Sinzig« unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummer 100— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag Mittwoch, 1. 2. Mai 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inhal! Deutschlands dcei Musketiere (Stüter, QöMets und Qötutg in amerikanischem Urteil Seite 2 Das deutsche Maigeschenk Seite 3 Die JCaisecin und Jrau Seger Diesten der Diktatur Seite 7 Deutschlands Aufrüstung Seite 3 Friedrich Adler Oberrasdiende fahr! des sozlaldemokralisdien Führers nadi Wien— Ein grase Geste Mir den sozialistischen Kampfmai Ziirich, 30. April. Der Sekretär der sozialistischen Jnter- nationale, Friedrich Adler, der als stellvertretendes Mitglied dem österreichischen Parlament angehört, wird sich heute nach Wien begeben, um an der Sitzung des Paria- mentes, die von Dollsust einberufen worden ist, teilzunehmen. hat vor einigen Tagen an den Präsidenten des öfter- reichischen Parlamentes einen Brief gerichtet, in dem er von seiner Absicht, zu der Sitzung zu kommen, Kenntnis gibt. Er erklärte in diesem Schreiben, dab er erscheinen werde, um gegen die Gesetzlosigkeit und die Bersasiungswidrigkcitcn der gegenwärtigen österreichischen Regierung zu protestieren. Er werde die Reise machen, selbst aus die Gefahr hin, von der österreichischen Regierung ebenso wie die übrigen sozio- liftischen Führer ins Konzentrationslager gebracht zu werden. Da die österreichischen Sozialisten zur Sitzung des Parla- mentes nicht eingeladen worden sind, ist es wahrscheinlich, daß man Adler den Eintritt in das Parlament verwehren wird. Welche Schritte man gegen ihn unternehmen wird, bleibt abzuwarten. Friedrich Adler, der Sohn des im Jahre 1918 verstorbenen großen österreichischen Sozialistensührers Viktor Adler, setzt mit dieser starken kämpferischen Geste die heroische Art seiner sozialistischen Betätigung fort. Er hat während des Krieges den österreichischen Minister- Präsidenten Grafen Stllrgkh erschossen, weil er dessen Diktaturpolitik für ein Verhängnis Oesterreichs hielt. Friedrich Adler hat sich der Verantwortung für seine Tat nicht durch die Flucht entzogen, wie die nationalistischen Attentäter nach der Ermordung Erzbergers, Rathenaus und anderer. Adler, der offen die Waffe gegen den Mann erhob, den er für den Todfeind der österreichischen Nation und des österreichischen Volkes hielt, hat tapfer zu dem gestanden, was er getan hat. Seine Verteidigungsrede vor Gericht wurde zu einer gewaltigen Anklage und zu einem großartigen tod- bereiten Bekenntnis für den Sozialismus. Er wurde zum Tode durch den Strang verurteilt. Der alte Kaiser wandelte die Strafe in lebenslängliches Zuchthaus um. Die Revo- lution hat Friedrich Adler befreit. Seine Fahrt nach Wien zeigt seine Verbundenheit mit der illegalen österreichischen Sozialdemokratie und wird auf- rüttelnd wirken. Sie ist zugleich ein Symbol der Glaubens- kraft des internationalen Sozialismus am Vorabend seines unsterblichen Mailages. Marseillaise Alien internationale L „Die Außenpolitik verpillclitei" Paris, SO. April 1934. In der mit großer Spannung erwarteten Stichwahl in Nantes bei Versailles hat der Kandidat der nationalen Union, der nationale Radikale Sarret, den unabhängigen Radikalen B e r g e r y geschlagen. Der nationalistische Führer Franklin Bouillon selbst hat die Wahlkampagne ge- leitet und konnte als Sieger nach Paris zurückkehren. Weite Kreise Frankreichs messen dem Wahlausgang große allgemein politische Bedeutung zu. Der Abgeordnete Bergery hat sein Deputiertenmandat als Protest der Links- Wähler gegen die Bildung der nationalen Union und Ueber- tragung der Gesetzesvollmachten durch das Parlament an die Regierung niedergelegt. Er wollte einen Protestsieg der Linkswähler gegen die nationale Union. Das Ergebnis hat aber im Gegenteil zu einem Erfolg der Regierung und der Anhänger des nationalen Blocks geführt. In der Hauptwahl hatte der Ex-Teputierte Bergery von 16500 rund 7700 Stimmen erhalten, während der nationale Radikale Sarret 7600 Stimmen aus sich vereinigte. Nun ist in der Stichwahl Sarret mit 8788 gegen 8489 Stimmen, die Bergery erhalten hat, durchs Ziel gegangen. Der Tieg Sarrets in dem Wahlkreis Bergerys, den dieser rücksichtslose und hochbegabte Volkstribun sicher zu halten glaubte, wird als Zeichen für die wachsende nationalistische Strömung in Frankreich gewertet. Die Parole, die der „Temps" am Tage nach der Ueberreichung der französischen Note an den britischen Botschafter zum Abbruch der Rüstungsgespräche als patriotische Ermahnung ausgegeben hat:„Die Außenpolitik verpflichtet", ist offen- sichtlich die Meinung der großen Mehrheit des französischen Volkes. Auch die Spardekrete des Kabinetts Toumergue und die scharfe Opposition, die von den Sozialisten gegen die Finanz- und Wirtschaftspolitik getrieben wird, hat diese Stimmungswoge nicht erschüttern können. Die„deutsche Gefahr" steht am Horizont: sie überschattet alles, und der Wille zur nationalen Selbstbehauptung wird gemäß viel- jähriger Ueberlicserung zum tragenden Faktor der inneren Politik Frankreichs. Tie übersteigerte Bedeutung, die von der Presse der Rechten dieser Nachwahl beigelegt wird, hat sie zweiiellos nicht. Bergery hat auch bei den allgemeinen Wahlen das Mandat mit nur etwa 200 Stimmen Mehrheit geholt. Da er ein Eingänger ist, der keine Partei hinter sich hat. fampn er im Grunde nur für sein persönliches politisches Prestige. Seine Energie und sein Ehrgeiz sind so groß, daß die Nieder- läge ihn nicht erschüttern wird. Wichtiger ist die Frage, welche Wirkungen ein mit der Nachwahl zusammenhängender Zwischenfall auf die radikal- sozialistische Parte, haben wird Deren Generalsekretär hat sich in einem Briefe für die Unterstützung des Kandidaten der nationalen Union Sarret gegen Bergery ausgesprochen. Das hat zu einem Aufstand der Jungradikalen geführt, der den Generalsekretär zwang, seinen Posten niederzulegen. Man darf für den Mitte Mai in Clermont-Ferrand zusammentretenden radikalen Parteikongreß heftige Kämpfe voraussagen. Wahrscheinlich wird der dem Kabinett als Minister angehörende Herrtot seine Parteipräsidentschaft, niederlegen. Zusammenstöße DNB. Paris, 30. April. In Mantes, wo am Sonntag der linksradikalc Abgeordnete Bergery in einer Kammer- crsatzwahl von dem Kandidaten der nationalen Einigung S a r r c t geschlagen wurde, kam es im Anschluß an die Ber- kündung des Wahlergebnisses zu äußerst heftigen Zwischen- fällen, bei denen es sowohl auf feiten der Kundgeber wie auch der Polizei zahlreiche Verletzte gab. Die Anhänger Bergerys hatten sich gegen 20 Uhr zusammengeschlossen und durchzogen unter dem Ge- sang der Internationale die Straßen der Stadt. Schließlich begaben sie sich vor das Hotel, in dem Sarret und seine Freunde, u. a. auch der bekannte Abgeordnete Franklin Bouillon, ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten, und versuchten, es im Sturm zu nehmen. Der Hotelbesitzer hatte vorsichtshalber die eisernen Gitter schließen lassen. Die Polizei war zeitweise machtlos, um dem Ansturm der Kund- geber standzuhalten. Fensterscheiben wurden eingeschlagen und— genau wie in Paris— die eisernen Gitter von Bäumen ausgerissen und. in kleine Stücke zerschlagen, als Wurfgeschosse gegen die Hüter der Ordnung benutzt. Franklin Bouillon und seine Freunde verließen schließlich das Hotel, gefolgt von mehreren hundert Anhängern, und begaben sich zum Kriegerdenkmal, wo sie einen Kranz niederlegten. Auf der einen Seite standen die Anhänger Bergerys und sangen die Internationale, auf ber anderen die Freunde Sarrets, die die Marseillaise anstimmten. Zwischen ihnen versuchte eine starke Polizeikette, Handgreiflichkeiten zu verhindern. Kurz vor Mitternacht versuchten die Kommunisten mit zwei schweren Lastkraftwagen, die sie als eine Art Tanks benutzten, ein Kaffeehaus zu stürmen, wo sich der Polizeihauptmann und einige Anhänger Sarrets aufhielten. Die Polizei konnte die beiden Lastkraftwagen noch im letzten Augenblick zum Stehen bringen. Bis in die späten Nachtstunden war die ganze Stadt in eine Art Belagerungszustand versetzt. Erst als Polizeiverstärkungen aits Versailles und Pg.ris eintrafen, gelang es, die Ruhe wiederherzustellen. Zahlreiche Verhaftungen wurden durchgeführt. Der größte Teil ber Pariser Morgenpresse begrüßt' die Wahl Sarrets als eine gründliche Umwandlung der ppli- tischen Auffassung des ganzen Landes. Der. sozialistische Führer Leon Blum erklärt, wenn die Regierung und die Reaktion das Wahlergebnis wirklich^als einen nationalen Erfolg betrachteten und daraus die Schlußfolgerung daß sich das ganze Land hinter den nationalen Block dttrite man bei den Wahlen von Mantes nicht haltmache sondern sollte ganz allgemein Neuwahlen ausschreibe Gestern und freute Die Nationalsozialisten tun heute so, als ob sie den 1. Mai erfunden hätten. In Wirklichkeit haben sie die Feier der Arbeit den Arbeitern nur gestohlen— das weiß heute noch jeder. In ein paar Jahren aber— so rechnen sie— wissens vielleicht nur noch wenige, denn die Menschen vergessen schnell. Sofern Hitler und die Seinen in ein paar Jahren überhaupt noch Gelegenheit haben, den 1. Mai oder sonst etwas zu feiern. Tatsächlich feiern sie aber etwas, was sie vor kurzer Zeit noch buchstäblich bis aufs Blut und bis aufs Messer bekämpft haben. Niemals sollte vergessen werden, wie Hitler und Gö- ring vor 11 Jahren mit Maschinengewehren und Handgranaten den 1. Mai in München zu„feiern" versuchten. Die Nationalsozialisten bildeten damals den Kern einer sogenannten Arbeitsgemeinschaft vaterländischer Kampfverbände, deren Rückgrat die damalige nationalsozialistische SA. unter dem Befehl Görings war. Diese Verbände wollten damals die Maifeier der Arbeiter mit Gewalt verhindern. Wir besiften noch die Siftungsprotokolle dieses famosen Vereins, die von der Polizei beschlagnahmt und später auf Drängen der Sozialdemokratie im bayerischen Landtag veröffentlicht worden sind. In der Siftung am 26. April kam es zu folgender Debatte(wörtlich nach dem Protokoll): Hitler fordert Bereitschaft und Antreten der Arbeitsgemeinschaft am 1. Mai. Das allein würde den Umzug der Roten verhindern. Frage: Wird der Umzug verhindert oder nicht? Hitler: Man muß die Regierung davon verständigen, daß der Zug der Roten verhindert wird. Auf diesen Antrag Hitlers wurde dann folgende Erklärung an die damalige bayrische Regierung abgesandt: „Die Staatsregierung hat bis jeftt anscheinend nicht nur keine Maßregeln zum Schufte des Bürgertums getroffen, sondern sogar die als ein Schlag in das Gesicht der bayrischen Bevölkerung zu empfindende aufreizende und gefährliche Demonstration genehmigt. Deshalb hat die Arbeitsgemeinschaft sich entschlossen, den von den Sozialisten und proletarischen Kampfverbänden geplanten öffentlichen Aufzügen entgegenzutreten." Es kam nun zu aufgeregten Verhandlungen zwischen den Nationalsozialisten und der bayrischen Regierung. Ueber eine Siftung der Kampfverbände vom 30. April 1923 berichtet das Protokoll: Hitler macht aufmerksam auf die aufgeregte Stimmung seiner Leute. Hitler und Göring verlangen aggressives Vorgehen mit Anwendung von Waffengewalt. Diese Drohung mit den Waffen haben Hitler und die Seinen dann unablässig wiederholt. So hat der Polizeioberst von Salzer später in einem Prozeß ausgesagt: „Hitler hat davon gesprochen, daß die Angehörigen der Arbeitsgemeinschaft am 1. Mai bewaffnet antreten und die Züge der Sozialisten auseinanderhauen würden." Die gleiche Sprache führte Göring. Er suchte als damaliger oberster SA.-Führer zusammen mit seinem Kameraden Kric- bei den stellvertretenden Minislerpräsidenten Dr. Matt auf. Dieser berichtete über die Unterredung später vor dem Untersuchungsrichter des bayrischen Landtags: „Bald darauf kam eine Abordnung, bestehend aus den Herren Kriebel, Göring und noch einem oder zwei Herren zu mir. Hauptwortführer war Göring. Er erklärte rundweg: die Kampfverbände könnten es unter keinen Umständen dulden, daß die Sozialisten mit den roten Fahnen durch die Stadt ziehen. Das werde unter allen Umständen verhindert, wenn es nicht anders gehe, mit Gewalt. Auf meine Frage, wie er sich das vorstelle, meinte Göring, es werde dann eben geschossen." Um sich freie Schußbahn zu schaffen, verbreiteten die Kampfverbände ein von Hitler verfaßtes Flugblatt, in dem es hieß: „Es ergeht an die gesamte anständige Bevölkerung, insbesondere an die vernünftig denkende Arbeiterschaft, die dringende Aufforderung, am 1. Mai nicht auf die Straße zu gehen, damit nicht Unschuldige durch die Hefte der Arbeilerund Volksverräter zu Schaden kommen. Insbesondere warnen wir Frauen und Kinder, die Straße zu betreten." Tatsächlich haben damals die SA. und andere Kampfverbände einen bewaffneten Haufen gebildet, der mit Maschinengewehren und Panzerwagen die Demonstrationen verhindern wollte. Im leftten Augenblick entsank den Helden aber doch der Mut, sie marschierten aus der Stadt ab. und ließen sich dann im Freien entwaffnen. Die Feier des 1. Mai wurde damals nicht verhindert. Damals nicht und später nicht. Und als die Herren sahen. daß sie den Gedanken des 1 Mai auch mit Maschinengewehren nicht töten konnten, haben sie ihn eben gestohlen. Solange das nur gut geht— pflegte Lätitia Bonaparte, Napoleons Mutter, immer zu sagen. Argus. „Deutschlands drei Musketiere Wring, der glitzernde Riese London, 28. April. In der„Mormng Post" veröffentlicht der amerikanische Journalist und Pressefotograf James E. Abbe drei Artikel über„Deutschlandsdrei Musketiere", Hitler. Göbbels und Göring. Ueber Hitler sagt er arr einer Stelle:„Ich mochte versuchen, soviel ich wollte, ich konnte keinen lebendigen Funken in dem Ausdruck des Mannes finden. Obwohl ich als Fotograf Sarin geübt war, durch verschiedene Hilfs- mittel die Züge eines Mannes auf meinen Film zu bringen, so war ich dennoch in diesem Fall machtlos. Als ich am nächsten Tag meine Abzüge auf den Tisch legte, sah ich, daß meine Befürchtung gerechtfertigt war. Da war nichts da, abgesehen vielleicht von dem gewöhnlichen Bild eines gewöhnlichen Mannes." Göbbels bezeichnet er als eine Art Hechspannungs- Maschine. Am kostlichsten ist der Artikel über(Boeing, ben glitzernden Riesen, den Tambour-Major des National- sozialismus. Einige Stellen des langen Artikels seien wiedergegeben: „Und dann sah ich Göring. Die massvoe Brust des Herrn Generals— jedes verfügbare Fleckchen mit Medaillen bedeckt— leuchtete durch das Dümmerlicht." Ich legte mein Handwerkszeug nieder und ergriff die Hand des Ringers, die er mir entgegenstreckte, nachdem wir einen steifarmigen Gruß gewechselt hatten. Der Landesfitte entsprechend— alle die in Deutschland mit einer bestimmten Abficht sind, müssen es tun, wenn sie ihr Ziel erreichen wollen— gebrauchte ich den Gruß Heil Hitler! Dafür warf er mir einen Blick zu, der zu sagen schien: „Warum nicht Heil Göring?" „Göring machte kehrt und ich folgte im Kielwasser d-eses breiten Rückens, als wir durch den Palast marschierten aus der Suche nach einem geeigneten Platz zum fotografieren. Weiter und weiter gingen wir durch viele von den vierzig Räumen des Palastes. Kerzen- Halter in jeder Form und Größe, überall im Hause: alte, dunkle, schwere, wundervoll geschnitzte Möbel: überall schwere orientalische Teppiche: erlesene Gemälde an ein- farbigen Wänden. Den Korridor entlang. Vor uns leuch- tet eine winzige gothische Kapelle, der Altar neu mit goldbesticktem Altartuch geschmückt. Im Innern der schwere Duft von Weihrauch, drückend und mysteriös. Ueber den hell leuchtenden Kerzen das Gemälde eines hell goldblonden schwedischen Mädchens mit feinem Ge- ficht— sie war einst Görings Frau. Dieser Platz macht den Eindruck, als sei er sehr alt, sagte ich. Er sah mich an.„Alles was sie gesehen haben, gehört mir." erwiderte er und schwenkte seine Hand in Besitzerstolz. „Wollen Sie sagen, daß der Platz leer war, als Sie ein- zogen?" Ich nötigte ihn zu einem Stuhl unter einer großen Bronzeplakette von ihm selbst, die in die Wand eingebettet war. „Ja, es ist alles nach meinen Anweisungen dekoriert worden." Ich versuchte ihn nicht, in eine Pose hineinzubringen. Göring ist immer in Pose. Ich begann ihn aufzunehmen. Seine Bewegungen von einer Stellung zur anderen schienen automatisch, instinktiv. Würde er einen Scherz verstehen, fragte ich mich selbst. „Nun Herr General," riskierte ich.„Ihr Ausdruck scheint die Absicht des Auslandes zu bestätigen, daß Sie nur Kinder zum Frühstück essen." Ich sagte sogar fressen. Er lächelte nur leicht. Und dann wörtlich:„Da sehen Sie. wie ich mißverstanden werde. Ich esse überhaupt kein Frühstück." Ich spielte auf die Tatsache an, daß der liebe Gott so gütig war, ihm einen so weiträumigen Hintergrund für seine vielen Auszeichnungen zu geben. Mitleidig sah er mich an.„Kommen Sie mit," sagte er. Ich zog hinter ihm her zu einem Glasschrank. Dort wurden die Orden wirklich aufbewahrt. Ich entschuldigte mich, daß ich angenommen hätte, daß die Ausstellung, die ich auf seiner Brust gesehen hatte, mehr sei als ein bloßes Musterlager. Seine Ordenssammlung findet nur ihresgleichen in der Zahl und Mannigfaltigkeit seiner Titel, die er Mussolini gleich, in so kurzer Zeit gesammelt hatte. Ueberwältigt von diesem Ordensglanz und den offiziellen Würden, fragte ich nervös, ob ich eine Zigarette rauchen dürfe. Er nahm mich ins Rauchzimmer und aus einer goldenen Dose nahm ich eine russische Zigarette. Er holte Streich- Hölzer. Sie waren gerade ein viertel Meter lang und flackerten wie Fackeln. „Mein Gott. Herr General, woher kommen solche Streichhölzer?" „Aus Schweden," sagte er,„sie werden für mich an- gefertigt." Und ich glaube es. Wir gingen in die geräumige Banketthalle. Dort postierte ich den General an ein Fenster. Ter Boden war so glatt gebohnert, daß mein Stativ nicht stehen wollte. So ging ich einen Teppich suchen. Als ich nach zwes oder drei Minuten mit einem herrlichen Perser zurückkam, stand Göring noch am Fleck. Er hatte sich nicht gerührt. „Herr General. Sie fliegen wohl nicht mehr?" Dörings Augen sprühten Feuer.„Natürlich fliege ich. Warum denn nicht?" „General von Blomberg," so antwortete ich.„sagte mir, daß kein Mann über 26 als Flieger geeignet ist." Görings Augen bohrten sich in mich herein. Seine Brust bewegte sich, bis die Orden anfingen zu tanzen. „Ich bin so gut wie ich immer war," donnerte er. Ich ließ die Angelegenheit fallen, und folgte ihm zurück ins Konferenzzimmer. Als wir hereinkamen, öffnete sich eine Tür und ein Adjutant trat herein, schlug die Hacken zusammen und salutierte. Göring ließ sich von ihm ein hellgrünes Band mit einem Silberkreuz geben und be- festigte es an seiner Uniform. Ich fragte ihn, was das sei. „Der Orden von St. Mauritius," sagte er, während er den Adjutanten aufforderte mit einer Sammlung von Säbeln, die er im Arm hielt, näher zu kommen.„Mussolini gab ihn mir." Während er rasch die verschiedenen Säbel ausprobierte, sie aus der Scheide zog und wieder hereinsteckte, dachte ich darüber nach. Ich überlegte, wie die Nazis wohl mit Mussolini stünden. Heute überlege ich das nicht so sehr. Nun warf Göring einen riesigen wundervollen weich- graugrünen Militärmantel über seine breiten Schultern. Sein Adjutant gab ihm seine Generalsmütze, er setzte sie mit einem koketten Winkel elegant auf seinen Kopf, dann zog er ein Paar eleganter Gems-Handschuhe an. Mit einer einladenden Geste informierte er mich, daß Palast und Park zu meiner Verfügung ständen. Schlug die Hacken zusammen, grüßte und verschwand." Läßt sich die Eitelkeit Görings wohl schöner darstellen? »lc Lüge Auch ein„Marsch in den Mai" Es Ist keine angenehme publizistische Ausgabe, sich mit der Presse des Saargebietes zu beschäftigen. Das Kollektiv der gleichgeschalteten Zeitungen überrascht immer wieder durch seine Gesinnungslosigkeit und seine Unwahrhaftigkeit. Wer die finanziellen Hintergründe dieser hundcrtzehnprozentigcn Hitlerbegeisterung kennt, die sich um den Besitz von Aktien- Mehrheiten gruppieren, der zögert auch dann mit einer Polemik, wenn die Würdelosigkeit dieser Publizistik selbst den Abgebrühten erschüttert. Ein Excmpel haben wir in der Malnummer der„Saar- brücker Zeitung". Ein Herr L. B. schreibt anläßlich des 1. Mai über„Bolk im Gleichschritt". Tenor des Artikels: die „morscheGrundlage der materialistifchcnGeschichtsauffassung". Es wachse, so sagt Herr L. B., heute daraus das National- gcftthl und die Kameradschaft eines ganzen Volkes. Denn die Zerstörer des Alten seien nicht auf dem Trümmerfeld stehen- geblieben, das die„in modrigen Formelkram oerstrickten Gehaltsempfänger" zurückgelassen hätten. Die neuen Männer hätten vielmehr mit gläubiger Inbrunst um die Seele des Arbeiters gekämpft und sein Herz bezwungen. Wer ist einer dieser Bezwinger? Man sollte es nicht, glauben: eS ist ßgij. Aber das Ist nicht die Pointe. Der Artikel, der in einem Schimpf auf die Ideologie der marxistischen Lehre gipfelt, wird durch ein Gedicht geschlossen. Wir drucken es hier wörtlich ab. weil eS, eine seltene Ausnahme unter den von der gleichgeschalteten Presse publizierten Gedichten, in der Form wie im Inhalt gleich vortrefflich ist. Es lautet: Marsch in den Mai Ein Tag ist uns gegeben, daß er uns mahne frei, wieviel noch zu erstreben und zu erringen sei. Hervor aus deiner Stille, du Bruder, schreite mit! Wir wissen, gleicher Wille verlangt auch gleichen Schritt. Warum wir dich begehren? Weil du noch so allein! Den Takt sollst du vermehren und Schritt mit Schritten sein. Daß kein verirrtcS Gehen den groben Takt mehr stört, dah alle einig stehen und uns die Welt gehört. Karl vröger. Leusdiner noch In Haff? Genf, 30. April. Tie von zahlreichen Zeitungen, auch von der„Deutschen Freiheit", verbreitete Nachricht, dah der frühere hessische S:aatSminister Leuschner, der Mitglied des Berioaltungs- rates des Internationalen Arbeitsamtes ist, vor Ostern aus dem Konzentrationslager entlassen worden fei, wird hier nicht für richtig gehalten. In der Sitzung des Verwaltungs- rares hat vor einigen Tagen noch der französische Delegierte Jouhaux behauptet, daß Leuschner entgegen der Pressemel- dnng sich noch in Haft befindet. Auch Verwandte LeujchnerS, die sich im Auslände aufhalten, erklären, dah Leuschner noch nicht in Freiheit ist. Unwahre Angaben" Wer ist der Autor dieser Verse? Kein anderer als Karl B r ö g e r. Wir müssen vom Leben und vom Wesen dieses Mannes berichten, weil daraus erst der Mut der„Saar- brückex Zeitung" erkennbar ist, ein Gedicht dieses Mannes neben ein^m antimarxistischen Artikel aus der ersten Seite zu drucken. Karl B r ö g e r, das Arbeiterkind, ist Marxist gewesen, seitdem er politisch denken konnte. Er war Redakteur der m a r x i st i s che n„Fränkischen Tagespost", als er 1014 in den Krieg zog. Er schrieb gleich zu Beginn jenes Gedicht von dem„ärmsten und dem gctrenesten Sohn Deutschlands", das heute die nationalsozialistischen Sprecher gerne in den Mund nehmen, ohne sich zu schämen. Nach dem Kriege trat Karl Bröger, der schwere Verwundungen erlitten hatte, wieder in die marxistische„Fränkische Tagespost" in Nürnberg ein und war ihr Redakteur— bis zu den Tagen der„nationalen Revolution" im März 1033. WaS dann geschah? Eines Vormittags erschienen Hunderte von fränkischen SA.-Seutcn zu Fuß und auf Lastwagen. Sie stürmten das schöne und große Haus, einen Musterbau eines modernen ZcitungSbctriebs, unter Huronengebrüll. Die Setz- Maschinen und die Rotationsmaschinen wurden durch Aexte demoliert, die Möbel krachten auf die Straße, die Schreib- Maschinen wurden gestohlen, eine Wüstenei blieb zurück. In seiner Redaktionsstube saß K a r l Bröger. Zunächst einmal wurde er geschlagen. DaS Blut rann in Strömen herab. Dann brachten sie ihn in Schuhhaft und später ins Konzentrationslager Dachau. Hier war er bis vor wenigen Monaten und hatte Schweres zu erleiden. Als sein achtzehnjähriger Sohn eines Tages in Dachau erschien, um sich nach seinem Vater zu erkundigen, wurde er gleich bort behalten. Das alles wissen die Schriftleiter der„Saarbrücker Zei- tung" genau. Aber sie genieren sich nicht. Sie rechnen mit der schrankenlosen Unkenntnis ihrer Leser, denen sie die Wahrheit verschweigen, und sie rechnen richtig. Denn niemand von ihnen wird merken, daß dieses Gedicht„Marsch in den Mai" von Karl Bröger für seine Genossen geschrieben wurde, als er „Beruksapostel eines internationalen proletarischen Vater- lande»" war: nämlich Marxist. Essen, 28. April. Die Siaaispolizeistelle Dortmund teilt mit:„Am 23. April wurde der jüdische Handelsvertreter Max Hufnagel aus Dortmund vorläufig festgenommen, weil er ein Schreiben an ein: Adresse in Frankreich gerichtet hatte, das erdichtete Borfälle über geheime Juden- Verfolgungen, Verunglimpfung der Mitglieder der Reichsregiernng usw. enthielt. Bei»einer Vernehmung durch die Staatspolizei Dortmund blieb dem Festgenommenen nichts anderes übrig, als ein Geständnis abzulegen. Ter Täter wurde dem Richter vorgeführt, der sofort Haftbe- fehl gegen ihn erließ." Keine Doppelmitglletischatt Berlin, 30. April. Das Presseamt der Deutschen Arbeits- front gibt folgende Anordnung des Führers der Deutschen Arbeitsfront bekannt:„Es besteht Veranlassung darauf hin- zuweisen, daß Mitglieder anderweitiger Berufs- und Stan- deSorganisationen, insbesondere auch von konfessionel- len Arbeiter- und Geiellenvereinen, nicht Mitglied derDeuschenArbeitsfrontsein kön- n e n. Wo Doppelmitgliedschaft bei der Deutschen Arbeits- front und einem der oben genannten Vereine besteht, ist die Mitgliedschaft zur Deutschen Arbeitsfront sofort zu löschen. * Begründung: Das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit will die Bctriebsgemeinschast gestalten. Diese wird nicht erreicht, wenn durch anderweitige Standes- und Berufs- Organisationen, insbesondere konfessionelle Arbeiter- und Gesellenvereine, die, wie beob- achtet wurde, schon wieder das Sammelbecken für ehemalige Gcwerkschaftssekretäre bilden, die Betriebsgemcinschast aus- gespaltet wird. Gerade auch die Ausspaltung nach Konses- sionen ist für eine Betriebsgemeinschaft widersinnig. Eine derartige Aufspaltung muh aus die Dauer zu Zwie- tracht in den Betrieben führen und steht damit dem Sinne des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit entgegen. Zugehörigkeit jedoch zu anderen konfessionellen k i r ch- lichen Organisationen und Verbänden, die ausschließlich religiösen, kulturellen und karitativen Zwecken dienen, ist selbstverständlich auch für Möglicher der Deutschen Arbeit?« front gestattet und gilt nlc.,t als Doppelmitgliebschaft im vorstehenden Sinne, lgez.) Dr. Robert Ley." ER will nicht heiraten... Leni sagt es Paris, SO. April 1034. Der Pariser„Intransigeant" veröffentlicht heute ein Foto von Leni Riefenstahl.„des Führers Filmschauspielern", die in England eingetroffen ist. Leni Riefenstahl, die es ja wissen muß, hat. wie das Blatt mitteilt, dieser Tage in Oxford bei einer Besprechung einer ihrer Freundinnen erklärt, daß der Führer kein Feind der Ehe sei, aber daß seine Tätigkeit ihm nicht erlaube, sich auch nur den geringsten Teil seiner Zeit zu entziehen, der ganz durch seine zahlreichen Beschäftigungen ausgefüllt sei. Leni Riefenstahl läßt sich, nachdem sie diese gewichtigen Worte gesprochen hat, in ihrem Londoner Hotel mit zwei ihrer Freundinnen aufnehmen, diese blicken etwas verschämt, sie selbst strahlt l,.blitzt", wie Heinrich Mann im„Untertan" sagt) in Heldenpose. Nun wissen wir also Bescheid. mamnse Dänische Hilfsaktion für Oesterreich (I. I.) Wie der Kopenhagener„Social-Demokraten" mit- teilt, wird die Hilfsaktion für die österreichischen Arbeiter nun abgeschlossen. Sie vollzog sich bekanntlich unter dem Motto„Ein Stundenlohn für die österreichischen Arbeiter". Nach einer Schätzung des Blattes wird die Sammlung rnnd 75 000 dänische Kronen ergeben. Bisher sind bereits mehr als SO 000 Kronen eingegangen. Ein Omen Seitdem die Unternehmer als„Führer" der Betriebe Ordre erhalten haben, am 1. Mai an der Spitze ihrer „Gefolgschaften" einhcrzumarschieren, ist eine auffällige Zu- nähme der ärztlich bescheinigten Fußkrankheiten zu be- merken. Man sollte fast glauben, daß Plattfüßigkeit neuer- dings ein Merkmal der germanischen, nicht der semitischen Rasse sei. Wir aber halten die Erscheinung für ein Omen: So werden auch, wenn es demnächst wieder in den Krieg geht, die Herrn„Führer" ihre„Gefolgschaften" marschieren lassen und selber unabkömmlich sein! Pas Neueste Am Sonntagabend gingen über Berlin und Umgebung mehrere Gewitter mit schweren Wolkenbrüchen und Hagel- schlügen nieder. Verschiedentlich traten Ueberschwcmmungeu ein. Die Fenerwehr wurde an 2MImal alarmiert. Der außenpolitische Berichterstatter des„Echo de Paris" will wissen, daß B a r t h o u persönlich an den am IS. Mai in Gens stattfindenden Besprechungen über die Saarsrage teilnehmen und auch bei de» 14 Tage später stattsindenden Beratungen des allgemeinen Abrüstungsausschusses zugegen sein werde. Der„Maiin" läßt sich aus Nancy melden, daß unbekannte Täter im Bahnhof oou Nancy einen Stein gegen den Schlafwagen des französischen Außen- Ministers geworfen hätten. Eine Fensterscheibe sei zer« trümmert, dagegen aber niemand verletzt worden. Barth«» ist in Paris eingetroffen und hat fich befriedigt über dw Ergebnisse seiner Reise geäußert. Ans der großen Landstraße nach R i m e s stieß am Sonntagvormittag ein Privatkrastwageu, der einem ent- gegenkommeuden Radfahrer ausweichen wollte, mit einem Lastkraftwagen zusammen. Der Anprall war so heftig daß die drei Insassen deS Privatwagens, der S4iährige Besitzer, seine 4Sjährige Frau und deren 20jähr>ge Tochter a«f des stelle getötet wnrde«. Hitlers Maigeschenk Das Cesetz zu der nationalen Arbeit Am 1. Mai trat Hitlers Arbeitsgesetz endgültig in Kraft. Hinter der pompösen Komödie der nationalen Arbeit, die der Nationalsozialismus an diesem Tage mit eigenen und ge- stohlenen Symbolen ausfuhrt, vollziehen sich die größte Tra- gödie und der tiefste Absturz einer Massenschicht, die die Sozialgeschichte jemals aufzuweisen hatte. Der soziale und kulturelle Aufstieg des deutschen Arbeiters fand seinen Aus- druck und seine Bürgschaft in dem von Generationen er- kämpften Arbeitsrecht, das am 1. Mai 1934 zu Grabe getragen wird. Nach dem treffenden Ausdruck Legiens hat die Gewerkschaftsbewegung in wenigen Jahrzehnten aus stumpf- sinnigen Arbeitstieren, die sich von den Unternehmern alles bieten lassen, selbstbewußte Menschen und eine klassenbewußte Arbeiterschaft gemacht. Aber Hitlers Arbeitsgesetz vernichtet die in der ganzen Welt angesehene deutsche Sozialpolitik total, es führt den Arbeiter zu jenen Zuständen der 70er-Jahre zurück, von denen Franz Mehring vielsagend berichtete:„Die Arbeiter standen mit der Mütze in der Hand vor dem ge- strengen Herrn Fabrikanten, der sie durch den Hunger, und vor dem gestrengen Herrn Kaplan, der sie durch die Hölle zähmte"... Hitler läßt die entrechteten und wehrlosen Arbeiter durch die Arbeitgeber und die Treuhänder der Parteidiktatur zähmen? sein Arbcitsgcsetz verwandelt einfach die Arbeit- nehmer in stumme Statisten bei der Rollenverteilung zwischen der Diktatur der Unternehmer und der Monopolpartei, die sich mit dem Staat identifiziert. Daß infolge dieser doppelten Unterjochung des Arbeiters der allmächtige Fabrikherr wieder aufersteht, erscheint selbst den italienischen Faschisten zu viel. So schrieb bezeichnenderweise„Lavoro sascista": „Was den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit an- belangt, sind wir alle geneigt anzuerkennen, daß das natio- nalsozialistische Deutschland Italien überflügelt: Deutsch- land hat diesen Gegensatz in der denkbar einfachsten Weise geregelt: es hat den deutschen Arbeiter an Händen und Füßen gebunden dem Kapitalismus ausgeliefert, so daß der deutsche Arbeiter nunmehr nur e i n Recht hat, das- . jenige, dem Arbeitgeber zu gehorchen." In der Tat. das Gesetz der nationalen Arbeit beseitigt nicht vur das Betriebsrätegesetz, die Tarifvertragsverordnung, die Schlichtungsverordnung, sondern sogar jene Artikel der Gewerbeordnung, die seit fast einem halben Jahrhundert die Arbeitnehmer gegen die Willkür der Arbeitgeber schützten und u. a. das Koalitionsrecht und Strcikrecht gewährleisteten. Aus Subjekten des Arbeitsrechts verwandelt das Hitlergesetz die Arbeitnehmer in unmündige Schutzobjekte ihrer Brotherren. Die Parteidiktatur hat den Arbeitern Nicht nur den Schutz des geltenden Arbeitsrechts genommen, sondern sie hat selbst dessen Grundidee, nämlich die rechtliche Gleichstellung der Perkäufer und der Käufer der Arbeitskraft vernichtet:„Ter Führer des Betriebes ent- scheidet der Gefolgschaft gegenüber in allen betrieblichen Au- gelegenheiten", d. h., er regelt ohne jegliche Beteiligung der Arbeitnehmer die Arbeitszeit, bestimmt die Gründe der frist- losen Entlassung, setzt die Bußen fest und beschließt alle sonstigen Arbeitsbedingungen. Aber dessen nicht genug, er- mächtigt Hitler die Arbeitgeber auch noch zur L o h n s e st- setzung nach eigenemGutdünken, sofern es ihnen gefällt lund wann wird es ihnen gefallen?), dabei gibt ihnen der Gesetzgeber noch einen besonderen Wink zum Lohndruck. Es heißt nämlich: „Soweit in der Betriebsordnung das Arbeitsentgelt sür Arbeiter und Angestellte festgesetzt wird, sind Mindestsätze mit der Maßgabe auszunehmen, daß Raum bleibt sür die Vergütung der Leistungen einzelner Betriebsangehöriger." Der Arbeitgeber, der Betriebsdiktator, soll also eigen- mächtig die Akkordsätze so niedrig bemessen, daß genug Anreiz zu äußerster Akkordschinderci besteht und damit das Arbeits- tempo sich ach den Rekordschindern richtet. Diese Verwand- lung der Akkordarbeit in förmliche Mordarbeit begrüßt die gleichgeschaltete Presse als„Tieg des nationalsozialistischen Leistungsprinzips". Da die Lohnbestimmunq durch die Fabrik- Herren oder ihre Betriebsführer zur Regel wird und Tarif- vertrüge zur Ausnahme, so ist hie Arbeitskraft im Weit- bewerb der Betriebe durch Lohndruck dem größten Raubbau ausgesetzt. Mögen die„Gefolgschafts"- löhne noch so kläglich bemch'seü sein, mögen die vom Arbeit- gcber diktatorisch auferlegten Arbeitsbedingungen noch so drückend sein, sie sind sür die Belegschaft nach Hitlers Gesetz „rechtSverbindli ch"; Man begreift daher, daß selbst gleichgeschaltete Juristen in der gleichgeschalteten Presse ge- nötigt sind festzustellen, daß nach der„Revolution", die durch Hitlers Arbeitsgesetz vollzogen wurde, in Teutschland eigent- lich kein Arbeitsvertrag mehr existiere. In der Tat, der deutsche Arbeiter ist nicht mehr Partner eines individuellen oder kollektiven Arbeitsvertrages, son- dern passiver Leidtragender einer dikta- torischen Betriebsordnung. In Betrieben mit weniger als 29 Arbeitnehmern brauchen die Arbeitgeber die von ihnen diktierten Arbeitsbedingungen, nämlich die Betriebsordnung, nicht einmal auszuhängen, d. h. die Be- schädigten sind der unkontrollierbaren Ausbeutungsgier aus- geliefert. In Betrieben mit weniger als 29 Arbeitnehmern gibt es nicht einmal den Schein einer Betriebsvertretung. Nur in Betrieben mit mehr als 20 Beschäftigten ist der Arbeitgeber verpflichtet, die Betriebsordnung, d. h. die Arbeitsbedingungen den Arbeitnehmern durch Aushängung bekanntzugeben. Für diese Betriebe sind auch sogenannte Bertraucnsräte vorgesehen, denen aber kein einziges der effektiven Rechte der früheren Betriebsräte zusteht. Sie haben weder ein Mitbestimmungsrecht bei der Fest- setzung der Arbeitsbedingungen, noch ein unmittelbares Ein- spruchsrecht gegen schlimmste Ausnutzung der Arbeitskrast. Die Hauptiunktiou des Bertrauensrats ist nämlich die Auf- rechterhaltung des„Vertrauens der Gesolgscha st zum Betriebs- führer", d. h. zum Arbeitgeber, was ja nicht sonderlich schwer fällt, nachdem das Hitlergesetz den Arbeitgeber zum Leiter und'Vorsitzenden des Vertrauensrates be- stimmt. Der so geleitete Vertrauensrat soll eventuell gegen allzu drückende Arbeitsbedingungen beim Treuhänder der Arbeit Beschwerde erheben. Dabei führt der Arbeitgeber nicht nur den Vorsitz im Vcrtrauensrat, sondern b e st i m m t auch im Einvernehmen mit dem Vorsitzenden der NSB£?., die Kandidatenlisten, die die Belegschaft alljährlich, freilich, in „geheimer Wahl" annehmen oder ablehnen darf. Im letzteren Fall ernennt der Treuhänder der Arbeit die„Vertrauens- männer" der Belegschaft. Brauchen die Arbeitgeber als Führer solcher Ver- trauensräte nicht sonderlich Beschwerden der letzteren zu be- fürchten, so bedroht das Arbeitsgesetz noch obendrein mit Strafen„Augehörige der Betriebsgemeinschaft, wenn sie wiederholt leichtfertig unbegründete Beschwerden oder An- träge an die Treuhänder der Arbeit richten".(§ 86 Ziffer 3.) Gleichzeitig wird der Arbeitnehmer verpflichtet,„seine volle Kraft dem Dienst des Betriebes zu widmen". Es ist der Dienst am Fabrikherrn, dem Hitlers„Sozialpolitik" als Jndustriefeubalen die Arbeitsknechte ausliefert. Dabei sollen noch die Treuhänder der Arbeit als Beamte der Diktatur „für die Erhaltung des Arbeitsfriedens sorgen", d. h. sie sollen darüber wachen, daß die Arbeitnehmer sich dem Diktat der Arbeitgeber fügen. Gleichzeitig sollen sie„die Regierung über die Entwicklung der Sozialpolitik der Betriebe in- formieren", damit wohl die Unzufriedenheit der allseitig aus- gepreßten Arbeiterschaft nicht allzu gefährlich für die Hitler- Diktatur werde. Tie Treuhänder der Arbeit sollen nur, wenn „zwingende Gründe vorliegen". Tarifordnungen erlassen. Aber diese Treuhänder der Porteidiktatur. deren Prestige unler der sinkenden Ausfuhr leidet, haben sich bisher keines- wegs dem starken Lohnbruck widersetzt, damit wohl die Schleuderausfuhr auf Kosten der Löhne und nicht der Profite erfolgen kann. Sollten sich gelegentlich Treuhänder finden, die gegen Hungerlöhne durch eine Tarifordnung einschreiten werden, so besteht keine Gewähr, daß die Tarife tatsächlich eingehalten würden, nachdem es keine sreigewählten, vollberechtigten Be- triebsräte und keine unabhängigen Gewerkschaften mehr gibt, die im geordneten Gerichtsversahren aus Einhaltung der Tariflöhne klagen könnten. Denn das„soziale Ehrengericht", das Hitlers Gesetz einführt, bildet in der Tat ein Mittelalter- liches H e r r e n g e r i ch t. Es bestrast mit Verlust des Ar- beitsplayes— lies schwarze Liste—„Angehörige der Gefolg- schaft. die den Arbeitsfrieden in den Betrieben durch bös- willige Verhetzung der Gefolgschaft gefährden". Wenn aber „der Unternehmer durch Mißbrauch seiner Machtstellung die Arbeitskraft der Gefolgschaft böswillig ausnützt", so wird er höchstens mit 19 999 NM. und eventuell mit Verlust des Rechts, Betriebssührcr zu sein, bestrast. Der Arbeitgeber darf dann einen gutbesoldeten Pg. als Betriebsführer anstellen und der„böswillige Mißbrauch der Arbeitskraft" kann von neuem beginnen! Mögen die Trompeten der Diktatur noch so laut an der Sklavenieier der nationalen Arbeit an diesem 1. Mai er- tönen, sie werden bei den Arbeitern und Angestellten nur den leidenlcbaftlichen Willen auslösen, die Ketten der doppel- ten Diktatur zu zerbrechen und die soziale Schmach dieses Arbeitsgesetzes auszumerzen. Ida Grüning. Zwei Welten F/au Seger« die Exkaiserin und Frau v. Hindenburg „Seht, wir Wilden sind doch— besire Menschen." Seume. Ein Mann, der während der Revolution an führender Stelle arbeitete, schreibt uns: Die Barbarei des Hitler-Regiments wird der ganzen Äulturwelt drastisch illustriert durch das Schicksal der Frau des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Ger- hard Seger. Aus Rache sür die Flucht ihres Mannes aus dem Konzentrationslager Oranienburg haben die Nazis Frau Seger mit ihrem kleinen Kinde in das Konzen- trationslager Roßlau bei Dessau eingesperrt. Sie wollen damit einen Druck aus Seger ausüben, aus der Emi- gration nach Deutschland zurückzukehren. Der erste Emigrant der neueren Geschichte war bekannt- lich Wilhelm II., der deutsche Kaiser, der in der Nacht zum 9. November 1918 nach Holland floh, während seine Frau, die Kaiserin A u g u st e Viktoria, sich in Verlin befand. Nach der Methode, die von den Nazis gegen Frau Seger angewendet worden ist, hätten die damaligen Machthaber, die S o z i a l d e m o k r a t e n, die Kaiserin ein- sperren müssen, um den Kaiser zu zwingen, nach Deutschland zurückzukehren, damit er sich einem Volksurteil unterwerfe. Was aber taten die„Novemberverbrecher"? Sie ließen die Kaiserin unbehelligt. Ja, noch mehr: als die Kaiserin den Wunsch äußerte, nach Holland zu ihrem Manne zu fahren, wurde ihr ein Salonwagen zur Verfügung gestellt und zu ihrem Schutze fuhr in einem Abteil des Wagens der alte sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Herwann Molkenbuhr. Mitglied des sozialdemo- kratischen Parteivorstandes, ein schlesweg-holsteinischer Landsmann der Kaiserin, bis zur holländischen Grenze mit. So Handellen sozialdemokratische„Untermenschen". Roch ein Beispiel: In den ersten Revolutionstagen im November 1918 machte der Arbeiter- und S o l d a t e n- rat in Hannover, dem damaligen Wohnort des.im Großen Hauptquartier weilenden Generalfeldmarschalls von Hindenburg bekannt/ daß er eins Revision der Keller- räume nach Lebensmitteln und Getränken vornehmen lassen werde, um größere gehamsterte Vorräte zur Ver- sorgung der hungernden Bevölkerung zu beschlagnahmen. Da erschien Frau». Hinbenburg, die inzwischen ver- storbene Gattin des Generalseldmarschalls und heutigen Reichspräsidenten, beim Arbeiter- und Soldatenrat und bat ihn, bei ihr von einer solchen Revision Abstand zu nehmen. Aus allen Gauen Teutschlands seien ihrem Manne nach Hannover Vorräte aller Art, besonders Wein und andere Spirituosen in großen Mengen zu- geschickt worden, die sich in ihrem Keller befänden. Es würde ihr sehr peinlich sein, deswegen nun in der Oeffentlichkeit angeprangert zu werden. Man denke sich an Stelle der AS. fArbeiter- und Soldatenräte) von damals die SA. lSturm- Abteilungen) von heute. Mit einem„H a m st e r e r"- Plakat um den Hals hätte die SA. die Frau als ab- schreckendes Beispiel unter dem Gejohle des aufgebotenen ■„Volkes" durch die Straßen Hannovers geführt. Was aber tat der Arbeiter- und Soldatenrat in Hannover 1918? Er stellte einen Doppelposten an unauffälliger Stelle aus, der darüber wachte, daß die Frau des Generalseldmarschalls von Hindenburg bei der Lebensmittelkontrolle nicht be- helligt wurde. Marxistische„V e r b r e ch e r"-Moral! Die Exkaiserin und Frau von Hindenburg weilen nicht mehr unter den Lebenden. Ihre Männer aber leben noch. Sollten sie heute so einflußlos in Deutschland sein, daß sie die Schmach dulden müssen, unschuldige Frauen als politische Geiseln ins Konzentrationslager zu sperren, und dadurch den Ruf Deutschlands in der ganzen Kulturwelt zu schänden? verllner Klrdienblatt verholen! Mit einem Leitaufsatz des Berliner Bischofs '' Berlin, 89. April. Die Nummer 17 des„Katholischen Kirchenblattes sür das Bistum Berlin" vom 29. April ist polizeilich beschlagnahmt worden. In der beschlagnahmten Nummer befand sich neben einem Artikel des Bischofs von Berlin zum Tag der natio- nalen Arbeit eine ausführliche Auseinandersetzung über die vom„Ostdeutschen Sturmtrupp" unter dem Titel„Die Wahr- heit über Henningsdorf" ausgestellten Behauptungen. Am vorigen Sönntag war vor den Türen der Berliner katholischen Kirchen eine Sonderausgabe des„Ostdeutschen Sturmtrupps", des amtlichen Organs des ostdeutschen Hitler- jugend, verteilt worden, das sich gegen die von katholischer Seite gegebenen Darstellungen der Henningsdorfer Vorfälle richtete. Das kath. Kirchenblatt polemisierte gegen diese Dar- stellung und hielt die von kath. Seite gegebene Schilderung aufrecht. Gleichzeitig veröffentlichte es Reproduktionen von drei dem„Ostdeutschen Sturmtrupp" entnommenen Kari- katuren, in denen man die Gestalten kath. Priester, darunter des Kardinals Faulhaber, erkannte. Weitere Verbote Kotholtsdier Zeitungen Das Staats gefährliche Fragezeichen Köln, 89. April. Die„Kölnische V o l k s z e i t u n g" ist auf sieben Tage verboten worden. Der Verbotsgrund ist der- selbe wie bei der„Essener Volkszeitung", waS daraus zu er- klären ist, daß„K. V." und„Essener Volkszeitung" in einer engen Arbeitsgemeinschaft zueinander stehen und gegenseitig Satz übernehmen. Jedoch war das Fragezeichen, das zum Verbot Anlaß gab, nur in einem Teil der betreffenden AuS- gäbe der„Kölnischen Volkszeitung" enthalten Bekanntlich hatte ein Setzer, der inzwischen brotlos gemacht und ein- gesperrt worden ist, hinter den Glückwunschbrief des Reichs- Präsidenten zum Geburtstage Hitlers aus Versehen ein Fragezeichen gemacht. Daher die ganze Aufregung. • Düsseldorf, 29. April. Die Regierungsprcssestelle teilt mit: Der Regierungspräsident hat das Erscheinen der„Bergischen Post" in Opladen für die Zeit vom 28. April bis S. Mai 1934 einschließlich verboten. Erwflrgt! „Druck von außen übermächtig" Berlin, 39. April. Nachdem der„Berliner Börsen-Courier" und die„Bossische Zeitung" bereits von der Bildsläche ver- schwundcn sind, stellt nunmehr, wie schon berichtet, auch die „Deutsche Tageszeitung" mit dem 39. April ihr Erscheinen ein. Das Blatt war vor dem Kriege Jahrzehnte hindurch das führende Organ der deutschen Land- Wirtschaft. Es hatte seine große Zeit unter den Chefredak- teuren Oertel und Dietrich Hahn, die sich bereits weit vor dem Kriege dem Einfluß der linksdemokratijchen und marxistischen Presse entgegenstemmten. In einer Mitteilung des Verlages wird darauf bin- oewiesen, daß schon die veränderten Verhältnisse seit 1918 es mit sich brachten, daß die„Deutsche Tageszeitung" keinen genügenden Rückhalt mehr in der deutschen Landwirlschatt fand und infolgedessen schon lange Zeit Gegenstand gröpter Sorge war. Wörtlich heißt es dann weiter:„Es wäre trotz- dem möglich gewesen, die Zeitung zu erhalten, ne u e r d, n g s wurde aber der von außen gegen die „Deutsche Tageszeitung" angesetzte Druck übermächtig."„ Das hätte sich die Redaktion der„Deutschen Tageszeitung' nicht träumen lassen, als sie glaubte, unermüdlich gegen die Republik von Weimar hetzen zu müssen. Wieder eine Doppeliiinridifong Göring läßt täglich köpfen Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, sind Damstag morgen in Greifswald die Mörder des Kauf- manns Wilhelm Erich und seiner Tochter Maria Erich, die Brüder Fritz und Kurt Exler, aus Kenz, Kreis Franzburg, hingerichtet worden. Sie waren von dem Schwurgericht in Greifswald am 17. November 1933 zum Tode verurteilt worden. Der preußische Ministerpräsident hat von dem Be- gnadigungsrecht keinen Gebranch gemacht, weil die gegen einen Greis und seine Tochter mit großer Brutalität ver- übten Mordtaten nach einem wohlvorbereiteten Plan und aus niedrigen Beweggründen ausgeführt worden find. * Ein Augenzeuge Im Braunbuch II Dimitroff kontra Döring, das demnächst erscheint, ist zum ersten Male die Dar- stellung eines Augenzeugen veröffentlicht, welcher der Hinrichtung van der Lübbes beiwohnte. Es ist ein er- schlitterndes Dokument, das die Ereignisse um van der Lübbe blitzartig erhellt. Als van der Lübbe verurteilt wurde, hatte er nicht an seine Hinrichtung geglaubt. Er traute den Versprechungen seiner Hintermänner. Die betreffende Stelle im Braunbuch II lautet: „Berichte, die nach der Hinrichtung van der Lübbes in die Außenwelt drangen, beweisen, daß van der Lübbe bei weitem nicht so unbewegt und ohne Regung den letzten Weg ge- gangen war, wie die amtlichen Nachrichten weismachen wollten Einer der Zeugen der Hinrichtung hat im Kreise enger Freunde die erschütternde Szene geschildert, die sich bei der Hinrichtung abspielte. Er erzählte, daß van der Lübbe von den Gefängniswärtern begleitet, tatsächlich völlig ruhig am Gefängnishof angelangt sei. Als er die Guillotine erblickt habe, sei eine furchtbare Veränderung in seinem Gesicht vor sich gegangen. Er schien zum ersten Male zu begreisen, daß es Ernst sei. Seine Augen hätten sich in töd- licher Angst und in Entsetzen geweitet. Als der Oberreichs- anwalt mit der Verlesung des Urteils begonnen habe, sei van der Lübbe in markerschütternde Schreie ausgebrochen. Und diese Schreie hätten sich bis zu seinem letzten Atemzuge fortgesetzt. Die Henker hätten van der Lübbe zum Richtplatz schleifen müssen. Er hätte sich mit aller Krait bis zum letzten Augenblick gewehrt und sich auch mehrere Male losgerissen. Der Zeuge der Hinrichtung erzählt, daß nur einzelne Worte zu verstehen gewesen seien, die van der Lübbe in qualvoller Angst gebrüllt hätte. Soviel der Zeuge verstanden hätte, habe van der Lübbe mehrmals gerufen: „Laßt mich doch sprechen! Nicht allein, nicht allein!" Ein anderer Zeuge der Hinrichtung sei in Ohnmacht gefallen. Er selbst— erzählte der Augenzeuge— hätte die gellenden Schreie van der Lübbes noch tagelang im Ohr gehabt. „Deutsche Freiheit", Nr, 100 ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Saarbrücken, Dienstag Mittwoch, 1. 2 Mai 1934 Kosten der Diktatur Wer wird enteignet?- Die auswärtigen Gläubiger? Auch das eigene Volk! Am 27. April hat in Berlin die Schul denk onf er enx begonnen, zu der die Reichshank die Vertreter der lang- und mittelfristigen Gläubiger eingeladen hat. Die Absichten Schachts sind klar.„Die Entwicklung der deutschen Devisenlage erfordert gebieterisch wenigstens vorübergehend einen mehr oder weniger vollständigen Aufschub des Schul- dentransfers", schreibt mit aller Offenheit die gleichgeschaltete Presse. Das ist klar, aber mit nicht geringerer Klarheit und wachsender Entschiedenheit erklären die Gläubiger, daß sie sich ihre Expropriation nicht gefallen lassen wollen und sie finden dabei immer stärkere Unterstützung bei ihren Regierungen. Namentlich beim Schweizer Bundesrat, der sonst der Hitler-Regirrung in politischer Beziehung weit entgegenkommt und eine Art Pressezensur zum Schutze der nationalsozialistischen Würdenträger eingeführt hat, hört in Geldsachen die Gemütlichkeit auf. Bundesrat Schult- h e ß, der Leiter der schweizerischen Wirtschaftspolitik, hat auch bereits die Gegenmaßnahmen angekündigt. Bei der kürzlich erfolgten Eröffnung der Baseler Messe führte er aus: „Es liegt auf der Hand, daß eine Gutschrift in Mark, über die nicht frei verfügt werden kann, keinerlei wirkliche Zahlung bedeutet, und daß den schweizerischen Gläubigern nicht zugemutet werden kann, sich damit abzufinden. Was den Transfer betrifft, so haben wir volles Verständnis dafür, daß ein Land, das sich in der Lage Deutschlands befindet, seinen Verpflichtungen nur durch Warenlieferungen nachkommen kann. Wir sind und ivaren stets bereit, entsprechende Importe zu machen. Unsere Handelsbilanz mit Deutschland zeigt 1933 einen Einfuhrüberschuß von 323 Mill. Franken, also ein Betiag, der Deutschland erlaubt, einen erheblichen Betrag für den Fremdenverkehr zur Verfügung zu stellen und seinen Verpflichtungen voll nachzukommen. Auch dann bleibt ihm noch ein erheblicher l'eberschuß. Wir weiden daher mit aller Energie die I' orderung geltend machen, daß der Transfer der schweizerischen Guthaben mindestens in bisheriger Weise erfolg l." Die Schweizer Regierung fordert also die Erfüllung in „bisheriger Weise" und bisher wurden die Schweizer Gläubiger voll befriedigt. Geschieht es nicht, so will die Schweizer Regierung die Erfüllung erzwingen. Das Mittel ist einfach. Die Beträge, die die deutschen Exporteure fiir ihre H aren zu erhalten haben, würden ihnen nicht mehr direkt von den Schweizer Käufern gezahlt werden, sondern diese würden sie auf ein Konto der Schweizer Nationalbank überschreiben. Aus den so angesammelten Summen würden diejenigen Beträge zurückbehalten, die zur Befriedigung der Schweizer Gläubiger nötig sind und nur der Rest würde an Deutschland abgeführt werden. In ähnlicher Lage wie die Schweiz wären auch alle anderen Länder, denen gegenüber die deutsche Handelsbilanz aktiv ist, sie alle könn- ten eine solche Yerrechnungsart, ein Zwangsclearing, einführen. Dies trifft für die meisten Gläubigerländer— England, Holland, Schweden— zu. Nur die Vereinigten Staaten, aus denen Deutschland stets mehr Waren bezog als es dortbin verkaufte 1933 betrug der deutsche Einfuhrüberschuß z. B. 237 Millionen— hätten dieses Druckmittel nicht in der Hand. Die deutsche Zahlungseinstellung stößt so auf Hindernisse, und dies ist die Erklärung, warum Schacht nicht schon längst aus eigener Machtvollkommenheit die Zahlungen verweigert hat, sondern sich immer wieder gezwungen zieht, um Vereinbariingen mit den Gläubigern zu bettein. Er wird natürlich wieder darauf hinweisen, dsß er nicht zahlen kann. In der Tat dauern die V erluste des ohnedies viel zu geringen Devisenstandes der Reichshank an. In der zweiten Aprilwoche verlor die Reichsbank neuerlich 8.5 Millionen an Gold und Devisen und ihr Bestand ist auf 232 Millionen gesunken. Nun hat allerdings der März eine Besserung der Handelsbilanz gebracht, die auch saisoumäßig zu erwarten war. Die Einfuhr betrug im März 398 Millionen gegen 378 Millionen im Februar; die seit September anhaltende Steigerung hat sich fortgesetzt. Aber diesmal ist im Gegensatz zu den Vormonaten auch die Ausfuhr auf 401 (gegen 343 im Februar) gestiegen. Es ergibt sich also für März ein kleines Aktiv um der Handelsbilanz um 3 Millionen, gegenüber dem Passivum von 22 Millionen im Januar und 35 Millionen im Februar. Nun wird aber die deutsche Ausfuhr nicht mehr voll mit Gold oder Devisen, sondern zum Teil mit Scrips und Sperrmark bezahlt, so daß in Wirklichkeit auch im März die Handelsbilanz zu einem neuen Fehlbetrag an Devisen in der Höbe von einigen Dutzend Millionen geführt haben muß. Die Lage ist in der Tat verzweifelt und Schacht lügt noch nicht, wenn er erklärt, nicht zahlen zu können. Die Lüge beginnt erst, wenn er behauptet, daß diese Lage von selbst, ohne Verschulden eingetreten sei. Sie ist vielmehr die Folge der nationalsozialistischen W'ii tschaftspolitik. Es ist der schrankenlose agrarische Protektionismus, der jede vernünftige Handelsvertragspolitik unmöglich macht und den deutschen Export ruiniert, es ist die Rüstungspolitik und ihr beängstigend rasches Tempo, das die Einfuhr emportreibt. Wann die gesamte Metalleinfuhr ohne Eisen sich von 159 Millionen iiu Jahre 1932 auf 186 Millionen für 1933 erhöht hat, wenn sie in den ersten zwei Monaten 1934 gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres aliein von 25 auf 39 Millionen gestiegen ist. so erklärt sich das nicht sus irgend einer sagenhsften allgemeinen Konjunkturbesserung, sondern ans dem Hochbetrieb in der Rüstungsindustrie. Wenn durch Wechselzifhungen Milliarden künstlich in die Wirtschaft gepumpt werden, muß erhöhter Einfuhrbedarf entstehen und so lange diese andauert, muß der Devisenstand sich weiter erschöpfen und die Gläubiger müssen leer ausgehen. Das Problem der Erfüllung der deutschen Verpflichtungen hat deshalb längst aufgehört, ein wirtschaftliches Problem zu sein und ist ein politisches geworden. Es ist die Frage der unkontrollierten uferlosen Ausgabenwirtschaft der nationalsozialistischen Diktatur, die in Wirklichkeit gestellt ist. Diese Ausgaben werden einmal bestritten durch immer raschere Inanspruchnahme der inneren Ersparnisse, der Sparkasseneinlagen, der Reserven von Versicherungsgesellschaften. der Bankdepositen, die jetzt in Deutschland, wie seit längerer Zeit im faschistischen Italien, immer mehr für öffentliche Ausgaben in Anspruch genommen werden neben dem Raub an den Löhnen, Unterstützungen, Renten und Sozialaufwendungen; sodann aber lebt diese Wirtschaft von der Expropriation der ausländischen Gläubiger durch Einstellung der Tilgungen und Zinszahlungen. Das ist eben das Geseff der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik, Die Einstellung der Zinszahlungen soll obendrein der Förderung des Dumpingexportes dienen, aus dessen Erlös mau den Rohstoffimport für die Rüstungsindustrie bezshlen möchte. Die ausländischen Gläubiger aber will man listiger- weise zu Agenten jenes Dumpings machen, indem man in ihnen die Hoffnung nährt, sie könnten später einmal doch durch die Hebung der deutschen Ausfuhr zu ihrem Gelde kommen. Diese Hoffnung wird trügen. Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik wird sich nur das Eigentum der auswärtigen Gläubiger aneignen, sie muß mit einer neuen großen Enteignung der deutschen Volksmassen selbst enden Das sind eben die Kosten einer Diktatur. Dr. Richard Kern. Gebcllfe Autarkicsdm&lzer Dortmund, 26. April. Die„Westfälische Landeszei- tung" schreibt:„Einer besonderen Feststellung, daß die Frage der Behauptung der deutschen Ausfuhr wohl die ernsteste Sorge der Stunde ist, bedarf es an sich nicht. Die Ausfuhrfrage ist geradezu zum Tagesgespräch Berufener und Unberufener geworden. Praktiker und Gelehrte beschäftigen sich mit ihr. Tagungen. Sitzungen werden abgehalten, über denen immer wieder als Motto steht:„Export, eine deutsche Lebeusnotwendigkeit." Der Artikel, der sich mit der deutschen Exportfrage über eine ganze Seite hinweg beschäftigt, trägt die Ueberschrift: „Höchste Alarmstufe! Ein notwendige» Wort zur Exportfrage in entscheidender Stunde." Preissteigerung und„Kreditsfflöpfang" Die„Neue Züricher Zeitung" schreibt: Unter der Oberfläche eines scheinbar unbewegten Preis- Spiegels brodelt et in Deutschland ganz gewaltig. Index des Statist. Reichsamtes Indotliltilt hlerron: Tolal- ftrtniil. Pröda. Kon'gSt. hdu III 114 109 10,5 115 114 115 96 --- 96 (5314- MI igrar- Kölsa.- Roh:!. Anfang steHt tun i. Baltlahr. April 1933 81 78 87 Mäcz 1934 91 73 91 April 1934——— Anzeichen davon ist nicht nur die im Gefolge der Roh- Stoffeinkaufverbote jüngst ergangene Höchstpreisverordnung für Textilien und wohl bald auch für die Metalle(einschließlich der Fabrikate), die durchaus mit den entsprechenden Zwangsmaßnahmen der Kriegszeil verglichen werden kann. Symptomatischer noch sind die fortgesetzten Klagen über steigende Baustoff preise und die mehr oder minder energischen Verwahrungen der Gemeinden und Staaten als Bauherren gegen derartige Uebergriffe. Am meisten verteuert hat sich Holz, das nach Feststellungen des Statistischen Reichsamtes seit Sommer 1932 ab Wald um volle 50 Prozent angezogen hat. Dann ist beispielsweise Dachpappe um 12 Prozent teurer als im Frühjahr 1933.— Dagegen trat in der Aufwärtsbewegung der landwirtschaftlichen Produkte ein Unterbruch ein(Butterpreissenkung), der immerhin das Bilc, eines in Jahresfrist künstlich sehr stark befruchteten Agrar- stoffmarktes noch nicht merklich verändert. Es bestehen, trotz ausgesprochener Inflationsgegnerschaft der führenden Kreise, auch in Deutschland Pläne und Strömungen, die das Preisgefüge stärker in einen Haussestrudel reißen könnten. So befürwortet neuerdings der Leiter de» Instituts für Konjunkturforschung, Prof. Wagemann, eine großangelegte„Kreditschöpfung", wobei er auch die reichlich merkwürdige Behauptung aufstellt, die preissteigernde Wirkung einer zusätzlichen Geldausgabe von einer Milliarde könne durch eine weitere Kreditausweitung um abermalz eine Milliarde zum Zwecke einer Steuersenkung, also einer Produktionskostenverbilligung ohne weiteres ausgleichen. Eine„erstarrte Zunft von Nationalökonomen", wie sie Wage- mann, der Kritik gewärtig, nennt, wird allerdings diesen Vorschlag höchstens dazu reizen, die Frage zu stellen, warum man dann wohl den Hokuspokus nicht gleich mit 20 Milliarden wiederholen kann... Für gewisse inflationistische Kreise — mögen sie sich auch gerne nur Freunde zielbewußter Geldschöpfung nennen— ist aber der Wagemann-Plan eine ztarke Lockung- Verelendung der Arbeiter Nach dem Geschäftsbericht des Reichsversicherungsamtez für 1933, veröffentlicht im Reichsarbeitsblatt vom 25. März 1934, sind die Einnahmen aus den Beiträgen der Invalidenversicherungen in der Zeit von 1932 bis 1933 von 642,2 Millionen Mark auf 679,0 Mark, also um 37 Millionen Mark, gleich 5 Prozent gestiegen. Im Januar 1933 gab es nach der amtlichen Statistik 11,5, im Januar 13,5 Millionen Beschäftigte. Bei einer Zunahme der Beiträge um 5 Prozent hatte sich die Zahl der Beschäftigten um 20 Prozent vermehrt. Die Erhöhung des Arbeitseinkommens war also erheblich hinter der Zunahme der in Arbeit Gekommenen zurückgeblieben, oder was dasselbe sagt, das Lohneinkommen des einzelnen Arbeiters gesunken. Noch deutlicher geht das hervor aus dem Ausweis über den Anteil der Lohnklassen an der Gesamtzahl der 1933 geklebten Beitragsmarken. Der folgende Vergleich der Jahre 1931 und 1933 ist sehr aufschlußreich. Es entfielen in Prozenten auf: 1931 1933 Lohnklasse I 6 Mark wöchentlich,..., 3,1 4.0 Lohnklasse II 12 Mark wöchentlich• s s s t 14,0 22,9 Lohnklasse III 18 Mark wöchentlich•■■• i 18,7 20,9 Lohnklasse IV 1931 1933 24 Mark wöchentlich< s«•» Lohnklasse V. 30 Mark wöchentlich■■• s i 9,9 10,8 Lohnklasse VI 36 Mark wöchentlich• i i s t 8,0 9,3 Lohnklasse VII 36 Mark und darüber■■•. 30,2 17,3 Der Anteil der beiden untersten Lohnstufen betrug 1931 etwas mehr als ein Siebentel, 1933 mehr alt ein Viertel, der drei untersten Lohnstnfen 1931 etwas mehr als ein Drittel, 1933 fast die Hälfte! Dagegen war der Anteil der obersten Lohnstufe von fast einem Drittel im Jahre 1931 auf wenig mehr als ein Siebentel 1933 gesunken! Tatsächlich ist aber die Herabdrücknng des Arbeitseinkommens auf den Tiefstand noch beträchtlicher alt diese Aufstellung zeigt. Denn unter den Beitragszahlern der niedrigsten Lohnklasse ist der überwiegende Teil der Arbeitslosen enthalten, die nur so viel Beiträge leisten, wie zur Aufrechterhaltung der Anwartschaft notwendig ist. Mit der Abnahme der Arheitsmöglidikeit müßte also ein Ucbergang von den niedrigsten auf höhere Lohnklassen verbunden sein. Daß das Gegenteil eingetreten ist, beweist, daß die Löhne im„dritten Reich" vielfach nicht höher sind als die Arbeitslosenunterstützung oder sogar noch dahinter zurückbleiben! Und diese Löhne sollen vom 1. Mai ab noch weiter gesenkt werden! Wie eine„Arbeltssdiladit" in Berlin aussieht Vorgestern morgen war In Berlin folgend« Illustration zu dem stand der Arbeitslosigkeit zu beobachten. In der Martin-Luthcr-Ztraßc gab es einen großen Auflauf. Man erfuhr, daß ein Bäcker eine Laufburschcnstrlle ausgeschrieben hatte. Zofort fanden sich mehr als 5« junge Menschen zwi- schcn 16 und 18 Jahren ein. die vor der Tür warteten, bis der Bäcker kam. Ter Bäcker nahm den ersten, der ihm gerade paßte. aber die Zahl der jungen Erwerbslosen, die sich vor dem Laden einfand, wuchs weiter. Die Jungerwerbslojen, die erfolglos oft iveite Wege zurückgelegt halten, waren tn lehr schlechter Stimmung. Bor allem die Jungen mit den braunen Hemden der Hitlerjugend protestierten laut und öfters hörte man AuSrnfe wie:„Es gibt doch keine Erwerbs- losen mehr, das fehl Ihr ja hier!" hifler-Wirtschaft über sidi selbst Das Propaganda-Ministerium berichtet unermüdlich vom „Wirtschaslsausstieg". Die Wirtschaft selbst aber ist anderer Meinung. Ter Gesamtverband der deutschen Banmwvllwebereien berichtet über den Geschäftsgang im März:„Allerdings hat sich die Geschästöbelebung nicht überall durchsetzen können. In manchen Zweigen war sogar ein Nachlassen des Auftrags- eingangs zu bemerken. Im allgemeinen kann man sagen, daß die Kanftendenz im März uneinheitlich war." Die„Deutsche A.-G. für Restle-Erzeugnisse' verteilt zwar auf ihr Aktienkapital von 8,4 Millionen 5 Prozent Dividende gegenüber nur 4 Prozent im Borjahr, berichtet aber:„Der Umsatzrückgang der letzten Jahre ist nur zum Stillstand ge- kommen.' Di« Dortmunder Ritterbraueret A.-G. verzeichnet einen weiteren Rückgang des BierabsatzeS im vergangenen Ge- schäftsjahr. Die Leipziger Pianofabrik Supfeldt berichtet:„Seit dem 80. Juni trat trotz größter Anstrengung wieder ein Umsatz- rückgang ein." Die große Kasseler Straßenbahn verzeichnet gegenüber dem Borjahr einen Berkehrsrückgang von OL Prozent. Der Berein deutscher Maschinenbauanstalten berichtet für den Monat März:..Ein großer Teil der Kundschaft schiebt die Bestellungen trotz des vorhandenen Bedarfs immer und immer wieder. In erster Linie wohl aus Kapitalmangel, hin- aus. Die AuSlandskundschast zeigt« auch im Monat Fltrj größte Zurückhaltung. Nicht einmal die Anfragetätigkeit er, fuhr eine Belebung, noch weniger»er Auftragseingang.' 3eu/sriie Stimmen» Seilajc zur ,®eu/srfien Freiheit'- frcijnissc und SessAlt /Ueti ICH WAR- ICH BIN- ICH WERDE SEIN! Vlai-SiUmm Fliehe hinaus aus dem Greuel,\ fliehe hinaus von der Bestie Mensch, Sie nahmen dir alles, Heimat und Haus, der Freunde Seelen— aber was hattest du je? Sage, wann hat der Mensch nicht den Menschen gemordet? Uralt dünkt mich dies Zeichen: Hakenkreuz, Hasseskreuz, einst doch Kreuz einer schönern Geburt. Aber das war einmal, aber das wird einmal sein, i venns mans wieder beschnitten hat. Fliehe dorthin, wo Natur mit den Fingern ein ander Geseff an den sich hellenden Himmel schreibt. Sie, die die Städte begräbt und die zuchtlosen'Staaten auch. Gut ist der Mensch, wenn ihn der Dämon, die Schlange, nicht zu enlsefflichen Taten reizt. Gut schien die Heimat dir. Aber nun Kampf schwör ich der Bestie, am lautern Quell, jungicaldumstandenen, die sie verwandelt hat. O, ich weiß, es wächst eine andere Jugend doch zwischen Rhein und Weichsel, ja es wächst, der der Schlange das Haupt abschlägt. Wehe, sie haben alles verfälscht, wehe, sie haben ganz Deutschland dich rein umgekehrt. Sage, siehst du die Schlange nicht, nicht die Mähne auf ihrem Haupt? Rot, rot gestreift ist's, aber nicht Morgenrot, nicht der Freiheit goldrotes Zeichen ist's, drunter ihr fochtet, ihr Kämpfer all um deutsche Freiheit. Ob in Gefängnisse auch blickt der Mai, ob in die Lager euch schamlos Verwahrter, Entehrter? Wende dich dorthin Wald, alle Wälder Germaniens rauscht, ruft „Freiheit" den Wanderem, „Freiheit" Nichtwanderern, und den Toten, den Toten auch! Wirre Wind rb, Fülle der falschen Fahnen, fall' i ein in die Gassen, mach licht, mach leicht die gefesselten Herzen. Brüder im Reich, wir vergessen euch nicht, vergesset uns nicht in dem Elend der neidischen Fremde. 0 teures Reich, teurer uns, da wir's missen nun als die Verfemten. Doch eine Heimkehr ist, ja eine Heimkehr ist, wenn die heilige Fahne weht deiner Menschheit. Hebet die Hände hoch gegen die Wälder, über die Grenzen hin, schwöret Treue ihm, daß es ein freies sei, frei von der Schmach und der Fron und dem Frevel— bald! V index. Jkm&enspielzeiui ...„die beim Aufstieg knallen" Du Musterlager der„VeJes", de, Verbandes deutscher Spielwarenhändler in Nürnberg, findet in der„Frankfurter Zeitung" folgende begeisterte Schilderung: „Kinderspiel bleibt an sich Kinderspiel, und so grüßen wir viele alte Bekannte. Aber die Formen ändern sich. Die Welt der Waffen beherrscht hier das Feld in mancherlei Formen bis zum komplizierten Tank, der sechziggradige Steigungen spielend nimmt. Der..Amphibientank", der neue Land- und Wassertank rollt über den festen Boden und schwimmt je nach Bedarf.„Flak", die Flugzeug- abwehrkanone, bildet neueste Technik erstaunlich nach und der Kanonenba»kästen bietet Möglichkeit für mancherlei Geschützbau. Selbstverständlich geben die neuesten kleinen Maschinengewehre auch wirklich Funken und das Bombenflugzeug fliegt nicht nur richtig durch die Luft, sondern wirft im Flug Bomben ab, die beim Aulsturz knallen." Und so, fügen wir hinzu, wird die deutsche Jugend im Geiste der allein echten und aufrichtigen Friedensliebe Adolf Hitlers erzogen. Aber Bücher sind gefährlich! Im„Völkischen Beobachter" schreibt der kommissarische Bürgermeister Berlins, Hafemann, über die Berliner städtischen Bibliotheken und ihre Neuordnung. Zunächst wurde dafür Sorge getragen, daß aus den Beständen sämtliche Zeitungen und Zeitschriften verschwinden, die politisch oder moralisch anrüchig waren und durch solche nationalsozialistischer Prägung ersetzt werden. Ferner wurde die Ausgabe von Büchern an das Publikum gesperrt, die marxistische Anschauungen vertreten oder dem Pazifismus huldigen. Ein Ausschuß zur Säuberung und Neuordnung der Bibliotheken stellte schwarze Listen auf, in die sämtliche Werke aufgenommen wurden, deren Ausmerzung geboten erschien. An Hand dieser Liste sind viele Tausendet von Büchern aus den Regalen entfernt worden. Man stelle in die Lücken das Kinderspielzeug ans dem Musterlager der„Vedes" und man wird für sinnigen Ersatz Sorge getragen haben! J)et A&teiituujsCeUec Das Ziel der Klasse erreicht Man soll der„Deutschen Freiheit" nicht nachsagen, daß sie für Hitlers gestohlenen 1. Mai gar nichts übrig habe. Sie erlaubt sich au diesem Zweck aus Revanche eine kleine Anleihe aua der„Kölnischen Zeitung". Des arme Blatt mußte einen Artikel veröffentlichen, der so... wie soll man ■agen; also der so reizend ist, daß er nicht untergehen darf. Hier iat er; »Ute 1. Vtai Walter Schulze, Abteilungsleiter für aktive Pro- pagandaleitung der NSDAP., achreiht uns u. a.: Zum diesjährigen Tag der Arbeit wurde im Auftrag des Führers von Professor Klein(München) eine Plakette entworfen, die in ihrer atarken Komposition als Symbol des Tages der Arbeit gelten kann. Den Weg dieser Plakette wollen wir verfolgen und ateigen zuerst mit dem Bergmann in die Grube, aus der er in schwerer Pflichterfüllung das En und die Kohle zutage fördert, aie seinen Brüdern über Tag in die Haud legt, damit auch sie teilhaftig werden des Segens der Arbeit. Durch Hütte und Walzwerk begleiten wir unsern Volksauf*r«B L Mai und sehen wie er in .Glut und Hitze aus sprühendem Feuer und durch die» alzc" weiterverarbeitet wird, um überzugehen in die vielen Werkstätten und Betriebe, die ihn jetzt aufnehmen, um ihn zu erfüllen. Hier zeigt sich jetzt deutlich, in welch außerordentlicher Masse sich der kleine Auftrag der vielen Millionen deutscher Volksgenossen auswirkt, die am 1. Mai aich für 20 Pfennig mi- dem Zeichen des Tages der Arbeit schmücken wollen. In über 275 Betrieben aller deutschen Gaue fanden an diesem Gemeinschaftsauftrag über 11 000 deutscher Volksgenossen Arbeit und damit Brot für aich und die Ihren. In Erfüllung aller sozialen Bedingungen wurden in dieaen Betrieben die Maschinen nur zur Dienerin der Arbeit bestimmt. Und wenn sie unsern Münzen die Prägung verliehen hatte, gingen diese weiter von Hand tu Hand und wurden von Schmutz und Fett befreit, geglüht und gelb gebrannt, behauen, gesandelt und gebeizt, gelötet und patiniert, bis sie zum Schluß das Festkleid trugen, welches das deutsche Volk an seinem höchsten Feiertag ehren soll. Die Darstellung des Bildes ist dem Emst der deutschen Arbeit entsprechend von seinem Schaffer in wahrlich meisterhafter Weise durchgearbeitet. Das Hoheitsabzeichen ist in diesem Denkmal der Arbeit das Fundament der unumstößlichen Einheit des gansen schaffenden Volkes und trägt die edeln Werkzeuge: den Hammer dea Arbeiter* und die Sichel des Bauers, die ihnen vom Führer in die Hand gegeben wurden, um Deutschland wieder aufzubauen. Als Ausdruck der fithiechen Betonung aller unirer Arbeit steht über diesen beiden Zeichen deutschen Fleißes der große Geist, ohne den alle Arbeit doch nur Chaos bedeuten würde. Mit der Größe, die so in dem Zeichen selbst liegt, verband sich die Sorgfalt, mit der es ausgeführt wurde. In Tüten, Kartons und Kisten verpackt ging unser Auftrag des deutschen Volkes mit den Güterzügen und anderen Transportmitteln in alle Adern des Reichs, um durchzudringen bis in die letzte Stadt und in das letzte Dorf unsres Landes. Ein jeder Volksgenosse, der am 1. Mai durch die mit Fahnen und Girlanden, mit Maiengrün und bunten Bändern geschmückten Straßen marschieren wird, wird ein Zeichen tragen, ein kleines nur, das half deutsche Not au lindern. Vom Kurischen Haff bis zum Bodensee, von Friesland bis zum Bayerischen Wald wird mit ihm der Arbeiter und der Beamte, der Handwerksmann und der Gelehrte, der Bauer mit Weib und Kindern und allem seinem Gesinde marschieren und das Zeichen zeigen zum Beweis, daß aie zum Ehrentag der deutschen Arbeit Arbeit schaffen halfen. In das Läuten der Glocken deutscher Dome und Kirchen, die am 1. Mai ihren Schall weit in das Land tragen werden, wird sich im Klingen der vielen Millionen Denkmünzen schaffender Deutscher der Chor aus Schillers Glocke mischen: Tausend fleißige Hände regen, Helfen sich im muntern Bund, In dem fleißigen Bewegen werden alle Kräfte kund." In Anbetracht der bewiesenen vaterländischen Gesinnung bekam Sdiulac, Untersekunda, für diesen genußreichen Aufsatz noch zwei minus, .Deutsche Freiheit", Nummer 100 Das bunte Vlatt DienKtag-Mittwoch, 1./2. Mai 1984 Mein 1. Mai Von Peter Vitter In unsere Zelle fiel kein Licht. Denn die Läden deS einzigen auf den Gang des Sigurancagebäudes mündenden Fensters blieben immer geschlössen. Und die im Gebäude zu tun hatten, brauchten nicht zu sehen, wer die Staatsverbrecher waren, die diese Zelle bevölkerten. In der Finsternis auf den Pritschen liegend, waren da: ein Bulgare, verhaftet wegen unbefugten Grenzübertrittes, ein Serbe, ein Deutscher und noch ein Landstreicher. Der Serbe, der schützend auf seinem Freßsack lag, hatte keinen Patz. Der Deutsche und ich, die"'enfalls ohne Bewilligung nach Rumänien ge'immen waren, hatten den Weg, der dem Bul- garen und dem Serbin bevorstand, schon fast zurückgelegt. Nach der Verhaftung hatten wir zusammen erst, einmal vier- zehn Tage bei der Siguranca Quartier erhalten. Dann kamen wir ins Kriegsgericht. Und da uns die Siguranca unbedingt für russische Emissäre hielt, konnten wir tm Kriegsgericht nach unserer Einlieferung gleich eine Krankenzelle beziehen. Der Sergeant Krischan machte uns mit Aspirin und Rizinusöl gesund, so datz wir nach drei Monaten schließlich verhandlungsfähig waren./ Das hohe Kriegsgericht bedauerte, uns nicht die unfrei- willige Ärteitserlaubnis für das Kupferbergwerk bei Brassow»j geben zu können und verurteilte uns blotz zu je drei Monaten Gefängnis. Wegen unbefugten Grenzüber- trittes.— Von der Spionage, bolschewistischen Umsturz- versuchen und Hochverrat wurden wir freigesprochen und die Kosten des Versahrens der Staatskasse auferlegt. Was in Anbetracht der mageren Gefänguiskost nicht viel ausmachte. Nun waren wir wieder bei der Siguranca und sollten von Agenten über die nahe ungarische Grenze gebracht werden. Dem Serben und Bulgaren erzählten wir aus Langeweile unsere Odyssee, wobei wir über die einzelnen Details aus- sührlich berichteten. Es ist daher begreiflich, datz der Serbe seinen kostbaren Frehsack, in dem er Weißbrot und Speck auf- bewahrte, mit seinem rundlichen Körper schützte. Seit der Entlassung aus dem Kriegsgericht vor drei Tagen hatten wir nur alle vierundzwanzig Stunden einmal einen Klumpen Maisbrot erhalten. Des Serben Freßsack schien uns also, milde gesagt, begehrenswert. Freiwillig gab der aber nichts her. „Wir werden ihn einfach enteignen," sagte der Deutsche. Ter Bulgare war auch dafür. Der Serbe, ein Großbauern- söhn, war seine in Rumänien lebenden Verwandten ohne Paß besuchen gekommen. Er würde also von seinen Leuten während der langen Hast bestimmt unterstützt werden. Schon waren wir daran, dem unter dem ahnungslosen Serben liegenden Weißbrot und Speck zu einem gewaltsamen Besitz- Wechsel zu verhelfen(der Serbe hatte ja unsere deutsch ge- führte Unterhaltung nicht verstanden), da ging die Tür auf und der Herr Diensthabende ließ seine Stimmbänder ar- beiten: „Ihr räudigen Hunde und Söhne von Schweinen, steht auf, wenn ich mit euch spreche!" Er drehte am Schalter, der sich am Gang befand und wir zwinkerten ihn, ungewohnt deS Lichtes, ehrerbietig an. Hinter seiner, den Türrahmen füllen» den Person stand ein kleines, unscheinbares Mädchen. „Hier." er wies nach hinten,„ist eine Damc. Sie ist vier- zehn Jahre alt und kommt geradenwegs aus einem Bordell in Gala'.'. Die Sittenpolizei ist der Ansicht, daß sie noch etwas zu jung ist sür das Geschäft. Die Dame wird nach Haus schubiert— das heißt zuerst, ins Krankenhaus. Weh euch, wenn ihr sie anrührt. Alle Knochen breche ich euch— ihr Stinktiere." Dann wandte er sich an die„Dame" und zeigte in die Zelle:„To— Gnädigste." Er kniff sie dorthin, wo bei einem erwachsenen Weibe die Brüste sich befinden, rollte einen langatmigen Fluch durch die Zähne und warf die Tür zu. Das Licht erlosch, die Kleine verkroch sich irgendwo in die Ecke und wir bezogen wieder unsere Pritschen. Schon wollten wir den Angriff auf des Serben Freßsack erneuern, als die Tür wieder aufging.„Zwei Mann zum Aufräumen!" Das ließen wir uns nicht zweimal sagen— denn da gab es zur Belohnung den Rest vom reichlichen Frühstück des Kommissars und hie und da weggeworfene Zigarettenstummel. Der Deutsche und ich folgten dem Aus- seher in die Bürorcnme. Kommissar Popovitsch, derselbe, der uns vor drei Monaten mit dem"'ugenausstechen drohte, falls wir nicht alles gestehen würden, was er wollte, studierte gerade eifrig ein Plakat. Er hatte es auf seinem Tisch liegen, halb zerrissen und beschmutzt. Man sah eine rote Faust dar- auf und eine Inschrift, die ich nicht entziffern konnte. „WaS gafft ihr?" Popoviksch fuhr uns giftig an.„Macht schnell sauber hier." Und er ging ins Nebenzimmer. Der Schließer stampfte auf dem Gange auf und ab, während wir gierig die Aschenbecher leerten. Das Plakat hatte der Kommissar liegen gelassen. Verstohlen betrachteten wir es. „Arbeiter— am 1. Mai. dem Weltfeiertag bei...", hier brachen die roten Settern ab, denn die andere Hälfte fehlte. Nur die Faust war unversehrt, eine sehnige, geballte, auf- rechte r"'e Faust... Plötzlich hallten Schritte auf dem Gang. Zwei Agenten trieben einen Mann mit Schlägen vor sich her in das Zimmer des Kommissars, der, durch den Lärm angelockt, herbeikam. „Ah— einen haben wir schon." Er ließ sich in den Sessel fallen. Als er uns noch hier bemerkte, brüllte er:„Raus mit euch!" Der Schließer führte uns in die Nebenräume, die wir ebenfalls in Ordnung bringen mußten. Aus dem Zimmer des Kommissars drang durch die Wände Gebrüll, unflätige Schimpfworts und ein Klatschen, das auf Schläge vermuten ließ. Wir wußten, daß die Siguranca in der Anwendung von Mitteln, um Geständnisse zu erpressen, nicht sehr wählerisch war. Nur wunderten wir uns, daß dem Geprügelten kein Wort entfuhr, das die Agenten besänftigt hätte... Diesmal bekamen wir keine Reste von de» Kommissars Frühstück und der Schließer wagte nicht, ihn im Verhör zu stören. Da wir noch im zweiten Stock zu tun hatten, kamen * Berüchtigtes Gefängnisbergwerk. wir erst gegen Mittag in unsere Zelle. Jetzt brannte das Licht und ein neuer Mitgefangener lag zusammengekrümmt und leise stöhnend aus der Pritsche. Wir erkannten in ihm den Mann, den die beiden Agenten gebracht hatten. Er war übel zugerichtet. Ueber sein Gesicht, verschwollen und mit blauen Flecken, zogen sich blutige Striemen. Die kleine Hure saß neben ihm, hatte ihre großen, wissenden Augen starr auf ihn gerichtet und bemühte sich, mit einem nassen Taschentuch seine Wunden zu kühlen. Dazu benützte sie das Waffer aus dem Kruge und der Serbe, der fürchtete, daß dann zu wenig zum Trinken da sei— wir durften nur. einmal am Tage welches holen— protestierte dagegen. Er wurde von dem Bulgaren unsanft zurechtgewiesen und zog sich deshalb brummend und schließlich gleichgültig kauend in die Ecke zurück. .„Heute werden noch mehr solcher Leute kommen," der Deutsche wies auf den Mißhandelten,„heute ist nämlich 1. Mai und alle Versammlungen und Demonstrationen sind hier verboten." Ich war ein Vagabund, der hungrig durch die Welt lief und sich bloß darum kümmerte, den ewig hungrigen Magen voll— und am Abend ein Dach über den Kops zu bekommen. Warum die Arbeiter demonstrierten, hatte mich noch nie interessiert... Der Deutsche erzählte, wie er früher, als er noch Arbeit hatte, ebenfalls mitmarschiert war. Seine Er- zählung wurde durch das Oeffnen der Türe unterbrochen. Der Diensthabende drängte eine weinende, sehr dicke Frau herein. Die Frau blieb vor der Türe stehen und murmelte immer wieder:„Die Schande— o diese Schande..." Erst nach längerem Zureden erzählte sie uns ihr Leid. Eine schwäbische Bäuerin, war sie wie immer mit ihren. Waren aus den Markt nach Arad gefahren. Wegen ihrer Dicke fiel sie einem Sigurancaagenten auf.„... Er sagte, ich solle mit- kommen. Und hier brüllten sie, ich möge doch die Flugblätter, die ich unter den Röcken hätte, herausgeben. Denn diesen Trick kennen wir, sagten die Agenten. Zuerst schämte ich mich, dann beteuerte ich, daß ich schwanger bin... Und ich mutzte mich vor ihnen ausziehen... Sie fanden nichts, aber trotz- dem sperren sie mich hier ein. O diese Schande— die Schande..." Wir redeten ihr zu.„Madame, trösten Sie sich, sie kommen bestimmt noch heute heraus." Aber die Schwangere war nicht zu beruhigen. Erst als sie sich müde ge- weint hatte, schien sie sich in ihr Schicksal zu fügen. Noch einige Male ging die Tür an diesem Tga auf. Ein Arbeiter, dessen linker Arm wie leblos herunterhing, wurde mit einem Tritt in die Zelle befördert, fiel nieder und blieb liegen. „Glück gehabt er verzog den Mund zu einem verzerrten Lächeln,„bloß der Arm ausgekegelt. Aber demonstriert haben wir doch... Nur eine Zigarette möchte ich..." Er- schütten sahen wir auf diese Menschen. Aber wir hatten keine Zeit nachzudenken, denn immer neue Gefangene wurden ein- geliefert. Sie erzählten, datz am Hauptplatz geschossen worden sei.— Die Luft wurde immer unerträglicher. Es waren nun an die zanzig Personen in der Zelle, die für sechs bestimmt war. Als der Diensthabende wieder einen einlieferte, for- dcrten wir, daß das Fenster geöffnet werde. Und als er das ablehnte, setzte ein Gebrüll ein. wie es wohl auch dieses Haus noch selten gehört hatte. Der Kommissar und die Agenten 2J as ist xiec Jxiq,.../ Von Pierre Das ist der Tag, den sich das Volk gegeben, Aus dem der Glaube an die Zukunft spricht, Als ein Bekenntnis zu der Welt, zum Leben, Das aiis dem Dunkel drängt empor zum Licht! » Das ist der Tag der Hungernden, der Armen, Der Fahnen, Fächeln sind Millionenschrei— Sie fordern Recht, sie wollen kein Erbarmen, Das ist das Lied von unserm roten Mai! j*> Das ist der Tag. an dem die Straßen dröhnen Vom Sturm der Masse, die umbrandet steht, Der, noch geknebelt, selbst im Fieberstöhnen Des Sieges Atem um die Lippen weht! >.* j Das ist der Tag, an dem wir uns bekennen. Ein Herzschlag flammt von London bis Shanghai, 'Wo sich Marxisten stark und stolz bekennen, Da glüht das Wunder dieses ersten Mai! * Das ist der Tag der Kämpfenden, der Freien, Das ist des Erdballs Zukunftsmelodie, Wie eine Fahne weht in unsern Reihen Des roten Kampfmai Menschheitssymphonie! *' Einst kommt der Tag, an dem die Ketten fallen. Dann, Kamerad, sind wir endlich frei, Und diese Erde, sie gehört uns allen, Das ist Erfüllung unsres ersten Mai! kamen mit entsicherten Revolvern. Da sie jedoch die ent- ichlossene Haltung der Gefangenen bemerkten, zogen sie wort- los ab. Aber die Fensterläden wurden geöffnet. Es war wohl schon Nachmittag, denn am Gange wurde es still. Nur die Schritte des Schließers hallten gegen die Wände... Zuerst war es auch in der Zelle ruhig. An das karge Licht gewöhnten wir uns bald. Andere Forderungen wurden all- mählich laut. Wir. verlangten zu essen. Der Aufseher drohte mit dem Schließen des Fensters. Aber die Rufe nach Brot mehrten sich. Die Zelle erdröhnte im Sprechchor. Unbewußt, erst zaghaft, schrie ich mit. Eine Wandlung ging in mir vor. Ein neues, nie gekanntes Gefühl überkam mich. Ich bin nicht allein in meinem Elend— dieser Gedanke gab mir Kraft. Wir bekamen zu essen. Widerwillig warf man uns die Maisklötze hin, wie wilden Tieren, durch die viereckige Tür- öffnung. Auch Wasser wurde geholt, damit der Durst ge- stillt und die Wunden gereinigt werden konnten. Irgendjemand begann zu singen. Ich verstand den Sinn des Gesungenen nicht. Die Melodie war wuchtig, hämmerte sich in die Gehirne ein. Und obgleich die Zunge die Worte nicht formen konnte: Das Herz sang mit. Die Äuster mit dem s>tich Bon Mike Berry In einem kleinen Lokal aus dem Montparnasse gleich hin- ter dem Cafe Döme saß Litsaß. Er hatte ein Dutzend portu- giesische Austern bestellt und dazu eine halbe Flasche Chablis. Borher hatte er drei Aperitifs getrunken und jetzt war er intensiv damit beschäftigt, einer Auster nach der anderen das Lebenslicht auszublasen. Techs hätte er bereits bewältigt. Langsam und genießerisch hatte er sie mit der Gabel abgelöst, drei Tropfen Zitronensaft hinausgrdrückt und sie dann mit- samt dem Wasser hinunter geschluckt. Bei der siebenten Auster aber stockte er. Die Gabel hatte gegen etwas Hartes gestoßen. Etwas Hartes, Rundes. Kein Zweifel, Litsaß hatte eine Perle gefunden... Er hob'die Auster etwas• an, um sich zu überzeugen. Darunter lag eine wundervoll geformte rosa Perle von be- trächtlicher Größe. Litsaß legte die Auster zurück auf den Tisch. Er zitterte vor Erregung. wußte, daß der Gast ge- fundene. Perlen an den Wirt, zurückgeben muß. Aber dazu hätte Litsaß keine Lust. Er wollte— kann man es ihm ver- denken— die Perle behalten. Das war nun nicht leicht. So einlach in den Schlips oder in die Tasche stecken konnte er sie nicht.- Denn neben ihm saß ein älteres Ehepaar und sah ihm zu, und an der Säule lehnte der Kellner und wachte. Also legte Litfaß die wertvolle Auster vorläufig beiseite. Da wurde der Kellner aufmerksam. Langsam kam er an den Tisch. Er hob die Auster hoch und roch daran. Dann sagte er sanft:„Tie legten die Auster zurück, Movsieur, ist sie nicht frisch?" , Litfaß lächelte verlegen:„O doch, sie ist sehr frisch, sie ist eine der frischesten Austern, die ich kenne. Ich hebe sie nur pis zum Schluß auf, ich esse die beste nämlich immer zum Schluß." .„Es scheint mir," runzelte der Kellner die Stirn,„datz sie doch einen kleinen Stich hat. Ich werde sie in der Küche um- tauschen." Jetzt wurde Litsaß nervös.„Bitte nicht umtauschen. Lassen Sie die Auster liegen. Ich habe sie bestellt und ich werbe sie bezahlen." „Mein Herr," sagte der Kellner jetzt würdevoll,„es ist meine Pflicht, den Ruf unseres Hauses zu wahren. Ich kann es nicht dulden, daß unsere Gäste verfaulte Austern essen. Diese Auster ist verfault. Sie hat„Hogu", wie wir Fran- zosen sagen. Sie riecht wie ein ganzes Raubtierhaus. Die Frau, die sie in der Küche öffnete, wird morgen entlassen." Er nahm die Auster in die Hand und wollte sich damit ent- fernen. Da wurde Litfaß wütend.„Garcon," rief er,„Garcon, legen Sie die Auster augenblicklich wieder auf meinen Teller! Meinetwegen soll sie riechen wie^ine Dunggrube, ich mutz sie besitzen! Sie wollen wissen warum, nicht wahr? Gut, Ihnen will ich es sagen. Ich brauche sie als Andenken, sie er- innert mich nämlich, nun— sie erinnert mich an eine alte Tante in Uruguay. Nein, nicht des Geruches wegen. Aber derselbe GesichtsauSdruck. dieselben treuen Augen. Sie ist nicht schön, die Tante, sie ist nicht nett, aber wir lieben sie mit seltener Anhänglichkeit, denn sie ist hochbetagt, und ihr vieles Geld macht sie nicht glücklich. Und darum will ich sie besitzen, die Auster." „Monsieur," sagte der Kellner und zog die rechte Braue hoch,„was Sie da sagen, glaube ich Ihnen aufs Wort. Ich bin selbst ein Familienmensch, ich hänge an meinen Lieben. Mein Onkel Georges ist ein-ähnlicher Fall wie.ihre Tante Uru- guay. Er sieht aus wie ein Hummer. Dasselbe rote Gesicht, die krummen Belne und die Scheren— er ist nämlich Schneider. Und im Vertrauen gesagt, er ist geizig wie ein Hummer. Schwer, was aus ihm herauszukriegen. Aber sonst ein lieber, alter Herr. Und deshalb gibt es bei uns jedes- mal bei seinem Geburtstag Hummer. Familiensinn in allen Ehren, aber ich darf Ihnen als Angestellter dieses Nestau- rants keine schlechte Auster verkaufen. Wenn Sie an Auster- Vergiftung sterben) ist unser Lokal ruiniert, ich bin Arbeits- los. meine Kinder und unser Onkel Georges werden hun- gern müssen. Das wird Ihnen lebenslänglich Gewissens- bisse bereiten, Monsieur." Litfaß sah ein, daß gegen die Hartnäckigkeit des KellnerS nicht mit Bernunstgründen anzukommen war. Deshalb legte er einen 50-Frankenschein auf den Tisch und sagte, indem er ein Auge zukniff:„Genügt das für die Austern und den Chablis, Garcon?" „Nein," sagte der Kellner empört,„die Rechnung allein macht schon 15 Franken. Und da bieten Sie mir 50 an? Für 50 lumpige Franken soll ich die Ehre unseres Hauses ver- raten!" Dann setzte er sachlich hinzu: Wollen Sie 200 auS- geben?"-'.••'.•■ Litfaß sah, daß man seine Perle durchschaut hatte. Also legte er 200 Franken auf den Tisch, packte seine Auster schleu- »igst in Seidenpapier und schob sie in die Tasche. Hastig setzte er den Hut auf, nahm den Mantel über den Arm und ver- lieb fluchtartig das Lokal. Der Kellner aber faltete da» Geld sorgfältig zusammen und steckte es in die Hosentasche. Er leerte einen Aschenbecher am Nebentisch, pfiff drei Takte Musik durch die Zähne und ging befriedigt in die Küche. Dort entnahm er einer Ziga- rettenschachtel eine rosa Glasperle, und legte sie behutsam unter eine der zwölf Austern, die der ältere Herr am Feu- ster inzwischen bestellt Hatte. J Deutschlands Aufrüstung Die militärlsdie Ausbildung Auch das Tempo sowie die Art und Weise der Auf- rüstung sind jetzt zu überblicken. Wenn in der deutsche» Note an Großbritannien wegen der Höhe des Militär- budgets gesagt wird, es handle sich nur um eine Bereit- stellung von Mitteln für den Fall, daß Deutschland eine höhere militärische Sicherheit zugebilligt werde, nicht aber um eine Verletzung des Vertrages von Versailles, so ist das unwahr. Alle folgenden Angaben stammen aus der Vergangenheit. Tie sind ein Bestandteil der bereits seit vielen Monaten eingeleiteten Rüstungen, die inzwischen nur m einem beschleunigteren Tempo und ohne Rücksicht aus das Ausland durchgeführt werden. Die militärische Ausbildung geht in dreierlei Formen vor sich: 1. Einstellung bei der Reichswehr zum regulären Dienst, aber auf anderthalb Jahre statt der vorge- Ichriebenen zwölfjährigen Dienstzeit. 2. Eine kurz bestri stete militärische Ausbil- ng von SA. und SS., Stahlhelm, Polizei, Studenten, Arbeitsdienstlern, Erwerbslosen usw. 2. Regelmäßige U e b u n g e n bei den vorstehend angc- gebenen Gruppen, aber auch bei den Mitgliedern von Sportvereinen, den älteren Mitgliedern der SA. usw. MerlmlellnaSen bei der Beldis wehr Uebcrall werben junge Leute sür die Reichswehr ange- worden, und zwar in einem iveit größeren Ausmaß als in früheren. Jahren. Am 1. April sind zahlreiche Einstellungen vorgenommen worden. So z. B. bei dem in Hirichberg in Schlesien stationierten Bataillon Süll Mann, bei einem Regiment in Schweidnitz 10U0 Mann. Aehuliche Meldungen liegen aus der Provinz Brandenburg vor. Die Verpflichtung wird nur für anderthalb Jahre vorgenommen. Die Besoldung nebst Kost beträgt 65 Mark monatlich, außer- dem wird eine Abfindung von 4M NM. versprochen. Im Zusammenhang damit steht die Einberufung der Alters- gruppen zwischen 18 und 85 Jahren zu Sportabteilungen, wie sie in einzelnen Gegenden allgemein vorgenommen wird. So veröffentlichte z. B. der„Neue V o r w ä r t s" sNr. 87. 25. Februar 1984) einen Gestellungsbefehl der Standarte 43 aus Königsberg vom 23. Januar. Er lautet: „Jeder deutsche Mann hat in Zukunft die Pflicht, seine ganze Kraft dem Baterland zur Verfügung zu stellen. Wer , sich nicht einsetzt für das Aufbauwerk der Regierung, hat keinen Anspruch mehr auf Arbeit und-Brot und wird als Saboteur und Landesverräter behandelt. Durch Befehl der Obersten TA.-Führung sind alle 18- bis 35jährige wehrfähigen Männer zu Sportabteilungen zusammenzuschließen und unter Führung von SA.- Führern sportlich und politisch zu schulen. Jeder in eine Sportabteilung eingegliederte Volksgenosse wird durch SA.-Aerzte auf seine Tauglichkeit untersucht. Für die Spa kommen nicht in Frage: TA., SS. und Amtswalter. Sie sind der Sportabteilung des Sturmes X/43 zugeteilt Eine Weigerung, dem Beschs Folge zu leisteit, zieht Zwangsvorsührung nach sich. Der Führer der Standarte 43 F. d. R.: Der Führer des Sturm X/43 gez. Denzler Standartenführer. Auch aus anderen Kreisen des Ostens liegen Nachrichten vor, baß alle Männer bis zu 45 Jahren eingezogen nnd ausge- bildet werden. In vielen Orten werden die Ortseinwohner bis zu dem gleichen Alter in eine Stammrolle ausge- nommcn. DI« millfärisdie Ansblldong bei wehrordanisaflonen ES ist unmöglich, die über die militärische Ausbildung von SA. SS.. Stahlhelm, Polizei usw. vorliegenden Nachrichten vollständig zu registrieren. Mau muß sich begnügest, einige charakteristische Maßnahmen wiederzugeben, die die Richtung erkennen lassen. a) Ausbildung von SA., SS. und Stahlhelm Die Ausbildung erfolgt überall durch die R e ich» w e Hr. Es besteht die engste Zusammenarbeit zum Zweck der mili- tärischeu Durchdringung des ganzen deutschen Volkes. Alle Truppenübungsplätze, Kasernen usw. sind voll belegt. lGrasenwvhr, Ohrdruf. Töberitz. Zossen, Sennelager. Munsterlager. Königsbrück b. Dresden.» Das dauert bereits seit vielen Monaten und wird noch lange Zeit ,o dauern, weil die Absicht besteht, die Kurse solange fortzuietzen, bis alle Leute durchgebildet sind. Die Teilnehmer sind zwischen II 18 und 45 Jahre alt. Besonders bevorzugt werden aber die jüngeren Jahrgänge. Es werden auch«ondersormationen aufgestellt. Die Ausbildung erfolgt streng nach den Vorschriften der Reichsivehrdienstordnung, und zwar in allen Zweigen:Bedie- nung des Gewehrs 98, Ausbildung am Maschinengewehr, an Geschützen, im Handgranatenwersen, ja selbst die Ersorder- nisse des FcldkriegeS, wie Nachrichtenwesen. Telefonanlagen usw. werden geübt.» In Leipzig waren bis zum 31. März 1934 sämtliche TA.- Leute feldmarschmäßig ausgerüstet. b) Ausbildung von Polizei und Militäranwärtern In der Polizei werden die jüngeren Mannschaften zu Polizeireginlenleru zusammengefaßt, die kaserniert sind und eine rein militärische Ausbildung erhalten. Darüber herrscht eine große Mißstimmung, da sie früher als Beamte und nicht als Soldaten behandelt wurden. Auch die ehemaligen Reichs- wehrsoldaten werden zu ihren Regimentern zurückgerufen. Geeignete werden mit der Aufgabe betraut, SA.-Leute aus- zubilden. e) Ausbildung von Offizieren, Studenten, Beamten, Fliegern und Kraftfahrern Sehr großen Umfang hat die Ausbildung von Offi- zieren angenommen. Die folgende Schilderung ist typisch: Bei dem Stabe der Ttahlhelm-Ttandarte in Wernigerode fHarz» finden Kurse statt. Die Teilnehmer stammen aus a.llen Teilen Deutschlands. Sie rekrutieren sich aus Ange- hörigen der SA. und der SA.-Reserve»Stahlhelm». Aber auch andere, z. B. Sportlehrer, befinden sich unter den Teil- nebmern. Sie werden zu Offizieren ausgebildet. Nach Wernigerode kommen nur die militärisch bestqualisizierten Leute. Es bandelt sich um Endausbildungskurse für Infanterie. Daran schließt sich sofort ein Maichinengewehrlurs au. Samt- liche Lehrer sind Reichswehrofiiziere. Die Teilnehmer tragen Reichswehrunisorm. Als im September lV83 in der Nähe von Wernigerode eine größere SA.-Feierlichkeit stattfand, fuhren die Teilnehmer in Reichswehrunisorm ab, zogen unterwegs ihre TA.- bziv. Stahlhelmuniform an, um in dieser Tracht an der Feier teilzunehmen und kehrten in Reichswehrunisorm wieder nach Wernigerode zurück. Ver- schieden? Offiziere werden auch zu Kursen einberufen, die i» Berlin stattfinden. Aus den verabschiedeten frühere» Gencralstabsoffizieren. die man auch zu Kursen einberufen hat, wurde ein erweiterter Gcneralstab gebildet. ' Die Studenten der Hochschulen werden ebenfalls in den Kasernen der Reichsyehr und der Polizei in Kursen ausge- bildet. Do alle Teilnehmer an solchen Kursen schon vorher im Arbeitsdienst oder bei den militärischen Organisationen ausgebildet waren, so stellen diese Kurse Abschlußkurse sür die OfsizicrSlaufbahn dar. Jeder Kurs dauert sechs Wochen. Die Teilnehmer tragen die Uniform des Truppenteils, in dessen Kaserne der Kurs stattfindet. Solche Kurse finden auch für öffentliche Beamte statt. Auch wo diese Kurse nicht in den Kasernen stattfinden, werden sie von Reichswehrosfizleren geleitet und dienen der militärischen Schulung. Mit besonderer Sorgfalt und im großen Ausmaß geht die Ausbildung von Fliegern vor sich. Die alten Flieger werden an neuen'Maschinen ausgebildet. Ein Teil von ihnen wird aus dem Berus herausgezogen, in den aktiven Flugdienst eingereiht, mit auskömmlichem Gehalt und Ver- sicherung»bis zu 600 Mk. im Monat) verschen. Die Ein- tragung der gesamten Verbände mit Stammrollen in diese Art von Reservearmee wurde im Januar 1934 beendet. Für den Luftkrieg wird nicht nur der Reichsschutzlustbund aus- gebaut, sondern zugleich eine Sonderausbildung aller Reservekräfte nach der Gasdienstvorschrift zum großen Teil unter der Leitung geübter Chemiker des Kaiser-Wilhelm- Instituts vorgenommen. Auf besonderen Uebungsplätzen werden Flugzeugabwehrkanonen mit neuem Kommandogerät nach dem Muster der englischen und amerikanischen Aus- rüstung eingeschossen. Studenten und Assistenten der Tech- nischen Hochschulen, die für die mehrwöchcntliche Zeit der Ausbildung in den Dienst der Reichswehr und der Marine treten, werden herangezogen. SA.-Leute, die ausgebildet werden, besonders in Döberitz, Zossen, Küstrin, wurden bis- her für sechs Wochen, künstig für fünf Monate verpflichtet. In Berlin allein bestehen 10—12 Fliegerstürme der SA. Jeder Sturm hat 50—60 Ptlotenanwärter unter 20 Jahre. Die Angehörigen der Stürme, die über 20 Jahre alt sind, werden als Beobachter ausgebildet. Für die eigentlichen Piloten wird die Altersgrenze von 20 Jahren strikt innege- halten. Die Ausbildung findet in Staaken bei Berlin statt. Von erheblicher militärischer Bedeutung ist auch das natio- nalsozialistische K r a f t f a h r e r k o r p s lNSKK.j. Es ist genau wie die SA. rein militärisch gegliedert und stützt sich auf die großen gleichgeschalteten Organisationen der Auto- mobilbesitzcr. Wie wenig man den militärischen Charakter dieser Organisation zu vertuschen bestrebt ist, zeigt ein Manöverbericht, den der„Völkische Beobachter" vom 9. April veröffentlichte. Nur eine ganz kleine Gruppe des NSKK. nahm an dem Manöver teil, die Kraitwagenabrei- lung 85/86 unter ihrem Führer Major a. D. von Fassong. Dieses kleine Glied verfügt über 618 Fahrzeuge mit 1600 Mann. Die Beschreibung des Manövers läßt erkennen, daß das NSKK gerade in jenen Uebungen geschult wird, deren Beherrschung sür eine militärische Krastfahrertruppe im Kriegsfall notwendig ist. Besonders eifrig übte man das Ab- werfen von Handgranaten. In den Arbeitsämtern werden Dreher, Schlosser, Klempner sür eine Beschäftigung von sechs Wochen ge- sucht. Sie kommen zur Flngzengsabrik Junkers in Dessau und werden dort im Flugzeugbau ausgebildet. Wer sich nicht meldet, wird bestraft und es wird ihni die Arbeitslosen- Unterstützung entzogen. d) Ausbildung von Erwerbslosen und Landhelfern In vielen Orten werden die Erwerbslosen bis zu 50 Jahren zu örtlichen Kursen zusammengezogen. Die Er- werbslosen werden nach Berufsgruppen zusammengefaßt. Die Ausbildung ist aber rein militärisch: Exerzieren, Handhabung deS Gewehrs, Ausbildung im Handgranaten- werfen. Die Teilnahme wird erzwungen, da die Erwerbs- losenunterstützung gestrichen wird, wenn man sich entzieht. In Bayern wurde» arbeitslose Feinmechaniker in einer Maschinenfabrik in Nürnberg im Bau und in der Zusammen- stellung von Maschinengewehren geübt, Nach Beendigung des Kurses, an dem auch SA.-Leuie teilnahmen, wurde ihnen strengste Verschwiegenheit zur Pflicht gemacht. Teilweise dient auch bereits die L a u dh I l f c der militärischen Schul ii ii g. e) Ausbildung des Arbeitsdienstes Daß der Arbeitsdienst im„dritten Reich" überwiegend militärischen Zwecken dient, entspricht der alten national- sozialistischen Einstellung. Sachbearbeiter sür den Frei- willigen Arbeitsdienst im Braunen Haus in München war von jeher Oberst a. D. H i e r l. In seinen Plänen stand die militärische Ausbildung des Arbeitsdienstes stets an erster Stelle. Das entspricht jetzt, nachdem Hierl die ent- sprechende Abteilung des Reichsarbeitsministeriums unter dem Ttahlhelmsührer Seldte leite», der allgemeinen Praxis. In den Arbeitsdienstlagern wird die militärische Ausbildung mit Hochdruck betrieben. Auf die Arbeitsleistung wird fast kein Wert gelegt. Die militärische Ausbildung erstreckt sich auch aus die Ausbildung am Maschinengewehr. Besonders häufig sind nächtliche Felddienstübungcn. Soweit Arbeits- dienstfreiwillige nach vierzigwöchentlicher Dienstzeit zur Ent- lassung kommen, werden sie häufig noch zu Sonderkursen für sechs Wochen zur Reichswehr kommandiert. f) Ausbildung von Sportvereinen und Jugend Auch die Sportvereine stehen im Dienst der militärischen Ausbildung. Sie erfolgt durch Offiziere, die von anderen Diensten befreit sind. Gepäckmärsche, Schießübungen, Hand- granatenwerfen, Geländesport werden nach den Vorschriften über die Ausbildung der Reichswehr streng durchgeführt. Für den Geist dieser getarnten Wehrorganisationen ist be- zeichnend dir R e ö c eines Ossi zier q in Ludwigs- Hafen vor einem Geländemarsch: „Ich will ganz offen zu euch sprechen. Deutschland steht vor einer Situation wie 1914, ja die Gefahr ist noch größer. Auch O e st e r r e i ch ist unser Feind. Auf Italien ist kein Verlaß. Trotzdem müssen wir es schaffen. Ihr werdet hier nicht nur zum Gcländefport ausgebildet. Ihr müßt die R a h m c n a r m e e f ü r die Reichswehr ab- geben. In den Grenzlanden stehen unsere Truppen schon fertig ausgebildet. Sie können jederzeit in den Kamps ein- greisen und der Reichswehr eingegliedert werden. Seid froh, daß ihr alles dies heute freiwillig mitmacht. In einem halben Jahr muß die Jugend von 18—25 Jahren das ge- zivungen machen, was ihr jetzt freiwillig übt. Wir haben dafür gesorgt, daß kein junger Mann mehr Sport treiben kann, wenn er sich nicht uns angliedert." Auch in der Hitlerjugend wird militärische Ausbil- dung betrieben. Man geht sogar soweit, sie am schweren Maschinengewehr z» unterrichten. In der SA..gibt es besondere M a r i n e st ii r in e. Sie sollen das Rckrutenmaterial sür die Marineformationen bilden. Für den Beitritt zu den Marinestttrmen können sich olle Wassersportler über 18 Jahre melden. Oesfcntliche Werbung ist verboten. g) Ausbildung von Frauen Wie weit die Vorbereitung für den Kriegsfall gediehen ist, läßt sich am besten daraus ersehen, daß in vielen Orten bereits jetzt Frauen Gr Arbeiten bei der Post und bei der Eisenbahn ausgebildet werden. Man läßt keinen Zweifel daran, daß dies geschieht, um die Männer sür den Waffen- dienst»reizubekommen. Sdiweizer Dondsdian Basel, 29. April. Aus dem soeben veröffentlichten Bericht des eidgenössischen politischen Departements für das Jahr 1983 erfahren wir, „daß die Beziehungen der Schweiz zu Deutschland nicht in stärkerem Maße als diejenigen Deutschlands zu anderen Staaten betroffen worden sind". Die Zwischenfälle an der Grenze, Verhaftungen von Schweizern aus politischen Gründen, Belästigungen und Mißhandlungen Schweizer Bürger in deutschen Städten wegen NichtgrüßenS von Hakenkreuzfahnen, die zahlreichen Verbote schweizerischer Zeitungen— unter ihnen„Neue Zürcher Zeitung",„Basler Volksblatt" und„Nationalzeitung"—, die Versuche, national- sozialistischer pangermanistischer Propaganda in der Schweiz, Ucbcrgrifse deutscher Beamter durch Vornahme von AmtS- Handlungen auf Schweizer Gebiet, das Anhalten eines Bundesbahnzuaes aus der Strecke Zürich-Schaffhansen durch dentiche Beamte bej Jeitetten, alle diese Aeußcrungen „freundnachbar^cher Beziehungen" sind hier sorgsam registriert. In Gens haben politische Kinder, die sich Kommunisten nennen, die Einweihung eines neuen Lokals des italie- Nischen Fascio zum Anlaß genommen, der Nicole-Regirrung einen groben Streich zu spielen. Sie bewarfen das Haus mit Pflastersteinen und verletzten dabei den Sekretär deS Fascio, Savani, sowie einen italienischen Journalisten. Ihre Presse freut sich nun diebisch, daß der ihr so verhaßte Sozialist Nicole gezwungen ist, sich gegenüber dem italie- nischen Konsulat für das Treiben der Kommunisten zu ent» schuldigen und vergißt dabei, ihren Leser» mitzuteilen, daß die Kommunistische Partei der Sowjet-Union— in Anerken- nung internationaler Gesandtschaftsrechte— es bisher äugst- lich vermieden hat, beispielsweise vor der deutschen Botschaft in Moskau Demonstrationen gegen die nationalsozialistische Regierung zu veranstalten, geschweige einem faschistischen Konsulat Pflastersteine in die Fensterscheiben zu werfen. „Travail", das Organ der Genfer Sozialdemokratie, erklärt zu diesem Vorfall, daß die italienischen Faschisten keinerlei Ursache hätten, ihn allzusehr aufzubauschen, da das Vor- gehen der Genfer KP. lediglich den seit Jahren immer wieder praktizierten Methoden italienisch-faschistischer Lock- spitzet in Frankreich. Belgien und der Schweiz nachgeahmt sei. Von gröberer Bedeutung ist der innerparteiliche Klärungs- prozeß. der i m sozialdemokratischen Lager vor sich geht. Die ökonomische Krise, der sich auch die Schweiz nicht entziehen konnte, findet ihren Niederschlag in einer Radikalisierung der Arbeiterbewegung, die zum großen Kummer der verschwindend kleinen, aber dafür um so vor- lauteren kommunistischen Partei der Schweiz keineswegs eine Abschwenknng von sozialdemokratischen Arbeitern ins kommunistische Grüvvchen, wohl aber eine straffere, aares- ssvere Politik der Schweizer Sozialdemokratie hervorruft Andererseits sehen wir den Versuch einiger Gywerkschakts- fiihrer und von der Partei in die Staatsfunktionen ent- sandten Beamten, das Ruber der Partei nach rechts zu drehen, um zu einem Bündnis mit der bürgerlichen Linken zu kommen, die— wie eS die„Nationalzeitnng" tut— bereits über„den politischen Frühling" der Sozialdemo- kratie, die„Ausmerzung des Klassenkampfes" und die„Ab- kehr vom Antimilitarismus" der Arbeiterschaft' jubiliert. Tatsächlich ist es diesem anlehnungsbedürftigen Kreis in der Sozialdemokratie gelungen, in den kantonalen Sektionen des Thurgau und Glarus Resolutionen durchzusetzen, bse auf eine Revision des Parteiprogramms, Streichung des Para- grasen über die„Diktatur des Proletariats" uüd Anerken- nung der Landesverteidigung drängen. Wohin diese Rich- tung führt, zeigt schlaglichtartig das Beispiel der Manne- dvrfer Gemeindefraktion, die zugunsten einiger Pöstchen im Gemeindcrat freimütig ans den ganzen„Klassenkampf" ver- zichtete.— Es ist jedoch anzunehmen, daß dem neosozlali- stischen" Flügel seitens der Gesamtpartri ein energisches Paroli geboten wird und der im Herbst 1084 stattfindende Parteitag alle Versuche einer Milderung des sozialistischen Parteiprogramms, unter dem die Schweizer Arbeiterschaft zu einem beachtenswerten Faktor der Schweizer Politik ge- worden ist, genau so ablehnen wird, wie es der im Februar stattgehabte Parteitag— insbesondere dank der zielbewußten politischen Tätigkeit deS sozialistischen Nationalrats Schneider in Basel— getan hat. Registrieren wir abschließend, daß die Züricher„Natiönale Front" den Antrag aus eine Demonstratio»scrlaubui s zum 1. Mai gestellt hat, daß aber die Siad! Zürich es ablehnte, sich ditses demagogische Theater in ihren Stadtmauern vor- führen zu lassen. Das Theater in Basel hingegen darf seinen Sommer- spielplan mit Zückmayers„Rivalen" eröffnen, in deren Hauptrolle der von den Nazis heißgeliebte blonde Hans AlberS spielt, den nun die Vermählung mit einer Jlddin zum„Nichtarier" und auS der Ufa herauSbefördert«, Pariser Beruhte Pariser Straßenkaiendcr Zu Ehren von Bruno Walter hat die österreichische Gesandtschaft in Paris einen musikalischen Empfangsabend veranstaltet. Auf den Boulevards werden an Stelle der durch die Demonstranten zerstörten Kioske neue modern geformte Stahlbauten ausgeführt. Das bekannte Marionettentheater in dem jetzt in volle» Kastanienblüte stehenden Luxembourg-Garten hat ein neues Stück„Ali-Baba" auf dem Repertoir, das am 5. Mai aufgeführt werden soll. Bruno Waller in Paris In der Großen Oper trug das Gastkonzert der Wiener Philharmoniker unter Leitung Bruno Walters alle Anzeichen eines großen Galaabends. Paris hat dieses klanglich vielleicht herrlichste aller europäischen Orchester noch nicht oft in seinen Mauern gehört. Nur zweimal sind die Wiener Musiker zu Gastkonzerten in Paris gewesen: 1900 und 1925. Dann kamen sie noch einmal mit der ganzen Wiener Staatsoper. noch unter der Leitung des inzwischen verstorbenen Dirigenten Franz Schalk 1928 zu einer Eidelio-Aufführung. — Nach Zürich, Basel. Straßburg hat das Orchester nun unter Bruno Walter auch in Paris viel konzertiert. Im Saal Pleyel gab Gab Calloway mit seinem Neuyorker Cotton-Club-Orchester zwei fast ausverkaufte Konzerte. Das dritte Jazz-Orchester in kurzer Zeit, das sich dem Pariser Publikum in einem Konzertabend vorstellt und von. allen dreien das interessanteste. Denn diese neue Art, Musik zu machen, die Europa seit wenig mehr als einem Jahrzehnt kennt, dieser nach einem Negerschlagzeuger benannte„Jazz" ist das ureigenste Gebiet schwarzer Musikanten. Und wenn in den letzten zehn Jahren die Anregungen dieser Negerkunst die gesamte europäische Musik befruchtet und beeinflußt haben, so bleibt es doch immer wieder interessant und lehrreich, die Urform dieser Musikart oder doch das, was die Schöpfer heute daraus gemacht haben, zu hören Manches klingt seltsam, die inbrünstigen Schreie, die Naturlaute, die eigenartigen rhythmischen Voka- lisierungen des„Scat"-Singens. Abel das ganze ist so hinreißend in seiner Rhythmik, seinem musikantischen und tänzerischen Schwung, daß das Publikum nach jeder Nummer Beifall rast. Den paar Unentwegten, die im Jazz das Ende der europäischen Kultur heraufdämmern sehen, und die auch hier den Versuch eines Pfeifkonzertes machten, wünschen wir eine Stunde neudeutschen Rundfunks; sie werden dann reumütig zur Urwaldkultur zurückkehren. Zum ersten Male nach dem Tode seines Schöpfers und Leiters trat das Orchester Straram zu einem Konzert zusammen. Die in ihm vereinigten besten Kräfte aller Pariser Orchester bewiesen damit den Willen, die Gründung Strarams fortzuführen, die somit nicht, wie man bereits fürchtete, aus dem vielfarbigen Bild des Pariser Musiklebens verschwinden wird. Der Abend im Theatre des Champs-Elysees stand unter der Leitung des griechischen Dirigenten Mitropulos. Er vertritt den Typus des sensiblen, reizenmpfindlichen Dirigenten, wie ihn die vorletzte Epoche der großen Orchesterxnusik geschaffen hat.< Ohne Taktstock leitet er das Orchester in der Art etwa der großen Chormeister, hauptsächlich das Klangliche zu feinster Darstellung bringend. So gelang ihm denn auch am besten eine Aufführung des Straußschen Tongedichtes„Tod und Verklärung".— Im gleichen Konzert brachte W. H o r o- w i tz das dritte Klavierkonzert von Rachmaninoff zu vollendeter Darstellung. In der kommenden Woche findet die Serie der Ballettabende Ida Rubinstein in der Großen Oper statt. Es gelangt im Rahmen dieser Tanzsoireen u. a. ein Ballett, dessen Vorwurf von Andre Gide und dessen Musik von Stravinsky stammt, zur Aufführung. Es dürfte besonders interessieren,, daß auch der deutsche Tanzmeister Kurt J o o s choreographisch an einer der Novitäten mitgearbeitet hat. P. W. Die nngesfridiene wem« Bank In einer geschlossenen Aufführung wurde der Pariser Presse der von der Zensur beanstandete Film nach Verneuils „La banque Nemo" vorgeführt. Der Verfasser des verfilmten Theaterstücks, das im Jahre 1931 erschienen ist, in Paris unbeanstandet 250 mal und in ganz Frankreich über 1000 mal gegeben wurde, bevor die Verfilmung des„prophetischen" Werkes durch die Affaire S t a v i s k y eine ungeahnte Aktualität gewann, ließ eine Erklärung verlesen, in der er sich in humoristischer Weise mit den Beanstandungen des Zensors auseinandersetzt. Die Szene, die bei der öffentlichen Vorführung vor allem gestrichen werden soll, ist ein Ministerrat, in dem sich herausstellt, daß fast die gesamte Regierung persönlich und geschäftlich so mit der krachenden Nemo-Bank liiert ist, daß die fällige Verhaftung des korrupten Direktors„aus öffentlichem Interesse" unterbleibt. Das mag für manche Ohren vielleicht aktuellen Beigeschmack haben, aber man muß Heim Verneuil doch recht geben, wenn er erklärt, daß mit dieser lange vor der„Affaire" geschriebenen, in dem bekannten Niemandland des Films spielenden Szene niemand persönlich oder politisch getroffen werden soll, und daß durch sie keinesfalls eine Propaganda irgendwelcher Art beabsichtigt ist, ebensowenig wie Shakespeare die aktuelle Bedeutung des„Coriolan" für Paris beabsichtigt hat. Dazu ist auch das Genre des ganzen Films nicht angetan, der sich in reiner Unterhaltung in einem durch Victor Bouchers große Kunst getragenen feinen Komödienton hält. Man ist gespannt, wie das Publikum diesen Film nun kennen lernen wird. M. 161. Trinn6 43-13 M6iro Pigaile Deutsche Poliklinik Paria, 62., ßue de la Rochefoucauld al Allgemeine Konsultationen mit 9 Spezialisten. b) Chirurgie c) Geburtshilfliche Klinik d) Zahnärztliches Kabinett Innere Medizin. Augen«. Ohren-, Nasen-und Kehlkoptkrank. ZweistöckigesJSanatoriumsgebiude. Vierstöckiges Gebäude. Zimmer Zahn-und Mundchirurgie Gold, iieiten. Röntgen Diathermie. Elektrotherapie Speziaibehand« Kleine, mittlere und große Chirur. mit 1 bis 4 Betten. 3 Aerzte, 3 Heb» und Porzell an krönen,•Brucken ung bei Blut». Harn» u. Geschlechtskrankheiten gie. DieailermodernsteEinrichtung ammen und 2 Operationssäle. f...*—..-Am Kautschuk» Arbeiten Ordination täglich von 9—12 und 2—8; Sonntags und Feiertags von 10—12 und 2—4 Uhr In der Komischen Oper wird am Freitag in der Matinee „Tout-Ankh-Amon" gegeben. fPocfcMg fpeciafisie I DEUTSCHSPRECHEND i Münchener u. 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Bonne»Nouvelle, PARIS(2X Telefon Louvre 22-9Z Anno Sien als wann Dieser jetzt in Paris in englischer Originalfassung(mit französischen Untertiteln) gezeigte Samuel Goldwyn-Film „N a n a" darf zwar das Loh für sich beanspruchen, das Zolasche Original nicht verschandelt zu haben, aber der Hauptakzent der Arbeit liegt doch wieder bei den Darstellern, vor allem bei dem neuen Star der Titelrolle: Anna P ten. Hier scheint wirklich so etwas wie eine zweite Marlene Dietrich gefunden. Keine Doppelgängerin, versteht sich: unschöner, fleischiger, erdhafter und unpikanter als Marlene, aber der gleiche Vamp-Typus; das Chanson„that's love" ein Debüt, das zugleich ein Meisterstück ist! Neben diesem neuen Stern ein Ensemble ausgezeichneter Menschendarsteller: Lionel Atwill— in der Maske des jungen Wilhelm II.— als Andre de Muffat, Phillips Holmes als sein jüngerer Bruder und Rivale um die Gunst Nanas, und vor allem Bichard Renne» als der alternde Theatermanager und Variete-Direktor Greiner.— Ein Film, der auch ohne die unfreiwillige Reklame des englischen Zensors— er darf in England bekanntlich nur unter einem neuen, nicht-Zolasrhen Titel laufen(während in Paris die Erben Zolas ebenfalls gegen die„Nana" protestieren) den Weg um die Welt gemacht hätte. St. C. Stockholm. Besten Donk. Tie Witze, die Die in der Berliner SA. hörten, setzen wir hierhin:„Neulich war am Potsdamer Platz große Schlägerei der Unternehmer: die haben sich um den letzten Arbeitslosen gehauen."—„Göring läßt sich seine sämtlichen Orden jetzt aus Gummi machen, damit er sie mit in die Badewanne nehmen kann."—„Tas Vorbild eines deutschen Mannes soll sein: so groß und stattlich wie Göbbels, so blond wie Hiller, so bescheiden wie Göring und so männlich wie Röhm."— Eitler de» klagte sich bei Mußolini:„Italien ist»u beneiden, über Italien lacht immer der blaue Himmel." Darauf Mussolini:„Was wollen Tie denn, über Deutschland lacht doch die ganze Welt."—„Sie kennen doch sicher das Lied, wo drin vorkommt:„Lore, Lore, schön sind die Mädchen von 17, 18 Jahr" usw. Dieses Lied wird bekanntlich etwas abgehackt gesungen und zwar deshalb, weil Göbbels sonst nicht mitmarschieren kann."—„Was sagst Tu jetzt zu der Arbeits» schlacht?— Nun, wir sind geschlagen." Violetfe Nozifres ohne Verteidiger Brüssel. Verspätet, aber immer noch kennzeichnend für die Aus» landsarbeit der Nationalsozialisten, erhalten wir von Ihnen sol» gende Einladung:„Die O. G. Brüssel der NSDAP, veranstaltet am Mittwoch, dem 21. März, im Residenee Palaee, rue de la Loi, in Gemeinschaft mit der D. A., O. G- Brüssel, eine große Werbeversammlung. Indem ich diese Versammlung als P f l i ch t v e r» i a m» l u n g ansetze, bitte ich die Pgs., z« dieser Versammlung ihre reichsdeutschen Freunde einzuladen. Der Bedeutung des Tages entsprechend— am 31. März fährt sich der Tag von Potsdam und beginnt gleichzeitig die neue große Arbeiisschlacht— habe ich eine» ausgezeichneten Redner aus der Heimat, den Pg. Dr. Zugschwert, der ja vielen von uns kein Unbekannter mehr ist, als Redner verpflichtet." Wie man weiß, hat Violette Nozieres, die aus dem lateinischen Viertel bekannte, des Giftmords an ihrem Vater angeklagte Achtzehnjährige, ihren Verteidiger Henri Geraud abgelehnt. Geraud war der dem jungen Mädchen gestellte Pflichtverteidiger. Der Anwalt hat'sich nunmehr der Verteidigung entheben lassen. Wie verlautet, will Violette sich vor den Geschworenen durch den Anwalt de Vesinne-Larue vertreten lassen. Kaiserslautern. Pfälzische Zeitungen berichten, daß der Bischof von Speyer die Resignation des Siadtparrers Karl Hilarius Wagner auf die Pfarrei St. Maria in Kaiserslautern angenommen hat. Nicht berichtet wird, daß der Priester verprügelt und in Schutzhaft genommen worden war. Katholische Zeitungen an der Saar pflegen so etwas„unerfreulich" zu nennen. Wie haben sie früher gehetzt, wenn ein sozialdemokratisches Blatt eine noch so leise Kritik an einem Gesalbten des Herrn zu üben wagte. Ber Wunsdi des Sträflings Der wegen des Ueberfalls aus dem Bahnhof von Palavas vom Schwurgericht in Montpellier zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilte Verbrecher Bezombes hat auf eine Revision des Urteils verzichtet. Dagegen er einem seiner Verteidiger den Wunsch vorgetragen, im Zuchthaus als Schreiber beschäftigt zu werden. Der am Montag in Marseille hingerichtete Maucuer war der Urheber des Angriffs auf das Postamt in Saint-Barnabee, bei dem drei Polizeibeamte getötet wurden. Sein mitverurteilter Mittäter Joulia wurde wegen früherer militärischer Verdienste begnadigt. RRIdPKASTEN Dr. W. L. Die Forderung, daß Ehen mit Rücksicht auf die Kinder unlösbar sein sollen, ist von dem Borfitzenden des ParieigerichtS in der Zeitschrift des Bundes nationalsozialistischer deutscher Juristen erhoben worden. Wir erinnern uns da an ein Wort von Gerhart Hauptmann:„Die Ehe ist eine StaatSeinrichtung, die Galeere auch." Da war er allerdings erst Dichter und Denker und nicht schon Pg. und Truppführer. „Einheitsfront." Erst durch einige Leser werden wir darauf aufmerksam gemacht, daß sich das Saarbrücker Kommunistenblatt sol» gendes leistet:„Es ist natürlich Absicht der„Deutschen Freiheit", den Arbeitern vorzuschwindeln, als würde die Sozialdemo- kratie ebenfalls illegale revolutionäre Arbeit gegen die Hitler- diktatur durchführen. Tas ist eine Lüge mit kurzen Beinen. Tie Sozialdemokratie erklärt, und das stand auch schon in der „Deutschen Freiheit", daß man„nichts gegen Hitler machen" kann! Der SPD.-Borstand unterstützt die Hitlerdiktatur, indem er„Abwarten" predigt! Die „links" maskierten TPD.-Führer IMiles usw.) sagen gar, daß die KPD. durch das illegale Aufklärungsmaterial, das sie unter die Maßen wirft, die— Arbeiter gefährdet! Wo der SPD.-Vorftand in Deutschland da und dort Gruppen bildet, so nur, um die Arbeiter zu spalten und den revolutionären Kampf zum Sturz der Httlsrdiktatur zu hindern." „Der SPD.-Führer Ernst Heilmann, früher Führer der preu- ßtschen Landtagsfraktion der SPD., wurde auf Grund einer Er- klärung, die er unterschrieb, aus dem Konzentrationslager entlasten. Heilmann war einer der eifrigsten Wegbereiter des SitlerfaschismuS." Geben wir diesen Anwürfen größere Publizität. Es ist immer gut zu wiffen, mit wieviel Dummheit das betrieben wird, was manche Leute sich unter„revolutionärer Politik" vorstellen. „Europäische Hefte." In Prag II, Vodiekova 81, sind die ersten beiden Nummern der„Europäischen Hefte", Wochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschast, erschienen. Willi Schlamm schreibt in der ersten Nummer über feinen Austritt aus der„N e u e n W e l t« bühn t": Die Redaktion dieser Zeitschrift setzt hier eine Arbeit fort, der sie sich seit der Gründung der„Neuen Weltbühne" unterzogen hatte: die Darstellung der europäischen Wirklichkeit— eine kämpferische und eben darum dogmenseindliche, wahrheitsgemäße und keinem Parteiapparat verpflichtete Darstellung— mit dem Versuch einer vorurteilslosen, konstruktiven Kritik an Ideologie und Wirk» sc.mkeit der europäischen Linken zu verbinden. Unsere Arbeit und die der mit uns zusammenwirkenden unabhängigen Publizisten wurde in der„Neuen Weltbühne" durch politische und private Ber- legerintressen gestört. Jene Oeffentlichkeit, der wir uns allein ver» pflichtet fühlen, ist von zu lebenswichtigen Sorgen bedrängt, als daß sie durch detaillierte Schilderung der Tüchtigkeit belästig werden dürfte, mit der unser früherer publizistischer Ort für andere Jnter- eften„erobert" worden ist. Solange unsere Freunde in deutschen Konzentrationslagern und österreichischen Gefängnissen altern, werden wir uns mit der allein wichtigen Aufgabe beschäftigen: si« und die Freiheit zu verteidigen. Lugano. Wir freuen uns, von einer unserer'ersten Freundinnen wieder einmal gehört zu haben. Aus die neue Schweizer Preste- Verordnung werden wir uns schon einzustellen wißen. Wir haben mit Zensoren überreiche Erfahrungen. Seit einem Vierteljahr- hundert liegen wir mit ihnen in Fehde. Sogar die preußischen Armeekorpskommandeure und Festungsgouverneure sind mit uns nicht fertig geworden. So harte Absichten wie die haben die Schweizer Behörden bestimmt nicht. Die neue Weltbühne, Prag 1, Melantrichova l/III. Heft 17 ist soeben erschienen und enthält folgende Beiträge: Hermann Budzi- slawski: Hinter Stacheldraht: H. v. Gerlach: Faschismus in Frank- reich: H. R. van Doorn: Rotterdam, Hotel Eentral: Kurt Rosen» seld: Ausgebürgerte und Staatenlose: Frick, Flüchllingskommißar, Friedenetat: Bert Brecht: Im Konzentrationslager: Heinz Pol: Der Fall Seelbach: Heinz Liepmann: Präsident Blunck: Julius Streicher: Kein Pogrom: Ferdinand Lassalle: Die Macht de« Volke«: Bemerkungen— Antworten. AW.-Ioufilm-Theater Saarbrücke». Am Freitag fand die Premiere des französischen Großfilms„Die Trennung" lOri- ginaltitel:„Partir"! von Maurice Tourneur statt. Die Aufführung war in seder Hinsicht ein voller Erfolg. Der Film, der in Original- fassung mit deutschen Untertiteln läuft, bleibt bis einschl. 8. Mai auf dem Spielplan. Im Vorprogramm ist das neue Pathe-Journal zu sehen. Di« Nachtvorstellung bringt an sämtlichen Spieltagen da« deutsche Tonsilm-Lustspiel„Der Strohwitwer" mit Fritz Kampers und Maria Paudler. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz in Dub» wetler: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der BolkSstimme GmbH„ Saarbrücken S, Schützenstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. i