Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 90— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 19. April 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inha lt Äie Quxfmäcfiie /Hechten Jxatzki Seite 2 Jähes, tnde des AhiistuHq sspiels Seite 2 JünisteeiaUai Diel Chef. det Qestapc Auslieferung von vier Jungsazialisten Vom JCciegsschauptalz det Jütdien Seite 3 Seite 3 Seile 7 ff Frei heil"-Rufe in Wien Die Arbeiter sind unbestediiidi Aus Wien wirb uns geschrieben: Am 12. April hat der angeblich als„Vertreter" der Wiener Arbeiterschaft ins Rathaus berufene Vizebürgermeister Dr. Winter, ein klerikaler Sozialpolitiker, im Bolksheim in der Stöbergasse gesprochen. Mit viel Tamtam wurde eine anschließende Diskussion angeregt. Herrn Winters Propa- gandamacher find alle Wiener Zeitungen. Er selbst ist Chef- redakteur des„Arheitcr-Tonntag" und verspricht, in Kürze in allen Arbeiterbezirken sich mit den Arbeitern auszu- sprechen. Nun, die erste Diskussion im Margaretchen war sehr auf- schlußreich. Das Mittagsblatt„Die Stunde", das über dies« „hochinteressante" Versammlung in der Stöbergasse ein wenig ausführlich berichtet, wurde von der Polizei beschlagnahmt. Dieser Bericht aber, den ein Teilnehmer der Versamm- lung schreibt, wird hoffentlich unbeanstandet erscheinen... . Etwa 800 Arbeiter halten sich eingesunden. Die langatmige Rede mit den vielen Versprechungen und verkehrten Lob- Hudeleien des— Marxismus(!), die Herr Dr. Winter hielt, wurde mit eisigem Schweigen ausgenommen. Der erste Diskussionsredner war ein junger, politisch geschulter Schlosser, der sich zuerst mit folgenden Worten an Winter wendete fder Angeredet« wurde sichtlich bleich!):„Bitte— ich will reden— aber Sie müssen mir garantieren, daß ich nicht morgen verhaftet werde." Lebhafter Beifall. Herr Winter beschwichtigt und sagt zu. Der Arbeiter spricht:„Man verleumdet unsere Bewegung, unsere Führer. Tausende sitzen im Kerker. Wir haben kein Vertrauen zu dieser Re- gierung. Wir glauben Ihnen nichts. Sie wollen uns mit schönen Worten einfangen." Der Arbeiter redet kurz, leidenschaftlich und schließt mit den Worten:„Wir fordern Amnestie für unsere Genossen. Herr Starhemberg, der mit seinen Heimehrleuten im Jahre 1982 geputscht hat, einen Anschlag gegen die Republik zugab, ist heute einer der Herren dieses Landes. Was geschah den Hochverrätern der Heimwehr, die Geiseln aushoben, Ver- hastungen vornahmen, schössen— sie wurden amnestiert oder freigesprochen. In Wien aber wurden bisher schon 200 unserer tapfersten Genossen zu schweren Kerkerstrasen verurteilt. Darüber, meine Herren, wollen wir gern diskutieren..." Tosender Beifall.„Freihcit!"-Rufe. Ter diensttuende Polizei- offizier will einschreiten. Herr Winter aber hält ihn zurück. Für ihn gibt es ja— will er nicht ganz blamiert sein, jetzt kein Zurückschieben. Noch drei Leute sprechen: ein Hilfsarbeiter, ein Student» eiu ehemaliger Schutzbündler. Der Tenor ihrer Reden?„Der gesamte Parteivorstand ist in Haft und ihr faselt uns vor, unser« Führer seien geflüchtet?"—„Man hat das Denkmal der Republik geschändet und Victor Adler geschmäht— so achten Sie die Tra- ditionen der Arbeiter?"—„Wir haben kein Vertrauen zu dem Maior Fey, der mit Kanonen Arbeiter- Häuser bombardierte!" Solche Diskussionsredner hat Herr Winter nicht erwartet. Was die österreichische Presse verschwelgen muß 11. April: Explosion von Papierböllern in der Stefankirche, in der Michaelerkirche und Petruskirche. 12. April: Hissung einer roten Fahne auf dem Musikpavillon im Volksgarten in Wien. 18. April: Vor dem Loebener Schwurgericht sagt der ange- klagte Tchüybündler W. ider 10 MoNate Kerker erhielt) über den bisherigen Führer der steirischen Schutzbündler, Abgeordneten Koloman Wallisch: „Er war ein ganzer Kerl,«in Kämpfer, wir lassen ihn nicht beschimpfen, später einmal, meine Herren Geschworenen, wird man ihm ein Denkmal setzen!" 18. April: Demonstration der Frauen verhafteter Schutz- bündler in allen Orten Oberösterreichs. 18. April: In der Nacht zum 18. April wurden die Fenster- scheiden der in den Remisen stehenden Straßen- bahnzüge mit revolutionären Flugzetteln beklebt. 18. April: In derselben Nacht wurde ein Schutzkorpsmann vom Heimatschutz am Fleischmarkt von drei unbe- kannten Männern—„beraubt". Gestohlen wurden ihm sein Gewehr, sein Revolver, sein Bajonett samt Ueberschwung.... An den Pranger! Der Chefredakteur der linksgerichteten satirischen Zeitung „Der Götz von Berlichingen", Herr Theodor Waldau, der den Sozialdemokraten nachlief und um Arbeiterleser warb, ist mit seinem Blatt ins vaterländische Lager gelaufen. Rette sich, wer kann! Man wird sich.Herrn Waldau merken. Wien gib: acht!! rrankreidis Gegenschlag Ablehnung der brlllsdien Kompromiövorsdiläge— neutsdiiand In voller Auiroslung- franHreldi lelini die Legalisierung der Vertragsverletzung ob Dnler diesen Umständen... Paris, 18. April. In gutunterrichteten französischen Kreisen verlautet, daß die gestern abgegangene französische Note an England drei Schreibmaschinenseiten umsaßt. Tie sran- zösische Regierung erkläre darin, daß sie trotz der hohen Be- Wertung der englischen Garantie und der Anerkennung des besseren Verständnisses, das die englische Regierung dem französischen Standpunkt entgegenbringe, nicht ein Abkom- wen annehmen könne, das die„in Verletzung der Verträge" vorgenommene Ausrüstung Deutschlands legalisiere. Wenn Frankreich doch zu einem solchen Abkommen geneigt gewesen wäre,, dann wäre es infolge der Erhöhung der deutschen Rüstungsausgaben und der deutschen Antwort auf die eng- lisch? Antrage in der RüstuNgsirage davon abgekommen. T>a- durch, daß Deutschland aui diese Weise öffentlich die deträcht- lichen Summen darlege, die es für militärische Zwecke ver- wende, bekunde es seinen Willen, den früheren Verpflichtun- gen zum Trotz ohne Umschweife aufzurüsten, ohne auch nur den Ausgang der noch andauernden Abrüstungsverhandlun- gen abzuwarten. Unter diesen Umständen könne der Friedenswille Frank« reichs nicht dnrch einen Verzicht an! seine Sicherheit zum Ausdruck kommen. Auch müsse man feststellen, daß die zwi» scheu den Großmächten eingeleiteten zweiseitigen Verband» lungen nicht zum Ziele geführt haben. Also sei es Sache der Abriiktvnaskonserenz. und zwar in diesem Falle des Hauptansschusses, in der Hoffnung o«! einen besseren Aus, gang die Beratungen wieder auszunehmen. Insofern bleibe die französische Regierung der traditionellen französischen Politik der Bejahung des Völkerbundes treu. Sie hoffe, innerhalb des Hauptausschusses den Beistand der englischen Regierung im Hinblick aus den Abschluß eines die allgemeine Sicherheit gewährleistenden Abrüstungsabkom- mens wiederzufinden. Der Wortlaut der französischen Note soll alsbald ver- öffentlicht werden, wenn London mit der Veröffentlichung einverstanden ist. Im Zusammenhang mit vorstehenden Gedankengängen soll der französische Außenminister Barthou bei Ueberreichung der Note dem englischen Geschäftsträger das Bedauern der französischen Regierung zum Ausdruck gebracht haben, daß sie nicht in weniger kategorischer Form ans die Ausgleichs« bcmühungen der englischen Regierung habe antworten können, deren Bedeutung und deren freundschaftlichen Cha- rakter sie schätze. Sie hoffe jedoch, daß die Beweggründe ihres Entschlusses bei England Verständnis finden werde. Nein! Die französische Stellung Paris, 18. April. Die Stellung Frankreichs kommt am deutlichsten im„M a t i n" zum Ausdruck, der schreibt, eS lägen nicht mehr nur Verstöße gegen die militärischen Be- stimmungen deS Versailler Vertrages vor. sondern Deutsch- land habe dnrch seine Rüstungsausgaben selbst unverblümt eingestanden, daß es seine Rüstungen erhöht Hab«. Infolge- Fortsetzung stehe 2. Seite Gestern und heute In der„Deutschen Allgemeinen Zeitung" standen kürzlich ein paar merkwürdige Säße. Man kann sie in gewisser Hinsicht das Wichtigste nennen, was seit fünfviertel Jahren in der deutschen Presse stand, und der Leser wird gebeten, sie dementsprechend mit Nachdenken zu lesen. Der Hauptschriftleiter persönlich hat sie, sorgfältig in einem langen Leitartikel eingebunden, auf das deutsche Volk losgelassen, und Göbbels muß einen besonders milden Tag gehabt haben, als er sie vorbeilaufen ließ: „Die Regierung," schrieb das Blatt,„hat viel, sehr viel zu tun, und mancher macht es sich heute zu leicht, wenn er seinen eigenen Mangel an Initiative achselzuckend wegerklären möchte:„Ja, die Regierung!" Die böse Regierung wird heute gern für alles mögliche verantwortlich gemacht, bloß weil in den Köpfen häufig der Totalitätsgedanke in mißverstandener oder verzerrter Gestalt herumspukt." Das stand wörtlich in einer gleichgeschalteten deutschen Zeitung:„... die böse Regierung." Man versteht wohl: der Schreiber wollte nicht selbst behaupten, daß nach seiner Meinung die Regierung böse sei. Er wollte bloß möglichst sanft sagen, daß alles der Regierung böse ist und auf sie schimpft. Das ist ein Zustand, der im Rundfunk bekanntlich so beschrieben wird:„Noch niemals war eine Regierung so vom Vertrauen des ganzen Volkes getragen wie die unsere." An dieser Stelle ist immer vor leichtfertigem Optimismus gewarnt worden. Aber es läßt sich ja nicht mehr gut bestreiten, daß das Regime in Deutschland gegenwärtig eine Vertrauenskrise durchmacht. So etwas kommt vor und geht auch wieder vorbei, mit ein bißchen Glück. Die Weimarer Republik hat in vierzehn Jahren nie rechtes Vertrauen genossen; am wenigsten bei ihren eigenen Anhängern, am meisten noch bei gewissen Gegnern, die sich unter ihr sehr wohl befanden. Und beispielsweise Wilhelm II. hat mindestens seit 1908 kein Vertrauen mehr besessen, was ihn nicht gehindert hat, den Weltkrieg persönlich zu verlieren und dann in Holland die erste deutsche Emigrantenkolonie zu begründen. Wir möchten ja nun nicht, daß Adolf Hitler zum gleichen Zweck erst einen Krieg verliert; wir könnten uns auch ohne das von ihm trennen. Wir sind andererseits darauf gefaßt, daß er wegen des bißchens Schimpfens nicht weggehen wird; wenn es hart auf hart geht, hat er bewiesen, daß er noch besser schimpft als die meisten andern. An der Unzufriedenheit in Deutschland wird das Regime nicht zugrunde gehen; darüber wäre demnächst einmal ein sehr ernstes Wort zu reden. Namentlich auch darüber, was wir bei der ganzen Sache eigentlich getan haben. Es ist ja gut, wenn der Gegner schwankt, aber es ist noch besser, wenn man ihn stößt. Nein, die ersten rauhen Windstöße werden das junge Bäumchen noch nicht entblättern. Aber der erste Blütenstaub ist weg. Für alles mögliche wird die böse Regierung verantwortlich gemacht— schreibt die„Deutsche Allgemeine Zeitung". Das ist wirklich schon alles mögliche, wenn man bereits andeuten muß. daß es in Deutschland alles mögliche gibt. Und wr dachten in unsrer Einfalt immer, es gäbe nur Begeisterung, Einigkeit, glühenden Opferwillen und ein Schreiten von Steg zu Sieg. Statt dessen gibt es alles mögliche, und da die Regierung so lieblos dafür verantwortlich gemacht wird, scheinen es Dinge zu sein, von denen es früher immer hieß, daß sie unter Hitler unmöglich wären. Das Blatt nennt das zarterweise den„Totalitätsgedanken in mißverstandener Gestalt". Wißt ihr, was das auf einfältiges Deutsch heißt? Dies: die Regierung kann eben auch nicht alles, was sie versprochen hat, und wer ein braver Untertan ist, nimmt sie nicht beim Wort. Außerdem könnte das vorläufig für den Betreffenden noch sehr unangenehm werden. Wenn man früher einmal einem begeisterten Gleichgeschalteten eine der vielen Unvollkommenheiten des braunen Regimes nachwies, sagte er: der Führer weiß das nicht. Später hieß es: der Führer will das nicht. Heute klagen sie schon: der Führer kann das nicht. Bis es eines Tages eben doch heißt: Der Führer läßt sich entsthuldigen— er ist zu Schiff nach Holland. Argus. Eine Schamlosigkeit Das hessische Staatspresseamt zu einem Liebesverhältnis Darmftadt, 18. April. Das Staatspresseamt gibt bekannt:„Der 27jährige jüdische Kaufmann Willi Nendorf aus Ober-Ramstabt wurde zum Schutze seiner eige- nen Person am 11. April dem Staatspolizei- gefängnis zugeführt, weil er mit der 17jährigen Deutschen Emma Katharina Kehr aus Ober-Ramstabt ge- schlechtlich verkehrt hatte. Der Name der Kehr wird deshalb veröffentlicht, weil sie dem Begehren des Juden keinerlei Widerstand entgegensetzte und damit ihre Pflichtvergeffenheit gegenüber ihrer Rasse zum Ausdruck brachte." Frankreichs Gegenschlag Fortsetzung von der 1. Seite. dessen könne Frankreich England nur mit einem Nein ant- mortem was natürlich spätere Verhandlungen nicht aus- tchlteven könne. Frankreich wolle die Abrüstung verfolgen, cs könne auf dieses Ziel nicht zusteuern, wenn es rat- lachlich oder rechtlich die Ausrüstung irgendeiner anderen Macht gutheiße. Frankreich könne also nicht, ivaS England wünsche, selbst neue Opfer bringen und gleichzeitig die in Verletzung aller Verträge vorgenommene deutsche Auf- nistnug hinnehmen. Es könne ebenso wenig die italienische These annehmen. „Journal" schreibt, der Frontwechsel, den die franzö- tische Negierung gegenüber England vorgenommen habe, leite eine heikle Partie ein. Es sei schiver, Verzögerungen wieder einzuholen. Die Gelegenheit, Deutschland in flag-' ranti beim Betrug zu erwischen, habe sich am 14. Oktober 1033 ergeben, als Hitler der Abrüstungskonferenz und dem Völkerbund den Rücken kehrte. Seitdem seien aber die deut- lchen Vertragsverletzungen nicht nur unbestraft geblieben, wilder» man bab- auch noch die Verhandlungen fortgesetzt. Die deutsche Antwortnote auf die englische Anfrage wegen aer Rüstungsausgaben sei das flagrante Eingeständnis der Arnrustung. Die Haltung Deutschlands ändere die Richtlinien der Ver- Handlungen des Hauptausschusses der Abrüstungskonferenz. Frankreich bringe die Angelegenheit also in Genf vor, statt mit den Engländern nnd Italienern über die durch die deutsche Ausrüstung geschaffene Lage zn verhandeln. Nur durch eine eingestandene vollkommene Ohnmacht könne die Vollkonferenz jetzt noch einen gefürchteten Kompromiß aus dem Wege gehen. Wenn Frankreich Herr seiner Rüstungen bleiben wolle, sei das das Mittel dazu zu gelangen. Aber Frankreich müsse sich auch wirklich davon überzeugen, daß das sein Ziel sei. Der„Petit Parisien" erklärt, angesichts der aui- lehnenden Haltung Deutschlands nicht nur gegenüber den Bestimmungen der Verträge, sondern auch gegen übe' N'n von Deutschland selbst angenommenen Entschließungen der Abrüstungskonferenz könne künstig niemand mehr daran denken, ein Abkommen zur Herabsetzung der Rüstungen aus- zuarbeiten und durch bestimmte Sanktionen seine strikte Durchführung zu garantieren. Es sei daher bester, durch den Hauptanssckuß seine Unmöglichkeit festzustellen. Das„EchodeParis" erklärt. angesich-S der flagranten Vertragsverletzung sei eine Legalisierung dieser Verletzung nicht möglich, folglich habe Frankreich zu den Ersüllungs- garantien nichts mehr zn iaaen. Die Achtung der internationalen Verpflichtungen sei die unerschütterliche Grundlage des Friedens. Wenn Frankreich so die Verhandlungen über die Ausrüstung Deutschland? berbeigessthrt hätte, würde die Aussprache über die Ausmaße dieser Ausrüstung und die Ertüllunasgarantien zn endlosen ,w»identiaen. mühevollen Verhandlungen geführt haben. Gin Wettrüsten sei weni.er schlimm als die Fortsetzung der einseitigen Anfrüft ing Deutschlands. Jähes Ende" Barthou weist auf d«e Bedrohung Loneions hin London, 18. April. Eine Reutermeldung bestätigt, daß Außenminister Barthou dem britischen Geschäftsträger gegenüber sein Bedauern ausgedrückt habe, daß Frankreich außerstande gewesen sei, in einer weniger kategorischen Art ant die britischen Versöhnungsbemühungen zu antworten, deren Bedeutung und freundschaftlichen Charakter er zu würdigen wisse. Barthou habe hinzugefügt, er hasse indessen, daß die Beweggründe der französischen Entscheidung in Großbritannien Verständnis finden werden nnd daß Groß« britannien die Gefahren der deutschen Ausrüstung und besonders die Gefährdung Londons durch die deutschen Flug- zeuge richtig einschätzen werde. In einer Rede in Hammersmith, wo eine Ersatzwahl zum Parlament bevorsteht, sagte Lordsiegelbewahrer Eden, köine Delegation habe energischer und beharrlicher auf einen Er- folg der Abrüstungskonferenz hingewiesen als die britische.. Niemand bedauere ihren Fehlschlag mehr als er: Der liberale„New? Ehronicle" erklärt, Frankreich habe die Abrüstungsbesprechungen zu einem iahen Ende ge- bracht und den deutschen Wehrhaushalt dabei als Vorwand benutzt. Die Extremisten der Rechten hätten die gemäßig- teren Mitglieder des Kabinetts mit sich fortgerissen. ES sei eine Note nach London geschickt worden, die taksächlich den ganzen Besprechungen ein Ende bereite. Ter diplomatische Mitarbeiter des„Daily Herald" will wissen, daß die französische Note ein förmliches Ver- sprechen britischen Beistandes an Frankreich im Falle der Not und ein Versprechen militärischen Vorgehens im Fälle einer Verletzung des Abrüstungsabkommens durch Deutsch« land fordert, und daß sie die Zusage wirtschaftlicher Sank- tionen für ungenügend erklärt. Es scheine, daß das äußerste, was Frankreich zugestehen wolle. 1. eine leichte Erhöhung des deutschen Kriegsmaterials sei, die durch die Umwand- lung der Reichswehr in eine Miliztruppe aufgewogen wer- den soll, und 2. eine Begrenzung der französischen Rüstungen auf dem jetzigen Niveau. Der Mitarbeiter fügt hinzu, für eine Vereinbarung auf dieser Grundlage dürfte zwischen London und Paris, von Berlin und Paris ganz zu schwei- gen, keine Möglichkeit bestehen. Der französische Plan sei jetzt, die Abrüstung vollständig beiseite zu schieben und ein Bündnis mit Großbritannien zur Aufrechkerhaltnnq nnd Unterstützung einer überwältigenden militärischen UeberlegenHeit Frankreichs gegenüber seinen Nachbarn zu erlangen. Großmadite Hinkten einen Mann! fff ts Internationale Hetze gegen Trolzkl Berlin macht gruselig TNB. Paris. 17. April. Dcr Dienstag vormittag zusammengetretene Ministerrar hat beschlossen, die Aufenthalts- genehnilguna für Leo Trotzki, die der damalige Innenminister Ehautempö bewilligt hatte, rückgängig zu machen, da Trotzki die Neutralitätsverpflichtung, zu der er sich bereUerklärt hgtte, nicht, erfüllt habe. ver permanente Revolutionär Paris, 18. April. Das„Journal" behauptet, daß Trotzki in den Februartagen, als sich in Paris'die Straßenunruhen ereigneten, keinen geringeren Plan gehabt habe als den, eine Revolution zn entfesseln, die in eine Trohki-Dikiatur über Frankreich hätte ausmünden sollen. Tie von Trotzki inspirierte Wochenschrift„La Vevite" sei in den kritischen Februartagen zu einer täglich erscheinenden Zeitschrist ge- worden.„La Verite", die sich als Organ der kommunistischen Liga der französischen Abteilung der internationalistisch-, kommunistischen Liga bolschewistisch-leninscher Tendenz be- zeichnete, habe vor allem in Frankreich ansässige italienische Arbeiter für eine Revolution in Frankreich gewinnen wollen. Das„Journal" berichtet übrigens, daß es Trotzki schwer werden dürste, das Land zu bestimmen, in das er nach seiner Ausweisung aus Frankreich zu reisen wünsche, denn die meisten Grenzen seien ihm verschloffen. Ein Gewährsmann aus der Umgebung Trotzkis habe erklärt, daß die Sowjet- botschaften in den verschiedenen Ländern stets bei den betr. Regierungen, bei denen Trotzki um eine Aufenthalts- genebmigung ein kommen, vorstellig wurden, um einen ab- lehnenden Bescheid herbeizuführen. Auf eine Anfrage von Journalisten beim spanischen Innenministerium, ob es den Tatsack,en entspreche, daß Leo Trotzki seine» Wohnsitz nach Spanien verlegen werde, wurde geantwortet, daß Trotzki keine Aufenthaltsgenehmigung für Spanien nachgesucht habe, daß er aber allerdings die Absicht haben solle, Frankreich in Richtung uach Spanien zu ver- lassen. Berlin, 17. April. Ein sehr interessanter Vorgang und ein groteskes Schau- spiel zugleich: Al? Deutschland gegen die Kommunisten und Propagandeure des Bolschewismus vorging, entrüstete man sich vor allem in Frankreich. Heute sühlt Frankreich seine innere Sicherheit bedroht, weil es plötzlich in seiner Mitte Trotzki entdeckt hat Man schreit nach Schutz, nach Aus- weisnng des gefährlichen Mannes. Fühlt man endlich die Gefahr am eigenen Leide? Trotzki soll nicht einmal nach Korsika zurückkehren dürfen. Man erzählt denn auch, daß er nach Holland überzusiedeln gedenke. Aber die holländische Regierung erklärt, sie könne ihm keinesfalls ein Asyl zusichern. Ueber die Tätigkeit Trotzkis erführt man au? amerikanischen Meldungen: Nach ihnen hat der Mitarbeiter Trotzkis. der. Amerikaner E a st m a n n, der Ueberletzer seiner Werke, erklärt, die vierte Internationale betreibe die Weltrevolukion und stelle den linken Flügel der Kommu- nisten dar. der in scharfer Opposition zu Moskau stehe. Diese vierte Internationale sei zwar noch nicht ins Leben gerufen, werde aber in den nächsten Jahren unter der Führung Trotzki? in allen Ländern organisiert werden. Weiter erfährt man. daß die Trotzki-Anhänger unter dem Titel„K o m m«- nistische Liga für Amerika" heute in Amerika be- reits eine Wochenzeitschrift herausgeben. Man nimmt an, daß die amerikanische Regierung sich alsbald mit dem um- stürzlerlschen Treiben der Trvtzki-Leule befassen wird. Auch aus Schweden laufen Nachrichten ein, wonach' dort die Behörden großen kommunistischen Um- trieben ans die Spur gekommen sind. Im Artilleriebepoi von Göteborg seien große Diebstähle an Muni- t i o n. Waffen nndtechnischenGeräten aufgedeckt worden. Mehrere Soldaten wurde» verhaftet, die Mitglieder der Kommunistischen Partei sind. Harfern des greisen Großrabbiners Die gleichgeschaltete Schandpresse versuchte die Existenz des Opfers der braunen Banditen abzuleugnen Im Saal der Societe pour l'Eneouragement de l'Jnbustrie fand ein Empfang für eine Anzahl französischer Jntellek- tueller ans Anlaß der Durchreise des ehemaligen Groß- rabbiners aus Berlin Jona Fränkel. statt. Groß- rabbiner Fränkel, dessen Existenz von der nationalsozialistischen Presse einfach geleugnet wurde, nachdem der von Nazis verübte Mordversuch bekannt geworden war, vertuschte trotz seines hohen?!lters und schwerer Krankheit das Ehrenpräsidium dieser Sitzung einzunehmen. Unter dem Präsidium von Prof. Henri, Wallon tSorbonne, nnd dem bekannten französischen Schriftsteller Edmond Flog, einem der besten Kenner indischer Fragen, gab nach einer zündenden Einleitungsansprache LeeacheS, des Präsidenten der Internationalen Liga gegen den Antisemi- iismus, die Tochter des Grobrabbiners im Namen ihres Vaters eine erschütternde Darstellung der an ihnen verübten Gewalttätigkeiten, Sie erklärte, daß ihr Vater sich entschlossen habe, vor hie Öffentlichkeit zu treten, um die Welt gegen die ungeheure Barbarei aufzurufen, die in Teutschland geherrscht habe und fortgesetzt noch herrsche. Sie schilderte, wie Nazis t» die Wohnung ihres VaterS eindrangen, wie sie den hachbetagten Seelsorger nieder- schössen, daß der Körper im Blnt schwamm, wie sie Woh» nnng nnd alle Lichtleitungen demolierten n»d sich dann mit der Henkerbemerlung:„Der hat genug" entfernten. Wochenlang lag der hochbetagte Rabbiner zwischen Tod und Leben. Gemeindemitglieder schaffte» Bänke und Stühle heran, mit denen die Türen des Hanfes, in dem der Schwer- verletzte lag, wie mit Barrikaden versehen wurden, damit ein neuer Einbruch verhindert werde. Trotzdem erschienen nach einigen Wochen erneut sieben„Hilfspolizisten" und forderten die Tochter auf. eine schriftliche Bestätigung des Inhalts auszufertigen, daß ihr Bater von Juden oder— wenn ihr diese Formulierung besser paffe— van Kommunisten oder Sozialisten niedergeschossen worden sei— ganz gleich von wem, nur nicht von Nationalsozialisten, denn das seien Männer der . Ehre.... Als die Tochter sich weigerte, brachen die Nazis in' das Zimmer des Großrabbiners ein, um sich zu überzeugen, daß er selbst nicht in der Lage sei, das Schreiben auszuter- tigen. Dann drohten sie der Tochter erneut, sie weigerte sich nochmals. Daraufhin schoß einer d^e r Hitler- Partisanen zwei Schüsse auf die Tochter ab, die ihr den Oberarm zerschlugen. Unmittelbar daran, wurde aus Furcht vor weiteren blutigen Uebersallen der noch schwerkranke, hochbetagte Großrabbiner in Teppiche gewickelt, von Freunden aus dem Haus getragen..^.. Frau- lein Fränkel wies besonders darauf hin, daß die Minhand- lung des Großrabbiners nur einen kleinen Ausschnitt aus der Gesamtheit des Hitlerterrors bildet und gab ihrer Soli- darität mit allen eingekerkerten und verfolgten Antifaschisten Ausdruck Ein Vertreter der französischen katholischen Gruppe schloß sich dieser Solidaritätserklärung im Hinblick aus die in Deutschland unterdrückten Katholiken restlos an. Dann sprach Jean Eassou, der bekannte antifaschistische Schriftsteller, der den zahlreichen Anwesenden, unter denen sich der ehemalige Bildungsminister Boret befand, auis eindrinalichste die Gefahr schilderte, in der sich der Führer der KPD., Ernst Thälmann. gegenwärtig befindet. Tie Versammlung, die ani den 48. Geburtstag Thälmanns siel, beschloß einstimmig, im Namen der französischen und beut- scheu Intellektuellen ein Begrüßnngstelegramm an Thäl- mann abzusenden und ihn des Kampfes um seine Befreiung nnd die Befreiung aller eingekerkerten Antifaschisten zu ver- sichern. Sfnrm auf eine katholische Zeitung Alle Scheiben krachen—»Wir schlagen zu"—• und die Folgen Mannheim, 17. Avril 1034. In Mannheim ist es in den Vormittagsstunden des 17. April zu großen Demonstrationen gekommen, die eine ungeheure Aufregung in der Stadt Hervorriesen. Unter Führung von SA.-Lcuten erschien vor der früheren ZentrumSzeitung In Mannhelm, dem„Neuen Mann- heimer Volksblatt", eine größere Menschenmasse, die sofort ein drohende Haltung einnahm. Laute Zurufe er- folgten:„Nieder mit den konfessionellen Zeitungen!" Schmäh- rufe, die sich teilweise nicht wiedergeben lassen, wurden aus- gestoßen, Erst als sämtliche Fensterscheiben des Verlags- gebäudeö eingeworfen waren, schritt die Polizei ein. Ver- Haftungen wurden nicht vorgenommen. Aber daS Gebäude des„Neuen Mannheimer Bolksbtattes" wurde polizei- l i ch geschlossen. Es handelt sich um eine mohlorganisierte und wohlvorbe- reiieie Aktion, hinter der die verantwortlichen Leute der Mannheimer Nazilcitung, vor allem aber ihr. offizielles Blatt, das.Hakenkreuzbanner", stehen. Am Morgen des 17. April wurde eine ganze Seite der Hetze gegen die katho- tische Presse gewidmet. Immer wieder trete hier der alte Zentrumsgeist zutage, so heißt es barin. Diese Presse müsse verschwinden und deutschen Zeitungen Platz machen. Noch heute wage ez das„Neue Mann- heimer Volksblatt", das ehemalige Organ der heiligen Zen- trumspartet, als katholische Zeitung für sich zu werben. Am Schlüsse heißt eS in ganz unmißverständlicher Ausforderung: „Hier stehen Saboteure am nationalsozialistischen Ausbau. Hier wird der nationale Einheitswille des deutschen Volkes Mit Füßen gekreten."Hier wird getrennt iw katholische und üichtkatholische Volksgenossen und Zeitungen. Wir haben eS endlich satt, weiterhin dieses Schindiudcrspiel mit anzusehen. Wir schlagen zurück." Wenige Stunden später wurden dem„Neuen Mannheimer Volksblatt" die Scheiben eingeschlagen. Die Zusammenhänge sind also klar.•--. Ans dem Banse herausgeholt! Die Borgänge in Mannheim wäre» noch viel schlimmer, als unsere obige Meldung besagt. DaS „Hakeukrenzbanner", also daS Blatt, daS zu dieser Attacke Anlaß gab, berichtet selber darüber: „In der heutigen Frühausgabe hat sich das„Hakenkreuz- banner" in einer längeren Abhandlung mit voller Verech- tignng gegen die unstatthaften Werbemethoden des„Neuen Mannheimer Bolksbtatts" gewandt. Diele Art Werbung stellt eine bewußte Sabotage der Bestimmungen der Reichspresse- kammer sowie des Zeitungsverlegerverbandes dar und"t als solche nniör allen Umständen zu unterbinden. Die? w ir auch der Zweck dieser offenen Stellungnahme, die allerdings unter der Mannheimer Bevölkerung große Erregung und Beunruhigung hervorrief. Die? ze'gie sich in spontaner Weise heute vormittag vor dem Gebäude des „Neuen Mannheimer VolksblaiiS", vor dem sich eine große Menschenmenge zu einer demonstrativen Mißfallensku.,!'- gcbnng einfand nnd e'ne überaus bedrohliche Haltung'in- nahm. Die Auslagescheiben wurden zertrümmert und die Zeitungen herausgerissen. Durch den glücklichen Umsth id, 'daß zufällig eine Abreilung SA., die von einer ärztlicher Untersuchung kam, gerade die Straße passierte, konnten v::- tere Ansichcituugen verhütet werden lü. In eng-"- g». sammenarbeit mit der fast gleichzeitig eingetroffenen Polizei wurde die Straße abgeriegelt. Bier Mitglieder deS Verlags und 6 e t Redaktion wurden a n S dem ZeitungSgebäude herausgeholt und zum Schutze der eigenen Person in die O. ü-Wache übergeführt, begleitet von geharnischten Schimvkworten de? erregten Publikums. Wie wir noch kurz vor Redaktions- schlnß erfahren, hat da?„Nene Mannheimer Volksblatt" sein Erscheinen für heute eingestellt." Erwerbsloser Met seine beiden Kinder nnd sich DNB. Dresden, 18. April. Am Dienstag gegen 28 Uhr hat der in einem Hause In der Handnstraße wohnende 33 Jahre alte Hutmachergehilfe Görner, der seit drei Jahren erwerbloS ist und vor einem halben Jahre seine Frau durch den Tod verloren hat, nach einem vorausgegangenen Wortwechsel mit seiner Braut seine acht- bzw. sechsjährigen Söhne Manfred nnd Harr«, die schlafend im Bett lagen, mit einem Beil erschlage». Görner tötete sich dann durch einen Schub in die rechte Schläfe. Zu der Familie Görner gehörte noch ein zehnjähriges Mädchen aus der ersten Ehe, das ebenfalls im Schlafzimmer war. Dieses Kind ließ Görner unversehrt. Bei der Tat war die BraUt Görners anwesend. Tie benachrichtigte sofort di« Polizei. Der Chef der Gestapo Eine Skizze, kein Charakterbild Der Name Diels war vor der Hitlerdiktatur in der deut- schen Oesfentlichkeit unbekannt. Heute bedeutet Diels so viel wie Geheime Staatspolizei fGestapo), bedeutet Kolumbia- haus, ein Wort, das in Deutschland nur geflüstert wird. Nie hat Diels eine nationalsozialistische Wahlrede gehalten, nie zählte er zu den Größen der Partei, als sie unter Hitlers Führung die Weimarer Republik berannte. Er stand sichtbar jenseits der Barrikade. Der demokratische Staatssekretär Abegg hat ihn, der das demokratisch« Parteibuch in der Tasche hatte, im Jahre 1930 als seinen Vertrauensmann in die poli- tische Polizei des preußischen Innenministeriums geholt. Im Demokratischen Klub in der Viktoriastraße lernten die Ber- liner Demokraten den jungen, schlanken, gut angezogenen Assessor kennen und freuten sich über den Zuwachs an Macht, den ihnen diese Berufung zu bringen schien. Man lud ihn ein, dahin und dorthin, und da er gute Manieren, ein be- scheibenes Wesen, ein eigenes Auto und als Frau eine Toch- ter der Röhren- Mannesmann hatte, fand Abegg für die glückliche Auswahl, die er da getroffen hatte, bei seinen Par- teifreunden volle Anerkennung. Es dauerte nicht lange, so mußte Diels auch schon allein mit Parlamentariern, Redakteuren und Parteifreunden ver- handeln, denn auf keinen andern Beamten der politischen Polizei glaubt« Abegg sich mehr verlasse» zu könueu als auf diesen fleißigen, gewandten Parteifreund. Langsam, ganz langsam machte Diels sich breit. Nicht, daß er sich mit spitzen Ellenbogen durchgedrängt und sich Feinde gemacht hätte, um möglichst schnell Karriere zu machen— Diels hatte keine Ellenbogen. Wie ein Aal schlängelte er sich überall durch und gedieh dabei. Bon früh bis abends war er im Ministe- rium anzutreffen, immer versprach er zu helfen, den Kommu- nisten wie den Nationalsozialisten, und wenn die Hilfe dann ausblieb, waren eben Mächtigere seinen Intentionen nicht gefolgt. Nie versäumte er, derartige Andeutungen ins Ge- spräch einzuflechten. Diels war ein Wundermann. Niemanden im Preußischen Landtag konnte entgehen, baß zwischen dem demokratischen Staatssekretär Abegg und seinem Leiter der Polizeiabteilung, dem Ministerialdirektor Klausener, einem sanatischen Zcn- trumSmann und Vorsitzenden der Katholischen Aktion, dos denkbar schlechteste Verhältnis herrschte. Die Ministerialbüro- kratie war in zwei Lager gespalten und man konnte sicher sein, von Abegg über jeden Ministerialbeamten stets das ent- gegengesetzte Urteil zu erhalten wie von Klausener und um- gekehrt. Nur Diels machte eine Ausnahme. Auf ihn schworen beide. Klausener behandelte ihn als seine» beste» Vertrauens. mann und ließ sich davon auch nicht abbringen, als AbeggS Ver- trauen zu Diels von Tag zu Tag wuchs. Als Zentrumsabge- ordnete ihren Parteifreund Klausener vertraulich warnten, lachte der Polizeigewaltige und versicherte ihnen unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit, daß er täglich mit Diels unter vier Augen lange Gespräche habe und gerade da- durch stets wisse, was der Staatssekretär in seiner Zentrums- feindlichkeit plane. Ter SN. Juli 1982 riß jäh den Vorhang von dieser Idylle. Ueber Nacht war durch den Staatsstreich Popens Abegg jeder staatlichen Macht entkleidet. Ein konservativ-reaktionäres Regime setzte ein. der Essener Oberbürgermeister Bracht wurde Bogt im Preußischen Innenministerium und die „Säuberung" der Behörden von Republikanern begann. Abegg wurde entthront, Klausener versetzt. Und Diels. beider Freund? Er wurde der engste Mitarbeiter von Bracht. Mit ihm beriet der neue Mann, wie sich bald zeigte, die Durchführung des Ausnahmezustandes. Wer im Ministerium des Innern vorsprach und Bracht nicht erreichte, ging, wie früher, wenn er Abegg nicht erreicht hatte, zu Diels, der nach wie vor gut unterrichtet war, denn niemand hatte auch so gute Beziehungen zur Reichswehr wie dieser jüngste Beamte der politischen Abteilung. Und die Reichswehr war der Trä- ger des Ausnahmezustandes. Sie hatte Bracht gesagt, baß er sich aui DielS verlassen könne. Das offene Haus, das der reiche Schwiegersohn der Schwer- industrie geführt hatte, begann sich bezahlt zu machen. Schlei- cher hatte durch Diels stets erfahren, was seine Gegenspieler in Preußen planten, denn beim Glase Wein machte Diels aus seinem Herzen erst recht kein Geheimnis. Warum soll man auch den Freunden des Hauses nicht mit Vertrauen entgegen- kommen? Bei einer Zigarre läßt sich harmlos erzählen, w i e AbeggmitTorglerverhandelt habe, um die Kom- munisten gegen gewisse polizeiliche Zugeständnisse zu einer parlamentarischen Unterstützung des Kabinetts Braun zu be- wegen... Die Reichswehrmajore gingen immer zufrieden nach Hause und die Beudlerstraße war von der Unentbehrlichkeit ihres Diels genau so überzeugt wie Abegg und Klausener, bei denen sich Diels am nächsten Morgen wie immer einfand und gut dosierte Mitteilungen aus dem Reichswehrministe- rium überbrachte. Als die Regierung Braun-Hirtsiefer an den Leipziger Staatsgerichtshof appellierte und die angebliche Unterredung Abegg-Torgler-Diels die Hauptstütze der Klagebeantwortung des Reiches bildete, hatte die Lüge längst ihre Schuldigkeit getan. Bracht saß in dem Ministersessel und nach Diels Mei- nung konnten nur Schwachsinnige glauben, baß eine Wider- legung das Rad der Geschichte zurückdrehen würde. Bracht kämpfte einen verzweifelten Kampf gegen die Nazis und scheute die Feindschaft mit Papcn nicht, als er sich für Schleicher entschied. Jede Phase dieser Entwicklung hat DielS als die rechte Hand Brachts miterlebt und beeinflußt. Als Bracht unter Schleicher seinen politischen Höhepunkt erreichte und seine politische Polizei die Querverbindung Papen-Hitler-Baron Schröder zu überwachen hatte, war es Diels, auf den sich der rück- sichtslos brutale Bracht verließ. Er hätte nicht einen Augen- blick gezögert zuzupacken, wenn Diels es geraten hätte. Als sich daher Ende Januar 1933 der Kampf zwischen Schleicher und Papen aufs äußerste zuspitzte, schmunzelte mancher der Wissenden bei dem Gedanken, daß der Sieg Papens auch den Sturz von Diels bedeuten würde. Und gar wenn die Nazis ans Ruder kommen würden... Nie würden die ihm ver- gcssen, daß er die Röhmbriefe der Linken in die Ha n d gespielt hatte! Schleicher stürzte, Hitler kam und Göring zog ins Preu- ßische Polizeiministerium ein. Seine erste Regierungshand, lung war die Bildung eines Geheimen Staatspolizeiamtes mit unerhörten Vollmachten nicht zur Bekämpfung, sondern zur Vernichtung der politischen Gegner. Zum Leiter dieser großen neuen Behörde aber wurde ernannt— der Ober- regierungsrat Dr. Diels. Severing verrate», Abegg»erraten, Klausener verraten, Papen verraten, Bracht verrate», Schleicher verraten! Göring wußte, warum er sich diesen Mann auswählte. Zu dem Amt, das Diels heute hat, muß man durch einen solchen «umpf von Verrat gewatet sein, um ihm gerecht zu werden. Augenblicklich scheint Diels wieder zu schwanken. Aber eS scheint nur so! Längst hat er den Anschluß an Hitler gefun- den, um bei einem Sturz Görings nicht mit in den Strudel gerissen zu werden. An weitere Veränderungen in der näch- sten Zeit glaubt er nicht.„Sie werben eines Tages auch noch um einen Kopf kürzer werden", hat ihm wutschnaubend erst vor kurzem ein Deutschnationaler zugerufen und ihm seine Berräterei vorgehalten, als ihm DielS auf Grund von Spitzelberichten vorwarf, er versuche die Deutschnationale Partei wieder aufzubauen. Diels blieb liebenswürdig und da das Gespräch keine Zeugen hatte, antwortete er verbind- sich:„Warum soll gerade ich einen Kopf kür- zer werden? Der große Tayllerand i,st genau so im Bett gestorben wie der kleine Fouchs.« hoch Abschied? Berlin, 19. April. Der dem Chef der Gestavo Ministerial- rat Diels bewilligte Urlaub scheint sich nun doch zu einem Urlaub von seinem Amt zu gestalten. DielS soll Regie- rungspräsident in Köln werden. Rein äußerlich be- trachtet, ist das eine Beförderung, da ber Regierungs- Präsident in der Beamtenhierarchie einem Ministerialdirektor gleich steht, während Diels jetzt nur Ministerialrat ist. Poli- tisch gesehen, ist es zunächst ein Abstieg, da der Chef der Gestapo natürlich eine ganz andere zentrale Bedeutung hat als ber Chef deS Regierungspräsidiums in Köln. Zur Auslieferung von vier Jungsozialisien Kein Ruhmesblatt ihr die hollandische Regierung Man erinnert sich, daß neulich vier junge deutsche Sozialisten durch den Bürgermeister von Laren in Holland an die deutsche Grenzpolizei ausgeliefert wor- den sind. Auf die telegrafische Anfrage des Abgeordneten Tnee- vliet und auf die Interpellation des Abg. Vliegen wegen der Auslieferung der vier Jungsozialisten durch den Larener Bürgermeister an die Hitlerpolizei am 26. 2. 1934 hat der holländische Justizminister jolgende aufschlußreiche Antwort schriftlich gegeben: .1. Eine Untersuchung des Unterzeichneten hat ergeben, daß tatsächlich einige Deutsche von der Larener Orts- polizei an die deutsche Grenze gebracht worden sind. Dies ist geschehen auf Grund de» Artikels 9 der Fremdenordnung und nicht aus Grund des Ar- tikels 12. iAnmerkung: Artikel 12 betrifft die Aus- Weisung Fremder mit Aufenthaltserlaubnis, Artikel 9 solche ohne Aufenthaltserlaubnis.) 2. Es gehört zu den Befugnissen der Ortspolizei in Uebereinstimmung mit den geltenden Gesetzen und Be- stimmungen in erster Instanz zu entscheiden, wie die Ausweisung zu erfolgen hat. 8. und 4 Beim Verhör haben alle vier obenerwähnten Ausländer zu erkennen gegeben, daß sie in Deutich- land ichts getan hätten, auf Grund dessen sie nach ihrer Auffassung gemaßregelt werden könnten. Keiner von ihnen hat angegeben, daß er aus Deutschland ge- flüchtet sei, niemand hat sich aus das Asylrecht berufen. Eine Ausweisung nach einem anderen Land als dem ihrer Nationalität hätte aus völkerrechtlichen Grün- den schwerlich geschehen können und würde auch leicht auf praktische Schwierigkeiten, die auf der Hand liegen, gestoßen sein. Aus Grund des Vorstehenden kommt der Unterzeichnete zu dem Urteil, daß es gänzlich unmöglich ist, daß die Aus- Weisung an sich für die Betroffenen unangenehme Folgen einschließt Inzwischen haben diejenigen, die sich berufen glaubten, für die vermeintlichen Interessen der Fremden einzu- treten, in der Oesfentlichkeit ein großes Ausheben gemacht. Der Unterzeichnete vermag nicht zu beurteilen, inwie- fern dieses Aufheben für die Betroffenen politische Folgen nach sich zog. In jedem Fall muß die holländische Regie- rung die Verantwortung ablehnen. Im übrigen will der Unterzeichnete noch bemerken, daß Fremde, die in einer Weise wie die Obengenannten— sie nahmen teil an einem internationalen linksrevolutio- nären und kommunistischen Jugendkongreß, der hier im Lande heimlich stattfinden sollte, um einem Eingreifen der Regierung vorzubeugen— das gewährte Gastrecht miß- brauchen und schädigen, nicht auf ein besonderes Ent- gegenkommen durch die Regierung zu rechnen haben. 6. Der Unterzeichnete ist nicht der Meinung, daß in d'esem Falle in einer mit dem Fremdenrecht in Wider- spruch stehenden Weise gehandelt worden ist." Der holländische Minister tut so. als hätte erst das „Aufheben" in der Oesfentlichkeit die jungen Revolutio- näre an die deutsche Hitlerpolizei verraten. So harmlos ist der Herr Minister natürlich nicht, um nicht zu ahnen, daß die deutsche Polizei keines besonderen Hinweises be- durfte, um zu erfahren, wer die ihr von der holländischen Polizei überlieferten jungen Leute waren. Nein: die holländische'Regierung kann die Tatsache nicht bestreiten, daß vier junge idealistische Menschen um ihrer Ueber- zeugung willen an die rohesten Exekutivorgane der Welt übergeben worden sind. Die Verantwortung dafür hat die holländische Regierung zu tragen. Die Diskussion geht nicht um„Fremdenrecht". Nie- mand bezweifelt, daß die Akten und Paragrafen in Ord- nung sind. Die Frage ist. warum die holländische Behörde die jungen Leuten den Schergen des deutschen Faschis- mus ausgeliefert hat, statt die im Grunde doch recht un- gefährlichen jungen Burschen einfach zum Verlassen des Landes aufzufordern und ihnen freizustellen, welche Grenze sie wählten. Der Bürgermeister von Laren bietet das fatale Bild eines freiwilligen Gehilfen der Geheimen Staatspolizei, und es ist dem Ansehen der holländischen Regierung nicht dienlich, daß sie dieses Verhalten deckt. Es sei denn, daß ihr in Deutschland nur der Beifall des jetzigen Regimes etwas gilt. Ein Soldat marschiert In den Tod Fehlurteil eines lettischen Kriegsgerichts Tie auf Deutsch geschriebene Rigaer Zeitung„Europa- Ost", dem vorhitlerischen„Tempo" durch den Chefredakteur nahestehend, bringt eine Meldung, die eigentlich eher aus Teutschland stammen könnte: Das Todesurteil des lettischen Kriegsgerichts zu Riga gegen den Infanteristen Bruno Greter wegen Ermordnung des Oberleutnants Osol. Das wäre nichts Besonderes, wenn man nicht gleichzeitig erführe, wie diese Ermordung vor sich gegangen ist: sDas Folgende ist aus den eindeutigen Zeugenaus- sagen zuiammengefaßtj. Der Soldat Bruno Greter steht kurz vor der Entlassung. Man kann nicht sagen, daß er sich mewch- lich wie soldatisch besonders lobenswert geführt hat. Kleine Eigentumsdelikte brachten ihn— als Zivilist— auf kurze Zeit ins Gefängnis, und beim Militär hat der elwas nach- lässige Mann sehr oft die üblichen Differenzen mit den Bor- gesetzten, die mit dementsprechend!« Arreststrascn des Untergebenen endigen. Einmal, als er zuviel des süßen Weites getrunken hatte, schon einige Zeit ist es her, flucht er wie^n Wilder aus den ganzen Militärkram, besonders auf seine Vorgesetzten, schwört Rache. Wie gesagt: er hatte einen tüch- tigen Rausch. Drei Tage vor seiner Entlassung, die in der ersten März- woche erfolgen sollte, ist eine Nachtübung angesetzt. Der In- fanterist Greter und sein Kamerad Birkow werden vom Korporal Liponzos auf Patrouille geschickt, liegen am Abhang eines Hügels und lauern auf den„bösen Feind". Befehl, daß, wenn aus 100 Meter Entfernung irgendetwas zu sehen sein sollt«, mit Platzpalronen geschossen werden soll. Vor der Uebung sind die Gewehre— außerordentlich flüchtig, wie der Besichtigende selbst bekundet— durchgesehen worden, ob nicht vielleicht doch eine Kugel im Lauf steckte. Kein Mensch hat es für nötig befunden, auch nur die Gewehrschlösser öffnen ' zu lassen, geschweige denn durch das Rohr zu blicken. Der Soldat Greter, der niemals seine Sachen vor>chriftsmäßig in Ordnung hat, sieht— unten am Fuße des Hügels liegend— im Dunkel, sich gegen das Monölicht anhebend, einen Schatten, nimmt sein Gewehr und schießt. Zielen kann er nicht gut, da das Korn seines Gewehres verbogen ist. Ein schauderhafter Soldat, dieser Greter. Schießt also und „ermordet" mit diesem Schuß den Oberleutnant Osol, trifft ihn mitten in die Brust, trifft ihn auf 60 Meter Entfernung im Dunkeln von unten nach oben schießend mit— einer Platzpatrone, wie Greter fest glaubt, denn bei dem jetzt folgenden Sammeln meldet er sich sofort auf Befragen als der verhängnisvolle Schütze. Das Gericht hat die Wahl, fahrlässige Tötung sein Jahr Gefängnis), oder Mord iTod durch Erschießen) anzunehmen. Als vor kurzem ein Oberleutnant Tehrup am hellen Tag einen Matrosen erschoß, ohne daß dieser irgendeinen tatsächlichen Grund zu dieser Maßnahme geboten hätte, lehnte das gleiche Gericht den Spruch des Staatsanwalts ab und er- kannte auf— ein Jahr Korrektionsanstalt, nicht ohne sofort dem Staatspräsidenten Begnadigung des Ver- urteilten zu empfehlen. Heute folgen die Richter willig den staatsanwältlichen Ausführungen, die einen— Mord feststellen und verurteilen den Angeklagten entsprechend. Politische Hintergründe scheinen nickt weiter vorhanden. Hier spricht der krasse Klassenunterschied, ausgedrückt im Rangunterschied, ein Urteil, das jedem Recht ins Gesicht schlägt. Ein als Soldat völlig unialentierter Mensch pilegt meistens nicht gerade ein Kunstschütze zu sein, und dieser Mann soll auf 60 Meter in der Nacht einen Menschen, den er nicht einmal ricktig erkennen kann, tödlich— mit Absicht tödlich treffen?!! Dieser miserable Soldat soll so verrückt sein, drei Tage vor seiner Entlassung an einem Offizier, m'l dem er niemals persönliche Unstimmigkeiten gehabt hat ider Ober- leutnant Osol hatte keine Ttrasgcwalt über den Soldaten Greter). eine Straftat zu begehen, sie in Gegenwart der pc> samten Abteilung vollenden, von der er weiß, daß sie ihn mindestens auf ein Jahr ins Gefängnis bringt! 365 zu 3 Tagen. Das ist die— günstigste l!) Chance. Mag der Mann Greter e'n schlechter Kerl sein, ein Narr ist er nicht gewesen. Wie kann ein Gericht, das sein Urteil auf keine einzige streng standhaltende Aussage basiert, das n'cht einmal die Sachverständigengutachten wegen der mög- licherweise im Lauf steckenden Kngel, die durch die Platz- patrone herausgeschleudert werden konnte, einwandfrei kür seine Annahmen buchen kann, wie darf ein solches Gericht einen nie wieder gut zu machenden Spruch fällen!! Nur w il der Infanterist Greter einmal einen schweren Rausch gehabt hat? Man frage jeden der aburteilenden Offiziere, ob sie nicht auch schon einmal in einem Zustand der Vernehmung?- Unfähigkeit ganz schön auf ihre Vorgesetzten geflucht haben, man frage irgendeinen Menschen, welche Rachcscdwiire er selbst ausgestoßen und gehört hat während des Krieges von 1914 bis 1918, und wieviele dieser Schwüre er als eindeutig ausgeführt feststellen konnte. Während des Krieges ist es eine Kleinigkeit gewesen, unliebsamen Vorgesetzten zu„Hel^'n- ehren" zu verHelsen, und doch dürsten verhältnismäßig wenige Offiziere aus diese Weise gestorben sein. Weil ein schlechter Soldat einen vielleicht guten Ossizier getötet hat. daraufhin kann doch kein Gericht der Welt aus Mord erkennen, nicht einmal— ein Militärgericht! Die„Liga für Menschenrechte" müßte mit allen Mitteln die Bestrebungen des Verteidigers. Rechtsanwalt Schmidt, unterstützen. H; er handelt es sich nicht darum, ob der Mann Greter gut oder schlecht ist. hier geht es einfach darum, ein Menschen- leben zu retten, einen Sohn ber Mutter, einen Bruder den Geschwistern zu erkalten! Hier geht es um die Wahrung von Menschenrechten! Darum helft dem Menschen Greter, der ein schlechter Soldat ist.... W. Hc. „Deutsche Freiheit", Nr. 90 ABBIIT u«v WIRTSCHAFT Saarbrücken, Donnerstag, 19. April Um den sozialistischen Fünf jahresplan, mmcr Devisen Henri de Man vor den Brüsseler Börsenmaklern Die Berufsvereinigung der Brüsseler Börsenmakler hat beschlossen, drei Sitzungen einer akademischen Debatte über den Aktionsplan von Henri de Man zu widmen. Herr Max- Leo Gerard, vom„Comite Central Industrie! de Belgique" eröffnete diese Debatte vor einigen Wochen. Am nächsten Dienstag soll Herr Prof. Fernand Baudhuin zu Worte kommen. Letzten Dienstag aber antwortete Henri de Man selbst auf die Kritiken von Hrn. Gerard, die vom„Echo de 1 Industrie" wohlgefällig übernommen wurden, und zu denen wir bereits verschiedene Gegenbemerkungen vorgebracht haben. In seinem Vortrag legte Henri de Man, vor einem überfüllten Saal, die großen Linien seines Arbeitsplanes dar: In der belgischen Nationalwirtschaft soll neben dem nationalisierten Sektor ein privatwirtschaftlicher, freier Sektor bestehen bleiben. Die freie Konkurrenz soll beschützt s erden, wo sie noch besteht. Doch wo es bereits heute faktische Wirtschaftsmonopole gibt, sollen dieselben zu öffentlichen Monopolen umgestellt werden. Zweck dieser Nationalisierung ist, dem Staat die Steuerung der Wirtschaft in die Hand zu geben. Die Krisis, sofern man sie im nationalen Rahmen betrachtet, charakterisiert sich nämlich durch ein Mißverhältnis zwischen Produktionsfähig- keit und Verbrauchskraft. Dieses Mißverhältnis kann nur durch eine Aktion im Interesse der Allgemeinheit beseitigt werden. Unsere heutige Wirtschaft ist paradoxal in dem Sinne, daß wir immer mehr produzieren, während es immer weniger Käufer gibt. Man behauptet dann leichthin:„Es ist kein Geld da!" Aber in Wirklichkeit fehlt das Geld nicht. Wir leiden im Gegenteil unter einem Ueberfluß an unbenutztem Geld. Bleiben doch schätzungsweise 6 Milliarden Frauken in Banknoten außer Verkehr. Wie kann das Geld wieder in Umlauf gebracht werden? Wie ist eine Wiederaufnahme der Arbeit zu ermöglichen? Nur indem man dem Staat die Direktion des Kredites überträgt, der sich automatisch nicht regelt, sondern vielmehr, in seiner heutigen Gestaltung, die Schwierigkeiten der derzeitigen Konjunktur erschwert. Die heutigen Kreditinstitute, vielleicht mehr noch aus Machtstreben als aus Gewinnsucht, haben Monopole geschaffen, die das Volumen der zu tätigenden Geschäfte opfern, sofern sie nur einen möglichst hohen Zinsfuß herausschlagen. Schuld an dieser Lage trägt unsere gesamte Wirtschaftsstruktur, deren Reform sich denn auch als erste Forderung aufdrängt. Eines der Hauptargumente von Hrn. Max-Leo Gerard besteht darin, daß die Einmischung politischer Elemente in die Wirtschaft gefährlich wäre. Aber der Aktionsplan will keinen vulgären Etatismus. Es handelt eich auch nicht darum, die Banken durch irgendwelche administrative Dienstzweige zu ersetzen. Der Bankier in seiner Bank und der Gesetzgeber an seinem Pult: das ist unsere Formel. Wir wollen bloß über die Banken einen leitenden Grganismus stellen, ein Kreditinstitut, das wohl vom Parlament geschaffen würde, aber sonst von der gesetzgeberischen Gewalt völlig unabhängig wäre. Den politischen Gewalten wäre bloß die Ernennung eines Kommissars überlassen, der an näher zu bestimmenden Perioden zur Rechnungsablage verpflichtet wäre. Dieser Kommissar wäre zur Hälfte Beamter, zur Hälfte Bankier, also nicht sehr verschieden von den Persönlichkeiten, die heute an der Spitze der Nationalbank und der ähnlichen Institute stehen. Das zu schaffende Kreditinstitut selbst wäre keineswegs der„Bankier des Staates". Diese Rolle verbliebe der Nationalbank, durch deren Vermittlung der Staat, gegebenenfalls, auch weiterhin Appell an die öffentliche Ersparnis machen würde. Was die Kosten der Nationalisierung der Banken betrifft, so erreichen sie bei weitem nicht die 27 Milliarden, von denen Hr. Max-Leo Gerard gesprochen hat. Es genügt nämlich, eine Kontrolle über einige oder sogar nur eine einzige Großbank zu besitzen, um dadurch einen vorherrschenden Einfluß auf die Leitung des planwirtschaftlich zu gestaltenden Sektors zu gewinnen. Die dafür notwendige Ausgabe wird aber bloß zwei, oder höchstens drei Milliarden erreichen. Sollten der Rückkauf auf dem Vertragswege oder die Enteignung aus Gründen öffentlichen Nutzens unmöglich sein, so könnte ein Gesetz dem Staat die für die Durchführung des Planes nötige Autorität geben, ohne daß er deshalb Aktien erwerben müßte. Hr. Gerard hat von der Panik gesprochen. die die Verwirklichung des Aktionsplanes angeblich an der Börse hervorrufen würde. Aber nicht auf diese ^ eise stellt sich das Problem. Die Verwirklichung des Arbeitsplanes ist nur in einer Atmosphäre des Vertrauens möglich. Wir würden unseren Aktionsplan wieder in die Tasche stecken, wenn die Gegner nicht mithelfen wollten, diese Atmosphäre zu schaffen; aber das will nicht sagen, daß wir dann nicht einen andern Weg beschreiten würden. Tiefen Eindruck machte es auf die Versammlung, als abschließend Henri de Man erklärte, mit seinem Aktionsplan riskiere er mehr als seinen Ruf und seine politische Existenz: nämlich eventuell die Beschuldigung durch sein Gewissen. Indem er den Arbeitslosen Beschäftigung versprach, hat er eine große Verantwortung üBer sich genommen. Aber die da behaupten, die Nationalwirtschaft wäre vor der drohenden Katastrophe allein durch die Naturgesetze zu retten, übernehmen eine nicht geringere Verantwortung. Ein Ausweg ist nur möglich, wenn man sich Rechenschaft gibt, daß das Privatinteresse vor dem Allgemeininteresse weichen muß. Henri de Man fand vor dieser, sicher nicht sozialistisch eingestellten Versammlung lebhaften Beifall. Entgegen den Beliauptiuieen der büreerlichen Presse wird in Belgien seinem Aktionsplan allerdings eben eine immer größere Beachtung geschenkt. Der Siea des Feudalismus Starker Rückgang der Siedlungstätigkeit „Kameraden! Die Vorarbeiten zu einem großzügigen Ansiedlungswerke sind im Gange; die Ausführung wird unverzüglich beginnen... Die heimkehrenden Krieger sind die ersten, diesen Dank des Landes zu empfangen. Auf billig erworbenem Land mit billigem öffentlichen Gelde werden für Landwirte 4 Gärtner und Handwerker Hunderttausende von Stellen erridilet. Das große Werk ist schon begonnen. Habt nur kurze Zeit Geduld/" Der dies sagte, ist heute Großgrundbesitzer von Neuchck. Die Sätze sind dem Aufruf des Generalfeldmarschalls von Hindenburg, den er im November 1918 an die Armee erließ, entnommen. Das erwähnte Siedlungswerk sollte ein Drittel des ostelbischen Großgrundbesitzes aufteilen. Bisher ist nicht einmal ein Drittel dieses Drittels der Siedlung zugeführt. Und was überhaupt bisher für die Siedlung getan worden ist, geschah ausschließlich in den„14 Jahren des Weimarer Systems". Selbst nach den eigenen Vorstellungen der Nazis gibt es kaum einen nationaleren und sozialeren Punkt in ihrem Programm als die Siedlung. Aber nun sind die„Siedlerngs- bolschewisten" Brüning und Schleicher verjagt und Hitlers „Agrarspezialisten" erklären jetzt feierlich, daß kein Großgrundbesitz angetastet werden darf. Was im ersten Hitlerjahr auf diesem Gebiete getan wurde, ist viel weniger als man selbst nach der Weiterzahlung der Osthilfegelder und nach dem im Sommer 1933 erlassenen neuen Entschuldunggesetz hätte erwarten können. Während nämlich die Gesamtzahl der im Reich geschaffenen Siedlerstellen im Jahre 1932— obwohl das Papen- Kabinett weiß Gott nicht siedlungsfreundlich war— 8877 betrug, wird in der selbstverständlich gleichgeschalteten „Sozialen Praxis" vom 8. März 1934 die Zahl der im Jahre 1933 geschaffenen Siedlungen auf etwa 4000 geschätzt. In der Tat, der Generalfeldmarschall hat sich die N e u d e c k-„L a n d z u I a g e" von'knapp 8000 preußische Morgen redlich verdirbt!— Nachzutragen ist noch, daß in genau gleichem Maß, wie die Siedlungstätigkeit im ersten Jahr des Hitler-Heils zurückgegangen ist. dieSummeder ausgezahlten Osthilfedarlehn anstieg; und zwar nach dem letzten Ausweis der Bank für Industrieobligationen von 160 auf 340 Millionen Reichsmark. Hindenburg hat sich um die Verhinderung der Siedlung verdienter gemacht als irgend ein anderer Deutscher. Jetzt hat der ostpreußische Großgrundbesitz in Hitler einen zweiten gleichwertigen Helfer. Schon heute läßt sich aus den uns zugehenden Mitteilungen entnehmen, daß im Jahr 1934 nicht einmal wenige hundert Siedlerstellen errichtet werden dürften! Und es ist nicht schwer vorauszusagen, daß am Ende des„Vierjahresplans für den deutschen Bauer", den Hitler am Tage nach seinem Machtantritt verkündet hatte, jede Spur von Siedlungstätigkeit ausgerottet sein wird. M. B. Von der Sewietindustrie Moskau, Mitte April.(FSU.) Die Zahlen über die Entwicklung der industriellen Produktion im ersten Vierteljahr des zweiten Jahres des zweiten Planjahrfünfts gehen ein sehr interessantes Bild. Nahezu alle Industriezweige weisen wieder ein bedeutendes Wachstum auf. Die Produktion der führenden Zweige der Schwerindustrie übersteigt die derselben Periode des Vorjahres bei der Steinkohlenindustrie um 30,1 Prozent, bei der Petroleumindustrie um 26.9, bei Roheisen um 60,7 Prozent, bei Stahl um 49,2 Prozent, bei Walzwerksprodukten um 41,6 Prozent, im Lokomotivbau um 34,9 Prozent, beim Güterwagenhau um 55,4 Prozent, beim Traktorenbau um 59,2 Prozent, bei Lastautos um 27,4 Prozent. Die Produktion an Personenautos beträgt das Sechsfache des Vorjahres. Die Superphosphatproduktion stieg um 63,3 Prozent. Diese Zahlen zeigen an, daß die erfolgreiche Entwicklung der gesamten Wirtschaft der Sowjetunion auch in diesem Jahre anhält. Dabei ist festzustellen, daß die Methode des sozialistischen Wettbewerbes zwischen verschiedenen Arbeitergruppen, Betrieben und Produktionszweigen wieder einen großen Aufschwung erlebt hat, der sich auf die Weiterentwicklung der Produktion sehr günstig auswirkt. Zahlreich sind auch die Arbeiter, die sich im Laufe der letzten Monate in Kursen die notwendigen technischen Kenntnisse aneeeienet haben, um die Maschinen, die sie bedienen, auch richtig ausnutzen zu können. Die bedeutendste Errungenschaft des abgelaufenen Quartals ist das stetige Wachstum der Eisenhüttenindustrie, die bisher noch hinter den anderen Zweigen der Volkswirtschaft zurückblieb. Die Produktioussteigerung auf diesem Gebiet ist nicht allein dadurch zu erklären, daß im Laufe des letzten Jahres 8 neue große Hochöfen in Betrieb genommen wurden, sondern durch die bedeutende Steigerung der Leistung der alten Betriebe, die in diesem Quartal um ein Drittel mehr Robeisen lieferten, als in der gleichen Periode des Vorjahres. Von 15 000 Tonnen täglicher Ausschmelzung stieg die Leistung der Hochöfen auf 26—27 000 Tonnen pro Tag im März. Die Sowjetpresse verzeichnet diese bedeutenden Errungenschaften, warnt jedoch vor deren Ueberschätzung.„Wir dürfen uns die Erfolge nicht zu Kopfe steigen lassen," schreibt die Prawda, „die Offensive muß in angespanntestem Tempo weitergehen. Noch mehr Kohle, Metall, Maschinen, noch mehr Massenbedarfsartikel— das sind die Losungen für das Land, dessen Kaufkraft ununterbrochen steigt, da eine Krise durch sein Wirtschaftssystem ausgeschlossen ist," Der Reichsbankausweis bnb. Berlin, 17. April. Ter Reichsbankausweis vom 14. April 1934 zeigt das Bilb einer normalen Weiterentimck- lnng. Nachdem von ber Gesamtbeanspruchung zum Ultimo Marz von 533,8 Mill. RM. bereits in der ersten Aprilwoche mehr als die Hälfte, nämlich 317.7 Mill. RM.. zurückgeflossen waren, hat sich bie gesamte Kapitalanlage der Bank in Wechseln und Schecks, Lombards und Wertpapieren um weitere 96,3 Millionen aus 3645,6 Mill. RM. vermindert. Im einzelnen haben die Bestände an Handelswechseln und -schecks um 45.5 aus 2906,1 Mill. RM., an Reichdschay- wechseln um 22.9 aus 7.2 Mill. RM., an Lombardsordernngen um 7,8 aus 63JZ Mill. RM. abgenommen. Bemerkenswert ist der Rückgang der deckungSsähigcn Wertpapiere um 19,3 aus 339,2 Mill. NM., was aus den Verkauf von Steuer- gutscheinen zurückzuführen ist. Tie Bestände an sonstigen Wertpapieren zeigen mit 330,2 Mill. RM. eine Abnahme um 0.7 Mill. NM. Tic TcckungSmittcl der RcichSbank haben eine Verminderung um 8,6 auf 232,1 Mill. RM. erfahren, und zwar gingen die Goldbestände um 4,3 auf 226,4 Mill. NM. und die Bestände an dccknngsfähigen Devise» um 4,3 aus 5,7 Mill. RM. zurück. Ter Bestand an Scheidemünzen hat sich um 25,0 ans 254,3 Mill. RM. erhöht. Die sonstigen Aktiven werden mit 514,6 Mill. RM. um 20,4 Mill. RM. niedriger ausgewiesen. Ter gesamte Zahlnngsmittclumlauf betrug am 14. April 53->4 Mill. RM. gegen 5427 Mill. RM. am 7. April, 5285 Mill. RM. vor einem Monat und 5472 Mi«. RM. vor einem Jahre. Tie täglich fälligen Verbindlichkeiten weisen mit 460,3 Mill. NM. einen Rückgang um 42,0 Mill. RM. aus. Tie Notendeckun.g betrug am 14. April 6,8 Prozent gegen 6,3 Prozent in der Vorwoche. 374 Millionen Oslhtlfe (Inpreß.) Allein im letzten halben Jahr, d. h. vom 30. September 1933 bis zum 31. März 1934, sind nicht weniger als 86 Millionen für„Osthilfe" ausgezahlt worden. Die Gesamtsumme der Osthilfegelder beläuft sieh bis zum 31. März auf 305,13 Millionen. Weitere 69,6 Millionen sind schon zur Auszahlung bereitgestellt. Damit erreicht die Summe, die vorwiegend den Agrariern zugeflossen ist und noch zufließen wird, bereits die ungeheure Höhe von 374,22 Millionen Reichsmark. Analyse der„Arbellssdiladil" Das„Prager Tagblatt" schreibt zur„Arbeitsschlacht" der Nazis:„Das Geheimnis, wie Hunderttausende in die Betriebe zurückgeführt werden, obwohl auf das Wunder der Wirtschaftsbelebung immer noch sehnsüchtig gewartet wird, wird verständlich, wenn man erfährt, daß iu den meisten Betriehen die Arbeit in früher ganz ungewohnter Weise gestreckt wird und daß der Lechs-, ja sogar Fünfstundentag in manchen Betrieben für einen großen Teil der Belegschaft nur deshalb eingeführt werden mußte, um Platz für die auf behördliche Anordnung einzustellenden Arbeitslosen zu schaffen. Selbst bei unveränderten Stundenlöhnen wurde infolge der verringerten Arbeitszeit das Einkommen des einzelnen Arbeiters ganz wesentlich beschnitten, und der neu eingestellte Arbeitslose macht zumeist die schmerzliche Erfahrung, daß sein Lohn um kaum ein Drittel das bisherige Unterstützungsgeld übersteigt. Die notwendigen Aufwendungen für die Arbeitskleidung, Fahrgeld, für bessere Ernährung, die ein arbeitender Mensch braucht, können von dem geringen Mehreinkommen kaum bestritten werden, so daß viele der Neueingestellten zugeben, daß ihre wirtschaftliche Lage während der Arbeitslosigkeit besser war." Sippentier he Er hat das Rassenmonopol Ter ReichsgeschäftöftiHrer ber NSTNP. gibt bekannt: Der in Berlin kürzlich gegründete„Reichsverein für Sippenforschung und Wappenkunde e. V.", Berlin NW 7, Schissbauerdamni 26, mit dessen Leitung der ReichSminisler des Innern den Amtöleiter der Reichsleitung der NSDAP, und Sachverständigen für Rassesorschung beim Reichs- Ministerium deS Innern, Tr. Archim Gercke, beauftragt hat, ist die einzige Organisation auf dem Gebiete der Sippenforschung, die von der Partei anerkannt wird. Da im„dritten Reich" alles behördlich konzessioniert und registriert sein must, so versteht sich fast von selbst, daß auch das Forschen nach Urgroßmüttern und Ururgroßmüttern nicht von jedem einzelnen auf eigene Faust, sondern nur unter Aufsicht und Ansicht der Obrigkeit betrieben werden darf. Und— so merkwürdig es klingt— gerade aus diesem Gebiet erscheint strafte Kontrolle notwendig. Denn was sollte werden, wenn so ein Sippenforschungöoerein sich z. B. ein- fallen liebe, nach den Ahnen A d o l f H i t l e r S, besten Groß- vater bekanntlich auf dem Iudenfriedhof zu Bukarest de- graben liegt, oder irgendeines anderen Kroßen der NSDAP, zu forschen?— Es könnte»ich! auszudeutende Folge» habe.,! Meldung der gleichgeschalteten Preste: Mit Rücksicht auf den außerordentlich st a r k e n A n d r a n g bei den Kölner Standesämtern wegen Ausstellung von Re- g i st e r a n s z ü g e n ist zur Erleichterung des Geschäfts- betriebes ein Versahren zur Herstellung fotografischer Abzüge standesamtlicher Urkunden erprobt worden. Tie Versuche haben zu einem vollen Erfolg geführt. Na also! Und das Fotografieren von StandeSamtSurkunden gibt Arbeit und Brot für soundfoviele. Und wenn erst alle Arbeitslosen mit Staminbaumforschung beschäftigt sind, ist das Wirtschaftestroblem gelöst, k deutsche Stimmen•(Beilage zur.(Deutseften Freiheit"• Ereignisse und Gesdkidkten mmmsum HM IT '■ 1■' 1''fiwv''y""W/!""f"''iii"■"cifttw""' Donnerstag, den IS. April 1 SS» Zu meinet Auslüzqetung aus(Deutschtand Von JAeodoc Jttioiec Gestern habe ich erfahren, daß das„dritte Reich" mir die deutsche Staatsbürgerschaft entsagen hat. Heute hatte ich e'ne Reihe Besuche und noch mehr Telefonanrufe. Es waren "icht nur deutsche Emigranten,— ein Franzose, Schweden, p'i Engländer drückten mir die Hand und gratulierten; sie gratulierten, nicht einer fand das Ereignis bedauerlich. Leber eine so einheitliche— und in diesem kleinen Rahmen ' internationale Manifestation war ich doch erstaunt. Jedenfalls wurde mir veranschaulicht, daß es eine Ehre und nur rine Ehre ist, von den Herren des„dritten Reiches" geächtet nnd für unwürdig befunden zu werden, den Namen eines Deutschen zu tragen. Ich hin ein geborener Deutscher, habe vier Jahre lang— \ 0In crgten bis zum letzten Tage— am Krieg teilnehmen dürfen und habe für Heldentaten, nach denen ich mich nicht gedrängt habe, die Auszeichnung des Eisernen Kreuzes annehmen müssen. Ich habe einen holländischen Vater, einen bretonischen Großvater und eine deutsche Mutter. Daß der Akt meiner Ausbürgerung nichts mit Blutzugehörigkeit(um ■m Jargon der Nazis zu reden), nichts mit meiner Herkunft tun hat und auch nichts an dem Gefühl meiner Verbundenheit mit dem deutschen Volke ändern kann, das ist ersichtlich. Diese Ausbürgerung ist zum großen Teil auch gegen die zwei Millionen Leser gerichtet, die ich als Schrift- geller in Deutschland gewinnen konnte. Daß meine Leser allen Schichten der Bevölkerung von der äußersten Linken bis zu den extremen Nationalisten angeboren, ist mir eine Ehre; daß aber die große und wirklich interessierte Mehrheit meiner Leser Bezieher der Leihbibliotheken sind, also dem mittellosen, ausgebeuteten und a ro meisten unterdrückten Teil der Bevölkerung entstammen, ('as ist mir eine Verpflichtung und heute mehr Verpflichtung »U vorher. Mein Hei kommen ist deutsch. Meine Sprache ist deutsch. Meine Sprache bleibt deutsch. Und ich werde die Sprache, in der ich aufgewachsen bin, ln der ich mich umherjagen und kommandieren lassen Niußte, in der ich endlich denken lernte, als Waffe zu benutzen wissen. Als Waffe— gegen wen und für was? Das ist klar auszusprechen! Gegen ein System, das es in der kurzen Zeit seiner Herrschaft verstanden hat, die Grundbegriffe der Zivilisation und des menschlichen Zusammenlebens aufzuheben, das seine Bürger zu willenlosen Werkzeugen eines übersteigerten Machtwillens degradierte und die Einzelpersonen allen nur '»»denkbaren Arten von Willkür, körperlichen und seeli- "«hen Terror» und selbst den Foltennethodrn eine» vergessen geglaubten, finsteren Mittelalters aussetzt, das die Kunst, die Wissenschaft, die Erziehung, selbst die Kirche nur als Instrumente eines krankhaften Rassenwahns gelten läßt und für seine chauvinistischen Ziele mißbraucht, das daran ist, ganz Deutschland in eine einzige große Kaserne zu verhandeln und die deutsche Sprache auf das Niveau eines Exerzierreglements herabzudrücken,— gegen die Unterdrücker eines gutgläubigen, geduldigen und leidensfähigen •Die Jheateckade Von Qeotg VMlntaa Zeitungsmeldung: Der Chef der nationalsozialistischen Beamten der Stadt Bamberg bat verfügt, daß sämtliche Beamte, die mehr als 300 Mark monatlich verdienen, verpflichtet sind, ein Abonnement für das Staatstheater in Bamberg'zu nehmen. Bei dem Steuereinnehmer Hans Schwerdtfeger klingelte es inittags gegen drei Uhr. Schwerdtfeger, der sich grad zu rinem kleinen Mittagsschläfchen hingelegt hatte, fuhr ärgerlich hoch: wer war denn das schon wieder? Seine Frau öffnete die Türe. Draußen standen 4 SS.-Leute. Einer von ihnen verlangte den Steuereinnehmer zu sprechen. Schwerdtfeger 'chlurfie in Pantoffeln zur Türe. „Heil Hitler!" sagte der 88. Mann und hob den redeten Arm. „Heil Hitler!" antwortete Schwerdtfeger, eingedenk sowohl des Erlasses über die Grußpflicht der Beamten als auch seiner »nerschütterliehen nationalsozialistischen Gesinnung. „Parteigenosse Schwerdtfeger, wir kommen vom Theater- besuchskontrollkommando, um Ihren Theaterbesuch zu Kontrollieren. Dürfen wir..." „Emma!" schrie Schwerdtfeger schon,„Emma, hol mal den Kasten mit den Abschnitten." „Einen Moment," sagte er zu den SS.-Leuten, verbesserte sich aber sofort mit rotem Kopf,„einen Augenblick. Sie Können sofort Einsicht nehmen. Meine Frau sucht nur die Abschnitte. Da ist sie schon. Aber darf ich die Herrn Pg». Nicht hereinbitten? Aber bitte, meine Herren, ja, hier rechts, entschuldigen Sie bitte die Unordnung, ich habe grade ein wenig geschlafen, na, Sie verstehen schon, haha. So, hier ist die Schachtel mit den Abschnitten. Uebrigens, darf ich bekannt machen: Herr SS.-Unteigruppenführer Marksteiner— meine Frau! Das ist der Herr. Emma, von dem ich Dir schon erzählt habe, ja, der sich den guten Witz mit dem Kommunisten geleistet hat. Wie, Du erinnerst Dich nicht? Na, der Kommunist, der auf einer Kiste vor dem Rathaus stand und immerfort sagte„Ich bin ein kommunistisches Schwein". Ja. der ist das!" Die vier SS.-Leute betrachteten die Abschnitte, abgerissene Abschnitte von Theaterkarten, die sorgfältig in der Schachtel aufbewahrt waren. SS.-Un'terführer Marksteiner legte die Zettel, nach dem Datum geordnet, nebeneinander. Dann schüttelte er den Kopf: „Hier fehlt der Abschnitt vom 23. September, Pg. Schwerdtfeger. Waren Sie nicht im Theater? Es gab"— und er sah in einet Liste nach, die er aus der Tasche zog„es gab „Totila" von Oberpräsident Pg- Kube." Volkes und für dasselbe unterdrückte, ausgebeutete und stummleidende Volk! Deutschland hatte schwerer als alle anderen beteiligten Völker an den Folgen des Krieges zu tragen. Aber keiner der seit dem 11. November 1918 mit den ehemaligen Feindmächten abgeschlossenen Verträge— so schwer sie auch auf die deutsche Wirtschaft und Bevölkerung drückten— hat so einschneidend, so gewaltsam, so freiheitsberaubend, physisch und noch mehr psychisch zermürbend auf den Millionen innerhalb der deutschen Grenzen gelastet, wie ein Jahr Kitlerdiktatur. Es ist billig zu sagen, daß in Deutschland das Faustrecht herrscht; es ist auch nicht ganz richtig, denn es ist eine schwerbewaffnete und disziplinierte Minderheit, die die unbewaffnete Mehrheit terrorisiert. Wie lange wird das möglich sein? Hoffentlich nicht bis zum bitteren Ende! Die Herren des„dritten Reiches" die Meister der„Schutzhaft", der Konzentrationslager, der Foltertrupps bereiten im eigenen Lande eine Explosion vor und es liegt nicht nur im Interesse des deutschen Schicksals, es liegt im Interesse der gesamten zivilisierten Menschheit, daß diese Explosion ausbricht, ehe der Nationalsozialismus sein Ziel und bitteres Ende erreicht, das Krieg heißt. Daß ein neuer Krieg die Auswirkungen des letzten nicht auslöschen kann und nur neue Leiden und neue vervielfachte Opfer in erster Linie für Deutschland und darüber hinaus für die ganze Welt bringen und zwangsläufig mit einer noch größeren und unabsehbaren Katastrophe enden muß, darüber ist kein Einsichtiger im Zweifel. Ebenso sicher ist es, daß große Massen des deutschen Volkes nnd vor allem jene Generation, die bereits eine Kriegs- und Nachkriegserfahrung hinter sich hat, nicht freiwillig den Naziparolen ins Unglück folgen würde. Dazu mußte es erst entrechtet werden, dazu sind die „Schutzhaft" und die Konzentrationslager nötig und diesem Zwecke dienen letzten Endes auch die Ausbürgerungen jener, die sich dem direkten Zugriff de*„dritten Reiches" entziehen konnten. Einer solchen Kriegskatastrophe, die von den Madithabern des„dritten Reiches" ganz zielbewußt und nur schlecht getarnt vorbereitet wird, entgegenzuwirken, ist das dringendste Gebot der Stunde und in der Erfüllung dieses Gebotes weiß ich mich mit großen Massen, ja mit der Mehrheit des deutschen Volkes und mit der überwiegenden Mehrheit aller anderen Nationen einig. Für ein Deutschland, das die Grundsätze der Gleichberechtigung, des Friedens und der Freiheit nach innen gegen seine eigenen Volksangehörigen verwirklicht, und das diese allein denkbaren Prinzipien menschlichen Zusammenlebens deshalb zur Grundlage seiner inneren Politik machen kann, weil es das gleiche Recht aller anderen Rassen anerkennt und die Freiheit und den Frieden aller übrigen Länder achtet und nicht nach einer kriegerischen Machterweiterung trachtet, für ein solches Land zu kämpfen, das ist es, was ich seinen künftigen Mitbürgern in einem neuen Deutschland gelobe. Paris, Ostern 1934, „Natürlich war ich da, meine Herren. Aber wie können Sie nur zweifeln, meine Herren! Ich weiß doch, was ich als Beamter meinem Führer und dem Vaterlande schuldig bin. Emma, habe ich an dem Abend noch zu meiner Frau gesagt, heute mußt du aber das Grünseidene anziehen. Und in der Pause haben wir noch mit Feuerwehrdirektor Mergentbaler und mit der Frau Finauzamtsratswitwe Oberbieber gesprochen" „Ist ja alles recht, Pg. Schwerdtfeger, aber wenn Sie den Abschnitt nicht beibringen können, müssen wir annehmen, daß Sie am 23. September Ihrer Pflicht nicht nachgekommen sind." „Aber meine Herren! Ich war da! Weiß der Teufel, wo der Abschnitt hingekommen ist. Ja richtig, jetzt weiß ich es: es regnete, und wir fuhren mit der Straßenbahn nach Hause. Und nachher habe ich den Abschnitt zusammen mit den Fahrscheinen weggeworfen." Die vier SS.-Leute blickten sich vielsagend an. Dann sagte SS.-Unterführer Marksteiner schneidend: „Das genügt. Abführen!" Schwerdtfeger fiel auf die Knie. Roh riß ihn der eine SS.» Mann hoch und brüllte: „Du verkapptes Marxistenschwein! Haben wir dich, du roter Hund! Du Judensau! Du Pazifistenhure!" Und schon prasselten die Gummiknüppelhiebe auf den unglücklichen Beamten. Am nächsten Tag stand in der nationalsozialistischen Tageszeitung: „W ieder ein Marxist dingfest gemacht! In aeiner Wohnung in der,.. atraße wurde gestern nachmittag der ehemalige Steuereinnehmer Hans Schwerdtfeger verhaftet. Ea wurde ihm nachgewieaen, daß er einer Pflichttheatervorstellung ferngeblieben war. Wegen marxistischer Gesinnung wurde er in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen." Ein Nietzsche-Brief In Katalog Nr. 58 der Firma V. A. Heck in Wien wird ein unveröffentlichter Brief Nietzsches vom 24. August 1877 an Siegfried Lipiner angeboten. Es heißt darin:„...sagen Sie mir sodann ganz unbefangen, ob Sie in Hinsicht auf Herkunft in irgendeiner Beziehung zu den Juden stehen. Ich habe nämlich neuerdings so manche Erfahrungen gemacht, die mir eine sehr große Erwartung gerade von Jünglingen dieser Herkunft erregt hat..," JCittecoeclag mag, kernen Juden leiden... ... doch seine Werke druckt er gern Der zur Zeit in der Tschechoslowakei lebende Künstler Ernest Neuschul hat der Qeffentlichkeit folgenden Briefwechsel zur Verfügung gestellt: 16. Februar 1934. Chr. Bclser A.-G., Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1, Augustenstraße 18 Herrn Ernest Neuschul Berlin-Charlottenburg Waitzstraße 4 In unserem Verlag erscheint demnächst ein nationales Werk; für dieses Werk benötigen wir das Bild Ernest ISeuschul:„Feierubend" Wir fragen bei Ihnen um Genehmigung der Veröffentlichung an und bitten Sie, uns den Preis zu nennen, dfcn Sie zur Veröffentlichung verlangen. Heil Hitler! Chr. Belser A.-G., Verlagsbuchhandlung An Chr. Belser, A.-G. Stuttgart Nachdem Sie vor einer Woche bereits bei mir angefragt hatten, ob ich arischer Abstammung bin, wünschen Sie in Ihrem Schreiben vom 16. 2. die Genehmigung zur Reproduktion meines Bildes„Feierabend". Ich muß sie Ihnen verweigern. Die Arbeiter auf meinem Bilde sind gute Marxisten, ich selbst, sein Autor, bin rein- und hochrassiger Jude. Ein solches Bild gehört nicht in Ihr„nationales" Werk! Haben Sie das noch immer nicht begriffen? Es ist(nebenbei) in der deutschen Sprache nicht zulässig, einen Preis„zur" Veröffentlichung zu verlangen. Die Juden verlangen ihn„für" die Veröffentlichung— falls sie diese genehmigen. Gegen den Mangel an Deutschtum hilft Ihnen auch das lauteste Heil- Hitler-Geschrei nichts. Ernest Neuschul. Kunstwerke sind der reinste Ausdruck der Persönlichkeit. Nach der Rassetheorie hätte der Verlag Belser aus angeborenen arischen Instinkten das Werk eines Semiten ablehnen müssen. Merkwürdigerweise funktionieren diese Instinkte aber immer erst dann, wenn dem Betreffenden ausdrücklich gesagt wird, daß der Autor Jude ist. Würden sonst so viele Deutsche die„Loreley" des Juden Heinrich Heine singen?! Cut Offlenheczigec Er will sich noch deutlicher aussprechen... „Wir fahren durch die sternklare Nacht gen Süden, ut I zwar allein. Wenn früher— ja noch vor drei Jahren— de .Internationale Gesellschaft für zeitgenössische Musik" ein s ihrer Musikfeste irgendwo abhielt, strebten ans allen Gegenden junge und jung gebliebene Musiker, Kritiker, Liebhaber diesem Orte zu. Da war man sicher, schon im D Z g gleichgesiunte, gleichinteressierte Menschen zu treffen, oft sogar deren mehr, als einem, der gern besinnlich reist, lieb sein konnte. Diesmal schaue ich mich vergebens nach solchen Gefährten um. Die paar Leute, die mit über den Brenner fahren, haben andere Interessen, andere„Geschäfte" als wir. Es fehlen die bekannten Gesichter. Selir viele Freunde und Kollegen, die noch im vorigen Sommer in Amsterdam zusammen mit uns so viel gehört, gesehen und besprochen haben, sind 1934 zu Hause geblieben. In Deutschland. Hat wirklich nnr die Wirtschaftslage sie davon abgehalten, mitzufahren, oder hat ihr Fernbleiben von dieser zwölften Jahreskundgebiing der„International Society for contem- porary music" nicht auch noch andere Gründe? Ich vermute das letztere. Ich kann mir sogar ungefähr denken, was für andere, sachliche nnd persönliche Hemmungen da in Frage kommen. Auch ich bin diesmal nicht gerade leichten Herzens gereist. Ich werde mich darüber noch deutlicher aussprechen, wenn ich erst einmal mein Reiseziel erreicht habe." Der Musikreferent der„Frankfurter Zeitung", Karl Holl. über»eine Reise zum internationalen Musikfest in Florenz. Politik in Jonen Wie wirksam, im politischen Sinne. Gesang sein kann, das konnte man auf dem von der Büchergilcle Gillenberg im Zürcher Volkshaussaal veranstalteten Ernst-Busch-Abend feststellen. Chansons von Bert Brecht, Kurt Tucholsky und David Weber. Bekannte Sachen, und doch wirkt jeder Ton jeder Silbe immer wieder neu, wenn Ernst Busch ihr Interpret ist. Das Publikum rast— nach schweizerischen Begriffen — vor Begeisterung, angesteckt vielleicht von den vielen Berlinern, die anwesend sind. Die kleinen Pausen, die sich der Chansonier gönnte, wurden ausgefüllt mit Vorlesungen Leonhard Steckeis aus Büchern von Traven. Weit über tausend Menschen fühlten — trotz aller gesellschaftlichen Unterschiede— einige Minuten lang tiefe Zusammengehörigkeit, nur weil da vorne auf der Bühne einer stand, frech wie ein gamin, und sich eins sang. W. H. C. Zeü=7loti öffentlich erklärt, daß die Kirche auf Bibel und Bekenntnis fuße,„wer aber jetzt nicht will, der ist bösen Willens, den fassen wir mit aller Energie und aller Stärke." Die Kirche im„dritten Reich" müsse mit besonderem Augen- merk darauf achten, daß auf ihren Kanzeln aus dem Herzen und dem Volke ins Herz gepredigt werde. Für theologische Auslassungen im Kathederdeutsch sei kein Platz im Gottes- dienst. Darum würden in Zukunft die junge» Theologen im Arbeitslager oder in der SA. erst einmal das Volk kennen lernen, dem sie später dienen sollten. Die Gotteshäuser müßten gemütvoller ausgestattet werden und die Unzahl der Geiangbücher müßte einem einzigen Gesaug- buch weichem in dem die Lieder enthalten seien, die die Ge- meinde auch wirklich singen könne. *■ Katholische Theologen vom Arbeitsdienst befreit Nach einer Verfügung des Herrn Innenministers sind die Abiturienten, welche von den katholischen kirchlichen Be- Hörden zum Studium der Theologie zugelassen find und das- selbe mit dem kommenden Sommersemester beginnen, gleich den übrigen Theologiestuö'crenden von der Verpflichtung zum Arbeitsdienst befreit. was da fcricscn wurde, ist gelogen.. Eine Kundgebung des Kölner Erzblschölllchen Generalviharlats Mit welcher Schärfe bereits der Kulturkampf zwischen nationalsozialistischen und katholischen Würdenträgern geführt wird, dafür liegt ein neues Beispiel aus Köln vor. Das Erzbischöslich« General- vikariat in Köln veröffentlicht eine vom 28. März 1984 datierte Erklärung, der wir folgendes eut- nehmen: Bor einigen Wochen hat Te. Eminenz der Hochwürdigste Herr Kardinal und Erzbifchoi in Erfüllung seiner oberhirt- lichcn Pflicht die Gläubigen der Erzdiözese eindringlich g e- warnt vor Bestrebungen, das Christen:»!« zu verdränge» durch eine„alleinige arteigene Religion des deutschen Volkes"„die mit der Glaubenslehre unserer hl. katholischen Kirche und selbst mit den Grundwahrheiten des Christen- tums.in unüberbrückbarem Widerspruch steht." Die Mahn- worte unseres Obcrhirten. die einen rein religiösen Inhalt hatten, sind nach einem Bericht der„Rhein- Wupper-Zeitung" vom 24. März in einer politische» Versammlung zum Gegenstand heftiger Angriffe gemacht worden. Nach dem Berichte der genannten Zeitung scheute ein Redner sich nicht, öffentlich zu erklären:„Man verliest in den Kirche» Westdeutschlands oberhirtliche Mahnungen. Ich aber be- Haupte, was da verlesen wurde, ist gelogen... Es ist eine Lüge, wenn dos Hirtenichreiben die Mahnung gibt: Laßt euch, geliebte Erzdiözesanen, auch nicht beun- ruhigen und irremachen durch die, welche öffentlich zu sagen wagen, eine jüngst eriolgie Vereidigung verpflichte zu einer Acnderuvg euerer religiösen Uebcrzeugung. Wo ist nur ein einziges Mal von uns Nationalsozialisten derartiges gesagt worden? Wo haben wir verlangt, daß der Katholik oder der Protestant seinen Glauben ablegen oder verleugnen soll? Nie und nirgends." Diese öffentliche Beleidigung unseres Oberhirten zwingt uns. öffentlich festzustellen: Am Tage nach der bekannten Vereidigung, am 26. Februar 1934, brachte der„W estdeutsche Beobachter" in Nr. 33 einen Leitartikel aus der Feder seines HauptschriftleiterS. Darin wird im Hinblick auf die am Tage zuvor vollzogene Eidesleistung wörtlich gesagt: „Das Bekenntnis zur Religion des RluteS. gester» schon war es großartige Wirklichkeit geworden. Mit dem gestrige» Tag hat der Kamps um den Nationalsozialismus als allei, «ige arteigene Religio» des deutsche« Volkes seinen triumphale«»nd entscheidenden Ansang genommen. Wer diesen Schwur aus Hitler getan hat, ist dieser unserer erhabenen Idee bis in den Tod ver- schworen. Es gibt kein Zurück mehr, kein Ueberlegen und keine bangen Zweifel!" Wenn man mit den Worten Religion überhaupt noch den Sinn verbindet, der ihm eigen ist, dann wurde in diesem Leitartikel tatsächlich von allen Vereidigten das Bekenntnis zu einer neuen Religion verlangt, ja, als mit dem Eide ge- geben hingestellt. Gegen diese Mißdeutung der Vereidigung hat der Oberlnrte unserer Erzdiözese daher mit Fug und Recht Stcl- lung genommen, zu mal ihm, gerade aus Grund de» bczcich- ncten Artikels GeivtsienSbedenken ans weiten Kreisen glän- bigcr Katholiken mündlich und schriftlich u»t-"-n.>i»-» ivurben. Es ist daher eine bisher wohl noch nicht vorgc- tommene Ungeheuerlichkeit, daß eine solche rein religiöse Belehrung und Mahnung deS Oberhirten der Köl- ner Erzdiöie, wie die Tageszeitung in auffallendem Druck berichtet, als„eine Lüge" bezeichnet ivurde. Tage der Sa&rdebatte in Genf DNB. Genf, 17. April. DaS VölkerbnndSsckretariat hat heute die Tagesordnung für die nächste Tagung des Völker- bundsrateS bekanntgegeben, die am 14. Mai, vormittags 19.39 Uhr. beginnen soll. Auf der Tagesordnung finden wir ein buntes Durcheinander von gleichgültigeren und wichtigeren Fragen. Neben den verschiedenen VcrivaltungS- und Finanzsragen der Völkerbundsorganisationen stehen Berichte über Ranfchgift und Kindcrhandel und dergleichen. Schließ- lich finden sich dazwischen einzelne Punkte der Tagesordnung, die größeres Interesse beanspruche». Die Saarsrage ivird rls Punkt 17, da? heißt als vorletzter Punkt der Tagesordnung, angeführt. Als Aufgabe de? Rates werden dabei wieder vorbereitende Maßnahmen für die Taarabstimmnng be- zeichnet. Gleichzeitig heißt es, daß aus dieser Völkerbunds- ratStagung der Bericht des Dreicrkomitees für die Saar- abstimmling vorgelegt werden wird. Berichterstatter für die Saarfrage ist wie immer der italienische Ratsdclegierte. Ter Völkcrbnndsrat wird sich im Lause dieser Tagung auch mit dem Streitfall zwischen Bolivien und Paraguay be- schäktigen, wobei nunmehr der Bericht der nach Südamerika entsandten VölkcrbundSkommisfion vorliegen wird. Außer- dem ivird der Streitsall zwischen Kolumbien und Peru wegen des Leticiagebictes, eine Grenzfrage zwischen Syrien und Palästina und di* Frage der Umgliederung der Assyrrr aus dem Irak den Rat beschäftigen. Saargedanhcn für 1933 Pg. Scherer sehnt sich nach dem Messer In der großen dänischen Zeitung„Politiken" liest man eine Meldung ihres Korrespondenten, die sich mit den Zu- ständen an der Saar beschäftigt. Sie lautet: Das Mitglied deS Führerratcs der«Deutschen Front" in Dillingen, Pg. Scherer. hat kürzlich in einer Rede folgendes erklärt:„To- fort nach der VolkSabstimmuna im Jahre 1933 wird unsere Partei 24 Stunden lang im ganzen Saargebiet eine exemplarische Rachcaktion durchführen. Wir hatten den Führer unserer Partei gebeten, uns 48 Stunden für diesen„Gercchtigkeitsakt" zu gewähren, aber wir haben nur 24 Stunden erhalten können. Meine lieben Volks- genossen, bereitet Euch also vor, Eure Messer aus der Scheide zu ziehen und die Verräter zu züch- t i g e n. Ihr müßt schnell arbeiten, denn Ihr werdet in 24 Stunden ein Racheiverk vollbringen müssen, das mindestens 48 Stunden erfordert haben würde." * Aeußerungcn dieser Art fallen täglich an der Saar. Diese Meldung ist freilich so knapp, daß wir ihre Bestätigung ab- warten müssen. Dieser Pg Schcrer spricht zu offen von seiner Sehnsucht nach Blutrache an seinen politischen Gegnern. Es wäre Aufgabe der Rcgierungskommission. sich diesen Mann näher zu betrachten. Vor allem DaDlrage... Dares Bischof von Berlin. Er ist»lS Anwärter für den KardiualStitel in Aussicht genommen. Oer Emigrantenkommissar Der vom Völkerbund eingesetzte Hochkommissar lür die deutschen Flüchtlinge der Ameritancr James MacDonald, und der ihm als engster Mitarbeiter beigegeben Engländer Norman Bentivich. bekanntlich Jude und ehemaliger Ober- staatöanwalt und Leiter des Justizwesens in Palästina, trafen aus ihrer Reise durch die europäischen Länder am Samstag, dem 14. April in Prag ein. wo sie mit den Führern und Führerinnen der FlüchtlingShilsskomitees und wahr- scheinlich auch mit Repräsentanten der deutschen Emigration in der Tschechoslowakei verhandeln werden. D'e beiden Herren werden selbstverständlich auch mit Vertreter» der Regierung der Tschechoslowakischen Republik zusammen- treffen. lieber den Gegenstand aller dieser Besprechungen, die in den verschiedenen Ländern gepflogen werden, hat Norman Bentwich die Presse in London zum leil informiert. Hier verlautet daß auch über ein Memorandum gesprochen Wersen wird, welches die deutschen Emigranten vor allem in Genf überreicht haben. Darin fordern die Emigranten vor allem eine Reglung der Paßirage in dem Sinne, daß jene Flüchtlinge, welche retchSdeutschc Pässe haben, die Ver- längcrung von dem Hochkommissariat für die Emigranten erhalten und diejenigen, die überhaupt keine Pässe haben, solche in der Art der Nanien-Pässe bekommen sollen. Von Prag begeben sich MacDonald und Bentivich nach Warschau. * Gegen Anfang Mai wird in London eine Konferenz statt- finden, an der Vertreter von 12 Ländern teilnehmen wer- den, die an dem Hilfswerk für jüdische Emigranten aus Deutschland mitarbeiten. «> Ter kanadische Ministerpräsident, Bennet, eröffnete in einer Rundfunkrede die Kampagne unter den 1.59 999 in Kanada lebenden Juden, die sich zum Ziel gesetzt hat, 200(1' Dollar für die Ansicdlung von 2599 aus Deutschland emi- grierten Juden in Palästina zu sammeln. Jüdlsdie Krüppel ausgeschlossen Selbsthilfeorganisation jüdischer Körperschaften gegründet Tie Selb st Hilfegruppe jüdischer Körperbe- hinderler teilt mit: Stach Einsühruna des Arierpara- grasen bei den allgemeinen Selbstliilieorganimnoncn stellte sich sehr bald die Notwendigkeit heraus, einen Zusammen- schluß der jüdischen Körperbehinderte» herbei uiührcn. Tas geschah nun. Durch die neu geichaiiene Organisation soll den Juden, die von Geburt an körperbehindert waren oder t■ im jugendlichen Alter geworden sind, Gelegenheit gegeben werden die für sie in erhöhtem Maße bestehenden Schwicrig- leiten des Lebens besser zu überwinden. Die seelisch oft ocr- ciusamteu Behinderten wird der Gedanken- und Erfahrung-' austausch mit den Schicksalgcfährte» aufrichten. Eine besonders wichtige Aufgabe der Organisation'ist cS. die Behin- dcrtcn so zn erstarken, daß ihnen das Gefühl der Wertlosig- kcit genommen wird, daß st« der gesunden tlmwelt den klaren Beweis erbringen, daß auch Krüppel wertschassende und voll- werttge Menschen sind, wenn ihnen der rich'ige Weg getviesen wird. * Lübeck. Der Prokurist und Sturmiührer der SS. Bock hat im Jahre 1923 große Unterschlagungen begangen, wegen derer er neun Monate Gefängnisstrafe verbüßen mußte. Trotzdem diese Tatsache hier allgemein bekannt ist, spielt Bock die ausschlaggebende Rolle im politischen Dezernat der hiesigen Kriminalpolizei bzw. der Gestapo. Pariser Berldite Pariser Straflenhalender Die Konzerle im Jardin du Luxembourg beginnen nächsten Samstag wieder und sollen jeden Donnerstag und Samstag 15.30 Uhr zum Einheitspreise von 1 Franken stattfinden. Der berühmte Park prangt in dichtem Frühlingslaub. * M. Langeron, der Pariser Polizeipräfekt, hat den bei den Unruhen verletzten Pariser Journalisten Vertex vom„Journal" in der Klinik besucht. * Furtwängler hat mit den Berliner Philharmonikern am Dienstag das erste seiner beiden gleichgeschalteten Gastspiele in der Pariser Großen Oper abgehalten. * Ein Bild von Mozart als Kind, das Duplessis zugeschrieben wird, wurde aus der Ausstellung der Nationalbibliothek dem französischen Staate geschenkt und vom Rate der schönen Künste angenommen. * Am Sonntag, dem 29. April, findet eine Tagesfahrt einschließlich Verpflegung und Autocar für 100 Franken nach den berühmten Loire-Schlössern statt. Besucht werden die historischen Renaissanceschlösser von Blois, Chambord, Am- boise und Tours. Abfahrt von Paris 7 Uhr mit der Orleans- bahn, Rückkehr Mitternacht. Ferner werden anläßlich des Festes der Jungfrau von Orleans besondere Fahrkarten zum halben Preise hin und zurück nach Orleans in der Zeit vom Samstag, dem 5. bis Dienstag, den 8. Mai ausgegeben. ♦ Im Institut d'Etudes Germaniques spricht am 5. Mai, nachmittags 5 Uhr, über Sprache und Musik Anselm Ruest vom philosophischen, Pavid Luschnat vom dichterischen, Paul Bekker vom musikalischen Standpunkt. Die Vorträge finden in deutscher Sprache statt. Deutsche Bühne in Paris Im nichtgleichgeschalteten Pariser„Deutschen Klub" (gegründet 1925) werden am Samstag, dem 21. April, um 21 Uhr, drei moderne Einakter(von Dr. I. Litwin) aufgeführt: 1.„Vor dem letzten Akt"(Komödie), 2.„Das Verhör"(Dramatische Szene), 3.„3 Uhr morgens"(Lustspiel). Mitwirkende: 2 Damen und 5 Herren. Gäste gerne willkommen. Eintritt: 5 oder 6 Franken, je nach Platzkategorie. Für Stellungslose ermäßigter Eintritt: 3 Franken. Nach der Aufführung: Geselliges Beisammensein mit Tan». Die Adresse, des Deutschen Klubs lautet: Universite du Parthenon, 64, Rue du Rocher, Paris 8°(am Bahnhof St. Lazare). Pariser Musik Die Wiener Philharmoniker konzertieren unter Bruno Walter am 26. April in Paris(Große Oper), am 27. in Brüssel. * Die Wiener Sängerknaben hatten in der salle Gaveau mit den Motetten, A-cappella-Chören und Volksliedern sowie der Wiedergabe von Mözarts„Bastien und Bastienne" reichen Beifall. * In der Ecole Normale de Musique findet am Freitag, 17.30 Uhr, ein Festkonzert spanischer Musik statt (78, rue Cardinet). » Der bedeutende Pianist Piatigorsky konzertiert Freitag abend bei Gaveau. * Montag spielt das Negerorchester Cab Calloway vom Cotton-Club in New York in der salle Pleyel. * Das Orchestre C o 1 o n n e gab sein letztes diesjähriges Konzert. In dem von Paul P a r a y dirigierten Programm fiel außer der ausgezeichneten Wiedergabe der Heroischen Symphonie von Beethoven die erste Konzertaufführung einer Suite, aus dem jüngst mit Schallplattenmusik uraufgeführten Ballett„Giration"' von Pierne auf. Das Publikum brachte bei der Aufführung des selten gespielten Präludiums„L Enfant- Roi" von Alfred Bruneau dem als Komponisten und Musikschriftsteller gleich bedeutenden Altmeister eine stürmische Huldigung dar. P. W. Bonnet erscheint wegen Ungebühr vor Gericht Charles Bonnet, der merkwürdige frühere Pariser Anwalt, der durch die Tötung einer Markthändlerin einen Mord in Verbindung mit seiner Freundin begangen haben soll und der auch in einem dunklen Schein zu einer anderen Frauen tötung steht, markiert im Gefängnis zu Saint-Etienne in Mittelfrankreich bekanntlich den wilden Mann. Er verweigert alle Aussagen, läßt sieh zwangsweise vorführen und beleidigt gelegentlich auch die Obrigkeit. So hat er einmal bei einer Vorführung zu den Gendarmen, die ihn geleiteten, einen Ausdruck gebraucht, der wörtlich übersetzt etwa lautet: „Ihr müßt wohl die Rotzkrankheit haben, um mir mit dieser neuen Betrugsgeschichte zu kommen, wie viel habt Ihr denn in der Sache Marie Moulin bekommen?" Um den Sinn des Wortes..Rotzkrankheit" zu verstehen, muß man wissen, daß es ein französisches Sprichwort gibt:„Wer den Rotz hat, schnupfe sich dar heißt:„Wer sich getroffen fühlt, kratze sich". Carles Bonnet sollte wegen dieser drastischen Ausdrucksweise jetzt vor den Schranken der Strafkammer zu Saint- Etienne erscheinen, aber er kam nicht. Er erklärte auf alle Ueberredungsversuche:„Ich widersetze mich nicht, aber ich rühre kein Glied" So ließ man ihn in seiner Zelle, in der er sich, nebenbei bemerkt, vor Monatsfrist den Fuß verbrannt hat. Auch sein Anwalt war nicht da. Dafür erschienen die beiden Hüter der Ordnung, die der wilde Mann schwer gekränkt hatte. Der Staatsanwalt war sehr ungehalten und beantragte, daß das Gericht gegen diesen so schwerer Verbrechen Angeklagten mitleidlos richte. Da« Urteil in diesem ersten Gharles-Bonnet- Prozeß lautete auf vier Monate Gefängnis wegen Beamtenbeleidigung. r«i. rnnite 43-13 Mölro Plgalle Deutsche Poliklinik Pearls, 02., Rue de la Rochefoucauld <) Allgemeine Konsultationen mit t spcnahitcn b) Chirurgie c) Geburtshilfliche Klinik d) Zahnärztliches Kabinett Inner- Medizin, Augen-, Ohren-, Nzeen- and Kehlkopthranh. ZwentnckiseslSanjtonumiKebiude. Vierstöckige» Gebäude. Zimmer Zahn- und Mundchirurgie. Gold- aeiten. Röntgen, Diathermie. Elektrotherapie. Spezialbehaxu!« Kleine, mittlere und große Ghirnr» mit I bis 4 Betten. 5 Aerzte, 3 Heb» and Porzellan krönen.»Brucken, lang bei Blut». Harn» a. Geschlechtskrankheit*» gje. Di# allermodernsteEinrichtung«mtnen und 2 Operationssäle. Kautschuk» Ar boten Ordination täglich von O—12 und 2— 3; Sonntags und Feiertags von lO—12 und 2—4 Uhr tm Doktor Wachtel und Doktor Axel Geschlechtskrankheiten, Männer and Frauen Nase, Hals, Ohren 123, Bd. 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Soviel Freiheit des Wortes wie hier hat wohl ein aus fernen Landen Vertriebener schon lange nicht mehr gehört, wie in diesen größtenteils politischen Brettlliedern. Unter der Führung des Gründers Jean Bastia und des jetzigen Lenkers Victor Vallier treten zuerst ein halbes Dutzend Kabarettisten mit Gedichten— selbstverständliA eigenen Gewächses— auf. Wenn man das so hört, ach ja, an der Spree im Kabarett der Komiker, in der Fleißigen Leserin und so weiter, war doch alles einst bloß geistige Nachahmung der Montmartre-Fantaisisten. Das politische Chanson, wer auch nur ein bißchen Pointen im Leibe hat, versteht es, ist in Paris und nicht in Berlin zu Hause. Höchstens München... Ja, in den besten„Scharfrichter"- und„Simplicissimu8"-Zeiten hätte man etwas AehnliAes, auf eigenem Boden Gewachsenes finden können, wie diese in neun Bildern lächelnde Miniaturrevue„Vive la Treve", die den Abend beschließt. Da ist von Doumergue bis Hitler alles, was den Pariser interessieren kann, versammelt: Generalstreik,„Coriolan", Kabinettsitzung. Bankkrach, Taxistreik. Steuererklärung und, selbstverständlich, immer wieder Stavisky mit allen Nebenerscheinungen. Das alles wird unaufdringlich, mit hundertprozentiger Andeutung, serviert, von einem kleinen Ensemble gewissermaßen aus dem Aermel geschüttelt, ebenso wie der Hauskomponist Calabrese mit seinem„HausorAester",— das ist ein selbst bedienter Stutzflügel— einen Musiksalat aus oft gehörten und eigenen Fantasien höAst lustig rührt und aufträgt. * Das nächste Mal auf dem Montmartre hats ein bißchen eingeschlagen. In der Nähe der Pigalle, auf dem boulevard RoAeAouart, liegt der Zirkus Medrano. Wer Dressuren, hohe Schule, Clowns vor allem und echte Volkskomiker sehen will, wird hier trefflich bedient. Aber diesmal hats Krach gegeben. An dieser Stätte, an der vor dreißig Jahren der große Clown Crock vor den Parisern debütierte, trat jetzt seine Tochter auf. Aber sie war mit einer etwas gar zu unwahrscheinlichen Reklame angekündigt, nämlich, daß sie im Schloß des Vaters erzogen sei und daß dieser seine Erlaubnis versagt habe und daß die Prinzessin gegen seinen Willen geheiratet habe, kurzum, es gab Krach. Ein erwartungsvolles Publikum, durch die spaltenlangen Berichte des Managers neugierig gemacht, füllte den Zirkus. Was kommt, ist ganz sympathisch, eigentlich eine Nummer für die Bühne, die in der Manege ein bißchen verpufft. Madame Bianca Hal-Grock spielt Klavier, ausgezeichnet Klavier, singt, begleitet sich selbst, tanzt zwischendurch mit ihren„plavfellows", ihr Gatte tut desgleichen, es ist eine gut ausgewachsene Varietenummer, gekonnt, wenn auA konventionell. Ob die Erwartungen einiger Besucher nun wegen des großen Namens zu hoch gespannt waren— es gab jedenfalls ein respektables Pfeifkonzert, schöner als sonst üblich. Aber Madame Grork hatte Mut, sie hielt tapfer durch, den größere Teil des Publikums kam ihr mit Händeklatschen zu Hilfe, und am SAltiß schien der Applaus über die„Miesmacher" zu siegen, obwohl von der ganzen letzten Nummer so gut wie nichts im Streit der Meinungen zu hören war. Fürwahr, ein nicht alltägliches zweites Akt-Finale, das doch allen Anforderungen der modernen Operette bzw. des Tonfilms gerecht wird. m. Die Arbeitslosigkeit Nach den letzten Zahlen vom 7. April ist die Z K• n getragenen Erwerbslosen um 548 gestiegen. Mail zählt jetzt amtlich 276 000 stempelnde Männer und 70 500 Frauen und Mädchen in Frankreich. Gegenüber der VergleiAswoAe 1933 sind etwa 37 000 Erwerbslose mehr da. In Groß-Paris werden über 173 000 außerhalb der Arbeit Stehende gerechnet, und das sind in einer Frühjahrs- woAe 650 mehr. Im ganzen müssen an den Ufern der Seine etwa 7200 Leute mehr als im Vorjahre von Unterstützungen leben. BBIRFKflSTEM .Arbeiter-Zeitung" i» Saarbrücken. Wenn Ihr es mit ein wenig Humor versucht, gefallt Ihr uns schon viel beger. Warum denn immer gleich diese zweispaltige Schimpferei? Wir denken gar nicht daran, die Arbeit Eurer Illegalen verkleinern zu wollen, aber daß sie allein alles schassen, glaubt Euch niemand. Am wenigsten könnt Ihr das uns einreden, denn wir haben zuviel Beweise auch für die heldenhafte Arbeit junger Sozialdemokraten und Reichsbanner» kameraden. Ihr solltet begreifen: es Ist auch für Euch bester,»inen revolutionären Weltstreit in der Bewegung zum Niederringen des Faschismus zuzugestehen, als in der Selbstsicherheit eines Mono, vols der Revolution zu erstarren. Daß Ihr uns einladet, aus Eurer Redaktion Ergebniste kommunistischer Erfolge bei den Vertrauens- wählen einzusehen, finden wir rührend freundlich. Wie gerne kämen wir. Wir sind aber von Natur jehr bescheiden und zurückhaltend und lasten uns gerne ein bißchen nötigen. Bei einer der nächsten Einladungen kommen wir gewiß. .Aus Esten". Ihre Mitteilung, daß der Präsident der Arbeitsfront Dr. Leg in der Villa Hügel des Herr» Krupp von Bohlen-Halbach mit den Führern der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie zusammen gekommen ist, ergänzt die Presteberichte über Leys Deutschlandreise. Sie hat das Ziel, die Unternehmer von den privatwirt- schastlichen Absichten des Nationalsozialismus zu überzeugen. Wir kennen keinen besteren Lrt für ein solches Bemühen als die Villa Hügel, die schon Wilhelm II. zu seinen Bekenntnipen für den Hochkapitalismus gegen sozialistisch« Arbeiierrkchte ausgesucht hat. Katholischer Priester in... Ihr sehr mutiger und kluger Brief ist angekommen. Wir werden Ihre Anregung mit einigen unserer Freunde überlegen und kommen dann auf die Angelegenheit zurück. Nach Ihren Erfahrungen werden Sie begreifen, daß wir nur mit der größten Vorsicht handeln. Viele Grüße! H. in Brün». Sie bitten uns, folgende Sätze aus der in Prag erscheinenden Zeitschrift„Ausruf" abzudrucken:„Severins unrecht getan. Wir haben in der vorletzten Nummer des A u f r u s die Nachrichten wiedergegeben, die besagten, daß Karl Severins zu der nationalsozialistischen Partei übergetreten sei und in einem demnächst erscheinenden Buch„Mein Weg zu Hitler" ein Bekenntnis zu der Hakenkreuzpartei ablege. Wir haben uns zur Wiedergabe dieser Nachrichten erst entschlossen, als sie von einer Autorität wie Georg Bernhard im„Pariser Tageblatt" veröffentlicht worden waren. Inzwischen haben sich die Nachrichten in vollem Umfang als falsch erwiesen, und es ist eine selbstverständliche Pflicht festzustellen, daß Severins Unrecht getan worden ist." Wir aner- kennen, daß der„Aufruf" mit dieser ehrlichen Preisgabe einer un- richtigen Behauptung eine rühmliche Ausnahm« darstellt. Gerade Zeitungen, die tagelang eine schmutzige Ente nach der anderen über Severings„Weg zu Hitler" aufflattern ließen, haben nicht den moralischen Mut ausgebracht, ihr Unrecht einzugestehen. H. C., Paris. Sie wollen wissen, ob eS zutrifft, daß jüngst, wie die Nazizeitungen melden, der kommunistische Arbeiterführer Blum in Saarbrücken zur„deutschen Front" übergegangen ist. Das Saar- brücker Kommuniftenblatt hat dazu mitgeteilt:„Benno Blum ist bereits vor mehr als drei Fahren in hohem Bogen auS der Kommunistischen Partei geflogen. Er war eines sener Elemente, die die Kommunistische Partei sllr ihre schmutzige Politik itp Dienste der faschistischen Arbeiterfeinde mißbrauchen wollten." Lörrach. Sie schicken uns kommentarlos folgenden Ausschnitt au« dem„Völkischen Beobachter":„Ten kultischen Charakter der Plauen- kundgebungen des Nationalsozialismus verkörpert der Rundfunk, indem er einen gewaltigen, unsichtbaren, akustischen Dom über den deutschen Raum diesseits und jenseits der Grenzen wölbt."— Wie lange noch, und das Mikrophon ist das kultische Meßgefäß der nationalsozialistischen deutschen EinheitSlirche. Amsterdam. Nein, Fürst Bismarck ist nicht der Einzige, der auf Grund des Arierparagraphen aus der„Deutschen Adelsgenogen- schaft" ausscheiden mußte. Seine Großmutter mütterlicherseits war eine englische Jüdin, also aus dem ältesten Adelsgeschlecht der Welt. Jetzt wurden auch die Fürsten Hohenlohe und die Grasen Henckel- DonnerSmarck von der„Säuberung" ersaßt. Ueber ihre Geschlechter- folge, die sich nun als nicht reinraßig herausstellte, sind wir nicht genau orientiert. Aber immerhin wigen wir jetzt, wieso jener alte Reichskanzler Fürst Hohenlohe, der Borgänger Bülows, einer der klügste» Leute und befähigsten Diplomaten gewesen ist. Der Abels- Marschall der deutschen Adelsgenogenschaft hat nämlich nach Rück- spräche mit dem Reichskanzler die Vorlegung von Ahnentafeln bis zum Jahre 17M) zurück angeordnet. Im Zuge dieser Anordnung haben diejenigen Mitglieder der Adelsgenogenschast ausscheiden mögen, die selbst oder deren Ehegatten den neuen Bestimmungen der Deutschen Adelsgenoiienschasi in bezug aus Reinblütigkeit nicht entsprechen. Sie sehen also: da werden noch viele dranglauben mügen. Bis jetzt waren es ZOO. H: o. K. Aus einer Reise durch Nürnberg ist Ihnen folgender Werb: t der nationalsozialistischen Hago bekannt geworden: Deutscher! Heraus aus E.H.P. und Warenhaus! Ter deutsche Werkmann leidet Not, gib Du ihm Arbeit, tchaff ihm Brot! Ein guter Deutscher willst Du sein und kaufst noch stets beim Juden ein? Trägst Teiner Woche kargen Lohn zu Schocken, Tietz und Solomon! Weh' Dir! Du übst Verrat am Vaterland! Pfui! Welche Schand! Die Hago ist ein amtliche? Trgan der NSDAP. Die NSDAP, ist eine amiliche Körperschaft des totalen Staates und der Führer dieses Staates ist der deutsch« Reichskanzler Adolf Hitler. Er aber ver- sichert dem Ausland, daß es einen Judenbonkott in Deutschland nicht gibt. Wer zweifelt noch, daß der deutsche Staaisches stets die lautere Wahrheit sagt? Zigarettenfrenad, Nauen. Sie wollen wissen, ob die nationalsozialistischen„Sturm"-Zigaretien, für die so viel Reklame gemacht worden sei, noch eristieren Wir können Ihnen leider keine genaue Auskunft geben. Wir wissen nur, daß dieses Propagandainstrument der Nazis ins Hintertreffen geraten ist, seitdem die großen Ziga- rettenkoNzerne wie ReemtSma durch riesige Stiftungen ihren Frle- den mit dem neuen Regime machten. Diese entfalten eine Propa- ganda, mit der„Sturm" nicht mitkommt. Die halbe Belegschaft wurde entlassen, der Rest arbeitet drei Tage in der Woche lfrüher Z Schichten!!. Aus dem„Sturm" ist also ein kaum noch sichtbare« Rauchwölkchen geworden. !. s »» Abonnier! die„Deufsdie Freiheit Für den Gesointin^alt verantwortlich: Johann P i tz ln Dud» weiter: für Jnlerate: Cito Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Bolksstimme GmbH- Saarbrücken S, Schützenstraße 6,— Schließfach 776 Saarbrücken.