Linzige unabhängige Tageszeitung ventichlands Nummer 89— 2. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 18. April 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inha lt Geschichten um Jxotzki Seite 2 JlcaMetne dec deutschen tmiqcatUM Seite 3 cgcn seiner Wohnsitzoerändernngen etwas aus den Augen verloren. Vorbehaltlich einer späteren Ent- scheidung wird Trotzki der Aufenthalt im Departement Seine-et-Marne weiterhin gestattet werben. Sdiweizcr Presse and Pressefreiheit Am 26. März hat der schweizerische Rundesrat eine Pressevcrordnung herausgegeben, die eine starke Bcein- trächligung dcr Pressefreiheit darstellt. D'ese Bcrord- nunq besagt, daß bei Beschimpfungen auswärtiger Re- gierungen, bei schweren, die guten Beziehungen der Schweiz gefährdenden Ausschreitungen von Presse- organen eine Berwarnnng und im Nichtbesolgnngssalle ein Rerbot erfolgen soll. Ebenso die Beschlagnahme von Druckschristen, die in diesem Sinne wirken und von solchen, die aus dem Auslande eingeführt werden. Die Ausführung dieses Beschlusses wurde ausschließlich dem ■ Bundesrate und der AundeSanwaltschast übertragen, ohne daß ein Rekursrccht dcr Betroffenen an das Run- desgericht als oberste richterliche Instanz gegeben war. Am Samstag und am Sonntag tagte in Lugano eine Konferenz, an der außer den Mitgliedern des Zentral- Vorstandes die Präsidenten und Delegierten aller Sektionen des Schweizerischen P r c s s c v e r c i n s vertreten waren. In einer einstimmig gefaßten Resolution, die dem Bundesrate übermittelt wurde, hat der Wille dcr Ber- sammlung als Repräsentanten der schwcizerilchen Presse einen deutlichen Ausdruck gesunden. Tic Teilnehmer dcr Konserenz haben in dcr Debatte keinesivegs sich etiva für einen Mißbrauch der Pressefreiheit eingesetzt, wie er sich besonders aus der maßlosen Sprache einzelner kommunistischer Zeitungen ergab und gegen die sich in erster Linie der Erlaß richtet. Aber er verlangte, so sagt die Basler„Nalional-Zeitung" dazu, daß der Bundesrat alles tue. Um die Verletzung der Pressefreiheit zu vermeiden, und daß deren bedauerliche, vorübergehende Einschränkung unter der Kontrolle dcr Presscorganisativneu selbst zu er- folgen Hab:. Zu diesem Zwecke wurde die Einsetzung einer aus Pressedclegierten zu bildenden Kommission gefordert, die vor dem Erlasse jedes Zeilungsverbotes zuerst zu hören wäre. In ber R e s o l u t i o n heißt es: „Ter Zentralvorstand und die Präsidenten der Sektionen des Vereins der Schweizerpresse nehmen Kenntnis vom Be- schluß des Bundesrates vom 20. März 1934, über„Maßnahmen gegen die Presse". Sie erkennen die Notwendigkeit, die internationalen Be- ziehungen dcr Schweiz vor offensichtlichem Mißbrauch der Pressefreiheit zu schützen. Tie bedauern aber aus grundsätz- lichen und praktischen Erwägungen, daß der Bundesrat seine Maßnahmen ohne vorherige Befragung dcr schiveizerischcn Presscorganisation getroffen hat. wie daS sonst bei allen Berussorganisationen der Fall ist. Sie billigen ausdrücklich und einstimmig die von den Präsidenten des Schweizerischen Zeiiungsvcrlegervereins und des Vereins der Schweizer Presse beim Bundesrat- unternommenen Schritte: sie erwarten, daß der Bundesrat eine ständige Kommission einsetze, in welcher die schweizerische Presse in angemessener Weise vertreten ist: diese Kommission wäre vor jedem Verbot einer Zeitung um ihre Meinung zu begrüßen. Der Zentralvorstand und die Präsidentenkonferenz weisen neuerdings auf die Notwendigkeit hm, die sch wetze- r i s ch e Presse im Ausland vor Schädigungen durch administrative Maßnahmen fremder Behörden in vermehr- tem Maße zu schützen. Tie sind überzeugt, daß der Bundesrat, dem Sinn seines Beschlusses vom 20. März entsprechend, mit umso größerem Nachdruck auch Verunglimpsungen dcr Schweiz und ihrer Staa:ssorm durch die ausländische Presse ent- gegentreten wird." DAT. In 6er Schweiz verklagt— Max Beer gegen sein früheres Blatt Eine Klage, die die Gleichschaltung der deutschen Presse zur Ursache Hai. wird demnächst vor dem Zivilgericht in Lau- saune verhandelt werden. Der Kläger ist der frühere Genfer Korrespondent der„Deutschen Allgemeinen Zeitung", Max Beer. Er klagt gegen dieies Blatt wegen Vertragsbruchs. Mäx Beer ist Vizepräsident der Internationalen Verein!- gung dcr Bölkerbundsiournalisten. Er war zunächst einige Jahre der Genier Berichterstatter des Wolff-Bürvs, gelangte dann für einige Zeit ins Völkerbundssekretariat, wurde dann Genfer Korrespondent der„Deutschen All- gemeinen Zeitung" und ging im Sommer 1932 für das gleiche Blatt nach Paris. Im vergangenen Jahr wurde er ohne Ent- schädigung und ohne Rücksicht auf seinen langfristigen Ver- trag kurzerhand entlassen. Die Entlassung Beers war in der Tat ungerechtfertigt. Denn dieser Journalist hat stets auss entschiedenste die Völkerbundspolitik StresemannS angegriffen, so in seinem Buch„Tie Reise nach Gens", und den Austritt aus dem Völkerbund, den Hitler 1933 durchführte, geistig vorbereiten helfen. Daß ihm dafür so schmählich gedankt wurde und daß er jetzt vor einem ausländischen Gericht gegen seine Arbeit- geber klagen muß. gehört zu den vielen bitteren Er- sahrungen. die manche Leute leider erst machten, als es zu spät mar. Die Hitzewelle Im April 27,5 Grad Höchsttemperatur in Berlin Berlin» 16. April. Die Hitzewelle, die sich am Sonntag be- reits durch starken Temperaturanstieg ünkündigte, ließ das Thermometer am Montag ln Berlin bis ans 27,3 Grad stei gen. Um 17.30 Uhr wurden in dcr Reichshauptstadt noch immer 24 Grad gemessen. Hervorgerufen wird der für Mitte April ungeivöhnlich starke Temperaturanstieg durch den Zustrom subtropischer Lustmassen bei gleichzeitiger stärkster Sonnenbestrahlung infolge des klaren Wetters. Allem An- schein»ach wird das warme Wetter auch morgen, noch fort- dauern. G. w. Pabs! Ober seinen neuen Nim Wie aus Hollywood gemeldet wird, hat G. W. Pabst seinen ersten amerikanischen Film„Ein moderner Held" vollendet. Der Film wird demnächst in Neunork herauskommen, ohne daß er vorher in Hollywood lief. Nicht einmal eine„preview" fand statt. Der Film wurde bei Warners gedreht. Es heißt, Pabst habe an einer Stelle den Dialog verändert. Er habe auch auf Verlangen der Produzenten einige ergänzende Szenen hinzugefügt. Später habe man ohne seine Befragung noch andere Szenen htnzugetan. Pabst sei jetzt krank, und es scheine, daß er für Warners nicht mehr drehe» werde..Er habe zwei andere Angebote. Sicher werde er in Hollywood noch einen Film drehen. Schlacht im Chaco-Krieg Bolivien siegt? Reuyork» 17. April. Nach hier vorliegenden Meldungen aus Buenos Aires und La Paz hat um den Ort Lasconchitas von Freitag bis Sonntag eine Schlacht getobt, die als die größte im Gran-Ehaco-Krieg bezeichnet wird. Bolivien be» hauptet, Sieger im Kampfe geblieben zu sein. Aus seite» Paraguays seien 8000 Mann gefallen. Vierfache Hinrichtung! Mit dem Handbeil Berlin, 17. April. Die Justizpressestelle teilt mit: Heute früh um 6 Uhr wurden die sogenannten BVG.-Räuber, der 22 Jahre alte Erwin Hildebrandt, ber 24 Jahre alte Alfons Hoheiscl, der gleichaltrige Willi Krebs und der 31 Jahre alte Erich Achtenhagen, im Hofe des Strasgefängnisses Plötzen- see von dem Magdeburger Scharfrichter durch das Beil hin- gerichtet. Die vier Verbrecher waren durch das Urteil des Schwur- gerichts beim früheren Landgericht III in Berlin vom 6. Juli 1933 wegen gemeinschastlichcn Mordes und wegen gemein- schaftlichen Raubes mit Todeserfolg zum Tode verurteilt worden. Die von ihnen gegen deses Urteil eingelegte Revi- sion wurde im Dezember v. I. vom Reichsgericht als unbe- gründet verworfen.— Ter preußische Ministerpräsident hat von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch gemacht, weil die Verurteilten monatelang Raubüberfälle verübten, sich als berufsmäßige Verbrecher erwiesen und eine jedem geordneten menschlichen Zusammenleben feindliche Gesinnung gezeigt haben. Sie waren als Schädlinge zu betrachten, die für die Volksgemeinschaft endgültig verloren waren. Die laufe grassiert Frömmigkeit in Oesterreich lZTA.j Die ITA. konnte vor kurzem noch melden, daß als Folge der Fcbruarereignisse ein massenhafter Rücktritt Kon- sessionsloser zu den Religionsgemeinschaften eingesetzt hat und daß diese Wicdercinlrittsbewegung auch bei der Jsrae- litijchen KultuSgemeinde in einer Vervielfachung der Zahl der Wiedereintrittsfälle im Vergleich zur entsprechenden Zeit der Vorjahre zum Ausdruck kommt. Kenner dcr Verhält- nisse waren schon damals der Meinung, daß unter dem an- haltenden Einfluß des„christlichen" Rcgierungskurseö diese WiedereintrittSbewegung in eine Uebertriitsbewegung münden werde. Diese Tendenz beginnt nun in Erscheinung zu treten. Wie der JTA.-Vertreter erfährt, hat die Wiedereintritt?- bewegung bei der Israelitischen KultuSgemeinde erheblich nachgelassen. Hingegen kann man in zahlreichen privaten Kreisen die neuerwachte Tendenz, doch lieber bei einer christ- lichen Religionsgenoffenschait unterzuschlüpfen, schon sehr deutlich wahrnehmen. DaS trifft zunächst bei den Eltern schulpflichtiger Kinder zu. die sich zu erkundigen beginnen, was für ihre Kinder„besser" wäre, ob sie sie der alt- katholischen, dcr evangelischen oder gleich der römisch-katho- lichen. Religionsgemeinschaft zuschreiben, lassen sollen, wenn sie sich für eine Religionsgemeinschaft überhaupt entschließen müssen. Daß die Kinder einfach der angestammten jüdischen Gemeinde zugeführt werden, hält man unter den herrschen- den Verhältnissen für„nicht opportun". Hrcltner in Lebensgefahr Dem OND. wirb auS Wien berichtet: Der frühere Finanz- refercnt der Gemeinde Wien, Stadtrat B r e i t n e r, der wc- gen eines schweren Herzleidens schon vor mehr als ändert- halb Jahren seine Stadtralstellc niedergelegt bat. wird we- gen des Verdachtes des Hochverrates und wegen angeblicher Beteiligung an der Vorbereitung des Anistandes in Hast gehalten, obivohl allgemein bekannt ist, daß Breitner sich nur mit wirtschaftlichen und finanziellen, aber nie mit poli- tischen Fragen beschäftigt hat. Breitner sitzt jetzt als Unter- suchnngshäftling im Wiener Landesgericht. Er hatte bereit? mehrere schwere Herzanfälle. Jeder weitere Tag im Untersuchungsgefängnis bedeutet für Breitner unmittel- bare Lebensgefahr. „Freiwillige" Londhelier Ein Aufruf Oberbürgermeister Dr. Str ö l i n, Stuttgart, wendet sich in einem Appell an die Arbeitslosen zur freiwilligen Mel- dnng als Land Helfer. Alle zur Zeit noch arbeitslosen, aber arbeitsfähigen ledigen Männer und Frauen der Stadt werden aufgefordert, sich bis 21. April freiwillig beim Arbeitsamt Stuttgart zur Landhilke zu melden, iür die im Interesse der Landwirtschast die Zuschüsse der„Stuttgarter Landhilfe" gewährt werden. Wer sich dem dringen- den Nvirus ohne zwingenden Grund ent» ziehe, stelle sich außerhalb der Bolksge» metnschast und habe alle sich daraus erge» benden Folgen zu tragen. Straßen-Eisenbahn Ein technischer Fortschritt Berlin, 17. April. Montag vormittag bewegte sich ein Mitropa-Speisewagen. den die Reichsbahn neben anderen Fahrzeugen aus der Ausstellung„Deutsches Volk— Deutsche Arbeit" zeigen wird, durch einige Straßen des Berliner Westen. Die Fahrt des Speisewagens, des schwersten und längsten Fahrzeuges der ReichSbahngesellschaft, war sehr ausschlußreich. Sie erfolgte unter Zuhilfenahme der neu konstruierten„Straßensahrzeuge der Deutschen Reichsbahn- gcsellichaft für die Beförderung von Eisenbahnwagen", die von Juli.1081 bis Oktober 1932 im geheimen in der Gothaer Waggonfabrik konstruiert worden sind. Diese Fahrzeuge lausen auf 10 Rädern und übernehmen die Reichsbahnsahr- zeuge, die sie an die gewünschte Stelle bringen können. Sie haben den Zweck, den Betrieben, die sich ein Anschlußgleis nicht leisten können, die Möglichkeit zu geben, Betriebsstoffe und Waren direkt nach dem Fabrikhoi zu bringen und von dort Waren abholen zu lassen, was die Betriebe Wirtschaft- lichcr macht. Für diese deutsche Erfindung, dl« zuerst von einer großen Frrma in Viersen sRheinland) verwendet wurde, liegt ein« Reihe von Anfragen aus allen Kulturländern vor. die zeigen, wie groß das Interesse für das neue Fahrzeug ist. Internationale Probleme der deutschen Emigration Von Heinz Liepmann 4. Gespräche mit Emigranten Es gibt viele Erklärungen, wie es dazu kommen konnte, daß der Nationalsozialismus in Deutschland gesiegt hat. An und für sich sind sie solange sinnlos, wie man nicht daraus für die Zukunft lernen könnte. Die Wellenbewegung, in der sich die Geschichte der Menschheit abspielt, hat nach der Reak- tion des für die ganze Welt verlorenen Krieges einen neuen Nationalismus geboren, nach dem Katzeniammer den Krampf zur Selbstüberschätzung. Nicht Hitler hat den Ratio- nalsozialismus in Deutichland groß gemacht, sondern er, mit einem besseren Instinkt begabt, als die Inhaber der Macht, machte sich zum Nutznießer der nationalen Welle. Die For- wen, in denen diese Nutznießerschast eingetrieben wurden, be- wegten sich nicht weniger in Bahnen, die ihm durch seinen besonderen Instinkt vorgczeichnet wurden.— Der deutsche Spießbürger hatte im Krieg nicht nur die Abgründe mensch- licher Not kennen gelernt, sondern auch— und besonders in der Erinnerung wurden diese Bilder farbig— die Abwechslung, das Abenteuer, den Reiz des primitiven und ro- wantischen Zusammenlebens. Und so ist es nur allzu ver- stündlich, daß viele der Heimkehrer sich nicht an den müh- samen und regelmäßigen Alltag gewöhnen konnten, zumal die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutsch- land genügend Möglichkeiten zum abenteuerlichen Dasein boten. Hat Hitler zum Ausbau seiner Partei das erwachende Nationalgefühl benutzt, so pflegte er die romantischen Ideale des Spießbürgers, um die Partei zusammenzuhalten. Diese Tatsache der Ueberwindung des klein- l i ch e n A l l t a g s ist auch unter den Menschen, die emigriert sind, festzustellen. In vielen Gesprächen bemerkt man, daß viele nicht nur vor der verpesteten Luft Deutschlands und der persönlichen Gefahr geflohen, sondern— bewußt oder un- bewußt— auch mit durch die Unruhe, die Sehnsucht, den Alltag zu überwinden, in die Emigration gingen. Viele, be- sonders der jungen Menschen, die im heutigen Deutschland keine Möglichkeit zu geistiger und wirtschaftlicher Existenz mehr sahen, haben die Emigration als Möglichkeit benutzt, ein neues Leben aufzubauen. Dieses Gefühl, das in den Meisten und nicht den Schlechtesten unbewußt den Entschluß zur Auswanderung befürwortet hat, wird heute zum Motor vieler starker geistiger Kräfte. Es läßt Not und Entbehrung ertragen, es hilft, den Mut zur Berufsumschichtung zu finden und härtet manchen Charakter. Bei den emigrierten Weißrussen findet man dieses starke Lebensgefühl in weit geringerem Maße. Die Kellner w den russischen Restaurants, die Chauffeure der Taxis und die Arbeiter in den Fabriken von Boulogne-Billäncourt haben in den meisten Fällen resigniert,' nur die zweite Gene- ration, die in der Emigration groß geworden ist, bewahrt noch eine romantische Hoffnung, der harten Arbeit entraten zu können, eine Hoffnung, ähnlich der der Bürger in der ganzen Welt aus ein großes Los oder das Testament eines Onkels aus Amerika. Wkr sprachen mit einem der ehemali- gen Würdenträger des Zarismus, der zuletzt Botschafter des Zaren war und lange Jahre nach dem Tod des Zaren noch für ihn residierte. Dieser alte Mann, heute Geschäftsführer eines sehr ange- sehenen Restaurants, gibt offen zu, daß er vom Leben nicht mehr erwartet als die Nutznießung seines kleinen ersparten Kontos bei der Bank. Er weigert sich- so sagt er— Bücher oder Zeitungen zu lesen, er weigert sich auch über Rußland zu sprechen: ja, fügt er mit leiser Stimme hinzu, vor ein paar Iahren habe er mit tiefem Erschrecken festgestellt, daß er sich nicht mehr erinnern kann, wie es war... Eine menschliche Ruine, eine menschliche Tragödie, die man nur dann richtig bewerten kann, wenn man weiß, daß seinerzeit die Menschen in seiner Umgebung nichts als die Bande einer Tradition zusammenhielt. Vergleicht man mit der Haltung dieses Mannes die Haltung des nach England entflohenen Karl Marx oder die Haltung, die Lenin einnahm, als er in der Schweiz lebte, so wird wohl klar, baß es nicht ge- nügt, sich durch sentimentalische Empfindungen an die Heimat zu binden, sondern es müssen sehr starke geistige Kräfte sein. Wir sprachen auch mit einem Tüdamerikaner, der von der Diktatur seines Heimalstoates verbannt wurde, nach- dem er den jetzigen Diktator elf Jahre lang verbannt gehabt hatte. Ein rasendes Temperament entzündet sich an der auf- geworfenen Frage nach der Möglichkeit seiner Rückkehr. Mit wilden Gesten begleitet er die Flut wilder Verwünschungen gegen die jetzigen Machthaber in seinem Lande. Fast scheint es uns nach diesem Gespräch, als sei die Hoffnung dieses Mannes noch aussichtsloser, um so leidenschaftlicher sie ihn erfüllt. Denn dieser Mann ist zum Bersten voll von Haß und Liebe. Er haßt seinen Nachfolger und liebt sein Land. Aber auf unsere Frage, was er machen würde, wenn er seinerseits wieder an die Macht käme, weiß er nichts zu antworten alS die Beschreibung unangenehmer Todesarten für den jetzigen Diktator und einige seiner Verwandten, die, wie er bebaup- tet, nur durch Intrigen gegen seine Gutgläubigkeit die Macht erobert haben.— Es gibt keinen Grund für die Geschichte, diesen Männern die Geschicke ihrer Länder wieder anzuver- trauen. Die Geschichte handelt nur zwangsläufig. Und da diese Männer ihren Völkern nichts zu bieten haben als Sehn- sucht und Haß. gibt es keinerlei Grund, ihnen diese Länder anzuvertrauen. Sie haben weder ein politisches Softem, noch den Versuch eines politischen Experiments in der Brusttasche, wenn sie in die Heimat zurückkehren. Sie würden dort anian- gen, wo sie damals ausgehört haben. Wie steht es in dieser Beziehung mit den deutschen Emigranten? Es gibt keine der in Deutschland unter- drückten Parteien, denen nicht von Gegnern und Anhängern schwere Vorwürfe gemacht werden. Sicher treffen sie in den meisten Fällen zu, denn sonst wären wir nicht in der Einigra- tion. Lebenswichtig handelt es sich für uns darum, bei uns und anderen festzustellen, was wir tun werden, wenn wir wieder in Deutschland sind. Auf keinen Fall dürfen wir da anlangen, wo wir aufgehört haben. Soviel steht fest. Was aber ist zu tun? In den Zentren der Emigration, in Paris, Amsterdam und Prag sitzen die ehemaligen und die neuen Führer, soweit sie nicht in Deutschland die illegalen Organisationen aufbauen, i Oder resigniert haben.) In diesen Zentren hatten wir Ge- Icgenheit zu verschiedenen Gesprächen. Und wenn diese Ge- spräche sich immer zunächst um die Zukunft und erst dann um die Gegnwart handeln, so mag dies das deutlichste Zeichen in dem Sinn sein, der oben angedeutet wurde, und der unsere einzige Hoffnung ist. Es darf festgestellt werden, daß. die deutschen Emigranten in ihrer wertvollen Majorität aus ihren Fehlern gelernt haben und sich unausgesetzt mit dem Werden und dem Aufbau einer deutschen Zukunft beschäl- ttgen. Die lacherlichen Methoden der letzten Jahre, einen Mann wie Röhm durch Hinweis auf seine Neigungen ver- Nichten zu wollen oder den Nationalsozialismus damit zu bekämpfen, daß man das schlechte Deutsch seiner Führer zitiert,- diese und ähnliche intellektuelle Spielereien haben aufgehört und kommen nicht mehr wieber. Heute tötet nickt mehr Lächerlichkeit, sondern Unklarheit. Wenn diese Erkenntnis sich nicht nur als geistige These durchgesetzt hat, sondern die Wirklichkeit unseres Denkens und Handelns beeinflußt, dann find wir— nickt nur durch die Berussumschichtung in charakterlicher Beziehung für die Gegenwart— sondern auch für die Zukunft unserer Heimat die Sieger. Rund um die Saar Auch ein Elaggenhrleg Zwei Kaufhäuser im Kampfe In der„Deutschen Front" des Saargebiets inseriert die nationalsozialistische Firma Sinn. In Befehlsform. Sie hat den Geist der Zeit erkannt und hält ihre Inserate in parteiamtlichem Ton. Da lesen Sie: „Am 20. April und 1. Mai Fahnen heraus. Fertige Fahnen, Fahnenstofse, Hakenkreuzfahnen, Nationalsahnen usw. Ge, brüder Sinn, Fahncnabteilung." Das läßt sich das braune Warenhaus des Nationalsozialisten Gillet nicht bieten. ES versucht zu überbieten. Auch nicht ungeschickt. Der National- sozialist Gillet appelliert gleich an das Nationalgefühl der Leser und beginnt: „Deutsche! Beachtet beim Einkauf von Fahnen, daß die- selben auch aus deutschem Fahnentuch, in deutschen Fahnen- sabriken hergestellt sind. Deutsche Fahnen! Dieselben finden Sie in allen Größen zu billigsten Preisen bei mir. Jndan- ihren» unübertroffen, licht», wasch-, färb- und wetterecht." Nationalsozialisten gegen Nationalsozialisten. Der eine wirbt mit dem Flaggenbesehl und der andere mit dem Ratio- »algefühl. ZA. Im Saargebtet Kaum noch getarnt 4«. Kameradschaft Ortsgruppe Völklingen Sieiiilbtlei». Deutsche Weihestunde in Bous Am Sonntag, den 15. April 1034. abends 8 Uhr. veranstaltet- die Ortsgruppe Bous eine„Deutsche Weihestunde".—-_ Die Völklinger Kameraden treffen sich um 0.30 Uhr am(jruDSQluVlQGl Schlashaus zum Abmarsch nach Bous. Die Angehörigen sind auch eingeladen. geliefert. Am Sonntagmorgen ab 9.30 Uhr kann jeder Kamerad mit Paß bei vorstehendem Fotografen erscheinen. Am Geburtstag des Führers Anläßlich des Geburtstages de» Führers Adolf Hitler findet am 20. 4. 1084, abends 20.30 Uhr, im Lokale Röller ein Appell statt. Es ist Pflicht, daß jeder Kamerad erscheint. Die Kapelle wirkt mit. Heil Hitler! Der Ortsgruppenführer. gez. Kurtz. ver Dreier-Aussclrov in Rom Im Palazzo Chigi in Rom fand am Montag die erste Sitzung des Dreierausichusses sür die Vorbereitung der Ab- stimmung im Saargebiet statt. Der Ausschuß, der vermutlich vier bis fünf Tage arbeiten wird und an welchem neben dem Vorsitzenden Aloisi der spanische Geschäftsträger in Bern und der argentinische Gesandte in Rom teilnehmen, soll be- kanntlich dem Bölkerbundsrat Empfehlungen für seine Zu- sammenkunst am 14. Mai machen, wie die Ordnungsmäßig- keit der Abstimmung im Saargebiet zu gewährleisten sei, und wie insbesondere die Bevölkerung jedwedem Druck bei der Abstimmung entzogen werden kann. Ferner sollen die Vorschläge der Regierungs- kommission an der Saar geprüft werden zur Aufrechterhal- tung der Ruhe und Ordnung während der Abstimmung. Als Unterlage liegt dem Dreierausschuß der Bericht der von ihm selbst eingesetzten juristischen Kommission zugrunde. Tie juristische Behandlung der Frage ist also der Ausgangs- punkt, wenn auch die Kommission neben dem Juristisch- Formalen die politische Bedeutung des Abstimmungsvor- ganges in Betracht zu ziehen haben wird. Pohbilder Jeder Kamerad muß aus schnellstem Weg''.nlder der Größe 0X8 besorgen. Die Aufnahme Sa. ur von einem Fotografen gemacht werden Der Fotograi Paar hat eine Preisvergünstigung gemacht, und zwar werden 8 Bilder. 2 zu 0X8 und ein gewöhnliches Paßbild zu 7 Fr. In Leipzig sind jetzt Steinmetzarbeiter beauftragt, alle Inschriften von den Grabsteinen zu beseitigen, die darauf schließen lassen, daß der Tote im Befreiungskampf des Pro- letariats gefallen ist. Die Hinterbliebenen der Toten sind darüber in großer Aufregung, da sie in keinem Falle die Genehmigung zu einer solchen Handlung erteilt haben Tie werden nicht einmal vorher davon verständigt, sondern es wird ihnen nach Durchführung der Schändung einfach die Rechnung zur Begleichung der Unkosten zugesandt. 43 Jahre Kerker ihr Kommunisten Darmstadt. 17. April. Das Staatspresseamt teilt mit:„Am Donnerstag, dem 12. April, begann die dreüäg'ge Strassenatssitzung des hiesigen Oberlandesgerichls unter dem Borsitz des Oberlandesgerichtsrates K ü ch l e r gegen 27 in der Heppenheimer Sprengstoff- und Hochverratssache ange- klagte Kommunisten. 23 von ihnen werden aus der Unter- suchungshast vorgesührt. Bor dem Richtertisch häufen sich die von der Polizei sichergestellten Sprengstoffe, Handgranaten, Karabiner und Armeepistolen. Funktionäre der kommunistischen Bezirksleitung in F r a n k> u r t a. M. hatten bereits im Jahre 1031 die Partei- funktionäre des Heppenheimcr Bezirks aufgefordert, die durch die Nähe zahlreicher Steinbrüche gebotene Gelegenheit zu Spreng st osfdieb stählen im Interesse der Parier nach Kräften auszunutzen. Dieser Weisung folgend, brachen dann auch die Angeklagten Schulz. Heljjrich, Karl Götzinger und Eberls unter Führung des in Lindensels wohnhasten Adam Götzinger in der Nacht vom 15. aus den 10. März 193:. in zwei Steinbrüche der Firma Kreutzer& Böhringer bei Lindensels und Winterkasten ein und entwendeten dort etwa 80 Pfund Sprengstoff«Ammvnit) und Schivarzpnlver. eine größere Anzahl Sprengkapseln und 50 Meter Zundichnur. Diese Beute wurde unter den Beteiligten verteilt und in sorgsam ausgesuchten Verstecken verwahrt. Tie gestohlenen Sprengstoffe sollten zur Herstellung von Handgranaten und zur Sprengung öffentlicher Anlagen Verwen- dung finden. Die Handgranaten fertigte der bereits rechts- kräftig abgeurteilte Georg Kilian aus Fürth mit einer er- staunlichen Geschicklichkeit an. Zur Erreichung ihrer verbrecherischen Ziele hatten die Angeklagten auch hier die bekannten kommunistischen Terror- gruppen gebildet, wo sie in der Handhabung des-f^^ng- stöffes auf Weisung der Haupibcschuldigten Schulz und Eberts von den Mitangeklagten Karl Götzinger und Gutsmutel unterrichtet wurden., Ferner wurden Schulungskurse abgehalten in denen die Sprengung von Eisenbahn schienen und Brücken sowie die Erstürmung und Besetzung ö t i e n l- licher Gebäude erörtert ivnrden. Ten gleichen umstürz- lerischen Absichten entsprang auch das Bestreben der Ange- klagien nach S ck u b>v a s i e n. die sie sich zum Teil sogar durch Einbruchsdicbstähle zu verschossen erdreisteten. Wenn sie heute ihrer Wassenleidenichast eine harmloie Deutung zu geben oersuchen, so können sie hiermit angesichts des vor- liegenden Belastungsmaterials keinen Glauben finden. Nach mehrstündiger Beratung verkündete der Borntzcnde des Strafsenats das Urteil, wonach auf insgesamt 27 Jahre und 0 Monate Zuchthaus und 17 Jahre und 8 Monate Ge- sängnis erkannt wurde. Kehre znrikk—! Aber bestohlen wirst du trotzdem! Der Reichsinnen mini st er Hat im Falle des ehe- maligen sozialdemokratischen Oberbürgermeisters von Altona, Max Brauer, zum ersten Male die Bestimmung auS dem 8 2 des Gesetzes über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörig- keit angewandt,»ach der Reichsangehörige der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt werden können, wenn sie einer Rückkehraussorderung nicht Folge leisten, die der Reichsinnenmin ster unter Hinweis aus diese Gesetzesvorschrift an sie gerichtet hat. Der Reichsinnenmln'.- ster fordert in einer amtlichen Veröffentlichung im Reichsanzeiger den ehemaligen Oberbürgermeister von Altona, zur Zeit unbekannten Orts im Ausland, aus, binnen drei Monaten nach Deutschland zurückzukehren und seine Rückkehr dem Regierungspräsidenten in Schles- wig und dem Oberbürgermeister in Altona als Polizei- bebörbe seines früheren Wohnsitzes anzuzeigen. Gleichzeitig wurde das Vermögen Brauers be- schlagnahmt. Gefährliche Einkanisreise Wenn man sich im Zug unterhält Im D-Zug Frankfurt—Berlin wurde ein Reisender f e st g e n o m m e n, der sich in abfälliger Weise über die Re- gierung geäußert hatte. Der Zugführer hatte eine Meldung auf der Strecke abgeworfen, daß sich in dem Zug eine Per- sönlichkcit befinde, die sich mit zwei mitreisenden Amerika- nern aus Spanisch unterhalte und dabei die Reichsregierung verächtlich mache. Es handelt sich, wie„LPD." meldet, um einen deutschen Kaufmann, der schon jahrelang in Spanien wohnt und sich zwecks Einkauf von Waren zur Zeit in Deutschland aushält. Die Bahnpolizei hat den Festgenomme- nen nach Berlin weitergeleitet. Venn lemnna eine vei§e tut... Die„Ernsten Bibelforscher" im Autobus Von dem Amtsgericht in M.- G l a d b a ch wurde unter dem Vorsitz des Amtsgerichtsrats Dr. Dolman von One gegen die 23 Anhänger der Vereinigung Ernster Bibelfor- scher verhandelt. Die Anklage warf ihnen vor, sich trotz des Verbots der Bereinigung auf Grund des Paragraphen 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat versammelt zu haben, indem sie sich zum Be- such einer ihrer religiösen Versammlungen in einem g e- schl offenen Omnibus nach Holland hätten fahren las- sen. Diese Fahrt habe ausschließlich dazu gedient, einer ver- botenen Vereinigung eine verbotene Sache zu ermöglichen. An dieser Fahrt vom 3. März d. I. beteiligten sich außer Bibelforschern auch Personen, die lediglich die billige Fahrt nach Holland mitmachen wollten. Der Sprecher der Anae- klagten, welcher die Gelegenheit zu religiöser Agitation nicht unbenutzt gelassen hatte, machte geltend, daß er und seine Glaubensgenossen in der Fahrt keine Versammlung er- blicken könnten und sich auch keiner Verletzung des Verbots bewußt gewesen seien. Der Vertreter der Anklage b e a n- tragt« Freisprechung von fünf Angeklagten und gegen die übrigen die M i n d e st g e l d st r a s e von 150 Mark, ersatz- weise zehn Tage Gefängnis. Das Gericht kam jedoch zu einer Freisprechung aller Angeklagten. In der Beann-bung heißt es: Das Gericht vermag in der Fahrt im?l"Gbus keine Versammlun.g im Sinne des Verbm.» f-fien, zumal da ja auch Personen mitfuhren, die mit de"^ereini- gung nichts zu tun hatten. ver anstößige„Stürmer" (ß. T A.) Das Verbot, Julius Streichers„Stürmer" nach dem Ausland auszuführen, ist nunmehr von der Geheimen Staatspolizei auf Norddeutschland ausgedehnt worden. ES wurde streng untersagt, den„Stürmer" in Berlin zu ver- kaufen, da man nicht haben will, daß das Pogromblatt von den in Berlin sich aufhaltenden Ausländern gelesen wird. «Deutsche Freiheit", Nr. 89 ARBEIT UM» WIRTSCHAFT Saarbrücken, Mittwoch. 18. April Hitler braucht Dollar Reichsbank in Her lange- Letzte Hoffnungi Amerika Der Ausweis der Deutschen Reichsbank gehört heute zu den aufregendsten Ereignissen. Von Woche zu Woche spitzt sich die deutsche Devisenlage zu, die Reichsbank ist in der Zange, einschneidende Entscheidungen stehen bevor. Wie ist die Lage? In der letzten Märzwoche hat die Reichs- bank an Gold und Devisen wieder 17 Millionen und damit im Monat März nicht weniger als 105 Millionen Gold und Devisen verloren. Ihr Bestand ist auf 245 Millionen zusammengeschrumpft, ein Tiefstand, der weder während des Krieges noch in der Inflation da war, der tiefste Stand, den wohl je eine europäische Notenbank zu verzeichnen gehabt hat. Denn die Notendeckung beträgt jetzt bei einem Notenumlauf von 3,67 Milliarden 6,7 Prozent, während die entscheidendere Zahl, die Deckung des gesamten Geldumlaufs von 5702 Millionen gerade noch 4,3 Prozent ausmacht. Es ist eine Lüge, wenn Hitler, so oft er den Mund auftut, verkündet, daß er ein bankrottes Deutschland übernommen habe, es ist aber Wahrheit, daß ein Jahr nationalsozialistischer Politik Deutschland an den Rand völligen Bankerotts gebracht hat. Das zeigt der Etat, das zeigt der Reichsbankausweis. Dabei gilt vom Reichsbankausweis dasselbe wie vom Etat. Beide verhüllen die Wahrheit. Wie im Etat große Ausgaben- posten nicht nachgewiesen werden, so figurieren unter den Aktiven der Reichsbank zu einem Teil Posten, die faule Wechsel darstellen oder„Wertpapiere", die wie die Steuergutscheine vom Reich nicht eingelöst werden oder solche, die nur unter großen Verlusten realisierbar sind. Der heutige Status der Reichsbank ist nach so unsoliden und willkürlichen Grundsätzen aufgestellt, daß er in Wahrheit weder mit den früheren Ausweisen in der„marxistisch-liberalistischen" Zeit noch mit denen anderer Notenbanken verglichen werden kann. Denn die sind ehrlich. Die verzweifelte Situation hat bereits zu verzweifelten Maßnahmen geführt. Zunächst hat man die Einfuhr der Rohstoffe allgemein dadurch beschränkt, daß man die Zuteilung der Devisen auf 35 Prozent eingeschränkt, die Einfuhr der Textilrohstolfe und Metalle ganz verboten hat. Diese Maßnahme kann aber nicht aufrecht erhalten werden, sollen die Spinnereien und Metallwerke nicht zum Erliegen kommen. Eine Zeitlang mag es gehen. Denn auch das Konjunkturinstitut muß in seinem letzten Vierteljahresbericht zugeben, daß der Konsum in Deutschland hinter der künstlich angestachelten Produktion zurückgeblieben ist. So sei in Eisen mit einer guten Lagerbildung zu rechnen, und das Institut fürchtet bereits die Gefahr einer zeitweiligen Liebersättigung des Walzeisenmarktes. Audi in der Textilindustrie seien die Vorräte sowohl in den Rohstoffen als in den Halbfabrikaten angewachsen. Sicherlich haben bei der Vermehrung der Rohstoffbezüge die Befürchtungen wegen Gestaltung der Devisenlage in Sorge vor Inflation bereits mitgewirkt. Immerhin, gerade die Textilindustrie, die ja für die Lieferungen von Uniformen, Fest- und Einheitskleidern angekurbelt worden ist, kann die Drosselung ihrer Rohstoffbezüge nicht lange ertragen, ohne(lab Stillegungen erfolgen, und dasselbe gilt für die Rüstungsproduktion. Einfuhrbeschränkung und Arbeitsbeschaffung sind miteinander unvereinbar. Hitler hat aber verkündet, daß in diesem Jahr 2 Millionen Arbeiter neu in Beschäftigung gebracht werden. Schacht wird also den Gläubigern mitzuteilen haben, daß sie auf Bezahlung von Kapital und Zinsen nicht zu rechnen haben. Die Situation kann ungemütlich werden. Denn die Herren werden fragen, wieso sie dazu kommen, die deutsche Aufrüstung zu finanzieren. Aber gesetzt den Fall, daß sie sich noch einmal breitschlagen lassen, so wird auch das nicht viel nützen. Denn auch nach vollständiger Einstellung der Zahlungen an die Gläubiger bleibt bei dieser Wirtschaftspolitik das Defizit der Handelsbilanz, also der Zwang, einen Teil der Einfuhr mit Gold zu bezahlen, und der Goldvorrat ist erschöpft. Also, schließt mau, bleibt nichts anderes übrig als die Inflation lind im Ausland ist man heute schon von der Unvermeidbarkeit der Inflation oder wenigstens einer offiziellen Abwertung der Mark um mindestens 30 bis 40 Prozent überzeugt, ja man erteilt Schacht den dringenden Rat, endlich doch das Unvermeidliche einzusehen. Diese Meinung des Auslandes wird in manchen deutschen Kreisen nachdrücklich unterstützt. Inflation, das ist die Abwälzung auch der Markschulden, nachdem Banken und Industrie an der Entwertung von Dollar und Pfund eben 4 Milliarden profitiert haben, das ist der neue Raub der Gläubiger an den Schuldnern, den Besitzern der Staatspapiere, der Pfandbriefe, der Sparkasseneinlagen. Das ist aber vor allem die allgemeine, schlagartige, unwiderstehlichste Methode der Lohnsenkung. Zwar sind die deutschen Löhne seit dem Sturz der Regit,„..g Hermann Müller schon um 25 bis 30 Prozent heruntergesetzt worden, zwar geht die Herrschaft Hitlers mit einer ständigen Lohnreduktion einher, aber ein neuer Lohnraub, den der Göbbels schon als unwiderstehlichen Zwang darstellen wird, das ist eine zu schöne Sache, um nicht bei den deutschen Wirtschaftsführern Anklang zu finden und die Gefolgschaft darf sich doch nicht rühren. Daß schließlich mit oder ohne den ehrbaren Kaufmann Schacht der Inflationsversuch gemacht werden wird, ist möglich. Ei wird aber nichts nützen. Sein Zweck wäre, den Export durch die Entwertung der Mark zu steigern, das Defizit der Handelsbilanz zu verringern und womöglich wieder in einen Ueberschuß zu verwandeln. Aber einmal findet doch ein solcher Dumpingexport bereits statt, da ja ein Teil der Ausfuhr heute mit entwerteter Sperrmark oder Skrips bezahlt wird. Der Anteil dieses Dumpingexports an der deutschen Gesamtausfuhr wird offiziös, wahrscheinlich zu niedrig, mit einem Drittel angegeben und ist jedenfalls in rascher Zunahme begriffen. Die Wirkung der allgemeinen Markentwertung wäre so von vornherein begrenzt. Sodann aber ist es ausgeschlossen, daß die anderen Länder einer plötzlichen Steigerung des deutschen Dumpingexportes untätig zusehen würden und das Kontingentsvstem macht ja die Gegenwehr heute leichter möglich als je. Eine dauernde Exportsteigerung ist also auch durch die Inflation nicht möglich. Die steigende Einfuhr, die sie aber voraussetzt, muß nach wie vor in Gold voll bezahlt werden. Und deswegen ist zwar die Inflation ein Mittel zur räuberischen Bereicherung auf Kosten der Arbeiter und eines Teils des Mittelstandes, aber kein Ausweg aus der Divisennot. Bleibt also dem Schacht nur ein Weg— der„libera- listische" Weg der Anleihe. Und in der Tat! Nachdem Schacht selbst alles dazu beigetragen hat, um im Bunde mit Hitler den deutschen Kredit zu zerstören, scheint er den letzten Versuch aller betrügerischen Bankrotteure machen zu wollen, einen neuen Gläubiger zu finden, den er übers Ohr hauen kann. Als die Dummen hat er die Amerikaner ausersehen. Unmöglich, unglaublich? Aber in der gleichgeschalteten Presse findet man jetzt täglich den flehentlichen Appell an die Vereinigten Staaten, ausreichende Rohstoffkredite zur Verfügung zu stellen, hunderte Millionen herzugeben, damit Hitler seine Rüstungen fortsetzen und sein die Menschheit schändendes System aufrechterhalten kann. Daß dieser Plan kein bloßes Hirngespinst ist, davon zeugt ein merkwürdiger Vorgang. Denn es ist doch merkwürdig, wenn das Deutschland Schachts und Hitlers einmal Verpflichtungen erfüllt. Am 1. April waren Zinsenzahlungen an die Vereinigten Staaten für die gestundeten Besatzerngskosten und Entschädigungsansprüche fällig. Zuerst bestand natürlich die Absicht, die Zahlung nicht zu leisten. Die deutsche Regierung hat aber dann doch die Zahlung pünktlich geleistet. Warum? Unterdessen hat nämlich der amerikanische Koftgreß ein Gesetz angenommen, das die Beteiligung an Anleihen für Staaten, die mit ihren Verpflichtungen im Rückstand sind, verbietet. Um nicht unter dies Gesetz zu fallen, hat Deutschland die Zahlung geleistet. Schacht scheint also in der Tat die Hoffnung zu hegen, von der amerikanischen Regierung eine Rohstoffanleihe zu erhalten. Er spekuliert offenbar darauf, daß der Drang der Baumwollfarmer, ihre überschüssigen Vorräte zu vermindern, den kühnen Anschlug auf die Taschen der Geldgeber erleichtern werde. Das ist die Situation. Die Nationalsozialisten haben Deutschland so heruntergewirtschaftet, daß selbst die Inflation, die Expropriation der Sparer, der Lohnraub, und die Schmutzkonkurrenz keinen sicheren Ausweg mehr bietet. Ihnen bleibt nur übrig, die Spekulation auf die Dummheit, der Versuch, ob ihnen mit dem Ausland gelingt, was ihnen im Inland bis jetzt geglückt ist. Dr. Richard Kern. Elektrisches Pflügen in der Ukraine Aus Charkow wird berichtet: Im Gebiete von Üujeprope- trowsk werden in diesem Jahre Felder mit elektrisch angetriebenen Pflügen beackert. Zum Antrieb dienen ortsfeste Elektromotoren, die die Pflüge, ähnlich wie beim Dampfpflug, an Drahtseilen ziehen. Die Anlage wurde von der Maschinenfabrik„Medwedjew" in Orel geliefert und ein Pflug bearbeitet 1,5 ha pro Stunde. Die Bearbeitung von ungefähr 5000 ha durch die neue Anlage ist vorgesehen. Die Warenhausfragc Drohung an„liberalistische" Handelsredakteure Berlin, 16. April. Von der NS.-Hago wird mitgeteilt: Die Pressekorrespoudenz der NS.-Hago hat dieser Tage in einem Aufsatz die Schwierigkeiten der Warenhausfrage herausgestellt. Es ist billig, die Schließung der Warenhäuser zu verlangen, ohne die Schwierigkeiten, die eine solche Maßnahme tu sich birgt, zu erkennen und in Rechnung zu stellen. Das Presseecho dieser Veröffentlichung aber dürfte ein lehrreiches Beispiel gegeben haben. Viele Stimmen glauben, daß hiermit die endgültige Vertagung des Warenhausproblems beschlossen worden sei. W ir stellen dagegen fest, daß es nationalsozialistischer Handlungsweise entspricht, wenn man zuvor alle Schwierigkeiten ins Auge faßt, um dann um so wirkungsvoller und erfolgversprechend an die Lösung der Frage heranzugehen. Zudem bemerken wir mit Genugtuung, daß gerade die Blätter, die sich liberalistisches Denken noch immer nicht abgewöhnen können, einen Kommentar veröffentlicht haben, der davon zeugt, daß die dortigen Handelsredaktionen das Parteiprogramm entweder nicht kennen oder aber— zum tausendsten Male— böswillig unterstellen, daß die national- sozialistischen Programmpunkte in der Praxis nie durchgeführt werden.— Es ist viel wert, wenn man weiß, wo der Gegner steht. Parfetamtlldier IndcnboyKott In der gesamten nationalsozialistischen Provinzpresse Deutschlands erschien vor einigen Tagen folgende Bekanntmachung: „Nach wie vor jüdische Geschäfte meiden! Das Kreispresseamt der NSDAP, teilt mit: Es ist in letzter Zeit mehrfach behauptet worden, es sei den Parteigenossen gestattet, bei Juden ihre Einkäufe zu tätigen. Dazu ist zu sagen, daß eine derartige Genehmigung führender Parteidienststellen nicht ergangen und auch nicht zu erwarten ist. Es bleibt also den Mitgliedern der NSDAP, und ihrer Unterorganisationen nach wie vor verboten, jüdische Geschäfte zu berücksichtigen. Der Jude ist der Todfeind des deutschen Volkes und es gibt keine wirksamere Bekämpfung, als ihn am Geldbeutel zu packen. So ist es eine Selbstverständlichkeit, daß Nationalsozialisten jüdische Geschäfte und Warenhäuser meiden." Parteiführer und mithin verantwortlich ist der deutsche Reichskanzler. Juden als Käufer und Gäste unerwünscht (ZTA.) Auf der Vorderseite des Orts-Telefonbuches für Krefeld(OTB-Verlag, Georg Harke, Düsseldorf) erläßt der Generalvertreter für Wanderer-, Röhr- und Hanoinag- Automobile folgende Anzeige:„Gebot der Stunde! Schafft Arbeit durch Kauf deutscher Qualitätserzeugnisse. Besichtigen Sie die neuen Modelle in meiner Ausstellungshalle. Judenbesuch verbeten." * (ZTA.) Der Hotelbesitzer P. Beck in Tliale im Hau teilt auf die Frage betreffend Aufnahme von Juden in seinem Hotel mit:„Wir nehmen erst dann wieder Juden auf, wenn sie sich gebessert haben." Abonniert die„Deutsche Treibe« Deutscher Pinanx-Kuddelmuddel Eilt holländisches Urteil - Ueber die Besprechungen in Basel, die sich mit der deutschen Sdmldfrage befassen, lesen wir in„D e N i e u w e RotterdamscheCourant"u. a.: „Wir vermuten, daß es der einzige Beitrag von Dr. Schacht war, daß er seine Taschen umgekehrt bat, um zu zeigen, daß sie leer waren. Danach wird er sich aus dem Staube gemacht lind es den anderen überlassen haben, wie sie noch Geld von Deutschland loskriegen können... Vorige Woche hörten wir von ihm, daß Deutschland kein Valutaproblem kenne, sondern nur ein Transferproblem. Wir haben das ver- bolländischt als: kein Bankrott, sondern nur nicht bezahlen! Nun hören wir, daß„das gegenwärtige deutsche Schuldenproblem keine Frage der Nichterfüllung ist". Die privaten Schuldner müssen den Betrag ihrer Verpflichtungen solide in die Konvertierungskasse einbezahlen, sagt Schacht. Das ist auch richtig. Wir werden also nicht durch die Katze des Schuld- nrrs, sondern durch den Kater derjenigen,- die an der Konvertierungskasse interessiert sinl, gebissen. Es ist ein Trost, däß man uns daran erinnert. Wie ist es aber um die Gelder der Konvertierungsanleihc bestellt? In Deutschland herrscht in finanzieller Hinsicht wieder einmal Kuddelmuddel. Das Propagandaministerium bat seinerzeit selbst erklärt, daß es von den Einkünften der Radiosteuer bestehen könnte, also von Mitteln, die früher den Sendungen zugute kamen. Dadurch standen gewaltige Mittel— denn für dieaen Zweck mußten sie dienen— für die ausländische Propaganda zur Verfügung. In diesem Jahr werden die Mittel nicht mehr ausreichen. Denn auf dem neuen Kostenanschlag ist dieses Departement mit einer Summe von, wie wir hören, 33 Millionen Mark vertreten. Die Eisenbahngesellsdiaften sind ruiniert, weil sie große Beträge zum Bau von Autostraßen zuschießen mußten, und das trotz der neuen Mitteilungen des Finanzministers, daß man in noch nicht einmal zwei Jahren der Arbeitsbeschaffung bereits eine Staatsschuld von 6 Milliarden aufgenommen habe. Niemand weiß, woher die Erhöhung von 382 Millionen Mark kommt, die die englisch' Regierung, verglichen mit dem vorigen Jahr, nach ihre;n Rapport auf dem deutschen militärischen Kostenanschlag gefunden hat. Und zu diesem Extrapöstchen kommt noch ein Betrag von 250 Millionen Mark, den man, wie der Deutsche Nachrichtendienst mitteilt, für den Arbeitsdienst bestimmt hat. Die Deutschen, die noch kritisch lesen, haben ihre Augen aufgerissen über diesen Betrag. Der hauptsächlich durch den Stahlhelm ausgezeichnet organisierte Arbeitsdienst hat immer sehr wenig gekostet. Warum hat man dafür nun auf einmal einen so fantastischen Betrag nötig? Vielleicht haben besonders gründliche Deutsche den Ursprung dieser merkwürdigen Erscheinung selbst entdeckt. In dem Auszug des Kostenanschlages des DNB. hatte sich ein kleiner Irrtum eingeschlichen. In dem Kostenanschlag sind nämlich die 250 Millionen nicht allein für den Arbeitsdienst bestimmt, solidem für den Arbeitsdienst und die SA. und die SS. Wie ein deutscher Journalist noch so unaufmerksam sein kann, über diese zwei mächtigsten Körperschaften des Landes hinwegzusehen, können wir nicht begreifen... Wir wollen diese Ausführungen nicht beschließen, ohne noch auf etwas sehr Pikantes in dem Interview von Dr. Schacht hinzuweisen. Das wird auch für die Deutschen eine kleine Ueberraschung sein... Man spricht überall davon, daß Dr. Schacht nach Amerika reisen wird, um einen Rohstoffkredit zu holen... Nur die Allerkritisrhsten fragen sich ab, ob die Amerikaner sich wirklich bereit finden sollen, jetzt noch soviel Geld zu leihen. Von oben streut man verschwenderisch Optimismus hinsichtlich dieser Frage aus. Aber sieh einmal: nun sagt Dr. Schacht in Basel zu den Ausländern:„Ich habe nie um ausländische Kredite gebeten oder bin darüber in Unterhandlungen getreten. Ich will die alten Schulden bezahlen und keine neuen machen: Hat er jetzt erst entdeckt, daß die Trauben sauer sind? Wir nehmen an, daß viele in Deutschland, die an das Abenteuer des Kreditsuchens in Amerika oder selbst an das Wunder einer Kreditgewährung geglaubt haben, diese Enthüllung von Dr. Schacht mit nicht weniger Bestürzung vernehmen werden alt die Enthüllungen des Finanzministers. Ja, wirklich Revolution machen ist teuer!" >if I deutsche Stimmen• Beilage zur Deutschen Greifteit"• Ereignisse und Sesifkidiien an* otHtte.agamrMU WMjWMMKH Mittwoch.«Jan 18. April 193«» XeUicich Qcocge in Ein JCind fcogt Qie Wandlung, eines idelhouuuunisteu Heinrich George, der deutsche Schauspieler, war schon in jungen Jahren sehr beliebt. Aber die Shakespearesche These, daß Leibesfülle das Kennzeichen eines sanftmütigen Charakter* sei, trifft auf ihn nicht zu. Er hat nicht nur auf der Huhne, der er eindrucksvolle Gestalten geschenkt hat, getobt und gebrüllt: Er war auch im Privatleben eine Nummer für e'ch: exaltiert und prügellustig. Regisseure und kühnen» °rbeiter haben häufig seine harte Hand zu spüren bekommen. ^or allem aber, er war unter den Edelkommunisten der deutschen Bühnen einer der wildesten. Der Sowjetstern klebte düster und drohend an seiner Brust. Er hob die Faust "Rot Front" und wollte nach Rußland gehen, um am Husen Moskaus das in ihm zehrende heilige Feuer wahrer Kunst endlich zu löschen. Heute ist er leidenschaftlicher Nationalsozialist. Der Funke nach der andern Seite gesprungen: von Lenin zu Hitler. Kürzlich gab er einer Mitarbeiterin des„Völkischen Beobachters" ein Interview anläßlich einer„Tell"-Aufführung. Dag aber muß man im Wortlaut lesen: "Da ist die Bühne. Die seltsam aufreizende Kulissenluft, die gemischt zu sein scheint aus Staub, Leim, Pappe und dem Lwig-Unerklärlichen, umweht uns. Da stehen Tannenbäume, da leuchten die Matten von Uri, Felsen türmen sich auf in der " elt des schönen Scheins. Heinrich George rennt vorauf. Ein paar Minuten später ''Ijon wir alle, in heimlicher Erwartung brennend, in der kleinen Garderobe. Der Führer kommt... In wenigen Minuten muß er im Theater sein...! Ist es möglich, daß ein einfaches Wort hundert Herzen ® u» dem gleichmäßigen Takt bringt? Wir sind seltsam beschwingt. Was wollte ich eigentlich fragen? Ach, ja richtig... Aber George beginnt schon von selbst. ».Ich will mit meinem Lebenslauf anfangen. Von Geburt bin ich Pommer... ^"Ja... es ging hoch her bei uns. Wir waren bei Ypern, ® n der Marne, in den Karpathen und in den Rokitno- «-ümpfen... nun, lassen wir das heute. Der Krieg hatte ja auch ein Ende.— Dann kam für mich Dresden, später Berlin, das Staatstheater und die Volksbühne." «Welche Rollen haben Sie am liebsten gespielt?" „Den Götj!"» «Und was, Herr George, erhoffen Sie von der großen W endung der Dinge? Was erwarten Sie für das Leben der Kunst von ihr?" Da reißt Achaz, ohne anzuklopfen, die Tür auf und drei orte nur fallen in den Raum, mit seinen Spiegeln, Kostümen u nd Schrainkstiften.., ,-Fr ist da!!!" W ie eine Fackel ist das. Die Unruhe wird stark hinter den Kulissen. Stimmen klingen auf, Glockenzeichen gehen aufgeregt nach hinten. Lachen. Erregung wispert durch das Haus. Aber die Zeit drängt. „Ja..George hebt den verlorengegangenen Faden wieder auf. „Sehen Sie, ich komme eben von dem Schauspielertee hei Dr. Göhhels. Da habe ich selbst zu dem Führer die Ansicht ausgesprochen, daß das Theater endlich aus der Front der Parteikämpfe herausgezogen werden mußte. Kunst muß deutsch sein und bleiben. Das ist der Anfang nnd das Ende. Unser Theater war krank. Jefit teird es gesundem. Ich bin ein ewiger Optimist. Aber, ich glaube, berechtigter als heute war ich es nie. Eine solche Bewegung im Volk hat es noch nie gegeben und wird es in Menschheitsgedenken nicht wieder geben. Sie setzt neues Leben voraus. Und ich glaube unerschütterlich an das Theater, die Bewegung und— an Deutschland! Wir hatten keine Regisseure, keine Idee— kein Werk. Jetzt haben wir alle». Großartiger, eindrucksreicher noch als das Theater spielt jetzt das Leben. Unsere Regisseure haben wir in Potsdam und auf dem Tempelhofer Feld erlebt... Ich sage Ihnen, ich habe eben erst, als ich in Magdeburg gastierte, die deutschen Feuer auf den Harzer Bergen durch> die Nacht glühen sehen... Ich werde es nie vergessen. Ich habe mich gebeugt vor dem Leben, das zur Szene wurde, und vor der Szene, die Leben war.. * Also Heinrich George und seine Ausfragerin. Früher war das Theater krank, sagt drr große Mime. Es war so krank, daß Heinrich George Bombenrollen erhielt, die er mit Verve spielte. Jetzt erst wird es nach seiner These gesund. Aber wir fürchten, daß ihm diese Gesnndheit schiedet bekommen wird. Er sieht das braune Leben ringsher als ,.Theater" an, und die„Führer" in Potsdam und auf dem Tempelhofer Feld— das waren die Regisseure. Das ist eine tolle Respektlosigkeit gegenüber dem spontanen Aufbruch der Nation, denn nun ist auf einmal alles Theater, diese „Bewegung im Volk", die unseren George so hinreißt. Wir müssen dazu eine Anekdote erzählen— nein, eine Sache, die Heinrich George jüngst bei einem Ausbruch spontan theatralischer Begeisterung passiert ist. Vor einiger Zeit, gerade, als er den„Teil" spielte, wurde er ans Mikrophon der Berliner Funkstunde gerufen. Er tollte etwas von sich und seinen Eindrücken erzählen, und er tat es sprühend und überschwenglich. Zwar sei, so sagte er, das Theater nicht aehr gut besucht gewesen. Aber er sei entschädigt worden, denn die Anwesenheit des„Führers" habe ihn doppelt angespornt und beflügelt. „Ach, ich möchte vor meinem Führer einmal meine Lieh- lingsrolle, den Götz von Bertichingen, spielen dürfen," so fugte er mit vibrierender Stimme hinzu. Wir haben nichts mehr hinzuzufügen. Zensuc m atCec Welt Beleidigung(eentdec Slaatso&echäuptec Das„dritte Reich" scheint in der letzten Zeit eine ganze Leihe von Vorstößen unternommen zu haben, um die Gegner '•es Naziregimes in ihrer Agitation zu behindern und einzuschüchtern. ja, um ihre Tätigkeit in den Nachbarstaaten Deutschlands, wenn möglich, überhaupt zn unterbinden. Und es muß gesagt werden, daß der Reichsregierung das in verschiedenen Fällen geglückt ist. Symptomatisch hierfür ist der Fall Heinz Liepmann, der A**gen seines Romans„Vaterland" in Holland zu vier Wochen Gefängnis verurteilt worden ist. Ein holländischer Reserveoffizier Brandenburg hatte Liepmann wegen Beleidigung des deutschen Staatsoberhauptes, Reichspräsident Hindenburg, in seinem Buche eingeklagt, und zwar wegen der Frage der Kthilfegelder, des Gutes Nendeek und der Berufung Hitlers. Liepmann anerbot«ich, den Wahrheitsbeteeis für seine Ausführungen anzutreten. Sein Antrag wurde aber nicht an gekommen,„weil nach internationalem Recht Staatsoberhäupter einer fremden Macht keiner diskreditierenden Handlung beschuldigt werden dürfen, auch wenn diese Handlung bewiesen ist". So interessant dieser Fall an und für sich schon ,S L er wird noch interessanter dadurch, daß Liepmann nun a uch in England durch einen Iii tierfreundlichen Journalisten *'egen einer anderen Stelle seines Buches eingeklagt wird. wohl auf einen direkten Vorstoß der deutschen Regierung bin erfolgten die neuen Presseerlasse des Bundesrates in der Schweiz und die fast gleichzeitige Rede des Außenministers Hcneseh in der Tschechoslowakei. Der schtveizerische Presseerlaß ermöglicht die Verwarnung der Presseorgane, die„durch besonder» schwere Ausschreitungen die guten Beziehungen zu»»deren Staaten gefährden". Bei Nichtbefolgung der Verwarnung kann ihr Erscheinen durch den Bundesrat verboten werden. Andere Druckschriften können sofort vom Vertrieb ausgeschlossen oder eingezogen werden. In seiner Rede vor den Außenaustchüsaen de» tschechischen Parlaments erklärte Benesch, daß man niemals das Staatsoberhaupt einer fremden Macht angreifen solle, das für alle Völker und Staaten ein Symbol bedeute, und daß er gegen gewisse Kategorien von Injurien und Unrichtigkeiten protestieren und intervenieren müsse. Die Gleichseitigkeit dieser beiden Erklärungen läßt fast mit Sicherheit darauf schließen, daß auf die schweizerische und die tschechische, und wahrscheinlich auch noch auf andere Regierungen von Deutschland aus ein Druck erfolgt ist. Ea ist dabei übrigens interessant festzustellen, daß z. B. die Schweizer Presse bei ihren Kommentaren zum bundesrätlichen Erlaß die tschechische Parallele gar nicht erwähnte. Ilaben diese Erlasse nur den Zweck, unnütze Beschimpfungen und Injurien zum Verschwinden zu bringen, wofür die Erläuterungen zum schweizerischen Bundeserlaß und Beneschs Bemerkung,„in anderen Staaten mache man das geschickter" TLalL^jU /t sprechen, so kann ja nicht viel gegen sie eingewendet werden. IUlt*vfv Sollten sie aber zur Gefährdung der Pressefreiheit führen, so müßte energisch gegen sie Stellung genommen werden, bei aller Hochachtung für die Staatsoberhäupter fremder H. A. Frei. Von Georg W Um an „Sag mal, Vater, warum gibt es Krieg? Warum schlagen sich die Menschen tot? Warum schreien sie Hurra und Sieg? Fragt' das Kind. Jedoch der 1 alef seil wieg. „Vater, sag mir, warum gibt es Not? Warum müssen denn so viele leiden? Warum müssen Kinder barfuß gehn? Warum können Du und ich uns kleiden Und die andern nicht? Sind wir denn Heiden, Daß ttir alles das so ruhig ansehn? Warum überhaupt gibts arm und reich? Warum haben viele nichts und andre viel? Sind denn nicht die Menschen alle gleich? Vater, hör doch, daß ich Antwort heisch! Vater, das ist Ernst! Das ist kein Spiel. Vater, kann man das nicht anders metchen? Hör doch, daß ich Antwort haben ich//.' Kann man denn nicht ändern solche Sachen?" Doch der Vater blickte in die wachen, Uellen Augen seines Kindes und schwieg still■.. JUukt Schelfec Seiltänzers Schicksal Das nationalsozialistische Parteiorgan für das Ruhrgebiet, die„Westfälische Landeszeitung" befaßt sich mit dem Leitartikel„Tu felix austria..." des eilfertig gleichgeschalteten neuen Chefredakteurs des„Berliner Tageblatts", Herrn Paul Scheffer. Das Naziblatt erklärt sich bereit, Herrn Schefler„einen Stoß JLeitartikel aus verflossenen Zeiten um seine Löffel zu schlagen". Einen Kommentar zu den„intimen" Erkenntnissen„eines sich wahrscheinlich gleichgeschaltet und ungehemmt fühlenden bürgerlichen Schreiberlings" hält das Blatt für überflüssig. Es will Scheffer, obwohl er sich so sehr bemüht, offenbar beseitigt wissen, denn er ruft: „Her mit dem Schriftleitergesetz!" * „Mehr Mut, Herr Redakteur!" Die„Pomraersche Tagespoat" veröffentlicht den Wortlaut eines ihr zugegangenen Briefes, in dem sich ein Leser über die deutsche Presse belustigt.„Sehr geehrte Redaktion!" schreibt der Leser.„Warum bringen Sie eigentlich neuerdings nichts über die Hühnerzucht bei den Papua' Der Herr Propagandaminister hat doch selbst gesagt, daß die Presse ihre Meinung offen sagen soll. Also mehr Zivilcourage, meine Herren Redakteure! Ihr Abonnent..." Coutths=1JlaMec in Oestecceich Vor der Wiedereröffnung der Arbeiterhibliotlirken in Oesterreich hat der Staatskommissar für das Bibliothekswesen Kurse für die neuen Bibliothekare veranstaltet. W ie ein Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegrafen-Agentur aus gut informierter Quelle erfährt, wurde den neuen Bibliothekaren die Instruktion ei teilt, zahlreiche bisher in den Bibliotheken zum Ausleihen gestandene Werke Franz V er- fels, Arthur Schnitzlers, Lion Feuthtwangers von der Verleihung auszuschließen. Hingegen wurden als für da» V olk besonders empfehlenswerte literarische Werke die Romane der Courths-Mahler, Adlersfeld-Ballestrems und— ebenfalls als Volkslektüre das Buch des früheren Unterrichtsministers Czermak„Ordnung in der Jndenfrage", das einer rassenantisemitischen Lösung der Jndenfrage das V ort redet, in das Verzeichnis aufgenommen. JhhicacA odec Jecusalem? Schirach oder Jerusalem— das sind diesmal nicht etwa jüdische, sondern ernste arische Begriffe. Der gegenwärtig wie nie in die Halme schießende Byzantinismus ueiht den Hierarchen dea neuen Staates auch viele Straßen. So sollte, wie die Basler„National-Zeitung" berichtet, auch der 28jährige Reiclisjugendfülirer Baidur von Schirach in Braun- schweig ru seiner Straße kommen. Was war natürlicher, daß die Jeruaalemstraße dafür hätte verschwinden sollen. Aber die Braunschweiger Bürgerschaft setzt sich zur Wehr. Denn Jerusalem heißt jene Straße nicht zu Ehren der jüdischen Hauptstadt, sondern des großen Menschenfreundes Pastor Jerusalem, der vor etwa 50 Jahren in Braunschweig wirkte und aus Schottland atammte, wo die Familie tinaprütigüeh Wessel hieß. Die von 9tumanUäi faselten Ein deutscher Arzt lebt mit Lust in dieser Zeit Da»„Aerzteblatt für Sachsen" schreibt in seinem ersten Heft von 1934:„Die Einsteinsche Relativitätstheorie und die Ereudsche Psychoanalyse sowie ihre Verkünder waren Kräfte jener Art, die an den Grundlagen unserer arisch-germanischen Kultur nagten— wie der giftige geringelte Nidhögger an den Wurzeln der Weltesche Ygdrasil in unserer tiefsinnigen Edda... Wie die Nachtschatten nnd Fledermäuse vor der aufsehenden Sonne flüchten und schwinden, so flüchten Scharen solcher Nachtgespfenster wie Einstein, Kerr, Bernhardt, Isidor Weiß und andere bolschewistische Kultnrmördrr, ans Deutschland und gingen in« feipdlidie Auslan d, urp dort den •-*'•:-.ja.-- Krieg gegen Deutachland und seine wahre Kultur mit„anderen Mitteln fortzusetzen"! Daß nunmehr in unserem teuren Vaterland nur kerndeutsche Kultur und Wissenschaft rein und unverfälscht wachsen, blühen und gedeihen sollen, dafür hat unser Volkskanzler kerndeutsche Kultusminister eingesetzt, die ein scharfes Auge besitzen und das Gewissen der deutschen Nation wach halten werden! An unseren Universitäten werden nur ernste Biologen Aufklärung verbreiten, unbeeinflußt von den lächerlichen, unhaltbaren Phrasen der sogenannten„Großen Französischen" Revolution und ihren Verfechtern, die„alles für gleich erklärten, was Menschenantlitz trägt",(bekanntlich ein Wort J. G. Fichtes!) die t;on Humanität faselten... Nein, dieser Nachtspuk ist im Hitler- Reich endgültig verschwunden und wir dürfen mit unserem herrlichen Ulrich von Hatten sagen: Es ist eine Lust, in c/ie££J' Zeit iU leben",,» 'OT..-.i....«» So sinsen sie! In der neuesten Ausgabe einer SA.-Liedersammlung befindet sich folgendes„Sturmlied 22-III-I40":„SA.-Sturm zweiundzwanzig marschiert ins Morgenrot, Wir fürchten nicht den Teufel und fürchten nicht den Tod! Die Ostmark zu befreien, Sieg Heil, Viktoria! Wolln wir das Leben weihen! Sieg Heil Viktoria? Wir werden nimmer rasten, SA.-Kameraden, schwört, Bis daß die deutsche Ostmark dem Deutschen Reich gehört. Von den verdammten Polen, Sieg Heil Viktoria! Wolln wir aie wieder holen, Sieg Heil, Viktoria! So steht Sturm zweiundzwanzig zum Freiheitskampf bereit. Gebt uns die Marschbefehle, mit Gott! frischauf zum Streit! Für Ostland kämpft und Dansig. Sieg Heil, Viktoria! SA.- Sturm zweiundswanzig, Sieg Heil, Viktoria!" „Groschenkarten" Da» Krefelder Stadttheater gibt logenannte„Groschen- karten" aus, die wenig bemittelten Beaiehern erhebliche Preisermäßigungen gewähren. In den Richtlinien der Theaterverwaltung für die Spielzeit 1934 35 wird als Vorbedingung für die Preisermäßigung gefordert:„Der Antragsteller muß »ri|jfeS.r ,\bsug^uj)| aejn." Das bunte Matt .Deutsche Freiheit". Nummer 8» Mittwoch. 18. April 1831 Zauberei des Zufalls Als ich neulich irgendeine illustrierte Zeitung zur Hand nahm, war ich überrascht, auf der Titelseite statt der üblichen glattlackierten, lächelnden Filmmaske den Kopf einer früh- gealterten, wenn auch immer noch schönen Frau zu finden. Der tiefe Schmerzenszug um den Mund gab diesem Gesicht mit den sanftverschleierten Augen etwas menschlich seltsam Ergreifendes, und die Umrahmung zweier großer Kalla- sträuße ließ, verbunden mit dem Dunkel der Fotografie, un- willkürlich an ein Begräbnis denken. Vielleicht die Witwe irgendeines berühmten Verstorbenen? Interessiert sah ich nach der Unterschrift, um mit höchster Ueberraschung zu lesen:„Mademoiselle France". Des weiteren erfuhr ich aus dem Text noch, wovon die jungen Mädchen auf den Schulbänken träumen...? Also natürlich von dem Titel einer Schönheitskönigin. Schließlich war noch vermerkt, daß die Glückliche, die diesmal ihren Traum realisiert sah, IS'/, Jahre alt und besonders deshalb glücklich sei, weil sie nun ihre Studien aufgeben könnte zugunsten ihrer neuen .königlichen Karriere", die sie.vielleicht zur Bühne, zum Film oder zu irgendeiner schönen Heirat führen würde". Ein solcher Optimismus in bezug auf die„königliche Kar- riere" erscheint im heutigen Europa eigentlich übertrieben, besonders bei einer„Mademoiselle France", die sich aus ihrem vaterländischen Geschichtsunterricht an eine ganze Reihe negativer Beispiele erinnern könnte. Die königliche Karriere endet mitunter wenig glücklich, unter Umständen sogar auf dem Schafott, auch wenn es sich nur um eine Schönheits- königin handelt, wie etwa die unglückliche„Miß Colorado", alias Ruth Judd, die kürzlich zum Tod durch den Strang verurteilt wurde, weil sie, in Ermangelung anderweitiger Untertanen, zwei Freundinnen erschossen hatte. Aber von diesen oder ähnlich finsteren Perspektiven stand natürlich nichts in dem Text. Es ist auch nicht anzunehmen, daß der Fotograf gerade im Moment der Aufnahme davon Vor 25 Fahren Der Oordpol wurde entdeckt Bor rund 25 Jahren, am 6. April 1909, hat der Amerikaner Robert Peary zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit den Nordpol erreicht, der das Ziel der An- ftrengung so vieler Forscher gewesen ist. 103 Jahre vor diesem Erfolg lag der nördlichste vom Engländer Scoresboy erreichte Punkt aus 81 Grad 30 Min. nördlicher Breite. Es dauerte also noch mehr als ein volles Jahrhundert, ehe es gelang, die bis zum Pol noch nachgebliebenen 8'/, Grad oder rund 510 Seemeilen zurückzulegen. Dies allein beweist, mit welchen ungeheuren Anstrengungen dieser Heldenkamps in der Arktis verknüpft war. 1827 vermochte die englische Expedition von Peary, die zum ersten Male Schlitten benutzte, bis 82 Grad 45 Min. vorzudringen. Dieser Rekord blieb fast 50 Jahre ungebrochen, und erst 1876 vermochte das englische Schiff„Discovery" bis 83 Grad 20 Min. nördlicher Breite zu erreichen. In den folgenden Jahrzehnten werden von Peary und anderen Expeditionen mehrfach dieselben Breitengrade erreicht. Einen starken Vorsprung gewinnt Nansen während seiner be- rühmten Framexpedition, wo er mit Johannsen zusammen bis 86 Grad 40 Min. nördlich von Franz-Joseph-Land vor- dringt. Den nächsten Erfolg erringt im Jahre 1900 der Italiener Cagni, der 86 Grad 33 Min. erreicht, während die stets aufs Neue unternommenen Versuche Pearys nicht zum erhofften Ergebnis führen. Erst 1906 gelang es Peary, nörd- lich von Grandland 87 Grad 6 Min. zu.erreichen und 1909 gesprochen haben sollte, etwa in einer paradoxen Anwandlung von„Bitte recht traurig!" Und schließlich, welche schöne Frau denkt bei solchem Anlaß gar an das Schicksal Ludwigs des Sechzehnten? Aber lag dieser Ausdruck von Kummer und Schmerz, der das glatte Gesichtchen einer Sechzehneinhalbjährigen in die Leidensmaske einer frühgealterten Frau verwandelte, viel- leicht doch nur an dem Fotografen? Wie oft sieht man heut- zutage Bilder, auf denen ein Massenmörder wie ein Diplomat oder ein Diplomat wie ein Massenmörder aussieht, was übrigens manchmal der Wahrheit entsprechen mag. Ich sah mir das Bild noch einmal genau an, bestrebt, das in der Mitte gefaltete Zeitungsblatt glattzustreichen— und siehe da: plötzlich war auch dies Gesicht selber glattgestrichen. Kaum eine Spur mehr von Leidenszug. Die rührenden Kummerfältchen rings um den Mund waren nur Papier- sältchen, durch den Kniff der Zeitung entstanden, und eigent- lich war da nur ein hübsches, leeres, kleines Puppengesicht, m dem allein die Augen noch immer einen kleinen Schimmer von Schwermut zu bewahren schienen. Ich war zunächst fast bestürzt über diese so unglaublich einfache Zauberei alltäglichen Zufalls, der doch ein Stück von Schicksalswahrheit in sich trug. Bielleicht sollte man ein ähnliches Verfahren den Jung- verliebten empfehlen: aber wahrscheinlich würde sich doch keiner entschließen, ein Bild seiner Angebeteten auch nur leicht zu zerknittern, um dann ihr Antlitz sehen zu können, wie es vielleicht nach zwanzig, nach dreißig Jahren vom Schmerz, von Enttäuschung, von Alter, Krankheit oder viel- leicht auch nur von der Langeweile nachgezeichnet sein wird. Und trotzdem, vielleicht würden diese zunächst nur papiernen Spuren des Leidens doch manche tote Puppenmaske in ein lebendiges Menschenantlitz verwandeln, das nun erst um fo liebenswerter, um so ergreifender erschiene. Clerc. Geschenk für den Prinzen von Wales Die Prinzen der englischen Königsfamilie müssen viel in der Welt herumfahren, jetzt besucht Prinz Georg Südafrika, aber sein Bruder, der Prinz von Wales, hat ihn bei seiner Abfahrt vor einem kleinen Ort in Natal gewarnt. Da ist ihm nämlich bei seiner vorigen Reise ein seltsames Aben- teuer passiert. Sein Zug hielt auf dieser kleinen Station, als ein Zulufürst hinzugeeilt kam, der auf seinen Schultern einen riesigen Sack trug. Diesen Sack stellte der Zulu vor dem Wagen des Prinzen von Wales nieder. Zuerst begriff der Prinz nicht ganz, worum es sich eigentlich handele, da aber öffnete der Negerfürst unter vielen Zeremonien die Schnüre und eine schöne junge Negerin kam zum Vorschein. Ein Dolmetscher erklärte, daß dies ein Gastgeschenk für den hohen Besucher aus dem großen englischen Reich sein sollte, das dem Prinzen für jeden Verwendungszweck zur Ber- fügung stünde. Es war schwierig, dem allzu generösen Zulu erklärlich zu machen, daß der englische Thronfolger dieses Geschenk keinesfalls annehmen könne— und erst der er- lösende Pfiff des Lokomotivführers machte der seltsamen Szene ein Ende. Noch lange aber stand der Zulu mit seiner schönen Tochter auf dem verlassenen Bahnhof und konnte sich die Ablehnung seines Geschenkes gar nicht erklären. Die Dame mit den nackten Füßen Der Präsident der französischen Republik gab im Elysee einen Ball, und zu diesem Ball, dem elegantesten von ganz Paris, erschien eine gut angezogene Dame— aber ohne Strümpfe, ohne Schuhe, mit schönen Füßen, weiß wie der Schnee und herrlich rotgelackten Nägeln. Zarte Sandalen waren der einzige Schmuck dieser Füße. Die Diener wollten zuerst diese seltsame Dame nicht passieren lassen, ber Zere- monienmeister zog die Stirn in tiefe Falten, aber was wollte er machen— die Dame hatte eine Einladungskarte des Präsidenten der französischen Republik. Natürlich mar diese scharmante Schönheit das Gespräch des Balles und bald das Gespräch von Paris. Ein großes Modehaus zog sofort all seinen Mannequins die Schuhe und Strümpfe aus und Sandalen an. So wirb in diesem Jahre die strumpflose Mode von Paris aus die Welt erobern. endlich bis zum Pol selbst vorzustoßen. Schon ein Jahr früher, am 21. April 1908, hatte ber Amerikaner Cook angeb- lich, wie er selbst versicherte, den Nordpol bezwungen, doch wurden seine Behauptungen später angezweifelt und als betrügerisch erklärt. Die erste russische Expedition zum Nordpol unter der Leitung von Sedow wurde 1912 bis 1914 unternommen. An ihr nahmen u. a. Professor Wiese und der Maler Pinegin teil. Sedow kam während der Expedition um und die übrigen Teilnehmer vermochten sich nur mit Mühe zu retten. 1912 begannen auch die Expeditionen von Russanow und Brussi- low, die mit dem Untergange beider Expeditionsschiffe und der meisten Expeditionsteilnehmer endeten. Im letzten Jahrzehnt führten die Erfolge der Luftschiff- fahrt dazu, Flugzeuge und Luftschiffe in der Arktis zu ver- wenden. 1925 unternahm Roald Amundsen mit zwei Wasser- flugzeugen einen Nordpolflug, der ihn bis 87 Grad 53 Min. nördlicher Breite brachte. Im Jahre darauf gelang es dem Amerikaner Byrd, von Spitzbergen in 16 Stunden bis zum Pol und zurück zu fliegen. In demselben Jahr führte Amundsen seinen bekannten Flug im Luftschiss von Spitz- bergen nach Alaska über den Nordpol durch. 1928 folgte die Expedition Nobiles mit ,Ztalia", die einen so tragischen Ausgang nahm, und dann der Flug von Wilkins von Alaska nach Spitzbergen im Flugzeug über den Nordpol. Upton Sinclair Kandidat für den kalifornischen Gouvernenrposten Der berühmte amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair hat zugestimmt, sich zum Kandidaten für den Gouverneursposten von Kalifornien aufstellen zu lassen. Er glaubt, das Problem der Arbeitslosigkeit durch Rückglicde- rung der Arbeitslosen auf das Land mildern zu können, wenn der Staat ganze landwirtschaftliche Kolonien sub- ventionieren wirb. Upton Sinclair, dessen sozialistische Ideen gut in das heutige Amerika passen, hat, Chancen, gewählt zu werden, da ber derzeitige Gouverneur durch den Borsall einer Lynchjustiz an zwei Banditen, die er nicht verhindert hat, sehr unbeliebt geworden ist. sprechende Bücher für Blinde Das erste sprechende Buch für Blinde ist fertiggestellt. ES ist eine Kombination eines Grammofons mit dynamischem Lautsprecher und ist so handlich, daß es in einem kleinen Koffer getragen werden kann. Große Bibliotheken gliedern sich Spezialabteilungen an, in denen die für die Grammofone passenden Platten zu billigsten Preisen verliehen werben. Die modernsten Bücher werden auf Platten gesprochen, so daß die Blinden die Schönheit der Literatur kennen lernen werden. Die amerikanischen Blindenorganisationen haben erreicht, daß diese Platten steuerfrei bleiben. Die Witwe auf dem Scheiterhaufen Wenn wir uns daran erinnern, daß am 8. Dezember 1829 — also vor über 100 Jahren— die englische Verwaltung des ostindischen Reiches durch ein strenges und eindeutiges Gesetz den Indern die Verbrennung der Hinterbliebenen Frauen untersagte, so können wir diese Tatsache nicht recht glauben: denn es scheint uns, als hätten wir noch bis in die jüngste Zeit von der Ausübung dieses furchtbaren Kults gehört. Ob das nun daran liegt, daß wir uns durch Filme, wie„Die Lieblingsfrau des Maharadscha" oder„Das indische Grab- mal" immer wieder eine lebendige Anschauung des Wunder- landes Indien zu verschassen suchen, oder ob wir durch moderne und ältere Reisebeschreibungen— erinnert sei nur an den ungeheuren Erfolg von Bonsels„Jndienfahrt"— Fantasie und Anteilnahme auf den asiatischen Erdteil lenken oder ob endlich— was nachzuweisen wohl nur mit Hilfe deS Auswärtigen Amtes in London möglich wäre— das Gesetz noch lange nach seinem Inkrafttreten von sanatischen Indern übertreten wurde— zu zweifeln ist jedenfalls nicht an der nüchternen Tatsache, daß es in Indien nach dem Gesetz seit dem 8. Dezember 1829 eine Witwenverbrennung nicht mehr gibt. Tati, das ist die gute, die treue Frau, die freiwillig ihrem Mann in den Tod folgt. Bei der Leidenschaftlichkeit, zu der religiöser Fanatismus mehr als andere Art von Besessen- heit führt, werden wir glauben dürfen, daß die Verbrennung auch in Fällen vorkam, in denen sie nicht ganz frei gewollt wurde. Bald mochte ein mehr oder minder sanfter Druck der Angehörigen des Mannes, bald ein mehr oder minder güt- liches Zureden der Priesterschaft einen Seelenzustand der sich opfernden Frau erzeugt haben, in dem sie über das nicht mehr verfügte, was der moderne Strafrechtler des Abendlandes als „ireie Willensbestimmung" bezeichnet, und was dem Philo- sophen ohnehin ein mehr als problematischer Begriff ist. Als die englische Kolonialverwaltung durch Gesetz die Unsitte der Witwenverbrennung aufhob, beseitigte sie unzweifel- Haft eine Institution, die auch nach einer allgemein-gültigen Ethik— wenn wir mit Kant eine solche als gegeben an- nehmen— als unbedingt verwerflich zu bezeichnen ist. Wenn wir uns heute, da wir von einer Flut brennender Gegenwartsfragen umbrandet sind, mit der seltsamen Er- scheinung des freiwilligen Opfertodes in Indien beschäftigen, so müssen wir zwei Punkte zu klären suchen, um diesen unerhörten und völlig rätselhaften Vorßang einigermaßen verstehen zu lernen: die Frage nach dem Ursprung des Brauches und nach seiner gesellschaftlich historischen Be- deutung. In der indischen Literatur wie in der Philosophie dieses Landes finden nur keinerlei Hinweise auf solche oder ähnliche Bräuche. ES schweigt die Regveda, die älteste Sammlung indischer Sagen, es schweigt die Mahabbrate, in der die indische Literatur breiten Niederschlag findet, es schweigt die KatasagitSsagara, der„Ozean der Märchenströme". Und auch die indische Philosophie weist unmittelbar keine Spuren dieses Brauches auf. Nichts findet sich im Vedanta darüber, in ber großen Grundlage der indischen Philosophie, auf der sich alle spätere geistige Arbeit der Weisen des Landes auf- baut, und ob wir die Darstellung der indischen Philosophie in Friedrich Schlegels vor etwa mehr als einem Jahrhundert angestellten Untersuchung„Ueber die Sprache und Weisheit der Inder" lesen oder ob wir in des großen Philosophen Hegel.Borlesungen über die Geschichte der Philosophie" seine Darstellung der indischen Philosophie prüfen— eS fehlt als Norm oder auch nur als religiöser Rat der Hinweis auf das, was doch unzweifelhaft weit verbreitete Sitte war. Ob wir uns die Lehren der zum Mythos gewordenen indi- schen Gottmenschen des Brahma oder des Gautama Buddha vergegenwärtigen— es fehlt, woran im übrigen bei der geistigen Haltung indischer Religionsphilosophie von vorne- herein nicht zu zweifeln war, der Hinweis auf die Notwendig- keit oder auch nur auf die Ratjamkeit des freiwilligen Opfer- todes. Ein ganz anderes Bild aber stellt sich uns vor Augen, wenn wir uns mit dem Inhalt der indischen Religions- Philosophie befassen. Soviel weiß auch der Laie, der sich kaum mit den Problemen des Morgenlandes beschäftigt hat: daß das Nirwana, das Nichtsein als letzte Stufe höchster mensch- licher Bollendung gilt, die erst nach der Metempsychose, der läuternden Wanderung der Seele durch zahlreiche Tierkcrper erreicht wird. Geringer Einsicht nur bedarf es, um zu be- greifen, daß solche Philosophie dem Tod nicht nur seinen Schrecken nimmt, sondern ihn als reinste Vollendung be- grüßt, ja herbeisehnt. Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß in Indien das Kastensystem herrschte, das heißt eine Schichtung der Gesell- schalt, die zwar nicht völlig, aber doch im wesentlichen nach klassenmäßigen Bindungen vorgenommen wurde, so wird weiter klar, daß der Brauch des freiwilligen Opsertobes der Frau nur da möglich war, wo es eine Gleichheit der Ge- schlechter nicht gab. Wenn es in dem von Humboldt wieder- holt zitierten Dichterwort heißt:„Nach Freiheit strebt der Mann, das Weib nach Sitte", so ist hier unter Freiheit ber Zustand der Unabhängigkeit nach außen zu verstehen, der aber zugleich die unumschränkte Herrschaft nach innen in sich be- greift, wie sie von dem Patriarchat zur Zeit ber Erzväter ber Bibel bis in die moderne Gesellschaft hinein in ihren mannigfachen Abwandlungen geübt wird. Ohne imstande zu sein, unsere Behauptung wissenschaftlich beweisen zu können, sehen wir, daß der„freiwillige" Tob der Frau in Wirklichkeit nicht ganz freiwillig gewesen sein kann, daß zum religiösen Ritus erhoben wurde, was tatsächlich dazu diente, die Herrschaft über den anderen Teil aufrechtzuerhalten und damit der Klassenstruktur ber indischen Aristokratie zu dienen. Indem England diesem Brauch ein Ende setzte, hat eS, wenn auch gewiß ungewollt, ber Emanzipation der indi- schen Frauen gedient— ein Schicksal, das hieses Gesetz mit vielen anderen sozialpolitischen Gesetzen der neuen Zeit teilt. Dr. P. Deotsdie Antwort: Wir rttsten Verlegenheit im englischen Parlament TNV. London, 16. April. Im Unterhause wurde am Mon- tagnachmittag der größte Teil der deutschen Antwort auf die neuerliche englische Anfrage über die Erhöhung der deutschen Flotten-, Militär- und Sufthanshaltc in Umlauf gesetzt. Der Inhalt der Veröffentlichung ist wie sogt: Wie aus dem kürzlich veröffentlichten Reichshaushaltsplan für das Jahr 1934=35 hervorgeht, ist der Haushalt iür das Heer aus 654,6 Millionen RM. festgesetzt worden, was gegen- über dem Vorjahre eine Vermehrung von 172 Millionen RM. bedeutet. Diese Mehrausgaben sind erforderlich für die im Haushaltsjahr 1934-35 vorgesehenen Vorbereitungen für die Umwandlung des Reichsheeres in eine Armee mit kurzer Dienstzeit. Die Aufnahme der Haushaltmittcl für diesen Zweck ergibt sich aus dem Stande der Verhandlungen über die Abrllstungsfrage. Die Ausgaben des Marinehaushalts sind mit 236 Millionen RM. angesetzt worden, was gegen- über dem Borjahre eine Vermehrung von etwa 50 Mittönen RM. bedeutet. Diese Mehrausgaben sind durch die ansteigenden Kosten für die systematische Erneuerung des meist überalterten Schiffsmaterials der deutschen Flotte be- gründet, denen Ersatz teilweise schon aus Gründen der Sicherheit der Besatzung nicht noch länger hinausgeschoben iverdcn kann. Der Haushalt des LustsahrtministcriumS kann nicht als Rüstungshaushalt angesehen werden. Er besteht aus einem Lustsahrthaushalt und einem LuftschutzhauShalt. Die für die Luftfahrt vorgesehenen Ausgaben betragen 160 Millionen Reichsmark, während in dem HauShalt des letzten Jahres für diesen Zweck etwa 77 Millionen RM. vorgesehen waren. Die Erhöhung findet ihre Begründung in dem Ersatz des veralteten Flugzcugmatcrials der deutschen privaten Luft- verkchrSgescllschaft sLufthansas, die wie in anderen Ländern staatlich subventioniert ist, wobei eS sich hauptsächlich um den Ersatz der einmotorigen durch zwei- biS dreimotorige Flug- zeuge handelt, ferner darin, daß bei der Luithansa zur Besse- rung der Verkehrsbedingungen der Streckenslug auch im Winter durchgeführt und der Nachtverkehr erheblich erweitert werden soll. Durch die letztere Maßnahme werden erhebliche Ausgaben für erhöhte Sicherung, Ausbau des Beseuerungs- wesens und des fnnkcntelegrasischcn Nachrichtenverfahrens notwendig. Außerdem ist die Erhöhung durch die Forderung des Ueberseeluftvcrkehrs und der wissenschaftlichen Forschung auf dem Lustfahrtgcbiet veranlaßt. Die Ausgaben für Luftschutz belaufen sich aus 50 Millionen Reichsmark. Im Haushalt des letzten Jahres waren dafür nur 1,8 Millionen vorgesehen, weil damals die Organisation des Luftschutzes sich erst im ersten Ansangsstadium befand. Die neuausgebaute Organisation hat den Schutz der Zivil- bevölkerung gegen Luftangriffe zur Ausgabe. Ihre Tätigkeit besteht in dem Bau von splitter- und gassicheren Kellern, \ der Ausbildung von Entgiftungstrupps, der Förderuna des Feuerlöschwesens, der Ausbildung von FachtruppcS lWarn-, Instandfetzungs- und Entgiftungstrupps) und anderen ähn- lichen Maßnahmen." Abwarten? London, 17 April. Im Unterhaus wiederholt« am Moniag das konservative Mitglied Bootby seine kürzliche Anfrage an den Staatssekretär des Aeußern, ob er irgendeine weitere Information über die Erhöhung der deutschen Marine-, Militär- und Lustsahrtvoranschläge geben könne, und ob die britische Regierung beabsichtige, irgendeine Aktion in dieser Angelegenheit zu unternehmen. Simon bestätigte in seiner Antwort, daß die deutsche Regierung auf die Nachfrage ge- antwortet habe, die von dem britischen Botschafter in Berlin an sie gerichtet worden sei. Er fügte hinzu, daß die deutsche Regierung Informationen über diese Frage in Form einer Note geliefert habe, deren wichtigsten Teil er in dem amt- lichen Bericht abdrucken lassen wolle. Bootby, dem diese Antwort nicht zu genügen schien, stellte hierauf die Zwischenfrage, ob aus dem Inhalt der deutschen Note hervorgehe, daß tatsächlich im gegenwärtigen Augenblick ein Wiederaufrüsten Deutschlands in ganz be- trächtlichem Ausmaß im Gange sei. Sir John Simon wich dieser Frage in setner Antwort aus, indem er erklärte:„I ch glaube, es wird in unser aller Interesse liegen,baß wir erst die Noteprüsen." »eine AbrOsfung! Vor der französischen Antwort Nach dem„Excelsior" dürfte die bevorstehende franzö- fische Antwort an England nicht das letzte Wort der Ver- Handlungen sein. Die Note sei vielmehr eine Etappe und ziehe keineswegs den Schlußstrich unter die politischen und rechtlichen Diskussionen über die Garantien und Sanktio- nen. Gewiß bedeute Mobilisierung noch nicht den Krieg. Aber die.vollkommene Mobilisierung des deutschen Volkes" mache keinen Blut, an einen Friedenswillen zu glauben. Die französische Regierung werde daher folgende Bedingun- gen kür die tatsächliche Anerkennung einer defensiven Auf- rnstung Teutschlands stellen: 1. Beibehaltung der derzeitigen französischen Streitkräfte,' 2. Möglichkeit für Frankreich, in den Krisenjahren 1034 bis 1939, in denen die Zahl der Rekruten infolge de? Geburten- ausfalleö der Kriegsjahre niedriger sein werde, die Dienst- zeit zu verlängern, um die Lücken auszufüllen; 3. Möglichkeit, das alte Material zu erneuern, und zwar entsprechend dem Niveau des neuen Materials, mit dem daS deutsche Heer ausgerüstet werden wird. Internationale ROsfnngskonjunhtur Von Max Mager Verfolgt man die internationalen Produktions- und- Absatzstatistiken seit Beginn der Weltwirtschaftskrise und be- Dücksichtigt man dabei ganz besonders die Position der Rüstungsindustrie und des Handels mit Kriegsmaterialien, so läßt sich eine Entwicklung feststellen, die man in der öko- nomischen Literatur als„T ch e r e n b e w e g u n g" bezeich- nct: Während in allen kapitalistischen Ländern im all- gemeinen die industrielle Produktion zurückgeht oder stag- niert, wächst die Erzeugung von Kriegsprodukten; während sich der gesamte Welthandel aus einem in diesem Jahrhun- dert ungekannten Tiesstand bewegt, ist der Export von aus- gesprochenen KriegSgerätcn gegenwärtig doppelt so hoch wie vor dem Kriege. Es gibt in der Tat keinen Industriezweig, der eine derartige„Krisenfestigkeit" verzeichnen kann, wie die Rüstungsindustrie. Kein Land ist hiervon aus- genommen. Jeder Versuch, den Umfang der internationalen Produktion von Kriegsmaterial auch nur an- nähernd zu erfassen, scheitert schon daran, daß alle Inter- essenten— sowohl die Produzenten wie auch die Abnehmer —absichtlich die wirkliche Lage verheimlichen. Nur auf indirektem Wege kann eS manchmal gelingen, die Geheim- Nisse, die diese blutigen Dunkelkammern umgeben, ein wenig zu lüften. Hinzu kommt, daß außer den ausgesprochenen Kriegsmaterialen ja eigentlich ein riesiger Teil der„Frie- densproduktion" dem Bereich der Rüstungsindustrie an- gehört. Tatsache ist. baß in allen Ländern besonders die RüstungS- industrie stark rationalisiert wurde— man rechnet im all- gemeinen mit einem Ansteigen der Arbeitsleistung in den Ritstungsbetriebcn um 40 biS 60 Prozent gegenüber der Vor- kriegszeit— und daß ferner die internationale Rüstungsindustrie insgesamt beute nicht weniger, wahrscheinlich sogar mehr Arbeiter beschäftigt als 1913. Daraus kann geschlagen werden, daß die unmittelbare Rüstungsproduktion gegen- wärtig Rekordhöhen erreicht. Bestätigt wird diese Entwicklung der Rüstungsindustrie von den verfügbaren Materialien über den Welthandel in Kriegsgeräten. Danach war der internationale ErpoiI in Feuerwaffen und Munition, soweit er von den einzelnen Ländern in ihren Außenhandelsstatisttken angegeben wird, im vergangenen Jahre um 27.4 Prozent höher als 1931 und um etwa 17 Prozent höher als 1932. obwohl sich fast alle Länder viel Mühe geben, ihren„Bedarf" selber decken zu können. Dazu kommt, daß diese Statistik nur die„alten" Rüstungswaren berücksichtigt. Die' modernen— und wichtigeren— Waffen läßt sie außer acht. Der Handel mit Flugzeugen und Flugzeugteilen, mit Tanks und vor allem mit chemischen KriegSprodnkten aber ist nicht darin enthalten. Seit dem Kriege ist der Handel mit diesen„neu- zeitlichen" Mmdinstrnmentkn» m mehr als b a S Z e h n- fache gestiegen und wächst auch gegenwärtig fortgesetzt. Ein weiterer Beweis für die Sonderkoujunktur der inicr- nationalen Rüstungsindustrie ist das auffallende Anwachsen der Prosit« der Rüstungsbetrtebe. Zum Beispiel weist der Gigant unter de» französischen Rüstungsunternehmungen, die Firma Schneider- E r e u s o t, unter Berücksichtigung der Kaufkraft des Geldes, für 1983 um rund 70 Prozent höhere Gewinne aus als für 1928 und 1929. Die Gefchäftsaussichten der Rüstungsbetrtebe werden zumeist von ihnen selbst sehr günstig beurteilt. So führte Sir Lawrence in der letzten Gencrälverfaminlung von Vickers, der großen englischen RüstnngSgesellschaft. die besonders im Ausland verzweigte Riesenanlagen unter- hält und auch im„Deutschen M i l i t ä r w o ch c n b l a t t" gern inseriert, aus: „Das Arbeitsvolumen für das lausende Jahr ist ent- schieden besser. Die Gesellschaft hat heute ein besseres Orberbuch als vor einem Jahre." Und die Eompagnie des Farges et AciereS be- richtet am Schluß des letzten Geschäftsjahres über eine leichte Besserung" im Jnlandsgefchäft, über besondere Exporierfolge und über bessere Preise. Aus den bisher vorliegenden Taten geht auch deutlich her- vor. daß die laufenden Rüstungsausgaben aller Länder insgesamt von 1982 aus 1933 wesentlich ge- stiegen sind, daß sie heute um mindestens Iii Prozent höh er liegen als im Jahre 1 9 28; obwohl fett dem die Kaufkraft des Geldes stark gestiegen ist und obwohl die Defizite in den TtaatsetatS drückender als je geworden sind. Die verschleierten Rüstungöauswendungen. die gar nicht zu erfassen sind, sind zweifellos noch stärker gestiegen als dir „ordnungsmäßigen". Und Deutschland? Die bisherigen Ausführungen stützen sich aus die Angaben fast aller Länder. Sie können aber nicht die deutsche Rüstungsproduktion berücksichtigen, da die Hitlcr-Diktatur weit mehr al» alle anderen Regierungen da« blutige Ge- hcimniS zu hüten versteht. Dennoch wissen mir, daß Deutsch- land fieberhaft rüstet. Die deutschen Jmportzifstrn sagen es zu deutlich: die Gewinnsteigerungen bei Krupp, R h e i n m e t a l l und vielen anderen RttstungSbetrieben be- stätigen es: und die Rüstungsausgaben sind nicht weniger Beweis dafür, auch wenn sie unter„Arbeitsbeschaf- sung" gebucht werden. Kein Land der Welt, nicht einmal Japan, hat im letzten Jahre seine Rüstungsproduktion so ge- steigert wie das„sriedenSliebende"„dritte Reich", und wenn man die deutschen Rüstungen in die Gesamtberechnung ein» bezieht, so ist das Bild von der gegenwärtigen RüstungS- konjunktur beinahe schon gar nicht mehr vorstellbar. Die politischen Folgen dieser gefahrvollen Sonderkonjunk- tur können nicht ausbleiben! rreltod eines Marineaffaches Von der japan: schen Botschaft in Rom DRB London. 17. April. Nach einer hier vorliegenden Renterineldung ans Rom ist der japanische Marineattache in Rom. Commander Ohtani. im Schlafzimmer eines Hotel» in Neapel erhängt aufgefunden worden Es handelt sich zweifellos um Selbstmord. Ohiani war Monlagnachmittag im Hotel angekommen. Er hatte wenig oder gar kein Gepäck bei sich Als um 20 Uhr ein Hvtelangcstelltcr an die si'mmer- tür klopfte, erhielt er keine Antwort. Er öffnete die Tür und fand Commander Ohtani im Badezimmer:ot auf Er hatte sich mit Hilfe eines Hanfstrickes am Brausetrichter aufge- hängt. Ein Brief oder ein sonstiger-Hinweis auf die Gründe der Tat wurde nicht gefunden.> Arierparagrai und Reidiswehr Das Offizierkorps weigert sich In gut unterrichteten Berliner Kreisen verlautet, daß die Durchführung de» Arierparagraicn in der deuljcheu bleich»- wehr, die mit Ende April 1934 nolleudci sein soll, ans sehr ernste Schwierigkeiten stößt und daß das Problem jedenfalls zu dem angestrebten Termin lange nicht vereinigt sein wird. Die meisten Nichlarier, die der Reichswehr angehören, sind als Frontkämpfer vom Arierparagrasen nicht betroffen. Aber auch diejenigen nichtarischen Oftizere, auf die das Beriiss- beamicngejetz Anwendung finden könnie, gehören alle noch der Reichswehr an, da die Heeresverwaltung selbst sich mit der Durchführung der Aricrbestimmung nicht beeilt. Mit der Einführung des Arierparagrafen in die Reichswehr war beabsichtigt worden, nach Entlassung zahlreicher Nichlarier Plätze frei zu machen für ehrgeizige Kreiie in der«A.-. Führung, deren Streben von je daraus gerichtet ist, in den Offtziersstab der Reichswehr einzudringen. Das Ofsiz-ers- korps widersetzt sich aber einem Masseneindringcn von Außenseitern in das Heer. Man versichert, daß bis jetzt faktisch keine Entlassungen aus dem Offizierskorps der Reichswehr aus Grund des Arierparagrasen stattgefunden haben. Von den Nichtaricrn unter den Offizieren der Reichs- wehr gehören nur ganz wenige der jüdischen Gemeinichast an. Alle anderen sind entweder, und zwar zu ei nein sehr kleinen Teile, getaufte Juden, oder, in der überwiegenden Mehrhci:, Abkömmlinge gciauster jüdischer Eltern oder eines jüdischen Eltern- oder Großelterntcils. Reichsbanner in Uniform Ehrenwache unter Schwarzrotgold im„dritten Reich" In Bremen sind kürzlich 48 Mitglieder des Reich?- banners verhastet worden. Die deutsche gleichgeschaltete Presse brachte die Meldung mit der Bemerkung, daß man durch die Verhaftungen einer besonders raffinierten Gc- hcimorganisation des Reichsbanners ans die Spur gekvm- mcn sei. In Wahrheit hat die neue VerhastungSaktion in Bremen eine ganz andere Vorgeschichte. Auf einem Bremer Friedhos befindet sich d a S Grab eineSReichSbannerkameraden. der in den Kämp- fen für Freiheit und Demokratie gefallen ivar. An seinem Todestag legten Bremer Rcichsbannerlentr ans dem Grab einen Kranz mit einer großen schwarzrotgolde- nen Schleife nieder und stellten am Grab eine Ehren- wache von sechs Reichsbannerkameradchn in Uniform aus. Diese Demonstration. erregte natürlich nygehcnrcs Ans- sehen, und die Polizei beantwortete die antifaschistische Kundgebung mit der Verhaftung' der Ehrenwache und der bckann- ten Funktionäre des Reichsbanners in Bremen. Der Oessentlichkeit wird dieses Ereignis als Aufdeckung einer„raffinierten" Gcheimorganisation serviert. Im gleich- geschalteten Deutschland und vor dem Ausland kann man es nicht wagen, der Wahrheit gemäß zu berichten, daß nach einem Jahr Hitlerbiktatur, die das ganze Volk„geeinigt" hat, Männer der Arbeit, Kämpfer für Demokratie und Frei- heit am Grabe ihres gefallenen Kameraden in einer ein- drucksvollen, mutigen Demonstration Zeugnis oblegen von ihrer Gesinnungstrcue und ihrem ungebrochenen Kampfes- nrni! 5•-•••»w«-»«».'• Siegreiche Feldherren Sahen wir das nicht schon...? Titelseite d e S„Völkischen Beobachters": Adolf Hitler, umgeben von Paladinen, hinter einem Tisch stehend, aus dem eine Reliefkarte von irgend etwa? ausge- breitet liegt. Sein Zeigefinger weist auf einen Punkt des Tableaus, sein Blick sagt, daß er dort die Entscheidung sucht, und seine Granden starren mit gefurchten und entschlossenen Mienen ebenfalls dorthin. Daß wir Adolf Hitlers Bild im„Völkischen" finden, kann uns nicht überraschen. Wundern würden wir uns höchstens, wenn uns einmal eine Nummer seines Leiborgans zu Ge- ficht käme, in der der große Adolf nicht aus Vorder-, und Rückseite, in Beilage und Hauptblatt ein halb dutzcndmal prangte, besichtigend, Paraden abnehmend, Blumensträuße empfangend, den SA.-Mann Knutschke leutselig aus die Schulter klopfend.—-■ Aber dieses Bild, es erinnert uns an irgend etwas... Richtig, jetzt ist der Faden geknüpft: So erschien eS im März 1018: Wilhelm II., zwischen Hindenburg und Ludcndorsf stehend, studiert den Plan d e r F r ü h j a h r s o s s e n- s i v e. Auch damals der Tisch mit der bespickten Karte, der siegesgewiß ausgestreckte Zeigefinger, der entfchlysicne Blick, die stumme Zustimmung der Paladine. Damals Durch- bluchSschlacht, heute Arbcsitsschlacht. Im Jahre 1918 waren dann im Herbst das Fiasko und der große Katzenjammer da... Die braune Amazone h.b. In den letzten Tagen hat in Hannover wieder einmal ein großer offizieller Razirummel stattgefunden, bei dem neben anderen Attraktionen auch eine braune Maid zu.bestaunen war, die der Veranstaltung im braunen Uniformroch, der mit der Hakenkreuzbinde geschmücht war. teilnahm. Das hat einen gewissen Herrn Qewa Wilhelm Schuchardt derartig in Rage gebracht, daß er>' der„Niedersächsischen Tageszeitung" einen ellenlangen Zweispalter von sich gab, in dem er neben reichlich T'nte auch enorme Mengen an Gift und Galle verspritzte. Er wütete folgendermaßen: „Es muß deshglb als ein erneuter Versuch der Ver- slachung heiliger nationalsozialistischer Bekenntniszeichen ausgefaßt werden, wenn heute irgendwelche Gleich- geschaltete oder in Richtung Nationalsozialismus üb'r- emanzipierte Mädchen, die für den frischen Kameradschaits- geist deS Bundes Deutscher Mädel zu alt sind, nach dem braunen Ehrenkleid greisen, eine braune Uniform— wasfenrockähnlich und auf Taille geschnitten anziehen und die Hakenkrcnzbinde über den Arm streifen. „Wie interessant!" sagt der naive Bürger,„die erste Frau in brauner Naziunisyrm!"- Wir aber lagen: Wir verbitten uns eine derartige Verbagatellisierung dessen, was uns heilig ist, wir oerbitten uns eine derartige Kostllmierung und betrachten sie als eine oiienkundiae Verhöhnung, die wir uns nicht gefallen lassen und gegen die wir hiermit den schärfsten Protest'inlegen!" Das hat sich die begeisterte Hillerike sicherlich nicht träumen lassen. ■ Pariser Beruhte Pariser Straßcnhalender Der vorige Sonntag ist, wie von den Wettersachverständigen festgestellt wird, mit 29 Grad im Schatten der heißeste Apriltag seit 1893 gewesen. Die mittlere Hitze mit 18.5 Grad entsprach der Julitemperatur. Die Cafe-Terrassen der Boulevards waren überfüllt wie lange nicht mehr. Auch die beiden letzten Rennen am Sonntag in Longchamps und Montag in Saint-Cloud waren Sommerereignisse. Von der Pariser Presse wird besonderer Dank an Luxemburg für die Gastfreundschaft anläßlich des Fußballmatchs der Franzosen ausgesprochen. Von Elsaß und Lothringen waren mehrere Sonderzüge eingetroffen. Ununterbrochen wurden französische Märsche, besonders die Marche Lorraine, gespielt. Im Bois de Vincennes sind 1500 Quadratmeter Holz in der Nähe der avenue de-la-Dame-Blanche wahrscheinlich infolge der Unaufmerksamkeit eines Rauchers verbrannt. Von gleichgeschalteten deutschen Kreisen in Paris werden zwei Fahrten im Autohus nach Oberammergau vorbereitet, die sieben bzw. vierzehn Tage dauern und von der Grenze an 600 bzw. 1000 Franken kosten, bei Verwendung von „Registermark" aber nur 500 bzw. 825 Frauken— ein Beweis für die Zweifelhaftigkeit der deutschen Währung, deutlich ins Auge springt. Nach der Wiederherstellung des Weilers der Marie Antoi- nette wird jetzt im Versailler Park das berühmte bosquet des Domes wieder hergerichtet, das 1820 zerstört wurde. Die Einweihung des mit dem Gelde der Rockefeller-Stiftung restaurierten Prunkstücks erfolgt beim Springen der großen Fontäne am Sonntag dem 13. Mai. Vom Präfekten der Seine wurde mitgeteilt, daß auf den Bauplätzen der Stadt Paris zur Zeit fünf Prozent ausländische Arbeitskräfte beschäftigt sein dürfen und daß diese Zahl überschritten ist. Beim öffentlichen Wegebau sind 0,9 Prozent Ausländer eingestellt, beim Wasserbau und der Reinigung drei Prozent und bei den Untergrundarbeiten 4,5 Prozent. In Algier haben die Aufnahmen zu der Verfilmung des berühmten„Tartarin de Tarascon" nach Alphonse Daudet begonnen. Selbstmord eines italienischen Emigranten In Maison Lancon, Val du Borrico, auf französischem Boden an der italienischen Grenze, hat sich der italienische Emigrant Dante Arnechi, 43 Jahre alt, von Beruf Schuhmacher, an einem Vormittag die Kehle durchgeschnitten. Er wurde in hoffnungslosem Zustande in das Krankenhaus eingeliefert. Er war ein bekannter Antifaschist. Der Schotte aus Chatou In der Villa Darolle, im Dijoner Gefängnis, in dem die drei Abenteurer Carbone(Ventura), Spirito, Baron de Lussats sitzen, erhebt man sich morgens um 7 Uhr und richtet dann militärisch sein Lagerstatt her. Das Essen beziehen die drei Prominenten aus den besten Restaurants der Stadt— das Essen in Burgund ist anerkannt gut. Spirito liest, wie berichtet wird, philosophisch soziale Werke, Carbone schreibt viele Briefe, der Baron de Lussats redigiert geschäftlich die Handakten seiner Verteidiger. Lussats, der monegassische Baron, scheint neuerdings aber auch beteiligt an einer seltsamen Spur, die nach dem kleinen Pariser Vorort Chatou führt. Chatou liegt in der Nähe der bekannten Terrasse von St. Germain in einer fruchtbaren Gegend, deren Ton für die Bauten von Versailles ausgehöhlt wurde, und in den Höhlen wuchern jetzt kilometerweit die Pilzzuchten für den Pariser Markt. In dieser stillen Gegend wohnen schon lange die reichen Schotten Mr. und Mrs. W a t• s o n, die hier, wie man sagt, ihr Geld leben, indem sie ziemlich viel davon haben. Der monegassische Edelmann wollte diesen Schotten plündern. Als dies infolge der sprichwörtlichen schottischen Sparsamkeit mißlang, griff er ihn in Nizza und Monte Carlo draufgängerisch an, einmal in einem Nachtlokal, genannt „Der Papagei", ein andermal auf der Terrasse des feinen Kasinos. Offenbar hatte diese kleine Anremplung nur den Zweck, einen Ueberfall vorzutäuschen, aus dem die Gemeinde des Barons Nutzen ziehen wollte, indem sie sich erbot, den vermeintlich Ueberfallenen ihrerseits gegen Erlegung von Lösegeld zu schützen. Nun gibt es noch einen gewissen Maurice Bruneau, das war ein Wohngefährte des Schottenpaares, der sie auf ihren Ausflügen in die Lebewelt begleitete— in Paris gibts für so was einen Fachausdruck. Dieser Bruneau war, scheints, von einem Freunde des Barons mit dem duften Namen Janot-Ie-Beau, gedungen worden, den braven Schotten Watson nebst seiner Frau in der Ebene bei Nizza zu entführen und ihn-erst gegen 500 000 Franken Lösegeld wieder frei zu lassen. Doch gibts dabei verschiedene Versionen, denn Bruneau hat der Polizei mancherlei erzählt, nachdem er in der Villa zu Chatou-Cbroisy, in die die befreundeten Schotten schreckensbleich zurückkehrten, verhaftet wurde. Er bezichtigt sich sogar, einen der Mörder desPrince getötet oder verletzt zu haben. Und d-s kam so: Bruneau will bei seiner.Verhandlung wegen des Lösegeldes, die er mit der Bande des Barons führte, etwas von Prince gehört haben. Der eine soll gesagt haben:„Damals, als wir den Prince umlegten, hattest du mehr Mumm"— oder so ähnlich, denn der arme Maurice ist einem zwanzigstündigen Verhör unterzogen worden, und da sagt man manches. Es ist also auch möglich, daß nur gesagt wurde:„Wir greifen den Watson an."„Ja. aber wie denn?" „Ach, ganz einfach, wir machens wie bei Prince," Natürlich sind diese Aussagen nicht ohne» denn die drei Abenteurer, der Baron an der Spitze, werden ja beschuldigt, die Prince-Mörder zu sein. Ob das Material allerdings ausreicht, muß die Zukunft lehren. Einstweilen ist das Opfer nur der reiche Schotte, den seine schottische Sparsamkeit zwar vor Geldverlusten gerettet hat, der aber jetzt auf Schritt und Tritt konterfeit wird und obendrein seinen nach Versailles abgeführten Hausgenossen los ist. So steht diese Affäre, deren Entwicklung wir zunächst erst einmal abwarten wollen, da sie zunächst gar zu drastisch erzählt wurde. Auch jetzt scheint sie uns stark an Sensation und Ablenkung des Publikums zu sein, diese neueste Geschichte von den sparsamen Schotten und den bösen Räubern. Deutsche Poliklinik K2iSe55»SS <1 Allgemeine Konsultationen mit t Spcztsliiten b) Chirurgie e) Geburtshilfliche Klinik dl Zahnärztliches Kabinett Innere Medizin, Augen-, Ohren-, Najen-und Kehlkopfkrank- ZweistöckigecJSanatonamagebltide. vierstöckige, Gebäude. Zimmer Zahn-und 5^?'^ netten. Röntgen. Diathermie. Elektrotherapie. Spezialbehand. Kleine, mittlere und große Chirur. mit l bi» 4 Betten. 3 Aerzte, 3Heb- u nd Por reU an lang bei Blut-. Harn- u. Geschlechtskrankheiten eis. Dl» aller modernste Einrichtung emmen und 2 Operationssäle Kautschuk. Arnei Ordination(Sqllch von 9-12 und 2-8; Sonntags und Feiertags von 10—12 und 2—4 Ulkt Magnus Hirschfeld über das Sterilisierungsgesetz Im Pariser Deutschen Klub, sprach Dr. Magnus Hirschfeld über das neue deutsche Sterilisationsgesetj. Er erklärte ausführlich die acht Fälle, für die das neue deutsche Strafgesegbuch im Abschnitt„Rassenschändung" die Sterilisation fordert. Etwa 400 000 Menschen sollen in Deutschland zwangsmäßig sterilisiert werden. Die Sterilisation darf nicht verwechselt werden mit der Kastrierung. Auch Beschneidung ist ein Eingriff in den menschlichen Körper. In Aegypten war schon die Beschneidung üblich, heute wird sie nicht nur bei den Juden angewandt, sondern auch bei Mohammedanern oder bei den Kopten, die eine alte Christengemeinde sind. Die Kopten sind der Ansicht, alle Menschen außer den Engländern werden beschnitten. Der Beschneidung liegt wahrscheinlich ein alter Opferglaube zugrunde, ein Aberglaube, während die seit einigen Jahrhunderten vorkommende Kastration aus der Bestrafung für ein Verbrechen(z. B. Ehebruch) entstanden ist. Bei der Sterilisierung wird nur die Fortpflanzung genommen, aber der Geschlechtstrieb bleibt erhalten, wird sogar gesteigert. Als erster Staat nahm 1907 Indiana in Nordamerika die Sterilisation an, doch wurde sie nicht praktisch durchgeführt, wie die meisten der amerikanischen Staaten, die das Gesetz annahmen, es nicht durchführten. In sechs Staaten Nordamerikas wurde das Gesetz für verfassungswidrig erklärt. 16 000 Menschen sind in Nordamerika sterilisiert worden. Am meisten wurde das Gesetz in Kalifornien angewandt. Früher waren in Deutschland alle Juristen gegen die Zwangssterilisation, heute treten sie alle dafür ein. Doch die katholische Kirche hat ihren ablehnenden Standpunkt bewahrt. Katholische Aerzte dürfen den Sterilisationseingriff nicht vornehmen. Das norwegische Sterilisierungsgesetz unterscheidet deutlich das Nehmen der Zeugungskraft vom Nehmen des Triebes, Sterilisierung und Kastration. Bei einer Wahl zwischen der früher schon üblichen Eheberatung und den neuen deutschen Urteilen der„Erbgesund- heitsgerichte" erklärt sich Dr. Hirschfeld für die Eheberatung, weil jeder über seinen Körper frei verfügen soll. Die interessanten Ausführungen Dr. Hirschfelds wurden mit großem Beifall aufgenommen. Es folgte eine längere Debatte, in der unter anderm Hellmuth von Gerlach sprach. Notre Dame— verschwindet Seit der elektrischen Bewegung der berühmten Notre- Dame-Glocken, die einst Victor Hugo besungen hatte, ist der wunderbaren gotischen Kirche auf der Seineinsel schon wieder was Neues widerfahren. Die Pariser Metro hat die Station der Kirche, die das Ziel so vieler Reisender ist, gestrichen. Auf der viel befahrenen Strecke von Jussieu nach der Opera heißt die Station jetzt Chatelet(Pont au Change). Früher hieß sie Notre Dame(Pont au Change). Wahrscheinlich ist die Umtaufe erfolgt, weil die beiden Stationen Chatelet und Notre Dame, die durch einen Gang unter der Seine in Verbindung standen, häufig Anlaß zu Irrtümern boten. Nunmehr wird also die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt und des Landes auf der Metro-Karte nicht mehr erscheinen— was eigentlich unerwartet erscheint... Steuerfragen Gesellschafts- gründungen Wenden Sie sich an F* BR1QUEU LICENCIE EN DROIT ehemaliger Kontrolleur der direkten Steuer« behörden. um vom offiziellen Standpunk' aus beraten zu werden. 25, Bd. Bonne«Nouvelle. PARIS(2), Telefon Louvre 22,95 500 meniq getragene TJlodetie (haute caature): Tages-, Abend-, Sportkleidet and Pelze werden momentan verkauft bei: Maeg-Occasions 40, rue Desrenaudes(Ternes) Tel.: Etoile 35-86, Ankauf, Tauchs Cranicn- f»urg Flucht von Gerhard Seger au* dem Konzentrationslager Oranienburg. Preis: 7,50 Fr. Versand nach auswärts einschl. Porto S Fr. Ins Aus'and 8,50 Fr. Libralrie Populaire Strasbourg 2, rue Sedillot. b. d. ßourse Auch die„Kleine Anzeige" in dei „Deutschen Frei- neit'oringt Ertoiq Vom getreuen Aubert-Palast „Wenn man noch hinzufügt, daß diese Filmoperette aus Berlin kommt, weiß der Leser alles, er weiß, daß es sich um ein junges Mädchen, eine Stenotypistin, handelt, die davon träumt, eine große Dame zu sein, ein Schloß zu besitzen und „Gräfin" tituliert zu werden, er weiß auch, daß ein Märchenprinz, der gleichzeitig galant und militärisch ist, sich zu diesem Zweck findet, daß es nach einiger Verwirrung zur glücklichen Doppelhochzeit kommt.— Nehmen wir diese Filmgattnng mit dem ihr gebührenden Lächeln auf!" Diese Sätze sind wörtlich der Kritik eines Pariser Boulevardblattes über einen der neuesten in Paris(im. Aubert- Palace) gezeigten Ufa-Filme entnommen. Man bewundert den französischen Kritiker, der den einzigen möglichen Weg wählt, nämlich Serienfabrikation in Serie zu kritisieren. Der Titel spielt beim deutschen Film— zumindest bei dem der SA.— rein gar keine Rolle mehr. Ob„Georges et Georgette", ob„Toi, que j'adore" oder„Un jour viendra", es ist dasselbe Schema: Stenotypistin, Märchenprinz,, reiche Amerikanerin, Märchenschloß, Doppelhochzeit. m. Pas Neueste Der bekannte Bergsteiger Wilhelm Dobrasch auS München ist am Tonntag bei einer T kl abfahrt tobttq verunglückt. Aus den österreichischen Konzentrationslagern W»l l e r s- d o r s und Kaiser-Steinbruch sind etne Anzahl von Haft» fingen entlasten worden. Im Lause der Verhandlungen des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur Klärung der Pariser^.traßen- unruhen des 8. Februar sagte der Herzog Pozzo di Borgs aus, daß der frühere Ministerpräsident und Abgeordnete Camille E h a u t e m p s in der Freimaurerbewegung den 32. Grad bekleide und den Titel„Hoher Prtnz des König- lichen Geheimnisses" führe. In Lens haben 5000 bis 6000 Bergarbeiter einem ihrer Kollegen das letzte Geleit gegeben, der bei den politischen TchlLgereien mit Ronalisten in Henin ums Leben gekommen ist. Der Borbeimarsch des Zuges dauerte über eine Stunde. Häufig hörte man revolutionäre Rufe und dte Drohung: „Wir werden ichon Rache nehmen!" In Nantes hatte die Patriotische Jugendvereinigung einen Vortragsabend angesetzt. Es kam zu heftigen Zu- lammenstösten mit Angehörigen der Linken, bei denen die Polizei und später auch berittene Gendarmerie eingreifen mußte, die nach ausdrücklicher Warnung mit blanker Wasse gegen die Kundgeber vorging. Ein Gendarm siel vom Pferde und verletzte sich. Ein Manifestant wurde von Pferden niedergetreten. Im ganzen sind süns Mitglieder der Patrto- tischen Jugendvereinigun« verletzt worden. Eine Anzahl von Jungpatrioten begab sich nach diesen Vorfällen vor den jyret- maurertempel und schlug dort die Fenster ein. Nachdem bereits in den letzten Tagen in Gloversville im Staate Neuyork 3000 Handschuhmacher, in Danbnry(Könnet- tiknt) 1000 Hntmacher und in einigen Bergwertögebleten einige tausend Bergarbeiter in den Ausstand getreten waren, hat sich die Lage jetzt weiter zupespttzt. da auch die Stahl, arbeiter in Alamba in den Streik treten wollen Außerdem sind am Dienstag.50 000 Damenschneider von den Unter, nehmern ausgesperrt worden. Aus Veranlassung der mandschurischen Regie- i'ung wurde eine Anzahl von Sowjet lassen wegen kommunistischer Propaganda aus Charbin ausgewiesen. saigEicasTEM G. T., Straßburg. Sic hören täglich das Pausenzeichen„Volk an? Gewehr!" im deutschen Rundfunk und möchten den Text des ganzen Gedichtes haben. Hier ist er: Siehst du im Osten das Morgenrot, ein Zeichen zur Freiheit, zur Sonne, Wir halten zusammen, ob lebend ob tot, mag kommen, was immer da wolle? Warum jetzt noch zweifeln? Hört auf mii dem Hader» Noch fliegt uns deutsches Blut ln den«der»! Boll, ans Gewehr! Volk, ans Gewehr! Viele Jahre, sie zogen dahin, Geknechtet das Volk und betrogen. Verräter und Juden hatten Gewinn, sie forderten Opfer Legionen! Im Volke geboren, entstand unS ein Führer, gab Glaube und Hoffnung an Deutschland uns wieder. Volk, ans Gewehr! Deutscher, wach auf nun und reih Dich eint Wir schreiten dem Siege entgegen! Frei soll die Arbeit, un» frei wolln wir sein. und mutig und trotzig verwegen! Wir ballen die Fäuste und werden es wagen es gibt kein Zurück mehr und keiner darf zagen! Volk, ans Gewehr! Jugend und Aller, und Mann für Mann umklammern das Hakenkreuzbanner, Ob Bürger, ob Bauer, ob Arbeitsmann schwingen das Schwert und den Hammer: Für Hitler, für Freiheit, für Arbeit und Brot! Teutschland erwache, Juda den Tod! Volk, ans Gewehr! L. v. C. Ihre Mitteilung, daß drüben ein« Agitation gegen die Bartlosigkeit beginnt, sagt uns etwas Neues. Aus ZeitungsaiiS« schnitten, die Sie beilegen, spricht die Hoffnung, daß„die zu Män- nern herangewachsenen Vertreter der sungen Generation wieder bärtig durch das Leben schreiten werden. Der Schrei nach dem Bert wird nicht verstummen"— Da man sich nicht mehr um des Kaiser? Bari streiten kann, wird man sich also demnächst um den Bort des Führers streiten, wenn so etwas erlaubt wird. S. H. Deutsche Zeitungen melden, im Fichtelgebirge solle der Goldbergbau in größerem Ausmatz aufgenommen werden? ES soll eine Gesellschaft„Fichtelgold" gegründet worden sein. Wenn da» nur nicht ein Trick der Gestapo ist, um gewinnsüchtig« Marxisten aus der Emigration zurückzulocken! Uns scheint dies Gold nur Schimäre zu sein. H. D.. Brün«. Sie sind zu empfindlich, und scheinen umgekehrt uns für ein bißchen vernagelt zu halten. Natürlich haben wir ge- merkt, wohin das Gedicht spielte, grade deshalb haben wir eS ja abgedruckt. Wir glauben nicht, daß einer von denen, die dabei mehr gekitzelt als angegriffen werden, die Sache so tragisch nahm wie Sie. Wir müssen nicht nur den Mut zur Selbstkritik haben, sondern auch den Humor zur Sekbstironie. Meschugge. In einem Buch von Wilhelm Stapel„Der christliche Staatsmann" mit dem Untertitel„Eine Theologie des National- sozialiSmus" lesen wir folgenden Kommentar zu dem deutsch-pol- nischen Pakt:„Wir sind Deutsche, gleichviel ob Minderheit oder Mehrheit, und als Deutsche sind wir die Ersten. Wenn in ganz Polen nur zwei Deutsche wohnen würden, so wären sie mehr als die Millionen Polen: denn sie sind eben Deutsche." Heilt Hitler! Fanja T., Sofia. Sie teilen uns mit:„Tie Enkelin des General? Nikolajew, die sich mit einem Juden namens Moses Löwy verlobt hatte, erhielt daraufhin zahlreiche Drohbriese und wurde mit ihrem Verlobten mehrmals aus der Straße insultiert. Dem Sofioter Rab- biner Melamed wurde in anonymen Briefen der Tod angedroht, wenn er die Trauung vollziehe. Daraus erklärte er, er wolle die Trauung nicht vornehmen, um nicht Anlaß zu Zwischenfällen zu geben, die den bulgarischen Juden les gibt deren nur wenige hundert) unerwünscht seien. Der Einfluß des Nationalsozialismus macht sich also bereits stark bemerkbar. DaS Brautpaar ließ sich darauf in Belgrad trauen." Für den Gesamttnhalt verantwortlich: Johann Pitz tn Dud- weiler: für Inserate: Otto Kuhn!n Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken 8» Schützenstraß« 6,— Schließfach 776 Saarbrücken.