Sinzige unabhängige Tageszeitung Sentschlands Nummer 69— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 23. März 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inhalt Rußland int Välkec&und? „Abgestufte" Sanktionen Seite 2 Seite 2 c Kunde- und JCaitenlleisdi Juristen an dee Saat llebecatl Spione Seite 3 Seite 7 Seite 7 v X 4w4>4%frä>wf V* ffftd 1& estern und heute "■B BBB»■ B i IVII III a■ ,|l||l Es ist notwendig, von der täglichen Begegnung mit W C tn J t horirhtpn Diese Stadt. Saarbrücken. Er• Sfütkrerreden ohne(Beifall- Die große Depression DF. Das also war die Eröffnung der Arbeitsschlacht des JahreS 1984. An dreißig Stellen zugleich wurde der Feind gepackt. Ueberall mit Feiern und Fahnen. Mit Sieges' reden, noch ehe der Angriff auch nur sich entwickelt hatte. Mit Plänen, Plänen, Plänen und mit Erdarbeiten aus öffentlichen durch Wechsel geschaffenen Krediten. In den Redaktionen häufen sich die Siegestelegramme der Obersten Heeresleitung schon vom ersten Tage. Aus allen Landesteilen werden Neueinstellungen in der Industrie be- richtet. Bon der Landwirtschaft ganz zu schweigen. Denn mau weiß ja, daß die Bauern sich um die Landhelfer reißen und die abgerissenen, ausgemergelten Wohlfahrtserwerbs- losen in heller Begeisterung unter stürmischen Heil-Hitler- Rufen aus den Städten zur Landbestellung eilen. Daß einige Hunderttausend dieser Elendsgestalten zwangsweise aufs Land verschickt werden und unter demselben staatlichen Terror an die Tiefbaustellen getrieben werden müssen, weil sie sich mit schlechten Kleidern und mit vom Hunger ge- schwächten, Körper vor der schweren Arbeit fürchten, sind nur kleine Störungen der Großkampftage. Wenn da und dort solche unterernährten Truppen der Arbeitsschlacht ihren wöhlgepolsterten Ofsiziersbonzen den Gehorsam verweigern und als Deserteure eingesperrt werben müssen, so betont daS nur die allgemeine stürmische Offensivstimwung. Stimmung! Die mußte es doch bort geben, wo der Oberste Kriegsherr dieses Feldzuges gegen die Arbeits- losigkett sich den Truppen zeigte. Man kennt das ja aus den patriotischen Geschichtsbüchern. Wenn 6te. Majestät und ihre Paladine vor«hre mehr oder minder siegreichen Trup- pen treten, macht sich die Liebe der Soldaten in jubelnder Begrüßung Luft. Darauf haben wir gewartet, als wir am Radio die Göbbels und Hitler zur Front der Arbeitsschlacht reden hörten. Aber wo blieb die Begeisterung? Wo waren die Jubelrufe? Wo wurden die Feldherren stürmisch von ihren begeisterten Arbeitstruppen umdrängt? In der Radio- Ueb«rtragung war nichts davon zu spüren und nichts davon zu hören. Man kennt diesen Dr. G ö b b e l s als schmissigen, fantasie- vollen Funkreporter. Diesmal versagte er. Seine ein- leitenden Worte an der Autobahn-Baustelle zu Unter- häching bei München wuchsen sich zu einem endlosen ledernen, papierenen Bortrag aus. Die Massen nahmen sie auf wie eine akademische Vorlesung. Nicht ein einziges Mal Zu- stimmung. Dünner Beifall am Schluß. Dann der große Feldherr der Arbeitsschlacht allerhöchst- selbst! Was ist das? Hat er sich Ovationen durch eine große Geste seiner napoleonischen Herrschermiene verbeten? Nur sehr mäßig und sehr schwach dringen die Zurufe an unser Ohr. Er redet. Er schreit. Er zetert. Er brüllt. Alle Kraft- stellen seines vierzehnjährigen Repertoires werden noch einmal in den Aether trompetet. Aber der Widerhall bleibt aus. Zehn Minuten und länger kein Bravo und kein Heil- ruf. Endlich geben einige Bonzen das Signal und einige Dutzend nehmen das Zeichen auf. Aber der Beifall verrinnt rasch. Stärker wurde er nur einmal, als der Reichskanzler mit aller Stimmgewalt sich verschwor, daß er den Preis- stelgerungen mit aller Macht entgegentreten werde. Wie, wurde nicht gesagt. Hinter einem Satze der Kanzlerrede hätte die Stimmung der Zuversicht mit elementarer Wucht durchbrechen müssen. Das war, als er sagte: <3 „lieber 2,7 Millionen Erwerbslose sind im ersten Arbeits- jähr der nationalsozialistischen Volks- und Staatsführung wieder in die Arbeit und damit in die Produktion gebracht worden." Eisiges Schweigen rund um den Kanzler. Die Arbeiter halten die Lippen fest geschlossen. Keine Hand rührt sich. Vielleicht ballt sich so manche zur Faust. Niemand spendet dem Reichskanzler an diesem Höhepunkt seiner Rede Beifall. Keiner glaubt ihm. Hier am Bauplatz steht er nicht vor seinen Prätorianern ober vor sensationshungrigem Theater- publikum. Hier blickt er den Opfern der kapitalistischen Krise und der faschistischen Pfuscher in die Augen. Die lassen sich nicht täuschen. Ihr eigenes Schicksal sagt und beweist ihnen: der Kerl lügt!' Dreifache Heilrufe am Schlüsse sollen die Situation retten. Aber noch immer ist das„Heil" den deutschen Arbeitern un- gewohnt. Es klingt nur gedämpft, und rasch fällt die Musik mit dem Horst-Wessel-Lieb und dann mit dem„Deutschland über alles" ein. Was war da los? Waren etwa nicht genug begeisterungS- fähige Menschen da? Der amtliche Bericht sagt, baß allein 2709 Man» Münchener Belegschaft der Reichsautobahn an- getreten waren. Ferner hatte die Reichsbahn in sechs Sonderzügen 5000 Arbeiter der DAF. an Ort und Stelle gebracht. Außerdem sind 2000 Mann des Arbeitsdienstes in Unterhaching herangezogen worden. Dazu als Staffage die Delegierten von den übrigen 12 Reichsautobahner in Deutschland. Im Hintergrunde dann die Zehntausenöe, die schaulustig aus München herausgekommen waren, wie utts auch die amtlichen Berichte erzählen. Warum die Kühle der Massen? Die fühlten, daß da nicht mehr selbstsichere gläubige Propheten sie hochrissen, sondern daß ermüdende schon zweifelnde Führer in der Verteidigung stehen. Was gelten da noch die Rückblicke auf die 14 Jahre „marxistische Mißwirtschaft"? Das Volk antwortet:„Nun seid Ihr selbst ein Jahr an der Macht, und es geht uns schlechter und schlechter." So stirbt die Begeisterung. Die Diktatoren auf steiler Höh wissen sehr gut, warum sie nicht mehr Fackelzüge und rauschende Siegesfeste veranstalten, sondern rufen und rufen„Volk an die Arbeit"! Das Volk möchte arbeiten. Allerdings nicht nur an irgend- welchen Erdbewegungen zu Löhnen, die kaum höher sind als eine Armenunterstützung, sondern zu menschenwürdigem Einkommen im Produktionsprozeß einer«inst hoch ent- wickelten Jndustriewirtschaft. Jeder in seinem oft unter groben Opfern erlernten Berufe. Dafür ist noch immer keine Aussicht vorhanden. DaS wissen die deutschen Arbeiter. Das weiß allmählich jeder Deutsche, und darum können die Fahnen und die Blechmusik nicht mehr über die allgemeine seelische Depression hinweg- täuschen. Gewaltige und kostspielige wirtschaftliche Experi- mente werben in Deutschland vollführt. Keins davon kann die Hindernisse, die einem neuen Wirtschaftsaufstieg entgegen stehen, hinwegräumen. Das ist nun schon beinahe das all- gemeine Empfinden des deutschen Arbeitsvolks. Darum erlebte man an der Baustelle zu Unterhaching das Wunder: Hitler läßt die Hörer kalt. Er redet ohne Beifall. Siegheil? Im Chor klingt es wie Unheil. Ein Bombe in Berlin Zwei Verletzte- Wem galt das Attentat? Berlin, 22. März. Das halbamtliche Deutsche Nach- richteubüro meldet: In unmittelbarer Nähe des preußischen Ministeriums des Innern wurde am Mittwochnachmittag von unbekannter Sand ein Sprengkörper geworfen, bei dessen Explosion ein Chauffeur und ein Passant leicht verletzt wurden. Berlin, 22. März. Die in ganz Berlin verbreiteten Ge- rüchte, daß es sich bei dem Bombenwurf an der Ecke Unter den Linden und Wilhelmstraße um ein Attentat aus den Ministerpräsidenten Göring und den Führer der SA. Berlin Ernst gehandelt habe, dürften nicht das Richtige treffen. Beide haben zwar im Auto die Ecke passiert, um zu der Einweihung des Schiffshebewerks nach Niederftnow zu jahxep, aber das ist lange vor dem Bombenwurf gewesen. Zur Zeit der Explosion befand sich der Ministerpräsident schon wieder auf dem Rückwege nach Berlin. Verletzt wurde neben dem Chauffeur, der sich in Lebensgefahr befindet, der Besitzer des Lichtspieltheaters„Kapital", David Oliver, der vor einigen Tagen den Fism„Katharina die Große" mir Elisabeth Bergner zum ersten Male in Berlin gezeigt hat. Das Auto Olivers wurde durch den Sprengkörper, der eine Handgranate gewesen sein soll, zerstört. Ueber den Täter ist nichts zu erfahren. Es scheinen nicht einmal Ver- Haftungen vorgenommen worden zu sein. Kennzeichnend ist aber, daß die amtliche Propaganda bis zur Stunde die nahe- liegende Verston nicht aufgreift, es sei ein„marxistisches" Attentat auf das kostbare Leben Görings oder eines andere». Nazibonzen gewesen. Stadt zu berichten. Diese Stadt ist Saarbrücken, Erscheinungsort dieser Zeitung. Herberge einer menschlichen und politischen Situation, die in Europa nicht ihresgleichen hat. Ueber Saarbrücken liegen nicht nur die Wolken ewigen Kohlenrußes, die die Stadt trog der Lichtkulisse ihrer Bahnhofstraße in Schwärze hüllt. Es ist, als ständen ihre Bewohner unter dem Zwange eines Fiebers; Menschen an der Grenze, die einen Pistolenschuß weit entfernt ist, bis zum Bersten gefüllt und geheßt von einer nahen Entscheidung. Jeder Gang ist für den Wissenden wie ein Gang durch Spaliere, deren Fronten sich gegenseitig betrachten und ab- schäßen. Wer bist Du? Gehörst Du zu uns? Während durch die Membrane unzähliger Lautsprecher die Heilrufe des „d.itten Reiches" Erlösung künden, brütet unter den Menschen an der Saar unheilvoll der Haß. jagt sie die Angst, ballen sie die Faust gegen einen Feind. Das ist die Atmosphäre. Und die Szene? Immer wieder junge Männer mit schwarzen Schirmmüßen und schwarzen Stiefeln, gewichst von Gesinnung. Mädchen gehen in Reihen. Jede Dritte trägt die braune Weste, die den frischen Wuchs verbirgt, um den Bund zu offenbaren. Seit den Verboten der Regierungskommission sieht man kaum noch Abzeichen, aber man schlägt fast mit jedem Blick dem Passanten sein Hakenkreuz entgegen. Ein allzulanges Haar unter dem Hut, ein der Straffheit ermangelndes Schlendern; es macht dich dieser geheimen Ordensverschwörung verdächtig! Emigrant? Separatist? Marxist? Französling? Aus den Augensternen büßt Dir ein Abstimmungsdatum entgegen; 1935! Man hat, an einem schönen Vorfrühlingstage, schon einmal die Neigung, dies nicht ganz ernst zu nehmen. Aber wer in der Sonne einer dieser schwarzen Scharen begegnet, deren Bizeps deutlich organisiert ist für kommende Dinge, bereit in fanatischem Gehorsam, der ist beschüßt vor den Illusionen der Weiden- käßchen und der Märzenprimeln. Das seltsamste; diese Menschen können lesen, was ihnen beliebt. Sie können sich antifaschistische Zeitungen verschaffen. wenn sie wollen, troß des Terrors wider die Verkaufsstände. Warum sie ihre von Hitler gedemütigte Presse bevorzugen? Mit der Erklärung des systematischen Boykotts kommt man allein nicht aus. Es handelt sich um eine Faszination des Glaubens, die mit sozialpsychologischer Einfühlung nicht zu deuten ist. Ein Problem politischer Besessenheit, von Unzähligen fast religiös erlebt; Menschen in heller Furcht vor der Erkenntnis der Wahrheit, lim diesen Glauben an das Berufensein eines„Führers" nicht zu verlieren, damit sie sich selbst nicht verlieren in den seelischen Abgründen des Zweifels. Es lohnt nicht, obwohl wir ihre Bedeutung für den politischen Kampf nicht unterschäßen, von den noch zahlreicheren Mit- und Nachläufern zu reden. Wer Sinn für den hintergründigen Humor menschlicher Erbärmlichkeit besißt. hat an der Saar unaufhörliche Gelegenheit zu Genießerfreuden. Befehl: Fahnen heraus! Aengstliche Köpfe ragen aus den Fenstern. Was tut der Nachbar, oben, unten, nebenan? Ach, eben erst wurde das Tuch frisch gewaschen! So wird das Ganze zu einer prachtvollen Demonstration von Hakenkreuzlappen im Bekenntnis der Treue für die nächste Wochenschau in den Kinos. Das Saargebiet hat, obwohl es so weit nach Westen vor» geschoben ist, den heißen Atem der Freiheit unter dem Druck des militärischen und bürokratischen Preußentums, in der Abhängigkeit von der nach patriarchalischen Maximen herrschenden Schwerindustrie nie mit vollen Zügen verspürt. Diese Menschen an der Saar— ach. sie erleben nicht nur den Mythos des„dritten Reiches" mit der Seele. Sie erleben noch etwas dazu, was ihnen prall auf dem Leibe sißt; das Wunder der Organisation, von geschickter Massenkunde, die zugleich die Masse verachtet, diszipliniert, den Zauber der Berge verseßenden Gewalt, die Ordre der Uniform und der Karriere im Herzpunkt ihres unbczweifelbaren Deutschtums. Das ist nicht das ganze Saarbrücken. Aber alles, was darin heute laut ist. in einer finsteren Ekstase. Wer hier arbeitet und deutsches Menschengut im Bewußtsein der Freiheit nicht preisgeben will, der empfindet diese Lage als einen ständigen Griff an seine Kehle. Hownld. 100000 Obdadiiose! Eine japanische Großstadt eingeäschert DNB. Tokio, 22. März. In Hakodate sind etwa 80 Pro- zent der Häuser durch die furchtbare Feuersbrunft zerstört worden. Die Zahl der Obdachlosen wird aus mehr als Ivo 099 geschätzt. Zahlreiche Flüchtlinge haben Unterkunft aus den Fahrzeugen int Hafen gesucht. Hakodate ist die fünft- größte Stadt Japans und die größte Stadt nördlich von Tokio. J&bgestufte Sanktionen Die engl. Rückfrage- Um die Slcherheltsgarantle Paris, 22. März. Der Außenpolitik«! des„Petit Parisien" weist darauf hin, daß es sich bei der viel besprochenen eng- tischen Anfrage an Frankreich über die„Aussührungs- garanticn" zunächst nur um eine mündliche Anfrage Sir John Simons beim französischen Botschafter in London bandele, wie überhaupt vorläufig nur an einen mündlichen Meinungsaustausch über das heikle Problem der Sanktionen und entsprechenden Abrüstungsmaßnahmen, die in das Ab- kommen ausgenommen werden könnten, gedacht sei. Was alles erwogen wird London. 22. März. Das Kabinett hielt am Mittwoch zum zweiten Male in dieser Woche eine Sitzung ab und wird auch am heutigen Donnerstag wieder zusammentreten, lieber die Kabincttsberatungen werden bekanntlich keine amtlichen Mitteilungen veröffentlicht. Aber es verlautet, dag die Minister der Abrüstuugssragc viel„'seit widmen. Eine Aeußerung, die Baldwin am Mittwoch im Unterhaus tat, verdient Beachtung. Er erklärte in Bcantivortung einer Aeußerung eines Borredners, über die Frage wirtschaftlicher Sanktionen könne er nur sagen, das; sie von der Negierung gründlich geprüft worden sei und gründlich geprüft werde. Ter diplomatische Korrespondent des„Daily Telegraph" schreibt: Um die Prüfung der Abrüstungslage zu erleichtern, hat die britische Negierung den Quai d'Orsay um gewisse Ausklärungen über seine Ansichten ersucht. Diese Auf- klärungcn beziehen sich hauptsächlich aus die französische For- dcrung nach weiteren Sicherheitsgarantien, auf die Me- thoden, die für die internationale Ueberwachung der Rll- slungen vorgeschlagen werden und aus die„Sanktionen", die bei einer Verletzung des geplanten Abkommens Anwendung finden sollen. ES besteht guter Grund zu der Annahme, daß Frankreich bereit ist, einen genauen Plan abgestufter„Sank- tionen" vorzulegen. Wenn z. B. die internationale Körper- schaft eine Verletzung des Abkommens festgestellt hat, würden die anderen Signalarmächte zunächst die betreffende Regie- rung darauf aufmerksam machen und um baldige Rcglung ersuchen. Wenn eine daraus folgende Untersuchung ergebe, dan die Sache nicht in Ordnung gebracht ist, würden die Mächte dem betreffenden Staat eine Zeitgrenze dafür setzen. Im Falle einer ablehnenden Haltung des Vertragsbrüchigen Staates würden dann weitergehende Schritte unternommen werden, die von einer einfachen Weigerung finanziellen und wirtschaftlichen Verkehrs bis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen, der Erklärung eines Boykotts und vielleicht einer Blockade zur See und als allerletztes Mittel bis zu einem gemeinsamen Polizeivorgchen gegen die widerspenstige Macht, mit anderen Worten zum Kriege führen würde. Der Korrespondent fügte hinzu: Dieses System entspricht den Vorschlägen, die Frankreich schon früher hinsichtlich des Artikels IS(Sanktionen) der Völkerbundssatzung gemacht hat. Wird Rußland VOIkcrbnndsmifdlled? Vorfühler der Russen— Vorbedingungen DNB. Paris, 22. März. Der angeblich bevorstehende Beitritt Sowjetrußlands zum Völkerbund wird von einigen Blättern angekündigt. Der„Petit Parisien", der das Er- eignis für die Septembertagung erwartet, berichtet, dast die Sowsetrussen in Genf und einigen Hauptstädten, namentlich in Paris, vorgefühlt und den Eindruck gewonnen hätten, baß ihre Kandidatur nicht nur sympathisch aufgenommen werde, sondern daß sie in Anbetracht ihrer Machtstellung höchst- wahrscheinlich sogar einen Titz im Völkerbundsrat erhalten würden. Im„Echo de Paris" weist Perkinar auf eine Reihe von Vorbedingungen hin, die nicht ohne Schwierigkeiten erfüllt werden könnten und langwierige Verhandlungen erforderten. Doch suchten die Sowjetrussen diese Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen durch den' Vorschlag, die Befugnisse und Aktionsmiltcl des Völkerbundes zu erweitern und unver- eignet seien, den Graben zwischen Rußland und Deutschland noch zu verbreitern, und außerdem die italienischen Völker- bundsreformpläne, die gegen die Aufrechterhaltung der terri- torialen Ordnung gerichtet feien, zunichte zu machen. Per- linar will derartige Erwägungen gelten lasten, warnt aber davor, sich von den Sowjets, die unfähig seien, anderen und sich selbst zu helfen, in Grcnzgarantien und spätere Abcn- teuer hineinziehen zu lasten, mit denen Frankreichs mora- tische und materielle Interessen nichts zu tun hätten. Erhöhte fernöstliche Spannung Zwei neue Japanisch-russische Konflikte Moskau, 21. März. fFSU.l Nachdem die Freilassung der verhasteten Angestellten der Ostchinabahn die Meinung aus- tauchen ließ, daß nunmehr eine Entspannung zwischen der Sowjetunion und Japan einsetzte, sind in der letzten Woche zwei neue ernste Konflikte entstanden. Am b. März steckte eine japanische Truppenabteilung die Wohngebäude der An- gestellten der Forstkonzessionen der Ostchinabahn in Brand, wodurch ein Schaden von zehntausenden Goldrubcl ent- stand. Tie Maßnahme wurde mit dem Kämpf gegen das Bandidentum begründet. Die Empörung der Sowjetöfsentlichkeit über dieses Borgchen ist groß. Ter zweite Konflikt betrifft die Haltung der japanischen Fischereigesellschaftcn bei der Ncuvcrpachtnng der Fischerei- gebiete von Kamtschatka. Seit Jahren versuchen die japa- nischen Gesellschaften, die Pachtgelder für die Sowjetgcbiete nicht in japanischer Währung, sondern in Rubel zu bezahlen, die sie sich auf ungesetzlichem Wege beschaffen. Um diesen Zu- stand zu beseitigen, fand sich die Sowjetregierung bereit, im Ighrc 1931 einen Kurs für die Obltgationen-der Kamtschatka- Fischereigesellschaft von 32,ö Jen festzusetzen, wodurch sie den Wünschen der Japaner stark entgegenkam. Die Inflation in Japan machte es natürlich nicht möglich, weiterhin diese Vereinbarung aufrechtzuerhalten. Tie japanischen Gesell- schaften, die ursprünglich ablehnten, unter diesen Bedingungen an der Neuvcrpachtung teilzunehmen, fanden sich dann bereit, als die Sowjetregierung erklärte^ sie würde bis zur endgültigen Reglung der Frage die Zahlung des alten Preises in Papier-Jen unter Vorbehalt einer nachträglichen stieglung der Differenz annehmen. Unter dem Einfluß der Regierung sagten dan» die Japaner ihre Beteiligung im letzten Augenblick ab. Dadurch ergibt sich die eigenartige Situation, daß die gesamten Fischereigewäster von Kam- tschatka an Sowjetgesellschaften verpachtet wurden, während Japan seit vielen Jahren behauptet, es könne seine Bevölke- rung ohne den Fischsang aus diesem Gebiet nicht ernähren. Man befürchtet, daß Versuche unternommen iv e r d c n. d e n Fischfang unter m i l i t ä r i s ch e m Schutz gegen den Willen der Soivjetregie- rung fortzusetzen. In einer Unterredung mit dem japanischen Botschafter in Moskau betonte der stellvertre- tcnde Volkskommissar des Aeußcren Sokonikow, daß die Sowjetrcgicrung nach wie vor zu Verhandlungen bereit ist. 8000 Kämpicrlamllicn In Not Und die gefangenen Schutzbundkämpfer Der Abgeordnete des englischen Unterhauses, Grensell, der soeben von Wien nach London zurückkehrte, teilt mit, daß mindestens 8000 Familien in Oesterreich hilfsbedürftig sind, davon allein in Wien 2500. Die Zahl der Gefangenen werde auf etwa 0000 geschätzt. Man könne sich ein Bild davon machen, wieviel Familienväter unter den Gefangenen sich befinden, wenn man wisse, daß in einem einzigen Wiener Bezirk von 100 Familien, die sich in größter Rot befinden, in 104 Fällen der Vater oder Ehegatte verhaftet sei. London, 21. März.(Jnpreß) Der Wiener Korrespondent des„Daily Expreß" gibt seinem Blatt einen Bericht über zwei große Gefängnisse, die er besuchen konnte. Es befinden sich dort 1800 Gefangene. Die Häftlinge sind seit fast fünf Wochen eingekerkert, ohne angeklagt zu sein. Sic erhalten weder Zeitungen, noch dürfen sie rauchen. Die Führer der Sozialdemokratie werden gut behandelt, wenn sie auch nicht wissen, wessen sie beschuldigt sind.„Ich besuchte dann," teilt Memel Um die Zuverlässigkeit der Polizei Kowno, 22. März. Die Elia meldet: Am 18. März hatte der Gouverneur des MemelgebietS den Präsidenten des Direktoriums, Dr. Schreiber, aus die Tatjache hingewiesen, daß 21 Beamte der Landcspolizei politischen Organisationen angehört haben, über deren Mitglieder, wie aus dep Beschlüssen der Gerichtsorganisationen hervorgeht, Straf- verfahren oerhängt worden sind dafür, daß sie Vorbereitungen getroffen haben, um mit Waffengewalt einen Gebietsteil Litauen zu entreißen. Als das Direktorium des MemelgebietS darauf nicht reagierte, hat der Gouverneur des MemelgebietS am 20. März verlangt, daß der Präsident des Direktoriums bis zum 23. März die Beamten der autonomen Behörden von dem Dien st zu suspendieren hat. gegen die Strafverfahren eingeleitet worden sind, ebenso die 21 Landespolizeibeawten, die den der Korrespondent mit,„zwei Zellen, die für„nicht aus- gewählte" Gefangene reserviert sind. Diese Zellen sind für 0 Personen berechnet, sie enthalten heute 21 und 22: die Gc- fangen«« sind verstört, müde und hoffnungslos. Sie haben nur die Wahl, aufrecht zu stehen oder sich auf den Boden z» setzen. Fragt man sie, ob sie mißhandelt worden seien, ant- worten alle:„Nicht hier". Nur einer, der sich nicht bcherr- scheu konnte und die Konsequenzen nicht bedachte, rief:„Wir sind nach unserer Verhaftung auf den Kommissariaten durch Polizisten furchtbar geschlagen worden." ♦ Aus der neuen österreichischen Verfassung werden jetzt Einzelheiten verössentlicht» aus denen hervorgeht, daß der Verfassungsentwurf uneingeschränkt aus dem Grundsatz der autoritären Regierung ausgebaut ist. Das Wort„Republik" kommt in ihm— wie verlautei— nicht mehr vor. Organisationen der christlich-sozialen Arbeitsgemeinschaft und der sozialistischen Volksgemeinschaft angehörten. Mithin müssen 20 Beamte von dem Dienst suspendiert werden, unter ihnen Dr. Neumann, Baron v. d. Ropp, Diplomlandwirt Brokvpb, der Präsident der Landwirtschaitskammer, Rade- wacher, und andere. Tilsit, 22. März. DaS gestrige Dementi der litauischen Regierung, in dem sie Bestrebungen, das mcmelländische Direktorium aus dem Amt zu entfernen, ableugnet, erscheint irreführend. Die vorstehende Elta-Melbung, die, wie aus Memel gemeldet wird, völlig unbegründete und unsub- stantiierte Borwürfe gegen eine Reihe unbescholtener ange» sehener Beamten enthält, zeigt klar, daß der Gouverneur fetzt aus indirektem Wege versucht, sein Ziel zu erreichen, nachdem seine Absicht, den Präsidenten deS Memel- direktoriumS wegen seiner bekannten LandtagSrebe zur Ab- dankung zu zwingen, mißlungen ist. Lnlse Eberl• Karl Severing Ihre gesetzlichen Ansprüche Die Basler„National-Zeitung" meldet aus Berlin: Im„dritten Reich" war die Witwe des früheren Reichs» Präsidenten Ebert, Frau Luise Eberl, eine Zeitlang ihrer Pension verlustig gegangen und in erhebliche Geldsorgen ge- raten. Diesem unwürdigen Zustand wurde nur auf die persönliche Initiative des Rcichspräsi- deuten Hinöenburg hin ein Ende gemacht. Frau Ebert bezieht ihre alte Pension in voller Höhe wieder. Ebenso ist der ehemalige sozialdemokratische preußische Innenminister Severins seit einer Woche wiederum im Genuß feilte* ihm gesetzlich zustehenden sogenannten Ucbergangsgebllhr» nisse fzeitlich befristeter Pension). Ilm die Einheitsfront Beschlüsse in Paris TRB. Paris, 22. März. Der VcrwaltnngsauSschuß der Sozialistischen Parte; beriet am Mittwoch über den Vor- schlag des Amsterdamer Komitees für den Kamps gegen den Faschismus, sich an einer großen am 20. und 21. Mai in Paris stattfindenden Kundgebung zu beteiligen. Mit 13 gegen sieben Stimmen lehnte der Ausschuß diesen Vorschlag ab, erinnert« aber daran, daß die Sozialistische Partei bereit sei, die Ein- hcitösront gegen den Faschismus zu verwirklichen. Mi: 21 gegen vier Stimmen wurde ferner der Borschlag verworfen, eine Abordnung nach Rußland zu entsenden, die sich mit den Sowjctsiihrern in Verbindung setzen sollte. Stramme Haltung ... ersetzt den Verstand des Juristen Die juristischen Oberbonzen des„dritten Reiches" Dr. Gürt- ner, Kerrl, Freister usw. statteten dem Rcfcrendarlager Jüterbog einen Besuch... nein: nahmen die Parade der dort kasernierten und stationierten Reierendars-SA. ab.— Nach der Besichtigung hagelte es Ansprachen. Der ehemalige Justizsekrctär Kerrl wies darauf hin. daß der körperliche Drill„einen organischen Bestandteil der juristischen Prttsüng darstelle". Retchsfustizminister Gürtner erklärte, c? erfülle ihn mit besonderer Freude, daß die jungen Juristen jetzt wieder das hätten, was l 5 Jahre hindurch dem j u r i st i s ch c n R a ch iv u ch s zum g r ö ß t e n T e i l g e» fehlt habe: körperliche Schulung und Erlüch- tigung, Kameradschaft und Gemeinschaftsgeist. Na, nun wissen wir endlich, worin daö Manko bestand, das uns'chon immer an unseren Richtern und Staatsanwälten ausgefallen ist: es war nicht etwa der Mangel eines wirklich reifen Wissens, das Fehlen einer tieferen Welt- und Menschenkenntnis und einer daraus sich ergebenden humanen Gesinnung, nein: an der strammen.Haltung batS gefehlt. Wenn in de» Gerichtssälen erst ordentlich die Hacken klappen, die Akten mit zackigen Griffen über den Tisch fliegen, die .Kommandostimme kräht,— dann wird an der Justiz deS „dritten Reiches" nicht mehr auszusetzen sein... Pas Neueste Die Brüder Saß. das berüchtigte Berliner Verbrecher- paar, wnrden am Mittwoch vom Untersuchungsrichter»er, hör,. * Der Jurist enauSschuß für die Saarabftim» m»ng ha« auch am Mittwcch wieder eine Sitzung abgehal, een, über deren Ergebnis strengstes Stillschweigen bewahr^ wird. % Di« radikalsozialistischen Mitglieder des parlamentarische» Staviskn-Rnsschuffes baben sich nach dem Verhör der radikal- sozialistischen Abgeordneten Proust und Hulin oeranlaßt ge« leben, beim Parteivorstand deren Ausschluß auö der Partei zu beantragen. * Viele französische Blätter beargwöhnen die am Mittwoch verbreitete Meldung, daß in dem Hause in Ehamonix, in dem Staviskn tot ansgesnnden wurde, ein Einbruch verübt worden sei. Man fragt, ob es sich nicht nm ein Manöver im Hinblick ans die vom parlamentarischen UntersnchungsanS, schuh geforderten neuen Nachforschungen handele. I« einem Erzbergwerk in der Nähe von Florenz ereignete sich ein schweres Unglück, dem vier Bergleute zum Opfer fielen. vis„Deutsche Freiheit" Einzig« unabhängig« Fa g e j-• i t u n g Deutschlands mufj man regelmäßig lesen Bestellschein Icü ersucht um ragalmäfsiga Zusendung dar„Deutschen Freibuit" N«m«i Strafj«! Ort)_ d«n Verlag der„Deutschen Freiheit 1' Saarbrücken 3- SdiOtzenstrafje S• Postsdiliefjfedi 776 Hitler rosenrot Aus seiner Sdiiachtenrecle Hitler begann: »Zunächst machten wir Schluß mit allen Theorien. Wir haben begonnen, die Wirtschaft von den Theorien sreizu- machen." » Alles ist so einfach... Und dann erklärte er, daß das Geheimnis des ganzen Wirtschaftsproblems furchtbar einfach sei. denn man brauche nur die Maschinen anzustellen: .Wir sollen dazu verdammt sein, daß Millionen Menschen keine Gebrauchsgegenstände und Lebensgüter schaffen tön- nen, die Millionen andere benötigen? Wir werden dieses Problem lösen, weil wir es lösen müssen! Tas deutsche Volk der Zukunft soll keinem seiner Bürger Renten für das Nichtstun geben, aber jedem die Möglichkeit, durch redliche Arbeit sein eigenes Brot zu verdienen und so mitzuhelfen und beizutragen zur Erhöhung des Lebensstandards aller. Denn kei..er kann etwas verbrauchen, was nicht andere mit ihm geschaffen haben. Wir aber wollen, daß unser Volk in allen seinen Schichten in seinem Lebensstandard emporsteigt, und wir werden daher dafür sorgen müssen, daß die Boraus- setzungen hierzu sich in unserer Produktion verwirklichen!" * Die ganze Welt staunt Die ganze Welt hat inzwischen erfahren, wie es mit der deutschen Währung beschaffen ist, nur Hitler nicht, denn er behauptete: .All unsere Leistungen des vergangenen Lahres waren aber nur möglich durch die Sicherung unserer Währung: denn nicht durch leichtsinnige Experimente haben wir diese Maßnahmen ermöglicht— im Gegenteil: in derselben Zeit ist es uns gelungen, die finanzielle Lage des Reiches, der Länder und der Kommunen entscheidend zu bessern und in Ordnung zu bringen." * Hungert— ohne Egoismus! Wie es mit der Entlöhnung in dieser wunderbaren 3lr» beitöschlacht beschaffen ist, dürfte für die Arbeiter weit weniger wunderbar sein, denn Hitler kündigte ihnen ihre Aussichten auf Hungerlöhne wie folgt an: «Wir müssen in diesem vor uns liegenden Jahr den Feld- zug gegen die Arbeitslosigkeit mit noch gröberem Fanatis- mus und mit noch größerer Entschlossenheit führen als im vergangenen. Mit rücksichtsloser Schärfe müssen wir jeden zurückweisen, der sich an diesem Gedanken und seiner Er- füllung versündigt. Möge jeder in Deutschland begreifen, daß nur eine wahrhaft sozialistische Auffassung dieser Ge- meinschaftsaufgabe ihre Lösung ermöglicht. Möge sich jeder über seinen Egoismus erheben«nd seine Ichsucht überwinden. Lohn und Dividende, sie müssen, so schmerzlich es in diesem ersten Falle auch sein mag. zurück- treten gegenüber der überlegenen Erkenntnis, daß wir erst die Werte schassen müssen, die wir dann zu verzehren ge» denken." «Wir waren uns klar, daß die Einkommensverhältnisse im einzelneu traurige sind. Allein das Einkommen ist letzten Endes das Auskommen, und das Auskomme« eines Volkes wird bestimmt durch die Gesamtsumme der von ihm prodn« zierten und ihm daher zwr Verfügung stehende» Lebens- güter. * Die Mark purzelt inzwischen Die Leichtfertigkeit, mit der Hitler in seiner Rede über die Finanzierungsquellen des Arbeitsbeschafsungsprogramms und damit über den Stand der Währung hinwegzutäuschen versuchte, ist unsaßbar. Unaufhaltsam bröckelt in den Börsen- Notierungen die Mark ab und die einzige reale Basis für die Finanzen des Reiches: Die Golddeckung der Währung, ist nahezu am Verschwinden. Es ist kein Zweifel, diese Politik, neue Masse« Be» schäftigung zu bringen, ohne die notwendigen Reserven für die Löhne zu haben, ist Bankrotteurpolitik! Hitler erklärte an einer Stelle seiner Rede, daß die gegen- wärtige Regierung keine Inflation machen werde, wie das in den Iahren 1620=23 geschehen ist. Das wird ihm jeder glauben, denn nichts lernt sich leichter, als immer neue und bessere Nuancen für den Betrug zu finden Die ganze Politik des deutschen Faschismus ist inslationi, stisch und wenn es über eines keine Zweifel gibt, dann über die Tatsache, daß früher oder später doch einmal der grobe Katzenjammer kommen muß. * Der Betrug Aber diese sogenannte Arbcitsschlacht ist nicht nur mir einem großen Finanzbetrug verbunden, sie ist auch eine volkswirtschaftlich bedeutungslose Angelegenheit, weil es sich nicht um werteschassende Arbeitsprojekte, sondern um Verlegenheitsmaßnahmen handelt. Und sür die Arbeiterschaft ist diese ganze Kampagne noch viel betrüb- sicher, denn Hitler hat ja schon recht eindeutig angekündigt, baß die neu beschäftigten Arbeiter den Hungerriemen noch fester ziehen müssen, auch wenn sie jetzt in Arbeit stehen. Der einzige Unterschieb zwischen dem„Stempeln" wird sein, daß die Arbeiter unter den veränderten Umständen mehr Kräfte und Kleider verschleißen dürfen, ohne ein wesentlich höheres Einkommen zu haben als vorher an der Stempelstelle. Heinz Liepmann frei Keine Auslieferung an Deutschland Amsterdam, 21. März. Der deutsche Schriftsteller Heinz Liepmann, der nach seiner Flucht aus einem deutschen Konzentrationslager in Holland zu einem Monat Gefängnis verurteilt worden war, ist jetzt nach Verbüßung seiner Strafe freigelassen worden. Liep- mann war verurteilt worden, weil er in einem Buche Hin- denburg,„das Oberhaupt eines befreundeten Staates", be- leidigt hatte. Liepmann wurde nach seiner Freilassung gemäß dem AuS- weisungsurteil über die belgische Grenze abgeschoben. Wenn, wie behauptet, ein deutsches Auslieferungsbegehren gestellt worden ist. so ist die holländische Regierung ihm jedenfalls nicht nachgekommen. friedlldies" Oel Sieben Menschen: 2011k. Monatseinkommen ilonde- und Kafzenflelsdi als Ledierblssen Dr. P. Lüdecke schildert in der gleichgeschalteten Presse ein von den gewaltigen Siegen der„Arbeitsschlacht" offen- bar noch nicht erreichtes Gebiet: Aus dem Rhön- und Spessartgebiet werden immer neue Tatsachen bekannt, die beweisen, in welch furchtbarer Not sich hunderttausende deutscher Volksgenossen in diesem landschaft- sich so reizvollen Landstrich, mitten im Herzen Teutschlands, befinden. Nach den Mitteilungen der Bürgermeister der Dörfer und kleinen Städte über die Gemeindefinanzen, haben alle Gemeinden große Schuldenlasten zu tragen, aus denen bei der völligen Verarmung der Bewohner kein Ausweg zu hoffen ist. Dörfer von 500—600 Einwohner haben bis zu 60 000 RM. Gemeindeschulden, so daß aus jeden Mann und jedes Kind ein Anteil bis zu 100 RM. allein an den Gemcindeschulden entfällt. Bei dem großen Kinderreichtum der Bevölkerung macht das 700— 800 RM. pro Familie. Die Gemeinde- gehälter sind natürlich fast überall rückständig. In manchen Orten, wie in Lauter, Kreis Kissingen, und Schondra, Kreis Brückenau, habe» die Gemeindebeamten.noch für drei Jahre Gehalt zu bekommen. Eine geordnete Finanzwirtschaft ist schon deswegen gar nicht möglich, weil die Gemeinbemit- glieder mit ihren Umlagen seit Jahren im Rückstand sind. Bei der gegenwärtigen Not müssen die Forderungen der Gemeinden an ihre Mitglieder größtenteils als uneinbring- sich gelten. 360 Familien und 600 000 RM. Schulden Geradezu trostlos ist die persönliche Verschuldung der Rhön- und Spessartbauern. Tas Städtchen Parteinstein im Kreis Lohr schätzt die Gesamtschutden seiner Einwohner aus 600 000 Reichsmark, die sich auf 360 Familien verteilen. Eine Last von käst 2000 RM. kommt also hier au' die einzelne Familie. Nicht weniger als 200 Familien in diesem Spessartort sind in großer Not. Früher war ein großer Teil der Männer von Parteinstein den Sommer hindurch im Ruhrgebiet und im Rheinland beschäftigt. Infolge der Wirtschaftskrise wurden sie arbeitslos. Die Sperre der Arbeitsämter, die nur für Leute aus ihrem Bezirk sorgen, verhinderte, daß wenigstens der eine oder andere wieder einen Arbeitsplatz fand. Jetzt sind sie seit langem ausaesteucrt und auf die Wohlkahrtsunterstützung angewiesen. Aber die Gemeinde ist so arm, daß sie den Unglücklichen nicht helfe» kann.-- Der Gesundheitszustand in Parteinstein ist besonders schlecht: er stand im Jahre 1028 in der ärztlichen Statistik an zweitletzter Stelle in Deutschland. Die Kinder sind durchweg unterernährt. Skrofulöse, Herzschwäche und Bleichsucht be- gegnen dem erfahrenen?lrzt auf Schritt und Tritt. In vielen Familien gibt es tagelang kein Brot auf dem Tisch, Kar- tosieln und etwas Magermilch sind die einzige Nahrung. Für die Kinder der Rhön und des Soessart ist die jetzige Not ein Fegefeuer. Es kehlt ihnen an ollem, was sonst auch der Arme seinen Kindern geben kann. Aus dem Kreise Mell- rich'Oadt wird berichtet, daß viele Kinder im Winter nicht Au?^cßule aeßett föntteit. toeil fte feilte^cßiiße ßößett. In tiefem Schnee müssen sie in Stroh- und Holzpantoffeln herumlaufen. In Sands haben die Kinder einen Schulweg von eineinhalb Stunden. In Gerolds. Kreis Kissingen, hatten von 66«in- dern nach einem Schulspazierganq an trockenem Tage durch betaute Wiesen nur 6 trockene Füße. Eine Folge des erbarm- lichen Schuhwerks. Aus Schondra. Kreis Brückenau, meldet der Büraermeister. daß die Eltern seiner Gemeinde den einen besonderen Wunsch, haben: die Kinder sollen einmal woanders hin. So sehr haben diese armen Menschen schon das Vertrauen zu ihrer Heimaterde verloren Niemand kann eS ihnen verdenken, wenn man erfährt, daß unter den 3 Hl Kindern die Rachitisrückstände im Kreis Mellrichstad^ von 3,: Prozent im Schuljahr 1929/30 aus 27 Prozent in 1980/3 angewachsen sind. Fast die Hälfte aller Häuser baufällig Eine der Hauptursachen des schlechten Gesundheitszustandes der Kinder sind die furchtbaren Wohnungsverhältnisse. 7 bis 8 Menschen müssen meist in einem Raum schlafen und wohnen. In Wiestal im Spessart haben von 177 Familien 13 nur einen Raum und eine Küche: nur 71 Familien haben mehr als einen Raum. Fast die Hälfte aller Häuser in diesem Ort ist baufällig. Aus Geroda wird gemeldet, daß in manchen Bauernhäusern die Menschen unter dem schadhaften Dach schlafen müssen, durch das es hereinregnet und schneit. Aus einem andern Ort wird berichtet, daß Jnstandsetzungs- arbeiten an den baufälligen Häusern schon deswegen gar nicht durchführbar sind, weil man nccht weiß, wohin man inzwischen die Bewohner bringen soll. Von 340 Einwohnern 276 hilfsbedürftig Da in den Rhön- und Spessartdörfern die meisten Familien aus den Arbeitsverdienst der früher in der Fremde be- schädigten männlichen Familienmitglieder angewiesen waren, ist die Not durch Arbeitslosigkeit ungeheuer. Um so mehr, als die Gemeinde durchweg infolge ihrer eigenen Ber- schulbung keine Wohlkahrtsunterstützung tragen können, so müssen in Premich, Kreis Kissingen, die Wohlsabrtsemp- sänger mit den geringen Zahlungen aus dem Ausgleichs- sonds leben. Das macht für Familien von 7 Personen 20 Reichsmark im Monat. Der Bürgermeister von Rupperts- Hütten berichtet, daß 100 Familien, deren Ernährer früher in Frankfurt. Hanau und Düsseldorf gearbeitet haben, sich seit Monaten durchhungern. In Neustädtles sind von 340 Einwohnern 275 hilfsbedürftig. In Rüdenschwinden von 198 Einwohnern 150. Aehnlich sind die Zahlen aus den meisten andern Gemeinben. Nur 6 Tagwerk Land, aber 60 Feldstückchen Aber auch die„Besitzenden" sind nicht viel besser daran: denn infolge der ungeheuren Zersplitterung des Landbesitzes durch das fränkische Erbrecht entfallen aus den einzelnen Bauern nur wenige Tagwerk Besitz, der zudem in zahllose weit aus- einanderliegende Einzelparzellen zersplittert ist. So wird aus dem Kreis Marktheidenseld berichtet, daß dort die Bauern bei 10 Tagwerk Besitz durchschnittlich 50 kleine Feld- stückchen haben, während in Wiestal kleine Bauernhöfe von 6—7 Tagwerk oft über 60 Parzellen aufweisen. Da Kühe meist der einzige Besitz an Großvieh sind, kann man sich leicht vorstellen, wie abgetrieben die armen Tiere abends in den Stall kommen, der Milchertrag ist dementsprechend er- bärmlich. Die Ackernahrung reicht nur für 3—6 Monate Bei der starken Kinderzahl der meisten Familien haben auch die besitzenden Bauern selten sür das ganze Jahr Nahrung. Meist reicht der Ertrag der Aecker nur für 3—6 Monate. Wenn man fragt, wovon denn eigentlich diese armen Menschen leben, so erfährt man, daß Kornkaffee und Kar- Pfarrer wird diszipliniert toffeln in zahllosen Familien die einzigen Nahrungsmittel sind. Und wenn schon einmal Fleisch auf den Tisch kommt, dann ist es gar nicht seilen Hunde- oder Katzen- fleisch. Man bohrt in Nordwestdeutschlayd Die„Frankfurter Zeitung" berichtet aus Hannover: „Wie wir erfahren, werden im Rahmen eines groß- zügigen Programms der gesamten deutschen Erdölindu- strie in Kürze, und zwar in bisher noch nicht produktiv erschlossenen deutschen Revieren, in denen auf Grund geologischer und geophysikalischer Untersuchungen Erdöl- vorkommen vermutet werden, insgesamt 60 neue Aus- s ch l u ß bohrungen niedergebracht. Die Kosten für eine Tiesbohrung belaufen sich auf etwa 160 000 bis 200 000 RM." Hierzu ist zu bemerken, baß bisher alle Oelbohrungen in Norbwestdeutschland, sei es bei Peine, Celle oder Vietze- Steinförde, nur kümmerliche Ergebnisse brachten, die die Kosten im allgemeinen nicht lohnten und jedenfalls in gar keinem Verhältnis zum deutschen Bedarf standen. Wenn trotz dieser entmutigenden Erfahrungen jetzt gleich 60 Bohrver- suche auf einmal mit einem lerst vorläufigen! Gesamtkosten- ouswand von zehn Millionen Mark snur für Versuchszwecke) niedergebracht werden, so geht das nicht mit rechten Dingen zu. Von einem wirtschaftlich vernünftigen Unternehmen kann hier keine Rede mehr sein. Die Furcht, infolge deS praktischen Zusammenbruchs der deutschen Währung keine Rohstoffe mehr vom Ausland beziehen zu können und ber Wunsch, sür militärische Zwecke Oel, wenn auch zu noch so hohem Preise, im eigenen Lande zu haben, scheinen bei dem neuen Experiment eine maßgebende Rolle zu spielen. Inden als Reldisbilrger Ahnen bis 1812?