Sinzige unabhängige Tageszeitung Veutschiands Nummer 106— 2. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 9. Mai 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Aus dem Inha lt Sxucm gegen die. iscfiäfe Seite 2 !Begeqnanqen mit"Jxotzki Seite 2 dütlees Angst ixet dee Saaccdstimmunq Seite 3 JUichsmUtistec SCecmes ixocQecicht Seite 7 Cut&ücgecunqsfa&cik Seite 7 Englische flugmotore für Deutschland Französischer Einspruch in London Paris, 5. Mai. Die Havasagentur veröffentlicht eine Meldung auf London, in der es heißt: In englischen Luft- fahrtkreisen versichere man, daß die französische Regierung unter Berufung auf Pressenachrichten in London Auskunft darüber nachgesucht habe, daß gewisse englische Firmen sich anschicken, an Deutschland Flugzeugmotore zu verlausen. In interessierten französischen Kreisen sei man nämlich der Ansicht, daß solche Verkäufe— wenn sich die Nachrichten hierüber bestätigten— in Widerspruch sowohl zu dem früheren Meinungsaustausch zwischen den beiden Regie- rungen wie auch zu den Abrüstungsreden der englischen Staatsmänner stünden. In autorisierten englischen Kreisen erkläre man indessen, daß es keinen Text gebe, der die Mög- lichkeit biete, Kriegsmaterial von zivilem Material, das einzig und allein in den Bereich der Handelspolitik gehöre, zu unterscheiden. Man erblicke in London in dieser Kontro- verse jedoch einen Beweisgrund zugunsten des Abschlusses eines Abrüstungsabkommens, daö die Eigenschaften der Lust- schiffe und der dabei zur Verwendung kommenden Einzel- teile genau bestimmen würde. Während über diese französische Anfrage keine aus Paris datierte Information vorliegt und die Oeffentlichkeit von dem Vorfall überhaupt nur durch die eben angeführte Mel- dung unterrichtet wird, die aus London datiert ist, beschäftigt sich das„Echo de Paris" utit dieser Meldung und mit dieser angeblichen deutschen Flugzeugmotorenbeftellung in England, die sich auf 8« Rolls-Royco-Motore erstrecke. DaS Blatt verweist mit leichter Kritik auf die englische Neigung, die Rechte des Handels als sakrosankt anzusehen, und fügt hinzu, daß es England auch in der Politik widerstrebe, irgendeinen Staat von vornherein kriegerische Absichten zu unterstellen. Das„Echo de Paris" bezeichnet die englische Flugzeug- motorenlieferung an Deutschland als britischer Beitrag zur Aufrüstung Deutschlands. Die französische Regierung habe gut daran getan, in London diese Frage auszurollen. Aussichtslos! London, 8. Mai. Im Oberhause fand am Montag eine Aussprache über die Politik Englands im Fernen Osten und in der AbrüstungSsrage statt. Die japanische Fernostpolitik wurde scharf angegriffen. In der Abrüstungsfrage erklärte ein Regierungsvertreter, daß weitere Verhandlungen mit den Regierungen aus- sichtslos seien, und daß England keinerlei Vorschläge über irgendwelche Garantien machen werbe. * London, 8. Mai. Im Grunde hält man nun allgemein die Abrüstungskonferenz für hoffnungslos, und die Regierung erwägt bereits die Folgerungen, die sich aus dem Scheitern der Konferenz ergeben werden. Es ist leicht möglich, daß sich aus der Situation in Genf die Notwendigkeit einer Umbil- dung des englischen Kabinetts ergeben wird. Es würden bann Mac Donald und Sir John Simon aus- scheiden. Spaltung Im Kabinett Macdonald Der Streit um die Abrüstungsfrage London, 8. Mai. Der politische Korrespondent des „Daily Herald" schreibt: Eine ernste Krise ist innerhalb des Kabinetts entstanden, wo die Tory- Minister unter Führung des Kriegsministers Lord Hailsham dem Pre- mierminister in der Abrüstungsfrage entgegentreten. Maedonalb, der zur Ausstellung eines umgeänderten Ab- riistungsvlar.es ist, befindet sich gegenüber seinen Kollegen in der Minderheit. Wenn auf der heutigen Sitzung des Kabinettsausschusses für Abrüstung keine Einigkeit erzielt wird, dann wirb die Sache aus der Vollsitzung am Mittwoch ausgekochten werben müssen. Tatsache ist, daß im Kabinett eine hoffnungslose Spaltung wegen der Abrüstungsfrage besteht, und daß eine Anzahl Minister abgeneigt sind, bei der Suche nach einem Abkommen noch weiter zu gehen. LÜrd Hailsham und Sir Jobn Simon sind besonders der Mei- nung, daß Großbritannien genug getan hat. Ein anderer Teil des Kabinetts, dem Moedonald, Lord Halifax, Lord Sanken und andere angehören, ist dafür, daß noch eine weitere Anstrengung unternommen werden soll, um ein, wenn auch noch so begrenztes Abkommen, zu erreichen. Diese Minister sind bereit, eine beträchtliche Strecke WegeS zu gehen, um der französischen Forderung nach Sicherheit Genüge zu tun. Die Mehrheit des Kabinetts ist gegen neue Verpflichtungen in Europa. Ob Macdonald Festigkeit zeigen wird, bleibt abzuwarten. Der Korrespondent fügt hinzu: Es verlautet, daß die britische Abordnung bei der Abrüstungskonferenz außer Sir John Simon und dem Lorbsiegelbewahrer Eden noch andere Kabinettsmitglieder umfassen werde, und zwar, um zu ermöglichen, bei irgendwelchen Veränderungen der Lage sofort an Ort und Stelle Rat zu pflegen. Sien der sozlaldcmohratie Niederlage der sorgerildien und der rrontisten In Bern Bern, 8. Mai. Die Neuwahlen für den Großen Rat im Kanton Bern haben mit einem vielfach überraschenden Er- gebnis geendet. Da auch die Schweiz von der wirtschaftlichen Krise ersaßt ist und die faschistische Propaganda diese Er- scheinungen gut auszunutzen versteht, hatten die bürgerlichen Kreise mit einer Machtverschiebung nach recht gerechnet. Das Gegenteil trat ein. Siegerin wnrd« die Sozialdemokratie und die srontiftische Bewegung erlitt eine schwere Niederlage. Obwohl der Kanton Bern eine überwiegend bäuerliche Bevölkerung hat, konnten die von allen Seiten heftig be- kämpften Sozialdemokraten zehn Sitze gewinnen, während die Nationale Front überhaupt ohne Mandat aus- geht. Allerdings erhielt die Heimatwehr, eine Haupt- sächlich auf der Freigeldtheorie ausgebaute politisch-fron- tistische Sekte des Berner Oberlandes, drei Sitze. Dazu kommt noch ein weiterer Vertreter der F r e i g e l d b e w e- gung, der keiner Partei angehört. Die Bauern-, Bürger- und Gewerbepartei, die ihre Mandats- zahl von 101 unverändert behaupten konnte, und die Frei- willigen, die allerdings von 41 aus 38 zurückgingen, werden auch künftig mit den katholischen Konservativen, welche 1» sM Mandate besitzen, die Mehrheit des Großen R a t e s haben. Obgleich zwar die politischen Verhältnisse des Kantons Bern nicht ohne weiteres aus die übrigen Kantone der Schweiz übertragen werden können, zeigt die Wahl doch, daß die front istische Erneuerungsbewegung in den Kern des demokratischen Kefüges der Schweiz bisher nicht hat vordringen können. Die Basier„Arbeiter-Zeitung" schreibt zu dem sozial- demokratischen Sieg: Das Wahlergebnis ist eine glatte Verurteilung der bttrger- lichen Politik und ein ausgesprochenes Vertrauensvotum für die Sozialdemokratie! Für eine Partei, die auf Grund des geltenden Programmes kämpfte, und die es ablehnte, ein Bekenntnis zur Landesverteidigung im bürgerlichen Sinne abzulegen. Erfreulich an diesem Erfolg ist, daß er sich fast gleichmäßig auf Land und Städte verteilt. Im industriellen Biel, wo ein scharfer politischer Wind weht, ist das Wahlergebnis be- sonders glänzend. Von den 13 Mandaten holten unsere Ge- nossen 9 im ersten Anhieb. 2 mehr als bisher. Aber auch in Bern und Thun sind je ein Gewinn zu verzeichnen. Sehr erfreulich und vielsagend sind die Erfolge in den ländlichen Bezirken Münster, Courtelary, Signau, Konolfingen. Bern- Land. Sie beweisen, daß der Einbruch in die Hochburgen der Bauern-, Bürger- und Gewerbepartei nicht mehr auf- zuhalten ist. Besonders bezeichnend ist, daß weder die Fronten nochdie Kommuni st en Erfolge zu erzielen vermochten. ES war zu erwarten, daß die Heimatwehr im Oberland einige Sitze erhalte. Die Schwarzseher sahen bereits eine ansehnliche faschistische Fraktion im bernischen Großen Rat. Auch das ist nicht eingetroffen. Der Gewinn von zwei Mandaten ist recht bescheiden. Die K o m m u n i st e n gehen überhaupt leer aus. Sie mögen bewirkt haben, daß der Sozialdemokratie einige Stimmen entzogen wurden. Die zielbewußte, vom Geist deS marxistischen Sozialismus beherrschte Politik, die sich von keiner Panikmacherei beein- Hussen läßt, die aber auch der Aengstlichkeit keine Konzes- sionen machte, hat Erfolg gehabt. Der Sozialismus lebt und der Marxismus ist so robust, daß an ihm der Gegner zerbröckelt! Gestern und heute „Es leben die Studenten nur in den Tag hinein.,." Vergessene Zeiten, verklungene Lieder. Leute leben die Studenten natürlich nur für Adolf Hitler. Wenigstens, wenn man alles glauben dürfte, was in den Zeitungen steht. Private Nachrichten von Deutschlands hohen Schulen lauten zwar gelegentlich etwas anders. Da heißt es, viele der jungen akademischen Bürger hätten den Rummel schon reichlich satt, da sie nicht zum Studieren kämen, im Examen womöglich durchrasselten— und da schließlich nach gutem altem Brauch das bestandene Examen allen wissenschaftlichen Slre- bens hohes Ziel ist. Schnöde Professoren sollen ihren Hörern sogar schon erklärt haben: ja, lieber Kommilitone, entweder sind Sie bei der S/4. oder Sie kommen ins Seminar. Beides zusammen geht nicht. Und Herr Dr. Stäbel, Führer aller deutschen Studenten, sah sein Volk an, und es jammerte ihn sehr des Volkes. Denn es wußte nichts, war faul und ungeschickt zu allen Dingen des Verstandes und des Kopfes.„Alle diejenigen", rief Herr Stäbel— die„Kreuzzeitung" hat seinen Ruf veröffentlicht, „die glauben, daß sie in Zukunft allein auf Grund guter Parteidienstzeugnisse etwas erreichen können, gegen die werden wir mit schärfsten Mitteln vorgehen". In Zukunft— sagte Stäbel. Bisher offenbar nicht. Bisher konnte man also zugestandenermaßen ohne sonstige Leistungen, allein mit dem Parteizeugnis,„etwas ereichen". Das wollten wir nur wissen. Es ist nämlich immer abgestritten worden. Es wird auch„in Zukunft" abgestritten werden. Trotjdem bleibt der beste Rat, den man einem jungen Karrieremacher an einer deutschen Hochschule geben kann, nach wie vor, sich ein gutes Zeugnis bei der S/4, zu verschaffen; es wird ihm weiter helfen, als das Testat seines Professors. Es darf bloß nicht so auffallen. Denn welch trauriges Bild, wenn— wir zitieren immer den Stäbel—„wenn in den Seminaren nur noch diejenigen sißen, die dank ihrer Abstammung oder politischen Einstellung nicht Mitglieder der Studentenschaft sein können." Grausig. Das ist also das Ergebnis der nationalen Revolution: in den Seminaren sißen nur noch Marxisten und Juden, saugen die Brüste der Alma maier leer, und inzwischen marschieren die echten Arier mit gepacktem Tornister, aber leider leerem Gehirn in die. staatlichen und wirtschaftlichen Stellungen.„Da muß es sehr bald zu einer Katastrophe kommen", seufzt Stäbel— wenn nämlich die Blüte der Nation lieber die Beine als den Kopf anstrengt und das blöde Büffeln ausschließlich den Minderwertigen überläßt. Argus. 100 Jahre Kerher Das Schicksal der Schutzbündler Wien. 7. Mai. Während des Februaraufruhrs waren den beiden Wiener Landesgerichten rund 2990 Sozialdemokraten als Gefangene eingeliefert worden. Zurzeit befinden sich in diesen Gefäng- nissen noch 1499 Häftlinge. Gegen 299 Schutzbünbler sind die Prozesse bereits durchgeführt: nach der Berechnung eines Blattes erhielten sie insgesamt hundert Jahre schweren Ker- kekrs. Gegen einen Teil der Häftlinge wurde das Strafver- fahren eingestellt, und sie wurden auf freien Fuß gesetzt. Andere wurden ins Konzentrationslager gebracht. KOnlg von Ungarn? Zurückhaltende Erklärungen Budapest, 8. Mai. In der Nachtsitzung deS Parlaments wurde der Haushalt im allgemeinen angenommen. Im An- schluß an seine Rede zur Haushaltsdebatte sprach Minister- Präsident Gömbös kurz zur Königsfrage. Die Aeußerungen deS Ministerpräsidenten über den Legitimismus waren sehr zurückhaltend, fanden jedoch viel Widerhall. Sie erweckten den Eindruck, daß der Ministerpräsident zum ersten Mal die theoretische Möglichkeit einer legitimistischen Lösung zugab, unter der Bedingungen, daß sie den Interessen des Landes nützen würde. Er betonte, daß die Lösung der Königsfrage durchaus nicht eine Frage der nahen Zukunft sei. Ferner deutete er an, baß die Legitimisten, falls es das Interesse der Nation erfordere, mit ihren Ideen in den Hintergrund tre- ten müßten. Auch kündigte Ministerpräsident Gömbös!n dem Teil seiner Rede, in dem er von der Einführung deS geheimen Stimmrechtes sprach, die Ausdehnung des Wirkuaiö' kreises des Reichsverwesers an. Die legitimistischen Abgeo d- neten, die nach dem Ministerpräsidenten daS Wort ergriffen, hielten sich an die freundlichen Aeußerungen seiner Worte. Storni gegen die Bischöfe Der Ifulturhampf spitzt sldi zu Der Kulturkampf in Hitlerdeutschland geht unter der Oberfläche weiter. Das sensationelle Verbot der katholischen Jungmänner- und Jugend-Ver- eine im Bereiche Streichers ist bisher von keiner amilichen Stelle widerrufen worden. Die Tatsache besteht, das» mit Wissen der obersten Reichsbehörden ein ofsener Verstoß gegen die Bestimmungen des Konkordates durch- geführt wurde. Wie wir aus Tchweinfurt hören, sind die Räume der katholischen Jugendorganisationen besetzt worden,' ihr Vermögen wurde eingezogen. Die Polizei wacht streng darüber, daß die jungen Leute ihre staats- gefährliche Tätigkeit nicht wieder aufnehmen. Am vergangenen Samstag forderte der Diözesan-Präses der katholischen Jugend der Diözese Trier die Jugend zu einer Prozession nach St. Matthias aus. Die erforderliche polizeiliche Erlaubnis wurde gegeben. Auf dem Dom-Frei- hos versammelte sich am Abend, wie die„Reue Saar-Post" berichtet, eine ungeheure Menschenmasse, die sich den stum- wen Zug betrachten wollte, der sich um 9 Uhr in Bewegung setzen sollte. Um 9.15 Uhr traf ein Verbot des Orts- gruppenführers ein. Stillschweigend gingen die Jugend so- wohl wie das versammelte Volk auseinander, obwohl die Erbitterung ungeheuer war. Am Tonntag morgen wurde ein kurzes Schreiben des Bischofs von allen Kanzeln Triers verlesen worin die Jugend aufgefordert wurde, im Laufe des Maimonats im einzelnen nach St. Matthias zu pilgern. Wie das„Katholische Kirchenblatt für das BiStum Berlin mitteilt, hat die Intendantur des Reichssenders Berlin die katholische Morgenfeier, die nach dem bisher üblichen Turnus am 13. Mai gesendet werden sollte, abgesagt. In ganz Deutschland werden die Pfarrämter außer- ordentlich durch die von ihnen geforderte Feststellung der arischen Abstammung in immer zahlreicheren Fällen be- lastet. Im Namen der Freisingcr Bischofskonferenz hat jetzt Rufer in der Wüste Politik und Rechtsstaat. In der„Kölnischen Zeitung" wendet sich Geheimrat Hellfritz mit deutlicher Spitze gegen die Verwüstung der Rechtsbegriffe und des Rechtsempfindens im„dritten Reich": „Falsch ist es, Normen, die auf reiner Rechtslogik oder Gesetzestechnik beruhen, unter Berufung auf„Politik" be- seitigen oder in ihrem sest umrisienen Inhalt ändern zu wollen. Das ist zwar oft ein beguemer Weg, aber„d i e Flucht i n s Politische", wie ich es nennen möchte, ist ein bedenklicher Wesenszug neuerer Recht?- Wissenschaft. Bedenklich aus zwei Gründen: Zunächst soll der Jurist seine Gedankenreihen selber zu Ende denken. Er soll sie nicht ausmünden lasten in ein Gebiet, in dem es dem geneigten Leser überlasten bleibt, sich zurechtzufinden. Weiter aber ist„das Politische" ein allzu un- bestimmter Begriss. Ein als hervorragend an- erkannter Jurist unserer Zeit preist das unpolitische Richtcrlum, ein anderer verlangt, daß der Richter„ein poli- tischer Mensch" sei. In Wahrheit kaiin Politik in wissen- schaftlichem Sinne nur in Betracht kommen als eine Me- thodc des Denkens, die in den verschiedensten Zweigest des öffentlichen Lebens in die Erscheinung tritt. Sie beruht auf Zweckmäßigkeitserwägungen und hat die Gestaltung der Dinge zum Ziel, wie Rechtspolitik, Finanzpolitik, Volk?- Wirtschaftspolitik, Handelspolitik und so fort. Aber ein in sich geschlossenes Wissensgebiet der Politik oder des Politischen hat es niemals gegeben. Kardinal Faulhaber an die zuständigen Amtsstellen ein Schreiben mit der Bitte um Erleichterung und Beschleuni- gung dieser Nachforschungen gerichtet. Er regt an, baß in kleineren Dorfpfarreien,„wo seit Menschengeden- ken niemals ein Jude oder Neger wohnte, wo auch niemals artfremde Heiraten mit Französinnen und Schwedinnen vorkamen", die allgemeine Erklärung genügen könnte, daß alle Familieustämme des betreffenden Dorfes rein arisch seien. Auf Grund der Klagen verschiedener Pfarrämter fordert der Kardinal einen anständigen Ton gegenüber den Geistlichen. Auch der Bischof von Fulda war jüngst genötigt, sich von der Kanzel gegen nationalsozialistische Ausschreitungen zu wehren. Ein Zug hatte kürzlich die Straßen der stock- katholischen Stadt passiert nnd fang unter anderem: „Hängt die Juden, stellt die Pfaffen an die Wand." Auch zahlreiche Pfuirufe hielten die Demon- stranten nicht ab. * Krach vor dem erzbischöflichen Palais Würz bürg, 8. Mai. Bor dem bischöflichen Palais ist es wiederholt zu Radanszenen nationalsozialistischer Demon- stranten gekommen, die drohende Rufe gegen den Kirchenfürsten ausstießen. D?e Borfälle sind der natio- nalfozialiftijchen Gauteilung so peinlich, daß sie in einer öffentliche» Kundmachung behauptet, es handle sich um De- monstrationen wegen kirchlicher Angelegenheiten. In Wahrheit ließ der Charakter der sehr wilden Kundgebungen keinen Zweifel darüber, daß eS sich um politische AuSschrei- tungen handelte, die sich gegen die„schwarzen Dolchstößler", gegen„getarnte Polit'k der Bayerischen Bolkspartei" durch den hohen Klerus handelte. Die Gauleitung erklärt fetzt, daß sie jede ähnliche Demonstration mit aller Strenge unter- drücken werde. es sei denn, daß man, wie im klassischen Altertum, die Lehre vom Staat schlechthin darunter versteht. Wohl aber gibt es Begriffe, deren Gedankeninhalt der Gesetzgeber bewußt und gewollt der Volksüberzeugung überläßt, da sie aus der Rechtslogik nicht entnommen wer- den können. Man denke an Treu und Glauben, die in der Zeit der nationalen Erhebung in besonderem Maße zu neuem Leben erweckt sind, an gute Sitten, an billiges Er- messen, im Strafrecht an Beleidigung und an dergleichen Dinge mehr. Hier überall waltet ethisches und rechtliches Empfinden. Da aber dieses durch die nationale Erhebung auf die einheitliche Linie nationalsozialistischen Denkens gebracht worden ist. ergibt sich von selbst die Folge, daß aus diesem heraus jene Begriffe ihren Gedankeninhalt erhalten. Aber nirgends steht geschrieben, daß das Rechtsempfinden jeden beliebigen, nicht adsolet gewordenen Rechtssatz beseitigen oder seinem Inhalt nach beliebig v e r ä n d e r n k a n n. Das betont mit besonderer Schärfe die Entscheidung des Preußi- schen Oberverwaltungsgerichts vom 24. Februar 1934. Wo- hin käme auch der Staat, wenn er Gesetze erläßt, und seine Organe in Justiz und Verwaltung wollten sie aus gesühls- mäßiger Einstellung gegen den Rechtspositivismus nicht aus- führen? Nichts läge weniger als dieses im Sinne des straff organisierten nationalsozialistischen Staatswesens. Gerade vom Standpunkt der nach der nationalen Erhebung er- lafscnen Gesetze gesehen, gewinnt jener Kampf gegen den Rechtspositivismus ein neues Gesicht Was aber die allzu Eilfertigen nach der nationalen Erhebung mit dem Aus- druck„Rechtspositivismus" trafen, war in Wahrheit oft nicht eine bestimmte Richtung in der Rechtsauslegung, sondern es waren die Grundlagen des Rechts selbst." Die Radikalsozialisten Für vorsichtige Parteitaktik DNB Paris, 8. Mai. Der Bezirksvorstand des Seinede» partemenis der radikalsozialistischen Partei hat über die Bor- bcreitung des Ende der Woche stattfindenden Parteitage? beraten. Nach einer recht heftigen Aussprache fand ein« färb» los« Entschließung trotz lebhaftem Widerspruch Annahme. In der Aussprache brachte ein Parteimitglied einen Entschlie- ßungsantrag ein. der einen Tadel gegen die Tätigkeit der Chefs der radikalsozialistiichen Partei in den verschiedenen Regierungen aussprach und die Rolle gewisser einflußreicher Parteimitglieder in der Stavifky-Angelegenheit brand- markte. Der Vorstand der Bezirksvereinigung stand jedoch auf dem Standpunkt, daß derartig bestimmt gehaltene An- schuldigungen dazu angeran seien, das Leben der radikal- sozialistischen Partei zu gefährden Aus diesem Grunde setzte sich der Vorstand für die schließlich— wie oben erwähnt— angenommene farblose Entschließung ein. Vierzehnjähriger norde» Jugendverrohung im„dritten Reich" Esse«, 8. Mai. Der Mord an dem 13jährigen Jungvolkan- gehörigen Fritz Walkenhorst aus Geilenkirchen hat eine überraschende Aufklärung erfahren. Die ersten Vermutungen lie- fen auf ein Sexualverbrechen oder aus einen politischen Mord hinaus. Nunmehr ist ein noch n i ch r 14 j ä h r i g e r Mit- fchüler des Ermordeten. Heinz Christen ans Gelsenkirchen, der Tat überführt worden. Er hat einge- standen, schon am Vorabend des Mordes mit einem andern Jungen angeblich zum Spielen eine Sandkuhle ausgeschach- tet zu haben, zu der er den Ermordeten lockte, den er dann derart erstickte, daß er ihm den Kops in den Tand drückte. Pai Heiieite Das österreichische Justizministerium hat eine Amnestie veröffentlicht. Die Begnadigung soll aber nur Schutz» dllndlern zugute kommen und nicht auf die gesangenen Nationalsozialisten ausgedehnt werden. So bchanptet der Deutsch« Nachrichtendienst. Das„Petit Journal" berichtet, daß in einer in Cnguq bei Fontaiuebleau gelegenen Explosivstofsabrik sich ein Unglücks- fall ereignet hat. Die Fabrik arbeite, so heißt es übrigens in der Meldung, mit ihren 130 Arbeitern in Tag-«nd Nacht- schicht. I« den frühesten Morgenstunden sei ein Zuleitnugs« rohr explodiert, wobei drei Arbeiter verletzt wurden. Der eine ist seinen Verletzungen erlegen. In dem ZuleitungS« rohr dürste ein Nitroglyzcringemisch explodiert sein. Mehrere englisch« Blätter berichten, daß die britisch«»nd die italienische Regierung im Hinblick ans den Krieg im Bemen enge Fühlung miteinander halten» daß aber au ein Eingreifen in den Streit nicht gedacht wird. Die vom Kriegs» schauplatz vorliegenden Meldungen bestätigen, daß die Trup« pen Jb» Sauds vorbildliche Manneszucht zeigen. Der„Daily Telegraph" berichtet, daß die britisch«» Militärflugzeuge, die vorsichtshalber nach Hodeida geschickt worden waren, znrück» gezogen worden find. In B i a l y st o k wurde ein jüdischer Festzug bei einer zionistischen Feier am letzten Sonntag vom Ortsbewohnern gesprengt. 30 Jude« trugen mehr oder minder schwere Verletzungen davon.— In Lodz kam es erneut z» judenfeindlichen Ansschreitnngen, wobei mehrere Juden oerletzt wurden. Der Sohn Jb« Sauds Feissal ist zum Emir von Ho, deida ausgerufen worden. Man nimmt an. daß I b n Saud beabsichtigt, das ganze Gebiet des Aeme« in Besitz zu nehmen. Begegnungen mit Trotzky Von Michel Gorel Paris, Anfang Mai. Ich bin ihm zweimal in Rußland begegnet. Im Juni 1917 tn Petersburg. Es waren vier Monate seit Ausbruch der Revolution verstrichen. Gutschkofs und Miliukoff, die großen Gegenspieler, waren schon erlebigt. Kerensky spielte die Rolle eines Danton, aber ohne Erfolg. Albert Thomas und Vandervelde zogen durch ihre Länder und sammelten Bürgerheere. Man verlachte und verhöhnte sie aber Die Armee läuft auseinander und zerfällt im Augenblick. Man kämpft für„Zivilisation und Recht". So sieht es in Paris. Brüssel und Gens aus. Die„Mujiks" lachen darüber. Das Ende des Krieges macht sich bemerkbar. Die Russen wollen sich einfach nicht mehr totschießen lassen. Oben auf dem Balkon des Kseschynskaja steht ein kleiner starrköpfiger Mann mit Spitzbart und schreit in großer Er» regung in die Menge, die ihm freudig von unten zujubelt: „Krieg dem Kriege! Frieden! Aufteilung des Bodens und Sozialisierung von Hab und Gut!.. Dieser kleine Mann ist Lenin. ... In einer dieser klaren Nächte, wie man sie nur dort am Finnländischen Meerbusen kennt, nimmt mich mein Bater mit zu dem Bankier Abran Jvotowsky. Ich bin noch ein «chüler von 13 Jahren. Mein Vater vertritt in Petersburg die großen Pariser Zeitungen. Bevor wir gingen, sagt er mir noch:„Bei Jvotowsky werden wir einem seltsamen Mann begegnen, seinem Vetter. Er ist soeben nach Rußland zurückgekehrt, nachdem er die Bekanntschaft fast aller Gefäng- nisse tn Europa und Amerika gemacht hat. Er heißt Trotzky." Jvotowsky, ein reicher Kriegsgewinnler, gibt ein großes Fest, wie es früher in Rußland keine Seltenheit war. Kaviar, Champagner, geräucherte Fische aus der Wolga und dem Kaspischen Meer werden in unvorstellbaren Massen aufge- tischt. Man ist sehr ausgelassen. Der Wodka hat bereits seine Schuldigkeit getan. Plötzlich sehe ich, wie durch diese lärmende Menge ein Mann sich den Weg bahnt, ein Mann mit einem gestutzten Bart, riesiger Brille und einer sehr rauhen Stimme. „Mein Better, Leon Trotzky," stellt der Hausherr vor. Mein Vater fragte ihn sofort:„Was halten sie von der augenblicklichen Lage?" „Ich bin weder auf der Seite von Kerensky noch bin ich mit Lenin einverstanden," antwortete Trotzky.„Kerensky ist ein Clown ohne alle Fähigkeiten und Lenin ein Haarspalter, ein Doktrinär, ein Wahnsinniger. Uebrtgens sind beide er- Icdigt." Und nach einer kleinen Pause fährt er fort:„Wie sagte doch der Dichter Alexander Block:„Man muß die Musik der Revolution hören." Darin liegt alles.. Aber einige Tage später hatte sich Trotzky mit Lenin zu- sammengetan Gestützt aus den„Wahnsinnigen", den„Haarspalter", verwirklichte er am 7. November 1917 die größte Revolution. Er wurde, getragen von der Begeisterung des Volkes, zum Generalissimus der mächtigsten Armee der Welt ernannt. „Die Musik der Revolution..." Und dennoch eines TageS der... Sturz. An diesen Tag erinnere ich mich wie gestern, eS war im Oktober oder November 1925. „Genossen! Das Wort hat Leon Trotzky..." Der Ex-Diktator besteigt die Tribüne. Er ist kaum wieder zu erkennen, so ist er gealtert, seit man ihm die Macht ge- nommen hat und er sich mit zweitrangigen Dingen hat be- schästigen müssen. Sein Bart ist grau geworden. Die Zivil- kleidung steht im gar nicht— er, der Jahre hindurch die Uni- form der Roten Armee getragen hat. Und dennoch, so wie er oben die vibrierende Sympathie seiner Zuhörer ge- nießt, fühlt er sich wieder in seinem Element. Sein Körper strafft sich sichtlich und er beginnt laut und sest zu sprechen: „Genossen! Die Heldenperiode, die Poesie der Revolution geht zu Ende... Darum hat sich auch Essenin getötet und viele andere werden es ohne Frage noch tun..." Seine Stimme bricht ah und wird heiser. Er wirft seinen Kopf nach vorn und ruft mit geballter Faust:„Aber wir Ge- nossen, wir bleiben der Poesie der Revolution treu." Und indem er nun seinen Kopf mit den silbernen Haaren stolz nach hinten wirft, ruft er weiter:„Trotz allem, was kommt! Für immer und ewig!" ... Stalin, der russische Repräsentant des Weltkommunis- mus, schickt ihn in die Verbannung. Man erlaubte ihm nicht einmal, seine Leibwäsche mitzunehmen. Im Dezember 1932 rief man mich in die Redaktion des „Petit Journal":„Trotzky ist in Marseille. Wir brauchen ein Interview." Eine Stunde später sitze ich im Zuge. Zuerst eine Unter- Handlung mit dem wachsamen Kommissar der Sicherheit- polizei. Dann das Hotel Regina, eine düstere Treppe, die in das Zimmer führt, wo ich Trotzky vorfinde mit bitterer, trauriger Miene und noch grauer geworden als 192S. Lev Davydovitsch... ES ist wohl die Erinnerung an Petersburg und Moskau, die ihn veranlaßt, mich zu empfangen, allein nur mit den unzähligen Kollegen zusammen, die auS allen Ländern her- beigeeilt sind. Die Unterhaltung geht in russischer Sprache vor sich. Nach einigen Minuten schon ist der Fotograf, der mich begleitet, gelangweilt und sucht mit de» Augen de» Ausgang. Denn Trotzky donnert. Er ist wieder der alte. „Diese Behandlung durch Eure Polizei... Man be- lästigt mich in einem fort, bewacht jeden Schritt von mir. lagt mich keinen Augenblick aus den Augen... an und für sich schön. Aber die Demokratie ist die Polizei! Er kann sich nur schwer beruhigen Jch versuche ihn auf ein anderes Thema zu bringen und gleich wieder braust er aus... „Aber die augenblickliche Revolution ist revolutionär, mein Herr: man muß schon ein Stalin sein, um das zu beitreiten. Genau dasselbe in Teutschland... Schrieb ich nicht vor einigen Wochen, daß der Nachfolger Popens nicht Hltler, sondern ein General sein wird. Und wie kam es.«chle'cher wurde Reichskanzler. Bon Schleicher ist em deutscher Bona- parte. Aber nach ihm kommt die Revolution der Maßen. Was Hitler anlangt, so ist der erledigt..." Wenn ich gemein gewesen wäre, hätte ich ja jetzt fragen müssen:„Wie Lenin im Juni 1917?" Denn in der Tat einen Monat später war Hitler Kanzler.. In jener Unterhaltung sagte mir noch Trotzky:„Nach dem heiligen Thomas von Aguino gibt es^nur eine Todsunde: die Dummheit. Dieser Sünde klage ich Stalin an... Ein Kommissar unterbricht uns:„Ein Auto erwartet sie unten.. Indem er in seinen Mantel schlüpft, sagte Trotzky noch: „Seit 85 Jahren mache ich Revolutionen. Ich habe mich all- mählich daran gewöhnt." Seine treue Begleiterin, Natalia Jvanovna. kommt schon die Treppe herunter. Diese Leute gehören sich nicht mehr. Sie gehören der Polizei. Aber sie gehören auch der Geschichte. ... Dieser Tage vor den grauen Mauern der Villa„Ker Monique" iu Barbizon, dem letzten Zufluchtsort TrotzkyS, den er auch schon wieder verlassen mußte, kamen mir alle diese Erinnerungen. Seltsame Szenen sah man sich dort abspielen. Die Massen durch die ultrasensationellen Artikel der Presse aufgescheucht, kamen in Scharen, um den General ohne Soldaten, den „ewigen Ritter" der Revolution, den Don Ouichotte des Kommunismus zu sehen, der wieder einmal heimatlos ge- worden ist.„weil der Name Trotzky Unruhe bedeutet", wie eine Zeitung der französischen Provinz schrieb. To treibt man dieses ergraute Gespenst der ewigen Revolution in der Welt umher. Armes Gespenst! Aber wer mit ihm gesprochen hat, wie ich, wird Ihnen versichern:„Vielleicht verdient er gar nicht diese Angst, die man vor ihm hat."— CervanteS schreibt:„Es gab doch einige vernünftige Bauern, die wußten, was sie von dem Ritter Don Ouichotte zu halten hatten. Sie ließen ihn ruhig seiner Wege gehen, ihn zum Teil bewundernd, zum Teil verhöhnend. lAuö Ds MMiWzv VW&28„ 126.. .. 110 .. 108 — 14%, -.. 14*/o, gesenkt. In der 1.-Mai-Nummer des Zentralorgans der Deutschen Arbeitsfront lügt Ludwig Brucker, der Leiter des sozialpolitischen Ausschusses der Reichsleitung der NSBO., frech: „Es war Adolf Hitlers größte sozial Wirtschaft liehe Tat, daß er den Lohnabwürgern kategorisch ein Halt zurief." Aber im ersten Jahr der Hitlerdiktatur werden die Löhne der 3» arbeitet- bis zu 22 Prozent gekürzt, und gerade vom 1. Mai 1934 ab haben die Unternehmer die Möglichkeit, durch- die von ihnen selbst festgesetzten Werktarife die unter der Naziherrschaft bereits so beispiellos abgebauten Löhne norik und Schülerzeitungen, die den Philister zausen und '"ündet im Sturm und Drang einer Boheme-Periode in Metz j"td Straßburg, in welchem Kreis sich das ganze junge Elsaß- "Biringen von damals bewegte. Verschiedene bedeutende amen gingen aus diesem Kreise hervor, Schriftsteller, in e ren Geist und Blut sich.zwei Kulturen mischten: die ' Zutsche und die französische. .* n dieser Riesengarnison Metz marschierten nicht nur Re- ^'Henter sämtlicher deutschen Stämme auf und umgaben die "rger mit ewigem Soldatenspiel, sondern hier stieß die beschichte zweier Völker heiß aufeinander. Uni diesen Boden ®' n g das Ringen und Hassen zweier großer Nationen. Na- IHleonische und preußische Traditionen vermengten sich hier Ur>d paukten schon dem Knaben so plastisch Geschichte, daß *ehr bald den Historiker in sich rumoren fühlte. In dieser ®'a'hrdeten„Westmark", wo alles darauf ankam, für das '''utschtum moralische Eroberungen zu machen, triumphierte 'jfr Geist teutonischer Germanisationen so volksfremd, daß ' e«e Provinz für Deutschland längst vorm Weltkrieg vertuen war. Das Militär bedeutete alles, das„Zivilistenpack" C'Hit». Auf solchem Boden gedieh die Zabernaffäre. Und hier, ' n dieser Kaserne, lernt der Einjährige Wendel eine„Ord- j'Ung" hassen, die die Welt in Herren und Gemeine teilt. ,j D,er°ffiiiere sind Stellvertreter Gottes und suchen ihre '("derwectigkeit und Ungeistigkeit durch Schinderei der ^Gemeinen" zu kompensieren— eine Tradition bar- ,# rifeherGemeinhcit. die heute im„dritten Reich" "reuen sadistischen Orgien auferstanden ist. *'ie der Kommiß dieses Heerlagers, so sein deutscher Bürgertum. Eine Kreuzung von Hoflakaiengesinnung und kochender Vereinsmeierei. Strahlender Typus nicht nur seiner Zeit ist jener kgl. preußische Hofbäckermeister, der die vom kaiserlichen Schloß Urville eingehenden Brötchenbestellungen jahrgangweise sorgfältig binden läßt, um sie seinen Kindeskindern als Reliquie zu vererben. Er führt den Vorsitz in mehreren Metzer Vereinen unter der Bedingung, daß sich die Fahnenabordnungen jedes Vereines zu seiltet» Begräbnis einfinden— und zitterte dann im Weltkrieg d a- heim um sein Leben, weil ja die Männer der Fahnensektionen im Felde waren! So wimmelt es in diesen Erinnerungen von Typen aller Art, knalldeutschen Bürokraten, Leutchen, die man lieb gewinnt und anderen, geschichtlichen Farben und Spritzern— alles belichtet von ironischem Humor und heißer Liebe zur Heimat. Für Hermann Wendeis Freunde aber tat das Buch den besonderen intimen Reiz: zu sehen, wie einer der ihren wurde, der von sich sagen darf, daß seine Feder immer auch ein Degen war. BrunoBrandy. Appeil fäc£udmg Jleiui Die unterzeichneten Autoren von Kriegsbüchern aller Länder, die, unabhängig von der Seite, auf der sie im Weltkrieg standen und unabhängig von ihrer Weltanschauung, in ihren Werken die Schrecken des vergangenen Krieges aufdeckten, haben sich zusammengetan, um gegen die willkürliche Verurteilung des bekannten deutschen Schriftstellers Ludwig Renn ihre Stimme zu erheben. Ludwig Renn, ein geborener Freiherr Vieth von Golßenau, der als Frontoffizier den Krieg auf der deutschen Seite mitmachte, hat durch seinen Roman„Krieg" der Welt eine der objektivsten und ehrlichsten Darstellungen des Weltkrieges 1914-18 gegeben und hat seither in den vordersten Reihen jener gestanden, die jede Vorbereitung zu neuen imperialistischen Kriegen bekämpften. Nur aus diesen Gründen wurde er als einer der ersten von den Machthaber» des „dritten Reiches" in„Schutzhaft" genommen und jetzt, wegen einer Reihe von Vorträgen, die lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehalten wurden, zu 2'/» Jahren Gefängnis verurteilt. Wir protestieren gegen dieses Urteil, das nach den Rechts- auffassungen der gesamten zivilisierten Welt jeder Unterlage entbehrt und fordern energisch die Freilassung von Ludwig Renn. Wenn wir den Fall Ludwig Renn herausgreifen, so ist es nicht er allein, den wir verteidigen. Wir zeigen der Welt die Unerträgliche Verfolgung auf, deren Opfer viele tausend unschuldige Männer und Frauen in den Konzentrationslagern und Gefängnissen des„dritten Reiches" sind. Amerika: John Dos Passos, Upton Sinclair. England: Sherriff. Frankreich: Henri Barbusse. Romain Rolland, Theodor Plivier, Paul Gazin, Gabriel Chevallier, Joseph Jolinon, Georges Duhamel, Andre Pizard, Michel Corday. Holland: Henriette Roland Holst. Oesterreich: A. M. Frey. Rußland: Constantin Fedine. Leonid Leonow, Vladimir Lidine, Nowikow-Priboi, Mihail Sholochow. Polen: M. Slonimsky. Tsekechoslovakci: Egon Erwin Kisch. Schon einmal hat sich Karl Valentin mißliebig gemacht. Jemand fragte ihn, wie er über die heutigen Zustände denke. Antwort Valentins:„F soag garnichts, dös werd ma doch no' soagc derfu." Wende im JÜecCinec Xheatecuiesen Heinz Hilpert verläßt mit dieser Saison die Volksbühne, die unter seiner Leitung zum wichtigsten Theater Berlins geworden war und auch wirtschaftlich nicht ungünstig abschließt. Er übernimmt die Direktion des„ Deutschen Theaters", an dem er schon früher vielfach inszeniert hatte. Als neuer Dramaturg unterstützt ihn Dr. II. Gressiker, früher Kritiken am„Berliner Börsencurier". Als Nachfolger Hilperts in der ,.Volksbühne"-Direktion wird Bernhard Graf Solms genannt, der zuletzt das Theater in Dessau leitete und wahrscheinlich mit„Hafenlegende" von Uhl die neue Spielzeit eröffnen wird. Diese Notiz aus der gleichgeschalteten Presse verdeutlicht das Resultat des ersten braunen Schreckensjahres. Erst Joost-Krise am Staatstheater, jetzt verläßt auch Kurt Ludwig Achaz nach genau einjähriger Tätigkeit das deutsche Theater, in das er Protektion und sehr viel Geld hineingesteckt hatte, Der Nachfolger Hilperts wird der braune Graf Solms, einer von den Allergetreuesten. Er wird die Volksbühne schnell herunterwirtschaften. Das Hänichen Neue Form des Gemeinschaftsleben „Es fühlte sich keiner zu schade, es stand niemand abseits: „Was geht mich das an!" Der Gauleiter, der mit seinen Amtsleitern am Abend nach der Kundgebung wohl an ein Dutzend der größten Kölner Betriebs- und Ortsgruppenfeiern besuchte, sah überall in lachende Gesichter. Ueherall hatte man das Empfinden, eine neue Form des Gemeinschaftslebens vor sich zu haben. Was man nie für möglich gehalten hätte, war Tatsache geworden: Der Herr Direktor tanzte mit der Frau des Chauffeurs und die Frau Bürovorsteher mit ihres Mannes kleinstem Angestellten. Und zum Schluß hatten alle viel Spaß gehabt!" „Westdeutscher Beobachter" über die abendliche Maifeier in Köln. &tarne SptiUec Auf der nationalsozialistischen Maiplakette befinden sich Hammer und Sichel sowie der„Geistesarbeiter" Goethe Es empfiehlt sich, den Geistesarbeiter in einen Kopfarbeiter umzutauschen, der dem„dritten Reich" näher liegt als ,1 Freimaurer Goethe, den Scharfrichter! » Göbbels hat in seiner letzten Rede vor den Journalisten mehr Charakter und mehr Mut verlangt.„M ehr M u t" ergänzte ein Hörer sarkastisch—„zum Konzentration s- läge r"I Die SA. wird Mitte Juli„auf Urlaub" geschickt. Weshalb? Auch H it Hitler will sich einmal erholen. .Deutsche Freiheit« Nr. 10« Das bunte Matt Mittwoch. S. Mai 1934 Amerikas Acheidungsparabies Hollywood, im Mai. „Ueno the biggest llttle city of the world", das leuchtet in Ricsenbuchstaben quer über die Hauptstraße, und wirtlich, es herrscht dort Tag und Nacht solch ein toller„Rummel" und betrieb, daß man glauben möchte, män sei mitten" im i'imüsierviertel einer Weltstadt, nicht aber in einem Nest von 18 UM Einwohnern jenseits der schneebedeckten und sturmgepeitschten Sierra Nevada, in einer der ödesten und dünnbevölkertsten Gegenden der USA. Reno hat heute mehr Betrieb als Neuyork. mehr Nacht- leben als Ehikago, mehr Zeitungsrecklame als Washington und Hollywood. Reno ist die populärste Stadt der USA.— Und ivarum? Nur weil im wunderschönen Monat Mai des Lahres 1831 die schlauen Landesväter ihrem Staate Nevada ein neues, kleines lvxsxtzchen gaben, dessen Sinn in fünf Worten zu tresfen ist: Wohnfitzzwang auf sechs Wochen reou- ziert. Was heißt das?— Also früher mutzte man, wollte man sich schmerzlos scheiden lassen, sechs Monate in Nevada wohnen. Bor ein paar Jahren wurde die gesetzliche Frist auf drei Monate reduziert, und alsbald entwickelte sich eine blühende Scheidungsindustrie. Denn Nevadas Schcidungs- gesetz ist dehnbar, die Richter sind einsichtsvoll, die Anwälte tüchtig und die Behandlung kulant. Es wird eine runde, ruhige Arbeit geliefert, dergestalt, daß man sofort nach Ablauf der Frifl rechtsgültig geschieden ist und am selben Tag ssogar im selben Hausj wieder heiraten kann, während man in anderen Staaten noch ein Jahr warten muß, bis das Urteil rechtskräftig wird. Kein Wunder also, daß Reno schon in früheren Jahren ein bevorzugter Scheidungsort war. 1332 wurden 2102 und 1988 sogar 2149 Ehen geschieden. Für das laufende Jahr rechnet man mit einem Rekord von über 3000 Scheidungen. Es gibt in dieser Stadt von 18 000 Einwohnern annähernd 150 Anwälte, die neuerdings ins- gesamt ein durchschnittliches Monatseinkommen von 100 000 Dollar haben. Kein Wunder, daß sich auch andere Staaten eine so sette Pfründe zu sichern suchen. Besonders Mexiko und Kuba. Dort kann man sich schon noch schneller und noch bequemer scheiden lassen. Aber Reno hat nun einmal, den alten Namen und die Tradition. In Reno haben sich die Banderbilts, die Goulds und Lady Jnverclyd scheiden lassen, Jack Dempsey und ein ganzer Schock berühmter Filmstars aus Hollywood, angefangen von Mary Pickford(deren 1. Ehe vor 12 Jahren in Nevada geschieden wurde) bis in die jüngste Vergangen- heit und Gegenwart. Eine Reno-Scheidung ist„fashionable". Wer etwas auf sich hält und wer es sich leisten kann, läßt sich grundsätzlich nur in Reno scheiden. Es gibt sogar Frauen, die sich immer wieder in Reno scheiden lassen. Tie neue große Hausse ist natürlich der Verringerung der Wohnsitzfrist zuzuschreiben. Das Scheidungsgesetz von Nevada war von jeher sehr bequem. ES gibt neun Scheidungsgründe. Meistens wählt man„mental cruelty". Für einen einsichts- vollen Richter und einen gesch ckten Anwalt wird„geistige Grausamkeit" schon etwa in dem Umstand evident, daß der eine Ehepartner sich„in irritierender Art zu äußern und unästhetisch mit der Nase zu zucken pflegt".—„Die Nase gefällt mir nicht!"— daraus läßt sich schon ein juristisch hieb- und stichfester Tcheidungsgrund konstruieren. Es genügt auch vollkommen, wenn einer der Ehepartner die sechs Wochen in Reno absitzt. Meistens Madame, schon damit das Männchen nicht in der lobenswerten Beschäftigung unterbrochen wirb, fleißig Dollar zu machen. Er hats auch nötig. Denn solch eine Scheidung kostet eine Kleinigkeit. Tie Gerichtsgebühr selbst beträgt zwar nur einige dreißig Dollar. Das Anwaltshonorar schwankt, je nach der Prominenz, des Juristen und dem Bankkonto des Klienten, zwischen zwei- hundert und zehntausend Dollar. Aber dann beginnen ja erst die Zahlungen für die Abfindung bzw. Alimentation von Madame, und inzwischen muß sie sechs Wochen in Reno leben. Auch das macht einige Spesen,' denn die tüchtigen Einwohner des Städtchens sind mit rührender Umsichtigkeit besorgt, daß es ihren scheidungslüsternen und dollargeseg- neten Gästen in nichts fehlt und daß ihnen auch die Zeit nicht lang wird. Deshalb ließ denn auch eine verständige Landesregierung wieder ein kleines Gesetzchen passieren, wonach das Glücks- spiel in Nevada konzessioniert ist. Seitdem ist jedes zweite Haus in Reno ein„Club". Beim Roulette vergeht die Zeit ja so schnell, und es wartet sich viel angenehmer die sechs Wochen. Und die Telegrafenämter in Reno befördern ja billig und prompt jede Bitte um Spesenerneuerung. Es gibt in Reno eine kleine Straße, da ist nicht jedes zweite, sondern jedes Haus eine Spielbank. Die Türen sind weit offen ur.d andauernd, zu jeder Tage- und Nachtstunde, schiebt und drängt sich da eine bunte Menge von einem Klub in den anderen. Da sitzen elegante Scheidungskandidatinnen neben der Jeunesse doree und auch ältere Kavaliere aus vielen Hunderten gutbürgerlichen Familien der Union neben Millionären, Portokassenkavalieren und Tefraudanten, Ko- kotten jeder Rasse und Schicht, gutmütig brabbelnden Ne- gern, kleinen spielversessenen Chinesen und riesigen Cowboys und Viehhirten, die aus den Höhen der Sierra Nevada ihre Ersparnisse nach Reno tragen und, den Wilbwesthut auf dem Kops, mit struppigem Bart Stunde um Stunde am Spieltisch sitzen. Ich fragte den Richter, ob denn in Reno nur geschieden oder auch fleißig geheiratet würde.„Na, und ob!", meinte er. Tann sah er auf die Uhr und blickte zum Fenster hinaus. „Es ist jetzt sieben Minuten vor zwölf," sagte er. Um zwölf gehe ich zu Tisch. Da unten geht gerade ein hübsches Mädchen vorbei. Wenn Sie sich etwas beeilen, holen Sie sie noch ein. Bringen Sie sie hier herauf und ich verheirate euch noch vor Tisch." „Was kostet das?"—„Zwei Dollar," sagte der Richter und sah zum Fenster hinaus. Das Mädchen verschwand gerade um die Ecke.„Schade, jetzt ist sie weg."—„Ein andermal," meinte ich. „Sie könnten übrigens am Nachmittag die Scheidungsklage einreichen, und Montag in sechs Wochen erklär ich Sie zum freien Mann. Dann können Sie gleich wieder heiraten." Das größte S>tabion der Welt In Jsmailowo bei Moskau wurde mit dem Bau eines Union-Sportstabions begonnen, das das größte der Welt sein wird. Auf seinen Eisenbetontribünen werden 140 000 Zuschauer Platz finden. Tie Tribünen werden mit Granit und Marmor bekleidet und von 05 mächtigen Granitsäulen umgeben. Im Zentrum wird außer einem grandiosen Fuß- ballfeld und Aschenbahnen eine große Grünfläche für Massen- Veranstaltungen angelegt. An den Seiten werden eine Tennisstabt mit Tribünen für 15 000 Personen, eine Rad- fahrbahn für 10 000 Zuschauer, Militär- und Kindersport- plätze gebaut. Unter der Leitung Pros. Maisels arbeitet eine Brigade ein System mächtiger Scheinwerfer aus. die bei eintretender Dunkelheit das Stadion erleuchten werden. Eine iMput- Druckmaschine Der Moskauer Techniker Lepkow und der Drucker Golub- kow haben eine originelle Druckmaschine konstruiert, die nur ein Sechstel des Umfanges der amerikanischen Schnellpresse hat. Sie ist kaum größer als eine gewöhnliche Schreib- Maschine mit großem Schlitten und kann mit drei Geschwin- digkeiten— 1500, 2000 und 2500 Abzüge in der Stunde— arbeiten. Sie wird durch Hand- oder Fußbetrieb sowie elektrischen Strom angetrieben, was es ermöglicht, sie unter den verschiedensten Umständen zu benutzen. Die Massen- Herstellung solcher Maschinen soll in allernächster Zeit erfolgen. Klagelied der verkannten Poeten Bon Georg Wilmann. Es klagen hier vereint wir Dichtkollegen, Daß keiner mehr Gedichte lesen tut. Ach, wenn uns nur am Lesen wär gelegen! Es läßt sich doch kein Redakteur bewegen, Sie abzudrucken. Wenn, dann wärs schon gut! Was sollen denn wir armen Dichter machen, Die wir gezwungen sind durch irgendwas, Bon uns zu geben nur gereimte Sachen? Ja, Sie Berehrtester, für Sie ist das zum Lachen, Doch uns ists ernst! Uns macht das keinen Spaß! Wir sitzen da und tippen hundert Seiten Vom frühen Morgen bis zur Mitternacht. Wir schwärmen von der fernen Länder Weiten Und von Kamelen, die Araber reiten. Und dafür werden wir dann ausgelacht! Wir sind ja eigentlich schon längst unmöglich Und gar nicht brauchbar mehr in dieser Zeit. Und trotzdem— mag es auch erscheinen kläglich— Ist uns reimlose Sprache einfach unerträglich. Drum treten wir die Welt in Versen breit. Wir müssen, müssen, müssen einfach reimen! Obs ein Geschäftsbrief ist oder ein Spruch. Wir können gar nicht anders. Und auch keinem Bon uns gelingt es je, sich auszuschleimen. Was wir in Prosa machen, das ist Bruch! Man sperre alle Dichter hinter Mauern, Die dicker sind noch als der dickste Stein. Wir werden doch die Zeiten überdauern, Und noch die Nachwelt wird vor uns erschauern, Denn ohne Verse kann kein Mensch nicht sein. Wir wissen— vom Prophet im eignen Lande Und so. Das ist für uns ein schlechter Trost. Wir kommen nie mit unserem Geld zu Rande, Wir vegetieren so in Schimpf und Schande, Bis wir ganz alt sind, und das Haupt bemoost. Doch wenn Ihr uns dann endlich habt vergraben Und unser Leichnam ist schon halb verwest, Dann fällt Euch ein, was wir geschrieben haben? Dann faselt plötzlich Ihr von unseren Gaben. Der Schlag treff Euch, wenn Ihr uns d a n n erst lest! Das Diktaphon im Flugzeug Ein-abenteuerliches Experiment hat die Fliegerin Mrs. Bruce ausgeführt. Sie hat sich in ihr Flugzeug ein Diktaphon einbauen lassen und hat so während eines 24-Stunden- Fluges in der Luft ein Buch geschrieben. Die Hände am Steuer sagte sie ihrem Diktaphon die Eindrücke an, die st«.- mährend des Fluges hatte. Einsam flog sie über die Dschungel Asiens, sie sah einen Tiger, der sich auf seine Beute stürzte, sie sah weltverlassene Siedlungen der Menschen, langsam schraubte sich das Flugzeug höher und höher, um die Berge des Reiches Birma zu überfliegen. Und von all dem eben Erschauten gab sie eine Reportage, eine lebhafte Schilderung des soeben Erlebten, wie man es später nie mehr sagen oder schreiben kann. Plötzlich stockte ihr Herz, mitten über dem wildzerklüfteten Gebirge versagte der Motor, unweigerlich mußte das Flugzeug in wenigen Augenblicken gegen einen Fels rennen— aber ruhig diktierte sie ihre letzten Worte in die Maschine:„Gut, ich bin zu- frieden, ich möchte hier lieber sterben als in meinem Bett." Sie sollte aber noch nicht sterben— der Motor erholte sich wieder, sie konnte die Höhe erreichen und wohlbehalten hinter den Bergen landen. Die auf die Wachsplatte ge- sprochene Reportage ist aber ein einzigartiges Dokument für die Geistesgegenwart der jungen Fliegerin geworden. 1\3 f tOlt Früher und heute Deutschland ist in der grauen Vorzeit angelangt. Seine Machthaber revidieren das große Reich jenseits des Rheines mit einer Schnelligkeit zurück, daß eS einen Kulturmenschen des 20. Jahrhunderts zu grauen beginnt. Jetzt, da ein Volk wie das deutsche, das lange Zeit in Europa auf kulturellem Gebiet geradezu vorbildlich war, sogar seine politischen Gefangenen in den Konzentrationslagern, den Gesängnissen und Zuchthäusern bei„Nichtbesserung" entmannen lassen will, dürfte es von allgemeinem Interesse sein, welche Rolle die Kastration in der Menschheitsgeschichte spielt. Die Kastration ist tiefverwoben mit urmystischen Vor- stellungen und Bräuchen primitiver Völker. Zwei Wurzeln lassen sich in der Entstehungsgeschichte freilegen. Tie eine davon religiösen Ursprungs. Sexuelle Verstümmelungen wurden aus religiösem Eifer und Aberglaube begangen. Diese Entmannungshandlungen wurden vielfach aus dem Prinzip der sexuellen Enthaltsamkeit entwickelt. Enthaltsam- keit und Kastration sind beide als Askese zu werten. Das Christentum der Vertreter der Askese mußte zeitweise einen besonders günstigen Boden für Entman.nungshond- lungen darstellen. Bei der lebensvernejnenden Grundhal- tung, wie sie dem Christentum anfänglich eigen war, erscheint es verständlich, baß schon bei den ersten Eiferern die Neigung auskam, den Titz der menschlichen Kraft zu vernichten. Dieser Vernichtungswille trat so häusig in Erscheinung, daß sich im vierten Jahrhundert das Konzil zu Nicäa mit den über- handnehmenden Selbstverstümmelungen zu beschästigen hatte. Obwohl die Kirche mit Entschiedenheit die Selbstverstümme- lung als nicht im Sinne des Christentums ablehnte, hat sich das Kastrationsmoment als Zeichen besonderen religiösen Eifers bis heute im Rahmen einer Sekte erhalten, die auf christlichen Lehren fußt. Tie russisch-rumänische Sekte der Skopzen„weiße Tauben", die sich in Rußland und Rumänien finden, begründen ihre Entmannungshandlung auf Matth. 19, Vers 12. Sie sind der Ueberzeugung, daß Christus kastriert war. Sie kennen das sogenannte„kleine Siegel", das durch Abtrennung des Hobensackes erfolgt und den„großen Siegel", bei dem neben dem Hodensack auch der Penis entfernt wird.„Berschneidung" der Frau erfolgt durch Abschneiden der Brüste und Verstüm- melung der äußeren Geschlechtsteile. Die römischen Kybele- priester verstümmelten sich am Tag des Attis-FesteS mit einem scharfen Stein oder einer Muschel und opferten ihre Geschlechtsteile ihrer Gottheit. Nach friesischem Recht wurde, wie die„Blätter für Ge- sängniskunde" wissen wollen, die schwerste kriminelle Hand- lung, die Tempelschändung, erst dann mit der Todesstrafe, die in Ersäufen bestand, gesühnt, nachdem der Täter ent- mannt war. Grimm berichtet, daß es eine Bestimmung im Tchaumberger Landrccht gab, wonach Baumfrevel mit er- zwungener Selbstkastrierung bestraft wurde. Man band dem Täter die rechte Hand auf den Rücken, nagelte seine Ge- schlechtsteile auf den Stamm des Raumes, den er abge- schlagen hatte, und gab ihm ein Beil in die linke Hand, damit er sich selbst befreie. Nach Marcuse„kämpften die Urmenschen um das Weibchen wie Hirschböcke und Rehe. Der erste, der seinem Gegner im Kamps die Geschlechtsorgane abbiß oder ausriß, hatte die Kastration erfunden. Später mag sich dann gezeigt haben, daß der Kastrierte als Nebenbuhler im Kampf um das Weibchen ausschied, daß er aber gerade dann als Sklave um so brauchbarer wurde. Es war vorteilhafter, den über- wundenen Gegner zum Eunuchen zu machen, als ihn zu töten". Bei der Königin Semiramis treffen wir auf Gedanken- gänge, die sich die Barbaren deö„dritten Reiches" zueigen machen. Sie ließ schwächliche und elende Männer kastriere«, um minderwertige Nachkommen zu verhüten. Die Athener, die Römer(aber nur unter Augustus) bestraften Notzucht- Verbrecher mit der Kastration. Die Gallier kastrierten diebische Sklaven, die Byzantiner politische Gegner(siehe „drittes Reich"). Als Strafmaßnahme kannten die Aegypter, die Chinesen, die Perser, einzelne Stämme der Australier, der Malaien und der Indianer die Entmannung. Allgemein bekannt ist die Vernichtung der Geschlechtsdrüsen bei Sklaven, die als Haremswächter(Eunuchen) dienten. Durch Abschneiden, Abschnüren, Zerquetschen und Zerhäm- mern(Hämmerlinge) der Hoden wurden sie entmannt. Im früheren Kirchenstaat wurden die Sängerkngben kastriert, damit sie die knabenhafte Stimme behielten. Bielsach werden Kastrationsakte von triebhaften Gefühls- Wallungen bestimmt. Dazu finden wir zahlreiche Beispiele in der Kriegsgeschichte. Im Krieg der Italiener gegen Abes- sinien(1890) wurden in der Schlacht bei Adua eine große Anzahl italienischer Soldaten und Ossiziere von den Sol- baten des Negus Menelik der Hoden beraubt. Nach Wittels kastrierten Araber auf dem Rückzug der deutsch-türkischen Armee in Syrien ihre Feinde. Der Vernichtungswille ist der ausschlaggebende Faktor. Das darf man vor allem nicht vergessen bei der Handhabung des Kastrationsgesetzes in Teutschland. Ueber Kastration als Therapiemaßnahme läßt sich in einem kultivierten Staat diskutieren, in einem Land aber, in dem nicht einmal ein Gedanke erlaubt ist, der den Machthaber» nicht gefällt, muß eine solche Maßnahme zur schlimmsten Barbarei führen. Animalische Rachewut- und Angstgefühle beherrschen die Bandenführer des„dritten Reichs". In den Konzentrations- lagern nahmen„Terrorgruppen zur besonderen Berwen- dung" die Entmannung der Gefangenen durch Zertreten der Geschlechtsteile vor. Jetzt wollen die Aerzte die Ent. mannung mit dem Messer ausführen. Das ist nur ein gradueller Unterschied. J6 sterben in der Grube Die Bergwerkskatastrophe in Freiburg Karlsruhe,?. Mai. 3«t Kaliwerk Buggingen ist heute morgen Iii Uhr ein Großbrand ausgebrochen. Durch Knicken eines Pfeilers wurde eine elektrische Leitung durchschlagen und es ent- stand Kurzschluß. 70 Mann der Belegschast konnten gerettet werden. 8 6 Bergleute, die sich iu der Grube ^tsanden, sind verloren. Nachdem alle Ret- t»ngSarbeiten aussichtslos waren, wurde der Schacht ab- «eriegelt. Die Ursache »e» 1®. 9 i. Br.. 7. Mai. Nach dem Entschluß, iino^""Schacht im Kaliwerk Bnggingen abzuriegeln, emp- Bert»-."erbergrat Ziervogel vom Bergwerk Karlsruhe die UrfrtA,. Presse nnd machte Mitteilungen über die stanx Auswirknnaen des Unglücks. Der Brand ent- lall^.5 der 793-Meter-Sohlc, und zwar bei der ein- !».>" Strecke durch Kurzschluß. Es hatte sich ein Kabel- slkk«^>' ,>--h-.._....._....lauoacs Ute f fniti?" h<*r r iini«, v 6f?s S(iAir n e' ne 8 bis 8 Meter lange Stichflamme. Durch diese WJlonirae wurde der Holzausbau in Brand gesetzt. Das Es»L;, ro< 5 9 c H cn li» Uhr aus und ist fosort bemerkt worden. z,p„."'stand sogleich überaus starke Ranchentwicklung. Die l,.."^llomannschaft drang in Stärke von 14 Mann in den iidi? ü n l! cn Schacht ein. Dort war die Rauchentwicklung so keit- nichts mehr zu erkennen und an Rettnngsmöglich- D».»> n>it Sauerstoffapparaten nicht zu denken war. .*e yiclrrtirhrtfi m.r in nnn Ififl Mann bente srüb um «>a«ernossappara,rn n.u» an nr...... « Uhr f„'» Stärke von 160 Mann hentc früh um baute» i» L a,"i. e gefahren und arbeitete in de« Gruben- Belegs»'"-/^ Rahe der Unglücksstclle. Derjenige Teil der Kreic a-la«.« Unglücksstelle arbeitete, konnte ins 'rislüen Ä?" 8^'^..wahrend durch die Geschwindigkeit der ^*>•"«fcfirt.n Na»p ae- gelangen, während durch sie oieilywinoigreu irischen Wetter der dichte Qualm in die übrigen Baue getragen wurde und somit den dort beschäftigten Berglens» ?-n Rückzug abschnitt. Sie sind durch Rauchvergiftung, besonders durch Kohlenoxyd, ums Leben gekommen. Man hat »ersucht, die Wetterführung auch umgekehrt lausen zv: lassen, «m etwa noch eingeschlosienc Bergleute retten zu können, ^och war auch dies infolge der groben Wcttergeschwgkcit und des dichten Qualms unmöglich, so dab nichts anderes «brig blieb als schließlich die Grube abzudämmen. „Die Gesamtbelegschaft der Grube betragt zur Zeit«0 Mntin, die in zwei Schichten arbeiten. Sie stammen meist u«s der näheren Umgebung, aber auch aus dem badischen Oberland. Die Grube selbst bleibt etwa t« bis 14 Tage her- wetisch geschloffen. Erst dann kann an die Bergung der Erichen«herangegangen werde«. rast in jenem Hanse... Die in Frage kommenden Dörfer sind von Trauer nieder» gedrückt. Ans dem etwa 1000 Einwohner zählenden Buggingen haben 26 Männer den Tob gefunden, davon in einem Haufe allein vier Familienväter. In der achten Abendstunde fetzte leichter Regen ein, aber die Zahl der Neugierigen, die in Autos, mit Rädern und sonstigen Ver- kehrSmittcln nach der Unglücksftelle eilen, wächst immer mehr an. has Dergamt erklärt Nach dem Entschluß den Brandschacht im Kaliwerk Bug» gingen abzuriegeln, empfing Qberbergrat Ziervogel vom Bergamt Karlsruhe die Vertreter der Presse und machte Mitteilungen über die Ursache und Auswirkung des Un- glücks. Der Brand entstand unterhalb der 703-Sohle, und zwar bei der„einfallenden" Strecke 6 durch Kurzschluß. Es hatte sich ein Kabelschaden gezeigt. Der Sicherungsschalter wurde herausgeschlagen. Der Elektriker sowie der Gruben- steiger Hinzer bemerkten eine 6—8 Meier lange Stichflamme. Durch diese Stichflamme wurde der Holzausbau in Brand gesetzt. Das Feuer brach gegen 10 Uhr aus und ist sofort bemerkt worden. Es entstand sogleich überaus starke Rauchentwicklung. Die Rettungsmannschaft drang in Stärke von 14 Mann in den brennenden Schacht ein. Dort war die Rauchentwicklung so dicht, daß nichts mehr zu erkennen und an Rettungsmöglichkeitc» auch mit Sauerstoffapparaten nicht zu denken war. Die Belegschast war in Stärke von 130 Mann heute früh um v Uhr in die Grube gefahren und arbeitete in den Grubenbautcn in der Nähe der Unglücks- stelle. Derjenige Teil der Belegschaft, der vor der Un- glücksstelle arbeitete, konnte ins Freie gelangen, während durch die Geschwindigkeit der frischen Wetter der dichte Qualm in die übrigen Baue getragen wurde und somit den dort beschäftigten Bergleuten den Rückweg abschnitt. Tie sind durch Rauchvergiftung, besonders durch Kohlen- ornd,»ms Leben gekommen. Man hat versucht, die Wetter- sührung auch umgekehrt laufen zu lassen, um etwa noch eingeschlossene Bergleute retten zu können. Doch war auch dies infolge der großen Wettcrgeschwindigkeit und des dichten Qualms unmöglich, so daß nichts anderes übrig- blieb, als schließlich die Grube abzudämmen. Diese Maßnahme war notwendig, da sonst infolge der Hitze die Grubenbaue zusammenbrechen würden, so daß später jede Bergungsaktion überhaupt unmöglich würde. Keidisminisfer a. D. Ifermes vor Gericht LeidensdiafMdier Protest des Angeklagten fi- Mai. Bor der 1l. Strafkammer des Berliner >anogerlchts begann ein Prozeß gegen den Reichs- -" 1" e r D. Dr. Herm e s, dem fortgesetzte Untreue Jieren Fällen und Vergehen gegen das Genosscnschasts- '•netz vorgeivorfen wird. Die Staatsanwaltschaft erhebt uegen den Angeklagten den Vorwurf, daß er aus Rativnali- "rrnngsmitteln im Betrage von etwa 8,5 Millionen, die im >lahre 1929 von der Preußenkasse der Landwirtschaft zugeteilt vi*?, tvaren. einen Betrag von etwa 1,5 Millionen "'ch» zu Zwecken der Rationalisierung der landwirtschaftliche» 'l, etl°o««ichaften, sondern im wesentlichen zur f i n a n z i e l- '"««tärkung der wirtschaftöpolitischcu Ver- Einigung der deutschen christlichen Bauern- vereine, deren Präsident er damals war, verwandt habe. Nachdem der Vorsitzende einen kurzen Uebcrblick über die Berhandlungsftthrung des aus drei Monate berechneten Prozesses gegeben halte, schilderte der Angeklagte Dr. Her- W e s seinen Lebenslauf. Er ist jetzt 30 Jahre alt und Vater von fünf Kindern. Von März bis August 1983 hat er sich in Untersuchungshaft befunden. Nach einer praktischen lanö- wirtschaftlichen Tätigkeit und zahlreichen Studienreisen in Europa und Amerika wurde Dr Hermes im Herbst 1920 -n e i ch s e r u ä h r u n g s m t n i st e r, nachdem dieses Amt erstmalig geschaffen worden war. Von 1921 bis zum Abschied oes Kabinetts Cuno bekleidete er dann das Amt des R e i ch s f i n a n z»i> n i st e r s. Für die Zentrnmspartci war er Landtagsabgcordneter und bis in die letzte Zeit hinein auch Reichstagsabgeordueter. 1928 war er Präsident ver deutschen christlichen Bauernvereine und von 1980 bis 1983 Präsident des dann gegründeten bäuerlichen Einheits- Verbandes. lieber seine Vermögensverhäktnisse befragt, erklärte der Angeklagte, als Präsident der Bereinigung der deutschen christliche» Bauernvereinc habe er jährlich 18 000 RM. er- halten,' als Präsident des Eiuheitsverbandes jährlich 12 000 RM. Außerdem stand ihm eine Pension als Reichsminister IN voye von ebenfalls 12 000 RM. zu. Während der Verhandlung ereignete sich ein Zwischenfall, als der Angeklagte Hermes zu seiner Entlastung ein Schrei- den des damaligen Präsidenten des Reichslaudbundes, des Grafen K a l ck r e u t h, verlas. Als der Vorsitzende sein Er- stauneu darüber äußerte, daß dieses Schreiben der Staats- auwaltschaft nicht schon in der Voruntersuchung vorgelegt worden sei, erklärte der Angeklagte, daß er sich seine persönlichen Akten aus den Geschäfts- räumen der Vereinigung habe abholen lassen, und daß sich tu diesem etwa 23— 30 Bände umfassenden Material eine Reihe von Briefen befunden habe, die ihm für seine Verteidigung von Bedeutung schie- n e n. Als der Staatsanwalt darauf erklärte, daß ohnehin im Ver- fahren der Verdacht ausgetaucht sei, es sei bewußt M a- terial dem Zugriff der Behörden entzogen worden, erwiederle der Angeklagte in großer Erregung: „Das Gegenteil ist richt'g. Ich habe nie daran gedacht und nie meine Hand dazu geboten, Akten zu beseitigen. Die Vor- Untersuchung hat nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür ergeben." Mit der Hand auf den Tisch schlagendj:„Es ist unerhört, trotzdem diesen Vorwurf zu wiederholen!"— Der Vorsitzende ermahnte daraus den Angeklagten zur Mäßigung und erklärte, daß der Verbacht doch talsächlich entstanden sei. Es würden auch tu der Hauptverhandlung Zeugen zu diesem Punkte vernommen werden. In der Hauptverhandlung werde sich herausstellen, ob etwas Wahres an dem Verdacht sei. Nach längeren teilweise rechl er- regten Auseinandersetzungen wurde beschlossen, den den Ver- Handlungen beiwohnenden Sachverständigen mit dem Ange- klagten Hermes in dessen Wohnung zu senden, um dort das fragliche Material in Empfang zu nehmen. Stimmungsbilder ans dem„dritten Reidi" sSopade.) Die Kritik im„dritten Reich" wächst rasch. Das »eigen sogar die Steden von Hitler, Göbbels, Rühm usw. Im Gegensatz zum Vorjahr wird wieder das sozialistische Ziel besonders betont, und es wimmelt von Drohungen gegen die soziale und politische Reaktion. Die Ursache für diese Schwenkung und die offensichtliche Unruhe, die bei der Führung herrscht, liegt in der kritischen Stimmung des Volkes, wie sie aus den folgenden Beobachtungen erkenn- bar ist. In früheren Zeiten war GöbbelS in Berlin der belieb- lest« Redner der Nationalsozialisten. Jetzt wollen ihn die Berliner nicht mehr hören. In der NSDAP, und in der SA. ist er direkt verhaßt. In der SA. wird Göbebls als der größte Schwindler der Welt bezeichnet. Zu seiner letzten Ver- sainmlung im Sportpalast mußten SA.-Leute in Zivil und ohne Parteiabzeichen kommandiert werden, um ausländischen Vertretern„Volksstimmung" vorzutäuschen. Der Berliner SA.-Gruppensührer Ernst, den man in der NSDAP, offen als den Urheber des Reichstagsbrandes bezeichnet, beginnt kür Göring ein schweres Sorgenkind zu werden. Görina wollte Ernst bereits beseitigen lassen. Aber der Versuch mißlang. Als Ernst von der Göring-Polizei ver- hastet wurde, stellte die SA. ein kurzbekristetes Ultimatum und Ernst war in wenigen Stunden wieder frei. Ernst wird von Röhm gehalten. In Kreisen der Rechtsopposition wird er offen als Frau Röbm bezeichnet. Auch das Attentat Unter den Linden hängt mit dem Streit Röhm—Göring—Ernst zusammen. Für die Enttäuschung in der TA. sind die zahlreichen Selbstmorde bezeichnend. In den letzten sechs Wochen sind in der Berliner SA. allein 18 Selbstmorde zu verzeichnen. Zahlreiche Opfer erfordern auch die internen Auseinander- scyungen mit Waffen zwischen SA., SS. und Hitler-Jugend. Jeden Tag liefert die Feldpolizci, eine auch gegenüber der SA. und SS. mit besonderen Rechten ausgestattete Truppe, Leute deswegen ins Gefängnis ein. Für die Stimmung in der Arbeitsfront ist die Leere und Teilnahmslosigkeit der Versammlungen kennzeichnend. Volle Versammlungen sind nur mit den schärfsten Terrormaßnah- men zustandezubringen. Gelegentlich verlaufen aber auch Versammlungen der Arbeitsfront sehr stürmisch, ein Zeichen des beginenden aktiven Wider st andes. So wird aus Görlitz berichtet, daß jeder, der in Versammlungen der Arbeitsfront das Wort verlangt, um Fragen zu stellen, für drei bis sechs Versammlungen von der Teilnahme ausge- schlössen wird. Diese Fälle haben sich von Woche zu Woche vermehrt. 600 Entmannungsurteile! Gehts auch mit der Arbeitsschlacht nur langsam vorwärts, so sind wir doch in der Frage der Sterilisation in Baden an der Spitze. Bis jetzt wurden bereits OOOEntmannungS- urteile von badischen Gerichten gefällt. Einem amtlichen Bericht zufolge sind über 10000 Entmannungen fällig. So ist wenigstens für Arbeitsbeschaffung ans diesem Gebiet geiörgt. Unter den in Frage kommenden Personen bcsindet sich natürlich lein brauner Bonze, flnbilrgerungsfabrlk Ans der Schweiz erhielten wir folgende Zuschrift, die wir gerne veröffentlichen, obwohl wir nicht jede Zeile unterschreiben: Unter obigem Titel sind in den Zeitungen„D i e F r o n t" und„Schweizerbanner" abwehrende Protesteinsendungen erschienen, die sich gegen ein Inserat wenden, welches iu der «Deutschen Freiheit" erschienen sein soll. Fragliches Inserat offeriert Emigranten und Staatenlosen die Vermittlung der Einbürgerung innerhalb 10 bis 14 Tagen in einem euro- päischen Staate, auch für Nichtarier. Hierzu wäre zur Beruhigung der Protestrufer vor allem zu sagen, daß bei Kenntnis der Einbürgerungstaktik tu der Schweiz eigentlich eine Vermittlung zur Erlangung des Schweizer Bürgerrechtes gar nicht in Frage kommen kann. Denn erstens mutz beachtet ivcrden, daß die meisten Städte und Gemeinden, welche Ausländer einbürgern, sich an die Bestimmung halten, daß Ausländer zum mindesten 3 bis 10 Jahre niedergelassen sein müssen, bevor an eine Auf- nähme in ein OrtSbürgerrecht zu denken ist, wobei dann immer noch die Leistung einer gewissen Einkaiisssumme je nach den Umständen vorbehalten bleibt. Erst dann, wenn diese Vorbedingungen erfüllt sind und die Bewilligung einer Ortsgemeinde vorliegt, entscheidet auf Gesuch hin die zu- ständige eidgenössische Behörde über die Erteilung des Schweizer Bürgerrechtes. Diese Notizen mögen für Aus- länder lEmigrantcn und Staatenloses wegleitend sein in dem Sinne, daß die Vermittlung des Schweizer Bürger- rechtes keine leichte Sache ist, und es könnte wirklich den An- schein haben, daß das fragliche Inserat lediglich den Zweck hat, unerfahrene Leute, die glauben, mit ein wenig Geld sich woanders einbürgern zu können, zu gänzlich nutzlosen Unkosten-Vorschüssen zu veranlassen. Die Annahme einer Spekulation auf die Taschen solcher, die nirgends mehr recht zu Hause sind, ist nicht ganz abwegig. Arbeitslose, welche nicht über erhebliche Mittel verfügen, kommen in gegenwärtiger Zeit kür eine Einbürgerung mit vorhergehender lang befristeter Niederlassung sowieso nicht in Frage. Eine andere Sache ist es mit Emigranten, welche als politische Flüchtlinge ödere als Staatenlose sich darum be- mühen, irgendwo wieder festen Fuß fassen zu können. Auch für solche, vorausgesetzt, daß die zuständigen schweizerischen Behörden spezielle Umstände besonders bei Staatenlosen be- rücksichtigen wollten, wird eine Einbürgerung innerhalb kurzer Frist nur dann möglich sein, wenn die Mittel zum Einkauf und zugleich für eine eigene Existenzgründung als selbständige Erwerbende vorhanden sind, also gewissermaßen die Grundlage geboten wird, daß neu Eingebürgerte nicht gleich der sozialen Fürsorge zur Last fallen. In politischer Hinsicht dürfte es gegebe» sein, wenn mit Rücksicht aus die Anforderung, daß eine gewisse Assimilation gewährleistet sein möchte, für eingebürgerte Ausländer, insonderheitlich politische Flüchtlinge, die Bestimmung festgesetzt würde, daß solche erst nach Ablauf einer Anzahl Jahre wähl- und stimmberechtigt werben. Hierzu wäre im übrigen zu sagen: das schweizerische Asylrecht kann, wird und muß die Grundlagen bieten, daß Staatenlosen die Möglichkeit haben, in der Schweiz eine neue Heimat zu finden, und die Bestimmungen für die Einbürgerung können solchem Bedürsni.s in sehr weitgehender Weise entgegenkommend Rechnung tragen, beziehungsweise sinngemäß angewendet werden. Denn warum soll ein Mensch unbeschadet seiner politischen oder religiösen Gesinnung, der willens ist, sein Brot ohne Nachteil für andere zu verdienen und sich iu die Volksgemeinschaft einzufügen, nicht als Bürger Ausnahme und eine Heimstätte erhalten können? Ge- wiß, die Einbürgerung von Ausländern soll einschränkenden Bestimmungen unterworfen sein: aber allzu ängstliche Protestrufe sind wegen des etwas malitiösen Inserates sicherlich nicht angebracht und unseriöse Praktiken werden nicht allzulange ausgeübt werden können, denn allsällig Gerupfte werden schon ihre Stimme hören lassen. H. U. M. flucht aus dem Reich Aus einem Privatbrief: Zum Schlüsse eine grauenvolle Telbstmordstatistik aus dem Paradiese des„dritten Reiches" aus der Aachener Presse in der Zeit vom 27. März bis einschließlich 3. April 1984. 1. Wer kennt die Tote? Am 27. 3. 1934 gegen 8 Uhr wurde aus dem Hangeweiher eine weibliche Leiche geborgen, die erst kurze Zeit im Wasser gelegen hatte. Die Ermittelungen, ergaben, daß Freitod vorliegt. Irgendwelche Ausweis- papiere waren bei der Leiche nicht zu finden. In einem braunen Lederbeutel befanden sich folgende Gegenstände u>w. 2. 29. März 1984. Erhängt aufgefunden. AuS Schwermut machte er seinem Leben ein Ende. Gestern morgen wurde von einem Zollangestellten, in der Nähe des Elleterberges im Aachner Stadtwalde eine männliche Person an einer Tanne erhängt aufgesunde». Der freiwillig aus dem Leben geschiedene konnte idcndissizicrt wer- den. Es handelt sich um einen 1893 geborenen Anwohner der Turmstraße. Der Grund des Freitodes dürfte Schwermut sein. 3. Frelenberg, Wurmrevier, den 8. April. Ei» Bergmann aus der Siedlung, welcher seit vielen Jahren aus der Grube Carolus Magus beschäftigt ist, hat am Morgen des 1. Osler- tages im Frclenbcrger Wäldchen seinem Lebe» durch Er- hangen ein Ende gemacht. Als Motiv wird Schwermut angegeben. 4. Wer kennt den Toten? 3. April 34. Brand. In der Näh« der Haumühle wurde an einer Tanne ein Mann erhängt aufgefunden. Es gelang bisher nicht, den Toten zu identisi- zieren, da er keinerlei Ausweispapiere bei sich hatte usw. Es folgt die Beschreibung. 3. Büsbach, 4. April 1934. Ihren schweren Verletzungen er- legen ist die Frau, die man im Brandcrwalde bewußtlos ans- gesunden hatte. Die 31jährige Frau, die noch vor einigen Wochen ihrem vierten Kinde das Leben geschenkt hatte, war vor kurzem nach Münsterbusch zugezogen. Wie die Aerzte feststellten, hatte die Frau eine Menge Veronaltabletten ge- nomine«. Auch die Leiche des im Brandcrwalde erhängt aufgefundenen Mannes konnte identifiziert werden. Es handelt sich um einen 40jährigcn Mann aus Stvlberg. 6. Eschweiler. Erhängt ausgesunden. Eschweiler, de» 4. April 1934. Spaziergänger fanden am Ostersonntag in einer Fich» tendichtung des Probsteicrivaldcs in der Nähe der Drcibogen eine teilweise schon in Verwesung übergegangene männliche Leiche. Der Körper war mit einem Strick um den Hals an einem Baum etwa 100 Schritt von dem Weg entfernt ange- bunden. Es handelt sich um einen Glaser aus Düsseldorf. 7. Düren, 3. April. Gestern abend verübte das Ehepaar Schleicher aus Schlich Selbstmord, indem es sich bei der Sta- tion Langerwehe von einen aus Aachen kommenden Per- fonenzug ivarf. lieber den Beweggrund der Tat war bisher nichts in Ersahnnng zu bringen. Es sind demnach in 10 Tage allein im Aachner Bezirk 8 Selbstmorde zu verzeichnen. Es wird nicht mehr.ige dauern, so werden die Zeitungen auch diese grauenvolle Be- richte nicht mehr bringen dürfen, genau so wie bei den Ver- Haftungen... In Anlage noch einen Bericht eines Aachener Genossen aus einem Betriebe der gewiß interessieren wird. Mit bestem Gruß ClausVeritaS. I6i Trinne 43-13 MStro P i g a 1 1 e Deutsche Poliklinik Paris 02, Pue de la Rochefoucaula •I Allgemeine Konsultationen mit9Spezialisten, b) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshillliche Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9—12 und 2—8; Sonntags und Feiertags von lO—12 und 2—4 Utu Steuerfragen Gesellschafts- gründungen Wenden Sie sich an F« BRIQUEU LICENCIE EN DROIT ehemaliger Kontrolleur der direkten Steuer, behörden, um vom offiziellen Standpunkt aus beraten zu werden. 25, Bd. Bonne-Nouvelle, PARIS(2). Telefon Louvre 22.93 5CC wenig getcaqene Iiiodette (haute coatare): Tages-, Abend-, Sportkleider and Pelze werden momentan verkauft bei: Jtacy-Occasions 40, rue Desrenuudes(Ternes) Tel.: Etoile 35-86, Ankuuf. 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Er erhielt 11 949 Stimmen gegen 6150 im Jahre 1930. Die Sozialisten stimmten für Doriot, die Kommunisten hatten keinen Gegenkandidaten aufgestellt. * Wie sich herausstellt, ist die Cite Jeanne d'Arc, die Zufluchtsstätte armer Leute, in der die Polizei am 1. Mai eine Säuberungsaktiou abhielt, schon einmal der Gegenstand einer Roinanschilderung gewesen. Der Cite sind mehrere Kapitel des Romans„Le diaraant perdu" von Henry Debossay, erschienen 1930, gewidmet. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß die von vielen deutschen Flüchtlingen besuchte rue Mouffetard mit ihrem billigen Markt in dem modernen Pariser Angestellten-Roman von Georges Duhamel ,Konfession de minuit'" behandelt wird. * Artur Schnabel spielt Mozart. Beethoven und Schubert am Freitag in der salle Gaveau, Richard Tauber singt Tschai- kowsky, Grieg, Puccini und Lehar am Montag, 14. Mai, in der salle Pleyel. * Am 20. Mai beginnen die internationalen Tennis-Meisterschaften zu Paris, die bis zum 3. Juni dauern. Am 13. Mai ist das Derby d' Südens zu Bordeaux. Die Messe von Paris Der Ausstellungfepark an der Porte de Versailles birgt von Mittwoch an die neue Pariser Messe. Besonderer Zuzug wird aus Belgien, England, Spanien, Italien, der Schweiz, Luxemburg und dem Saargebiet erwartet, sowie auch au*- Deutschland. Es gibt mehr als 8000 Aussteller aus 3ä Ländern. Als besonders reich beschickt werden die Abteilungen Messerschmiede, Töpfereien, Handschuhe und Klaviere bezeichnet. Am Samstag findet auf der Ausstellung ein„Tag des Geschäftsreisenden" statt, beginnend 13.30 Uhr vormittags, mit besichtigung der Stände und nachfolgendem vormittags, mit Besichtigung der Stände und nachfolgendem Die Messe dauert, wie bereits angekündigt, bis zum 24. Mai. Herr von Popen auf den Boulevards In einem Artikel, der sich gegen die Rede des Propagandaministers Dr. Göbbels in Zweibrücken wendet, tritt Gabriel Perreutin„Paris Soir" unter der Unterüberschrift„Herr von Papen auf den Boulevards" der unglaublichen Tatsache entgegen, daß Herr von Papen von der Leinwand der Pariser Kinos herunter in einer Wochenschau Propaganda für die Verhitlerung der Saar machen konnte. Man stelle sich vor, welchen Lärm es machen würde, wenn etwa in den Kinos am Berliner Zoo die umgekehrte Parole entfacht würde. Das wäre nicht auszudenken! Gabriel Perreux schreibt!„Während die Saarländer tapfer gegen die Schädigung ihrer Zukunft kämpfen, selbst mit Lebensgefahr, während die Göbbels, die Görtng und die Hitler mit beiden Beinen gegen unsere Grenze stampfen, um die Rückkehr der Saar zum Reich zu verlangen, können die Pariser in einigen Kinos bewundern■.. Was wohl? Ohne Zweifel einen unserer Politiker, der sieghaft auf die deutschen Forderungen antwortet? Ach nein... Herr von Papen in Person ist es, der bis auf die Boulevards vordringt, um zu verkünden, daß die Saar deutsch ist und deutsch bleiben muß. Was tut der Quai d'Orsay dagegen?" Es ist im Uebrigen ja bekannt genug, daß eins der bekanntesten und zentral gelegenen Pariser Kinos sozusagen das„Göbbels-Kiuo" auf den großen Boulevards ist, da es durch einen besonders ausgiebigen Vertrag mit der unter dem Einfluß des„dritten Reiches" stehenden Ufa verbunden ist. Das Stendal-Museum In seiner Heimat, der pittoresken savoyischen Gebirgs- stadt G r e n o b 1 e. ist das mehrfach angekündigte Museum von Henri Beyle. genannt Stendhal, dem Dichter der Seelenempfindlichkeit, nunmehr eröffnet worden. Das Museum befindet sich in der früheren Ursulinerinen-Kapelle. Im Hauptsaal hängt u. a. das Medaillon des Dichters aus der Hand des großen Malers David d'Anger- und«ein Porträt in der Uniform eines französischen Konsuls vom Prinzen Demidoff, das nacheinander dem Dichter Merimee und der Kaiserin Eugenie gehörte. Eine Reihe„Slendhalisten" aus Frankreich und dem Ausland, wie Simon aus Zürich und Burckhardt aus Genf nahmen an der Eröffnungsfeier teil. Das Foyer der Quäker In Pariser Emigrantenkreisen sind Gerüchte verbreitet, daß die Gesellschaft der Freunde(Quäker) das billigste Foyer in der rue Pierre Levee, in der es eine Bibliothek, Essen und sonstige Einrichtungen sozialer Art gibt, auflösen wolle. Vi'ie wir auf Erkundigung erfahren, sind diese Gerüchte unbegründet. Das Foyer bleibt erhalten. Vom französischen Maturum Das französische Abiturientc nexamen(baccalaureat) ist bekanntlich eine sehr schwierige Sache, die große Kenntnisse und viel Gedächtnisstoff voraussetzt Man redet seit langem von Aeüderungen. Jetzt haben«ich, wie man liest, die französischen Gymnasiallehrer geweigert, die Gopten der Absolventen jedes Jahr zu korrigieren. Wahrscheinlich wird ein Referendum durch den Verband der Professoren stattfinden. Falls die gänzliche Weigerung keine Mehrheit findet, so soll doch beschlossen werden, daß die Korrekturen erst ausgeführt werden, und dann soll die Korrigiererei nicht länger als einen gewöhnlichen Arbeitstag in Anspruch nehmen. Eine kirchliche Trauung vor Gericht In Nantes kommt am 15. Mai ein Priester unter ungewöhnlichen Umständen vor die Strafkammer. Ein Mann namens Morel lebte mit einer Mademoiselle Sorin in wilder Ehe. Eines Tages wurde Morel schwer krank und ließ den Vikar Hervouet kommen, dem er sagte, er werde sterben und wolle vorher noch kirchlich getraut werden. Der Priester erwiderte aber, ihm sei die Einsegnung vor der zivilen Trauung verboten. Nun machte die junge Frau alle möglichen Wege, um die staatliche Trauung zu erreichen, aber es dauerte zu lange, und das Paar hatte auch das Geld nicht, während der Zustand des Kranken immer schlimmer wurde. Darauf ließen sie abermals den Vikar kommen, und als dieser sah, wie die Sache stand, traute er sie. Das war Anfang April. Am 19. April starb Morel. Jetzt wird sich der Abbe wegen Vergehens gegen den Artikel 199 des französischen Strafgesetzbuches zu verantworten haben. Im deutschen Strafrecht finden sich bekanntlich analoge Bestimmungen. Die Wahl von Sf. Denis Kommunistische Niederlage Bei de« kommunale« Zusatzwahleu in Saint Denis hat der Abgeordnete Doriot 11 S44 von insgesamt abgegebenen 16 788 Stimmen erhalten. Drei seiner Anhänger erhielten je etwa 10 800 Stimmen. Die Kommunalwahlen in Saint Denis, diesem rotesten Borort von Paris, stellen ein politisches Ereignis dar, dessen Bedeutung weit über die örtlichen Grenzen hinausgeht. Seit Monaten dauerte der erbitterte Kamps zwischen dem Abgeord- neten und Bürgermeister von Saint Denis, Doriot, und der offiziellen Leitung der Kommunistischen Partei. Das war der Kamps um die ehrliche Einheitsfront der Arbeiterschaft. Doriot trat für die Einheitsfront und gegen die kommu- nistischen Einheitssrontmanöver ein. Die kommunistische Parteileitung wollte den Fall Doriot aus dte erprobte Weise erledigen, indem sie den rebellierenden Abgeordneten ausgefordert hat, nach Moskau zu fahren. Dies hat Doriot abgelehnt und sich entschlossen, seine Wähler und JihoAotadenfateik Schweizer Firma spezialisiert in der Branche, steht zur Verfügung von Fachmännern oder Finanzkonzernen, zw Projektierung, Bau und Beratung moderner Schokoladen-Werk* in Europa oder Uebersee. Betriebsletter erste Kraft. Eigene Rezepte u. Arbeitsverfahren üb. Schweiz. Qualität Zuschriften erbeten an die ,,Deutsche Freiheit" Saarbrücken anter Nr. 84b nicht die Gewaltigen in Moskau zu Richtern über seine Hal- tung zu machen. Er hat als Bürgermeister demissio- n i e r t und auf diese Weise die Zusatzwahlen herbei- gezwungen. Seinem Beispiel! folgten drei seiner Partei» anhänger, die Gemeinderäte waren. Der Kampf wurde mit ganz außerordentlicher Intensität geführt. Die offizielle Partei hat nichts unterlassen, um Doriot zu biskreditieren. Doriot wurde von dem kommu- nistischen Zentralorgan„Humanite" auf wüsteste Weise an- gegriffen. Die prominenten Fuhrer, barunter Marcel C a ch t n, kamen nach Saint Denis, um den Kampf gegen Doriot zu führen. Zum ersten Mal führte Doriot den Wahlkampf nicht nur ohne Unterstützung seiner Partei, sondern direkt gegen sie. Die Wähler standen vor der Wahl: Kommunistische Partei ober Doriot! Und das hieß in diesem Falle: Kommu- nistische Partei oder ehrliche Einheits- front! Damit wuchs dieser Kampf über den engen Rah- men einet Parteiangelegenheit hinaus und gewann grund- sätzliche politische Bedeutung. Der Sieg von Doriot ist überwältigend. Er erhielt sofort im ersten Wahlgange nicht bloß eine absolute, sondern eine Dreiviertelmehrheit! Wenn seine Anhänger nicht ganz so gut abgeschnitten haben, so erhielten auch sie trotzdem alle mehr als eine Zweidrittelmehrheit! Dieses Er- gebniS zeigt, daß unter dem Eindruck der letzten Ereignisse in der französischen Arbeiterschaft, auch in ihrem kommunistischen Teil, der leidenschaftliche Wille zur Einheit der Arbeiterbewegung wach geworden ist. „iiTifll Dollfuß wie Miller Barbaren gegen Geist Unter den Unglücklichen, die die österreichische Regierung in das»och immer von einer Ruhrepidemie heimgesuchte Konzentrationslager Wöllersdorf sperrt, ist es beson- ders das Schicksal des Abgeordneten Karl Leuthner und des Gemeinderates Dr. Friedjung, das allgemeine Empörung wecken wird. Karl L e u t h n e r, einer der geistvollsten sozialistischen Schriftsteller, ist SS Jahre alt. Der schwernervöse Mann, der nach den Februarkämpfen ohne jeden Grund verhaftet und seither in Polizeihaft gehalten wurde, leidet unter der Hast außerordentlich schwer. Leuthner, der seit der Gründung der „Arbeiter-Zeitung" einer ihrer führenden Redaktcure ge- wesen war, ist seit zwei Jahren in Pension, er kann also nicht einmal für die Haltung der„Arbeiter-Zeitung" in der letzten Zeit verantwortlich gemacht werden. Trotzdem wird der lei- dende Mann in das Konzentrationslager gesperrt. Der Gemeinderat Dr. Josef Karl F r t e d j u n g, der eben- falls nach Wöllersdorf eingeliefert wurde, ist Privatbozent an der Wiener Universität und einer der bekanntesten Wiener Kinderärzte. Er ist auch in wissenschaftlichen Kreisen durch die Anwendung der psychoanalytischen Forschung Siegmund Freunds in der Kinderpsychologie bekannt geworden. Fried- jung war im Wiener Gemeinderat neben Professor Tand- l e r einer der maßgebendsten Berater der Gemeindeverwal- tung in sozialhygienischen Fragen, vor allem in Fragen der Kinbersürsorge. Auch dieser Mann, dessen ganzes Lebens- werk der Gesundheit der Wiener Proletarierkinder gewidmet war, wird nun von der kulturfeindlichen Reaktion in das Konzentrationslager gesperrt. Das System persönlicher Rache an gegnerischen Politikern, das gegenwärtig in Oesterreich herrscht, wird durch die Ueber- stellung des sozialdemokratischen Bundesrats, Hofrat Dr. Schärf nach Wöllersdorf gekennzeichnet. Hofrat Dr. Schärf war Sekretär des sozialdemokratischen Abgeordnetenver- bandes und des sozialdemokratischen Nationalratspräsidente». Er wurde im letzten Jahr in den Bundesrat entsendet, der bekanntlich nach Ausschaltung des Nationalratcs die einzige parlamentarische Tribüne war. Dort hat Schärf in mehreren aussehenerregenden Reden die juristischen und moralischen Grundlagen des austrosaschisttschen Systems gebrandmarkt. Run nimmt Bundeskanzler Dollluß an Schärf persönliche Roche. Als offizieller Grund für die Ueberstellung der 81 Sozial- demokraten ins Konzentrationslager wird angeführt, daß die gerichtliche und polizeiliche Untersuchung keinen st ras- baren Tatbestand ergeben hat, daß aber ihre An- Haltung im Konzentrationslager aus politischen Gründen notwendig sei. Die austrofaschistische Diktatur gibt also offen zu. daß sie Menschen bloß ihrer Gesinnug wegen der Freiheit beraubt. BBienitnsTBM Gauleiter Bürdet. Der Pfennig- und Bettelsozialismus, durch den Sie Ignorant die sozial« Frage lösen wollten, hat elend Pleite gemacht. Sie machen bekannt, daß in der Pfalz keine Sammlungen mehr durchgeführt werden dürfen. Welche Sorte Spießbürger-Sozia- lismuS werden Sie nun erfinden?— Heilt Hitler! „Slot« Erde". Ihrem Brief entnehmen wir:„Beim Abtransport „freiwilliger Lanbhelser" in Dortmund nach Ostpreußen kam es zu Protestdemonstrationen. Verschieden« ZA^Leute wurden verprügelt. Ter Transport ging nicht ab, 25 Arbeiter wurden verhastet. In Vettrvp kam es wegen einer Älvrozentigen Kürzung der Bezüge der Fürsorgeempfänger zu Hungerdemonstrationen. Zur Beschwichtigung nurden Lebensmittelkarten ausgeteilt." Die Stimmung im Jndu- strtegcbiet scheint recht„refaitiftisch" zu sein. Gerta, London. Obwohl Rationalfozialistin, lesen Sie unser Blatt mit Interesse. Als Antiparlamentarierin machen Sie uns ans sol- gende Notiz aufmerksam:„Ter konservative Abgeordnete Bize- admiral Gordon Campbell wurde von einem Londoner Polizeigericht wegen Trunkenheit, nächtlicher Ruhestörung und Widerstand gegen die Polizei zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt." Aber, ver- ehrte Frau, was hat der Hang zum Suff mit dem ParlamentariS- muS zu tun? Ihr Leu zum Beispiel hat im ReichSlag und draußen mit gleicher Lust gebechert. SB. St., Straßburg. Nach unwidersprochenen Zeitungsmeldungen sind in Frankreich etwa 000 000 ausländische Arbeiter beschäftigt. Davon sind 900 000 Italiener, uoooo Polen. 80 000 Russen, 70 000 Tschechoslowakei«. 00 000 Schweizer und 90 000 Deutsch«. 00 000 arbeitslose Ausländer erhalten Arbeitslosenunterstützung. Demnach scheint die deutsche Emigration Frankreich immer noch am wenigsten zu belasten. „Hoclizeitmach«»..." Deutsche Zeitungen bringen setzt Bilder von Mässenhochzetten. Axbeitsdienstler treten koniv-inieweise mit den Bräuten zur Trauung an.— Die in einigen Jahren fälligen Massenscheidungen werden wohl nicht fotografiert werben. Für den Mesamtinbal» verantwortlich: Johann P i tz in Dudweiler: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der BolkSftimme GmbH„ Saarbrücken S, Schützenstraße 5,— Schließfach 776 Saarbrücken.