Sinzigs unabhängige Tageszeitung veutfchlands Nummer 96— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, den 26. April 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Aas dem Inhalt Viee SctialdemokcaieH xmjh jB tcum&n eemocdet Seit« 2 JUichseeqieemq. hmtec ■sttorfnttd is chtr Seite 2 Oe&tecceischische Sxxziaidemakcaten in Jcont Seite 2 Jzik in Jecusaiem Seite 3 Jiacdpca zefr mm Stceichec ü&ecuuufit Seite 4 Passiver Widerstand Das deutsche Volk bekommt den Schwindel satt Alle Berichte aus Deutschland lassen erkennen, daß die angebliche Begeisterung der Massen sür das Regime stark nochgelassen hat. Die von Wöbbels zensierten Nachrichten des amtlichen Nachrichtenbüros suchen das vergeblich zu ver- schleiern. Der Zufall hat uns ein nationalsozialistisches Flug- blatt aus Nürnb-rg in die Hand gespielt, das nun gar nichts Im Text sieht das so auS: mehr verschleiert. ES ist ein einziges Jammern über die wachsende Gleichgültigkeit der Volksgenossen. Sie ist so groß geworden, daß die nationalsozialistischen Führer, wie aus dem Flugblatt hervorgeht, nur noch durch ganz massive Dro- Hungen wenigstens eine äußerliche Beteiligung an ihren Ver- anstaltungen erzwingen können. Nürnberg, im März 1934 Wir machen die Erfahrung, daß viele Volksgenossen u. genossinnen, die nach der nationalsozialistischen Revolution unsere Sprechabende jeden Mittwoch Inden Hubertus-Sälen und jeden Donnerstag in der Gartenstadt besuchten, heute nicht mehr so eifrig ihren Nationalsozialismus durch stetigen Sprechabendbesuch beweisen wollen. Wir wollen nicht annehmen, daß diese„eifrigen" Sprechabendbesucher in den Tagen der nationalsozialistischen Revolution nur deshalb gekommen sind, weil sie Angst um ihre Stelle bei der Stadt, beim Staat oder in den Privatbetrieben gehabt haben und sich jetzt, wo sie sich scheinbar etwas sicherer fühlen, wieder von den nationalsozialistischen Versammlungen zurückziehen. Wir machen ferner die Erfahrung, daß die nationalsozialistischen Versammlungen überfüllt sind, wenn die bekanntesten Redner der Bewegung sprechen und daß die Versammlungen leer sind, wenn ein unbekannter Name als Redner angegeben ist. Auch wissen wir, daß die Kreise des ehemaligen„Mittelstandes" es unter ihrer Würde finden, nationalsozialistische Versammlungen zu besuchen, denn man sagt sich:„wir Bürger sind ja schon immer national gewesen, uns braucht man nicht erst zu erziehen!" Deutsche Volksgenossen! Wir erwarten, daß Ihr alle ohne Unterschied des Standes, des Ranges, der Konfession die Versammlungen der NSDAP, besucht, um Euch dort Aufklärung zu holen und um Euch dort im nationalsozialistischen Geist, im Sinne Adolf Hitlers zu Nationalsozialisten erziehen zu lassen. Es komme keiner mit der Ausrede, für ihn sei das nicht nötig, er sei schon früher national gewesen. Zwischen Nationalismus und Nationalsozialismus besteht ein himmelweiter Unterschied. Wir möchten auch besonders an die staatlichen und städtischen Angestellten und Arbeiter ein offenes Wort richten:„Glaubt ja nicht, daß wir uns die nicht merken, die sich nie an unseren Sprechabenden sehen lassen!" Wir werden in Zukunft in jedem Sprechabend wieder Anwesenheitslisten zirkulieren lassen und aus den darin enthaltenen Namen ersehen, wie sich dieser oder jener Volksgenosse zum neuen Deutschland Adolf Hitlers stellt und wie er diese Einstellung beweist, indem er fleißiger Besucher unserer Sprechabende ist. Volksgenossen! Werdet fleißige Besucher der Sprechabende der NSDAP. und laßt Euch zu Nationalsozialisten in dieser Schule des neuen Deutschlands erziehen. Wir brauchen Eure Mitarbeit am Aufbau unseres deutschen Volkes und Vaterlandes. Wir können aber nur Mitarbeiter brauchen, die den Geist dieses neuen Deutschland erfaßt und verstanden haben. Volksgenossen, die Ihr vom Winterhilfswerk unterstützt worden seid, beweist Euere Dankbarkeit, indem Ihr Euch fleißig zu unserer Bewegung haltet und damit zeigt, daß wir bei der nächsten Unterstützungsaktion sagen können:„Diesen. Mann oder jene Frau können wir mit gutem Gewissen unterstützen; denn die haben den Willen, dem neuen Deutschland Adolf Hitlers zu dienen!" Wir brauchen wohl nicht zu betonen, daß es eine Selbstverständlichkeit ist, daß die Parteigenossen und diejenigen, die Opferring-Mitglieder unserer Ortsgruppe sind und damit gleichsam auch zur Elite geboren, immer in den Sprechabenden anwesend sein müssen. Wir haben 14 Jahre um Euere Seele gekämpft und gerungen Durch Euer„Ja"-Wort am 12. November habt Ihr bewiesen, daß es Euch Ernst ist, im neuen Deutschland mitzuarbeiten. Laßt Euch zur Mitarbeit und Mithilfe erziehen, formen und bilden in den Sprechabenden der NSDAP.! Heil Hitler! 1 Mit welchen Mitteln im einzeln,.« aus den Volksgenossen die nötige Begeisterung herausgedrückt wird, zeigt ein zwei- trs Dokument. Den Erwerbslosen wird bei Kundgebungen ein Zettel in die Hand gedrückt wie dieser: Bestätigung. Znhaber dieser Bestätigung hat die Erwerbs- losen-Kundgebung in der Festhalle am Luit- poldhain am 6. November 1933 besucht. National-Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei Gauprogandaleitung: gez. Holz. Ohne diesen Wi'ch gibt eS an der Stempelstelle weder Ar- beit noch Unterstützung. Armer Rackelmann, das ist ta wahrhaft sammervoll. Nach einem Jahr„nationaler Revol»tirm" ichon diese Teilnahm?- losigkeUl Dabei h„t man allen Gruna anzunehmend öah Mo» gez. Rackelmann Ortsgruppenleiter. bisher die Begeisterung nur sehr äußerlich gewesen ist. DaS Flugblatt sagt sa selbst, daß die Besucher in den ersten Tagen der braunen Revolution osfenbar nur aus Angst gekommen seien. Das dürfte denn auch zum guten Teil der Grund da- für sein, daß heute noch die Versammlungen beim Auftrete« rednerischer Kanonen„überfüllt" sind. Wir wissen, baß manche Leser es für eine Uebertreibung halten, wenn wir das Hitlerregime in erster Linie sür ein Regime des Terrors erklären. Die beiden Dokumente be- weisen an einem kleinen Ausschnitt wieber einmal, daß die deutsche Oefsentlichkeit gegen den ganzen überhitzten Rum- mel tief gleichgültig ist. Wenn sie ihn mitmacht, dann auS Angst. Die letzten Reden von GöbbelS und Darre beweisen übrigen? dasselbe. Offiziell heißt da» aber: Die ganze Nation steht einig und geschlojjen hinter Adolj Httler. Gestern und heute In Berlin bekommt man jeßt eine große Sache zu sehen. Es ist das Original-Manuskript von Hitlers„Mein Kampf. er Clou der Ausstellung auf dem Messegelände, die sich„Heut- sches Volk— deutsche Arbeit" nennt. Auf diese Weise wird es ja herauskommen, wer das be- rühmte Buch eigentlich geschrieben hat. Bisher hieß es immer, das Werk stamme aus der Feder des fleißigen Privat- Sekretärs Heß, in die Hitler es während seiner Festungshaft in Landsberg diktiert habe. Dieser Heß ist heute Reichsminister. Noch selten ist das Anfertigen von Manuskripten so großartig belohnt worden. Aber man darf wohl hoffen, daß auch Schriftzüge des Füh- reis selbst sich auf diesen Blättern finden. Denn die Handschrift des Ministers Heß mag ja ganz interessant sein, aber wir selbst müssen sagen, daß wir auf die von Adolf Hitler neugieriger sind. Wer in diesem Manuskript blättern durfte, würde in ihm vermutlich auch all die schönen Stellen finden, die in den späteren Auflagen des Buchet mit so viel Weisheit gestrichen wurden. Zum Beispiel jene, in der der Meister der deutschen Rede davon spricht, wie man das Volk beschwindeln müsse. Aber vor allem würde uns die Handschrift interessieren. Man hat von ihr bisher nicht viele Proben in der Oeffent- lichkeit gesehen. Wir erinnern uns eines Faksimiles aus der nalionalsozialistishen Presse, viele Jahre vor der Machtergreifung. Hitler war damals noch fast unberühmt und stiftete einen Spruch für eine Spende zugunsten politischer Gefangener: Deutscher, hilf denen, die dir helfen wollten. Sieben Worte also. Man mußte kein Schriftsachverständiger sein, um an diesen Schriftzügen zum mindesten eins auffällig zu finden: es war eine Schrift ohne alle Ecken, ganz weich, ganz fließend, Rundung an Rundung. Eine Schrift, die sozusagen aus lauter Verbeugungen bestand. Eine spiritistische Zeitschrift in Deutschland beschäftigte sich kürzlich wieder einmal mit seiner Handschrift. Es waren zwei sehr karge Proben, an die sie sich halten mußte: zwei Namensunterschriften aus früheren Jahren und aus der Gegenwart. Auf dies dürftige Material kann man natürlich keine Analyse gründen, wenn die Zeitschrift es dennoch tat, war das der übliche Unfug, den diese Sorte Journalistik seit Jahr und Tag in Deutschland treibt. Troßdem war der Unterschied zwischen beiden verblüffend. Auf den ersten Blich fast keine Aehnlichkeit. Die erste beinahe eine Kinderhandschrift mit großen, klaren Buchstaben: die zweite bereits so unleserlich wie die eines Generaldirektors. Aber das Merkwürdigste und jedem Blich sofort Auffallende war der Unterschied in der Schreibrichtung. Die erste zog von links unten nach rechts oben in die Höhe, die zweite sank von links oben nach rechts unten hinab. Die deutsche Zeitschrift meinte, das verrate Bescheidenheit— eine Eigenschaft, die der Führer bisher sorgfältig verborgen hat. Wie dem auch sei: in der Handschrift geht es bereits abwärts. Sind das Ahnungen, die den Schreiber beherrschen? In einem Jahr kann man vielleicht mehr darüber sagen. In der am meisten verbreiteten Form seiner Unterschrift findet sieh ein ganz merkwürdiges Bild. Die Schriftzüge steigen leicht an. übrigens nicht geradlinig, sondern gewunden. Das am Schluß aber steht plößlith um eine volle Länge tiefer als die anderen Buchstaben. Es sieht aus wie ein Abhang, wie ein Abgrund, wie eine steile Felswand. Im alten Rom wurden bekanntlich Politiker, die Mißerfolg gehabt hatten, zum Tarpejischen Felsen hinabgestürzt. Daraus entstand die Redensart, daß es nicht weit sei vom Capitol bis zum Tarpejischen Felsen. Die großen Diktatoren der Geschichte haben dies Schicksal fast alle an sich erfahren, und der dies Wort prägte, war selbst einer von ihnen. Die Handschrift der Weltgeschichte ist voll trüber Ahnungen, die zum Zuverlässigsten gehören, was die Diktatoren ihr entnehmen können. Argus. News Ehronicle will wissen, daß vor zwei Tagen es» Sendbote Trotzkis aus Paris in London eingetroffen ist. um die britische Regierung zu überreden. Trotzki eine« Zu- sluchtSort auf einer der Inseln im Aermelkanal z« g«« währen. Dem Blatt zufolge kann damit gerechnet werden, daß einflußreiche Persönlichkeiten, darunter angeblich auch Slood George Fürsprache bei der Regierung für das Gesuch einlege« werde«. Ernst neilmann frei? Eine unverbürgte Meldung Prag, 35. April. lZTA.s Nach ein« Meldung aus Berlin soll der ehemalige Borsitzende der preußischen sozialdemokratischen LandtagSsraklion Ernst Heilmann aus der pvliti- schen Schutzhast cnilassen ivorden sein. Heilmann wurde im August v. I. ins Konzentrationslager Oranienburg gebracht, dann kam er ins Lager Papenburg an der holländischen Grenze, zuletzt ivar er im Lager Sonnenburg. Als Sozial- demokrar ivar Heilmann in allen diesen Lagern besonderen Torturen ausgesetzt, wie aus mehrsachen Beröffentlichungen gesiüchteier Lagerinsassen, insbesondere aus der vom ehe- matigen Reichstagsabgeordnelc» Gerhard Seger veröffent- lichten Anklageschrift„Oranienburg" zu entnehmen ist. Im Lager Oranienburg war Heilmann das„Schaustück" der „Juden-Äompagnie und wurde als solches allen neu ein- treffenden Häftlingen als der Typus des„vollgesressenen Juden" öffentlich zur Schau gestellt,' dies, obwohl Heitmann schon fnrz nach seiner Einliefcrung inö Lager infolge der erlittenen Torturen ein gebrochener Mann war. SS scheint, daß Heilmanns Freilassung seine Ursache darin hat. daß die Geschichte seines Martyriums durch alle Zeitungen der Welt gegangen ist und man ihn nicht gut ver- schwinden lassen konnte, wie dies bei vielen anderen Sozial- dcmokralen bisher der stall gewesen ist. Ver finanziert die SA? Steuerfreie Kapitalistengeschenke Berlin, 26. April., lJnpreß.f Wir veröffentlichen nach- stehend einen Auszug aus dem„Verordnungsblatt der Obersten SA.-Führung vom 15. März 1034": Betrifft: Steuererlaß bei Stiftungen für die SA. Wie mir berichtet wird, besteht in Kreisen der Wirtschast vielfältig Neigung, die SA. durch Zuwendung zu unter- stützen. Die Ausführung derartiger Absichten wird jedoch durch die weitverbreitete Ausfassung gehemmt, daß derartige Zuwendungen der Srbschasts-lTchcnküngs-ISteuer unterlägen. Diese Annahme trifft nicht zu. Zuwendungen jeder Art lvon Todes wegen oder unter Lebendenj an die TA. gelten als Zuwendungen, die ausschließlich Zwecken de» Reiches dienen. Sie sind daher nach 8 18 Absatz 1 Nr. 17 des Srbschaftosteuergesetzes 1925 von der Erbschaftssteuer ia- listischen Massen, sonder» nur ans dem Machtivege durch- .setz«, können und auch das nur äußerlich und vorübergehend. Mord in Völklingen Ein Eifersuchtsdrama? TNB Völklingen, 25. April. Am Dienstagabend hat sich hier eine schreckliche Bluttat abgespielt. Als der Schlosser Laborie, der bei der Röchliugfchen Hütt« beschäftigt ist, von der Arbeit nach Hause kam, fand er seine Frau bewußtlos vor. Tie hatte aus bisher noch ungeklärten Gründen ver- sucht, sich mit Gas das Leben zu nehmen. Laborie schaffte die Frau ins Krankenhaus und begab sich in die Wohnung des Diplomingenieurs Schäfer, den er durch l9 Messerstiche ermordete Dann irrte er wohl eine Stunde Im Ort umher und stellte sich schließlich der Polizei. Der Mörder machte einen sehr niedergeschlagenen Eindruck und erklärte, er hätte sich umbringen wollen. Verschiebung der Saar-Abstimmung? Ein Jahr Görlng ©. Der Nationalsozialismus hat alle seine Versprechungen erfüllt. Göring aber ist von seinen Propheten und Er- füllern der Größte! Das erzählt uns anläßlich seines Ein- jahrs-Amtsjubiläums der amtliche Pressedienst. Hören wir: „Das Beamtentum ist gesäubert, die politischen Aemter wer- den mit bewährten Nationalsozialisten besetzt"— was man zutreffend mit Ueberwindung des Parteistaates und Ab- schaffung des Parteibuchbeamlenlums bezeichnet.„Im Ge- Heimen Staatspolizeidienst iGestapos wurde eine Volks- Polizei im lebendigen Kontakt mit dem Staatsbewußtsein des Volkes geschaffen", die in Willkür, Mißhandlung und Folterung jeden Rekord gebrochen hat. Derselbe Göring, der im Interesse von Gefolterten aus„seinen Kreisen" den Reklameflug nach Stettin gemacht hat, läßt die gleichen Scheußlichkeiten gegen Arbeiter und Juden unter seinen Augsn in Berlin weiter betreiben. Sämtliche itaatsseind- liche Organisationen sind vernichtet— bis aui die geiäbr- lichsten. die den Staat in den sicheren Abgrund führen: SS. und SA.„Die zur Sicherheit bei Staates festgenommenen Verführten bis auf einen geringen Rest wieder in Freiheit gesetzt"— eine klare Lüge: die Lager sind noch und immer wieder überiüllt.„Der Staatsrat wurde geschaffen"— viele hochbesoldete Kopsnickcr, deren Arbeit im Verzehren von monatlich 1000 Mark Korruptionsgeld besteht. „Die parlamentarischen Einrichtungen der Gemeinden wurden beseitigt, alles au> die Stärkung der Staatsautori« tät abgestellt"— d b. die Selbstverwaltung vernichtet, die braune Banden- und Cliauenherrschaft schrankenlos duich- geführt.„Gewissenhaste Sparsamkeit, höchste Wirtschaftlich- keit, gegen Korruption und Tchnldenwirtscha»'t"— d. h. immer weitere Herabsetzung des Wohliahrtsetats, militärische und Partei-Lurusausgaben, vielfältige Korruption der braunen Bonzen. „T t r a» r e ch t und Strafvollzug der Zeit angepaßt"— der Zeit der nationalsozialistischen Parteiwirtschait. der Willkür und Menschenquälerei.„A m n e st i e für die natio- nalen Kämpfer durchgeführt"— straflos darf der Nazi morden. „TaS Lehrerausbildungswesen neu gestaltet, die Lehrerräte beseitigt, nationalsozialistische Er- ziehungsanstalten eingerichtet"- Abschaffung der Schul- reform, Militarisierung und Fanatisierung der Jugend durch versklavte Lehrer. „Die Wohnungssürsorgegesellschaft in gemeinnützige Unternehmungen" verwandelt— das waren sie, jetzt stnb ste Stätten der Parteiwillkür.„Brückenbau und Ausbau von Flughäfen gefördert"— der kommende Krieg vorbereitet. „Das Sparkassenwesen wieder gesund gemacht"— die vor- her gesunden Sparkassen in die Bankrottwirtschaft des „dritten Reiches" hineingezogen. So stellt sich in der amtlichen Beleuchtung Vergewaltigung als Befreiung, wilde Finanzwirtschaft als Gesundung, Kor- ruption als Säuberung, Aushungerung der Acrmsten als Sozialismus dar. Die Regierung Göring wird in der Ge- schichte fortleben— aber als eine Zeit des Tiefstandes von Freiheit und Gesittung als Zeugnis dessen, was der aus- gehende Kapitalismus durch seine Helfershelfer einem ge- knechteten Volke hat bieten dürfen. Sdileift die Kerle! Der Gaukler Ley Berlin, 24. April lJnpreßl. Der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Dr. Ley, der erst neulich den mitteldeutschen Industriellen in Frankfurt erklärte:„Sie sollen Herr im Hause sein", hielt eine Rede vor den Führern der Berliner Betriebe. Er sagte:„Ich empfehle den Wirtschaftssührern, sich an dem Kompaniehauptmann ein Beispiel zu nehmen, Keine Termlnlesfselzung Im Mal Wie ans Genf berichtet wird, soll die Festsetzung des Datums für die Taar-Abstimmung weiter hinaus- geschoben worden sein. * Gens, 25. April. Mg. Bericht s Es gilt in Gens als sicher, daß selbstverständlich die Mai- tagung das endgültige Datnm des Tages der Abstimmung nicht festsetzen könne, da der Abstimmnngsausschuß erst einmal feststellen muß, o b und w i e er die Bedingungen der Abstimmung ss r e i, geheim und unbeeinslußtj Herstelleu kann. Auch die letzte Tagung des Saar- ausschusses iu Rom hat sich in keiner Weise mit der Datumssestsetzung befaßt und selbstverständlich auch keinen Vorschlag an den Bölkerbundsrat gemacht. Im übrigen aber beweist die Nervosität der hitlerdentscheu Seite gegenüber dieser Verschiebung des Abstimmungs- datums nichts anderes, als daß man im„dritten Reiche" sehr stark b e s ü r ch t e t. daß das Saarvolk, se länger es Gelegenheit Hot, sich seine Abstimmung zu überlegen, um so schärfer und klarer gegen das Schand- nnd Elendssystem des Nationalsozialiemus aussprechen wird. Der Nationalsozialismus ist dara» inter- essixrt, daß der Abstimmongstermin mög- lichst srüb festgelegt wird, denn je mehr die Früchte am saulen Baum seines Regie- rungssqstems auch an der Saar erkennbar werden, um so geringer werden seine Chancen, an der Saar noch Dumme zu ködern. Bei der sortschreitenden Verarmung des deutschen Volkes durch die Schuld Adolf Hitlers, bei der zunehmenden Unzu- sriedenheit und Verbitterung in Deutschland und bei der wachsenden Kriegsgefahr ist es ja ganz selbstverständlich, daß die guten Deutschen der Saar sich von diesem u n- deutschen Delpotenlystcm immer mehr abwenden und ihre deutsche Freiheit aus dem letzten Rest hitlersreien deut- schen Bodens für eine besiere Zukunst aussparen. Lautsprecher Göhbefs an der Saargrenre Saarbrücken, 25. April. Die immer mehr sinkende Hitlerbegeisterung an der Saar soll mit allen Mitteln wieber hochgepeitscht werden. Das „dritte Reich" hat deshalb seine größte Propagandakraft an die Saargrenze ommandiert, wie folgende Meldung des hitleramtlichen deutschen Nachrichtenbüros aus Zweibrücken meldet: „Auf der am 6. Mai in Zweibrücken stattfindenden Massenkundgebung der„deutschen Front" im Saargebiet wird Reichsminister Dr. Wöbbels persönlich das Wort nehmen. Seine Ausführungen werden von grundsätzlicher Bedeutung sein." der seine Kompanie schleifen konnte, für den die Leute aber trotzdem durch Feuer gingen." Den Arbeitern empfahl Ley, lieber nicht zu streiken, sondern„nicht verantwortungsbe- wußte Unternehmer zu sterilisieren". Göhbels als Werber Wir wollten einmal das Entrüstungsgcschrei hören, wenn ein französischer Minister eine ähnliche Saarkundgebung an der s a a r- f r a n z ö s i s ch e n Grenze in F o r b a ch ab- hielte! Der gleichgeschaltete hitlerdeulsche Blätterwald würde widerhallen von dem Entrüstungsgeschrei der braunen Pseudo-Arier über diese„Einmischung" Frankreichs m die saarländische Politik. „Schlagende" Deweise Drei Hitlerleute gegen eine wehrlose Frau Tie Blut-Terror-Liste nationalsozialistischer Gewaltakte aui friedliebende Saarbewohner kann um einen weiteren— in des Wortes vollster Bedeutung!— schlagenden Beweis vermehrt werden. Am Freitag ging die Frau eines Arbeiters in Burbach aus der Wohnung einer Nachbarssrau zurück in ihre Wohnung im Hause nebenan. Die Nachbarin, das ist wegen des Beweises wichtig, war in ihrer Begleitung. Als die beiden Frauen im Begriffe waren, durch die Haustüre ein- zutreten, wollte ein 14jähriges Mädchen, das einer national- sozialistischen Familie angehörte, das Haus verlassen. Es entstand dadurch ein Gedränge. Die Arbeiterfrau machte das Mädchen höflich daraus aufmerksam, doch zu warten, bis die Nachbarin und sie eingetreten wären. Da bekam die Arbeiterfrau, als sie sich im Hausgang befand, einen'heftigen Schlag mit einem harten Gegenstand aus den Hinterkops. Wie ihr die Nachbarin später mitteilte, hatte der Vater des Mädchens, der„pazifistische Nationalsozialist" Johann Zey, im Hausflur gestanden, in die Rocktasche gegriffen, einen Schlagring herausgeholt«nd von hinten her ans die ahnungslose Arbeiterfrau eingeschlagen! Die Aermste erhielt zahlreiche Schläge aus den Hinterkops, so daß sie stark blutete. Gleichzeitig aber kamen von der Treppe herab die sicherlich nicht minder„harmlosen National- sozialisten" Jakob Knaul senior und junior sVater und Sohnj. Wie die Nachbari» gesehen hat, war der Sohn u.it einem Militärkoppel bewaffnet, dessen R'emen er mehrmals um die Hand geschlungen hatte, während er mit dem Koppelschloß ebenfalls auf die Arbeiterfrau einschlug. Nur ihrer gesunden Körperkonstitution ist es zu verdanken, baß die barbarische mißhandelte Frau, die durch die schweren Schädelverletzungen sehr starken Blutverlust hatte, nicht zusammengebrochen ist. Die Nachbarin in ihrer Angst schrie laut um Hilfe und versuchte die Angreifer abzuwehren. Die aber schlugen wortlos auf ihr armes Opfer ein! Als die drei hitlerischen Prachtgestalten es schließlich für genug hielten, ließen sie von ihrem Angrisssobjekt ab, um sich in ihre Wohnung zu begeben, wobei der alte Knaul be» merkte:„Die Hab ich dir schon lange zudiktiert, daß ich dir den Kops aufmachen wollte."- „Prawda"-Verbot aufgehoben iJnpreß.s Das Auswertige Amt teilte dem Berliner Tow- jetbotschafter Chintschuk mit, daß das Verbot der„Prawda" in Deutschland aufgehoben ist. faschistische Umstellung seiner Wirtschaft entscheidenden Ein- sluß aus die ökonomische Situation anderer Länder ausüben würde, aber es wird eine Seele getroffen, und die Psychologie ist für den Sozialismus der ganzen zivili- sierten Erde heute eine nicht zu vernachlässigende Kategorie! Das jüdische arbeitende Volk bringt alle Voraussetzungen mit, ein Bollwerk für den sozialistischen Umbau der mensch- lichcn Gesellschaft aufzustellen— wenn hier der a n t i d e m o- k ratische, das Individuum vernichtende, die Selb st Verantwortlichkeit und sittlich frei- willige Einfügung ins Ganze verachtende Faschis- mus die Oberhand erhielte, wäre der sozialistischen Zukunft der Völker eine wertvolle ausbauende und schassende, materielle wie sittliche Kraft verloren Aber so weit wird es nicht kommen. Als in der Protest- Versammlung der freien sozialistischen Arbeiterschaft in Jerusalem, zu der auch die organisierte Jugend in ge- schlossenen Zügen mit Gesang herbeieilte, als dort der leitende Redakteur des„D a v a r", der sozialdemokratischen Arbeiterzeitung in Tel-Aviv, B. Katzen ellen so», in seiner flammenden Anrede ausrief:. „Viele haben gemeint, daß das, was in Berlin geschehen ist, auch in Wien sich wieberholen werde, aber sie haben ge- irrt: und wieder viele glauben, was in Wien geschehen ist, werde auch auf uns in Palästina hereinbrechen— ein noch schwererer Irrtum! Wir sind zwar nur ein Teil der ganzen, großen Arbeiter-Weltbewegung, aber wir werden den Traum des Sozialismus verwirklichen, wir, die Urkinder der schassenden Kraft dieses Landes, wir, die wir den jüdischen Selbstschutz geschaffen und erzogen haben, Haschonmer, wir werben an seiner Kraft jeden feindlichen Angriff zerschellen lassen." Als der Rebner dieses flammende Gelöbnis abgegeben, aus dem jeder ehrliche Sozialist Trost und Zuversicht schöpfen mag, da jubelten die Massen. Die Fanfare dieser seelischen Erhebung schmetterte der anderen, der Versammlung der in die Phrasenwelt des Faschismus Verirrten, eine lebendige Warnung und Mahnung zu: N i m m e r w e r d e t i h r a u s- halten, was hier die Pioniere der sozialisti» schen Heilslehre aufbauen und vollenden! Herr Fr ick, der nationalsozialistische Reichsinnenminister Hitlers, ist fort und die Mussolinischen Zeitungs- artikel sind verklungen. Die„Nationale Arbeiterorgani- sation" Palästinas ist keine dem deutschen Nationalsozialis- mus sichtbarlich angeschlossene Gruppe, sehr viel mag sie von jenem trennen: aber mag sie sich in den kollektivistischen Zielen, mag sie sich in der Weltanschauung mit den Faschis- mcn aller Länder und Rassen decken, mag sie selbst organi- satorisch Bindungen mit der den Klassenkampf von oben und die brutale Niedermetzelung der Humanität besorgenden reaktionären Kraft eingehen, eines wird ihr nie gelingen: Die sittliche Hoheit, den unbeugsamen Idealismus, den opferbereiten Aufbauwillen der palästinischen sreicn Arbeiter- sckaft und ihrer sozialistischen SHWrfs«- rznr'npen Es wird dafür geiorgt lein daß im s"oig"nland, wo die Karawanen der Lastkamele ziehen, das braune Kamel kein Importartikel wird. Dr. Gustav Slekow, Jerusalem. Frick In Jerusalem Das braiine Kamel Ist kein Exportartikel Es geschah ein Wunder und Zeichen: Der Hcimwehrkrieger Frick, der im pfälzischen Städtchen Pirmasens den Weltkrieg verlieren half, der schon auf dem thüringischen Ministersessel täglich seine redliche Portion Juden verzehrte, der hohe Herr Reichsinnenmini st er Frick hat einen Ausflug nach— P a l ä st i n a gemacht. Mitten ins Herz des Judenlandes herein, bis nach Jeru- salem wagte er sich, wo er sich im King-David-Hotel nieder- ließ— Zimmer und Bett pro Tag und Nase an die zehn Pfund: Herr Schacht hats ja und bezahlt es auch! Zwar hatte sich der hohe Gast inkognito einquartiert, aber die Liebe einiger seiner Untertanen, die noch heute mit wunden Rücken an das verlassene deutsche Baterland denken, erkannten den Teuren, worauf er ganz plötzlich dem Gesichtskreis des hoch- erfreuten jerusalemitischen Judentums wieder entschwand. Der Chronist wird sich hüten, Zusammenhänge zu kon- ftruieren, die er nicht nachzuweisen vermag, aber— Gedanken sind, wenigstens außerhalb der irdischen Paradiese wie Deutschland, Italien. Oesterreich e tutti quanti, noch immer zollfrei. Und zu denken gab es genug, als einige Tage nach obigen illustren Besuchen die neue faschistische Partei Palästinas ihre Aufer- stehungfeierte. Sie hört auf den durchaus nicht aufregend originären Namen„Nationale Arbeiter-Organisation" sHisdadruth ovdim Leomithj und hielt am 9. April in Jerusalem eine, in Tel-Aviv verbotene Versammlung ab mit viel plakatier- tem Geschrei, braunen Uniformen, die am Aermel die blaue Menore, den siebenarmigen Leuchter tragen, und unter Be- teiligung des ganzen Landes, wie sie sagen, oder, von>>er Gegenseite gezählt. 4M Leuten aus ganz Palästina. Am selben Tage i'and in der alten heiligen Stadt eine P r o t e st- Versammlung der Hisdadruth ovdim hakla- tith,der sozial« st lschen,der„freienArbeiter- o r g a n i s a t i o n". statt, unter freiem Himmel, mit 5000 wohlgezählten Teilnehmern aus Jerusalem allein! Aber Zahlen entscheiden in den heute akuten Gegenwarts- fragen nicht, das haben wir in Deutschland und Oesterreich begreifen lernen müssen. Die sozialistis» und freigewerk- schastlich organisierte Arbeiterschaft bildet in Palästina weitaus die Mehrheit der jüdischen Bevölke- rung in Stadt und Land. Ihr Zusammenhang, ihr Ber- antwortungsgefühl. ihre Disziplin bilden den Kern und die sittliche Kraft für die Kultur- und Aufbauarbeit des Juden- volles in seinem alten Stammland, für dessen Besiedlung und Fruchtbarmachung, ja kür die ganze Renaissance des Jahrtausende hindurch in seiner Diaspora gequälten Volkes. Diese am europäischen Marxismus geschulte Arbeiterschajt wird den künstigen Jüdischen Staat schaffen trotz der vier- fachen zahlenmäßigen Uebermacht der Araber, die, besonders ihr Großgrundbesit, mit f-beelem Mißvergnügen aus diesen proletarischen Wirtschafts nnd geistigen Faktor hinabblicken. dem die Zukunst gehört. Weder die englische Zwei-Fronten- Politik, die den einen Bevölkcrungsteil gegen den anderen ausspielt, noch die Berständnislosigkeit der Araber für den Nutzen der jüdischen Kulturarbeit wird die Entwicklung der mit ungemeinem Idealismus sich durchringenden jüdischen Arbeiterschaft und ihres Werkes aushalten können. Was sich aber als weitaus größere, heimtückischere und verderbliche Gefahr am Horipont heute schon abzeichnet, ist derselbe politische und soziologische Borgang, der sich überall dort abspielte, wo der Faschismus sich durchsetzen wollte. Die Großbourgeoisie erkennt in ihm auch hierzulande das letzte und wirksamste Mittel, um sich gegen die mit demokratischen Methoden vordringende sozial! st ische Arbeiterschaft an der Macht zu erhalten. In der zionistischen Weltorganisation hat sich das reak- tionäre kapitalistische Bürgertum in dem von dem Polen I a b o t> n s k i mit nationalistischen Kraftworten geführten „Revisionismus" zusammengefunden und hier wie überall in den vom autoritären Faschismus bedrohten Ländern hat sich das um seine wirtschaftliche Position verängstigte Klein- bürgertum dem mit großsprecherischen Phrasen eingeleiteten und vom Großkapital finanzierten Klassenkamps von oben zur Verfügung gestellt. In Palästina ist die„Beta r", das ist die richtungslose jüngere Generation deS Revi- sionismus zum Stoßtrupp des für seine Macht- stellung besorgten Unternehmertums zusammengerottet wor- den. Mit dem unsinnigen Schlagwort, die sozialistische frei- gewerkschaftliche Arbeiterschaft strebe die diktatorische Allein- Herrschaft im Lande mi« terroristischen Mitteln an, schloß sich die Beta, zur n a t i o n a l i o z i a l i st i s ch e n s a s ch i st i- schen Organisa ion zusammen: sie wird von dem poli- tisch lebendigeren Teil des Unternehmertums gestützt, mit Gelb versehen und im Produktionsprozeß dem freien Ar- beiter vorgezogen und so zur veritablen gelben Streik- brecherorganlsation aufgepäppelt. Damit hat nun die Seuche auch sichtbarlich das Land er- griffen, von dem man am wenigsten hätte erwarten mögen, daß es sich>m braunen Barbarenhemd des Nationalsozia- lismus des„dritten Reiches" repräsentieren werde. Eine grausig lächerliche Groteske der Menschheitsgeschichte: Die nationale Jugend des jüdischen Bürgertums in der Farbe seines nationalsozialistischen Todfeindes! Ein neuer Kreuzzug ergießt sich ins hei- lige Land, das wiederum von einer blutigen Idee erobert werden soll, ein Raubzug des Hakenkreuzes, dem sich das Krukenkreuz aus Wien und das Liktorenbündel mit dem Römerbeil verbündet Die Verbreitung des WeltfaschiSmus auf einen Boden, den die jüdische Arbeiterschaft für die sozialistische Menschheilskultur zu gewinnen sich mit be- wundernswertem Idealismus anschickt. Die vergiftende Ansteckung trifft hier nicht ein Land, dessen MordprozeS- von Streicher überwach! Eine Jiisttzgroteske In Pranken Seit nahezu drei Wochen wird die deutsche Ocfscntllch» kelt dnrch einen Mordprozcß in Spannung„ehalten, der vor dem Schwurgericht in Schwcinsvrt verhandelt wird. Dem Prozeß liegt eine geheimnisvolle, bisher gänzlich ungeklärte Mordtat zugrunde. Ruf dem Schloß Wollershausen in der Rhön wurde in der Nacht zum l. Dezember 1992 der Schlof;- bentzer, Hauptmann Werther, erschossen. In derselben Nacht wurde auch die Gattin des Hauptmannes, die Witwe eines Freiherrn von Wollershausen, einem Enkel der Borbcsitzer, von mehreren Schüssen getroffen. Drei der Schüsse waren aus demselben Revolver abgegeben, der ihren Gatten ge- treffen hatte. Andere Schüsse waren in die Lust gegangen, Frau Werther wurde erheblich verletzt vorgefunden? einer der Schüsse war ins Gesicht gegangen, In irgendeinem dunklen Zusammenhang mit diesen Ereignissen stehen zwei Einbrüche auf dem Schlosse. Kor dem Schwurgericht steht unter der Anklage deZ Mordes der junge Ehausseur L i e b i g. Schon in der Mord- nacht wurde er von Frau Werther als Täter bezeichnet. Aber es fiel aus, daß seine Kleider ohne die geringsten Blutspurcn waren. Liebig ist strammer SA.-Mann. Die Partei hatte ihm eine Stelle in Hannover beschafft,- als im„'Völkischen Beobachter" die Ehanffenrstelle in Waltcrshausen aus- geschrieben worden war, erhielt er sie sofort. Denn auch die Werthcrs und der Stiefsohn Wolsgang von Waltershansen galten als stramme Nationalsozialisten, die sich aus gute 3k« kanntschast mit dem Führer berufen konnten. Der Raum reicht nicht aus, um den an Zwischenfällen so reiche,» Hergang des Prozesses auch nnr andeutungsweise wieder zu geben. Man hatte den Stiefsohn als Täter in Verdacht, aber er konnte sein Alibi beweisen. Das gleiche gilt von einem andern Bediensteten auf dem Schlosse. Schließlich wurde Frau Werther, im Zusammenhang mit ihrer nicht gerade glücklichen Ehr mit Werlher, ziemlich beut, lich selber des Morde« bezichügt. Ihre Position ver- schlimmer»? sich, als ihr vor Gerlchi feierlich nachgewiesen wurde, daß ihre Urgroßmutter eine Jüdin gewesen sei. Sie wurde nicht vereidigt. Wer ist co also gewesen? Abcr es geht ja nicht um die Darstellung eines interessanten KriminalsalleS. Kiel wichtiger ist, in welcher Weise dieser Prozeß ins Licht der Politik de«„dritten Reiches" gerückt wurde. Das offizielle nationalsozialistische Nürn« berger Blatt, die„Fränkische Tageszeitung" schrieb täglich Seiten über den Prozeß, nicht nur mit ossener Parteinahme für Liebig, sondern auch mit Drohungen und Warnungen an die'Richter, dem Rolfsurteil Genüge z u ton. Herr Streicher, der allmächtige Frankenstthrer greift selber ein. Er schickt gleich zu Sicginn der Berhandlung dem Verteidiger ein Telegramm folgenden Inhalts, das unter lauter Zustimmung des Publikums im GcrichtSsaale verlesen wurde: „Sie hatten den Mut, im Lause des Prozesse« dir Inden und die jüdischen Knechte beim Namen zu nennen. Meine Anerkennung. Streicher." Antwort des Verteidigers:„Größere Dinge kommen noch." Woraus bezog sich dir Bemerkung von den jüdischen Knechten? Die„FrL, tisch« Tageszeitung" enthüllte es. Hauptmann Wcrther soll bei Lebzeiten einem jüdischen Ban- tier versprochen haben, ihn gegen ein Darlehn von 366 Mark im Falle einer nationalsozialistischen Machtergreifung bei sich auszunehmen. Ferner soll Frau Werther geplant haben» sich von zwei jüdischen Anwälten, dem Grheimrat Hommel und dem Rechtsanwalt Mendel, vertreten zu lassen.„Es ist furchtbar blamabel, wie ihr im gleichen A.'mzug in bezug aus den jüdischen Justizrat Moses Hommel der Ausdruck entfährt:„Dr. Hommel ist immer so ein anständiger Mensch gewesen," wobei sie allerdings verabsäumt hinzuzusetzen, nachdem dieser Herr vorher au« der S ch u tz h a s t, die ihn mit den Grundprinzipien des dritten Reiches vertraut machen sollte, entlassen worden war." Täglich wurde Frau Werther angeprangert. Dunkle Mächte versuchten, einen armen, elternlosen Volksgenossen zu opfern,>«m sich dem strafende» Arm der Gerechtigkeit zu entziehen... Dieser Volksgenosse war der Angeklagte Pg. Ltcbig, der sich trotz schwerster Mordanklage in Freiheit befand und befindet. Man muß der„Fränkischen Tagespost" dankbar sein. Da« Blatt Streichers durchbricht die Nüchternheit der Prozeß, berichte in der gleichgeschalteten Presse durch das herzhaft- ehrliche Bekenntnis, baß die Justiz dem braune» Willen zu folgen habe. In ihren Spalten droht der großmächtige Frankenführer Streicher den Richtern, daß sie den Zorn de« Volkes herausforderten, wenn sie Liebig nicht freisprechen. Was das in seinem Reich bedeutet, bedarf keiner Erörterung. Eine Groteske der deutsche» Justiz im Hitlrrjahre 1094 aus dem Unterbau einer Tragödie... ,.¥o!h€$ Stimme" Kostprobe aus der„Fränkischen Tageszeitung" (24. April) „Vox populi— vox Dei! Volkes Stimme— Gottesstimme ... Ties treffliche Wort ist nirgends besser ank Platze als in der ungeheuerlichen Mordaflärc Wollershausen, die einst den Hauptmann Werther als gräßliches Opfer forderte und die sich in ihrem weiteren Verlauf zu einem der seltsamsten Kriminalfälle entwickelte, die die deutschen Justizbehörden jemals beschäftigten. Wahn w i tz schien es zn Anfang diese? Dramas, für die Sache des Angeklagten Karl Licbig auch nur eine Ehance anzunehmen— heute nach Durchführung der BeweiSausnahme abcr ist es ivicbcr völlig unvorstellbar, ihn ai? Opfer sich zu denke». Denn eine gigantische Klei»- arbeit ist geleistet ivorden, um eine wenigstens annähernd wirklichkeitsgetreue Rckoustruierung des schauerlichen Ge- schehenS in jener Morbnacht zu Waltcrshausen durchzuführen und alle Welt war auf« tiekste erschüttert von den Erkennt- nlssen, die daraus wuchsen. Einsam und allein stand e i n wackerer, oft erprobter S A.- M a» n, ein einfacher Gärtner nur. abcr ein ganzer Kerl, im Kampf um Ehre, Freiheit und Leben gegen die erdrückende Uebcrmacht stolzer und mächtiger Sippeuverbände, die in geradezu ver- brecheriscbcr Weise eines ihrer Mitglieder von Schimpf und Schande bewahren wollten. Skandalöse, nner hörte Vorgänge spielten sich ab und es war tief beschämend für jene adeligen Cliquen, sie heraufbeschworen zu haben." Staatsanwalt beantragt: 15 Jahre Zuchthaus für Liebig DNB. Schweinsurt, 24. April. Zu Beginn de» 15: Ber- handlnngstages erhielt der Vertreter der Anklage, Land» gcrichtsrat Dr. Schupp crt, das Wort, der n. a. erklärte: Als vor drei Wochen das Schwurgericht zusammentrat, UM die Frage zu klären und zu entscheiden, ob Karl Licbig der- jenigc sei, der in der Nacht zum 1. Dezember 1932 den Haupt- mann Werther aus Schloß Waltershansell getötet habe oder nicht, habe man gewußt, dnß die Entscheidung, die zu fällen sei, nicht leicht oder nicht einfach sei. Erschwert würde die UrteilKbesttinmung durch den Um- stand, daß die Frau, die als Zeugin der Tat in dem Prozeß ausgetreten fei, weniger die Rolle einer Zeugin spielte, alS in die Rolle einer zweiten Angeklagten hineingedrängt wurde. Das Ehclebe», die wirtschaftlichen Verhältnisse und den Charakter des Ehepaares Wertster habe man genau kennengelernt. Aber über den ivahren Eharakter und die wahre Persönlichkeit des Angeklagte» habe man keine Aufklärung erhalten. Erschwert sei ferner die Urteils- finöung durch die öffentliche Meinung. Dieser Prozeß habe das größte Interesse der Oefsentlichkeit erregt. Zahlreiche Bricfschreiber hätte» eindeutig gegen Frau Werkher Stellung genommen. Diese Leute seien jedoch rein gefühlsmäßig eingestellt. Ter Staatsanwalt ging dann über auf die Würdigung der Beweisaufnahme und teilte sein weiteres Plädoyer In drei Teile. Er besaßt? sich zuerst mit den Eindrücken und kam zu dem Urteil, daß nach dem Tatortbcsund des ersten Einbruchs dieser teilweise konstruiert sc! und nur von einem gemacht ivorden sein könnte, der genaueste Ortskenntnis hatte. Veide weibliche Dienstboten im Schloß kämen hierbei vollkommen außer Vetraäit. Und er wisse auch nicht, was das Ehepaar Weither für einen Zweck mit einem wichen Einbruch hätte verfolgen wollen. Ter Fingerabdruck, der von Baron Waltershausen gesunden wurde» sei einwandfrei erklärt? auch bestehe dafür ein Alibi de? Barons. Dagegen bestünden Verdachtsmomente nir Liebig. einmal daß die Gummi- schuhe, deren Eindrücke damals gcillilöcn wurde», versteckt und nicht z» finden waren, zweitens sein Verhalten bei der Fahrt nach Koburg. Der zweite Einbruch sei nach seiner Ansicht ebenfalls fingiert. Der Einbruch Irl durchaus nicht durch das Fenster, dessen Scheiben eingeschlagen waren und vor dem die Hopsenstonaen lagen, erfolgt, sondern der Täter sei auch hier mit einem Nachschlüssel durch das Tor ins Schloß gelangt. Er könne die Täterschaft des Licbig weder besahen noch verneine». Abcr ein gewisser Verdacht bestehe für ihn auch hier. Es sei auch möglich, daß vielleicht Verwandte der Frau Wcrther ohne deren Wissen diesen Einbruch zu ihrer Entlastung gemacht hätten. Nachdem der Staatsanwalt die Verhältnisse aus dem Schloß am Abend vor dem Mord als durchaus normal be- zeichnet hatte, kam er zu der Feststellung, daß eln Selbstmord des Hauptmanns ausgeschlossen sei. Auch die angeblichen Sclbstschüsse der Frau Werther tinde er sehr merkwürdig: in der Negcl griffen Frauen beim Selbstmord zu anderen Mitteln als zur Sehußivasse, und es sei auch bei einer Frau unnatürlich, sich im Gesicht zu ver- letzen. Zudem sei der Schuß in die Brust nicht ungefährlich gewesen. Ein gegenseitiges Einverständnis sei vollkommen auSge- schlössen? denn i» dem Abschiedsbries habe ja Frau Wertster ihrem Sohne empfohlen, nach ihrem Ableben sich des Man- »es anzunehmen. Der Hauptmann hätte als Offizier ivahr- schcinlich eher Anlaß zu einem Selbstmord gehabt, als man ihm seinerzeit den schlichten Abschied gegeben hatte. UebrigenS sei das Schloß nicht Eigentum de? Hauptmanns gewesen? er hätte also durch die Versteigerung keinen großen VcrmögenSvcrlitst erlitten. Es fehle einfach jeder Beweg- grund zum Selbstmord. Es seien ja auch noch am^.age vor dem Mord mit einem Käufer Verhandlungen gepflogen worden. Auch stimme der Tatortbcsund nicht mit dem Verhalten bei einem Selbstmord überein. Man könne die Sache drehen, wie man wolle, zu einem Selbstmord komme man nicht. Wolle man weiter annehmen, daß die Frau allein die verübt habe, so hätte sie sich von Liebig die Waffe verschaffen und sie dann wieder zurückstellen müssen. Das wäre auch ausgeschlossen geivesen. Was die Lciterspurcn betrcftc. w ict c? unmöglich, daß Frau Werlher die schiocre Leiter in der Nacht hätte hinschleppen und wieder entfernen können. Frau Werther kann es nicht gewesen sein. Sic habe auch keinen Grund gehabt, ihren Mann zu er» schießen, da sie dadurch ihre Lage nicht im geringsten verbessert hätte. Im Gegenteil, ihr Mann habe doch eine Pennv» bc- zogen und hätte sich jedenfalls mit seiner Energie weiter durchsetze» können. Liebeskummer fei auch ausge,chloncn, rvrnso komme das erotische Moment nicht in Frage,-raß intime Beziehungen mit Liebig bestanden hätten, sei vollkom- wen ausgeschlossen. Und wenn Frau Weither im Einver- ständnis mit einem Tritten gehandelt hätte, wäre eS der größte Unsinn von ihr gewesen, das au einem zu tun, nämlich im Schlafzimmer, wo sie aus sich den schwersten Ber- dacht lenkte. Sic sei im übrigen zwar launisch und nervös, abcr wer sie»»r einigermaßen während der Gcrichtövcr- Handlung kennengelerut habe, müsse sagen, daß sie nicht 10 verworfen sein könne, bewußt einen Uttschuldkgen flu vc« lasten. Sie sei bei ihrer Ueberzevgung geblieben, das, Lnblg e? gewesen sei und habe sich darin nicht irre machen lassen. Liebig war der Täter Der Staatsanwalt ist der Ansicht, daß der Täter an, 14. und 13 Oktober das Gleiche verüben wollte, was er später in der 9ta*t auf den 1. Dezember verübt habe. Daher hänge für ihn der erste Einbruch zusammen mit dem Mord, und die Perlon, die den ersten Einbruch verübte, habe auch die Mordtat begangen. Er, der Staatsanwalt, komme zu der festen Uebcrzeugung, dnß nach objektiver Prüfung aller au>- getretenen Fragen Liebig derjenige sei, der den Hauptmann Werther erschossen und auch aus Frau Werther geschossen habe Alle, die sick mit der Frage dcS Motivs besaßt hätten, könnten ivie er. her Staatsanwalt, keinen Grund angeben, ivarnm Liebig den Hauptmann getötet habe. Er glaube, eine Vötting gefunden zu baben. Er könne sich nur denken, daß Lic- big in der Mordnacht an? dem Zimmer etwas habe cntiocnde» wollen, zu dem er am Tage nicht habe gelangen können. Der An- klagcvertreter lcatc nun in längeren Aiiöftihrunaen dar, daß Liebig größere Aufwendungen in Waltcrshausen gemacht hatte, alS eigentlich sein kärglicher Lohn zugelassen habe. Es könne sich weniger nm einen Mokd. als um einen Totschlag nach 8 2 14 handeln. Selbstverständlich könne er einen Mord nicht vertreten? denn wenn er heute die Berurtetliing wegen Mordes beantrage und die Todesstrafe fordere, dann wisse er. daß Nc heute auch vollzoaen würde. Es fei ihm nicht möglich, für die Tat Licbigs den Nachweis der Vorsätzlichleit zu führen. Beim Strafmaß sei zu berücksichtigen, daß Liebig noch nicht vorbestraft sei, daß er noch jung sei und daß er auch glaube, daß es sich um einen aufgeregten Menschen handle, de» wenig Mut besitze und immer gleich losschieße. Er nehme daher im Falle des Hauptmann? Werther ein Verbrechen de? vvl- lcndcten Totschlags an und bei den Schüssen ans Fran Wer- thcr ei» Verbrechen de« versuchten Totschlags. Am Schluß seines vierstündigen Plädoyers beantragte Landgerichtorat Schüppert gegen den Angeklagten Karl Liebig wegen eines Verbrechens des Totschlags und eines Verbreche»» des versuchte» Totschlags eine GesamtznchthauSstrafe von 15 Jahren. Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von zehn Jahren, Einzug der Licbigschcn Walther-Pistole. den Erlaß eines Haftbefehls und die Ucbcrbürdung der Kosten aus den Angeklagten. Tie Untersuchungshaft will der Anklagevertreter nicht an- gerechnet haben. In der Nackmittagssitzung begann der Verteidiger Dr. Teeg sein Plädoyer. Säuücrund der Justiz von K,martern Die nlctüarischen Anwälte Große Verminderung Ueöcr die Auswirkungen der Ariergesetzgcbung aus einem wesentlichen Teilgebiet äußert sich das Aufklärungsamt für Vevölkeriingspolitik und Rassenpflege. Es handelt sich dabei um die Verringerung der Zahl der jüdischen Rechtsanwälte und Notare ln de» preußischen OberlandeSge- richts bezirke». Dabei wird festgestellt, daß am 1. April 1034 die Zahl der nichtarischen Rechtsanwälte gegenüber dem 7. April 1033 nm 33,84 Prozent abgenommen hatte, die der »ichtarischen Notare sogar um 50*9 Prozent. I» Berlin hat sich die Zahl der nichtarischen Rechtsanwälte vom 7. April 1933 bis zum 1. Januar 1084 von 1U11 auf 1227 verringert. Das Gesetz zur Wiederberstellung des Bernfssteamtentums vom 7. April 1933 hat eine relativ noch weit schärfere Einschränkung bezüglich der nichtarische» Notare zur Folge ge- habt. In Berlin allein belauft sich der Rückgang der nicht- arischen Notare aus rund 30,3 Prozent, ln Kassel sogar auf rund 73,33 Prozent. * Diese Ziffern, immer vorausgesetzt, baß sie richtig sind, be- sagen um ivcnig. Auch die noch formell zugelassenen jüdischen Rechtsanwälte stehen so unter dem Druck de» Terror», de? Boykotts und der Rasscnagitatton, daß nur noch wenig« existieren können. * De» Meldungen über den Rückgang der»ichtarischen Rechtsanwälte und Notare auf Grund des Gesetze» über die Zulassung zur Ncchlsanwaltschaft vom 7. April 1933 sowie aus Grund dcS BerusSbcamteiigrsetzes gleichen Datums sei noch»achgetragen: Was die einzelne» Oberlandes- gerichtSbezirke angeht, so ist der Rückgang der südlichen N e ch t s a» iv ä l t e am stärksten Im Bezirk H a m m I. W., wo er 49 v. H. ausmacht. Es folgen die Bezirke Düsse!» d o r s mit 48.23 v. H., Königsberg mit 47,78 v. H„ Köln mit 47,29 v. H., Maricnwcrdcr mit 47,99 v. H., Frankfurt a. M. mit 44 v. H.. Naumburg mit 49,74 v. H., Breslau mit 89,88». H.,(feile mit 88,10 o. H.. Berlin mit»3.7» v. H. Kassel mil 82,36 v. H., K i e l mit 82,33 v. H. und schließlich Stettin mit 31,93 v. H. Bei den Notaren ist die Abnahme der Juden am stärksten im Bezirk Kassel mit 75,33 v. H.? es folgen Düsseldorf mit 6^,18 v. H., Hamm i. A. 63,37 v H.. KöntgSberg-Pr. 62,26 v. H., Naumburg 37,89 v. H., Breslau 37,41 o. H., Berlin 36,43 v. H., Frankfurt a. M. 33.29 v. H.. Stettin 32.17 v. H.. Kiel 32 v. H.. Eclle 42,86 v. H. und Marieniverber mit 41.67 o. H. Im Ober- londeSgerichtSbezlrk Köln war bei Erlaß des Berufs- bcamtengesctzes nur e t n nichtarischer Notar zugelassen, der Inzwischen auf Grund des Gesetzes ausgeschieden ist, so daß in diesem Bezirk als einzigem preußischen Oberlandes» gerichtsbezirk überhaupt kein nichtarischer Notar mehr vorhanden ist. kain mit«Neu Mitteln Gegen jüdische Juristen Wegen unlautere,, Wettbewerb» und»nbesi-gter Titel» sührung wurde vom Amtegericht in Berlin der s rüheit Rechtsanwalt Georg Israel zu 1G0 Mark Geldstrafe verurteilt. Israel war bis zum Juut 1933 al« Rechtsanwalt tu Berlin zugelassen, dann abcr ans Grund des Gesetzes Uber Vi: Nichtzulassung nichtarischer Rechtsanwälte in der An- waltSliste gelöscht worden. Im September, Oktober und November 19S3 hatte er an eine Reihe früherer Mandanten und auch an andere Personen Rundschreiben gerichtet, in denen er sich zur Uebernahme von Hausverwaltungen, Rechtsberalunchen und Sleuerbcratungcn empfahl. Für diese Rundschreiben hatte er seine alten Briefbogen benutzt, die den Kopf trugen„Georg Israel, Rechtsanwalt". In mch- reren Fällen hatte er bei diesen Rundschreiben seiner Unter- schritt auch den Titel„RcchtsanivaÄ" beigefügt. Das Gericht sah abcr a u ch tw Csn Schreibe», die er mit „bisheriger Rechtsanwalt" vnterzcichnct hatte, den Tat- bestand des unlauteren Wettbewerbs als erfüllt an, weil diese Schreiben den Eindruck hätten erwecken müssen, als sei Israel nach wie vor in der Lage, als Rechtsanwalt zu wirken. Deutsche Stimmen• Deilage xui„Deutsdien Freiheit'• Ereignisse und Geschichten Donnerstag, den 26. April 1934 Die 3\Camtscfiei &i Heudeutsches^CeCdeaepas Jede Zeit hat ihre Heldengedichte. Vor dreitausend Jahren sang der hlinde Homer vom Tode dei tapferen Hpktor, vor tausend Jahren erklangen die Stabreime des blutgetränkten Nibelungenliede», das bürgerliche neunaehnte Jahrhundert »chuf die Periiflage der harmlos-helleren Jobsiade und für den kommenden Gestalter der tiefsten kulturellen Erniedrigung des deutschen Volke» im zwanzigsten Säkulum unserer Zoitrechnung sei hier der Stoff für eine H»ent6cheliade auf- gezeichnet, wobei jetzt schon der Ueherzeugung Ausdruck ge- gageben sei, daß es dem Dichter nicht gelingen wird, die groteske Widerlichkeit dieses Lebenslaufe» durch neue Einfälle zu steigern. Da» Leben ist der stärkste Dichter. I. Der Krieg ist zu Ende, die Republik ausgerufen, von allen fronten kehren die Soldaten heim. Frischgebackene Republikaner bilden, da ihnen die bestehenden Parteien den Neulingen zu mißtrauisch gegenüberzustehen scheinen, Rlinde und Vereine, durch die die Republikanisierung— und auch die Neulinge— vorwärtsgetrieben werden sollen. Zum Beispiel die..Liga junge Republik". So ein Neuling ist auch Haentschel, wenn auch mit einer interessanten dunklen Vergangenheit in Kopenhagen belastet, wo während de» Krieges ein Stützpunkt der deutschen Rohstoffversorgung gewesen war. Sein Führer ist Vetter, Mitglied der Demokratischen Partei. II. Haentschel geht ins Reirhsinnenministrrium, steigt, und ?ar nicht langsam, Sprosse auf Sprosse auf der Gehalts- und 1 itelleiter empor und spezialisiert sich für Presserecht. Zuerst zur Verankerung, dann, von Brüning an, zur Beschränkung der Freiheit der Presse. Schreibt mit gleicher Pathos- s| ärke Kommentare für und wider, wie e» gerade gebraucht wird. Selbst als die Beschränkung der Pressefreiheit in deren Vernichtung übergeht, steht der Ministerialdirigent Haentschel mit flammendem Schwert vor seinem Anspruch, der allein maßgehend offiziöse Presserechtskommentator zu sein. Was nicht hindert, daß er unter Papen stürzt. Das heißt, fr wird nicht etwa gleich abgesägt wie die anderen leitenden republikanischen Beamten des Reichsinnenrninisteriums, sondern er geht erat auf Urlaub, um»ich, bei vollem Gehalt, Studien und»einer Dozentur zu widmen. Schließlich kommt aber doch da» a. D., denn Haentschel ist seit Jahren Mitglied der Demokratischen Partei und war in ihr noch bis vor kurzem führend tätig. III. Vetter hat seine Betriebsamkeit In das Presseamt des Berliner Messeamtes geführt. Von dort holt ihn Lachmann-Mosse, als die allgemeine politische Entwicklung Deutschlands und die besondere geschäftliche Lage des Verlages ungünstig zu Werden beginnen. Vetter wird Verlagsdirektor bei Mosse. IV. April 1933. Vetter drängt seinen Gönner Lachmann-Mosse aus dem Verlag hinaus. Er weiß, wie man solche Dinge im Jahre 1933 zu fingern hat. Der gereinigte Betriebsrat beschließt. daß diezer Jude in dem Verlag nichta mehr zu suchen habe. Und nun wird gleichgeschaltet. Vetter setzt, um nicht Nazi werden zu müssen, auf den Stahlhelm, der weniger judenfeindlich ist und ihm für einen Verlag, der das„Berliner Tageblatt" herausgibt, sympathischer erscheint. Chefredakteur wird H ä u b n e r, kommerzieller Direktor des Verlages —- neben dem literarisch orientierten Verlagsdirektor Vetter — der Stahlbelmmann II a e n t s ch e I. Das ging zwar nicht ganz einfach, aber die Leitung des Stahlhelms verstand und stellte Haentschel ein um ein Jahr rückdatiert es Mitgliedsbuch aus. V. Dem„Berliner Tageblatt" laufen die jüdischen Ahonnen- teu davon. Sia wollen zum Morgenkaffee keine Aufforderung zum Judenboykott lesen. Dann lieber gleich den„Völkischen Beobachter"! Vetter und Haentschel geraten einander in die Haare. Schauplatz des Zweikampfes ist die Verwaltungssitzung, denn der Verlag ist nach dem unfreiwilligen Verzicht Lachmann- Mosses eine Stiftung zu Nutzen der Belegschaft geworden. Haentschel wirft seinem Mitstreiter Vetter, der Ihn geholt hatte, vor, daß durch seine ungeschickten und unrichtigen Dispositionen Blatt und Verlag ruiniert würden. Vetter antwortet, er habe eine Pleite übernommen, Lachmann-Mosse habe auf dem Wege über Auslandsunternehmungen des Verlages das gesamte Betriebskapital verschoben und Haentschel sei offenbar im Solde Lachmann-Mosaes. Wie kurz vorher Vetter über Lachmann-Mosse, siegt jetzt Haentschel über Vetter, der sich verzweifelt wehrt. Die Vcr- waltungssitzung beschließt, Vetter habe bis ein Uhr mittags das Haus zu verlassen und dürfe es nicht mehr betreten. Seine Aktenmappe wird„beschlagnahmt". VI. Veiter läßt durch gute Freunde die Geheime Staatspolizei wissen, daß Haentschel ein um ein Jahr rückdatiertes Mitgliedsbuch des Stahlheims habe. VN. Haentschel wird von der SA. verhaftet. Er schwört Stein und Bein, das Mitgliedsbuch sei richtig ausgestellt. Nach Schlägen mit der Faust und dem Gummiknüppel gesteht Haentschel, daß das Mitgliedsbuch erst vier Wochen alt ist. Nach acht Tagen gelingt es Diels, ihn freizubekommen. Sie kennen einander aus dem Demokratischen Klub in der Viktoriastraße. Doch auf Mosse muß er verzichten. VIII. Krampfhafte Versuche, irgendwo Anschluß zu finden. Jahreswende 1933 34. Haentschel erscheint in Prag, will nun für den— Ullstein-Verlag ein Ding drehen. Doch die vorgesehenen Kontrahenten forschen nach und erfahren, welche Rolle der Mittelsmann hei Mosse gespielt hat. Ein betrübter Lohgerber verläßt die Stadt an der Moldau. IX. April 1934. Durch alle Blätter geht die Nachricht, daß ein italienisch-faichiitisches Konsortium 51 Prozent dei schmutzigsten antimarxistisdien Wiener Blattes, des„Neuen Wiener Journals" erworben habe. Als Vertreter der neuen Inhaber werde die Generaldirektion übernehmen, Ministerlaidirigent Haentschel. Daraufhin dementiert der bisherige Besitzer des„Neuen Wiener Journal", Lippowitz, daß in seinem Blatte irgendwelche Besitzveränderungen erfolgt seien. Es Ist ein besonderes Pech, daß gerade am Tage vorher das Wiener Amtsblatt den Auszug aus dem Handelsregister veröffentlicht hat. in dem die neuen Kommenditoren des „Neuen Wiener Journal" namentlich aufgeführt werden. X. (Der Inhalt der weiteren Gesänge kann noch nicht vorausgesagt werden, da vor dieser Wirklichkeit jede Fantasie versagt.) Was man sich zuflüstert „Wissen Sie, weshalb«o viele neugebackene Nazi» unzufrieden zu werden beginnen?" „Weil Herr Schacht die Gesinnung, wachse! nicht mehr prolongieren kann!" » Auf der Zugspitze soll ein neues Konzentrationslager errichtet werden! Man hofft, daß die Inhaftierten hier sdinellerbraun werden! ff! JÜWg Wie kennen die TJläcdec Von Stefan Heym: Wir kennen die Felder, auf denen sie flohn, Wir kennen die stillen Chausseen. Wir kennen die Mörder, das Auto, den Lohn und den Erdwall, auf dem es geschehen. Wir kennen den Herrn, der es unterschrieb. Wir wissen, er schläft zur Nacht noch in Ruhe und hat sein Mädchen lieb—- Sie hat man umgebracht. Das spritht sich so leicht: Ein IT'ort, ein Klang— Die Hönde ins Erdreich gekrumpft,. Die Toten schweigen ewigkeitslang. Das bißchen Blut verdampft. Der Himmel ist grau und das Auto fährt fort. Es schwebt noch ein Wölkchen Bentin in der Luft, wird dünner, verfliegt und verdorrt— Es wird ihnen nicht tertiekn. Die Toten von nah und die Toten von fern, die man tur Flucht antrieb. Wir kennen die Mörder, wir kennen den Herrn, der das Urteil unterschrieb. Der Toten Augen sind so leer und sind doch unheimlich wach. Der Toten ist schon ein ganzes Heer, es werden von Woche zu Woche mehr, und sie holen die Mörder nach. Die veccüchte WeClge&cfuchie Hammer, Sichel und Hakenkreuz Die Sache ist kaum ein halbes Jahr her. Wir saßen zu sech«t beisammen und erfanden Parodien gegen das„dritte Reich". Einer erzählte die Geschichte eines Mädchens, das den Bräutigam verliert, weil die Hitlersrhe Erneuerung kommt und die Blonden herrschende Mode werden.„Ist alles x-mal dagewesen, ist keine Parodie", erklärte die Runde einhellig. Ein anderer ließ einen Pfarrer Urkundenfälschung und Meineid begehen, well dem Pfarrer die Verzweiflung eines Familienvaters zu Herzen ging, der wegen der Großmutter Stellung und Heimat verlieren sollte. Ein dritter wollte den Mann be- dlrhten, der grundsätzlich alles ablehnt, was mit dem bloßen Verstand zu begreifen ist und der nur die unglaublich- sten Thesen des Führers glauben Will,„Ist in Iiitierdeutsch» Und alles an der Tagesordnung", konstatierte die Runde. Lind es zeigte sich, daß es nahezu unmöglich ist. die braune Wirklichkeit mit Grotesken zu überbieten. Zum Schluß meinte einer, das„dritte Reich" sollte endlich einen Orden herausbringen, der alle gestohlenen Ideen und Glaubens- artikel der Nazis bildhaft präsentierte, so daß er von links wie von rechts, von Hitler, Thyssen und Stalin getragen werden künnte. Dieser Vorschlag endlich schien Nichtdagewe- soncs zu enthalten und erregte allgemeine Heiterkeit... Das war, wie gesagt, vor einem halben Jahre. Jetzt liest man in verschiedenen Blättern de« Auslandes, für den 1. Mai werde in Deutschland eine Ansteck-Plakette herausgebracht, die Von Hitler entworfen und Hammer und Sichel nebst Nazipiepmatz und Hakenkreuz und Zwischendrin au dl den Kopf Goethes zeigen soll... Der verrückte Witz der Weltgeschichte erwiese sich also Wieder einmal genialer, als clio skurrilsten Einfälle satirischer Köpfe. B. Br. Zerschlagen Der„Wellbund-Nachrichtendienst", herautgegenen von der Nachrichtenabteilung des Weltkomitees der Christlichen Jungmännerverfine in Genf, schreibt:„Die Arbeit unsere« deutschen Bruderwerkes in den sogenannten„Evaugelisdiea Jungmännervereinen", den kirchlichen Gemeindevereinen, ist zum größten Teil zerschlagen..." Qoelhe übet tfCiiiec „Dach das tun audece meht"... In diesen Tagen ist In Ncuyork, so lesen wir in der„Neu- >orker Neuen Volkszeitung" vom 14. April, ein Pamphlet in deutsche* Sprache gegen die Juden erschienen, das geradezu ein Musterbeispiel für die FälscherkunststUcke dieses arischen Verleumders im Gewände eines deutidi-amerikanisdtmi Biedermannes in Neuyork Ist. Es lohnt sich wirklich nicht, «üfses minderwertige Zeug ernst zu nehmen. Da aber an die- 8p r Stelle dem Nazischwindel die Wahrheit entgegengestellt wird, sei zum Schluß ein Fall, der überall größte Heiterkeit Erregen wird, aufgedeckt. In dem Pamphlet wird Goethe als Judenfeind für Hitler »i Anspruch genommen. Der Schafskopf, der das Pamphlet peschrieben hat, hat In der Hauptsache„Frltschi Handbuch '' r Judenfrage" abgeschrieben, sich also mit fremden Fe- •-"n der Lüge geschmückt. Vorausgeschickt sei. daß Goethe nie ein Antisemit gewesen ' s l Gewiß findet sich in„Wilhelm Meisters Wanderjahre" ein Zitat, dessen zweiter Teil von den Nazis meist verschwiegen wird, um«einen Sinn zu entstellen: „Das israelitische Volk bat niemals viel getaugt, wie es ihm«eine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben, es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker: aber an Selbständigkeit. Tapferkeit. Festigkeit, und wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähigkeit sucht es seinesgleichen. El ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist. es war, es wird sein, um den Namen Jehovah durch die Zeiten au verherrlichen." Aber Goethe hat seinem Freunde Lemmel in Prag gegenüber frank und frei geäußert« „Ich hasse die Juden nicht. Was»Ith In meiner früheren Jagend als Absehen gegen die Juden In mir regte, war mehr Scheu vor dem Rätselhaften, vor dem Unschönen... Erst später, als Ith viele geistbegabte, feinfühlige Männer dieses Stammes kennen lernt«, gesellte sich Achtung au der Bewunderung, die ich für das bibelschöpferische Volk hege und für den Dichter, der das Hohe Liebeslied gesungen." Tatsache ist ferner: a) Goethe hat mit dem Philosophen Her«, dem Musiker Meyerheer, dem Berliner Sammler Frledländer, dem Prager Bankier Lemmel die freundlichsten Beziehungen unterhalten, er hat mit Marianne Meyer, verehelichten von Eybenberg, und ihrer Schwester Sarah Freundadtaft gepflegt und die tiefe Leidenschaft, mit der Rahel Lewin, verehelichte Vamhagen, an ihm und seinem Werke hing, aufs dankbarste empfunden und anerkannt! Er hat im Alter unter den Reisenden Jeder Art„auch Juden und Judengenosseu häufig zur Tafel gezogen". Eduard 81m- son. Münch, Eduard Gans sind he! Ihm gewesen, den Maler Oppenlieimer, den Dichter Michael Beer hat er gefördert, ohne daß ihr Judentum jemals auch nur mit dem Schatten eines Bedenkens sein Bewußtsein gestreift hätte. Und er hat Im letzten Jahrzehnt seines Lebens ein Verhältnis von tiefer, bewundernder Zärtlichkeit eu dem Enkel Moses Mendelssohns gehabt, c^.i genialen Knaben Felix Mendelaaohn-Bartholdy, der viele Wochen in«einem Weimarer Hau« war. b) Daß die grüßte nachbiblische Erscheinung des Judentums, der Philosoph Baruch Spinoza, einen tiefen, bestätige»- den und wegweilenden Eindruck auf Goethe gemacht hatz kann eigentlich nur ein Fanatiker wie Chamherlain bestreiten. c) Erst neuerdings hat ein Forscher, Raimund Eberhard, nachdrücklich auf Goethes Beziehungen zum Alten Testament hingewiesen, Goethe ist ein Helfer und Rufer im Streite für den Menschheitiwert des Alten Testaments; er bat Zeit seines Lebens von frühester Jugend bis zum spätesten Alter dem Alten Testament sein Interesse zugewandt. Die Kenntnis des Alten Testaments war ihm ein „Besitz für immer" und eines der Fundamente seines Geiste«. Aber schließlich sei an einem sinnfälligen Beispiel eine in der Wirkung lustige Fälschung als Tatsache dem Na/.ischwin- del entgegengesetzt, dem auch das Neuyorker Pamphlet erlegen ist: Der Naziheld aus Yorkville, der sein Jammerprodukt denen. die nie alle werden, zum Preise von 10 Cents znbietet. beruft sieh gegen die Juden zuf Goethes schwank„Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern", in den ein parodistisches Esther-Drama eingebaut ist. Es heißt da, „Der Jude liebt das Geld und fürchtet die Gefahr, Er Weiß mit leichter Müh lind ohne viel zu wagen, Durch Handel und durch Zins, Geld aus dem Land zu tragen. i>" Aber der Neuyorker Schwindler sagt nicht, daß Goethe diele Worte den Judenfeind Hamann sagen läßt und läßt die Fortsetzung fort, in der der König antwortet: „Ich weiß das nur zu gut, mein Freund, ich bin nicht blind; Doch dzs tun andre mehr, die unbeschnitten lind." Diese oft zngeführte Stelle ist eih lustiger Beweis antise- mltischer Propaganda, die alle Schuld auf die Juden abschieben will, Das bunte Matt .Deutsche Freiheit", Nummer 96 Donnerstag, 26. April 1934 Die(Quittung Von Ärnolö l^weig Gewehrgeschosse kommen schräg angeweht, schlagen auf, es stäubt, sie fliegen weiterhin über die Köpfe deutscher In- fanteristen, schlagen irgendwo jenseits des Grabens end- gültig ein. Die weißen Wolken des Schrapnells entladen einen Guß von Blei, senkrecht, von vorn, von rückwärts,' manche ihrer Kugeln finden den schmalen Ritz, den der vorderste Grabes in die weit hingelegten Felder reißt. Granaten singen herbei, gehen zu kurz nieder, zu weit, schlagen mit einem tödlichen Krachen ein Loch in die braune, noch trockene Erde. Der Schützengraben, diese dünne Linie, zackig hin und her, tief gehöhlt, ist ein fast sicherer Aufent- halt im Vergleich zu der sechshundert Meter breiten Ebene, die zwischen ihm und dem zweiten Graben ganz sanst an- steigt. Dies die Szene, aus der sich sogleich eine ganz winzige und beinahe unbedeutende Handlung-begeben wird, die man mir erzählte und die ich gelaunt bin, nicht zu verschweigen. Schützenfeuer auf weitem Abstand. Die russischen Salven werfen Massen schlecht gezielten Bleis heran! unsere beiden Linien antworten bedächtiger, der Major in der zweiten horcht genau und befriedigt hin, findet alles gehörig und richtet sich wieder nach vorwärts, gegen den Feind. Der Acker vor ihm stäubt wie gepeitscht. Ehe er jene fern feuernde dunkle Reihe in das Reich seines Glases zieht, von der ihm gesetzt ist, zu machen, daß sie nicht mehr schieße, verstumme und weiche, zielt er mit einem Blick, der nur flüchtig gemeint ist, auf seine erste Kompanie, deren Entserntheit von sechs- hundert Metern das gute Glas sehr vermindert, und er- staunt, und prüft genau, und begreift nicht, was er gewahrt: dort vorn strahlen eben nicht mehr als zwanzig Blitze aus den Läufen, es müssen aber zweihundert sein. Erst erschrickt er, dann errät er— da eine Feuerpause jetzt undenkbar ist—, daß sie dort vorn mit Munition sparen müssen: zwei Herz- schlüge danach, während das Blickfeld langsam rechts seit- wärts wandert, trifft es aus einen Mann, der Zeichen macht, einen Winker: der Oberleutnant neben ihm bemerkt ihn auch und sagt sehr erregt das Wort, das ihm selbst sogleich kommen wird:„Verschossen, sie haben sich verschossen." Und die beiden Offiziere blicken einander bestürzt an, fegen gleich- sam über das behagelte Land hin und sehen wieder einer in die Augen des anderen. Die erste Kompanie des Bataillons ist vorgegangen und wühlt sich schnell ein. Die beiden anderen sind gefolgt und haben sich weiter hinten auch ein- gegraben. Zwischen den beiden Stellungen gibt es noch keinen verbindenden Kanal: dazu ist keine Zeit mitten im Gefecht. Und nun soll die vordere Linie schweigen? Kein Zweifel, daß der Feind es bemerkt: setzt er seine Massen zum Sturm an, so muß das ganze Bataillon zurückgehen oder... Der Major läßt in seiner Nähe das Feuer stoppen und schreit den Leuten zu, worum es sich handelt: Freiwillige vor, mit Munition zum vorderen Graben. Die Musketiere sehen zweifelnd und verlegen vor sich hin, schielen rasch auf das stäubende Feld, auf das soeben zwei Granaten schlagen, eine blindgehend, die andere einen Brunnen Erde aufjagend, und schweigen. Sie schwiegen, und der Major begreift sie sehr gut. Noch zögert er, irgendeinem oder mehreren den Befehl zu geben, dem jeder gehorcht: aber die da vorn schießen nicht mehr, sie winken— und er, dem schon der Befehl sich im Munde formt, wiederholt das Wort von vorhin, dieses un- wirksame Wort: Freiwillige vor! Der Gemeine Faustin Krupps legt das Gewehr beiseite, steht stramm und meldet sich bereit. Dieser Kruppa, ein Oberschlesier, dient sein zweites Jahr und gehörte im Frieden zu den schlechtesten Soldaten des Bataillons, mit dem sich die Unteroffiziere und der aus- bildende Leutnant vergeblich geschunden haben. Er turnt elend, er leistet in der Instruktion jene Antworten, von denen die Witzblätter leben: seine Unsauberkeit erregt den Widerwillen selbst der Stubenkameraden, und die Langsam- kcit seines Wesens vermag jedermann außer Fassung zu bringen. Nur zwei Dinge gelingen ihm: er schießt leidlich, wenn er lange genug zielen darf, und er benutzt Deckungen im Gelände wie ein pirschender Fuchs. Aber jetzt steht er stramm da, krummbeinig, das gelbliche Gesicht schwarz be- ivachsen, und wird ausrecht über das Feld zu laufen ver- suchen. Der Major hat keine Zeit, sich zu freuen: er kontrol- liert, wie man den Mann hastig mit Patronentaschen be- hängt: ein Tornister wird ausgeschüttet und wieder voll- gestopft: er berechnet eilig die Zahl der Geschosse, die in den Packungen enthalten sind, aber ein Unteroffizier meldet sie: achthundertvierzig Patronen, und sie stimmt. Und jetzt erst, wie Kruppa im Begriff ist, aus dem Graben zu klettern, schwer behindert von der Last des vielen Metalls, überkommt ihn die Freude: der erlösende Uebermut, daß es gehen wird. Mündet in cin-m beglückenden Spaß, und er droht ihm mit erhobenem Finger:„Daß du mir ja die Ouittung bringst! Im deutschen Heere wurde je? erhaltene Patrone vom Emp- länger sogleich bescheinigt— sonst, unter ruhigen Umständen, wenn die Zeit dazu geeignet war... Kruppa verläßt den Graben. Erst läuft er im Bogen links vorwärts, aber achthunbertvierzig Patronen haben ihr Ge- wicht und so geht er bald im Schritt. Der Major behält ihn im Felde seines Glases. Aber dies ist nur die äußerlichste und schwächste Geste einer leidenschaftlich inneren Ber- bundenheit: die Seele spannt vom Auge des einen zum Rücken des anderen einen mütterlichen Strang zwischen dem Befehlenden, der da liegt, und dem freiwillig Gehorchenden, der dort geht wie ein bedächtiges Tier, umstäubt von den kleinen Wolken bleiernen Mords, gelassen wie einer, der kraft eines gewöhnlichen Wunders weiß, daß die beste Art des Ausweichens in dieser Lage verlangt, die Gefahr recht kürzesten Weges zu durchschreiten. Der Major fühlt, wie der andere vorwärts kommt, eine immer gelassenere Ruhe: ihm ist, jenem kann, kann nichts zustoßen, solange er selbst hier in Sicherheit liegt und ihn mit der Seele umhüllt, die ihm starr aus den Augen tritt: und darum erschrickt er nur ganz kurz und oberflächlich als Kruppa sich plötzlich niederläßt, sitzt, sich hinlegt, aus dem Bauche ausstreckt: der ruht nur aus, weiß er genau, der ist nicht getroffen, Verwundete stocken jäh. er ist nur müde, achthundertvierzig Patronen haben ihr Ge- wicht. Der Leutnant neben ihm sagt:„Ten Hots." Der Major zuckt die Achseln und denkt: Unsinn. Solange ich nicht selber hier in meinem lebendigen Innern den Schlag spüre— und der Gedanke verläuft im Dunkel der Spannung, wann denn der Liegende: jetzt schon richtet er sich auf. Er geht. Er mißt das Feld mit seinen großen Schritten wie ein säender Bauer, das einzig Aufrechte in der Ebene, überjagt von den Geschossen der Feinde, die von vorn kommend ihn überfliegen, der Freunde, die von Hintenher über seinen Nacken pfeifen. Ter Major schätzt den Abstand bis zum Ziel: noch hundert Meter. Er bildet sich die gespannten Gesichter der Kameraden ein, denen der Geher eine Gabe bringt, not- wendiger jetzt als Nahrung, Schlaf und Tod. Der Leutnant sagt ganz verwundert:„Wahrhaftig, er schaffts!" Eine Granate wirft sich zur Erde, wie ein teuflicher Vogel steil auf sein Netz stürzt, brüllend vor Freude: aber Kruppa sieht sich nur um nach ihr. und der Major fühlt auf seiner eigenen Gesichtshaut die verängstigte Miene, die er nicht sehen kann. Kruppa springt in den vorderen Graben: der Leutnant sagt:„Hurra!" Der Major setzt das Glas ab: er muß sich ausruhen. Er weiß nicht, ob diese Zeit lang war oder ganz kurz: nur, daß innerhalb zweier Minuten bort vorn das Feuer wieder beginnt, und daß er den Hauptmann zur Rede stellen wird, weil er erst jetzt mit den Schüssen wird sparen lassen. Da ihm das Herz wieder ruhiger schlägt in der Brust, nimmt er das Glas aus: ja, Schüsse blitzen wieber wie vorhin. Wie? Ein Mensch steigt aus dem Graben dort, steht da, beginnt zu laufen? Der Major spürt einen Ruck: die Ell- bogen richtig in die Seiten gesetzt und die Fäuste geballt, kommt einer im Dauerlauf daher, ganz gerade auf ihn zu, in dem langsamen und ausgiebigen Trabe, der auf dem Kasernenhof eingeübt ist. Jsts Kruppa? Hat der Hauptmann etwas ganz Wichtiges zu melden? Er prüft sofort die feind- liche Linie, aber er merkt keine Veränderung und auch die Batterie drüben hat sich noch nicht besser eingeschossen. Ucber das rauchende, umheulte, umdonnerte Feld läuft der Soldat, grau im grauen Himmel, schlank und ohne Gepäck, er springt über einen Stein, er biegt um ein Granatloch, er läuft. Der Leutnant sagt:„Da bin ich doch neugierig." Der Major sieht, jetzt schon ohne Glas: in das rote, keuchende Gesicht des Sol- baten: zwischen dem zweiten und dritten Rockknopf steckt etwas Weißes, die wichtige Meldung, diese Nachricht, die ein Menschenleben wert gehalten wurde. Hände strecken sich dem Angeklagten entgegen und Helsen ihm hinab. Er stöhnt, aber er steht stramm, reißt den Zettel hervor und hält ihn, dem Major entgegen. Der entfaltet, liest:„Achthundertvierzig Patronen empfangen, Dietrich, Hauptmann"— und sieht wortlos dem Gemeinen ins gleich- mütige Gesicht. Er weiß nicht, was er sagen soll, denn dieses Gesicht drückt nur aus: alles in Ordnung, Befehl ausgeführt, die Ouittung. Darum sagt er schließlich, mit einer väter- lichen Zärtlichkeit, von der er wenig in die Stimme fließen läßt:„Gut, mein Sohn. Kriegst dein E. K. Wegtreten." Kruppa wundert sich etwas über den Ton, den er noch nie gehört hat, aber er freut sich so viel mehr, daß er die Ber- wunderung sofort vergißt: er tritt weg, das heißt, er begibt sich zu seinem Gewehr. Der Mann, der die Welt kennt H. V. Morton Ein junger Mann steht hinter dem Ladentisch des Reise- büros und behandelt seine Klienten mit der Ueberlegenheit eines olympischen Gottes. Schnell und klar gibt er den Reise- lustigen, die sich um ihn drängen, Auskunst, während seine Finger mechanisch in Kursbüchern und Reiseführern blät- tern. Mit unendlicher Geduld behandelt er die erregten alten Fräuleins, die genauestens über alles informiert sein wollen, nachdem sie einen anderen Angestellten stundenlang gequält haben und nach der 144sten Frage abgefertigt wur- den. Der junge Mann beruhigt sie, und schließlich ziehen sie begeistert ab:„Welch ein reizender, liebenswürdiger junger Mann." Jüngere Frauen nennen ihn einen„feinen Kerl", und Backfische drehen sich nach ihm um und sagen:„Ist er nicht süß?" Der junge Mann ist hübsch sonnengebräunt. Die besondere Atmosphäre des Globetrotters umschwebt ihn. Obgleich er im Grunde Engländer ist, hat er den Charme zwölf fremder Nationen in sich. Im Winter, als man nach Italien und Aegypten fuhr, standen hunderte Reisende staunend vor diesem jungen Mann und bewunderten seine Weltkenntnis. Es gibt keine Stadt auf Erden, die er nicht kennt. Er könnte Ihnen einen Straßenplan von Trieft ebenso schnell auszeichnen, wie eine Karte von Moskau. Er ist ein lebendiger Wegweiser, der bald nach Brighton, bald nach Bagdad weist. Die Männer bewundern sein Wissen: die Frauen seine Sicherheit. Sie fühlen, daß dieser Mann niemals in einen falschen Zug steigen würde ober einen falschen Anschluß bekommen könnte. Bei Vergleichen mit Ehemännern auf Reisen kommt der junge Mann, der die Welt kennt, immer gut weg. Tie Ehemänner verlieren ihren Paß, sie geraten wegen des Ge- päcks in Aufregung und schlagen Krach, sie stoßen die Frem- den durch ihr grobes Benehmen ab und mißtrauen offen- herzigen neuen Bekannten. Aber, der junge Mann aus dem Reisebüro kennt die Welt und weiß seinen Weg. Er behält immer seine kühle, klare Ueberlegenheit. Es genügt, den jungen Mann zu beobachten, während er eine Gruppe von Oster-Touristen abfertigt, und man er- kennt, baß er seine Kenntnisse richtig verwertet. Ernsthaft hört er dem komischen Mann zu, der für eine Reise nach Paris seine mageren Beine in Riesen-Pelz- pantosfel gesteckt hat und mit gewohnter Schnelligkeit sagt er ihm, daß der Zug, der 12.13 Uhr von Calais abfahre, um 16.23 Uhr in den Gare du Nord einfahre. Eine fast väterliche Güte ist in dem Ton, in dem er einem winzigen, kindischen Grotzmütterchen versichert, daß Bade- karren»nd Strandkörbe ein natürliches Zubehör des Siran- des von Bornemouth seien: eine Sekunde danach berät er eine grauhaarige Dame mit der Fürsorglichkeit eines Soh- nes und schlägt ihr vor, 3.43 Uhr den Zug von Paddington zu nehmen. So könne sie ihren Tee auf dem Weg nach St. Joes trinken. Und dann wendet er sich mit derselben beruflichen Nachsicht einem jungen Mädel zu. Sie gehört zu dem Typ junger Mädels, die junge Männer immer mal aus den Armen wilder Banditen aus dem Riviera-Expreß befreien wollen, aber niemals befreien. Sie hat schon eine Weile gewartet, und ihre Augen blicken slehent- lich auf diesen mustergültigen jungen Mann. Aber der junge Mann, der die Welt kennt, hört sie an. als wäre sie eine plappernde Puppe und erklärt ihr twnn — ohne einen Hauch von Galanterie— es gäbe für sie sieben ausgezeichnete Züge von Milano nach Como, wenn sie unbedingt via Taronno fahren müsse. Sie dankt und wen- det nochmal ihren Augenausschlag an: aber der junge Mann spricht bereits zu einem Mann mit langem weißen Backen- bart über Brightlingfea. Nachdem er die letzte reiselustige Jungser abgefertigt hat. greift der junge Mann nach seinem Hut und macht sich auf den Heimweg. In Brixton steht ein kleines Haus in einer Straße auS vielen rleinen Häusern, die sich so ähnlich sehen, baß die Frauen Goldfischkugeln und Blumen vor daS Fenster stellen, damit ihre Männer den Weg ins Heim zurückfinden. Auf ein solches Haus geht„der Mann, ber die Welt kennt", zu. Er öffnet die Tür mit seinem Schlüssel und in der Diele steht Du kennst den jungen Mann nur beruflich und erwartest Haufen von Saratoga-Koffern. und einen ge- schnitzten Tisch und chinesisches Porzellan und vielleicht auch einige dieser scheußlichen Wanderstäbe, die von selbst mit dem Wanderer mitwandern.— Nichts dergleichen.— In der kleinen Diele steht allein ein Hutständer, der seine Mahagony-Arme gierig nach Hüten ausstreckt. Der junge Mann lauscht. Dann geht er auf Zehenspitzen in das Zimmer, in dem eine blonde, zarte junge Frau ein Baby einwiegt. „Guten Abend. Perce," sagt sie.„War heute viel zu tun. Lieber?"„So, so— es geht," antwortete er.„Ein bißchen Paris— Nizza— Schweiz Was gibts zum Abend- brot?"„Sardinen." Es muß Abwechslung in das Leben eines Mannes brin- gen, zum Abendbrot Sardinen vorgesetzt zu bekommen, nach- dem er vorher Fremden lange zugeredet hat, den Kaviar wenig bekannter Restaurants des Kontinents auszu- probieren. Der junge Mann lächelt und sagt:„Gut." Und dann sitzen sie beim Essen, und er scheint sich für das ausgewachsene blaue Kleid ihm gegenüber sehr wenig zu interessieren. „Effie," sagt er plötzlich,„ich möchte Dich über Pfingsten so gern nach Paris führen." Lieber, aller Junge," flüstert sie,„es ist wirklich eine Schande, daß Du noch nie im Ausland warst. Du möchtest doch so gern hinreisen, nicht?— Bielleicht, wenn Du mich nicht geheiratet hättest..."-, Er geht zu ihr und küßt sie. „Perce," fragt sie.„wohin reisen wir diesen Sommer in den Ferien„Na wie immer, denk' ich."„Ich habe dieses Southend schon so—o—o über," stöhnt sie. „Könnten wir nicht nach Ramsgate...?" Der Mann, der die Welt kennt, steht auf und geht sorgen- voll im Zimmer hin und her, dreht sich dann zu seiner Frau um und sagt— so unentschieden, wie niemals, wenn er von den Reisen anderer spricht: „Ich werde sehen, was sich machen läßt." Modernes amerikanisches Denkmal Die Amerikaner haben stets aufs neue grandiose Einfälle. Jetzt bereitet man die Errichtung eines Denkmals vor, das dazu bestimmt ist.„die Moral des amerikanischen Volkes während der Srisenzeit" zu verherrlichen. Und das wird keine kleine Angelegenheit werden! Das Denkmal wird aus einer hundert Meter hohen zylindrischen Säule bestehen, die auf einem immensen runden Sockel ruhen wird. Rund herum werden Marmorfiguren gruppiert werden. In ber Tat wird man allegorische Darstellungen des„Bankrotts der Finanz- institute", der„Politischen Korruption" und des„Zusammen- bruchs von Handel und Industrie" bewundern können. Diese Allegorien werden von geflügelten Genien überschattet, die den Mut, den Glauben und den Idealismus darstellen. All daS wird mit dem Geld der 48 Staaten der Union erbaut, die sich zum Ruhme der„amerikanischen Moral in der Krisenzeit" zusammengetan haben. Ein Bauwerk, das wirk- lich sehr erhebend zu werden verspricht! Gin Kapoleon-Turm geborsten Fünfundfünfzig befestigte Türme schützten einst die eng- lisch« Küste gegen einen Angriff Napoleons. Bor 120 Iahren war das die modernste Besestigungsart der Welt Unein- nehmbar, wie heute die Betonklötze der französischen Ost- grenze. Aber heute hat England keinen französischen Ein- fall mehr zu fürchten, die 33 Türm« haben ihre Schuldigkeit getan. Napoleon ist nicht gelandet und so stehen sie als histo- rische Zeugen an den Küsten. In Eastbourn ist nun einer dieser Türm« geborsten, durch eine Erdsenkung bekam er einen gewaltigen Riß und bald werden nur noch 34 Türm« über den Kanal dräue«. „Verehelkhungszeiignis" Was die Nazijuristen fordern""" Das Problem einer Gesunderhaltung des deutschen Volkes wird in bezug auf die Förderung nur gesunder Ehen im Zentralorgan des B u n b e s N a t i o u a l s o z i a l i st i s ch e r Deutscher Juristen zur Debatte gestellt, dessen Her- ausgcber R e i ch s k o m m i s s a r Dr. Hans Frank ist. Im Nahmen der einzelnen Betrachtungen macht dabei der Amtsgerichtsrat B o r st den Borschlag, ein V e r e h e- l i ch u n g S z e u g n i s einzuführen. Generell solle in Zu- kunft die Eingehung einer Ehe von der"Erfüllung bestimmter Voraussetzungen abhängig gemacht werden,' der Verfasser nennt, wie eine Korrespondenz mitteilt, als seine Vorschläge die folgenden fünf Boraussetzungen: 1. ein amtsärztliches Zeugnis über die körperliche und • geistige Gesundheit, 2. die eidesstattliche. Versicherung jedes Ehegatten, daß er fein rassefremder Mensch ist, kein Jude, Neger u. dgl. lAnsnahmen sollen der Genehmigung bedürfen), 3. Bescheinigung des zuständigen Wohlfahrtsamtes, daß die Brautleute von der öffentlichen Unterstützung unab- hängig find, 4. Nachweis, daß keiner der Ehegatten in den letzten drei Jahren mit Zuchthaus v o r b e st r a f t wurde, ö. Nachweis, daß etwaige Unterhalts anspräche unehelicher Kinder der Brautleute sichergestellt sind. Im übrigen solle die Eheschließung nicht unnötig erschwert werden. Doch müsse der Standesbeamte veranlaßt werden, die Eheschließung nicht vorzunehmen, wenn das Berehe- tichungszeugnis nicht vorliegt. Madrid In Unruhe Die Sozialisten befürchten Gewaitaireic* der Rechten Paris. 25. April. Aus Madrid wird berichtet, daß im Laufe der Nacht sich im Volkshaus eine ziemliche Erregung bemerkbar machte. In sozialistischen Kreisen war das Gerücht von einem Gewaltstreich rechtsstehender Elemente ver> breitet. Der Vollzugsausschuß der Eisenbahnergewerkschast wurde für 2 Uhr früh dringend einberufen. Auch die meisten Führer der sozialistischen Jungmannen hatten sich im Volks- Haus eingesunden. Wie man erfährt, sollen auch die meisten Regierungsmitglieber im Innenministerium zusammen- getreten sein. Andererseits wird berichtet, daß iür Mittwoch- vormittag eine Regierungskrise erwartet werden könne, da zwischen dem Kabinett und dem Präsidenten der Republik in der Amnestiefrage schwerwiegende Meinungsverschieden- heilen entstanden seien. y.. Keine Regfcrongshrlse Madrid, 24. April. Die für heute erwartete Regierungs- krise ist nicht eingetreten. Man hat eine eigenartige Form gesunden, die Bedenken des Präsidenten der Republik gegen das Amnestiegesetz zu zerstreuen'und die Zurückverweisung an die Cortes zu verhindern: die von Aleala Zamora als verfassungswidrig beanstandeten Punkte werden nämlich durch Ausftthrungsdekrete in ihrer Wirkung korrigiert werden. Es-beißt,-baß-die F re i l-t»44»n g der durch"die Amnestie begünstigten politischen G e- ßn n gen«v umd toe.>Rü cf koch». der im ffi r ieche* kindlichen Monarch! st en ohne Rücksicht auf etwaige weitere parlamentarische Auseinandersetzungen nunmehr unmittelbar bevorstehe. Neuer riitaiushandai In frankreich? Der Zusammenbruch der Genossenschaftsbank dnb. Paris, 25. April. Die Einlagen der in Schwierig» leiten geratenen Genossenschaftsbank betragen nach einer Mitteiung des Finanzministers. 345 Millionen Franken. Von diesem Betrage soll nur ein verhältnismäßig geringer Teil zu retten sein. In politischen Kreisen spricht man davon, daß die Untersuchung zur Aufdeckung eines ungeheueren Skandals führen dürfte, in den viele Parlamentarier ver- wickelt seien, und vor allem—„Figaro" zufolge— viele Millioneneinlagen zur Finanzierung sozialistischer Kandi- baturen bei den Kämmerwahlen von 1932 gedient haben. Andere Beträge sollen au«' Empfehlung linksstehender Poll- Wer in zweifelhaften Unternehmungen angelegt worden sein. Vi« Opfer von Senllze 110 Bergleute dnb. B«lgrab, 24. April. Das Begräbnis der Cvfer der Bergwerkskatastrophe von Scnitze, das ursprünglich am Dienstag hätte stattfinden sollen, ist infolge der ungewöhn- lichen Hitze noch am Montagabend vorgenommen worden. Die Vorbereitungen zur Beerdigung waren nur kurz. Hnn« dreizehn Särge wurden an einem besonderen Platze, den die Vergwerksdirektion bereitgestellt hatte, in die Erde versenkt. Es konnten nicht alle Töten beigesetzt werden, da 27 Leichen «och in der Grube liegen. Auf dem Friedhof hatten sich etwas liber 2001) Menschen angesammelt. Der Beerdigung wohnten auch der Minister für Sozialpolitik und der Rergbauminister bei. Die Vertretungen zahlreicher Staaten haben der füd- slawischen Regierung anläßlich der Katastrophe ihr Beileid ausgesprochen. 57? Itönser niedergebrannt 33 Feuerwehren in Tätigkeit dnb. Belgrad, 25. April.- Wie die„Vreme" berichte', liat Brand in Kralsewatz, einem Markte im Nordwesten Süd- slgwiens. katastrophale Ausmaße angenommen. Das Feuer zerstörte 377 Häuser und vernichtete alle Lebensmittel- und Futteroorräte der Bevölkerung. 33 Feuerwehren aus der näheren und weiteren Umgebung des Ortes hatten an der Bekänip'nng des Flammenmeeres teilgenommen. Infolge des starken Windes waren jedoch alle Anstrengungen»er- (Kblidj geblieben. Das Rote Kreuz leitete bereits eine Hilfsaktion ein, an der sich auch die Kpukschtina und der Senat in Belgrad beteiligten. Der durch das Feuer entstandene Schaden kann zur Zeit noch nicht annähernd abgeschätzt w'rden. Der Brand wurde durch Kinder verursacht, die mit S reichhölzern gespielt hatten. Auch aus anderen Teilen des Staates werden infolge der ungewöhnlichen Hitze folgenschwere Brände gemeldet. Bei Vanja Luka in Bosnien zerstörte da» Feuer einen Wald mit 8(10(WO Stämmen. Bei Esseg an der Drau brannte eine Taninfabrik nieder. Der französisch« Außenminister in Polen Minister Barthon auf dem Bahnhof in Warschau Von links: Der französische Militärattachee in Warschau, General d Arbonncau, der Minister Barthou, der Vertreter der polnischen Regierung, Graf Rommel. Der Leiter der französischen Außenpolitik macht setzt durch Polen und die Tschechoslowakei eine Rundreise, die Festigung des französischen Bündnissystems dienen soll. .nzösische Botschafter Laroche, der Die Spannung In Mama China gegen Japans Vorherrschalf Schanghai, 24. April. Wie halbamtlich mitgeteilt wird, hat die chinesische Re- gierung am Dienstag der japanischen Gesandtschaft eine Note zugestellt. Die chinesische Note beschäftigt sich mit der Stellungnahme Chinas zu der japanischen Erklärung am 8. April 4934, die den Grundsatz vertritt: Ostasien den Japanern!", und betont, die chinesische Negierung lehne über den Inhalt jede Aussprache ab, da unter diesen Umständen eine Verständigung zwischen China und Japan völlig un- möglich sei. Die chinesische Note verivahrt sich besonders gegen die Politik der japanischen Regierung, die darauf hin- auslaufe, eine„sogenannte" Polizeikontrolle über die chinesische Republik zu verhängen. dnb Tokio, den 24. April 1934. Das Kabinett ist heute vormittag zu einer Sitzung zu- sammengetreten, in der man sich offenbar mit den Rück- Wirkungen beschäftigt hat, die durch die offiziöse Berkündung einer Art oftasiatischen Monroe-Doktrin in der übrigen Welt ausgelöst worden ist. Es wurde nämlich nach Beendigung der Sitzung eine amtliche Verlautbarung aus- gegeben. Sie besagt: Japan könnte es nicht widerspruchslos dulden, wenn aus anderen Ländern zur militärischen Verwendung bestimmte Flugzeuge und Waffen nach China eingeführt werden. Von der Politik, die der Minister des Auswärtigen am 28. Januar in seiner großen Rede dargelegt hat, wird Japan keineswegs abgehen. Die japanische Regierung ist der Ansicht, daß es dem Frieden im Fernen Osten sehr förderlich sei» wird, wenn Japan im Geiste guter Nachbarschaft mit China zu- sammenarbeitet. Die nichtamtliche Erklärung, die vor einigen Tagen erfolgt ist, stellte nichts anderes dar, als eine Cr- Weiterung dieser Politik. Infolgedessen befindet sich der fach- liche Inhalt dieser Erklärung nicht im Widerspruch mit dem Grundsatz, daß allen Mächten in China nach dem Prinzip der offenen Tür gleiche Möglichkeiten geboten sind. Auch wird mit dieser Erklärung keineswegs die Unversehrtheit des chinesischen Gebiets angetastet. Die japanische Regierung hat nichts einzuwenden und wird auch in Zukunft nichts ein- wenden, wenn die Mächte China eine Hilfe ohne p o l i- tische Hintergründe««gedeihen lassen, so etwa in Gestalt der Verwendung der aus der Borer-Entschädigung zur Vcrsügnng stehenden Summen oder in Gestalt wirt- schastlicher Verhandlungen ohne politischen Hintergrund. Kulturelle Hilfeleistungen an China wird von der japanischen Regierung durchaus willkommen geheißen. Indessen kann die japanische Regierung die Augen nicht davor verschließen, daß die finanzielle und technische Hilse des Sl u s l a n d Ä s'■ r China die zeigt, eine politische? r b e nnb V»„ g an- zunehmen. Deshalb muß die japanische Regierung im Interesse der Ausrechterhaltung des Friedens im Fernen Osten gegen eine so beschossene Hilse Widerspruch einlegen. Abmachungen über die Lieferung von Militärflugzeugen und Waffen können letzten Endes nur dazu beitragen, den Frie- den und die Einiglei« Chinas zu stören. Das ist die Lage, in der sich die japanische Regierung sieht und sie hat den Wunsch, daß die Mächte diese Lage begreisen. *** ÜBüs sich die„Lämmer", denen der Wolf hier predigt, daß sie das Wasser lrüben, gesagt sein lassen und glauben werden, daß Japan selbstverständlich nur den„Frieden" will. Monroedoklrin heißt in diesem Falle natürlich bloß, daß der große chinesische Kadaver nur von dem gelben Wols gefressen werden darf.- die w e i ß e n aber sollen ihren Appetit bezähmen zum Besten des großen japani- schen Heißhungers. Japan findet, daß es dem chinesischen Kuli doch nicht gleichgültig sein könne, ob er nun von einem schlitzäugigen od?'- von einem Aankee-Ausbeuter ausgepowert„lDejde,—.. pbep. der undankbare Chinese findet nur. daß ihn Gott vor seinen Freunden bewahren möge.-■<- Audi Amerika fragt Tokio Washington, 24. April. Die Anfrage Sir John Simons an Totio. die erkennen läßt, daß mau in Großbritannien die gleichen Bedenken wegen des japanischen Auftretens gegenüber China hegt mit in Amerika, wurde in hiesigen politischen Kreisen mit dem größten Interesse zur Kennt- nis genommen. Wie verlautes, beabsichtigt das Staats- departement, in einigen Tagen eine ähnliche Anfrage nach Tokio zu richten. III amerShänisffie Ifnefssdilffe Binnen 24 Stunden durch den Panamakanal geschleust dnb. Panama, 25. April. Die Handelsschisfahrt durch den Panamakanal ist wegen der Flottenmanöver vorübergehend gesperrt worden. 30 Schiffe, darunter der britische Kreuzer „Exeter" warten auf die Beendigung der großen Uebung, Me darin besteht, 111 amerikanische Kriegsschiffe binnen 24 Stunden durch den Kanal zu schleusen. Ein amerikanischer Marineoffizier ist an Bad des britischen Kreuzers gekommen. Er hak die Maiiöverlage erläutert und wegen der Verzöge» rvitg um Entschuldigung gebeten. K6. gcarol am Scheidewege König Carol von Rumänien sieht sich in Anbetracht der bedrohlichen !Eage des Landes genötigt, aus höchst rfiiziellen Gründen eine private Entscheidung zu fällen. Die Nn- ruhen haben gezeigt, daß sein Volk unzufrieden mit der noch immer vorhandenen Bindung des Königs an Madame Lupescu ist, die sogar seine politischen Entschlüsse beeinflußt. Der Wunsch des Volkes ist die Aussöhnung mit der einstigen Gattin des Herrschers, Königin Helene, die die Mutter des Thron- folgers Michael ist und die sich über- all der größten Sympathien erfreut. T6i TrrniiÄ 43«13 M6iro P igalle Deutsche Poliklinik Paris, 62, Rue de la Rochefoucauld i) Allgemeine Konsultationen«t i Spezuhnen."I Chirurgie c) Geburtshill liehe Klinik d) Zahnärztliches Kabinett innere Medizin. Augen*. Ohren», Nasen« und Rehlkoplkrank ZweistöckigesJSinatortumsgebäude. Vierstöckiges Gebäude, Zimmer Zahn und Mundchirurgie. Gold- .leiten. Röntgen Diathermie. Elektrotherapie, öpenaibehand- Kleine, mittlere und große Chirur. mit 1 bis 4 Betten. 3 Aerzte, 3 Heb* und Porzellankronen.-Brücken lung bei Blut». Harn- u. Geschlechtskrankheiten gie. Die allermodernsteEinrichtung ammen und 2 Operationssäle. Kautschuk»Arbeiten Ordination täglich von 9—12 und 2—8; Sonntags und Feiertags von lO—12 und 2— 4 Uhr Doktor Wachtel und Doktor Axel Geschlechtskrankheiten, Männer nnd Frauen Nase, Hals, Ohren 123, Bd. Söbastopol.— Sprechstunden v. 9—12 u. 2—8 Uhr; Sonntags vormittags Metro: Reaumur. St Denis fernste jüdische Selcfuimcetu uue IDienec!Bächeeei-Qeschäfte jUuis 58, AVENUfc WAGRAM, lel. Camot 27-63 58. RUE DE PASSY, T.L Autauil 53-61 inserieren bring! liewinn jDocleur fpecialisk i DEUTSCHSPRECHEND- Münchener u. Pariser Fakultü 17, rue Reaumur Mttro Arts-et-Metiers od. R6publiquc Frauen., Blut«, Haut», Harn- und Ge* schlechtikrankheiten, Tripper, Syphilis, Männerschwäche. Neueste Heilverfahren. Elektrizität. Harn-, Samen» und Blutanalysen. Massige Bedingungen.(Auch tür Kassenversicherte. J Täglich von^- I und 4- 8,30. Uhr Sonn» und Feiertags, von 9 bis 1 u. auf Rend. v. Tel. Arch.54-27 Pariser Dcridite Pariser StraOcnhalcnder Ein französisches Verkehrsflugzeug, gesteuert von Lobin, hat sich mit den Fliegern Marcel und Jacques Duthey- Harispe als Insassen von Paris über Korsika und Tunis nach der internationalen Messe von Tel Aviv begeben. * Der monogassisdie Baron de Lussatz, der als Mitglied der marseiller Unterwelt mit den inzwischen freigelassenen Car- bone und Spirito wegen der Prince-Affäre verhaftet war und jetzt wegen einer Geschichte mit einem Brillantring verfolgt wird, soll nach Paris gebracht werden. Wie sich herausstellt, ist der Gangster wahrscheinlich deutscher Abstammung, denn man hat als Leiter einer Irrenanstalt in Nancy einen L'Herbon de Lussatz festgestellt, der geborener Württemberger und naturalisierter Franzose war. Dieser Lussatz war in Nancy in den sechziger Jahren tätig. * Von der Pariser Polizeipräfektur wurde der Gebrauch der in Paris sehr volkstümlichen Knips-Apparates mit Schlitzen für 25 Centimes-Stücke neu geregelt. Den Spielern darf keine Prämie geboten werden, auch sind Wettkämpfe verboten., * Franz Lehar kommt diese Woche nach Paris, um die lOOOste Aufführung des„Land des Lächelns" zu dirigieren. Marya Freund, die beim letzten Pariser Scherchen-Konzert im„Pierrot lunaire" von Schoenberg besonderen Erfolg hatte, gibt einen Zyklus von Interpretationen des Liedes von Mozart bis Richard Strauß Die Vorführungen finden am Montagnachmittag im Saal Dehussy statt. * Die Solidaritö Franchise(soziale und nationale Bewegung) hat Plakate anschlagen lassen, in denen in deutscher und französischer Sprache behauptet wird, daß die Flüchtlinge Straßenaktionen gemacht hätten und daß man dies nicht länger dulden werde und so weiter. Es heißt auch, daß die Flüchtlinge die Söhne des Landes auf offener Straße angegriffen hätten. Ferner werden die Deutschen dadurch verhöhnt, daß die Worte„Droit de vivre", in der Aussprache „Troit de Fivre", wiedergegeben werden. Wir registrieren diese Plakate, die Hitler viel Freude bereiten dürften. George Groß an der Seine* George Groß, der Maler des„Antlitzes der herrschenden Klasse" stellt gegenwärtig, wie man weiß, in der Galerie Eilliet in Paris aus. Unsere Hinneigung zu dem Werke des großen Karikaturdisten ist bekannt. Wie aber stellen sich die Kunstkritiker von der Lichtstadt Paris, der Hauptstadt der Malerei, zu diesem Polemiker des Zeichenstifts, der die Wahrheit über das Nachkriegsdeutschland wie kaum ein anderer gesagt hat? Pierre Mac Orlan schreibt im„Intransigeant":„George Groß ist in Berlin, den 26. Juli 1893 geboren. Dieser große Künstler, dessen Platz bedeutend ist in der Geschichte Europas seit 1918, ist dem französischen Publikum kein Unbekannter, das ihn versteht, wenn er sich manchmal unter der einfachsten Form der sozialen Satire vorstellt. Groß ist auf dem Wege über die Zeitungen zu uns gedrungen. Sein Werk ist reichhaltig, und viele Blätter haben seine Zeichnungen veröffentlicht, die durch die Mischung von Fan- tastik und Alltag so eigenartig sind. George Groß hat diese soziale Fantastik unserer Zeit in Deutschland entdeckt, wie Glis Bofa sie in Frankreich entde 1 1 hat, wo die Neigung zu Verunstaltungen des Lebens weniger groß ist. Die Kunst des George Groß ist eine literarische Kunst, die überall beherrscht wird durch den mystischen Strom, den das Elend der Welt nach dem Kriege geschaffen hat. Die Straße, wie sie Pariser Musik Bei einem Konzert, das gleichzeitig in Anwesenheit des Cardinais Verdier den Charakter einer großen kirchlichen Feier trug, nahm der 90jährige Komponist und Organist Maitre Charles Widor Abschied von der Stätte jahrzehntelangen Wirkens. In der gleichen Kapelle von St. Sulpice, die durch Massenets„Manon"-Oper bereit» eine musikalische Verewigung gefunden hat. saß er zum letzten Male am Orgel- tisch, den seit langem schon sein Schüler. Meister Marcel Dupre mitverwaltet. In die kirchliche Zeremoniells mit Festpredigt war ein Programm Widorscher Werke eingebaut, das neben einigen Vokal-Solisten vor allem das Orchester des Conservatoire vortrug. Meister Widor selbst dirigierte seine 4. Symphonie für Orgel und Orchester, ein Werk, das alle Vorzüge seiner Art vereint, und das in seiner merkwürdigen Mischung weltlichen und kirchlichen Glanzes einen tiefen Eindruck bei allen Anwesenden hinterließ. » Im Saal der Ecole Normale de Musique fand zugunsten des Hilfswerks für alte Musiker ein Festkonzert iberischer Musik statt. Unter den aufgeführten Werken spanischer und portugiesischer Komponisten dürfen die beiden Kompositionen Manuel de Fallas. des Führers der jüngeren spanischen Schule, das größte Interesse beanspruchen: ein Konzert für Cembalo. Violine, Oboe, Clarinette, Flöte und Cello, das ebenso den Stil alter spanischer Cembalo- wie alter spanischer Kirchenmusik aufklingen läßt, und„Meister Pedros Puppenspiel", ein modernes musikalisches Bühnenwerk, halb Oper, halb Melodram mit einem reizvollen Marionettenspiel auf der Bühne. Als die Berliner Staatsoper noch kein Propagandainstitut war, hat sie zusammen mit Kurt Weills Opernrevue..Roval Palace" auch diese moderne spanisdie Oper zur Erstaufführung gebracht. Die Pariser Opera-Comique bringt noch vor den Saisonferien einen modernen Opernabend mit Resphigis„Marie PEgyntienne" als Hauptwerk heraus. « Kurt Eisler dessen Balladen- und Chor-Publikation(gemeinsam mit Bert Brecht) einer der stärksten Bueherfolge de Emigrationsliteratur geworden ist, weilt augenblicklich in Paris, von wo er sich in allernächster Zeit nach Moskau begeben wird, um neue Filmmusiken zu schreiben. Groß gemalt hat, stellt eine große Summe von Beobachtungen dar. Manchmal sitzt in ihm ein Lutheraner zu Gericht, und der Zeichenstift glüht wie Rotglut des Eisens. George Groß hat im guten Sinne des Wortes viele Künstler unter seinen Zeitgenossen beeinflussen können. Fr hat als erster ansagen können die unendlichen Quellen dieser Romantik der Straße, der Fabriken und der Schmarotzer der Fabriken, die durchaus das Wesen unserer Zeit sind Fr malt glänzend die Farven in dem sozialen Brande, oder vielmehr er nimmt sie auseinander. Er überholt das Siechtum der alten Begriffe mit den Forderungen einer wilden Zukunft. Vor zwei Jahren haben Groß und ich in Berlin einer der zahlreichen Kundgebungen angewohnt, die dem Triumphe Hitlers vorhergingen. Der Künstler wai entmutigt. Er merkte schon die Zeichen, die sein Leben umwerfen sollten. Heute ist Groß in die Vereinigten Staaten von Amerika geflüchtet. Er wohnt in Neuyork. Er ist Professor der Zeichenkunde in einer Universität. Das Leben beginnt für ihn neu in der Bitterkeit des Exils. Vielleicht das Beste seiner Arbeit ist enthalten in einigen Mappen, wie der berühmte„Ecce homo", das heute sehr selten geworden ist. Das sind die herzbewegenden Zeugenschaf- ten einer Zeit, deren gewalttätiger und treuloser Charakter in der Zukunft vielleicht einen Dichter versucht, der vielleicht bedauern wird, nicht diese Tage und Nächte gesehen zu haben, die die Verzweiflung von so viel Männern von Qualität bildeten. Die Dichter allein werden dieser Zeit, die schlecht gelebt wird, den Spiegel vorhalten, der der Wahrheit am nächsten kommt. In Frankreich wurde schon viel geschrieben über das Werk von Groß. Ich will nur an die Worte von Marcel Ray erinnern, die sich in der Bibliothek aller derer finden müßten, die diesen menschlichen Künstler lieben, der gerade deswegen sich als Herr der überall lauernden Verzweiflung erweisen muß." Journalistenverband tagt Am Donnerstag, dem 26. April, abends 9 Uhr. hält der Verband Deutscher Journalisten in der Emigration(Association des Journalistes allemands emigrös) eine Mitgliederversammlung im Saal des Büros der Föderation Internationale des Journalistes, 2. rue Montpensier, Paris(Palais Royal), ab. Tagesordnung: Stephan Valot, Generalsekretär der Föderation Internationale des Journalistes, spricht über„Die Berechtigungen der französischen Journalisten". Ferner werden Referenzen über das„Presserecht im„dritten Reich" sowie die„Emigrantenpresse" gehalten. Eintritt nur für Mitglieder. Deufsdies Kabarett auf den Boulevards Auf dem Pariser„Grands Boulevards" produziert sich seit Monatsfrist an mehreren Abenden der Woche, unter der Leitung Max Maennleins, ein deutsches Kabarett, das verdientermaßen regsten Zulauf findet. Ein außerordentlich reich- haltiges Programm wird hier durch künstlerische Kräfte dar- geboten, die in der großen Mehrzahl die herzlichste Anerkennung verdienen. Der elegante Conferencier der Veranstaltungen ist Wolf- Hang Zilzer, aus seinen Filmen den Franzosen genau so wenig fremd wie den Deutschen. Vorzüglich in Rezitationen und ergreifend in seinen Niggersongs: Leo Askenasy, ein würdiger Vertreter der hohen Sprech- und Ausdruckskultur Luise Du- montscher Tradition. Lotte Jäger, die zu den erfolgreichsten Mitgliedern der Jeßnertruppe in Holland und England gehört hatte, vermittelt einen außerordentlichen, sehr indivi- duellen Zauber; Walter Lindenbergs gepflegter Tenor findet dankbaren Beifall. In Gerda Redlich aber steckt das Zeug zu einer ganz besonderen Künstlerin des Brettls; von bewegendster Gequältheit bis zur ausgelassensten Gaminerie zwingt sie den Hörer mit wundervoller Selbstverständlichkeit in ihr Er- lebnis. Wenn es etwa gelingen sollte, dem Kabarett auch die grandiose Kraft des Lautensängers Peter Bach zu sichern, dessen Abend in der Pariser„Porza" stürmischen Erfolg gefunden hat, so glaube ich. daß in der Tat ein deutsches Kaba- rettensemhle beisammen wäre, daß der Ueberlieferung der alten Heimat und der Konkurrenz des Gastlandes voll gewachsen ist. Hier scheint sich, und das sei mit Freuden festgestellt. ein Keim gelegt zu haben, der eine in jeder Hinsicht begrüßenswerte künstlerische Entwicklung verspricht und daher auf jedwede Förderung Anspruch erheben darf. rrlfz f ranz Neamann Im A t b e n e e wird jetzt ein Vierakter von Rene Benjamin aufgenommen, bei dem es sich um einen jungen Deut sehen handelt, der nach der Touraine kommt und dort eine junge Französin kennen lernt. Das Stück soll, nach den Erklärungen des Direktors des Athenee, das Problem der„Entwurzelten" behandeln »BI1PKASTBW Frank«. Sie schreiben uns unter andern,:„Merkwürdig ist unter den„Führern" der Drang nach dem Orient. Eben war Herr Rohm in Ragusa. Run soll Herr Frick, der Reichsinnenminister, in Palä- stina gewesen sein, wie glaubhast versichert wird. Stimmt das?" Ja. Soeben erzählt die Jüdische Telegraphen-Agentur, daß der deutsche ReichsinnenministePTl Frict während der Lsterwoche einige Tage in Palästina war und die Städte Jerusalem und Tel Awiw de- suchte. Dr. Frick soll zufällig an einer allgemeinen Table d'hote im Hotel gleichzeitig mit dem Zionistensührer Dr. Weizmann gesessen haben, ohne daß sie einander kannten, da Dr. Frick inkognito reist«. Er ist also in Tel Awiw nicht weiter ausgesallen. Schauspieler, St. wallen. Sie haben richtig gelesen. Da» mit so großer Reklame eröffnete„Preußische Theater der Ju- g e n d" ist bereits wieder geschienen worden. Es hat ein Alter von vier Monaten erreicht. Man Hofft, daß die Bühne wieder erstehen wird; aber man singt hier ringsher in der deutschen Presse nichts als Schwanengcsänge. Intendant Herbert Maisch und sein Regisseur Fritz Peter Busch, vor der Gründung des„dritten Reichs" mit Ret- gungen zum Kulturbolschewismus behastet, sind weder durch den „Tell", noch durch„Langemarck" aus den grünen Zweig gekommen. Maisch schrieb, als er mit dieser Ausgabe betraut wurde:„Beglückt, an führender Stelle des Theater« in diese Aufgabe«ingeschaltet zu sein, stellen wir uns mit leidenschaftlicher Hingabe in den Dienst dieser herrlichen Sache Der Jugend, der der Führer und seine Helfer dieses Haus geschenkt haben, wollen wir mit„Jugend" von der Bühne das Erlebnis des Theater? geben. In der Auswahl der Werke, in der Art, wie wir sie spielen."— Und nun ist es schon aus. Gewerkschafter Eupeu. Ihnen ist ausgesallen, daß die Nazipresse flehentliche Rufe an die Uni^nehmer enthält, diese möchten doch endlich die„alten Kämpfer" einstellen, die noch immer aus der Straße liegen. Sie fragen, wie das möglich ist, wenn doch angeblich 8 Millionen Menschen, die offenbar bei weitem nicht alle„alte Kämpfer", Arbeit gefunden haben. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder ist die Arbeitslosenstatistik Schwindel, oder die Unterneh- mer bedanken sich für die Einstellung von Hitlers„alten Kämpfern". Wahrscheinlich liegen beide Ursachen vor. Ein Auslanddeutscher in Brüssel. In Ihrem Briefe an uns wird u. a. mitgeteilt:„Bon einem kürzlich hier weilenden Deutschen wurde mir folgendes als Tatsache berichtet: In Köln a. Rh. wurde kürzlich ein Arbeiter mit Namen Dux, wohnhast Moselstraße 5«, in das braune Haus geschleppt und derartig dort verprügelt, daß die setzt ihn behandelnden Aerzte an seinem Aufkommen zweifeln." — Wir halten es durchaus für wahrscheinlich, daß auch in Köln noch immer weiter geprügelt wird. Gerade in Köln sind mit Wissen des Regierungspräsidenten, des Polizeipräsidenten und der natio- nalsozialistischen Bürgermeister sadistische Orgien verübt worden. Aus Aachen. Sie teilen uns mit:„Der Aachener Poftschutz hat vor einigen Wochen zwei Lastwagen Karabiner erhalten. Alle Beamten und Angestellten, die keine militärische Ausbildung nachweisen können, mü||«n einen scchswöchentlichen Kursus in Wahn tTruppcn- Übungsplatz! mitmachen Dasselbe ist mit dem Bahnschutz der Fall. Auch diese werden in Wahn ausgebildet. Sie sind alle mit Sara» binern ausgerüstet."— Wenn Sie recht beobachtet haben, ist nur zu erklärlich, warum die Wahner Heide für den Publikumsverkehr gesperrt werden mußte. „Führer". Ihrem Briefe entnehmen wir:„Jetzt geht man in Aachen dazu über, in den Judensirmcn, besonder» tn der Textil- industrie, die Juden auszuschalten. Sie kommen als Führer nicht in Betracht. In der Firma Goldschmidt und Stollenwerk hat der Jude Goldschmidt erklärt, daß wen» er herausgedrängt würde, er auch die Kundschaft mitnähme. Wegen Verstümmelung in gestriger Nummer wiederholt: Ehrlich-Hata 60# Ein Leser schreibt uns: Ihr« Brief- kastennotiz vom 21. d. M. über den Juden Ehrlich und sein S a l v a r f a n bedarf einer Ergänzung. Sie schreiben mit Recht, daß mancher Nazibonze der Erfindung des Juden Ehrlich seine kämpferische Wiederbelebung verdankte. Aber die Beziehungen zwischen dem Salvarsan und den Nazis sind noch viel intimer und ergötzlicher. Ter Jude Ehrlich und der Japaner Hata haben ihre gemeinsame Erfindung, das Salvarsan, schützen lassen als Präparat 606 mit dem— Hakenkreuz! Al»„Ehrlich- Hata 6 0 6 A" wurde die Erfindung im„Reichs- anzeiger" publiziert. Das Hakenkreuz ist also die Schutzmarke de» Salvarsan, war e» schon vor dem Kriege. Bekanntlich haben eS die Nazis von den Fahnen der B a l t i k u m e r au» dem Jahre ISIS übernommen. Ein durch Eal- varsan kurierter Baltikumsührer wird eS aus Dankbarkeit für da» Präparat, in dessen Zeichen er geheilt wurde, auf seine Lands- knechtsfahnen gebracht haben. Kennt man leider diesen Bater de« politischen Hakenkreuzes auch nicht, so steht doch fest: DaS Haien- kreuz hat tn Paul Ehrlich— schrecklich, aber wahr— eine» jüdischen Großvater! I« der neuesten Nummer des„Aufruf" vom 18. April 1984 schildert Bictor Bäsch seine Eindrücke in der Tschechoslowakei und in Oesterreich und die Ergebnisse seiner Intervention in Wien für die Tollfußopfer. Die Nummer enthält serner einen ausgezeichneten Uebcrblick über die Geschehnisse in Polen. Frankreich und iu der Tschechoslowakei, einen glänzende» Bettrag von Balerin Maren au« dessen Buch„Die Vertreibung der Juden aus Spanien". Außerdem die Bibliographie de» sreien deutschen Buches, die Welt des Filüis und interessante Glossen.— Der„Aufruf" erscheint zweimal monat- lich und kostet im Einzelverkauf 8,— tschechisch« Kronen, im Halb- jahreSabonnement 60,— Kr. Zu beziehen bei seder einschlägige« Buchhandlung oder direkt beim Verlag Prag, Krakovska 18. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P1 tz in Dud- weiter; für Inserate: Otto Kuhn In Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksftlmme GmbH„ Saarbrücke» 8^ Schützenftraß« 8,— Schließfach 776 Saarbrücke».