlagen hat. Die türkische Stadt Eskischeir steht durch die Ueberschwem. mong des Flusses Porsuk zum größte« Teil unter Waffer. In einige» Stadtvierteln steht das Wasser sieben Meter hoch. Eine große Anzahl von Wohnhäusern find vollkommen über- schwemmt. Man befürchtet, daß bei einem weitereu Steigen des Wassers die ganze Stadt völlig überflutet wird. Durch ausgedehnte Bnschbrände wurden am Samstag«n» weit von Adelaide fAnstralieuj drei Hänser zerstört. Hnn» derte von Freiwilligen waren zum Löschen des Feuers her» beigeeilt. In anderen Teilen Sttdanftraliens wüten ebeuiallS Brände, durch die viel Buschwerk und Weideland vernichtet wird. Seit acht Tagen leidet das Land unter einer Hitzewelle; in Adelaide wurde ein« Temperatur von S8 Grad Celsius verzeichnet. Nordisches Element Frankreichs Französischer Literat und deutscher Werkprofessor Anfang dieses Jahres fand in Berlin ein deutsch-französi- schcs Jugendtreffen statt, auf dem man sich gegenseitig viele schöne Worte sagte. Dem„Zug der Zeit" entsprechend, machten die Deutschen in Frieden und Versöhnung mit Frankreich, wie weiland im„liberalistisch-marxistischen deutschen Sau- stall". Ein Lump, wer schlechtes dabei denkt. Am letzten Tag. Der Reichsschrifttumskammerherr Hans Friedrich Blunck hielt das Schlußwort. Ihm antwortete der französische Dichter Drieux la Rochelle. Nach dem „Völkischen Beobachter" sagte der Franzose sinngemäß: „Aufgabe des Schriftstellers sei es nun, auch die deutsche Art in Frankreich verständlich zu machen. Eine besondere Verpflichtung habe in dieser Beziehung der germanische Nordfranzose, und Schriftsteller wie Rimbaubiüet haben dies auch schon erkannt. Die Literatur des neuen Deutschland werde drüben starkes Interesse finden." Schöne Worte. Zweispaltig überschreibt der„Völkische Beobachter" seinen Artikel:„Das nordische Element als Bindeglied zwischen beiden Völkern" nnd bemerkt im Text: „Diese Worte von La Rochelle über das nordische Element als Bindeglied zwischen beiden Völkern macht aus die Ver- treter des jungen Deutschland und Frankreich einen tiefen Eindruck." Inzwischen dürfte auch Pg. Banse. Professor der Wehrwissenschaft, aus guten Gründen zur Zeit im Hinter- grunb der Hitlerschen Schaubühne tätig, diese schönen Worte gelesen und sich sein Teil dabei gedacht haben. „Das germanische Element"— so mag Pg. Banse gedacht haben, denn so hat er es in seinem Buch„Raum und Volk im Weltkriege" auf Seit« 232—233 wörtlich geschrieben:„ist Frankreichs SauptlebenSnerv. von ihm allein geht jener Strom von Unruhe aus, der feit Mitte des 17. Jahrhunderts Europa immer wieder erschüttert und Frankreich als Bormacht auf dem Festland sehen will. Dieses germanische Element zu schwächen, ja, womöglich auszurotten, ist eine der wichtigsten Ausgaben einer zukünftige» Befriedung der Welt. Schonungslos geführte Kriege, welche die Zahl dieser Kriegerkaste Frankreichs wirksam verringern— Ueber- ftthrung von Teilen etwa nach einem späteren(?) deutschen Osten, wo sie schnell eingedeutscht werden würden—. Ber- Mischung der im Lande Verbleibenden mit Südländern und Negern— fortschreitende Kinderbeschränkung—, das alleS sind Möglichkeiten französischen Niederganges. Wir sehen da- her das Problem unserer zukünftigen Beziehungen zu Frank- reich nicht bloß politisch und militärisch, sondern auch raffe- kunblich an. Die blutliche Entnorbung Frankreichs muß zu einer der wichtigsten wehrwissenschaltlichen Maßnahme Deutschlands werden, denn nur aus diese Weise kann unserem Nachbarvolke die geistig schöpferische und körperlich leistungs- fähige Vollkraft sgcmcint das germanische Element. T. Red.) genommen werden. Durch die auf Seite 220 seines Buches vorgeschlagene Grenzvorlegung, hinter welcher die iranzö- fische Sprache binnen einem halben Jahrhundert könnte aus- gerottet werden, würde der Vorgang natürlich wirksam unterstützt." Die Literatur des neuen Deutschland, so meinte La Rochelle, wird in Frankreich starkes Interesse finden. Ob sie den Interessen Deutschlands dient, das wollen wir nach ber Lektüre des literarischen BestialiSmus eines Banse dem Urteil unserer Leser überlassen. Wir identifizieren nicht da- mit das deutsche Äolk, daS ebenso den Frieden erhalten will wie daS französische Äolk. ES kam uns nur darauf an, die gemeingefährliche Doppelzüngigkeit ber„neuen Männer" Deutschlands an diesem klassischen Beispiel erneut zu kenn- zeichnen. London und die Schweiz Zwei große Erfolge Oes Soziallsmus und der Demokratie labourüehrhelt in London Mit den Kanonen hat der österreichische Faschismus das rote Wien bezwungen. Bier Wochen später entsteht aus dem freien Willen des Volkes das rote London. Das Mär- chen vom Niedergang der sozialistischen Bewegung wird durch den gewaltigen Sieg der englischen Arbeiterpartei widerlegt Die einzelnen Formen sterben ab oder werden zerschlagen, aber der Sozialismus lebt uud sucht nach der ueueu Gestalt, in der er zur Eroberung der Welt schreiten wird. Groß ist der Londoner Sieg. Groß ist aber auch die Ausgabe, die die englischen Sozialisten jetzt zu lösen haben. Die Konservativen, die in London als Partei der„kommunalen Reform" auftreten, haben sich diesmal ausdrücklich als „Antisozialisten" bezeichnet. Sie forderten die Wähler auf, die Eroberung von London durch den Sozialismus zu ver- hindern. Sie wollten die sozialistische Bewegung in allen ihren Formen treffen. So hat ein Teil ihrer Presse dem Bei. spiel des deutschen Nationalsozialismus folgend, den Wahl- kämpf mit einem gehässigen Feldzug gegen die Genossen- schastsbewegung verbunden. Der kommunale Wahlkamps er- hielt einen ausgesprochen politischen Charakter, und heute kann auch die Presse der besiegte« Partei nicht bestreiten, daß der sozialistische Sieg iu London eine gewaltige allgemein- politische Bedeutung hat. Tie Konservativen hatten 1906 einen ähnlichen Sieg in London gehabt, als sie die liberale Mehrheit im Londoner Stadtparlament beseitigt hatten. 27 Jahre ununterbrochen beherrschte sie dann London. Nicht einmal in der Zeit des groben Aufstieges der Arbeiterpartei nach dem Kriege schien die konservative Herrschaft in London bedroht zu sein. Wie unerschütterlich diese Herrschaft war. zeigt uns folgende Zu- sammenstellung, in der die Wahlergebnisse seit 1904, als die Liberalen zum letztenmal die Mehrheit hatten, bis 1931 wiedergegeben werden: 1904 1907 1913 1919 1922 1925 1928 1931 Konservative 35 71 67 68 82 83 77 83 Liberale 81 37 49 40 26 6 5 6 Arbeiterparte« 1 1 2 15 16 85 42 85 Jetzt sind die Liberalen aus dem Londoner Stadtparlament völlig verschwunden, die Konservativen sind von 83 auf 55 zurückgegangen und die Arbeiterpartei hat mit 69 Sitzen die absolute Mehrheit erobert. Die Arbeiterpartei hat ihre Stimmenzahl seit den Wahlen von 1931 um 60 v. H. erhöht und hat um 16 v. H. mehr Stimmen als die Konservativen erhalten. Es wird auch in der konservativen Presse zugegeben, daß dieses Ergebnis ein sehr wichtiges Zeichen für die allge- meine Richtung der politischen Entwicklung ist. Die englische Arbeiterpartei hat eine außerordentlich schwere innere Krise durchgemacht. Nach ihrer Niederlage im Herbst 1931 wurde prophezeit, baß sie die Aussicht auf eine führende politische Rolle mindestens für ein Jahrzehnt ein- gebüßt hätte. Der Londoner Sieg zeigt, daß die Krise der Partei überwunden ist. Sie gewinnt die innere Kraft wieder, um in allen Fragen der inneren und der Außenpolitik eine feste sozialistische Grundhaltung einzunehmen— eine s o, i a- l i st i s ch e G r u n d h a l t u n g. die sie notwendig braucht für den nächsten Abschnitt ihres siegreichen Weges: Bom rote« London zum sozialistschen England! vlme Kommunisten Bon 62 Bezirken, in die London eingeteilt wird, waren in 8 Bezirken die Kandidaten ohne Wahl als unbestritten be- stätigt. In 59 bestrittenen Bezirken hat die Arbeiterpartei insgesamt 680 000 Stimmen erhalten und die Konservativen 585 000. Da in jedem Bezirk zwei Abgeordnete gewählt wer- den und jeder Wähler dementsprechend zwei Stimmen ab- gibt, so ergibt sich für die Arbeiterpartei die Wählerzahl von 340 000 und für die Konservativen von 295 000. Die Kommunisten haben insgesamt 18 Kandidaten anfge, stellt»nd 8 77V Stimmen erhalten, was der Wählerzahl von etwa 4 4VV entspricht. Die Arbeiterpartei hat also fast 80 mal so viel Stimmen erhalten wie die Kommunisten. Beachtenswert ist, daß der Inder Saklatvala, der jahrelang das kommunistische Mit- glied des englischen Parlaments war, in seinem Bezirk Bat- terseo-Nord nur 577 Stimmen erhalten hat, während für die beiden Kandidaten der Arbeiterpartei im gleichen Bezirk 8 334 und 8 325 Stimmen abgegeben wurden. Die unabhängige Ar- beiterpartei hat in einem Bezirk zwei Kandidaten aufge- stellt, die auf sich nur eine unerhebliche Stimmenzahl gesam- melt haben. Da in diesem Bezirk die Arbeiterpartei keine eigene Kandidaten aufstellte, so haben diese Sonderkandidaten auch keine Zersplitterung der sozialistischen Stimmen beivirkt. Neuwahlen? Gemeinsame kapitalisitsche Front gegen die Arbeiterpartei? dnb. Paris, 12. März. Der Ausgang der Londoner Stadt- ratswahlen vranlaßt den„ Temps" zu einer Be- trachtung der innerpolitischen Lage in England. Das Blatt erklärt, daß zwar eine Strömung gegen das Kabinett Macdonald vorhanden sei, baß es aber noch nicht feststehe, ob sich diese Strömung gegen die persönliche Politik Mac- donalds oder gegen die Zusammensetzung seines Kabinetts richte. Die Londoner Wahlen hätten außerdem unter so un- gewöhnlichen Umständen stattgefunden, daß man aus ihnen keine Rüa>chlüsse für spätere Parlamentswablen ziehen könne. Die Wahlbeteiligung sei nur etwa 35 Prozent ge- wesen und es sei anzunehmen, daß gerade die konservativen und liberalen Kreise keinen Gebrauch von ihrem Wahlrecht gemacht hätten. Die Arbeiterpartei bediene sich zwar sehr ausgiebig der Abnutzung des Kabinetts Macdonald auf innerpolitischem Gebiet, des Mißlingen? seiner verschiedenen Initiativen aui außenpolitischem Gebiet und der Un- entschlossenbeit, die sich in Reaierungskreisen selbst bemerk- bar mache. Man müsse auch feststellen, daß der Gedanke, das Kabinett unter der Führung eines Mannes, der keine poli- tische Macht hinter kich habe, habe nach der finanziellen und wirtschaftlichen Wiederausrichtung des Landes seine Aufgabe erlebigt, immer mehr an Boden gewinne. Die Frage sei des- halb die, ob die Ausschreibung von Neuwahlen noch lange hinausgeschoben werden könne. Es sei jedoch nicht wahr- scheinlich, baß die Arbeiterpartei aus diesen Wahlen mit einer absoluten Mehrheit hervorgehen würde besonders nach den Ersahrungen, die man mit den Sozialisten in anderen Ländern gemacht habe. Es scheine sehr viel wahrscheinlicher, daß sich aus loschen Wahlen eine geringe, aber kompakte kon- servative Mehrheit herausschäle, oder zumindest eine konser- vativ-liberale Mebrbeit, die gegenüber der Arbeitervartei eine gemeinsame Front bilden würde. Die Stunde für den Sozialismus habe in England ebensowenig geschlagen wie für den Faschismus. * Der sozialistische..Povulaire" ist anderer Auffassung. Er will in dem Wahlsieg von London einen Borboten für den Sieg der Arbeiterpartei bei den nächsten Parlaments- wählen sehen. Die Londoner Wahl, so schreibt das Blatt, ist eine wunderbare Antwort der englischen Arbeiterklasse an die faschistischen Bestien Oesterreichs, die Frauen und Kinder verletzt und ermordet haben, um die Demokratie und das aufbauende und weise Werk des sozialistischen Wiener Stadt- rateS zu zerstören. u Das Sdiweizer„Ordnungsgesefz abgelehnt Zürich. 11. März. jEig. Bericht.! Heute fanden in alle» Kantonen Abstimmungen über drei Gesetzentwürfe statt, die von der konservativen Rechten ein» gebracht waren. Mit Ausnahme eines kleinen extremen Flit, gels waren sämtliche bürgerlichen Parteien sür die Annahme der Gesetzentwürse und nur die Sozialdemokraten dagegen. Bei der Urabstimmung wurden 416 VVV Stimmen sür die Gcsetzesoorlageu uud 486 VVV Stimmen dagegen abgegeben. * Um waS ging es? In erster Linie betraf die Abstimmung den Entwurf zu einem Bundes-Gesetz zum Schutze der öffent- lichen Ordnung. Dieses Gesetz schränkte zunächst das Streik- recht und die Streikmög^ichkeiten der Arbeiterschaft unge- heuex ein, beschnitt das Bersammlungs- und Demonstra- tionsleben und wollte drittens das Milizheer zu einer willenlosen Prätorianergarde machen. Die konservativen Kräfte der Schweiz wollten mit diesem Gesetz den auskommenden faschistischen Regungen in der Schweiz den Wind aus den Segeln nehmen und nach öekann- tem österreichischem Vorbild sogenannte«autoritäre Mittel" anwenden. Die Machtbesugnisse der einzelnen Kantonregie- rungen sollten erheblich eingeschränkt und die militärischen Machtmittel verschärst werden. Der ständige Vormarsch der Schweizer Sozialdemokratie sollte nicht nur gehemmt, son- dern die Tätigkeit der Arbeiterbewegung nahezu unmöglich gemacht werden. Die Perspektiven des Gesetzes waren von einer Tragweite, die angesichts der traditionellen demokra- tischen Freiheit der Schweiz besonders bemerkenswert waren. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß die Rechte diese Gesetzesvorlagen in einen scheindemokratischen Mantel zu hüllen versuchte. Für niemanden konnte ein Zweifel darüber bestehen, daß die Schützer der Demokratie angesichts dieser Gesetzesvorlage nicht auf der Rechten, sondern einzig und allein in der Sozialdemokratie zu finden sind. Den Anstoß zu einem derartigen Angriff hatten die letzten sozialdemo- kratischen Erfolge in Gens gegeben und vor allem die ener- gische Politik, die dort unter der Führung des Sozialdemo- kraten Nicole betrieben wird. Der gewaltige Abstimmungserfolg der Schweizer Sozial- demokratie ist neben dem Erfolg der englischen Arbeiterpar- tei ein sichtbares Symptom für die kraftvollen Impulse, die die europäische Arbeiterbewegung nach den tragischen Nieder- lagen der Vergangenheit erhalten hat. nehrheit fn hathollsdien Kantonen Bern, 12. März. Ein Vergleich., der einzelnen Kanton- ergebnisse zeigt, daß selbst ein so bäuerlicher Konton wie Bern weitaus mehr Gegner des Gesetzes hatte als Besür- «vorter. Starke Mehrheiten für die Annahme liegen nur aus den katholischen Kantonen F r e i b u r g und T e s s i* vor. Englands Frauen fordern Bezahlung gleich den Männern Frauen, die den verschiedensten Berufen angehören, fanden sich in London zu einem Demonstrationszug in den Trach- ten ihres Standes zusammen, um dafür einzutreten, daß weiblichen Arbeitern künftig dieselben Löhne gezahlt werden wie den Männern in gleicher Position. Derlen neudentscher Kultur Von Mailressen, Kardinalen und verhinderten Königen In der«Nürnberger Zeitung" wird berichtet, daß auf einem Schulungsabend der Büro- und Behördenangestellten in der DAF. Gauredner und Ortsgruppenleiter Rackelmann über die kulturpolitischen Aufgaben des Nationalsozialismus gesprochen hat. Der Redner stellte seinen Ausführungen den Kampfruf voran: «Laßt feiges Pack vom Frieden träumen, wir wollen keine Schlacht versäumen!" Die unsichtbare nationalsozialistische Revolution werde immer mehr um sich greifen und sich im Ge.ste des deutschen Volkes und Staates vollziehen. Man werde auch vor den Herren der Wirtschaft nicht halt machen. Dem^natwnalsoz.a. KftiiAfl« ftiomKfpti aelfe nodj immer Ö08 2öort. Ketttt kanft!ft ei« B°lksv-rrät-r!^ Jeder deutsche Mann unMeöe deutschen Frau müsse es aus V"°ntw°rtungsgefühl gegenüber der Gemeinschaft und Raffe ablehnen,«m ffich-n Warenhaus zu kaufen. Dt- Rückbildung des kap.- tals in deutsche Hände werde sich m einem langsamere» Tempo vollziehen müssen, als es im politischen Leben der Fall gewesen sei., Der Sprecher beschäftigte sich dann in umfassenden Aus- führungen mit den sogenannten„deutschen" Emigranten. Das Alte Testament gebe die beste Ausklärung, daß die Juden nicht das Volk des Heils, sondern des Unheils gewesen feien. Das jüdische Volk, seine Rassenmerkmale und unsauberen Prak- tiken würden sich wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte hindurchziehen. s„Die Judensrage ist der Schlüssel zur Welt- geschichte.") Auch die Segnungen der Inflation und die Aus- beutung des deutschen Volkes während der letzten 14 Jahre seien den Juden zuzuschreiben. Zur Frage der Religion äußerte der Redner, daß der Nationalsozialismus kein modernes Heidentum, sondern das wahre, jüdisch uuver- fälschte Christentum predige. Die Religion sei nicht in Gefahr, wohl aber gewisse Herren. In diesem Zusammenhange machte der Sprecher Mitteilung von einer Aussage des Gaupropagandaleiters Holz, der zufolge man ungläubig den Kopf schütteln müsse über die Maitressenwirtschaft katholischer Geistlicher, die durch die Sittenpolizei ausgedeckt sei. Der Herr Kardinal Faulhaber solle ruhig die Germanen der Forschung überlassen und zweckdien- licher über das Christentum predigen. Im Hinblick aus beide Konfessionen wurde festgestellt, eS gehe sogar soweit, daß man sich um des Buchstabens willen in der Bibel bekämpfe, nur um daS Volk zu verwirren, zu oerhetzen und ausein- ander zu bringen. Die beiden Konfessionen würben ihr Da- lein lediglich Adolf Hitler und seinen Nationalsozialisten ver- dünken. Der Redner nahm auch noch kurz zur Frage der Monarchie Stellung. Die deutschen Arbeiter hätten am 12. November bewiesen, daß sie urdeutsch seien. Dagegen hätte es der ehemalige König von Württemberg und der Krön- prinz Rupprecht von Bayern nicht für nötig befunden, an die Wahlurne zu gehen und ihre Stimme für die Einigkeit des Volkes abzugeben. Diese Herren sollten nun ja nicht glauben, daß man sich beeilen werde, ihnen den Thron unterzuschieben und die Krone auss Haupt zu setzen. Am deutschen Wesen werde die Welt genesen. Der nationale Sozialismus werde in alle Welt hinausstrahlen. * Ein„Staatsfeind" Wegen Borbereitung zum Hochverrat, Presse- vergehen? und Aufreizung der Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten verurteilte das Reichsgericht am Dienstag den 31jährigen Werkzeugdreher Emil Risch« aus Krefeld zu zwei Jahren, drei Monate» Gefängnis. »Deutsche Freiheit" Nr. 60 A1BBIT UMD WIRTSCHAFT Dienstag, den 13. März 1934 Der Geldumlauf Der Gesamtwert der industriellen Erzeugung hat im Januar 1034 nach Ermittlungen des Instituts für Konjunkturforschung einen Betrag von 3,79 Milliarden erreicht. Damit wird der Produktionswert des Januar 1933 um über drei Viertel Milliarden übertreffen. Innerhalb der Gesamtproduktion, deren Indexziffer jetzt noch um 22,2 Prozent hinter dem Jahresdurchschnitt 1928 zurückbleibt, hat die Produktion» güterindustrie iin letzten Vierteljahr die stärkste Erzeugungsaus weit nng erfahren: Der Index hat sich von 61,9 im Oktober auf 71,7>bt ein besonders charakteristisches Spiegelbild des krausen Durcheinanders, das durch Hitler auch auf religiösem Gebiet entstanden ist. Ziel der„Deutschen Bvlkökirche" ist die Umwandlung der evangelischen Kirchen in eine Form. die nur noch einen völlig untrennbaren Teil der Nazilchrc darstellen soll. Tie„D. V." t>at die radikalen Agitationssormcn der„Teutschcn Christen", die von diesen aus politischen Gründen verlassen wurden, wieder aufgenommen. Von den Veranstaltungen der„D. V." wird nur selten berichtet, aber sie sind besonders interessant und zwar nicht nur wegen der Reden, sondern vor alle» Bingen auch wegen der Slcusseruugcu der Bersammelten. Aus ihnen ist am klarsten erkennbar, wie die National- wzialisten zur Religion im ganzen und zur christlichen im besonderen sich stellen. Tic Versammlungen zeigen den Masscnfanatisuiuö der Bewegung und die Art, wie er von den Führern noch gesteigert wird. * In einer der letzten Versammlungen, so berichtet„Man- chester Guardian", sprach als erster der Pg. Fleisa.„Tie Opposition," so sagte er im Hinblick ans den von Professor Barth geführten Notbund,„ist nicht nur gegen die »T. Chr" und unsre„D. Volkskirche" eingestellt, sondern richtet sich gegen den nat'onalsozialiftischen Staat selbst." Dabei führte er Stellen aus der oppositionelle» Zeitschrist «Lunge Kirche" an, die besagen: Es kann niemals Aufgabe der Kirche sein, von ihren Geistlichen zu verlangen, dass sie alle der gleichen politischen Meinung sind... Ott dieser Aeußcrung, so meinte Pg. Flcssa, ist die dem Nationalsozialismus feindliche Einstellung dieser Geistlich- U'it zu sehen. Bei dem Verlesen der Stellen riefen die Ver- sammelte»:„Schande, Gemeinheit, Reaktion!"„Tic Geist- lichkcit von Pankow," so sagte Pg. Flcssa ivcitcr,„denkt auch so Ta habt jhr z. B. an der Tür der Hosfnungskirche ein Freimaurerzeichen, das Dreieck mit dem Auge als Beweis." Tag Zeichen ist dabei als christliches Symbol über den ganzen Kontinent verbreitet und gar kein ausschließlich frei- wanrcrisches Zeichen. Die Bibel hinter SthloO und Riedel „Viele echte Nazis," so sagte Flcssa weiter,„können un- möglich ihren Fuß über diese Kirchcnschwclle setzen, denn sie wissen, daß Freimaurer die schlimmsten Feinde von Hitlers Weltanschauung sind. Man habe eine» Vorstoß gemacht, um die Entfernung des Frciinaurerzcichens und seinen Ersatz durch das Christenkrcuz mit der aufgehenden Hakenkreuz- sonne zu erreichen. Aber diese Forderung sei auf Grund eines Memorandums abgelehnt ivordc», in dem ein Pro- feffor Ttu hlfauth sagt:.„Das Gotteöaugc sei ein ganz altes Zeichen und außerdem ist auch die Lehre nach den Propheten allen Völkern gegeben." Ausgerechnet Juden sind hier wieder die Kronzeugen," schloß hier Pg. Flcssa und von den Versammelten wurde geschrien:„Schon wieder mal das alte Testament!" Fleffa bekannte sich dann als Verehrer Odins. Er habe zwar noch eine Bibel zuhause, aber sie set von ihm hinter Schloß und Riegel gelegt, damit sie sein sechzehn- jähriger Sohn nicht in die Finger kriege. Die Meinung des Professors Stuhlfauth könne er nicht teilen, eS käme auch gar nicht darauf an. woher das Treieckzeichen komme, es sei jedenfalls ei» Freimaurerzeichcn und habe zu vcrschwin- den. Tie Geistlichkeit hätte unter keinen Umstände» Hinder- nisse in den Weg zu legen„Reaktion aus der ganzen Linie," schrie» die Versammelten. Als Pg. Flcssa dann einige Geistliche von Pankow kriti- sicrte, gabs Zwischenrufe: „Die gehören gehängt!" Al? er von der Gleichschaltung der evangelischen Jugend- organisationcn sprach, rief ein Anwesender:„Tas ist ein Unglück!" Sofort brach ein Aufruhr loS.„Wer hat das gesagt?" schwirrten die Rufe durch den Saal. Man fand den Rufer aber nicht und schrie:„Gemeinheit! Sabotage! Wo'st der Schuft?! Haut den Lump ransl" Es dauerte eine ganze> Zelt, vis wieder Ruhe im Saal wurde. Als Pg. Flcssa gesprochen hatte, dankte ihm der Vorsitzende für seine„ganz ausgezeichnete Rede" und rücht« noch einmal den Zivischenrufer. TaS sei ein Unglück, daß es noch Leute mit solchen Ansichten gebe. sLauter Beifall!) Was zur Bibel vom Nazistandpunkt aus zu sagen ist. Als nächster Redner in dieser Kundgebung trat dann Tr. Krause auf, der Mann, der vor kurzem im Berliner Sportpalast m der Massenkundgebung der„Deutschen Car'sten" das„Alte Testament" so schwer angcgrisscn hatte. Es sei nicht richtig, so jagte er. daß er den geistigen Inhalt d r Kirche angegriffen habe. Was er aber immer angreife» werde, das seien die„«iehtreiber- und Zuhältergeschlchien tcs alle» Testaments". Tieier Satz ist übrigens In der gleichen Form auch in dem Buche Rotenbergs„Der Mvthus des XX. Jahrhunderts" zu finden, dem Buche des geistigen Nährvaters der Bewegung und nun Leiters der gesamten Bildnngsarbeit im„dritten Reiche". Krause meinte weiter, daß diele alttestamentarischen Geschichten nicht Substanz der Kirche, sondern unmoralische Angelegenheiten sind. Tie Zu- Hörer riefen hier: „Lauter Schweinereien!" Es!ei völl'g falsch, den Nationalsozialismus vom Stand- vunki der Bibel oder der Kirche her zu beurteilen-«ei», die Beurteilung von Bibel und Kirche vom Nationalsozia. Volkskirche „Nach Oranienburg! M Hitlers grSflte lat Cndgülti^e Rettung der diristlidicn Kirdie vor dem Bolschewismus liSmuS aus, das fei das richiigc. Der Nationalsozialismus verkörpere die Totalität GottcS, denn Gott habe den Deut- scheu beides gesandt: Einen Führer und eine neue Zeit! „Tie alte Kirche mnß verschwinden," meinte Dr. Krause dann. Man müsse den Mut haben, in der Reformation weiter als Luther zu gehen und die Kirche in„artgemäßcm Geiste zu reformieren". ES sei das die Tat, die von den„Deut» schen Ehristcn" nicht vollbracht worden sei. Es gelte, die Harmonie zwischen Religion und Naziphilosophie herzu- stellen. Christus müsse als heldisches Borbild ausgefaßt iver- den,' jüdischer Geist dürfe in der neuen Kirche auch nicht in der leisesten Spur und im entferntesten Winkel weiterleben. Bei dieser Stelle der Rebe kamen die Rufe:„Bravo! Sehr richtig! Haut die Juden raus!" „Damit muß endlich Schluß gemacht werden," sagte Dr. Krause,„daß die verworfenste Raffe aus Erden, die Juden, uns immer wieder als das auserwählte Bolk hingestellt werden. Wir müsse», die Arierklansel rücksichtslos anwen- den. Pastoren jüdifckwr Herkunft sollen dorthin gehen, wohin sie gehören— in die Synagoge! sSthrkster Beifall!) Das Lebe,, nnd die Aeußerunge,, großer Deutscher können>n ihrem Werte dem Inhalte der Bibel gleich, gesetzt werden: auch sie sind Gottes Wort. Ter Mensch ist das Kind Gottes, ein Teil von Gott und braucht daher nicht vor seinen Gott mit solchen Gefühlen der Minder, Wertigkeit zu trete», wie das Paulus will. Des Menschen Aufgabe ist die Nächstenliebe— die Nächsten, das ist das eigene Bolk. Das ist deutscher Glaube, alles andere eine in der Art von Paulus verwässerte Sache. Wir brauche» ein„Deutsches Bibelwerk" für alle, in dem sie das Leben »nd die Aeußernngen der große» Deutschen finden." ?i: Angriffe auf Paulus und die Bibel fanden lebhafte Zustimmung. „Oranienburg!" Ein dritter Redner dieser Kundgebung forderte energisch, daß kcke„blutmäßige Führung" jedes kirchliche Dogma nieder- zurenncn habe. Bei der Kritik einiger oppositioneller Pfarrer wurd- der Redner mit folgenden Zwischenrufen unter- krochen:„Unerhört! Schafft sie nach Oranienburg! Oranien- bürg ist viel zu gnt für die Lumpen!" Ein Redner sagte:„Tic Ideen des Sündenbockiheologc» und„Rabbiners" Paulus sind abzulehnen. Sie in Deutsch- land zu lehren ist eine ungeheuerliche Beleidigung und ein sittliches Verbrechen am deutschen Volt. Geistliche, die sich zu solchen Ideen bekennen, gehören nach Oranienburg!" brauste es in diesem Moment durch den Saal. Wir dürfen keinen Glauben hier dulden, der nicht artgemäß ist. Tie Lehre von der Erbsünde muß ausgerottet werden. Wir können als artbewußte Deutsche nicht glauben, daß Christus zu unserer Rettung am Kreuze starb. Hier kamen die Zwischenrufe:„Die Pfarrer sind schon immer die Steigbügelhalter der Juden gewesen! Oranirn- bürg!" Tic Bekehrung, sagte der Redner zuletzt, gehe nicht in der Züchtung vom Haken- zum Christenkreuz» sondern um- gekehrt vom Christen- zum Hakenkreuz vor sich. Nur wenn die„Tcnüche Volkskirche" siegt, kann das„dritte Reich" ein echtes philosophische? Fundament finde». Tie Kundgebung schloß mit dem gemeinsamen Gesang des „Hvrst-Wcsscl-Liedcs". . Theologen Stärme" In der SA. Das geistliche Ministerien hat, wie kirchenamtlich durch den evangelischen Pressedienst mitgeteilt wird, beschlossen, die Neuordnung der theologische» Vorbildung sofort in Angriff zn nehmen. Tie Vorarbeiten werden die theologischen Mit- glicder des geistlichen Ministeriums in Zusammenarbeit mit namhafte» Hochschullehrern, die de»„Teutschcn Christen" angehören i» die Hand nehmen. Für junge Thcolvge» wird der Dienst in der SA. und im Arbeitslager Ehrenpflicht. CS soff eine Art„Theologen-Stürme" gebildet werden. Pfarrer in Schutzhaft In Braunsberg sOstpreußen) wurde der Pfarrer Gnddas in Schutzhaft genommen. Er hatte in Lindenau, Kreis Heilgcnbeil, im Konsirmandenunierricht gesagt:„Tie SA. und die HJ. sollen sich doch nur nicht einbilden, un» vor dcm Untergang bewahrt haben." 2>eutsdke Stimmen•'Beilage zu* ,.Deutschen&reifielt"• Ereignisse und Sesdkidkten Iii® Dienstag, den 13. Mar« 1934 tüsabeth tBecguec pum atw nim aus Es ist nur eine kleine Notiz. Sehr wichtig ist die Sache nicht. Aber eine große Schande braucht oft keine erheblichen Anlässe, um sich zu offenbaren, wie es mit dieser Meldung geschieht: Bei der deutschen Uraufführung des in England hergestellten Filmes„Katharina die Große" kam es zu einem lebhaften Protest gegen die Aufführung. Das Publikum nahm gegen den Film, in dem die Hauptrolle von der früher in Deutschland beschäftigten Filmschauspielerin Elisabeth B e r g n e r gespielt wird und der unter der Regie des Regisseurs Paul C z i n n e r hergestellt wurde, eine ablehnende Haltung ein. Sowohl Elisabeth Bergner als auch Paul Czinner sind bekanntlich vor einem Jahr nach der Machtübernahme durch den Nationalsozialismus aus Deutschland nach England ausgewandert. „Bekanntlich vor einem Jahre"... Was war damals geschehen? Elisabeth Bergner wurde ausgestoßen aus den Bezirken der deutschen Bühne. Dieselben Arier, die kurz vorher der kleinen Frau mit dem schmalen Gesicht und der spröden, doch so unvergeßlichen Stimme zugejubelt hatten, sie entdeckten plötzlich die Rassenschande in der Tatsache, daß ihm eine Schauspielerin jüdischer Abkunft gefiel. Elisabeth Bergner ging mit ihrem Gatten Paul Czinner, dem hervorragenden Filmregisseur, nach England, als man ihr in Deutschland jede künstlerische Tätigkeit auf der Bühne oder im Film unmöglich gemacht hatte. Jetzt kam sie, auf der Leinwand nur, wieder nach Berlin. „Lebhafter Protest." Wer hat protestiert? Man hat auf höheren Befehl S A.- L e u t e zu dieo.r Uraufführung, die in England helles Entzücken hervorrief und Elisabeth Bergner höchste Ehrungen eintrug, abkommandiert. Hier haben sie ihre Pflicht gemäß dem Wunsche des Herrn Propagandaministers getan. Seine Forderung, gegen das Erscheinen jüdischer Künstler auf der Bühne oder auf der Leinwand *(..zuschreiten, ist drei Tage später gegenüber Elisabeth B.rgner parolegemäß erfüllt worden. Zum Ruhm und zur Ehre für Deutschlands Kultur! Aber es kann hier nicht mehr viel in Verlust geraten. Immerhin: solch eine Episode macht im Ausland mehr Eindruck, als der Herr Propagandaminister ahnt, denn die internationale Gemeinde der Filmliebhaber ist groß. Die Pfiffe gegen die kleine Elisabeth Bergner werden Hitler-Deutschland in England, wohin Göbbels viel Propagandageld fließen lassen muß, noch populärer machen. „Jod den Juden!" Die Hintergründe des Sturmes um den Film„Katharina die Große" mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle lassen deutlich erkennen, daß es sich um eine systematisch vorbereitete braune Aktion handelt. In der ersten Vorstellung, an der zahlreiche Mitglieder des diplomatischen Korps teilnahmen, fand er stürmischen Beifall. Erst zwei Stunden später ging das Theater los, um einen Vorwand für das Verbot des Filmes zu haben. Man schrie:„Nieder mit der Bergner! Nieder mit den Juden! Tod den Juden!" Polizeiliches Einschreiten gegen die Demonstranten wurde von dem Berliner SA.-Gruppenführer Ernst verhindert, der in einer Rede das Verbot des Filmes ankündigte. Inzwischen bezeichnete es Kulturdiktator Rosenberg im„Völkischen Beobachter" als einen„Skandal", daß die Frau Bergner unter einem Schutzmantel des englischen Filmes nach Deutschland zurückkehren könne. Immer noch genössen jüdische Künstler und Gelehrte unglaubliche Vorrechte in Deutschland,.» 7 lue kein TJlissoecständnis Antisemitismus„human und tolerant" Nachdem Göbbels das Stichwort für die erneute schärfere Verfolgung jüdischer Künstler gegeben hat, tobt sich die Provinzpresse der Nazis hemmungslos aus.„Der Freiheitskampf" schreibt:„Damit hat Pg. Dr. Göbbels endlich klar und deutlich ausgesprochen, was wir seit vielen Wochen in zunehmendem Maße beobachten konnten: sie alle, die Kreaturen der vergangenen Epoche, scheuen sich nicht, erneut ins Tageslicht zu treten, um ihre verseuchende Kunst unserem Volke ganz unbemerkt wie früher zu vermitteln. Sie, die wir nach hartem Kampfe genau so wie ihre Autoren auf allen Gebieten innerhalb der deutschen Kunst aus dem Felde geschlagen haben, besitzen heute die Kühnheit, wenn nicht zu sagen F r e ch h e i t, unbekümmert um Gesetze und Volk, sich da breit zu machen, wohin sie am allerwenigsten gehören." Und da es ohne die notorische Heuchelei nicht geht, setzt das Blatt hinzu:„Wenn wir heute, nach knapp einem Jahre, schon wieder Grund haben, die alte Klage anzustimmen, so nur deshalb, weil wir immer noch zu human und tolerant auf dem Gebiete der Kunst waren." Nur kein Mißverständnis:„Ein für allemal muß feststehen: Nicht- arier haben auf unseren Bühnen nichts zu s u ch e n!" Sxiuec&cuch A4t> dAw&flC Qanz zaghafte Opposition Der Leiter der chirurgischen Klinik der Berliner Charite, Professor Sauerbruch, nimmt im„Deutschen Aerzte- hlatt" die Hochschullehrer gegen die zahlreichen unsachlichen Angriffe auf deren Gesinnung und wissenschaftliche Einstellung in Schutz. Er schreibt unter anderm: Das deutsche Volk mit seinen Soldaten und Offizieren, die deutschen Hochschulen mit ihren Studenten und Lehrern waren trotz allen Fehlern und Mängeln, die jeder Einsichtige kennt, unantastbares Erbe einer großen Zeit, dem unser Vaterland Weltgeltung und innere Gestaltung verdankt. Irrwege im ganzen und Versagen einzelner Persönlichkeiten waren Kennzeichen einer Zersetzung, die das ganze Volk ergriffen hatte. Den gesunden Kern der deutschen Universitäten— völkische Verbundenheit und Bewahrung überzeitlicher geistiger Werte— haben sie nicht berührt. Die Hochschulen werden die 1 Schäden der vergangenen Epoche aus sich selbst heraus überwinden, wenn ihnen der neue Staat, zu dem sie gehören wollen, Achtung und Mitarbeit bewahrt, auf die sie nach Tradition und Leistung Anspruch haben. Diese Bereitschaft, zu der sich mit mir viele Hochschullehrer bekennen, schließt aber unberechtigte Kritik und Herabsetzung aus. Möge eine in diesem Sinne gehaltene Aussprache mit dem Vertreter der deutschen Hochschulen und dem Reichsführer der deutschen Aerzteschaft die Grundlage für gedeihliche Arbeitsgemeinschaft in der Zukunft sein. Professor Sauerbruch wendet sich schließlich gegen den Vorschlag, den akademischen Unterricht auf eine Fachschulung zu beschränken. Vor einigen Wochen wandte sich der bedeutende Chirurg an die Aerzte der Welt mit einem Aufruf. Er war eine Fürbitte für Hitler-Deutschland und die Errungenschaften der „nationalen Revolution". Die neue Erklärung Sauerbruchs, sehr vorsichtig und zurückhaltend in der Form, gibt erschütternd Aufschluß darüber, wie es mit einer dieser Errungenschaften steht: mit der Freiheit der Wissenschaft. Sauerbruchs Abwehr richtet sich gegen die allzu heftige Gleichschaltung, gegen die Kommandierung der Professoren durch Unberufene, gegen den Versuch, jeden Gelehrten zu diffamieren, der nicht dauernd den Arm zum Hitler-Gruß erhebt. Er protestiert gegen die Militarisierung der Studenten und die Erniedrigung der Universität zu einer Fachschule, wobei die Universität zum nationalsozialistischen Exerzitium gestempelt wird. Sauerbruch ist kein Held. Aber die andern? Sie schweigen. Sie lassen sich alles bieten. Nicht nur das! Sie beugen sich widerspruchslos jener denkwürdigen Entschließung der preußischen Hochschulrektoren, die mit„tiefer Dankbarkeit" an die Adresse Hitlers und Rusts feststellt, daß dem Nationalsozialismus die neue schöpferische Grundlage der deutschen Wissenschaft zu danken sei. Neulich schrieb der„Führer" der deutschen Aerzteschaft: „Der deutsche Mediziner muß erst Nationalsozialist und dann erst Arzt sein." Wir fürchten, daß der zarte Kritiker Sauerbruch sich in Ausschlußgefahr begeben hat. Die ZweiAundeetpeozentigen „Sie sprechen die Vokabeln des National* Sozialismus" Zu diesem Thema schreibt„Der deutsche Student", das amtliche Organ der deutschen Studentenschaft u.„Mit der Gleichschaltung ist das schon ein besonderes Ding. Denn sie hat es hier und da erreicht, daß der 200prozentige Nationalsozialist entstand. Was darüber ist, das ist vom Uebel. Wir müssen den Blick schärfen, jenen 200prozentigen zu erkennen. Wie er sich gebärdet! Wie er eigentlich schon immer ganz radikal rechts(auf dem linken Flügel der Deutschen Volkspartei, das sagt er aber nicht dabei) gestanden habe! Aber das ist oftmals der Harmlose, der Ungefährliche. Es gibt auch Gleichgeschaltete, die gefährlich sind. Sie zu erkennen ist schwieriger, alor auch notwendiger. Sie haben sich die nationalsozialistische Form gegeben, aber am Kern, am Inhalt hat sich noch nichts geändert. Sie sind die Hemmenden, die Ewig-Alten, die am liebsten restaurieren möchten. Sie verfälschen auch den Nationalsozialismus und geben das, was sie im äußeren Gewand des Nationalsozialismus tun, als Nationalsozialismus au*. Sie sprechen mit den Vokabeln des Nationalsozialismus und sind schwer zu fassen. Diese retardierenden Elemente wollen wir nicht! Wir sehen sie auch schon in studentischen Bezirken auftauchen. Derjenige, der den politischen Kampf und die politische Arbeit dort kennt, weiß, was jede Hemmung bedeutet. Wir haben gesehen, wie neue Inhalte, neae Gedanken such neue Formen(Lager, Kameradschaftshaus usw.) schufen, wie viele studentische Brüder an ihre innere und äußere Erneuerung mit Kunst und Leidenschaft gehen, wie sie nach neuen, echten Formen ihrer Gemeinschaftsarbeit und ihrer Feiern suchen. Jene aber machen es ich einfach. Leichtfertigkeit oder Absicht?! Eine Ttneipe»Iten Stils wird„Kameradschaftsabend" genannt, damit basta. Tanzabende der Korporationen, früher im Smoking, werden jetzt in Uniform gemacht und„M anöverball" genannt. Sehr einfach! Sonst hat sich nichts geändert. Alles in allem „Gleichschaltung"! Wir warnen!" JCeinz£iepmann wied nicht dusgeiiefeet Seine Entlassung steht bevor Der Verlag P. N. van K a m p e n en Zoon gibt in den nächsten Tagen das Buch„D a s V a t e r 1 a n d" von Heinz L i e p m a n n erneut heraus. Die Passage, die die angebliche Beleidigung Hindenburgs enthält, ist gestrichen. Im Verlag der Arbeiderspers Amsterdam erscheint, ebenfalls in Kürze, die Ausgabe des Buches in der holländischen Uebersetzung. Heinz Liepmann hat die gegen das Uber einen Monat Gefängnis lautende Urteil eingelegte Berufung zurückgezogen und wird nach Verbüßung der Strafe in den nächsten Tagen entlassen. Die holländische Regierung hat zugesagt, daß Liepmann nicht über die deutsche, sondern über die belgische Grenze abgeschoben wird. Die Zurückziehung der Berufung erfolgte auf Grund der holländischen Gesetzesverhältnisse. Liepmann war wegen Beleidigung und nicht Verleumdung angeklagt. Nach dem holländischen Gesetz kann bei Beleidigungsklagen nicht der Wahrheitsbeweis angetreten werden. Die neue Verhandlung hätte frühestens in drei bis vier Monaten stattgefunden und wäre sicherlich wieder mit einer Verurteilung geendet. Liepmann, der infolge von Mißhandlungen im Konzentrationslager unheilbar nierenkrank ist, hätte nur unnötig seine Untersuchungshaft verlängert. Song, oont Arbeitsdienst Die Schaufeln geschultert, die Köpfe gesenkt, so geht das seit Wochen und Tagen. Von folternden Landsknechten vorwärts gedrängt, und Kohlrübensuppe im Magen! Mensch, Genosse, du stehst hier und grinst— Die drüben lachen nicht— die machen Arbeitsdienst! Das ist des Herrn Kanzlers sozialer Sinn! Das sind die erfüllten Versprechen: Arbeit umsonst! Aber Riesengewinn für die Herrn der Fabriken und Zechen! Dreißig Pfennig pro Tag— und der Fraß— Die drüben lachen nicht— für die ist das kein Spaß!.. Die Gräben gezogen, die Erde gedüngt, und früh und spät Exerzieren— Das Volk wird erzogen! Das Volk wird verjüngt durch Hunger und Prügel und Frieren! Mensch, Genosse, daß d u noch nichts lernst— Die drüben lachen nicht— für die ists bittrer Ernst! Man schaltet die Arbeiter allesamt gleich auf Arbeitslosenrationen— Die Volksgemeinschaft im„dritten Reich" erreicht man mit blauen Bohnen! Das ist dieser Tragikomödie Lauf— Die drüben lachen nicht mehr— die wachen auf!! Stefan Heyn, tine Spcache stiebt Das ist es. was die neuen Herren am schnellsten verändert haben: das Wort. Schwer ist es geworden und holpernd, zu sinnlosem Bläffen ist das Volk, das einst Dichter und Denker sein eigen nannte, zurückgekehrt. Alfred Rosenberg hat recht, wenn er einmal sagte, Hitlers Verdienst sei es, eine 2000jährige Kultur vor dem Untergang bewahrt zu haben. So wie heute werden vor 2000 Jahren die Germanen zu den Römern gesprochen haben, nur daß es sich damals nicht gerade um Oesterreich handelte. Blaß und doch blutig sind diese verquollenen Worte einer vergangenen Epoche, die krampfhaft zur Zukunft gestempelt werden soll. Deutschland, einst das Land der Spitzenleistung für die Kunst des Theaters und des Vortrags, ist in wenigen Monaten zu einem Gebiet geworden, von dem Herr Dr. Göbbels—" Shakespeares Richard III. zitierend— beruhigt sagen könnte: „und Hunde bellen, hink ich wo vorbei—". Menschen dürfen dort nicht mehr sprechen. Eine, die die große Kunst der Sprache beherrschte, mußte von den Veränderungen im Lande schwer getroffen werden, eine, die einmal Berlin bezauberte mit dem Charme ihrer Sprache, eine, deren Vortragsabende draußen am Breitenbach- Platz immer reinsten Genuß spendeten: Ernestine Münchheim. Bis zum Sommer des vergangenen Jahres weigerte sich diese Frau hartnäckig, ihre„Werkgemeinschaft am Breitenbach Platz" gleichschalten zu lassen. Sie trug nach wie vor die Dichter vor, die sie für gut hielt. Die Reden, die zu ihrem 60. Geburtstag gehalten wurden, waren dementsprechend flau und vorsichtig. Max Bartels, Renegat von Beruf, repräsentierte den Schutzverband deutscher Schriftsteller wahrhaft würdig... Und dann hörte man sehr wenig mehr von Frau Münchheim. Zu mutig, um viel davon zu sprechen, lag ihr das „Heldenhafte" nicht, zu deutsch, um Deutschland zu verlassen, verstand sie natürlich nicht die Sprache, die ein Hitler verzapft. Wer diese Frau einmal gehört hat, der weiß, daß sie unmöglich in einem Lande leben konnte, das dem heutigen Deutschland auch nur ähnelt. Es gab kein Wort der deutschen Sprache, das ihre Stimme nicht umgeformt hätte—- zu einer Bedeutung; wenn diese Stimme sprach, erlebte man immer wieder eine Welt des Worts, erfaßte man, daß das Wort den Menschen gegeben wurde, um sich verständlich zu machen, um sich gegenseitig zu verstehen. Als das Wort in Deutschland erschlagen wurde, mußte die Sprecherin sterben. Krank wurde sie an Leib und Seele, bis die Seele sich frei machte von dem Leib, der müde geworden war und hoffnungslos. Vielleicht werden am 2. März viele Menschen sich in der Halle des Wilmersdorfer Krematoriums versammelt haben, um die Tote auf ihrem letzten Weg zu geleiten. Aber sie wußten nicht, daß sie nicht einen Menschen zu Grabe tragen, nein, daß sie Zeugen sind, letzte Zeugen davon, daß in Deutschland das Wort verbrannt wird. W. H G. Steckbeiel hintee ACfeed ßöbtin Das Finanzamt Berlin-Neukölln hat gegen den Schriftsteller und Arzt Dr. Alfred Dublin und seine Frau wegen„Reichsfluchtsteuer" in der Höhe von rund 12 000 Mk- einen Steckbrief erlassen. Diese Meldung ist im Rundfunk bekanntgegeben worden mit der Aufforderung, Döblin zu verhaften, falls er auf Reichsgebiet betroffen wird. Steckbriefe auf Grund der Beschuldigung, sich der Zahlung der„Rekhsfluchtsteuer" entzogen zu haben, sind ein beliebtes Mittel zur Verfolgung ins Ausland geflüchteter jüdischer Schriftsteller geworden. Solche Steckbriefe sind auch hinter Arnold Zweig und mehreren anderen Schriftstellern und Künstlern erlassen worden. JMusteieete Aebeäische Wochenschrift Demnächst soll in Palästina nach dem Muster der illustrierten Wochenbeilagen zu den großen europäischen Zeitungen eine illustrierte hebräische Wochenschrift zn erscheinen beginnen. Die Iniative zu dieser Neugründung ging von einem jüdischen Einwanderer aus Deutschland, einem ehemaligen Mitglied der Redaktion der„Berliner Illustrirten Zeitung" aus. Es verlautet, daß die neue Wochenschrift der Tageszeitung„Davor" angegliedert werden soll. Die Bestie in Oesterreich Berichte der illegalen Sozialdemokratie P. G. Dem Auslänöerbüro österreichischer Sozialdemokraten gehen ständig Nachrichten über haarsträubende Bestialitäten zu, die der Austrofaschismus an seinen ent- waffneten Opfern begeht. Wir- verzeichnen von vielen Nachrichten nur diejenigen, die von verläßlicher Seite beglaubigt sind.—. Bestialitäten in den Kampftagen Das Bundesheer Hat nicht nur in Wen gegen die Gemeindehäuser Artillerie verwendet, sondern auch in Bruck, Cteyr, Eggeuberg bei Graz, wo es Gemeindehäuser, die die Faschistenlüge-jetzt als Festungen hinstellt, nicht gibt. Auch dort sind Frauen' und Kinder der Artillerie- beschießung zum Opfer gefallen. An vielen Stellen wurde Schutzbündlern, die verwundet in die Hände der Armeen des„christlichen" Oesterreich gefallen sind, die ärztliche Hilfe verweigert. Man lieh die verwundeten Schutzbündler verbluten. So ist z. B. Sepp L i en h a r t, der Führer der Brucker jugendlichen, ver- blutet, nachdem er schwer verwundet in Gefangenschaft geraten war. Sein Vater, Angehöriger der Schutzbund- sanität. wurde beschossen, als er dem verblutenden Sohne zu Hilfe eilen wollte! In anderen Orten wurden Gefangene von den„Ordnungstruppen" niedergemycht. So wurde der Florids- dorfer Schutzbündler Lutz, der lebend gefangengenom- men worden war, auf dem Transport abgeschlachtet. Nach einer noch nicht beglaubigten Meldung soll es zehn im Cchlingerhof gefangenen Schutzbündlern ebenso ergangen sein. Die Leichen gefangener Schutzbündler ließ man tage- lang zur„Abschreckung" auf offenen Plätzen liegen. So insbesondere in Bruck a. d. Mur. Dann wurden sie un- gewaschen, mit dem Blut und dem Schmutz des Kampfes bedeckt, in primitive Sarge gesteckt und verscharrt. In Wien liegen im Eiskeller des Anatomischen Instituts sehr viele Leichen nicht bekannter Schutzbündler. Mißhandhing von Gefangenen Nicht nur in den Kampftagen, sondern auch nachher sind die gefangenen Schutzbündler in der unmenschlichsten Weise mißhandelt worden. Der Brigittenauer Schutz- bündler Karl Pokorny ist von der Polizei dermaßen verprügelt worden, daß ihn seine Frau bei der Gegen- überstestung nicht erkannte. Sein Oberkiefer war durch Kolbenschläge zerschmetterte Er wurde geisteskrank in die Irrenanstalt am Steinhof eingeliefert. Auch sonst wurden die Schutzbündler, insbesondere diejenigen, die in die Hände der Heimwehren fielen, geprügelt. Der halbblinde Freidenkersekretär T ö s ch in Kapfenberg wurde so miß- handelt, daß er ins Spital gebracht werden mußte. Doli- fuß hat Hitler nichts vorzuwerfen: in den Heimwehr- Kasernen, werdet? wehrlose Gefangene ganz ebenso-ge '"prügelt und mißhandelt, wie in den SA.-Käsernen und Nonzentrastom^agerst^Hitlers.----' worden. Die. Entlassungen gehen weiter vor sich- Einige der Entlassenen haben mit Weib und Kind Selbstmord begangen. Das Gewissen des Herrn Dollfuß wird durch diese Kindermorde nicht belastet. Den verhafteten Schutzbündler» wurde der Bezug der Arbeitslosenunterstützung gesperrt. Ihre Frauen und Kinder bekommen keinen Groschen. Sie können ver- hungern. Ejnige Gemeinden haben den Verhafteten und ihren Frauen selbst die Auszahlung von Fürsorge- beitragen(Arbeitslosenunterstützung), auch der Er- ziehüngsbeiträge für die Kinder gesperrt.-... Die offizielle Hilfsaktion bringt allerdings den Frauen Und Kindern der Gefallenen und Gefangenen Lebens- mittelpakete. Dabei wird aber, politische Agitation für die Vaterländische Front betrieben. Aus diesem Grunde lehnen die Frauen- vielfach diese Gaben ab. So hat die Witwe des standrechtli chhingerichteten Ing. Weisse!, dessen Haltung vor dem Standgericht und vor dem Galgen selbst dem Vorsitzenden des'Gerichts di'e Bemerkung:„er ist ein Held!" abgezwungen hat, der Senddotin der Frau Dollfuß die Tür gewiesen. Die Witwe des von den Ord- nungstruppen ermordeten Schutzbündlers Lutz hat der besuchenden Karitasschwester zugerufen:„Ihr habt mir den Mann geraubt! Ihr werdet mich nicht mit einem Laib Brot kaufen!" Gewissenszwang Die Arbeiter und Angestellten der öffentlichen Betriebe werden mit der Drohung sofortiger Entlassung ge- zwangen, der Vaterländischen Front beizutreten. Tie- jenigen von ihnen, die konfessionslos sind, müssen ihren Wiedereintritt in die Kirche anmelden, bevor sie von der christlichen Gewerkschaft aufgenommen werden. Die Kirche jubelt über die erpreßten Wiedereintritte. Verleumdung der Gefangenen und Ermordeten Der Faschismus setzt seinen Lügenfeldzug gegen die Führer fort. Dabei wird oft so dumm gelogen, daß man sich selbst widerlegt. So wird z. B. eines Tages gemeldet, Glöckel sei bei einem Versuch, in die Tschechoslowakei zu flüchten, verhaftet worden, wobei er 200 000 Schilling bei sich gehabt habe. Am nächsten Tag heißt es. es sei nicht Glocke! gewesen, der schon seit dem 13. Februar verhaftet ist, sondern Ienschik. Und am dritten Tag, Ienschik habe nicht 200 000 Schilling bei sich gehabt, son- dern nur einen unbedeutenden Betrag. Glaubt kein Wort von den Lügen, die sie Uber eure Vertrauensmänner erzählen! Am infamsten ist aber, daß die Lüge selbst die Ermor- beten nicht oerschont. So wird z. B. gelogen, daß der standrechtlich hingerichtete Arbeiterkammersekretär S t a- n e k in Granz vor seinem Tode zum katholischen Glauben zurückgekehrt sei. Es ist daran kein Wort wahr. Ebenso wie Koloman W a l l i s ch. wie Jen. W e i s l, wie M ü n i ch r e i her ist auch Stanek als ein Held gestorben. Angesichts des Galgens hat er den Bütteln der Staats- gemalt zugerufen:„So wie ich hier gehängt werde, so werdet Ihr hängen! Ich sterbe für die Freiheit!" Freiheit war sein letztes Wort! All das ist ihr Christentum! Die Bestialitäten des Austrofaschismus stehen denen, die der Hitlerfaschismus in Deutschland begangen hat, in keiner Weise nach. Nur ein Unterschied besteht zwischen dem schwarzgelbcn und dem braunen Terror: der Hitler- faschismus bekennt sich wenigstens zynisch zu Gewalt und Grausamkeit. Der Austrofaschismus dagegen begleitet aste seine tierischen Schurkereien mit pfäffischen Reden über Versöhnung, Friedsertigkeit und Christentum! vcr große Schufzbundprozeß Folterungen Bei den Waffensuchen- nach den Kampftagen wurden viele, die verdächtig waren, Waffenverstecke zu kennen, so lange unmenschlich geprügelt,-bis sie die Verstecke ver- rieten. So wurde ein Iugendgenosse in Mauer bei Wien geprügelt, bis er bewußtlos wurde. Als er wieder zu sich kam, wurde die Mißhandlung fortgesetzt, bis er das Waffenversteck angab. Im Polizeikommissaript Währing wurden Schutzbündler bedroht, sie würden erschossen wer- den, wenn sie das Waffenlager nicht verraten; man ließ sie stundenlang in Todesangst. I« IlnfersadioiigsiKMer Die von der Internationalen Juristischen Bereinigung nach Wien entsandte AnwaltSdclegation ist im Justizministt- rium empfangen worden. Auf ihre Anfrage hinsichlich des bevorstehenden Tchutzbundprozesses hat sie erfahren, daß dieser Prozeß mit größtmöglicher Beschleunigung durch 10 Untersuchungsrichter gleichzeitig vorbereitet s wird, daß aber trotzdem noch Monate bis zu seinem Beginn vergehen können. Die Rechtsanwälte Jaegle und Oppmann haben das Ministerium davon in Kenntnis gesetzt, daß die "Hnternsftvüaw-Juristische Vereinigung auf Ersuchen von Angehörigen einiger Angeklagter ausländische Verteidiger zü diesem Riesenprozeß entsenden wird. Bei ihren Unterhaltungen Wik einigen der gefangenen Kol- .legen Erfuhren hie französischen Advokaten, daß diese nicht den geringsten Ausschluß über den Grund ihrer Inhaftierung erhalten hatten. Es wirb ihnen offensichtlich nichts anderes zum Borwurf gemacht, als daß sie Proletarier in politischen Prozessen verteidigt haben. Die Delegation hat die sofortige Freilassung ihrer Kollegen gefordert. Sic Hai weiter mit dem Vorsitzenden der Wiener Anwaltskammer verhandelt und dieser verlangt nunmehr in einem eigenen Schreiben an das Justizministerium die Aufhebung ihrer Hast. Lebenslängiidie Kerkersfrale Linz, 12. März. sEig. Meldung.) Am Samstag wurde das erste Urteil eines ordent» lichen Gerichtee gegen einen an den österreichischen Kämpfen beteiligten Schutzbundsührer ausgesprochen. Angeklagt war der ehemalige Landtagsabgcordnctc Fer- dinand Hageth, Führer des Schutzbundes im Kohlenrevier der Wolfegg-Trauntaler AG. Als die Wiener Arbeiter sich zum Kämpf gegen den Dollfuß-FaschismuS sammelten, rief auch er seine Schutzbundkameraden zusammen, rüstete sie mit Waffen aus und stellte sich mit ihnen zum Kampf. Er führte das Kommando und kämpfte an der Spitze seiner Truppe. Aber auch sie mußte der Uebermacht der StaatSereknttvc in diesem Todeskampf der österreichischen Sozialdemokratie weichen Als alles verloren war, versuchte Hageth zu fliehen, würde jedoch bei einem Gesinnungsfreunde aufgefunden und vor das Kreisgericht Wels gebracht. Das Urteil gegen ihn lautete auf lebenslänglichen schwere» Kerker mit einem Fasttag»nd hartem Lager in jedem Bier» teljahr. Nach der Anklageschrift sollen in dem Kampfabschnitt, bei dem Hageth da» Kommando über die Schutzbündler führte, 4 Mann der Exekutive gefallen und elf verwundet worden sein. Behandlung der verhafteten führen Auch die verhafteten Partei- und Gewerkschaftsführer werben im Wiener Polizeigefangenenhaus in der niedrig- ULart) IQ lAlirfll sten Weise behandelt. Man verweigert ihnen Wäsche zum■«*•*«■■■»» Wechseln. Bücher, den Kurzsichtigen selbst Augengläser, Kranken die vom Arzt vorgeschriebene Kost. Als die Frau eines der Parteiführer ihren Mann besuchte, ließ der än- wesende Polizeikommissär die Beantwortung folgender an den Verhafteten gerichteter Fragen nicht zu:„Wie geht es Dir?"„Bist du in der Zelle allein?" Darfst du dich selbst verköstigen?"„Hast du die Lebensmittel bekommen, die ich dir geschickt habe?" Die Frau mußte das Besuchs- zimmer verlassen, ohne daß ihrem Mann erlaubt worden wäre, eine der Fragen über sein Befinden zu beantworten. Heimwehr plündert und stiehlt Bier Tage sind die Schutzbündler, zumeist arme Ar- beitslose, ohne hinreichende Verpflegung im Kampfe ge- standen. Trotzdem ist nicht ein einziger Laden geplündert worden. Das bißchen Brot, das die.Schutzbündler in ihren Kampftagen brauchten, haben sie Uberall bezahlt. Anders die Austrofaschisten. Sie begnügten sich nicht damit, das Eigentum der Partei, der Gewerkschaften, der Sport- und Kulturorganisationen der Arbeiterschaft zu rauben. Sie stahlen auch für die eigene Tasche. Die Heimwehren haben in Graz. Eggenberg und Hallein Konsutpvereinsladen und Laden der Textilabteisung der Großeinkaufsgesellschaft geplündert und gehn ganz unverschämt in den gestohlenen Anzügen, Mänteln und Schuhen herum. Bei Haus- süchungen in Prioatwohnungen haben Heimwehrleute vor den Augen der-Polizei gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war. Als Genossen in den Goethehof Unter- stützungen für die Frauen der Gefangenen und Gefallenen brachten, hat die Heimwehrwache ihnen das Geld weg- genommen und es für sich behalten. Zehntausende werden zugrunde gerichtet Sämtliche Angestellte der Partei, der Parteipresse. der Gewerkschaften, der anderen Arbeiterorganisationen sind brotlos. Man verweigerte ihnen selbst die Abfertigung, auf die sie nach dem Gesetz Anspruch haben. Sowohl tr den öffentlichen als auch in vielen Privatbetrieben sind .taufende Arbeiter, die als. sozialdemokratische Vertrauens- leute oder als Schutzbündler bekannt waren»-entlassen Kriegsgefangener kehrt aus Sibirien heim Am 25. Februar 1915 geriet der Reservist des 5. Reserve- Grenadier-Regiments Otto K ä b i n g aus Alt-Banzin bei Kolberg bei Lublin in russische Kriegsgcsangen- schasi und wurde nach Sibirien gebracht. Anfangs hielt der Gefangene die briefliche Verbindung mit seinen Eltern auf- recht. Dann aber kam keinerlei Nachricht mehr von ihm. So wurde Käding, dessen Eltern inzwischen gestorben waren, für tot erklärt. ISSN machte er erneut den Versuch, mit der Hei- mat in Verbindung zu gelangen, und diesmal kamen die Briese des längst Totgeglaubten an. Käding, der in der Gefangenschaft mit einer russischen Bauerntochter sich vcr- heiratete und Vater von drei Kindern ist, kehrte in diesen Tagen völlig mittellos mit seiner Familie nach Alt-Banzin zurück. ohne Sdiirm nnd ohne Stock Die Industrie klagt, daß der Absatz an Spazier- stöcken und an Regenschirmen ganz erheblich zurück- gegangen ist. Es werden eher Gummi- und Wetter- Mäntel getragen, und immer seltener greifen die Frau oder der Mann zum behütenden Regenschirm, wenn sich die Schleusen des Himmels öffnen. Tiefe Feststellung kenn- zeichnet eine interessante Entwicklung auf dem Gebiet der Bekleidungssragc. Keinesfalls handelt es sich bei' der Boy- kottierung des Regenschirms etwa nur um eine modische Laune, die nach geraumer Zeit in» Gegcnieil umschlagen kann. Hier geht es vielmehr wirtlich nm eine ent ich ei- d e n d e Wandlung, die wahrscheinlich vom T p o r r vor- bereitet und eingeleitet worden ist. Die Jugend, die am Sonntag früh zu den Fußball- und Handball-Feldern sährt, die am Wochenende in primitiven Zelten oder unter Decken im Paddelboot nächtigt, die bei jeder Witterung läuft, spielt, marschiert, verzichtet ganz natürlich aus ein immerhin doch umständliches Gerät wie den Regenschirm, dessen Vorzüge auch von der älteren Generation nicht mehr so hoch bewertet werden Die Zeit, da er als ein modisches Attribut bei jedem Wetter, kunstvoll zusammengerollt, oder malerisch entfaltet, im Takt des PromenabenschrsttS elegant auf den Asphglt Frankreich ,Neuer VOr WÄrlS wird, in Paris jeden Freitag in allen großen Zeitungskiosken und in den Bahnhofs- u. Untergrundbahnbuchhandlungen verkauft. Preis 1,50 Fr. Das Blatt ist in den bedeutendsten französischenStfidten erhältlich, auch in Monaco, Marokko und Algerien. Wegen der Aufnahme von Inseraten und von Abonnements in Frankreich wende man sich schriftlich an BORIS SKOMROSKY- 141 rue Broca— Paris(13e). Postscheckkonto(Chsque postaux): Paris 1260 98. Da« Abonnement kostet: 12 Monate 65 Fr., 6 Monate 35 Fr., 3 Monate 18 Fr. gestoßen oder im Rhythmus des Sturmwindes de» Ele- menten entgegengereckt getragen wurde, scheint endgültig vergangen, und die Tränen, die verltändlicherweise— die Industrie ihm nachweint, werden seinen Untergang nicht aufhalten können. Daß eine solche Entwicklung, hier wie auf allen Gebieten der Wirtschaft, ihre Kehrseite Yak, ist selbstverständlich beklagenswert. Jedoch kann eine Prvduk- lion nicht ausschließlich unter diesem Gesichtspunkt betriebe? und gehalten werden, und ein Appell an das Publiturti etwa, sich wieber mit Regenschirmen und Spazierstöcken zu versehen, dürfte kaum den gewünschten Erfolg haben. So wollen wir denn, ohne des weißhaarigen Herrn, der ein Stückchen mit Silberknopf durch die Straßen trägt, oder der Dame, die im Schutze ihres Regenschirms— in Regen- nässe glänzenden Fahrdamm überschreitet, /a t».vtte», diese« Instrumenten nicht nachtrauern. Pariser Beruhte T61. rrinüÄ 43-13 M6iro P I o o 11 e Deutsche Poliklinik a) Allgemeine KonstiHaKonea mit» Spczlaliiteii. b) Chirurgie C) Geburtshilfliche Klinik Paris, OZ, Rue de la Rodiefoucaula « d) Zahnärztliches Kabinett Innere Medizm, Augen», Ohren», Nasen» and Kehlkopfkzank» ZweistöckigesfSanatorramsgebäude. Vierstöckiges Gebäude. Zimmer Zahn- und Mundchirurgie. Gold« aeiten. Röntgen. Diathermie. Elektrotherapie. Sperialhehand« Kleine, mittler* und große Chirur. mit 1 bis 4 Betten. 3 Aerzte, 3 Helv und Porzellankronen.»Brücken. tskrankheiteD long bei Blut», Harn» u. Geschlechtsk eie. Die aller modernste Einrichtung emmen and 2 Operationssäle. 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Zwei Dramen der Pariser Unterwelt Das eine ist der Boxer N i e m e n, ein Mensch, der ein Leibschüt; des tollen S t a v i s k y war, ein Mensch, der den Millionen-Verschwender gegen seine vielen Feinde und Aussauger schützen sollte. Dieser Boxer Niemen, der den „schönen Alexandre' 4 in dieser Umgebung von Lebeleuten und Großtuern in den Pariser boites de nuit, in diesem Kreise der Hayotte vom„Empire" und dem eleganten Privatsekretär Romagnino und dem eine Stufe tieferen Depardon und dem noch zwei Stufen tieferen Voix und wie sie alle heißen geschützt hat. das ist schon eine groteske Gesellschaftserscheinung. Nun sitzt auch dieser im Loch. In der Pariser rue Quentin-Baucha rd, im vornehmen Viertel, ist eine verschwiegene Pension, eins der vielen Häuser für Gelegenheiten. Man nimmt ein elegantes Appartement mit Schlafzimmer und Bad für wenige Stunden, für 75 Franken, ungefähr so der Lohn für wie viel Stunden? Rechnen Sies nach! Lautlos, nur kein Aufsehen, die Kunden, die kommen, nicht ansehen, sagt die Patronin zum Personal, es sind bessere Leute, sie wollen nicht angesehen werden. Sie wollen nicht, daß man es merkt. Eines Tages kommt eine sehr schöne, reiche Frau mit einem Boxer. Der Boxer zahlt, geht wieder weg nach einiger Zeit. Beim Aufräumen findet das Mädchen die Dame tot und nackt in der Badewanne vor. Es ist wahrscheinlich die Liebe der reichen Frau zum brutalen Außenseiter. Sie hat manikürte Nägel an den Füßen und Händen und viel Schmuck bei sich, wohl für 50 000 Fr. Der Schmuck ist fort. Nach der Tat kommt der Mörder bequem in die Ehewohnung, gibt die Schlüssel ab und holt noch einen teuren Pelz dazu. Madame hat den Tuchmantel zerrissen, sagt er. Sie hat den Boxer wahrscheinlich auf einem Cafe im Mont- parnasse kennen gelernt. Sie war elf Jahr verheiratet, sehr jung aussehend, Anfang der vierzig, ging gern in Dancing und Teesalons. Der neue Bovary ist reich und Getreidefachmann. Else D. Basel. Wieviel mal Hitler schon Ehrenbürger geworben ist? Willen wir nicht. Vermutlich viel öfter als sein kleiner Vorganger Bismarck. Diese ganze Ehrenbürgerei ist übrigens im Fall« Hitler und Konsorten etwas wie Bestechungsversuch, weil man den reichen Leuten da oben anders als mit gehäusten Ehren nicht glaubt beikommen zu können. Jede Stadt, die Hitler ader Göring oder Wöbbels zum Ehrenbürger macht, hofft dadurch aus begere Berücksichtigung ihrer Wünsche. Eklatant war das im Falle Wöbbels. Sein« Weburtsstadt Rheydt war seit einigen Jahren mit M.-Gladbach vereint und wollt« wieder selbständig werden. Unter den früheren Regierungen gelang das nicht. Als Wöbbels, der große Sohn dieser Stadt, Minister wurde, ging es mit einem Male. Er wurde dann prompt Ehrenbürger. Vielleicht auch schon vorher. So genau weiß PelzpuHfl Gros und Detail zu günstigen Bedingungen abzugeben. Geringe Geschäftsunkosten. Kel^e Uebertragung zu bezahlen. M n lernt evtl. an. Schrlftl. 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Der Bolkskanzler und Führer hat einen genau ausgearbeiteten Vierjahresplan, der uns von Sieg zu Sieg leitet und die Hegische Landeszeiiung weiß nichts davon oder glaubt nicht daran. Sind etwa die Darmstädter gescheiter als der größte Deutsche seit Hermann dem Cherusker? Skandal! Wo bleibt da das Führerprinzip? Solche naseweisen Federfuchser gehören ins Konzertlager! „Germauieus". Wir gratulieren zum bestandenen Doktorexamen. Aber wer sind Sie? Offengestanden haben wir vergeben, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Es gibt heutzutage zuviel? Pseudonyme und Deckadressen. Man findet sich in dem Namenslabyrinth nur noch schwer zurecht. Der Nachdruck Ihre? Aufsatzes kommt übrigens nicht in Frage. Wir hatten schon«ine eigene Arbeit. P. Wivar, Del Aviv, Palästina. Unseres Wissen» haben wir keine ZwangSobonnenten. Wer also zwingt Sie unser Blatt zu lesen? Und von wem läßt sich ein so gewaltiges revolutionäres Temperament zwingen? Wir finden es rührend, daß sie aus lausenden Kilometern Entfernung uns beschimpfen, statt Ihre Kraftworte direkt an die sündige Zeitschrift und deren Leitartikler zu richten. Warum diese Portovergeudung? Bei so schlechten Zeiten! Bös« sind wir Ihnen trotz Ihrer Grobheit gar kein bißchen. Hoffentlich werden Sie nun nicht noch wütender, wenn wir Sie durch einen so milden und frommen Mann wie den alten Matthias Elaudius vom weiland Wandsbecker Boten belehren lasten:„Es ist leicht zu verachten, Sohn, und zu verstehen ist viel besser." R. R., Nizza. Ein treffender Brief. Wird veröffentlicht.„Ein Brief ist ein Spiegel." B. Sch. Ihre Zuschrift haben wir gerne veröffentlicht, weil sie für die Mast« unserer Leser bestimmt war. Auf die Leute, denen Ihre Kritik galt, wird sie allerdings keinen Eindruck gemacht haben. Da» ist ein Pack, das nie«in« Leistung der deutschen Arbeiterbewegung anerkennen wird. „Erz und Kohle." Mis Eurer Verbindung nach Saarbrücken hapert es noch. So haben wir erst jetzt von Eurem Husarenstückchen am Tage vor der Reichstagswahl im November erfahren. Alle Straßen waren in gewissen Zwischenräumen von SA.-Posten besetzt, damit keine Flugblätter verteilt werden sollten. Ihr habt Euch nun ein Auto gemietet, besten Besitzer, wie Ihr wußtet, in SA.-Uniform Haussiert. So hat denn jeder SA.-Posten Euren Chauffeur mit gerecktem Arm und„Heil Hitler!" begrüßt. Sowie die SA. etwas außer Sichtweite war, habt Ihr bann hinter dem Rücken Eures NaztchausseurS einen Packen Flugblätter auf die Straße gefeuert, und so fort, bis Euer Borrat zu Ende war. Die SA. weiß noch immer nicht, wie die vielen Flugblätter unter die Leute kamen. Kausmaau in Lille. Die Leipziger Messe ist viel älter. Nach den Chronisten soll es diesmal die«öS. Wiederkehr ihrer urkundlichen Festlegung sein. In einem Edikt, das der Markgraf Dietrich von Landsberg als damaliger Landesherr am 1. März 1268 erließ, versprach er den nach Leipzig kommenden landfremden Kausleuten Sicherheit für ihre Person, ihre Güter und ihre Begleiter selbst sür den Fall, daß sich der Markgraf mit den Landesherren dieser Kaus- leule in Fehde befände. Einen Schmus, wie ihn Göbbels heuer vorgesetzt hat, wird aller- dings die Leipziger Meye zum ersten Male erlebt haben. „Irgendwo." Ihr habt Euch eine famose Methode ausgedacht, illegale Flugblätter zu verbreiten. Wenn an der Bordschwelle ein Personenauto gerade anfährt, legt Ihr einen Packen Flugblätter lose aus das Dach. Gleich daraus fliegen die Blätter weithin über die Straße. Ist SA. in der Nähe, so jagt sie prompt dem arme» Chauffeur nach, der in Verdacht kommt, die Flugblätter geworfen zu haben. Inzwischen sind die Flugblätter bis auf das letzte Stück von den Payanten aufgesammelt worden und jeder glückliche Finder eilt schleunigst davon. Kommunistischer Emigrant Paris. Warum wir nichts darüber schreiben, daß Severin« zu den Nazis übergelausen ist? Weil unS nichts davon bekannt ist. Oder muten Sie uns zu, den Rundfunk des Reichslttgners Göbbels und deyen Preste als Quelle der Wahr- heit zu benutzen? So göbbelsgläubig sind wir nicht. Sind Sie es? Das würde uns bei einem kommunistischen Revolutionär wundern. Wir wiyen, daß im Sommer 1932, bald nach dem Sturze Severings, der Ullstein-Verlag sich bemühte, mit dem langjährigen Arbeiter- führer und Minister einen Bertrag auf Herausgabe eines Erinnerungsbuches abzuschließen. Der Vertrag ist damals zustande ge- kommen, einige Monate vor der Berufung Hitlers zum Kanzler. Ein Urteil über bas Buch wird man erst abgeben können, wenn es im Druck vorliegt. Dr. B. Nancy. In einer kommunistischen Wochenzeitung, die Sie uns einsenden, steht zwischen den üblichen Unslätigkeiien gegen frühere und jetzige sozialdemokratische Führer u. a.: „Bergeisen wir doch nicht den denkwürdigen 17. Ma! 1988, die letzte ReichStagssitzung mit der Sozialdemokratie in der Krolloper! Dort war es Herr W e l S, der ein offenes Bündnisangebot an Hitler machte." Der sozialdemokratische Parteivorsitzende Otto Wels war in jener Reichstagssitzung überhaupt nicht anwesend, sondern hatte sich— wahrscheinlich um das Bündnis mit Hitler vorzubereiten— schon ins Ausland begeben. Bei der Schludrigkeit, mit der kommunistische Zeitungen gemacht werden, ist durchaus möglich, daß nicht Bös- Willigkeit, sondern nur Unwiyenheit vorliegt. Auf ein paar schiefe Behauptungen kommt eS den kommunistischen Journalisten nicht an. H. SS. Biel Wir haben irgendwo gelesen, daß die österreichische Regierung nach hiilerdeutschem Muster die politischen Gesangenen der Preye vorgeführt hat. Ausgeschlossen war allerdings die reichs- deutsche Presse. Es ist lächerlich, wenn sich nationalsozialistische Zeitungen darüber beschweren. Lassen sie etwa zu, baß marxistische Redakteure die Konzentrationslager besichtigen? Dort sind sie nur als Dpser der Rechtlosigkeit im„dritten Reich" zu finden. B-m Riederrhein. Bei Euch haben die Arbeiterfrauen da» Horst- Wessel-Lied umgedichtet und singen nun auf den Abenden der „Kraft durch Freude" mit strömender Begeisterung„Die Pfannen hoch! Das Fett wird immer teurer..." Gut gemacht! Spott ist eine scharfe Waffe. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz in Dud- weiter; für Inserate: Ctto Kuhn In Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volkssttmme GmbH„ Saarbrücken 8, Schützenstraße B.— Schließfach 776 Saarbrücken. □ rs.G.und M.Spitzer 5 avenue de la Ripublique Pari*. M4tro Republ que, Tel. Oberkamp»®6-23. Sprechstunden- 1-3 und 6-8 Uhr laut«, Gesch'echts«, inner# und KiniUrkraiikhcftMi Epilation Diatherylf- Die schöne Madame Sföviskq Es scheint, das; man in der Stavisky-Affäre nun rück- sichtslos Ernst machen will: die schöne Arlette ist nach langem Zögern denn doch verhaftet worden: in ihrer Wohnung in der Rue Obligado, unweit von dem prunkt- vollen, noch unfertigen Palais, das ihr der Gatte in der Rue de Berri zugedacht hatte und für das sich jetzt l ein Käufer finden will. Pariser Blätter haben anläßlich der Verhaftung zwei Bilder gebracht, die man mit„Vorher" und„Nachher" betiteln könnte: auf dem einen sieht man die schöne Frau in den Tagen ihres Glanzes, eingehüllt in einen Herr- lichen Chinchillapelz, angelehnt an ein geradezu gigantisches Blumenarrangement, das allein ein Vermögen gekostet haben mutz: auf dem andern Bild: eine schwarz- gekleidete Frau, von einem Detektiv begleitet, steig' in ein Taxi und bedeckt das Gesicht mit der Hand. Sie will nicht fotografiert werden. Kein Kitschfilm könnte bru- talere Gegensätze auf die Leinwand bringen In der Zeitschrift„Marianne" bat der Romancier Josef Kessel kürzlich den merkwürdigen und nachhaltigen Ein- druck geschildert, den Madame Stavisky auf ihn gemacht hat. Er war nicht nur von der harmonischen, stolzen Schönheit der hochgewachsenen Frau frappiert, von der unnahbaren und doch liebenswürdigen Haltung, von dem glänzenden Schliff ihrer Manieren, von der bei aller Natürlichkeit gewählten Feinheit ihrer Konversa- tion: Kessel, ein ausgezeichneter Psycholog, war vor allem erstaunt über das innere Gleichgewicht dieser Frau, die nieme'e.i,-.- Beherrschung verlor, sich immer in der Hand hatte, bei sich selbst wie bei den andern jede Bewegung, jedes Wort mit einer unmerklichen, doch um so an-. gespannteren Wachsamkeit kontrollierte. Stavisky war ein gerissener, doch im Grunde haltloser Hochstapler, der mehr zu bluffen als zu imponieren wußte und der sich die Menschen, angefangen von hochgestellten Würdenträgern bis zum letzten Kellner, kaufte, indem er mit dem Geld in unsinnigster Weise um sich warf. Die schöne Madame Arlette oereinigte dagegen ihren großen weiblichen Lieb- reiz mit einer ausgesprochen männlichen Klugheit und beherrschte die Menschen ihrer Umgebung, wie eine Fürstin ihre Vasallen beherrscht. Staviskys Force war, daß er nicht rechnete: bei seiner Frau war alles berechnet, freilich, ohne daß dies ihrem Scharm Abbruch getan hätte. Stavisky spürte genau die Ueberlegenheit seiner Frau und unterwarf sich willig ihrer Führung. Kessel erzählt, wie er in einem vornehmen Restaurant zu einem Diner geladen war, bei dem Stavisky sich ganz gegen seine son- stige Gewohnheit mehr gehen lassen wollte als es vielleicht für ihn ratsam gewesen wäre. Er begann selbst zu trinken, während er sonst nur die anderen trinken machte, und begann zu schwatzen, während er sonst nur aus den an- deren alles Wünschenswerte herausholte. Da rettete Ma- dorne Stavisky die Situation, ehe sie gefährlich hätte werden können. Bon Zeit zu Zeit warf sie ihrem Gatten nur einen ruhigen, aber bestimmten Blick zu, einen Blick, der keinen Widerspruch duldete— und der„große Alexander" vollendete nicht den Satz, den er schon be- gönnen hatte, schob das Glas weg. das er schon zum Munde führen wollte. Diese Frau hatte einen unbeug- samen und unergründlichen Willen, der sich nach außen hin in einer durch nichts aus der Fassung zu bringenden Ruhe, ja Sanftheit manifestierte. Nach diesem Diner hatte Stavisky noch große Lust, mit seinen Gästen ein Nachtlokal auf dem Montmartre aufzusuchen. Es ge- nügte, daß Atadame Arlette sagte:„Wir wollen doch lieber: gleich nach Hause fahren, schauen, was unsere Kinder machen." Gehorsam legte ihr„der Diktator Alexandre" den Pelz um die Schultern und fuhr mit ihr nach Hause. Das letztemal begegnete Kessel Madame Alexandre am Weihnachtsabend des vergangenen Jahres in der Halle des Claridge-Hotels, wo sie damals wohnte. An jenem Tage wußte sich Stavisky bereits verfolgt und er ver- barg sich in einem kleinen Vorstadthotel, bevor er nach Chamonix flüchtete, wo er den Tod fand. Ob freiwillig oder unfreiwillig— das ist noch immer die Frage und wird es wohl ewig bleiben. Der Weihnachtsabend wird in Paris ungefähr so ge- feiert wie bei uns der Silvesterabend. Alles verbringt ihn außer Haus, und die öffentlichen Lokale sind von einer übermütigen Menge überfüllt. Kessel begrüßte Madame Stavisky, die nicht die geringste Spur von Aufregung verriet, und fragte, als sie beim Lift angelangt waren: „Sie fahren jetzt wohl hinauf, um sich zum Weihnachts- diner umzuziehen?" „Aber nein," entgegenete sie mit ihrem verbindlichsten und ruhigsten Lächeln,„ich habe keine Lust, auszugehen, ich bleibe zu Hause und gehe schlafen, das ist viel ge- scheiter. Alexandre hat sogar heute eine geschäftliche Konferenz. Er ist unverbesserlich." Jetzt ist die schöne Madame Arlette, die ihrem Mann eine ausgezeichnete Gattin war, im Gefängnis. Und es hat ganz den Anschein, als würde die ganze„Affäre", dieser ganze ungeheuerliche Korruptionslkandal erst von nun an die richtige Aufklärung erfahren— soweit es Madame Stavisky beliebt- Sie versteht zu reden, aber noch besser versteht sie zu schweigen. Und sie hat keine Nerven S...x»