Sinzigs nnabstänqige Tageszeitung veutkchlands Nummer 105— 2. Jahrga»"' Saarbrücken, Dienstag, 8. Mai 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Aus dem Inha lt Wie schlecht es den Tlatis geht Seite 2 Die Saac im Vocdecgcuttd Jxankceichs Qenecalstah am SieÜMMt Seite 3 Seite 7 Heichskamlet und JUtualmocd Seite 7 Hochspannung im Reiche Der Reichskanzler am Krankenlager Hindenburgs- Hochpolitische Konferenz der Generalität- Die„Schlacht" gegen die kritische Vernunft Berlin, 6. Mai Die deutsche Presse darf noch immer über die»nn schon seit Wochen anhaltende ernste Erkrankung des Reichspräsidenten nichts berichten. Der im 87. Jahre stehende Herr leidet au einer akuten Verschlimmerung eines alten Blasenleidens. Die Krankheit hat sein Allgemeinbe- finden so geschwächt, daß wiederholt unmittelbare Lebensge- fahr bestand. Prosesior Sanerbruch ist dauernd um den Kranken bemüht, und es ist ihm bis jetzt gelungen, das Aeußerste abzuwenden. Der Zustand des Reichspräsidenten ist aber immer noch sehr ernst. Auch wen« die Katastrophe diesmal vermieden werden sollte, wird die Krankheit eine wesentliche Abkürzung der wenigen Lebensjahre bedeuten, die der greise Reichspräsident sonst noch vor sich gehabt haben könnte. Schon der Umstand, das, der Reichspräsident am National- feiertag nirgendwo sichtbar werden konnte, zeigt an, wie de- denklich sein körperliches Befinden ist. Trotzdem hat am Samstagvormittag eine hochpolitische Besprechung zwischen dem Reichspräsidenten und dem Reichskanzler stattgefunden. I» unterrichteten Kreise» nimmt man an, dast dem Reichskanzler gewisse Boll- machten im Falle einer dauernden Behinderung des Reichs» . Präsidenten oder seines plötzlichen Ablebens gegeben worden sind. Solche Borkehrungen sind schon wegen der großen per- sönlichen und sachlichen Spannungen im Reichskabinett not- wendig, die sich infolge der politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten noch immer verschärfen. Jedensalls mißt man dem Besuche des Reichskanzlers am Krankenbett be? Reichspräsidenten sehr hohe Bedeutung bei. «*— Nicht minder wichtig ist, daß der Chef der Heeres, leituug General der Artillerie Freiherr von F r i t s ch die höheren Führer des Reichsheeres zum 7. Mai nach Bad Nauheim berufen hat. Es sind drei Tage für die Konferenz in Aussicht genommen. Die Zusammenkunst wird mit militärtechnischen Fragen getarnt, gilt aber in Wirklich- keit den Gefahren der innerpolitischen Situation. Der Chef der Heeresleitung und seine- Generalität wollen bei einer Prästdentenkrise die Macht der Reichswehr zur Geltung bringen, denn der Reichspräsident ist ja zugleich Oberbefehls- Haber des Reichsheeres. Die konservativen Geuerale wollen eine chaotische Entwicklung, die gesahrdrohend vor ihnen steht, verhindern und einheitliches Handeln der Wehrmacht ver- bürgen. Mnifc der Wirtschaft Die Wahrheit gegen die Sdiwindelpropaganda der raarhfbelebnng Während der Reichsminister Dr. Göbbels sich in Zweibrücken hinstellt und dem Saargebiet für den Fall der Rückgliederung goldene Berge verspricht, können die Handelsteile der"deutschen Zeitungen, soweit sie wirt- schaftlich noch einigermaßen ernst genommen werden wollen, die Wahrheit über den tiefen Wirtschaftspessimis- mus nicht mehr verbergen. Wir bringen nachstehend zwei Zeugnisse aus hochkapitalistischen Zeitungen: Tie„Kölnische Zeitung" sagt u. a.: Der Mai ist gekommen, aber die Bäume der Börse haben keine Neigung zum Blühen oder Ausschlagen verspüren lassen. Die Geschäftstätigkeit ist auf einen denkbar ge- ringen Grad zusammengeschrumpft. Tie allgemeine Lust- losigkeit hat in der letzten Woche sogar noch zugenommen. Die Zurückhaltung hat sich auch nicht durch eine ganze Reihe günstiger Wirtschaftsberichte, w>e sie z. B. vom Eisenmarkt, aus der Kabel- und Kunstseidenindustrie und nach wie vor auch aus der Autoindustrie vorlagen, beleben lassen. Die Tendenz neigte daher fast aus allen Ge- bieten zur Schwäche. Einige u n a»afeti ehme Devisenüberraschungen, wie bei Ichuckert und Julius Berger. wirkten recht verstimmend und beein- slustten die Gesamttendenz noch weiter ngch unten. Die Geschästsunlust rührt nach wie vor von der Ungevißhnt über die Transferverhanblungeu her. Unter- strichen wurden die damit zusammenhängenden Ueber- legungen noch durch das im letzten Reichsbankansioeis weitere Schwinden der Goldbestände und die an anderer Stelle besprochene neuerliche Kürzung der Devisenkontingente. Revor hier keine entichei- bende Ergebnisse vorliegen, dürfte an ei» Wiederaufleben des Börsengeschäfts kaum zu denken fZ».- Eine weitere Berstiinmung ging vom Markt der Neubesitz- anleihe ans. der änscheinend nicht zur Ruhe kommen soll. Hier scheinen immer noch spekulative Engagements- lösungen eine Rolle zu spielen. Das Papier hatte sich bereite ans 1R—10 Prozent wieder erholt,.,ing aber im Lauke der Woche erneitt zurück und schloß weiter ichwach mit rund lk Prozent. Auch die anderen festverzinslichen Märkte blieben vernachlässigt... * Wie ein Verzweiflungsschrei liest sich der Börsenbericht der schwerindustriellen„Deutschen Bergwerkszeitung" vom 4. Mai. Wir entnehmen, ihm: Berlin, 4. Mai. lDrahtb.) An der Börse war der Anfang auch heute sehr still; manche Leute meinten noch stiller als gestern, was allerdings o f el bedeuten würde Die Nachrichten aus dem Wirtschaftsleben lauten dabei wieder fast durchweg günstig Die Dividendenvorschläge und zuversichtlichen Auslas- sungen in den Jahresberichten und Hauptversammlungen haben sich direkt gehäuft. Günstige Nachrichten hat man insbesondere aus der Eisen- und aus der Kunstseidenin- dustrie A b e r d i e s ch ö n st e n M o t i v e gleiten jetzt an den Märkten ab. sie erzielen höchstens einen Achtungserfolg, oder die Kurse ant- warten auf gute Nachrichten sogar mal mit Rückgängen, wie heute Montan- und Kunstseidenwerte. Es fehlt jede Unternehmungslust. Man verweist immer wieder aus die Transferkonferenz. Bor allem aber fehlen die Käufer. Ob tatsächlich das Geschäft noch geringer war als gestern, kann man zahlenmäßig nicht feststellen. Sicher aber ist. daß die Geschästsunlust weiter wahre Orgien feiert. Welch blutige Ironie: die Nachrichten aus der Wirt- schaft lauten„günstig", aber die Kurse sinken, sinken, sinken.... Deutlicher kann es nicht gesagt werden: daß die Fachleute die günstigen Nachrichten einfach nicht mehr glauben, weil jeder aus dem eigenen Betrieb weiß, daß auch der andere auf höheren Befehl eben nur günstig he- richten darf. Die Börse weiß ferner, daß selbst eine schein- bar günstige Entwicklung einzelner Unternehmungen be- deutungslos ist gegenüer der Ausblutung und Aushunge- rung der gesamten Volkswirtschaft. Es ist wie im Welt- krieg: aus dem großen Kampfquartier kamen ständig die günstigen Nachrichten, und inzwischen ging der Krieg ver- loren. Düstere Anhnnngen Die RSBO.-Bonzen im Hotel Atlantic Jeder Hamburgbesuchcr kennt das vornehmste Hotel dieser Stadt, von dessen hohe Fenstern man einen wunderschönen Blick auf die beiden Alsterbecken genießen kann. In diesem fabelhaft teuer» Hotel fand in diesen Tagen eine Sitzung des Bezirks Norbmark der Deutschen Arbeitsfront statt, aus der sich insbesondere die Bonzen der NSBO. und der Deutschen Arbeitsfront zusammenfanden. Auf dieser Tagung erklärte der Treuhänder der Arbeit. Dr. Völtzer. folgendes:„Wenn es uns nicht gelingt, zu erreichen, daß unser deutscher Außen- Handel, dessen Ausfalltor Hamburg ist, wieder belebt wird, dann wird eS uns auch nicht gelingen, die Massen der Ar- beiterschaft in Groß-Hamburg in Arbeit und Brot zu bringen." Es ist auffallend, wie die Erklärungen solcher Unterführer oft die Siegesmeldungen der braunen Regierung beuten- Üeren. Schließlich muß der Treuhänder der Arbeit doch darüber informiert sein, ob tatsächlich ganze„Massen der Arbeiterschaft" noch in der Arbeitslosigkeit schmachten. Gestern und heute Ein nationalsozialistischer Gauleiter hat jeßt erklärt, daß man in Deutschland künftig auch gegen die Wiße vorgehen werde. Ob es nur ein Zufall ist, daß dieser humorvolle Mann, der so gegen den Wiß eiferte, ausgerechnet Schmalz heißt? Die Sache war eigentlich, schon lange fällig. Eine Bewegung, die so stark wie der Nationalsozialismus aus verkorkstein Gefühl besteht, kann nun mal die Lacher nicht auf ihrer Seite haben. An sich etwas Natürliches. Ueber Regierungen ist zu allen Zeiten gewißelt und gelacht worden. Sogar ein so empfindlicher Mann wie Wilhelm II. war verständig genug, einzusehen, daß gute Wiße die Volkstümlichkeit eines Herrschers heben, auch wenn sie auf Kosten seiner Erhabenheit gehen. Beim regierenden Nationalsozialismus ist das aber etwas anderes. Die Herrschaften haben rasch begriffen, daß gar nicht, über sie gelacht wird. Darum macht es sie allmählich schön nervös, wenn überhaupt gelacht wird. Sage niemand: wie schlimm muß es mit Hitlers Herrlichkeit stehen, wenn bereits harmlose Wiße verfolgt werden. Die Wiße im„dritten Reich" sind nicht harmlos. Man erzählt sie sich nicht, weil sie hübsch sind, weil sie eine kißelnde Pointe haben, mit einem Wort: weil man lachen möchte. Sondern weil man eine Bosheit, einen Angriff, eine Kritik nicht anders anbringen kann. So hat ein Jahr Hitlerscher Herrschaft die Aeußerungen des Gefühls schon verderbt: wenn man Mut hat, bleibt nichts übrig, als zu lachen. Vor diesem Wutgelächter zergeht das schönste Schmalz wie auf einer heißen Herdplatte. Darum wird das Gelächter jeßt verboten. Die Wut selbst aber...? Man kann sie nicht verbieten. Man kann sie nicht einmal mehr verheimlichen. Ein Gegner, dem der Krieg erklärt wird, muß immerhin vorhanden sein. Von oben wird ihm der Titel ,.Miesmacherei I" verliehen, man könnte auch Müdigkeit, Gleichgültigkeit oder Mangel an Vertrauen sagen. Aus mancherlei Anzeichen schließen wir, das es schon etwas mehr, daß schon ein Stück richtige Wut dabei ist. Man kann sie auch bekommen, wenn man nicht einmal mehr Lametta Lametta nennen darf. Denn die zehntausend Schmalze, die heute Deutschland regieren, können nicht verhindern, daß jeder der von ihnen Regierten weiß, wer Lametta-Hermann ist. Es wird wahrscheinlich noch so weit kommen, daß man wegen Augenzwinkern ins Konzentrationslager gesperrt werden kann. Gegen jeden Wiß werde vorgegangen, der die Bewegung schädige. So sprach Schmalz. Aber wer schädigt eigentlich? Die Wiße? Oder diejenigen, über die die Wiße gemacht werden? In Saarbrücken lief in den Kinos jeßt die Wochenschau von der Maifeier auf dem Tempelhof er Feld. Man kann von dem Publikum der Stadt Saarbrücken sagen, daß es wahrscheinlich das gleichgeschaltetste des Erdballs ist. Es hat die Enttäuschungen im Reich noch nicht erlebt, die Beflaggung ist hier dichter, als in Deutschland selbst, die Stimmung gespannter. Dieses Publikum sah den„Führer" auf dem Wagen durch die Menge fahren; es sah ihn über die Tribüne wandeln und die Würdenträger begrüßen; Meißner, Schacht... In dem Kino, von dem hier die Rede ist. blieb dabei alles ganz teilnahmslos. Man hat das schon zu oft gesehen. Auf einmal lachte alles. Durchgehend und nachdrücklich, wenn auch nicht laut. Man saß im Dunkeln und konnte so ungesehen vor sich hinlachen. Und die Leute taten es auch. Es war eigentlich gar nichts Komisches zu sehen, und die Lacher waren auch bestimmt keine Marxisten. Sie lachten ganz einfach, denn— — es war, wie gesagt, in Saarbrücken, wo es vorläufig noch keine Offensive gegen die guten Wiße und keine Konzentrationslager gibt; sie lachten also, denn— — in gewissen Situationen, die eigentlich nicht weiter komisch sind, locht man eben doch, weil einem unwiderstehlich irgend ein besonders guter Wiß einfällt; darum also lackten sie, denn— — und überhaupt, eine Sache oder Person kann durchaus ernsthaft sein, aber man lacht troßdem darüber, weil man sich eben daran gewöhnt hat— darüber zu lachen— Kurz und gut: auf der Bildfläche sah man Göring. Argus. Wie schlecht es ihnen geht.... Erregle nationalsozialistische Zeugnisse über die wahre Volhsstimmung ersten Ranges im Prinzip Die„Schlacht" gegen die'Miesmacher und Kritikaster, die Aböls Hiller höchstselbst am 1. Mai eröffnet hat, entwickelt sich in giftigen Presscdünsteii. ES gcnitgt, einige Sätze aus n a t i o n a l s v z i a l i st i s ch c n Zeitungen zu bringen, um zu zeigen, wie es mit der wundervollen Volksgemeinschaft, mit der herrlichen Begeisterung für das nationalsozialistische sWhrertum, mit dem heiligen Glauben an den Wiederaus- stieg Teutschlands unter dem glorreichen„dritten Reiche" steht: Im Mannheimer„Hakcnkrcuzbanner" schreibt Karl G o c b e l: „Mir der Kraft und mit dem Erfolg marschiert der B e r- rat! Noch steht man sie nicht, die üblen Gestalten, noch halten sie sich feige im Hintergrund, bereit, die Hand zu erheben zum T o l ch st o st! Elende Kramcrnaturen schicken sich an, von hinten her den»teil in die Bewegung zu treiben, lind w e r sind sie? Tic Nörgler, O. u c r n- kanten, Miesmacher und Saboteure, die s ch iv a r z e n Seele n, die heute nichts mehr zu sagen haben, sie sind auch heute bereit, Verrat zu üben an der Sache und damit an D e u t s ch l a n d!, «ehe n mir uns bor! Es sind da auch Leute am Spiel, die vielleicht nicht einmal eine böse Absicht tragen, die aber gewisse verdrängte Komplexe haben und sie, ans Gefühlen des Nichtbcachtctscius an uns abreagieren wol- teil. Wir motten deshalb zusammen mit der Partei einen Felbzug führen gegen diese üblen Burschen und dabei so rücksichtslos vorgehen wie einst." Tie„Rhcinisch-Westsälischc Landeszeitung" tobt gegen die «Reaktion von links und rechts": „Tie augenblickliche Situation ist trotz des äusterlich ruhigen Bildes von einer u n g e hc u reu S p a n» u n g erfüllt. Wir Nationalsozialisten sind es jedoch gewohnt, alles Geschehen wachsamen Auges zu beobachten. Tic Le- bcnsausfassnng unserer Kampfzeit, die Tinge zu sehen, iv i e sie in Wirklichkeit sind, haben wir auch heute noch beibehalten. Darum gebe sich keiner der trüben Hoffnung hin, dast mir in den Dehler des verflösse- neu Systems verfallen, uns etwas vorgaukeln zu lassen und die wahren Tatsachen zu übersehen. Tos mögen in erster Linie jene bedenken, die heute noch versteckt und hinterlistig versuchen, unter d e m Mantel des Nationalsozialismus Inseln des Wider- stau des z» organisieren, die die Grundsätze des verbrecherischen liberalistischcn Denkens verteidigen und das Ausreisen des echten Sozialismus verhindern sollen! Dieselben Kreise, die vierzehn Jahre lang die Berank- wortung nicht nur für den politischen und wirtschaftlichen, sondern auch für den kulturellen Niedergang des deutschen Volkes tragen, dieselbe Eliqne, die einst den beut- scheu Arbeiter zum Spielball ihrer kapita- l i st i s ch e n Launen machen iv v l l t e, wagt es h e u t e iv i c d e r, i ni Trüben z u fische n. Mit teuf- licher Gemeinheit will man den Ausstieg der deutscheu Na- tion durch getarnte Kritik an den fundamentalen Anschauunqcn des Nationalsozialismus stören. Diese üble K r i t i k a st e r c i i st nichts anderes als Sa- b o t a g c am deutschen Volk« u>i d wird a l S solche von u n« geahndet werden." Tie„fränkische Tageszeitung" geifert: ,... denn dort Hausen die bleiche M i st g u u st und de? gelbe Neid und der geifernde Hast. Nichts liegt ihre» Trägern ferner, als helfen und fördern zn wollen? im Gegenteil: sje habe» mit ihrem heimlichen Bohren und Wühlen eine geile Lust daran, hier ein frisches Wurzelchen zu lockern und dort ein grünes Blatt zum Abmelken zu bringen. Eben in diesen Tagen schleichen sie umher und tuscheln j e d e rn Willigen oder Harmlosen einen mager e n Witz vom„Apotheker E o u 6" in die Ohre n. Sie tun es als rechte Tölpel: denn die Schablonenhaitigkeit, mit der sie zu Werke gehen, verrät aus hundert Schritt die böse Absicht. Sie haben ihre Parole. Von denen, die ihnen die Parole etnbiasen, rühmen sie, dast sie„selbständig" seien und nicht der„Partei" ange- hören. Männer wie Kranen dünken sich nicht zu gut, so üblen Kurierdienst zu tun. Alan kann sie unter den einen Begriff„Waschweiber" zusammenfassen, Ihrem bösen M a u l gesellt sich c i n u n s ch n l d i g t n c n d e r A u g e n- ausschlaft- Man soll sie nicht überschätzen, aber auch nicht gänzlich übersehen. Sie zu verjagen, genügt meist schon eines: man muh ihnen zum Bewußtsein bringen, dast sie scharf beobachtet werden. Denn Vorsicht ist der bessere Teil der Tapferkeit. Diesen Eivig-Gestriaen und Ewig-Heutigen wird die anhebende Propaganda-Aktion zu einer heilsam abkühlenden Tusche verhelfen." Das Blatt ruft unter der Losung„Und nun keine Scho- nung mehr" zur Ausrottung des„inncrpolitischen PazHis- miis" auf. Bor allem seien Marxisten und Juden a l S Staatsfeinde ersten Ranges im Prinzip zu bekämpfen. Schliesslich zitieren wir noch einen Aussatz, der einfach ver- langt, dast in Zukunft nur noch alte Kämpfer der national- sozialistischen Bewegung in Deutschland Zeitungen schreiben dürfen: „Wenn es heute so etwas wie eine„Pressekrisis" gibt, so ist dies eine Krisis der Tch riftleiter. Schrift- leiter in unserem Staat vermag nur zu sein, wer den Kampf der Bewegung selb st miterlebte in allen seinen Phasen, auf der Strasse, in den Kneipen und Versammlungssälen. Es erscheint deshalb in höchstem Masse absurd, Leute als Schriftleiter in unse- rem Staate zu bestellen, die früher die neue Ttaatsidec be- kämpften und verlästerten und denen auch heute wieber, das zeigt der fall der„G r ü n e n P o st" vor einigen Ta- gen, in allen Poren das F e l l j n ck t! V ick o» n t e o n- s u 1 e s." Weifgebet Mir Julla „Das Christentum steht in der Schuld der Juden" London, 4. Mai.(ZTA.j Wie die englisch-evangelische Zeit- schuft„English Ehurchman" mitteilt, hat der Evangelische Weltbund sWorlds Evangelical Alliance» einen Ausruf an die Christenheit gerichtet, in den Kirchen kollektive Gebete für die Juden zu verrichten. Diese Gebete sollen insbesondere am Pfing'tsonntag gesprochen werden. Der vom Bischof von Worccster verfaßte Ausruf wurde von einer Reihe von Kirchenfiihrern unterzeichnet. In dem Auf- rus wird u. a. erklärt, es sei heute ein bedauernswertes Wiederaufleben des Antisemitismus festzustellen. Ter Schlüssel zur Lösung des Problems liege in der Hand der christlichen Kirche, doch habe diese bisher ihre Ausgabe nicht erfüllt. Tie Christenheit stehe in der Schuld der Juden, sie verdanke ihnen ihr Schrifttum. Das Alte Testament sei in allen seinen Teilen, das Neue Testament bis auf wenige Ab- schnitte, ein jüdisches Buch oder vielmehr eine Sammlung jüdischer Bücher. Das Christentum stehe in der Schuld der Juden für die Zeugenschast, die diese, durch alle Zeiten hin- durch für das Dasein Gottes und die Wahrheit der Gottes- lehre abgelegt hätten. Und wie habe man ihnen diese Schuld gezahlt! vasler„NaiionalZeitung Wieder beschlagnahmt Das Tonncrstagmvrgenblatt der„Basier Nationalzci- tung" ist beschlagnahmt worden. Ter Berliner Korrespondent des Basler Blattes hat in dieser Nummer unter dem Titel „Tie Probe aufs Excmpel" die Ausforderung des Reichs- Ministers Tr. Göbbcls an die deutsche Presse, mehr M u t zu beweisen, dem Verbot der„Grünen P o st" gegen- übergestellt uud die vom Rundfunk verbreiteten abschätzigen Acusserungen über Schriftleiter Welk als Steckbrief gekenn- zeichnet. Pas Neueste In einem Wiener jüdischen Kaffeehaus sowie aus drei grchen Wiener Fernbahnhösen kam es am Sonntag zn Papiervotlerexplostonen, die bedeutenden Sachschaden anrichteten. Im Osten Polens vernichtete ein Ricscnfcuer eine pol- nische Kleinstadt. 2Ü0U Personen wurden obdachlos. Einer Pressemeldung zufolge soll Trotzky eine kleine französische Insel als Asyl angewiesen werden. Frankreichs Generalslab am Horizont? Die englisdie und die iranzftslsffle Halfung zur ADrus.ungskonferenz in deuisiher Darstellung Das deutsche Nachrichtenbüro verbreitet folgende Meldung: London, 7. Mai. Ein Sonderkorrespondent des„Taily Telegraph" schreibt: Die Politik, die von England bei Wiederzusammentritt der Abrüstungskonferenz in Gens am 29, Mai befürwortet werden soll, wird in einer Sondersitzung des Kabinetts ain Dienstag erörtert werden. Der Kabinetts- ausschust für die Abrüstuugssrage hat sich kürzlich mit dem Entwurf eines neuen Planes beschäftigt. Es verlautet aber, daß die Mehrheit des Kabinetts diesen Plan nicht an- nehmen wird. Sein leitender Gedanke ist, die schwer be- wasfneten Staaten durch eine Erweiterung der S i che rhe i t s g a r a nt i e n in Europa unter britischer Beteiligung zu einem Abkommen über eine Begrenzung der Rüstungen zu überreden. Es verlautet, dast Macdonald den Plan begünstigt hat, daß aber die Mehrheit der Minister da- gegen ist. Maedonald ist daraus aufmerksam gemacht wor- den, bah das Unterhaus sich niemals.mit einem solchen Plan e t n v e r st a» d e n erklären>v ü r d e. Inzwischen erfährt man,, dass vom britischen Bot- s ch a f t e r in Paris eine wichtige Darstellung der fran- zösischcn Haltung eingegangen ist. Sie deutet aus eine weseut- liche Acnberung des Pariser Standpunktes hin, die wahr- scheinlich auf die Ratschläge zurückzuführen ist, die Toumer- gue und seine Kollegen vom französischen Generalstab er- halten haben. Frankreich ist anscheinend nicht bereit, sich ans ein Abkommen über die Begrenzung der Rüstungen oder auf einen Nichtangriffspakt mit Deutschland zu verlassen, sondern zieht es vor, die Schritte zu tun, die es im Interesse seiner eigenen Sicherheit für notwendig hält. Als die britischen Minister am Freitag Kenntnis von dieser Aendcrung der französischen Ansichten erhalten hatten, waren sie noch wc- nigcr geneigt, irgendwelche weitreichenden neuen Vorschläge für die Garantie der europäischen Sicherheit zu machen. Unter diesen Umständen wird in Kabinettskreise» die Ueber- zeugung ausgedrückt, dass die britische Rolle in Genf jetzt passiver sein müsse, als vor'ge Woche ins Auge gefaßt wurde. Die Minister sehen ein, daß die Abrüstnngskonsereuz sich sehr schnell in eine Sicherheitskonferenz verwandeln wird, bei der einige der europäischen Mächte danach trachten werden, die britischen Bemühungen durch einen Hinweis auf Großbritanniens Abneigung gegen allgemeine Sicherheits- pakte herabzusetzen. Wenn aber auch Eindrucksvolle Ergcb- nisse jetzt nicht mehr erreichbar sind, könnte Großbritannien doch nach Ansicht vieler Mitglieder des Kabinetts eine öffentliche Erklärung abgeben, die dazu dienen würbe, den europäischen Frieden in wertvoller Weise zu stärken. vle Radikalsoziallsfen Und das Kabinett Dournergue Paris, 7. Mai. In Borbereitung des radikalsozialistischcn Parteitages, der Ende dieser Woche vom 11. bis 13. Mai in Elermvut-Ferraud zusammentritt und zwei Tage vor Wie- derbeginn der Parlamcntssessivu die politische Berhandlungs- linie dieser Partei für die nächste Zeit festlegen soll, hat am Sonntag eine Reihe von Bezirksverbändcn Entschließungen angenommen, die als Grundlage für die Aussprache der Parteidclegierten dienen werden. Von besonderem Interesse ist. wie in de» einzelnen Be- zirken die Unterstützung des Kabinetts Toumerguc, des Ka- bincttv des politischen Wasfenstillstandcs. beurteilt wird. Während der radikalsozialistischc Bezirksverband des De- partcmcnts Niederrhein in Straßburg positiv das Ver- bleibe» der radikalsozialistischen Minister im Kabinett Doumcrguc, das die einzige unter den gegenwärtigen ernsten internationalen und inneren Umständen sei, billigt, spricht sich der radikalsozialistischc Bezirksverband des Norbdepartc-, ments i» Lille etivas zweideutig aus. Er stellt nämlich den negativen Fall in seine Entschließung hinein und sagt, der Auftrag des Verbleibens der radikalsozialistischen Minister im Kabinett Doumcrguc könne nur dann zurückgenommen werden, wenn innerhalb der Regierung gegen die Interessen der republikanischen Aktion gearbeitet werde. Beide Bezirks- Parteien fordern übrigens von der Regierung die Auslösung bzw. Entwaffnung der umstürzlerischen und auf Bürgerkrieg sinnenden Verbände. Schweizer Rundschau Basel, den 0. Mai 1934. Tic Feiern des 1. Mai in der Schweiz sind vorüber. Sie waren ein Gcneraläppell der schweizer Arbeiterbewegungen lehr ernster Zeit. Im Norden und Süden von faschistischen Staaten umgeben, stellt die kleine Schweiz ein Eiland der Demokratie und Gesinuungsfrciheit dar, das zu erhalteii und in sprtschrittlicheni Geiste auszubauen keine andere Be- ivegung so sehr verpflichtet ist, wie die Sozialdemokratie und die freien Gewerkschaften..Die 10»9N sozialistischen Arbeiter, die durch die Straßen von Zürich marschierten, die 7000 Demonstranten, die in Genf dem ersten sozialistischen Kantonspräsidcnten.Leon Nicola zujubelten, all die Arbeiter und Arbeiterinnen, die ani 1. Mai die alten roten Kamps- sahnen durch die Städte und Dörfer der Schweiz führten, und beute,— da die deutsch«, die italienische und dje öfter- reichijchc Arbeiterschaft geknebelt am Boden liegt.— Siegel- bcwahrcr des sozialistischen Gedankengutes, Träger der grvften Ausgabe, allen-Gegnern im Ausland, allen Frontisten nnd Nationalsozialisten zum Trotz, die Grundfesten der schweizer Demokratie, durch eine kühne wirtschaftliche und politische Initiative zu untermauern und mitten im Toben einer reaktionär-bürgerlichen Welt das Ziel der sozial- demokratischen Freiheitsbewegung die sozialistische Temokra- tie zu errichten. Je energischer die schweizer Arbeiterbewegung diesen Weg beschreitet, um so mehr Freunde erwirbt sie sich auch im Lager des schweizer Kleinbürgertums, insbesondere der Bauernschaft, wie das Beispiel des Kantons Bern zeigt, wo die Sozialdemokratie dank der richtigen Verknüpfung ihres Programms mit den aus der Not der dem Bankkapital her- schuldeten Bauernschaft geborenen Zielsetzungen heute bereits auf starke Stützpunkte auf dem Lande rechnen darf, während die srontistischeu„Eidgenossen" fast keinen Reso- nanzbvben finden. Anders als die„Führer" der deutschen Sozialdemokratie, die die Nationalsozialisten tn Deutschland„unter sich" lassen wollten, gehen die schweizer Sozialisten in richtiger Erkennt- nis, daß auch den kleinsten Anfängen gewehrt werden muß, in alle Veranstaltungen ihrer Gegner, um dort die Grund- sätze ihrer Politik zu vertrete». So hat am letzten Freitag der Präsident der schweizer Sozialdemokratie, Nationalrat Ernst Reinhard, eine srontistischc Kundgebung zu den am 0. Mai in Bern stattfindenden Wahlen dazu benutzt, den Frontisten in seiner in der ganzen Schweiz beliebten volkstümlichen Agitationsweisc einige Lehren über den Marxis- mus zu erteilen, denn der Gesang der„Internationale", mit der die zahlreich erschienenen Berncr Arbeiter die faschistische Kundgebung beschlossen, die nötige klangliche Untermalung verlieh. Daß entschlossene sozialistische Politik auch den Gegner nicht ganz unbeeindruckt läßt, erweisen die Zeilen der katho- lischen„Populo e liberta", die zu der Weigerung der sozialistischen Regierung Nicole, die Schulden der schweizerischen Diskontbank in Genf zu„sozialisieren", offen schreibt: „Nicole hat 61c Bank nicht ruiniert, sondern er hat sich geweigert, eine Bank zu retten, die andere ruiniert haben." * Weniger erfreulich Gr die schweizer Arbeiterbewegung ist hingegen das Ergebnis der Ttaatsratswahlen im Kanton Neuenbura, wo die bisherige bürgerliche Mehrbeit gegen- über der Sozialdemokratie noch weitere vier Mandate hinzu- Zugewinne» vermochte, wobei allerdings zu bemerken ist. daß die absoluten Zahlen der Wahlzisfern für die Sozial- demokratic gegenüber den vergangenen Wahlen gesteigert werden konnten. Während die Frontisten Michel und Thomas am 1. Mai von einem Flugzeug aus Handzettel über Genf abwarien, in denen der Klanenkampf als der unnützeste und teuerste Krieg bezeichnet wurde, flog ihr Führer- Dr. Tobler. aus seiner Stellung im Züricher Bezirksgericht, da„die Arbeit dieses Gerichtssubstitutcn unter der politischen Nebenbeichäs- tigung gelitten hatte" und überdies die Aufdeckung eines s> ontistischen Bombenattcntats auf einen sozialistischen Redakteur in Zürich ein weiteres Verbleiben dieses Herrn im Amte unmöglich gemacht haben dürste. In der altehrwiirdigcn Kulturstadt Basel fand auf Ein- ladung der Studentenschaft ein Vortrag Thomas Manns über„Goethes Laufbahn als Schriftsteller" statt, der nicht nur den Studierenden, die den emigrierten Repräsentanten deutscher Kultur und deutschen Geistes begeistert empfingen, alle Ehre macht, sondern auch dem Vortragenden selbst, der es verstand, mit wenigen Strichen die Problematik GoctheS, insbesondere die erzieherische Aufgabe, der sich dieser Schrift- steller— Schriftsteller ist Mann nur die bürgerliche Be- Zeichnung für die irdische Lebensform des Dichters— ergeben hatte, zu umreißen nnd mit dem Bekenntnis zu Goethe zugleich ein Bekenntnis zn scner Humanitären Idee abzn- legen, die der deutsche Ehaupinismus von heute in die Konzentrationslager verbannt nnd die schon dem aktc» Gc- hcimrat Goethe vor einiger Zeit den Ruf der Unbentschheit eingetragen hat. In der altchrwürdiaen Knltiirstadt Basel findet in diesen Tagen das Tchubert-Webcr-Fest statt.— Drei Tnmphonie- konzerte, in denen erstmals alle acht Schubcrtsmnphonicn in einheitlichem Eyklus aufgeführt werden, eine Lammer- musikmatince,„Oberau" von Weber und die Uraufführung der Schubertschen Oper„Die Freunde von Talamanka" und „Ter Freischütz" unter der Leitung des Dirigenten Felix Weingartner gebe» diesem Fest das Gepräge. Saar Im Vordergründe Ei» Sonnlag der Kundgebungen- Göbbels hält in Zweibrttdten eine provokatorische Hetzrede In der Geschichte der Kämpfe um die Saar. die immer stär- ker in den Mittelpunkt der europäischen Schicksalsfragen treten, wird der 6. Mai 1934 besonders vermerkt werden müssen. In Zweibrücken in der Pfalz, unmittelbar an der Grenze des Saargebiets, fand eine Propaganda-Kundgebung mit Göbbels als Redner statt. Er hielt hier eine jener Hetzreden, durch die er sich vor der Machtergreifung durch die „nationale Revolution" vor Seinesgleichen auszeichnete. Kernstücke von Schimpfereien auf die Emigranten, die sein Publikum teilweise in Raserei versetzten. Wir kommen noch an anderer Stelle auf diese Rebe zurück. Wir sind der Aus- fassung, dag sie noch ein diplomatisches Nachspiel haben wird. Am gleichen Sonntag sprach in Sathon ay der sranzö- fische Abgeordnete Fribourg. Vizepräsident der Kommis- sion für Auswärtige Angelegenheiten und gleichzeitig ihr Berichterstatter über Saarfragen. Wir stellen die beiden Re- den mit Absicht einander gegenüber. Diese Gegenüberstellung mag für sich selbst sprechen... Oer französische Abgeordnete: Wir sind durchdrungen von der Achtung der Freiheit, von der Achtung vor dem ge» gebenen Wort, vou der Achtung vor dem Völkerbund, der in unfern Augen die große Hofs» nung für den Frieden und die Verständigung der Menschen bildet. Infolgedessen ist unser erstes Ziel an der Saar die Sicherung der religiösen Freiheit der Bevölkerung Gemäß unserer Auffassung der Menschenrechte verlangen wir, daß alle, Katholiken, Protestanten oder Juden frei, absolut frei in der Ansübung ihrer religiösen Bekenntnisse seien. Unser zweites Ziel ist die Sicherung der politischen Freiheit für die Saarländer. Ob sie dem Zentrum angehören, ob sie Sozialisten, Kommunisten, Liberale oder Konservative sind, wir fordern gemäß unserer Auffassung der Staatsbürger- rechte, daß jeder im Saargebict frei seiner politische» Meinung Ausdruck geben kann. Unser drittes Ziel ist die Sicherung der wirtschaftlichen und sozialen Freiheit für die Saar. Wir wünschen, daß ihre Gewerkschaften weiterhin unabhängig bleiben, daß das Koalitiousrccht den Arteitern erhatten bleibe, daß die Saarländer durch die Zoll- und Währungsgemeiuschast mit Frankreich weiterhin die Vorteile eines Geldes genießen können, das durch seine Basierung aus einer enormen Golddeckung gesichert ist. Wir wün, scheu, daß sie nicht von den einschränkenden Gesetzen der Devisenaussuhr betroffen werden, daß sie dem wirtschaftlichen Belagerungszustand entgehen, dem Karten- und Bezugschein- snstem, daß das landwirtschaftliche Eigentum im Saargebiet unangetastet bleibe, so daß der Landwirt sein Vermögen und sein Gut zwischen seine Kinder nach seinem Gutdünken ver- teile« kann. Aber die politische Linie, die Frankreich der Saar gegenüber einhält, wird nicht allein von ideellen oder politischen Gesichtspunkten geleitet. Wir fordern, daß die französischen Privatinteressen ebenso wie die großen Interessen des französischen Staates als Eigentümer der Gruben und Kohlen restlos sicher» gestellt werden. Ob es sich um hypothekarische Darlehn von in der Industrie oder im Grundbesitz an» gelegter Kapitalien handelt: wir werden alles Notwendige tun. um sie sicher zu stellen. Ich bin überzeugt, daß sich eine Mehrheit 1935 für den Statue quo aussprechen wird, aber man möge auch wissen, daß, falls die Saar zum Reich zurückkehrt und wir die Gruben und die Privatbesitze des Staates und französischer Privatpersonen ab- treten müssen, wir, wie es unier striktes Recht ist, aus blanker Barzahlung bestehen werden. Wir haben keineswegs die Absicht, Obligationen anzunehmen, ganz gleich unter welchen Garantien. Es sind so viele Dawes- und Aoungobligationen in den Brieftaschen der gc» samten Welt, daß wir genau wissen, welchen Wert diese Art Papiere haben. Andererseits ist Frankreich bereit, den Saarländer» wirtschaftlich mit ganzer Kraft zu Helsen. Frankreich ist bereit, bei sich die Produkte der saarländischen Fabriten und se»ne Kohlen unterzubringen, aber man möge nicht vergessen, daß die französische Aussuhr in die Saar nur 5 Prozent beträgt, während die saarländische Aussuhr nach Frankreich SV Prozent ausmacht. Zusammenfassend und als Folgerung der von mir zu Beginn dieser Ausführungen auf- gestellten Prinzipien stelle ich fest, daß unsere Haltung dem Saargebiet gegenüber bedingt wird durch den Respekt vor dem einmal gegebenen Wort, vor dem Völkerbund und dem Frieden und durch unsere Respektierung der menschlichen Freiheit. Die Saarländer werde« frei ihre Meinung sagen, ob sie zu Deutschland zurückgehen wollen, zu Frankreich kommen oder unter der Herrschaft des Völkerbundes bleiben wollen. Wir werden uns strikt an ihren Willen halten. Aber wir werden nicht vergessen— da wir unser gegebenes Wor' halten werden und den Text des Bersailler Vertrages erfüllen wollen—. daß die Bevölkerung des Saargebietes vor. während und nach der Abstimmung geschützt werden muß. Wir werde«, im gegebenen Fall, unter gar keinen Umstänoen zu- lassen, daß sich ähnliche furchtbare Geschehnisse wiederholen, wie sie unserem Rückzug aus dem besetzte» Rheinland folgte». Das ist eine Ehrensache für Frankreich! Propaganda Göbbels: Einig und geschlossen stehen wir auf dem Boden unseres Rechts und bekennen vor aller Welt, daß keine Willkür und keine Gewalt uns von diesem Recht und seiner Verfechtung jemals abbringen kann! Soweit man in den anderen Fragen der Außenpolitik auch gehen mag, will oder kann: In der Saarsragc kennen wir kein Zurückweichen und kein Kompromiß. Niemand glaube, daß Schikane und kleinliche Quälerei einem deutschen Mann oder einer deutschen Frau das deutsche Gefühl und Bewußtsein aus der Brust herausreißen könnte. Wir werden nicht raste« und ruhen bis die Schranke« der Willkür, die uns heute noch trennen, niedergerissen sind, die Willkür, der Euch eine fremde Regierung, bestehend ans vier Ausländern und einem Saarländer sPsnis unterstellt hat. Bis eine Reg>erungs- kommission beseitigt ist. die Euch mit kleinen lächerlichen Schikanen, mit Zollschwierigkeiten und Paßschwierigteitcn, mit Zeitnngsverboten kommt und das deutsche Leben unterdrückt. Da gehen Männer im Lande herum, die Euch Saarländern weis machen wollen, daß im Reich der Terror herrsche und deshalb es das beste sei, die Fremdherrschast des Völkerbundes auch für die Zukunft freiwillig aus sich zu nehmen. Nach denselben Methoden, wie früher im Reich, suchen sie jetzt im Saargebiet zu kämpfen. Kämen sie heute ins Reich zurück, die Regierung brauchte sich gar nicht mit ihnen zu befassen, sie würden von ihren eigenen früheren Genossen totgeschlagen werden. Wenn aber eine hohe Regierungskommission diese Emigranten zu ihren politischen Beratern macht, so kann man ilr nur zurufen: Es tut mir in der Seele weh. daß ich dich in der Gesellschaft seh! Wir haben in unserem Programm ohne Bindung an ein bestimmtes Bekenntnis prokla- miert, daß wir a u f dem Boden eines positiven Christentums stehen. Dieser Satz hat heute, wie gestern und morgen seine Gültigkeit. Der Staat leiht den Kirchen, wenn sie christliche Gesinnung oerfechten, seine Stärke, seine schützende Hand, und überläßt die Uebersetzung christlicher Gesinnung ins praktische Leben nicht nur den Kirchen, sondern betreibt selbst Christentum der Tat. Die nationalsozialistische Regierung hat das Recht, Saboteure des Staates, die sich in ein kirchliches Gewand hüllen, in die Schranken zurückzuweisen. Ihr meine Männer und Frauen von der Saar, könnt mit Recht von uns verlangen, daß wir im Saarland kein Grenzland, sondern Heimatland sehen, ewiges Deutschland. Vor allem Ihr Saararbeiter seid überzeugt, baß niemand größeres Verständnis für Eure Bedrängnis hat, als wir. Wir wollen auch nicht den Stab brechen über jene, die aus Ver- zweiflung und Sorge dem Terror zum Opfer gefallen sind. Wir planen große Maßnahmen: Erschließung des Warndtkohlengebietes durch Reu- aulegung von Gruben, Instandsetzung der alten Gruben, technische Verbesserungen, Schaf- fung ausreichender Absatzmöglichkeiten für die Saarkohlen. Die saarländische Landwirt, schast werden wir gleichfalls durch Beschaffung ausreichender Absatzmöglichkeiten wieder lebensfähig zu machen versuchen. DaS gesamte Saarvolk werben wir eingliedern in das große und umfassende Siedlungs- werk des Reiches, unter besonderer Berücksichtigung der in und bei dem Saargebiet liegen- den Möglichkeiten. Ein großer Plan des Wiederausbaues des deutschen Saargebictes nach der Rückgliede- rung ins Reich ist j« Bearbeitung. Es wird— das kann ich wohl auf Grund der hinter uns liegenden Leistungen mit Fug und Recht sagen— kein Plan sein, der in Akten- schränken verschimmelt, sondern ein Plan, der in das lebendige Leben umgesetzt wirb. Dann lebt Ihr national, völkisch, kulturell und wirtschaftlich unter der starken Hand des Reiches. Seid getrost, steht aufrecht, verliert nicht den Mut und nicht die Nerven! Laßt Euch nicht beugen und nicht brechen! Erweist Euch als deutsche Männer und Frauen, über die das Schicksal Not und Bedrängnis nur schickte, um sie härter, bewährter und tüchtiger im Kampf zu machen. Göbbels„Programm" Die„B o l k s st i m m e" bemerkt zur Göbbels-Rede: Zwei Reden, zwei Programme? Rein! Einem klaren Programm, das der französische Politiker Fribourg in seiner Rede entwickelt hat, hat Herr Göbbels kein Programm, fon- dern nur leere verlogene Phrasen gegenüberstellen können. Kein Programm ist aber auch ein Programm. Die Rede von Göbbels hat gezeigt, daß nicht einmal ein großer„Meister der Lüge", um in einem von ihm angeführten Zitat zu sprechen, ein konkretes Programm, ein Rettungsprogramm für den Fall der Rückgliederung aufzustellen imstande ist. Die Wiedergabe des DNB. hat die Rede von Göbbels an vielen Stellen korrigiert. Während Göbbels an mehreren Stellen davon sprach, was man„versuchen" will, hat das oifizielle Büro Herrn Göbbels sagen lassen, was man an- geblich vollbringen will. Die Rundsunkhörer haben von der Rede einen noch schwächeren Eindruck bekommen, als ihn die Leser haben. Was hat Herr Göbbels über die Besserung der Transportverhältniffe, für. den saarländischen Absatz ge» sogt. Wo ist der berühmte Saar—Rhein-Kanal? Wo ist die Seilbahn, aus der Herr Röchling seine Seiltänze vortanzen will, geblieben? Was Hilst dem Saarbergmann die Er- schlicßung von neuen Gruben, wenn sogar den bestehende» der Verlust der Absatzmöglichkeiten drohen wird? ES ist leicht zu sagen, daß man für die Absatzmöglichkeiten sorgen will. Es fragt sich: W i e und wo? Die absolut eindeutige Klarstellung der Fronten, die gestern erfolgt ist, bedeutet zweifelsohne einen, man ist versucht zu sagen, historischeu Wendepunkt in der Eutwick- lung der Saarpolitik. Man wird jetzt klarer als je zuvor sehen können, welche Perspektiven die Saarbevölkerung von jeder der möglichen Lösungen zu erwarten hat. Herr Göbbels war sich zweifelsohne der Bedeutung der Stunde bewußt. Den Schwierigkeiten des Saarproblems, wie es sich infolge des nationalsozialistischen Sieges in Deutschland gestaltet, stand er rber völlig hilflos gegenüber. Und da er nichts an- deres und nichts besseres bieten konnte, so widmete er den größeren Teil seiner Rede der Aufpeitschung von niedrig- sten Leidenschaften und Instinkten. Ter Schwerpunkt der Göbbelschen Rede lag nicht in den programmatischen Ausführungen, die wir oben abgedruckt haben, sondern in einer unerhörten Pogromhetze gegen die im Saargebiete wohnenden deutschen Flüchtlinge. Diese Teile der Rede konnten von den Zuhörern nicht anders, als eiue Aufreizung zn Gewalttätigkeiten, zum Mord und Tot- schlag gedeutet werden. Wo blieben die„Hunderttausende"? Im Rundfunk wurden 250000 Teilnehmer der Zwei brücker Kungebung angekündigt. Die wirklichen Zahlen, die uns an- gegeben wurden, liegen zwischen 80 0011 und 50 000, davon aber nicht weniger als die Hälfte der Teilnehmer auS Zwei- brücken selbst und aus dem übrigen Reich. Die Zahl der Teil» nehmer aus dem Saargebiet darf höchstens ans 20 bis 25 000 geschätzt werden Im Einklang mit diesen Schätzungen steht die Tatsache, daß von den 15 bestellten Tonderzügen nur 9 Sonderzüge in Saarbrücken abfuhren. 0 Sonderzüge wnr° den wieder abbestellt! Waren also die Erwartungen schon sehr bescheiden, so war die Wirklichkeit noch bescheidener. Einem unserer Mitarbeiter gegenüber gestand ein Mit- glied der„deutschen Front":„Ich bin tief enttäuscht." Auf die weiteren Fragen hat dieser Mann ge- sagt, daß er namentlich von den SA.-Leuten enttäuscht wurde, da sie auf ihn durchweg einen moralisch minderwertigen Ein- druck machten. Einem der Berichte entnehmen wir folgendes Stimmungsbild: „Der große Platz war bei weitem nicht voll besetzt. Vorne an der Festhalle, standen die Leute noch ziemlich dicht, und man merkte: D a s sind Fanatiker! Sonst waren es meistens kleine lockere Gruppen, häufig drei, vier Mann. Etwas weiter zurück konnte von einem Gedränge keine Rede sein. Fast überall konnte man ruhig s p a z i e r en gehen, was auch viele getan haben, als das Interesse für die Göbbelssche Rede abflaute." Im ersten Teil seiner Rede fand GöbbelS ziemlich all- gemeinen Beifall, namentlich, wenn er auf die Emigranten schimpfte. Dan« flaute die Stimmung ab, zumal Göbbels selbst seine Rede zwar wirkungsvoll an- gefangen hat, dann aber merklich schwächer sprach. Vielleicht hat er als empfindsamer Redner selbst unter dem Abslauen der Stimmung gelitten. Er fing an. mit künstlichem Pathos zu sprechen, zog die Sätze in die Länge, wiederholte sich mehreremale und als er zum Schluß kam. so konnte er halt nicht zum Schluß kommen. Seine Schlußsätze dauerten min- bestens 20 Minuten. In der Zeit gingen viele hin und her. man hörte ziemlich laute Unterhaltungen, als ob man aus einer Promenade und nicht aus einer so wichtigen Kund- gebung war. Nur die Fanatiker, die die Festhalle, von deren Balkon Göbbels sprach, umlagerten, begleiteten bis zum Schluß die Rede mit dem Beifall. Herr Hetehsmlnisteri Sie haben in Zweibrücken geredet, wie es Ihrem Wesen entspricht: als der gerichtsnotorische>-»» übe> s,> qeaenivärtige Silva- tion der deutschen Flüchtlinge und teilte mit, dast beträchtliche Geldmittel dringend erforderlich seien, um die Notlage der Flüchtlinge lindern und ihre Umschichtung und Seßhaft In Westdeutschland hat die Auffindung der Leichen der vier Duisburger Sozialdemokralen große Erregung her- vorgerufen. Wir erhalten dazu aus Hitlerdeutschland eine Zuschrift der illegalen Sozialisten Rheinland-Westfalens: „Sozialisten und Freunde der Menschlichkeit außerhalb des deutsche» Barbarenstaaies, laßt das Weltgewissen nicht einschlafen. Wir arbeiten jeden Tag und jede Nacht am illegalen Werk gegen den blutigen Faschismus, der für ganz Europa höchste Gefahr ist. Unsere Bekämpfung des Faschismus erfordert einen mannhaften Mut, verkennt das nicht. Wir haben die Abwehr des Faschismus zu human geübt und iurchtbare Opier bringen müssen. Bei unseren Tote» schwören wir den Sozialisten in der Welt, die heranrückende sozialistische Revolution in Teutschland wird es beweise», dast die deutschen Sozialisten kämpfen können. Immer wieder wehrt sich die amtliche faschistische Mörder- zentrale Deutschlands mit frechen Lügen, ivenn ihre Scheußlichkeiten der Welt mitgeteilt werden. Immer wieder aber werden die schlimmsten Greuel gegen uns verübt. Tie Auffindung der Leichen unserer vier Duisburger Kameraden hat eine außerordentliche Erregung in die Bevölkerung au Rhein nnd Ruhr getragen. Wir können der Welt noch foi- genbe Einzelheiten, die unbestreitbar sind, mitteilen: Im Walde bei Dinslaken haben Füchse die Leichen auö« gescharrt. Dann erst sind Passanten durch den Verwesungsgeruch aufmerksam geworden. Nunmehr wurden die Leichen von der braunen Behörde beschlagnahmt und durch die Polizei in Dinslaken bestattet. Die Familien der ermordete» Sozialdemokraten aber w»r- den nicht informiert. Sie erfuhren den grausigen Fund der Leichen und die Bestattung durch die Bevölkerung und konnten so ihren Männern nnd Bätern nicht einmal das letzte Geleit geben. Nachträglich hat die Staatsanwaltschaft eine kurze Erklärung veröffentlicht, in der die treuen Kameraden als genieine Diebe unserer Geiverkschastsgelder beschimpft wurden. Damit wollt man glaubhaft machen, die vier Sozialdemokraten hätten Selbstmord verübt. Wir haben festgestellt, dast allen vier Männern der Schädel vollständig zertrümmert ist— und eingescharrt haben sie sich gewiß nicht. Jetzt können wir nur erst tranern, darum tragen Taufende in unseren Städten und Dörfern Trauerzeühen. Wir werden unsere Erschlagenen aber auch rächen, das sind wir der Gerechtigkeit und der Welt schuldig. Der entschlossen? Wille zum revolutionären Kampf wächst von Tag zu Tag. Freiheit!" RcidKhanzicr nnd Rilualmord Ein Protest tootsdier luden an- den Freund Julius Streichers Berlin. 6. Mal(ZTA.) Tie Reichsvertretung der deutschen Juden hat folgendes Telegramm an den Reichs- Kanzler Adolf Hitler gesandt: „Der„Stürmer" verbreitet eine Sondernummer, die unter ungeheuerlichen Beschimpfungen und mit grauen- erregenden Darstellungen das Judentum des Ritual- mordes' bezichtigt. Bor Gott und Menschen erheben ivir gegen diese beispiellose Schändung unseres Glaubens in feierlicher Verwahrung unsere Stimme." Das Organ des Central-Bereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens„EV.-Zeitung" stellt in der Be- sprechung der Sondernummer des„Stürmer" die Ritual- mordbeschuldigung den„Greuelmärchen" an die Seite, die im Kriege von der„deutschfeindlichen Propaganda er- sonnen", und den Beschuldigungen, die zu gewissen Zeiten gegen das Christentum, einzelne Sekten oder christliche Missionare gerichtet wurden. Dann heißt es in dem Artikel weiter: „Päpste, Kaiser und Könige, Gelehrteiikongresse, die be- öeutsamsten Wissenschaftler über Fragen der ReligtvnS- und Volkskunde, das Reichsgericht habe» alles Material geprüft, das jeweils und seit je als augebliche Beweise für Ritualmorde gesammelt worden ist. Ihr Botum lautet:»ein! Soll man sagen, dast alles vergeblich war, weil 198s eine Ritualmorduummer des„Stürmer" er- schienen ist? Wir wiederhole» die Name», die Talen, die Gutachten, die Gerichtsurteile nicht. Tie Jubenlrage ist für uns nicht auf der Ebene der Ritualmordbeschuldi- guugen zu erörtern." Der Protest der Reichsvertretung der deutschen Juden an Hitler— es ist dies seit Bestehen des Hitierregimes das erstemal, daß eine autoritative deutsch-jüdische Be- Hörde sich offiziell an die nationalsozialistische Regierung wendet— bezieht sich auf die in dieser Woche zum Gau- ieiter und Mitglied der bayerischen Regie- rung Julius Streicher herausgegebene Sondernummer seines'Nürnberger Wochenblattes„Der Stürmer", in der unter der Schlagzeile„Jüdischer Mordplan gegen die nichtjüdische Menschheit auf« gedeckt" auf IL reich illustrierten Seiten III angebliche jüdische Ritualmorde von 169 v. Chr. bis 1932 ausgezählt bzw. geschildert werden. In der gleichen Nummer klagt Streicher das Weltjudentum an. einen Mordplan gegen Hitler ausgebrütet zu haben. Streicher verwendet dabei das Material, welches der vom Reichspropaganda-Ministe, rium zur Führung der Iudenhetze auf internationalem Boden begründete„Bund völkischer Europäer(BBE.) (Berlin W 9, Bellevuestroße 16) durch seine Unterabteilung„World League against the Lie" verbreitet. Das Material wurde auch schon von zahlreichen nationalsozia- listischen Zeitungen benutzt. Es sollen im Auslande jüdische Ansichtskarten verbreitet worden sein, auf denen der Kopf Hillers auf einem Opfertische abgebildet sei. # London, 4. Mai.(ZTA.) Die in zebittansenben Exemplaren in ganz Deutschland verbreitete Ritnalmordmimmer des„Stürmer" hat im Zusammenhang mit der erneuerten Welle der Judenhaßpropaganda in der gesamte» reichs- deutsche» Presse»nd mit den wiederum sich Häusenden jnden- hetzerischen Ausfällen der nationalsozialistische» Führer in der englischen Oejsenilichkeit wie auch in der anderer Länder große Aiumerksamkeil erregt. Es fällt auch auf, daß die in Berlin lebende» Korrespondenten auswärtiger Blätter, die unter der Einwirkung des RcichSpropagandaministeriums aufgehört haben, der deutschen Jndenfrage allzngroße Auf- merksamkeit zu widmen, jetzt wieder»ach dieser Richtung hin rege geworden sind: ein Beweis dafür, d a ß sie die Situationsür d i e I u d e n in D e n t s ch l a n d iv i c d e r n in als sehr gefährdet ansehen. Fast sämtliche englischen,'rauzösischeu und amerikanischen Zeitungen drucken eine Meldung der United Preß über den — von der ITA. kürzlich bereits wiedergegebenen— Inhalt der Pogrom-Nummer des„Stürmer" ab. Mehrere Zci» tungrn deuten auf die Gefahren hin, die sich i» solchen Angriffen gegen die Jude» widerspiegeln.„Manchester Guardian" druckt das— von der ITA. bereits wiedergegebene— vertrauliche Rundschreibe» der Knltnrabteilung der SA.- Gruppe Berlin Brandenburg vom 3. März ab, in dem An- Weisungen zur Störung aller Theater- und Filmvvrstel- lungen,.in denen Juden austreten, gegeben werden. machnng betreiben betreiben z» können. Die Zahl der Flücht- linge a»S Deutschland, fuhr James Maedonald fort, habe sich gegenüber derjenige» vom Dezember 1600 nicht vermin- Verl: sie beträgt innner noch 90 900 bis 70 000. Der jüdische Exodus ans Deutschland geht nun geordneter nnd nicht mehr panikartig, wie zu Anfang, vor sich. Die Emigranten verteilen sich wie folgt: Frankreich 91 000, Palästina 10 000, Polen 8000, Tschechoslowakei 8.300, Holland 2500, England 2000, Belgien 2800, Schweiz 2500, Skandinavien 2500, Oesterreich 800; Zara»nd Suremburg lOOO, Spanien 1000, Italien 800, U. S. A. 2500 und übrige Länder 2000. Adit lote- Beim Einsturz eines baufälligen Schulhauses DNB. Stuttgart, 5. Mai. Am Samstag vormittag gegen 10 Uhr stürzte unter donnerähnlichem Krache» der Mittel- teil des alten Schulhauses in Winterbach zusammen. In den Schulzimmern befanden sich die Lehrer nnd Kinder, die nicht mehr alle den Ausgang gewinnen konnten. Von allen Seiten rannte die bestürzte Einwohnerschaft herbei, um die erste Hilfe zu leisten. Der Schorndorser Autolöschzug sowie die Sanitätskolonne vom Roten Kreuz waren schnell zur Stelle, ebenso die Aerzte. Unter größter Lebensgefahr mußte an die Bergung der Verschütteten gegangen werben. Lehrer Kohnle, der mit feinem Körper noch zwei Kinder deckte, wurde tot a»S den Trümmern gezogen. Außer ihm sind, soweit bis jetzt feststeht, a ch t S ch u l k in d c r tot geborgen worden. Der Anblick der Unglücksstätte ist entsetzlich. T a S längst baufällige Gebäude ist völlig durchgebrochen, nur die beiderseitigen Wände nnd daS Dach stehen noch. Unter dem 5. Mai werden aus Winterbach noch folgende Einzelheiten berichtet: Das ganze Tors steht unter dem furchtbaren Eindruck des Unglücks. Ueberall stehen Gruppen von Dorfbewohnern, die das Unglück besprechen. Inzwischen ist die Feuerwehr da- bei, das Gebäude vollends einzureißen. Bon den Getöteten konnte» bisher der 4» Jahre alte Hauptlehrer Kohnle nnd die Schüler Hermann Renz(11 Jahres, Walter Beutelopacher (10 Jahres. Walter Schlierer l« Jahres, Hermann Günther (!) Jahres, Maria Uetz(lll Jahre) und Lore Käser(10 Jahres geborgen werden. Vermißt wird der Schüler Alfred lkisemann, von dem an- genommen wird, daß er noch unter de» Trümmern liegt. 'Außerdem find siins Kinder, von denen eines im Sterben liegt, schwer verletzt morde». Zwölj leichter verletzte Kinder befinden sich in ärztlicher Behandlung. Von dem alten Schul- haus, dos in der Mitte durchgebrochen scheint, stehe» noch die beiden Giebel. Die Ursache des Einsturzes scheint nicht in der vorgeschrittenen Bansälligkeit des Gebändes begründet zu sein, sondern, wie vermutet wird, in»analisationsarbeiten, die in der Nähe des Hauses vorgenommen werden,«nd durch die eine Senkung des Untergrundes eingetreten zu sein scheint. Insgesamt waren in dem Schnlhans 129 Schulkinder und 9 Lehrer untergebracht. Zu dem furchtbaren Einsturz in Winterbach gab ein Augen- zeuge, ein junger Mechaniker, der sich von Anfang an an den Bergungsarbeiten beteiligt hatte, dem an die Unglncksstätte entsandten DNB.-Berichterstatter folgende weitere Einzel- heilen, die in ihrer Unmittelbarkeit einen Eindruck geben von dem Ausmaß dieser Katastrophe, die das stille und werk- tätige Dorf im blühenden Renstal betroffen hat. Als die Mauern unter großem Getöse nnd riesiger Staub- cntwicklung durchbrachen nnd der mittlere Teil des Hauses einstürzte, suchten sich die Kinder dadurch zu retten, daß sie aus den Fenstern sprangen. Während dies de» Schülern, die im Erdgeschoß waren, noch gelang, wurden diejenigen, die aus den Fensterösjnunge» de» oberen Stockwerk» heraussprangen, von den unten stehende» Erwachsene»!» in de,, Armen aus« gefangen. Aus diese Weise konnten sich noch zahlreiche Kinder vor dem Tode retten. Bor der Unglllcksftatte hatten sich herz« zerreißende Szenen obgespieli. Schreiende und weinende Mütter suchte» nach ihren Kindern, die zum Teil in ihrer Verwirrung de» Platz verlassen und sich irgendwo versteckt hatten. Die Kinder waren durch den Schreck so erschüttert, daß sie am Ansang weder sprechen noch weinen noch irgend, eine Auskunft über den Hergang de» Unglücks geben konnten. Der Augenzeuge berichtete weiter, daß er nn«er dem Klavier drei Kinder hervorgezogen hatte, zwei von ihnen waren tot, das dritte konnte er»och lebend bergen. Es war mit dem Schrecken davongekommen. Wir heben hervor, daß diese Meldung von dem offiziösen Deutschen Ngchrichtenbüro(früher Wolsfbttro) stammt. Es ist geradezu ungeheuerlich, in welch schlechtem Zustande sich eine Schule im„dritten Reich" befinden darf. Die braunen Bonzen schmeißen Millionen zum Fenster hinaus, um Tribünen, Fahnenmaste, Festplätzr und Festwiesen, eitles Feuerwerk und donnernde Marschmusik erstehen zu lassen. Millionen werden der leeren Propapanda geopfert, für die Kinder und die Schulen ist kein Geld da! ®eutsdke Stimmen•(Beilage xur.Deuts dien 3* ei freit"• Irei&nisse und fßesdkithten Dienstag, der» 8. Mai 1934 Rotöle Hohn, Me junge, S tc*i"et WH ein Jtiud... Als vor sechzehn Monaten die Polarnacht über das arme Deutschland hereinbrach, verkündete der Rcichsrcklamechef, '«ß nunmehr auch für Deutschlands Dichter das gesegnete Zeitalter angebrochen sei. Die jüdischen Dichter und mit uen die Dichter und Schriftsteller des Systems seien hin- weggefegt worden, das Feld sei freigemacht, nunmehr könne "dl erst der deutsche Genius frei entfalten. wo sind die neuen deutschen Dichter, die sich Bahn gebrochen haben? Wo ist der Ersatz für die Dichter, die aus dem Land gejagt und deren Bücher verbrannt wurden? Jeder jheser neudeutschen Dichter frage einmal vertraulich einen bortimenter seines Landes, wie das Publikum über die Produktion dieses abgelaufenen Jahres denkt, und er wird zur Antwort bekommen, daß mit den Büchern eines einzigen b-Migranten Verlages in Deutschland bessere Geschäfte zu '»«chen wären, als mit sämtlichen Neuerscheinungen des ab- gelaufenen Jahres. Als ein typisches Beispiel für den Stand der neudeutschen Literatur kann eine neue deutsche Dichterin, Käthe °li», gelten. Von ihr erschien in einer deutschen Zeit- »chrift„Neues Volk" soeben eine kurze Erzählung. Das ist "un keine der vielen belanglosen deutschen Zeitschriften, sondern wie schon aus dem Untertitel hervorgeht(„Blätter• des Aufklärungsamtes für Bevölkerungspolitik und Rassen- pflege") eine offizielle Angelegenheit, was auch dadurch verstärkend zum Ausdruck kommt, daß der Reichsminister des funern, Wilhelm Frick, ein Geleitwort schrieb, in dem e' heißt:„Die wissenschaftlich begründete Vererbungslehre gibt uns nach der Entwicklung im letzten Jahrzehnt die Möglichkeit, die Zusammenhänge der Vererbung und der Auslese und ihre Bedeutung für Volk und Staat klar zu er- kennen. Sie gibt uns damit aber auch das Recht und die •jttliche Pflicht, die schwer erbkranken Personen von der 1 ortpflanzung auszuschalten. Von dieser Pflicht können wir uns auch nicht durch eine falsch verstandene Nächstenliebe "nd kirchliche Bedenken, die auf Dogmen vergangener Jahrhunderte beruhen, abhalten lassen: im Gegenteil, wir müssen es als eine Verletzung der christlichen und sozialen Nächstenliebe ansehen, wenn wir trotz der gewonnenen Erkenntnisse es weiter zulassen, daß Erbkranke einen Nachwuchs hervorbringen, der unendliches Leid für sie selbst und die Angehörigen in dieser und den kommenden Generationen bedeutet." Ilm aber auf die Dichterin und ihre besagte Erzählung („Die junge Bäuerin" zu kommen, wollen wir statt kritisieren, lieber zitieren.(Vorerst zur Einführung: Der Held dieser Erzählung war verheiratet. Seine Frau ist gestorben und hinterläßt ihm vier Kinder. Er heiratet zum zweitenmal. Aber die zweite Frau will nun auch ein Kind, was die Dich- terin also ausdrückt:)„Die Erde war noch braun, aber überall unter der harten Kruste regte es sich schon, da ging Lisa mit ihrem Mann über den Acker.„Ich will ein Kind, sagte sie unvermittelt. Er sah sie verständnislos an... Ist es wirklich schon so weit im neuen Deutschland der Hitler und Röhm, daß ein Mann einem solchen 1 unsch verständnislos gegenübersteht? „Du hast vier Kinder," meinte er ruhig. Sie konnte nicht begreifen, daß er nicht das gleiche fühle wie sie und sagte bittend:„Ich will ein eigenes." Selbstverständlich muß eine Frau den Gatten gehorsam bitten.> „Er meinte, vier Kinder zu erhalten und großzuziehen, sei schon viel für den Hof, und je älter man würde, umso- mehr habe man zu überlegen, ob— bei der Ungewißheit der Zukunft— es ratsam sei, eine schon zahlreiche Familie noch zu vergrößern. Sie wiederum erklärte, daß sie das gleiche Recht auf Kinder habe wie jede andre Frau, und da sie trotz seines Redens auf ihrem Verlangen bestand. ja plötzlich heftig zu weinen begann, erschrak er vor diesem Gemütsausbruch, redete sich schließlich in Zorn, schglt sie unvernünftig und undankbar und warf ihr allerhand vor, was ihm hernach wieder leid war." Wie wird das noch endigen? Die heilige Courths-Mabler schaut nieder: „.., Dem Bauer schien die Frau heute stolzer und schöner denn je, und in seinen Gedanken schalt er sich töricht, dem Zwist nicht längst ein Ende bereitet zu haben. Ein Schuldgefühl gegen Lisa beunruhigte ihn. und in der Verwirrung seines Gefühles suchte er nach einem Grund, der Lisa veranlassen könne, doch mit ihm zu gehen. Sie witterte mit ihrem natürlichen Fraueninstinkt seine Unruhe und ging mit.— Heuduft kam über die Wiesen. Verstreut standen niedrige Aepfelbäume in später Blüte. Lisa lief einige Seit ritte voraus und erwartete den Bauer unter einem blühenden Apfelbaum. Sie setzte sich ins Gras und zeigte auf den Baum über sich:„Siehst du, wie er blüht! Wenn er nun keine Frucht trüge, jahraus, jahrein— meinst du nicht, daß du ihn ausroden ließest? Oder würde dir sein Blühen im Frühjahr genügen?"—„Er trägt ja Frucht," erwiderte er ausweichend.—„Und ich?" fragte sie schlicht." Willst du dich an den Gesetzen der Natur versündigen?"— Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen ynd er fühlte sich der Schöpfung ganz nahe und innig verbunden Er erblickte unter den Blüten des Baumes sein Weib, und es offenbarte sich ihm das Geheimnis ihres blühenden Leibes, der sich sehnte. Frucht zu tragen. Er legte den Arm um sie und führte sie heim." Dieser Mist wurde nicht so ausführlich zitiert, um zu beweisen. daß es Mist ist. Gewiß wäre es auch bitteres Unrecht, zu behaupten, daß in Deutschland nicht weit bessere Dinge geschrieben werden, gern soll zugebilligt werden, daß es letzte: Dilettantismus ist: dennoch aber ist diese Autorin symptomatisch für die beutige deutsche Literatur. Was beute veröffentlicht werden darf, darüber entscheidet eine amtliche Stelle: sie läßt gerade noch neutrale Stoffgebiete zu, also etwa die Besingung von Mond und Sternen, besonders wenn die politischen Führer als Sterne erster Ordnung verhimmelt werden. Andere Themen stehen unter strengster Zensur. Selbst die ganz große Begabung ist also gezwungen, sich jenen Problemen zuzuwenden, deren Erörterung der Reichsschriftkammer genehm ist. So also bat sich die Dichterin Käthe Röhn einer völkischen Frage zugewandt, und alle, die zu Wort kommen wollen., müssen das gleiche tun. Die grauenerregende Uniformität bat auch von der deutschen Literatur Besitz ergriffen. In Kasernen kann man exerzieren, aber nicht dichten. Stefan Pollatschek Das THuß des MäftsteMecs , 1" der literarischen Beilage der„Neuen Zürcher Zeitung" interessierten mich zwei Beiträge. Es ist unnötig, die Ver- lasser zu nennen, denn ich will nicht die Aufsätze kritisieren, mildern den Versuch machen, klar zu stellen. Wovon lebt die Cl"e Arbeit, trotz ihrer simplen Sprache, wovon ist die andere trostlos tot? Für letztere zeichnet ein berühmter Name "nd das Thema ist eins, das mich besonders berührt. Aber las Thema, in dieser Form erörtert, fesselt mich trotzdem licht. Denn es ist zum Gegenstand einer intellektuellen Ab- landlung geworden, die in sprachlich gekünstelter Rede mit dierlei genialen Vergleichen und Gedanken ausstaffiert ist. lafür ist das Gesagte so fern ab aller Wirklichkeit, daß es iur als stilistische Phrase wirkt. Vom Schriftsteller ist da die 'ede, dessen Kunst vom Erwerbszwang befreit werden niisse. Es wird der Vorschlag gemacht, daß der Schreibende ich einem Nebenberufe widmen solle, weil sonst die Gefahr ler Verfluchung seiner Kunst bestände. Schon darin liegt ein } aradox. Kunst, wahre Kunst, bleibt Kunst, ob das zu Schafende unter dem Druck einer geistigen, seelischen oder ma- erielien Zwanges gestaltet wird. Gerade in der äußersten lot, der geistigen sowohl wie der rein materiellen, sind— rie von Hebbel— die größten Kunstwerke geschaffen wor- len und eine bürgerliche Existenzgrundlage kann den Elan les schaffenden Künstlers unter Umständen mehr verwässern ls der Hunger. Außerdem, wie stellt sich der Verfechter leben amtlich materiell gesicherter Grundlagen für den chriftsteller, die Erfüllung solch nützlicher Plichten mit der nspiration des Autors als vereinbar vor? Soll der Dichter ls nebenamtlicher Gärtner seine Pflanzen verfrieren lassen, veil er„inspiriert" am Schreibtisch sitzt, während draußen ler Frost fällt? Soll die schriftstellende Hausfrau die Milch herkochen, den Braten anbrennen, die Kinder hungern assen. wenn die Inspiration ihr, statt den Kochlöffel, gerade lie Fetler in die Hand zwingt? Oder gar der Brotherr, der n Halbtags- oder Stundenarbeit dem Schriftsteller ein Existenzminimum bietet, soll er Verluste, erleiden, weil sein chriftstellender Halbtags-Kommis gerade sein Werk vollen- en muß? Solche Halbheiten von einem namhaften Schrift- teller vertreten, sind Kompromisse, die das Wesentliche ler schöpferischen Arbeit gerade zu dem Handwerk stempeln, on dem sie befreit sein sollte. Ich muß dabei unwillkürlich n die Nationalsozialisten denken, die das große Ideal einer ozialistisdien Weltanschauung im Eintopfgericht, Einheits- nzug und Volksauto erblicken, während im übrigen der »eist der Profitwirtschaft weiter besteht. Nein, der wirkliche Schriftsteller Romancier Essayist, ja „nur" Journalist wird nur dann Ueberzeugendes, Mitreißendes, Bleibendes schaffen, wenn er versteht, über alle Hindernisse hinweg, Herr, nicht nur der Sprache, sondern auch seiner Inspiration, Gedanken, Konzeption, zu bleiben. Gewiß ist es bitter, wenn er um des Broterwerbs willen zu Zeiten sein künstlerisches Schaffen unterdrücken muß. Aber endgültig hindert ihn kein Hunger und keinerlei Schwierigkeiten am Schaffen. Gerade weil das Handwerkliche des Schriftstellers so einfach ist, schreibt er, wenn er schreiben muß, seine besten Arbeiten auf— Verzeihung— Klosettpapier oder wie Strindberg und Wedekind auf Röllchen manche Neu. Dabei soll nicht bestritten werden, daß die materielle Existenz des Schriftstellers gebessert werden könnte, insbesondere durch größere geschäftliche Korrektheit des Verlages und Redaktionen, die die Arbeit des Mitarbeiters nur zu oft en bagatelle behandeln, wenn sie ihrem Unternehmen gerade nicht nützlich ist. Von anderen Schwierigkeiten, denen der schriftstellende Arbeiter im Gegensatz zu anderen Arbeitern begegnet, ganz zu schweigen. Wer sich jedoch dadurch beeinflussen läßt, der ist kein Schriftsteller, sondern ein Koinmis der Publizistik. Der aus innerem Zwang Schriftstellernde schreibt, ob Gutes oder Schlechtes sei dahin gestellt, erst recht, wenn er seines schriftstellerischen Dranges wegen hungern muß. Es geht ihm wie dem Verfasser des zweiten der erwähnten Aufsätze in der N. Z. Z„ in dem ein Maler vom Wesen der Farbe spricht. Eine Vision, sei sie nun Farbe oder Geist, lebt in sich. Nicht das bunteste Papier macht die Farbensymphonie, die den Maler begeistert, malerisch. Das Vollendete, Schöne liegt ebenso im Grau, das für den wirklichen Maler leuchtet, auch wenn es für die Allgemeinheit nur eine schmutzige Kartoffel ist. Wer mit dem Grau, dem Grau der Farbe, nicht fertig wird, ist kein Maler, zitiert der Autor Marees und Cözannc. Und wer das Grau des Alltags nicht überwindet, das Grau des Hungers oder der trivialen Pflicht, der ist kein Schriftsteller und wenn er tausendmal kunstvoll geformte, geistreiche Abhandlungen verfaßt. Denn das, was lebt in der Kunst ist das Erfühlte, das was allen Hindernissen zum Trotz in das Bewußtsein des Schaffenden, oder in die Farbe des Malert oder in die Tinte des Schriftstellers geflossen ist. Schaffen heißt nun einmal gebären und ist mit Wehen und Schmerzen verbunden gegen die eine materiell gesicherte Existenz nur ein in Ausnahmefällen angewandtes, nicht immer ungefährliches Nakolikum ist, Saba. !hieeahend, 2Cecc Hey! Von Georg Wilman Vizekanzler Fey wurde zum Gesandten in Budapest„befördert". Sie haben, Herr Fey, untre Wiener Genossen Mit schweren Haubitzen zusammengeschossen. Sie verschonten auch Frauen und Kinder nicht— Sie zeigten, Herr Fey, Ihr wahres Gesicht. Es hat Ihnen wenig genützt. Herr Fey! Sie haben geglaubt. Sie würden belohnt, Und nun sehen Sie sich plötzlich entthront. Sie wollten gerne des Dollfuß Stelle— Sie sehen, es geht nicht immer so schnelle, Sie treten vom Schauplatz ab. Herr Fey! Gute Reise nach Budapest! Gruß den Kollegen! Da können Sie dann getrost überlegen, Ob Gömbös und Horthy noch tüchtiger sind Als Sie, Herr Fey!— Doch nicht so geschwind! Glauben Sie bloß nicht, in Budapest Hätten Sie nun vor uns Frieden. Kein Fleck auf der Welt, wo man ruhig Sie läßt! Unser Blut hört nicht auf, zu sieden, Wenn wir an Sie denken. Herr General. Auch unsere Stunde kommt einmal! Ganz einerlei, ob Sie in Budapest sind Oder gar in der Mongolei. Verlassen Sie sich drauf, daß man Sie find't, Wo Sie auch sind, Herr Fey! Hören Sie nicht schon den schweren Schritt, Der sich Ihrer verrammelten Türe naht? „Herr Fey, machen Sie sich gefälligst parat! Sie kommen mit! Abrechnung für Wien! Und kein Geschrei!* 'S ist Feyerabend, Herr Feyl" £ut Jiahcueit xLec Gesinnung „Cornichon" in Zürich Aus Zurürh wird uns berichtet: Um endlich einmal ein schweizerisches literarisches Kabarett ins Leben zu rufen, haben ein paar Leute ein Jahr laug gekämpft. Längst vor Erika Manns Pfeffermühle stand der Plan fest. Aber die„Pfeffermülile" war vorerst stärker als die„Pfeffergurke"(cornichon). Mai 1934 ist es gelungen, den Plan des schweizerischen Kabaretts zu verwirklichen. Dafür, daß hier nicht die geringste Kabarettroutine vorhanden ist, hat man erstaunlich viel geleistet. Karl Schling und ein gewisser Herr Salil zeigen, wie es gemacht werden muß, zeigen, daß man den Schuß Ironie nicht vergessen darf, um das„Cornichon" wahrhaft schmackhaft zu machen. Was bei diesem Kabarett herzerfrischend ist. ist die tadellose Gesinnung, die aus jedem Wort spricht, das liier vorgetragen wird. Die Schlußszene ist schon ein Genuß.„Die große Kamelnummer" zeigt, wie aus einem Kuli ein Kamel gemacht wird, und wie dieses Kamel dann— anscheinend, wer könnte das genau sagen?— in Deutschland dressiert wird. Emil Hegrtschwfiler— im„Nebenberuf"(?) Conditor— schießt unter den Darstellern den Vogel ab. Er ist einer der talentiertesten Schauspieler-Kabarettisten, die es geben dürfte. Dorn Gereon bat in der Katakombe in Berlin so viel gelernt, daß sie immer wirkt. Ludwig Donath zeigt Schwung und Eleganz des Vortrags. Mathilde Danegger und Toni von Tuason verkörpern die zarte Melancholie und Fritz Pfister agiert munter drauf los. Gedichtet haben Albert Ehrismann. dessen Feinheiten für das Kabarett noch zu fein sind, und dessen Derbheit nicht ganz glaubhaft wirkt; Walter I.esch. Leiter des Ganzen und Oberdichter, bringt sehr gute ernste Sachen, doch haperts an der Heiterkeit, die dafür von Hegetschweiler— wieder einmal—- tadellos geliefert wird. Bill Wylmann schafft die Musik. Alois Carigiet die Bühnenbilder. und beide machen es gut. Beifall groß. Gesinnung untadelhaft wunderbar- Nur— warum muß denn alles so schrecklich, so schrecklich traurig sein ?' Deutsche tchCehce Wie die Schweine Viele Arzte in Deutschland und im Ausland schütteln den Kopf über das deutsche Sterilisierungfgesetz. das den Begriff der„Erblichkeit" mit verbrecherischer Leichtfertigkeit handhabt, und sind der Meinung, ein Mediziner könne es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren, sich diesem durch und durch unwissenschaftlichen Regimentsbefehl zu unterwerfen. Es gibt Leute, die haben andere Sorgen. Die Zeitschrift des deutschen Sprachvereins—„Muttersprache", Heft 4. Oster- mond 1934— veröffentlicht einen Aufsatz„Deutsche Erblehre", in dem es heißt: „Erbkranken Menschen sollen unfruchtbar gemacht werden. Das Gesetz selbst gibt das deutsche Wort für den Eingriff und setzt das Fremdwort„sterilisiert" im Klammern daneben. Leider ist das entsprechende Hauptwort„Unfruchtbarmachung" schwerfällig.—r Der Jäger nennt ein unfruchtbares weibliches Tier„gelt". Und im alemanischen Sprachhereich heißt der Mann, der die Schweine verschneidet.„Geizer" und seine Tätigkeit„geizen", man könnte den Vorgang selbst ohne weiteres als Geizung bezeichnen." Warum nicht? Wenn man im„dritten Reich" die Menschen je nach Bedarf„umlegt" oder„züchtet", besteht wirklich kein Hindernis, sie wie Schweine zu„geizen". Die Annäherung an das Tierreich macht sichtbare Fortschritte. In den„Ruhestand" versetzt Der ordentliche Professor für Zivilprozeß an der Universität Gießen, Dr. Leo Rosenberg, ist in den Ruhe- stand versetzt worden. Rosenberg ist einer der besten Kenner des deutschen Prozeßrechts. Seine Kommentare zu den Verfahrensvorschriften, vor allem über die Beweislast, haben größte Verbreitung gefunden und waren die Grundlage vieler, auch höchstgerichtlicher, Entscheidungen. Rosenberg, der 1879 j„ Fraustadt i. P. geboren wurde, hat seit dem Jahre 1906 ununterbrochen in Gießen gelehrt, »Deutsche Freiheit", Nr. 105 Das bunte Matt Dienstag, 8. Mai 1931 Erlebnisse mit Achlangen Von f. W. Frit; Snmons roirflid) erstaunlich, mit welch knapper Not die Menschen oft einem Schlangenbiß entgehen. Mir fällt da ein gewisser Hauptmann a. D. ein, der sich eine Farm im Bal- tcur Distrikt kaufte, die jahrelang leergestanden hatte und infolgedessen zu einem Tummelplatz der Schlangen geworden war. Zugegeben, daß sie Ratten und Mäuse in Schach hielten und die Nachbarsarmer vor den Verwüstungen dieser Nager ichützten. Dennoch hatte der unternehmende Hauptmann wenigstens ein Jahr lang eine recht ungemütliche Zeit durchzumachen. Durchschnittlich wurde mindestens eine Schlange am Tag in oder nahe der Wohnung getötet. Die draußen im Feld beschäftigten Schwarzen waren mit nackten Beinen besonders gefährdet und forderten eine Extralohn- zulagc, die sie auch erhielten. Sie versicherten hoch und heilig, ihre Weiber vergößen täglich Ströme von Tränen und streuten in ihrer Angst und Sorge Asche auf ihre Häupter. Einmal liegt der Hauptmann in seiner Hängematte, die etwa eineinviertel Meter über dem Boden hängt, und verdöst friedlich den heißen Sommernachmittag, während seine muhenden Kühe, seine schnatternden Enten, das gackernde Hühnervolk und die grunzenden Schweine ungeduldig der Abendsütterunq harren. Aufwachend streckt er ein Bein aus und will sich eben seitwärts aus der Hängematte wälzen, als sich im selben Augenblick eine große Ringhalskobra unmittel, bar neben seinem Lager aufrichtet und gehässig nach seinem Bein stößt. Verwünschungen knurrend zieht der Hauptmann das Bein zurück, liegt ratlos da und überdenkt seine Lage. Eine Waffe hat er nicht bei sich. Die Diele ist hoch und eng und das gefährliche Reptil hält dicht neben ihm Wache. Da er nicht das geringste über die Kampfesweise der Schlangen wußte, denn er war erst vor kurzem aus dem schlangenlosen Irland gekommen— hatte er natürlich sehr übertriebene Anschauungen in dieser Hinsicht. So lag er denn da und wagte nicht, die Hängematte zu verlassen, während die Schlange steil ausgerichtet neben ihm stand, still wachsam. Eine Ringhalskobra kann im Zustand der Angst oder des Zorns endlos in dieser Stellung verharren, besonders, so- lange der Gegenstand ihres Argwohns in Sicht bleibt. Im vorliegenden Falle war es die leise schwankende Hängematte, die sie zum Bleiben veranlaßte. Der Hauptmann lag so ruhig wie möglich, hoffte, der Schlange werde eS allmählich zu dumm werden oder sie werde wenigstens den Kopf weg- wenden, der kaum dreißig Zentimeter von einem höchst ver- letzbaren Teil seines Körpers entfernt war. Aber nein— die vertrackte Hängematte wollte nicht still halten und jedes- mal, wenn der Mann versuchte, herauszukommen, richtete sich die Kobra noch steiler auf und stieß immer wieder nach ihm hin. Einmal wollte er über den Rand der Hängematte spähen, da traf ihn ein feiner Giftstrahl auf Hals und Backe, glück- licherweise aber nicht ins Auge. Jetzt bekam er es aber wirklich mit der Angst. Er entsann sich eines wilden Schlangengarns, das er mal gehört hatte. Ringhalskobras sollten ja nicht nur imstande sein, einen sofort zu blenden, sondern es sollten auch schon Leute an dem in die Augen gedrungenen Gift gestorben sein. Ringhalskobras sollten immer angriffslttstcrn sein und sogar einen in vollster Hast dahinziehenden Menschen einholen können. Er konnte also nichts Besseres tun, als möglichst ruhig liegen bleiben. Später erklärte er, daß er sich noch nie in einer solch ekel- hasten Lage befunden habe. Die vier Jahre Schützengraben in Frankreich seien nichts dagegen gewesen. Nun kehrte aber zur gewohnten Zeit seine Frau mit den Hunden vom Spaziergang heim. Jetzt ging die Aufregung erst los! Der Foxterrier stürzte sich gleich in der forschen, tollkühnen Art dieser Tiere auf die Schlange, um aber plötz- lich geblendet und in wildem Schmerz laut aufjaulend zurückzuprallen. Die Schlange hatte ihm in beide Augen ge- spuckt. Der Airedaleterrier, wutentbrannt über das Miß- geschick seines Kameraden, springt jetzt seinerseits die Schlange an, die ihn in gleicher Weise empfängt wie den Kleineren. Trotz rasender Schmerzen konnte der Hund aber die Schlange noch packen und totbeißen, nicht ohne von ihr noch einen Biß abzubekommen, an dessen Folgen er vier Stunden später elend zugrunde, ging. * Erfahrungen guter und schlimmer Art kommen selten allein. Am selben Abend noch brachte der Hauptmann seine künstlich ausgebrüteten Hühnchen in einem garantiert gegen Ratten und Schlangen geschützten Patentkasten unter. Wäh- rend des Tages war eine Kapkobra durch die offene Klappe in den Kükenkasten geschlüpft und hatte sich dort innen, wo ihr Wärme und Dunkelheit einen angenehmen Ausenthalt zu gewährleisten schienen, häuslich niedergelassen. Ein Küken nach dem anderen wurde nun in die Kiste gesetzt, und jedes- mal muß die Hand des Hauptmanns in nächste Nähe der Schlange gekommen sein, die durch keine Bewegung ihre Anwesenheit»erriet. Der Gattin des Hauptmanns lag es ob. die Küken am nächsten Tage wieder herauszulassen und zu füttern. Alles ging genau so vor sich, nur daß die Dame mit der leeren Hand in den Kasten griff. Als sie suchend umhertostete, ob vielleicht noch ein Küken zurückgeblieben sei, berührten ihre Finai-r den kalten Schlangenleib, und nach Frouenart gab sie ihrem Schreck sogleich durch Helles Aufkreischen Ausdruck. Der Lärm ließ den Hauptmann auf- fahren, der gerade bei Kaffee, Toast und Eiern mit Schinken saß, und die arme erschreckte Schlange mußte dran glauben. Tie nächste Woche kam und ging. Der Hauptmann rüstet sich eben zur Bockjagd auf der Nachbarfarm, ergreist seinen einen Reitstiesel und fährt mit Fuß und Bein hinein, da stoßen seine Zehen auf ein weiches nachgiebiges Etwas. Heraus mit dem Fuß, den Stiefel umd/ehen und auf den Roden stoßen ist eins. Schau mal einer an! Da fällt eine junge und gänzlich erschrockene Kobra von etwa fünfzig Zentimeter Länge heraus. Nicht genug damit Am gleichen Tage— er ritt im strammen Trab über einen schmalen Fußpfad durch den Busch, um einen guten Stand vor den Treibern zu suchen— erhielt er von einer Baumschlange einen heftigen Schlag über Kops und Brust. Das Reptil war offenbar gerade im Begriff gewesen, sich in den hängenden Zweigen aus einen Baum an der anderen Psadseite zu schwingen. * Ein höchst schneidiger Kerl ist einer unserer europäischen Tchlangensänger. Eines Tages vertraute er mir seinen Kummer an, er könne keine Nacht mehr schlafen, da sei eine Schlange, die ihm„schwer zu schaffen" mache, eine große, schwarze Ringhalskobra, die am Fuße einer bestimmten ab- schüssigen Sandbank in einem Loch Hause. Der Hang sei zu steil, als daß er. Smith, durch plötzliches Zuspringen die Schlange überrumpeln könne. Es sei eine richtige Sanddüne, auf der nur oben Sträucher wüchsen, während der Hang selbst nur spärlich mit borstigen Gräsern bewachsen sei, wie man sie überall an der Sandküste findet. Unzählige Versuche hatte Smith schon gemacht, die Schlange zu sangen.— aber olles Mühen war umsonst. Nach langem Uebcrlegen heckte er schließlich einen so verwegenen Angrifssplan aus, daß es schier unglaublich klingt. Aber er führte ihn aus. Geräuschlos im Gebüsch vordringend, hat er die Schlange erspäht, die, halb aus ihrem Loch hervorgekrochen, daliegt. Nun wählt er einen weiten Umweg und kommt schließlich oben auf dem Gipfel der Düne an. und zwar an der Stelle genau oberhalb des Tchlangenlochs. Er überzeugt sich, daß das Reptil noch genau so daliegt— es sind etwa achtzehn Meter zwischen ihnen—, setzt sich, spreizt die Beine und rutscht ab. In Windeseile geht er in gerader Richtung auf die Schlange zu. Unten angekommen springt er hastig auf die Füße. Aber wo ist die Schlange? Er wollte sie doch greisen, ehe sie ihm davonkommen konnte. Wie er sich so hin- und herwendet, spürt er ein Gewicht an seiner Jacke, blickt an sich hinunter und sieht die Schlange an seinem Jackensaum baumeln, wo sie sich im Stoff festgebissen hat. Es ist die Art dieses Reptils, da, wo es einmal zugepackt hat, nicht loszu- lassen, sondern die Kiefer unerbittlich festgeklemmt zu halten. Smith erschien am nächsten Morgen als glücklicher Mann mit seiner Beute im Museum und bekam seine 10 Schilling. Einmal aber wurde auch er bös gebissen. Nach einem erfolgreichen Tag bummelte er heim und hatte einen bäum- wollenen Kissenbezug voll Schlangen über der Schulter hängen, als eine der Puffottern durch den Stoff hindurchbiß und ihm beide Fänge ins Fleisch bohrte. Er hastete zur nächsten Straße, li^ß sich von einem vorüberkommenden Auto aufnehmen und zur Behandlung zu mir bringen. puk im Wachsfigurenkabinett Gestalten ohne Köpfe ragen in die düstere Gegend, irgend- wo reckt sich eine wachsbleiche Hand dem zur Unzeit ge- kommenen Besucher entgegen. Auf dem Fensterbrett stehen in Reih und Glied grinsende Köpse— in diesem Geisterhaus könnte man das Fürchten lernen, aber es ist ja nichts weiter als ein friedliches Wachsfigurenkabinett, in dem Großreine gemacht wird. Auch das muß einmal sein, alle Jahre müssen selbst die Menschen aus Wachs gebadet werden. Da kommen fleißige Putzfrauen und zerlegen sachverständig die Figuren in viele Teile, dann gehts mit Wasser und Seife los, un- barmherzig wird geschruppt und gebürstet, der Staub eines ganzen Jahres muß hinunter. Eine Dame hat die Friseurkunst erlernt, nach dem Bade kämmt sie die Haare richtig mit Kamm und Bürste, selbst der ärgste Raubmörder muß noch seine Tolle mit Pomade ge- macht bekommen, denn diese Frisur soll ja wieder ein Weil- che» kalten. Noch sorgfältiger muß man in der Abteilung für gekrönte Häupter vorgehen. Napoleon III. bekommt einen neuen Bart, im alten haben die Motten genistet: Wilhelm II. muß gehörig viel Pomade in seinen„Es-ist-erreicht-Bart" bekommen, denn vor der Reinigung hing der schon beträcht- lich herunter. Ein kleines Interview mit der Frau, die mit Recht von sich behaupten kann, sämtliche Berühmtheiten der Welt ge- waschen zu haben:„Ja, wissen Tie, die Orden müssen wir ja öfters putzen, die sind bei uns nur aus Blech, die werden so leicht stumpf und sollen doch glänzen. Gestern hatten wir große Wäsche, all die Chemisettes der französischen Präs«- denken, es muß alles sauber aussehen, wir haben für jede Figur unsere doppelte Galerie Wäsche, die Frackkragen sind zwar aus Papier, aber die Hemden, das geht doch nicht anders, die sind aus Leinen, nicht gerade die beste Qualität, aber immerhin Leinen. Wir sind ein moderner Betrieb, jeden Tag werden die Anzüge mit Stubsauger bearbeitet, von Cäsars Toga bis zu Stavtskys Frack. Stavisky ist unsere große Neuattraktion, von einem ersten Künstler modelliert, sehen Tie ihn sich einmal genauer an, wie aus dem Gesicht geschnitten." Während die Dame die Geheimnisse ihres seltsamen Be- ruses preisgibt, wäscht sie fleißig weiter, sie hat gerade den Kopf des letzten Zaren unter den Händen, schaurig steht der kopflose Rumpf in all seiner Ordenspracht daneben. Sie muß sich beeilen, in einer Stunde wird das Wachsfigurenkabinett aeöiinet, da müssen alle Herrscher ihre Köpse wieder haben, die Orden müssen blinken, die Stiesel geputzt sein— das kann das Publikum für sein Eintrittsgeld verlangen. Wissen Ale schon... .... welches Theaterstück die große französische Revolution einleitete?„Tie Hochzeit des Figaro" von Garon de Beaumarchaus(1732—1799). .... mit wieviel Ziffern die Römer ausgekommen sind? Mit sieben.(I= 1; V= 5; X= 10; L= 50; C= 100; D = 500; M= 1000.) «Deutsche Freiheit", Nr. 105 MB KIT UND WIRTSCHAFT Saarbrücken. Dienstag:, 8. Mai 1934 i ..Ausfuhr auf fede Weise" lieber die Tagung der Rohstahlgemeinschaft, des A-Pro- Huktenverbandes und des Stabeisenverbandes in Düsseldorf *ird berichtet:. Bei der Erörterung der Marktlage wurde betont, daß durch "le tatkräftige Initiative der Reichsregierung sich die A b- 'stjbelebung bis in die legte Zeit hinein fortge- sp Öt habe. Wenn auch die Frühjahrsbelebung diesmal saison- ntäßig früh eingesetzt habe und daher vielleicht mit der M ö glichkeit gewisser saisonbedingter Rück- n g© gerechnet werden müsse, so bewege sich doch der Absatz im allgemeinen auf einer aufsteigenden Linie. | ni Ausfuhrgeschäft machten sich allerdings noch >Mmer Schwierigkeiten bemerkbar. Es bestand Ueberein- timmung darüber, daß auf jede nur mögliche Weise eine Ausfuhrsteigerung herbeizuführen sei, weil dadurch nicht nur die Devisenbeschaffung gefördert werden könne, sondern v Or allem auch die Beschäftigungsmöglichkeit eine Stärkung cf fahren würde. 10 Milliarden Kommunalsdiulden (Inpreß). Der„Völkische Beobachter" stellte anläßlich e'ner Uebersicht fest, daß„alle schwebenden kommunal- Politischen Schwierigkeiten als allgemein bereinigt angesprochen werden können". Diese„Bereinigung" sieht so aus: Aach einer soeben bekanntgewordenen Statistik der deutschen Kommunalschulden ist die Gesamtschuld der Gemeinden a'lein in dem mit dem 30. September 1933 abgeschlossenen Halbjahr um nicht weniger als 160 Millionen Reichsmark gediegen. Sie erreichte damit die schwindelnde Höhe von 10.03 Milliarden Mark. Die Zahlungsrüchstände der Gemeinden stiegen um weitere 124 Millionen auf 595 Millionen. Im Jahre 1934 werden die Beiträge, die als..Reichszuschuß lür die Wohlfahrtslasten der Gemeinden" geleistet werden, v on bisher 700 Millionen auf etwa 300 Millionen fallen. Auslandsschulden In der ganz hakenkrruzlerischen„Europäischen Revue" Wollt Artur Zickler fest, daß die Bedrohung bestehen bleibt, «welche in der Schrumpfung des deutschen Außenhandels enthalten ist— hinzu kommt die schier unerträgliche Last der Auslandsschulden. Am 30. September 1933 hatte Deutschland 7,44 Milliarden langfristige Schulden und 7,41 Milliarden kurzfristige Schulden an das Ausland, welche vor September 1934 fällig werden. Das sind 14.8 Milliarden Mark, zu denen noch 4,2 Milliarden ausländische Kapitalanlagen in Wertpapieren und Grundstücken kommen. Die deutsche Gesamt Verschuldung an das Ausland beträgt also 19 Milliarden Goldmark. Allerdings sind die Schulden durch den Währungsverfall von Pfund und Dollar sowie durch Rückzahlung von etwas über 4 Milliarden gesunken, doch bleibt auch die bestehen de Last einer- 1 f. ä g 1 i ch, wenn man bedenkt, daß Deutschland für das Jahr 1934 über 800 Millionen Goldmark au Zinszahlungen Mark im Monat, also nur 7 Prozent. Ungefähr ebensoviel bekamen weniger als 14, zum Teil weniger als 12, ja sogar 10 Mark im Monat und nur ein Drittel einen Lohn, der höher war als 20 Mark, also 70 Pfennige täglich. Die Sorge im„dritten Reich" ist es aber nicht, daß die Entlohnung zu niedrig, sondern daß sie zu hoch ist. Bei Schaffung der Landhilfe wurde von den Agrariern eine unerwünschte Beeinflussung der Lohnhöhe befürchtet,„weil der Bauer im Hinblick auf die Beihilfe zu einer Ueberschreitung cles ortsüblichen Satzes geneigt sei". Im Reichsarbeitsblatt wird ausdrücklich festgestellt, daß diese Befürchtung sich als unbegründet erwiesen hat. Die Hitlerregierung hat die Lohn- bei hilf en so gestaffelt, daß nicht die Ueberschreitung, sondern die Unterschreitung de« Höchstsatzes die Regel und daß der Bauer verhindert wurde, einer Neigung zu fröhnen, die "den Großgrundbesitzern die Lohnkosten hätte verteuern können. rtfersdiidiien Mehr als je Aus dem Aachener Bezirk wird uns geschrieben: Auch im Wurmherghau werden auf fast allen Zechen neuerdings Feierschichten eingeführt. Eine Meldung, die recht aufschlußreich ist in dieser Beziehung, brachte der „Aachenri Volksfreund": „Die erste Feierschicht bei der Gewerkschaft„Sophia- Jakoha" Hückelhoven, den 24. März; Die Gewerkschaft„Sophia- Jakoha" hat seit dem Jahre 1920 ihre Belegs,haft von etwa 800 auf 3500 Personen erhöhen können. Bisher tvurde die Belegschaft noch von feeine, Feierschicht betroffen. Wie jetzt die Verwaltung der Zeche durch Anschlag bekanntgibt, sollen Feierschichten eingelegt werden. Wie. verlautet wird, soll dieses auf Absatzmangel zurückzuführen sein, Erze für Deutschland (Inpreß). Im Monat März sind 301 000 Tonnen Eisenerz von Kiruna(Nordschweden) über Narvik ausgeführt worden Diese Exportziffer ist höher, als der Gesamtexport in den letzten vier Jahren. Für den Monat April wird mit einer Ausfuhr in Höhe von 400 000 Tonnen gerechnet. Der größte Teil des verschifften Erzes geht nach Deutschland. Rußlands Volkswirtschaft im Jahre 1933 Von I Klawa Und wieder ein gewaltiger Ruck weiter. In jeder Hinsicht vorwärts und aufwärts. Das erste Jahr des zweiten Fünfjahresplanes zeigt von neuem, was man erreichen kann, wenn man planmäßig an den Aufbau und Organisierung der Wirtschaft herangeht, wenn man das Produzieren der Güter nur vom Gesichtspunkte des Bedarfes der Wirtschaft und den Notwendigkeiten des Lehens leitet und wenn nicht die Jagd nach Profit das Ausschlaggebende ist. Ja, man muß gestehen, es haften noch viele Mängel an allem, aber— wer hat die Wirtschaft eines Riesenstaates im Laufe von kaum eines Jahrzehntes umstellen können, ohne daß sie Lücken aufzuweisen hätte? Was ist nun erreicht und was verabsäumt worden? Im großen Durchschnitt halten die Großbetriebe ein Mehr von 9,1 Prozent erzeugt im Vergleich zum Vorjahr oder, in Rubel ausgedrückt, für 3,5 Milliarden Rubel mehr Waren hervorgebracht, als das im Jahre 1932 der Fall war. In den einzelnen Industriezweigen ist direkt Bewunderungswertes geleistet worden. An der Spitze steht in dieser Hinsicht die Automobilindustrie. Im Jahre 1933 hat man in Rußland 49,743 neue Autos und 73,370 neue Traktoren fertiggestellt. Das bedeutet, daß selbst der Plan des Jahres bei den Autos um 24,4 und bei den Traktoren um 21,3 Prozent überschritten worden ist. Die Schwerindustrie vergrößerte ihre Produktion um 11 Prozent und die Kohlenausbeute zeigt eine Vermehrung von 18 Prozent im Jahresdurchschnitt. Der Erfolg iui Kohlenbergbau kommt aber besonders kraß zum Ausdruck, wenn man die Novemberausheute der beiden letzten Jahre vergleicht: die Erhöhung beträgt dann 31,8 Prozent. Gußeisen weist eine Jahreserhöhung von 15 Prozent. No- vemhervei gleiche dagegen 27.6 Prozent. Stahl erfuhr eine Vermehrung von 15,5, Novetnbervergleiche 34,9 Prozent. Das sind die kahlen Zahlen. Als einen Erfolg kann man weiter auch die Verbesserung der Produktionsweise seiher buchen. Die durchschnittliche Jahresintensität der Arbeit in der Großindustrie ist um 10,7 Prozent erhöht worden, wobei die Zahlen in der Schwerindustrie eine noch höhere Norm, nämlich 12,5 Prozent, aufweisen. Die folgende Tabelle gibt Aufschluß, wie sich diese Vermehrung der erzeugten Warenmenge auf einen Arbeiter im Laufe des Jahres verändert hat. Ein Arbeiter erzeugte durchschnittlich in Rubel pro Quartal: 1. 2. 3. 4. Steinkohlenbergbau.... 515 529 558 568 Naphthaproduktion.... 2663 3188 3274 3068 Metallerze 1319 1519 1590 1654 Maschinenbau...... 1930 2105 2130 2331 Chemische Industrie.... 2792 3218 3192 3472 Alle Industrien 1774 1949 1987 2117 Diese Resultate konnten erreicht werden durch eine bessere organisatorische Erfassung der Arbeitsmethoden. Und da steht an erster Stelle die Vermehrung der industriellen Stoßbrigaden Wir haben schon mehrmals auf diese„sozialistische Wettbewerbsformationen", wie sie in Rußland genannt werden, hier hingewiesen. Auf den 1. Januar wurde folgender Prozentsatz der Gesamtarbeiterschaft der verschiedenen Industrien von den Stoßbrigaden erfaßt: 1930 1931 1932 1933 Metallindutsrie...... 36,0 68,7 70,7 62,6 Steinkohlenindiistrie....— 50.9 54,5 57,6 Chemische Industrie.... 40,0 74,3 73,7 72.8 Textilindustrie...... 26,0 60.8 68,5 72,5 Lederindustrie 33,0 71,3- 73,9 76,5 Alle Industrien 29,0 65,5 67,7 71,3 Von den Stoßbrigaden sind also jetzt nahezu drei Viertel aller Beschäftigten erfaßt. An zweiter Stelle verdankt die Industrie die größeren Resultate einer immer besseren technischen Ausbildung der Arbeiter und des leitenden Personals der Betriebe. In dieser Hinsicht sei es nur hingewiesen, daß in den 400 Betrieben von Moskau allein 115 000 Arbeiter eine technische Prüfung bestanden haben und gelten dadurch jetzt als hochqualifizierte Berufsarbeiten Was das leitende technische Personal betrifft, so wurden im Laufe des Jahres 1933 nicht weniger als 38 000 neue Techniker den Betrieben zugeführt, d h. diese Berufs- kategorie erfuhr eine Vermehrung von 11,4 Prozent. Mm kann sich vorstellen, welche Vorteile die Betriebe aus der technischen Bildung der Arbeiter seiher wie aus der Vermehrung der Zahl der technischen Leiter gezogen haben und wie sich das auf die Produktion selber ausgewirkt hat. Zweifellos spielte eine große'Rolle auch die ständige Erhöhung des Arbeitslohnes. Die letzten Zusammenstellungen zeigen folgendes Bild; der durchschnittliche Monatslohn betrug in Rubel: 4. Quartal 1932 1933 1933 Steinkohlenbergbau.... 119,5 130,9 149.0 Naphthaproduktion.... 120.1 139,5 155,3 Eisenerze. 118,6 135,0 155,3 Schwarzmetalle. Maschinenbau. Gummiwaren Glas und Porzellan 4. Quartal 1932 1933 1933 .. 135,3 143,5 156.2 ... 142,6 152,9 167.1 ,.. 125,4 130,7 136,3 ... 114,2 121,5 123,2 Im Jahresdurchschnitt ist also der Monatslohn um,-8 Prozent gestiegen. Im ganzen hat man im Jahre 1933 1.5 Milliarden Ruhet mehr an Löhnen ausgezahlt als im Vorjahre und die Gesamtsumme erreichte 34,3 Milliarden Rubel. Merkwürdig mutet einem die Tatsache an, daß man immer noch zu wenig Arbeiter in Rußland hat, denn die Zahl der Arbeiter ist im Jahre 1933 um 6 Prozent niedriger gewesen, als es nach dem Wirtschaftsplan vorgesehen war. Als einen Erfolg für das Wirtschaftsjahr 1933 kann Rußland noch die Verminderung der Selbstkostenpreise der Güter buchen. Schon der erste Fünfjahresplan sali eine Verminderung der Herstellungskosten vor, aber die letzten zwei Jahre konnte das nicht verwirklicht werden. Im Gegenteil, die Selbstkosten waren noch gestiegen. Das letzte Jahr ist nun ein Umschwung in dieser Hinsicht eingetreten, indem die Herstellungskosten im Durchschnitt um 1,5 bis 2 Prozent gefallen sind. In einigen Betriehen ist direkt Gewaltiges geleistet worden. In der Automobil- und Traktoreuiudustric beträgt z. B. die Verminderung 21,5 Prozent. Ueberhaupt hat die sogenannte Arbeitsdisziplin auch eine große Verbesserung erfahren. Es war direkt ein Krehsiibel sondergleichen, wenn man in früheren Jahren von der Arbeitsdisziplin spach und dabei konstatieren mußte, daß die Arbeiter sich an keine Ordnung gebunden fühlten. Der Kampf gegen das Blaumachen hat viel böses Blut erzeugt, aber er mußte durchgefochten werden, wollte man eine musterhafte Industrie aufhauen. Jetzt kann man sagen, das Blaumachen gehört der Vergangenheit an. Selbst das Jahr 1933 hat einer Verminderung der unentschuldbaren Absenzen um 10 Prozent gebracht. Und sieht man die Zahlen jetzt noch an, so sind sie nicht mehr der Erwägung wert. Für den Monat Oktober kommen solche Tage auf einen Arbeiter: 1932 1933 Maschinenbau.... 0,6 0.05 Schwarzmetalle... 0,41 0.05 Kohlenbergbau.... 0,96 0.15 Zu dtn Fortschritten der Wirtschaft muß man noch die Verbessetungen hinzufügen, die die russische Volkswirtschaft durch die erhöhte Bautätigkeit von Arbeiterwohiimigen im Jahre 1933 gewonnen hat Auch die Versorgung der.arbeitenden Bevölkerung mit Nahrungsmitteln hat gute Fortschritte gemacht. Wir haben schon in einem früheren Artikel darauf hingewiesen, daß auch die Kulturhcdürfnisse und ihre Befriedigung größer geworden sind als das Jahr voran. Es sei erlaubt, auch kurz hauptsächlich auf zwei anerkannte Mängel noch aufmerksam zu machen, unter denen die ganze Wirtschaft schwer zu leiden hat. « Die erste große Lücke bestellt in der Saisonhaftigkeit der Arbeiter Das. will sagen, es kommen immer wieder haufenweise Arbeiter vom Lande in die Betriebe und verlassen sie ebenso plötzlich, wie sie vorher aufgetaucht waren. Diesem Lehel ist besonders der Bergbau unterworfen. Dadurch wird die Entwicklung der Betriebe ungemein gestört, denn kaum sind die Ankömmlinge angelernt, verschwinden sie und neue müssen wieder angelernt werden. Ein gewisses Verschwinden dieser rein russischen Erscheinung ist auch im Jahre 1933 festzustellen, aber e» wird noch eine gewisse Zeit vergehen, bis sie ganz verschwunden ist. Eine noch unangenehmere Erscheinung zieht sich wie ein roten Faden durch die ganze Wirtschaft Rußlands, gegen die augenblicklich noch schwerer der Kampf geführt werden kann. Die Bedienung der neuen Maschinen ist für ungelernte Arbeiter keine Leichtigkeit, Deshalb ist das fertige Produkt nicht so, wie es sein sollte. Millionen gehen an nicht fachgemäß angefertigten Produkten verloren. Je komplizierter die Arbeit, desto mehr unbrauchbarer Waren. Kann man sich das Unglück und die Verluste vorstellen, wenn in einigen Betrieben für elektrische Apparate und Zubehöre Iiis zu einem Drittel der Fertigwaren nachher sich unbrauchbar erweist. Im Werk„Proletarij" hat es sich herausgestellt, daß z. B. im ersten Halbjahr 1933 nicht weniger als 35.7 Prozent der Waren unbrauchbar waren; vom Werke„Isolator" 24,7 Prozent und der„Swetlana" 12,5 Prozent. Nimmt man aber alles in allem, so kann man ohne Ucher- treibung sagen, daß Rußland auch im Jahre 1933 seiue Wirtschaft einen großen, einen gewaltigen Schritt weitergebracht hat. Der zweite Fünfjahresplan wird verwirklicht und Rußland rückt damit in die Reihe der großen Industriestaaten hinauf, das aber zum Gegensatz der andern kapitalistisch geleiteten Wirtschaften einen noch stärkeren Unterbau in seiner profitlosen Wirtschaft haben wird, und die alten weit überragen und einer neuen Entwicklungsphase entgegenführen wird. Russlsdie Daumwollaussaat (FSU.) Die Baumwollaussaat wurde in ganz Zentralasien vorgenommen und beginnt jetzt im Transkaukasus. Ueber 40 000 Hektar wurden bereits mit Baumwolle besät in Usbekistan, Turkmenien und Tadschikistan. Der Fortschritt in der Aussaat ist bedeutend größer im Vergleich mit dem letzten Jahr. Einige der Kollektivwirtschaften haben schon ihren Aussaatplan erfüllt. Die Baumwollaussaat ist für die gesamte Wirtschaft des Landes von größter Bedeutung. Schon mehrmals hat die Sowjetunion den Umfang der Baumwollpflanzung erhöht und «ich dadurch vom Zwange des Imports befreit. Die Verbesserung des Lebensstandards der Sowjetbevölkerung gab den Anlaß für eine größere Nachfrage nach Textilfabrikaten. Infolgedessen mußten die Baumwollpflanzen ihren Ertrag vergrößern, was durch eine bessere Ernte erreicht werden soll. Im laufenden Jahr sollen die zeutralasiatiachen Republiken 1 123 000 Tonnen Baumwolle produzieren, das sind 50 000 Tonnen mehr als 1933. In diesem Jahr werden 41 000 Hektar in Transkaukasieu mit ägyptischer Baumwolle besät werden(das Hauptgehiet in der USSR. für ägyptische Baumwolle), was doppelt so viel ist als letztes Jahr. Das Gesamtgebiet für Baumwollaussaat in Transkaukasieu bleibt das gleiche wie im Vorjahr, aber der Ernteertrag soll um 7,5 Tonnen pro Hektar erhöht werden. Dadurch soll e|ne Steigerung yon 20 000 Tonnen Baumwolle im Vergleich zu 1933 erzielt worden. Moskaus Untergrundbahn Der Bau-der Moskauer Untergrundbahn macht außerordentlich große Fortschritte. Nicht weniger als 50 000 Arbeiter sind mit dieser Arbeit beschäftigt. Am 1. Mai beendeten die Erbauer die ersten zweieinhalb Kilometer der doppelspurigen Bahn. Pariser Deridite Dos soziale ProDJcm der„Embuscode" Ueber„L'Embuscade", das Stück von Kistemaedcers, das jeijt wieder in der Coraedie Franchise gespielt wird, schreibt Amcdee Dunöis im„Pöpulaire" u. a.:„Ein Großindustrieller aus Nizza, Gueret. gewinnt eines Abends große Zuneigung zu einem Polytechniker, den ein a J te t Freund bei ihm eingeführt hat. Er weiß nicht, wer dieser junge Mann ist, der weder Geld noch Familie bat. aber seine scharfe Auffassungsgabe und seine hohe Bildung gefallen ihm. Er nimmt ihn auf in seine Fabrik, und Robert Marcel wird von heute auf morgen sein rechter Arm. Bis dahin ist alles in Ordnung. Mit einmal zeigt sich, daß Robert das uneheliche Kind der Frau seines Unternehmers ist, die als junges Mädchen, wie man zu sagen pflegt, gestrauchelt ist. Robert hat keine Ahnung, Gueret auch nicht, bloß wir. das Publikum, erfahren es gleich und ahnen alles. Robert beginnt die Mademoiselle Gueret, also seine natürliche Schwester, zu lieben, und was tut die unglückliche Mutter? Um diese unmögliche Heirat auf jeden Fall zu verhindern, behandelt sie den jungen Mann von oben herab und läßt ihn wissen, daß die Tochter eines Großindustriellen nicht die Frau eines Angestellten ohne Vermögen und ohne Namen, dies vor allem nicht, werden kann. Schwer beleidigt verläßt Robert die Fabrik und stellt sich an die Spitze der Arbeiter, die im Streik begriffen sind; Und im dritten Akte überbringt er dem Unternehmer, der zum Ruin getrieben ist, das Ultimatum der Ausständigen: er soll den Arbeitskontrakt unterzeichnen, oder in zwanzig Minuten fliegt die Fabrik hoch. ^ Die Fabrik fliegt hoch. Bei der Explosion stürzt sich der Unternehmer auf den Ingenieur, schlägt ihn zu Boden und will ihn erdrosseln. Da erscheint Madame Gueret, stößt, einen Schrei aus und verrät ihr Geheimnis. Im 4. Akt schickt sich der zugrunde gerichtete Unternehmer an, Frankreich zu verlassen und in den Orient zu ziehen. Jedoch, er zieht nicht. Die Tränen seiner Tochter, der Schmerz seiner Frau siegen über seine Verzweiflung und stimmen ihm zu. Er vergibt Robert und nimmt mit ihm vereint den Kampf für das Leben auf. In diesen vier Akten überhäufen sich die grausamen und schlimmen Szenen derart, daß man fürchtet, das Gleichgewicht des Dramas werde kaput gehen. Kistemaeckers will uns lehren, daß der stärkste Mensch feindlichen Mächten gegenübergestellt ist, die unsichtbar auf dem Wege lauern (Embiiscade heißt ja Hinterhalt). Aehnlich sagten es schon die Griechen. Man kann von diesem pessimistischen Stücke, das nicht weniger willkürlich als das optimistische Leben ist, dem es »ich widersetzt, denken, was man will. Trotz allem hat Kiste maeckers seiner Schöpfung den Bau der Wahrscheinlichkeit gegeben. Der vierte Akt entbehrt nicht der Größe und menschlichen Tiefe." Im Anfang seiner Kritik stellt Dunois dann weiter fest, dach Kistemaeckers von seinem philosophisch-moralischen Standpunkt aus die Demonstration verfehlt hat.— Im Ganzen haben wir in Kistemaeckers ein Werk der älteren pathetisch-lateinischen Art vorliegen, die in dem propagandistischen und sozial kämpfenden Stil der Gegenwart seitdem eine notwendige Ergänzung gefunden hat. Keine Erhöhung der Aufobnsprelse Die Sommerdampfer auf der Seine sollen verschwinden? Wie die„Intran" erfahren haben will, sollen die Autobus- preise in Paris nicht erhöht werden- Das Defizit von 200 Millionen Franken der Pariser Verkehrsgesellschaft (STCRP.) soll nach der Absicht des neuen Seine-Präfekten M. Villey dadurch gedeckt werden, daß 1. die Zuschußlinien aufgehoben werden, wodurch 600 000 Franken im Jährt gespart würden, und daß 2. diejenigen Autobuslinien, die neben Untergrundbahnen herlaufen,(also eine zweite Verkehrsmöglichkeit darstellen) von abends 21 Uhr an auf- gehoben werden. Die alte Bahn nach der bekannten Gemüse- und besonders Bohnenstadt A r p a j o n in der Banlieue-Ban- lieue, soll durch Autobusse ersetzt werden. Dann soll auch der Dienst der S e i n e• S c h i f f e, die im Sommer so beliebte Ausflugsmittel nach St. Glend oder Alfortville waren, nicht wieder aufgenommen werden. Diese letzte Entscheidung erscheint uns aus allgemeinen Gründen des Stadtbildes und des Verkehrs als schwere Beeinträchtieiin- des weltstädtischen Lebens der Seinestadt. Die Nelihauf Im Küstenort Saint-Malo in der Bretagne, einem wunderbar gelegenen ehemaligen Seeräuber-Nest, hat sich eine seltsame Tragödie zwischen Studenten zugetragen, die dort die Hochschule für Wasserkunde besuchen. Infolge eines Streites, bei dem eine beleidigende Wendung gebraucht wurde, erhielt der Söhn eines früheren Exportkaufmanns in Saint-Malo namens Bossiere eine Ohrfeige,' die ihm die Netzhaut zerstörte. In der Klinik von Nantes sah man keine Möglichkeit, das Augenlicht wieder herzustellen. Wahrscheinlich wird sich der ungewöhnliche Fall ereignen, daß eine einfache Ohrfeige den Täter vors Schwurgericht führt. Von ärztlicher Seite wird uns dazu mitgeteilt, daß die Folgen der Tat nur denkbar sind, wenn der Geschlagene ungewöhnlich kurzsichtig war. In diesem Falle kann sogar schon das Vorbeifahren eines heftig rüttelnden Wagens oder eine sonstige Erschütterung die Netzhaut, die sehr locker bei derartig Kranken sitzt, abhäuten. Es handelt sich also um Umstände der Tat, nicht des Täters. 8»»1PKDST€I| ForstgcHilfe 91., RR. Sie Haben aus einer Reise durch Westdeutsch, land gehört, daß eine 180 Jahre alte und 40 Meter hohe Schwarz» waldlanne als Maibaum aus das Tempelhofer Feld nach Berlin ge- schafst worden ist. Die Majestät des deutschen Waldes kann sich gegen die Frevler nicht wehren.— Sie verstehen manches nicht mehr in dem„dritten Reich", das auch Sie vor einem Jahre, hossnungs- voll begrüßt haben. Denken Sie mal über ein Wort von Rückert nach:„Am Walde hätte nicht die Axt so leichtes Spiel, hätt' ihr der Wald nicht selbst geliefert ihren Stiel." B. B. Mallorca. Ob es richtig ist, daß zu Hitlers Geburtstag die Stadt Saarbrücken so stark beflaggt war, wie Ihnen ein Bild in einer illustrierten Zeitschrift zeigte? Aber gewiß, die ganze Stadt zeigte sehr starken Flaggenschmuck, aber sehr viel davon waren politische Wetterfahnen. Auf dem Laitee wird Übrigens sehr wenig geflaggt.* I., London Wie Sie uns mitteilen, hat das nationalliberale Ilnterhausmitglied für Gast Edinburgh, D. M. Mason, in einer Versammlung vor seinen Wählern erklärt, er habe während seines kürzlichen Besuches in Deutschland mit führenden deutschen Autor!» täten die deutsche Judenfrage erörtert, dabei wurde ihm die Ber» sicherung gegeben, daß der antijüdische Kreuzzug in Deutschland Deutsche Poliklinik TSl. Trlnitk 43.13 MSI.o Piq.ll. Pari». 62, Ru. da la RoAafoucauld «) Allgemein« Konsultationen mit 9 Spesialisten b) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshilfliche Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9-12 o. 2-8; Sonntags and Feiertags von 10-12 o# 2 6 Uhr nicht weiter sortgesetzt werden, wird. Der sehr ehrenwerte Mr N!a» so« schein» gläUbtg hingenommen yr haben, was man ihm in Ber» lin ausgebunden hat. Das sind doch alles nur°Bcruhigungspillen für das Ausland. In Wirklichkeit wird nicht ollein den judenfeind- lichen Kräften freier Spielraum gewährt, sondern vondenober» st e n Regierungsstellen selbst wird die Entrechtung- Depogedierung der Juden unentwegt weiter betrieben, wie dies der letzte Erlaß des Kultusministers Dr. Rust über die Fernhaltung jüdischer Kinder von den mittleren und höheren Schulen und zahl» reiche andere neue Ersäße untergeordneter Behörde» sowie Urteile der Gerichte bezeugen. „Berliner". Ihre Mitteilung, daß alS Erkennungsmarke für die preußische Kriminalpolizei das Hakenkreuz eingeführt worden ist. nehmen wir zur Kenntnis. Wenn die Beamten diese Marke bei der Festnahme von Kriminellen vorzeigen, wird das Hakenkreuz so man» chem Verbrecher aus seiner Laufbahn in der SA. lieb und vertraut sein. Dr. 8. K., Brüste!. Es mag sein, daß in mehreren Gebieten Nazi» führer gemaßregelt worden find, weil sie oder ihre Untergebenen sich an Deutschnaiionalen, Slahlhelmern ujw. vergriffen haben. Wegen der Folterung und Ermordung von Marxisten werden solche Bur» schen höchstens befördert werden. Lehrerin von drüben. Sie haben auf einer Auslandreise gelesen, daß man von dem verhafteten Superintendenten Hahn Fivgerab» drücke ipie von einem Verbrecher genommen hat. Außerdem hat man Ihnen aus dem Reiche geschrieben, der Reichsbischof werde balb- zurücktreten mügen, weil er herzkrank ist. Ist er wirklich nur am Herzen krank? Freund von der belgischen Grenze. Sie schreiben uns:„Wieder ein Korruptiontsall einer Nazigröße. Günther, vor dem Naziregiwe Sisenbahnaßistent am Güterbahnhof Moltkestraße in Aachen, war dort schon einige Jahre rühriger Propagandist der Nazibewegung. Gab auch das„Vorsignal", ein Naziblättchcn, heraus. Selbstver» stündlich wurde Günther bei der Machtergreifung der Nazis sofort befördert. Er wurde zur Eisenbahndirektion in Aachen versetzt. Jetzt ist er plötzlich verschwunden. Der Geldschrank in der Direktion mußte, da er die Schlüssel mitgenommen hatte ausgeschweift werden. Es stellte sich heraus, daß ein Scheckbuch mit 88 Schecks lausender Nummer fehlt. Günther hatte Zeit genug diese in bare» Geld um» zuwandeln. Man munkelt von einem Betrog, der in die. 100 000 Mk. gehen soll. Die Persönlichkeit dieses Günther ist dafür bekannt, daß er sich mit Kleinigkeiten nicht abgibt. Mittelftändler in S. Ihnen hat ein Kollege aus Aachen geschrie- ben:„Zur RS-Hago-Dagung nach Köln am DoNntag, dem 15. April waren etwa 1500 Personen hingefahren. Der Mitgliederbestand be- trägt über 10 000. Die Begeisterung scheint also nicht besonders ge- wesen zu sein. Dr. Ley soll eine der übelsten Schimpfreden mit den Wortblüten Schweinehunde usw. gehalten haben." Druckeroi, Vorlag und Redaktion dar ^Dsulsdicn Freiheit Saarbrücken, Postschließfach 776 Für den Gesamtlnhalt verantwortlich: Johann P l y In D»d» weller: für Inseralt: Cito Kuh« in Saarbrücke« Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSstlmme GmbH« Saarbrücken 8, Schutzenstroße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. Das neue Fort Chabrol In der Cite Jeanne d'Arc Das ist der Engpaß in der Vorstadt, wo die Kämpfe nach der Maikundgebung stattgefunden haben. Das ist das neue Fort Chabrol von Paris,— in dem alten wurde um die Jahrhundertwende gerungen, als noch die große Erregung um geistige Dinge und Lohn und Freiheit durch Europa zitterte. Heute sind es Wellen auf der trägen Flut, bis das Meer wieder schwellen wird. „Was, nach der Cite Jeanne Darc?" fragt einer in der Gegend der place d'Italie,„aber das ist doch eine Halbver- rückteustadt, eine verwunschene Gegend,— na, Sie werden je sehen." In der Tat, hier ist eine cyklopisdie Landschaft, durch die ein Sielen steigt. Der Wind weht aus den Arbeiterorten im Süden herüber, aus Ivry, aus Villejuif, aber hier fängt er sich mehr in alten Kattunröcken und Ziegenbärten und Rotweinbuddeln. Dazwischen kleben dann wieder Plakate mit dem alten Arbeiterliede:„Foule esclave, debout, debout." Hier ist die Ecke, in der die Weltstadt in billigen Nfger- hotel» und Bauplätzen und einem Heer von Kindern ertrinkt. Wie eip Seiltänzer im Vorortzirkus tanzt.die Hochbahn über den Boulevard de la Gare. Seitwärts ist eine Abbruchsteile, die vorderen Häuser mit Läden stehen wie abgebrochene Zähne da und werden von ungleichen Stiften im Rachen der Großstadt überhöht. Auf einem Hügel mit grünem Gras räkeln sich faule Landstreicher, aber ernst und feierlich vollgepfropft fahren die Autobusse vorüber, die die Midinetten vom Schneidern zurück nach Vitry fahren. Eine Reihe von Frauen geht trostlos vor den Fabriken der rue Jeanne Darc entlang. Die Fabriken sind hohe fensterlose Mauern wie Kirchhöfe und Schornsteine wie Leichenöfeu. Im Straßenschmutz geht eine elegante Negerin mit dicken schwergoldgnen Ohrhangen spazieren. Madeleine schaut sehnsüchtig auf die wunderbaren französischen Kuchen einer Feinbäckerei, deren Meister den Namen d'Arc adlig geschrieben hat. Oben hockt die braune Kirche der Notre Dame de la Gare auf einem Berge, der mit einem blauen Postamt und einer Schule und zwei Alleen blühender Bäume bewachsen ist. Auf diesem Platze spielen die kleinen Arbeitermädels Hüpfen. Sie ziehen dazu Kreise und Striche, unten mit Zahlen, und schieben mit den Füßen alte Oel- sar.ginenschachtelji in ein Ziel, auf dem„Ciel" steht. Ein betrunkener Gnom sitzt auf einer Bank und pfeift durch die Zähpe, indem er eine Puppe ohne Kopf hin und her wirft, bis ein Schutzmann kommt. In der Kirche sehe ich ein hohes romantisches Schiff und viele Votivtafeln mit Dank für Errettung aus Herzensangelegenheiten. Der Priester in Schwarz und Weiß singt das Tantum ergo, und das ganze rechte Kirchenschiff ist voller Nonnen, die weiße Schnabelhanben tragen. Nachher wandeln die Nonnen alle gravitätisch an den Kindern aus dem Fort Chabrol vorbei. Hinter der braunen Kirche hält-ein Auto eines eleganten Parisers mit einer Frau mit einem Frühjahrsmodell.„Ach, Sie suchen auch das neue Fort Chabrol?" lächelt er,„ja, da gleich rüber, aber lassen Sie sich nicht erwischen,— hier gilt noch die alte Parole: An die Laterne, hat ja— n sauberen Kragen um." Das Fort besteht aus drei Einschnitten zwischen hohen Mietblöcken, aber der richtige ist der dritte, der eigentlich kein Sack, sondern ein Engpaß ist, denn er geht durch ein Eisengitter in der rue Nationale durch, die, nach einem schlechten Witze, besser rue Internationale heißen müßte. Auf dem Eisengitter haben die pfiffigen Pariser Pressefotografen gesessen, als die letzte große Razzia verpfiffen wurde. Die Polizei ging darauf wieder weg, und das Fort blieb unbesiegt Aber die dreizehn armseligen Keple an den Holztischen des Reviers, mit wirrem Haar und Hunger,, schauen einen wehklagend an. Solche Elendshöfe sah Zille nicht. Die Mietblocks sehen von der Straßenseite- wie Gefängnisse aus, schwarz, dunkel, denn statt der Fenster tragen sie vielfach nur Eisenstäbe. Paris ist sonst mit Balkons und Renaissancegittern ausgerüstet, hier sind die Balkons weggelassen, und nur die Eisenstäbe hegen die Löcher ein. Zwischen ihnen schauen Frauen und manchmal Flieder und Maiglöckchen heraus. Die alten Leinenhosen, Kittel und Tücher wehen wie See- räuberfahneu in der Luft, aber nach Meersalz riechts nicht. „Na, trau dich man," ruft mir gin Seltsam bunt gekleidetes Weib, eine halbbetrunkene Sechzigerin zu. Die Häuser sind so dunkel, daß man kaum die Treppe am Tage finden kann. Ueberall Abfälle, vergossene Milch. Die Frauen ziehen Kinder und sind schwanger. Die bunte Alte kommt vorbei und schleppt einen Abfallkasten feierlich an einem Strick, den sie um den Eimer geschlungen hat, wie ein Bettler eine Orgel zieht. Da drunten streiten sich zweie, aber friedlich. Der alte Flickschuster mit einer Ahle und der grünen Schürze schaut auf, Der Tischler hört auf zu hämmern. Die Weiber schauen aus der Garküche. Da vertragen sich die beiden Halbwüchsigen der Cite wieder. Alte Berliner Geschichten vom Ochsenkopp, vom Nußbaum, hier ins Französische übe» tragen, fällein einem ein... An der Ecke gröhlen die Kinder. Da steht ein Plakat von dex Kommission aus Indochina, sie wird die Wahrheit sagen, eile dira la verite. Aber das ist es nicht. Es ist eine Rotweinflasche auf dem Boden, und vor dem Schnapsladen säuft einer der Chabrol-Brüder aus voller Flasche. Der Inhaber kommt heraus:„Mensch, gehste weiter?"„Ja, ich geh schon," sagt der Ziegenbart stolz und willig,„aber willste nicht wenigstens einen mittrinken aus meiner Flasche?" Seltsame Landschaft dunkler Steine, seltsames Fort Chabrol, Burg der- Bettler,Wie sehr erinnerst du mich an meine Heimat, an die Jugend, an die Wiese, wo der Schnitter von der Walze sang:„Durch die Hose pfeift der Wind." Wahrlich. Lied von Chabrol, wie sehr hör ich deine Melodie! Bist du nicht der letzte Waldsang der Freiheit, der noch in die Städte dringt.„C'est drole au fort Chabrol, quoi," grinst die Alte. Wahrlich, dies ist nicht die Cite der Jungfrau, nicht da» lothringische Dienstmädchen in Ritterrüstung, wie sie auf dem Boulevard dort unten steht, auch nicht die Heilige vom großen Dom zu Orleans, die wieder ihr Fest hat,— dies ist die Urjeanne von Paris, von Villen, dem Urverfasser der Lieder der Dreigroschenoper an der Seine Baptist. !&ocfcMt ffpeciof isrfe I DEUTSCHSPRECHEND i Münchener u Pariaer Fakultä 17, rue Reaumur Mttro Ar»j-et-Metieri ed. Rtpubllque Frauen», Blut», Haut», Harn» und Ge» schlechtskrankheiten, Tripper, Syphi» Iis, Männerschwäche. Neueste Heil» verfahren. Elektrizität. Harn», Samen» und Blutanalysen. Massige Bedingungen.(Auch für Kossen versicherte.) Täglich von 9- I und 4- 8,30. Uhr Sonn» und Feiertags von 9 bis l u. aut Rend.. v. Tel. Arch.54-27 Deutsches Zahnärztliches Institut a, RUE OK OOUAI. SUtee. BU.cS., Pi,.ü. ru. trüutS 40.27 stwUludw MZ. 24 Uhr Zahn. Mund kr an Ich., Röntgen. Elektrotherapie, Prothaaan, Kronen. Brtleken in Gold, Platin n. 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