Sinzigs uuabhSngigs Tagsszsiiung Vsuiichlauds Nummer 70— 2. Jahrgang Saarbrücken, Samstag, 24. März 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Aas dem Inhalt Qift füc 18 000 Mann Seite 2 Spaniens Jiieche segnet sich Seite 2 Deutsche Sazialdetnakcaien 1934 Seite 3 JlotUischec Jag. an xLec Saat Seite 7 Von jenseits des Ozeans Seite 7 fran und Kind als Geisel Die Gattin und das 19 Monate alte Tdchferchen Gerharl Seders Ins Konzentrationslager verschleppt Dopade meldet: Am IS. Februar 1934 wurde in Dessau die SS Jahre alte Frau Elisabeth des Sekretärs der Deutschen Friedensgesell» schast und früheren sozialdemokratischen Rcichstagsabgeord, neten Gerhart S e g e r und sein 19 Monate altes Töchtercheu Renate verhastet und in das Konzentrationslager Roßlau bei Dessau gebracht. Gerhart Seger ist der Verfasser der bei der Verlagsanstoll Graphia erschienenen Schrift„Oranienburg- serster authcn- tischer Bericht eines aus dem Konzentrationslager Geslüch- tetens. Es war ihm nach nenn Monaten Gefangenschaft gc, langen, aus dem Konzentrationslager Oranienburg zu ent, fliehen. Seine Schrift war die erste umfassende Darstellung der Verhältnisse in einem deutschen Konzentrationslager. Sie ist in viele Sprachen übersetzt worden und hat in der ganzen Welt gewaltiges Aussehen erregt. Die deutsche Regierung hat gegen diese authentischen Enthüllungen ihren ganzen Propagandaapparat ausgeboten. Sie hat ein ganzes Buch dagegen verfassen lassen, das jedoch diese Enthüllungen nicht entkräften konnte. Gcrhart Seger befindet sich zur Zeit in England. Die Verhaftung der Frau und seines noch nicht zwei Jahre alten Kindes ist ei» Racheakt gegen Unschuldige. In einem Reuter-Telegramm, das am Montag bei der englischen Presse eintraf, wurde die Tatsache dieser Ber- hastung von Frau und Kind und ihre Unterbringung in einem Konzentrationslager von de» deutsche» B e- Hörden zugegeben. Es wurde aber behauptet, daß Frau Scger sich mit dem Kind freiwillig in das Konzentra- tionslagcr begeben habe, um gegen die Gefahr von Kindes- raub geschützt zu sein. Diese unsinnige Ausrede spottet schon deshalb jeder Beschreibung, weil die Frau Segers seit seiner gelungenen Flucht aus dem Konzentrationslager Oranien» bürg in ihrer Wohnung in Dessau von zwei Polizeibeamten überwacht und von ihnen auch bei ihren Spaziergänge» und Einkäufen auf Schritt und Tritt begleitet wurde. Die Familie der Ehefrau Seger hat sich iu einem Brief au den Reichsstatthalter für Anhalt und Braunschwetg, Loeper, ge- wendet und um die Entlassung von Frau und Kind gebeten, die ja doch wirklich völlig unschuldig seien. Die Autwort des Reichsstatthalters lautet: „Frau und Kind von Seger könnten nicht eher entlassen werden, als bis der„Landes- und Bolksverräter- Seger sich den deutschen Behörden wieder stelle." Damit ist das klare Eingeständnis gegeben, daß es sich um einen unglaublichen Fall von Geiselverhastung handelt „Pesfdirisfen" Das frühere Zentrumsblatt„Germania", das mit Popens Geld täglich den Katholizismus kompromittiert, meldet: Die Frau deS ehemaligen Reichstagsabgeordneten und Volksblattredakteurs Seger, bekannt unter dem Namen „P e st s e e g c r", der aus dem Konzentrationslager nach Prag floh und jetzt von dort aus gegen Deutschland hetzt, hat beim Landgericht in Dessau die Klage auf Scheidung gegen ihren Mann angestrengt." Wir machen dos Christentum nicht für diese verkommene Journalistik verantwortlich. Aber warum schweigen die Kirchen zu der Staatsbarbarei und ihren verlumpten journalistischen Knechten? Minister Göring vernietet Leutnant Göring Ein Schulbeispiel deutscher Regierungskorruptlon DNB. Berlin, 22. März. Der Reichsminister für Luftfahrt Hermann Göring hat die weitere Veröffentlichung der Artikelserie„Die Kriegserlebnisse des Flieger- leutnants Hermann Göring" in der„Berliner Jllustrirten Zeitung" untersagt, weil einmal die Ueberschrift irreführend ist, weil zum anderen der Bericht in seinen wesentlichen Punkten auf freier Erfindung beruht, weil er ferner in der rcportagenhasten Darstellung dem schweren Ernst des Krieges nicht gerecht wird und weil schließlich der Reichsminister für Luftfahrt eine Veröffentlichung seiner eigenen Kriegserlebnisse in einem Blatt des Berlages Ullstein, der bis zur Machtübernahme durch den National- svzialismus diesen aufs schmählichste bekämpft hat, grundsätz- lich nicht wünscht. * Man sieht aus dieser Meldung, wie einfach sich ein Minister, der über die Zensur oerfügt, die Geschichts- schreibung vorstellt: wie es gewesen ist, bestimme ICH allein. Die andern haben in Lob und Tadel zu schweigen. Außerdem hat der Herr Minister, der eben erst ein Buch über seine amtliche Tätigkeit auf den Markt gebracht hat, wohl die Absicht, auch seine Kriegstaten zu gelegener Zeit für feine Kasse auszumünzen. Er verbietet mithin feine Konkurrenz. Nebenher bestraft er einen Verlag, dessen illustrierte Zeitung noch immer die größte Konkurrenz der nationalsozialistischen Partei-Illustrierten ist und dient so mit staatlichen Mochtmitteln der Parteikasse. Schließlich hat sich der Ministerpräsident und Lametten- general eben erst der Welt und insbesondere seinen frühe- ren Erbfeinden, den Franzosen, als jungbekehrter Pazifist und deutsch-französischer Verständigungsfreund, als friedlicher Europäer vorgestellt. Es paßt nicht recht in dieses zarte Friedensbild, wenn nun die van ihm abgeknallten französischen Flieger so aufgezählt werden, wie man einem Indianerhäuptling die Zahl der Skalpe seiner geschlage- nen Gegner nachrühmt. Für die tiefe Unmoral der faschistischen Regierung?- weise hat Göring jedenfalls einen neuen Beweis erbracht. „Unser Führer" wird geschoben Die Ausgaben wachsen Das Reichskabinett hat am Donnerstag ein finanz- politisches Gesetz verabschiedet, das den erhöhten An- sorderungen an die Finanzkraft des Reiches besser gerecht werden soll. Was dahinter steckt, wird man erst beurteilen können, wenn dies Gesetz im Wortlaut vorliegt Wichtig ist auch ein Gesetz über den Berkehr mit industriellen Roh st offen und Halb- s a b r i k a t e n. Das Reichskabinett ringt mit seinem Mangel an Devisen und der verheerenden Verengung der Rohstoff- basis. Das vom Reichsfinanzminister vorgelegte und eingehend begründete Reichshaushaltsgesetz für das Rechnungsjahr 1934 wurde verabschiedet. Der Reichshaushalts- plan ist ausgeglichen und schließt in Ein- nahmen und Ausgaben mit r un d v, 4 M l l- liardenReichsmarkab. Die beiden selten des Haus- Halts weisen mithin gegenüber dem Haushaltsplan für daS Rechnungsjahr 1933 eine Steigerung um rund 5 90 Millionen Reichsmark auf, die auf der AuSgabeseite insbesondere durch Ausgaben zur Abdeckung der Vor- belastung für die verschiedenen Arbeitsbeschafsungs- maßnahmen bedingt ist. » Mit der versprochenen Einschränkung der ReichSauSgabcn ist es also nichts: sie steigen und steigen. Wie der Reichs- haushaltplan ausgeglichen wird, erfährt man nicht. Eine parlamentarische Kontrolle fehlt. Das deutsche Volk wird mit verbundenen Augen seinem Verhängnis entgegen geführt..... Appell der Relchsstaftholter Streng kapitalistische Wirtschafts- und Finanzpolitik Am Donnerstag fand in der Reichskanzlei eine Sitzung Gestern und heute Die Stimmung in Deutschland scheint neuerdings etwas sonderbar zu sein. Man merkt es an großen und kleinen Zeichen. In den letzten Monaten wurde sie uns von Anhängern des Regimes als. geradezu überschwenglich geschildert. Es erinnerte an gewisse amerikanische Verhältnisse vor hundert Jahren, die Heine in seiner Harzreise erwähnt. Er sagt da: wenn man in den Bergwerksschacht von Clausthal recht: tief hinabsteige, komme man soweit, daß man die Leute in Amerika„Hurra Lafayette!" schreien höre— woraus ein Leser unserer Zeit den Schluß ziehen muß, daß die Amerikaner in freien Stunden eigentümliche Zerstreuungen liebten. So konnte in unseren Tagen ein im Auslande Lebender, wenn er in den unergründlichen Schacht des Lautsprechers auf Welle Königswusterhausen hineinlauschte, das deutsche Volk sozusagen ständig„Heil Hitler!" brüllen hören. Und viele glaubten es allmählich. Es ist aber anscheinend nicht alles Gold, was glänzt, und nicht alles Heil Hitler, was geschrien wird. Der vielberufene Mann hat am Eröffnungstag seiner großen Arbeitsschlacht eine merkwürdig bängliche Rede gehalten. So sehr er zwischendrin immer wieder zuversichtliche Töne aufsetzte, es war doch nicht zu überhören, wenn er die „ewigen Pessimisten und grundsätzlichen Nörgler" anschrie, von den Unternehmern die„Hintansetzung ihrer egoistischen Eigensucht" verlangte, den Arbeitern niedrigere Löhne ankündigte und dem ganzen Volk die Sorge vor einer Inflation „nach Art der Novemberregierung" auszureden suchte. Was macht Herrn Hitler so nervös? Bei der gleichen Gelegenheit sagte Dr. Göbbels. man müsse jefSt mit der ewigen Romantik Schluß machen, der Alltag beginne wieder. Wir feiern ihn absichtlich nicht mit Aufmärschen und Fackelzügen, meinte er, weil das Volk davon genug hat. Verzeihung, das letzte sagte er nicht selbst, das haben sich bloß alle gedacht. Man muß die Hellhörigkeit der nationalsozialistischen Propaganda für Volksstimmungen kennen, um die Tiefe dieses Verzichts tu ermessen. Das Volk beginnt einzusehen, daß Siegesfeiern noch keine Siege sind: abgesehen davon, daß die Erinnerung an vier Jahre von Sieg zu Sieg mit einem einzigen großen Zusammenbruch am Schluß langsam wieder lebendig wird. Und daß die deutsche W irtschaft unter nationalsozialistischer Führung soeben in ihre erste Marneschlacht hineingeht, merkt auch der Mann auf der Straße. Ich werde mich natürlich hüten, Greuelmärchen über die Unzufriedenheit des deutschen Volks mit seinen derzeitigen Führern zu verbreiten. Wenn aber der Herr Preußische Justizminister selbst der hafte die Schelle anhängt, so mag das Glöcklein läuten. Und was sagt er, der Herr Minister? In einem Erlaß vom 22: März, verbreitet durch das amtliche deutsche Nachrichtenbüro, klagt er: ..Neuerdings mehren sich wieder die Fälle, in denen namentlich gegen Persönlichkeiten, die im öffentlichen Leben stehen, und die leitenden Beamten von Behörden und Verbänden erfundene und leichtfertig nacherzählte Verdächtigungen erhoben werden." Sagt der Minister. Als er noch nicht Minister, sondern bloß Agitator in Hannover war, hätte er das ungefähr so ausgedrückt: „Immer lauter und drohender erhebt sich die Stimme des Volkes und verlangt gebieterisch: Schluß mit dieser Regie- rung! Fort mit diesen Männern von zweideutigem Ruf. gebt uns endlich eine Regierung, die vom Vertrauen des ganzen Volkes getragen ist, weil sie uns die Wahrheit sagt!" Argus. der ReichSstatthalter statt. Reichskanzler Hitler sprach über die staatspolitischen Aufgaben der Reichsstatthalter. Nach den Ausführungen Hitlers sind die Reichsstatthalter, die der Dienstaufsicht des Reichsinnenministers unterstellt worden sind, die Träger des Willens der Obersten Führung des Reiches, nicht aber die Sachwalter der ein- zelnen Länder. Ihre Aufgabe kommt nicht von den Ländern, sondern vom Reiche. Sie vertreten nicht die Länder gegenüber dem Reiche, sondern das Reich gegenüber den Ländern. Die Reichsstatthalter feien in erster Linie Hoheitstreger der nationalsozialistischen Idee und Sachwalter de« Nationalsozialismus, nicht aber Verwaltungsträger eines bestimmten Staates. Der Reichskanzler trug den Reichsstatthaltern auf, dafür zu sorgen, daß ein selbständige» Vorgehen einzelner Partei, und Dienst- stellen in wirtschafts- und finanzpolitischen Dingen über» all unterbunden wird, da für die Wirtschafts- und Finanzpolitik einzig und allein der Reichswirtschastsminister und der Reichsfinanzminister und für die Geld- und Rankpolitik nur der Reichsbank- Präsident zuständig seien. Ehe Lokal- und Landesstellen oder Dienststellen in der Partei und Parteiorganisationen wirt- jchaftliche oder finanzielle Anordnungen treffen, müsse in Tcdem Falle eine vorherige Klärung mit&er zentralen Reichsbehörde stattgefunden haben. Dies gelte naturgemäß auch für alle andere Verwaltungszweige. In diesem Zusammenhang sprach Hitler in längeren Dar- Icgungen über die notwendige Einheit zwischen Staat und Partei. Der Reichswirtschaftsminister, der Reichsfinanzminister und der Reichsbankpräsident, die Hitler wieder als alleinige Fuhrer der Wirtschafts- und Finanzpolitik proklamiert, haben mit. irgendwelchem„Sozialismus" nichts zu tun. Sie. sind Exponenten rein kapitalistischer Wirtschafte auffassung und haben es offensichtlich satt, dah irgendwie noch Partei- und RSBO.-Stellen in die Wirtschaft ein- greifen. Vielleicht sucht Hitler auch die Verantwortung für die unpopulären Wege abzuwälzen, die von der Wirtschafts- und Finanzpolitik mehr unir mehr eingeschlagen werden müssen. Das wird ihm nichts helfen. Der Reichs- Kanzler trägtdie Verantwortungauch für alle Ressort Politik. Dieser Kanzler um so mehr als er„unser Führer" ist und das Reichskabinett seine Macht allein aus der NSDAP, zieht. Daß Hitler von Wirtschflft und Finanzen durchaus nichts versteht, hat er zwar durch seine Rede zu Beginn der„Arbeitsschlacht" er- neut bewiesen, aber die Verantwortung liegt deshalb doch auf ihm und seiner Partei. Was Gestapa alles stiehlt Hemden, Schnürstiefel, Fahrräder, Schreibmaschinen. Bücher und Geld Tic Zentrale für Menschenraub und Einbrnchsdiebstahl, die sich„Geheime Staatspolizei" nennt, veröffentlicht von Zeit zu Zeit— weil doch Ordnung sein muß— im„Reichs- anzetger" die Listen der von ihr entwendeten Gegenstände. Dies geschieht z. B. auch durch eine Bekanntmachung des Regierungspräsidenten zu Merseburg vom t. März, in der u. a. folgende Heldentaten bekanntgegeben werben: Es wurden beschlagnahmt bei: Paul Lttttich, Halle a. S., l grünes Hemd, Werner Friedrich, Halle a. S., 1 Hemd, Rudolf Gericke, Halle a. S., l Hemd. Ernst Walter, Halle a. S., 1 Hemd, Wagner, Jessen, t Paar Schnürstiefel. Ferner Mützen, Hosen, Pullover, Windjacken, Schulter- riemcn, ferner Taschenmesser, Brieftaschen, Geldbörsen mit oder ahne Jnhalt.-auch eine Taschenuhr mit Kette. Besonders groß ist die Anzahl der geraubten Fahrräder, Schreib- Maschine.» und Bücher. Bon den gestohlenen Geldbeträgen ist der höchste 405,18 RM. bei Schönherr in Ammendorf. Aber bei W. Schuster in Halle a. T. waren es nur zwölf Pfennige! »ie tägiidie ntnrkhting DNB. Berlin, 22. März. Wie der Amtl„ Preuß. Presse- dienst mitteit, ist Donnerstag morgen in Arnsberg der durch Urteil des Schwurgerichts in Arnsberg vom 19. 9. 1933 wegen Mordes zum Tode verurteilte Albert Heinz aus Niederschelden hingerichtet worden. Der preußische Ministerpräsident hat vom Begnadigungsrecht keinen Gebrauch gemach«, weil Heinz mit ungeivöhnlicher Heimtücke und verbrecherischer Hartnäckigkeit etwa zwei Jahre lang seiner Ehefrau Arsenik beigebracht und hierdurch allmählich ihren oualvollcu Tod herbeigeführt hätte. England und Japan Differenzen im Fernen Osten DNB. Paris, 28. März. Der Londoner Berichterstatter deS „Echo de PartS" spricht von einer Verschärfung 8er japanisch- englischen Beziehungen. Abgesehen von dein Abbruch der Wirtschaftsverhandlungen werde England beunruhigt durch die japanischen Kriegsvorbereitungen im Fernen Osten. Die Japaner dächten daran, den englischen Flottenstützpunkt von Sing'apore durch eine Berstärkung des Isthmus von Krä auf siamesischem Gebiet, etwa M»l Kilometer von Singapvre ent- sernt, zu neutralisieren. Man schreibender japanischen Regie- rung auch die Absicht zu, demnächst Bangkok durch japanische Kreuzer einschließen und dort Truppen landen zu lassen unter dem Borwand, die japanischen Interessen zu schützen. Aus diesem. Gründe sei die englische Besatzung in Singapore um 300 Mann verstärkt worden. „Denunzianten" Als Stimmungszeichen Berlin, 22. März. Neuerdings mehren sich ivjcder die Fälle, in^den-.n namentlich gegen Persönlichkeiten, die im öikent- lichen Leben stehen, und die leitenden Beamten von Behörden und Verbänden erfundene und leichtfertig nacherzählte Verdächtigungen erhoben werden, die nicht selten niedrigsten Beweggründen entspringen. Ter preußische Justizmiuister Kerrl hat deshalb, wie der Amtl. Preuß. Pressedienst mit- teilt, an die ihm unterstellten Staalsanivaltschaiten einen scharfen Erlaß gerichtet, der die Bekämpfung des Denun- ziantentums zum Gegenstand ha«. In dem Erlaß wird darauf hingewiesen, daß soivohl die Reichsreaierung ivic auch die preußische Regierung iviederholt die Niedrigkeit und Ber- ächtlichkeit des Denunziantentums gegeißelt und den festen Willen bekundet hatten, gegen diese widerwärtige Erscheinung mit aller Schärfe vorzugehen. In Verfolg dieser Be- strebnngen ersucht der Minister die Straiversolgnngs- bchörden, gegen Denunzianten mit allein Nachdruck einzu- schreiten. Der Kopf des Arbeiters Und liebevolle Behandlung ,Tcr Arbeiter muß auch«Visse», daß der Unternehmer der'Kopf ist. der für ihn denkt, der Einkauf und Berka»! regulieren muß, immer neue Möglichkeiten z» erichlieuen, mn nickt tfnv die Arbeitsplätze zu erhalten,«andern iogar neue zu schassen.. si r Der Unternehmer in u ß also zwar des Arbeiters Hände belasten, er entlastet aber zugleich sein Gehirn und ist i n, o l g e d e>, e n nicht der Feind, sondern der beste Freund d e s A r b e i t e r s. Das alles muß der Arbeiter Minen.— Und ich behaupte sogar, baß der deutsche Arbeiter mehr Wert auf eine anständige Behandlung legt, als auf eine kleine Lohnaufbesserung- obivohl er letztere ort verdammt notwendig f)nt ,j eut^ e Metallarbeiter-Zeitung" Nr. 2/1034 Verbandsleiter A. Pionier. GM ftir 18000 Harn? Ein Tendenzprozeß gegen Kommunisten- Harfe Urteile ohne beweiskräftige Unterlagen Leipzig, 22. März. In dem Prozeß gegen die sechs Diissel- dorfer Kommunisten, durch deren Hände ein Gisipakei mit einer großen Menge Zyannatrium gewandert ist, wurde vor dem IV. Strafsenat des Reichsgerichts gegen 29 Uhr das Urteil verkündet. Der Hauptangeklagte, ber bisher nicht v o r b e st r a f t e Schleifer und Galvaniseur Au- gust Hillgraf, erhielt wegen Vorbereitung zum Hoch- verrat drei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Erh- vertust. Wegen des gleichen Verbrechens wurden der Schlosser Heinrich Weinsziehr und der Sattler Ernst Saal- Wächter zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der Kraftiahrer Hans Wi e n f e erhielt wegen Beihilfe zum Hochverrat ein Jahr drei M o n a t e G e s ä n g n i s. Tie Angeklagten Wilhelm Ludwig und Artur Schmidt wurden freigesprochen. Außerdem ivurde auf Einzie- hung des Giftes erkannt. In der Urteilsbegründung führte der Vorsitzende, Reichs- gerjchtsrat Driver, u. a. aus: Als vor einem Jahre die Nachricht durch die Presse gegangen sei, daß Kommunisten in Düsseldorf für Anschläge ans SA.-Männer Gift in solchen Mengen verwahrt hätten, daß es möglich gewesen sei, 18 999 Personen damit zu töten, habe die Meldung in der Oefient- lichkeit Grauen und Entsetzen bervorgeruien. Die Giftstoffe, und zwar 3,5 Kilogramm Zyannatrium und 0,15 Kilogramm Kupfervitriol seien neben anderen Chemikalien im Besitze Hillgrais gesunden worden. Wenn das Znannatrium richtig verteilt worden wäre, hätte damit namenloses Unglück an- gerichtet werden können. Von.Hillgraf sei nun bekundet worden, daß er das Giit nnd die anderen Chemikalien von seinem Freunde, dem Sobn seines Arbeitgebers in Köln, erhalten habe, weil beide sich mit der Absicht getragen hätten, damit eine Galvanisseranstalt«u gründen. Tatsächlich habe man von der Errichtung der Anstalt gesprochen. Irgendein Plan aber sei nicht gefaßt worden. Hillgra« habe das Gift zunächst in seiner Wohnung in Köln aufbewahrt und dann nach Düsseldorf gebracht, wo es von ihm in einen Schubkasten verpackt worden sei. Das Paket habe er dem Zeugen Huppertz gegeben. Das Urteil gegen Hillgras stützt sich nur ans blevon dem Angeklagten energisch bestrittene Behaup- tung, daß die ohne zwingende Gründe erfolgte Weitergabe des Paketes deshalb geschehen sei, um das Gift der KPD. zuzuführen. Der Senat hat aber nach eingehender Prüfung in die Glaubwürdigkeit des Belastungszeugen keinen Zweifel gesetzt, während die Angaben Hillarnfs, an dessen kommuni» stischer Einstellung sich nichts geändert habe, kein Glaube habe geschenkt werden können. Vom Vorsitzenden wurde nun init aller Genauigkeit der Weg verlolgt, den das Giitvaket dann genommen bat. Es sei zunächst an Saalwächter gelangt nnd darauf von Schmidt nnd Lndwia zu WeinSziebr gebracht worden. Dieser habe es in eine Grube versteckt und es später mit dem Hinweis, daß der Karton hochverräterische Schrieen enthalte, iiiUer Beihilfe Wienkes wieder heran?- geholt. Saalivächter WeinSziebr«>nd Wicnke hätten nickt gewußt, daß in dem Karton Giit verpackt gewesen sei. Sie seien aber der Ansicht gewesen, daß der ihnen unbekannte Inhalt der Förderung d e r Z t e le der KPD. habe dien-n sollen, zu denen lick Weinsziehr und Saalwächter ans- drück!ich bekannt hätten. Wienke sei damals offenbar nicht mehr Anbänaer&■•?.KaminstniSmns gewesen. Die Angesckiil- diäten Ludwig nnd Schmidt mußten freigesprochen werden, weil ihnen iraend welche Kenntnis über die hochverräterische Bestimmung des Paket? nicht nachgewiesen werden konnte. Der Vorsitzende bannte auch, daß ein fester Plan über ftje Verwendung&efi Kliffe? nicht vorstanden gewesen sei. Schon der Besitz non Giit issr politische Zwecke genüge aber, daß.auf die gesetzliche Höchststrafe erkannt werde. Spartas Kirdie segnet sich Staatsmittel ifir die Geistlichen DNB. Madrid, 23. März. DaS spanische Parlament hat mit großer Stimmenmehrheit beschlossen, der infolge der Tren- nnng von Kirche lind Staat wirtschaftlich schiver geschädigten niederen Geistlichkeit eine Unter st tt tz u n g von l ö, 5 Millionen Peseten auszusetzen. Diese Summe eut- spricht ungefähr zwei Dritteln des Gehalts, das die in Be- rracht kommenden Priester vor dem Sturz der Monarchie er- halten haben. Bedingung ist, daß die Unterstützungsempfänger am 14. April 193! in Dienst ivaren und daß ihr Jahres- einkommen 7009 Peseten nicht überschreitet. Die katholische Rechte hat dieser Regierungsvorlage zum Siege verholten, weil sie darin nicht nur den Ausdruck eines versöhnlichen Geistes erblickt und davon überzeugt ist, im Laufe der Zeit au! diesem Gebiet noch weitere Zugeständnisse zu erhalten, sondern auch weil sie entschlossen ist, die Regierung in ihrem Bestreben um Wiederherstellung der Ttaatsautoritat Vicht durch Verweigerung ihrer Stimmen im Parlament zn schivächeir..-.. Sieg in Argentinien Sozialistische Mehrheiten In Argentinien fanden Wahlen statt, bei denen die Hälfte des Bundesparlaments und des Stadtrats von Buenos Aires erneuert ivurden. Das Mandat von 79 Abgeordneten war. abgetauten. In Argentinien gibt es Listenwahl init Minderheitsoertretung. 55 Sitze cntiaUen auf die Mehrheit, 24 auf die Minderheit. Die alte Kammer zahlte 43 Sozial- demolraten, 56 Nationaldemokraten, die den Kern der jetzigen Regierung bilden, 17 Radikale, zu denen auch der heutige Staatspräsident General Justo gehört, und 16 Ber- treter kleinerer Gruppen, die die Regierung zumeist unter- stützen. In der Opposition gingen mit den Sozialdemokraten von den bürgerlichen Parteien die„Fortschrittlichen Demokraten". Tie Faschisten besaßen keine Vertretung im Paria- nient, ebenso wenig die Kommunisten, die in drei Richtungen gespalten sind u»'> lediglich im Stadtparlamenl von Buenos Aires über ein Mandat verfügen. Die Anarchisten halten sich tzekanntlich vom parlamentarischen Leben fern. Die Sozia- listen hatten im Stadtparlament 12 Mandate. Bei den Neu- wählen haben die Sozialisten nun in Buenos Aires wwolil in den Gemeinde- wie Parlamentswahlen die Mehrheit erlangt. Dynamit im Küchenherd Drei Kinder tot DNB. Paris, 23. März. Durch de» unglaublichen Leichtsinn eines Werkmeisters aus dem Oertchen Quinlilla de la Ljada bei BurgoS sind drei Kinder ums Leben ge- kommen. Der Werkmeister Hatte seine Kinder damit be- auftragt, einige feucht gewordene Tyliamitpatronen, die er für Ttraßtnarbeite» benötigte, zu trocknen. Die Kinder legten die Patronen in den Küchenherd, in dem einige Augen- blicke später die Mutter ahnungslos Feuer machte. Eine ge- wältige Erplosion war die Folge, bei der drei Kinder getötet und eines schwer verletzt wurden. Wie durch ein Wunder blieb die Mutter unverletzt. „Meuterer" Das Sondergericht beim Landgericht Nürnberg- Fürth verurteilte ll Personen aus Fürth, die zu Weih- nachten versucht hatten, dem wegen Meuterei aus der ?! S T A P. a n s g e s ch l o s s e n e n W i l h e l in Sieg- mann tdem Führer des im März 1933 aufgelösten Freikorps Frankens eine Treuekiindgebunq darzubringen, zn Gefängnisstrafen von vier Monaten bis zu einem Jahre. Wagen Korrespondenz ins Ausland verhaftet lJnpreß.s Tie Witwe des im Jahre 1919 ermordeten sozialistischen Führers Kurt Eisner, die in ber Schweiz nwhnt, stand in Briefwechsel mit einem Manne namens Joh. Burrn in S> Georgen. Die Geheime Staatspolizei hat nun Burry wegen des Briefwechsels verhaftet. ßaub- Bornsen- Sabotage Madrid, 22. März. In Santander überfielen zwei aus je vier Mann bestehende Banden zur gleichen Zeit zwei Banken, deren Angestellten sie mit der Waise bedrohten und ein- sperrten. Es fielen ihnen insgesamt über 150 009 Peseten in die Hände, mit denen sie unerkannt entkommen konnten. Aus dem Provinzmuseum in Bnrgos wurde von einem un- bekannten Täter ein arabisches Schmuckstück gestohlen, dessen Wert eine halbe Million. Peseten beträgt. Bei Bigo wurde eine Dorikirche von einem Anarchisten in Brand gesteckt.. In Valencia dauern die Sabotageakte an den elektrischen Hoch- spannungsleitnirgen-ot»,-: In*ber«ergangenen- Nacht sind allein 14 Bomben an LetinngmästeN zur Erplosion gebracht wordeNS" rf\s- Bas Weiteste Als zwei Bahnangeftellte einen Zug der Bern ine r Bahn, deren Gleise durch eine Schneelaw'ue verschüttet worden waren, zum halten veranlassten, wurden sie von nachstürzenden Schneemassen begraben nnd getötet. Am Donnerstag wurden in Moskau ein Lotomoti,Führer und ein Statiouschef zum Tode verurteilt, weil sie die Eisenbahnkataftrophe aus der Station Tawatui verschuldet haben sollen. Das englische Kabinett hat am Donnerstag di« französische Abrststnngsnote erörtert und— wie verlautet— beschlossen, Frankreich um Auskunst über die von diesem verlangte Sicherheit zu ersuchen. Das Erplosionönnglllck an Bord des Petroleum» tranSportkahno„La Girake" hat nach den letzten Mel- düngen zehn Tote und zehn Verletzte gefordert. In Neuyork kam es zu schweren Ausschreitungen der streikenden Antodroschkensührer, die arbeitswillige Kollegen bewußtlos schlugen. Ausländische Zeitungen verbreiten die sensationelle Nach- richt, daß der belgische Bankier L ö w e n st e i n seinerzeit von fremder Hand in den Aermelkanal gestürzt worden lein soll, und zwar vermittels einer Falltür, die sich unter dem Sitz im Flugzeug des Bankiers befunden haben soll. Die Regierung de Valerg hat beichlossen, im Landtag die Abschaffung des Senats zu beantragen, weil sich dieser gegen das Verbot zum Tragen von Blau» Hemden ausgesprochen hatte. Schatztanzler Neville Ehamberlai» kündigte am Donners» tag in einer Rede die Verstärkung der britischen Rsist u n g e n an, falls andere Nationen ihre Rüstungen, dem britischen Beispiel folgend, nicht vermindern konnten oder wollten. Wie gemeldet wird, haben die Bergarbeiter des Appalachi- sehen Weichkohleugebiets für Anfang April mit der Arbeitsniederlegung gedroht. Dadurch wird die Streitlage weiter verschärst. „Heil Hitler!" fJnpreß.» Ter Milchhändler Jose« Scherzinger in Karls- ruhe, von dem festgestellt worden sein soll, daß er«ortgesetzt Angehörige der Hitler-Jngend, die in seinem Geschäft verkehrten,„von der Leistung des deutschen Grußes abzubringen versuchte", wurde durch die Geheime Staatspolizei verhastet. Gestrauchelte Nazigrößen (JnprcsU Der Na-i-Geschäststührer Friedrich Sondermann wurde vom Schnellaerich« Stuttgart wegen Unterschlagung von Winterhiliögeldern in Höhe von 1400 Mark zn zwei Jahren Zuchthans verurteilt. * sJnpreßi Der Nazi Vorsitzende des Landesverbandes Badischer Schneidermeister. Arthur Hellmuth, wurde ver- haftet, weil er seinem Geschäft„widerrechtlich Aufträge zu- geführt hatte". Dcolsdic Sozialdemokraten 1934 Stimmnngen und Gedanken der Illegalen In dem„Arbeiterblatt", der sozialdemokratischen Tages- zeilnng in Luzern, finden wir nachstehenden Aufsatz. Er stammt von einem deutschen Sozialdemokraten. Seine Beobachtungen entsprechen weithin den Berichten, die uns erreichen. Noch vor Jahresfrist musterte die deutsche Sozial- demokratie ein Millionenheer von Mitgliedern, Ange- hörigen und Wählern. Den einst so stolzen Organisations- apparat hat der brutale Hitlerterror zerschlagen. Tie Millionen leben noch. Was ist aus ihnen in diesem Jahr geworden? Ein Teil von ihnen, und nicht die schlechtesten, wurde von SA.-Bestien ermordet. Tausende erleiden in den Gefängnissen und Konzentrationslagern fürchterliche Qualen, Zehn- und Hunderttausende wurden brutal aus Arbeit und Brot gejagt und in ihren wirtschaftlichen Existenzen aufs schwerste getroffen. Trotzdem: sie leben noch und viele von ihnen arbeiten und kämpfen im Stillen weiter. Das Erfreuliche vorweg: Sie haben im großen und ganzen standgehalten, lieber- läufergibtesnurinverschwindenderZahl. Gewiß, die Millionenorganisation zählte in ihren Reihen auch Elemente, die sich nicht als charakterfest erwiesen und bald nach dem Umsturz Anschluß auf der anderen Seite suchten. Das aber sind, wie gesagt. Ausnahmen, und die SPD. schneidet darin wesentlich besser ab als die KPD., bei der leider das Ueberläufertum als Massenerscheinung festzustellen ist. Die Skrupellosigkeit ihrer Agitation, in der sich Bolschewismus und Nationalsozialismus gerade in den letzten Iahren zu einem krausen Gemenge verbanden, hat dazu geführt, daß in die KP. sehr viel Treibholz, ja ausgesprochenes Lumpenproletariat einströmte, das nur allzu schnell nach dem Umsturz ins braune Hemd schlüpfte und sich einer niedrigen Iudasrolle hingab. Das ganze Durcheinander des kommunistischen Apparates, der Zickzackkurs und die damit verbundene starke Fluktuation unter der gesamten Mitgliedschaft der KPD. hinderte das Aufkommen fester Parteitraditionen, die sich dem hindernd in den Weg stellen konnten. * Blieb also die SPD. im wesentlichen vom Ueberläckfer- tum verschont, so ist leider, wie offen eingestanden werden muß, ein Teil ihrer früheren Anhänger der p o l i t i s ch e n Indifferenz verfallen. Es hat keinen Sinn, sich darüber Illusionen zu machen, wenn auch gern zugegeben sei, daß bei vielen diese Indifferenz nur eine Form der Tarnung ist und noch nicht Dauererscheinung. Immerhin ein großer Teil der Arbeiter und Reichsbannerjugend ist diesen Weg nicht gegangen, sondern versucht sich auch heute noch im aktiven politischen Kampf, in einem Kampf— und das ist bezeichnend—. der sich seine geistigen Waffen im Wesentlichen in Deutschland selbst schmiedet und von der sozialdemokratischen Emigration wenig beeinflußt ist. Tie alte Führung hat eine schwere Bertrauenseinbuße erlitten, und ihre Veröffentlichungen werden von vielen Anhängern so gut wie nicht beachtet. Noch weniger Einfluß haben jene intellektuellen Zirkel der Emigration wie die„Miles- Gruppe", der Pariser Menschewikenzirkel und andere, einfach deshalb, weil sie es nicht verstehen, die Sprache des Arbeiters zu reden, und sich zum Teil nicht nur in unfrucht- boren, sondern was hier teilweise noch schlimmer ist, in blutleeren Konstruktionen erschöpfen. Dagegen wächst in Deutschland allmählich eine illegale SP.- Presse heran; die meist von den Arbeitern selbst geschrieben wird, und die als ein erfreuliches Zeichen des Widerstands- willens betrachtet werden muß. wenn ihr auch naturgemäß noch einige Mängel anhaften. Als ihr schwerster tritt in Erscheinung, daß sie noch sehr an Ueberfläche hängen bleibt, vielfach in ein wortreiches Kraftmeiertum verfällt, den Faschismus beschimpft, anstatt ihn wirksam zu ent- laroen. Hier wirkt sich die politisch ungenügende Schulung der jüngeren Generation hemmend aus, die, durch den Reichsbannerdienst voll in Anspruch genommen, keine Muße zur politischen Bildungsarbeit fand. Leider sind unter den Jungen, wie immer nach einer Niederlage, ge- wisse anarchistische Strömungen zu verzeichnen. Die Zusammenarbeit mit den andern. Gruppen und Parteien des Proletariats war in den Sommermonaten zum Teil recht eng. Die Durchsetzung der KP.-Kreise mit Spitzeln und die daraus sich ergebenden Gefahren haben allerdings abschreckend ge- wirkt. Vor allem gewisse Kreise der Reichsbanner- und Gewerkschaftsjugend haben sich aber um die Erweiterung der Kampffront über die Parteigrenzen hinaus Verdienste erworben. In der Arbeiterschaft selbst wurzelt die E i n- heitsfroniparole fest und tief. Alle wollen die Einheit, leider machen sich viele über die Einheit insofern Illusionen, als sie glauben, daß mit der Herstellung der Einheitsfront der Kampf schon gewonnen sei, während nur wenige erkennen, daß die Einheit des Proletariats die Voraussetzung des erfolgreichen Kampfes, aber noch nicht der Sieg selbst ist. Mit besonderer Aufmerksamkeit ver- folgen die sozialdemokratischen Parteikaders die Vor- gänge in der deutschen Wirtschast. Sie erleben und sehen die fortschreitende wirtschaftliche Verelendung Deutschlands und die völlige Unfähigkeit des Hitlerschen Regimes im Kampf gegen die Wirtschaftskrise. An die Potemkinschen Dörfer des Herrn Göbbels und seine Lügen- statistiken haben sie nie geglaubt, wie es überhaupt als ein Aktivum zu buchen ist, daß gerade die alte SPD.- Arbeiterschaft die absolute Verlogenheit der National- sozialisten besonders schnell und wirksam erkannt hat. Sie sehen auch die vollkommene Desorganisation der Verwaltung, das dauernde Durch- und Gegen- einanderregieren der drei im Beamtenkörper vertretenen großen Gruppen: alte deutschnationale Beamte, SA.-Be- amte, SS.-Beamte. Sie erleben diese Rivalitäten und spüren, wie die ganze Staatsmaschinerie aller befohlenen Zentralisierung und Straffung zum Trotz von Monat zu Monat manövrierunfähiger wird. Daraus und aus der Zuspitzung der wirtschaftlichen Gegensätze, die sich in steigender Enttäuschung und Unzufriedenheit der breitesten Masse äußert ohne Rücksicht auf ihre frühere oder jetzige Parteizugehörigkeit, schöpfen sie den Glauben und die Kraft, die sie für ihren Kampf brauchen. Einen alten Genossen habe ich gefragt, wie die inter- nationale Arbeiterschaft nach seiner Meinung den Kampf des deutschen Proletariats am besten unterstützen kann? Er hat mir klar geantwortet:„Was wir brauchen, sind gute und zuverlässige Informationen über alle politischen und wirtschaftlichen Vorgänge, die wir aus der gleichge- schalteten Presse nicht erfahren. Jeder von uns sieht das Versagen des neuen Systems in seinem eigenen Wirkungs- kreis, was in anderen Städten vorgeht, weiß er nicht. Wir müssen es aber wissen. Wir haben heute keine zen- trale, zielsichere Führung mehr, und dashalb tut uns allen selbständiges Denken mehr not als je. Und dann vergeht nicht euren Kampf zur wirtschaftlichen Unterhöhlung des Hitler-Systems. SteigertdenBoykottdeutscher Waren!" SPD.-Vorstand- Sitz Paris? Ein angebliches Schreiben an Leon Blum DNB. Poris, 23. März. Wie die Blätter berichten, hat Ministerpräsident Doumergue in dem am Donnerstag ab- gehaltenen Kabinettsrat ein Schreiben des Sozialistensührers Leon Blum verlesen, der den Wunsch des in Prag etablierten Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zum Ausdruck bringt, sich in Frankreich nieder- zulassen. Der Vorstand beklagt sich darüber, seit den Vor- Hängen in Oesterreich Schwierigkeiten in seinen Verbin- düngen und Jnsormationsmöglichkeiten zu haben, und bittet Leon Blum, bei der französischen Regierung wegen einer etwaigen Uebersiedlung nach Paris vorstellig zu werden. Der Kabinettsrat hat keinen Beschlust darüber gefastt und will seine Antwort, wie das„Journal" erklärt, von einer ein- gebenden Prüfung dartttber abhängig machen, wie der Bor- stand der SPD. sich in Frankreich zu betätigen gedenkt. Nach dem„Echo de Paris" stehen die meisten Regierungsmitglieder dem Antrag ablehnend gegenüber. vorigen Jahres wurde in Lauterbach an der Saar ein Anti- faschist von motorradfahrenden Nazis versolgt. Mit anderen Gesinnungsfreunden durchsuchten sie den Mann, fanden einen Revolver bei ihm,„verhafteten" ihn und führten ihn zum Landjäger. Dieser fand an dieser Nazi-Polizei weiter nichts Ungewöhnliches und nahm den Antifaschisten fest. Vor Gericht wurde er wegen Wasfendelikts zu 1 Monat 3 Tagen Gefängnis verurteilt, während man vor der Saarbrücken: Strafkammer die Nazis von der Anklage der Nötigung f r e i svrach. Wörtlich hiest es in der Urteilsbegründung, dast diese Angeklagten den Mann„auf frischer Tat bei Begehung eines Wasfendelikts" ertappt hätten und deshalb straffrei seien. Dieses Urteil wurde vom Staatsanwalt und von dem Ver- urteilten angefochten. Beide hatten vor dem Obersten Gerichtshof Erfolg. Die Strafe für den Antifaschisten wurde auf 500 Fr. ermäßigt, während die beiden National- sozialisten von der international zusammengesetzten Kammer wegen Nötigung und Amtsanmaßung zu Geldstrafen von 500 und 300 Fr. verurteilt wurden. Was wird mit dem Landjäger geschehen, der die jetzt gerichtsnotorische Amtsanmaßung als ganz selb st ver- stän blich empfand? ..So verden Sie..." Wie Fahnenbegeisterung inszeniert wird Alle Augenblicke„prangt" das Saargebiet im Fahneü- schmuck. Wie es gemacht wird, zeigt ein von der„Volks- stimme" veröffentlichtes Rundschreiben folgenden Wortlauts: „Sehr geehrter Volksgenosse! Am 30. Januar d. I., dem Jahrestag der Machtüber- nähme durch unseren Kanzler Adolf Hitler, ist allgemein bemerl worden, daß Sie nicht das siegreiche Hakenkreuz- banner gehißt haben. Ich glaube nicht, daß Sie sich in be- wußten Gegensatz zu dem Großteil unserer Bevölkerung setzen wollen, oder daß Sie sich von der Verbundenheit des gesamten Volkes, die sich durch das Flaggen zeigt, aus- schließen wollen. Wahrscheinlich liegt es daran, daß Sie keine Hakenkreuzfahne besitzen. Die Fahnen sind heute aber so billig und m allen einschlägigen Geschähen zu haben, daß ich annehme, Tie werden in Zukunft ebenfalls bc- weisen, und zwar durch Zeigen der Hakenkreuzfahue. daß Adolf Hitler auch Ihr Führer ist. Ich bitte Sic nun, Ihren Entschluß, sich eine Hakenkreuz- sahne anzuschaffen, baldmöglichst auszuführen, weil sonst die Gefahr besteht, baß es wieder vergessen wird. Bei der nächsten Gelegenheit, am..., hoffe ich, auch bei Ihnen eine Fahne zu sehen. Heil Hitler! jUnterschrifts, Ortsgruppenleiter." Kein Zweifel, dast der„geehrte Volksgenosse" nach dieser liebenswürdigen Aufforderung seinen„Entschluß, sich eine Hakenkreuzfahne anzuschaffen", zur Ausführung bringt. Genügt aber diese schriftliche Aufforderung zur Be- teiligung an der„Verbundenheit des Volkes" immer noch nicht, dann erscheinen eines Tages ein paar junge Leute. Ein Blick auf ihre stramm ausgerichteten Stiefel genügt, um die letzten Zweifel am Ernst der Situation auszuräumen. Sie bieten sich mit freundlichem Lächeln an, die Fahnen, selbst- verständlich gratis und franko, auszustecken und so die „wahre Volksgemeinschaft" zu verwirklichen. * Juristenausschuß tagt Dre Juriftenausschust, der bekanntlich seit Montag zur Klärung gewisser mit der Saarabstimmung zusammen- hängender Vorfragen in Gens tagt, hat auch am Mittwoch wider Sitzungen abgehalten. Nach wie vor wird strengstes Stillschweigen über die Beschlüsse dieser Beratungen gewahrt. Das Gerücht, daß die Juristen sich auch mit der Zulässigkeit einer etwaigen Verschiebung der Soarabftimmnng befaßt hätten, ist sofort dementiert worden. Es verlautet nur, dast die Frage, was unter Distrikt oder Gemeinde im Sinne der Verträge zu verstehen sei, zur Verhandlung gestanden habe. cm politischer lag an der Saar Meiner Ausschnitt, der-die Lage belenditet Die Atmosphäre im Saorgebiet ist von täglich dicker wer- dender politischer Stickluft erfüllt. Jeder Tag bringt neue Terrorsälle. neue Beweise von der Aktivität der„deutschen Front" gegen olle diejenigen, die ihr nicht zu Willen sind, Fälle von wirtschaftlichem Druck und brutaler Gewalt. Die Regierungskommission, die der saarländischen Justiz nicht sicher ist und sich immer noch vor der Einsetzung von Sonder- geeichten scheut, bleibt passiv. Weder ist sie eingeschritten bei der großen Probeabstimmung, noch bei der Einrichtung des sogenannten„Ordnungsdienstes" der„deutschen Front" So wenig sicher sie der Richter ist, so wenig kann sie sich auf ihre Exekutive verlassen. Ein erschütterndes Versagen der Polizei, vor allem aus dem Lande! Immer wieder fragt man sich, wie bei diesen Zuständen eine freie und unbeeinflußte Ab- ftimmung, wie sie das Saarstatut fordert, durchgeführt wer- den kann. Wir greifen aus der Fülle des Materials heute d- Exempel eines einzigen Tages heraus. „Ihr geht keinen Schritt weiter." In B e e d e n bei Homburg wurde, wie immer, die„Saar- ländische Gewerkschaftszeitung" ausgetragen— eine Zeitung, die nur freien Gewerkschaftlern geliefert wird. Die damit bekräftigten Arbeiter wurden von einem Trupp des Ord- nungsdienstes versolgt. dessen Führer sie im Tone eines Polizisten aufforderte. ihm auf die Polizeiwache zu folgen. Er forderte weiter die Herausgabe der Zeitung, wobei den Arbeitern ein Eremplar gewaltsam entrissen wurde. Einer der verkappten SA.-Leute drohte:„Ihr geht keinen Schritt weiter oder wir kommen mit." Das setzten die Hilfspolizisten in die Tat um. so daß die Austrager gezwungen waren, nach Hause zu gehen. Als sie sich am nächsten Tag zur P o l i z e i zwecks Erstattung einer Anzeige begaben, machten Polizeikommniar und Landfager die größten Schwieri leiten:„Ja. wollen sie denn wirklich eine Anzeige erstatten?" Der Polizeikommissar erklärte, dast er sich die Sache„nur skizzieren" wolle, obwohl er auf Grund der Notverordnung die Verpflichtung hat, die Sache sofort dem Schnellrichter weiterzulciten. Der Ordnungsdienst hatte schwarze Hosen, lange Stiesel, schwarze Mützen an, war also nahezu vollkommen uniformiert! „Warte nur, 1985.. Vor der Saarbrücker Strafkammer hatte sich ein ISjähriger junger Mensch namens Gustav Jung zu verantworten. Er hatte einem Landjäger, der ihn mit seinem Fahrrad vom Bürgersteig herunterrief, zugerufen:„D i e Zeit kommt noch, warte nur, 193 5!" Für diese Drohung erhielt er ganze 50 Franken Geldstrafe. Das Gericht hielt eine Veamtennötigung nicht für ermiesen. Er wollte mit seinen Worten nur seinem Aerger Luft machen und habe sich nur im jugendlichen Leichtsinn hinreißen lassen.... Der Land- gerichtsdirektor gab ihm diese väterliche Mahnung mit auf den Weg:„Das nächste Mal schweigen Sie oder schlagen Sie sich auf den Mund." Der Bilderstürmer von Sulzdach Aus dem Rathaussaale in Sulzbach ist ein Bildnis Friedrich Eberls entfernt und zerstört worden. Jetzt hat der nationalsozialistische Gemeindevertreter K o l b die Tat eingestanden. Die Führer der„deutschen Front" haben versucht, die Sache so lange wie möglich zu verdecken, bis es nicht mehr ging. Dieser Kolb hat eine interessante Familien- geschickte. Er ist bei der französischen Grubenvcrwaltung beschäftigt gewesen und wurde dann entlassen. Da sein Vater Elsässer ist. ist er gemäß dem Versailler Vertrag Franzose. In einem Prozeß wurde diesem Kolb vor kurzem zeugen- eidlich nachgewiesen, daß er sich gesprächsweise auf seine französische Staatsbürgerschaft berufen hatte! Hitltrs Polizei maßt sich Aemter an Der Oberste Gerichtshof des Saargebictes in Saarlouis hat ein bemerkenswertes Urteil gefällt. Am 1. Oktober Die Zuspitzung Der in Straßburg erscheinende katholisch- klerikale„Elsässer", wegen leiner öfters auf- tretenden Hitlcr-Freundlichkeit manchmal von der gleichgeschalteten Presse zitiert, schreibt: ... Die Dinge haben sich im Saargebiet nämlich erheblich zugespitzt und die„deutsche Front" ist im Begriffe, das Plebiszit„vorwegzunehmen". Sie organisiert unter Drohungen, Einschüchterungen, vermessenen Worten ihrer Werber eine Art Privat- abstimmung, die der Welt einen fait accompli vor- täuschen soll und die dazu bestimmt wird, Eindruck auf die politische Welt zu machen... Wer hat hier die moralische Berechtigung des Protestes? Nur die Bevölkerung allein, die auf der Durchführung eines freien, geheimen und unbeeinflußten Plebiszits besteht, trotz aller anderslautenden Behauptungen der Regierung des „dritten Reiches" und trotz aller moralischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Druckmaßnahmen. Es darf die Erwartung ausgesprochen werden, daß der Juristenausschuß, der in Genf am gestrigen 19. März zusammentrat. sich etwas näher mit diesen Dingen befaßt und daß der dem Hauptausschuß die Idee suggeriert, nach dem Saargebiet mit der Zustimmung des Bölkerbundsrats eine Untersuchungskommission zu beordern.... Lorglers ramme hungert Der Besuch bei dem kranken Vater Das dänische Blatt„Berlingske Tidende" meldete neulich aus Berlin, die Frau des in Leipzig freigesprochenen, seither aber immer noch gefangenen Kommunistenführers Nörgler müsse hungern. Es sei ihr nicht gestattet, das Geld, das ihr Freunde aus dem Auslände schickten, in Empfang zu nehmen. Längst habe sie die Familienmöbel verpfändet und die Wohnung weiter vermietet, während es ihr selbst unmöglich sei. eine Wohnung zu finden: der Name Torgler siösse den Ver- mietern Angst ein, mit der Geheimpolizei in Berührung zu kommen. So wohne denn Frau Torgler bei ihrem alten Schwiegervater, einem pensionierten Gaswerksbeamten. der auf seine Pension in der Höhe von 80 Mark angewiesen sei. Mit diesem Geld müsse die ganze Familie, inklusive Frau Torgler, ihr Auskommen finden. Der alte Torgler ist krebs- krank und in einem solchen Zustand, daß mit seinem baldigen Ableben zu rechnen ist. Deshalb wurde dem im Leipziger Prozeß freigesprochenen Häftling gestattet, seinen kranken Vater in seiner Wohnung zu besuchen. Dieser Besuch kam un- erwartet und Frau Torgler war nicht einmal zu Hause, als ihr Mann erschien. Der Aufenthalt Torglers im Vaterhaus dauerte knapp eine Stunde, dann mußte der Sohn wieder ins Gefängnis zurückgehen. Seine Tochter hat bei einer Advo- katenfamilie in Prag ein Unterkommen gesunden und sein Sohn hält sich in Paris auf. „Deutsche Freiheit". Nr. 70 ARBEIT UMD WlBTS Prozent gekürzt. Aber eine solche Kürzung hat nur geringe Wirkung, während auf der anderen Seite bestimmte hinfuhren sich vermehrt haben— aber nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern zu Rüstungszwedten! Die Einfuhr von Eisenerz ist um ein Drittel, die von Eisen um das Zweieinhalbfache, die von Nickel und Nickelerz um das Doppelte, von Kupfer um ein Drittel, von Zellulose tun das Doppelte gesteigert worden. Und während die Einfuhren bar bezahlt werden müssen, muß im Export lange kreditiert werden. Zu alledem kommt nun etwas dazu, das nun freilich die nationalsozialistische Weltanschauung tödlich verletzt. Was nützen Eisen und Nickel und Zellulose, wenn das Gold fehlt. Das Gold ist der wichtigste Rohstoff für den künftigen Krieg, in dem nicht mit Kredit und gedruckten Noten gezahlt werden wird, sondern mit barem Gold. Das ist die wahre Goldsorge trotz oder gerade wegen der nationalsozialistischen Weltanschauung, das sind die wahren Schwierigkeiten des Schacht, der seinen Herren Gold schaffen soll und nicht weiß, woher es nehmen hei solcher Wirtschaftspolitik, und der deshalb übellaunig wird und Sprüche macht über die„Weltanschauungs-Interpreten". Aber die Klagen kommen zu spät und dem Schacht ist zu sagen: Du hast es selbst gewollt. Lump! Dr. Richard Kern. Rußlands Auslandsgeschäfte 130 Millionen Kronen in Schureden und Norwegen Nachdem das Kreditabkommen über Kr. 100 Mill. zwischen der schwedischen und der russischen Regierung unterzeichnet wurde, ist es dem schwedischen Reichstage vorgelegt worden. Die russischen Bestellungen beziehen sich auf Maschinen für den Bergbau, die chemische, elektrische, die Textil-, Papier- und Zellstoffindustrie, ferner auf Eisenbahn- und elektrisches Material, Motore(auch für Schiffe), Stahl, Kugellager, Schiffe und landwirtschaftliche Erzeugnisse. Bis 31. Juli 1934 sollen Waren für rund 30 Mill. Kr. bestellt sein, bis zum 31. Oktober 1934 bis ungefähr 60 Mill. Kronen, bis 31 Januar 1935 bis 80 Mill. Kronen und bis 30. April 1935 der Rest. Die BesteilungsVerpflichtung ist abhängig davon, ob die schwedischen Verkäufer normale Preise anbieten können. Bezüglich der Ausfuhr verbotener Waren ist ein Vorbehalt gemacht. Für 15 Mill. Kr. landwirtschaftliche Erzeugnisse sollen vor dem 1. August 1934 bestellt sein. Die russischen Obligationen werden bei der schwedischen Reichsschulden Verwaltung hinterlegt und sind zu 100 000 Kronen gestückelt. Die Verzinsung(fünfeinhalb Prozent) läuft auf die ausgezahlten Beträge von einem mittleren Auszahlungtag. Die Zahlungen erfolgen nach Absendung der Ware und im Einverständnis mit der russischen Handelsvertretung in Stockholm. Die schwedischen Lieferanten erhalten auf diese Weise die Garantie ihrer Regierung für die vollen Beträge. Alle Waren sollen bis zum 1 September 1936 geliefert sein. Die Fristen des Abkommens sollen ab 1. Mai 1934 gerechnet werden. Die schwedische Regierung betrachtet die Hereinnahme der russischen Aufträge als einen Teil ihres großzügigen Arbeits- beschaffungsprogramms und dürfte sich zur Durchhringung des russischen Kredits im Reichstag die Hilfe des Bauernbundes gesichert haben, der bereits im Vorjahre die hierzu nötigen Budgetforderungen bewilligte. Die russische Regierung hat ähnliche Verhandlungen mit Norwegen geführt. Die norwegische Regierung wird einen Antrag auf teilweise Staatsgarantie von 30 Mill. norweg. Kr. bei Kreditverkäufen norwegischer Erzeugnisse ans Ausland im Storting einbringen Der größte Teil dieses Betrages ist der Lieferung von Heringen, Fischen und anderen Waren nach Rußland vorbehalten. Die Schweiz (Ostexpceß.) Der Sdiweizer Nationalrat bat ein Gesetz über die Einführung einer staatlichen Kreditgarantie für Rußlandlieferungen angenommen. Die Garantiequote beträgt 70 Prozent. Die Kreditgarantie darf vom Bundesrat spätestens bis zum 31 Dezember 1938 eingeräumt werden. In Schweizer Wirtschaft'kreisen beabsichtigt man zum Zwecke der Exportförderung das Geschäft mit Rußland stärker als bisher au-zuhauen. Gedacht wird in erster Linie a:i die Lieferungen von elektrotechnischen Ausrüstungen und von Erzeugnissen der Priizisionsmechanik nach der Sowjetunion. Die Sdiweizer Regierung strebt den Abschluß eines Clearing- Abkommens mit Rußland an, um Gefahren für die Handelsbilanz vorzubeugen. Wie verlautet, wird im Zusammenhang mit der Aktivierung des schweizerisch-russischen Handels auch die Frage der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Rußland erwogen. Italien und Frankreich Das„DNB." meldet auch M o s k a rt: Die Russen verhandeln mit der italienischen Regierung über Neubestellungen für 600 Mill. Lire, verlangen jedoch günstigere Einfuhrmöglichkeiten nach Italien.— Desgleichen stehe die russische Handelsvertretung in Paris in Verhandlungen mit französischen Interessenten über neue Bestellungen für die Werk» zeuc- und:V/asefiinpn6ni/-Industrie, ferner über die Errichtung von Seiden- und Kunstseidenfabriken. Außerdem wird aus Polen gemeldet, daß das Röhrenwerk der Bismarckhütle einen Sowjetauftrag von 7000 t Bohrröhren hereinnahm; er ist wohl eine der Folgen früherer Rahmenvereinbarungen zwischen Polen und Rußland. Die Kohlenförderung Preissenkung Die deutsche Steinkohlenfürderung sank imFcbruar auf 9,64(Januar: 10,43, Februar 1933: 8,65) Mill. To. Die arbeitstägliche Ziffer stellte sich damit auf 402 900 (405 243 bzw. 361 407) To. An der Abnahme sind ziemlich gleichmäßig alle fünf Reviere beteiligt. Die Kokserzcu- g u n g sank ebenfalls auf 1,75(1,91 bzw. 1.57) Mill. To., die Brikettherstellung auf 355 391(440 702 bzw. 294 041) To. Bei 2,35(2,40) Feierschichten je Mann der Belegschaft erhöhte sich die Zahl der im Ruhrbergbau angelegten Arbeiter auf 219 370(218 247 bzw. 207 531). Die Bestände der Ruhrzechen nahmen diesmal zu auf 10,02 gegen 9,93 Mill. To. Ende Januar. Hierzu kommen noch die Svndikatsläger mit 930 000 To. Im Braunkohlenbergbau sank die Förderung weiter auf 10,64(11,81 bzw. 9,56) Mill. To., die arbeitt- tägliche Ziffer auf 443209(454321 bzw. 398216) To. Die Brikettherstellung ging entsprechend auf 2,48 (2,79 bzw. 2,27) Mill. To. zurück, d. b. a r b e i t s t ä g 1 i c h auf 103 524(107 189 bzw. 94 507) To. Der Rückgang ist vor allem bedingt durch das Absinken des Hausbrandabsatzes, während der Absatz an Industriebriketts sich gehalten hat. Das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat hat mit Wir- kuiig ab 1. April eine Senkung seiner Reichskohlen- Verbandspreise um durchschnittlich 0,25 Reichsmark je Tonne vorgenommen. niffelstäiidlsdier Katzenjammer „Sagt Bons!" In den Schaufenstern vieler Berliner Geschäfte findet man die beiden mysteriösen Worte: Sagt Bons!? Es handelt sich um eine Maßnahme, die die Kassen der NSDAP, auf Kosten der Geschäftsleute füllen sollen. Die Pgs. sind angewiesen, in allen Geschäften, die diese beiden Worte im Schaufenster haben, Bous Uber die Höhe ihrer Einkäufe zu verlangen. Diese Bons werden von den Pgs. der Partei abgeliefert. Diese wiederum zieht von den Geschäftsleuten ein Prozent als besondere Umsatzsteuer für die Partei ein. Die Begeisterung des Kleinhandels für diese Steuer ist verständlich. Die Kleinhändler haben noch ganz andere Sorgen. So klagen die Lebensmittelhändler über die Neureglung der Margarinepreise. Die billigste Margarine, das ist die, die an die Arbeitslosen abgegeben wird, wirft pro Zentner nur 6 RM. Verdienst ab. Früher haben die Lehensmittelhändler an der billigsten Margarine pro Zentner 15 bis 18 RM. verdient. Damals war diese Margarine noch um 30 RM. pro Zentner billiger als heute. Der Arbeitslose bezahlt also heute pro Pfund 0,30 RM. mehr als früher, und der Verdienst des Kleinhändlers ist gleichzeitig um 150 bis 200 Prozent gesunken. Eine weitere Folge der höheren Preislage für den Kleinhändler ist es, daß auch die Umsatzsteuer entsprechend höher ist als früher. Die Kleinhändler erkennen allmählich, wie die Segnungen des„dritten Reiches" aussehen, dem sie zugejubelt haben! Wirtschafts-Gesundbeter Das vor kurzem gegründete Berliner Einzelhandelsamt veranstaltete gemeinsam mit der Industrie' und Handelskammer zu Berlin eine Massenversammlung des Berliner Einzelhandels. Das geschäftsführende Präsidialmitglied des Deutschen Industrie- und Handelstages Dr. Hilland forderte die Versammlung auf, auch dann neue Arbeitskräfte einzustellen, wenn die Bezahlung auf den ersten Blick auch schwierig erscheine. Vor allen Dingen müsse der Einzelhandel mit seinen Aufträgen an die Lieferanten großzügiger sein, denn gerade Wagemut zeichne den„königlichen Kaufmann" aus. Schutz den Unternehmern (Inpreß.) Der bayerische Wirtschaftsminister Esser et klärte in einer Rede:„Schutzhaftmaßnahmen gegen Arbeitgeber, die ein unsoziales Verhalten zeigen, werden in Zukunft nur noch im Einvernehmen mit mir durchgeführt." Diese Maßnahme bestätigt, daß Görings kürzlicher Erlaß, wonach alle Verhaftungen ihm gemeldet werden müssen, den Zweck hatte, die in den letzten Wochen vielfach vorgekommenen Verhaftungen„unsozialer Arbeitgeber" zu inhibieren. Vier Millionen Kisten Orangen Bis zun) 4. März sind aus Palästina im Laufe der November 1933 begonnenen diesjährigen Citrusexport-Saison vier Millionen Kisten Orangen ausgeführt worden. (Deutsche Stimmen•(Beilage zur..(Deutschen Freiheit"• Ereignisse und Geschichten f -'''• DWJII Samstag, den 24, Mftri 1934 Sechs üäccheu sehen uns an „Utas hilft ein schönet nacdischec JCöcpec, wenn... Seltsame Dinge erblickt man jetzt, wenn man einen Blick in die gleichgeschaltete Gewerkschaftspresse wirft. Früher fand man da Diagramme und Tabellen, an denen die Arbeiter die Wirtschaftslehre, die sozialen Zustände usw. studieren konnten. Jetzt treten an ihre Stelle Galerien mehr oder weniger schöner männlicher und weiblicher Porträts, deren Bestimmung es ist, den Proleten mit den Mysterien der Güutherschen Rassenlehre bekannt zu machen. In Nr. 8 der„Deutschen Metallarbeiter-Zeitung" sind sechs Pärchen— je ein Männlein und ein Weiblein— abgebildet, die angeblich die sechs in Deutschland vorkommenden europäischen Rassen repräsentieren. Natürlich ist dafür gesorgt, daß die nordische Rasse vor ihren fünf Mitbewerbern— fast hätten wir geschrieben: um Nasenlänge— siegreich durchs Ziel geht. Damit gar kein Unglück passieren könnte, hat man als weiblichen Prototyp dieser Rasse— den Kopf einer berühmten klassischen Statue abgebildet. Der arme männliche Partner, in Tennishemd und Kragen fotografiert, kann trotz strahlender Blauäugigkeit mit dieser marmornen Symmetrie nicht mitkommen, leider schaut er bei aller Schönheit— wie der Berliner sagt— etwas„blond und doof" drein. An dem männlichen Vertreter der westischen Rasse kann dafür jeder Beschauer die tiefe Degeneration der Franzosen ablesen, seine glutäugige Partnerin ist reichlich dirnenhaft zurechtgemacht. Trotzdem, fürchten wir, werden die rassisch noch nicht genügend gefestigten Ueser der„Metallarbeiter- Zeitung" dies dämonische Weib am Ende der kühlen, allzu kühlen nordischen Venus vorziehen. Bei der ostischen(alpinen) Rasse besteht dagegen keine Gefahr. Denn diese scheint, nach ihren abgebildeten Vertretern zu urteilen, aus Dorftrolteln und Kretins zu bestehen, mit der dinarischen steht es kaum besser. Die ostbaltische Rasse verhält sich laut Abbildung zur nordischen etwa wie der Unteroffizier zum Leutnant und das Stubenmädchen zur Gnädigen. Die fälische Rasse dagegen wird „Jhc(Ketden, nicht durch Mann und Frau, sondern durch zwei breitge- sichtigte Männer von scheinheiligem, verschmitztem Aussehen charakterisiert, wahrscheinlich ist das die Rasse, aus der Rühm und Heines stammen.... Aber bei allem Interesse, das diese Schönheitskonknrrenz erweckt, kommt den jetzigen Verwüstern der„Metallarbeiter- Zeitung", doch offensichtlich ein Bedenken: werden nicht die Arbeiter auf Grund dieser Bilder Vergleiche an sich und ihrer Umgebung anstellen, werden sie dann nicht am Ende feststellen müssen, daß sie selber keineswegs dem Leutnant im Tennisdreß, ihre Frauen auch nicht zu einem Zehntel Prozent der Venus von Milo gleichen? Und werden sie sich dann nicht am Ende darüber klar werden, daß die ganze Rasselehre nur dem einen Zweck dient, das Proletariat mit dem Makel angeborener Minderwertigkeit zu beflecken und seine Unterdrückung durch rassisch angeblich höhere Wesen als berechtigt hinzustellen?! Dies besorgend, fügt die„Deutsche Metallarbeiter-Zeitung" ihrer Schönheitsgalerie noch einen Kommentar bei, und da liest dann der erstaunte Zeitgenosse: „Durch die gegenseitige Zerkreuzung der europäischen Rassengruppen sind reinrassige Menschen äußerst selten. Es sei hier hervorgehoben, daß Körpermerkmale nicht dat entscheidende sind, Leistungen und Charakter sind wichtiger als Form und Aussehen. Ein übertriebener Formalismus muß schon deswegen abgelehnt werden, weil es ja bekannt ist, daß die meisten Merkmale sich frei vererben. Was hilft ein schöner nordischer Körper, in dem ein schlechter Charakter, in dem eine unterdurchschnittliche Leistungsfähigkeit liegt." Ja— und so fragen wir— was hilft denn die ganze Rassenlehre, was hilft die Verhimmelung eines Körpertyps, von dem wir eines mit Bestimmtheit wissen, nämlich daß er der Typ fast aller unserer Großen wie Goethe, Beethoven, Wagner, Menzel usw. nicht gewesen ist?! geschmeidig wie Jbei" Vielen ins Stammbuch Die nationalsozialistische Zeitschrift„Die Fanfare" veröffentlichte jüngst ein Gedicht von Heinrich Anacker..Konjunktur", das allen Ucberläufcrn vom Schlage der Max Bar- thel, F. 0. H. Schulz usw. ins Stammbuch geschrieben gehört. Das hebt so an: Nun werden sie alle kommen, Die keiner bis heute gesehn, Und mit Unschuldsauge», mit frommen, Verstohlen nach Pöstchen späh'n... Nun werden sie feierlich sagen: Wir harrten in schweigender Treu! Wir waren seit ältesten Tagen Im Herzen schon immer dabei!" Und der Schluß lautet: Und Leben entsprang aus dem Sterben, Und Blüten aus blutiger Spur— Doch ihr sollt die Früchte nicht erben, Ihr Sehweine der Konjunktur! Fürwahr, ihr bringt uns zum Lachen. Ihr„Helden", geschmeidig wie Brei: Wo ihr glaubt, ein Geschäftehen zu machen Da seid ihr„im Herzen" dabei! Qutec^Besuch~ xaeniq Jxdent Unter der Uebcrschrift„Guter Besuch— wenig Talent" klagt die Essener„National-Zeitung":„Westfälische Dichter sprachen im Städtischen Saalbau in Recklinghausen. Oberbürgermeister N i e m e y e r begrüßte die Anwesenden in einer längeren herzlichen Rede. Wenn man nach dieser Rede nun erwartet hatte, daß unter den angekündigten Nichtprominenten dennoch ein vielleicht unfertiges, aber unzweifelhaft großes Talent auftauchen würde, so sah man sich in dieser Hoffnung leider getäuscht. Allen, die auftraten, fehlte eigentlich das, was die Zeit unserer Großväter den „göttlichen Funken" nannte." TJlazacts„San Juan" in Jods (Beuna iüaCtec dicigiect in xLec Qcaßen Ofxee Dirigenten gast spiele gehören nicht zu den Seltenheiten in der Pariser Großen Oper. Richter, Weingartner, Strauß, Schalk um nur einige zu nennen, waren gern gesehene (»äste. Mau kann aber das Gastspiel Bruno Walters, das durch Konzerte mit den Wiener Philharmonikern an gleicher Stelle in einigen Wochen ergänzt werden soll, nicht damit vergleichen. Fast alle früheren Gäste kamen aus festen V irkungskreisen. Mit Bruno Walter hat man eine im wahrsten Sinne des V ortes„Heimatlosen", einem„künstlerischen Nomaden", wie er sieh selbst vor kurzem halb im Scherz, halb iin Ernst bezeichnete, den Wirkungskreis des ersten französischen Operninstituts geöffnet. Man hat damit beste freiheitliche französische Tradition gewahrt, man hat der Großen Oper darüber hinaus einige Festabende geschaffen, die in der Erinnerung des internationalen Opernpublikums lange fortleben werden. Der„ Fall Bruno Walter" ist nicht erst mit dem Ausbruch des,„dritten Reiches" akut geworden. Gewiß, um diesem wahrhaft großen Künstler die Arbeitsmöglichkeit in seiner Heimat zu nehmen, dazu mußte erst Göbbels' Propoganda- ministerium geschaffen werden. Aber schon ein Jahrzehnt vorher mußte dieser Musiker vor den Mächten der Reaktion und des Rassenwahns weichen: er verließ 1922 nach einer Hetze sondergleichen seinen Münchner Generalmusikdirektorposten. Schon damals schien es, als sollte sich an dem Schüler Gustav Mahlers das Geschick des Meisters ein zweites Mal erfüllen: er ging auf amerikanische und europäische Gastspielreisen und kam erst wieder zur Ruhe, als Berlin sich eine Städtische Oper schuf und ihn zu deren musikalischen Chef ernannte. Nur wer die Jahre dieses Berliner Wirkens miterlebt hat, kann ganz ermessen, was Walters Arbeit für die Musikstadt Berlin bedeutet hat. Auch hier kam leider ein plötzlicher Abschied. Es wird heute und immer schwer feststellbar sein, wie die Schuld an Walters Berliner Rücktritt im einzelnen verteilt war. ob er selbst vielleicht nach endlosen Verhandlungen die Forderungen überspitzt hatte, von denen er seinen Verbleib abhängig machte, oder ob schon damals die Intrigen der Mittelmäßigkeit den Ausschlag gegen ihn gaben. Jedenfalls konnte das vorhitlerische Deutschland dem Künstler vollwertigen Ersatz auch nach seinem Berliner Rücktritt bie* ten: Er wurde Leiter des Leipziger Gewandhausorchesters. Private Initiative schuf einen Bruno-Walter-Konzertzyklus der Berliner Philharmoniker. Als Gast kehrte er öfter in der Berliner Staatsoper ein, in der einst seine Karriere als junger Opernkapellmeister begonnen hatte.— Und dann kam die„große Märzwoche" des Jahres 1933— die Herren Göbbels und Hinkel gaben telegrafische Anweisung zur Verllinderung eines Bruno-Waltcr-Konzerte in Leipzig, und als zwei Tage später die Berliner Philharmoniker unter Walter konzertieren wollten, da genügte der Hinweis auf die Stimmung weiter Volkskreise, die Möglichkeit von..unliebsamen Zwischenfällen": Bruno Walter verzichtete, Richard Strauß brachte e« über sich, dieses Konzert vertretungsweise zu leiten, Wilhelm Furtwängler und Erich Kleiber konnten gemeinsam Ruhmestaten entgegengehen. Der Mann, der als der„letzte deutsche Romantiker" unter den deutschen Kapellmeistern galt, der das Werk des Erzantisemite.. Pfitzner eigentlich durchgesetzt hatte, dieser im wahrsten Sinne des Wortes unpolitische Künstler mußte als erster dem Terror der neudeutschen Kunstapostel weichen.,. Der Fall Bruno Walter blieb kein Einzelfall. Dutzendweise mußten die deutschen Künstler ihre Posten verlassen, mußten .... Deutschland fliehen. Der Fall Bruno Walter ist au-L nicht der äußerlich schlimmsten einer. Das Ausland, das europäische und amerikanische, kannte ihn, nahm ihn als gern gesehenen Gast auf. Er brauchte nicht, wie einige dutzend seiner wenigen weltbekannten Kollegen, sieh um das tägliche Brot, ja um die Aufenthaltserlaubnis sorgen. Aber weil ein begnadeter Künstler in ihm getroffen wurde, muß dieser Fall heute und immer wieder klargestellt in die Welt geschrien werden. Amerika, England, Holland, Schweiz, Italien und Oesterreich haben den aus seiner Heimat vertriebenen Bruno Walter als Gast gefeiert. Nun also dirigiert er in der Pariser Großen Oper Mozarts„Don Juan". Es war keine Premiere im engeren Sinn. Die äußere dekorative Form früherer Aufführungen blieb gewahrt. Aber im Textlichen und Musikalischen war eine völlige Neuordnung durchgeführt. Die französische Neuübertragung von Adolphe Iloscliot wird für die französische Mozart-Kultur wohl die gleiche Bedeutung beanspruchen dürfen wie die Lerische Ausgabe für die deutsche.(Wird dieser nichtarische Name in der Zukunft auf den deutschen Opernspielplänen verschwiegen werden?!) Daß man sich für die Erstaufführung dieser gereinigten Neufassung, die die ursprüngliche Nummern- und Rezitationsverteilung wiederherstellt, den besten deutschen Mozart-Dirigenten verschrieben hat, beweist die Gewissenhaftigkeit, deren sich die Große Oper befleißigt. Der deutsche Opernhöhrer weiß, welche Fülle von Versuchen. Experimenten und„Auffassungen" gerade Mozarts „Don Juan" sich in den letzten dreißig Jahren gefallen lassen mußte. Er weiß, daß sich in Deutschland heute noch kein eigentlich gültiger Stil für die Wiedergabe dieses Standardwerkes gebildet hat. sondern daß die Darstellung an deutschen Bühnen zwischen zwei Extremen hin und her pendelt: die Opera-Seria-Auffassung, die historisch und stilkritisch genommen falsch ist(sie läßt das zweite Schlußfinale weg, endet mit der Todesszeiie), die aber durch die persönliche Wucht Gustav Mahlers in Wien einst eine innere Rechtfertigung erhielt. UuJ die Opera-huffa Auffassung, die die eigentlich„richtige" Version darstellt, die aber allzuoft dieses Werk, das in manchen Szenen die ganze romantische Opern- epoche vorwegzunehmen scheint, in den Ausmaßen verkleinert, und statt eine künstlerische Einheit zu schaffen, gerade alles Gegensätzliche darin betont.(Eine der geschlossensten und gelungensten, rein auf den Buffocharakter, das Spielerische und Theatermäßige gestellten Aufführungen war wohl die von Leo Blech geleitete Einstudierung der Berliner Großen Volksoper in Watteauschen Bildern). Bruno Walter hat die Synthese zustande gebracht: Die Buffo-, die Opernart des Werkes bleibt gewahrt. Selbstverständlich wird jene Note der ursprünglichen Partitur gespielt. Es gibt keinen Strich. Und es gibt auch keine Um- hiegung irgend einer Episode. Aber das komische Element wird auch an keiner Stelle überbetont, im Gegenteil, es wird in Schranken gehalten, und das eigentliche Drama, jene aufwühlenden Teile des weit in die Zukunft weisenden Werkes, werden mit einer solchen Kraft interpretiert, daß sich Komisches und Tragisches völlig die Waage halten. So steht Donna Elvira, die- im Rahmen der Buffa leicht das Komische streifen kann, als Heldin im Vordergrund. So ist das Ganze eingespannt in den Bogen, der von der gewaltig sich entladenden Ouvertüre zu der Höllenfahrt Don Juans führt. Das zweite Finale, das dann noch folgt, wirkt nicht mehr als ein fast bürgerlicher oder— um historisch genau zu sein— als höfisch formalistischer Opernabschluß, sondern dieser Abgesang nach strengen musikalischen Gesetzen scheint die durch den Uebermenschen Don Juan gestörte Weltordnung wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Kein Wort des Lobes ist groß genug für die Leistung Bruno Walters, diese Neuschaffung eines klassischen Werkes ans persönlichstem Erleben, und doch in strengster Erfüllung des schöpferischen Willens und der Werkgesetze. Was vom Dirigenten gesagt ist, darf auch auf die Gesamtleistung übertragen werden. Außer den beiden großen Finaleszeuen, die allerdings in den wesentlichsten Punkten(Auftritt der Masken im Ballsaal und Todesszeiie) regiemäßig nicht genügten, war alles auch szenisch gut gelungen. Besonders glücklich das Bestreben, möglichst viele Verwandlungen durch neutrale„freie Gegenden" einzusparen. Die Zukunft wird vielleicht auch einmal die Möglichkeit der pausenlosen Verwandlung von Schloßgarten zu Ballsaal ermöglichen, dann wird mau die innere Proportion dieses Riesenfinales nicht mehr nur von dem Notenbild, sondern auch im Opernbaus genießen können. Bis jetzt ist das wohl noch nie gelungen. Vielleicht wird man anderwärts gewaltigere Stimmen finden, kaum irgendwo aber so großen künstlerischen Ernst, so williges Eingehen auf die Intentionen des Gastdirigenten und damit eine so vorbildliche Ensembleleistung. Sic wird noch gestützt durch ein Orchester, das unter Walters Händen seine sonst so gepflegte Routine vergißt und sich zu einer selten gehörten Erregung und Differenziertheit hinreißen läßt.— Paul Walter. ,. Alt- cKeideihecgs" Rätslet Ein Stück sentimentaler deutscher Theatergeschichte Der Dichter Wilhelm Meyer-Förster, der Verfasser des Schauspiels„Alt-Heidelberg", das Millionen Menschen kennen, ist in seiner Villa im Grunewald im Alter von 72 Jahren gestorben. Er war lange Zeit krank und konnte seine Wohnung wegen Altersschwäche und eines Astlimaleidens schon seit einem Jahre nicht mehr verlassen. Meyer-Förster debütierte als Vierundzwanzigjähriger mit einer Parodie auf Gregor Samarows Roman„Saxo-Borusseu" unter dem Titel„Die Saxo-Saxouen, Roman von S. Gregore w". Dann schrieb er mehrere Dramen. Auch einen Roman „Karl Heinrich" verfaßte er zu jener Zeit. Aus diesem Roman entstand eines der erfolgreichsten Theaterstücke, das die Theatergeschichte kennt: das Studenten schau spiel..Alt- Heidelberg". Anfangs sah es für Mever-Förster keineswegs sehr erfolgversprechend aus: das Manuskript wanderte zwei Jahre lang von einer Theaterkanzlei in die andre. Endlich nahm sich das Berliner Theater des Stückes an: Am 22. November 1901 erfolgte die Uraufführung mit Harry Waiden in der Rolle des Erbprinzen Karl Heinz. Bald war das Stück in alle Kultursprachen übersetzt, allenthalben wiederholte sich der Berliner Erfolg.„Alt-Heidelberg" gilt als jenes Werk, das die größten Einnahmen erzielte, die je ein Bühnenwerk erreicht hat. Meyer-Försters Tragik war es, daß keine seiner anderen Arbeiten auch nur halbwegs so durchgriffen wie„Alt-Heidelberg". Seine Romane waren Saisonerfolge. Heute sind sie längst vergessen. Auch der andern Bühnenwerke Meyer- Försters erinnert man sich kaum. Persönliches Mißgeschick traf überdies den Autor. Schon um die Jahrhundertwende stellte sich ein Augenleiden ein, das allmählich zu völliger Erblindung führte. „Alt-Heidelberg" behielt bis heute Lebenskraft. Tausende Nachahmer fand das Stück, sein Milieu, sein Thema. Es ging bis nach Japan und China, es hat unzählige Herzen gerührt und harte Seelen erweicht, die mit dem Abschied des jungen Prinzen von seiner Partei alle Schauder romantischer Liebe empfanden.„Karl Heinz, du kommst nicht wieder!", dafür kommt in des„dritten Reiches" Herrlichkeit„Alt-Heidelberg" wieder. Ehe sich der alte Meyer-Förster darüber richtig freuen konnte, mußte er selber von der Bühne des Lebens abtreten. Das bunte Matt Deutsche Freiheit Nummer 70 Vremische Anekdoten/*<>„^ Samstag, den 24. März 1934 Bon der Vergänglichkeit Ein philosophischer ländlicher Maurer hatte auf einem bremischen Bauernhofe einen Backofen errichtet und wanderte, nachdem er sein Werk betrachtet und gut be- funden hatte, zufrieden und ehrbar heimwärts. Als er zweihundertfiinfzig Schritte entfernt war, brach der Backofen gänzlich wieder zusammen. Die Bauersfrau sauste mit klappernden Holzpantoffeln und knatternder Schürze hinter dem Erbauer her:„Meister! Meister! Was wird'r denn nu von? Der Ofen is dscha all wieder umgefallen!" Der Biedere wandte sich und sprach mit einem ernsten Seufzer: „Dscha, lüttsche beste Frau, was hält denn ewig?!" Die arme Frau Frau Merbohm hatte bei irgendeinem Festessen einen Tischherrn, dem die Aufgabe zufiel, sie nicht nur zu speisen und zu tränken swas an sich schon nicht ganz leicht war), sondern auch zu unterhalten. In seiner Verzweiflung lenkte er das Gespräch— oder vielmehr: den Vortrag auf dgs ergiebige Gebiet geschichtlicher Bildung und geriet dabei von Amenhotep über Julius Cäsar auf August den Starken: welch letzterer, sagte er, weit über hundert, nach anderen Quellen sogar über zweihundert springlebendige Kinder ge- habt habe. „Ochottochott, nee," sagte Frau Merbohm,„die arme Frau!" Sonntagsritt In einer bremischen Reitbahn erschien vor vielen Jahren ein Mann und bekundete den ernsten Willen, ein Roß für einen mehrstündigen Spazierritt zu chartern. Der Stall- meister betrachtete den Mann mit dem erbarmungslosen Blick gereifter Sachkenntnis und fand, daß er mit Ausnahme sanft geschweifter Beine kaum irgendwelche Borbedingungen für die Meisterung eines Pferdes mitbrachte. Infolgedessen ließ der Stallmeister Diana vorführe». Sie besah sich den Reiter mit sanften und müden Augen voll abgeklärter Resignation. In diesem treuherzigen Blick war kein Falsch. Man hob den Mann in den Sattel, und der Stallmeister gab ihm eine Klingel in die Hand. „Was soll ich denn mit der Klingel?" wunderte sich der Mann. „Och," sagte der Stallmeister,„unsere Diana, die war dscha früher bei'er Ferdebahn,»ich? Und wenn Sie denn nach Horn zu reiten, denn bleibt sie denn dscha ümmer bei die Haltestellen stehn. Das hat sie noch so in'n Kopf zu si^.n, weil daß sie so klug is. Aber wenn Sie denn zweimal ab- klingeln, denn geht sie denn dscha auch weiter." 700 Vräute und f tauen warten vergeblich Das Schicksal der 900 Zi»rdhu«berla»d-Küfili«re Im Hafen von Southampton ist jetzt der große Truppen- transportbampier„Torsetshire" von Westindien eingetroffen. An Bord befinden sich 90t» Northumberland-Füsiliere, die drei Jahre lang in der Glut Westindiens ihren Dienst taten, und die ihre Rückkehr nach England, in die Heimat, sehn- iichst erwarten. In bester Stimmung hatten die braven Soldaten die Heimkehr angetreten. Zu Hause erwarteten sie schon ihre Frauen, Eltern und Bräute. Da traf ein Tele- gramm von der britischen Militärbehörde ein, in dem ver- fügt wurde, daß die Füsiliere sofort nach Aegypten weiter- zureisen hätten, um dort drei weitere Jahre zu verbleiben. Der Füsiliere bemächtigte sich tiefe Niedergeschlagenheit. Aber die„Dorsetshire" sollte vor ihrer Reise nach Aegypten auf einen Tag in Southampton anlegen. So war es be- stimmt, und die Soldaten trösteten sich mit dem Gedanken, wenigstens 24 Stunden mit ihren Lieben zusammen sein zu Zufallstreffer An einem Stammtisch würdiger bremischer Herren in einer traditionsgebräunten Weinkneipe wurde der Beschluß gesaßt, einen zur Tafelrunde gehörenden„großen" Weinhändler, der sich an jenem Tage verspätet hatte, bei seiner Ankunft ein bißchen zu ärgern. Als er, schnaufend und erhitzt, ein- trat, rief einer der Herren ihm entgegen: „August, was hört'n denn vor dir für Geschichten? Du sollst dscha wohl hunnert Faß Bickbeeren bezogen haben, wo du deinen Wein mit färbst?!" Dem also Angeredeten schoß die rasche Zornröte zu Kopf. „Hunnert—?!" schrie er entrüstet.„Dscha gelogen! Das waren dscha man bloß sufszig!" Kleine Dialcktprobe „'chott nee, was'n auch ümmer alles so belebt!" sagte Minna Tietjen.„Titz ich neulich Abend in mein Zimmer un lutsch saure Bonlschen fAnm. für Nichtsprachler: Es sind Bonbons gemeint), die hol ich dschetz dscha ümmer bei Crüsemeyer, früher ging ich dscha ümmer zu Meyerdierks, aber da kann ich denn dscha nich ümmer um zu lausen, das is mich zu um. No, mit einmal, da pingelt das. Ich verdschag mich dscha eers, denn das konnte dscha'n Telegramm sein, un da habe ich nix mit in'n Sinn, das steht denn dscha meist was Uebles in. No, ich geh bei un mach auf— was meinen Se? Steht da so'n lüttschen Bötel vorer Tür. Un wissen Se, was er sagt?„'tschuldigen Se," sagt er,„ob Sie wohl so freundlich wären un meinen kleinen Hund nicht gesehn hätten?" Aus dem Ratskeller Das Oberhaupt einer bremischen Tabaksfirma, ein Mann, der sich durch die imponierenden Ausmaße seiner Geschäfte ein bleibendes Andenken gesichert hat, und der nebenbei durch einen leichten, ganz leichten Sprachfehler gekennzeichnet war, hatte sich einen seiner Vertreter zu einer Besprechung be- stellt: und zwar hatte er, der Neigung des Vertreters wie auch eigener Neigung folgend, den Ratskeller— oder man muß wohl schreiben: Rathskeller— als Treffpunkt bestimmt. Der Besuch eines Geschäftsfreundes nahm ihn unerwartet in Anspruch: und als er in Begleitung des Besuchers zwei Stunden nach der verabredeten Zeit den„Keller" betrat, war an den deftigen Holztischen des weingeheiligten Raumes der „Vertreter" nicht zu entdecken. Wohl aber stand in einem dämmrigen Winkel, im Schatten eines mächtigen Fasses, ein unbesetzter Tisch, den mehrere leere Flaschen Niersteiner Heiligenbaum, Spätlese, zierten. Der Tabakskönig wies aus diesen Tisch und sagte mit seherischer Sicherheit: „D—da liegt er unter." Es stimmte. Da lag er unter. können. Da kam ein zweites Telegramm: Landurlaub wird untersagt. Inzwischen hatten die englischen Eisenbahngesell- schalten Sonderzüge für die Angehörigen der Soldaten. „Brautzüge", wie sie sofort getaust wurden, eingelegt. 800 Angehörige hatten sich zur Reise nach Southampton ange- meldet, und drei Bräute wollten sich aus dem Standesamt im Hasen trauen lassen. Jetzt sollte auch damit nichts werden? Die Behörden wurden bestürmt. Aber sie blieben uner- weichlich. Landurlaub wurde nicht gewährt. Die Reise sollte ohne jede Unterbrechung sofort weitergehen können. Schließlich setzten es die drei Bräute, die sofort heiraten wollten, aber doch durch, daß wenigstens ihre zukünftigen Männer und ein Trauzeuge an Land gehen konnten. Vier Stunden durften die Soldaten ausbleiben. Während dieser Zeit sollten sie sich trauen lasien und den kürzesten Honigmond verbringen, der fe einem jungen Paar gewährt wurde. Als die Hochzeitsglocken kaum verklungen waren, mußten die jungen Ehemänner Abschied nehmen für drei lange Jahre. Dann mußten sie zurück auf das Schiff und ihren schweren Dienst wieder antreten. Lustig ist das Soldatenleben! Das Autogramm Dröhnender Beifall rauschte durch den Saal. Edwin Herlaan verneigte sich vor dem mächtigen, in Dun- kel getauchten Abgrund des riesigen Zuschauerraumes der Chikagoer Musikhalle. Das anhaltende Klat,chen taufender Hände erfreute sein Herz. Endlich fiel der Vorhang. Der große Bariton trocknete sich die perlende Stirn. Dalpain, sein Impresario, ergriff uner- wartet seine Rechte und schüttelte sie mit freudiger Miene» etwas Unverständliches dabei murmelnd. Der Sänger er- frischte sich unter der Brause des Ankleidezimmers und kämpfte die plötzliche Heftige Müdigkeit nieder. Er zog sich rasch um, nahm Hut und Mantel und machte die Tür auf. Eine lebhaste Schar junger Mädchen umstand plötzlich den Künstler. Lächelnd baten die Damen. Bewunderer seiner Kunst, um Autogramme. Herlaan nahm seine Füllfeder hervor und schrieb mit rascher Bewegung seinen Namen auf die von zarten Mäd- chenhänden dargebotenen Bogen und Karten mit seinem Bild. Der Vorraum leerte sich allmählich. Ein hohes, dunkles Mädchen in langem Abendmantel wartete geduldig bis alle anderen Damen fortgegangen waren. Wortlos, mit einem bewundernden Blick, legte sie ein längliches Blatt vor den Sänger. Ihre Augen waren tief und schimmernd. Edwin Herlaan konnte den Blick nicht von ihnen abwenden. Und indem seine Hand mechanisch zum hundertsten Male seinen Namen zeichnete, fragte er mit seiner vibrierenden Stimme: „Könnte ich Sie einmal wiedersehen?" Sie nickte langsam. Und nahm das Blatt. Dann senkte sie den samtenen Blick.„Ich bin morgen im„Roxy" beim Tee," sprach sie ganz leise. Im nächsten Augenblick war sie fort.— „... im nächsten Augenblick war sie fort." „Und trafst du sie am nächsten Tag im„Roxy"?" fragte Metting, mit Interesse der Erzählung seines Freundes lauschend. „Nein.— Sie war leider nicht gekommen," erwiderte Herlaan.„Stundenlang wartete ich aus sie. Umsonst." „Hörtest du auch nicht mehr von ihr?" Herlaan zögerte,„Hören?" sagte er,„ja ich hörte von ihr. Bereits am nächsten Tage. In meiner Bank. Dort er- fuhr ich, daß eine vornehme junge Dame, deren Beschrei- bung auf sie paßte, fünftausend Dollar auf meinem Scheck erhoben hatte." Resigniert setzte er fort: „Ich sah nur ihre Augen, als sie vor mir stand, und nicht das Blatt Papier, da ich mein Autogramm schrieb. Und ihr schwimmender Blick, ihr Enthusiasmus— ihre Freude— alles war Lug und Trug!..." „Ihre Freude bestimmt nicht," bemerkte Metting.„Tie freute sich ausrichtig aus die fünftausend Dollar. D. L. Die Anwarbest der tlüfte Ein»euer amerikanischer Frauenberuf Die riesigen amerikanischen Suftomnibufse, die den fahrplanmäßigen Dienst quer über den Kontinent von Neuyork nach San Franziska versehen, haben eine neue Einrichtung getroffen: die Stewardeß, im Volksmund„Himmelsjungfer genannt. Vor kurzer Zeit wurden diese neuartigen Stellungen ausgeschrieben und sofort meldeten sich über 5000 Be* werberinnen. Tie jungen Damen müssen eine ganze Reihe von Vorbedingungen erfüllen. Das Gewicht der„Himmels- jungfern" darf 125 Pfund nicht übersteigen. Beruslich muß die Stewardeß äußerst verläßlich und in vielen Dingen be- wandert sein. Sie braucht vor allem eine Vorbildung als Krankenschwester und eine durch erstklassige Zeugnisie legiti- mierte Praxis in einem großen Krankenhaus. Ihre Aufgabe besteht hauptsächlich darin, eine behagliche Atmosphäre im Flugzeug zu schaffen. Sie teilt die„Lärmtöter" aus, Watte- kugeln, die sich der Fahrgast in die Obren steckt, verabreicht Tabletten gegen Luftkrankheit, sorgt für Lesestoff und Schreibmaterial, mirt Cocktails und braut einen guten Mokka auf Wunsch. Gegen Abend baut sie das Flugzeug um. Sie verwandelt die Ledersitze mit ein paar Handgriffen in bequeme Betten und bewacht dann den Schlaf ihrer Gäste. Tie jungen Mädchen in ihrer Uniform aus hellblauer Seide haben in der kurzen Zeit, seit der sie Dienst tun. bereits außerordentlich viel Sympathie erworben und werden aus- nahmslos von den Chefs und den Fahrgästen gelobt. Anekdoten Vierte Dimension Sir Conan Doyle, der Vater des Sherlock HolmeS, war bekanntlich ein überzeugter Spiritist. Einmal erzählte er dem skeptischen Bernard Shaw von der Berufung des Klopfgeistes.—„Ich kann Ihnen versichern, der Tisch be- gann dann wirklich zu rücken."—„Warum nicht?" sagte Bernard Shaw.„Der Klügere gibt eben nach." Shaw tanzt Auf einem Wohltätigkeitsfest tanzte Shaw mit einer Dame, die von dieser Ehre ganz entzückt war.—„Wie freundlich von Ihnen, Meister, mit einer so unbedeutenden Frau wie ich es bin, zu tanzen."—„Aber, gnädige Frau," erwiderte Shaw,„sind wir denn nicht auf einem Wohltätigkeitsfest?" Müßige Gedanken Ein amerikanischer Verleger, der Bernard Shaw in Ge- danken versunken dasitzen sah, stürzte aus ihn los:„Einen Dollar, Mister Shaw, wenn ich erfahren darf, woran Sie denken."—„Ach. das ist so viel nicht wert," antwortete der Dichter.„Nun. Woran dachten Sie denn?"—„An Sie," sagte Shaw freundlich. Die Ehe G. B. S. wurde um seine Ansichten über die Ehe gefragt.—„Mit der Ebe ist es so ähnlich wie mit der Frei- maurerei," sagte Shaw.„Die, die im Bund nicht auf- genommen sind, können nichts erzählen: und die anderen sind zum ewigen Schweigen verpflichtet." Empfehlung Ein junger Schauspieler ersuchte Shaw um eine Emp- fehlung. Shaw erklärte sich hierzu bereit und gab ihm fol- gendes Schreiben:„Ich empfehle Ihnen den Schauspieler R. aufs wärmste. Er spielt Hamlet. Shylock, Eäsar, Flöte und Billard. Billard spielt er am beste»." iSergwiesen in den ersten Frühlingstagen Der Krokus bltiht Aachen maßte nadieicrzieren well die laftsdiafzverdunkeiiing nl dem Konzentrations» lager Oranienburg. Preis 7,50 Fr. Versand nach auswärts einschl. Porto 8 Fr. Ins Aus'and 8,50 Fr. Librairie Populaire Strasbourg ?. rueSedillot. b. d. Bourse Sichere, gute Existenz Anwesen, geeignet für Geflügelzucht gelegen unweit METZ (Lothe.), sofort zu verkamen. Offerten unter 50941 un Agence Havas, METZ 15-20 000 Sperrmarls zu kaufen gesucht. Offerten unter Nr. 2214 Agence bourg. Havas. Stras- Aucn die ,.Kleine Anzeige" in de „Deutschen Frei- heit' orinqi Ertöte Dr. Kardos II. rue de Douat. Metro: Pigalle. Tel. Plg. 82-14 Innere und Geschlechts-Krankheiten Röntgen-Diathermie, Quarz Ord.: täglich von 2 bis 4 und 7 bis 8 Sonntags von 10 bis 12 Drs.G.und M.Spitzer 3. avenue de la Republique, Paris. M£tro Republique, Tel. Ober kämpf 86-23. Sprechstunden: 1-3 und 6-8 Uhr Haut», Gesch'echts», innere und Kinderkrankheiten Epilation Diathermie Steuerfragen Gesellschaffs» gründungen Wenden Sie sich an p. BRIQUEU LICENCIE EN DROIT ehemaliger Kontrolleur der direkten Steuerbehörden, um vom offiziellen Standpunkt aus beraten zu werden. 25, Bd. Bonne-Nouvelle, PARIS(2), Telefon Louvre 22-93 An den Ostertagen sollen nach einem Beschluß de« Gehilfenverbandes die Pariser Friseurgeschäfte geschlossen sein. * Vom Bühnenvertrieb des Autors der„Rassen" wird uns mitgeteilt, daß das Stück von der Theatre Guild in Philadelphia probeweise aufgeführt wurde und dieser Tage nach Neuyork übergeht. Die Pariser Aufführungen finden nach wie vor großes Interesse. * Von Paris nach Le Havre verkehrt neuerdings auf der Staatsbahn an den Werktagen ein Schienenauto Bugatti, das die 228 Kilometer lange Strecke in 2 Stunden 15 Minuten zurücklegt, mit einem Aufenthalt in Bönen. Die Geschwindigkeit beträgt 101 Kilometer. * Esprit Pioch, der Held des Prozesses der falschen Haifische, hat gegen das Urteil(fünf Jahre Zwangsarbeit) Berufung eingelegt. Musik in Paris Richard Lert, der frühere langjährige Dirigent der Berliner Staatsoper, der seit einem Jahre mit seiner Frau Vidcy Baum in Kalifornien lebt, wird die zwei nächsten Konzert« des Orchestre Lamoureux in der Salle Gaveau dirigieren. Die Opera Comique brachte die Neueinstudierung von„Printemps fleuri", Ballett mit Musik von Tschaikowsky. Für den 15. Apr.. bereitet das Institut die Erstaufführung von„Tout-Ank-Amon"(Tutandiamon") vor. Das OrchesterStrara m, das in dieser Spielzeit erst einmal unter Toscaninis Leitung konzertiert hat, gibt am 24. April ein Konzert unter Leitung des Dirigenten Mitropoulos, bei dem W. Horowitj als Solist mitwirken wird. Der Pianist Serge Rachmaninoff gab sein einziges diesjähriges Konzert in der Salle Pleyel. Der berühmte Geiger K r e i s 1 e r kündigt ein Gastspiel am 31. Mai bei Pleyel an. „Die deutsche Tragödie" „Wie der Gemüsehändler Hoffmann Antisemit wurde" Am Samstag, dem 24. März, um 21 Uhr liest Herr Professor Georg Bernhard nach einigen einleitenden Worten verschiedene Kapitel seines Buches„Die deutsche Tragödie— Le suicide de la republique allemande". Der Abend findet statt im Deutschen Klub, Universite du Parthenon, 64, Rue du Rocher, Paris 8°(am Bahnhof St. Lazare). Anschließend liest Herr Hans von Zwehl aus seinem unveröffentlichten Werk„Die Mainlinie" die Kapitel„Wie der Gemüsehändler Hoffmann Antisemit wurde" und„Der 20. Juli". Danach: Geselliges Beisammensein. Gäste sehr gerne willkommen. Es wird um 5 Franken zur Deckung der Unkosten gebeten. Kein Kartenvorverkauf. Die Glocken von Corneville Von all den Pariser Theatern, die mit Operetten-, Vaude- ville- und Revueplänen diese Spielzeit begonnen haben, scheint die„A I h a m b r a" am sichersten ihrem Ziel, ein modernes Volkstheater zu sein und möglichst breiten Publi- kiimsschichten klassische und moderne Operetten zu bieten, zuzuschreiten. Vieles wirkt dabei zusammen: die Lage des Hauses in der Nähe des Repnhliqne Platzes. die Auswahl des Spielplans(so z. B. gerade jetzt Planquettes ewig junge„Cloches de Corneville"), die geschickte und charakteristische Besetzung mit volkstümlichen, beliebten Sängern und Darstellern, die sparsame und doch überaus geschmackvolle dekorative und kostümliche Neuausstattung, die saubere Einstudierungs- arbeit in Orchester, Chor und Ballett. P. W. Vom französischen Wörterbuch Von der französischen Akademie wurde da» Wort „rembojrrement" ausgemerzt.„Auspolstern" heißt jetzt bloß noch:„rembourrage". Das Wort„rembarrer" wird in Zu-, kunft nur noch in übertragenem Sinne als„zurückstoßen" gebraucht. Die Durchsicht des Lexikons ging bis zu:„rem- buchement", einem Jagdausdruck, der Zurückjagen des Wildes in den Wald bedeutet. Franz Schreker Berlin, 22. März Der bekannte Komponist Franz Schiefer ist am Mittwochabend nach langer Krankheit an einem Schlagansall gestorben. Er war in Monako am 23. März 1878 geboren. Er wäre also heute 56 Jahre alt geworden. BBIEPKASTEM Religiöse Sozialisten. Aus irgendeinem Ihrer Kirchenblätter übersenden Sie uns eine Notiz, die besagt, daß am Karfreitag nur solche Filme in den Lichtspieltheatern gezeigt werden, die dem Ernst und der Würde des Tages entsprechen. Ter Reichs- minister für Volksausklärung und Propaganda hat eine Liste derjenigen Filme ausgestellt, die zur Vorführung am Karfreitag geeignet sind. Danach dürfen am Karfreitag gezeigt werden:„Das Ringen um Berdun",„Der Choral von Leuthen",„Touaumont", „Der Rebell",„Hitlerjunge Ouex",„SA.-Mann Brand",„Stoß- trupp 1917",„Hans Weitmar" u. a. m.—„Der Würde des Tages entsprechen..." Lauter Mord und Totschlag!" Christus am Kreuze zu der damaligen SA., den spielenden und saufenden Landsknechten: „Bater, vergibt ihnen, denn sie winen nicht, was sie tun." F. Sp., Basel. Das war ein besonders wertvoller Zeitungsaus- schnitt. Er ist mit Dank verwendet worden. K-thol'scher Saarländer. In Diskussionen mit Nazis haben diese Ihne» vorgehalten, daß der geplante katholische Radiosender eine verkappte jüdische Angelegenheit sei, jedenfalls aber Zersetzung in das unter de» Pistolen und Dolchen der TA. wundervoll geeinte deutsche Boll tragen solle Demnach müßte der Kardinal Dr. Faul- haber, einer der Hauptförderer, der Snnagoge beigetreten sein? Oder ist er vielleicht Freimaurer geworden? Wir halten den Katho- ltzismus für viel zu klug geführt, als daß er mit den Methoden der Zirkuspropaganda des Dr. Göbbels wirken möchte. Die neue Form des«postolats wird sich wohl allgemeine katholische Ziele stecken. Daß man an besondere«eeinslugung des deutschen Sprach- gebietes denkt, zeigt allerdings die grogen Sorgen an, die man sich in Rom um die deutschen Katholiken macht. Auf vier Berliner ei« Lautsprecher. Die„TAZ." berichtet über den Beginn der„Arbeitsschlacht" am St. März:„Weit über eine Million Lautsprecher waren in Berlin am Vormittag angestellt." Da kommt also auf je vier Berliner, Säuglinge eingerechnet, ein Lautsprecher. Da aber, nach demselben Blatt, Hunderttausende auf den Straßen und noch mehr Hunderttausende in den Betrieben und in den Tchu- len sich vor den Lautsprechern an der Fübrerrede erbauten, mügen wohl viele Lautsprecher ohne Zuhörer geblieben sein. Köbes, Aachen. Es sind dunkle Geschichten um Euer« Brigade- sührer. Sein Chauffeur wurde zu zwei Monaten Ges xgnis ver- urteilt, weil er einen Pg. und dessen Frau vermöbelt hat. Dieser Schläger ist eine bekannte Marke. Im vorigen Jahre hat er eine» Zollbeamten totgefahren. Der Herr Brigadeführer selbst soll bel einer recht zweifelhaften Sache verwundet worden sein, lieber den Anlaß gehen Gerüchte, die wissen wollen, daß sich etwas ähnliches abgespielt habe wie seinerzeit bei der Erschießung Muchows in dem Saufgelage zu Bacharach. Nur daß diesmal der Anlaß nicht ein Weib, sondern ein Knabe gewesen sein soll. Elchen die Fotografien mit den Sauf- und Lustgenosscn des Herrn Brigadesührers noch von Hand zu Hand? L K. Sic schreiben uns:„Nach der„deutschen Front" lNr. 19) hat Adolf Hitler in seiner„Schlachtrede" am 31. März u. a. folgenden klassischen Tay geprägt: „Unsere Ausgabe heißt Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit! Aus den Schlingen der Arbeitsbcschassung werden wir die stärkste Autorität erhalten.. Können Sie mir erklären, wie man„Autorität" aus„Schlingen" erhält?— Sind damit die Schlingen gemeint, die man anderen um den Hals legt, oder hat der große Manitou schon trübe Ahnungen, daß die mißglückte Arbeitsbeschaffung zu der Schlinge werden kann, die sich um die eigene Kehle legt? In dem Falle wäre sogar Hanussens Hcllschkunst um ein Vielfaches übertrosscn." Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P! tz In Dud- weiter: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Berlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken 3, Schützcnstraßc ö,— Schließfach 776 Saarbrücken. Opfer des Taifuns Eine entsetzliche Katastrophe in Japan Tokio, 22. März. Durch die Brandkatastrophe in Hakodate wurden 25 009 Häuser vernichtet. Bis jetzt konnten rund 100 Tote und 250 Verletzte geborgen werde», doch dürste die Zahl der Opfer bei weitem größer sein, da die Bergung der Leichen und der Verwundeten noch außerordentlich schwer möglich ist. Tokio, 22. März. Nachrichten über Einzelheiten von der furchtbaren Brandkatastrophe in Hakodate laufen bisher nur sehr spärlich ein. da fast sämtliche Verbindungen unter- brachen sind. Aus diesem Grunde ist auch eine genaue Fest- stellunq über die Zahl der Opfer noch nicht möglich, man spricht jedoch von 1000 Toten und 15 090 Verletzten. Ein furchtbarer Sturm trägt zur Erhöhung der in der Stadt herrschenden Panik bei und verhindert die Lösch- arbeiten. Am Donnerstagmorgen war noch kein Nachlassen des Feuers zu beobachten. Das Geschäfts- und Bergnügungs- viertel sind fast vollkommen zerstört. Das Gefängnis brannte bis aus die Grundmauern nieder, so daß die Gefangenen von Militärabteilungcn aus der Stadt herausgeführt wer- den myßten. Das Militär ist im übrigen in weitgehendem Maße zu den Hilfsarbeiten eingesetzt. DNB. Tokio, 23. März. Nach dem nunmehr vorliegenden amtlichen Polizeibericht sind bei dem Riesenbrand in Hako- date 647 Tote und 700 Schwerverletzte zu verzeichnen. Bei etwa der Hälfte der Schwerverletzten wird an ihrem Wieder- auskommen gezweifelt. Die fremden Konsulate sind sämtlich dem Feuer entgangen. * 80 Tote, über 300 Verletzte in Tokio Tokio, 22. März. Nach den bisherigen Mitteilungen sind bei einem Taifun, der über Japan und besonders über Tokio wütete, allein in Tokio und Umgebung 80 Personen ums Leben gekommen: über 300 Personen wurden verletzt. Der vom Sturm angerichtete Sachschaden ist außerordent- lich groß. Zahlreiche Telegrafenverbindungen wurden zerstört, mehrere Eisenbahnlinien unterbrochen. Der Rund- funksender in Tokio mußte wegen größerer Schäden für einige Zeit stillgelegt werden. Die Regierung 6at für die notleidende Bevölkerung besondere Hilfsmaßnahmen er- griffen.