Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 84— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, den 12. April 1934| Chefredakteur: M. Braun Ans dem Inhalt "Jimes" gegen deutsche. Auflistung. Seite 2 Saacqehiet und französische Aufrüstung Seite 3 Finanzpolitik dee französischen!Boucgeoisie Seite 4 Jfrucec TlientölCec Seite 7 Ley gesteht: Hunger löhne I Eine ai Aus einer Rede, die Staatsrat Dr. Ley, der Führer der „deutschen Arbeitsfront", am Sonntag in Köln gehalten hat, werden auf dem Umweg über die Auslandspresse Sätze bekannt, die geeignet sind, Aufsehen zu erregen. Nach dem Bericht der„Times" sagte Dr. Ley u. a.: „Die Deutsche Arbeitsfront muß dem Unternehmer klar- machen, bah er, obwohl er ein Recht ans Gewinn hat, in der gegenwärtigen Zeit kein Recht hat, irgendeinen Prosit aus seinem Betrieb herauszuziehen. In einer Zeit, in der dem Arbeit« bis zu einem gewissen Grade Hungerlöhne gezahlt werfen(„che worker to some extent was being paid starvation wages") im Juteresse des nationalen Wiederansbaues, müsse auch von der anderen Seite das Aeußerste an Opfern gefordert werden. Zugleich muh der Arbeiter aber einsehen, daß er, solange der Staat nach Brot und Arbeit für sieben Millionen Arbeitslose suche, aus Lohnerhöhungen und dergleichen für die gegenwärtige Zeit verzichten mutz." Weiter kam Dr. Ley aus die Konkurrenz überseeischer Rationen zu spreche» und erwähnte dabei Japan. Die deutschen Arbeiter könnten nicht mit den billigen Pro- dukten, wie zum Beispiel japanischen Fahrräder«, koukur- rieren, weil der deutsche Lebensstandard nicht aus den von Kulis herabsinken dürfe. Wenn es einmal so weit wäre, daß sogar ein Schwarzer mit einer Fingerumdre- huug bestimmte Dinge erzeugen könne, sei ein Wettbewerb für Deutschland nicht möglich. Deutschland müsse neue Methoden, Maschinen und Erzeugnisse schassen, die andere Völker mangels Fähigkeit nicht nachahmen könnten. In der vom Deutschen Nachrichtenbüro verbreiteten Fassung der Rede Dr. Leys sind diese Sätze nicht einmal andeutungsweise erwähnt. Es ist unseres Wissens das erste Mal. daß ein matzgebender Führer des gegenwärtigen deutschen Regimes das Geheimnis der Nationalsozialist!- schen Arbeitsbeschaffung mit solcher Offenheit preisgibt. Das weitgehendste in dieser Richtung war bisher eine Er- Klärung von Rudolf Hetz, dem Stellvertreter Hitlers. der am 21. März von der Notwendigkeit von Entbehrungen im Interesse des Aufbaus sprach. Dr. Ley hat das Ver- dienst, diese Entbehrungen zum ersten Mal als das be- zeichnet zu haben, was sie sind, nämlich Hungerlöhne. Aus der Tatsache, datz Dr. Ley dieses Eingeständnis für notwendig hielt, kann man auf die Stimmung schließen, oie in den betroffenen Arbeiter- und Angestelltenkreisen herrscht, und der sich die Führer der„deutschen Arbeits- front" naturgemäß nicht entziehen können. Man darf dabei annehmen, datz ein Teil der Arbeiter die niedrigen Löhne tatsächlich leichter ertragen würde, wenn auf-.er Gegenseite ebenfalls Opfer gebracht würden. So erklären sich Matznahmen, wie die kürzlich beschlossene Zwangs- anleihe auf Dividenden, die sechs Prozent übersteigen. Da aber der nationalsozialistische Staat nach seiner ganzen Wirtschaftsgesinnung auf die Mitarbeit des Kapitals an- gewiesen bleibt und das Kapital bekanntlich nicht im gleichen Matze wie der Arbeiter zum Verzicht auf Gewinn gezwungen werden kann, so bleibt die Erfüllung der von Dr. Ley erhobenen Forderungen immer eine problema- tische Sache. Es scheint, datz der Rücktritt von fünf Treu- händern der Arbeit in der vorigen Woche mit Auseinander- setzungen über diese Frage zusammenhängt, und Leys Aeutzerungen muten wie ein Protest gegen die beginnende Zurückdrängung der Arbeiterinteressen an. Daß der Staat sich diesen Protest gegenwärtig nicht mehr zu eigen machen will, wie das vielleicht noch vor einigen Monaten der Fall gewesen wäre, geht aus der Unterdrückung der Leyschen Erklärungen durch das Propagandaministerium hervor. Den Sieg dürfte wahrscheinlich die Auffassung behalten, die der Direktor der Commerz- und Privat- dank, Staatsrat R e i n h a r t, im Februar vor dem Aus- schütz des Zentralverbandes des Bank- und Bankier- gewerbes ausgesprochen hat: Die deutsche Wirtschaft werde sich damit abfinden müssen, daß die Rentabilität der Banken und ein angemessenes Entgelt für ihre Dienste unerläßlich sei. Im übrigen darf man gespannt sein, wie das mit Deutschland offiziell„befreundete" Japan sich mit dem Kosenamen„Kulis" abfinden wird. Der 1. Hai Ahnungsvolle Führer und unwillige Gefolgschaften DF.„Die gewaltigste Kundgebung der Welt.„Unter dieser Propagandalosung soll der nationale Feiertag am 1. Mai stehen. Bon den frühen Morgenstunden bis nach Mitternacht wird das ganze deutsche Volk von einer sahnen- und rede- reichen Festwoge ersaht werden. Keine Stadt, kein Betrieb, kein Dorf bleibt verschont. Tie ganze im selbstlob so starke Ausbaukraft des„dritten Reiches" wird auf die Vorbereitung der Feiern und Feste konzentriert. Enorme Kosten entstehen. Allein für Berlin mindestens 1 Million Mark. Die«ummen werden in der üblichen Art durch Bettel ausgebracht, dem öte. SA durch öffentliche Kontrolle unsanft Nachdruck verleiht. Es gibt eine Festplakette, die jeder tragen muh. der sich am 1. Mai unbehelligt auf der Strohe zeigen will. Was wird nun eigentlich gefeiert? Es soll, wie uns im offiziösen Stil mitgeteilt wird,„einmal die Geschlohenheit des schafsenden Volkes dargetan, weiter der feierliche Rahmen iür das durch das Gesetz der nationalen Arbeit vor- aesckr ebene feierliche Gelöbnis der Vertrauensmänner der »KÄSS-.?'«li-Ai«°°» K, 1; schen Kalendertag des 1. M« das neue Leb n d.e Wieder- fehr hpä ftriißlinaS zum Ausdruck gebracht werden. SÄ» K Ä<«p Nichts hörte man als ausgeleiert Phrasen. xzraani- .L-&r« Zusammengehörigkeit." Der Präsident der Arbeitsfront Dr. Ley:„Wir in der „deutschen Arbeitsfront" wollen die Menschen führen zu Anständigkeit, zu Kameradschaft, und, wenn notwendig, zum gegenseitigen Opfer." Das sind Predigten mit leeren Worten, die über die schweren Gegensätze zwischen Unternehmern und Arbeitern, über die ungelösten Fragen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung hinweggleiten. Viel aufschlußreicher war eine Kundgebung, die am Sonn- tag in der Hauptstadt des Ruhrgebietes in Dortmund unter der Losung:„Wie wir es schaffen!" stattgefunden hat. Da standen sich die Gewaltigen des Bergbaues, an ihrer Spitze Generaldirektor Dr. V ö g l e r und Vertreter aus den Gruben und aus den Eisenhütten gegenüber. Der Generaldirektor Dr. V ö g l e r versuchte eS mit einer Werkvereinsrede und mit einer byzantinischen Anwedelung seines großen Führers Adolf Hitler: Für Klassenkampf ist kein Boden mehr vorbanden... Es müsse Arbeiter der Stirn und der Hand geben, aber das ist für beide keine Trennungsgrund, sondern alle beide sind dienende Glieder am Ganzen, und haben es immer zu sein. Und sie müssen sich tref- fenintiefsterDankbarkeitfürAdolfHitler, und wenn wir morgen an unsere Arbeit gehen, dann denken wir daran, daß unser Führer für immer auf unsere Kraft und Mitarbeit vertrauen kann. Dann kamen der Gaubetriebszellenleiter Pg. Stein und der stellvertretende Gauleiter Stürz zu Wort. Gewiß sehr zuverlässige Pg., und in der Theorie von allen Klassen- gegensätzey oder gar von Marxismus weit entfernt. Aber immerhin, diese Herren kennen die Stimmung in den Be- trieben. Auch wenn die Delegationen in der Versammlung Fortsetzung siehe 2. Seite Gestern und heute Als vor einem Jahr die Gewerkschaftsverwallungen von Horden brauner Einbrecher vertrieben und die Verbandskassen gestohlen wurden, hallte der ganze Blätterwald der gleichgeschalteten Presse wider von der„Mißwirtschaft und Korruption der marxistischen Bonzen". So zum Beispiel bei der Eroberung der Berliner Metallarbeiterverbandskasse. Damals erklärte der Helfershelfer der neuen Herren, der inzwischen wieder kaltgestellte„Treuhänder der Arbeit" Engel einigen Stadtverordnetenkollegen der SPD., daß er in Wirklichkeit dort alles in tadelloser Ordnung gefunden habe. Auf die Frage, ob er nun dafür sorgen werde, daß jene Presseverleumdungen öffentlich richtiggestellt würden, erwiderte er achselzuckend, darauf habe er keinen Einfluß. Natürlich wurde nichts berichtigt, dort so wenig wie anderswo, wo überall alles in der gleichen Ordnung und Sauberkeit befunden worden war. Wäre es anders gewesen— mit welcher Wonne würden die Machthaber und die Justiz, die sich zu ihrer Dirne erniedrigt hat, über die Schuldigen hergefallen sein. Hatten sie die pflichtgemäße, leider viel zu spät und unzureichend vorgenommene Rettung einiger Vermögensteile vor den braunen Diebsklauen öffentlich als Unterschlagung und Untreue angeprangert— wie hätten sie erst triumphiert, wenn sie wirkliche Diebstähle an anvertrautem Arbeitergeld an öffentlicher Gerichtsstelle hätten nachweisen können! Wer aber hat im Verlauf fast eines Jahres etwas von solchen Prozessen vernommen? Wieviele marxistische Bonzen sind solcher Untreue überführt worden? Bisher haben wir nur von Prozessen gegen bürgerliche, zumeist rechtstehende Sachwalter und Politiker, gehört, wobei in den meisten Fällen noch nur solche Leute herausgesucht wurden, die dem braunen System irgendwie feindlich gegenübergestanden haben, und mitunter eine recht gequälte Beweisführung herhalten mußte. Klarer und deutlicher aber ist es in dem Gewimmel der schon bald zahllosen Fälle, in denen die Werkzeuge der neuen Herrlichkeit, die in Ermanglung anderer Herolde ihre Reinlichkeit und Uneigennüßigkeit selbst in allen Tönen gefeiert und ihre Vorgänger in den Schmuß gezogen haben, sich als ganz gemeine Genossen, als Diebe und Erpresser erweisen. Wie lange ist es her, daß der Polizeipräsident Vetter von Wuppertal wegen riesigen Unterschlagungen ins Kittchen gekommen ist. Schon ist ihm sein Kollege Grunert von München-Gladbach gefolgt, der zu sammen mit dem Sturmbannführer Gröschel die ganze Winterhilfe ari sich selbst betätigt haben soll. Daß sie außerdem einen SA.-Mann, weil er etwas darüber hat verlauten lassen, haben um die Ecke bringen lassen, würde ja im„dritten Reich" nichts weiter besagen, hätte nicht der Bruder des Ermordeten, Syndikus eines Unternehmerverbands, sich der Sache in Berlin mit Entschiedenheit angenommen. Die feinen Geschäftchen der Saarbrücker königlichen Kaufleute, der Dümpelmann und PK., die ihre Blutverbundenheit mit den alten Wikinger-Seeräubern durch Fälschungen und Schmuggel in großem Stil bekundet und sich von ihren kleinlichen semitischen Konkurrenten großzügig distanziert haben, runden wie die zahllosen Pressenotizen über örtliche Gauner kleineren Formats das Bild ab. Immer aber erst ein kleines Teilstück. Die Geschichte der antisemitischen wie der alldeutschen und ähnlicher„vaterländischer" Bewegungen ist zugleich eine Kette unsauberer Skandale, von dem noch gerade mit dem Geseß sich abfindenden groben Eigennuß bis zu glatten Diebereien und Gaunerstreichen jeder Art. Von Podbielski-Tippelskirch und General v. Liei rt in der Vorkriegszeit über die grenzenlose Korruption der Kriegsjahre in Etappe und Heimat bis zu den Lahusen, den großen Gönnern Hitlers, und dem General Reichstags- und Ministerpräsidenten G ö r in g, der den im Ausland erhobenen Vorwurf, daß er vier Millionen Mark vom Flugzeugkapital erhalten habe, noch vor keinem ausländischen Gericht von sich abgewaschen hat. Eine Galerie vaterländischer Ehrenmänner! So sind die Rollen richtig verteilt: die Marxisten in der Verbannung, im Konzentrationslager und Zuchthaus, aber als Ehrenmänner— die Hitle rianer als hochbesoldete Volksausbeuter, nicht wenige davon gemeine Diebe in Amt und Würden. Argus. Fortsetzung von der t Seite. Der I Mal gut ausgesucht sind, mehr als Volksgemeinschaftsgerede wollen sie hören. Und so wird denn losgelegt: Wenn ein Arbeiter einmal mit der Faust auf den Tisch schlägt, dann sagt nicht immer als Unternehmer:„Das i st ein Eingriff in die Wirtschaft." Gerade diese Arbeitskameraden handeln im guten Glauben und ein ehr- liches Wort von Mann zu Mann ist besser als die Herren- natur herauszukehren. Wirtschastsführer sein heißt auch. Führereigcnschasten besitzen! Man soll auch nicht immer mit den bekannten„marxistischen Gedanken- g ä n g e n" herumwerfen und sie diesem oder jenem in die Schuhe schieben wollen. Dadurch stößt man ab. Wenn wir aber den Marxismus ausschalten aus unserem Leben, dann auch die Prositgier, das Materielle und die Dividende, die den Marxismus hochgebracht haben... Gib» es aber heute noch Unruhen in Betrieben, dann ist schuld daran der Betriebsführer, denn es gibt keine schlechten Arbeiter, wohl aber schlechte Wirtschastsführer... Der Nationalsozialismus kennt keine Duckmäuser, ßriech ex«ud Unterwürfige. Gefolgschaft, jr e u t Gefolgschaft ist keine Unterwürfigkeit, son- scrn läßt sich gar sehr gut mit Kameradschaft und Gemein- schaft verbinden. Ein mit Autorität ausgestatteter Führer darf von seinem Gefolgsmann nichts anderes verlangen, als was er selbst zu tun bereit ist. In einem Uhr- Wert spielen die kleinen Uhrräder eine ebenso wichtige Rolle zum guten Gang wie d i e g r o ß e n n n d d i ck e n. Das Schicksal des national- sozialistischen Kämpfers ist nicht, Frieden zu bringen, son- dern neuen Kampf, auch wenn er in eine neue Richtung geht. Es gibt heute zu viele in Deutschland, die etwas zu sagen haben wollen. Dabei hat nur einer das zu tun, und das ist der Führer, und jeder, der da glaubt, etwas sagen zu müssen, macht sich mehr oder weniger lächerlich. Wir alten Nationalsozialisten haben einen Affekt, das ist der antibürgerliche. Das hat mit der bürgerlichen Stellung nichts zu tun. Ist das Demagogie? Gewiß die auch, aber nicht nur Demagogie. In aller Unklarheit der Gedanken und ihrer vollendeten Ziellosigkeit ist doch zu erkennen, wie ganz und gar unmöglich es auch für die Nationalsozialisten ist, die Waffen des Arbeitsvolks dauernd in einen nationalen Phrasenhlmmcl einzulullen. Man tut so. als versänken die harten wirtschaftlichen Sorgen vor dem großen Gebilde der Volksgemeinschaft in nichts, aber dann bricht plötzlich doch wieder die Unzufriedenheit mit Zuständen durch, die aus die Dauer ein wirkliches VolkSgcsühl, die Verbundenheit einer nationalen Gemeinschaft nicht zulassen. Wie sie sich fürchten, diese Naziredner, für Marxisten ge- halten zu werben, wenn sie auch nur von ferne die unver- minderten Gegensätze aufzeigen! Einer hat ganz richtig er- kannt, daß die„Profitgier* wie er moralisierend sagt, daß die kapitalistische ProduktionSanarchie und die Klassenvor- rechte der Besitzenden, wie die Marxisten nüchtern sagen, den Marxismus geschaffen haben. Was zieht er aber aus diesen „antibürgerlichen Affekten" für Lehren? Keine! Er be- hauptet, das alles habe mit der bürgerlichen Stellung nichts zu tun. Noch leben er und die Seinen in dem Wahn, oder tu» doch so, als ließe sich daö alles durch eine sozialistische Gesundbeterei, durch eine Art Schwärmerei der Unternehmer für den Bruder Arbeiter und des Kumpels für den Bruder Unternehmer überwinden. Diese verlogene Schwarmgeisterei wird den Nationalsozialismus zerbrechen, und wenn er sich durch noch so schwer bewaffnete Prätorianergardcn sichern will. Die zerfetzte und zerfahrene Wirtschaftsordnung, der erschütterte und in voller Unordnung sich befindende Gesell- schastskörper Deutschlands erfordern gewaltige, ordnende, sozialistische Kräfte, die nicht aus der Predigt, sondern nur aus der revolutionären Tat erwachsen können. Was verstehen eigentlich die Nazipreöiger unter„Sozialis- muö"? Staunend erfährt man immer neue Formulierungen. Der Gaubetricbszcllenleiter Pg. Stein verkündete aus der Dortmunder Tagung: (Gelingt es uns» in Teutschland die Arbeitslosigkeit zu be- seitigen, dann haben wir die größte sozia- listische Tat vollbracht, dann sind wir das sozia- listischstc Land der Erde. Welch ein Unsinn! Dann wäre also der Frühkapitalismuö, der alle verfügbaren Arbciterkräste, auch Frauen und Kinder au sich zog. ein sozialistisches Ideal gewesen! Dann hätten wir also in den kapitalistischen Hochkonjunkturen, die aus Polen und Italien Arbeiterhecre nach Deutschland riefen, weil die ländlichen Reservoric Teutschlands nicht genug Söhne für die Industrie abgeben konnten, sozialistische Groß- taten erlebt! Und doch sagte derselbe Redner, die Profitgier und Dividendenjägerei habe den Marxismus erzeugt. Wenn der deutsche Nationalsozialismus wirklich die Milli- oneu Erwerbslosen, und zwar zu viel elenderen Be- dingungu als einst der liberale Kapitalismus, in den Ar- bcitbprozeß einreiht, wird er den Millionen Arbeitern und Angestellten vergeblich einzureden versuchen, das sei eine sozialistische BefreiungStat. Dahinter erheben sich erst die Fragen nach Lohn und Arbeitszeit und nach Sicherung der Existenz und auch die entscheidende Frage, wie sich die deutsche Wirtschaft als Ganzes behaupten und entwickeln soll. Vor einem Jahre erlebte das deutsche Volk den Maitag noch im Rausch. Ter ist längst verslogen. Der Glaube ist durch den Zweifel verdrängt. Hinter den großen Fahnen marschieren viele, viele, die erkennen, welch hohles Gepränge da vor sich geht. Selbst die Reden der Nazigrößen können das nicht mehr ganz verbergen. Die Serren Kapitalisten in Deutschland werden böse Ahnungen haben, wenn sie heuer am L Mai mit ihren Gefolgschaften antreten. Der Tag war einmal das GlaubenSfest grundstürzender sozialistischer Ziele, die man aber feierte, als seien sie durch friedliche und artige Vereinsarbeit zu erreichen. Ter t. Mai wird einmal der Siegestag sozialistischer Kämpfer sein, die an kapitalistischer Rücksichtslosigkeit und sozialistischer BedingungSlosigkeit weit über den harmlosen Organisationen stehen, die einst friedlich atn 1. Mai demon st Herten. DaS deutsche Unternehmertum hat Söldner gedungen, um die alten revolutionären Organisationen zu.zerschlagen. Es wird erleben, daß cS der Revolution die Bahn frei gemacht hat. Sie berieten und vertagten zim... Tagung des Präsidiums der AbrOsfangskommisston dnb. Genf, 10. April. Unter Vorsitz Hendersons begann am Dienstag um 15.30 Uhr die Tagung des Präsidiums der Abrüstungskonferenz. Vizepräsident ist Politis(Griechenland). Ehrenpräsident ist Motta(Schweiz) und Berichterstatter Außenminister Benesch. Bon den Ländern sind vertreten: England, Frankreich, Italien, Japan, Bereinigte Staaten von Amerika, Sowjetrußland, Belgien, Spanien, Oesterreich, Argentinien, Tschechoslowakei, Schweden. Polen und Holland. Henderson erinnerte u. a. daran, daß im Dezember 1032 einige der Hauptmitglieder der Konferenz die Gleichberechtigung in einem System der Sicherheit beschlossen hätten. Die Konserenz selbst habe häufig beschlossen, daß man die Gleich- heil anstrebe, und zwar vor allem durch Rüstungsherab- setzung und die allmähliche Abschaffung der Angriffswasfen. Man müsse anerkennen, daß in den letzten Wochen gewisse Aenderungen eingetreten seien, die unsere Arbeit schwierig machten. Henderson beschwor die Mitglieder des Präsidiums, den Mut nicht sinken zu lassen, und weiter für die Abrüstung zu arbeiten. Nach der Rede Hendersons legte der englische Lordsiegel- bewahrer Eben den Standpunkt seiner Regierung auSführ- lieh dar. Eben sagte offen, daß die Schwierigkeiten sehr groß seien. Zwischen Frankreich und Deutschland gebe es zwei grundlegende Gegensätze: 1. Den Gegensatz im Hinblick auf die HeereSstärken und die Anrechnung der Ueberfeeiruppen und der ausgebildeten Reserven auf der einen Seite und der militärähnlichen Ver- bände auf der anderen Seite. 2. Di« Gegensätze im Hinblick aus den Zeitpunkt,, an dem die neue, kurzdienende deutsche Armee mit Verteidigungs- waffen ausgerüstet werden soll und im Hinblick auf die Aus« dehnung dieser Bewaffnung. Ein Abrüstungsabkommen sei nur denkbar, wenn diese und andere Gegensätze beseitigt werden könnten. Eden gab seiner Meinung Ausdruck, daß, wenn ein Abkommen, das eine Abrüstung in sich schließe, Zustandekommen solle, das schnell geschehen müsse. Er sei auch der Ansicht, daß nur ein solches Abkommen als würdiges Ziel so großer An- strengungen angesehen werden könne. Aus diesem Grunde sei die britische Regierung auch der Meinung, daß wichtiger als die Einberufung des Hauptausschosses der Abrüstungskonferenz der Verlaus der Abrüstungsarbeit in den nächsten Wochen sein werde. Der Vertreter Rußlands, Boris Stein, trat im Gegen- satz zu Eden für eine möglichst baldige Einberufung des Hauptausschusses der Abrüstungskonferenz ein. Der Italiener Marchese di Soragna äußerte sich nur kurz zu den Termtnfragen und schloß sich dem englischen Standpunkt an. Der Ehrenpräsident der Konferenz', der Schweizer Bundesrat Motta. hielt eine kurze Rede, die auf einen optimistischen Ton gestimmt war. Der Vertreter Frank- rcichs, Massigli, äußerte sich nur sehr zurückhaltend. Die Verhandlungen seien noch nicht abgeschlossen und eine neue Antwort Frankreichs stehe in Aussicht. Im übrigen stimme er den Vorschlägen Edens zu. Kurz vor 18 Uhr war die Sitzung de? Präsidiums der Ab- rüstungSkonferenz beendet. DaS Präsidium hat sich ent- sprechend dem englischen Vorschlag aus den 30. April vertagt. Gleichzeitig ist beschlossen worden, den Hauptausschuß etwa am 23. Mai zusammentreten zu lassen. . Die Tagung des Präsidiums der Abrüstungskonferenz hat also tatsächlich nur einen einzigen Tag gedauert. „Niemals die Anirflsfang Deotsdilands" Nor Idealisten and Träamer können glauben.... DNB. London, 11. April. In einem Leitanksatz kommt die „Times" auf die Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschland und Frankreich zu sprechen und bemerkt, die seelische Verfassung Europas sei zwar glücklicherweise weniger erregt als früher, aber doch noch nicht so, daß eine Reglung der Abrüstungssrage erleichtert werde. Die Er- höhung der deutschen Voranschläge für die Reichswehr und die Marine werde, so glaubt das Blatt, nicht dazu beitragen, die schwer gerüsteten Machte zu den kühnen Zugeständnissen zu ermutigen, die mehr Sicherheit geben als ein ttbervorsich- tiges Verharren auk legalen Rechten. Die britische Regie- rung habe trotz fortgesetzter Entmutiaungen geduldig auf eine internationale Vereinbarung über das gefährliche Problem der Rüstungen hingearbeitet und habe auch Ver- ständnis für die deutschen Argumente gezeigt. Aber ihr Ziel sei niemals die Ausrüstung Deutschlands gewesen. Freiherr v. Neurath habe, wie„TimeS" wissen will, dem britischen Botschafter in Berlin vernünftige Er-, klärnngen über die Haushaltserhöhungcn gegeben, aber es fei zu fürchten, daß feine Versicherungen nickt genügen würden, die Zweifel der Rachbarn Deutschlands zu de- seitigen. Solange der sranzösisch-deutsche Gegensatz fortdauere, könne nur der liebenswürdigste Idealist und Träumer glauben, baß die Unterzeichnung einer Konvention bevorstehe, wenn anch der Realist nicht die Hoffnung auszugeben brauche, baß schließlich doch eine Vereinbarung erreicht werden könne. Kirdiensturm in Westfalen Die protestantische Opposition wird immer lebendiger Dortmund, 10. April 1934. In Westfalen, der alten preußischen Provinz mit den härtesten Köpfen, erlebt jetzt der Herr Reichsbischos Müller den stärk st en Widerstand gegen seine Kirchen- Zentralisation im Zeichen des Hakenkreuzes. Die Gemeinden, von altersher an Selbständigkeit gewöhnt, wollen sich nicht gleichschalten lassen. Ihr Widerspruch gilt neben dem diktatorischen Kirchenregimcnt den„Deutschen Christen". Dauernd kommt es in Versammlungen und Kirchengemeinden zu erregten Zusammenstößen. Eine dieser Versammlungen hatte in Hagen dem dortigen national- sozialistischen Polizeipräsidenten baS Amt gekostet, weil er es wagte, eine oppositionelle Versammlung von evangelischen Gläubigen gegen den Ansturm der gewalttätigen„Deutschen Christen" durch Polizei schützen zu lassen. Es war die Ver- sammlung, in der Major Deutelmoser, der frühere Chef des Kriegspresseamtes, einem allzukühnen Nazichristen eine schallende Ohrfeige versetzte. Täglich kommt es zu kirchenamtlichen Maß- reglungen in Westfalen. In Dortmund wurden die Presbyterien der Reinoldi-Kirche und der Peter- und Nikolai-Kirche abgesetzt. Hier wirkten sich zum erstenmal die Disziplinarmaßnahmen auch gegen Laien aus. die kirch- liche Acmter einnehmen. Mit einem Schlage wur- den 14 Superintendenten und andere ftth- rende Geistliche ihrer Aemter enthoben. Diese Mahregel traf auch den Präses Koch, den Vorsitzenden der westfälischen Provinzialsypode. Er hatte sich geweigert, der Notverordnung des Reichsbischofs zu folgen und diese kirch- liche Körperschaft auszulösen. Genau wie im Rheinland ist die kirchliche Synode auch in Westfalen demokratisch organi- sicrt. Tie widerstrebt dem ihr gewaltsam aufgenötigten Ein- bruch der„Deutschen Christen". In Flugblättern werden die Gläubigen aufgefordert, in diesem Kampfe auszuharren. Hundertvierzig westfälische Gemeinden haben sich im Verlaus dieser Auseinandersetzungen auf Grund ordnungsgemäßer Beschlüsse der Presbyterien der protestie- renden Bekenntnisbewegung angeschlossen. Der vom Reichs- bischof eingesetzte Landesbischof Adler wird nahezu überall abgelehnt. Das gleiche Schicksal erfuhr auch die Karfreitag»- botichaft d«S Reichsbischofs, die die Synode als„unauf- richtig" bezeichnet. Sie erreichen das gerade Gegenteil bei „Times" fährt fort: Das nächste Wort hat Frankreich zu sprechen. Hauptsächlich wird die kommende französische Note Aufklärung darüber geben, welche Garantien Frankreich wünscht. Als sichere Tatsache kann man annehmen, daß die britische Regierung eine Garantie nur unterzeichnen wird, wenn in dem Abkommen als Gegenleistung, abgesehen von der Ergänzung der deutschen Rüstungen und der allgemeinen Kontrolle, eine Verminderung der Rüstungen der schwer bewaffneten Länder vorgesehen ivird. Die Schwierigkeiten der französischen Lage werden in Eng, land durchaus verstauben, aber England wünscht eine Ber» Minderung ber Rüstungen nicht unter unmöglichen und unpraktischen Bedingungen, die zum Kriege führen könnten, sondern ans einer reali- stischen Grundlage, die den Frieden erhält,. Für diesen besseren Schutz der allgemeinen europäischen Sicherheit ist das britische Volk bereit. Opfer zu bringen. Cs ist klar, daß es ohire das Versprechen einer Aktion irgcudwcbcher Art kein Abkommen geben kann. Es wird vielleicht nur ein«uro- päischcs Abkommen werden, aber irgendein Abkommen ist besser als aar kein Abkommen. Ein Versprechen der er- wähnten Art wird aber nur gegeben werden, wenn das Ab- kommen der Mühe wert ist, wenn es eine wirkliche Rttsiungsverminderung bringt, wenn sie eine wahre«uro- päischc Befriedung verbürgt, was ja letzten Endes das ganze Ziel ber Abrüstung ist. gewünschten Erfolges und werben als Kampfansage empfunden. Zu den innerreligiösen Zwistigkeiten gesellt sich in der evangelischen Kirche die wachsende Desorganisa- tion des Verwaltungsapparates. Niemand mehr kennt sich noch in der Fülle der Notverordnungen und Ver- sügungen aus, sofern sie überhaupt Beachtung finden. Schon taucht die Frage auf, ob diejenigen kirchlichen Körperschaften, die sich auf Grund der reichsbischöklichen Dekrete nicht auf- gelöst haben,„illegal" seien oder nicht. Kein Mensch weiß, wie dieser vollkommen zersetzte Apparat wieder zusammen- geschweißt werden kann, um so weniger, als die Zahl der- jenigen Gemeinden wächst, die infolge der Maßreglung ohne jeden geistlichen Beistand sind. Bnrgerhrfegssflmnaang Gegenseitige Vorwürfe Paris, 11. April. Seit Tagen fordert die kommunistische „Humantte" unter Beibringung angeblicher Dokumente die Entwaffnung der sogenannten faschistischen Verbände, die — wie das Blatt behauptet— mit Hilfe militärischer Stellen bewaffnet würden. Jetzt veröffentlicht das„Journal", wahrscheinlich zur Abwehr derartiger Behauptungen, die Faksimiles zweier Rundschreiben der sogenannten gemein- samcn Front zur Bekämpfung dcS Faschismus. Eines dieser Dokumente ist ein Werbeschreibcn zur Unterstützung der Abwehrbeweaung. Das zweite fordert die Adressaten auf, nähere Angaben über ihre Militärverhältnisie- und ihre körperlichen Befähigungen zu machen, d. h. ihre Eignung, an etwaigen Kampsstaffeln teilzunehmen. Das.„Journal" glaubt, baß auS diesem Dokument die Vorbereitung zum Bürgerkrieg sich ergebe, und verlangt, baß die Regierung sofort einschreite. Pas Neueste Am Dienstag hat in einer der belebtesten Pariser Straßen ein im Sä. Lebensjahr stehender Belgier einen Landsmann niedergeschossen. Der Täter ließ sich ohne Wider» stand zu leisten festnehmen und erklärte bei seinem ersten Verhör, daß das Opfer sein Schwiegersohn sei, der vor acht Jahren in Antwerpen in einer Gerichtsverhandlung seine Frau, mit der er in Scheidung lebte, erschofle» habe. Sei« Schwiegersohn sei vom belgischen Gericht zu vier Jahre« Zuchthaus verurteilt, aber später begnadigt worden. Er habe»hu seit acht Jahren gesucht, um seine Tochter, der«« Ehe ein Martyrrum gewesen sei» z« rächen. Waffen an der saar? Polizeiamtliche Mitteilung Amtlich teilt die Saarbrücker Polizeiverwal- tung mit: Der Kaufmann Oskar Kraft, geboren am 22. Juni 1897 in Heidelberg, zur Zeit polizeilich in Saar- brücken gemeldet, hat am 6. April 1934 vor Beamten der Polizeidirektion in bestimmter Form Bekundungen über ein geheimes Waffenlager gemacht, das sich in einem Weinkeller innerhalb der Stadt Saarbrücken befinden soll. Es wurde von ihm angegeben, daß sich in den Kellereien der Firma Hauck, AmHomburgNr. 26, ca. 1999 Gewehre Modell 98 bzw. 88, mehrere Maschinen- gewehre, zahlreiche Stielhandgranaten. Revolver, Muni- tion und sonstiges Waffenmaterial in Verstecken befinden würden. Die hierauf pflichtgemäß vorgenommene polizeiliche Durch- fuchung der fraglichen Räume verlief ergebnislos. Kraft erklärte, über die Gründe seiner Angaben befragt, er wolle nicht zum Mitschuldigen an einer bewaffneten Aus- einandersetzung werden, die sich aus dem Waffenbesitz ent- wickeln würde. Schließlich verlangte Kraft auch eine Be- lohnung für den Fall, daß die Waffen gefunden würden. Die Angaben des Kraft wurden auch noch ausrecht erhalten, nachdem die Durchsuchung bereits ohne Erfolg statt- gefunden hatte. Noch am 8. und 9. April hat Kraft— sogar unter Vorlage eines det'aillierten B erzeich- n i s s e s über die angeblichen Wasfenbestände— seine Be- bauptungen wiederholt. In dem Verzeichnis machte Kraft folgende Angaben über in Saarbrücken gelagerte Waffen: zirka 1999 Gewehre, 98er Modell, zirka 275 Gewehre, 88er Modell. 9 schwere Maschinengewehre, 499 Seitengewehre, 6 Kisten Stielhandgranaten, 8 Kisten Revolver, 2 Kisten Eierhandgranaten, 1 Kiste mit Sprengkapseln usw., 8 Eisen- kästen m»t Maschincngcwehrmuniiion, 1 große Kiste In- sauteriemuuition, eine größere Menge Revolvermunition. Weitere Mitteilungen über die Lagerung dieser angeb» lichen Bestände hat Kraft nicht gemacht. Rußland zahl! mit Gold Tempo des Währungssturzes vorübergehend aufgehalten Berlin, 10. April. Nach der starken Beanspruchung der Reichsbank zum Ultimo März, die mit 533,8 Mill. RM. den höchsten Betrag seit Dezember 1931 erreicht hatte, zeigt der Reichsbankausweis vom 7. April eine sehr starke Entlastung, die mit 317,7 Mill. RM. schon mehr als die Hälfte der Vierteljahrsbcanspruchung ausmacht. Im einzelnen haben die Bestände an Handelswechseln und -schecks um 192,2 Mill. auf 2951,6 Mill. RM., an Reichs- schatzwechseln um 60,0 auf 30,1 Mill. RM., an Lombard- forderungen um 73,7 Mill. auf 70,8 Mill. abgenommen, da- gegen die Bestände an deckungsfähigen Wertpapieren um 8,7 auf 858,5 Mill. RM. zugenommen. Die Bestände an sonstigen Wertpapieren zeigen mit 330,9 Mill. RM. eine Abnahme um 0,6 Mill. RM. Der gesamte Zahlungsmittelumlauf lag am 7. April mit 5427 Mill. RM. unter Vorjahreshöhe<5488 Mill. RM.s. Die täglich fälligen Verbindlichkeiten zeigen mit 502.1 Mill. RM. eine Abnahme um 45,4 Mill. RM. Eine leichte Besserung weist die Entwicklung der Deckungsmittel auf, die sich lediglich um 4,6 Mill. RM. vermindert haben, und zwar nahm der Goldbestand um 6.4 aus 230,7 Mill. RM. ab, während die deckungssähigen Devisen um 1,9 auf 10.0 Mill. RM. zunahmen. Der geringe Abgang an Gold und Devisen ist nur verursacht durch die Ankunft von Russen- gold. Scheidemünzen erhöhten sich um 59,3 auf 229,2 Mill. RM. Die Notendeckung zeigt mit 6,9 Prozent gegenüber 6,7 Prozent in der Vorwoche eine leichte Erhöhung. Saarpatriot Röchling— französischer Heereslieferant Der Wortführer der„deutschen front" trägt auf mehreren Schultern Hermann Röchling, der Cherusker des Saargebietes und der„deutschen Front", hat sich bis heute über die Vorgänge in seiner Pariser Firma ausgeschwiegen. Dafür aber mußte sich der deutsche Nachrichtendienst ins Zeug legen und endlich nach Ostern der gleichgeschalteten Presse für das Saar- und das gan-s Reichsgebiet eine Meldung zuleiten, in welcher gegen den Vorstoß des elsäfsischen Senators Dr. Pfleger polemisiert wird, wobei dann auch nebenbei erwähnt wird, das Haus Röchling habe„natürlich niemals irgendwelche Verbindungen mit Stavisky gehabt" Dann heißt es weiter:„Einen Stavifkh heranzuziehen, hätte auch für Röchling keinen Sinn ge- habt, da für die Firma Röchling selbstver- ständlich der strikte Grundsatz gilt. Auf- träge für die französische Rüstungs- industrie nicht anzunehmen." So mußte also das Deutsche Nachrichtenbüro Röchling und seine französischen Geschäfte, oder vielmehr die Ge- schäfte seiner französischen Firma decken. Hermann Röch- ling aber war bisher immer so vorsichtig, kein Wort über die für ihn anscheinend so peinliche Affäre seinen Leib- und Magenblättern der„deutschen Front" an der Saar zugehen zu lassen. Wenigstens ist bis heute keine Zeile dort erschienen und wir nehmen nicht an. daß man Hermann Röchling nicht zu Wort kommen ließe. Die„Volksstimme" aber ist in der Lage, obige Notiz des Deutschen Nachrichtenbüros vom 4. April, die zum Bei- spiel in der„Saarbrücker Zeitung" unter der Ueberschrift „Französische Hetze gegen Hermann Röchling" erschien. alsgrobeUnwahrheitin ihrem wesentlichsten Teil feststellen zu können. Das ist keine Erfindung von uns oder von anderer antifaschistischer Seite, sondern wir lassen die Röchling-Firmo in Paris selb st sprechen. Einen Briefbogenkopf abzudrucken genügt, um das Gegenteil zu beweisen, was da zur Verteidigung Hermann Röchlings im Deutschen Nachrichtenbüro ver- sprechen. Die Titelüberschrift des Brief- Kopfes lautet: ACIERS FINS SOCI£T£ ANONYME FRANCAISE FORGES&. ACl£RIES de la SARRE capital 2 ooo ooo de francs FeuRNisseuR ob ia marin« nationale. ob» chemins ob fer a ob» rrincirales Administration» obl' Etat Um keinen Zweifel aufkommen zu lasten, steht darunter links am Briefbogen vorbeilaufend: „Usines ä Voelklingen sur Sarre"... Auf Deutsch würde das ungefähr heißen: Französische Feinstahl-Gesellschaft m. b. H. der Eisen- und Schmiedewerke an der Saar Werke in Völklingen an der Saar Also ist kein Zweifel mehr über die Firma. Darunter aber steht klein und unscheinbar über den ganzen Brief- Kopf: „Fournisseur de la Marine Nationale, des Ch> mins de Fer et des principales Administrations de l'Etat" Auf Deutsch heißt das nichts anderes als: „Lieferant der französischen Nationalmarine, der Eisenbahn und der wichtigsten Staatsverwaltungen" Also: Röchling liefert nicht an die französische Rüstungs- industrie. nein. Gott bewahre! Aber seine Verkaufsgesell- schaft in Paris empfiehlt sich ausdrücklich als Liefe- rant für die nationale Marine Frankreichs, für die französische Eisenbahn und für alle wichtigen Verwaltungen im französischen Staat. Die..Volksstimme" fragt bei dieser Gelegenheit erneut: Stimmt es, Herr Röchsing, daß das doch auch unter Ihrer«Führung"(?) stehende Unternehmen„Acieries de Longwy", an welchem die Röchllngbetriebe mit 50 Prozeit beteiligt find, 200 000 Tonnen Stahl für die französischen Rüstun^werke geliefert hat? Und weiter, Herr Kommerzienrat Röchling: Ist es wahr, dah Ihr S p e- zial-Federwerk, neu eingerichtet, seine Pro- dukte im wesentlichen nach Frankreich abseht? Herr Röchling, der„deutjche-Front"-Ritter von der Saar, schweigt zu der Stavisky-Volonte-Verbindung des Pariser Röchlingsunternehmens..Lorsar". Er wird sich auch weiterhin ausschweigen und Göbbels Iournalisterei seine Verteidigung überlassen. Aber die Wahrheit läßt sich nicht totschweigen. Zehn Monate Gefängnis Röchlings Rcdife- Röchlings unhe fOr einen Leser der„frelhelt" DNA. Mannheim, 10. April. Der Bauarbeiter Schneider hatte bei einem Besuch in Basel die„Deutsche Freiheit" eus der Schweiz mit über die badische Grenze genommen: sie wurde ihm an der Grenze von einem Staats, polizeibeamteu aus der Tasche gezogen. Das Badische Sou- dergericht in Mannheim erkannte aus eine Gesäugnisftrase von zehn Monaten. Der Staatsanwalt hatte eineinhalb Jahr Zuchthaus beantragt. „Greuellflgen am Pranger" Ein demütiger Rückzug Prag, 10. April. lJnpreß.l Die deutschnatiouale„Sudeten- deutsche Tageszeitung" hatte im vorigen Jahr die Berichte des Schriftstell rs Egon Erwin Kisch, die nach seiner Haft- Entlassung und Ausweisung aus Deutschland erschienen, als „erlogen" bezeichnet. Kisch verklagte das Blatt, um den Hitlerprvpagandisten Gelgenheit zu geben, vor Gericht nach- zuweisen, daß die von ihm veröffentlichten„Greuelnach- richten" unrichtig seien. Jetzt hat die„Sudetendeutsche Tageszeitung" ihre da- walige Behauptung auf Grund eines außergerichtlichen Ver- gleichs öffentlich widerrufen, weil sie es auf die Durchfüh- rung des Prozesses nicht ankommen lassen wollte. Tie in ihrem Blatt veröffentlichte Erklärung hat folgenden Wort- laut:.Greuellügner am Pranger Unter diesem Titel brachten wir in unserm Blatte vom 16. Mai 1933 einen Artikel, der heftige Angriffe gegen den Schriftsteller Egon Erwin Kisch enthielt, durch welche sich Herr Kisch mit Recht beleidigt fühlen konnte. Diesen Artikel haben wir aus einem Berliner Pressedienst entnommen. Da wir unS von der Unhal"'arkeit der in diesem Artikel gegen E. E. Kisch e'^obencn Angriffe überzeugt haben.*t wir hiermit, daß wir mit dielen Angriffen nicht identi- ksnnen und widerrufen darum mit dem Ausdruck des Bedauerns alle gegen E. E. Kisch erhobenen Angriffe und Beleidigungen, selbstredend auch die Beschuldigung der Verbreitung von Greuellügen über Teutschland. Tie Re- daktion."..... Ferner verpflichtete sich daS Blatt, außer den bereits ent- ftandenen Prozeßkosten einen Sühnebetrag in Hohe von 1000 Kronen für die Unterstützung von Emigranten zur Ver- sügung zu stellen. SA.-Leute schänden eine Synagoge in Westfalen Zwölf große und künstlerisch wertvolle Fenster der«nna- ssoge zu Beverungen in Westfalen wurden Zertrümmert d e Tü" der Snnagoge wurde aus den Angeln S-hoben Wie^e Polizei mitteilt, sind als die Täter Mitglieder der CA.- Sportschule in Beverungen ermittelt worden. Paris. 10. April.(Eig. Meldg.) Im Zusammenhang mit den polizeilichen Durch- suchungen in den Geschäftsräumen der Lorsar erinnert die „L u m i e r e", die bekannte Wochenschrift der sranzösi- schen Linken, daran, daß das Gründungskapital dieser Gesellschaft zu 50 Prozent von der Socists Lorraine Minore et Mstallurgique, d. h. der französischen Groß- industriellen-Familie Dreux und zu 50 Prozent von Röch- ling dem„Geldgeber Hitlers und eingefleischten Feinde Frankreichs" stammte. Das Blatt hat schon vor Jahres- frist darauf aufmerksam gemacht, daß Röchling gemeinsam mit den lothringischen Hüttenbesitzern für die frai zösi- schen Ostbefestigungen arbeite, und es fragt heute, ob man sich wundern könne, wenn Pläne dieser Befestigungen in die Hände Röchlings und der Lorsar gefallen seien. * Weiter weist die Lumiere auf den Briefkopf der Lorsar hin. Dort steht:„Lieferant der nationalen Marine, der Eisenbahnen und der hauptsächlichen Staatsverwal- tungen" Natürlich sind die französischen Vermal- tungen gemeint, und die erbauliche Tatsache wird offen- kundig, daß Herr Röchling, während er die rechte Hand zum Hitlergruß emporreckt, mit der linken die Gelder einsteckt, die ihm aus den Lieferungen für den französi- schen Staat und nicht zuletzt aus denen für den Bau be* gegen Deutschland gerichteten Festungen zufließen. Abenteuerliche Rettungsfliige Die Flugzeuge auf der•.Ts;helJuskin"-Sc)iolie Moskau, 10. April. Wie aus Wankarem gemeldet wird, sind drei russische Flieger zur Rettung der„Tscheljuskin"-Be- satznng aufgestiegen. Bei der Landung aus dem von der Mannschaft errichteten Flugplatz brach die rechte Achse des Fahrgestells des einen Flugzeugs. Das Flugzeug soll an Ort und Stelle instandgesetzt werden und dann wieder auf- steigen. Die beide» anderen Flugzeuge mit den Fliegern Kamauiui und Molokow landete» glatt, nahmen fünf Mann der „Tschuljustiu",Besatzuug au Bord und brachten sie nach Wankarem. Die Zahl der Geretteten hat sich damit aus fünfzehn erhöht, nachdem am 5. März durch den Flieger Liapedewfki die Frauen und Kinder der Besatzung, insgesamt zehn, ge- rettet wurden. Bei den unerhört schwierigen Witterungsverhältnifle» ist der Flug der beiden Russen eine fliegerische Großtat. In- zwischen bemüht sich die„Tscheljuskin"-Besatzung täglich auf« neue um Freihaltung der Klugzeuglande- fläche, die immer wieder infolge Eisverschiebungen zer- trümmert wird. Es scheint aber, daß nun am Ende beS zweiten Monats ihres Gefängnisses auf dem Eis Hoffnung auf endliche Erlösung besteht. Ein seit dem 28. März vermißtes Flugzeug, das zum Flug von Anadir nach Kap Wankarem aufgestiegen war, aber seitdem vermißt wurde, ist setzt aufgefunden und seine Be- satzung lebend gerettet worden. Das Flugzeug hatte infolge der ungünstigen Wetterlage bald nach dem Ab- flug von Anadir eine Notlandung in der Eiswüste vor- nehmen müssen. Die drei Insassen bliebe» bei der Not» landuna unverletzt und begannen eine Fußwanderung nach Anadir. Unterwegs verloren aber zwei Mann den Weg, während der Flieger Razin sich nach Anadir hin- schleppen konnte, wo er völlig erschöpft und halb ver- hungert am vorigen Donnerstag eintraf. Schlittenexpeditionen retteten dann auch die beiden Zurückgebliebenen. Diese hatten sich dann wieder zu ihrem Flugzeug zurückbegeben und schon die Hoff- nung aus Rettung verloren. Als man das halbverschneite Flugzeug freimachte, fand man sie im Innern der Maschine aus und brachte sie nach Anadir. Der russische Dampfer„S m o l e n s k" befindet sich zur Zeit aus der Fahrt nach Olutarsky Der Dampfer hat drei Flugzeuge an Bord, die bei den Rettungsarbeiten für die Besatzung deS gesunkenen Polardampfers„Tscheljuskm" eingesetzt werden sollen. * Moskau, 10. April. In einem Funkspruch aus dem Lager der„Tscheljuskin"-Besatzung heißt es, daß seit gestern die Witterungsverhältnisse wieder eine ungünstige Wendung ge- nommen haben. Der im Lager gelandete Flieger Slepnew,. der beabsichtigte, neue Mitglieder der Besatzung nach Wan- karem zu bringen, hält sich gegenwärtig noch bei den Schiff- brüchigen aus, da er den Start wegen des Wittcrungsum- schlags verschieben mußte. Desgleichen haben die anderen russischen Flieger, die von Wankarem nach dem Lager des Professors Schmidt fliegen wollten, einstweilen auf den Start verzichtet. Die am Samstag von den Fliegern nach Wankarem gebrachten fünf Personen aus dem Lager des Professors Schmidt wurden gestern mit dem Flugzeug nach Wellen befördert, da ihr Gesundheitszustand außerordentlich gelitten hat. „Deutsche Freiheit", Nr. 81«M«K B■ BN UsF VI■«M■ 99^EM^^UB B Saarbrücken. Donnerstag. 12. April 1934 „Der große Versager Führer und Gefolgschaft Die„National-Zeitung" in Essen, die bis vor kurzer Zeit bekanntlich das offizielle Organ des preußischen Ministerpräsidenten Döring war und auch heute noch auf ihrem Kopf die Bezeichnung„Organ der nationalsozialistischen Arbeiterpartei" führt, veröffentlichte am 5. April einen sensationellen Artikel, der ein bezeichnendes Licht auf die trostlose Lage der arbeitslosen Angestelltenschaft in Deutschland wirft. In dem Artikel, der durch seine scharfe Sprache gegen das private Unternehmertum auffällt, heißt es unter anderen: Der deutsche Unternehmer möge sich doch einmal ganz offen vor Augen halten, daß die Belebung der Wirtschaft nicht eine zufällige oder natürliche Konjunktur darstelle. Abgesehen von einigen wenigen Fällen, die, gemessen an der gesamten Arbeitslosigkeit, gar nicht in Erscheinung träten, habe der deutsche Industrie- und Wirtschaftsführer bis heute nichts getan. Das sei wohl eine harte und bittere Sprache, aber es sei die Wahrheit. Seit dem 21. März sei das Stellenangebot in allen bedeutenden Tageszeitungen auf nahezu ein Nichts zurückgegangen, und in den wenigen Angeboten würden zumeist so huarsträubendc, unmögliche und ungerechte Forderungen gestellt, daß eine Bewerbung völlig aussichtslos sei, zumal man sich erfahrungsgemäß doch sagen müsse, daß die betreffenden Stellen nicht nach den eingegangenen Bewerbungen besetzt werden. Aber es sei bezeichnend, daß dieses völlige Versdiwinden jeglicher Stellenangebote gerade in dem Augenblick eingetreten sei, als Tausende erwerbsloser Arbeiter und Angestellter neuen Mut faßten, als sich dem Unternehmer eine psychologisch hervorragende Chance bot, einen guten Willen gemäß dem„Gemeinnutz geht vor Eigennutz" zu beweisen. Die neue nationalsozialistische Gesetzgebung habe dem Unternehmer ganz klar seine Stellung im Betrieb garantiert Aber jetzt, da die Zeit gekommen sei, auch die 1' ührerschaft zu erweisen und sich im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu bewähren, gerade jetzt komme der große V e i s s g e r. Die. mnelhesfodts" Die„Neue Zürcher Zeitung" berichtet! Der nunmehr vorliegende Wortlaut des neuen Kapital- «nlagegeseges oder, wie sein offizieller Titel lautet,„Gesetz über die Bildung eines Anleihestocks hei Kapitalgesellschaften" besagt in Ergänzung zu unseren frühern Mitteilungen, daß sich die Bestimmungen zur Bildung eines Anleihestocks auf diejenigen Geschäftsjahre bezieht, die in der Zeit vom 1. Oktober 1933 bis 31. Dezember 193-1 enden. Bei manchen Gesellschaften können somit zwei Geschäftsjahre unter das Gesetz fallen. Ferner heißt es, daß die Vorschriften nicht gelten, wenn bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes über die Gewinnverteilung beschlossen worden ist. Um so mehr Beachtung verdient es, daß die ersten drei Gesellschaften, die die Bildung eines„Anleihestocks" vornehmen, dies freiwillig tun. da der Beschluß auf Dividendenerhöliung über 6 Prozent hinaus von den Generalversammlungen bereits vor der Veröffentlichung des Gesetzes gefaßt worden war. Es sind dies drei zum Sprit-Konzern Ferd. Rückforth Nachf. AG., Stettin, gehörende Unternehmungen. So bildet die Boh- risch Brauerei AG., Stettin, bei Dividendenerliöhung auf 7 Prozent(i. V. 6 Prozent) auf 1.55 Mill. RM. AK einen Anleihestock von 15 500 RM., die Brauerei Elysiuni bei 8 Proz. (6 Prozent) Dividende auf 630 000 RM. einen Änleihestock von 12 000 RM. und die Stettiner Bergschloßbrauerei AG. bei 8 Prozent(6 Prozent) Dividende und 830 000 RM. AK einen Anleihestock von 16 500 RM. Audi die Portland Dement- fabrik Hemmor(5,06 Mill. RM. AK) muß bei einer Dividendenerhöhung auf 7 Prozent(4 Prozent), worüber erst jetzt Beschluß gefaßt worden ist, einen Änleihestock von 50 550 RM. bilden. Ostpreußens Industrialisierung Die von dem Oberpräsidenten Erich Koch eingeleitete Industrialisierung Ostpreußens, die keineswegs den ungeteilten Beifall aller in Deutschland gefunden hat, da sie ja praktisch nur eine Verlagerung der Arbeitslosigkeit bewirken kann, ist in vollem Gange. Eine Reibe von Fabrikanlagen und Werkstätten gehen der Verwirklichung entgegen, als erste eine von Braunschweiger Firmen gegründete Konservenfabrik in Marienwerder. Mit 50 Landwirten in der Weichselniederung wurden Anbauverträge gesdilossesn, um den als Grundlage für die Konservenfabrik wichtigen Gemüseanbau zu organisieren, auf Grund deren sie das Saatgut geliefert bekommen und sich verpflichten, eine Ackerfläche von bestimmen Größe für die Belieferung der Konservenfabrik anzubauen. Die Kosten für das Saatgut werden ' von dem Erlös der Ernte durch die Fabrik abgezogen. Die Tagesleistung der Fabrik soll 20 000 Kilogramm betragen. Das hört sich alles gut an und sieht nach Planwirtschaft aus. ist aber in dieser Form unwirksam, da ja die Kaufkraft nicht steigt, sondern sinkt, wie sich aus den Lohnsummen ergibt, so daß also jede Erweiterung der Produktion an der einen Stelle nur zu Betriehsschließungen an einer anderen Stelle führen kann. 100 Arbeiter und 50 Landwirte werden hier Arbeit finden, und anderswo werden ebenso viele zwangsläufig aus der Produktion verdrängt werden. Waggon-Industrie Bei der Waggonfabrik Talbot in Aachen hac die Beschäftigung in den letzten Monaten zugenommen. Sowohl von der Reichsbahn liegen Bestellungen auf Triebwagen vor als auch Aufträge von der Privatindustrie. Dagegen hallen die Kommunen mit Straßenbahnbestellungen zurück. Das Exportgeschäft allerdings habe weiter nachgelassen, z. T. auch deshalb, weil einzelne Länder(so z. B. Südafrika) eigene Waggonfabriken errichtet haben. Neuer Goldzugang bei der Bank von Frankreich Der Ausweis des französischen Noteninstituts zeigt erwartungsgemäß eine neue Steigerung des Goldbestandes um 248 Mill. Fr. gegen 314 Mill. in der Vorwoche, was wohl vorwiegend auf Zugänge aus der Schweiz zurückgeht, Die Finanzpolitik der französisdien Bourgeoisie Von Boris Skomorowsky(Paris) Die Regierung des neuen Bloc national ist, nachdem sie die Volksvertreter für längere Zeit auf Urlaub geschickt hat, nun daran gegangen, von den außerordentlichen Vollmachten Gebrauch zu machen, die ihr das Parlament bewilligt hat. Die erste Serie der Notverordnungen, die sich mit der Wiederherstellung des Gleichgewichts im Staatshaushalt befassen, hat am 5. April das Tageslicht erblickt. Dies gesetzgeberische Produkt, das in der Stille der bürokratischen Amtsstuben zur Reife gediehen ist, deckt die konservative soziale Wesenheit des von Doumergue geführten Kabinetts auf. das mit der größten Willfährigkeit die Politik des Großkapitals und der Banken in die Praxis umsetzt. Die vergebliche Suche nach dem Budgetgleichgewicht dauert nun seit bald zwei Jahren an. Die innerlich brüchigen radikalen Kabinette brachten außer halben Maßnahmen nichts zuwege, und diese halben Maßnahmen ignorierten zudem die Ilaiiptursadic des Durcheinanders der Staatsfinanzen: die Wirtschaftskrise. Zur Bekämpfung der Krise, soweit sie im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung überhaupt möglich ist, sind aber geradezu heroische Eingriffe in die Wirtschaft vonnöten. Von den politischen Routiniers, die der ehemalige Präsident der Republik um sich geschart hat, waren sie jedenfalls nicht zu erwarten. Das amtierende Ministerium beschränkt sich auf fiskalische und Verwaltungsmaßnahmen, die die Wirtschaftskrise nicht nur nicht mildern, sondern im Gegenteil sogar verschärfen müssen. Mit der finanzpolitischen Diktatur ist der Finanzminister Germain-Martin, Professor an der Pariser Universität und Mitglied der Akademie, betraut, der ein wandelndes Beispiel der Borniertheit bürgerlicher Wirtschaftswissenschaft ist, unfähig, ihre vermotteten„klassischen Gesetze" beiseite zu schieben und sich auf das Niveau der gigantischen Aufgaben emporzuarbeiten, die unser revolutionäres Zeitalter den Staatsmännern zu lösen aufgibt. Der Haushaltsplan für 1934 balanciert mit einem Defizit von 1,9 Milliarden Franken(veranschlagte Einnahme in Höhe von 48,3 Milliarden gegen 50,2 Milliarden Ausgaben!). Mit Hilfe diverser Handgriffe, denen im wesentlichen nur papierne Bedeutung zukommt, hat Germain-Martin dies Defizit in einem Budget Überschuß von 55 Millionen Franken verwandelt. Demgegenüber haben die Sozialisten immer wieder darauf hingewiesen, daß das papierne Budgetgleichgewicht völlig illusorisch sei, solange die wirtschaftliche Stagnation anhalte. Und schon die beiden ersten Monate des laufenden Jahres weisen einen Mindereingang an indirekten Steuern allein in Höhe von 600 Millionen Franken im Vergleich zum Etatvorauschlag auf! Die Regierung muß also wieder das zerschlissene Gewand des Staates flicken, indem sie an der einen Stelle ein Stück wegschneidet, um an der anderen den klaffenden Riß zu verdecken: Ausgabenkürzungen in Höhe von 4 Milliarden Franken sind erforderlich, damit das w i r k 1 i e h e Gleichgewicht des Staatshaushalts gesichert werde. Bis jetzt konnten die Angriffe der verschiedenen Finanz- minister auf das Portemonnaie der Staatsbediensteten im großen und ganzen durch die energische und koordinierte Aktion der Sozialistischen Partei und der Gewerkschaften auf parlamentarischem wie auf außerparlamentarischem Gebiet abgewehrt werden. Die Kürzung der Bezüge der schleeh- testbezahlten Kategorien(465 000 von insgesamt 857 000) konnte verhindert werden. Jetzt dekrediert die Regierung im Veroi dnungswege eine allgemeine Kürzung der Bezüge der Staatsbediensteten, so gecing sie au.h sein mögen, um 5 bis 10 Prozent. Noch härter werden die Pensionsbezieher getroffen, deren Beziige in manchen Fällen um ein Drittel beschnitten werden. Neben dem Gehaltsabbau sehen die Notverordnungen Personaleinschränkungen um insgesamt ein Zehntel des gegenwärtigen Standes vor. Und damit diese Maßnahme nicht, wie das so üblich ist, lediglich auf dem Papier stehen bleibe, werden die Pcrsonalausgaben in den Etats sämtlicher Ministerien rundweg um 10 Prozent gekürzt. Freilich bleibt die Durchführbarkeit dieses Planes dennoch äußerst problematisch: so sehr die Reorganisation und Erneuerung des vor über hundert Jahren vom ersten Napoleon geschaffenen zentralisierten Verwaltungsapparates möglich und notwendig ist, so wenig läßt sich ein allgemeiner und mechanischer Abbau allei Sparten des Behördenpersonals ohne Rücksichtnahme auf die wirklichen Bedürfnisse von Volks- und Staatswirtschaft bewerkstelligen. So lebenswichtige öffentliche Betriebe wie Eisenbahn, Post, Telegrafie und Telefon lassen sich nicht im Wege einer bürokratischen Verfügung abbauen. Ungeheuer schwerwiegende Folgen müßten für die materielle und geistige Gesundheit des Landes aus der Durchführung solcher Abbaumaßnahmen auf dem Gebiete des Schulwesens, der Sozialhygiene, der Arbeiterschutjinstitutio- nen u. dgl. mehr resultieren. Auf der Suche nach einer Rechtfertigung dieser Politik der„budgetären Deflation" begibt sich die Regierung auf das Gebiet der Demagogie. So wird darauf verwiesen, daß der Präsident det Republik in eine 20prozentige Kürzung seiner Bezüge eingewilligt hat,— als ob eine solche Heran» Setzung der Millionenbeträge. der Zivilliste die vorgeschriebene Senkung der bescheidenen Pensionsbeziige von 8000 auf 5300 Franken in irgendeiner Weise rechtfertigen könnte! (Das Staatsoberhaupt braucht sich im übrigen keine Sorgen um den morgigen Tag zu machen: gerade das Beispiel des Herrn Doumergue selbst, der aus dem Elysee in den Verwaltungsrat der Suezgesellschaft übergesiedelt war. zeigt, welche Möglichkeiten den Präsidenten der Republik nach Ablauf ihrer Dienstzeit sicher sind.) Die Offensive gegen das kärgliche Existenzminimum von 1,2 Millionen französischen Familien ist nur der Beginn eines großen Feldzuges, den die kapitalistische Reaktion gegen die werktätigen Massen des Landes führt. Seit mehr als drei Jahren kämpfen die Unternehmer um den Abbau der Löhne. Die Nichtbeschneidung der Beamtengehälter war auch ein beträchtliches Hindernis für den allgemeinen Lohnabbau. Jetzt ist das Hindernis gefallen., und in den Privatbetrieben ist ein neuer und fühlbarer Abbau der Arbeiterlöhne und Angestelltengehälter im Anzug. Die große Presse, die auf Seiten der Regierung steht, versichert, daß es sich um die Bekämpfung der Krise handle, und in diesem Kampf wird die eine Parole aufs Panier erhoben: Deflation! Aber führen die Deflationsmaßnahmen, die das Arbeitseinkommen senken und die Kaufkraft der Bevölkerung schrumpfen lassen, nicht im Gegenteil zur Verschärfung und Verschleppung der Krise? Während in einer Reihe von Ländern(so in England und den Vereinigten Staaten) bereits eine kulturelle Besserung sichtbar ist, gibt es in Frankreich keinerlei Anzeichen eines Aufschwungs. Umgekehrt offenbaren die am meisten beweiskräftigen Wirtschaftsfaktoren(Frachtenvolumen, Eisenbahneinnahmen,-Steuereingänge, Arbeitslosigkeit, Außenhandel) ein weiteres Absinken der Konjunkturkurve. Die französische Bougeoisie folgt in ihrer Finanzpolitik den Spuren des deutschen Reichskanzlers Brüning. Brüning hat in ähnlicher Weise erbarmungslos Deflation gemacht und somit breite Schichten der ruinierten„kleinen Leute" in die Arme der nationalsozialistischen Demagogie getrieben. Audi in Frankreich gibt es nicht wenig„Helden", die bereit wären, eine„nationale Revolution" ins Werk zu setzen. Doch in Frankreich kann die deflationistische Politik der Ab- drosselung der Wirtschaft auch ganz andere Resultate zeitigen. Die französische sozialistische Partei steht in unversöhnlicher Oppostion zur Finanzpolitik Germain-Martins. In Presse und Versammlungen führt sie tagaus, tagein den Kampf gegen die antisozialen Verordnungen, die die Regierung auf Geheiß der hinter den Kulissen agierenden Finanz- gewaltigen erlassen hat. Die Welle der Empörung, die die Politik der„Deflation" auslöst, kann in Frankreich etwas ganz anderes zur Folge haben als am anderen Rheinufer. Die Löhne sinken Zwei Drittel der Arbeiter unter dem Existenzminimum (ITF.) Im Laufe eines Jahres ist der Arbeitsverdienst des deutschen Arbeiters außerordentlich stark gesunken. Selbst Hitler sah sich zu dem Geständnis gezwungen, daß der deutsche Arbeiter im„dritten Reich" zu„zum Teil geradezu unmöglichen Lohnsätzen" arbeiten muß(Rede vom 21. März). Das statistische Reichsamt hat zwgr(„Wirtschaft und Statistik" p. 119) angegeben, daß die Tariflöhne im letzten Jahre nur um 1 Prozent gesunken seien. Die Tariflohn- Statistik war aber schon in der kapitalistischen Republik kein Maßstab für die wirklichen Arbeitsverdienste. Der Inhalt der Lohntüte war in großen Teilen der Industrie seit Jahren nur zu einem Teil tariflich geschützt, die von den Gewerkschaften erkämpften sogenannten Übertarif, liehen Zuschläge machten bei vielen Arbeitergruppen den größten Teil des ausbezahlten Lohnes aus. Diese übertariflichen Zuschläge sind nach der Zerschlagung der freien Gewerkschaften von den Unternehmern zum größten Teil gestrichen worden. Gleichzeitig wurden die Verdienste vor allem dadurch verschlechtert, daß(besonders in der Textilindustrie) ohne neue Berechnung des Stücklohnes bisherige Maschinenarbeit durch zeitraubende Handarbeit ersetzt wurde. In großem Ausmaße wurden für entlassene Frauen Männer(mit Genehmigung der Treuhänder!) zu Frauenlöhnen eingestellt, mußten Meister zu Gesellenlöhnen arbeiten, Facharbeiter zu Tarifen für Ungelernte. In allen diesen Fällen aber blieben die Tarife auf dem Papier die gleichen, trotzdem der Inhalt der Lohntüte erheblich verringert wurde. Die Tariflohn Statistik gibt also ein falsches Bild; die Brutto Arbeitsverdienste sind durch die erwähnten Maßnahmen erheblich gesunken, durch Kurzarbeit schrumpften sie n ich mehr zusammen. Von diesem gesenkten Brutto Arbeitsverdienst wird noch nicht drei Viertel ausbezahlt, die Gesamtabzüge für Sozialversicherung. Arbeitsfront und Pflicht„spenden"(d. h. für die Opfer der Arbeit, Winterhilfe usw.) betragen heute zirka 25 bis 30 Prozent des Brutto-Lolines. Durch die verschärfte Lohnsteuer, die verdoppelte Ledigensteuer, die Fettsteuer, durch die zahllosen freiwilligen Sammlungen wurde der Netto-Arbeitsverdienst noch stärker als der Brutto-Arbeits- verdienst gekürzt. Vom Inhalt der Lohntüte und nicht vo» belanglosen amtlichen Statistiken muß der Arbeiter leben. Durch die starke Verteuerung fast aller Lebensmittel i t obendrein die Kaufkraft des Lohnes gesunken. Vom Januat 1933 bis zum Januar 1934 ist der amtliche Lebonahaltungs index um 6,3 Prozent gestiegen, der Reallohn also enf sprechend gesunken. Die Arbeiter hungern, und die Arbeitslosen? Am Abschluß des ersten Jahres der Nazidiktatur erhalten 3 Millionen Arbeitslose wöchentlich im Durchschnitt 14 RM. Unterstützung. 4 Millionen sind„unsichtbar" urtA erhalten keinen Pfennig, 9 Millionen Arbeiter und Angl' stellte müssen zu Löhnen arbeiten, die kaum höher sind als die HunfMRnterstützung der ErwerhSlHen. Ein gutA Bild der tatsächlichen Belt inn' A B nl i l e'" mal das steuerfreie Existenzminimum von 100 Reichsmark monatlich, 33 Prozent erhielten Gehälter zwischen 100 und 200 Reichsmark im Monat(Bericht der Reidtsanstalt fpr Angestelltenversicherung). Von insge- samt i3,5 Millionen regulär Beschäftigten erhielten am Ende lies Jahres der nationalsozialistischen Diktatur 9 Millionen Hungerlohne die noch unter dem Minimum liegen, da l gelbst nach der Auffassung der deutschen Behörden zur Existenz notig ist. &euts€fke Stimmen• föeilage«ur„Deiifscften Gweifieit"• Ireignisse und Sesdkiifiten " Donnerstag, den 12. April 1934 Das ist dec l'tiihlmq in Wien... Ach ja, man hat sie selber oft gesummt, die Melodie und *enn man in der Fremde war und der Frühling plötzlich ■ am, dann fielen einem die blühenden Kastanien in der Kriau ein, der„Franz und die Marie", man dachte gern an "ie Praterauen, an die lieben Wege um Griuzing, Sievering und empfand Sehnsucht nach dem Ausblick, den man vom Nußberg auf Wien hat. ^ enn es Pht einen Frühling in Wien, trotz Kitsch und Verfälschung, er ist vielleicht nicht so aufdringlich, wie die Lieder, die ihn besingen. Er will nur gefunden werden. Es sind nämhch nicht viel Straßen in der Welt wie die Nuß- dorfer Straße und ihre Verlängerung, die Döplingerhaupt- straße. in der zu beiden Seiten soviel Kunsterinnerungen und zugleich eine solche Menge an Weltberühmtheit zu finden sein wird. Beethoven, Schubert, Bauernfeld, Grillparzer, Ferdinand v. Saar— es sind nur einige, die in diesem Umkreis gelebt und geschaffen haben. Und ist solch ein warmer Frühlingsabend wie heute— der Wind trägt den Duft junger Erde und aufstrebender Sträucher aus den Gärten ringsum ~ und man wendet den Kopf ein bißchen nach rechts und ein wenig nach links, nur soweit, als notwendig ist, um die Gedenktafel besser lesen zu können, oder man achtet auf die Namen der Seitengassen und Plätze, die zu überqueren sind, so fällt einem noch manch bittersüßer Vers ein, rauschen verklungene Feststunden in unserer Seele auf... W ann hörte ich doch die Eroica zum letzten mal?... Und die Unvollendete?— Oben, auf der Hohen Warte greifen die Ilände wie spielend nach den gclbblütenen Zweigen und ich sehe geblendet, verzaubert vom Balkon eines Hauses über die schöne Stadt. Der Frühling ist von jeher eine gefährliche Jahreszeit für sensible Gemüter gewesen und ich brauche immer einige Vage, bis ich midi nach dei Zeit der Dunkelheit, wiewohl gemildert durch helle Schneefahrten, au ihn gewöhnt habe ■ aber so wild, mit so unbändigem Schmerz hat es midi "och nie gepackt, wie diesmal, da ich über Wien sah. Es war doch unser Wien— wie? Die Kraft unserer Idee ist es doch gewesen, die es aus dem Dreck der Kriegsjalire zu der vorbildlichsten aller Weltstädte erhoben hat! Und nun.— Kann man es fassen? Vor meinem Auge leuchten die Bauten, heilig durch das Blut des Februar, das zu ihrer Verteidigung geflossen ist. Hier standen die Geschütze der Exekutive und begannen ihr Zerstörungswerk und durch die eben genannten Straßen rasten die Lastwagen und Ueber- fallautos mit jenen traurigen Geschöpfen, die bereit waren, ihre Minderwertigkeitsgefühle durch jegliches Verbrechen auszutoben. So daß sich die Melodien Schuberts und Beethovens scheu in die abgelegenen Gartenhäuschen verkrochen. Aber die Schamröte steigt jedem anständigen Menschen ins Gesicht, der weiß, daß es Zivilisten gab, die seelenruhig der Beschießung beiwohnten und sich nur belustigt und feige duckten, wenn die Kugeln der Belagerten allzu scharf über sie hinwegsausten. Das war das Erschütterndste: Wiener sahen zu, wie Wiener in ihren Häusern ermordet wurden. Unterdessen warteten wir auf den Befehl zum Losschlagen— nur wenige, auch das muß gesagt werden, denn viele waren unauffindbar, die sonst die lautesten Schreier gewesen sind. Aber da die Führer unserer Abteilung zum Teil verhaftet waren, zum Teil flüchtig, die Unterführer keine Verbindung mit den anderen Gruppen herzustellen vermochten, ja nicht einmal die Waffenverstecke genau kannten, so war die Verwirrung eine grenzenlose. Was wir vier, die wir zum Schluß noch, nur mit einem Revolver in der Hand im Zimmer saßen und endlich auf das erlösende Wort— zu einer anderen Abteilung stoßen zu können— warteten, litten, als wir völlig zerniert, die Heimwehrkolonnen unter unserem Fenster vorbeiziehen sahen und die Haubitzen über das Pflaster rattern hörten, wird keiner von uns je vergessen. Sind wirklich schon zwei Monate seither vergangen? Es ist wie gestern, nein, es scheint, als geschähe alles noch in diesem „Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben...! Das Lehen des Mannes bewegt sich also in ganz anderen Bahnen, als das der Frau. Es bedeutet in allen seinen Phasen Kampf — Kampf ums tägliche Brot, Kampf mit widrigen Einflüssen des Alltags und Berufs— Kampf um den Erhalt der Familie und damit um die Frau, Gattin und Mutter und nicht zuletzt Kampf um den Bestand der Heimat, des Vaterlandes. Aus diesem Grunde hat die Natur von sich aus den Charakter des Mannes rauher und widerstandsfähiger gestaltet, als den der Frau. Der Mann soll und muß die Stütze der Frau und der Familie sein. Es darf nicht übersehen werden, daß der Mann ebenfalls d u r ch f r e m d r a s s i g e E i n f 1 ü s s e viel von dienen Idealen verloren hat und hatte. Sie ihm wieder zurück- Zugewinnen, ist das Streben der neuen Bewegung. Wenn nun vom Manne gefordert wird, daß er sich mehr als bisher im öffentlichen Leben betätigt, teilnimmt und mitwirkt an der Gestaltung seiner Zukunft, die ja auch die Zukunft der Familie— in erster Linie also seiner Kinder— ist, eintritt für die Sicherheit und Machtentfsltung de. Vater- lande,, so ist das nichts anderes als seine heiligste Pflicht. W-r den Mann an der Ausübung dieser Pflichten hindert, versündigt sich nicht nur an der Familie, sondern am ganzen Volke und am Vaterlande. Hier muß wieder die deutsche F.au in Erscheinung treten, welche selbst unter Hintansetzung Persönlicher Wünsche und Hoffnungen zur Erfüllung dieser elementarsten Pflichten beiträgt. Audi der Mann muß sich viel versagen, wenn er diese seine Pflichten treu und gew.s- Ä"nhaft erfüllen will. Das sollte jede Frau bedenken, denn letzten Endes ist ja die Frau und die Familie Nutznießenn der F rfolge des Mannes.., Und euch ihr Frauen der Kameraden,^ bemfe"»^ neue Reich zu hauen und zu festigen mochte ich besonders zurufen: Schimpft nicht, renn der Mann von seinein Augenblick oder man ächzte unter einem schrecklichen Traum. Inzwischen ist es Frühling geworden und lachende Menschen ziehen hinaus, sitzen in den Kaffeehäusern sowie sie im Fasching dort saßen, ihren Mokka tranken und die Sensationsnachrichten verschlangen, während in Hör- und Sehweite Menschen einen Verzweiflungskampf kämpften, von dessen Heldenruhm sie später sicher auch für sich einen Teil beanspruchen werden— wie es ja das liberale Bürgertum immer verstanden hat, andere für sich ins Feuer zu schicken. Darum ist dieser Frühling so qualvoll, peitscht dieses Blühen unsere Trauer und unseren Jammer so unsagbar hoch, weil wir beim Anschaun jedes Grashalmes denken müssen, er ist gedüngt mit dem Blute unserer Genossen. Jetzt ist es sinnlos, über die Fehler zu diskutieren, die— ungeachtet der warnenden Stimmen, an denen kein Mangel war!— geschehen sind. Wir müssen uns vor alten oder neuen Phrasen hüten und trachten, uns ein Recht auf den Frühling zu erwerben, so wie wir— die diesem Unglück heil entkommen sind— uns das Leben neu verdienen müssen. Golden schimmert der heraufkommende Abend über die Donau und taucht die Türme des Karl Marx-Hofes in sein Licht. Da verscheucht Trotz die Müdigkeit und die Gegenwart selbst sorgt dafür, daß nichts uns einschläfert. Keine Sentimentalität, keine(blutgefärbte)„Bruderhand", am wenigsten die Drohung. Nicht einmal die genießerische Lauheit des Frühlingsahends. Denn diese Wunde heilt keine Zeit. Drum mögt Ihr— die Sieger— Frühjahrsparaden abhalten. Dankmessen lesen und herablassend eingestehen, daß die Arbeiterbüchereien auf hohem Niveau standen— wir kommen wieder. Kein Doppeladler wird Euch schützen und kein Kreuz Euch erlösen.— Denn der einfache Prolet, der sein Leben eingesetzt hat, in diesen Tagen, wird Euch nicht vergeben, weil er auch in den eigenen Reihen strenges Gericht halten wird. Ihr habt uns eine Ernte gestohlen, aber die Saat könnt Ihr doch nicht vernichten, denn sie ruht zu vielfältig in lausenden Herzen. Ob noch wir Jangen, oder erst eine folgende Generation die neuen Keime sehen werden, ist gleichgültig. Daß die Saat aufgehen wird, ist ohne Zweifel, denn sie hat treue und gute Gärtner: Unsere Schuld an die Toten, die Liehe zu unserer Stadt und der Haß auf Euch. Das ist der Frühling in Wien. h. Taustkampf des Geistes So etwas gibt es Aus einer Vortragsbesprechung Richard Euringers im Dortmunder Naziorgan: Wolf Huitermann von Langeweyde(nicht Langeweile): „Der Faustkampf des Geistes beginnt erst.. „Was haben sie geistig denn geleistet Eure Künstler, Eure Kämpfe?" fragen die geistig Gestrigen, die noch heute den Ruhm verteilen. „Sie haben erkämpft den neuen Geist(!!), der euch „Geistigen" nicht anweht!(!)" „Es ist Ihr Ruhm", sagte neulich der Reichsdramaturg im Gespräch vorm Mikrophon mit dem Reichsführer der Jugend, „es ist Ihr namenloser Ruhm, daß sie keine Zeit gefunden, Bücher zu schreiben.... Sie haben eropfert die Revolution..." Wenn es sonst auch noch kein Verdienst war, keine Bücher zu schreiben—, bei dem„Niveau" dieser geistigen Faust- kämpfer ist es eins. Noch eine Frage: Was reden denn diese rassegeprüften Urgermanen untereinander für ein merkwürdiges Deutsch? Dienste später als sonst nach Hause kommt! Macht ihm keine Vorwürfe, wenn er in Erfüllung seiner Pflichten mehr als früher vom Hause abwesend ist! Erleichtert ihm sein Los! Richtet ihn auf, wenn er Trost und Hilfe braucht! Bietet ihm ein ruhiges, gemütliches Heim, damit er sich von den Strapazen erholen und neue Kräfte schöpfen kann! Dann— nur dann wird der Geist in eurem Hause und eurer Familie einkehren, auf dem sich das neue Reich aufbauen wird, das dereinst euren Kindern und Enkeln und nachfolgenden Generationen das Heil wiederbringen soll und Aird. das wir verloren hatten. Dann wird auch in euch der Stolz auf den Mann einkehren, der kein Opfer für euch, für seine Familie und sein Vaterland scheut. Bedenkt die Worte des Führers:„Gemeinnutz geht vor Eigennutz!" Wie einst unsere Vorfahren können auch wir nur durch Opfer wieder groß werden— und daß dies gelinge, daran sollt ihr mitwirken und euch dereinst mit euren Männern an dem großen Erfolg eines geeinten und nach innen wie nach außen gesicherten deutschen Vaterlandes freuen! Weg also mit allen kleinlichen Nörgeleien und Bedenken — nur das große Ziel muß uns im Auge sein!" « Wörtlich aus der„Fränkischen Tageszeitung"(S. April). Wir wollten unseren Leaern diese Schilderung des neuen Frauenideals nicht vorenthalten. Das steht nun am Ende einer fast auf den Tag vor hundert Jahren begonnenen Emanzipation der deutschen Frau. Das Weib, dessen natürliche Bestimmung es ist, dem heldisch im Getümmel des Lebens stehenden Manne die Sorgenfalten und die Reste fremdrassiger Einflüsse von der Stirne fortzustreichehi: dieses Bild hat uns diese Generation revolutionärer Kämpfer aus der romijtischen Trödelkiste wieder herausgeholt. An die letzten 9iumanisten Ihr steht, vom Untergang beschattet. Im letzten Kampf ums Menschenrecht Mit einem grausamen Geschlecht, Und euer Herz ist schon ermattet. Ihr ringt, ein Häuflein von Versprengten, Verzweifelt auf verlorner Wacht Mit einer wilden Uehermacht; Und niemand rettet die Bedrängten. Die Menschheit— ihr galt euer Streben— Wohnt tatlos eurem Sterben bei Wie einer Bühnenmetzelei, Nach der die Toten sich erheben. Vergebens blicht ihr in die Runde: Für euch hebt keiner mehr die Hand. Man findet euren Kampf pikant Und wettet auf die Todesstunde. Man lehnt sich an die Logeiibrüstung. Um besser eure Qual zu sehn; Vereinzelt zeigt man wohl Entrüstung, Doch nur so im Vorübergehn. Ist man doch zu sehr in Geschäften. Nur diese sind der Mühe wert. Wer sich mit Sittlichkeit beschwert, Treibt Raubbau nur an seinen Kräften. Blutlüstern stürmen die Barbaren Auf eure dünnen Reihen ein. Bald werden nur noch Leichen sein. Wo einstmals Geist und Güte waren. Die Welt wird euch formell bedauern Und die Maschinen weiter drehn. Könnt sie, wie ihr, das Ende sehn, Sie würde vor sich selbst erschauern. H o r i I i o. Die kleinen Geschichten Man flüstert sich in Deutschland schon nicht mehr den neuesten politischen Witz nur zu, man benutzt ihn auch schon manchmal zur politischen Demonstration. So drang in ein norddeutsches Arbeitsdienstlager der W i tz von Adolf und seiner Katze. Wie— Sie kennen ihn noch nicht? Also: Adolf ist nicht nur wie seine braunen Leibpropagandisten behaupten, ein großer Kinderfreund, sondern auch ein großer Tierfreund. Am Jahrestag der faschistischen Machtübernahme sitzt nun Adolf mit seiner Lieblingskatze im Schoß am Kamin. Er streichelt das Tier und erzählt ihm von seinen großen Taten iin ersten Jahr des„dritten Reichs":„Die Marxisten hab' ich vernichtet, zahllose Arheitrschlachten gewonnen, in manchem heimlichen Kampf mit Göring den Sieg davongetragen, den Wehrwillen gestärkt." Und was es sonst noch für faschistische Heldentaten gibt. Die Katze schnurrt.„Na und was meinst du, wie es im zweiten Jahr aussehen wird?" fragt Adolf. „Mau!" antwortet das Biest. Adolf läßt sie wegen Verächtlichmachung der Reichsregierung ins Konzentrationslager sperren. Dieser Witz lief von Mund zu Mund. Auch die SA.-Leute des Lagers kennen ihn schon. Nun wird er nicht mehr erzählt. Aber während der Instruktionsstunde, wenn die SA.- Mandatare Hitlers die Zukunft mit den schönsten Versprechungen rosig malen, tönt es plötzlich aus einer Ecke und aus noch einer„Mau!" Die SA.-Leute bekommen rote Köpfe — aber was wollen sie machen, wenn schließlich schallende Heiterkeit ausbricht? * Göring, gehetzt von der Angst vor Unruhen des unsichtbaren illegalen Gegners, hat verboten, daß in Zukunft Bohnen zu Eintopfgerichten verwendet werden. „Weil sie innere Unruhen verursachen!" begründete er das Verbot vor Hitler, Wissen- an dcittec Stelle Die Schulreform de«„dritten Reiche»" Im Reichsinnenministeriuni kündigt man ein neues Schub gesetj an, durch das die in der Weimarer Verfassung festgelegte vierjährige gemeinsame Grundschule auf drei Jahre beschränkt wird. Dafür soll jedoch das neunte höhere Schuljahr der nationalpolitischen Erziehung in der Forin eines einjährigen Militärdienstes gewidmet werden. Das bedeute:» also, daß für sämtliche höheren Schüler eine einjährige MJt tärdienstpflicht durchgeführt wird. Audi gegen die Form der Aufrüstung werden die Völker» bundmächte keinen Widerspruch erheben. Abor auch die Proteste der Philologen, die einst so prompt und M energisch einsetzten, wenn aus sozialen Gründen die Dauer der höheren Schule um ein Jahr vermindert werden sollte, werden in der „veredelten Demokratie des Göbbels" ausbleiben. Man wird nichts davon hören, daß das Niveau der höheren Schule wiu der Wissenschaft überhaupt gesenkt würde. Das wissenschaftliche Niveau der höheren Schulen ist neulich den Philologen in Dresden erst wieder einmal klargemacht worden. Herr Göpfert.so heißt dieser Nazischulreformer, erklärte nämlich seinen philologischen Zuhörern, die ihm begeistert zustimmten:„Erst an dritter Stelle kommt bei Adolf Hiller dus reine Wissen. Rassenlehre, Geschichte und Volkskunde müssen Kraftquellen für die Führerausbildung werden, und der erzieherischen Macht der Feiern ist höherer Wert beizumessen. Was beim Gesang des Horst-Wessel-Liedes, hei den Aufmärschen, hei den Feiern der Jugend, bei den Veranstaltungen von„Kraft und Freude" erfühlt und erahnt wird, das ist in die Sphäre des Bewußtseins zu erheben. Und zwar ist dies die Aufgabe der Schule, die sie zu lösen hat." Das Deutsch des Herrn Göpfert entspricht ganz dem luhalt leiner Rede. ,,Wohin, Israel?" Alfons Goldschmidt hat soeben in englischer Sprache eine Broschüre„Wither Israel?" veröffentlicht, zu der Albert liinftei" das Vorwort geschrieben hat. Die himmlischen Uesen Zcauen, macht den Melden ein gemütliches 9ieim »Deutsche Freiheit", Nummer 84 Das bunte Vlatt Donuerstag. 12. April 1084 Rekorde Von W. Kcheldemsnn Der Ämboß Rekord, Rekord— die Sehnsucht der Menschen und der Völker. Jeder will siegen, jeder will herrschen, jeder will der Erste, jeder will der Größte sein, jeder will an der Spitze stehn, jeder will auf die anderen heruntersehn, jeder will schneller sein, jeder will Heller sein, jeder will mehr haben, jeder will mehr sein— Rekord, Rekord! Wieder ist ein Gebiet entdeckt. Die Stratosphäre. Herr- licher Gedanke: möglichst weit diesem verrückten Erdball zu entrücken. Einer ist der Erste, daran ist nicht mehr zu tippen. Aber der Nächste ist der Höchste. Und schon bereiten sich andere Länder vor, durch ihre Ingenieure und Wissen- schaftler den Rekord in schwindelhafter Höhe zu schlagen. Die Ehre verlangt es. Auf diese Weise werden wir bald den Mars erreicht haben. Tie Erde drängt stürmisch dem Kriegs- gott entgegen. Ein neuer Wettstreit ist um die Kultur entbrannt. Nicht um ihre Anwendung, die sehr bescheiden im Hintergrund steht, sondern um ihre Geltung. Kemal Pascha hat verkündet, daß die Kultur der ganzen Menschheit einst aus der Türkei herausgewachsen ist, und daß sich die türkische Kultur dem- nächst wieder über die ganze Erde verbreiten wird. Entsetzte Universitätsprofessoren, die sich dieser nationalen„Wissenschaft" entgegensetzten, wurden kurzerhand hinausgesetzt. Die Japaner sind felsenfest davon überzeugt, daß sie von den Sonnengöttern abstammen und allen anderen Völkern himmelhoch überlegen sind. Mussolini läßt in den Schulen lehren, daß Italien die wunderbarste Kultur der Welt besitzt und die Mission habe, an der Spitze der Menschheit zu mar- schieren. Ueber Mariannes Lippen huscht ein überlegenes Lächeln: kann überhaupt ein Zweifel bestehen, daß Frank- reich die historische Ausgabe hat, Borkämpfer und Hort der Kultur zu sein? Die Inder hüllen sich in hochmütiges Schweigen: sie wissen, daß sie einmal wieder die erste Rolle spielen werden. Deutschland liebt den alten Kniff, durch Ber- kleinerung der anderen groß zu erscheinen. Alles, was jen- seits der Grenzpfähle liegt, ist minderwertig, unmündig oder überlebt. Aber Deutschland ist groß, Deutschland ist der Primus, der Erzieher, der Arzt. Diagnose: Die Welt ist krank. Aber an deutschem Wesen wird sie genesen. 1914—18 zog sich der ungeschickte Chirurg selber eine erhebliche Ber- letzung zu. Daran waren die Juden und die Pazifisten schuld. Das ist jetzt vorbei. Wieder sitzt ein Scharlatan oben und dekretiert, daß Germanien die Krone der Schöpfung dar- stelle. Das deutsche Volk ist die arische Raffe, die alle anderen Raffen und Völker kolossal überragt. Und unter, nein, natürlich über dieser Gesamtheit von kampfesfrohen nor- öischen Edelingen gibt es noch eine von Wotan besonders bevorzugte Halbgötterhafte Herrenschicht, die das alleinige Recht auf Führerschaft, das heißt, das Borrecht auf die Güter und Genüsse des Lebens besitzt. Diese Elite wird der Mensch- heit lehren, was wahre Kultur«st! China, Mexiko, Aegypten und andere Länder, die vor Alter eingeschlafen sind, behalten sich vor, ihre Ansprüche in dem Rekordkultur- Wettstreit anzumelden. Die Hottentotten behaupten, unlängst ihren eigenen Rekord geschlagen zu haben. Aber die Kultur ist nur eine Blüte an dem Baume des Rekords. Irgend ein Held hat die meisten Tage und Nächte auf einem Fahrradsattel geleht: ein anderer hat die Genug- tuung, der bedeutendste Lügner der Welt zu sein: der dritte ist ein Tauertänzer: wieder ein anderer hat das größte Quantum Bier in kürzester Zeit bewältigt: einige angesehene Persönlichkeiten machen sich den Ruhm der schönsten Wanzen- sammlung streitig: armselige Schlucker erhalten eine Ehren- Urkunde, weil sie— wohl oder übel— die meisten Kinder gezeugt haben: es gibt Schützenkönige und Tchönheits- königinnen. Meistersinger, Meisterschwimmer, Meister- schwindler: es gibt Spitzenleistungen im Fressen, im Schlachten, im Töten, im Turnen, im Lieben, im Handwerk und in der Kunst. Ueberall, auf der Oberfläche oder in den Tiefen, aus allen Gebieten des öffentlichen wie des privaten Lebens, überall das gleiche Spiel. Die Zahl der Rekorde ist unübersehbar und in irgendeiner Beziehung gewiß selber ein Rekord. Aber so interessant alle diese Kampsfelder auch sein mögen, an Pikanterie erreichen sie nicht die transzendentalen Aspi- rationen der Wunderhungrigen und ihrer Ausbeuter. Der reiche Segen, der aus Lourdes, Konnersreuth und anderen geweihten Stätten ruht, ließ ehrgeizige, dunkle Gewalten in Belgien nicht schlafen. Sie wollten Gott am nächsten sein — und es ist ihnen wirklich gelungen, den Rekord zu brechen. Es gibt heute in dem kleinen Belgien nicht weniger als fünf Ortschaften, in denen die Jungfrau Maria persönlich erscheint. Und schon sind es fünf lebhaft besuchte Wallfahrts- orte. Die Zeitungen, die Hotels, die Reisebüros, die Geist- lichen, der Staat und sogar die Sozialisten mit ihrem Hohn, vor allem aber die Gläubigen selber, sorgen für Reklame. Die Eisenbchnverwaltung stellt unentwegt Sonderzttge ein und lockt durch verbilligte Fahrkarten. Große Ankün- digungen machen ebenso würdige wie wirkungsvolle Propa- ganda. Touristenvereine organisieren Gesellschaftsreisen. Autocarkolonnen stellen die bequemste Verbindung zu den heiligen Dörfern her: und die Firmenbesitzer leben recht gut davon. Wohin man blickt, begegnet man den Aufforde- rungen, für billig-4 Geld die Atmosphäre eines Wund.* in sich aufzunehmen— es fehlt nur, daß für eine»Er- scheinung" garantiert wird. Mit Beauraing fing es an. Das Nest ist bereits offiziell als Wallfahrtsort anerkannt und beginnt, gestützt auf die Konzession, die dem Himmel dort gewährt worden ist, über die Landesgrenzen hinaus Aufsehen zu erregen. Dann folgten Onkerzele und Etichoven. Dazu gesellen sich neuer- dings— wer den Rekord sichern will, muß beizeiten Boll- gas geben— Wielsbeke bei Kortrijk und Olsens in Ostflandern. In Wielsbeke hatte ein zwölfjähriger Knabe^'ne Erscheinung wahrgenommen, die genau so aussah, wie ein Standbild aus Gips. Und schon strömten die Gläubigen in Scharen herbei. Allen voran die Bonbonsverkäufer. Es gibt bereits Abende, an denen 2000 Personen die heilige Stätte umlagern. Sie singen und harren auf das Wunder, bis sie Durst kriegen. Gottseidank steht in Belgien eine^irt- schaft"»ben der andern. Ankurbelung der Wirtschaft! Aehn- lich geht es in Ols ne zu. Dort lebte ein junger Mann, der in einer schwachen Stunde der Mutter Gottes eine Wall- 'ahn ncch Lourdes versprochen hatte. Aber er verbummelte die Ausführung seines Gelöbniffes und ließ die Jungfrau vergeblich warten. Da mochte Maria sich an die Geschichte von dem Berg und dem Propheten erinnert haben: jeden- falls begab sie sich nach Olsene. Nachts um 19 Uhr traf sie den Burschen bei einer kleinen Kapelle. Die Jungfrau mahnte ihn und verhieß, daß sie regelmäßig an diesen Ort zurückkehren werde. Im Nu verbreitete sich die Kunde von dem Wunder. Tau- sende kamen zu dem Stelldichein. Der junge Mann erzählte, beim zweiten Zusammensein habe die Mutter Gottes ihm ein Geheimnis anvertraut. Da es ein Geheimnis war, mußte es natürlich ein Geheimnis bleiben, und es blieb auch ein Geheimnis. Man glaubte und war selig dabei. Man glaubte und hoffte, Marias persönliches Auftreten einmal selber mit- erleben zu dürfen. Am Allerheiltgen-Tag besuchten über 3000 Menschen das Dörfchen Olsene. Ob Eulenspiegel, der bekanntlich in Flandern beheimatet ist, dabei war? Bielleicht ist er der Drahtzieher, der alle Rekorde inszeniert und sich schief lacht über Menschen, Staaten und Völker. Ja, es geht um Rekorde! Wer hat die dicksten Heiligen? Wer hat die meisten Geschütze? Wer hat den größten Bogel? Wer hat die giftigsten Gase— der ist der Herr der Welt! Es klagte der Amboß Tag für Tag Bei des HammerS unbarmherzigen Schlag. Verächtlich rief ihm der Goldreif zu: .Auch ich I ug Schläge! Was jammerst du?" Der Amboß sprach:„Dein schimmerndes Sein Bezahltest du billig mit kurzer Pein." „Ich aber bleibe, was ich war, Und dulde die Schläge, Jahr für Jahr." „Doch waS mein innerstes Sein bewegt, Ist, daß mich das Eisen, mein Bruder, schlägt." Eli Elkana. Der erste Tummer Von Rabindranath Tagore Gras überwuchert heute jenen schattigen Waldpfad. In der Einöde fragte mich plötzlich jemand:„Erkennst du mich nicht?" Ich wandte mich und sagte:„Ich erinnere mich, aber ich entsinne mich nicht recht." „Ich bin dein Kummer aus jener fernen Zeit, da du fünf» undzwanzig Jahre zähltest." In seinem Augenwinkel blinkte es aus wie Mondglan, auf einem See. Stumm verweilte ich. Dann sprach ich:.Da» mals habe ich dich düster gesehen wie eine Wetterwolke zur Regenzeit, aber was ich heute erblicke, gleich einer vergol- deten Herbstwolke. Hast du denn alle Tränen jenes Tages verloren?" Er antwortete nicht, lächlte nur leise. Ich begriff, daß in diesem Lächeln viel verborgen war. Im Herbst hatte die Wolke der Regenzeit das Lächeln der Tchiuliblüte erlernt. Ich fragte ihn:„Hast du dir auch bis heute daS Jüngling- hafte jener meiner fünfundzwanzig Jahre bewahrt?" Er wies auf den Kranz um seinen Hals. Ich betrachtete ihn: es fehlte kein Blättchen vom Kranz des Frühlings jener Tage. Ich sagte:„Ich bin doch völlig gealtert, aber an deinem Halse ist mein Jünglingtum jener fünfundzwanzig i Jahre selbst heute nicht verwelkt." Er nahm den Kranz und legte ihn mir langsam um.„Ich entsinne mich, daß du an jenem Tage sagtest, du wünschtest dir nicht Trost, sondern Kummer!" Ich sprach beschämt:„Ich habe es gesagt, aber dann sind viele Tage verstrichen, und ich habe es vergessen." Er aber entgegnete:„Gott, dessen Gabe es ist, hat es nicht vergessen. Seit damals war ich im Schatten verborgen. Heiße mich willkommen!" Ich nahm seine Hand in die meine und sprach:„Du siehst so verändert aus!" Er antwortete mir:„Was Kummer gewesen, hat sich eben heute in Ruhe verwandelt." fUebersetzung von B. LeSny und Otto Pick.f Der Tod in der Badewanne Eine amerikanische Versicherungsgesellschaft bedient sich zu Reklamezwecken einer höchst eigenartigen Behauptung, i Sie gibt in ihren Prospekten an, daß nach ihren eigene»- Erhebungen viel mehr Menschen in der Badewanne er» trinken als Menschen bei Flugunglücken umkommen. Diese Feststellung ist tatsächlich eine sensationelle Enthüllung un» bekannter Dinge. Wer hätte je geahnt, daß das häusliche Bad mit so ungeahnten Gefahren verbunden ist. Aber Bor- ficht, man sollte die„Enthüllungen" der geschäftstüchtigen Versicherungsfirma nicht zu viel verbreiten. Allzu viele Menschen würden sich unter Berufung auf diese Statistiken vor dem Baden hüten..... Zeitungsnotizen Von Ludwig Spitzer Die nachfolgende Szene entstammt einem vom Prager Rundfunk gebrachten Hörspiel. Zeitungsnotiz:„Gestern mittag gelang es der Polizei, den Chauffeur Karl Hruc zu verhaften, der die 19jährige frühere Hausangestellte Minna Cosir— wie inzwischen ein- wandsrei festgestellt wurde— auf eigenes Verlangen er- schössen hat. Hruc hatte die Cosir zufällig getroffen, als er sich gestern abend aus dem Hause seiner Eltern entfernte, um— wie er vor der Polizei aussagte— Selbstmord zu verüben, weil er seit langem arbeitslos ist. Später habe ihm jedoch der Mut gefehlt, seinen Borsatz auszuführen. Er sei nach der Tötung des Mädchens planlos umhergeirrt und wurde schließlich vor dem Hause seiner Eltern von Detek- tiven gestellt. Gefragt, warum Minna Cosir den Freitod wählte, gab der Chauffeur an, sie hätte„das schmutzige Leben sattgehabt". lAnmerkung der Redaktion: die frühere HauS- angestellte hat seit 2 Jahren nicht mehr im Dienst gestanden, sondern viele Freunde gehabt. Sie war ein braves Mädchen, das, in die Hände eines gewissenlosen Verführers geraten, den Weg ins ordentliche Leben nicht mehr zurückzufinden wußte.)" 9. Szene Dunkle Gasse, unheimliche Stimmung.«Wind heult. Wasser gurgelt, ab und zu der Schrei eines Nachtvogels. In der Ferne Jaulen eines Hundes.) Schwere, tappende Schritte. Chauffeur Karl Hruc terregte Stimme, trägt sich mit Selbstmordabsichten).„Wie still das hier ist- und wie dunkel— wie aus dem Friedhof! Und kalt ist mir— na ja, solange schon ohne Arbeit— kein Geld für warme Kleidung - ganzen Tag nichts gegessen... und morgen? Wieder Herumfragen nach irgendeiner Beschäftigung und wieder... alle Türen zu! Wieder den alten Eltern auf der Tasche liegen, die selbst nichts haben... lAufstöhnend) ich kann da» nicht mehr ertragen— ich will Schluß machen— das Leben ist doch nur einen Dreck wert! Und doch— es ist so schwer— ich bin ja noch— so jung. Und die Mutter! Gute, alte Mutter— soviel im Leben gearbeitet— soviel für mich gesorgt! Jetzt bist du alt, Vater ist krank, und ich— kann euch nicht helfen. Bin ohne Arbeit... solange! sfiebernd) ich will daS nicht mehr— ich mache Schluß. Ich lhört ein Geräusch, erschrickt. Nach kurzer Pause, man hört sein hef- tiges Atmen). Wer ist da? sDeutliche Schritte kommen näher, machen Halt.) Chauffeur fmühsam gefaßt, erstaunt). Eine— eine Frau? Was wollen Tie hier? Was wollen— Sie— von— mir? Ich kann nichts— schenken... ich— bin— schon— tot!" Minna Cosir sunheimlich-ruhig):„Schon— tot? Ich— auch, Kamerad!— Komm. Du, wir wollen gemeinsam— Du — mußt— mir— helfen Ich habe keinen Mut... ich Hab solchen Ekel— vor dem Leben." Chauffeur(entsetzt):„Ich— soll— Dir— helfen? Nein — Tu, das kann ich... Du, was tust Du... nicht zärtlich. Ich— will— nicht!" Minna Cosir:„Komm, Du— armer Junge! Ich— will Dir— alles— schenken. Ist doch— egal jetzt! Und(leise wie ein Hauch) so viele— haben— mich gehabt... gekauft!" Chauffeur:„Pwi Teufel! Geh weg— Du!" Minna Cosir(unendlich zart, mütterlich): Dummer Junge, Du! Ich— kann— doch— nichts— dafür!(aufschreiend) Ich kann nichts dafür!(Kleine Pause, mit mühsam beherrsch- ter Stimme, nach und nach leidenschaftlich werdend.) Ich habe meinen Bater verloren, als ich zwei Jahre alt war. Mutter mußte sechs Kinder ernähren. Mit 16 Jahren kam ich in Stellung. Der Sohn war Student und mochte mich gern. Er war sehr freundlich zu mir, oh ja. sehr freundlich. Ich wurde— krank und mußte die Stelle verlassen. Hungerte, fror, irrte obdachlos herum, hatte Angst, nach Hause zu fahren. Meine arme Mutter hätte mich totgeschlagen. Lernte einen neuen Freund kennen— und noch einen, und— noch einen... aber nie einen— Menschen, der gut zu mir war, und der mir— geholfen hätte. Aber(wild) ich mag nicht mehr— ich Hab einen Ekel— vor mir... und dem Leben. (Flehend, zärtlich) Tu mußt mir helfen. Du... Komm, wir wollen uns setzen, so leg Deinen Kopf in meinen Schoß(sehr innig) Du armer Junge!(Pause, Stimmung wie vorher, Wind heult, gurgelndes Wasser, ab und zu Schrei eines Nachtvogels, fernes Heulen eines Hundes). Minna Cosir(heiser flüsternd):„Lieber Karel. laß mich Dein Gesicht noch einmal in meine Hände nehmen— bann will ich mich umdrehen, dann... Tu(flehend, beschwörend) tus. Tu. sei gut zu mir. sei— ein Mensch... hilf mir. Du —— ich habe es satt, das schmutzige Leben.(Kleine Pause.) Wirst- Du— es tun?" Chauffeur(qualvoll erregt):„Ich- kann- das- nicht — tun. Ich— will— leben... mit Dir!" Minna Cosir:„Karel- Tu mußt es tun, Du— hast e» mir versprochen. Und ich habe Dir vertraut.(Zärtlich be» schwörend.) Wenn Du leben magst. Karel... ich- mag nicht mehr. Lebwohl. Du(leise, wie ein Hauch) laß- mich — nicht— warten!" Ein Schuß fällt. Tie sterbende(leise, wie ein Hauch):„Mut—ter l" <£m päpstlicher Goldschatz wird gesucht B«mö?e?»„?°.^°^b-i s-inem Tode ein beträchtliches Vermögen von etwa 40 Millionen Lire i» Gold hinterlasse« TaaeV^T^?°'°'?*1!*"" i4t""wiunden wurde,«lm äJi£ r" tbtn Me 5«"ter des Schlafzimmer» ge- betrat« vermauert und keines Menschen Fuß des HeUialn aber^'" b°uch die Finanzen Vttft« tt«• bit^ise stark mitgenommen. Kassen leer^" bei seinem Amtsantritt die schatten muk!l J außerordentlich sparsam wirt» decken ,u könn«n< nUt« e""wendigsten Auslage« S£S;S","'»«mä» hat. zu finde" P""«wert°°° 170 Millionen Sit» Pfarrer Niemöller Ein denkwürdiger Empfang und seine Folgen In den inneren Kämpfen der evangelischen Kirche trat sei» Monate,, ein Mann hervor, um dessen Perjon und dessen Handlungen sich bereits ein Legendcnkranz webt. ES ist der Pfarrer Niemöller, in Dahlem bei Perlin wirkend. Ans der„Reuen Zürcher Zeitung"m Einverständnis mit dem Notbund dem Reichsbischof, das Verhalten der Rcichskirchcnrcgicrung habe in den Ge- meinden größte Erregung hervorgerufen und das Vertrauen zur Führung der Deutschen Evangelischen Kirche sei schwer erschüttert. Am 27. Dezember 1034 vollzogen dann dieselben Bischöfe einen überraschenden Kurswechsel. Sie stellten sich mit einer Kundgebung geschlossen hinter den Reichsbischof und bekannten, daß sie gewillt seien, seine Maßnahmen und .Verordnungen in seinem Sinne durchzuführen, die kirchen- politische Opposition dagegen zu verhindern und mit allen ihnen verfassungsmäßig zustehenden Mitteln die Autorität des Reichsbischoss zu festigen. Da» überwachte Telefon Wie läßt sich dieser Umkall erklären? Bisher wußte man. daß am 25. Januar ein großer Empfang der Landeskirchen- iührer und anderer führender Persönlichkeiten aus dem kirchlichen Leben beim Reichskanzer stattgefunden hatte, und e? war anzunehmen, daß der Stellungswechsel der Bischöfe mit diesem Empfang zusammenhänge: solange aber über die bei diesem Anlaß geführten Besprechungen nichts bekannt war, blieb man aus Vermutungen an- gewiesen. Inzwischen sind.in deutschen kirchlichen Blätterst ^.Evangeliüm im Dritten Reichs„Auswärts" und„All- gemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeiinug", wichtig auch kin Bericht in der Göring nahestehenden Essener„Rational- Zeitung"— Nachrichten durchgesickert, ans denen man die ganze Tragweite jeneS Empfangs erkennen kann. Danach ergibt sich folgendes Bild: Gin»' geladen waren sieben Vertreter der„Deutschen Ebristen, darunter die Professoren Fczer(Tübingen) und Bcner (Greifswald), und sieben Gegner der„Deutschen Ehristen", darunter außer den Bischöfen Marahrens, Schöffe! und Meiser der württembcrgilche Landesbischof Wurm und V'arrer Niemöller(Berlin), der Führer des PfarrernotbundeS. Außerdem waren der Ministe- rialdirektor Jäaer und natürlich der RcichSbischof zugegen, dazu die Juristen Koopmann und Werner. Am 25. Januar waren diese Herren in der Neichskanzlei versammelt Hitler Erschien in Begleitung von Gyring. Frlck. Heß. Ministerial- direktor Buttmann und anderen. Ebe die Besprechung be- Sann, bat Göring ums Wort und sagtet ^„Mein Führer! Als Ministerpräsident., des größten deutschen Staates bin ich in erster Linie kür Ruhe und Ordnung verantwortlich und darum bitte ich, ein T e l e- fonaespräch verlesen zu dürfen, das vor anderthalb Stunden der Führer oder Vorsitzende des Pfarrer- notbunde» in Deutschland, der bei der Besprechung hier mit anwesende Pfarrer Niemöller, geführt hat. ES hatte folgenden Wortlaut:..Wir haben unsere Minen gelegt: wir haben die Denkschrift(eine Denkschrift, die den Zweck haben sollte, den ReichSbischoi zu stürzen) zum Geichs- Präsidenten geschickt: wir haben die Sache gut gedreht, gor der kirchenpolitischen Besprechung wird der Kan,'^r»um Vortrag beim Reichsoräsidenten sein nnb vom Reichspräsidenten die letzte Oelung empfangen.'" Hitler schreit.. Die Verlesung diese? von der«ebeimender Gehörten Telefongespräches wirkte, w"eipzifl in i?»sische Landesbischok«°*'^./l.?d^rnig kubr Hitler einem Vortrag erzählt bat. erschüttern siegen Niemöller los:.Glauben e,e, 6°fi.gj^'jeirw erhörter Hintertreppenpolitik eiuen ÄeI» Reichspräsidenten und mich treiben und damit die Grundlage des Reiche« gefährde« fg können?" Wir glauben cS Eoch, wenn er hingen Anwesenden bei dielen Worten t^ n augenblicklich unterlief und daß sie glaubten, daß Wiemouer^ in Schutzhaft abgeführt würde. Aber^ beleidigen: aber iue Ihnen nichts, mich könn- i her verantwort- lolange ich. lebe unter Ve^ntwortu^^ 6iltf kenne f'Äe Leiter des Deutschen Reiche Deutschland'" Darauf ch nur das eine Ziel und eine Liebe Deuta>»n° forderte Hitler den P'arrer Niemöller au^zn^ er dazu zu sagen habe. R>cmöllerw^nen Wortlaut ge- Gespräch in dem von GSring vorg andere» als kübrt habe: aber, so letzte er hinzu,->..l»s Ebristn» ge- ä.,, t um M.»"» welen. was>bn>mmer bei'einem^'sches Volk. Herr Sorge um das„dritte Reust.„um..^ den Worten: Reichskanzler!" Hier äffen Sie -Tie Sorge umcha»' jj|• Unterredung meine Sorge(ein. Dam,' sandte sich an alle Zwilchen den beiden Männern, un.^ Friede» in der Versammelten, um sie eindringlich zum»rieoe Kirche aufzufordern.— Pfarrer Niemöller wurde noch am selben Tage durch den Reichsbijchof seines Amtes enthoben. Niemöller, der Verschwörer Der Pfarrernotbl/std hatte seine entscheidende Niederlage erlitten: er war, wie das Organ der„Deutschen Ehristen", die Zeitschrift„Evangelium im Dritten Reich", jubelte, von den höchsten Stellen des Reiches als„Verschwörcrorganisa- tion" entlarvt worden. Es ist gar kein Zweifel, daß man den Gliedern des Psarrernotbundcs mit einer solchen Unter- stellung bitter Unrecht tut: die Anhänger des NotbundeS wollen mindestens ebenso treue Diener des nationaljozia- listischcn Staates sein wie die„Deutschen Christen". Gerade- zu lächerlich aber wirkt es, einen Pfarrer Niemöller der Staatsgesährlichkcit zu beschuldigen. Denn dieser ehemalige aktive Offizier hat nicht nur als Unterscebootkommandant während des Krieges seine Hingabe an den alten Staat be- wiesen, sondern er hat sich auch seit 1018 tätig für eine natio- nale Erneuerung eingesetzt und das Herauskommen des nationalsozialistischen Staates begrüßt. Allerdings hat er sich von Anfang an gegen die von den„Deutschen Christen" geforderte Gleichschaltung der Kirche mit dem Staate ge- wehrt und das ist ihm jetzt zum Verhängnis geworden. Auch das von Göring mitgeteilte Teliongespräch, so un- vorsichtig die Formulierungen sind, kritisiert nicht den Nationalsozialismus, sondern besaßt sich mit den Gleich- schaltungsabsichten des Reichsbischoss. Zum Nationalsozia- liSmuS haben Niemöller und seine Freunde eine durchaus bejahende Stellung. Der einzige Beweggrund ihres Kampfes ist der, das Evangelium gegen die Uebergrifte über- eifriger nationalsozialistischer Theologen z» verteidigen. Die Schwenkung Für die Bischöfe, die bi? dahin mit dem Piarrernotbund verbündet gewesen waren, entstand durch das feindselige Zwiegespräch zwischen Hitler und Niemöller eine ge- fährliche Lage. Hielten sie auch nach der politischen Verdäch- ttgung Niemöllers an ihm fest, so mußte das auch ihnen die Stellung kosten. Sie beschlossen darum, weil sie sich begreif- lichertveise dem Odium der Staatsgesährlichkeit nicht auch noch aussetzen wollten, Niemöller preiszugeben: die Ber- Hindling mit dem Psarrernotbund wurde gelöst. Das Rätsel- haste ist aber nun, daß die Landeskirchenlührer nicht etiva nur auf das Bündnis mit der Kampiorganisation des Not- blindes verzichteten, sondern daß sie den Kampf gegen den Reichsbischof überhaupt aufgaben. Die Erklärung vom 27. Januar ist ja nicht etwa ein taktischer Wandel, sondern ein vollständiger Gesinnungswandel. Die Bischöse konnten sich nicht dazu entschließen, den Kamps allein weiterzuführen, sondern sie haben ihre Glaubens- bedenken, die sie in den früheren Erklärungen so deutlich geltend gemacht hatten, zurückgestellt und in ihrer Kund- gcbung vom 27. Januar nicht etwa nur die Opposition de? PfarrernotbundeS. sondern grundsätzlich jede gegen Müller gerichtete Opposition ver- dämmt. ES hießen den Landeskirchenführern jeden . w»» JtfS V& S.T-Wiö.~r,r s« ste.pov fcsiw Charakter absprechen, wenn man annehmen würde, daß sie ihre Gewissensbedenken einfach aus einen Wink des Führers hin in den Hintergrund geschoben hätten. vle riudif zum Papst Noch keine Bestätigung United Preß schreibt: Zu den Meldungen, wonach«03 Pastoren der evangelischen Kirche ein Bittschrciben an den Papst gerichtet haben sollen, in der sie um Aufnahme in die katholische Kirche ersuchen, ist zu bemerken, daß diese Nachrichten v o r l ä u f i g noch der Bestätigung cnt- behren. Es scheint sich eher um eine Annäherung zwischen ber evangelischen und der katholischen Kirche zu handeln, die, wie es heißt, vor etwa sechs Monaten durch ein S ch r e i b e n des bekannten Theologen und Dogmatikers Karl T h i c m e (Leipzig) an den Vatikan ins Rollen gekommen ist. Thieme hat in diesem Schreiben die Frage ausgeworfen, ob es nicht an der Zeit wäre, die dogmatischen, noch aus der Zeit Luthers stammenden Unterschiede zwischen den beiden Kirchen nach- zuprüfcn. Niemöller hat wieder gepredigt Der Pfarrernotbund erneut aktiv Berlin, 10. April. Der Führer des PfarrernotbundeS, Dr. Niemöller, der vor mehreren Wochen durch den Reichsbischof seines Amies entsetzt wurde, hat wiederum in der Kirche in Dahlem gepredigt. Der Pastor S ch a r s c n- h e r g, der in der vorigen Woche zum Sonderkommissar von Dahlem eingesetzt worden war und Niemöller ersetze» sollte, ivar nicht erschienen. Die Gläubigen hatten ihm errlärt, daß er die Kirche geschlossen vorfinden würde! Der Vorfall bedeutet eine neue Niederlage des Reichsbischoss. Der Psarrernotbund veröffentlicht eine Antwort aus die Osterbotschai't des Reichsbischoss. Diese Botschaft, er- klärt die Opposition, bereite ihnen große Sorge, denn sie beweise die ungeheure Gefahr, die der evangelischen Kiiche drohe. Sie.erhebt Protest gegen die Diktatur, die von dem Reichsbischoi Müller ausgeübt, wird. Im übrigen erfahren wir, daß die Mitglieder der Berliner Diözese beschlossen haben, der Einladung des Berliner Bischoso zu einer„brüderlichen Aussprache", die für kom- inenden Mittwoch angesetzt war. nicht Folge zu leisten. Zu der Predigt des abgesetzten Pfarrers N i e m ö l l e r in Dahlem strömen Taufende. Die Jesus-Christüs-Kirche war schon eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes überfüllt. Auf den Stehplätzen, im Mittelgang und auf den Stufen des Altars drängten sich die Menschen Kopf an Kopf. Prokestantengeist erhitzte die Köpic und schwebte über der ganzen V c r s a m in- l u n g in zitternder Erregung, als Niemöller feine Predigt begann. Sie stand im Zeichen des KampkeS, der Glaube fei in die Verteidigung gedrängt.„Er soll sich neue Grenzen diktieren lassen und zum gehorsamen Valallen und Bundesgenossen weltlicher Gewalten werden. ... Wenn Blut und Boden dir obersten Leitsätze werden, bann ist es mit dem christlichen Glauben vc.bci." Reldisreform beginnt mit ReKhstheater Röbbels siegt Ober Göring Berlin, 10. April. Der„Angriff" berichtet über eine be- vorstehende Umwandlung im Thcaterwesen, die a(s Bestand- teil der ReichSreiorm anzusehen fei. Dazu entnimmt daS Blatt einem Rundbrief des Amtl. Prcuß. Theaterausichuffes, dessen verantwortlicher Leiter Staatskommissar Hinke! ist. folgende Mitteilungen: „Der Staatskommissar macht darauf aufmerksam, daß die Oberbürgermeister von einer endgültigen Neubeauitragung von Theaterinteiidanten und künstlerischen Btthnenvor- ständen für dir Spielzeit 1034 85 vorerst Abstand zu nehmen haben. Staatskommissar Hinke! lagt in dem Rundbrief, daß in aller Kürze im Zuge der ReichSreiorm eine zentrale Regelung der künstlerischen und personellen Betreuungen der städtischen Theater im gesamten Reiche zu erwarten sei. Das Land Preußen, das vom 1. April 1933 die kommenden Theater durch den Amtlichen Preußischen Theateraiisschnß habe betreuen lassen, werde mit der Einrichtung dieser Zentralstelle im Reich seine kommunale Aufsicht bezüglich der stäbtischen Theater nach dorthin abtreten.. s Diese Zentralisierung des deutschen Theaterwciens durch das Ministerium des Herrn GöbbelS bedeutet eine neue Aktion gegen den preußischen Ministerpräsidenten Göring, der in selbstherrlicher Machtvollkommenheit die preußischen Theater nach seinen Plänen ausgestatten wollte. Herr Göbbcls aber duldet keine Konkurrenz seines Rivalen neben sich. So läßt er zunächst durch den Staatskommissar den Amtlichen Preußischen Theaterausichuß auslösen. Des weiteren erklärte er in einer Besprechung mit den führenden Persönlichkeiten des Berliner Theaterlcbens sehr bestimmt und entschieden, daß die„Führung der Theater im engsten Einvernehmen mit dem Reichsministerium iür Volksau,'- klärung und Propaganda" zu ersolge» habe und daß alle grundsätzlich wichtigen Fragen der personellen Leitung, des Ensembles und des Spielplanes mit diesem„für die Reichs- theaterpolitik zuständigen Ministerium" festzulegen sind. Bukarest im Attentatsfieber OS filierst ersdiwtf rang In Rumänien? Bukarest, 10. April. Die halbamtliche Agentur Orient Radio teilt mit: In den letzten Tagen während der ortho- doren Oslerteierlage und der damit zusammenhängenden Unterbrechung des politischen Leben? sind übertriebene und alarmierende Gerüchte über die Ausdeckung einer angeb- lich ernsten Verschwörung und die Verhaftung zahlreicher höherer Offiziere verbreitet worden. Diese Gerüchte haben als einzige richtige Grundlage die Eröffnung einer Unter- suchung gegen einige unverantwortliche Persönlichkeiten, denen sich anscheinend einige Militärpersonen unterer Grade angeschlossen haben. Nähere amtliche Mitteilungen über diese Angelegenheit werden veröffentlicht werden, sobald die ersten Untersuchungen beendet sind. ES kann versichert wer- den. daß die Angelegenheit in keiner Weise die Bedeutung und die Tragweite hat. die ihr in den veröffentlichten Presse- Meldungen betgelegt wirb. • Ermordung der Künlgsfamllle? United Preß berichtet auS Bukarest:. Während die Meldungen von der Entdeckung einer aus- gedehnten Ofliziersverichwörung von amtlicher Seite als stark übertrieben bezeichnet werden und erklärt wird, daß nur einigt subalterne Offiziere verhaftet worden seien, erfährt die„United Preß", daß zum mindesten vierzehn vffi- ziere, darunter zwei Oberstleutnants und ein Hauptmann, verhaftet worden feien. Im übrigen ist die Lage zur Zeit sehr unklar. Während auf der einen Seite behauptet wirb, daß die Attentäter die Ermordung der gesamten Kvnigsfamilie und der Regierungsmitgliedcr beabsichtigten, um den jetzt verhafteten Obersten Prccup zum rumänischen Milnärdiktmor zu erheben, heißt es nach einer anderen Version, daß sich die Attrntatspläne nur . gegen die Geliebte des Königs, Frau Lupescu, gerichtet hätten. Die Attentäter hätte» ge- glaubt, im Interesse des Königs zu»handeln, wenn sie diesen von dem nach ihrer Ansicht unheilvollen Einfluß der Ge- liebten befreiten. Man glaubt eine Bestätigung dieser Ver- sion in dem Umstand erblicken zu dürfen, daß die Bukarester Militärbehörden die Aufdeckung des Komplotts und die Verhaftung der Verschwörer solange wie möglich geheim zu halten versuchten. Darum habe auck die Polizei der Oesient- lichkeit keine Mitteilung von der Verhaftung der Offiziere siemacht. Auch findet man keinen anderen vernünftige» Grund für die Haltunq der Hauptverschivörer, des Obersten Preeuv und deS Oberstleutnants Nieoara die den rumänischen König am 0. Juni i030 im Flugzeug von Pari« nach Rumänien gebracht und ihm z» seiner Thronbesteigung verhaften hatten. Man bezweifelt vor allem die Richtigkeit der R.-- hauptung, daß die„Donica Balascha"-Kirche während d-« von Earol besuchten OstergottesdiensteS hätte>„ die o,.n geiprengt werden sollen. 11 Bukarest, 10. April. Außer Oberst Preeiip fellm„, verhaftet worden sein General Schmidt, der Chef der Lustschutzabtciluug des KriegSmjnisteriums. Artillcrieobe^st Patraulja, der Gendarmeriehauptmann Meiulski die beide« B^der 5es Obersten Prccup, die Zivilpersonen sind serner vier Studenten.««ne* Pariser Derldite Pariser StraDcttalaider Beim Abbruch des alten Viertels Saint-Marri in der Nähe von der rue Baubourg in der Gegend des früheren Tempels verschwindet auch der Ursitj der französischen Akademie. In der Nummer 4 der rue des Etuves(auf deutsch: Schwitzkasten-Straße) befand sich die Wohnung des alten Conrart, des ersten„ewigen Sekretärs" der Akademie, in dessen Hause die ersten Mitglieder der später von Richelieu gegründeten Forschungsstätte zusammenkamen. Der berühmte Theologe Karl Barth, protestantischer Theologe in Bonn und geborener Schweizer, begann in Paris im Archaeologischen Institut in der rue Michelet einen Cyclus von drei Vorträgen über Kirchenfragen, die angesichts des Kirchenkonfliktes in Deutschland von besonderem Interesse sind. Die Vorträge enden am Donnerstag, 17 Uhr, mit einer Rede über„Theologie". * Wie ergänzend festgestellt wird, handelt es sich bei dem Streit am Sonntag in der avenue des Champs Elysees, über die falsche Versionen in die Presse kamen, um Rempeleien zwischen Mitgliedern der Solidarite Franchise, der Richtung Coty, und Verkäufern der Zeitung„Le Droit de vivre", eines Organs zur Verteidigung der verfolgten Juden. 6000 Teilnehmer nahmen an einem Meeting in der salle V agram teil, bei dem u. a. der Goncourt-Preisträger Andre Malraux, der Professor Prenant, der protestantische Geistliche Mangold, Georges Pioch. Bernard Lecache und andere gegen den Antisemitismus sprachen. Der Abgeordnete Jean Longuet erklärte, in Frankreich würden Methoden wie die in Deutschland und Italien nicht eingeführt werden. In der Comedie des Champs Elysees fand die Uraufführung des neuen Oedipus-Schauspiels„La machine infernale" von Jean Cocteau statt. Keine Einbürgerungen Nach einer Mitteilung des französischen Justizministeriums werden Interventionen dieser Behörde zugunsten von Anträgen auf Einbürgerung in Zukunft in keinem Falle mehr vorgenommen werden. „Phllharmonia" Die Gründungs-Versammlung eines Oratorienchores und eines Liebhaber-Symphonieorchesters deutscher Flüchtlinge findet am Montag, dem 16. April, abends 20.30 Uhr, im Cafe Mahieu, 69, bvd. St. Michel statt(nahe dem Jardin du Luxembourg). Die Tagesordnung nennt u. a.: Kurzer Bericht der Gründer über den Zweck der Vereinigung; Vorläufiges Programm, Proben, Satzungen; Vorläufige Vorstands- und Programmkommission. Ernsthafe Interessenten können eingeführt werden. Die deutsche Zwangssterilisation Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld spricht am Samstag, dem 14. April, um 21 Uhr, im Pariser Deutschen Klub (Universite du Parthenon, 64, Rue du Rocher, Paris 8— am Bahnhof St. Lazare) über:„Menschenzucht durch Ausmerze. — Unfruchtbarmachung im„dritten Reich"— Informatorische und kritische Ausführungen zu dem neuen deutschen Sterilisationsgesetz"(Vortrag mit anschließender Fragenbeantwortung). Zulassung zu dem Vortrag nur auf Grund von Ausweisen linkspolitischer Organisationen, sofern die Gäste dem Deutschen Klub noch nicht bekannt sind. Gäste sehr gerne willkommen. Karten zu 5, 7 und 10 Franken nur an der Abendkasse. 30 Karten ä 3 Franken werden Stellungslosen reserviert. Für Klubmitglieder freier Eintritt. Gastspiel des Ohel Das palästinensische Nationaltheater Ohel wird, wie gemeldet wird, in zwei Monaten mit dreißig Schauspielern nach Paris kommen. Es will in Paris„Jeremia" von Stephan Zweig,„Jacob und Rachel" von Kracheninnikoff,„Esther" von Schildmann, den„Fischer" von Hejermans und ein Stück von Peretz spielen. Die Kostüme stammen aus den Werkstätten des Theaters in Jerusalem. reL mmie 42-12 M6lro Plgalle Deutsche Poliklinik Paris, OZ, Rue de la Rochefoucauld »> Allgemeine KoniraJtatioiie» mit 9 Spexiihtten b) Chirurgie Innere Medizin, Augen», Ohren«, Nasen» und KehlkopHcrxnk» ZweistöckigesJS* d Geburtshilfliche Klinik