I Sinzigs unabhSngige Tageszeitung Deutschlands Nummer 102— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 4. Mai 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inha lt Acht J-odesucteUe i'iic Unschuldige Tleafotttumq. Seite 2 Seite 3 JCathoÜken an dec Saat te&eliisch Seite 3 JUuis in Veeteidiqung. Seite 4 üadesstcafe(üc Jceue&cuch Seite 7 Streng geheim I Dokument Ober Deutschlands Luftwaffe .(Sopobe.) Wie ängstlich man im„dritten Reich" bestrebt ist, die geheimen Rüstungen zu oerbergen, zeigt das fol- gende Dokument: Borfchrifte« über die Wahrung des Geschäftsgeheimnisses >nt Flugzeugbau . Jede Auskunftserteilung über Umfang und Art der Arbeiten an dritte Personen ist strengstens verboten. Die Werksangehörigen der Firma haben sich durch Unter- fchrist zur Wahrung des Geschäftsgeheimnisses verpflichtet. Alle Werksangehörigen haben sowohl nach innen gegen- über nicht dienstbetrossenen Werksangehörigen, als auch nach austen über alle Geschästsvorsälle» zu deren Kenntnis sie durch ihr Dienstverhältnis gelangen, strengstes Still» schweigen zu beobachten. Veröffentlichungen jeder Art in Tages-, Fach- und sonstiger Presse sowie Borträge über Themen aus dem Arbeitsgebiet der Firma sind ohne vorherige schriftliche Genehmigung untersagt Das Fotografieren in Flugzeng-Betrieben ist strengstens verboten. Etwa mitgebrachte Fotoapparate sind vor Be- treten der Werft beim Pförtner abzugeben. Die Mitnahme von Arbe'tsunterlagen zur Bearbeitung oder Durchficht in der Privatwohnung oder sonst außer, halb der Werft ist untersagt. Ausnahmen hiervon bedürfen in jedem Einzelsalle der Genehmigung der Firma. Verstöße gegen diese Anweisungen berechtigen die Firma zur fristlosen Entlassung des schuldigen Wertsangehörige«. Alle weitergehenden Rechtsbehelse sstrafrechtliche Ber, solguug, Schadenersatzforderungen usw.j bleiben ausdrück- lich vorbehalten. Hamburg, im Januar 1984. Blohm und Boß. Die Firma Blohm und Voh in Hamburg ist ein Unter- nehmen, das sich bis vor einem Jahre lediglich mit.dem Schiffsbau beschäftigte. Der Bau von Flugzeugen ist erst Mitte 1938 aufgenommen worden. Die obigen Vorschriften müssen von den Belegschaftsmitgliedern sorgfältig auf- gehoben und bei Entlassung zurückgegeben werden. Sie sind ein untrüglicher Beweis, wieviel die Firma zu ver- bergen hat. ver ReidKiuHsdiulzbund Bedeutung und Aufbau Innerhalb der militärischen Ausrüstung Teutschlands wird das Hauptaugenmerk auf die rasche Entwicklung der Luftwaffe gerichtet. Dabei handelt es sich sowohl um den Gebrauch dieser Waffe, wie um die Abwehr von Angriffen mit ihr. Von größter Bedeutung ist der Reichsluftschutzbund. Er ist eine Art politisch-militä- rischer Organisation zur Mobilisierung des Interesses «roßer Schichten für die Luftwaffe. Er ist den sowjetrussischen Aviachim nachgebildet. Die Organisation ist jedoch heute bereits viel stärker. Der Reichsluftschntzbund entstand aus getarnte» kleinen Propagandagesellschasten. die das Rcichswehrministerium schon in der demokratischen Aera gegründet hatte. Aber sie führten ein sehr bescheidenes Dasein, da nicht nur ein erheblicher Teil der Bevölkerung ihren Gedankengängen ablehnend gegenüberstand, sondern weil man es auch nicht wagte, offen die Bedingungen des Versailles Vertrages zu verletzten. Unter der Hitlerregierung wurden sie erheblich stärker gefördert. Nach der Errichtung des Luftfahrt- Ministeriums mit Göring wurde schon im April 1933 der Reichsluftschutzbund gegründet. Mit einem Aufruf trat er am 29. April 1933 an die Oeffentlichkeit. Um seine Propa- ganda zu verstärken und die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken, wurde damals das Märchen der Flugzettelabwürse durch feindliche ausländische Flieger über Berlin und ande- ren deutschen Städten erfunden. Der Reichsluftschntzbund hat eine Propagandaorganisation, die auf öffentlichen Plätzen. Bahnhöfen, Straßen, Gebäuden usw. Propagandamaterial plakatiert und ausstellt, das die Bedrohung Deutschlands durch die Luftrüstung anderer Staaten beweisen soll. In zahlreichen Städten sin Berlin z. B. auf dem Kursürstendamm» stehen aus teuren Mate- rialien hergestellte riesige Fliegerbombenattrappen mit Alarmtafeln. Ausklärungstexten und mit Ankündigungen für die in den umliegenden Straßen von dem Reichsluft- schutzbund organisierten Kurse. Borträge. Filmveranstal- tungen. Weit wichtiger aber ist der Teil der Tätigkeit des Reichs- luftschutzbundes» der der Propaganda der aktiven Bewass- nung, der Ausrüstung mit Flugzeugen, Abwehrgeschützen» Bombengeschwader, dient. Gleichzeitig wird eine umfassende Propaganda gegen die Rüstungsbeschränkungen gemacht, die Deutschland auserlegt sind. Die Beschränkungen in ber Lustfahrt spielen dabei die größte Rolle. Der Bund soll auch die Leitung des passiven Luftschutzes übernehmen. Darunter versteht man Schutz der öffentlichen Gebäude, ber Verkehrswege, der öffentlichen An- lagen, der Betriebe, der zivilen Luftfahrt und der Schutz der Bevölkerung in den Wohngebieten und Wohngebäuöen selbst. Der militärische Charakter und der militärische Zweck dieser Organisation ist auch aus ihrem Ausbau zu ersehen. Die Organisation entspricht der Wehrkreiseinteilnug der Reichswehr. Diese sind in Luftschutzbezirke und Lustschutzorte gruppiert. In den Orten entspricht die Einteilung den Polizeirevieren. Die Amtswalter des Bundes sind Vermittler zwischen Be- Hörden und Publikum. Der Hausluftschutzwart ist für das Haus verantwortlich. Sie haben hilfspolizeiliche Befugnisse. BiS jetzt ist die Luftschutzorganisation freiwillig. Es ist aber ein Reichslustschutzgesetz geplant, durch das eine Zwangs- reglung eingeführt werden soll. Das Ziel ist, die gesamte Bevölkerung im Lustschutzbund zu erfassen. Die Mitteilung, daß bereits 25 Prozent ber Bevölkerung im Luftschutzbund organisiert seien, ist zweifellos eine Uebertreibung. Höchstens ist in einigen Orten les handelt sich dabei vorwiegend um Grenzbezirke) unter starkem Druck erreicht worden, daß 25 Prozent der Haushaltungen die Mitgliedschaft erworben haben. Da vielfach die Organisationen der Hausbesitzer zum Beitritt gezwungen worden sind, zählt der Bund immerhin bereits mehrere Millionen Mitglieder. Doch ist die Aus- bilbung von Führern und Helfern noch sehr ungenügend. Steht auch das militärische Interesse bei der Organisation im Vordergrund, so spielt doch auch der innerpolitische Gesichtspunkt eine Rolle, daß man auf diese Weise eine neue Organisation erhält, die die Bevölkerung in ihren Wohnungen überwachen kan«. Werden Beiträge erhoben, so gelangt man außerdem zu Mitteln, die entweder für Rüstungszwccke oder für die Be- soldung verwendet werden können. Berücksichtigt man, daß schon drei Tage nach der Machtergreifung Hitlers, nämlich am 2. Februar 1933,' ein Reichsluftkoiümissar eingesetzt worden ist, baß im April daraus das Reichsluftfahrt- Ministerium entstand, daß gleichzeitig ber Reichslustschutz- bund mit einem umfassenden Programm und großen Mit- teln seine Tätigkeit aufnahm, so sieht man, daß hier Pläne verwirklicht werden, die seit Jahr und Tag sorgsam vor» bereitet waren. ♦ ..Hölzerne Fliegerbomben" Der Reichslustschutzbund führt demnächst in Sach- sen eine große Werbeaktion durch, bei der als wirksames Werbeabzeichen eine kleine hölzerne Fliegerbombe verkauft wird. Der Auftrag zur Herstellung der kleinen Fliegerbomben ist den notleidenden Heimarbeitern aus 15 Orten des Erzgebirges zugute gekommen. Trommelfeuer gegen Miesmacher Eine„Aktion", die sehr notwendig zu sein scheint DNB. Berlin, 3. Mai. Die NSK. meldet: Die Reichs- Propagandaleitung der NSDAP, hat im Anschluß an die gewaltigen Demonstrationen des 1. Mai, an dem sich noch klarer als im Vorjahre die Gemeinschaft aller ehrlich Schaffenden dokumentiert hat, eine umfassende Versamm- lungs-Propagandaaktion angeordnet, die sich insbesondere gegen die Miesmacher und Kritikaster, gegen die Gerüchte- wacher und Nichtskönner, gegen Saboteure und Hetzer richten wird, die immer noch glauben, die klare Aufbauarbeit des Nationalsozialismus stören zu können. Beginnend mit den ersten Maitagcn bis zum 30. Juni sollen Versamm- hingen, Demonstrationen und Kundgebungen gleich einem Trommelfeuer das Volk aufrütteln gegen diese Landplage, die ein für allemal verschwinden muß. Nach den in Kampf- zeiten geübten Methoden werden die Versammlungen alle erfassen bis ins letzte Dorf hinein, mit jeder Woche in ihrem Tempo stärker, in der Unerbittlichkeit der Forderungen härter, an Durchschlagskraft und Erfolgen alle bisher durch- geführten Aktionen in den Schatten stellend. Gestern und heute Episode vom Saarbrücker Hauptbahnhof. Eilige Menschen drängen in der Morgenfrühe dem Ausgang zu. Schülerinnen, wenig mehr als dreizehn Jahre alt, schlüpfen durch eine Lücke, und der Zufall bringt sie in die Nähe einiger Männer, die sich in ihrer französischen Muttersprache unterhalten. Das eine der Mädchen, unter den Freundinnen durch eine der beliebten braunen Kletterwesten hervorleuchtend, sagt ganz laut:„Hörst Du, schon wieder die Ausländer! Ach, so einem könnte ich keine Hand geben!" Jenes reizende Alter, bei Mädchen durch den Begriff des Backfischs charakterisiert, sollte uns hindern, einen solchen Zweisekunden saß sehr wichtig zu nehmen. Es sind die Jahre der großen Liebe und des großen Hasses, der Seligkeit und des Weltschmerzes an jener Wende des Erwachens, die sich in bekennerischen Tagebüchern manifestiert und stürmisch Partei ergreift. Also nicht die Worte selber waren bestürzend. Das war vielmehr ihr unbeschreiblich verächtlicher Beiklang. Dieses junge Ding schüttelte sich förmlich in dem Gedanken an einen Ausländer, an einen Mann von fremder und unter- wertiger Rasse, und es wußte genau, daß die Freundinnen von den gleichen Gefühlen bewegt waren. Das erst gibt einen Anlaß, diese Episode doch ein wenig ernster zu nehmen. Solche deutschen Mädchen kann man heute in der Vielfalt multiplizieren. Sie halten sich für Bannerträgerinnen der neuen Weltanschauung, Erzeugnisse des stolzen Appells an die Blutreinheit, der die jungdeutsche Pädagogik durchflutet. Das ist der Grund, warum junge Mädchen heute solch selbstbewußte und inhumane Dinge sagen. Sie sprechen sie ihren Lehrern nicht nur nach, sondern sie glauben auch an sie. Ja, die Zeiten sind vorbei, wo der Mann aus der Fremde Objekt verschwärmter weiblicher Anbetung war, besonders wenn er dunkles Haar oder olivenfarbige Haut besaß. Es schadet weiter nichts, daß diese Zeiten vorbei sind. Aber nun ist jeder Fremde ein Schwarzalbe, der die heranwachsende Fricka und Thusnelda mit. staatsfeindlichen Vermischungen bedroht. Das wehrhafte deutsche Mädchen— es hat sich endlich, nach 14 Jahren der Schmach, auf sich selbst besonnen und hält dem nahenden Bedränger seiner völkischen Belange die junge Brust feindlich entgegen. Am Sonntag haben im Berliner Lustgarten Hitler und Göbbels zu Hitlerjungens und Hitlermädels gesprochen. Ihre Reden waren matt, beinahe ängstlich, als wären sie der Jugend keineswegs so sicher, wie sie es immer glauben machen. Wir vernahmen durch den Lautsprecher das Kollektiv jugendlich-heller Stimmen, ein zwitscherndes Gebraute, wobei nicht unterschieden werden konnte, was Begeisterung für die Sache oder was Begeisterung am Lärm war. Aber man täusche sich nicht: dieses Hitlerjahr hat den Enthusiasmus der Jugend mit mächtigem Erfolge mißbraucht. Es hat ihr den Rhythmus gegeben,ausgedrückt in Trommel und Marschschritt, in der bunten Schau der Fahnen und der Uniformen. Es kommt freilich etwas Entscheidendes dazu. Diese Jugend glaubt sich im Besifi einer absoluten, unabänderlichen Wahrheit. Ein Führerbefehl hat sie der schwierigen und oft ergebnislosen Entscheidung des eigenen Denkens enthoben und ihr das Komplizierte auf einmal so herrlich leicht gemacht. Diese Jugend wurde aus dem Reich der Probleme entlassen, im Besif; des goldenen Schlüssels der Weisheit, neben dem Fahrtenmesser liegt der Mythos, auch für die Tornister auf europäischen Schlachtfeldern passend. Seltsam, wie aktuell wieder der verschwollene Pathos von Kleists„Hermannschlacht" geworden ist. Nachdem der Cherusker mit seinem süßen Thuschen geschäkert hat, übergibt er dem getreuen Knecht Luitgar seine Kinder: „Komm, so gebrauch ich Dich. Hier ist die Rolle und Dolch und Kinder händ'g ich gleich Dir ein." Heute sind Millionen von Kindern und Dolchen an hunderttausend Luitgars ausgeliefert worden. Diese Jugend aus der Gewalt des Hasses zu lösen: es wird die schwerste Aufgabe sein im Namen der höheren Werte, um die wir kämpfen. Eines Tages wird diese preisgegebene Jugend älter sein und an die ewigen Wahrheiten ihrer Führer nicht glauben. Das ist die Stunde, in der sie die Freiheit wieder höher schütten wird als die Stammrolle, und vielleicht wird dann auch Thuschen einem Franzmann die Hand nicht mehr verweigern. Wäre es anders, so wird Germanien untergehn. Argus. Massenverhalluugen Neue kommunistische Ortsgruppen Schwerin, 2. Mai. sDNB) Die mecklenburgische politische Polizei hatte durch wochenlange Beobachtungen und umfang- reiche Ermittlungen festgestellt, baß in zahlreichen Orten des Landes die Kommuni st ische Partei ihre illegale Arbeit durch Neugrünbungen von Ortsgruppen sortgesetzt hatte. Nach sorgfältiger Vorbereitung konnten sämtliche Ortsgruppenlciter und Funktionäre der KPD., insgesamt 55, in allen Städten des Landes festgenommen werden. Adit Todesurteile lür Unschuldige Selbst der Staatsanwalt gibt zu, das nichts erwiesen Ist Hamburg. 2. Mai. In dem groben Prozeß gegen die Antifaschisten, die sich Sem Hitlerterror 1032,38 widersetzt haben, vor dem hanseatischen Sondergericht wurde nach einer Verhandlungs, dauer von sast 4 Wochen von dem Vorsitzenden Landgerichts- Direktor Ruether das Urteil verkündet. Acht Angeklagte wurden wegen„gemeinschaftlichen Mordes und Mord- Versuches" zum Tode verurteilt. Es sind die Arbeiter Dettmer, Kreese, Ruhow, Stocksleth, Wehren- b e r g, Hermann Fischer, Artur Schmidt und Richard. 33 weitere Angeklagten erhielten Zuchthausstrafen bis zu 13 Jahren, K Angeklagte Gefängnisstrafen bis zu 3 Jahren? ein Angeklagter wurde freigesprochen.— Das ganze Verfahren dieses Prozesses war einseitig. Die Nazimörder wurden nicht zur Verant» «ortung gezogen. Die Nazis überhaupt, die die Beranlasser dieser Auseinandersetzungen waren, blieben unbehelligt. So sieht die Justiz des »dritten Reiches" ans. * Die„Frankfurter Zettung" berichtet über den Prozeß: In der Verhandlung waren vier kommunistische Terrorakte zu einer Gesamtanklage vereinigt, weil die Ucbersälle zum Teil von denselben Personen, Angehörigen der„Noten Marine", ausgeführt worden waren. Es handelte sich einmal um den am 10. Mai 1082 verübten Feuerüberfall, bei dem der Marinesturmmann Karl Hcinzelmann durch einen Messerstich ins Rückenmark schwer verletzt wurde und fünf Monate daraus v e r st a r b. Drei weitere Marinesturm- lcute erlitten zum Teil schwere Verwundungen, konnten aber genesen. Weiter handelte es sich um einen Feuer- Überfall auf Hitler-Jungen am 26. Juni 1932 und ferner um einen Ncberfall auf Nationalsozialisten am 2. November 1032. Schließlich ist auch ein groß angelegter Ueberfall auf das nationalsozialistische Ver- kehrSlokal Adlerhotel in der Tchanzenstraße am 21. Fe- bruar 1033 in die Anklage einbezogen worden. Hierbei fanden, abgesehen von einer Reihe von Nationalsozialisten, zwei unbeteiligte Passanten den Tod. Wegen des Mordes an Hcinzelmann stand ein Teil der Angeklagten bereits am 6. Juni 1032 vor dem Schnellgericht, doch reichten die Beweise für eine Verurteilung damals nicht aus. Erst später erfolgten Geständnisse, so daß das Ver- Vor dem Sondergerlchl Der„Neue Vorwärt*" Der jetzt erst 10 Jahre alte Richard Z. aus Karlsruhe wurde als Sohn eines Arbeiters rein sozialistisch erzogen. V o r b e st r a f t ist er nicht, e r w i r d von der Polizei als a n st ä n d i g e r Mensch geschildert. Er war früher in der sozialistischen Arbeiterjugend, wo er Funktionär wurde und kannte als solcher auch den Vorsitzenden der SPD, in Daxlandey. Er wird von diesem gebeten, den neuen„Vorwärts" in der Weststadt in Karlsruhe zu ver- breiten, was er auch tatsächlich tut. Im ganzen soll er im Oktober-November 1033 neun Eremplare verteilt haben. Z. sieht heute sein Unrecht ei» und gibt seine Tat unum- wunden zu. Wegen seiner Jugend und seines guten Leumundes lautet das Urteil aus 6 Monate Gefängnis abzüglich 2 Monate Untersuchungshaft. Der Staatsanwalt beantragte 10 Monate. fahren wieder ausgenommen werden konnte. Die VerHand- lung ivar wegen der großen Zahl der Angeklagten recht ver- wickelt, und die Aussagen der Angeklagten selbst und die der Zeugen waren nicht leicht zum wahren Tatbestand zusammen- zureimen. Der Staatsanwalt führte in seinem Plädoyer aus, daß nicht festgestellt werden konnte, wer den tödlichen Stich gegen Hcinzelmann geführt habe. Aber nach eigenem Geständnis hätten Stockfleth, Runow, Dröse und Wehrenberg gestochen und Dettmer, der politische Leiter der Roten Marine, könne sich nicht vor der Verantwortung an diesem Mord drücken. Von den sechzehn Osfizial-Verteidigern äußerte sich Rechts- anmalt Dr. Pontt allgemein über die Beweisaufnahme, bei der sich ein ungefähres allgemeines Bild der Vorgänge er- geben habe? über die Beteiligung der einzelnen sei durch die Zeugen- aussagen wenig oder nichts erwiesen. Die Angaben der Angeklagten selbst könne man nur vor- sichtig bewerten, weil dabei persönliche Gefühle eine große Rolle spielten. In der Urteilsbegründung wurde zusammenfassend festgestellt, baß bei den vier Ueber- fällen insgesamt drei Menschen den Tob gefunden haben und 14 Nationalsozialisten und zwei Passanten verletzt wurden. Tie Hauptverantwortlichen seien die Drahtzieher, gegen die sich mit Recht dieEmpörungdes Volkes richte. Die meisten von ihnen seien geflüchtet. Nur fünf dieser Drahtzieher befänden sich unter den Angeklagten: Deitmer, Wehrenberg, Schmidt. Fischer und Richartz. Bei dem Ueberfall am 10. Mai hätten Dröse. Wehrenberg, Runow und Stocksleth gestochen. Sie seien kür Heinzel- manns Tod verantwortlich, ihre Tat, bei der sie auch aui dem Boden liegende Nationalsozialisten einstachen, sei ein Gipselpunkt menschlicher Gemeinheit Tie hätten den Tod Heinzel- manns und der anderen Nationalsozialisten gewollt. Bei dem Ueberfall auf das Adlerhotel fei Hermann Fischer am Tatort anwesend gewesen, während Schmidt und Richartz für diesen Plan mitverantwortlich seien. Da? Gericht habe sich für verpflichtet gehalten, das Gesetz so anzuwenden, wie es d e m Rechtsempfinden des neuen Deutschland entspräche. Danach seien die Drahtzieher Mittäter, wenn sie auch nur geistig an den Borbereitungen teilgenommen hätten. Der Führer und die Kupplerin Zwei Damen, Magdalene und Helene Z. aus Konstanz, Mutter und Tochter, als Beruf geben sie Masseusen an, beschuldigen den verheirateten 20 Jahre alten Ernst R. aus Schasshausen, in ihrer Wohnung, sie waren Nachbarn, eine abfällige Bemerkung über unseren Führer gemacht zu haben. Während über R. nichts Nachteiliges bekannt ist, er ist nie vorbestraft, werben die beiden Zeuginnen aus der Strashast vorgeführt? fortgesetzte Verleumdung, Beleidigung, Gewerbsunzucht. Diebstahl, Urkundenfälschung, schwere Kuppelei, so lauten die Vorstrafen von Mutter und Tochter. Obwohl Frau Z. ihre Aussagen mit einem Machen Eid bekräftigen will, werden beide Zeuginnen vom Gericht als unglaubhaft angesehen. R. wird von der gegen ihn erhobenen Anklage freigesprochen. Selbst ein Sondergericht kann sich also seiner Zeugen schämen! Das neue französische Sfrafredif Angesichts des Bekanntwerdens des barbarischen deutschen Strafrechts-Entwurfs ist diese erste Bekanntgabe sicher von besonderem Interesse. Ende des Jahres 1930 wurde im französischen Justizministerium ein Juristen-Ausschuß eingesetzt, um eine der wichtigsten Fragen des Rechtslebens, das französische Strafrecht, den Code Penal neu zu regeln. Aus der Arbeit, die dieser Ausschuß nach dreijähriger Tätigkeit nunmehr vorlegt, sind jetzt einige der wichtigsten Aenderungen durch den Justizminister, Großsiegelbewahrer Cheron und den Vorsitzenden des Straf rechts-Ausschusses bekannt geworden. Es sind Straf rech tsf ragen, die zweifellos für die internationale Rechtsvergleichung von höchstem Interesse sind, obwohl noch nicht der volle Wortlaut des neuen Entwurfes bekannt ist und daher noch kein gültiges Urteil gefällt werden kann. Der Generalstaatsanwalt des Kassationshofes M. Matter teilte als Vorsitzender des Strafrechts-Ausschusses u. a. mit, daß die Todesstrafe in Frankreich aufrecht erhalten worden ist. Das bedeute also das Abschreckungsprinzip. Aus dem gleichen Grunde— und aus großer Aktualität— sind die Strafen für Unterschlagungen und Betrug erheblich ver- schäl ft worden. Die Expatriierüng von Verbrechern, die alt unverbesserlich gelten, wurde beibehalten. Hingegen wurde das System der mildernden Umstände erweitert und ein„Pardon" für Minderjährige von achtzehn Jahren vorgesehen. In politischer Beziehung wurden die „bequemen, aber ungleichen und umstrittenen" Strafen der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte und der Verbannung beseitigt. Der Entwurf hat. im Gegensatz zu dem geltenden napoleonischen Codex von 1810, mehr den Täter als die Tat herangezogen. Der Strafrahmen wurde entsprechend dem System des individuellen Täters erheblich weiter gespannt, da« richterliche Ermessen also erweitert. Zum Beispiel kann das Gericht jetzt selbst die Einlieferung eines Irren in einer Anstalt anordnen„Halbirre" oder Leute mit„vermindertem Urteilsvermögen" können bis zum Ablauf der ihnen zudiktierten Strafe ebenfalls in einer Heilanstalt untergebracht werden, um dort die nötige Pflege zu erfahren. Um den „Rückfall" zu verhindern, ist eine Reihe von Maßnahmen vorgesehen worden, die teils die Freiheit beschränken, teils eine Aufsicht(societe de patronage) einführen. Der Schutz Jugendlicher wurde verstärkt. Der Richter wird selbst gewissermaßen mit der Ausführung der Strafe, die er ausspricht, betraut. Er erhält zum Beispiel das Recht der bedingten Freilassung und gegebenenfalls die Befugnis, bestimmte Orte als Aufenthalt nach Abbüßung der Strafe zu verbieten. Offenbar ist dies als Säuberung gewisser Gangster-Nester gedacht. Diese Neufestsetzungen der Verantwortlichkeit des Richters bedingen natürlich auch eine Aenderung der juristischen Studien, so weitgreifend sind sie. Von besonderer Bedeutung, aber auch von gewisser Gefahr sind die vorgeschlagenen Verstärkungen der internationalen kriminalrechtlichen Zusammenarbeit, bei der ausdrücklich allgemeine Zuständigkeit bei Vergehen gegen das Völkerrecht gefordert wird. Ferner ist die Möglichkeit von Auslieferungen nach einem Sondergesetz vorgesehen. Der Richter erhält das Recht, die zuständige Rechtsprechung der ausländischen Gerichte zu berücksichtigen. Es bleibt abzuwarten, ob sich der Wortlaut hierbei nur auf das gemeine, oder auch auf das politische Vergehen oder Verbrechen bezieht. Die historische Zweiteilung des Strafgesetzbuches in einen allgemeinen und in einen besonderen Teil ist beibehalten worden. Der besondere Teil, dessen Dreigliederung beibehalten wurde, ist erheblich verändert worden. Vor allem ist der erste Teil umgepflügt worden. Betrügerische Finanzmanöver können, wie bemerkt, besonders scharf geahndet werden. Die traditionelle Höchststrafe von fünf Jahren kann überschritten werden, wenn der Betrüger sich an die Oeffentlichkeit gewendet hat(Artikel 450 und 456 des Entwurfs). Im allgemeinen Teil sind Maßnahmen gegen Gesellschaften dieser Art vorgesehen, auch Verhängung von Aufsicht(Artikel 89 und 116). Besonders schwer bestraft wird u. a. die Zuhälterei. Auch die Bestrafung des Selbstmordversuchs wurde, nach italienischem Muster, vorgeschlagen, und die Bestrafung des Duells ebenfalls nach ausländischem Vorbild geregelt. Ferner sollen die Vergehen gegen Kinder sowie die Abtreibung offenbar schärfer bestraft werden. Die einstweilige Bekanntgabe dieser Aenderungen gibt noch kein endgültiges Bild, ist aber doch von hohem Interesse. Bis zur gesetzlichen Regelung wird noch manche Zeit vergehen, da die Beratungen in Kammer und Senat sicherlich manche Gegensätze aufwerfen werden und außerdem das Strafrecht nicht ohne neue Strafprozeßordnung denkbar ist, an deren jahrelang dauernde Ausarbeitung der Ausschuß nunmehr herangeht. Der Krieg in Arabien DNB. London, 8. Mai. Zum Krieg in Arabien meldet der Vertreter der„Times" in Aden: Nach Hier vorliegenden Berichten Haben die WaHabiten auf ihrem Vormarsch gegen Hodaida bereits drei kleinere Städte im Tehama-Gebict zwischen Medid und Hodaida erobert.(Tie Entfernung zwischen beiden Städten beträgt ungefähr 170 Kilometer.! Ter Jmam des Jemen hat die Räumung von Hodaida be- fohlen. Der leichte britische Kreuzer„Penzance" und der britische Dampser„Ayamonte"(845 Tonnen) befördern Flüchtlinge nach der Insel Kamaran. Die Truppen vom Jemen sollen infolge Mangels an Sold und Material zu den WaHabiten übergehen Ein hervorragender Führer der Jemcn-Truppen, Jbn Haig, soll getötet worden sein. Die WaHabiten sind mit Panzerwagen und Funkapparaten aus- gerüstet. Der„Times"-Mitarbeiter in Kairo berichtet: Nach Mcl- düngen aus Djedah ist der Fall von Hodaida jeden Augen- blick zu erwarten. Dagegen sollen bei Sade(ungefähr 126 Kilometer östlich von Medid rund 166 Kilometer nördlich von Sana! heftige Kämpfe im Gange sein, nachdem dort erheb- liche Verstärkungen der Jemen-Truppen eingetroffen sind. Eines der wenigen Jemcn-Flugzeuge wurde dort abge- schössen. Eine Bestätigung der Meldung vom Tode des Jmam liegt bis jetzt noch nicht vor. Flugzeug im Kanal abgestürzt Pilot und Fluggast gerettet Paris, 3. Mai. Ein englisches Flugzeug, in dem sich außer dem Führer ein österreichischer Student als Fluggast befand und das aus Genf kommend auf dem Wege nach London war, stürzte in den Abendstunden des Mittwoch nach einer Zwischenlandung aus dem Pariser Flughafen L« Bourget über dem Aermelkanal ab. Ein französischer Schoner, der sich in unmittelbarer Nähe befand, nahm beide Insassen an Bord und den Apparat, der vollkommen zerstört war. ins Schlepp- tau. » „Das ist alles Quatsch" Der Prokurist und die Hitlerrede Der„Westdeutsche Beobachter" in Köln berichtet über eine Verhandlung vor dem Arbeitsgericht: Ter Kläger war in der beklagten Firma als P r o k u r i st tätig. Am Tage der großen Rede Adolf Hitlers, am 21. März, war er dem gemeinsamen Hörsaal ferngeblieben mit der Bemerkung,„das sei alles Quatsch? er ziehe es vor, im Park spaziern zu gehen". Damit nicht-genug, störte er noch durch freches Gebaren seine Betrtebskollcgen, indem er mitten in der Rede Hitlers in den Hörsaal kam und von einem ihm unterstellten Arbeitskollegen Feuer für eine Zigarette forderte. Des weiteren versuchte er auch, die Uebertragung durch Klopfen und sonstigen Lärm zu stören, so daß die ganze Belegschaft, über dieses Gebaren empört, seine Ausmerzung aus dem Betriebe verlangte. Diese Unverschämtheiten setzten dem Langmut des Unter- nehmers, eines alten Nationalsozialisten, ein Ende, der den Kläger kurz entschlossen s r t st l o s entließ. Ter Kläger jedoch klagte gegen seinen Arbeitgeber vor dem Arbeitsgericht und verlangte die schon erwähnte Entschädigungssumme in Höhe von 4560 Reichsmark, da er durch einen Kontrakt aus Jahre noch bei der Firma engagiert sei. Zu den gegen ihn erhobenen Beschuldigungen führt er aus, daß es in seinem Elmcsfengelegenhabe, der Rede fernzubleiben. Der Richter belehrt ihn darauf, daß er dem ausdrück- lichen Befehl seines Vorgesetzten, die Rede anzuhören. Folge zu leisten habe. Im übrigen seien aber seine Bemerkungen, die ihn als Schädling des deutschen Gemeinschaftslebens kennzeichneten, für die Ent- lassung hinreichend genug. Ein Zeuge, der bez. der abfälligen Bemerkung des Klägers vernommen wird, bestätigt ein- wandfrei die von dem Beklagten angeführte A r g u me n- tierung der berechtigten Entlassung des Klägers. Das Gericht verkündigt daraufhin das Urteil. Danach wird die Klage kostenfällig abgewiesen. Zwei Kriminalbeamte nehmen den Kläger in ihre Mitte, der sich nun zu verantworten haben wird. Die Ergebenen Goltz und seine Monarchisten Der Borstand des Reichsverbandes deutscher Offiziere, an seiner Spitze Generalmajor Graf von der Goltz, ist auf der Reichskanzlei empfangen worden, um Hitler der Er- gebenheit des Verbandes zu versichern. Seit dem 27. Januar, als die Kaiser-Geburtstagsfeier des gleichen Offiziers- Verbandes in Berlin von SA.-Leuten gesprengt wurde und Hitler drei Tage später im Reichstag seine Attacke gegen die Monarchisten unternahm, hat sich die Situation entspannt. Die konservativen Kreise und das Offizierskorps, das mit der alten Armee und der Reichswehr zusammenhängt, sind auf persönlichem Gebiet dem Reichskanzler wieder näher- gekommen. Das Neuest« Aus München wird gemeldet: Aus Anlaß des nationale« Feiertages wurden aus dem Konzentrationslager Dachau annähernd 200 politische Gcsangene entlassen. Das Geheime Staatspolizeiamt hat das gegen die„Essener Bolkszeitung" und die„Kölnische B o l k s z e i t u n g" verhängt« Verbot dahingehend. ab« gekürzt, daß beide Zeitungen am 3. Mai wieder erscheinen können. Wie halbamtlich mitgeteilt wird, empfing Außenminister Hirota den amerikanischen Botschafter zu einer Aussprache über die politischen Tagessragcn des Fernen Ostens. Aus Grund des neuen Ermächtigungsgesetzes hat die österreichische Regierung die Vaterländisch« Front zu einem Verbände des öffentliche« Rechtes erklärt. Nachdem T r o tz k i von keinem Lande eine Einreise- genehmigung erhalten hat, hat die französische Regierung beschlossen, Trotzki in einer 808 Kilometer vou Paris entfernten Ortschaft eine Zwangs- residenz, die streng überwacht wird, anznweisen. Mau dürse die Aufenthaltsgenehmigung nur als provisorisch be« trachten, da Trotzki seine Bemühungen, in einem andere» Lande unterzukommen, fortsetzen werde nnd sosort nach Kr« halt einer Einreisegenehmigung Frankreich verlassen würde. Am Mittwoch sprach die spanisch« Sammer dem neuen Kabinett Samper das Vertrauen ans. ES wurden 217 Ja- Stimmen gegen 47 Rein-Stimmen bei vielen Enthaltungen abgegeben. Neuformung Von Max Stürmet Die Betäubung, die der furchtbare Keulenschlag des Hitlerfaschismus zunächst hervorrief, ist im Abklingen. Langsam und zaghaft, doch bereits wahrnehmbar, vollzieht sich die Wiederkehr der Besinnung. Die sozialistisch orientierte deutsche Arbeiterschaft besinnt sich auf ihre Existenz, ihre Weltanschauung, ihre Lebensideale. Die tiefe seelische Depression beginnt schon merklich nachzulassen. Verzweiflung verwandelt sich in verbissenen Trotj. Schon macht ein sehnsüchtiges Ringen um politische Klarheit sich in Arbeiterzirkeln immer häufiger bemerkbar. Leidenschaftlich wird nach dem Ausweg aus dem faschistischen Grauen gesucht. Was hat man uns über Demokratie immer ausgesagt? Sie sei, sagte man, gleichbedeutend mit„Volksstaat",„Volksherrschaft"; manche wieder bezeichnen sie als„Rechtsstaat". „Volksstaat!".... Wer ist in diesem Zusammenhang mit der Bezeichnung„Volk" gemeint? Sollte es das„Arbeit e r v o I k" sein, dieses Vielmillionenvolk der im modernen Industriestaate schaffenden Arbeiter, Angestellten und Beamten, dann wäre nicht„Volksstaat", sondern „K lassenstaat" der richtige Ausdruck dafür. Indem man also immer wieder von der Souveränität des Volkes sprach, half man nichtahnender- und zwangsläufigerweise den souveränen, absoluten Staat mitschaffen. Und so mußte diese Art von Volksstaatideologie, praktisch angewandt, zum Heranreifen jener Früchte mit beitragen, deren blutige Ernte wir in Deutschland erlebten. Und„Rechtsstaat"? Daß der moderne demokratische Staat ein Rechtsstaat ist, Stimmt wohl, aber die Anführung dieser an sich noch gar nichts besagenden Tatsach* trägt in keiner Weise zur Klärung des Wesens der Demokratie selbst bei. Die Feststellung des Rechtsmomentes ist in diesem Zusammenhange deshalb nichtssagend, weil kein Staat ohne irgend ein ihm entsprechendes Recht bestehen kann und infolgedessen jeder Staat(nicht nur der modern-demokratische) in gewissem Sinne ein Rechtsstaat ist. Diese Feststellung ist für denjenigen eine Selbstverständlichkeit, der die Zeit und Klassengebundenheit jeglichen Rechts erkannt hat. Wenden wir uns also der eigentlichen Problematik zu: Was ist Diktatur? WasistDemokratie" Welches ist ihr Verhältnis zueinander? Man erinnert sich noch der Zeiten vor und nach dem .Iriegsschlusse, wo die verschiedenen Richtungen innerhalb der deutschen Arbeiterschaft über Diktatur und Demokratie leidenschaftlich debattierten. Die Fragestellung lautete damals(und für die immer noch nicht alle gewordenen— auch heute noch): Diktatur oder Demokratie? Jede der drei Parteien hatte auf diese Frage eine andere Antwort. Ihnen allen jedoch war die gleiche Fragestellung gemein: Sie gingen alle von der ebenso verbreiteten wie unbegründeten Voraussetzung aus, Diktatur und Demokratie müßten sich unter allen Umständen ausschließen. Daß aber die These von der Unvereinbarkeit von Diktatur und Demokratie tatsächlich grundfalsch ist, ergibt sich eindeutig sowohl aus der formellen als aus der sachlichen Betrachtung der Dinge. Was ist denn eigentlich Diktatur? Die absolute Herrschaft des Militärs während des Weltkrieges und das Aufkommen einer als Schreckensdiktatur zu bezeichnenden brutalen Gewaltherrschaft einzelner Machthaber oder Cliquen in der Nachkriegszeit(Italien, Spanien, Polen, Litauen) haben dazu geführt, daß man allmählich verlernte, den eigentlichen Inhalt des Begriffs Diktatur richtig zu erfassen. Man gewöhnte sich allmählich daran, den Begriff Diktatur lediglich im Zusammenhang mit den Fällen von Faust- und Gewaltdiktatur anzuwenden. Es ist indessen nicht schwer zu erkennen, daß Terror und Faustgewalt zwar die unerläßlichen Attribute einer dem Volk aufgezwungenen Minderheitsherrschaft, niemals aber den Kernpunkt dieser selbst bilden. Weshalb kann die Hitlerdiktatur sich nicht anders als durch brutale Faustgewalt aufrecht erhalten? Doch nur, weil sie in Wirklichkeit die Interessen einer sozial geringfügigen Gruppe innerhalb der Gesellschaft vertritt. Wenn..Diktatur" im allgemeinen und unmittelbaren Sinne des Wortes doch nur Herrschaft schlechthin bedeutet, dann ist gesellschaftliche Diktatur nichts anderes als- die Herrschaft irgend eines Teiles der Gesellschaft(gleichviel ob Mehrheit oder Minderheit) über den anderen Teil und damit zugleich der politische Ausdruck für die jeweilige Lage des Schwerpunktes innerhalb des gegebenen Kräfteverhältnisses. Und weil in einer klassengegliederten Gesellschaft es niemals ein absolutes Gleichgewicht der einander gegenüberstehenden Klassenkräfte gibt, wird deshalb auch stets irgend eine Klasse oder ein Teil oder eine Gruppe von Klassen. du den andern an Kraft und Bedeutung überlegen ist, infolge dieses Um Standes ihre Diktatur über die andern in irgend einer Weise ausüben. Diktatur— in diesem weitesten Sinne des Wortes aufgefaßt— ist somit überall dort gegeben, wo eine Klassengesellschaft, gleichviel welcher Art, besteht: in der f e u d a- I e n Gesellschaft ebenso wie in der kapitalistischen, in der absoluten Monarchie ebenso wie in der demokratischen Republik. Die sie bedingende Ursache ist immer quantitativer Natur: das Uebergewicht der einzelnen sozialen Kräfte. Solange nun das Bürgertum die soziale Mehrheit in der kapitalistischen Gesellschaft bildet, herrscht es in der und durch die Demokratie über das Proletariat. In dem Maße jedoch, in welchem das führende Bürgertum allmählich aufhört, im Besitze der sozialen Mehrheit zu sein, beginnt es die ihm seinerzeit willkommene Demokratie als Diktatur- organ der werdenden neuen(proletarischen) Mehrheit immer mehr zu verwünschen: es wird antidemokratisch und wendet sich immer mehr dem Faschismus zu. Begreiflich: Denn mit dem Moment, wo das Proletariat die soziale Mehrheit darstellt und sich des ganzen Belanges dieser seiner neuen Situation bewußt wird, schickt es sich an, vermittels derselben Demokratie, ebenso wie das Bürgertum ihm gegenüber, seine Diktatur über das Bürgertum auszuüben. Das Präventivmittel dagegen ist für die bürgerliche Minderheit eben der Faschismus. Das Bürgertum sagt sich von seiner Vergangenheit los, weil es seine Zukunft hinter sich hat: Das politische Bürgertum ist in die Wechseljahre gekommen. Zweierlei folgt also aus dem bisher Gesagten: Erstens, daß man zwar den Unterschied machen kann zwischen einer engeren und eine, weiteren, nicht aber zwischen der„bürgerlichen" als einer nur formalen und der„proletarischen" als der einzigen realen Demokratie. Es ist eigentlich immer dieselbe Demokratie, die aber, je nach den Kräfteverhältnissen, bald der einen, bald der anderen sozialen Mehrheit zur Ausübung ihrer Klassendiktatur dient. Und deshalb ist schon selbst die Fragestellung„Diktatur des Proletariats oder Demokratie?" vollkommen falsch: denn ist mit der Diktatur des Proletariats die Herrschaft der sozialen Mehrheit gemeint— und erfolgreich kann das Proletariat nur als soziale Mehrheit herrschen, weil es nur in dieser Eigenschaft die vollständige Umstellung der organisatorischen W irtschäftsfunktionen durchführen kann—; dann bildet gerade die Demokratie die wirtschaftlich geeignetste Organisationsform einer solchen Diktatur. Die Demokratie, die den permanenten Klassenkampf zwischen sozialer Mehrheit und Minderheit darstellt, hat die sozialistische Revolution nicht zu ersetzen, sondern durchzuführen. Wir leben in einer durch den sozialen Mehrheits Wechsel bedingten Periode des politischen Umbruchs. Die Demokratie muß überall dort, wo der Mehrheitswechsel bereits in vollem Gange ist, zwangsläufig durch eine vorübergehende Periode des Faschismus als der gegebenen Herrschaftsform der bourgeoi- sen Minderheit unterbrochen werden. Es ist deshalb mit Gewißheit vorauszusehen, daß der Faschismus in absehbarer Zeit auch in allen jenen kapitalistischen Ländern in dieser oder jener Form zum Durchbruch gelangt, in denen er bisher noch keine oder eine nur geringe Rolle spielt. Es wird ab»r nur eine Unterbrechung sein. Denn ebenso unausbleiblich wie die Periode des Faschismus ist auch die Sammlung der neuen sozialen Mehrheit. Dem Gebote der Lebensnotwendigkeit folgend, wird das Proletariat die im positiv-schöpferischen Sinne des Wortes revolutionäre Demokratie von Grund auf neu errichten und in seiner Weise als die Organi- sationsfoim seiner Herrschaft anwenden. Für das deutsche Bürgertum, namentlich für seine führenden Oberschichten, kam die Demokratie zu früh und zu spät zugleich. Zu früh, weil das deutsche Bürgertum in der wilhelminischen Aera nicht jenen Grad politischer Reife und Vollständigkeit erlangen konnte, bei dem des englischen und französischen Bürgertum am Vorabend ihrer Revolutionen bereits angelangt waren. Zu spät, weil die politische Entwicklung der deutschen Bourgeoisie sich in dem gleichen Zeitpunkt vollzog, in dem die wirtschaftlichen Verflechtungen des Spätkapitalismus und das durch dieses Stadium bedingte Entwicklungstempo auch in Deutschland ein Hinüberfluktuieren der wirtschaftsorganisatorischen Funktionen vom Bürgertum zum Proletariat und dadurch eine Labilität der bürgerlichen sozialen Mehrheit mit sich brachten. Die Weimarer Verfassung, und vielmehr das, was von ihr in der Praxis der ersten deutschen Republik übrig blieb, war das typische Produkt dieser Entwicklung. Ihre Lücken und Unzulänglichkeiten waren keinesfalls— wie es ihre Gegner glaubhaft machen wollten— für die Demokratie schlechthin bezeichnend, sondern legten bloß Zeugnis ab von der politischen Unreife und zugleich Ueberlebtheit der deutschen Bourgeoisie. Die deutsche Sozialdemokratie hat den Reformismus, dessen Theorie sie in der Vorkriegszeit ablehnte, in ihrer politischen Praxis der Kriegs- und Nachkriegsjahre auf den Schild gehoben. Sie ging dabei in ihrer Volksstaatsideologie— wie eingangs dieser Betrachtungen bereits erwähnt wurde— von der gleichen Verabsolutierung des Staates aus, wie die bürgerliche. Staatsideologie auch. D>se Grundauffassung vom Volksstaat, dessen Existenz nicht mit dem Geschick einzelner, ihn stützender bzw. bekämpfender Gesellschaftsklassen verbunden ist, die lediglich auf dem imaginären„Volk", in Wirklichkeit also auf sich selbst beruht,— die Grundauffassung mußte zwangsläufig zu der Weiterung führen, daß der(demokratische) Staatsapparat bloß zu funktionieren braucht und alles ist in Ordnung. Daher die gewaltig übertriebene Einschätzung des Parlamentarismus und seiner Rolle in der Demokratie. So kam es, daß man bei der Betrachtung der politischen Wirklichkeit die Dinge auf den Kopf stellte: man bemühte sich nicht so sehr um die Belange der realen Träger der Demokratie, nicht darum, vermittels der lebendigen Demokratie das Parlament zu stützen und zu stärken, als man vielmehr umgekehrt das Parlament zum Hebel und Urfaktor der Demokratie erhob und glaubte, schon allein vermittels des Parlaments, vermittels erfolgreicher Kämpfe in den Parlamentsausschüssen, vermittels personeller Durchsetzung des Verwaltungsapparats die Demokratie erst erschaffen zu können. Die Kette von Fehlleistungen, die gesamte reformistische Grundlinie ergab sich, wie wir sehen, als zwangsläufige Folge der Volksstaatsideologie und der damit verbundenen Feti- schisierung(Vergötzung) des Parlamentarismus. So wurde der Parlamentarismus, seiner außerparlamentarischen Stützpunkte immer mehr beraubt, schließlich in jenen Zustand der völligen Schutz- und Hilflosigkeit versetzt und bis zu einem Grad von Verdörrtheit gebracht, bei dem ein einziger Funke genügte, um ihn restlos einzuäschern. Der Reichstagsbrand war nur die letzte Versinnbildlichung dieses V organgs. Unter diesen Umständen fällt allein den revolutionären Sozialisten Deutschlands die Aufgabe zu, auf Grund ihrer richtigen Erkenntnis von Diktatur und Demokratie der neu erstehenden proletarischen Bewegung eine neue poli- tischeGrundliniezu geben und somit den Grundstein zu legen für die kommende große Partei der proletarischen Revolution,— eine Partei, die nicht nur in Ideologie und Programm, sondern auch in ihrer Taktik, Strategie und Organisationsstruktur von Grund auf anders geformt sein wird als die bisherigen Arbeiterparteien waren. Die internationale Transfer-Tagung in Berlin Ein Ueberblicfettilb t)»n der Konferenz 1. Der Vizepräsident der Reichsbank. Drener: 2. Reichsbankpräsident Dr. Schacht; S. der schwedische Grostbankier Wallen, bergi 4. der Vertreter der englischen Gläubiger. Levern 5. der Amerikaner Pierre^say. ein Berlin begann die sür die Weltwirtschaft überaus bedeutsame Transferkonferenz, an der Vertreter der Gläubiger- floaten Deutschlands und der deutschen ReichSbank teilnehmen. Die Konseren, ,o£l das für den gesamten Welthandel wichtige Problem der Ueberweisung der Zinsen ans den deutschen Verpflichtungen klaren. Wofür Devisen da sind... für RUsiungen und Propaganda Berlin» 2. Mai. In einem Augenblick, da die deutsche Regierung versucht, sich ihrer Verpflichtungen gegenüber den ausländische^ Gläubigern unter dem Borwand zu entziehen, dast keine Devisen sür die Gchuldenabdeckung zur Verfügung stünden, ist es angebracht, daran zu erinnern, daß diese gleiche Regierung sür Hitlerpropaganda in Oesterreich eine Summe von 250 Millionen bewilligt hat, die in ausländischen Devisen zur Bersüguug gestellt wird. Eine weitere größere Summe, deren Ziffer noch nicht bekannt ist, ist für die Pro- paganda in den baltischen Ländern, insbesondere in Litauen, ausgeworsen worden— ganz zu schweigen von den Summen, die in die Saarpropaganda gesteckt werden. » Berlin, 2. Mai. Die gegenwärtig schwebenden Berhand- langen zwischen der Reichsbank und den Auslandsgläubigern geben in Berlin Anlast zu zahlreichen Kommentaren. Sin- geweihte Kreise gehen schon so weit zu erklären, dast die Ber- Handlungen durch Schachts Behauptungen über die Unmög- lichkeit der Fortsetzung deutscher Zahlungen an das Ausland bereits in ein kritisches Stadium eingetreten find. In einem Teil der Berliner Presse werden die Warnungen der sranzösischen und englischen Botschaft nur iu Form von Zitaten anS der c«reife aebracbt Die weiften Ber, liner Zeitungen haben davon überhaupt keine Notiz ge« «ommeu. Saarabstimmung Frühjahr WZ? Die Reldisregierung setzt die Abstimmungsberechtigten anter amflidien Dradt Wann? 2MB. Paris, 8. Mai. Der„Figaro" schreibt im Zusammen- hang mit der Volksabstimmung im Saargcbiet, daß der Zeit- punkt ivahrscheinlich aus die ersten Monate des Jahres 1985 festgelegt werbe. Der Völkerbund habe die Pflicht, mit ganz besonderer Aufmerksamkeit die Liste der Wahlberechtigten Personen zu prüfen, um zu verhindern, daß sich, genau wie bei den anderen Nachkriegsabstimmungen, eine unglaubliche Menge nicht wahlberechtigter Personen an der Abstimmung beteilige. Besonders in Oberschlesien, aber auch in andere» ehemals deutschen Gebieten, habe die grobe Anzahl ein- geschmuggelter Wähler das Wahlergebnis oft entstellt. * Meldung bei der Polizei Eine amtliche Aufforderung Berlin, 3. Mai. Tie Neichsregierung erläßt folgenden Aufruf: Der Zeitpunkt, an dem die Taarbevölkerung nach den Bestimmungen des Bersailler Vertrages im Wege dc^ Volks- abstimmung über ihr künftiges Schicksal entscheiden soll, rückt heran. Der genaue Zeitpunk! steht noch nicht fest: fällig ist die Volksabstimmung vom 19. Januar 1935 ab. Abstimmungsberechtigt ist ohne Unterschied des Geschlechts, wer am Tage der Unterzeichnung des Versailler Vertrages, d. h. am 28. Juni 1919, im Saargebiet gewohnt hat und am A b st i m m u n g s t a g wenigstens 20 Jahre alt ist. An a l l e im Reich, außerhalb des Taargcbiets wohnhasten Personen, die am 28. Juni 1919 ini Saargebiet gewohnt haben und vor dem 11. Januar 1913 geboren sind, ergeht die Aufforderung, sich in der Zeit von Donnerstag, den 8. Mai, bis Samstag, den 12. Mai, bei ihrer Gemeinde- behörde tEinwohnermeldeamt), in den Städten aus den Polizeirevieren ihres jetzigen Wohnsitzes zu melden. DaS gilt auch für Personen, die sich schon früher als Saar- abstimmungsberechtigte gemeldet haben. Personalausweise und, soweit möglich, Nachweise über den Wohnsitz am 28. Juni 1919ür ihn in Wirklichkeit doch zu schwierig war. To ist es ihm nun auch wieder ergangen. Mit Mussolini Hai er gesprochen, aber als er seine Absicht zu verstehen gab, um eine Audienz bei dem Heiligen Vater fragen zu ivollen, hat man ihm aus dem Vatikan den Wink gegeben, das lieber zu unterlassen. Man hat von diesem Vorfall in Rom auch kein Geheimnis gemacht. Man scheint auf dem Vatikan alle Hoffnung aufgegeben z» haben, in Deutschland mit Geduld noch etwas zu erreichen. Auch in Teutschland wird die geistige Auflehnung der Katholiken stets stärker und vor allem offener zur Schau getragen. Gleichzeitig aber wird man in Berlin nicht im mindesten toleranter als man vorher war. Eine Verschärfung des Kurses muß man darin erblicken, daß man von Himmler zum Leiter der deutschen Geheimen Staatspolizei ernannt hat. Dieser Himmler ist der Mann, der kürzlich in einer Rede in München gesagt hat, daß er es bedauere, daß die Revolu- tion so friedlich und mit soviel und soviel bürgerlicher Ehren- hastigkeit verlausen sei. Wenn der Führer seine Einstimmung geben ivürde, würden er und die Seinen losbrechen, ver- sickerte er. Tab man ihn für den obengenannten Posten gc- wählt hat. läßt sehr tief blicken." Radiowesen in Deutschland In einem Artikel über das Radiowcscn in Deutschland lesen wir in„Het Handclsblad" iAmstcrdam) u. a.: „Das„dritte Reich" hat mit allen früheren Traditionen radikal gebrochen. Es kennt keine Parteien mehr und bc- trachtet auch den Radio ausschließlich als Instrument im Dienste der herrschenden Macht. Ein Instrument, das sklavisch gehorcht genau wie die Presse und somit ist es auch ein Mittel zur Beeinflussung der Bevölkerung geworden. Na- türlich läßt das«dritte Reich" auch kein gutes Haar an den Leistungen der früheren Regierungen, Beamten, Inten- dantcn, Künstlern und Gelehrten. Die erste Reaktion der Hörer aus die nationalsozialistische Umwälzung war: Massen- flucht aus dem Abonnement. Ter Radiohörer war zwischen 1925 und 1983 stets verwöhnter geworben. Die Programme wurden stets besser und ausgedehnter... Das Radiowcsen in Deutschland ist leider im ersten Jahr der Hitler-Regierung alles andere als bener geworden. Und die Ursache hierfür liegt natürlich im Charakter der Umwälzung. Mit einem Schlag wurde das Radio ausschließlich das politische Massen- bceinflniiungsinstrumcnt. Man kann ruhig sagen, daß ohne daS Radio die Umwälzung in dieser Form gar nicht möglich gewesen wäre. Was wir auf diese Weise mit erleben konnten, waren spannende, interessante, niegehörte Neuigkeiten. Tage-, wochenlang. BiS es anking, aus die Nerven der Zuhörer zu wirken.„Toniours perdrir" schien auch hier»»verdaulich. Tagelang Marschmusik, stundenlang nationalsozialistische Prahlpropaganda, stets wieder Befehle und Warnungen, innner wieder Meetings mit gleichklingenden, gcbrllllten Reden. Daneben auf wissenschaftlichem Gebiet ein trockener und anmaßender Ton, auf musikalischem Gebiet, um Hitler ein Vergnügen zu machen!— Wagner ohne Ende und noch einmal Wagner! Es war kein Wunder, daß einige hundert- tausend Hörer ihr Abonnement kündigten... Wie auf vielen anderen kulturellen Gebieten haben wir auch im Radiowcscn seit 1988 einen Niedergang mitgemacht. Tic alten, bewährten Kräfte wurden bis aus ganz wenige Ausnahmen abgesetzt und durch sanatische Nationalsozialisten, die kaum die Schul- dank abgesessen hatten, ersetzt." Deutsche Kultur und deutsche Emigration Unter diesem Titel bespricht ein sehr bekannter holländischer Journalist die letzte Nummer von„Tie Sammlung", die dem holländischen Schrifttum gewidmet ist. Schreiber kon- frontiert die obengenannten Probleme und schreibt in der Einleitung seines in„Het Vaderland" tTcn Haag) erschienenen Artikels u. a.: „Je mehr der Zustand sich in Deutschland konsolidiert, um so weniger wohlwollend benehmen sich die Autoritäten, deren Gastfreiheit die Emigranten genießen, sich diesen gegenüber. Der Schriftsteller Liebmann hat das bereits erleben müssen. Man scheut übrigens im heutigen offiziellen Teutschland keine Mühe, um die Emigration als einen zum Tode verurteilten Ueberrest der Kultur der Weimarer Republik dar- zustellen, der seine letzten Tage damit verbringt, da» wahre und geläuterte Zusammenleben im heutigen Teutschland zu schmähen. Die Redakteure der gerade erschienenen, neuen nationalen Zeitschrift„Das Innere Reich", Paul Alverdes und Karl Menno von Mechow drücken das folgendermaßen auS: „Man ldie Emigranten) hält daran fest, den deutschen Geist und das deutsche Volk auseinander zu reden und auseinander zu schreiben, als ob der Geist der Nation in gewissem Sinne hinter den Grenzpfählen hocken könnte und inzwischen schel- tenö und streitend, oder sogar schweigend, jedenfalls aber abgeschieden von seinem lebenden Organismus, abwarten könnte, was aus diesem Geist wird." Diese Autoren, die an anderer Stelle aus Nietzsches„Zarathustra" ein Loblied singen, scheinen demnach vollkommen vergessen zu haben, datz auch ihr verehrter Nietzsche dieses Buch in der Emigration schrieb und außerdem—...daß die heutigen Emigranten gezwungen sind, außerhalb der Grenzpfähle zu hocken, solche Kleinigkeiten vergißt man werkwürdig schnell. Wie man aber aus der Formel ersehen kann«und sie ist, abgesehen von ihrer gemäßigten Form, exemplarisch für die Auffassungen im „dritten Reich"), weigert sich die offizielle deutsche Literatur, eine ebeubürtige Literatur von Deutschen in der Fremde anzuerkennen, und dieses aus den bekannten mystischen Gründen, über die sich nicht weiter diskutieren läßt. Die Idee der Freiheit, für welche die Emigranten streiten, wird in Teutschland schon lange nicht mehr au serieux genommen. „Tu bist frei, wenn du dich einordnest, wenn du dich ein- beziehst in eine Beziehung oder Ordnung, die du anerkennst. Anders gibt es gar keine Freiheit." sagt ein Schriftsteller aus der alten nationalen Generation, Rudolf G. Binding, in der- selben Nummer von„Das Innere Reich", und die Redaktion hat diesen Ausspruch dem Inhalt als Motto vorausgeschickt. Die Freiheit des Individuums ist hier kein Problem mehr. Mit der Freiheit von Rudolf G. Binding sdie natürlich ebenso gut auf Erfahrung zurückgeht wie alle anderen Freiheitsbegrisse), kann man heguem innerhalb der Grenz- pfähle bleiben: denn sie ist nichts anderes als Unfreiheit, die die kollektiven Verpflichtungen mitbringen. Tie ist nur ein anderes Wort für Nationalbewußtsein, Blutgemeinschaft oder dergleichen. Dieser Freiheitsbegrifk weist alle gefährlichen Folgen der Freiheit ab und verlegt den Schwerpunkt von der persönlichen nach der kollektiven Verantwortlichkeit. Dadurch ist für die, die die Freiheit als eine persönliche Angelegenheit betrachten, die Freiheit von Rubvlf G. Binding zu einer eontradietio in terminis." Siedlung ihr Emigranten Angola und Ecuador Lissabon, 2. Mai. Nach mehrmonatigen Geheimverhand- langen hat sich die portugiesische Regierung bereit"klart, große Gebiete in der westasrikanischen Kolonie Angola für die Besiedelung mit Juden aus Deutschland. Oesterreich und Ost-Europa zur Verfügung zu stellen. Eine größere jüdiiche Delegation aus Paris ist in Lissabon eingetroffen. Tie portugiesische Negierung hat sich die Zustimmung der eng- lischen Regierung zu dem Projekt gesichert. Das Joint Distribution C o m m i t t e e. die große jüdische Organ,- sation in UTA., ist bereit, den Auswanderern eine Summe von zwei Millionen Dollar zur Verfügung zu stellen. Für die Realisierung des Plans stellt die portugiesische Regierung die Bedingung, daß die Kolonisten die portu- giesische Staatsbürgerschaft erwerben und die Eisenbahnen, sowie die Gebäude In Angola, die sich in Privatbesitz be- finden, käuflich übernehmen. Wenn daS Projekt verwirklicht wird, könnte Angola bis 5 Millionen Emigranten- ausnehmen. Rio de Janeiro. 2. Mai. Zwischen der Regierung von Ecuador und dem J>",Mfifiat Komitee sind Verhandlungen über die Frage der Ansicdlung jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland so weit gediehen, daß die Regier»»« sich bereit erklärt hat. ein große? Gebiet, geeignet für Ackerbau und Viehzucht, zu Kolonisierungszweckcn zur Verfügung zu stellen. DaS Siedlungsgebiet soll große Unabhängigkeit be- sitzen und alle Rechte eines F ö d e r a t I v st a a t c S zu- erkannt erhalten. ES soll den Zentralbehörden nur in den Fragen der auswärtigen Politik und der nationalen Ber- teidigung unterworfen sein: in allen anderen Fragen, ins- besondere bei der Erbebuv" vnv Steuern, wäre es autonom. DaS bereits getroffene Abkommen bedarf noch der Rati- fizierung durch das Parlament. Die jüdische Gruppe, die die Verhandlungen geführt hat, ist bekannt unter dem Namen „T e r r i t o r i a l i st e n". Banse wird abgeschüttelt Der hitlerdeutsche Professor für Wchrwissenschast, Ewald Banse, bekanntgeworden durch seinen wahnsinnigen Nationalismus und seine verrückt-imperia- l i st i scheu Schriften, macht dem„dritten Reiche" viel zu schaffen. Die Uebersehung seiner Bücher in verschiedene Sprachen im Ausland, vor allem in England, Entsetzen erregt. Man hat dort jetzt erst erkannt, wes Geistes Kind der Nationalsozialismus in Wirklichkeit ist, und daS auf leine Tarnung sorgsältigst bedachte„dritte Reich" hat das öffentliche Rampenlicht der Kritik in demokratischen Ländern zu scheuen. Deshalb übernimmt das hitleramtliche Nachrichtenbüro erneut den Versuch, Banse abzuschütteln und zu behaupten, Herr Banse vertrete nur seine private Meinung, habe n i e wissenschaftliche Lehrtätigkeit ausgeübt, sei keine offizielle Persönlichkeit deS„dritten Reiches" und Hab» niemals einen wehrwissenschaftltchen Lchrauftrag gehabt. Jede dieser Behauptungen der GöbbelS- Propaganda ist eine Lüge. Banse wird ausdrück- lich als Professor für Wehrwissenschaft geführt, gilt als die Autorität des„dritten Reiches" auf diesem Gebtete und übt einen geradezu unheilvollen Einfluß aus die Hitler- jugend auS, die seinem exzessiven Nationalismus verfällt. Deutschland und Polen In Hei't 2/8 der Zeitschrift für Politik veröffentlicht ein £ y U.?. ö eine Verherrlichung PiliudskiS. b^be Pilsudski eine Annäherung an Teutschland ÜO r®V^i e, l""ollen. Aber:„Damals war die Zeit noch nickt reif. Es bedurfte erst einer grundlegenden Neuiormung d r außenpolitischen Ideologie durch Adols Hitler. u,„ einen Verstandigungspakt zwischen Dculschlanb und Polen zu- stände zu bringen, der eine neue Phase der politischen, wirt- ichaftl.chcn und kulturellen Beziehungen zwischen den beiden r r n® cn Weg freimacht für eine leidenschaftslose Aussprache über die beide Länder berühren- den Probleme." r„;w<'ai? ic^ oIe P werden eines Taaes wieder„Po- as?, as?"«"> Abonniert die„Deutsche Freiheit' ®eutsdhe Stimmen•(Beilage zur Deutschen 9zeifkeit"• Ereignisse und Qesdkidkten Ffltaq. d«n 4. Mal 1934 Tleu-XeidMm dicktet.-- Es roch noch etwas brenzlig vom Autodafe her, da er- sauen der„Heidelberger Almanach", eine Poesie, und "rosa-Sammlung neuheidelbergischer Kommiiiteutonen, herausgegeben von Hans Herbert Reeder, Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes(im Ver- l!£ von Carl Winters Universitätsbuchbandlung Heidelberg). ^arf mich vielleicht der Indiskretion schuldig machen, au verraten, daß dieser„am Tag der deutschen Studenten" herausgekommene Almanach ein Produkt der Gleichschai- 'ung ist,— womit ich gleichzeitig ein Alibi für die inhaltliche, formale und künstlerische Dürftigkeit der meisten Beiträge beschaffen möchte. p Herausgeber hatte noch vor Anbruch des„dritten Bcichs in äußerst verbindlicher Weitherzigkeit Autoren aus a len politischen und künstlerischen Lagern gesammelt und auf die bereits im November 1932 erschienene Subskriptions- '»te gesetzt, also auch, er verzeihe mein untermenschliches Denunziantentum, Juden. Marxisten und Pazifisten. Plötzlich brach Hitlers neue Aera herein— und flugs warf der Herausgeber, sich zwischen Neigung zu künstlerischer Auslese und Pflicht zu gleichgeschalteter Kunst-Aufnordung nicht lange besinnend, alle nach dem neuen Kodex mißliebigen Elemente heraus. Der vorliegende Heidelberger Almanach j>un, die gereinigte Ausgebe, zeigt eine neu-heidelbergische Dichterjugend„in gläubigem Aufblick zum Führer und alt- germanischen Gefolgschaftssinn" und mit dem„Bekenntnis aur Wehrhaftigkeit und zum Kampf als dem Vater aller Dinge", wie es in Rektor Andreas' Vorwort so schön Weißt. Dies wissend, können wir nun in das Werk selber einsteigen, dem ich kein besseres Motto zu geben wüßte als den„Spruch eines jungen Deutschen"(er stammt vom Herausgeber selbst):„Wer gegen Heldengröße eifert— hat eignes Seelentum begeifert." Da haben wir's gleich: Seelen- 'um und Heldengröße, diese nichtssagenden Phrasen des neu- deutschen Schmocks, eiserne Ration nationalsozialistischen Banausentums. Würde sich dies charakterlich, gesinnungsmäßig und künstlerisch gleich impotente Geschlecht das »ich wahrhaftig als„Neu" und als„Jugend" zu bezeichnen Kagt, nur nicht einbilden, es könnte mit solchen Schlag- Korten den Mangel an Talent und Leistung ersetzen! Der Heidelberger Almanach zeigt im großen Ganzen, daß der Nationalsozialismus selbst seine jungen Menschen in das Prokrustesbett ideologisch unfertiger und aufgeschwemmter Ressentiments einspannt und ihre künstlerischen Wallungen 2» reaktionären, alles andere als jugendlichen und revolutionären Spottgeburten von Poesie und Prosa mißbraucht. Ich muß mich hier auf wenige Zitate beschränken und daher um Entschuldigung bitten, wenn ich manches generalisierend abtue. Ich kann aber beim besten Willen nicht zugeben, daß »ich etwa in den zum Ruhme des„dritten Reichs" geschriebenen Gedichten„Der Führer spricht" und„Das Lächeln des »terbenden Hitlerjungen" etwas anderes zeigt als dort der vergebliche Versuch, in Prosaform manifestes Gesinnung»- eelebnis dichterisch zu gestalten, woraus aber nichts wird, k>1 der Autor au Vorbildern klebt, die unmittelbar vor und Nach Kriegsende wirkliche Sturm- und Drang-Gesinnungs- dichter der roten Fahne waren, und hier älteste, muffige Schablone, tantenhafte Strickstrumpf-Lyrik mit etwas Klassi- kor-Gebraus vermischt. Und was soll man mit einem„Aufbruch der Nation" anfangen, in dem H. H. Reeder wiederum die Expressionisten und Johannes R. Becher kopiert(—seid Ihr denn alle Schlafmützen, Ihr Nazi-Dichter?!): „Mannen Scheit um Scheit zum Holzstoß schichten; Nacht zerspaltet sich am Flammenweg. Ruh, zerrissen, flieht vor Stadt und Steg. Fahnen sich im Flammen höher richten." Die pyromanische Neigung scheint bei Nationalsozialisten Jedenfalls weit verbreitet...! Denkt der Autor hier nun an »eine Parteigenossen, die den Reichstag anzündeten oder an Jene akademischen Früchtchen, die die Bücher verbrannten? — Ulkig sieht die Poesie bei einem Dichterling namens Rudolf Tipke aus, demselben Tipke, der sich in der Humor- 'fke des„dritten Reichs" bereits als Entdecker einen geKissen Namen gemacht hat, als er im„Heidelberger Student" •einerzeit schrieb:„Das zweite Merkmal des jüdischen\olks- «harakters ist eine geringe Entwicklung der geistigen Fähigkeiten. Der Jude hat ein mittelmäßiges Denkvermögen und eine schwach ausgebildete Phantasie." Tipke dagegen ist der Ansicht:„Leben ist Kampf und geht über Leichen", welch «innige Zeilen den Schluß des talentlosesten Machwerks dieses Almanacht bildet, indem nämlich der Autor banale Prosa- Phrasen dadurch die Poetie zu erheben meint, daß er sie 'n Strofenform untereinander schreibt, wobei Rhythmus und Gestaltung natürlich überflüssig sind, wenn man Pg. ist. Tipke ist'aber gar nicht so kämpferisch-leichenfreudig, denn plötzlich geht ihm dies„Lied" von den Lippen: „Wenn nun der Frühling kommt mit seinen Blümelein am Wiesenhang, pflück' ich ein Blümelein, drück s an die Lippen mein, steck t in ein Brieflein ein— weißt du für wen?" Nein wirklich, ich weiß et nicht genau: für die hochblonde Hannelore— oder gar ach nein, das kann nicht sein, für den Führer?— Einer nur in diesem Almanach, er heibt Klaus Ruhnau, scheint mir echte Töne zu haben und das Bemühen, klar zu gestalten, einheitlich in Form und Gehalt. Ruhnau hat ein paar schöne Gedichte seiner ostpreuß.schen Heimat gewidmet, die im grellen Gegensatz tu dem protpgeu Talmiglanz völkischer Seelen- und Heldentum-Brunst e.n würdiges, unaufdringliches, tiefes VerwaAsei.se.n mit der heimatlichen Scholle zeigen. Ein schöner Dank an die„Hei- Mat":„Du gabst mir den Sinn und du gabst mir den Segen Tausend Jahre hab' ich an deinem Herzen gelegen— Ost- Preußen" und ein ebenbürtiges„Junge Baur.n geht durch die Großstadt", wo ein Mensch vom Lande, nach> er, »nd Doifstille duftend, furchtsam und verzaubert in Großstadt schaut: --Wie ein Pflug, der Schollen aufwirft, ist ihr Schreiten. Ihre Augen, blaue Seen ihrer Antlitz-Landschaft, spiegeln Ewigkeiten. Um sie ist Kornfeld, das im Winde schwingt Und Frucht und Brache in dem Chor der Sterne, Kornblumen, Schwalben und der Duft des Heu s. Fremd schreitet sie, umloht von Straßenlärm Durch Brandungen der Menschen und Maschinen, Reklamen krächzen, graues Elend weint. Auch diese Stadt war Erde einst. Schlägt nicht das Herz des Ackert unterm Asphalt? Sie schreitet, blickt und lauscht. Manchmal sieht sie einer verstohlen an, Erwerbsloser, Schulmädchen oder ein alter Mann Verwundert." Im Prosa-Teil verdient lediglich der in Ton, Haltung und Gesinnung gleich anständige und achtenswerte Aufsatz„Mut zum Aufbau" von Kurt Schäfer Beachtung, der mit dem festen Willen, phrasenlos zu werten und zu erkennen, untersucht, was mit dem im Materiellen und Seelischen vollzogeneu Umbruch nun wirklich in einem schöpferischen Sinne anzufangen ist. Schäfer, das künstlerische Schaffen der Nachkriegszeit betrachtend, ist mutig genug zu„der Erkenntnis, daß schon Bedeutendes geleistet wurde"— womit er sich also in penetranten Widerspruch mit der im„dritten Reich" hergehenden Knstauffassung setzt, derzufolge ja das Bedeutende erst mit Hitler losgeht. Schäfer aber umgeht nicht nur nicht, nein, er fordert sogar„die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus" und schreibt: „Er, der von Grund auf zerstörend wirken wollte(im Sinne unserer Wertorientierung), sieht seinen Sinn gleichsam ins Gegenteil verkehrt, indem er erst zur Anspannung der letzte Kräfte und somit zur Erstarkung seiner Gegner führte. In jedem Falle scheint die Gefahr kommunistischer Zersetzung, die zur beständigen Auseinandersetzung aufruft, gering im Vergleich zur Ermüdung und Langeweile vergangener Jahrzehnte, die von vorneherein jede Gestaltung unmöglich machte, gering aber auch im Vergleich zu den Kräften, die sich heute durch gefährlichsten Mißbrauch des Begriffs„konservativ" eine gewissermaßen legitimierte Basis schaffen wollen, um das Volk als Ganzes vor der durch die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus bedingten Entwicklung, die für sie vielleicht gefährlich werden könnte, auszuschließen." Verdammt, hier ging ein„Kulturbolschewist" durch die Maschen des braunen Zensors! Dieser Kurt Schäfer rettet ein wenig die Ehre des Heidelberger Almanachs, nicht nur so sehr, weil er dem Kommunismus in der geistigen Sphäre entgegenzutreten bereit ist, sondern weil er überhaupt wägt und denkt, bevor er urteilt. Aber ich will diesen Braven, indem ich ihn lobe, nicht der Geheimen Staatspolizei denunzieren... Franz Branntwein. L.ION FEUCHTWANGER DIE GESCHWISTER OPPENHEIM ROMAN[15.-20. TAUSEND) Broichi«rt Hfl. 2,90• in Lftintn Hfl. 3,90 Der gröljfe Bucherfolg der lefzfen Monate VALERIU MARCU DIE VERTREIBUNG DER JUDEN AUS SPANIEN Broschiert Hfl, 2,—• in Lainan Hfl. 3 25 Das hisloMyh« Warle von brennendster Aktualität QU ERI DO-VERLAG AMSTERDAM Genau Ein zackiger Vergleich Am dem 3aq, an dem die Wahcfieil... An dem Tag, an dem die Wahrheit über dich einbricht, Deutschland. wirst du erwachen nnd deine Straße betrachten voll Grauen. Wenn, an der Grenze, du deiner Mauern gewahr wirs* wirst du erbleichen uud um dich schauen. Wenn, du dann dem Faschismus entronnen bist, Deutschland, hebst du den Schleier, mit dem sie die Stirn dir umnachten. Bebend vor Scham erblickst du dich selber im Lichte, und du wirst deine roten triefenden Hände betrachten. Und du wirst dich endlich besinnen, Deutschland, daß der Menschengeist edler als kriegerisch Planen und Lenken. Und deine Kinder werden errötend verstummen, und der Toten, die um sie starben, gedenken. „Die schöne Frau", Monatsschrift für deutsche Lebensart, Bielefeld, berichtet in erschöpfender Weise über die Frisur der deutschen Frau: „Schönheit und Würde, vornehme Zurückhaltung und modernste Eleganz diktieren die Gesetze der deutschen Friseurmode... Die neue deutsche Friseurmode beachtet vor allem den sauberen Nackenausschnitt. Nicht zottelige Strähnen oder ungeordnete schwere Flechten sollen die schöne und keutche Linie ihres Halses stören, eine Schönheitslinie der Frau, die ihrer viel würdiger ist als die Wsdenlinie oder der entkleidete Rücken... dagegen spielen gern von der Seite her Wellenlagen und Locken in das Gesichtsbild, illustrativ und zierhaft, spielerisch und schmückend, reizvoll und rei- zend, der Frau in ernsthaften und schelmigen Sinne gemäß... Die deutsche Frau hat allen Grund, diesen nationalen und national-kulturellen Absichten Gehör zu geben und sich zur deutschen Frisur zu bekennen... Der Gang zur deutschen Frisurstube ist jedesmal Dienst an der Volksgemeinschaft, genau wie das Eintopfgericht!" Der Eintopffriseur mit dem ernsthaft-schelmigen Bekenntnis zur keuschen Linie— ob das nicht»elbst den Rotations- Maschinen zum Halse herauskommt?! Jlaul c KmdemUh Würde des Künstlers „Paul Hindemith hat seinem Schattenbild, das durch den Musikbetrieb der letzten Jahre geisterte, einen deutschen Laufpaß gegeben... Es liegt aber nun an ihm, durch sein Verhalten jeden Zweifel an der Sauberkeit seiner Persönlichkeit zu beseitigen. Wenn er, wie erst in diesen Tagen geschehen, im Auslande mit emigrierten Nichtariern konzertiert, so hebt er damit das gerade zurückeroberte Vertrauen wieder auf, zum mindesten setzt er es einer Belastung aus, die es nicht mehr zu tragen vermag."(Friedrich W. Herzog in der„Musik") Es scheint also mit Hindemiths„deutschen Laufpaß" noch ein wenig zu hapern! Er darf künftig, will er ala echt gelten, nur noch mit SA.-Kapellen konzertieren. Jhhcecktlche Geschichte Folgende kaum auszudenkende Sache hat sich vor kurzem in Hitler-Deutschland zugetragen, und wer sie nicht glaubt, der lese sie in der gleichgeschalteten Presse nach: Das Deutsche Nachrichtenbüro meldet: .Das„Berliner Achtuhrabendblatt" hat es fertig gebracht, eine ihm vom Deutsche» Nachrichtenbüro zugeleitete informatorische Mitteilung, wonach im Gegensatz zu der Behauptung eines Berliner Mittagsblattes der Führer nicht auf dem Obersalxberg weile, mit dem eigenen Zusatz zu veröffentlichen, daß der Führer seinen Geburtstag in Berlin verlebe. Diesen fälschlich dem DNB. zugeschobenen Zusatz benutzte das Blatt zu einer Schlagzeile. Die fragliche Ausgabe des Blattes mußte deshalb auf Veranlassung des Berliner Polizeipräsidenten eingezogen werden. Der Schriftleitung des Blattes war sowohl vor wie nach dem Erscheinen dieser Ausgabe mitgeteilt worden, daß der Führer heute nicht in Berlin weile. Statt einer ehrlichen Richtigstellung behauptete das„Achtuhrabendblatt" in einer neuen Ausgabe:„Die Korrespondenzmeldung, die wir in unserer vorigen Ausgabe wiedergaben, daß der Führer seinen Geburtstag in Berlin verbringe, hat sich als falsch erwiesen." Mit dieser Bemerkung hat das Blatt, statt sich selbst zu berichtigen, wissentlich die Korrespondenz falsch beschuldigt. Das Verhalten des Blattes richtet sich selbst. Gegen den Hauptschriftleiter und den verantwortlichen Schriftleiter ist Anzeige wegen Nachrichtenfälschung beim Bezirksamt Berlin der Deutschen Presse erstattet worden." Man stelle sich das vor, falls überhaupt menschliche Hirne sich solche Gipfel der Verruchtheit vorstellen können: Klatschblatt Nr. 1 läßt den„Führer" zu seinem Geburtstag auf dem Obersalzberg sein, was eine amtliche Richtigstellung hervorruft. Klatschblatt Nr. 2, mit Her negativen Auskunft nicht zufrieden, läßt den„Führer" in Berlin weilen, was zur polizeilichen Beschlagnahme und Einziehung der Nummer führt. Klalschblatt 2 entschuldigt Sich mit seiner Nachrichtenquelle, diese aber, empört darüber, für solche„Verbrechen" verantwortlich gemacht zu werden, erstattet gegen Klatschblatt Nr. 2 Strafanzeige wegen Nachrichten- Verfälschung. Und das alles wegen der weltbewegenden Frage, wo Herr Adolf Hitler aus Braunau seinen 45ten Geburstag verlebt hat! Lächerlicher, erbärmlicher und unwürdiger war auch der Byzantinismus vor einem Ludwig dem XIV., vor irgend einem asiatischen Despoten nicht. So„frei" sind die Deutschen geworden, daß das Zeitungtgeschmuse um den Geburtstagsaufenthalt des„Führers" zu einer Haupt- und Staatsaktion mit Schlagzeilen, polizeilicher Beschlagnahme und Strafklage wird! Der 7 htscheei eines A&Üutientat Eine„Anzeige" Gesetze und Maßnahmen werden im„dritten Reich" immer mit Darstellungen angekündigt und begründet, die mit großangelegten Worten den Geist des Nationalsozialismus kundtun sollen. Auch bei der Maßnahme zur Einschränkung des Hochschulstudiums konnte man zahlreiche Ausführungen über den sozialen und kulturellen Wert dieser Maßnahme für die „Volksgemeinschaft" lesen. Das Gesetz zur Einschränkung des Hochschulstudiums hat bei den Abiturienten eine begreifliche Enttäuschung hervorgerufen und ihre Existenzfrage noch schwieriger gestaltet. Aber ihrer Not und ihrer Meinung gewährt man keinen Raum, sie paßt nicht in den nationalsozialistischen Volksgemeinschaftsstil. Aber einer hat es gewagt, in einer Anzeige, die die„Kölnische Zeitung" vom 27. März 1934 brachte, seiner Not Ausdruck zu verleihen. Diese bemerkenswerte Anzeige spricht eine deutliche Sprache von der Not vieler. Sie lautet: 15 000 Abiturienten nur werden zum Hochschulstudium zugelassen. Die vielen andern sollen die Behörden, die Industrie und der Handel sowie das Gewerbe aufnehmen, um sie zu tüchtigen Menschen auszubilden. Ich suche bei einer Bank, in einem Engros- oder Versandhaus, in einem industriellen Werk oder sonstwo eine gründliche Lehre. Bevorzuge Firma— auch Behörde, wo ich meine sprachlichen Kenntnisse verwerten und erweitern kann und wo mir gegebenenfalls Gelegenheit geboten ist, das Ausland kennenzulernen. Zuschriften erbitte unter... an die Expedition. Diese Anzeige sagt mehr als die Zeitungsartikel, die über dieses Gesetz geschrieben wurden, denn sie sagt unbedingt ,1;,. Wahrheit. Das Wörtchen„sollen" drückt einen berechtigten Zweifel aus, der schon viele Jugendliche erfaßt hat. Die« „sollen" läßt die Fragwürdigkeit erkennen, mit dem dieser junge Mensch und sicherlich viele seiner Kameraden heute dem Nationalsoiialismus gegenüber stellen. Das bunte Matt «Deutsche Freiheit", Nummer 102 Die Atunöe der Freiheit Aus einem Vomanfragment.» Von Pierre In gigantischen, schweigenden Staffeln stand das Volk qui der unendlichen Fläche des Tempelhofer Feldes. Vorn, in langen Kolonnen, die stumpfbraunen Uniformen der SA-, hinter ihnen die Belegschaften der Berliner Betriebe, und schließlich, weit an die Peripherie des Paradeplatzes ge* roorfen, die Zuschauer. Das gewaltige Gerüst der Tribünen ragte wie ein vorsintflutliches Skelett zum Himmel empor, mit unzähligen Hakenkreuzwimpeln geschmückt, die in dem lauen Wind des bereits vorsommerschwülen, ersten Mai- tages träge hin- und herschaukelten. Ein leiser silbriger Dunst hing wie eine durchsichtige Wolke über dem Horizont, die Musikkapellen hatten zu spielen aufgehört und eine fast unheimliche Ruhe umspannte den menschenüberfluteten Platz, auf dem nur die heiseren Schreie der Limonaden- und Würstchenverkäufer zu hören waren, monotone Schreie, die sich in der Akustik des Kilometerfeldes wunderlich und grotesk verzerrten. Auf den Tribünen standen die«Führer des Volkes". Einen Achtungsschritt vor den andern der Chef selbst. Noch immer fiel ihm die kunstvoll arrangierte Stirnlocke malerisch- verträumt in die niedre Stirn, noch immer sprachen die hysterisch-gespreizten, unruhevoll greifenden Hände jene auf- wühlende, peitschende Sprache, mit denen er in den Sturm- tagen der Bewegung die gläubigen Massen an seine Fahnen gehestet batte. Das in militärischer Straffheit dressierte Lippenbä.Ichen, das diesem von Eitelkeit verfressenen Gesicht mit den flackernden Augen einen treuherzigen, spießbürger- lich-kowischen Anstrich gab. stand wie ein Ausrufungszeichen über der gepreßten Mundpartie. Hinter dem Chef kauerte, in sich zusammengesunken, der kleine, zynische Propagandaminister! die lauernden Augen des„Mephisto", wie ihn seine intimen Feinde zu nennen pflegten, spielten unablässig über das Feld, um von Zeit zu Zeit mit einem schrägen, musternden Seitenblick auf dem Chef hasten zu bleiben. Nicht weit entfernt von seinem Platz räkelte sich, in letzter, eleganter SA.-Paradeuniform der General. Die vielfältige Buntheit seines Gewandes war erstaunlich. Goldene und silberne Tressen wetteiferten mit dunkelbraunen Schnüren, um der Erscheinung des Generals einen fast exotischen Anstrich zu geben. Die Zahl der Ordens- Bänder, die seine Brust schmückten, war Legion. Aus der Menge der Uniformierten, die die Tribüne füllten, riß sich plötzlich eine Gestalt los, ging mit kurzen, nervösen Schritten auf die unterhalb des Lautsprechers aufgestellten Spielmannszüge der SA. zu und gab mit kurzer, abgehackter Stimme einen Befehl. Es war Dr. Ley, der Führer der „deutschen Arbeitsfront". Trommelwirbel ertönten. An den beiden Riesenmasten gingen die Hakenkreuzfahnen des „dritten Reiches" hoch. Aus der Diplomatentribüne, die voll besetzt war, richtete man die Ferngläser. Von der nahen Neuköllner Kirchturmuhr klangen, dumpf und hohl, zwei Gongschläge. Die Trommeln verstummten. Der Führer trat vor, mit ausgestreckter Römerhand. „Volksgenossen und Volksgenossinnen!" so begann er, „meine deutschen Männer und Frauen! Schwer lastet auch aus uns die wirtschaftliche Sorge dieser Tage! Aber der deutsche Mai, wie wir ihn heute feiern, zeigt, daß dieses Volk unbesiegbar ist, wenn es nur volksgemeinschaftlich zu- sammensteht! Manch einer von Euch hat darüber gemurrt und war enttäuscht, daß wir die Löhne senken mutzten, daß die Arbeitslosigkeit wieder zugenommen hat. Wer enttäuscht ist, Volksgenossen und Volksgenossinnen, der ist kein Nationalsozialist! Vertrauen verlange ich von Euch, Vertrauen und nochmals Vertrauen! Zehn Jahre Frist habe ich von Euch gefordert, aber ich werde vielleicht fünfzig Jahre verlangen müssen! Glaube keiner von Euch. uns drohen, uns beschimpfen zu können! Unüberwindlich ist unser Glaube an den endlichen Sieg, unüberwindlich aber auch die Macht unserer Bajonette Von der südlichen Seite des Feldes kam plötzlich der schwache, erstickte Widerhall von Gewehrschüssen. Verwor- rener Lärm stieg von weit her aus. Auf der Tribüne steckte man die Köpfe zusammen. Schweigend, reglos, mit ver- bissenen Mienen und mit starren Gesichtern standen die Massen. Aber der Führer sprach weiter. „Unerbittlich werden wir sein, unerbittlich und unbarm- herzig, wenn es gilt, unsere nationale Revolution zu ver- teidigen! Hunderttausende, ja, Millionen stehen bereit, um jeden Versuch eines Widerstandes mit eiserner Hand nieder- zuschlagen! Ihr hungert, sagt Ihr? Ja, hungern wir denn nicht alle?! Das Preußen Friedrich des Großen hat sich großgehungert! Auch das Deutschland Adolf Hitlers wird sich großhungern!" Aus der Tribüne entstand lebhafte Bewegung. Ein Mann in SS.-Uniform raste, schweißbedeckt, aus einem Motorrad heran, sprang taumelnd ab und brach, direkt vor dem General, der sich erregt von seinem Platz erhoben hatte, in die Knie—. «Exzellenz," stammelte er, während die zitternden Finger- spitzen den Mützenrand zum militärischen Gruß suchten,„an der Hermannstratze sind soeben bewaffnete Arbeiter durch- gebrochen! Mehr als achttausend Mann! Ganz Neukölln ist in Aufruhr! Aus den Häusern strömen sie, um sich anzuschließen! Das schwillt an wie eine Lawine! Zwei Polizei- wachen sind gestürmt, in der Steinmetz- und in der Berliner Straße wehen rote Fahnen!!" Der Meldefahrer röchelte nur noch.„Die Hunde!" schrie der General und gab dem Hiobsboten einen Stoß, daß er zusammenstürzte,„mit Brandbomben die Verbrecher nieder- machen!" Der Führer sprach noch. Mit heiserer, krächzender Stimme, mit fahrigen Gesten, mit flackernden, wut- und angst- verzerrten Augen, drohend, bittend, beschimpfend... Der Lärm, der wie eine Gewitterwolke von Süden kam, wuchs. In die Reihen der Hunderttausende, die den Platz besetzt hielten, kam eine leise, lauschende Bewegung. Sie steckten die Köpfe zusammen, sie flüsterten...„Es geht los!" knirschten sie durch die Zähne,„sie kommen!" Und in diesen Worten lag eine Welt! Eine Welt des Hasses, eine Welt fressender Wut... Noch immer sprach der Führer. Schweißbedeckt, mit flat- ternden Händen, ächzend, stöhnend. Wie die Wellen einer Brandung über die Klippen ichäumen, so lief die Nachricht vom Aufbruch des gepeinigten Volkes durch die vorher so stummen Reihen. Sie flüsterten nicht mehr, sie schrien schon„Rote Fahnen in Neukölln! Zwei SS.-Stürme am Reuterplatz zusammengeschlagen!" so riefen sie sich zu. Der Rausch der Erlösung überkam die ungeheure Menge. Auch die braunen SA.-Kolonnen gerieten in Unruhe... „Wer sich uns entgegenstellt, den zerschmettern wir!" brüllte der Führer, kaum seiner Stimme noch mächtig, ins Mikrofon. Da brach ein Schrei aus den vor Erregung bebenden Mündern der Hunderttausende, ein ungeheurer, ein be- freiender, orgiastischer Schrei. Er war so Elementar und kam so fürchterlich lebenswahr aus den unerklärlichen Tiefen ge- quälter Herzen, daß die Männer aus der Tribüne totenbleich wurden. Der Führer sprach noch, aber im Tosen der entfesselten Masse ging alles unter, was er an Wut und Angst in die Lüste spie. Freitag, 4. Mai 1934. Piefkes Triumph Die^Pariser Wochenschrift„Gringoire", herausgegeben von dem Schwiegersohn des Ex-Polizeipräsidenten Chiappe, ist keineswegs immer nach unserem politischen Geschmack. Mehr rechts als links, hat sie nämlich seit den Ereignissen des K. Februar nicht nur gelegentliche Anfälle von reaktionärer Bösartigkeit. Das hindert nicht, daß„Gringoire" über einen Mitarbeiter, Lavier de Hauteclocque, verfügt, der bei seinen Abstechern ins„dritte Reich" schärfer auf den Grund der Dinge sieht als mancher allzu gutgläubige Korrespon- dcnt der Linkspresse, der sich von den Nazis leicht einwickeln ließ. Bei seinem ersten Beiuch im braunen Deuischland im Frühjahr 1933 suchte man ihm auch, nicht ganz ohne Erfolg, Potemkinsche Dörfer hinzuzaubern, aber da er gleichwohl auch von dem Unerfreulichen, allzu Unerfreuliche» berichtete, das in sein Blickfeld getreten war, zeigten ihm die Haken- kreuz-Bonzen bei seinem zweiten Besuch in diesem Jahre die kalte Schulter. Wie Hauteclocque mit seiner Reportage „Nacht über Deutschland" ins Schwarze zu treffen vermag, beweist das„Piefkes Triumph" betitelte Kapitel, das wir im folgenden wiedergeben: „Ein Kops aus Marzipan, mit Schmiergelpapier abge- rieben, lediglich ein Bürstchen stachlicher Haare auf dem Scheitel, unter weißen Wimpern fahle, verkniffene, nur scheinbar gutmütige Augen, ein über den Panzerkragen quellendes Fettpolster, eine Schnüfslernase, ein anmaßend umfangreicher Hinterer und ein Wanst, der bewegt ist gleich einer Treibmine im Meer? ein Beieinander von groben Knochen und Speck, eingewickelt in Stoff von schreiender Farbe, sauerampsergrün oder Gäysedreck; eine verblüffende Gespreiztheit bei den unwichtigsten Handlungen, dann wieder unpassende Gebärben und Bemerkugen, die einen Affen zum Erröten brächten,- fähig zu Liebedienerei, doch zur ein- saen Höflichkeit unfähig, gern lümmelhaft gegen Frauen, Schwächere oder kleinere Leute, obwohl sich mit seiner Rit- terlichkett brüstend, aber vor allem unter jovialer Außen- sc einen Kern von Grausamkeit und Blutdurst bergen— das ist Herr Pieske, karikaturistisch wirkendes Urbild des Ost- deutschen, den Süddeutsche und Rheinländer verabscheuen und verulken. Jedes Land hat seine Spießer. Wir Franzosen haben, um gewisse nationale Schattenseiten zu verkörpern, Monsieur Prudhomme, Monsieur Homais und den Va-Uebü, die weder appetitlich sind noch zum Photographieren einladen. Aber Uebü, Homais und Prudhomme stellen keine bevorrechtete Kaste dar. Dagegen regierte Herr Pieske vor dem Kriege, unter dem wirklichen Adel, der sich in den hohen Aemtern und im Heer eingenistet hatte, die preußischen Lande und re- gierte sie anerkennenswert gut. Vier Jahre blutiger Martern und fünfzehn Jahre trockener Martern ließen Herrn Pieske verschwinden. Viele waren gefallen, Pieske ist nicht feig. Ter Rest kümmerte in den Kulissen der Verwaltung und in den Niederungen des Handels dahin, denn die Demokratie war so schuftig, daß sie mit diesen getreuen und bestialischen Dienern der Göttin Vorschrift nichts anzufangen wußte... Jetzt erscheint Pieske wieder. Tie„nationale Revolution" hat ihm seinen Borrang im Staate zurückgegeben und thn in die erste Rolle gestellt. Was im alten Preußen vorsint- slutlich war, erlebt seine Auferstehung. Statten wir gegen Mitternacht dem„Zigeunerkeller" sin Berlin) einen Besuch ab. Seit undenklichen Zeiten diente dieses ungarische Lokal mit seinen Sängern, deren blaue Blusen mit Blumen bestickt sind, mit seinen Gerichten, die mit Paprika zubereitet werden, und mit seinem Tokayer. der heiß und brutal ist wie die Musik, als Hauptquartier zur Anknüpfung leichter Liebschaften. Noch letzten Mai war das Schauspiel nicht abstoßend. Bataillone blonder, rotbackiger Burschen im Braunhemd machten ihren„kleinen Verbttn- deten". frisch und ländlich wirkenden Berliner Lausmädels forsch den Hof. Münbchcn, die die Schminke, das Vergnügen und der Wein ausgefrischt hatte, kräftige Brüste unter dunk- lem Stoff, ungestüme magyarische Lieder, im Chor aufge- nommen— eine Atmosphäre triumphierender Jugend schwebte über allem. Heute eine Aenderung von Grund auf! Der Keller ist gestopft voll. Zwischen den drei- bis vier» hundert Gästen zähle ich ein Dutzend Hitlerianer in Uniform. Mexikos seltsamste yeitung Der Direktor des Gefängnisses von Mexiko City will seinen Gefangenen das Leben so angenehm wie möglich machen. Die Verbrecher sollen gebessert werden und nicht bestraft, ist sein Leitsatz. Seit kurzem hat er eine eigene Zeitung für seine Gefangenen begründet. Der Chefredakteur ist der einzige Mitarbeiter dieses Blattes, der sich auf freiem Fuße befindet. Alle anderen Mitarbeiter sitzen in ihren Zellen und arbeiten für ihre Zeitung. Diese Zeitung soll eine der interessantesten des ganzen Landes sein, denn da hier nach all den vielen Revolutionen viele Kämpfer dieser blutigen Tage in unfreiwilliger Mutze sitzen, verfügt die Redaktion über einen Stab hervorragender Mitarbeiter, wie sie kaum eine andere Zeitung auszuweisen hat. Ein neuer s>tratosphärenflieger Der Ruhm der Stratosphärenflieger läßt dem jungen Amerikaner Mark Ridge keine Ruhe. Er hat sich in London nach eigener Konstruktion eine neuartige Stratosphären- gondel bauen lassen, mit der er bis zu dreißigtausend Meter aussteigen will. In dieser Höhe soll eine Kälte von etwa hundert Grad unter Null herrschen, aber seine, aus einem Aluminiumgemisch hergestellte Gondel soll diese Kälte nicht in das Innere dringen lassen. Er hat diesen Versuch schon in einer sogenannten„Kältekammer" unternommen und hat sich im Innern der Gondel recht wohl gefühlt. Bei günstiger Witterung soll der Aufstieg bald erfolgen. Arbeitslose als Goldgräber Die Arbeitslosigkeit hat viele wieder in das Land deS Goldrausches getrieben. Aber nicht mehr so wie einst gehen sie mit Hacke und Goldpi'anne los zum großen Abenteuer in den Bergen. Man ist nüchterner geworben. Die Ouellflüsse in den Bergen Kaliforniens sind stark goldhaltig, aber immerhin nicht so stark, daß sich ein organisiertes Auswaschen lohnen würde. Die Arbeitslosen können hingegen, wenn sie sich zusammentun, in zäher Arbeit doch täglich für ein paar Dollar Gold aus den Flüssen waschen. Und so sitzen sie dann mit ihren Pfannen und sieben an den Ufern und verdienen sich ihre paar Dollar, die sie zum Leben brauchen. Italienischer Humor Folgende Witze sind in der italienischen Presse nicht er- schienen, obwohl die Ernennung Balbos zum Gouverneur von Lydien dazu herausforderte. «Wissen Sie. warum Deutschland unbedingt Kolonien braucht? fragt ein Berliner seinen Nachbar.—„Natürlich. Weil Hitler nicht weiß, wo er sonst mit Göring hin soll." „Wissen Sie, unter welchen Bedingungen Sarraut fran- zösischer Ministerpräsident bleiben kann?" fragt ein franzö- sischer Abgeordneter den andern.—„Natürlich. Er muß Chautemps zum Gouverneur der Sahara, Daladier zum Bizekönig des Kongogebietes und Bonnet zum König von Tonkin ernennen." Die Dampfwalze brach los. Soweit die SA. nicht überlief und mit dem Volk gegen die verhaßten Unterdrücker aus der Tribüne anstürmte, wurde sie niedergemacht, zertreten, zur Seite gefegt... Es dauerte nur wenige Minuten... Dann gingen an den beiden Riesenmasten, über den zer- setzten Tüchern des niedergeschlagenen Systems die roten Fahnen der sozialistischen Freiheit hoch. Und die Menge, plötzlich still geworden, sah sie aufflammen wie eine überirdische Erscheinung. Dann aber erklang über das weite Feld das ewige Sturmlied der Internationale... Sie tragen eine Bluse nach englischem Schnitt, Lackstiesel, silberne Abzeichen am Kragen: Ossiziere. Bon den jungen Nazis des letzten Jahres, diesen fröhlichen Burschen mit nichts in der Tasche, die ihre Fabriken und Geschäft« ver- lassen hotten, um die Nacht zu erobern, keine Spur mehr! Dafür welch erstaunliche Fressen, mit alten Schmissen zebra- Haft gestreift und die unzüchtige Nacktheit dieser Schädel, die das kokette Büschel Scheitelhaare noch unterstreicht, kugel- förmig aufgeblähte Westen, Hosenböden prall zum Bersten, aber vor allem diele zugleich aufschneiderischen und bissigen Visagen— d a s i st P i e f k e, der im Triumph in seine gute Stadt zurückgekehrt ist Pieske, der wahre Sieger! Schmutzige Tische. Allein an einem späht eine Dirne, mager und melancholisch wie ein Zinshahn, nach Kundschaft. Nähern sich zwei Männer und zwei Frauen, teuer, aber ge- schmacklos gekleidet, alle vier nicht mehr im ersten Stadium der Bezechtheit. Sie trinken und traktieren das arme Luder. Sie traktieren sie anscheinend auch mit Flegeleien, denn sie steht auf und geht. Im Borbeigehen bemerke ich ihr wüten- des Gesicht und Tränen in ihrem Auge. Drüben aber erhebt sich schwankend ein reiferer Herr mit goldenem Geklimper aus der Weste und hält, mit den Armen fuchtelnd wie ein Irrsinniger, mitten in dem Lärm eine An- spräche. Das könnte ein Ministerialdirektor sein. Ist er morgen ernüchtert, wird er seine Stenotypistinnen an- schnauzen, weil sie die Lippen ein klein wenig gefärbt haben oder eine zu weit ausgeschnittene Bluse tragen." Sicher will diese unbarmherzige Schilderung Pieske nicht mit dem ostdeutschen Menschen gleichsetzen, wie es auch in West- und Tüdbeutschland Piefkes gibt,- es ist mehr ein sozial als ein regional bestimmter Typ. Auch hat der Franzose in manchem von Pieske noch eine zu günstige Meinung, denn ihm war die sichere Etappe weit lieber als die Front, und wie er unter der Dreiklassenwahlschande Preußen regiert hat, ist nur zu bekannt. Aber im wesentlichen hat Hauteclocque recht: die aus tausend Lautsprechern in die Welt gebrüllte «nationale Revolution", die„Erneuerung Deutschlands", der „deutsche Frühling" ist nichts anderes als der Triumph des ordinären, platten, geist- und herzlosen, vorgestrigen Macht» geht-vor-Recht-Spießers. Heil Hitler! heißt: Heil Pieske! Todesstrafe für„Treaebindf" SA. and SS.-vanditen zu ßiditern berufen Berlin, 2. Mai. Im Rcichsgesetzblatt wird jetzt ein„Gesetz zur Aenderung von Vorschriften des Ttrafrechts und des Strafverfahrens vom 24. April 1934" veröffentlicht. Das Gesetz soll dem Zweck dienen, die Strafvorschristen gegen Hoch- und Landesverrat, die in verschiedenen Gesetzen und Verordnungen verstreut sind, übersichtlich zusammenzufassen und„noch wirksamer" zu gestalten. Es ist den Nazijustizgewaltigen nicht genug, daß sie in zwei Verordnungen vom 28. Februar und durch Gesehe vrm 26. Mai und 13. Oktober 1933 die Strafdrohungen er- höht und für von ihnen als„schwere Staatsverbrechen" an- gesehene Handlungen die Todesstrafe angedroht haben. Nach dem neuen Gesetz wird festgelegt, daß derjenige, der seinem Volke die Treue bricht und den Bestand der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft durch Verrat gefährdet, fein Leben»erwirkt. Auch die Bestimmungen über da? Verfahren in Hoch- verrats- und Landesvcrratssachen sind neu gefaßt worden. An Stelle de» Reichsgerichts für die erstinstanzliche Ab- urteilung von Hochverrat- und Landesverrat wird ein be» sonderes oberes Gericht in Gestalt eines sogenannten „Volksgerichtshofes" geschaffen. Dieser„Volks- gerichtshof" wirb teils mit juristisch gebildeten Richtern und teils mit solchen Mitgliedern besetzt, die über„b e- sondere Ersahrungen"(I) auf dem Gebiete der Abwehr staatsfeindlicher Angriffe ver- fügen. Der Reichskanzler ernennt auf Vorschlag beS Reichs- Ministers der Justiz diese Mitglieder. Der Zeitpunkt, zu dem der neue Volksgerichtshof zusammentritt, wird noch bekannt- gegeben.— Danach sind alle, die dem deutschen Volke gegen den Nazi- terror die Treue halten» Landesverräter, Hochverräter. Sie werden abgeurteilt von denen, die dem Terrorregime ge- eignet erscheinen, einseitig genug gegen die Feinde der Nazis vorzugehen. Daß die Diktatoren des„dritten Reiches" mit solcher Schärse gegen Andersgesinnte vorgehen, beweist zur Genüge, wie unsicher sie sich in ihrem Element fühle». Einst- mals wird ein wahres Bolksgericht über sie kommen und feststellen, wer die Verfassung, wer die der Ver- sassnng geschworenen Eide, wer in Wahrheit dem deutschen Volke di« Treue gebrochen hat, um sie unbarmherzig und rücksichtslos zur Berant- wortnng zu ziehen. Der Tag kommt! Daraus können sich die Nazisaschiften gefaßt nachen. An dem kommenden Tag braucht auf die Hitler und Kon- sorten nur ihr eigenes Gesetz angewendet zu werden. „va sie Nationalsozialist sind" Warum der Papst den Empfang einer deutschen Delegation verweigerte Rom, 2. Mai lJnprcßj. Eine Delegation deutscher Nazi- Katholiken hatte die Absicht, dem Papst zu beweisen, daß der Kamps für Hitler und Loyalität gegenüber dem Heiligen Stuhl vereinbar seien. Sie bat im Vatikan, vom Papst empfangen zn werden. Der Papst hat den Empfang verweigert. Er richtete einen Brief an d»e Delegation, in dem gesagt wird:„Sie können nur gnte Nationalsozialisten oder gute Katholiken sein. Sie können nicht beides zugleich sein. Da Sie Nationalsozia- listen find, ist es mir nicht möglich, Sie zu empfangen." London,?. Mai. Der„Daily Herald" verösscntlicht einen zweiten Artikel seines Sonderberichterstatters im Saar- gebiet. Der Korrespondent komm« zn dem Schluß, daß der Ausgang der Saarabstimmnng zum großen Teil von der Haltung abhängen wird, die der Vatikan einnehmen wirb. Der englische Korrespondent mutmaßt, daß der Vatikan gegen die Nazipropaganda im Saargcbiet eingestellt sei; in Saarbrücken sei bereits ein katholisches Organ gegründet worden, das zu der Presse der„deutschen Front" in Oppo» fition stehe. Der Mann, der die Hitlerpropaganda im Saargebict fuhrt — stellt das Blatt fest—, ist der Großindustrielle Röchling. Das hind..e ihn nicht, seinen Stahl an einen, wie er selbst zugegeben habe, seiner besten Kunden zu liesern, nämlich an Frankreich. Innere Kämpft im Rheinland Im Hintergrunde: Katholizismus Die„Neue Zürcher Zeitung" schreibt: „Die Kulturkampfstimmung hat, wie aus zahlreichen Mel- düngen der letzten Tage zu erkennen war, jetzt schärfer als bisher auch aus das Rheinland und die Provinz W e st- falen übergegriffen und ist zum Ausdruck gekommen in einer Reihe von Maßnahmen gegen die Tätigkeit der katholischen Kirche. Diese Erscheinung fällt zeitlich zusammen mit der Abberufung des Regierungspräsidenten zur Bonsen in Köln und seiner Ersetzung durch Dr. Diels, der bisher Ministerialrat im Preußischen Innenministerium »nd Inspektor der Geheimen Staatspolizei war. Die Be- rusung von Dr. Diels, die im übrigen mit gewissen Aus- einandersetzungen über die Leitung der Geheimen Staats- Polizei im Zusammenhang stand, war allerdings weniger die Ursache als vielmehr das Signal zur Verschärfung des Kulturkampfes. Die nationalsozialistischen Parteiinstanzen, insbesondere die westdeutschen Gauleiter, drängten seit langem aus diesen schärferen Kurs, sahen sich jedoch in ihren Absichten gehemmt durch die Tatsache, daß an der Spitze der Verwaltung ausgesprochene Katholiken standen: tn der Provinz Westfalen der Obcrpräsident Freiherr v.?ü- ninck, in der Rheinprovinz der Oberpräsident Freiherr v. Lüninck, ein Bruder des Erstgenannten, und im Regierungsbezirk Köln der Regierungspräsident Dr. zur Bonsen. Die Stellung der drei Beamten galt seit einiger Zeit als erschüttert. Als Dr. zur Bonsen. der schon lange vor der . nationalen Revolution Mitglied der NSDAP, gewesen war, vor einem Jahr zum Regierungspräsidenten ernannt wnrde, begrüßte ihn das nationalsozialistische Parteiorgan In Köln mit den Worten:«Ein Mann, auf den das Rheinland stolz ist." Die Ausschaltung zur Bonsen» nach knapp einjähriger Amtstätigkeit zeugt von einem starken Stimmungswandel, der offensichtlich aus Rechnung der wachsenden Kulturkam pstenbenzen im Nationalsozta- lismus zu setzen ist. Gleichzeitig mit dem Personen- Wechsel im Regierungspräsidlum in Köln ist ein Kurswechsel in der ganzen Rheinprovinz und in der Provinz Westfalen nollzogen worden, wo anscheinend die beiden Oberpräsidenten ihre Auffassung nicht zu behaupten vermochten und wo nun die preußischen Verwaltungsbehörden mit Verboten und Zensurmaßnahmen gegen katholische Zeitungen, Kirchen- blätter und sogar bischöfliche Kundgebungen einschreiten. Der neue Regierungspräsident Diels, der ein Ver- trauensmann des preußischen Ministerpräsidenten ist und anscheinend gegen GöringS eigenen Willen aus der Leitung der Geheimen Staatspolizei ausgeschaltet wurde, kann als Repräsentant dieser Politik der scharfen Kampfmaßnahmen angesehen werden und hat schon als Inspektor der Geheimen Staatspolizei die rücksichtslose Unterdrückung der sogenann- tcn„konfessionellen Hetzer" nicht nur angekündigt, sondern auch schon eingeleitet." * Auf Grund eigener Informationen können wir die Richtig- keit dieser Nachrichten bestätigen. Die Brüder Lüninck. die Oberpräsidenten der beiden katholischen Westprovinzen Preußens, stehen schon seit längerer Zeit in einem sich ver- stärkenden' Gegensatz zu den nationalsozialistischen Gau- leiten:, die auch in Verwaltungsdingen selber Oberpräsi- dcntcn sein, oder die feudalen Amtsinhabcr durch willfährige Leute ersetzen möchten. M darf lOr Holter and [In sdMMIIdKS deulsdKS Irl tu Eine Entscheidung, die mit der Frage der Behandlung von Mischehen(über die mehrfach hier berichtet wurde) tn Zusamemnhang steht, hat soeben ein Amtsgericht gefällt. Das „Frankfurter Volksblatt"(Nr. 113) berichtet bar- über u. a.:., „Ein arisches Mädchen hatte sich mit einem 19jährigen Nichtarier eingelassen und erwartete von ihm ein Kind. Der Kindesvatcr wollte das Mädchen heiraten und be- antragte bei dem hiesigen Amtsgericht seine V o l l- jährigkeitserklärung, da nach den deutschen Ge- setzen Minderjährige nicht heiraten dürfen. Da mit der Heirat dann das Kind als ehelich g:lt, geben die Gerichte derartigen Anträgen in aller Regel statt. In diesem besonderen Fall sah sich das Gericht zur A b- lehnung des Antrages genötigt. In den Gründen wird ausgeführt:_., ES liegt zweifellos im Interesse deS Staates, den K:nbes- vater. der seinem Kind zur Ehelichkeit verhelfen will, zu unterstützen. Andererseits jedoch hält eS das Gericht für Ans dem Zadithaasstaaf Amtliche Drohungen ohne„Greuel"-Kommentar Wir entnehmen der„Pirmasenser Zeitung" vom 25. April: Arbeitsunwilliges Verhalten von Unterstützungsempfängern beim Arbeitsamt Dem Arbeitsamt obliegt die Prüfung der Arbeitsfähigkeit und Arbeltswilligkeit der Unterstützungsempfänger. Be: Durchführung dieser Aufgabe wird in letzter Zeit verschie- dentlich die Wahrnehmung gemacht, daß es an dem arbeitswilligen Verhalten, besonders der Ehefrauen, fehlt. Sie finden es öfter nicht für notwendig, ihrer regelmäßigen Kontrollpflicht zu genügen, obwohl das Wohlfahrtsamt allmonatlich darauf hinweist, daß dies den Verlust des Staatszuschusies und damit die Kürzung der Unterstützung bedeutet. Bisher wurde von der vollständigen Einstellung der Unterstützungen in solchen Fällen abgesehen, weil hierunter regelmayig die Kinder der Arbeitslosen zu leiden haben. Auch hier kann leider keine Rücksicht mehr ge- nommen werden, denn viele Ehefrauen mit Kindern arbeiten heute in der Fabrik oder als Heimarbeiterin, und so werden sich die schon jahrelang Unterstützten auch«in- mal wieder an die Arbeit gewöhnen müssen. Wer diese Woche nicht bei der Hauptkontrolle er- schienen ist. wird am Samstag aus keinerlei Unterstützung des Wohlfahrtsamtes rechnen dürfen. Ebenso werden die kinderlos verheirateten Ehe- trauen und die Ehefrauen mit nur 1 bis 2»in- dern vom Unter stützungsbezuge auSgeschlvs. Kind' unvereinbar mit seinen Aufgaben und für seinen Pflichten zuwiderlaufend, der Ehe eines NichtarierS mit einer Aricrin Vorschub zn leisten. Die Entscheidung ist hart für Mutter und Kind. Die Mutter, die sich noch im Jahre 1933, als das Wissen um die Bedeutung rassenmäßigcn Denkens schon festen Fuß im Volk gefaßt hatte, mit einem Juden eingelassen hat, verdient es nicht besser. Sie muß für ihren Leichtsinn und mangelndes Verantwortungsgefühl bestraft werden. Aber auch die fraglos vorhandene Härte gegenüber dem Kind muß in diesem Falle in Kauf genommen werden, da seinen Interessen hier die der Allgemeinheit gegenüberstehen. Hätte das Gericht durch Stattgeben des Antrags dem Kindesvater die Heirat ermöglicht, so wäre eine neue Mischehe geschlossen und der Jude instandgesetzt worden, ungehindert und mit be- sondern staatlicher Genehmigung eine Reihe von weiteren Bastarden in die Welt zu setzen. Der Staat, hier verkörpert durch das Gericht, muß es auf das Entschiedenste ablehnen, hierzu seine Hand zu bieten." sen, wenn sie sich nicht innerhalb vier Wochen um eine Beschäftigungsmöglichkeit umsehen. Bei der heutigen Konjunktur in der Schuhindustrie kann dies billigerweise von ihnen verlangt werden. * Harte Strafen für Schwänzer der Pslichtarbeit In der letzten Zeit haben sich eine Anzahl von Pflicht- arbeitern unter irgendeinem saulen Vorwand von der P f l i ch t a r b e i t ge d r tt ck t. Sic blieben z. B. von der Arbeitsstelle fern und begaben sich wegen Gering- fügigkeiten zum Arzt. Wieder andere verließen die Arbeitsstelle, um angeblich ihre Besorgungen auf dem Bürgermeisteramt. Krankenkasse usw. zu erledigen, als wenn di>^ nicht auch die Ehefrau des Pflicht- arbeiterS oder sonstige Angehörige erledigen könnten. Die bisher in solchen Fällen verhängten Strafen haben sich al» zu mild erwiesen. Da« Wohlfahrts- amt sieht sich daher zur Verhängung harter Strafen veranlaßt. Künftig wird für jeden Tag, an welchem der Pflichtarbeiter nicht vollcachtStundcngearbeitethat, einTages- Unterstützungssatz, min bestens aber 3 Mark, an der Unterstützung in Abzug gebracht. Außer- dem wird für den Tag, an welchem nicht oder nicht voll gearbeitet wurde, eine Pslichtarbeiterzulage nicht bewilligt, noch werden solche Tage aus die Berechnung der Vierwochen- srist zur Erlangung des Bedarfsdeckungsschcines angerechnet Ein Bedarfsdeckungsschein wird künftig nur demjenigen gewährt, welcher volle vier Arbeitswochen, das sind volle zwanzig mal acht Stunden gearbeitet hat. ver hingcriditete Kaplan Der Vortrag im Katholischen Jugendverein Unter Ausschluß der Oefsentlichkeit wurde gegen den Kaplan Herbert Wilhelm aus Hauenstem verhandelt, dem zur Last gelegt wird, eine verbotene Versammlung abgehalten zu haben. In einem Vortrag vor dem Katholischen Jung- männerverein behandelte der Angeklagte einen Vorfall, der sich im siebenjährigen ftriep. abgespielt hat. Friedrich der Große soll damals einen Kaplan haben hinrichten lassen, der den jungen Katholiken gesagt haben soll, daß Fahnenflucht keine Sünde sei. Der Angeklagte bestreitet, den großen König al? Mörder hingestellt zu haben. Er habe vielmehr gesagt, daß an diesem Kaplan ein Justizmord geschehen sei. Der Staatsanwalt, der sehr scharf das Vorgehen des An- geklagten verurteilte, wies daraus hin, daß der Angeklagte den Sinn des Wortes vergessen habe, daß das Reich der Kirche nicht von dieser Welt sei. Diese Handlung sei nicht im Sinne der Ausgaben der Kirche gewesen. Die Schuld des An- geklagten fei darin zu sehen, daß er über den großen König, an dem sich ein ganzes Volk aufrichte, nichts anderes sagen konnte, als ihn als Mörder zu bezeichnen. Er beantragte gegen ibn eine Gefängnisstrafe von 5 Monaten. Der Verteidiger wies darauf hin, daß der Vortrag über den hingerichteten Kaplan nur deswegen gehalten wurde, da dieser jetzt heilig gesprochen werden soll. Es habe sich nicht um einen politischen Vortrag gehandelt. Das Gericht schloß sich dieser Ansicht an und sprach den Angeklagten unter Uebcrbürdung der Kosten auf die Staatskasse frei „Absteigen, austreten!" lTopadc.s Ans Baliern wird dem„Neuen Vor- wärt»", Karlsbad, ein lustiges Ereignis aus dem Klein- krieg zwischen österreichischen Legionären und deutscher SA. berichtet: In W e i d e n in der Oberpsalz wurden bei einer Rauferei zwischen SA. und. österreichischen Legionären sieben Oester- reicher verhaktet. Kommandant über sämtliche österreichische Lager ist ein Generalmajor der alte» österreichischen Armee, der nach der Verhaftung seiner Leute den Weidcner Bürger- meister Harbauer einen„saudummen Jungen" und„Laus- buben" nannte. Harbauer gab darauf dem Generalmajor eine Stunde Frist zur Räumung der Stadt. Die Oester- reicher blieben aber und holten Verstärkung. Nun alarmierte der Bürgermeister die Polizei, die SA. und TS., die gegen die Oesterreichcr vorgingen. Diese zogen nun ab. Wurden später Oesterreichcr in Weiden geschnappt, so wurden sie ver- prügelt. Eine Stadtsperrc wurde gegen sie erlassen. Einige Tage später kamen die Oesterreicher aus ihrem nahcgelege- nen Lager Wöllersdorf per Lastauto nach Weiden und fuhren vor die Wohnung des Bürgermeisters. Dort erscholl das Kommando:„Absteigen, austreten!" Die Oester- reicher sprangen hinunter, traten in Reihe an das Haus des Bürgermeisters heran und pißten, auf das Haus. Tann bestiegen sie wieder ihr Auto und fuhren heim. vi«„Deutsche Freiheit" inabhängig» Tageszeitung Deutschlands mulj man regelmäßig lesen Bestellschein Ich ersuche um regelmäßige Zusendung der„Deutschen Freiheit" Namei............................. Straß ei_ Orh >.., den i... Ii,. Verlag der„Deutschen Freiheit" Saarbrücken 3• Schützenstralje S- Postschließfach 776 Pariser Beruhte T6L Triniie 43-13 M6iro P I g o 11 e <1 Allgemeine Konsultationen etiospaliliita. b) Chirurgie Poliklinik Paris, OZ, Rue de la Rochefoucauld c) Geburtshilfliche Klinik d) Zahnärztliche« Kabinett Ordination läqllch von 9—12 und 2-8; Sonntags und Feiertags von lO—12 und 2—4 Uhr 303 An die Schweizer Leser der„Deutschen Freiheit" Diese Woche erscheint: Pas Braunbuch, II. Band „PimitroffkontraGöring" Sichern Sie sich Ihr Exem» plar durch sofortige Bestellung bei der Genossenschaffsbuchhandlung Stauffacher Strafje 60, Zürich Auslandsdeutscher(Spanien) sucht vorerst briefliche Bekanntschaft mit deutschsprechender jungen Dame Zuschr. unt.H. G. a. d. ,.Deutsche Freiheit" Saarbr. Existenz Mühle in Luxemburg mit Wasserkraft und Fischerei, zur Einrichtung eines Touristen- und Wochenendheimes geeignet, gunstig zu verkaufen. Mittellose unerwünscht. Anfrag, an die„Deutsche Freiheit", Saarbr.. unt. Seh. M. INSERIEREN BRINGT GEWINN Der Erfolg liegt in der Reklame I Inserieren Sie deshalb in der Pariser SfraDenhalcnder Der Pariser Stadtrat ist eiligst auf nächsten Montag und Dienstag zur Beschlußfassung über die internationale Ausstellung 1937 und die Neugestaltung der Verkehrsfragen einberufen worden. Der Generairat der Seine wird Samstag tagen. * Ein Helfer des„schönen Alexandre", ein Mann namens Vignottes, der der Hehlerei angeklagt war, wurde von der Strafkammer zu 3 Jahren Gefängnis sowie 10 Jahren Aufenthaltsverbot verurteilt. In einer anderen Sache erhielt er noch 13 Monate nebst 50 Franken Geldstrafe. Die Strafen wruden zusammengezogen. * Der einzige Sohn des berühmten französischen Bildhauers Bodin, Auguste Beuret, ist betagt in Meudon gestorben, wo er mit seiner Frau in bäuerlichen Verhältnissen lebte. * Am Samstag, den 5. Mai, 17 Uhr, findet im Germanistischen Institut zu Paris die von uns bereits angekündigte Veranstaltung„Sprache und Musik" in deutscher Sprache statt, bei der Anselm Rust vom Standpunkt der Philosophie, David Luschnat vom dichterischen und Paul Becker vom musikalischen sprechen werden. * Wir verweisen besonders auf den kostenlosen französischen Unterricht, den die Union Scoiaire deutschen Flüchlingen in ihren Bäumen 5, Avenue de la Republique erteilt. Die Stunden sind täglich mit Ausnahme der Samstage und Sonntage für Anfänger 15—16 Uhr, für Fortgeschrittene 16.15 bis 17.15 Uhr. * Ein neuer Film vom Alltag mit den Schlagern„C'etait ull 'musicien" und„On n'a jamais vu ca" läuft im Kino Moulin Rouge. Geselliger Abend Im Deofsdien Klub Am Samstag, dem 5. Mai, um 21 Uhr, ist im Pariser nicht- gleichgeschalteten„Deutschen Klub"(gegründet 1925) geselliges Beisammensein mit Tanz. Damen und Herren sind diesen Sonnabend als Gäste sehr gerne willkommen. Es wird um 5 Franken zur Deckung der Unkosten gebeten(von Stellungslosen: 3 Franken). Die Adresse des Deutschen Klubs lautet: Universite du Parthenon, 64, Rue de Rocher, Paris 8°(am Bahnhof St. Lazare.) Die internationale Messe Paris Die diesjährige große internationale Messe Paris beginnt am Tage vor Himmelfahrt, am Mittwoch, dem 9. Mai und dauert bis 24. Mai, dem Donnerstag nach Pfingsten. Deutsche rreiheitsbibllolhek Das Aktionskomitee für die Errichtung einer Bibliothek verbrannter deutscher Bücher will am 10. Mai, dem Jahrestag der deutschen Bücherverbrennung, die neue Bibliothek in Paris einweihen. Einige Tage später soll eine große öffentliche Kundgebung mit Teilnahme der bekanntesten„verbrannten Autoren" und großer französischer Publizisten stattfinden. Anfragen und Stiftungen für die Bibliothek sind zu richten an die Adresse: 65, boulevard Arago, Atelier 17, Paris 13 e. Ermordung eines Italieners Vor einiger Zeit wurde ein sehr tätiger antifaschistischer Italiener in Paris ermordet. Der Täter, ein Spitzel, beging nachher in einer kommunistischen Versammlung in der salle Buliier Selbstmord. Jetzt liegt abermals die Meldung von der Ermordung eines Italieners vor. Es handelt sich nm den am 2. Januar 1894 in Palermo auf Sizilien geborenen Arrigo F i 1 e 11 i, der in dem Vorort Cachan abends unter geheimnisvollen Umständen getötet wurde. Zur Stunde, wo diese Zeilen geschrieben werden, «läßt sich die Tragweite des Verbrechens noch nicht übersehen, aber man spricht auf verschiedenen Seiten von politischen Begleitumständen. Der Tote trug eine Karte des Fascio von Paris bei sich. Wie polizeilich gemeldet wird, ist er am 24. September 1933 wegen Rauschgifthandels verhaftet, aber am 3. November wieder freigelassen worden. Er soll in Kreisen der„Koks"- Händler verkehrt haben. Eine Aufklärung der eigenartigen Tat ist bisher noch nicht erfolgt. Zu Sdiiff die Seine hinunter Ein Denkmal Monfalgnes Gegenüber der Sorbonne, auf dem Square der rue des Ecoles, wurde das Denkmal des sitzenden Montaigne, das der Dr. Armaingaud gestiftet hat, feierlich enthüllt. Der Philosoph der„Essais", des größten Werkes wohl, das die französische Sprache kennt, sitzt, die edlen Knie übereinander geschlungen, in sprechender Haltung auf dem Stein. Das Monument zeigt den interessanten Kopf dieses gewaltigen Denkers, der vor etwa 400 Jahren, 1533, auf dem Schlosse seines Vaters in der südlichen Landschaft Perigord gehören wurde und der die moralische Schulung seiner humanistischen Zeit wie kaum ein anderer Großer durchführte. Die neue Statue wurde von den Passanten dieses Viertels der Weisheit vielfach in Augenschein genommen und stark begrüßt. Die Dtevre. ein unbekannter naß von Paris Sicherlich wenige Ausländer, aber auch wenige Pariser wissen, daß es neben der Seine noch einen zweiten Pariser Fluß gibt(ähnlich wie die verschollene und versickernde Pauke in Berlin in die Spree fließt). Diese kleine Schwester der Seine, die die südlichen Vororte erfreut und im Innern der Weltstadt fast unsichtbar ist, heißt die Bievre. Dieses Gewässer, das kein Dichter besungen hat, das auch nicht im entferntesten die heroischen Brücken und die literarischen Bettler-Geländer der Seine aufweist, geht durch das 13. und 5. Arrondissement von Paris, also die lateinische Gegend, und ist heute völlig vom Pflaster bedeckt. Das arme Bächlein! Es versinkt in Schlamm, in die Weltstadt-Kloaken, und stirbt in den Bielefeldern, die allegorisch die Weltstadt von der übrigen Welt absperren... Doch halt, was wissen wir heute... Es ist glatt gelogen, daß die Bievre nicht auch ihre Dichter habe. Kein Geringerer als Altmeister Rabelais, der gewaltige Feind der Könige und Priester des„Gargantua" hat sie besungen. Sonst besang er nur das Große, das Kolossale, seien es Werke des Essens oder der Liebe, aber die Bievre hat er gerade wegen ihrer Lieblichkeit besungen. Und Balzac, der Dichter der tolldreisten Geschichten.. Man weiß ja, daß Balzacs Leben schwer war, mußte er doch immer eine seiner Geschichten nach der andern aus Geiz ersinnen und seiner Gläubiger wegen nachfüllen— wahrlich Balzac wußte, was Paris war, und Balzac kannte auch die Bievre. Bloß, das ist schon lange her! Heute ist es kaum mehr börsenfähig, das arme Bächlein. Einstmals betrieb die Bievre, wie Pierre Sonnet wieder entdeckt hat, Mühlen und Gerbereien sowie Färbereien in großer Zahl. Der große Färber Jean Gobelin, der bekannteste der Männer, die unter dem Sonnenkönig die Prachtmanufaktur der Gobelins einführten, benutzten die Wasser der Bievre. Es ist überliefert, daß das Flüßlein in seinen schönsten Lebenszeiten insbesondere gute Scharlachfarben lieferte und wunderbar das Leder gerbte. Schließlich aber verdarben die Gerber natürlich mit ihren scharfen Abwässern den ganzen Fluß. Das war die Frühzeit des heraufdämmernden Industrialismus. Im Süden von Paris, in der ruelle des Gobelins, findet man heute noch Türen in alten Häusern und Klabachen, die einst auf die verschwundenen Ufer des toten Flüßleins hinausgingen, in der Nähe, wo das Gobelins-Museum ist. So ist dereinst aus dem Dorfwässerlein die berühmte Manufaktur entstanden, und dann hat die industrialisierte Großstadt, wie so manchen vom Lande zugezogenen Arbeiter und manches Mägdlein, schließlich auch das ganze Flußbett verschlungen. Nichts als ein Dörflein Bievres am Ufer des Bächleins, das Victor Hugo mit seiner Kirche besungen hat, erinnert heute an die Tatsache, daß die Seine, der Fluß von| Paris, einst eine Schwester hatte, die verschüttet ist.— BRIEFKASTEN Deutsche JxeiheU" Motmemeatspcei&e: Saargebiet Frankreich Luxemburg Belgien Neubelgien (Eupen.Malmedy) Holland Dänemark Schweden Schweiz Oesterreich T schechoslo wakei England Palästina Spanien Polen Rußland Argentinien fr. Fr. fr. Fr. belg. Fr. belg. Fr. belg. Fr. fl. Kr. Kr. schw. Fr. Schilling Kr. sh sh Peseta Zloty Rubel Peso im Monat 12,- 12.- 15,- 15,- 12,- 1,50 3,20 2,60 2,40 7,50 30- 4.- 4.- 6,- 4,20 1.- 3,- Einzel» verkauf 0,60 0,60 0,70 0,85 0,50 0,12 0,20 0,20 0,20 0,30 1,20 3 d Bei Zusendung unter Kreuzband durch die Post sind die Portogebühren vom Besteller mit dem Abonnementsbetrag zu entrichten Coburger. Seit Jahrhunderten habt Ihr einen Mohrenkopf int Wappen. Nicht einen aus dem Konditorladen, sondern ein richtiges Negerhaupt mit wulstigen Lippen und krausem Haar. Sogar Euer nationalsozialistischer Bürgermeister hat diese Rastenschmach der alten fränkischen Stadt eine ganze Reihe von Jahren ertragen. Jetzt mutz der Mohr, der mehrere Jahrhunderte seine Schuldigkeit getan hat. verschwinden. Ein Hakenkreuz aus schwarzgelbem Grunde— also doch sehr verdächtige Aarben— soll ihn ersetzen. Wie man behauptet, soll auch von den drei Weisen au» dem Morgenlande, von denen uns die Geburisgeschichte Jesu Christi erzählt, einer richtig schwarz gewesen sein. Es wird, höchste Zeit, datz diese rasfisch verdächtige Erzählung im Neuen Testament gesäubert wird. Datz der von der jüdischen Magd Maria geborene Heiland reinrassiger Arier war. steht schon beinahe fest. Es ist aber notwendig, auch die drei Weisen aus dem ohnehin anstötzigen„Morgen» lande" in drei Vorkämpfer des Hakenkreuzes aus München oder Nürnberg zu verwandeln. Ministerialdirektor Haentzschel. Sie sind bei ber Machtergreifung Hitlers abgesetzt worden, weil Sie sowohl im Reichsinnenministe» rium wie im preutzischen Innenministerium sich entschieden republi» konisch und scharf kämpferisch gegen die Nationalsozialisten betätigt haben. Besondere Neigungen für einen Faschismus klerikaler Art waren damals bei Ihnen nicht zu beobachten. Nun liest man, datz Sie sich in den Dienst der Herren Dollfug, Starhemberg, Fey u. Co. gesellt haben. Sie werden Verlagsdirektor des„Neuen Wiener Journal" und sollen auch dessen politische Haltung im Sinne des Ausirofaschismus bestimmen. Einst war Ihnen kein Sozialdemokrat linksdemokratisch und republikanisch genug. Vergeben Sie das nicht ganz, wenn Ihr Blatt, wie ein so ernstes Organ wie die„Basler Nationalzeitung" meldet, von einer italienischen Finanzgruppe, also doch wohl einer faschistischen unterstützt wird. An mehrere. Wenn wir so zahlreiche Kundgebungen der kirchlichen Opposition in Deutschland abdrucken, so geschieht es nicht, weil wir mit jedem Wort einverstanden wären, sondern weil es sich um To« kumenle des Kampfes gegen die Totalitätsansprüche des Staates über alle geistigen Gebiete handelt. Es sind wichtige Erscheinungen der Rebellion gegen die Diktatur. „Im Schlestcrland marschiere« wir..." Die nationalsozialistische Presse meldet:„Unser SA.-Brigadeführer Koch in Liegnitz ist mit sofortiger Wirkung zum Führer der SA.-Gruppe Westmark er- nannt worden, zu der die Bezirke Trier und Koblenz und später auch daS Saargebiet gehöre«." Dazu schreiben Sie uns: ,4!och ist Landtagsabgeordneter. Kein Arbeiter, sondern ehemaliger Offizier und Baltikumkämpser. Er organisierte zusammen mit Heines die schlesische SA., war lflSl Leiter einer großen SA.-„Sportschule" und soll dort zwei von Bauern zur Verpflegung der SA.-Leule ge» stiftete Schweine auf eigene Rechnung verkauft haben. Koch wurde von feinen eigenen SA.-Leuten angezeigt. Im November 19S2 sollte ber Prozeh in Liegniy stattfinden, wurde aber,— weil ber Angeklagte nicht erschienen war— vertagt. Nach Ausbruch der nationalen„Revolution" haben die deutschen Gerichte diesen Prozeß scheinbar vergessen. Nach unserer Ansicht wurde Koch deshalb nach dem Westen des Reiches versetzt, weil er im Osten unhaltbar geworden ist Sein Name spielte nämlich auch in dem 17 5er Prozeß gegen Heines eine beträchtliche Rolle. Nürnberger Trichter. Der von Ihnen übersandte Ausschnitt auS Streichers„Fränkischer Tageszeitung" berichtet:„Beranlatzt durch unsere Randbemerkungen über die Nichtbeslaggung bei Hauses Sulzbacher Straße g, anläßlich des Geburtstages des Führer», geht uns eine ganze Reihe von Zuschriften zu, in denen uns z. T. Er- werbslofe mitteilen, datz sie diese Beobachtung noch bei vielen Häusern machen konnten und datz es sich dabei vor allen Dingen immer wieder um die Wohnstätten sogenannter B e s t tz- Bürger handele. Wir verzichten darauf, die Herrschaften öffentlich anzu- prangern, weil sie selbst da» nicht einmal wert s i n d."— Ihr journalistischen Streicherjungen sagt doch die Wahr- hett: Ihr könnt die Enttäuschten, die aus den Flaggenbefehl pfeifen, nicht mehr anprangern, weil es zuviele sind. Ganze Seiten aus dem Adreßbuch wollt Ihr denn doch nicht in Euerem Revolverblatt ab- drucken. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P i tz In Dud- weiler: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH, Saarbrücken 8, Schützenstraße 5,—. Schließfach 776 Saarbrücken. Wenn man das nötige Geld besitzt, kann man jetzt im Mai ■wohlfeile und unvergeßbare Schiffreisen die Seine hinunter machen. Die Nordbahn und die Rouener Schiffahrtsgesellschaft machen an den Pfingsttagen Dampferfahrten zu besonders billigen Preisen, mit 30 big 50 Prozent Ermäßigung für Gesellschaften, Ausflüge zu Wasser nach dem sehenswerten Ronen, der alten Hauptstadt der Normandie und der Stadt der vielgenannten Madame Bovary aus Flauberts Roman. Die Schiffe gehen an vier Tagen, vom Pfingstsamstag bis zum darauffolgenden Dienstag nach Ronen ab. Man kann auch bis H a v r e an die Kanalküste fahren. Die Fahrt führt vorbei an dem jetzt durch den Wahlkampf Bergerys gegen Sarret so bekannt gewordenen M a n t e s, auch Mantes-la- Jolie genannt, eine der schönsten Städte der Seineküste. Näheres ist durch die Nordhahn, 18, rue de Dunkerque zu erfahren. Ferner erfährt der Reisende, daß die französischen Eisenbahnen die Fahrpreisermäßigung für den Besuch von Kurorten und Bädern jetzt in der Vorsaison bereits bei einer Mindeststrecke von 300 km gewähren. Auf vielen Strecken des Netzes der Staatsbahn, in der Bretagne, in der Normandie und dem Lande der Schlösser zwischen Loire und Gironde ist der Verkehr durch Einführung von Schienenautos revolutioniert worden. Auf einigen Strecken werden die Lokomotivzüge überhaupt der Vergangenheit angehören. Neue Wagen, die auf der Fahrt von Paris nach der Baskenküste zuerst zur Anwendung kommen, werden vollkommen aus Metall bestehen