Sinzige unabhängige Tageszeitung venifchlands Nummer 67— 2. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 21. März 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inhalt J$odeLsd\uütujh und TUemötiee Seite 2 Machtkampf um Spanien Seite 3 Jtuppeti und, AhsÜMMunqs- qecichte an dec Saat? Seite 3 7 leue ceuolutianäee latiei? Seite 7 Hitlers„Polacken M Gestern und heute Die größte Sdimadi des deufsdien Nazimannes Am Samstag hat in Berlin in einer Vollsitzung der Akademie für deutsches Recht i« Gegenwart des Reichsjustizministers Dr. Gärtner und des Reichs- juftizkommissars Dr. Frank der Warschauer Uni- versitätsprosessor Dr. Zqgmunt Cybichowski über den neuen polnischen Bersassungsentwurs ge- sprachen. Der polnische Redner wurde hochgeehrt. Professor Cybichowski schloß seinen Bortrag m i t einem„Heil" anf Adolf Hitler und Mar- schallPilsudski. Reichsjustizkommissar Dr. Krank dankte im warmen Worten, in denen er auch dem Willen zum Frieden und zur Freundschaft mit Polen Ausdruck gab. Dazu wird uns von besonderer Seite aus Berlin ge- schrieben: Der Freundschaftsbund Deutschland-Polen läßt immer neue Blüten sprießen. Ganz gerührt meldete jüngst der Göbbelssche Rundfunk: Ein deutscher Flieger habe sich bei Nebel über die polnische Grenze verflogen, und— zum erstenmal seit Kriegsende— kein polnischer Protest, kein diplomatischer Schritt! Beflissene Schreiberlinge Hitlers stellen bereits fest, daß der deutsche Polenhaß nur eine „tendenziöse Tatsachenverdrehung" sei. Vor Tische los mans anders. Noch im Sommer 1932 hat sich im preußischen Landtag eine Szene abgespielt, die gerade jetzt der Vergangenheit entrissen zu werden ver- dient: Die 162 Nazis dieses Landtags hatten mit Hilfe des Zentrums das Präsidium besetzt, und ihr Präsident Kerrl leistete sich die tollste Willkür gegen die Linke. Als der Staatsparteiler Nuschke daran erinnerte, daß der Präsident auch die Rechte der M i n d e r h e i t im Parla- ment zu wahren habe, stürmte— blaurot vor Wut— der Leiter der Nazifraktion K u b e auf die Tribüne und don- nerte folgendes: Die Linke solle nicht von Rechten der Minderheit reden. Als die Nazis nur sechs Mann im Landtag gewesen seien, habe der verstorbene Präsident B a r t e l s sie in fürchterlicher Weise beleidigt und ernied- rigt.— Alles wartete gespannt auf nähere Aufklärung, denn jeder wußte von dem nabeln und stets konzilianten Präsidenten Bartels das genaue Gegenteil. Und so kam es heraus: Der Präsident Bartels— so brüllte Kube— habe die sechs Nationalsozialisten zwingen wollen, im Landtags, restanrant mit zwei Polacken— Kube sagte„P o- lacken", nicht„Polen"— an einem Tisch zu speisen. Dies sei für einen deutschen Mann eine ungeheuerliche, durch nichts zu ttberbie» tende Schmach. Und der Abgeordnete Nuschke könne sicher sein: so streng die Nationalsozialisten auch gegen die Opposition vorgehe» würden, diese Schmach, mit Po« lacken an einem Tisch essen zu müssen, würden sie selbst dem Abgeordneten Nuschke nicht antun! So kann man es heute noch in den amtlichen Sitzungsprotokollen des Landtages von 1932 nachlesen. Zur sachlichen Aufklärung bemerken wir. daß für die Fraktionslosen seit undenklichen Zeiten im Landtags- restaurant ein gemeinsamer Tisch bestand, an dem, durch den Zufall des Wahlergebnisses, im Jahre 1928 die sechs Nationalsozialisten und zwei Vertreter der polnischen Minderheit, und zwar zwei katholische Geist- l i ch e, ihre Plätze hatten. Das war Kubes„größte Schmach". Und Kube ist heute Oberpräsident der östlichen Nachbarprovinz Polens, der Provinz Brandenburg. Als treuer Hitler-Gefolgsmann ist Kube jetzt der wärmste Freund der Polen. Gar nicht auszudenken, wie warm! JUDellsiront unterwirft sidi Telegramm Leus an neichsminisfer Schmitt München. 19. März. Der Führer der„deutschen Arbeitsfront". Dr. Robert Ley. hat an den Reichswirt- schaftsminister Dr. Schmitt folgendes Telegramm gesandt: „Von einer vierzehntägigen Studienreise ins Ausland nach München zurückgekehrt, lese ich das Gesetz über die Wirtschaftsführung und Ihr Interview im „Deutschen". Ich beglückwünsche Sie herzlichst zu der klaren Formulierung jener Gedanken, über die ich mich mit Ihnen bereits vor Wochen eingehend unterhalten durfte. Dieses Gesetz ist nationalsozialistisch und bildet die unbc- dingt notwendige Ergänzung zu dem Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit und zur Arbeitsfront. Sie, verehrter Herr Reichsminister, sprechen es im „Deutschen" richtig und klar aus, daß durch dieses Gesetz die Führung für die rein sachlichen Aufgaben der Wirtschaft geschaffen wurde, während die Arbeitsfront die Menschen der Wirtschaft führen und erziehen soll und daß beides überschattet und durchpulst wird von dem Gedanken der Ehre, wie er im Gegensatz zur Ordnung der nationalen Arbeit festgelegt wurde. Sie sagen:„Hier sind keine Gegensätze, sondern hier gibt es nur eine große gemeinsame Aufgabe bei klarer Gliederung der zugewie- jenen Sonderausgaben. Ich bin sicher, daß es einer der ersten Schritte des Führers der deutschen Wirtschaft sein wird und weiß mich dabei eins sowohl mit dem Führer Pg. Keßler als dessen Stellvertreter Pg. Gras von derGoltz", die Verbindungzwische n Arbeits- front und Wirtschaftsführung in diesem Sinne herzustellen." Jawohl, hier sind keine Gegensätze, sondern Arbeitsfront und das Gesetz zur Vorbereitung des organischen Ausbaues der deutschen Wirtschaft und zur Ordnung der nationalen Arbeit bilden ein Ganzes, wobei eines ohne das andere sinnlos wäre. Gemeinschaft, Führung und Ehre: das ist der ständische Ausbau, nickt vom grünen Tisch aus konstruiert, sondern in einem Fahre zäher Arbeit von unten heraus organisch gewachsen. Hiermit ist das libcra- listische Zeitalter und der marxistische Klassenkampf endgültig überwunden. Deutschland bat als erstes und einziges Land der Welt die völkerzersetzenden Ideen der fran,ttsslck>en Revolution von 17S9 ausgerottet. Ick schätze mich glücklich, daß ich in, Verein mit Ihnen, sehr g^-hrte'- Herr Reichs- wirtschaftsminister Dr. Schmitt, und mit Reichsarbeits- minister S e l d t e an diesem großen gewaltigen Werk habe mitarbeiten können. In echter nationalsozialistischer Kameradschaft grüße ich Sie mit„Heil Hitler". Ihr Dr. Robert Ley, Führer der Deutschen Arbeitsfront." Das Telegramm ist klar: Nieder mit den Menschen- rechten! Nieder mit den Arbeiterrechten! Nieder mit den völkerzersetzenden Ideen, die im Arbeitsvolk den Glauben weckten, daß es zur vollen Gleichberechtigung berufen sei. „Deutschland hat als erstes und einziges Land die Ideen der französischen Revolution ausgerottet." In der Tat: Der italienische Faschismus gewährte in seinen Korpora- tionen den politisch entrechteten Arbeitermassen noch ein geringes Maß von wirtschaftlichem und sozialem Einfluß. Der deutsche Nationalsozialismus unterstellt die Arbeiter und Angestellten, im Grunde auch den kleinen Mittelstand und die Bauern, dem Diktat des Großkapitalisten, als deren Exponenten Schmitt, Keßler und von der Goltz erscheinen. Das Telegramm Leys zeigt die Arbeitsteilung auf: D i e kapitalistischen Führer beherrschen die Wirt- schaft und Ley darf die Menschen anpredigen, um ihnen zu erzählen, die kapitalistische Diktatur sei „deutscher Sozialismus". Den einen die Macht und den anderen Phrasen von „Ehre—" Die deutschen Arbeiter hatten längst von Ley und Schmitt ihre Ehre. Die haben sie nicht eingebüßt, auch wenn sie die Freiheit verloren. Aus dem Ehr- und Frei- heitsgefllhl der Massen wird immer wieder der Wille zur Macht über Staat und Wirtschaft emporwachsen. Lnrulic in den Betrieben Um die„Vertrauensrätte" Berlin, 20. März. Nach dem Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit hat der Treuhänder der Arbeit die Bil- dung der Vertrauensräte zu überwachen und in Streitfällen zu entscheiden. Da zu erwarten steht, daß die T r e u h ä n d e r der Arbeit bei der erstmaligen Bildung der Vertrauensräte in besonderem Maße in Au. Sind die verschiedenen Sorten von Faschismen untereinander Freunde oder Feinde? Freunde natürlich, sagen viele. Sie wollen doch alle dasselbe. Aber das ist eine oberflächliche Psychologie. Zwei Hunde, die denselben Knochen wollen, sind bestimmt keine Freunde; wenigstens solange der Knochen noch da ist. Ist er erst gepackt, auseinander gebrochen, zermalmt und gefressen— dann freilich ist wieder freundschaftliches Schnüffeln. Und die alte falsche Gutherzigkeit: wir sind doch alle gute Hunde und wollen dasselbe. Wer in diesem Gleichnis die Hunde sind, ist klar. Aber wer ist der Knochen? Jedenfalls ist es falsch, sich die Faschisten als gemütliche Kompagnons vorzustellen, die auf ihres Daches Zinnen nach dem Frühstück sich eins erzählen, wie jener Glückliche von Samos und Aegyptens König. Sie sind keine Kompagnons, sondern weit eher Konkurrenten, die ihren Laden an gegenüberliegenden Straßenecken haben. Und jeder sagt natürlich: mein Laden ist der beste. Ja, sie sagen, nicht nur mein Laden, sondern auch meine Ecke ist die beste. Obwohl keiner für seine Ecke etwas kann, preist Mussolini die Vortrefflichkeit der lateinischen Rasse mit verbissener Wut, seitdem Hitler so gelassen die Ueber- legenheit der nordischen verkündet. Erst in seiner legten Rede hat der italienische Diktator wieder gesagt, Italien werde dereinst die Vorherrschaft in der Welt haben. Wir wissen selbstverständlich, daß das ganz unmöglich ist, denn die Vorherrschaft in der Welt kommt nur der germanisch-angelsächsischen Rasse zu. Wir haben „Mein Kampf" gelesen. Aber Mussolini hat vielleicht„Mein Kampf" gleichfalls gelesen, und seitdem mag sein Respekt vor der nordischen Rasse geringer sein- Er scheint bei dem Autor dieses Standardwerks jedenfalls an einen im ganzen gutartigen Verlauf zu glauben. Denn er hat in der gleichen Rede gesagt, Hitler müsse Waffen haben. Obwohl Hitler morgen am Brenner stehen kann. Aber es scheint, daß der Befreier aller unterdrückten Deutschen soeben die Brüder in Oesterreich genau so geopfert hat, wie die im Polnischen Korridor und in Oberschlesien. Der Knochen ist auf einmal weg; zum mindesten kann man in den Spalten der deutschen Presse nichts mehr von ihm entdecken. Dort wird über das Thema Oesterreich mit allem Aufwand an journalistischer Begabung geschwiegen. Depeschen aus Rom werden gebracht— das ist alles. Es besteht in der Tat zwischen den Faschismen immer wieder eine Neigung, sich zu verständigen, sobald es gegen dritte, nicht faschistische Länder geht. Aber seßen wir einmal, den Fall, auch Frankreich und England würden faschistisch — was dann? Gegen wen soll sich dann die Freundschaft aller Faschismen richten. Das heißt: wem soll sie schaden? Denn daß sie das soll, ist doch klar. Es würde zunächst wieder zu einem Bündnis aller Herrscher gegen ihre geliebten Völker kommen. Wir kennen das von früher. Im 19. Jahrhundert wurde Europa jahrzehntelang beherrscht von der berüchtigten„heiligen Allianz", einem Bündnis aller reaktionären Regierungen gegen die Demokratie- Das System zerbrach, als auch in Frankreich eine Regierung enstand. die mit dem modernen Faschismus gewisse Aehnlichkeiten hat, nämlich das Kaiserreich Napoleons III. Da gab es auf einmal zuviel Kaiser in Europa; sie bekamen Krieg auf Krieg untereinander, und der Cäsar Napoleon wurde zum Helfer bei der Geburt der italienischen Demokratie. Daß die faschistischen Länder einfach aus Weltanschauung zueinander gehören, ist eine Illusion. Wer am längsten an sie glaubt, verliert das Spiel. Argus. spruch genommen werden, hat der Reichsarbeits- minister im Einvernehmen mit dem Reichsminister des Innern und den obersten Landesebhörden leitende K o m m u n a l b e a m t e der unteren Instanz, in der Regel Landräte und Bürgermeister, als Beauftragte im Sinne des 8 21 des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit für die Zeit bis zum 31. Mai 1034 bestellt. Die Be- austragten haben also die Ausgabe, in Vertretung des Treu- händers der Arbeit in allen Streitigkeiten zu entscheiden, die die Bildung der Vcrtrauensräte betreffen. Das Nähere wird von den einzelnen Treuhändern der Arbeit für ihre Bezirke bekanntgegeben werden. Da* Erbgesundheitsgericht an der Arbeit Das Erbgesundheitsgericht Hildesheim trat zu seiner ersten Sitzung zusammen. Insgesamt standen zehn Fälle zur Verhandlung. In fünf Fällen sollte gegen männliche und in fünf Fällen gegen weibliche Personen auf Unfruchtbarmachung erkannt werben. In sieben Fällen Ijtg angeborener Schwachsinn, in zwei Fällen Schizophrenie und in einem Falle Epilepsie vor. Das Gericht erkannte in sieben Fällen antragsgemäß auf Unfruchtbarmachung, die drei anderen Fälle wurden zur weiteren Ausklärung vertagt Englands schwere Entscheidung Mehrere Sitzungen des britischen Kabinens um die Iranzftslsdie Note DNB London, 20. März. Der diplomatische Mitarbeiter des„Daily Telegraph" schreibt: Wahrscheinlich wird sich das Kabinett bei seiner regelmäßigen. Zusammenkunft am Mittwoch mit der französischen und der deutschen Note befassen. Doch dürfte mehr als eine Sitzung notwendig sein, bevor die Minister darüber entscheiden können, welches der nächste Schritt Großbritanniens sein soll. Die Enttäuschung, die in britischen Kreisen über den negativen Charakter der französischen Note empfunden wird— obwohl man damit gerechnet hatte—, wird noch vermehrt durch den„Verhältnis- mäßig vernünftigen" Inhalt der deutschen. In London wird offen zugegeben, daß die deutsche Note tätsächlich viele Einzel- heiten enthält, die bei gegenseitigen Zugeständnissen zu einer französisch-deutschen Vereinbarung hätten beitragen müssen. Ob die jetzige äußerst ungünstige Lage des ÄbrttstungS- Problems durch Umarbeitung eines Teiles des britischen Planes entsprechend gewissen italienischen Anregungen und durch Hinzufügung einer besonderen L u f t k o n v e n t i o n in Ordnung gebracht werden kann, bleibt abzuwarten. Der diplomatische Korrespondent der„Morning Post" glaubt, daß das Kabinett seine volle Aufmerksamkeit, der SicherhettSfrage zuwenden werde, von der bereits Sir John Simon vor kurzem in der Parlamentsdebatte gejagt habe, das Unterhaus»verde stch vielleicht später damit noch viel genauer beschäftigen müssen. Der Korrespondent sagt serner, wenn Großbritannien nicht bereit sei, die von Frankreich geforderten Zusagen zu ge- ben, dann werde es weder eine Rüstungs- Verminderung, noch auch nur eine NüstungS- begrenzung geben. ES bestehe nicht mehr die leiseste Aussicht darauf, eine internationale Vereinbarung zu er- langen, die nicht von Internationalen Verpflichtungen be- gleitet sei. „Nur Trrtiwrtc Gerichte" DNB Paris, 20. März. Die Veröffentlichung der fron- zösnchen Antwort aus die englische Abrüstungsdenkschrist wird von der Presse für wahrscheinlich kommenden Donners- tag angekündigt. Der„Excelsior" polemisiert gegen die eng- tischen Blätter, die die Antwort, bevor sie überhaupt den genauen Wortlaut kennten, als ein Manöver Frankreichs zur Htmertreibung jedes allgemeinen Abrüstungsabkommens bezeichneten. Man werde sich im Gegenteil iehr bald von der objektiven Einstellung des französischen Me- morandnms, von seiner klaren juristischen und politischen Beweisführung, von seinem Wunsche, vernünftigen Ver- Handlungen nicht die Tür zu verschließen, und von seinem Streben, zu positiven Schlußfolgerungen zu gelangen, die alle Mißverständnisse jetzt und alle Ueberraschunge» in Zukunft ausschlössen, überzeugen können. Niemals habe Frank- reich erklärt, daß es sich jeder Entwicklung der durch den Bersailler Vertrag ausgestellten Probleme widersetze, Es habe lediglich den Standpunkt das gesunden Meuschenver- standes vertreten, daß die europäische Sicherheit nicht zwischen der obligatorischen Abrüstung gewisser Mächte und der er- laubten, wenn auch illegalen Ausrüstung anderer Mächte Schaden leide. Zwischen beiden müsse man ivählen, und von der Wahl würden die Lösungen abhängen, die im Rahmen des Bölkerbundspaktes in Aussicht genommen werden könnten. Eine gewiß klar bestimmte endgültige Aufrüstung Deutschlands wäre zweifellos auf Grund freiwillig über- nomineller Abkommen vorstellbar, wenn dieser osfensicht- lichen Erhöhung der Gefahren für die Nachbarstaaten Deutschlands eine Verstärkung der allgemeine» und besonderen Garantien entsprechen würde, die dem neuen Abkommen gewisse Aussührungsmöglichkeiten sicherten. Bisher habe man Frankreich in der Abrüstungsfrage nur ver- giftete Gerichte angeboten und man habe sich über seine Weigerung erregt, sich an den Tisch zu setzen. Diese Art von Einladungen, die verschärft würden durch Polemiken und bisweiligen abfällige diplomatische Druckmittel, sei nicht gerade geeignet, das Vertrauen zu stärken, das doch beim brüderlichen Bankett vorherschen müsse, zu dem sämtliche Völker eingeladen werden sollten. Eine Aenderung de» auszutragenden Gericht» und des ein zu- schlagende» Versahrens könnten nochAunder erzeugen. Kein Sprung ins Ungewisse. Das fei zu- fammengeiaßt der Wille Frankreich», das durchaus bereit sei, in aller Sympathie die Garantien zu prüfen, die die bis- herigen. gegenwärtigen und künftigen Aenderungen der in Kraft befindlichen Verträge begleiten müßten. DodclsdswingUs neues Sendsdireiben „Die Pfarrerschan Ist in zwei Lager gespalten" Friedrich v. Bodelschwingh war der erste recht« mäßig gewählte Retchsbischos im„dritten Reiche". Da er den Herrschenden nickt w'llfährig war, entfesselten die „deutschen Christen" einen Sturm gegen ihn und zwangen ihn znm Rücktritt. Er blieb seiner Gesinnung treu. Jetzt i el,,c,n Rundschreiben in Gestalt eines Offene» Briefe» a« bie Pfarrer und Geniel nie w Mg lieber beran. Es ist ein christlicher der«it Wncht ein dreimonatiges Schweigen dnrch, bricht. Die entscheidenden Stelle« lauten: ©iejochjkubien mir vor einem Jahr die Ziele stecken zu dürfen. Damals wünschten wir uns eine lebendige, inner- lich starke Kirche, die mit einem einheitlichen Wollen das Zeugnis des Evangeliums in unser dnrch großes Geschehen bewegtes Volk hineintragen sollte. Damals hofften wir. daß « n, f Westen würben, damit eine im Glauben und L ebe verbundene Christenheit sich mit ganzer Kraft den Ausgaben einer neuen Zeit widmen könnte. Heute bieten wir unserem Volk«nd der übrigen Christen- weit das Schauspiel einer durch schweren Kamps zerrissenen 8- a£^ Psarrerschaft ist in zwei Lager gelpalten, d>e stch fast wie verschiedene Konfessionen gegenüberstehen. Die kirchlichen Vertretungen sind in ihrer Arbeit ge- lahmt. Die Synoden können keine im Glauben und in der Liebe geeinten Arbeitsgemeinschaften sein. Viele Ge- meindeglieber trauern oder verzagen. Andere wenden sich enttäuscht von einer Kirche ab. die so wenig Kraft und Klar- hett besitzt und. durch Zwietracht zur Ohnmacht verurteilt, im öfsentl'chen Leben unseres Volke? eine Stellung nach der andern verlieren muß In diese verworrenen Stellungen *l>er rückt der Gegner ein, der unmittelbar vor den Toren u Kirch« steht. Das Bordringen der neuen germanischen Frömmigkeit kann gar nicht ernst genug genommen werden. «n^H e entschlossenen Anspruch aus die Seele unseres Volkes, lvie streckt ihre Hände vor allem nach der Jugend aus. Dabei ist der radikale Widerspruch gegen das Evangelium deutlich. Für den gekreuzigten und aus- erstandenen Herrn als de» Mittelpunkt aller Geschichte ist in dieser neuen HetlSverkttndung kein Platz. Wird sie die entscheidende Macht im Denken und Handeln unseres Volke» dann haben wir Luther« Erbe vertan. Diesem Volke aber gehören wir alle in heißer Liebe und in heiliger Pflicht. Diese Pflicht bat neuen Sinn bekommen, seit Adolf Hitler es gewagt bat, die ganze deutsche Nation zum Umlernen aufzurufen. Wir hören diese Mahnung mit Ernst und Freude. Wir missen aber auch, daß wahre FrelheitnnransdemDiensteGotteserwächst. Die Kämpfe des letzten Jahres haben in der Kirche nicht nur Unruhe und Zerstörung gebracht, sondern sie haben auch Lebe» und Bewegung erzeugt. Die innerste Haltung ohne Zorn und Zweifel ist aber nur möglich, wenn wir ganz wahrhostia sind. Nur wenn wir in rücksichtsloser Offenheit auch bie eigene Schuld und Versäumnis der bisher gegangenen Wegen erkennen und uns Helsen lasie», den Balken im eigenen Auge zu sehen, werden wir sähtg zu fruchtbarer Arbeit. Wir wissen nicht, wie lange uns»och die Freiheit zur Verkllndnng des Evangeliums gelassen ist. Drum ist es heilige Pflicht der Pfarrer und Gemeinde- glteder, die un? anvertraute Botichaft In dieser uns geichenk- ten Zeit mit ganzer Kraft auszurichten. Darum bitte ich alle Brüder der Furcht, die nns lähmen und ermüden will, keinen Raum zu geben. Wir bitten die Männer, die äugen-. bltcklich das Regiment in der Kirche führen, alle Entschel- düngen ans der innersten Verantwortung vor dem Herrn der Kirche z» treffen, und dabei immer zu bedenken daß Autorität in der Gemeinde Jesu nicht aus Gewalt erwächst, sondern nur aus dem Geist." * Dieses denkwürdige Schriftstück geht unter den gläubigen Protestanten von Hand zu Hand. Bodenichnsingh weih, welche Gefahr ihm droht, doch er fürchtet sie nicht in dieser Stunde der Wende. Der religiöse Ernst dieser Kundgebung hebt stch erschütternd ab von den kategorischen, von Angst geborenen Verfügungen des RetchsbischosS Müller, den die Kirche dar- über untxr den Händen zerbricht. Polizei entfernt Pfarrer „Durch Sie ist die Kirche besudelt" Mit welcher Rücksichtslosigkeit die„Deutschen Christen" in ihrem Kampfe gegen Mitglieder d«S Piarrer-Notbundes vor- gehen, zeigt ein Vorfall in Dresden, wo kurz vor Beginn de» HailptgottesdiensteS unter Führung«Ines Vertreters de» „Deurichen Christen" von der«irchengemetnde mehrere Personen in die Sakristei kamen und ihr Anführer dem Psarrer sagte: Sie werden nicht predigen, Herr Psarer R. wird die Predigt halten. Dieser Psarrer R. war gleich mit in die Sakristei eingedrungen. Der amtierende Psarrer wollte nicht nachgeben, woraus die Eindringlinge von der P o l i z c i entfernt wurden. Pfarrer R. erklärte, er werbe in der Kirche zur Abbaltnng der Predigt bereit bleiben, wobei er bei offener Tür zu schreien begann:„Durch sie i tt die Kirche b e s u d e l t." Der Besucher bemächtigte sich Entsetzen. Erst nach dem Einschreiten der Polizei konnte der Gottesdienst mit auderthalbstiiudiger Verspätung beginnen. In der Gemeinde herrschte über diesen Vorfall größte Empörung... „Freie Synoden" finden sich Der Psarrernotbund, dessen Vorsitzender der bekannte Pastor N i e in ö l l e r ist. hat sich jetzt der kürzlich gegrün- beten„Freien Synode der evangelischen Kirche" angeschlossen. Dieser Beschluß wurde aus einer Tagung des Vorstandes des Notbuüdes in Hannover gesaßt. Aus diesem Anlaß richtet der Notbund an alle freien Synoden einen Aufruf, in dem es heißt:„Wir hosten, zum organischen Ausbau einer großen freien Snnode zu gelangen, die die ganze evangelische Kirche in Deutschland umschließt. Wir danken dem Herrn.«nS die Gewißheit gegeben zu haben, daß wir im Glanben vereinigt sind, daß wir gemeinsam kämpfen. A< j n l/famniirP» daß»vir gemeinsam leiden und gemeinsam die schwierig-{J'fO llEdlllpCl Ci ketten der Gegenwart überwinden können." Königin-Matter Emma f Eine Dynastie von Frauen DNB. Haag. 20. März. Die Königin-Mutter der Nieder« lande. Emma, ist heute um 7.42 Uhr hiesiger Zeit s8.2S Uhr MEZ.I im Alter von 72 Jahren gestorben. An ihrem Sterbebett befanden sich Königin Wilhelmina. die Kronprinzessin Juliana und der Fürst von Waldeck, der Bruder der Königin-Mutter. Die Königin-Mutter der Niederlande wurde am-■ August 1858 in Arolsen als Tochter des Fürsten Georg Viktor von Äaldeck und Pyrmont geboren. Sie heiratete 1879 den König Wilhelm III. der Niederlande, dessen zweite Gemahlin sie war. Da die beiden Söhne des Königs frühzeitig starben, entschloß sich der König, um bie Thronfolge zu sichern, zu einer Ehe mit der um 40 Jahre jüngeren Prinzessin. Aus dieser Ehe entsproß die jetzige Königin Wilhclmine. Als sich die Hoffnung auf einen männlichen Thronerben nicht verwirk- lichte, änderte das holländische Parlament die Nachfolge- gesetze und ermöglichte so die weibliche Thronfolge. Infolge des bedenklichen Gesundheitszustandes des Königs übernahm der Staatsrat 1889 die Führung der RegiecungSgeschäste und übertrug sie aus die Königin Emma, die nach dem Tode des Königs gleichzeitig bie Vormundschaft über ihre Tochter übernahm. I» ihre Regierungszett fällt im Jahre 1896 tue Wahlrechtsreform, die mehr als doppelt soviel Wähler als früher an die Urne zuließ. Damit überwand sie di« politische Krise und konnte 1898 Wilhelmina am Tage ihrer Grou- jährigkeit einen geordneten Staat übergeben. Seit dem Ende ihrer Regentschast lebte sie zurückgezogen in ihrem PalaiS im Haag. Attentat ant italienischen Konsul Schwer verletzt DRB. Me r iko.?0. März. Ans b«« Italienisch«« Konsul Bicente Giudice Pietro ist am Montagmittag im Konsulats- gebänb« ein Reoolo«ranschlag verübt worden. Der Konsul wurde durch fünf Schüsse schwer verletzt. D«r Täter, der Italiener Manuel Mala, wurde festgenommen. Er behauptet, die Tat aas persönliche» Gründen begangen zu haben. Man nimmt jedoch an. daß möglicherweise politisch« Motive>m Hintergrund standen, da Mola Antifaschist ist. Pas Neueste Der„Führer" wirb am it. März, vormittag« II Uhr, an der Baustelle Unterhaching der Reichsautobahn München- Landesgrenze be« Großkamps 1984 gegen die Arbeitslosigkeit eröffnen. 7000 an der Küste des Pazifische« Ozeans beschLftigte Hasenarbeiter haben beschlossen, sosort in den Streik z» treten. Sie wollen mit dieser Kampfmaßnabm« die Anerkennung ihrer Gewerkschaft, Erhöhung der Löhne«nd Verringerung der Arbeitszeit durchsetzen. Seit Monaten schleppt sich i« Paris«in« Spionage» angelegenheit bin, in der bereits 10 Personen, darnnter bie Russin Frau Stahl«nd ihr Freund, ein Uebersetzer im Marineministerinm namens Professor Marti«, verhaftet worden sind. Am Montag soll das Ehepaar Switz, das in der gleichen Angelegenheit verhaftet worden ist, vor dem Unter« suckungsrichter ein volles Geständnis abgelegt haben, so baß neue Haftbefehle ergangen sind. Man behauptet, baß sämtlich« Beteiligten für«ine osteuropäische Großmacht gearbeitet hätten. Das Ehepaar Switz ist amerikanischer Rationalität. Anläßlich beS 63. Jahrestage« der Pariser Kommune kam es in Sofia und einigen Brovinzorten zu sckweren Ausschreitungen kommunistischer Elemente, wobei es zahl» reiche Schwerverletzte gab. Bundesrat Mnsn. der Leiter d«S schweizerischen Finanzdepartements, erklärt«, daß für die Schweiz nnr die Ausreckterbaltung des Schweizer Franke» ans der gegenwärtige« Koldbasis in Betracht komme. Unter ungeheurem Andrang des Publikum« begann am Montag vor dem Kriegsgericht in Bukarest der Prozeß gegen die Mörder Ducas nnb gegen die Eiserne Garde. Neun Angehörige des japanischen Hochadels hatten stch wegen kommunistischer Betätigung vor einem Disziplinargericht des kaiserlichen Hausministerinms zu ver, antworten. Der Sohn«nd Erbe deS Grasen Tolchischige Morl, Tolismori Morl, wurde feines Grasentitels für per- luftig erklärt. Außerdem wurden noch zwei Grase«, zwei BiLcounts und vier Barone gemaßregclt. 20 ausländisch« Studenten haben am Montag ihrer Unzn» sricdeuheit darüber, daß kein Ausländer in den Disziplinar« rat der Universität gewählt worden ist, im Hos der medi- zinischen Fakultät dnrch lärmende Kundgebungen AuSdruck gegeben. Sie ntrleien sehr bald mit französischen Studenten aneinander. Bei der allgemeine« Schlägerei wnrde» vier Student«« verletzt. Polizei stellte die Ruhe«nd Ordnung wieder her. lind wieder: Niemöller Er predigte erneut vor seiner Gemeinde Der bekannte Pfarrer R i« m»l l« r, Führer des Psarrer, notbundeö, ist zwar von Reichsbischos Müller seines Amtes enthoben worden, die Gemeinde erkennt diese Maßregel aber nicht au. So hat er dann am vergangenen Sonntag in übervoller Kirche erneut gepredigt und die Konfirmanden eingesegnet.„Seid Ihr Euch bewußt," so rief Riemöllex den Konfirmanden zu,„daß Euer Jawort in dieser schwersten Prttsungszeit unserer Kirche viel«ehr bedeutet, als einst in der ruhigen Zeit? Immer schon haben sich Menschen von der Kirche abgewandt, aber noch nie wandte stch die Kirche von Jesu ab!" Eine Reih« von Marineoffizieren in Uniform sNicmöller war im Krieg, wie bekannt, einer der aktivsten ll-Boot-Kommandantens, ebenfalls von nui- formierten Offizieren der alten Armee, auch SA.-Leute, sogar Chargen, nahmen am Gottesdienst teil. Die Konsir- wanden trugen zu vier Fünfteln die Uniiorm der Hitler- Jugend. Die Tatsache, daß auch viele zünftige Rational» iozialtsten zu Riemöllrr halten, beweist, was von der D«n»«- ztation der Deutschen Christ««, die Mitglieder des Psarrer- notbnndes leien Staatsseinöe, zn halten ist. Symbolisch zogen draußen während der heiligen Handlung in der Kirche unter dröhnenden Fansarentlängcu Abteilungen der Hitler- j n g e n d vorüber. Der Plarrernvtbund bat— das ist die Meinung der ..Neuen Zürcher Zeitung"— seine frübere Depression und Resignation heute überwunden. Er fühlt sich im Gegenteil setzt seiner Sache sicher. Dao Kirchenvolk, vom Ctebare» der Deutschen Christen abgestoßen, bleibt den Kirchen, wo Plärre? der Dentick«« Christen predigen, immer mehr fern. Reichs- bischet Müller erweist sich at« Führe? nnb FriebenSbringer der Kirch« immer»nsähiger. Der Zeitpunkt iß«echg, h« her Staat Wieder wird eingreife» müssen... Sein plötzlicher Tod An? Ncuyork kommt die Nachricht, daß Otto Kiemperer gestorben sei. Wenn sie sich bestätigt- ma« wir befürchten müssen—, dann Hat Deutschlands musikalische Welt einen ihrer hervorragendsten Köpfe verloren. Wer Klemperer einmal am Dirigentenpnlt erlebt hat, als Deuter Mozarts, Bruckners und Maklers, dessen Schüler er war. der weiß um die Einmaligkeit dieser künstlerischen Er^ scheinung. Der baumlange Mann mit dem scharsgeschnittene» Kopse ivar ein von der Musik Besessener, ein ihr in Aus- richtigkeit Dienender, der allen denen, dt« nicht so viel sor- derien wie er, oft unbequem war. Als Opernd'rigent in Hamburg, Köln und Berlin hat er unvergeßliche Leistungen pollbracht. Aber er wuchs über sich selber hinaus, wenn es die rein« Mufik in der Sinfonie zu gestalten galt. Eine selt- same Mischung von höchster Leidenschaft mit der Forderung nach kristallklarer Wahrheit und Ehrlichkeit waren für Otto Klemperer kennzeichnend und verschafften ihm die höchsten Ehre» in der ganzen Welt. El dirigierte zuletzt in Amerika. Der Pionier deutscher Musik hatte in Deutschland keine Wirkungsmöglichkett mehr. Sosort nach Ausbruch der„nationalen Revolution" mußte er seinen Posten als Generalmusikdirektor an der Staatsvver preisgeben, nachdem man schon lange vorher seine Arbeit» Möglichkeiten stark eingeschränkt hatte. Es fehlte ihm das arische GeburtSatteft. In Breslau ge- boren, ist Klemperer eben 49 Jahre alt geworden. ES ist nicht unwahrscheinlich, daß der erzwungene ExoduS aus Teutschland seine seit langem geschwächte Gesundheit gänzlich untergraben hat. Sein Tod erweckt Erinnerungen an die Glanzzeit deutscher Musik, wo man entscheidend nach der Leistung fragte. Damit ist es i« diesem„dritten Reich"»n End» Machtkampf um Spanien Hintergründe und revolutionäre Möglichkeiten Ueber die Streikwelle und die Unruhen in Spanien liegen folgende Meldungen vor: Madrid. ZV. März. Laut Mitteilung des Gouver- «eurs von Sevilla haben die dortigen Kellnergewerkschaften den Streik angemeldet. Der Innenminister ist jedoch ent» schloffen, die Arbeitsniederlegung, die wieder rein politische« Motiven entspringt, unter keinen Umständen zuzulassen, um so weniger» als dadurch der ruhige Verlans der heiligen Woche in Sevilla gefährdet würde, deren feierliche Abhal- tnng mit allen Mitteln garantiert werden soll. * In Sevilla explodierte im Bereinslokal der katholischen Bolksaktion eine Bombe. Trotz der Anwesenheit zahlreicher Mitglieder wurde niemand verletzt. Der Sachschaden ist ab»r bedeutend. * In Malaga dauern die Verhaftungen weiter an. Beim dortigen Gouverneur sprach eine Abordnung aus einem Ge- birgsdors vor, um Unterstützung für die 125 Köpfe zählende Einwohnerschaft»u erbitten, die vor Hunger dem Tode »ah« sei. * In dem Dorfe R i b- r a der Provinz Oviedo zündete der Bürgermeister aus politischen Motiven zusammen mit den Gemeinderäteu das Rathaas an. Sämtliche Akten»er- brannten. Die Täter und Mitschuldigen, insgesamt 88, war« den verhaftet. * Die Regierung hat de« am monarchistischen Fest vom August lvSZ beteiligten Adjutanten des Generals Sanjurjo, welch letzterer bekanntlich die damalige Bewegung schürte und sich in Festungshaft befindet, begnadigt. Man er« wartet weitere Amnestien. * In Barcelona dauern die Streiks weiter an. Die dortige Regierung beschloß, den Zugverkehr auf der„katalanischen Eisenbahn" durch Militär ausnehmen zu laflen, wenn das streikende Bahnperfoual morgen die Arbeit nicht aufnimmt. Worum Senk es? Aus Madrid wird uns über die Lag« geschrieben: Um den legalen Kampf um die Macht. Die Gründe für die Streikbewegungen sind zum Teil recht geringfügig. Aber darum handelt es sich längst nicht mehr: Machtkampf—. Prestigekampf.— Darum geht es. Da die Regierungskrise die Probleme nicht gelöst hat, da oie Autorität des Minderheitenkabinetts Lerroux gleich Null ist. versuchen Arbeiter und Unternehmer unter sich— vor- läufig mit den legalen, ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, auszusechten. Seit dem Wahlausfall vom 19. November und 8. Dezember, seitdem die revolutionäre Parole in die Arbeiterschaft ge- tragen wurde, haben sich die sozialen Probleme täglich mehr kompliziert. Die Rechte will um jede« Preis ihre Programmpunkte durchführen, die Linke keinen Schritt von den im Lause von 2 Jahren mühsam erarbeiteten sozialen Errungenschaften abweichen. Man sieht deutlich, daß die Rechte sich nicht darüber klar ist, ob sie ihr Ziel der Unterwerfung der Arbeiter allein durch ihre parlamentarische Mehrheit erreichen kann. Alle ihre außerparlamentarischen Unternehmungen basierten je- doch bisher auf den Rückhalt durch die Parlamentsmehrheit. Lerroux und feine Regierung spielen daneben gar keine Rolle, höchstens die des— den Unternehmern wohlgesinnten — Vermittlers. Daß es um anderes geht, als lediglich um die Lösung der sozialen Augenblickskonflikte, erhellt ein Interview, das der Borsitzende des„Bloque Patronal"(Zentralverband der Unternehmer), Tenor Aparicio, einem Auslandspressevertreter gab: Wir geben einen Auszug daraus wieder: „Wir sind bereit, dem Sozialismus die letzte Schlacht zu liefern. Wir sind im Besitze aller dazu nötigen Mittel, vor allem von Geld. Jeden Moment können wir 2 Millionen Peseten flüssig machen. Nach unserem Siege, bei dem uns die Regierung beistehen wirb, werben wir als erstes das Arbeitsministerium reorganisieren, das bisher eine„sozia- listische Räuberhöhle" war. Alle übrigen sozialistischen Nester werden wir gehörig ausräuchern. Der„schwarze Mann", der Sozialismus, muß verschwinden." Scheinbar— jedenfalls nach dem Nachgeben der Bau- Unternehmer an die streikenden Arbeiter ihres Gewerbe- zweiges— hat aber die einheitliche und ruhige Druchführung des Streiks eine starke Wirkung auf die Herren Unter- nehmer ausgeübt. Sie scheinen im Rückzug begriffen. Aber— ebensogut ist es möglich, daß dieser Rückzug nur ein Schein- manöver ist, hinter dem ein Abkommen mit der Regierung steckt, dos die Jllegalerklärung der Gewerk- schaften und Ausrufung des Kriegszustandes nach sich zieht. Was das aber bedeuten würde, müßt«« selbst die obsti« »atesten Marxistenfreffer in Spanien wissen:„Den so» fortigen, unaufhaltsamen revolutionären Aufstand und Generalstreik in ganz Spanien." — Provokation in Dollfuß Futztapfen?— Im Augenblick würde der soziale Horizont Spaniens noch einmal etwas aufgehellt, ist noch einmal das Aeußerste ver- mieden worden. Trotzdem— auf die Dauer läßt sich ein. restloses Aus- kämpfen der über Spanien lastenden Probleme nicht ver- meiden. Öle Saar-Juristen beraten G«uf, 19. März. Der juristische Unterausschuß, der aus den drei neutralen Juristen Kosters sHolland), Baron Mark v Württemberg(Schweden) und B o r e l(Schweiz) besteht und einige mit der Abstimmung zusammenhängende juristische Fragen zu klären hat, trat Monag um 11 Uhr im BölkerbundSsekretariat zusammen. Man nimmt an, daß die Beratungen einige Tage dauern werden. Die wichtigsten der ihnen überwiesenen Fragen sind folgende: Genaue Um- grenzung der dem Völkerbund bei der Saar-Abstimmung zustehenden Befugnisse und Pflichten. Hierunter fällt auch die Frage der etwaigen Heranziehung fremder Polizeikräft« zur Ausrechterhaltung der Ordnung. Ferner sollen sie bestimmen, was unter„Distrikten" und„Gemeinden" als Abstimmungs- einheilen im Sinne de» Vertrages zu verstehen ist. Schließ- lich sollen sie neben einer Reihe von Punkten mehr techni- scher Art, die z. T. auch nicht unerhebliche praktische Bedeu- tung haben können, noch erklären, wer als„Einwohner" abstimmungsberechtigt ist. Nach Abschluß dieser Tagung bei Juristenausschusses wird der DreierauSschuß des Völkerbundsrates zusamentreten, um die Ergebnisse der Juristenberatung entgegenzunehmen. Diese Tagung wird noch vor Ostern stattfinden. Die ent- scheidende Tagung des Dreierausschusses unter Borsitz A l o i s i S wirb aber erst für Mitte April erwartet. Man glaubt, daß sie entgegen früheren Gerüchten doch in Genf und nicht in Rom stattfinden wird. Die drei„Fragenkreise" Den drei Juristen sind folgende Fragen vorgelegt worden: L die Frage nach der Abstimmungsberechtiaung, die hauptsächlich in der Festlegung des Wohnsitzbegrifss ge» mäß der Bestimmung des Saarstatuts besteht, daß alle Per» Ionen, die um eine bestimmte Zeit, nämlich am 28. Juni 1919, im Saargebiet gewohnt haben, an der Abstimmung te»l- nehmen könne»,.„ 2. die Frage nach der Durchführung der Ab st im- «ung, insbesondere ob die Abstimmung gemeinde, oder bezirksweise vorgenommen werde» soll und was anter diesen beiden Begriffen Gemeinde und Bezirk im Sinn der Abftim- muugsvorbereituug zu verstehen ist, 8 die Frage nach den Befugnissen, die der Völker» buud gemäß dem Saarstatut besitzt Ein Abstimmungsgerldif kommt! «u den wichtigsten Einzelfrage», mit denen sich die Kam» Mission noch za beschäftigen hat, figuriert die Forderung deS Präsidenten Knox nach Besetzung des Saaraeb'et» durch Polizeitruppen. Schließlich dürsten sich die Juristen auch mit der Frage beschäftigen, ob außer der geplanten Abstimmungs. kommission noch ein besonderes Organ»m Saargebiet ge» schassen werde« soll, dessen Funktionen erst nach der Abftim- muug beginne« würden, nämlich ei«„Abstimmuugsgericht". das-iweiselssragen über die Gültigkeit von abgegebene« Stimme« usw. zu entscheiden hätte. D?e S--r.J»risten hätte« ihrerseits die Kompetenzen die Saar.Regieruugskommissiou. der AbstimmungSkommissiou und des Abstimmungsgerichts — falls die beiden letzten Organe für die Abstimmung ge- schaffen werden— gegeneinander abzugrenzen. Ffiisdiung" M Die„Saarbrücker Zeitung" will den„Petit Parisien", der die bekannten Dokumente über Göbbels' außenpolitische Propaganda jetzt in einer Broschüre zusammensaßt, einer Fälschung überführen. Sie zitiert folgende Stelle, die die Saar betrifft: „Da die letzte Entscheidung über die künstige politische Zugehörigkeit des Saarlandes noch nicht durch die zweifel- los für Deutschland günstige Abstimmung selbst herbei- geführt werden wird, sondern da in letzter Instanz dem Völkerbund gewissermaßen die Interpretation des Abstimmungsergebnisses überlassen bleibt..." Keine amt- liche oder offiziöse deutsche Stelle ist, so sagt die„Saar- brücker Zeitung" dazu, einer solchen Auffassung, denn für Deutschland sind die Bestimmungen über die Ab- stimmung schon jetzt so klar gefaßt, daß für irgend eine deutsche Stelle keine andere Interpretation überhaupt nicht in Frage kommen kann." * Die Auffassung der„Saarbrücker Zeitung" wird durch die Kragen, mit denen sich die drei Juristen zu beschäftigen haben, sehr deutlich widerlegt. Es ergibt sich daraus, wie g r o ß d i e Befugnisse des Völkerbundes sind. Die„Saar- brücker Zeitung" gibt sich bei ihrer Fahndung nach einer Fälschung sehr merkwürdigen Illusionen hin. Es ist noch nichts„ganz klar". Diese Klarheit soll erst geschaffen werden. Wie sie lügen Helmuth von Gerlach schreibt der„Deutschen Freiheit": Die„Deutsche Front" in Saarbrücken vom 9. März bringt ein« Notiz mit der Ueberschrift„Hello von Gerlach lernt um, gegen„Status quo" an der Saar"! Das Sammelsurium von Unsinn, das diese Notiz enthält, lohnt keine Erwiderung. Wesentlich ist nur die Behauptung, ich hätte mich am 27. Januar in Paris gegen den„Status quo an der Saar" ausgesprochen. Das Gegenteil ist wahr. Seit Hitler das deutsche Volk brutalisiert, habe ich immer nur den einen Wunsch vertreten, daß die Mehrheit der Saar- deutschen sich beim Plebiszit für den Status quo aussprechen möge, um so wenigstens einem Teil Deutschlands die poli- tisch« Freiheit zu erhalten. Wenn die„Deutsche Front" mir unterstellt, ich hätte mich jemals gegen den Status quo geäußert, so ist sie entweder von lügenhasten Gewährsmännern hereingelegt worden, oder sie hat die plumpe Unwahrheit in eigener Regie her- gestellt. Illegale Zigarettenbilder (Jnpreß). Eine interessante Art der illegalen Propaganda haben Jugendliche aus Leipzig organisiert: sie sammeln Zigarettenbilder, versehen die Rückseiten der Bilder mit oppositionellen Texten. Dann werden die Bilder verteilt. Holländische Reaktion Wie es pazifistischen Hochschullehrern erging Eine Anzahl holländischer Universitäts- Professoren hat einen Aufruf an die Hochschullehrer und Studenten gerichtet, ihre wissenschaftlichen Fähigkeiten nicht in den Dienst der Kriegsvorbereitung und der Kriegspropa- ganda zu stellen. Denn die Wissenschaft sei nicht berufen, militaristischen Geist zu züchten, sondern ausschließlich dazu da, der Welt und der Menschheit zum Besten zu dienen. Dieser pazifistische Ausruf hat die sich immer mehr breit machende holländische Reaktion auf den Plan gerufen. Nicht nur in den Blättern der Rechten laufen die Antipazifisten gegen die Unterzeichner des Aufrufs Sturm— der antirevolutio- näre Senator van Citters hat auch in der ersten Kammer eine Interpellation eingebracht. Der reaktionäre Senator forderte, daß die Regierung das Verhalten der Hochschul- lehrer mißbilligt, besonders in Zeiten, worin sie eingreifende Maßnahmen hat ergreifen müssen um auch in Hinsichl auf Gefahren, die vom Ausland her kommen können, zu erreichen, daß unter allen Umständen mit Treue. Hingabe und Gehorsam an der Obrigkeit gerechnet werden kann. Minister Marchant, selbst freisinniger Demokrat, hat sich zunächst um die Sache herumzureden gesucht. Denn unter den Unterzeichnern des Aufrufs ist sein Parteifreund, der in ganz Holland sehr verehrte Professor van Embden. Und dieser Professor Embden hat auf dem letzten Kongreß der freisinnigen Demokraten in Groningen den Pgzifismus unter allgemeiner Zustimmung als Gewissenssache hinge- stellt. Der Minister Marchant mußte vpn seinem Partei- freund Professor Kranenburg dann auch hören, daß«s sich bei der Interpellation um eine aufgeblasene Sache handelt. Der freisinntg-demokratische Minister Marchant rief den freisinnig-demokratischen Abgeordneten zur Ordnung, als dieser erklärte, es sei eine üble Art zu interpretieren, wenn van Citters den Aufruf so auslege, als ob er zur Kriegs- dien st Verweigerung aufrufe. Immerhin erklärte der freisinnig-demokratische Minister:„Sanktionen gegen Hoch- schullehrer haben eine bedenkliche Bedeutung. Wir würden aus einen gefährlichen Weg kommen, wenn wir von den Hochschullehrern forderten, daß sie in einer von der Regie- rung vorgeschriebenen Richtung lehrten. Soweit sind wir im freien Holland noch nicht." Aber— die Regierung mißbilligte doch den Ausruf und der freisinnige Demokrat Marchant machte vor der Reaktion einen Kotau: Professor van Holk, der einzige von den acht Hochschullehrern, der an einer Reichsuniversität doziert, ist unter Hinweis auf die Mißbilligung der Regierung mitgeteilt worden, daß die Regierung erwartet, daß der Aufruf nicht i.eiter verbreitet wird, oder daß der Gelehrte seinen Namen unter dem Aus- ruf zurückzieht. Die holländische Reaktion^sonst gar nicht so hitlerfeindlich, triumphiert unter dem Hinweis auf die bekannten Durch- marschpläne des deutschen faschistischen Militarismus durch Holland. So geschickt warfen sich die chauvinistischen Mili- taristen über die Grenzen hinweg die Bälle zu. Abzuwarten bleibt allerdings, ob auch Professor van Holk unter das Joch der militaristischen Reaktion gehen und seinen Namen unter dem Ausruf zurückziehen wirb. Man möchte sich gerne die Hoffnung machen, die acht Hochschullehrer möchten beweisen, daß Pazifismus nicht, was ihm feine Feinde vorwerfen, Feigheit, sondern jene Tapferkeit der Ge- sinnung ist, die sich auch durch Gewalt und Drohungen nicht mundtot machen läßt. Man möchte... Aber inzwischen ist die Verbreitung des Aufrufs bereits unterbrochen worden. Ruß'and bestraft Homosexualität Durch Beschluß des ZentralexekuiivkomiteeS der Sowjet- union wird Geschlechtsverkehr zwischen Männern mit Ge- fängnis von 3 bis 5 Jahren bestraft. In Fällen, wo Gewalt oder ein Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt wurde, um einen Mann dazu veranlassen, kann Freiheitsstrafe bis zu 8 Jahren verhängt werden. Bisher bestanden keine Straf- bestimmungen dieser Art. „Dimitroff" fährt nach Hamburg Rotterdam, 29. März.(Jnpreß.) Der 0000-Tonnen-Passa- gier- und Frachtdampfer„Haarlem", der in Rotterdam liegt und kürzlich von der Sowjetregierung gekauft wurde, ist auf den Namen„Dimitroff" umgetauft worden. Das neue Schiff der„Sowtorgflot" ist für den Verkehr Leningrad—Hamburg —Rotterdam und zurück bestimmt. veutsdte und Dänen In der Naziphantasie h. h. Jedem Europäer mit durchschnittlichem Bildung»- grab ist bekannt, daß Dänemark ein Volk beherbergt, dessen allgemeine Kultur nicht hoch genug eingeschätzt wird, das seit vielen Menschenaltern absolut demokratisch regiert wird. Dem Fremden, der mit Dänen in Berührung kommt, fällt sofort das freie, offene, gutmütige und doch stolze Wesen dieser Inselbewohner auf. Bon ihrer Gastfreund- lichkeit, die man geradezu als Eharaktermal aller wirklich Freien bezeichnen könnte, gar nicht zu reden. Diese Eigenschaften des dänischen Staatsbürgers sind natürlich auch den Deutschen, die an der nordschlcswigschen Grenze wohnen, sehr genau bekannt. Darum war man dieser Tage in Kopenhagen um io belustigter, als man die Nr. 47 der„Flensburger Nachrichten" in die Hand bekam und dort las: „ In Deutschland kann sich jeder dänische Tourist sein eigenes Urteil bilden: Der freiere Gang und die leuchten- deren(!) Augen im neuen Deutschland verkünden ihm, daß hier ein anderer Geist herrscht als in früheren Zeiten, ein anderer Geist aber auch als im„freien" Dänemark, wo man den einzelnen Menschen schon Neid, Haß, Mißgunst und Un- zufriedenheit an den Gesichtern ablesen kann." Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden die Gleichgeschalteten den deutschen Untertanen erzählen, in den demokratisch regierten Staaten fräßen die Bewohner kleine Nazikinder! 3 Pfennige gesammelt (Jnpreß). In einer Berufsschulklasse im Osten von Leipzig wurden die Schüler aufgefordert,„Hitlerjugendschilder" zu nageln und für jeden Nagel eine Spende zu geben. Die Klasse umfaßt 30 Schüler. Das erste Mal ergab die Sammlung 30 Pfennig, dann 17. dann 12 und schließlich nur noch 3 Pfennig. „Deutsehe Freiheit", Nr. 67 ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Mittwoch, 21. März 1934 Aktive russische Handelsbilanx* uswanflc™l na(n weft€rsee Der Gesamtbetrag de» Außenhandel» der Räteunion »teilte»ich im Berichtsjahr auf insgesamt 813,9 gegenüber 1279 Mill. Rubel im Jahre 1932, wn einen Rückgang um 435.1 Mill. Rubel oder etwa ein Drittel bedeutet. Die ruisische Ausfuhr betrug im Jahre 1933 495,6 Mill. Rubel gegenüber 574,9 Mill. im Jahre vorher, die Einfuhr 348.2 Mill. gegenüber 704 Mill. Der Räteexport ist im Vergleich zu 1932 mithin um 79,3 Mill. oder 13,8 Prozent gesunken, während die Räteeinfuhr infolge der starken Drosselung der Bestellungen im Ausland um nicht weniger als 355,8 Mill. Rubel oder 50,1 Prozent zurückgegangen ist. Da der Räteimport mithin einen weit stärkeren Rückgang als der Export aufweist, so hat«ich die russische Handelsbilanz zum erstenmal seit 1029 wieder aktiv gestaltet, und zwar betrug der Ausfuhrüberschuß 147,4 Mill. Rubel gegenüber einem Einfuhrüberschuß von 129,1 Mill. Rubel im Jahre 1932. Auf die wichtigsten Länder verteilte sich die Aus- und Einfuhr im Betriebsjahre wie folgt(in Mill. Rubel): Ausfuhr Einfuhr Gesamtumsatz 1133 1132 1H3 1932 19>3 1932 Deutschland 85,7 100,5 148,1 327,7 233,8 428,2 England 87,0 138,5 30,6 91,9 117,6 230,4 Mongolei 38,6 41.4 17,3 19,3 55,9 60,7 Italien 22,2 27,0 16,9 27,1 39,1 54,1 China 18.0 23,8 21,4 18,2 39,4 42,0 USA. 14.0 17.2 16,6 31,7 30,6 48,9 Frankreich 22,9 28,7 5,2 4,3 28,1 33,0 Belgien 27,3 19,3 1,5 0,6 28.8 19,9 Holland 25,9 21,5 60 3,6 31,9 25,1 Persien 12,0 25,4 8.3 49,9 20,3 75,3 p o|en 5,0 4,8 13,0 5,6 18.0 10.4 Japan 9,1 10,1 7,3 4,8 16,4 14,9 Deutschland stand danach im Jahre 1933 sowohl dem Gesamtumsatz nach als auch in der russischen Einfuhr an erster Stelle, während es in der Ausfuhr den zweiten Platz einnahm, wobei die Räteausfuhr nach Deutschland nur um 1,3 Mill. Rubel geringer als nach England war. Die russische Einfuhr aus Deutschland ist im verflossenen Jahr indessen um 179,6 Mill. Rubel oder 54 Prozent gesunken. Einen sehr starken Rückgang weist auch der Räteimport aus England, den Ver. Staaten und insbesondere Persien auf, während die Einfuhr aus Polen, Belgien, Holland und China gestiegen ist. In der russischen Ausfuhr weist der Export nach Deutschland nur einen Rückgang um 14,8 Mill. Rubel auf, dagegen ist der Räteexport nach England um 51,5 Mill. Rubel gesunken. Auffallend ist die erhebliche Zunahme des russischen Exportes nach Belgien und Holland. Schwedischer 100-Millionen-Kredit für Sowjetrußland Die schwedische Regierung hat dem Reichstag das mit der Sowjetregierung abgeschlossene Kreditabkommen zugeleitet. Nach diesem Vertrag gewährt Schweden der Sowjetunion einen Kredit von 100 Millionen Kronen zum Einkauf schwedischer Waren. Die Sowjetregierung verpflichtet sich dagegen, bis zum 1. Mai 1935 schwedische Waren im gleichen Werte zu bestellen. Vorbedingung für die russischen Käufe ist, daß die schwedischen Verkäufer normale Preise verlangen. Das Abkommen soll ab 1. Mai d. J. in Kraft treten, die Kreditzeit 14 Monate später ihren Anfang nehmen. Der Zinsfuß beträgt fünfeinhalb Prozent. In einem beigefügten Protokoll erklärt die Sowjetregierung, sie werde sich bemühen, auch nach Ablauf der im Vertrage festgesetzten Fristen ihre Einkäufe in Schweden in etwa demselben Ausmaß wie während der Jahre vor dem Zustandekommen des Vertrages fortzusetzen. Neue USSR.-Aufträge an England und Amerika Moskau, 18. März. Die Sowjetregierung hat infolge der neuen Handelsvereinbarungen mit England eine Serie von Aufträgen, die ursprünglich für Norwegen bestimmt waren, an die englische Industrie abgelenkt. Den Großteil der neuen Aufträge an England erhält die Vjckers-Armstrong und der Britisch Chemical Trust. Eine besondere Belebung hat laut der bezüglichen Estrop-Meldung die Auftragstätigkeit in der Relation zu USA. erfahren, woran die Baumwollwaren- Industrie sehr stark beteiligt sein wird. luden in der„ArbelttschlacM" I Anläßlich des bevorstehenden Beginns der unter der Führung des Reichskanzlers stehenden Frühjahrsoffensive zur Gewinnsing von Arbeitsplätzen in Deutschland werden von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in einem„Schafft Arbeit und Brot" uberschriebenen Appell die jüdischen Arbeitgeber aufgefordert, an dieser großen Aktion mitzuwirken, nach Möglichkeit jüdische Arbeitslose einzustellen und dadurch ihr leil zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschland» beizutragen. Venn in diesem Augenblicke, in dem der Frühling seinen Einzug hält, so wird in dem Appell ausgeführt, unter der r uhrung der Reichsregierung alle Kräfte mobil gemacht werden. Arbeit und Brot zu schaffen, dürfen auch wir Juden nicht zurückstehen. Wir haben es immer als unsere Aufgabe angesehen, wo auch uns die Möglichkeit hierzu vergönnt war, an der gedeihlichen wirtschaftlichen ökonomischen Entwicklung Deutschlands mitzuarbeiten. Wenn von der obersten Stelle der Ruf in das Land geht, Arbeit zu schaffen, dann empfinden wir diesen Ruf auch au uns gerichtet und uns verpflichtet, so vielen Menschen, wie es irgend geht, produktive Arbeit zu schaffen. Auch jüdische Arbeitslose warten in großer Zahl auf Einschaltung in den Wirtschaftsprozeß. Keine Vorschrift behindert die Berücksichtigung jüdischer Arbeitnehmer bei Einstellung in der Wirtschaft Die Aktivierung jede» Arbeitslosen bedeutet eine Entlastung der Allgemeinheit. Wer noch in seinem Betriebe einen freien Platz schaffen kann, hat die Verpflichtung, ihn unverzüglich zu besetzen. Der jüdische Arbeitgeber sollte die Verpflichtung in«ich fühlen, bei der Besetzung freier Stellen auch den jüdischen Arbeitsnachweis zur Vermittlung heranzuziehen und ihm Gelegenheit zu geben, auch seine Bewerber zu präsentieren. II In der Zeit vom 21. April bis zum 3< Juni wird in Berlin eine Ausstellung..Deutsches Volk— Deutsche Arbeit" stattfinden, über die Reichspräsident von Hindenburg die Schirmherrschaft übernommen hat. Ehrenpräsident ist der Reichsminister Dr. Joseph Göbbels. Zum Kommissar für die Ausstellung wurde Ministerialrat Haegert vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda bestellt. Wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung" mitteilt, sollen durch die Verbindung des Themas„Deutsche Arbeit" mit den Problemen der Rassenforschung auf dieser ersten großen Ausstellung der Reichshauptstadt über Erb- und Rassenpflege Bevölkerungskreise erfaßt werden, die von der grundlegenden Bedeutung der Erbgesundheitspflegte und Rassenpolitik noch nicht überzeugt sind. Auf der Ausstellung sollen u. a. unter dem Thema„Rasse in Not" die„Ausmerzung und Verhütung minderwertigen Nachwuchses, der Geburtendruck aus dem Osten, das Ueberwuchern der Erbgesunden durch die Erbkranken, die Bastarde aus der Zeit der Rheinland- besetzung und die geistige Geber fremdung durch die Juden" zur Darstellung gelangen. Warum Abonnenlensdiwund? Löhne der„Arbelfssdiladit" Man schreibt uns aus Berlin: l'eber diese Frage unterhielt sieh vor einiger Zeit im großen Saale des Gewerkschaftshauses in Berlin eine Amtswaltertagung des Deutschen Arbeiterverbandes des graphischen Gewerbes. Aus einer Anzahl früher sehr gut gehender Betriebe waren an die jetzige Verhandsleitung Anfragen gestellt worden, was sie zu tun gedenke, um den Kollegen, die durch den Abonnentenschwund gefährdeten Arbeitsplätze zu sichern. Was war die Antwort darauf? Folgendes: Die Kollegen sollten dafür sorgen, daß in den Zeitungen nur noch rein nationalsozialistische Politik getrieben würde, dann würde der Abonnentenschwund bald aufhören! Der diese weise Antwort gab, weiß wohl nicht, daß der Abonnentenschwund einsetzte, als die Zeitungen verhindert wurden, ein freies V ort zu schreiben und nur noch das bringen dürfen, was „oben" erlaubt ist; er weiß wohl auch nicht, daß der Abonnentenschwund gerade bei der Blättern am stärksten ist, die vollkommen von der NSDAP, gefressen wurden(z. B. ..Dortmunder Generalanzeiger") und selbst vor der alten Nazipresse wie„Völkischer Beobachter" und besonders vor dem berühmten„Angriff" nicht halt macht. Nein, nicht weil keine nationalsozialistische Politik in den Zeitungen getrieben wird, sondern weil sie nur noch der Abklatsch einer uniformierten Meinung sind, deshalb Abonnentenschwand. Nachlassen der Autokonjunktur Unsere Mitteilungen über die arbeitstäglichen Kraftwagen^ Zulassungen im Februar diesea Jahres können wir jetzt durch die absoluten Zahlen der Neuzulassungen ergänsen Es wurden insgesamt 4371 Personenwagen (gegenüber 8157 im Januar) und 1034(gegen 1062) Lastkraftwagen nen zugelassen. Hafenarbeiter als Beispiel Vor Hitler betrug der Mindesttagelohn eines deutschen Hafenarbeiters zuletzt 7.60 Mark Theoretisch gilt dieser Mindestlohn noch immer. Ein Arbeiter, der eine Bloche voll durcharbeitet, müßte also mindestens 45,— Mark ver diec.cn. In Wirklichkeit bekommt ein Hafenarbeiter nicht einmal die Hälfte dieses Betrages. Während der mit großem Lärm angekündigten„großen Arbeitsschi acht" ist ein Reihensystem eingeführt worden, wodurch ein Hafenarbeiter durchschnittlich drei Tage pro Woche an die Arbeit kommt. Dadurch verdient kein Hafenarbeiter mehr als 22,— Mark pro Woche, wovon noch seine Fahrkosten zum und vom Hafen abgerechnet werden müssen. Die Arbeitslosigkeit des einen Arbeiter» wird also auf Kosten des anderen„bekämpft". SA.-romilie unlerernälirl! Am Rande der„Arbeitssiege" Ont„Tchwarzniälder Boten"(Nummer SO) vom 14. März fiuitcu wir folgende Anzeige: Welch eteltenkender BolkSgcnofi« würde TA.-Mann, Familienvater von 4 Sintern, welche an Unterernäbrung leiden, I«« Mark leihen zum Zweck Kauf von Ziegen und Futter» Mitteln? Fit fleißig nnd sparsam. Rück, zahlung beginnt sofort Angebote u. S F 5001 an Tchwarzwälder vvte erbeten. Mehr als seit sechs Jahren Im Jahre 1933 hat die Zahl der nach Uebersee ausgewanderten Deutschen zum erstenmal seit 1927 wieder zugenommen. Es wanderten 12 786 Deutsche aus, das sind 2461 oder 24 v. H. mehr als im Vorjahr(10 325). Die Zahl bleibt aber noch hinter der Zahl der überseeischen Auswanderer de» Jahres 1931 zurück und beträgt ein Fünftel des Standes von 1926. Der gesamte Ausreiseverkehr(Auswanderer und übrige Ausreisende) über Hamburg und Bremen(80 264) hat im Berichtsjahr wieder abgenommen, wenn auch in erheblich geringerem Maße(nm 5,2 v. H.) als in den beiden\orjahren. Die Abnahme ist aber nur durch den Rückgang der Zahl der ausreisenden Ausländer(um 17 v. H.) hervorgerufen, während die Zahl der ausreisenden Deutschen um 11 v. H. gestiegen ist. Trotzdem überwiegt noch, wie seit 1930, die Zahl der ausreiaenden Ausländer, während in früheren Jahren zum Teil erheblich mehr Deutsche ausreisten. Haus für Techniker in Leningrad Der Leningrader Sowjet hat einen Wohnhausblock für die besten Ingenieure, Wissenschaftler und Techniker errichten lassen, der nach seiner Fertigstellung 256 Wohnungen umfassen wird. Das erste Haus des Blocks mit 40 Wohnungen ist bereits fertiggestellt und bewohnt. Eingerichtet werden 3- und 4-Zimnierwohnungen mit Bgd und Kammer für Hausangestellte in jeder Wohnung, Zentralheizung, Warmwasserversorgung, Telefon und zentraler Radioempfangseinrichtung. Die Wohnungen sind für Techniker und Wissenschaftler bestimmt, die auch die Möglichkeit haben müssen, zu Hause zu arbeiten. Die besten Stoßbrigadler unter den Ingenienren und Wissenschaftlern Leningrads werden diese Wohnungen zugewiesen erhalten. Die EUenbahnen Sowjetrußlands (ITF.) Im Jahre 1933 wurde der Wagenpark der russischen Bahnen um 936 Lokomotiven, 17 500 Güterwagen und 1350 Personenwagen bereichert. 524 Kilometer sind elektrifiziert und 928 im Begriffe, elektrifiziert zu werden. Während die Leistungen der Sowjetindustrie um 9 Prozent gestiegen sind, sind die der Eisenbahnen gleich geblieben. Der Plan für Neuanlagen. welcher die Fertigstellung von 1649 Streckenkilometern vorsah, ist nur zu 64 Prozent verwirklicht worden. Im allgemeinen sind die Resultate nicht zufriedenatellend. Die gewöhnlichen Streckenunterhaltungsarbeiten wurden wegen der Neuanlagen vernachlässigt. Die durchschnittliche Zahl der ausrangierten Lokomotiven stieg von 3830 im Jahre 1932 auf 3912 im Jahre 1933. Die Zahl der ausrangierten Wagen beläuft sich auf durchschnittlich 28 000. Sehr häufig kommen Kupplungsbrüche vor. Die der Industrie erteilten Aufträge sind nur zu 50 bis 60 Prozent ausgeführt worden. Pranger für Ge»chäfte mit Juden Wie die amtliche„Darmstädter Zeitung" mitteilt, wurde in einer Bauernversammlung in Leeheim im Ried bekanntgegeben, daß die Ortsgruppenleitung der NSDAP, am Rathaus eine schwarze Tafel aufhängen ließ, auf der die Namen aller derer verzeichnet werden sollen, die mit Juden Ge- schäfte tätigen. Wie jeder nationalsozialistische Volksgenosse, so sollten auch die Bauern keine Geschäfte mit Juden abschließen. Aufhebung der Freizügigkeit Der„Völkische Beobachter" schreibt unter der Uebersehrift „Landflucht und Gesindenot": „Hinter dem Rücken der Behörden vollzieht sich die Abwanderung der vielen jungen Arbeitskräfte vom Lande; es ist notwendig, die Wanderbewegung vom Land zur Stadt einer scharfen Kontrolle zu unterziehen. Erst dann wird eine wirksame Bekämpfung der Landflucht möglich sein." Weniger Siedlungen Während in früheren Jahren jährlich 7 bis 800 Neusiedlerstellen in Ostpreußen geschaffen wurden, sind 1933 nur 4190 Hektar angekauft worden, von denen 200 Stellen geschaffen werden sollen. „ Arbeitsschlachtpaß" In Baden erhalten die Beamten, die sich an der am 21. März beginnenden„Arbeitsschlacht" beteiligen, einen „Arbeitsschlachtpaß", in dem, wie es in der Ankündigung heißt,„alle außergewöhnlichen Gefechtihandlungen, das sind alle gegebenen Aufträge über 5 Mark, zur Eintragung gelangen". „Dem tüchtigen und tapferen Soldaten", heißt es weiter, „wird er nach erfolgter parteiamtlicher Abstempelung als „Ehrenpaß" zurückgegeben." Braun-gelber„Sozialismus" Die Direktion der Aschen-Münchener Feuerversicherung»- gesellschaft hat ,ihren Angestellten und Arbeitern die Ley- schen Festanzüge gespendet. Die Nazipresse nennt das„eine vorbildliche sozialistische Tat".— Früher hieß ao etwas— gelbe Werkvereinspolitik. Kirchensteuer als Lohnabzug Das Lsndesfinanzamt Unterelhe läßt jetzt die Kirchensteuer direkt vom Lohn abziehen, wie e« erklärt, um die durch Pfändungen hervorgerufenen Beunruhigungen zu vermeiden. Eine Pleite In Thedinghausen bei Bremen wurde seit langen Jahren zum ersten Male wieder ein Remontemarkt abgehalten, der sich zu einer Riesenpleite gestaltete. Es wurden rund 50 Pferde aufgetrieben, aber nur 5 verkauft. Die erzielten Preise lagen»wischen 800 und 950 Mark. Käufer war die Schutzpolizei. Deutsd ic Stimmen•(Beilage zuw„Deutschen Pweifkeit"• Ereignisse und Qesdkidkten Schießen, hauen, stechen 2)ec neue Zuhunftsmensch, gesehen von deutschen Jtcefessocen In einem soeben erschienenen offiziellen Bericht des letzten Kongresses der Deutschen Orthopädischen Gesellschaft in Leipzig heißt es:„Die Tagung wurde durch den Vorsitzenden, Professor Schede, Leipzig, sehr eindrucksvoll eröffnet. Er betonte als besondere Aufgabe der Orthopädie im neuen Staate die Fürsorge für erwerbsfähige und nicht für lebensunfähige Individuen, die Betreuung der heranwachsenden Jugend, deren aufrechte Haltung nicht nur als Zeichen der körperlichen Gesundheit, sondern auch der Geradheit der Seele zu gelten habe." Damit ist die Rückgratpflege, die Erziehung zur strammen Haltung, als die vordringliche Aufgabe deutscher orthopädischer Führung gekennzeichnet. Sie habe sinngemäß gleichzeitig auch der Seelenorthopädie, der Bekämpfung demokra- tisch-liberalistischer Rückgratverkrümmung zu dienen. Im neuen Staat gilt die Parole:„Stramme Seele im strammen Körper!" Professor Schede scheint nur bei seinen„ein- drucksvollen" Eröffnungen vergessen zu haben, daß einer seiner prominenten Vorgänger, Professor W. Henke, vor mehreren Dezennien diese Art körperseelischer Orthopädie dem Pflichtkreis der Unteroffiziere zugewiesen hatte. In einer Universitätspublikation, Festgruß an den Anatomen E. H. Weber der medizinischen Fakultät in Rostok aus dem Jahre 1871, hätte Professor Schede dies klipp und klar lesen können. Die Ausführungen seines verstorbenen Kollegen wären aber von ihm im neuen Staate schon deshalb zu berücksichtigen gewesen, weil sie eine durchaus zeitgemäße Glorifizierung des deutschen Rückgrats in einer durchaus modernen, im„dritten Reich" nicht der geringsten Korrektur bedürftigen Diktion darstellen. Professor Henke ging in seinen anatomisch orthopädischen Betrachtungen davon aus, daß die Art,„das Becken beständig stark vornüber geneigt, den„Hintern" nach hinten gekehrt und, um dies recht zu können, die Wirbelsäule auch beständig stark hintenüber gereckt zu halten," diese stramme Haltung„den Deutschen nicht erst künstlich durch die preußischen Unteroffiziere beigebracht, sondern schon ohnedies vorwiegend eigentümlich ist." Diese„eingeborene Standesdisposition" muß allerdings gepflegt werden.„Und deshalb nun ist es nicht zwecklos, sondern ganz rationell indiziert, und zwar im Sinne des Interesses, welches die Einexerzierung unserer Rekruten verfolgt, der Absicht, das Volk in Waffen nicht nur möglichst geschickt im Schießen, Hauen und Stechen, sondern auch möglichst ausdauernd im Marschieren zu machen..., zu dem unermüdlichen, starken Schritte, welcher in der Völkerwanderung das große Weltreich der römischen Imperatoren und in unseren Tagen die neueste schwache Kopie desselben(Frankreich) über den Haufen marschiert hat." Dieses stramm marschierende Wesen ist für Professor Henke Sinn und Krone der Schöpfung. Vom Darwinschen Standpunkt ist er in der Lage, die deutsche„nationale Liebhaberei(eben den„Hintern" nach hinten gekehrt, die Wirbelsäule stark hintenüber gereckt und die Brust nach oben gewölbt zu halten) zu einer Stufe fortschreitender Entwicklung des menschlichen Typus aus niederem zum höheren zu stempeln. Das auf allen Vieren laufende Tier fängt als Affe an sich mit den Vorderbeinen vom Boden zu erheben und nur noch auf den Hinterbeinen zu stehen und zu gehen. Der Mensch erst streckt sich so im ganzen, daß die hinten überbogene Wirbelsäule auch bei ganz geraden Beinen gerade aufgerichtet werden kann. Der deutsche Mensch bemüht sigh mit Erfolg, es noch etwas weiter in der Dorsalbiegung des Rückgrates zu bringen, nicht nur als der Gorilla, sondern auch als der Grieche, Jude und Franzose." So steht das Menschengeschlecht, falls Professor Henke sich nicht geirrt hat und die Orthopädische Gesellschaft im neuen Staate tüchtig ihre Pflicht tut, vor einer gewaltigen Entwicklung: im festen, starken Schritt wird der deutsche Mensch, oder der, der trotz Kant, Goethe oder Hölderlin von den Vielzuvielen heute dafür gehalten wird, alles über den Haufen marschieren. An seinem Wesen soll dann die Welt genesen. Ein simpler horao sapiens in der Basier„National-Zeitung". Sbas Vetspcechen hinteem cKezd (Den„Volksgenossen") Das„dritte Reich" erstand auf euren Knochen, SA.-Proleten, armer Mittelstand. Nun wollt ihr auch, was man euch fest versprochen: Brot, Freiheit, Friede und ein Stückchen Land? Nein, ihr dürft feiern und die Hand erheben. Wagt nicht zu tagen, daß man euch gefoppt. Die Posten sind an andre weggegeben, Der„Umsturz" ward nach kurzem Spiel gestoppt. Das Neue Reich wird ohne euch gestaltet Und Hunger quält euch, wie im alten Reich. Wenn ihr auch arm seid, ihr seid gleichgeschaltet Und euer Elend blieb sich gleichfalls gleich. Denkt ihr der Worte, der uneingelösten, Weil ihr— so nach wie vor— bedrückt und arm? Nehmt es nicht tragisch, eines mag euch trösten: Wenn euch auch kalt wird,— andre sitzen warm! Willi Eckenroth. *Dec UuischuwHQ Haider Olden erzählt von einer Indienreise auf einein ganz großen Luxusdampfer. Ein ängstlicher Berliner fuhr mit. Fragte tagtäglich den Kapitän, ob der Dampfer auch sicher sei. „So sicher wie daheim im Himmelbett," antwortete der Kapitän lächelnd und geduldig. So gings sechs Tage lang. Am siebenten wurde der Kapitän wütend:„Lieber Mann, wir stehen alle in Gottes Hand!" antwortete er diesmal ganz unprogrammäßig. Der Berliner wurde kreidebleich und murmelte erschrocken:„Wat denn, wat denn? Gestern noch ganz sicher und heute schon in Gottes Hand?" Aus dem„Siuplicus", QeCächtec hinten dec Jiuüsse %)ec Volkswitz in diesec Zeit Das alles wäre nicht passiert, wenn Hindenburg gelebt hätte. Deutscher Volkswitz 1933. In Zeiten der Reaktion war immer der Witz die letzte ^ äffe. Im preußischen Vormärz z. B. spitzte Glaßbrenner seine geflügelten Pfeile, deren Widerhaken dem Gegner im Fleische juckten. Erst recht im„dritten Reich" Hitlers, in dem jede Meinungsäußerung brutal unterdrückt nnd im buchstäblichen Sinne lebensgefährlich wird, muß sich die Kritik in den Witz flüchten. Er muß Zeitungsartikel, Flugblätter, Parlamentsreden ersetzen. Nie sind politische Witze so eifrig eräählt worden und so rasch von Mund zu Mund gegangen wie in diesem Deutachland. Kein Maulkorb ist engmaschig genug, um sie nicht durchaulassen. Fontane hat einmal gesagt, daß oft in einer Anekdote mehr Historie stecke als in dicken Geschichtsbüchern. Das gilt ebenso vom politischen Witz. In Zeiten der Meinungsknebelung faßt er Zeitgeschichte in Pointen zusammen. Er charakterisiert Zustände und Personen in knappen Anekdoten, die zwar erfunden, trotzdem aber in dem Sinne„wahr" sind, daß sie die faktisch vorhandenen Schwächen und Laster des Gegners verspotten und geißeln. Wie die Karikstur übertreibt gelegentlich auch der politische Witz. Um so sicherer trifft er ins Schwarze. Für jeden Treffer hat er die Lacher auf seiner Seite. Und es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte, daß aich erst später herausstellt, daß Gelächter doch tödlich wirken kann—- langsam und in kleinen Dosen wie Luhhe Gift. Der politische Witz dieser Zeit hat— von wenigen Ausnahmen abgesehen•— keine Autoren. Er ist anonym. Er entsteht in der Luft zwiechrn den Menschen. Er kristallisiert als Niederschlag der Atmosphäre wie die Rauhreifnadeln au kahlen Zweigen. Seine Anonymität gibt ihm symptomatia-je Bedeutung als knapp gesammelter Ausdruck übereinstimmender Meinungen. Und diese Uebereinstimmung macht ihn geflügelt. Er wird nicht nur kolportiert»— er wird überall aofort verstanden. Er ist das Chiffretelegramm der Gleich- gesinnten: Wir verstehen uns! Der Volkswitz ist hellhörig und hellsichtig. Er erkennt politische Zusammenhänge und charakterisiert sie in Anekdoten, wenn oft die Politiker sich noch in Illusionen wiegen. Eine solche Illusion war der Reichspräsident von Hindenburg. Ehrwürdig stand er an der Schwelle, über die das deutsche Volk int„dritte Reich" marschierte. Die politischen Illusionäre hofften noch, daß ein Zauberspruch aus Neudek den braunen Spuk hinwegfegen werde— da hatte der Volkswitz längst konstatiert: Es gibt keinen Eisernen Hindenburg mehr— es gibt nur noch eine Meißner Figur! Und als Hindenburg in den Himmel kommt, fragt Petrus erstaunt: „Nanu, Herr Reichspräsident! Was wollen Sie denn hier? Sie ■ind doch noch gar nicht tot!" Hindenburg erwidert entrüstet: „Zum Donnerwetter, da hat mich dieser Meißner doch schon wieder falsch informiert!" Grimmiger aber ist jener Witz von einem Gesuchsteller, der im Vorzimmer stundenlang auf die erbetene Audienz bei Hindenburg warten muß und schließlich gelangweilt sein Frühstücksbrot aus dem Papier ißt. Staatssekretär Meißner kommt herein, sieht das und ruft: „Mann, Menschenkind! Tun Sie das Papier weg! Wenn es der Herr Reichspräsident sieht— der unterschreibt alles!" Was daraas geworden ist, faßt ein anderer Volkswitz in zwei Sätzen zusammen: Manchmal gebt Hindenburg in die Konzen- tratfonslager. Er besucht dort seine Wähler! Erfinderischer noch hat»ich der Volkswitz naturgemäß des ..Führers" und seiner Paladine bemächtigt. Mit;\ orliebe läßt er harmlose Leute als Sprachrohr der Kritik dienen, so etwa einen Logenschließer, der dem„Führer" den Theaterbesuch dadurch verekelt, daß er ihn jedesmal fragt:„Der Herr hat noch kein Programm?" Und als Hitler einmal inkognito im Kino sitzt und und sitzen bleibt, alt in der Wochenschau»ein Bild erscheint, während slle anderen Zuschauer heilrufend aufstehen, ist es wieder ein Logenschließer, der ihm zuflüstert:„Mein Herr, wir denken alle so wie Sie— aber aufstehen müssen Sie!" Als ein Jude hört, man habe Beweise dafür, daß auch Hitler jüdisches Blut in den Adern habe, erbleicht er nnd sagt:„Das ist nicht recht, daß man uns den auch noch in die Schuhe schieben will! Gewisse Ausreden des Regimes aber tut der Witz mit einer„Zeitungsnachricht" ab: Reichskanzler Hitler hat sich in ärztliche Behandlung begeben müssen. Ihm sind die unteren Organe über den Kopf gewachsen. Treffsicher findet der Volkswitz den schwachen Punkt: man darf nicht aussehen wie Göbbel», wenn man das blonde Ariertum glorifizieren will. Als Göbbels in einer ihm fremden Stadt einen einfachen Mann auf der Straße nach dem Versammlungslokal fragt, in dem er sprechen»oll, gibt ihm der Mann den guten Rat:„Es hat gar keinen Zweck, daß Sie hingehen— Juden haben keinen Zutritt!" Das war aber noch ein harmloser Bescheid. Als jedoch Göbbels in den Himmel kommt und Petrus vorstellt:„Götz von Berlichingen, der Mann mit der eisernen Faust— Joseph Göbbels, der Mann mit der feurigen Zunge", besieht sich Götz den Mann einen Augenblick und sagt dann unwirsch:„Und— dennoch...!" Göringa Name ist ein für alle Mal mit dem Reichstagsbrand verknüpft. Ihn trifft der Witz, der nach den Brandstiftern fragt und antwortet: Die Brüder LASS. In zwei Sätzen wird der ganze pompöse Reichstagsbrandprozeß ad absurdum geführt, wenn der Witz einen SA-Mann fragen läßt:„Hast Du schon gehört? Der Reichstag brennt!", worauf der zweite SA.-Mann erwidert:„Pst! Erst morgen!" Die gante nationalsozialistische Fülirergarnitur de»„dritten Reiches" müßte längst politisch erledigt sein, wenn Deutschland noch ein Land wäre, in dem persönliche Unantastbarkeit die Voraussetzung für politische Geltung wäre. Aber von dieser Diktatur muß es das Volk hinnehmen und — was das Schlimmere ist!— nimmt es in großen Teilen sogar begeistert hin, daß die Jugend Männern anvertraut wird, deren erzieherische Qualitäten der Witz trifft, wenn er die Männer um Röhra„Mädchen in Uniform" nennt und wenn er Röbm fragen läßt:„Adolf, wenn Du Kaiser wirst — werde ich da Kaiserin?" Mit gröberem Geschoß trifft er diesen dunklen Punkt, wenn er einen größenwahnsinnig gewordenen SA.-Mann sich brüsten läßt, größer noch als Nero zu sein, denn:„Nero bat Rom angesteckt, ich aber— ich habe Rölim angesteckt!" Zahllos sind die Anekdoten, die den Judenboykott und die Judenverfolgungen glossieren. Auch darin drückt sich aus, welche politische Dummheit der antisemitische lieber- eifer war; die Knechtung der Arbeiterschaft allein hätte „die Welt" bestimmt weit weniger beunruhigt, denn damit diente der Nationalsozialismus ja schließlich den Interessen des internationalen Kapitals. Es ist noch harmloser Spott, wenn der Witz eine kleine norddeutsche Stadt am Tage des Judenboykotts nach Berlin depeschieren läßt:„sendet sofort juden stop sonst boykott unmöglich", oder wenn er einen aus Deutschland nach Jerusalem geflüchteten jüdischen Arzt dort inserieren läßtt„Von der Reise zurück. Dr- Moses." Bissiger trifft die Juda-ver- recke-Rufer jener anekdotische Brief einer jüdischen Familie an ihre Freunde im Ausland:„Uns gabt es gut. Keineot Juden wird ein Hasr gekrümmt. Hitler führt uns einer besseren Zukunft engegen. Moritz, der das Gegenteil behauptet hatte, wird übermorgen beerdigt." Hier wird die Anekdote zur Anklage wie die Frage des jüdischen Kindes, das in der Schule die Schimpfreden des Lehrers auf die Juden hat anhören inüsaen und nun in«einer Not fragt: „Mutti, könnt ihr mich nicht umtauschen?" Das ist schon kaum noch ein Witz— e» ist ein Blitzlicht, dessen Grellheit das Lachen verstummen macht. Das gleiche Thema— die Bedrohung und Verfolgung schuldloser Menschen hirnverbrannter Theorien zuliebe— glossiert eine Anekdote besonders treffend: In einer deutschen Stadt ist aus einem dort gastierenden Zirkus ein Bar ausgebrochen. Er läßt sich tagelang nicht fangen und richtet allerlei Unheil an. Schließlich wird eine Belohnung ausgesetzt für denjenigen, der den bösortig gewordenen Bären niederschießt. Zwei Juden lesen die Bekanntmachung. Erschrocken sagt der eine:„Es ist das Beste, wir fliehen!" „Warum!", fragt der andere.„Du bist kein Bär— ich bin kein Bär."„Nu' wenn schon— aber geh Du hin und beweise es ihnen!" Es ist die Angst, die Proselyten macht. Sogar Juden verwandelt sie— freilich nicht nur sie! in willfährige Diener des Regimes. Sie nimmt der Witz aufs Korn, wenn er von Gott erzählt, daß er sich in Deutschland nicht mehr auskenne und deshalb den Erzengel Gabriel und dann, als dieser nicht wieder kommt, den Erzengel Michael nach Deutschland schickt mit dem Auftrage, nachzusehen, was da eigentlich los sei. Als Wochen vergangen sind und beide nicht wiederkommen, bittet Gott den alten Moses:„Geh Du hinunter; Du bist ein erfahrener Mann; sieh, wo sie geblieben sind." Moses geht. Nach drei Tagen schickt Moses ein Telegramm:„Erzengel Gabriel und Michael auf der Flucht erschossen. Standartenführer Mosinsky." In Angst leben und schweigen. Das ist das Los der Verfolgten und Bedrohten im Lande Hitler».„Was für ein Band trägst Du da im Knopfloch?", fragt ein Deutscher den anderen.„Das ist das Band des Eisernen Kreuzes".„Wofür hat Du das bekommen?"„Für Tapferkeit vorm Feinde". „Und warum trägst Du es jetzt?"„Aus Angst!" In Angst leben und schweigen Der Münchener Komiken Karl Valentin freut sich:„Es ist ein wahres Glück, daß wir nicht im Schlaraffenland leben!"„Warum?", fragt Licsl Karlstadt. ,,N» was hätten wir von den gebratenen Tauheu, wenn wir» Maul nicht aufmachen dürfen!" Und als ihn seiuci Partnerin wegen dieser Anzüglichkeit verwarnt, sagt er gekränkt:„Ich sage gar nichts— das wird man wohl noch sagen dürfen!" Ja: nichts— das ist da* Einzige, wat man im„dritten Reiche" noch sagen darf, wenn man nicht„Heil Hitler" schreien will, schweigen—- und denken! Vor dem Denken der Schweigenden haben sie Angst, die anderen, die gelb uniformierten Maulkorbmacher! Denken, sehen und nichts vergessen! Einmal wird et ja zur Tat kommen müssen. Und dsnn werden keine Witze gemacht! M a u f c tef Mupe-Vateut(iic OJetlm „Bitte, ein# Gabe"... Ein Berliner Schupomann stand dieser Tage vor der schwierigen Aufgabe, allein eine Sammlung von"enschen, die keinen nationalsozialistischen Eindruck machte, zu zerstreuen. Gummiknüppel, Pistole, überhaupt Waffengewalt anzuwenden, schien ihm nicht ratsam. Dia Ueberuacht hätte ihn überwältigt. Er dachte nach, und wie er so nachdachte, kam die Erleuchtung: Er trat auf die Leute au, nehm den ischako vom Kopf und sprach:„Bitte, eine Gabe für liia Winterhilfe!"— Im Nu war der Platz menschenleer, Deutsche Freiheit Nummer 67 Das bunte Matt Mittwoch, de« 21. Mörz 1984 /® on Sorki Cantste Ich war damals neun oder zehn Jahre alt, und mein Feind, Waßjka Kljutscharew, war gleichaltrig mit mir. Er war der Sohn eines Beamten, unwahrscheinlich tapfer und ein ausgezeichneter Faustkämpfer, schmächtig, gelenkig und von vollendeter Elastizität. Bei jeder Begegnung pflegten wir in Zank und Kampf zu geraten, prügelten uns blptig und bis zu Tränen, aber wir weinten weniger vor Schmerz als aus Verzweiflung darüber, daß der Kampf immer unentschieden endete. Wir prügelten uns erbittert und bis zur Ohnmacht: dann gingen wir weinend auseinander— es war nichts zu machen, keiner hatte ge- siegt, und so ging der Kampf bei der nächsten Gelegenheit weiter— wieder ohne Entscheidung. Einen ganzen Winter lang hatte ich nur den einen Wunsch. Waßjka zu schlagen, und selbstverständlich war er vom gleichen Wunsche erfüllt. Darum haßten wir uns, grausam und unerbittlich, wie nur Kinder hassen können. Einmal in der Karwoche begegnete ich Waßjka in einer Gasse, die durch ihren Schmutz berühmt war: den ganzen Sommer über trocknete der Schlamm auf ihr nicht aus. Es ging die Sage, daß einmal darin ein Pferd ertrunken war. Um sie ein wenig wegsam zu machen, waren längs der Gartenzäune Bretter gelegt, aber auch sie waren ge» fährlich: man rutschte auf ihnen aus. Auf diesen Brettern also kam mir Waßjka entgegen. Kaum hatte er mich bemerkt, als er auf mich losstürzte. Dabei glitt er aus und fiel der Länge nach in den Schmutz. Seine Arme versanken fast bis zum Ellenbogen im Schlamm. Ich half ihm aufzustehn, aber er stieß mich von sich und betrachtete entsetzt seine Bermel, die ganz schmutzig waren. Dann sagte er mit einem schiefen Lächeln: „Das fetzt Prügel." „Wiew?" „Zu Hause," sagte er und seufzte. Dann fragte er: .„Wer prügelt Dich?" „Der Großvater." „Und mich der Vater." Mir fiel ein, daß sein Vater wahrscheinlich recht fühlbar prügelte. Ich empfand das Bedürfnis, ihn zu trösten. „Es ist Ostern, vielleicht bekommst Du darum keine Keile." Aber Waßjka schüttelte verzweifelt den Kopf. Da schlug ich ihm vor. die Bermel zu waschen. Er schwieg, endlich stimmte er zu. Am Ende der Straße war ein Tümpel. Waßjka zog sein Hemd aus, ich stieg in das Wasser, da? mir bis zum Knie reichte, und begann den Schmutz abzuscheuern. Der Tag war kühl und trübe, mein Feind Zitterte mit seinem nackten Oberkörper, seine Augen waren traurig auf mich gerichtet. Gespannt schaute er meiner Arbeit zu, aber je mehr ich sein Hemd be- arbeitete, desto trostloser wurde sein Ausdruck. Als die Farbe des Hemdes endlich aus braun ins Gelb wechselt" sagte er leise: „Laß sein, man sieht doch, daß es schmutzig ist." Wir dachten nach, was zu tun ist, und beschlossen, das Hemd zu trocknen. Zu jener Zeit begann ich gerade Zigaretten zu rauchen, ich hatte immer einige„Persitschan" (zehn Stück drei Kopeken) bei mir. Wir machten am Hügelabhang Feuer, rauchten und schwiegen. Wie sollte man unter Feinden auch miteinander sprechen? Vom Rauch wurde das Hemd schwarz. An zwei Stellen brannten Löcher durch, das heißt, nur der Rücken war durchgebrannt, der Aermel war nur versengt. Das sah nun schon eher komisch aus. Wir lachten auch, als wir es abnahmen, aber es war natürlich kein lustiges Lachen. Waßjka hatte Mühe, in sein Hemd heineinzukommen. es war auch eingelaufen. Er schmierte sich das Gesicht mit Ruß voll. Durch die Schatten machte sein Gesicht nur noch einen kläglicheren Eindruck. Er sagte hoffnungslos: „Nun. ich geh jetzt. Schlagen können wir uns heute nicht mehr." Er ging. Mir tat er leid. Und, auf Ehrenwort, an diesem Tage hätte ich gern meinen Rücken für ihn hingehalten, damit man mich an seiner Stelle prügelte. Nach einigen Tagen traf ich meinen Feind wieder. „Nun," fragte ich.„hast Du Dresche bekommen?" „Was geht Dich das an?" schrie er mich an.„Nimm Stellung!" Und wir begannen uns zu prügeln, wie immer, höchstens noch erbitterter als früher, aber ebenso erfolglos. An den Zaun gelehnt, das Blut, das aus der Nase troff, weg- wischend, sagte mein Feind: „Du scheinst stärker geworden zu sein." „Du auch," antwortete ich. Ich saß auf einem Stein und kühlte mein Auge. Auch meine Lippe war zerschlagen. Nach diesem Gespräch trennten wir uns. Aber in unseren Worten klang nicht nur Neid, sondern vielleicht auch schon die Achtung voreinander mit, das noch undeutliche Bewußtsein, daß wir nicht nur Feinde waren, sondern zugleich auch Lehrmeister füreinander. Wir haben uns allerdings doch noch zwei- oder dreimal geprügelt, aber auch dabei gelang es keinem, einen ent- scheidenden Sieg zu erkämpfen. Das lag aber zum Teil daran, daß wir nicht mehr darüber diskutierten, wer mehr und schmerzhaftere Prügel bezogen hatte. Im August, nach einem Wolkenbruch von zwei Tagen Dauer, traf ich Waßjka draußen vor der Stadt, wo wir da- mals das Hemd gewaschen hatten. Er saß traurig auf einem zerfallenen Zaun, das Gesicht in die Handflächen gestützt, als er ausblickte, merkte ich, daß die Lider seiner mutigen Augen gerötet und geschwollen waren. „Ich will mich nicht mehr prügeln," sagte er. „Du hast wohl Angst?" sagte ich. um ihn zu reizen. Er aber antwortete: „Meine Schwester ist gestorben, aber das macht nichts, sie war noch so klein, ein Säugling. Aber schlimmer ist, daß ich nun in die Kadettenanstalt soll." Für mich war die Kadettenanstalt etwas wie ein Ge- fängnis, ein mächtiges Gebäude hinter den Mauern des Kreml, weiß getüncht, und die Korridore grell gelb. Alle großen Häuser waren mir unangenehm, da ich selbst klein war. war ich ihnen feindlich gesinnt, ich glaubte, daß in ihnen immer Langeweile herrschen müßte, und daß in großen Räumen sich die Augen so weiteten, daß sie endlich platzten. Ich bedauerte meinen Feind tief, daß man ihn in die großen Häuser und in die Langeweile hineinjagen wollte. Ich setzte mich zu ihm und sagte: „Kannst Du nicht davonlaufen?" Aber er stand auf, und zum ersten Male streckte er mir seine kleine Hand in friedlicher Absicht entgegen, diese Hand eines Kämpfers, deren Kraft mein Körper so oft ge- fühlt hatte. „Leb wohl, Bruder." sagte er halblaut und blickte mich nicht an. Aber ich sah, daß seine Lippen zitterten. Ich wollte so ungern ihm Lebewohl sagen. Aber natürlich mußte ich es sogar. Lange und traurig sah ich hinter ihm her, während mein gesiebter Feind lang- sam und widerwillig den steilen Pfad über die Hügel hinaufging. Und lange danach war es traurig und einsam, lang- weilig und leer für mich, ohne meinen Feind zu leben. (Deutsch von Dr. K.) Von Hugo v. Hofmannsthal Tüchtigen stellt das schnelle Glück Hoch empor, wo er gebiete Bielen zum Nutzen, vielen zum Leid, Und es hängen sich viele an ihn, Neiden ihn viele, Und ihn umschmeichelt, was da gemein ist. Er aber, droben, Suchet sich selber, welchem er diene "Bon den Geistern, welchem strengen. Und dem wirb er ähnlich Und verdient sich den Glanz Und Stab des Gebietens, Den dereinst das schnelle Glück ihm zuwarf. Und kämpft es aus, Unablässig, Tagaus, tagein, Jahr um Jahr, Und waltet des Amtes Wesenhaft, Und ihn grüßt. Wo Männer seiner gedenken, Ein schönes Wort: Bewährung. Aus dem bei S. Fischer, Berlin, erschienenen Nachlaßband„Nachlese der Gedichte" pro;eß um den Oachweltruhm Die Richter des Seine-Tribunals haben in einem nicht all» täglichen Prozeß zu entscheiden, ob es einem Verleger er» laubt sei, der Mitwelt einen eventuellen Nachweltruhm vor- zuenthalten. Eine junge Pariser Romanschreiberin voller Talent hatte vor einiger Zeit ihrem Verleger ein Roman- Manuskript übergeben mit der ausdrücklichen Bedingung, daß dieser Roman erst nach ihrem Tode veröffentlicht werden dürste. Der Verleger las das Manuskript und fand es recht gut. Er überlegte sich, daß die Verfasserin doch noch recht jung sei, viel jünger als er selbst, und daß sie ihn nach menschlichem Ermessen überleben würde. Dieser Roman ver- sprach, ein Geschäft zu werden, warum sollte er dieses gute Geschäft seinen Erben hinterlassen. Er druckte also fröhlich drauf los und eines Tages bekam die Autorin erstens ein Belegexemplar und zweitens sofort darauf einen Nerven- schock. Sie lies— nachdem sie sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatte— sofort zum Kadi, und nun hat der Verleger einen schweren Stand. Aus der einen Seite hat das Buch durch den nicht alltäglichen.Prozeß einen Riesenabsatz, auf der anderen Seite verlangt die Autorin für jedes verkaufte Exemplar eine Entschädigungssumme. Nun hat der Richter das Wort... Gin 5000Mriger wird operiert Der ägyptische König Ra-Nafer ist 5000 Jahre nach seinem Tode noch einer chirurgischen Operation unterzogen worden. Seine in London befindliche Mumie wies soviele schwere Knochenbrüche auf, daß man um ihre Erhaltung besorgt war. Für die Operation wurde die Mumie aus ihren Tüchern ge- wickelt, und mit einer härtenden Flüssigkeit getränkt. Dann wurden die Knochenbrüche von Dr. Plenderleith, einem be- kannten Spezialisten, repariert und die Mumie wieder ein» gewickelt. Tie steht jetzt wieder im Museum der chirurgischen Gesellschaft in London. Professor Dimitroff Der in den Reichstagsbrandprozeß verwickelte bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff ist von der sowjetrussischen Regierung zum Professor an der Universität Moskau er- nannt worden. Er wird Mitglied der juristischen Fakultät und will über sowjetrussisches Recht lesen. Geschichten vom Balkan Von RodaRoda Ich entnehme die folgenden kleinen Geschichten dem zehn- bändigen Werk„Ernogorci" des Micun Pavicevic. * Schon in den ersten Tagen des Krieges kehrte ein Soldat namens Wukoff wieder in seine Heimat. Der alte Dorfschulze hörte davon und fragte: „Warum ist der Mann heimgekommen?" „Er ist krank. Da hat der Arzt ihn zurückgeschickt." „Was," rief der Dorfschulze verwundert,„lebt er denn noch immer dieser Arzt?" „Aber Onkelchen," sagten die Leute,„der Arzt ist doch noch ein ganz junger Mensch." „Junger Mensch? Er muß mindestens hundert Jahr alt sein? schon den Bater Wukofss— den Großvater— den Urgroßvater hat er aus deck Krieg heimgesendet." * Toscho aus Sagaratsche stand wieder einmal vor den Schöffen— er sollte eine Ziege gestohlen haben. Er aber berief sich auf Milosch, den Nachbarn: der kenne ihn von Kind auf— der werbe bezeugen, daß Toscho ein ehrlicher Mann sei und eines Diebstahls gar nicht fähig. Die Schöffen befragten den Nachbarn: er antwortete:> „Ich weiß nicht, ob Toscho eines Diebstahls fähig ist. Ich habe nur gesehen, wie er die. Ziege unter dem Arm wegtrug." • Der junge Blagota, Montenegriner, studiert in Belgrad, und es ging ihm knapp genug. Eines Tages hatte er keinen Pfennig im Sack und wußte vor Hunger nicht aus und ein. In der Verzweiflung betrat er den nächstbesten Gasthof, setzte sich zu Tische— und da nun doch schon alles gleich war, "schaffte er das Allerbeste und Teuerste an und aß ssck toll und voll. Als es geschehen war. rief er den Wirt herbei und sprach zu ihm: „Herr Wirt! Kommt nicht mal vor, daß sich ein Kerl hier bei Ihnen den Bauch vollschlägt— und wenn er zahlen soll, dann hat er leere Taschen?" „Nun," meinte der Wirt,„gewiß, das kann schon mal passieren." „Und wie pflegen Sie es mit solch einem Menschen zu halten?" „Du gütiger Himmel, was kann ich da viel tun? Ich öffne die Tür, versetze dem Mann einen Tritt— und fertig." Da erhob sich der Student, kehrte sich nach der Tür, lüftete feine Rockschöße und sagte: „Bitte, bedienen Sie sich!" * Die Familien Gjuranowitsch und Brajowitsch lagen mit» einander in Fehde. Man redete ihnen zu, sich zu versöhnen — sie trafen auf dem Hügel Prentina zusammen. Rundum standen in dichten Reihen die Zuschauer— Nachbarn und Freunde—, um der Versöhnung beizustehen. Die Verhandlungen liefen— man wog Gründe und Gegen- gründe ab, geriet in neuen Zank, und der Haß loderte stärker auf denn je. Plötzlich zog ein Gjuranowitsch die Pistole und schoß auf das Oberhaupt der Brajowitsch. Sofort sprangen von beiden Seite Leute dazwischen, und als man sah, daß der Schuß fehlgegangen war, gelang nach vielem Zureden das große Werk: die beiden Familien boten einander wirklich die Hände. Wie üblich, ein feierlicher Um- trunk, und die Parteien zogen in Eintracht ab. Am Ort des Geschehens war ein Junge zurückgeblieben von fünfzehn Jahren. Er saß da, in seinen Schäfermantel gehüllt, und schwieg. Der Vater mahnte ihn von weither: auch er sollte heim. Der Junge aber machte allerhand geheimnisvolle Zeichen, und als der Vater daraufhin zurückgekehrt war, flüsterte ihm der Junge zu:„Ich bin durch die Brust geschossen. Warte also biS zum Abend, dann bring' mich nach KauS. Ich wollte nichts sagen, damit der Haber nicht meinetwegen von neuem ausbreche." Als der Fürst von Montenegro von diesem Borfall hörte, sandte er sogleich nach dem Jungen und nahm ihn in seine Leibgarde auf. Der Junge ist später Offizier geworden. Oberst, General, Blajo Brajowitsch. Äll;u neue Altertümer In Kairo hat sich jetzt ein Altertümerhändler wegen Be- truges zu verantworten. Skarabäen sind die große Mode der Aegyptenreisenden: aber soviel Skarabäen, wie die anti« quitätenwütigen Touristen als Mitbringsel haben wollen, konnten die altägyptischen Künstler während vieler Jahr- tausende nicht herstellen. Der besagte Händler hatte also Imitationen, die es überall für billiges Geld gibt, einfach vergraben, und ließ sie— wie zufällig— im Beisein der Touristen von Araberkindern finden, und für teures Geld verkaufen. Bis ein Tourist, dem allzu viele Skarabäen ge- funden wurden, auf seine Schliche kam und Anzeige erstattete. Eine Lebensarbeit für eine Fugendsünde In einer kleinen Ortschaft bei Philadelphia kam dieser Tage ein alter Mann zum Bürgermeister und legte ihm einen Scheck über 80 000 Dollar auf den Tisch. Die Erklä- rung des Mannes war recht seltsam: Vor 42 Jahren hatte er als Dreizehnjähriger in der Scheune seines Onkels Feuer gelegt. Es war ein Brand entstanden, der mehrere Häuser in Asche legte und viele Familien ins Unglück brachte. Nie war herausgekommen, wie dieser Brand entstanden sein konnte. Er aber— auch jetzt noch verschwieg er seinen Namen— habe bei dem Unglück der andern die Tragweit« des Bubenstreiches erkannt und sei mit dem Gelübde fort- gezogen, sein Leben lang zu arbeiten, um das wieder gutzu- machen, was er angerichtet hatte. Nun habe er nach 42- jähriger, eiserner Arbeit, nach 42jährigem unablässigem Sparen dieses Vermögen zusammengebracht und bitte, es den Armen der Stadt zur Verfügung zu stellen. Ehe der Bürgermeister weiter in ihn dringen konnte, war der Man» verschwunden. Einheitsfront...? Eine Partei nur Eine Partei nur gibt es. Genossen. nur eine Fahne aus Blut, das verrann. Uns führen die Toten, die kämpfend erschossen., es schreitet uns Koloman Wallisch voran. Sie fragen uns nicht»ach den Mitgliedsbüchern, st« wollen den Mut und nicht unser Geld. Sit wollen die Kaufte, die schwielenzersurchie», der einigen Arbeiterklasse der Welt. Wer nicht sein Blut wagt, der wird nicht gewinne» die ewig Geduckten verlieren de« Krieg. Männer sind besser als käufliche Stimmen Prvletenfäuste entscheiden den Tieg. DaS ist der Weg, den dje Toten uns weisen: Einig und mutig und kampsesbcreit! Und nur wer kämpft, bis die Ketten zerreißen, der findet den Weg in die kommende Zeit. Kurt Doberer. „Neuer Vorwärts", sozialdemokratisches Wochenblatt. Die Sdiande „Aus dem Blute der Opfer des österreichischen Februar- aufstandes versucht bereits fetzt schon die 2. Internationale politisches Kapital zu schlagen. Die TPOe. versucht den An- schein zu erwecken, als ob sie dt« Initiatorin und Führerln der heldenmütige Kämpfe gewesen sei. Es soll eine Legende entstehen von der kühnen revolutionären Sozialdemokratie Oesterreichs, die das stark geschädigte Ansehen der 2. Inier- Für eine neue revolutionäre Partei Beschluß der SPD.-firuppe in Paris Die SPD-Gruppe Paris sendet uns eine Erklärung „Wider den Neo-Reformismus". Die Gruppe lehnt mit den bekannten Begründungen den„sogenannten Partei- vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands" in besonders heftigen und scharfen Wendungen ab. Nach einer sehr eingehenden Kritik des Prager Manifestes kommt die Gruppe zu folgender programmatischen Er- Klärung: Die SPD.-Gruppe Paris hat sich klar und eindeutig zur Diktatur des Proletariats bekannt. Sie zieht aus der ver- schlimmerten Wiederholung der alten Fehler durch den Prager Parteivorstand, Fehler, die unter den heutigen Um- ständen noch schlimmere Folgen hätten und die Lebenssähtg- feit der sozialistischen Idee tw Deutschland überhaupt gefährde», die Konsequenz, daß angesichts eines der» artigen Ausmaßes ideologischer Verrottung fede Hoffnung auf eine Reformdrx alten Sozialdemokratie«ine Illusion i st. Da sie die gleiche ideologische Berrottuug bei der KPD. und der Komintern feststellen muh, welch« beide durch de» bürokrati- schen Zentrismus der Aera Stalin und ihre Abhängigkeit von der russischen Staatspolitik entartet sind und sich darüber hinau» noch in einem Zustand organisatorischen Zerfalls he- finden, sieht sie ihre Hauptaufgabe in der Mitarbeit an der Schaffung der neuen revolutionären P.. rtei des deutschen Proletariats, die aufgebaut ist auf den klaren und stahlharten Prinzipien des revolutionären Marxismus, von denen Reformismus, Bürokratismus und Zcntrismuö zum Verhängnis der Arbeiterbewegung abgewichen sind. Im Gegensatz zum Prager Parteivorstand ist die SPD.» Gruppe Paris der Ueberzcugung, daß diese neue Partei auch einer neuen internationalen Orientierung bedarf, ja daß dir ganze Problemstellung des proletarischen Klassenkampfes auf dem Boden des Internationalismus erfolgen muß. weil jede nationale Beschränkung, wie sie der Prager Partei- vorstand pflegt, eine Anerkennung der zentralen Ideologie d!r«ourgeoisklasse in sich schlicht und damit«inen gefähr- lichcn ideologischen Schlag gegen die internationale Arbeiter- bewegung bedeutet. In e, n e r Feststellung ist die SPD. Pari» mit dem Prager Parteivorstand auch heute noch einig, wenn er nämlich er- klärt:„Die alte Form, der alte Apparat ist nicht mehr und Versuche zu seiner Wiederbelebung entsprechen nicht den neuen Kampl'bedingnngen." Die Pariser SPD.-Gruppe fordert den Prager Parteivorstand aus. diesen Worten die Tat folgen zu lassen. ES ist Zeit, dah dieser alt« Apparat endlich verschwindet und den Weg freimacht für neue, lebendige Kräfte. ..IM. der Bayer!" Der undankbare Braunauer nationale heben soll. Die Schande der SPD., so lautet die Legende, sei durch die mutige» Kämpfe der TPOe. gesühnt worden. Es darf der 2. Internationale nicht gelingen, diese Legende den Massen aufzuschwatzen Es wäre dies eine Verun- glimpfung der heldenhaften Kämpfer, eine Schändung des Andenkens der gefallenen Opfer. Es ist eine geschichtliche Lüge, dah der AustromarxiSmuS„in Schönheit gestorben" ist. I» Schande hat«r gelebt, in Schande ist er gestorben... Die kleine Kommunistische Partei hat versucht, den Kamps auf eine höhere Stufe zu heben. Ueberall, wo Kämpfe ent- brannt waren, standen Kommunisten Seit« an Seite mit den sozialdemokratischen Arbeitern. An vielen Orten waren die Kommunisten Initiatoren und Organisatoren des Kampfes, an anderen führten sie. nach dem die SP.-Führung die Losung der Kapitulation ausgegeben hatte, die Arbeiterschaft von neuem tu den Kamps. Die Februarkämpse ivaren ein Beweis für den Heldenmut und dt« revolutionäre Begeisterung der Kommunisten... Au» diesen Lehren wird die österreichische Arbeiterklasse Konsequenzen ziehen müssen. Die traurigen Maulhelden des AustromarxtSmus haben die österreichische Arbeiterschaft durch ihre verräterisch? Politik in den Faschismus geführt. Ihre politische Konzeption hat im Endeffekt ihren eigenen politischen Tod gebracht. Der Austromarxismus. dies« rafft- nierte Verfälschung de» Marxismus, ist politisch tot. Sein Wirken hat das Eindringen des wahren revolutionären Marxismus in das Denken der österreichischen Arbeiterklasse verhindert. „Rundschau". Organ der Komintern für Westeuropa. Man schreibt unS aus Bayern: Also sprach Adolsus der Hitler auf dem einjährigen„Stis- tungstest" der bayerischen.Maatsregierung".m GefänaniSlazarett liegt. Seine Frau ist au» der Wohnung in der ru« Bauvourg, in deren Nahe manche Schmä- bungen ans Plakaten stehe»,«ach vayonn« gerätst. Ungarische Bonds gefunden Ungarische Optantcnbvnds sind an der place Saint Georges in Menge gesunden worden, gleich eine ganze Milliarde, bei der berühmten Grundstücksbank. Diese Wertobsekt« ivaren vom schönen Alexandre an einen Strohmann abgetreten, der den schönen kastilischen Namen Emilio-Salgado de Sal» cedo führt und in Spanien wolint. Ferner wurden 87 Scheck» aus Meister Dubarrv gelandet. Der neue Polizeiprefekt von Paris M. Langeron, der neue Nachfolger so berühmter Leute wie eines Louis Lsptne. ist ganz ans der BerwaltungS- karriere hervorgegangen. Geborener Pariser, Sokn eine» Stadtrat» ans dem 5. Bezirk sIardin deS Planteö) wurde der setzt Anfang der Füntziger Stehende zuerst Pr«s«kt ln Belfort und später an der Nordostkttste und an der M a t n t, wo er den Ausbau der Kriegsschäden leitete. Tett IKZü war er Perfekt in Lille, der größten Industrie- und Arbeiter» stadt bei Landes, wo er sehr viel mit sozialen Fragen zu tu» hatte, unter anderem mit den Textilstreik« zu Lille und Ron- baix und der Dockerbcwcgung zu Dunkrrque. C h i a p p e. dem seinerzeit Marokko angeboten war. hat abermals jede Verwendung aus anderem hvhcn Posten alZ dem der Variier Polizeipreiektur abgelehnt. Der zunächst als Nachfolger CbiappeS eingetretene B o n n e i o n r ist nach Versailles zurückgegangen. Der Prelekt de» Paris benachbarten Seine- und Oiie-Bezirks G n i k l o n wurde als Presch de» Nordens nach Lille versetzt iwo bekanntlich ein Textilkonslikt von außerordentlicher Schärte anszubreche» drohj». Die Beisetzung Clerici* Dl« antifaschistischen Italiener in Paris nnd Emigranten traten zur Beisetzung des ermordeten Mailänder Genosse« Eleriei zusammen. Die Sektion„Filippo Turatl" der italienische» sozialistischen Parle, erwies dem Gefallenen die letzten Ehren. Beim Leichnam des faschistischen Mörders ,Bo» kauti wurden zwei Briefe gefunden. Im zweiten Briete enthüllte er den Plan, außer Clerici noch C a ch t n. den Italiner Ferrettt, den Leiter der Roten Hille Chauoert und Masini ,u ermorden. Der Briet enthielt auch einen ae- nauen Plan. Der 15. März, an dem der Faschist sich tötete, war Eachin bestimmt. d«n«r nicht antraf. Bielleicht verließ chn dann der Mut. Pariser Berichte Pariser StraDenhalender Vor einigen Tagen fand dem Vernehmen nach die erste Prüfung deutscher Juristen an der Sorbonne statt. Von den etwa fünfzig Zugelassenen bestanden die meisten. Die Ausübung der Anwaltspraxis ist jedoch von dem Besitze der französischen Staatsangehörigkeit abhängig. * Der Sensationsprozeß gegen Germaine Huot, die den Prä- fekten Causeret erschoß, beginnt am 26. März vor den Geschworenen der Seine. * Foyer„Chez moi" veranstaltete den Bai de Montmartre, ein sozialistisches Hilfswerk für arme Künstler, unter Teilnahme des Orchesters des Moulin de la Galette und zahlreicher Attraktionen. * Gleichzeitig mit der Daumier-Ausstellung in der Orangerie *eigl die Bibliotheque Nationale 400 Litographien des Meisters, darunter Arbeiten des Fünfzehnjährigen, ferner den„Gargantuamit dem er den Bürgerkönig verhöhnte, und den„Traum des Bismarck" vom Schichsalsjahre 1870. * Laut Beschluß der Societe des gens des lettres, der Schriftstellerorganisation, die in Frankreich fast staatliche Bedeutung hat, wird in diesem Jahre der große Preis nicht verteilt, sondern das Geld für die Erhaltung der beiden Balzac- Häuser in der rue Raynouard und in der rue du Faubourg- Saint-Jacques verwendet. Balzac war der Gründer der Societe. * Von Lucienne Boyer, der berühmten populären Sängerin, die sich zur Zeit auf einem Provinzgastspiel in Tours befindet, wird erklärt, daß sie nach Paris kommen wolle, um der Lüge entgegenzutreten, daß sie die Brillanten des Sta- visky in die Schweiz verschoben habe. Lucienne Boyer war früher eine Zeitlang die Freundin des Romagnino, des eleganten Privatsekretärs des„escroc". Auf der Fahrt nach Paris hatte sie einen Autounfall, bei dem ihre Mitfahrenden leicht verletzt wurden; sie selbst blieb unversehrt. * Zwei neue Außen-Linien der Pariser Metro, nach Chateau de Vincennes(Verlängerung Linie 1) und Mairie d' Issy-les- Moulineaux(Linie 12) werden am Samstag, dem 24. März, eröffnet. Die drei Bahnhöfe auf der Strecke nach Vincennes sind nach dem großen 105-Meter-Modell von Boulogne- Billancourt gebaut. Beide Linien gehen nach Arbeitervororten. * Der Zusatz von 1 Prozent Bohnenmehl zum Brot ist vom Senat abgelehnt worden und schließlich nur in der Kompromißform zustandegekommen, daß die Beimischung nur bis 30. Juni dieses Jahres vorübergehend gestattet wird. * Violette Nozieres hatte sich, wie berichtet, an den Anwalt Legrand gewendet, um an Stelle ihres bisherigen Anwalts Geraud ihre Vertretung zu übernehmen. Legrand hat aber abgelehnt. Die emigrierten Juristen tagen Association des Juristes allemands emigres en Fun e Der erste Vortrag über französisches und deutsches Recht findet am Donnerstag, dem 22. März, abends 8.45 Uhr, im Maison de la Mutualite, 5, Square de la Mutualite, 2. Etage, Saal 11, statt.(Metro: Maubert-Mutualite.) Maitre Edgar See, Docteur en Droit de TUnivtersite Paris et Heidelberg, Avocat ä la Cour, spricht über„Grundzüge des französischen Privatrechts im Vergleich mit dem deutschen Recht". Der Zutritt ist nur den Angehörigen der Vereinigung, also deutschen Juristen mit abgelegtem Referendar-, Doktor- oder Assessorexamen sowie Rechtsstudenten einer deutschen Universität, die mindestens vier Semester juristisches Studium vollendet haben, gestattet. Nach dem Vortrag findet ein zwangloses Zusammensein mit französischen Juristen statt. Entgleister Industriellensohn als Mörder Pierre Nathan, Bar-Type aus Brüssel Der Mord, der die nackte Frau in der Badewanne hinweggerafft hat, ist aufgeklärt. Die Polizei fand in dem geheimen Liebeshotel, in dem die Frau des reichen Getreidekaufmanns Herel getötet und um Pelz und Schmuck bcstohlen wurde, Fingerabdrücke. Diese Fingerabdrücke paßten auf einen Sohn aus einer reichen Brüsseler Familie, der einer in Paris lebenden Verwandten vor Jahren einen Schmuck für 200 000 Franken gestohlen hatte. So wurde der Täter gefaßt. Der Täter heißt Pierre Nathan. Er ist eine bekannte Bar-Type aus Brüssel, ein unnützer Sohn aus reicher Familie, vordem schon und nach Südamerika geschickt, ein Entgleister, der von seinem Vater, einem Schuhfabrikanten, hinausgeworfen war, und seit zwei Jahren mit seiner Geliebten, einer einstigen Tänzerin namens Marie-Louise(genannt: M a 1 o u) Guerin lebt. Diese Malou soll ihn angestiftet haben. Nathan, der mit Chloroform in der Tasche, angeblich von Malou besorgt, von Brüssel zu der liebeshungrigen Dame nach Paris gefahren war, brach nach seiner Verhaftung in einer Brüsseler Bar völlig zusammen. Er gestand, daß er die Madame Herel bei einem Tanztee im Carlton in Paris kennen gelernt habe. Malou habe in der Nähe gesessen und gesagt, er solle mit der Dame tanzen, die einen so teuren Pelz trage. Er habe sie dann zwei- bis dreimal wieder gesehen. Das Liebeshotel habe ihm Madame Herel bezeichnet. In der Handtasche der Toten hat der Mörder angeblich nur 40 Franken vorgefunden, dazu die Schlüssel. Auf diese ließ er sich den teuren Pelz in der Wohnung von dem Mädchen geben. Angeblich hat sich Malou den Pelzkragen der Toten auf einen Mantel nähen lassen.'-Einige Sachen scheint der Mörder verkauft zu haben, im ganzen für 7800 Franken. Davon bezahlte er 800 Franken alte Pensionsschuld für Malou. Der Pelz und diverse Schmucksachen wurden bei Freunden vorgefunden, bei denen sie hinterlegt waren. Der Mörder war bei seiner Verhaftung in der Brüsseler Bar last mittellos, Er hatte sich noch einmal an seinen rei. rnnite 43-13 M6iro Pigalle Deutsche Poliklinik Paria, OZ, Rue de la Rochefoucauld a) Allgemeine Konsultationen mit 9 Sp-zUlunm. b) Chirurgie c) Geburtshilfliche Klinik d) Zahnärztliches Kabinett innere Medizin, Augen«, Ohren«, Nasen« and Kehlkopfkrank» ZweistöckigesJSanatoriomsgeMude. Vierstöckiges Gebäude. Zimmer Zahn» und Mundchirurgie. Gold» oeiten. Röntgen. Diathermie. 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BERIIUIG lOSfEMLOS reichen Großvater M. Stern gewendet, der ihm aber nur 50 Franken in die Hand drückte und ihn abwies. Diesem hatte er gesagt, daß er„etwas sehr Schweres begangen habe" und Mittel zur Flucht brauche. Als er von der Polizei mitgenommen wurde, saß er verzweiflungsvoll in der Bar und wollte seinem Großvater einen letzten Bettelbrief schreiben, den er ein paar Mal zerknitterte und zerriß. Malou, die aus der Welt der Vergnügungslokale stammende Mittäterin in diesem Gesellschaftsdrama, ist sehr blond und hat große blaue Augen. Sie ist noch sehr jung. Mit Puder verdeckt, trägt sie an der Stirn eine Narbe von einem Autounfall, für den sie vor einigen Jahren von einer Versicherungsgesellschaft 200 000 Franken Schadenersatz erhielt. Malou, die gleich ihrem Freunde verhaftet und mit ihm bereits unter gegenseitigen Beschuldigungen konfrontiert wurde, sucht sich zu entlasten. Die Verhandlung wegen Mordes findet voraussichtlich in Brüssel statt, da Nathan.und Malou Belgier sind. Angeblich soll, Nathan früher schon einen Pelzdiebstahl bei einer belgischen Näherin begangen haben. Der ewige Skandal Dem Großmogul Stavisky wurde bekanntlich infolge einer kleinen Finte die Erlaubnis zum Betreten des Spielsaals in Cannes entzogen. Das war im März/Juni 1932. Aber am 29. Juli wurde der„schöne Alexandre" in seine Rechte wieder eingesetzt. Der ehemalige Leiter der Surete M. Julien sagte jetzt vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß aus, der damalige Innenminister M a h i e u habe ihm gesagt:„Für Stavisky ist vor drei Monaten Verbot ergangen, zu spielen, das ist vielleicht lange genug." Julien erwiderte, er sei nicht dieser Ansicht. Von der Verwaltung des S p i e 1 s a a 1 s ging dann ein Gesuch ein, in dem stand, daß an einem Baccara-Tisch des Kasinos gemogelt worden sei. Zwei Angestellte des Kasinos und mehrere Gäste seien ausgeschlossen worden. Aber die Angestellten hätten später andere Posten im Kasino erhalten. Vielleicht sei daher auch milde Behandlung der Gäste angebracht. Er bitte um Instruktionen. Minister Mahieu bemerkte am Rand:„D'accord". Aber M. Julien, der die üble Vergangenheit Staviskys kannte, führte die ministerielle Anweisung nicht aus. Nach den Linkswahlen 1932 trat Chautemps an Stelle des Mahieu. Bei der Uebergabe der Geschäfte sagte Mahieu: „Hier sind Akten über einen Mann, der nicht viel Interesse hat. Tun Sie, was Sie wollen." Julien setzte ein Disziplinarverfahren gegen den Kommissar Montabre durch, der aber erschien n i e vor der Disziplinarkammer, sondern wurde nach Le Bourget versetzt. Der frühere Innenminister Mahieu erklärte dazu, der Bruder des Kommissars, der Journalist sei, habe ihn aufgesucht und gesagt, daß der Bruder doch nur leicht gefehlt habe. Man solle ihn doch nicht seines Brotes berauben.„Aus Menschlichkeit," sagte Mahieu,„habe ich ihn dann an einen kleinen Posten versetzen lassen, wo er mit dem Spiel nichts mehr zu tun hatte." Die zweite Frage, die der Abgeordnete Guernut als Vorsitzender an Mahieu richtete, betraf die Wieder- zulassung Staviskys im Spielsaal, die er angeordnet habe. Mahieu erwiderte mit der Darstellung des Falls der erwähnten zwei Kasino-Angestellten. M. Julien habe ihm den Besuch des Dubarry angekündigt, den er wahrscheinlich empfangen habe. Er habe die Affäre Stavisky für erledigt gehalten und geglaubt, daß alle ausgeschlossenen Spieler wieder zugelassen seien. Julien habe gesagt:„Wollen Sie eine Entscheidung abzeichnen, die in diesem Sinne vorbereitet ist?" Er habe sie abgezeichnet, und er habe der Sache wenig Bedeutung beigemessen. Das Papier sei im Schuhfach verblieben. Also könne die Erlaubnis an Stavisky nicht mit Rücksicht auf seine Unterzeichnung erfolgt sein. „Man hätte mir wenigstens telefonieren können," meinte der frühere Minister,„um festzustellen, warum die Entscheidung nicht ausgeführt wurde. Man hat die Sache wie eine Bombe platzen lassen. Nachdem, wiederhole ich, Julien die Sache im Schreibtisch liegen ließ, sagte ich mir:„Das interessiert also nicht mehr, lassen wir das!" Guernut:„Sie haben das Ministerium verlassen, ohne auf Ausführung der allgemeinen Maßnahme zu bestehen, die getroffen wurde. Haben Sie bei Ihrem Nachfolger den Eindruck erweckt, als ob diese Maßnahme gewissermaßen eine„testamentarische" sei?" Mahieu:„Nein, keineswegs, ich habe über drei viel wichtigere Dinge mit ihm gesprochen.. Das war das Verhör in Sachen Spielsaai-Erlaubnis des „schönen Alexandre'. Pariser(Theater Mercredi, 21. Mars Opera.— La Juive(20). Opera-Comique.— Manon(20.15). Odeon.— Tristan et Iseut(20.30). Atelier.— Richard III.(21). Gymnase: Le Messager von Henry Bernstein mit Gaby Morlay(21 h). Madeleine: Le Passage des Princes(Offenbach)(20.45 h). Michodici e. Les Temps difficiles(20.30 h). Michel: Parole d'honneur(21 h). Oeuvre. Les Races(21). Palais-Royal: La Familie Vauberlain(21 h). Theatre de Paris. Tavaritch(20.45 h). Sarah-Berhardt: Alibi 14 von Jean Guitton(20.15 h). Chatelet: Rose de France(20 h). Gaite-Lyrique: Le pays du sourire(Das Land des Lächelns) von Lehar(14.45 et 20.45 h).( Magodar: L'Auberge du Cheval Blanc(Im Weißen Röß'l). Pigalle: La Chauve-Souris(Die Fledermaus). Regie: Max Reinhardt(20.30 h). Porte Sait-Martin. Wiener Walzer(Operette von Johann Strauß, Vater und Sohn), mit Andre Bange(20.30 h). Casino de Paris: Revue: Vive Paris mit Cecile Sorel(20.30) Folies-Bergere.— Folies en Folie, Revue mit Mistinguett. (20.30). PniCPiCASTgM Marge G. Brünn. Sie schreiben an..die geliebte„Deutsche Free Heit", die uns nun Ersatz und Erhebung für die verlorene wunder* bare Wiener„Arbeiter-Zeitung" bietet". Diese Anerkennung>st sehr stark übertrieben. Tie„Arbeiter-Zeitung" war von scher unvergleiche lich besser al» alle anderen sozialistischen Tageszeitungen. Wik empfinden ihren Verlust schwer. Eine der letzten Nummern Eure» Kampsblattes hängt nun in der Redaktion der„Deutschen Freiheit" — als Mahnung, als Ansporn, als Hoffnung. Prosessor Geldmacher. Sie sind also Rektor der Kölner Universität geworden, approbiert von den nationalsozialistischen spitzen. In Ihrem Parteiblatt wird Ihnen folgendes Attest ausgestellt:„Und so hat er gekämpft gegen politische Versklavung an das Ausland, gegen Inflation, wie überhaupt gegen die Weltsremdheit der Wirt- schafisphilosophie, die das ungeheuerliche Volksverbrechcn mit dem Nebel ihrer Theorien tarnte. Daneben wandte sich Geldmacher Jahr um Jahr gegen den Marxismus als den Träger und Ur- Heber des ewigen Unfriedens zwischen Wirischaftsführern und Ar» beiterschaft, gegen die Lohn- und Preiszersetzung und den Steuer- Wahnsinn der Systemrcgierungen, kurzum gegen jede Entsremdung der Wirtschaft mit dem organischen Gesamileben des Volkes." — Dies dürste ein kleiner Irrtum sein. In den Jahren 1910/20 und auch noch eine Weile nachher waren Sie Dozent am Frei» gewerkschaftlichen Seminar für Wirischasts- und Tozialwiisenschaft in Köln, einem Institut, das Marxisten gegründet hatten und das nur von Marxisten besucht wurde. Ihre Referate und Ihre Nicht, linien gefielen denjenigen, die Sic heute parteiamtlich zu den Untermenschen rechnen müssen, außerordentlich gut, zumal sie durch- aus linientreu waren. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. Wir sind auf Ihre Rekiorsrede gespannt. Vor allem, wie Sie darin be- gründen werden, daß Ihre„Forschertätigkeit ein Leben in national, sozialistischen Gedankengängen" gewesen sei. Siegsried Arno. Das war einmal eine Freude für uns! Ein Brief eines Freundes hatte uns vor einiger Zeit von Ihrem Selbst- mord berichtet und wir glaubten ihm, weil seine Angaben sehr detailliert waren und begründet erschienen. Sie hätten, so teilt« er »ns mit, den Ausschluß von deutschen Bühnen und vom deutschen Film nicht ertragen können, die ihr jüdisches Geblüt, legitimiert durch eine ebenso lange wie charaktervolle Nase, nicht länger bei sich dulden wollten. Da hätten Sie denn... Aber nun sehen wir Ihr Bild in einer Schweizer Zeitung mit dem Hinweis, daß Tie im Baseler Küchlin-Theater gastierten. Was werden Tic, Siegfried Arno, aus Grund unseres kummervollen Nachrufs für ein langes Leben haben! Wir klopfen dreimal auf Holz. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P t tz in Dud» weiter: für Inserate: Cito Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Bolksstimme GmbH„ Saarbrücken S, Schützenstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. 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