Sinzig« unabhängige Tageszeitung veutschlands Nummer 107— 2. Jahrgang Saar brocken, Donnerstag/Freitag, 10./11. Mai Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inha lt JiucfitiUiqskommissac und Jleichsceq.ieciuig. Seite 2 Verfassung des Auslcofascfiismus von Otte Bauer Seite 3 Jzaqödie dec Jhhweizee Jceiheit Seite 3 eJCandstceich an dec Saac Seite 7 Die defesseHe Presse Statt Auflodternng neue Ketten Berlin, 9. Mai. Im Hotel Kaiserhof war die erste Reichs- Pressetagung der NSDAP, versammelt. So sehr auch der offizielle Bericht retuschiert sein mag, er kann doch nicht ganz verbergen, welche Sorge die alleinherrschende Partei sich über i'U Zukunft des deutschen Pressewesens macht. Auch der Reichskanzler und Parteiführer Adolf Hitler hat zu den Schriftleitern gesprochen. Ueber seine Rede wird aber nur mitgeteilt, baß er Anregungen auf allen Gebieten dargereicht habe. Das ist bei dem größten Manne des Jahrtausends selbstverständlich. Aufschlußreich waren die Reden der führenden national- sozialistischen Journalisten. Sie lassen keinen Zweifel dar- über, daß der Wille auf die Vernichtung der nicht stramm nationalsozialistischen Presse gerichtet ist. Die Totalität des Parteistaates erzwingt eine Presse, die diesem Staat und der ihn beherrschenden und durchdringenden Partei gehorsam dient. Dabei fühlen offentsichtlich selbst die nationalsozialistischen Journalisten, welche bedrückenden Gefahren auch ihnen unter die>em Zwangssystem drohen. Der Reichspresseches Dr. Dietrich begrüßte es, daß Reichsminister Dr. Göbbels eine Empfehlung an die Dienststellen herausgegeben habe, im Interesse einer lebendigeren und individuelleren Gestaltung der Zeitungen mehr Bereitwilligkeit zu zeigen, sich auf journalistische Notwendigkeiten einzustellen. Denn gerade die nationalsozialistische Presse, die Disziplin zu Hallen gewohnt sei, sei verpflichtet, sich gegen journali- stische Unzuträglichkeiten unbefugter Stelle«, die sie an der Entfaltung ihrer schöpferischen Arbeit hinderten, zu wehreu. Mithin: auch die nationalsozialistischen Zeitungen leiden unter dem Unverstand und dem Größenwahn der Partei- und Staatsbonzokratie, die ahnungslos und kenntnislos in die Journalistik hineinverfügt und den Redaktionen lang- weilige Beiträge aufdrängt. Da aber der Reichsminister Göbbels nur eine„Empfehlung" an die Dienststellen geben konnte, wird praktisch nichts gebessert werden. Der Reichöpropagandaminister setzte seine Schauspielerei ilijrr den Mut zur Kritik fort. Er verkündete: Mehr Mut! Unmöglich sei aber eine Kritik um ft« Kritik willen. Ein Mensch, der es als seinen Berus auf- fasse, ändere zu kritisieren, ohne selbst Positives aufzuwei- sen, übe einen Beruf aus, vor dem man wenig Achtung haben könne. Kritik müsse sich immer mit positiver Leistung verbinden. Dr. Göbbels wies dann daraus hin. daß er der Kritik seiner Ausführungen freien Lauf gelassen habe, wenn sie von jemanden geschrieben sei, der es ehrlich meine und ehrlich um die Probleme ringe, die es heute zu lösen gelte. Er habe auch andere Meinungen als seine gehört und sei gegen die Männer nicht eingeschritten, die diese Meinung vertreten hätten. Wenn aber Mensche«, die bisher grundsätzlich gegen den Nationalsozialismus eingestellt gewesen seien, jetzt in plnmper Vertraulichkeit die ihnen gegebene Freiheit dazu mißbrauchten, Mißtrauen zwischen Volk und Führung zu säen, dann könne man dem natürlich nicht untätig zusehen. Welcher Journalist soll da noch ein Wort der Kritik zu ver» öffentlichen wagen?„Kritik müsse sich immer mit positiver Leistung verbinden." Wie leicht wird es den regierenden Herren sein, wenn nicht zu beweisen, so doch zu behaupten, baß die positive Leistung des Kritikers fehle und er daher im Konzentrationslager landen müsse. Und alle die Journa- listen die bisher Gegner des Nationalsozialismus waren, mißbrauchen ohnehin unerhört die ihnen gegebene„Frei- heit", wenn sie ein Wörtlein riskieren wollen. Es wäre wirk- lich sonderbar, wenn ein so gerissener Junge wie Göbbels ernsthaft glaubte, mit seinen Reden den Mut zu einer fach- lichen Kritik heben zu können. Nein, er weidet sich innerlich an den Qualen der gleichgeschalteten Verleger und Redak- teure, für die es keinen Ausweg mehr in» Freie gibt. Sie müssen unter dieser Sklaverei zu Grunde gehen. Manchmal wirb der grausame Hohn des Reichsministers offenbar. So wenn er sagt: Er habe seinen neuen Erlaß mit Absicht vor der natio- nalsozialistischen Presse verkündet. Er begrüße es sehr, wenn die bürgerlich« Presse mit der nationalsozialistischen Presse um die Lösung der Aufgaben der Zeit ringe und kämpfe. Die weltanschaulich überlegenere Zeitung dabei sei aber immer die natio- nalsoztalistische Zeitung. Das heißt doch: Ihr bürgerlichen Journalisten dürft zwar mit uns ringen, aber die Sieger sind unter allen Umständen und allein wir Nationalsozialisten. Nötigenfalls wird die nationalsozialistische Staatsmacht entscheiden, wer welt- anschaulich überlegen ist. So geht die deutsche Presse, soweit sie nicht der regierenden NSDAP, gehört, zu Grunde. Immer vorsichtiger werden die Verleger, um den Rest ihres Kapitals zu retten. Immer ängstlicher werden die Redakteure, well sie von der überlege» neu Weltanschauung ihrer nationalsozialistischen Kollegen nicht durch die Fäuste der SA. und das Konzentrationslager überzeugt werden wollen. Immer gleichgültiger werden aber die Massen gegenüber der gleichgeschalteten und immer miß- trauischer gegen die nationalsozialistische Presse. Das ist die Stelle, wo der nationalsozialistische Staat allmählich ver- wundbar wird. Der große Feldzug gegen die Kritikaster und Miesmacher wird das allgemeine Mißtrauen nur vertiefen und vermehren. Weil es keine Freiheit des Schreibens und des Redens gibt, schwindet der Glaube an Regierung und Partei. Der Unisormität des offiziellen LügenS von oben, stellt sich ein millionenfacher Unglaube von unten entgegen. Ilcndersons„letzter versuch Die Gegensätze im britischen Kabineft London, 9. Mai. Der politische Korrespondent des„Daily Herald" schreibt, Henderson werde in Paris bei Barthou einen letzten Versuch machen, der Abrüstungskonferenz zu einem, wenn auch noch so begrenzten, Ergebnis zu verhelfen. Das Höchste, was erreicht werden könne, sei der alte Plan der Stillhaltevereinigung für fünf Jahre mit einem darauf folgenden fünfjährigen Abschnitt allmählicher Rüstungsver- Minderung. Es sei aber zu befürchten, daß Frankreich dies ablehnen werde. Dieser Lage sehe sich das Kabinett auf seiner Wochen-Sitzung am Mittwoch gegenüber. Macdonald, der von Lord Halifax und Baldwin unterstützt werde, sei bereit, wesentliche Zugeständnisse an den französischen Stand- punkt zu machen. Lord Hailsham, hinter dem die Mehrheit des Kabinetts stehe, soll sich gegen weitere Verpflichtungen auf dem europäischen Festland ausgesprochen haben und wolle lieber die Beendigung der Abrüstungskonferenz und den Beginn einer Aufrüstung sehen. Sir John Simon neige mehr oder weniger zu der Auffassung von Lord Hailsham. Der diplomatische Korrespondent des„Daily Telegraph meldet, in diplomatischen Kreisen werde jetzt zugegeben, daß Frankreich bei Wiederzusammentritt des allgemeinen Aus- schusses der Abrüstungskonferenz am 29. Mai es nach wie vor ablehnen werde, einer Verminderung oder auch nur einer Begrenzung seiner jetzigen Kampfkraft zuzustimmen. Der politische Korrespondent der„Morning Post" berichtet, in politischen Kreisen werde dem Beschluß in der Ab- rüstungsfrage und über die künftige britische Außenpolitik, die das Kabinett auf einer Wochensitzung fassen werde, große Bedeutung beigemessen. Eden werde am Montag bei Er- öfsnung der Sitzung des Völkerbundsrates Großbritannien vertreten. Simon werde Mitte der Woche zu ihm stoßen. In gut unterrichteten Kreisen werde allgemein angenommen, daß die Regierung aus der Abrüstungskonferenz nicht wieber die Initiative ergreifen werde. Es werde geglaubt, baß die überwiegende Mehrheit der Kabinettsmitglieber zu- gunsten eines engen Einvernehmens mit Frankreich sei. * Der parlamentarische Korrespondent der„Times" schreibt, die Minister seien sich klar darüber, daß die Aus- sichten der Ueberwindung des toten Punktes gering sind. Zudem werde aber auch berücksichtigt, daß kein Land den Wunsch haben werde, die Verantwortung dafür zu über- nehmen, das Werk der Abrüstungskonferenz zu einem un- zeitigen Ende zu bringen. Aus diesem Grunde würden die britischen Minister bereit sein, jede Anregung zu prüfen, die etwa gemacht werda Gestern und heute Scheiden tut weh. Zumal, wenn man Minister war und es nun auf einmal nicht mehr ist. Herr Göring nahm soeben Abschied vom Preußischen Innenministerium. Es war eine trübe Feier in dem alten rot- plüschenen Festsaal des Hauses Unter den Linden. Der Staatssekretär Grauert richtete Worte an seinen Chef. Wir glauben dem Bericht, daß es„herzliche und bewegte" waren. Die Worte des Ministers selbst waren, wenn der Bericht zutrifft, nur„herzlich". Bewegtheit kommt bei dem granitenen Göring natürlich nicht in Frage. Im Gegenteil, er scheint sich geradezu wie ein Schneekönig gefreut zu haben, daß er nun weg muß. Förmlich danach gelechzt hat er:„Immer meine Auffassung gewesen... in erster Linie dem Reich dienen... alter Traum aller echten Deutschen... ohne den geringsten Dr uck von außen... persönlich den Entschluß gefaßt..." Wo Göring nur auf einmal diese Sprache her hat? Früher klang das ganz anders. Früher kam bei ihm zuerst Preußen und nochmal Preußen und zum dritten Mal Preußen. Preußen war bei ihm das Wesentlichste und Wichtigste am Deutschen Reich. Am 18. Mai 1933 sagte er in seiner Programmerklärung als Ministerpräsident im Preußischen Landtag:„Preußen wird, wie schon im vorigen Jahrhundert, das Fundament des Deutschen Reiches bilden." Wie im vorigen Jahrhundert... Da war es nämlich ein souveräner Bundesstaat. Dazu wollte es Göring natürlich nicht wieder machen. Aber er wollte verhindern, daß es im Reich aufgehe. Darum stemmte er sich mit aller Kraft tegen eine ernstliche Reichsreform. Diese hätte mit einer Neuaufteilung der Länder beginnen müssen. Das hätte selbstverständlich die Zerschlagung Preußens bedeutet; daher das Projekt von 12 oder 18 Reichsgauen an Stelle der früheren Länder. Herr Göring behauptet heute, dieser Plan stamme von ihm. Möglich, daß er ihm auf den Schreibtisch gelegt worden ist, möglich, daß sein Name darunter steht; wir können das nicht nachprüfen. Aber freiwillig und ohne den geringsten Druck, wie er heute der Welt vormacht, hat er ihn bestimmt nicht darunter geseßt. Dazu hat er seine wahre Meinung früher viel zu deutlich gesagt. In der gleichen Rede vom 18. Mai erklärte er nämlich:„Unter keinen Umständen werde ich dulden, daß preußischer Besiß von Preußen getrennt wird." Und nun duldet er noch ganz andere Dinge. Warum— das hat er in seiner Rede angedeutet. Was er von seinem persönlichen Entschluß„ohne den geringsten äußeren Druck" sagte, war wohl mehr Verzierung. Aber ernst meinte er es mit den Worten, er„fühle sich nur als Soldat, für den allein der Befehl des Führers maßgebend sei." Die Preisgabe des Preußischen Innenministeriums an den Bayern Frick ist ihm also befohlen worden. Man scheint ihm zum Widerstand geraten zu haben, denn Göring sprach von„Einflüsterungen und Ratschlägen, die ständig an ihn herangetragen worden seien". Wer mag da wohl geflüstert haben? Sein bisheriger Pressechef, Sommerfeld, hat dieser Tage plößlich seinen Abschied genommen. Vielleicht hat Göring den Herrn, der über ihn eine vierhunderttausendmal gedruckte Biographie schrieb nicht ganz freiwillig gehen lassen. In der Bürokratie des Dritten Reiches wackelt es gerade während dieser Tage an verschiedenen Stellen. Göring tagte seinen Mitarbeitern, auch unter Frick brauche sich niemand von ihnen zu sorgen,„wenn er seine Pflicht tat." Nette Zustände müssen da sein. Herrn Frick geht offenbar der Ruf voraus, daß er unter der Göring-Clique gewaltig aufräumen werde. Die Begründung soll offenbar sein, daß dieser oder jener seine Pflicht nicht getan habe. Wir dachten bisher, das komme nur bei Marxisten vor. Eine Clique wirft die andere hinaus. Das ganze heißt: autoritärer Staat. Argus. 40 fahre Kerker! Für 28 illegale Kommunisten Kassel, 9. Mai. Vor dem Strafsenat des Kasseler Ober- landesgerichts hatten sich in zweitägiger Verhandlung 2 8 Kommunisten aus Frankfurt a. M. wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu verantworten. Die Angeklagten hatten sich für die Ziele der verbotenen KPD. eingesetzt, indem sie kommunistische Zeitungen vertrie- ben. Gelder kassierten und Beiträge bezahlten. Von den 28 Angeklagten wurden drei freigesprochen, während die anderen zu insgesamt rund 49 Jahren Zuchthaus und Gefängnis verurteilt wurden. Die Hauptschul- digen Nebel, Gesang und Bukowski erhielten Zuchthausstra- sen zwischen zwei und drei Jahren und fünf Jahre Ehrver- tust. Strafverschärfend wurde einem Teil der Kommunisten ihr Leugnen vor Gericht angerechnet. ftiidrillngskommissar und Reidisregierang lModi nnbeonsworfele fragen London, 8. Mai. Hochkommissar James Macdonald be- richtete, er wie seine Mitarbeiter hätten bei Gelegenheit zweier Besuche in Berlin int Februar und im April 1934 mit den Beamten des deutschen Auswärtigen Amtes die Paß-Frage für die Emigranten erörtert und verlangt, daß die deutschen Konsularbehörben im Auslände jedem deutschen Staatsangehörigen. dem sie seinen Paß nicht verlängern oder keinen neuen deutschen Pah ausfolgen motten, eine diesbezügliche schriftliche Erklärung geben: eine solche Er- ktärung wird von den Pastbehörden in gewissen Ländern von einem Flüchtling deutscher Staatsangehörigkeit als Be- dingung für die Ausgabe eines Idenritäts- und Reisedoku- mcnts an ihn gefordert. In dieser Angelegenheit wird mit dem deutschen Auswärtigen Amt noch verhandelt. Hochkommissar Macdonald hat mit dem deutschen Aus- wältigen Amt auch gewisse Fragen betreffend das Eigen- tum der Flüchtlinge erörtert und im besonderen die folgenden Punkte behandelt: Einführung einer gleichmästigen Praxis betreffend den Betrag, den ein Emigrant auS Deutschland mit sich nehmen darf, wenn er in ein anderes Land als Palästina emigriert ldie Lage hinsichtlich der Emigranten nach Palästina ist relativ zufriedenstellend): Zahlung von Pensionen an frühere Beamte, Univcrsitätsprosessoren, Dozenten usw., die entlassen wurden und die Teutschland verlassen haben, an ihre jetzigen ausländischen Adressen: Bemessung der Höhe der 3t c i ch s f l nchtsteuer aus daS Eigentum von Emi- granten nach dem Wert, den dieses Eigentum zu der Zeit hat, wo der Emigrant das Land verläßt, nicht aber nach dem Wert, den es im Jahre 1931 gehabt hat. Der Hochkommissar hat ferner die Frage aufgeworfen, nichtarischen Medizinstudenten, die ihre Studien in Deutschland vollenden dürfen, die Erwerbung des aka- demischen Grades zu ermöglichen, ohne den sie in anderen Ländern die entsprechende Prüfung nicht ablegen können. Ter Hochkommissar erwartet eine Antwort auf alle diese Fragen. Bor kurzem wurde das Verlangen der Rückzahlung von Prämien, die Arbeiter- und Angestelltenslnchtlinge an soziale Versicherungsgesellschaften in Deutschland f?llters- und Invalidenversicherung) leisteten, dem Auswärtigen Amt unterbreitet. Tie sofortige Antwort der deutschen Regierung auf dieses Verlangen war nicht ermutigend. Der Hochkam- missar beabsichtigt, kompetente juristische Autoritäten zu ton- snlticrcn und dem deutschen Auswärtigen Amt ein ausführ- liche Memorandum hierüber zu unterbreiten. Dreizehnjähriger Härder... Er erschlägt den Kameraden wegen einer H tCer-Un:ff arm Essen. 8. Mai. Der Mord an dem Jungvolkangehörigen Fritz Walken- Horst ans Gelsenkirchen hat eine ebenso unerwartete wie seit- same Aufklärung gefunden. Als Mörder des Jungen wurde der erst 13jährige Heinz C h r i st e n ans der Moor- kampstraste in Gclsenkirchcn ermittelt und einwandfrei über- führt. Er hat ein volles Geständnis abgclegr und auch die Motive dargctan, die ihn zu der furchtbaren Tat vcean- lastt haben. Er hatte den Walkenhorst von der Grillostraste aus bis zum späteren Fundort der Leiche begleitet, wo er tags zu- vor mit einem Kameraden angeblich aus Spielerei eine Grube angelegt hatte. Hier schlug er plötzlich auf den ah- nungsloscn Jungen ein, drückte ihn in die Grube und führte so seinen Erstickungstod herbei. Dann zog er dem Toten die Uniform aus, deckte die Leiche mit Erde zu und ging»ach Hause, wo er der Mutter erzählte, er habe von einem Hitler- Jungen eine Uniform geschenkt bekommen. Am nächsten Tage zog er die Kleidung des Ermordeten an und benahm sich völlig ruhig und unauffällig. Nachdem Christen das Geständnis abgelegt hatte, ast er in aller Gemütsruhe, und auch als man ihm die Furchtbarkeit seiner Tat vorhielt, erklärte er nur, Walkenhorst habe ihn oft genug geärgert, und außerdem habe er auch eine Uniform haben wollen. Am Sonntagnachmittag wurde eine Ortsbcsichtigung vor- genommen, die natürlich eine große Menschenmenge ange- lockt hatte. Christen zeigte sich ganz uninteressiert, demön- stricrte in allen Einzelheiten, wie er das Verbrechen be- gangen hatte und winkte den Umstehenden frech zu. In seinem Gebaren vor der Kriminalpolizei legte er überhaupt einen beispiellosen Zynismus an den Tag. vtirlcr und wattier in Hammen In Polen Drei Todesopfer Warschau, 9. Mai. Aus allen Teilen des Landes werden nach inte vor Brände gemeldet, die infolge der andauernden Hitze immer häusiger werden. Nach den vorliegenden Mel- dünge» werden neuerdings auS sieben Ortschaften Brände verzeichnet. Allein in der Ortschaft Dmosin bei Tomaszau in Kongrestpolen sind IM Gehöht und in Brzoza 119 Gebäude mit dem gesamten Kleinvieh in Asche gelegt worden.^>m letzteren Falle sind ferner noch drei Menschenleben zu be- klagen. Außerdem haben einige Personen Verletzungen davongetragen. In PnmSnien Bukarest, 9. Mai. In Rumänien nehmen die Waldbrände kein Ende. Die wochenlangc Hitze hat Natur und Landschaft in Zunder verwandelt. Ein weggeworfenes Streichholz, ein Funke aus der Lokomotive genügt, um ganze Dörfer und riesige Walbflächen in Asche zu legen. Am Mittwoch sind allein wieder drei Dorkbrändc und mehrere Waldbrände zu verzeichnen. Das Dorf Latreaska ist fast restlos nieder- gebrannt. Hier wurden 89 Häuser vernichtet. Weiter vcr- brannten in Bocsu bei Klausenburg 22 Bauernanwesen. Im Tonandelta ging das Dorf Bosia in Flamme» auf. Der Schaden geht überall in die Millionen, jedoch sind Menschen- leben nirgends zu beklagen. Wassermangel und starker' Rnfchlsons Sensation König Albert ermordet? London, 9. Mai. Die englische OeffcNtlichkeit befaßt sich sehr eingehend mit einer als sensationell zu bezeichnenden Rede, die Oberstleutnant G. J. Hutchison vor dem Schriftstellerklub in Not- tingham gehalten hat. Hutchisons Ausführungen gipfelten darin, daß König Albert von Belgien keines natürlichen Todes gestorben, sondern ermordet worden sei. Die belgische Botschaft und die Regierung in Brüssel haben diese Mitteilung sofort entrüstet zurückgewiesen. lieber den angeblichen Hintergrund der Tat führte Hutchi- svn aus:„König Albert war ein Kriegsgegner. Er wollte an den französischen Teufeleien einer Kriegöverschivörung gegen das verteidigiingslofe Deutschland nicht teilnehmen." Hutchison führte weiter aus, daß der König von Belgien nicht an den Folgen eines Unfalls beim Bergsteigen gestorben sei. Ein Mann mit einem Teil»m de» Körper kletterte nicht allein. Man solle hinfahren und sich den Fleck ansehen, wo König Albert zu Tode gestürzt sei. Sein Feldstecker sei 279 Meter von der Leiche entfernt gefunden worden. Der Tode habe keine Verletzungen an den Händen oder am Körper ausgewiesen, wie sich Hutchison selbst überzeugt habe... In einem Dementi, das aus Brüssel nach London herüber- gegeben wurde, heißt es:„Die Behauptungen Hutchisons ver- trügen keine Nachprüfung und hätten weitgehenden Aerger verursacht. Die Behauptung, daß man vom Tode des Königs nicht zu sprechen wage, sei Unsinn. Es hätte nie ein Zweifel über die Todesursache des Königs be- standen. Auch.habe der König niemals ein Fernglas beim Bergsteigen getragen." Brüssel, 9. Mai. Der Präsident des belgischen Apinisten- klubs äußerte sich in einer Unterredung mit einem Vcr- treter der„United Preß" über die Behauptung des eng- lischen Schriftstellers Hutchison und sagte, alles, was bisher über den Tod des Königs bekanntgeworden sei, mache es völlig unwahrscheinlich, daß ein Mord vorliege. Wind erschweren regelmäßig die Löscharbeiten oder machen sie völlig unmöglich. In Kronstadt brannte weiter eine große Getreidemühle nieder. Bei Falticeni stehen wieder 150 Hektar Wald in Flammen. Ein weiterer Waldbrand rast bei Buzau. Auch im Kreise Dreistühle brennen zwei staatliche Wälder. Der Brand in Kampolung ist mittlerweile gelöscht. Im ganzen gingen bier 42 Häuser im Geschäftsviertel in Flammen auf. Unersetzliche historische und künstlerische Werte gingen im K l o st e r Regln B o d a verloren, dessen Kirche und Glockenturm vernichtet wurden. Das Kloster stammt aus dem Jahre 1935 und war eine Grün- dung des wallachischen Fürsten Matei Basarat. Die ver- nichtetcn Kunstschätze, darunter auch Kirchengeräte, hatten einen Wert von 59 Millionen Lei und waren nicht ver- sichert. Durch die Dürre ist darüber hinaus die Gefahr einer katastrophalen Mißernte wenn nicht sogar einer Hungersnot, in bedrohliche Nähe gerückt. Am Mitt- woch erließ die Regierung erneut einen Aufruf an die Be- völkcrung, in dem zu größter Sparsamkeit im Verbrauch der Getreidcvorräte aufgefordert und strengste Ranonali- sierung besohlen wird. Darüber hinaus wurde die Ausfuhr von Getreide und Bohnen bis auf weiteres untersagt. Der noch im Lande vorhandene Mais wurde für die Voraussicht- lichen Hungerdistrikte beschlagnahmt. Mit anderen Worten, die noch in Rumänien vorhandenen Getreidcvorräte werden nur noch im Inlande verbraucht werden, was die Handels- bilanz sehr in Mitleidenschaft ziehen wird. Gleichzeitig wur- den strenge Verfügungen gegen alle etwaigen Getreidespeku- lationen erlassen. Wer ist Hutchison? Brüssel. 9. Mai. fHavas.)„Soir" schreibt, daß Oberst Graham Seton Hutchison ein englischer Ossizier ist, der während des Krieges mit aller Auszeichnung diente, bann von der nationalsoziali st ischen Bewegung ein- genommen wurde und von seiner unbedingten Deutschfreund- lichkeit auf verschiedenen Posten in Deutschland nach dem. Kriegsende Zeugnis.ablegte. «eine Lohnerhöhungen! Behördliche Warnung vor solchen„Greuelmärchen" Esscu, 9. März. Der Bezirksleiter der Deutschen Arbeitsfront in Münster warnt vor den in letzter Zeit in der Arbeiterschaft verbreiten Gerüchten, daß an- geblich vom Mai ab eine zehnprozentige Lohn- erhöh ung zu erwarten sei. Diesen irreführenden Gerttch- ten sei kein Glanben zu schenken. Der Reichskanzler habe wiederholt und noch zuletzt am 1. Mai darauf hingewiesen, daß zunächst die Arbeitslosen wieder in Arbeit zu bringen seien. Erst wenn die Beseitigung der Arbeitslosigkeit im großen und ganzen erreicht sei, werde sich„zwangsläufig" eine Lohnerhöhking anschließen. Wiirzbnrg Der Sturm auf das bischöfliche Palais In Würzburg ist, wie wir kurz berichteten, am ver- gangenen Samstag eine Menschenmenge in das bischöfliche. Palais eingedrungen und hat Beschädigungen verursacht. Kardinalstaatssekretär P a c e l l i hatte bereits am 22. April im Austrage des Papstes ein Schreiben an den Würzburger Bischof gerichtet, worin es heißt: „Euer Exzellenz habe ich die Ehre, im allerhöchsten Aut- trag den tiefen Schmerz Seiner Heiligkeit über die Berun- glimpsung zu übermitteln, deren Gegenstand am 7. d. M. Ihre verehrte Person sowie Ihr bischöfliches Amt, und mit Ihnen die erhabene Person des Stellvertreters Christi selbst sein Hirtenamt gewesen sind. Der Heilige Vater vertraut darauf, daß die staatlichen Behörden keinen Zweifel darüber lassen werben, daß ein solches Tun ihrer Mißbilligung und Ahndung sicher i st und daß alles geschehen wirb, um der Seele des katholischen Volkes jeden Anlaß zu berechtigter Bitterkeit und Enttäuschung zu nehmen" Jetzt rücken sie ab Tie Gauleitung Mainfrankcn veröffentlicht folgende Er» klärung: „An die Würzburger Bevölkerung! Es ist von bestimmter Seite versucht worden, die wieder- holten Demonstrationen vor dem Bischofspalais, insbeson- dcre die letzte von ihnen, die eine rein kirchliche Angelegen- heit betraf, als politisch darzustellen und entsprechend auszuwerten. Die Gauleitung erklärt hierzu, daß sie, um Derartiges in Zukunft zu verhindern, jede ähnliche Demon- strationen mit aller Strenge unterdrücken wird. Der nationalsozialistische Staat kann es überdies nicht dulden, daß ihm in seinen Maßnahmen vorgegriffen wird oder daß interessierte Kreise versuchen, auf seine Entschlüsse und Maß- nahmen einzuwirken, und wird in Fällen, wo es notwendig ist, selbst^ durch zielbewußte Arbeit in Züchtung auf den totalen Staat seine ui'.beeinflußbaren Entschlüsse treffen. Gauleitung Mainfranken Dr. Hellmuth, Gauleiter." # Es versteht sich von selbst, daß von einer Feststellung oder Bestrafung der Schuldigen gar keine Rede ist. Die Polizei iah sich den Sturm aus das Gebäude ruhig an und griss nicht ein, weil sie nicht wußte, welchen Rüffel sie für ihre Aktion von dem Herrn Gauleiter erhalten würde. Die Jagend wird„erzogen" Der„Ostdeutsche Sturmtrupp", Organ der Hitlerjugend, veröffentlicht einige„Karikaturen", die von dem„Katholischen Kirchenblatt" für die Diözese Berlin wiedergegeben und fol- gcndermaßen gekennzeichnet worden sind: „Das erste Bild zeigt einen Hitler-Iungen mit der Haken- krcuzflagge, hinter dem sich die verzerrte Gestalt eines katholischen Priesters erhebt, gekennzeichnet durch die Worte „Ultramontane Reaktion", mit der Unterschrift„Hab acht". Das zweite Bild zeigt wiederum einen Hitlerjungcn mit der Hakenkreuzflagge und zu denen Füßen der Kopf eines Geistlichen, auS denen Munde ein Strahl hervorschicßt, der die Unterschrist„Lüge" und„-Zierleumdnng" trägt, mit der Unterschrist„Seid ehrfürchtig". Das dritte Bild zeigt die verzerrte Gestalt des K a r d i n a l s Fanlftgber. Eü> mit dem Hakenkreuz geschmückter Arm streckt sich ihm mit einem Buche entgegen, das die Inichrist trägt:„Kardina! Fanlbabcr Judentum Christentum Heidentum". Die Unter- schritt diese? Bildes lautet:„Fort mit dem Schund". Die Katholiken hätten keine Ehre mekr im Leibe, wenn sie sich gegen solche Niederträchtigketten nicht zur Wehr setzen wür- den." Die„Saarbrücker Landeszeitung", das katholische Bla'i des Saargebietes, bemerkt dazu: Auch wer diele Bilder nicht selbst gesehen bat. kann«ch nach dieser Beschreibung leicht vorstellen, welch niedriges Niveau ihnen eigen ist. Hier ist von der Achtung, die der Führer des Reiches den christlichen Konsessionen-ugespro- chcn hat und die auch ibre priesterliche Diener beanspruchen dürfen, kein leiser Hauch zu verspüren. Daß dies der offizielle Geist von Hitlericn ist, sagt das katholische Saarorgan nicht. Es will„heim"... Die Transferkrise Auch Nordamerika erhebt Einspruch Havashat folgende Nachricht aus Washington ver- breitet:„Infolge der Bemühungen gewisser.Regierungen für ihre Staatsbürger, die Inhaber deutscher Wert- papiere sind, eine Borzugsbehandlung zu erlangen, brachte die amerikanische Botsch.ast in Berlin der deutschen Negierung zur Kenntnis, daß die amerikanische Re- gicrung jeder unterschiedlichen Behandlung zum Nachteil der amerikanischen Titel- inhaber Widerstand entgegensetze. Deutschland sei in der Lage, Sondcrabkommcn mit gewissen Gläubiger- ländern zu verhindern." Das Los desVerteidigers" Tür die Verteidigungsrede verurteilt Bor dem Tondergericht in der Pfalz war angeklagt Rechts- anmalt Theobald Schulz ans Ludwigshasen, der am 20. März 1984 in einer Strafsache vor dem Frankenthaler Sondergericht als Verteidiger des Angeklagten Herbert Fichter ans Pirmasens aufgetreten war, wobei Fichter wegen beleidigenden Aeußerungen gegen Gauleiter Bürckel zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde, weil er behauptet hatte, der Gauleiter sei Separatist gewesen. In seinem Plädoyer hatte Schulz de'n Gauleiter eben- falls b e l e i d i g t. Er wurde vom Sondergericht deswegen heute zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Es würden eine Reihe von Zeugen gehört, darunter auch>lau- leiter Bürckel selbst, der auf eigenen Wunsch am Schlüsse seiner AuSsührungen durch den Vorsitzenden vereidigt wurde. Eip'odterende feuerwerKsKOrper An 5 S( i,mflreldies Inseral Eine Tote und drei Verletzte München, 9. Mai. In einer Halle der FeuerwerkSkörper fabrik F. G. Sauer ereignete sich am Dienstag aus noch un geklärter Ursache eine Explosion, durch die die Halle n Brand geriet. Dabei trug die 26jährige Arbeiterin Ella Holz ner tödliche Brandwunden davon. Eine andere Arbeiterin er litt schwere, zwei weitere Arbeiterinnen leichtere Brandwun den. Die Verletzten wurden in das Krankenhaus eingeliefert. Tie Feuerwehr löschte mit zwei Schlauchleitungen den Brand, Wir entnehmen der Nr. 88 vom 16. April 1984 der parteiamtlichen..Flensburger Nachrichten" ein außer- edentlich interessantes Inserat folgenden Wortlautes: „Wir erklären, baß wir den ehemaligen Forstgehilken Iepsen am 26. 7. 1933 zu Unrecht festgenommen haben, und daß wir die über ihn und seine Familie ausgesprochene Beleidigung zurücknehmen. I. Reich. W. Skursch." Ist das nun eine Greuelnachricht oder nicht? Die Verfassnii!! des Ansirofosdiismos Nor heine Volkswagen mehr? Von Otto Bauer Der Bonapartismus hat die Despotie auf das Plebiszit ge>tutzt. Hitler und Mussolini haben sich ihre Diktatur ourch Volkswahlen und Volksabstimmungen bestätigen taisen. Der österreichische Faschismus kann keinen ähn- uchen Versuch wagen. Kein Druck, kein Terror könnte oer faschistischen Diktatur in Oesterreich die Bestätigung ourch die Mehrheit des Volkes verschaffen. So ist der Austrofaschismus gezwungen gewesen, seine Verfassung augenfällig gegen den Protest der Repräsentanten der Mehrheit des Volkes zu oktroyieren. So ist der Inhalt seiner Verfassung bestimmt durch das Bedürfnis, jede Aeußerung des Volkswillens zu vermeiden. Ein Rumpfparlament, von dem die 72 fozialdemokra- tischen Abgeordneten durch Regierungsdekret aus- geschlossen worden waren und zu dem die Abgeordneten der Großdeutschen und des Landbundes zu erscheinen ab- lehnten, hat die Verfassung beschlossen. 74 von den 165 Abgeordneten des österreichischen Parlaments, also nur eine Minderheit, haben für diese Verfassung gestimmt. Sozialdemokraten. Großdeutsche und Landbündler, also die Mehrheit, hat diesen in verfassungswidriger Weise zustandegekommenen Beschluß für null und nichtig er- klärt. Und während die Verfassung der Republik vor- schreibt, daß eine Gesamtänderung der Verfassung nicht nur eines Beschlusses des Parlamentes, der mit Zwei- drittelmehrheit gefaßt werden muß, bedarf, sondern auch der Bestätigung durch das Volk selbst in unmittelbarer Volksabstimmung, hat der Bundespräsident M i k l a s die Verfassung auf Grund des Beschlusses einer Minderheit des Parlaments kundgemacht, ohne eine Volksabstimmung zu wagen! * Rur keine Volkswahlen mehr! Dieser angsterfüllte Wunsch bestimmt den Inhalt der Verfassung. Es gibt in dieser Verfassung kein vom Volke gewähltes Parlament mehr. 25 Jahre lang haben die österreichischen Arbeiter um das allgemeine und gleiche Wahlrecht gekämpft; es existiert nicht mehr. An die Stelle eines vom Volke ge- wählten Parlaments treten nicht weniger als 5 ernannte Körperschaften: vorerst ein Staatsrat, den der Bundes- Präsident nach seinem Ermessen ernennt, dann ein Bun- deskulturrat, in den der Bundespräsident Vertreter der Kirchen und der Schulen beruft, drittens ein Bundes- Wirtschaftsrat, zu dessen Mitgliedern der Bundespräsident „vaterlandstreue" Vertreter der wirtschaftlichen Korpora- tionen ernennt, viertens einen Länderrat. der aus den vom Bundespräsidenten ernannten Häuptern der Provin- zialregierungen zusammengesetzt ist. Und diese vier vom Bundespräsidenten ernannten Räte wählen dann ibrer- seits den Bundestag, dem die Regierung ihre Gesetzes, vorlagen vorzulegen hat und der sie annehmen oder ab- lehnen, aber nicht abändern darf. Der Wiener Volkswitz hat dieses System so charak- terisiert: der erste Artikel der Verfassung sollte lauten: „Der Bundespräsident ernennt das Bolk." In der Tat sind diese ernannten Räte und der von ihnen gewählte Bundesrat keinem Parlament ähnlich, sondern viel ähn- licher jenem Staatsrat, den sich in alter Zeit der absolute Monarch beigegeben hat. Es wäre pedantisch, im einzelnen darzulegen, daß in ähnlicher Weise auch die Landtage und die Gemeinde- Vertretungen zusammengesetzt werden. Auch sie werden nicht mehr vom Volke gewählt. Die Verfassung vermeidet es. das Wort Republik zu gebrauchen: sie bezeichnet Oesterreich nicht mehr als Republik, sondern als Bundes- staat. In Wirklichkeit hört Oesterreich auf. ein Bundes- ftaat zu sein, da mit der freien Wahl der Landtage auch die freie Wahl der Landesregierungen durch die Landtage beseitigt wird, die Landeshauptleute von dem Bundes- Präsidenten ernannt werden, die Bundesregierung gegen jedes Landesgesetz Einspruch erheben kann und mit alle- dem die bisher souveränen Länder in bloße Provinzen verwandelt werden. Wer ist aber der Bundespräsident, dem die Verfassung so weitgehende Vollmachten erteilt? Er wird folgender- maßen gewählt: Der Bundestag selbst, wie wir gesehen haben, von den vom Bundespräsidenten ernannten Räten gewählt, ernennt drei Kandidaten für die Neuwahl des Bundespräsidenten. Die Auswahl unter den drei Kan- didaten trifft dann eine Versammlung sämtlicher Bürger- meister Oestereichs. Es versteht sich, daß in dieser Ver- sammlung die Bürgermeister der Städte von den taufen- den Dorfbürgermeistern überstimmt werden. Ein Wahl- modus, der absurd genug erscheint, wenn man sich ver- gegenwärtigt, daß in dieser Versammlung der Bürger- Mister von Wien, auf dos allein 1.8 Millionen von den 6,o Millionen Einwohnern Oesterreichs entfallen, ebenso nur eine Stimme abgeben darf, wie der Bürgermeister des kleinsten Dorfes, dafür aber den unleugbaren Vorzug hat. dem bäuerlichen Klerikalismus die Entscheidung bei der Wahl des Bundespräsidenten zu sichern. * Die österreichische Verfassung enthielt bisher auch einen Katalog der Menschen- und Bürgerrechte Er war in einem Gesetze enthalten, das 1867. nach der Niederlage von«adowa. der bürgerliche Liberalismus den Habs- burgern abgerungen hat. Jetzt tritt an die Stelle dieses Gesetzes ein Abschnitt der neuen, vom Faschismus oktroyieren Verfassung. Er ist für die Methoden des öfter- reichlichen Faschismus sehr charakteristisch. Jedes der in dem Gesetz von 1867 garantierten Grundrechte wird in der neuen Verfassung recipiert; nur wird jedesmal ein zweier ö atz hinzugefügt, der das Grundrecht wieder 3um Beispiel: In dem Gesetz von 1867 hieß es schlicht und einfach:„Alle Staatsbürger find dem Gesetze gleich." In der neuen Verfassung heißt es„Alle Bundesbürger sind vor dem Gesetze gleich Sie dürfen in den Gesetzen nur soweit ungleich behandelt wer- iZ' Sfi7 S J Q s Gründe rechtfertigen." In dem Gesetz rwJ??^ es: Tie öffentlichen Aemter sind allen Stacktsburgern gleich zugänglich." In der neuen Ver- fassung heißt es:„Die öffentlichen Aemter sind allen I 1 m reuen Bundesbürgern gleich zugäng- l der Verfassung der Republik war die'Gleich- berechtigung der Frauen ausdrücklich festgestellt. In der «> e Berfassung heißt es: Frauen haben die gleichen Rechte wie die Manner. soweit nicht durch Gesetz anderes bestimmt ist. In der Tat bedeutet die Ersetzung des Grundgesetzes vom Jahre 1867 durch die neue Verfassung die vollständige Aufhebung der Schwurgerichte, der Preß- freiheit. der Freiheit der Wissenschaft, der Freiheit der Religionsbekenntnisse. Zugleich wird das mit der römi- - te abgeschlossene Konkordat, das die katholische Kirche privilegiert, zu einem Bestandteil der Verfassung erklärt. ö * Wirb diese Verfassung, die Oesterreich weit hinter 1867 zurückwirft, jemals in Kraft treten? Sie ist vorerst nur proklamiert, nicht in Wirksamkeit gesetzt. Für eine lieber- ga. gszeit von unbestimmter Dauer ist der Regierung das Rech eingeräumt, zu dekretieren, was ihr beliebt. Sie h.f selbst festzusetzen, wann und in welcher Weise die e-nzeli.en Bestimmungen der Verfassung in Kraft treten sollen. Ob sie je in Kraft treten werden? Die Ver- fassung betrachtet sich selbst offenbar nur als einen Heber- gang zu einer anderen Verfassung. Es ist nickt nur das Wor' Republik aus der Verfassungsurkunde ausgemerzt ivorden, es ist auch den republikanischen Gesetzen über die Landesverweisung der Habsburger, über die Konfis- Kation des Vermögens der Habsburger und über die Ab- schaffung des Adelstitels der Charakter von Verfassung?- gesetzen entzogen worden, so daß die Regierung nunmehr in der Lage ist. diese Gesetze durch die bloßen Dekrete aufzuheben, wann immer es ihr beliebt. Aber an dem Tag an dem den Habsburgern die Rückkehr nach Oester- reich erlaubt und ihr Vermögen als ein Fonds monar- chistischer Propaganda ihnen zurückgegeben werden wird, wird die Welt entdecken, daß die Verfassung des Austro- faschismus nichts ist, als eine Verhüllung der Vorberei- tungen der legitimistischen Restauration und damit ernst- hafter Gefährdung des europäischen Friedens. Sic Tragödie der Sdiweizer freiheit In der Umarmung„freundnadiharlidier Beziehungen" Einige notwendige Feststellungen von FriedrichAdler Die„Neue Zürcher Zeitung" vom 2. Mai beschäftigt sich in einem Artikel mit dem Brief, den der Verfasser dieser Zeilen am 28. April an den Präsidenten des öfter- reichischen Nationalrates. Dr. Ramek. gerichtet hat und der später in der„Internationalen Information f D™ te in einer Reihe von Zeitungen verschiedener Lander miedergegeben wurde. Dieser Artikel der»Neuen 3) ir°) e r Zeitung" ist in mancherlei Richtung so aufschlußreich, daß die„Internationale Information" durch seine wörtliche Wiedergabe in ihrer Dokumentenbeilage dazu beitragen wird, ihn zu verbreiten, ihn— niedriger zu hängen. Die„Neue Zürcher Zeitung" ist so gnädig, keinen Em- spruch gegen das zu erheben,„was Dr. Adler als Ersatz- mann des österreichischen Nationalrates an dessen Prasl- denten schreibt", aber sie erhebt Protest gegen die Wieder- gäbe dieses Briefes„in der Pressekorrespondenz der Sozialistischen Internationale" und sie schließt ihre Dar- legungen mit der Drohung: Wenn Dr Friedrich Adler fortfahren würde, das Sekretariat der Zweiten Internationale im Sinne seiner letzten Erklärungen in den Dienst des Kampsis gegen den öfter- reichischen Staat zu stellen, könnte die Tätigkeit dieser In- stitution aus schweizerischem Boden im Interesse der Beziehungen zu dem Nachbarlande nicht weiter geduldet werden." Bevor wir auf den Kernpunkt der Frage, ob die Schweiz noch imstande ist, einer Institution internatio« naler Meinungsfreiheit ihre Betätigung zu ermöglichen, eingehen, wollen wir den V o r w a n d. auf den die„Neue Zürcher Zeitung" ihre Argumentation aufbaut, beiseite Ichieben Die„Internationale Information" hat stets die Pflicht erfüllt, über olle wichtigen Vorgänge in allen Ländern zu berichten und sie hätte bei einem Ereignis von der Bedeutung, wie sie die Beseitigung des demokra- tischen Parlamentarismus in Oesterreich besitzt, selbstver- ständlich in jedem Fall die Sozialisten des Landes zum Worte kommen lassen. Die Berufensten dafür. Karl Renner, der Präsident des Nationalrates, und Karl Seitz, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Fraktion des Nationalrates, sitzen hinter Kerkermauern und können gegenwärtig nicht aussprechen, was die 72 sozialdemokra- tischen Abgeordneten in diesem Moment auszusprechen hätten. Nur ein im Ausland lebender„Ersatzmann" konnte nach der Lage der Dinge seine Stimme erheben und es macht der Noblesse der„Neuen Zürcher Zeitung" alle Ehre, daß sie sich in den Dienst der Unterdrüchung dieses Bekenntnisses zur Verfassungsmäßigkeit und zu den Grundrechten des Parlamentes stellt. Die„Inter- nationale Information" hat diesen Brief veröffentlicht, nicht weil er vom Sekretär der SAI. geschrieben war. sondern weil er in diesem Momente die einzig mögliche Kundgebung für die Demokratie in Oesterreich erschien. Daß diese Kundgebung vollständig die Ueberzeugung der Mehrheit des österreichischen Nationalrates entsprach, kann die„Neue Zürcher Zeitung" aus dem Bericht ihres Wiener Korrespondenten, den sie in der gleichen Nummer vom 2. Mai veröffentlicht, ersehen, in dem über die Rechts- Verwahrung der Großdeutschen und des Landbundes be- richtet wird. Die Mehrheit der österreichischen Abgeord- neten ebenso wie die Mehrheit des österreichischen Volkes lehnen den faschistischen Staatsstreich ab. Die„Neue Zürcher Zeitung" hält es dagegen für ihre Pflicht, sich nicht in offenbaren Widerspruch zu den politischen Tat- fachen in Oesterreich zu stellen. Es ist nicht unsere Auf- gäbe, uns mit der Zukunft der„Neuen Zürcher Zeitung" zu beschäftigen. Aber aus diesem Artikel zeigt sich schon, daß. wenn einmal der Faschismus in die Schweiz ein- ziehen sollte, die„Neue Zürcher Zeitung" sich ebenso charakterfest verhalten würde, wie die„freisinnigen" Organe in anderen Ländern, wie die„Frankfurter Zei- tung" und die Wiener„Neue Freie Presse". Diese haben sich nach dem Grundsatz gleichgeschaltet: Wenn es Mäch- tige gibt, dann immer an den Rockschößen der Mächtigen. Aber lassen wir diese Bekenntnisse einer schönen Seele und wenden wir uns dem Hauptproblem zu. Wir ver- raten kein Geheimnis, wenn wir mitteilen, daß das Büro der Sozialistischen Arbeiter-Internationale sich seit der Machtergreifung Hitlers wiederholt mit der Frage beschäftigt hat. ob dem Sekretariat der SAI. auch m Zukunft in der Schweiz die notwendige Aktionsfreiheit gewährleistet sein wird, und daß das Büro in seiner Sitzung vom 24. März beschlossen hat, die Frage der Ver- legung des Sitzes des Sekretariates auf die Tagesordnung der nächsten Exekutivsitzung zu stellen. Nachdem im August 1925 vom Kongreß der SAI. der Beschluß gefaßt worden war, das Sekretariat von Lon- don auf den Kontinent zu verlegen, haben das Schweizer Exekutivmitglied, Robert Grimm, und der Sekretär der SAI., Friedrich Adler, beim Bundesrat Häberlin vor- gesprochen, um mit ihm in aller Offenheit die Frage zu besprechen, ob für das Sekretariat der SAI- in der Schweiz die nötige Aktionsfreiheit gegeben fei und ob auch der Sekretär und eventuell andere ausländische An- gestellte des Sekretariats während ihres durch ihre Tätig- keit bedingten jahrelangen Aufenthaltes in der Schweiz die notwendige persönliche politische Bewegungsfreiheit genießen würden. Auf Grund dieser Besprechung konnte das Sekretariat nach Zürich verlegt werden, die Be- Hörden haben es trotz mancher reaktionären Preßhetze mit Loyalität behandelt und Herr Bundesrat Dr. Häberlin hatte auch einige Male die Gelegenheit festzustellen, daß das Sekretariat stets mit voller Loyalität gehandelt habe. Die Siege des Faschismus in den Nachbarländern der Schweiz haben die Situation wesentlich geändert. Mar die Schweiz 1925 nur dem Drucke der italienischen Dik- tatur ausgesetzt, so ist sie nun schon zur Hälfte ein- gekreist von faschistischen Staaten. Unter dem Druck „freundnachbarlicher Beziehungen" wird sie immer schwä- cher in der Behauptung der Rechte demokratischer Mei- nungsfreiheit und Kritik nach außen. Das ist nicht die Schuld der Schweiz, wohl aber ihre Tragödie. ^ckap j„ früheren Zeiten erwies sich die Schweiz nicht immer stark genug, um dem reaktionären Druck von .n ,,.i iuiv^rney'.n. Aber als 1888 unter dem Tritt des Kürassierstiefels Bismarcks der„Sozialdemokrat" landfeine Leiter Eduard Bernstein und Motteier aus- gewiesen wurden, ging durch das ganze Land eine Welle der Empörung und Beschämung über die Erniedrigung, die die Schweizer Demokratie erfuhr. Ter Sinn für die Ehre der Demokratie, der Sinn für die Frriheitsrechte des Volkes wird von den Redakteuren der„Neuen Zür- cher Zeitung" heute„lediglich zu den politischen Merk- Würdigkeiten" gezählt. Die reaktionäre Gesinnung weiter Kreise des Bürgertums, die faschistischen Träume der Fronten schwächen die Widerstandskraft der Schweiz so sehr, daß die„Neue Zürcher Zeitung"„im Interesse der guten Beziehungen zu dem Nachbarlande" zu erzittern beginnt, wenn gegenüber dem kleinen Dollfuß festgestellt wird, daß das, was in Oesterreich am 30. April geschehen, ein Staatsstreich war und seine neue„Verfassung" und sein„Konkordat" des Fundamentes parlamentarisch-ver- fassungsmäßigen Beschlusses entbehren. Die Schweiz ist schwach geworden, immer mehr ent- fernt sie sich von ihrer historischen Glanzperiode, in der sie der Hort der europäischen Demokratie war. Ihre Möglichkeit, Institutionen, die auf internationaler Mei- nungsfreiheit gegründet sind, die notwendigen Voraus- fetzungen der Tätigkeit zu garantieren, wird leider immer kleiner. Nur die Exekutive der SAI. hat die Kompetenz, darüber zu entscheiden, wie lange der Sitz des Sekre- tariates der TAI. noch in der Schweiz bleiben kann, ohne dessen Aktionsfähigkeit ernstlich zu gefährden. Der Schreiber dieser Zeilen, der die größere Hälfte der letzten 37 Jahre in der Schweiz gelebt und gearbeitet hat. würde es am meisten bedauern, wenn das Sekretariat verlegt werden müßte, aber es ist selbstverständlich, daß das Sekretariat der SAI. nur so lange in der Schweiz blei- den kann, als feine Arbeitsmöglichkeiten, die auf der freien Meinungsäußerung basiert find, gewahrt sind. Nicht das Sekretariat der SAI. hat in den letzten acht Iahren seinen Charakter oder seine Wirksamkeit ge- ändert. Aber die Schweiz hat sich gewandelt, ist unter den Druck faschistischen Einflusses geraten und die Per- spektiven. die sich für die nächste Zukunft in dieser Tra- gödie eröffnen, sind leider trübe. So besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß der Sitz des Sekretariates der Sozialistischen Arbeiter-Internationale in absehbarer Zeit in ein Land verlegt wird, das größere Widerstandskraft gegenüber dem faschistischen Druck besitzt. Mögen die Redakteure der„Neuen Zürcher Zeitung" und andere Reaktionäre dann triumphieren, von allen wirklichen Demokraten in der Schweiz wird diese Tatsache nur als ein Ausdruck der Ohnmacht der schweizerischen Demo- kratie empfunden werden. ver Weg nadi Os'en In der Zeitschrift„Ost-Europa" setzt Werner Markert aus- einander, daß das Studium Osteuropas vor allem die Auf- gäbe habe, die„Brücke zu den Oststaaten zu schlagen und da- durch— was nicht unterschätzt werden darf— in diese Staaten im Sinne einer positiven Zusammenarbeit eines kul- turellen Austausches hiniiberzuwirken". Wie sich nun Markert dieses Hinüberwirken vorstellt, sagt der Schluß seines Aus- satzcs:„Der Weg nach Osten beißt auch in der Wissenschaft Kampf. Kamps aus Borposten um Neuland. Wir haben die Kleinarbeit zu leisten sür den Ausbau des Weges, den der Führer uns vorgezeichnet hat. Das ist heute die wissen- schaftliche und politische Ausgabe des Osteuropastudiums". Frage: Sind das Friebensschalmeien oder Kriegüfanfaren? „Deutsche Freiheit", Nr. 107 A1BHY UHD WIRTSCHAf? Saarbrücken. Donnerstag Freitag, 10. NIai 19.-1 PoOlanil will aui den dtntsdten NarM KSfEüS" Höhere Einfuhr Rußland« nadi Deufsdifand als deuisdse Ausfuhr nadi Rußland Nach der Unterzeichnung des Schlußprotokolls der Verhandlungen zwischen der deutschen und der russischen Regierung am 26. März haben nun, wie die„Frankfurter Zeitung" meldet, neue Besprechungen begonnen. Die neuen Besprechungen mit Deutschland haben nun, und das unterscheidet sie von früheren, nicht unmittelbar die Vergebung von Aufträgen an die deutsche Industrie zum Gegenstand. Vielmehr soll auf Grund von Abmachungen in den März-Besprechungeu zunächst, wie man hört, im einzelnen geprüft werden, wieweit umgekehrt die Aussichten des russischen Warenabsatzes iu Deutschland noch verbessert werden kön- n e n. In Berlin bemüht man sich aber auch bei dieser Gelegenheit, den gesamten Geschäftsverkehr mit Rußland möglichst wieder zu beleben und sucht zu diesem Zweck den Russen soweit als möglich entgegenzukommen, zumal Rußland in diesem Jahr erhebliche Zahlungen an Deutschland zu leisten hat.(1935 werden dann nur noch verhältnismäßig bescheidene Beiträge fällig.) Was die Möglichkeit neuer russischer Aufträge betrifft, so dürften, im Vergleich mit dein Umfang der Bestellungen früherer Jahre, vorläufig freilich nur bescheidene Summen in trage kommen. Bisher wenigstens scheint man nur von allenfalls RM. 50 M i 1 1. Sonderaufträgen gesprochen zu haben, neben den laufenden, hauptsächlich auf Ersatz- und Zusatzlieferungen beschränkten Aufträgen von RM. 4 bis 5 Millionen je Monat. Selbst die Zusatzaufträge sollen nicht einmal unmittelbar, sondern erst in späteren Monaten vergeben werden. Zum Vergleich: 1931 betrug die russische Auftragserteilung in Deutschland noch über RM. 900 Millionen, 1932 etwa 400 Millionen und selbst 1933 noch etwa RM. 140 Millionen, während in den bisher abgelaufenen Monaten von 1934 höchstens für etwa RM. 20 Millionen bestellt worden sind. Also eine steil abfallende Kurve. Aber selbst einer solchen bescheidenen, für uns devisenmäßig doch erst sehr spät wirksam werdenden Wiederausdehnung der russischen Bestellungen stehen noch Schwierigkeiten im Wege. Denn die Russen verlangen erneut Kreditfristen, die über die Rahmen» bedingungen des Pjatakoff-Abkommens— welche für die normalen Auftragserteilungen demnächst bis 30. Juni 1935 verlängert werden sollen— noch wesentlich hinausgehen würden. Während in diesem Abkommen eine Höchstkreditfrist von 28 Monaten vorgesehen war, möchte man russischerseits— analog den, wohlgemerkt, noch unerfüllten Wünschen an kapitalkräftigere Länder—, jetzt auf 5 bis 6 Jahre kommen! Und außerdem bleibt noch die schwierige Lage des russischen Warenabsatzes in Deutschland zu klären. Bestimmte Rohstoffe(Flachs, Eisenerze usw.) oder auch Naphtaprodukte könnte Deutschland trotz der neuen Anläufe zur verstärkten Eigenerzeugung(besonders für Flachs in Ostpreußen mit großen, frischerstellten Zu- hereitungsanlagen in Ostpreußen) vielleicht noch in vermehrtem Umfange beziehen, falls Rußland daran wirklich überschüssige Mengen haben sollte; diese Lieferungen könnten vorläufig völlig in Mark bezahlt werden, die Rußland zur Abdeckung seiner früheren Verbindlichkeiten benötigt. Beachtung verdient aber, daß sich der Warenaustausch in letzter Zeit bereits stark zu Gunsten Rußlands verschoben hat. Nach der Sowjet- Textilindustrie Reine Binnenkonjunktur— Die Ausfuhr sinkt Die„Frankfurter Zeitung" berichtet: Die Beschäftigung der deutschen Textilindustrie verharrt nadi wie vor auf hohem Stande. Sie hat im Februar bereits das Niveau von 1928 überschritten und liegt um etwa 25 Prozent höher als im vorigen Frühjahr. Audi die durchschnittliche Arbeitszeit hat sich erhöht(März 1934: 7.48 Steh gegen 6.85 Std. i. V.) Mit dieser Beschäftigung steht die Textilindustrie wohl an der Spitze aller nicht unmittelbar von der Arbeitsbeschaffung geförderten großen Gewerbe. Besonders deutlich ist hier auch das binnen- wirtschaftliche Gepräge der deutschen Wirtschaftserholung, denn nadi allen Berichten vollzog sich der Aufschwung der Texliierzeugung, der seit über einem Jahr (mit einer kurzen Unterbrechung im letzten Drittel 1933) im Gange ist, bei gleichzeitigem Sinken der Textilwaren- Ausfuhr. Mißt man den Umfang der Erzeugung, wie es oben vergleichsweise geschah, an dem Stand im Konjunkturhöhepunkt 1928, so ist also zu berücksichtigen, daß d a- mals die Texil waren-Ausfuhr mit rd. RM. 2 Mdn. an der Beschäftigung der Textilin- einen weit größeren Anteil hatte als heute(Textilwaren-Ausfuhr 1933 ca. 636 Mill.) Die Tätigkeit für den B i n n e n in a r'k t ist demnach noch größer, als der bloße Produktions vergleich zeigt. Damit sind natürlich je nach der Exportbedeutung der einzelnen Textilgewerbe gewisse Verschiebungen verbunden. Ein von jeher ausfuhrorientierter hochqualitativer Verarbeitungszweig wie die westdeutsche Seidenweberei oder die sächsische Stoffhandschuh-Industrie, die insbesondere auf den Absatz nach den Vereinigten Staaten angewiesen ist, sind trotz starken Inlandgeschäfts durch die Exportsehwierigkeiteu gehemmt. Die deutsche Golddiskont-Bank verzeichnet für 1933 einen auf 6,4 Millionen zurückgegangenen Reingewinn. Die direkten Ausfuhrkredite des Instituts haben sich von 355 Millionen RM. im Jahre 1931 auf 126 Millionen RM. im Jahre 1933 verringert. Die Bilanzsumme zeigt eine Schrumpfung von 800 auf 610 Millionen RM., die Kreditoren von 304 auf 102 Millionen RM. die Leute mehr Lohn erhallen, wieviel, das kann man sich ausmalen. Daß auf diese Weise der Arbeitgeber, der heute mehr Recht in Deutschland besitzt als je— als auch zur Zeit der Monarchie—, auf eine gute Rechnung kommt, ist natürlich. Man mag politisch denken, wie man will, doch das wird jeder Gerechte gestehen müssen, daß 10 Pfennige pro Stunde unmöglich ausreichen, um nur das Brot aufzubringen." Frisftose Einlassung Wenn jemand die braune Majestätin beleidigt Ta3 NclchSarbeilSgerlcht nahm zur ftrnge der arbeits- vertraglichen Auswirkung der Sabotage und Herab- Würdigung der nationalen Regierung und insbesondere der TA. und TZ. den Standpunkt ein. da st ein derartiges Verhalten eines Arbeitnehmers einen wichtigen Grund rur fristlosen Entlassung im Zinne deS $ 020 BGB. abgibt: Jede absichtliche Herabsehung des An- lehenS der Kampftruppen der nationalen Erhebung und iede Aeuberuns einer staatsfeindlichen, nämlich gegen die jetzige nationale Regierung gerichteten Gesinnung ist als ein wichtiger Grund zur fristlosen Entlassung eines Arbeit- nehmers zu bewerten. Das gilt vor allein bann, wenn der betreffende Arbeitnehmer In einem im nationalsozialistischen Geiste geleiteten Betriebe steht.(RAG. 17/34,— 2«. Mär, 103..) Lohnklasse Statistik ist 1933 bei einer von 704 auf 348 Millionen Rubel gedrosselten Gesamteinfuhr, die unter dem Zwang zum Ausgleich der Zahlungsbilanz bekanntlich erstmals zu einem Außenhandelsüberschuß von 147 Millionen Rubel führte, der deutsche Anteil auf 148(328) Millionen gesunken, während die russische Ausfuhr nach Deutschland im Rahmen einer Gesamtausfuhr von 496(574) Millionen nur von 101 auf 86 Millionen Ruhet sank. Im Januar d. J. bezog Deutschland sogar für 6 Millionen Rubel Waren(Januar 1933: 11 Mill.), während es für RM. 3 Mill.(Vorjahr: 23) nach Rußland absetzte und im März war die russische Einfuhr(nadi der deutschen Statistik) etwa dreimal so groß wie unsere Ausfuhr nach Rußland. Seinen guten Willen hat Deutschland aber nicht nur durch den Warenbezug gezeigt; erst vor kurzem wurde der größte Teil des vorjährigen lieber brück ungs- kredites von 140 Millionen RM. nochmals auf 14 Monate verlängert. Den handelspolitischen Standpunkt der Sowjets bringt die Zeitschrift der Berliner Handelsvertretung soeben erneut zum Ausdruck. Es wird darin zunächst gesagt, daß der erste Fünf jahresplan Rußland genötigt habe, Warenkredite bei ausländischen Lieferanten in Anspruch zu nehmen, wodurch 1932 kurzfristige Kredite von rund 1400 Millionen Rubel entstanden.(Inzwischen seien sie nach einer kürzlichen Mitteilung Stalins auf Rubel 450 Millionen zurückgegangen). Rußland sei jetzt nicht mehr gezwungen, diese oder jene Maschine auf jeden Fall einzuführen un.l brauche deshalb nicht auf die von den Lieferanten gestellten Bedingungen einzugehen, wenn diese kommerziell, unvorteilhaft seien. Rußland habe also keip besonderes Interesse an kurzfristigen Warenkrediten, die die Kosten des Ankaufs beträchtlich erhöhen und von denen man früher infolge der Notwendigkeit mit Eiltempo bestimmte Ausrüstungen einzuführen, Gebrauch machen mußte. Andererseits strebe Rußland nach keinerAutarkie. Seine Importgrößen seien deshalb nicht etwas von vornherein Gegebenes und Unveränderliches. Die Möglichkeiten seien in dieser Hinsicht vielmehr äußerst elastisch und hei entsprechenden Kreditbedingungen könne der Sowjetmarkt eine zusätzliche Menge ausländischer Waren einführen. „Wenn wir im Zusammenhang mit dem zusätzlichen Import von passenden Kreditbedingungen sprechen, meinen wir selbstverständlich nicht die kurzfristigen Kredite, deren sich die Sowjetunion bis jetzt bedient hat und von denen sie auch fernerhin im Rahmen der Deckung ihres minimalen Importbedarfs nicht Abstand nehmen wird. Es kann hier von Warenkrediten, die die Kosten der Bestellung verteuern, nicht die Rede sein, sondern ausschließlich von a n I e i h e• artigen, finanziellen Krediten, die für genü- gend lange Fristen auf normaler kommerzieller Grundlage gewährt werden." Die russisch-deutschen Handelsbeziehungen (in Millionen Rubel) Ausfuhr Einfuhr• Gesamtumsatz 1933 1932 1933 1932 1933 1932 85,7 100,5 148,1 327,7 233.8 428,2 („Osteuropa" lieft 7 nach„Ostexpreß") Feit» Pfennig Sftmdetüchn In Schweizer Zeitungen lesen wir:„Die bekannte und große Firma Stromeyer u. Cie., Konstanz-Kreuz- Ii n ge n bezahlt einem Teil der Arbeiter deutscherseits pro Stunde sage und schreibe 10 Pfennige, also rund 12 Rappen. Da die 40-Stundenwoche besteht, verdienen diese Leute pro Woche vier Mark, von denen noch das Kranken- und Invalidengeld abgezogen wird, so daß noch rund 3 Mark Wochenlohn übrig bleiben. Wir konnten diese Nachricht nicht glauben und haben uns näher erkundigt. Die betreffende Arbeiterin, die völlig zuverlässig ist, hat uns nun diese Nachricht bestätigt. Es handelt sich zwar um Leute, die erst eingestellt wurden und von der Fürsorge der Stadt noch einige Groschen erhalten. Sie könnten ja von 3 Mark unmöglich leben. Uns wird betont, daß Hochbetrieb herrsche und die Regierung deswegen nicht einschreite, weil auf diese Weise die Zahl der Arbeitslosen herahgedriiekt werde. Das also soll das Mittel sein, um in Deutschland die Zahl der Erwerbslosen zu vermindern! Später sollen dann Nach 2i0 Bciiragswochcn 1. Klasse 4. Klasse 7. Klasse....... Nach 1500 Beitragswochen 1. Klasse. 4. Klasse 7. Klasse bisher KM Jährlich 170 40 216,— 260 60 246— 516— 786,— nach dem p*vn Gt9n*z RM iährWc i 144,- 151,20 1911,60 192— 462.- 732- Gleichzeitig wurden die Witwen- und Waisenrenten stark gekürzt. Der feste Grundbetrag von 42 Mark besteht überhaupt nicht mehr.— Selbstverständlich geht mit der Verminderung der Renten eine Erhöhung der Beiträge der Versicherten und der Arbeitgeber Hand in Hand. Passivität der Angestelltenversicherung(in Millionen RM.) 1952 1933 einnahmen 446.2 429.7 ausgaben 263 6 283,2 Beiträge 287,7 2760 Leistungen 251.5 275.6 Vermögen 2076,1 2 217,6 Pensionskassen(in Millionen RM.) 1932 1953 1932 1933 Beiträge 72,6 70,0 20,4 20,0 Reichs* mifel Zinsen uno Sonstiges ?»nr ahmen Leist» Arbeiterpensionskasse 85.1 89,0 97 10,0 167,4 1690 152 5 153,0 Angestellt enpensionskasse 5.5 6,0 3,6 3.5 29,5 25.5 32,7 32.5 tungskost 7.1 7,0 1 2 u aus r ab n 163.1 163,0 34,0 35,8 Deotsdie Sozlalvcrsidsernng- passiv Seit dem Aufbruch der Nation wird immer wieder verkündet, die Nazi würden die passive Sozialversicherung aktiv machen. Nun zeigt der Ausweis— trotz der angeblich siegreichen Arbeitsschlacht!— folgende Zahlen für 1933: Gesamteinnahmen in Mill. RM. Gesamtausgaben in Mill. RM. 1,095 1,190 Die„Internationale Rundschau der Arbeit"(Genf) sagt, daß seihst bei wesentlich gebesserter Wirtschaftslage das Passivum nicht verschwinden kann. Dabei ist das Genfer Arbeitsamt natürlich auf deutsche Zahlen und Berichte angewiesen! „Vo:fc§äf.ateifa" Im Verlag PIi. Reelam jun., Leipzig, hat ein Dr. Franz Thierfelder ein Heftchen„Das Deutschtum im Ausland" erscheinen lassen, in dem erzählt tvird, daß erst die„nationale Erhebung des Jahres 1933" zu in Auslandsdcutschtum eine andere Einstellung geschaffen bähe: der Volksdeutsche Gedanke habe die staatspolitische kleindeutsche Auffassung überwunden. In normales Deutsch übersetzt: Die Minderheiten sollen als Sprengkörper für des Osafs Reich verwendet werden. Eine dBRkic Anmerhnag In Bremen und Hamburg fanden kürzlich Außenhandels- tagungen statt, auf denen zwar markig geredet, aber sachlich nichts gearbeitet wurde, denn die„tiihrer" der Wirtschaft sind ratlos. Der„W'irtschaftsdienst" schließt seinen nichtssagenden Bericht mit folgenden geheimnisvollen Sätzen:„Es heißt jetzt für alle Beteiligten: Folgt dem Appell und kräftigt euer Wollen durch laifreudige Zusammenarbeit. Noch sind die Gegensätze auf vielen Gebieten wirksam. Wir scheuen uns nicht, sie aus dem Dunkel der anonymen Winkelarbeit in das Licht der publizistischen Meinung zu heben. Denn die Erkenntnis liebt den hellen Tag der Öffentlichkeit. Freilich nicht um des hämischen Schauspiels willen gilt diese Forderung, sondern im Dienste einer überzeugenden Wahrheit die Leistung, Recht und Anspruch aus der lebendigen Wirklichkeit ableitet." Sind diese Sätze nicht ein einziges libcra- listisrhes Vorurteil? Und: Was mag auf den Tagungen in Hamburg und Bremen wirklich geredet worden sein? Kartelle ho(Si! Der Reichswirtsehaftsininister hat die Betriehe, welche der 95 Prozent der Gesamtproduktion um fassenden„Wirischalt- liehen Vereinigung der Zigaretten Industrie" nicht beigetreten waren, zwangsweise beigeschlossen und diese Zusammenfassung zusätzlich dadurch gesichert, daß er ein Neubau- und Erweiterungsverbot erließ und gleichzeitig die Wiedereinnähme von Betrieben verbot, die länger als drei Monate still gelegen haben. Der Preisschutz dieses neuen Kartells erstreckt sich nicht nur auf die Fabrikpreise, sondern auch auf die des Groß- und Kleinhandels. Von der Arbeitsschlacht Aus den General versammln ngsberich ten der zur Gemein- schaftsgruppe gehörenden 6 Hypothekenbanken geht hervor: „daß eine wirkungsvolle Einschaltung der Hypothekenbanken in die Arbeitsheschaffungsmaßiiahmen auch im ersten Viertel des Jahres 1934 nicht ermöglicht werden konnte". Der Schrei nach den Kolonien „Unter Führung des vom Reichskanzler ernannten Staatsrats Admiral von Trotha wurde in Berlin unter der Beteiligung der Hansastädte, des Verbandes deutscher Reeder, des Reichtsstandcs der deutschen Industrie und von Marine Organisationen der Reiclisverband deutscher Seegeltung gegründet, der sich frr Handelsflotte, Kolonien und Fremdenrecht einsetzen will." &eutsdve Stimmen• föeilage zur Deutssfien&reifkeit"• Ereignisse und&e§shidhten i:. 1'"- IM Donnerstag- Freitag, den 10. uwd 11. Mai 19Z4 RaUade mm Von£ot Ankec.(Zeel nach Otto Reuttec) „Jetzt ist die Zeit gekommen, in der Judenkinder kein deutsches Jugendheim mehr versauen. Sollte sich aher doch mal ein Jude in solch eine Herberge verirren, dann setzt ihn im hohen Bogen an die Luft. Irgendein Bauer wird schon noch Platz in einem Schweinestall haben. Dort mag er nächtigen. Da ist er unter seinesgleichen." „Der Stürmer", Nr. 30, Juli 1933. Kennen Sie denn die Geschichte vom Erpresserjulius schon?— Dann erlaubt, daß ich berichte die authentische Version: Der Erpresserjulius ist ein großer Mann im„dritten Reich", sagt, daß ruhig könnt' kein Christ sei», eh' nicht jeder Jud''ne Lcich'. Denn sein christliches Gemüte ist von ganz besondrer Art, sein Sadismus steht in Blüte, mit Gemeinheitsdrang gepaart. Da der Mann ein krimineller, vorbestrafter Psychopath,• ging sein Aufstieg um so schneller im totalen Nazistaat. Hitler machte freie Bahn seinem alten Putschkumpan: Habt ihn lieb, diesen Typ, denn echt braun ist, was er schrieb! Sein Fanal heißt: Skandal, das ist wahrhaft national! Speit sein Mund Schmutz und Schund, das ist rassisch und gesund. Die Partei hält ihn frei. Ich, der Führer, steh" ihm bei! Die Perversen und die Kranken sind vom„Führer" sanktioniert, und so ist im Lande Franken Julius Streicher avanciert. Früher war sein Blatt, der„Stürmer", nur ein Rinnstein Fabrikat, das im Kot gewühlt wie Würmer und sich daran gütlich tat. Dieser„Stürmer", der ist heute Frankens nationaler Hort, Leibblatt vieler tausend Leute (und nicht nur auf dem Abort!). Nicht seit heut jedoch erst nennt man ihn„Erpresserjulius", nein, seit vielen Jahren kennt man ihn als Lump zum Heberdruß. Mit recht schmutzigen und recht festen Enten trieb er Politik, schnüffelte in fremden Betten, schimpfte:„Judcurepublik!". Diese(fahnend auf„Zersetzer") ließen Streichers Töne kalt; und so kam's, daß dieser Hetzer nur als harmlos Irrer galt. Dabei ist der Mann notorisch eine komische Figur, ist verrucht nicht provisorisch, uein: meschugge von Natur! Bellten rechts auch Feinde rings,—. Republik sprach: Feind steht links! Und so blieb ' dieser Typ ohne jeden Gegenbieb. Sein Fanal hieß: Skandal, national und sexual! Spie sein Mund, Schmutz und Schund—: Streicher machte sich gesund. Die Partei stand ihm bei, Adolf Hitler blieb ihm treu. Diese Treue war kein leerer, frasenhaft gemeinter Wahn, nein, der„Führer", als Verehrer Streichers, hatte seinen Plan: Julius soll die Juden quälen, hat er immer gut gemacht,— keinen Bessern könnt' er wählen für die große Judenschlacht! Und so schrie sich Julius heißer zum Boykott der Judenheil, als der Judenhetze Kaiser nützte er die große Zeit. Einen Tag lang war er„Sieger" über Judas Minderzahl, doch selbst Hitlers braune Krieger lachten im Parteilokal. Als am Abend das Theater, des Boykotts zu Ende ging, kriegte Streicher einen Kater, denn von oben kam ein Wink: Der Boykott ist abgeblasen, Stürmerjulius, räum" das Feld! Für die krummen Judennasen setzt sich ein die ganze Welt.— Doch der„Führer" ließ den alten Freund nicht unbelohnt zurück: Im Land Franken sollst Du walten, Frankens Sonne, Volkes Glück! Und so waltet Julius Streicher seines Amtes seit Jahresfrist, wird an Unflat täglich reicher, Stürmer-Halm kräht auf dem Mist. Als Erpresser, Judenschinder klingt sein Name weit und breit—: Höchstes Glück der Menschenkinder ist doch die Persönlichkeit! Willst im„dritten Reich" gedeihn, mußt wie Julius Streicher sein! Die Moral, ganz banal, heißt auf neudeutsch-national: Der Skandal ohne Zahl ist des Nazi Ehrenmal! Judenhetz', Klatschgeschwätz sind im„dritten Reich" Gesetz,— merkt euch die Melodie: Streicher, made in Gerinany! Einfach konfus Die Katastrophe des deutschen Journalismus Aus einem Artikel, der im„HandelsMad"(Am l«*rdam)) unter diesem Titel erscheint, zitieren wir die folgenden- Passagen: „Das Thema ist unerfreulich: denn kaum ein and rer Teil des Programms der nationalsozialistischen Revolution bietet dein Ausländer soviel Stoff für Kritik, stellt ihn vor soviel Widersprüche und reizt ihn zu solch bitteren Schlüssen, Es mag wohl richtig sein, daß die Presse sich man im „dritten Reich" in einem Uehergangsstadium befindet. Aber das Bild, das sie augenblicklich bietet, ist einfach konfus. Es genügt keinem einzigen Ideal, weder dem des Nationalsozialismus, noch dem der Schreiber und Leser vom alten Schlag... Erfahrene Journalisten, die wirkliche Nazis sind, kann man an den Fingern abzählen. Sie wurden vor dem 30. Januar 1933 nicht in die Berufsorganisationen aufgenommen und nicht für voll angesehen. Die Journalisten von vor 1933 gingen dabei von dem Standpunkt aus, daß die Hitlerpnblizisten hauptsächlich journalistische Dilettanten waren, die keine wirklichen Tages- und V. ochenzc Illingen, sondern periodisch erscheinende Pamphlete herausgaben und daß solche minderwertige Schreiberei nicht durch die Mitgliedschaft von einer Berufs Vereinigung sanktioniert werden dürfte. Die Hitlerjournalisten dagegen vertreten lieutc noch den Standpunkt, daß der Journalist in erster Linie ein kämpfender Propagandist sein muß, und daß das(im Interesse des nationalsozialistischen Staates) höher stellt aU die publizistische Berufsethik. Deutsche und vor allem deutsche Nationalsozialisten sind Prinzipreiter. Seit die Hitlerpuhlizisten die Staatsmacht hinter sich haben, ist das Experiment mit der deutschen Presse in vollem Gang. Und hier müssen wir hinzufügen, daß das Resultat des ersten Jahres— auch nach der Meinung der Regierung und des Pressekommandanten— betrübend ist... In Deutschland ist die auch in technischer Hinsicht unzureichende Presse hauptsächlich ein Propagandaorgan von so aufstumpfenden und zu innerem Widerstand reizenden Charakter, daß man sich abfragt, ob sie in der„idealen" Zukunft, die nur solche journalistische Produkte aus der Rotationspresse schleudern wird, für den denkenden Mensch noch zu lesen sein wird." Judenhetze ohne£nde In einer Betriebsräte-Konferenz in Nürnberg wurde nach einem Bericht im„Deutschen Lederarbeiter"(Nr. 9 10, 1. April 1934) vom Kreisleitcr Pg. Braun die Judenfrage aufgerollt und ausgeführt,„daß w ir im Kampf gegen Alljud i nie erlahmen dürfen. Wir. müssen in dem Juden immer de t Feind unseres Volkes sehen. In den letzten Jahren, in dene> man den Juden die Gleichberechtigung gegeben hatte; bat er gezeigt, was er mit dem deutschen Volke vorhätte. Leberad konnte mau sehen, daß der Jude versucht hat, und es ib. i zur Zeit auch schon gelungen w ar, das Volk moralisch, körpei- lieh und sittlich zu zersetzen und damit seinen Einfluß immer mehr zu stärken. Nie werden wir es liier in Franken dulden, das ein Jude Führer der deutschen Arbeiter wird." ZeiizTlotizen Ein Hanussertbuch Im Sebastian Brant-Verlag Straßburg erscheint demnächst ein Buch über das Leben des vor einem Jahre in Berlin ermordeten„Hellsehers" Erik Jan Hanussen. Der Verfasser. der frühere Berliner Chefredakteur Bruno Frei, hat die dokumentarischen Unterlagen der außergewöhnlichen Laufhahn dieses„Propheten des„dritten Reiches" zu einer spannenden Reportage gestaltet, die durch zahlreiche zuia Teile unveröffenlichle Fotos unterstützt wild. Die Wiener Gemeindebauten— demolieren Im„Oesterreichischen Beobachter", einem I'latt der Heimwehr, meint ein Kritiker des Roten Wien, daß man diu großen Wohnbaiiten, falls deren Instandhaltung zu teuer komme, nnhenützt und später demolieren werde lassen müssen.— Warum nicht? Der Faschismus versteht nichts so gut wie das Niederreißen. Steuden des Rundfunks Nationalsozialisten sind begeisterte Rundfunkanhänger. Keine Feier ohne Rundfunk. Ganz selbstverständlich also, daß sämtliche Vorbereitungen zur Maifeier durch das Mikrofon in alle Welt gesendet wurden. Anscheinend aher sind die Menschen in Deutschland, sofern sie nicht dem Stande der Regierenden angehören, noch nicht genügend dressiert, um immer und in jedem Augenblick richtige Antworten geben zu können, vielleicht auch hatten sie nicht das rechte Bewußtsein dafür, daß, wer vor dem Mikrofon spricht, zur Welt spricht. Nur so ist es zu erklären, daß ein paar Nationalsozialisten heim Empfang der Arbeiter aus dem Reich, die am Festzug der Arbeit am 1. Mai teilnehmen sollen, bei diesem Empfang auf dem Tempelhofcr Flughafen durch Dr. Göbbels— versehentlich die Wahrheit sagten. Große Begrüßung mit großem Hallo! Diö von der Water- kaut kommen an Jeder gibt dem Reidispropagandaministcr brav die Hand. Göhbe's fragt leutselig— meist dasselbe—, ein paarmal aher variiert er. Göbbels:„Na, was sind Sie denn?" Arbeiter: ,.Arbeiter hei Blohm und Voß." Göbbels nicht ohne Stolz:„Ah, haben Sie jetzt genug zu tun?" Hnd der Arbeiter bieder:„Ja, wir bauen ja jetzt Flugzeuge—" Aus ist die Unterhaltung, wie fortgewischt. Komisch, warum nur? Selb-t mit der ewigen Wiederholung der Tatsache, daß Berlin eine große Stadt sei, hat der Doktor nicht immer Glück, denn auf die Frage an einen Süddeutschen, oh er sich auch in dem großen Berlin zurechtfinden werde, lautet die prompte Antwort:„Sie sind doch so klein, und Ihnen ist Berlin auch nicht zu groß." Tatsache, gewiß, aher Tatsache hin, Tatsache her, man hört so was nicht gern, wenns vor dem Mikrofon gesagt wird. Als der kleine Mann mit dem großen Mund dann einen Flensburger(jedenfalls einen norddeutschen Fischer mit Namen Fischer) fragt, ob er sich vielleicht in Berlin eine Frau holen wolle, und der mit Händen und Füßen abwehrt, bemerkt Göbbels höflich:„Na. da muß ich aber die Berlinerinnen in Schutz nehmen. Ich hab mir doch schließlich selbst eine Frau aus Berlin geholt." Darauf der Fischer Fischer ernst— aber zweifelnd:„So—?" und dann beruhigend hinzufügt:„Na— hoffentlich zufrieden—?!!" wofür er schallendes Gelächter erntete. Als die Bayern ankommen, wird» mal wieder faul. Einer aus Bamberg erscheint. Göbbels huldvoll:„Woher?" Der: „Bamberg." Fragt der Minister:„Und wie ist es da?" Und der Bamberger— Wut in der Stimme—:„Ach, immer das schwarze Gesindel!" Der Herr der Propaganda, Reidu- minister, dem alle Deutschen nichts alt Volksgenossen sein sollten, jetzt mehr denn je, statt zu opponieren, meint freundlich und aufmunternd:„Na, da werden Sie wohl mit fertig?" Der andere brummt:„Ja." Aber der Minister will es genau wissen:„Wie lange wird» noch dauern?" Ein zweifelndes:„Ja—dann fester:„Wir hoffen, jetzt mit ihnen aufzuräumen—." Die Welt hätte voller Staunen den ersten Minister der Propaganda hören können, wie er zum Bruderkampf im eigenen Lande aufforderte. Die Welt hört zu wenig Radio, nichts gibt e»i was besser über Deutschland aufklärt, als die deutsche Sendung. Man muß gehört haben, wie diese Zeitgenossen am Mikrofon sich aufblasen, wenn sie den Nachbarstaaten eins auswischen, lind wann geschähe das nicht? Beinahe bei jeder Nachrichtendurchgabe. Wenn gar die Stunde der Saar schlägt, dann wundert sich der Laie, daß es ausländische Diplomaten gibt, die sich einen solchen Ton gefallen lassen. Man scheint im Auslände zu meinen, Rundfunk sei eine innerpolitische Angelegenheit eines Volke»? Aber es ist eine innerpolitische Angelegenheit, die weit über ganz Europa zu hören ist. Wer Rundfunk hört, weiß, daß in Deutschland keine Deutschen mehr leben— nur Nationalsozialisten, deren Nationalismus ebenso gilt ausgeprägt ist wie— ihr Sozialismus. Nur eine Tatsache fiel bei den Vorbereitungen zur Maifeier auf: Am Mikrofon sprach nicht mehr der Dr. Göbbels von früher, am Mikrofon sprach ein Mann, der am Linie»einer Kraft zu sein schien, der keinen einzigen neuen Gedanken mehr produzieren konnte, der mit einer iniideu. gelangweilten Stimme immer wieder dieselben Fragen»teilte, kaum hinhörend, was der Befragte antwortete. Wenn man Göbbels, der gerade— was auch der Rundfunk mitteilte— wieder einen Sieg über seinen Parteigenossen Göring dadurch erfochten hat, daß Güring jetzt andi noch„freiwillig" auf seinen Posten als Preußischer Minister des Innern zugunsten von Dr. Frirk verzichtet hat, damit„Preußen der erste Staat sei, der die Reichseinbeit praktisch durchführe", wenn man diesen abgehetzten Dr. Göbbels wirklich mit dein Nationalsozialismus identifizieren kann, dann steht es faul mn die Nazi». Und das wäre eine der größten— Freuden des Run b funkhörers. »Deutsche Freiheit", Nr. 107 Das bunte Blatt Donnerstag. 10. Mai 1984 Prüdes Paris Wissen Tie noch, wie das war, als Siie zum ersten Mal nach Paris kamen? Wissen Sie noch, junger Mann?— Hofsentlich waren Sie damals noch ein junger Mann— ein sehr junger Mann? Es war schon fast Miternacht, als Ihr Zug in der Gare du Nord einlief, und in jeher anderen Stadt wären Tie jetzt erst einmal ins Hotel gefahren, hätten ruhig aus- gepackt und sich dann gleich schlafen gelegt,— Nicht so in Paris. Es hatte Sie doch schon an der Grenze das Fieber gepackt. Ab Epinay hatten Sie gar nicht mehr sitzen können in Ihrer D-Zug-Ecke. Dann der Bahnhof. Stimmengewirr in der fremden, melodiösen Sprache. Taxijagd um finstere Ecke. Hinter jeder schien ein Abenteuer zu winken, ein un- erhört erregendes. Dann Licht. Biel Licht, spiegelnd im regennassen Asphalt. Das sind die Lichter von Paris.„Ea, c'est Paris," hat es in Ihnen gejubelt. Sie waren im Rausch. Schnell, mit fahriger Hand hatten Sie ins Hotelregister gekritzelt, den Koffer unausgepackt in eine Ecke gefeuert, nur keine Sekunde verlieren, rasch hinaus auf die nächtlichen Boulevards, mit klopfenden Pulsen, mit geblähten Nüstern sind Sie herumgerannt.„Ca, c'est Paris," sang es in Ihrem Blut— hinter jeder Tür witterten Sie das große Aben- teuer,' wenn ein Paar an der Straßenecke sich zankte, ahnten Sie einen Roman,' in jedem Mützenträger sahen Sie einen Apachen, in jeder kleinen Nutte eine„grande Cocotte". Am nächsten Tag waren Sie vielleicht schon etwas abge- kühlt. Trotzdem, nach der Heimkehr von der ersten Reise, sprachen Sie nur mit leichtem Augenrollen und Zungen- schnalzen von Paril^. Das hat sich dann allmählich gegeben, und nach der fünften oder sechsten Reise merkten Sie, daß es zweierlei Paris gibt: das richtige, das gar nicht so leicht zu erkennen und schwerer zu erschließen ist, als das sprödeste Mädchen— und das andere, weniger spröde Paris, das Mister Thomas A. Cook zum Wohle des großen Reise- Publikums erfunden hat. Wenn ano am Cafe de la Paix die großen Autobusse stehen, mit der Aufschrift„Rundfahrt durch Paris von 7 bis 0 mit Damen, von 9 bis 11 Rundfahrt durch das nächtliche Paris, 10 Francs Aufschlag, nur für Herren, Gentleman only", dann ist es gewiß überflüssig, solche Mitteilung auch in der Landesspräche zu machen. Denn die Franzosen oder gar die Pariser selbst wollen das gar nicht so genau wissen. An- schauungsunterricht aus dem Pariser Nachtleben— was immer man da den Fremden zeigt, das ist den Parisern Von th. Fxsenkel nicht nur zu teuer, sondern vor allem auch zu unanständig. Man hat nicht nur die alte Tradition der berühmten Amüsierstadt mit dem sündhaft tollen Nachtleben, das die Fremdenindustrie zu zeigen und auch darzustellen hat— man hat doch schließlich auch seine moralischen Prinzipien, man ist nicht nur die sparsamste Nation der Welt, sondern man hält auch auf ein streng solides Familienleben, man ist sogar ein wenig prüde. Man ist viel weniger aus Lebensallüren bedacht als darauf, daß der Sohn eine möglichst gute Partie macht, daß die Tochter anständig und mit guter Mitgift unter die Haube kommt, und daß man sich selbst, möglichst in den Fünfzigern, als Rentier zurückziehen kann. Paris— das ist wie eine nicht mehr ganz junge Chanso- nette, die allabendlich, leicht geschürzt und mit eindeutiger Geste, die zweideutigsten Dinge singt, dann aber, sobald der Borhang gefallen ist, sich abschminkt, treu und brav mit der letzten Untergrundbahn nach Hause fährt, für sich und die Familie ein nahrhaftes Essen kocht, und vor dem Schlafen- gehen nie vergißt, die Einnahme des Tages sorgfältig in den Strumpf zu tun. Paris, das wahre Paris ist hoch moralisch, sehr bourgeoise und etwas prüde. In Paris, im echten Paris, Familien- anschluß zu finden, das ist fast noch schwerer, als sich der ausdringlichen Lockung des anderen Paris erfolgreich ent- ziehen zu können. Dessen Fremdeninbustrie muß jede Saison fleißig für eine Auffrischung jener tollen Sündhaftigkeit sorgen, die für Dollars und andere Eöelvaluten einen Marktwert hat. Daß die tolle Sündhaftigkeit in der letzten Zeit ein bißchen altbacken geworden ist, hat sich freilich allmählich in Amerika herumgesprochen und ich habe manchen Lebemann aus Kansas City und Denver das Loblied anderer Metropolen als Sündenbabel in schrillen Tönen singen hören. So hätten beispielsweise London, Berlin oder Barcelona begründete Aussicht, auch ihre eigene tolle Sündhaftigkeit baH> im großen Stil edclvalutarisch auszuwerten, wenn sie nicht das Pech hätten, daß sich solche glänzenden Perspektiven zu einer Zeit eröffnen, wo auch die Baluta von Denver und Kansas City ihren Edelwert verloren hat. Sonst würde diesen Städten gewiß bald vor ihrer eigenen tollen Sündhaftigkeit so bange werden, daß sie genau so prüde werden müßten wie die Pariser. verschwenderisches Achottland Von H. Frsenkel Es ist ja gar nicht wahr, daß die Schotten so geizig sind,— und die Geschichte von dem schottischen Familienvater, der am Tage vor Weihnachten seinen Revolver entlud, um den im Nebenzimmer aushorchenden Kindern sagen zu können, der Weihnachtsmann habe soeben Selbstmord begangen,— diese Geschichte ist genau so frei erfunden wie die zahllosen anderen Geschichten, die man sich über den sprichwörtlichen Geiz der Schotten erzählt. Nun muß man wissen, daß die allerbesten dieser Geschichten immer von den Schotten selbst erfunden werden, und daß es keinen dankbareren Zuhörer, keinen aufrichtigeren Kolpor- teur eines guten Schottenwitzes gibt, als einen echten Schotten. Das allein ist schon ein schlüssiger Beweis dafür, baß die Schotten in Wirklichkeit alles andere als geizig sind. Nur wer sehr viel Geld sund noch mehr Kredits hat, kann es sich leisten, dauernd mit seiner Armut zu kokettieren: wer wirklich ein armer Teufel ist, spricht nicht gern davon. Nur die Führer der Kunst, im Sport und überall im Leben — nur die ganz großen Meister dürfen so unbescheiden sein, mit Bescheidenheit zu posieren. Auf die Frage eines lln- wissenden, ob er denn auch Klavier spielen könne, die lässige Antwort geben:„Ja, ich klimpere so ein bißchen!", das darf ein Padcrcwski, nicht aber einer, der sich gerade bemüht, die Freitarten für sein erstes Konzert unterzubringen. So ähnlich ist das auch mit den Schotten. Auch wer nie in deren schönem Lande war, wer nie einen leibhastigen Schotten gesehen hat, müßte sich eigentlich sagen, daß Leute, die so gern und oft und dauernd ihren eigenen Geiz be- witzeln— daß solche Leute gewiß ganz besonders freigebig, großzügig und verschwenderisch sein müssen. Das sind sie ja auch. Die Schotten sind ganz und gar keine Duckmäuser. Sie lieben nicht nur Rummelplätze, sondern Rummel und Betrieb in jeglicher Form, und der gute, der beste, der allerbeste Whisky, den man ja bekanntlich in Schott- land macht— der wird durchaus nicht nur für schnödes Geld exportiert, sondern reichlich auch im eigenen Lande vertilgt. Die Schotten sind ein besonders gastfreundliches Bolk. Alljährlich am 12. August beginnt in Schottland die Saison der Schnepfen- und Fasanenjagd, und jedes Jahr in der zweiten Hälfte des August bis tief in den September hinein sind die riesigen Schlösser der schottischen Grundherrn bis unters Dach besetzt mit Gästen, deren wesentlicher Lebens- zweck es ist, die strengen Aufenthaltsgebote englischer Society aufs genaueste einzuhalten: also Mai, Juni und Juli, von der Ascot-Woche abgesehen, in London zu ver- bringen, den Winter in Aegypten oder an der Riviera, den Herbst bei den Fuchsjagden in Leicestershirc und eben die zweite Hälfte des August und die erste des September in Schottland, um Schnepfen und Fasanen zu schießen. Daß für die ausgedehnte Gastlichkeit, die zu dieser Zeit in allen schottischen Schlössern und Landhäusern entfaltet wird, Sparsamkeit das leitende Gesetz ist, kann man ganz gewiß nicht behaupten. Sehr viele dieser schönen Tchlösier und Landhäuser werben übrigens von ihrer Herrschaft nur in den wenigen Wochen bewohnt, in denen man Schnepfen und Das Haus der yukunft In der„Neuen Zürcher Zeitung" wird von einem Muster- haus in Mansfield lOhioj berichtet, in dem amerikanische Ingenieure alle ausschweifenden Träume der Technik ver- wirklicht, den heute erreichbaren Gipselpunkt an Bequemlich- keit, Behaglichkeit und Gesundheit erklommen haben. Zwanzig Jngenieurabteilungen der Westinghouse-Gesellschaft haben damit ein„Laboratorium für Haushaltforschung" ge- schaffen. Ein achträumiges Wohnhaus, verschwenderisch mit elektrischer Kraft sdreißigmal soviel wie im Durchschnitts- haushaltj ausgestaltet mit 19 eingebauten Motoren. Da hören wir von 320 Glühlampn, darunter solche mit ultravioletter und infraroten Strahlung, elektrisch geheizter Laube auf dem Dach, von der Versorgung mit warmer oder gekühlter reiner Luft, von Türen, die von selbst aufgehen, Garagentttren, die auf einen Knopfdruck im anfahrenden Auto durch Fernstrahlung geöffnet werden. In der Küche ist ein laufendes Band, das der Hausfrau— der Haushalt ist ohne Hausgehilfin gedacht— das Ausstehen bei der Arbeit erspart. Die Speisen kommen in einen Wagen, der sie nach Bedarf warm oder kühl zum Tisch bringt. Fünf Rundfunk- apparate sind im Haus, einer davon in der Waschküche, zu der ein Fernsprecher führt, ebenso von jeder Wohnung zur Haustüre. Wäsche und Geschirrspülung besorgen natürlich Maschinen, wie jede andere Küchenarbeit. Es gibt noch eine Reihe raffiniert ausgedachter Einrich- tungen, namentlich Beleuchtungstechnik: selbsttätige Glüh- lampen in allen Schränken usw. usw. Seltsame Zeit! Da verkommen ungezählte Millionen ohne Unterkunft, schlafen in kalten, feuchten, stinkenden Löchern- Kinder teilen ihr Lager mit Tuberkulösen und Geschlechts- kranken. Mehrere Familien raufen sich um das gemeinsame Kochloch, den einen Abtritt— und da werden Wunder ver- wirklicht, an die kein Märchenersinder gedacht hat. Wäre es nicht einfacher und zweckmäßiger, einen kleinen Teil der Reichtümer, in denen die kapitalistische Gesellschaft erstickt, zunächst einmal zu verwenden, um all den Obdachlosen und in scheußlichen Wohnungen Verkümmernden ein bescheidenes Unterkommen zu schaffen? Ein Häuschen mit den notwen- digen Behelfen— wie gern würden sie sich rühren, um alle die Arbeiten zu verrichten, die hier die Technik spielend für Müßige leisten soll! Aber nein— denen, die schon nicht wissen, wie sie ihre freien Stunden totschlagen sollen, muß noch mehr Zeit zum Romanlesen, Kaffeeklatsch und Kinobesuch gegeben, muß die Oebe ihres mühelosen Daseins noch leerer gemacht werden. Und ehe man die wenigen Milliarden verwendet, durch die alle seßhaft und glücklich gemacht werden könnten, wirft man viele Milliarden hinaus, um Lumpen jeder Art: Pinkertons und Faschisten, zu besolden, die jene in ihrem stinkenden Schmutz, diese in ihrer parfümierten Lebensödc, festzuhalten. Das ist die Zivilisation auf der Spitze im ausgehenden Kapitalismus des zwanzigsten Jahrhunderts! Fasanen schießt.— Welche Verschwendung!— Und das im „sparsamen" Schottland!?— Auch der„King" pslegt alle paar Jahre einmal Weihnachten nicht in Sandringham oder Windsor zu verleben, sondern in Braemar Castle, seinem schottischen Sitz. Selbstverständlich ist auch zur Zeit der Schnepfen- und Fasanenjagd die königliche Familie nebst vielen Hausgästen stets aus dem schönen und uralten Tchottenschloß zu finden, das nicht weit von Jnverneß liegt, etwa eine gute Autostunde von der großen Stadt Edinburgh. Jnverneß aber ist die Stadt, in der angeblich, nächst Aberdcen, die allergeizigsten aller Schotten wohnen. Stimmt ja gar nicht. Die Schotten sind die freigebigsten Verschwender. Wer heute nach Schottland reist— auch wenn er zufällig nicht beim König in Braemar Castle oder in einem anderen schönen Schloß als Hausgast geladen ist,— der kann immer noch die gute Lust, den schönen Strand und den Hoch- wald umsonst genießen. Nur für den guten Whisky muß er bezahlen.— Und das gehört sich auch so. Ais Voronoff debütierte Bis 1922 hatte der jetzt so berühmte Verjüngungsprofessor Voronoff seine Kunst nur an Affen ausprobiert. Aus dem in jenem Jahre in Paris stattfindenden Kongreß der Chirurgen führte der Professor zum ersten Male die Operation an einem Menschen aus. Ein 74jähriger Mann, der fünfzehn Jahre seines Lebens in Indien verbracht hatte, gab sich zum Versuchskaninchen her. Dieser Mann hatte nichts mehr zu verlieren, er war durch das indische Klima körperlich völlig zusammengebrochen, konnte keine Treppen mehr steigen und hatte sein Gedächtnis fast völlig verloren. Voronoff nahm ihn in Behandlung, führte die Drüsen- operation aus und zum Erstaunen der Mitglieder des Kon- greises konnte der Greis nach seiner Wiederherstellung alle seine Glieder wieder gebrauchen und sagte aus dem Gedächt- nis dreihundert Verse Shakespeare auf. Das wirr Voronofss Debüt. Ä5!er kämpft gegen Regenschirm Auf einer Wiese in Toskana graste friedlich eine Hammel- Herde, wohlbehütet von dem Schäfer Nicolai, als plötzlich diese idyllische Ruhe durch das Heranbrausen eines Königs- adlers gestört wurde. Der Adler rvollte einen der jungen Hammel greifen, als der Schäfer mit einem Regenschirm, seiner einzigen Waffe, dazwischenfnbr. Ter Adler, durch den unvermuteten Angriff in Wut versetzt, flog auf den Schäfer und seinen aufgespannten Schirm los und zersetzte die Schutz- wasse mit einigen wohlgezielten Schnabelhieben. Dreimal ging der Adler wieder in die Lust, und ließ sich mit voller Wucht auf den Schäfer fallen. Erst als ein zufällig in der Nähe befindlicher Bauer aus die Rufe des Ueberfallenen zu Hilfe eilte, gelang es, den Adler in die Flucht zu schlagen. Vergessene Gesetze Im Laufe der Jahrhunderte werden viele Gesetze gemacht, aber manch eines wird vergessen, ohne daß es außer Kraft gesetzt worden ist. Da hat nun ein Doktor der Jurisprudenz in London in den Archiven gewühlt und Polizeiverordnungen und Gesetze hervorgekramt, die, da sie nicht außer Kraft gesetzt, noch heute ihre volle Gültigkeit haben. Wohl kein heiratslustiger Mann kennt folgendes Gesetz: Wenn ein Mann, der eine verschuldete Frau heiratet, sie, nur mit einem Hemd bekleidet, aus den Händen des Priesters empfängt, so ist er nicht genötigt, ihre Schulden zu bezahlen. — Ter Körper eines Schuldners kann auch nach seinem Tode mit Beschlag belegt werden.— Besonders wichtig ist die folgende Verordnung: Besitzer von Eseln sind genötigt, denselben die Ohren zu verkürzen, damit ihre Länge nicht die Pferde erschrecke.— Im letzten Jahrhundert soll eine Verurteilung auf Grund eines dieser Gesetze nicht mehr vorgekommen sein. Gin Maulwurf untergrabt Hollywood Die Polizei von Hollywood hat jetzt einen guten Fang ge- macht. Man bemerkte seit einiger Zeit, daß die Mauern eines großen Ladengeschäftes seltsame Risse aufwiesen., die von unterirdischen Arbeiten herrühren mußten. Die Polizei sing an, sich für die seltsamen Erdarbeiten zu interessieren und stieß dabei aus ein Tunnellabyrinth von Gängen, in deren Mittelpunkt ein mit dem letzten Luxus ausgestattete Höhle sich befand. Riesenmengen von Waren waren dort aufgestapelt, aber erst nach elf Tagen eifrigsten Snchens konnte man des Maulwurfs habhaft werden. Es handelte sich um einen, langgesuchten Verbrecher, der seit zwei Jahren hier unter der Erde lebte, um von unten her die größten Geschäfte Hollywoods anzubohren. Nach einem heftigen Feuergesecht, bei dem der Bandit verwundet wurde, erfolgte die Festnahme des menschlichen Maulwurfs. 3000 Vilder in der s>ekunöe Ein englischer Fotograf hat jetzt einen Apparat konstruiert, mit dem er 3000 Bilder in der Sekunde fotografieren kann und so z. B. Vorgänge wie das Zerplatzen einer Seifenblase, das Rotieren eines Propellers, den Flug eines Insektes. Ter Apparat besteht aus fünfzig nebeneinander montierten Objektiven, die eine beträchtliche Lichtschärfe besitzen. Eine rrtierende Scheibe dient als Verschluß. Durch einen Licht- schlitz in dieser Scheibe wird jedes Objektiv belichtet. Die Umdrehung der Scheibe dauert eine sechzigste! Sekunde, so baß also in der Sekunde die Lichtöffnung sechzigmal an jedem Objektiv vorbeirast. Auf einer einzigen Platte 13:18 können diese Bilder aufgenommen werden, so daß zum Schluß die fünfzig Platten der fünfzig Objektive zusammen 3000 Auf- nahmen ergeben. Ein Borgang, der sich in der Zeit von dieser einen Sekunde abspielt, wird also in dreitausend Einzelphasen zerlegt. ! Handstreich an der Saar? Präsident Knoi schreibt an den Völherbund BerUn, 8. Mai. Der Generalsekretär des Völkerbundes hat am Montag 9en Mitgliedern des Bölkerbundsrates zum Zwecke der Information folgenden Brief des Präsidenten der ^'gierungskommission des SaargcbietcS, Knox, vom 39. «pril 1984 zugeleitet: »Herr Generalsekretär! AlS die Rcgierungskommission vor etwa einem Jahr den Rat auf die Besorgnisse ausmert- lau» machte, die ihr der Druck einflößte, der aus die Beamte» oes Taargebietes ausgeübt wurde, hatte sie noch die Hoss- vung, daß die Zusicherungen, die ihr in den Debatten und "nMchlicfjnngen des Rates vom 27. Mai 1988 gegeben vmrden, genügen würden» um eine Beruhigung hervor- durnsen. Drotzdem haben schon die zahlreichen Be- richte, die von der Rcgierungskommission seitdem an den Rat gerichtet wurden, ge- öeigt, wie ungewiß diese Hoffnungen waren. Immerhin hat es sich bisher nur um individuelle Ber- sehlungen gehandelt. Jeßt indessen hat sich innerhalb des Körpers der Polizei ganz kürzlich ein Vorfall abgespielt, der °rr Rcgierungskommission die ernsteste Sorge bereitet Es handelt sich um eine gemeinsame Kundgebung, die am 2;>. April 1984 tw Laufe der Generalversammlung der Ber- rinigung der Polizeibcamten von Saarbrücken stattgefunden hat. Der Vorsitzende dieser Vereinigung, selbst Sichcrhclto- bcamter. konnte ohne Widerspruch der 89 Polizeibeamten, die anwesend waren, eine Entschließung von ausgesprochen politischem Charakter abfassen lassen, die er am nächsten Morgen der Rcgierungskommission übermittelt hat. In dieser Entschließung wendet sich die Vereinigung der staatlichen Polizeibcamten von Saarbrücken— ohne übrigens besondere Gründe anzuführen— gegen die kürzlich erfolgte Einstellung von Polizeibcamten deutscher Rationalität und «endet sich zugleich gegen die etwaige Herbeirufnng aus- ländischer Hilfskräfte, um die Ausrechterhaltung der Ruhe und öffentlichen Sicherheit im Saargebiet zu garantieren. Es muß gleichzeitig festgestellt werden, daß der Berliner Sender in der Lage war, schon am 21. April 1931 die erste Nachricht dieser Entschließung zu verbreiten, und daß der Annahme dieser Entschließung eine ununterbrochene Be- arbeitung durch de,, Rundfunk und durch gewisse Zeitungen vorangegangen ist, die sich Hegen die neuen Polizeibcamten richtete. Diese außergewöhnlichen Tatsachen genügen allein, um die genannte Kundgebung zu beleuchten. Die Regicrnngs- kommission, die nicht dulden kann, daß Polizeibeamte sich zu solchen Verfehlungen gegen die Disziplin hinreißen lassen, hat die notwendigen Strasmaßnahmen. teils disziplinarer, teils verwaltungsmäßiger Art, ergriffen. Dieser bezeichnende Zwischenfall kann die Bedenken Nur verstärken, welche die Rcgierungskommission schon Mehrmals ausgedrückt hat. Seine möglichen folgen scheinen ihr um so mehr einer aufmerksamen Betrachtung durch den Bölkerbnndsrat wert zu sein, als seit einiger Zeit im Saar- gebiet Gerüchte umlaufen, die von der Möglichkeit eines Handstreiches gegen das gegenwärtige Saar regime sprechen. Diese Gerüchte weisen aus extreme Elemente hin und stammen einmal von dieser politischen Richtung, einmal von jener. Die Rcgierungskommission, die, ohne bisher allzuviel Ge- wicht aus diese Gerüchte ,n lege«, sich daraus beschränkt ha«, ihren Ursprung festzustellen- mit den n«genügen- den Mitteln, über die sie verfügt-, sieht sich veranlaßt, ihnen eine größere Beachtung zu schenken. Die Gerüchte treten in der Tat lmmer hänsiger aus, werden der Rcgierungskommission durch die verschiedensten Kanäle zn- getragen und werden insofern auch konkreter, als sie sich in Projekte umsetzen, die vielleicht extravagant erscheinen, deren Ber- wirklichnng aber, wenn man die Umstände bedenkt, nicht mehr in das Reich der re'nen Fantasie verwiesen werde» könne«. Im übrigen muß die ununterbrochene Agitation, die sich die Zurücksendung gewisser Elemente der Polizei zum Ziel setzt, diese Besorgnis noch verstärken. Es wird dem Rat nicht entgehen, daß alle P«t s ch p l ä n e, wenn sie tatsächlich existieren, sich nur in größtem Geheimnis ausarbeiten lassen, umgeben von unzähligen 31ot|ta)ts= maßnahmen. Die Regierungskommission hat allerdings keinen sicheren Beweis, daß diese Pläne wirklich existieren. Wie dem aber auch sei und wenn derartige Plane>emals gefaßt fein sollten, ist sie der Uebcrzengung, daß er eines de» wirksamsten Mittel ist. um ihre Verwirklichung zu ver- hindern, oder diese Gerüchte zum Schweigen zu bringen, ow eine schon erregte öffentliche Meinung noch weiter erregen, d e n B ö l k e r b n n d ö f s c n t l i ch d a r ü b e r z u u n t e r- richten, den die Saar-Reg»crung im Saargcbiet vertritt. gez Knox." » Der Präsident der Regierungskommission, Herr Knox, handelte völlig zu Recht, wenn er angesichts des sich beständig steigernden Terrors der Saar-Rational- sozialisten und ihrer militärischen Vorbereitungen den Völkerbundsrat mit allem Nachdruck auf die hier drohende Gefahr aufmerksam macht, die um so größer ist. als der Regierungskommission eine entsprechende zuverlässige Truppe zur Aufrechterhaltung von Ruhe. Ordnung und Sicherheit abgeht. Die Zahl der Symptome und der Beobachtungen, die man in bezug auf solche Putsch absichten der Nazis immer wieder feststellen kann, sind Legion, und es kann nicht bestritten werden, daß weder an den Grenzen, noch Im Innern der Saar genügend Schutz vorhanden ist. um die Autorität, das Prestige und die Ehre des Völkerbundes zu wahren und die Voraus setzungen einer Volksbefragung gemäß ihrer vertrag- lichen Grundlagen zn garantieren. Der Völker, bundsrat hat nunmehr das Worts Brandherd an der Saar Der Ruf nach internationaler Polizei DNA. Paris, 9. Mai. Das Schreiben des Vorsitzenden der Regierungskommission des Saargebictes, Knox, an den Völkerbundsrat wird von der französischen Presse allgemein veröffentlicht und zum Teil im Anschluß an die deutsche Saarkundgcbung von Zivcibrücken besprochen. Nahezu ein- heitlich stellen die Zeitungen dem Schreiben die Uebcrschrifl voran:„Ist im Saargcbiet ein Geivaltstreich in Borberei- tung?" Der„Petit Parisicn" glaubt, wie schon eine gestern verbreitete Meldung voraussagte, daß eine' Völkerbunds- kommission in Saarbrücken Ermittlungen über die Be, dingungen einer unabhängigen und gesicherten Abstimmung anstellen werde, so daß der Völkervunhsrat selbst erst in seiner September-Tession Zeitpunkt und Bedingungen der Abstimmung festsetzen«verde. Wenn diese langsame Methode angewandt werde, dann würbe, so schreibt ber„Petit Parisien", der von Knox in seinem Schreiben gemeldete Zu- stand noch monatelang andauern. Das wäre sehr nachteilig. Die Saarabstimmung bedürfe eines wirksamen internatio- nalen Schutzes, damit sie vor jeder Uebcrraschung geschützt vorbereitet werde und dann normal vonstatten gehen könne. Das Blatt glaubt nicht, daß man solange aus diesen Schutz warten könne. Möglichst baldiger Schutz wäre der beste Schutz. Das„Petit Journal" erklärt, das Schreiben des Präsidenten Knor au den Völkerbundsrat und die Rede des Reichspropagandaministers in Zweibrücken zeigten den Ernst der Lage in einer Gegend Europas, die als Bindeglied zwischen zwei großen Nationen hätte dienen können und aus der die deutsche Heftigkeit einen Brandherb zu machen drohe. Der„Figaro" fordert die Schaffung einer genügend starken internationalen Polizei. Man müsse, so schreibt er. die Macht zeigen, damit man sie nicht einzusetzen brauche. Monsignore Tes!a Kommt erneut ins Saargebiet Msgr. Tcsta, der bereits im vergangenen Jahr im Auf- trage des Hl. Vaters im Saargcbiet weilte, wird in den näch- stcn Tagen, wie wir erfahren, wiederum hier eintreffen. niller will Rache? Ablehnung aller Garantien für die Rückgliederung... „Petit Parisicn" teilt mit, der Dreicrausschuß habe sich, um die Saarländer vor jedem Druck zu schützen, an die deutsche und französische Regierung gewandt und beide gebeten, die Verpflichtung zu übernehmen, keine Repressalien gegen die Saarländer zu ergreifen, die sich für eine andere Lösung als diejenige ausgesprochen haben, die aus der Abstimmung her- vorgeht. Tie in dieser Richtung in Paris gemachten Ton- dierungcn seien natürlich so günstig wie nur möglich ausge- nvmmen worden. Frankreich, das der Meinung sei, daß das Saarvolk allein das Recht habe, über sein zukünftiges Los zu entscheiden, habe sich bereit erklärt, die angeregte Bcrpflich- tung feierlich zn übernehmen. Dagegen— und das werde niemand überraschen— habe die Berliner Regierung dergleichen Aufforderung eine kategorische Weigerung entgegen- gesetzt. Baron Aloisi sei daraus noch einmal i» Berlin vor- stellig geworden, aber bisher seien seine Bemühungen nicht von Erfolg gewesen... »er Kaisen Quierschied. 9. Mai. Die Outerschieber Nationalsozialisten haben für den Führer der Freihettsfront Mar Braun einen Galgen errichtet und eine Puppe daran ausgehängt mit der Aufschrift:„Achtung, armer Mar, Du hast den letzten Zug verpaßt!" Da kann mau wirklich nur mit dem Erlöser am Kreuze sagen:„O Herr, vergib ihnen, denn sie wissen in ihrer Dummheit nicht, was sie tun!" Im übrigen sieht die Polizei von Quierschied ruhig zu, wie die NSDAP, in kompletter Uniform Uber die Straße geht, Parteiabzeichen. Hakenkreuz auf roter Plakette usw. trägt und die nichtnationalsozialistischen Bewohner öffentlich auf der Straße anpöbelt. Und wie die Alten hingen, so zwitschern die Jungen:— Die Kinder antinatioualsozialistischer Eltern sind in der Schule von beständigen Beleidigungen und Diffa- mierungcn umgeben und einen Schutz der Aussichtspersonen oder der Exekutivorgane ist anscheinend nicht zu bekommen. „Heil Hitler" bei der Polizei Ilm die Rückständigkeit der badischc» Polizei gegenüber der Polizei in anderen Ländern auszugleichen, ordnete der Innenminister an, daß von nun an auch die Polizeibcamten und die Gendarmen statt des militärischen den Hitler- grüß zu erweisen haben. Man kann n-cht sagen, daß diese Verordnung bei der Polizei gerade mit Begeisterung aufge- nvmmen worden ist. Im MIMisdien Urteil Holland antwortet! Wir entnehmen aus„De Nieume Rotterdamsche C o u r a n t": „Ein Rotterdamer Bürger wollte in der Berliner Ausgabe des„Völkischen Beobachters" eine Annonce ausgeben, und das Anzeigcnbüro, dessen Vermittlung er in Anspruch nahm, empfing ein paar Tage später ein Brieschen von dem Zentral- Verlag der NSDAP. München, dessen zweite Zeile lautete: „Bevor ivir die Annonce veröffentlichen, trage» ivir sie ver- traulich an, uns den Namen Ihres Austraggebers zu nennen und uns die Sicherheit zu geben, daß er von rcinarischer Abstammung ist. Das Auzeigenbüro gab darauf folgendes zur Antwort:„Haben Sie sich vielleicht in ber gcografischen Lage von Rotterdam geirrt? Rotterdam liegt nämlich in Holland, und wir vermuten, daß Tie wissen, daß man in Holland keinen Unterschied macht zwischen Ariern und Nichtariern. Wie haben Tie sich das eigentlich gedacht, daß wir die Ab- stammung unseres Auttraggebers feststelle» müssen? Bisher waren wir der Meinung, daß man in Deutschland Wert auf ausländische Kunden legt. Aus Ihrem Briet ergibt sich gerade das Gegenteil. Wenn wir Ihnen einen guten Rat geben dürfen: Schreiben Sie dann nicht mehr solche Briefe an aus- ländische Firmen: denn wirklich man denkt vier in Holland anders: Sic machen sich damit hier schließlich nur lächerlich." Passiver Widerstand Aus der„Post Scripta" der Haagschen Post zitieren wir die folgenden Sätze: „Es gärt in Deutschland, wenn sich die? auch nicht in aller Oesfcntlichkcit zeigt! Wir wissen wohl, daß man darüber nichts zu hören bekommt, weil die Zeitungen unter scharfer Kontrolle stehen. Andererseits darf man wohl annehmen daß auch der schwärzeste Kommunist sich gegen die große Macht der Regierung nicht aufzulehnen wagen wird. Es sind daher indirekte Anzeichen vorhanden, die von stets wachsender Ber bitterung zeuge». Tie Arbeiter lassen sich nicht mehr überall vor das nationalsozialistische Parteiwägelchcn spannen. Dafür sind die Löhne zu niedrig, dafür ist das Leben zu dürftig und dafür fordern die nationalsozialistischen Organisationen einen zu hohen Prozentsatz von den niedrigen Einklinkten. Viele halten sich heute neutral, und sie scheinen sich diese» Luxus jetzt gestatten zu könne»." Deutschlands Zwiespältigkeit Aus einem zusammenfassenden Artikel von„De Nieuwe Rotterdamsche Courant" über Deutschland zitieren wir: „Es ist das Fehlen von Bremsen auf jedem Gebiet im Nationalsozialismus, das so beunruhigend ist. Man merkt nichts von konzentrierter Zusammenarbeit. Die Grundsätze, die Minister Schmitt hinsichtlich der Industrie proklamiert hat, ivaren gesund, aber nicht nationalsozialistisch. Ihre Ver- wirklichnng wird durchkreuzt von der künstlichen und sor- eierten Arbeitsbeschaffung, die nicht zu zügeln ist. Tie Grundsätze der Reichsbank hinsichtlich des Münzwesens sind gut, aber sie werden mit kredittötenden Maßregel» durch- geführt. Mau bezahlt seine Schulden nicht mehr wegen der Stabilität des Geldes, aber man hemmt die schreckenerregende und eiixe Inflation heraufbeschwörende Tätigkeit der Regierung nicht. An der Spitze des finanziellen Departements stellt nichtsdestoweniger ein Mann mit gesunden Ansichten. Genau dieselben Gegensätze zeigen sich auch in der Aus landspolitik. Die Beamten, die dies alles ausführen müssen und ihre gesunde Urteilskraft noch nicht verloren haben, werden schwindelig davon. Sie sehen, daß Hitler mit ver- ilünitigen Argumenten Torheiten verhütet, so wie er z. B. im Mai den Plan der vierzelintägigen Judenverfolgung so gut wie möglich unterdrückt hat. und zwar unter dem Einfluß von ebenso zwingenden wie vernünftigen Ueberlegungen Aber sie sehen gleichzeitig Dinge ihren Laus nehmen, die das Land in schnellem Tempo nach dem Abgrund führen. Sie hören genau wie wir friedliche Reden, aber sie hören daneben die Ziffern der militärischen Kostenanschläge: sie hören ge- sunde wirtschaftliche und finanzielle Ueberlegungen und sehen die Schleusen des Himmels und der Erde für die Sintflut der schwebenden Schuld eröffnet: sie müssen dem Ausland nachlausen und gleichzeitig infolge von allerlei törichten Maßregeln die Ausfuhr ruinieren. Das ist nationalsoziali- stische Ungebundenheit. Ist es ein Wunder, daß die guten Leute davon schwindelig werden? Und ist es ein Wunder, daß die Elemente der Unterwelt aus der SA. und der Partei sich immer freier bewegen? Sie wissen langsamerband ziem- lich genau, wo gebremst wi?d HiuYivcntTalt ihnen-freien Lauf läßt. Tie Macht Görings wird das Bremsen nicht verein- fachen." . Kirchliche Opposition An anderer Stelle lesen wir in„De Nieuwe Rotterdamsche Evurant": „Die christliche» Kirchen wetteifern, vor allem in Berlin, mit ihrem Einfluß auf die Jugend gegen den national- sozialistischen Staat. In diesem Streit zeigt sich die evange- tische Kirche, die mehr auf den Staat angewiesen ist, tole- ranter als die katholische. Im tiefsten Herzen sind aber beide Kirchen davon überzeugt, daß die Jugend sich ihnen ent- fremdet. Für die Eltern ivar es lange Zeit eine Quelle der Sorge, daß der Hitler-Jugend-Dienst die Kinder so stark in Anspruch nahm. Man beklagte sich, daß sie dem Eltetnhause und der Schule so viel entzogen und daß sie häufig über- anstrengt wurden. Die zunehmenden Klagen haben schließlich dazu geführt, daß man die Zeit einteilte, die für die Familie, die Schule, den Jugenddienst und für die religiösen Bedtirf- nisse bestimmt war. Aber damit ist die Jugendfrage für die Kirchen noch keinesivegs gelöst. Beide christlichen Kirchen stehen dem Arierparagrat'en feindlich gegenüber. Tie be- trachten ihn als Verletzung ihrer Auffassung vom Christen- tum, Der katholische Klerus weist den Paragrafe» stärker ab, der evangelische nicht so aus tiefstem Herzen.'Gegen das nationalsozialistische Dogma, daß Christus kein Jude, sondern»ein Arier gewesen sei, führen die Kirchen unter Be- rukung ank die Heilige Schrift an, daß der Heiland aus dem Stamme Davids entsprossen sei. Der Berliner ist im übrigen wenig für solche Diskussionen zu finden. Sie komme» ihm viel zu mittelalterlich vor." SA.-Doktoren Zur Drückebergerei und den zahlreichen Anstritten aus der SA. und der TS. bringt„De Nieuwe Rotterdamsche Evurant" u. a. noch folgende interessante Einzelheit. Es scheint nach vielen Anzeichen nun doch deutlich, daß auch die eingefleischten Nationalsozialisten einmal genug kriegen von den ewigen kriegerischen Uebuugen und dem Marschieren, wovon ihr Magen und ihr Beutel nicht voll wird. Da mau aber nicht ohne weiteres austreten kann, ohne sich großen «Gefahren auszusetzen, ersinnt man alle möglichen Tricks. Wir zitieren welter im Wortlaut:„Bezeichnend ist auch eine Erscheinung, die unter den Doktoren viel besprochen wird. Zahlreiche Aerzte haben sich, um dem gewöhnlichen TA.» Dienst zu entgehen, als TA.-Doktor, allo als eine Art von Gesundheitsoffizier ausgegeben. Es fällt nun aus, daß die Wartezimmer dieser Aerzte stets so besucht sind durch SA.- Leute, daß die Doktoren kür ihre anderen Patienten so gut ivie keine Zeit mehr haben. Nicht weil unter den SA.-Leuten soviel? Kranke sind: die Braunhemden verlangen vielmehr von ihren Aerzten zu Taulend"n Älteste, aus Grund deren sie vom Dienst befreit werden können." Schutzhaft... „Wir Haben einige Male lesen können, daß ein BolkShause Kundgebungen abgehalten hat gegen katholische Zeitungen^ obwohl alles das, was die Blätter schreiben, unter schärfster Kontrolle der Obrigkeit steht. Wenn hier in Holland ein BolkShause so etwa? versuchen würbe, würde man ihn schleunigst auseinandertreiben. Unsere„schwache" Obrigkeit läßt sich aus diese Weise keine Gesetze durch den Pöbel vor- ichreiben. Die„starke" deutsche Obrigkeit geht aber anders-u Werke. Wird, gegen ein Blatt demonstriert, dann kommt die Redaktion ins Gefängnis. Das heißt dann i» Schutzhast. Tie einzige Manier von Beschützen, die die deutsche Obrigkeit kennt, ist also, den Schützling ins Gefängnis zn setzen. Das hat sich nun schon bei vielen Gelegenheiten gezeigt." I6i rrmiie 43«13 M6iro Pigaile Deutsche Poliklinik Paris.©2., ßue de la Rochefoucauld a| Allgemeine Konsultationen mit i Spenaüsten.•>) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshililiehe Klinik e) Zahnarztliche» Kabinett Ordination täglich von 9—12 und 2-8; Sonntags und Feiertags von 10—12 und 2—4 Uhr üP otleut fpecialiste i DEUTSCHSPRECHEND Münchener u Pariaer Fakultä 17» rue Reaumur M4tro Arts-et-Metiers od. Rtpubllque Frauen«. 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Mao spricht deutsch Pariser Berftffle Pariser Straflcnhalcnder Anläßlich der Eröffnung der Pariser Messe im Ausstellungspark sind zahlreiche Fremde vor dem Himmelfahrtstage in Paris eingetroffen. * Der Wiener Rechtsprofessor Verdroß hielt in der Rechtsfakultät der Sorbonne zwei Vorträge über„Die allgemeinen Grundsätze des Rechts und des Völkerrechts". * Für Bruno Walter wurde ein Empfangsabend in Paris unter Teilnahme des österreichischen Gesandten, des französischen Generaldirektors der schönen Künste, Huisman, der Komponisten Darius Milhaud und Florent Schmitt und zahlreicher anderer Persönlichkeiten gegeben. * Am Pfingstsonntag findet in dem bekannten Heilbad Vichy ein französisch-deutsches Rugby-Match statt. * Im Generalrat von Seine-et-Oise brachte der Vertreter von Maisons-Lafitte einen Antrag ein, des Inhalts, daß dieses Departement aufgehoben werde. Der Antrag will, daß die Stadtteile des Departements zum Departement der Seine geschlagen werden, während die Landgemeinden an die benachbarten Bezirke übergehen sollen. * Am zweiten Pfingsttag wird die große Lafayette-Aus- stellung in der Orangerie der Tuilerien eröffnet, anläßlich des Jahrhundert-Gedenktages des großen Revolutionärs und Generals. * Josefine Baker will die Hauptrolle in einer wenig bekannten Offenbach-Operette„Die Kreolin" spielen. Esprit Pioch erringt einen großen Sieg Wir haben ausführlich über den Prozeß der falschen Haifische berichtet, über die Geschichte in Saintes-Maries-de-la- Mer, dem Fischernest in der Camargue, am Rhone-Delta, Esprit Pioch hatte bekanntlich, um seinen Ort zu einer weltberühmten Badestadt auszugestalten, viele Millionen Schulden kontrahiert und. um Geld in die Kassen zu bekommen. städtische Aufträge durch Tote ausführen lassen. Außerdem wurden von den Fischern Prämien für nie erlegte Haie erhoben. Das Geld wanderte aber nicht in die Privattaschen. Esprit Pioch erhielt zum Schlüsse mehrere Jahre Gefängnis. Jetzt fanden in seiner Gemeinde, die bekanntlich der größte Zigeunerort von Frankreich ist und ein Wallfahrtsort dazu die Ersatzwahlen zum Rathaus statt. Sie hatten den Erfolg, daß die Pioch-Liste, genannt die der Arbeiter und Bauern, gegen ihee Feinde, genannt die Verteidigung der Lokalinteressen, mit der Mehrheit von 232 gegen 159 Stimmen gewählt wurde. Diesmal hatten bestimmt keine Toten abgestimmt, und der Triumph des gestürzten Diktator» der Camargue ist groß. Die anonymen Briefe von Toulon Wir haben vor einiger Zeit über eine tolle Geschichte anonymer Briefe unflätigen Inhalts aus Toulon berichtet. Eine nicht mehr ganz Jugendliche Dame aus guter Familie, Melle Germaine P o u i 1 1 o t war deswegen zu sechs Monaten Gefängnis, mit Bewährungsfrist, und 300-Franken Geldstrafe verurteilt worden. Jetzt hat das Berufungsgericht in Aix-en-Provence sich mit dem Fall befaßt und angenommen, daß ein Zweifel an der Schuld vorläge, gerade was die Gutachten der Schreibsachverständigen angehen, und die Angeklagte freigesprochen. Der Fall hat seinerzeit in ganz Frankreich Aufsehen erregt. Slavlshy hennt SfavisKy nicht Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Andre Laphin eine Reportage mit einem anderen Stavisky, einem Namensvetter des großen„escroc", der mit diesem jedoch nichts als eben den Namen gemein hat. Die Schilderung ist trotzdem ganz lehrreich. Es gibt in Paris gegenwärtig, man braucht nur das Adreßbuch aufzuschlagen, nur einen Monsieur Stavisky. Dieser ist Pelzhändler, erste Etage, in einem Laden der rue d'Alexandre. Ein Mann in den vierziger Jahren empfängt den Besucher: „Eigentlich heißen Sie aber wohl Stawisky, mit w, mein Herr?" „Ach, das ist das gleiche, das kann man schreiben, wie man will. Ich schreibe mich Stawisky, weil ich durch die Gründung des polnischen Staates Pole wurde, aber ich bin als Russe geboren, meine Eltern waren Russen." „Indessen ist es doch wohl weit vom ehemaligen Russisch- Polen biszu dem Lande, aus dem der Vater von Sacha- Alexandre Stavisky stammte." „Vielleicht sind wir aber trotzdem aus derselben Familie. Der Name Stavisky ist nicht so verbreitet. Ich bin der einzige im Pariser Handel, der so heißt." „Und Sie haben ihn gekannt?" „Eben nicht. Das ist ja das Merkwürdige. Ich bin schon seit 1912 in Frankreich und wußte noch nicht mal, daß es im Jahre 1926 schon einen Stavisky-Skandal gegeben hat." In diesem Augenblick schaut Madame Stawisky, die nebenan Felle genäht hat, herein, ebenso freudig schauend wie ihr Mann:„Tut mir leid, daß ich ihn nicht gekannt habe. Wenn die Bilder in den Zeitungen stimmen, bist Du nicht so hübsch wie er. Ich hätte ihn vielleicht geheiratet und wäre so ebenfalls Madame Stavisky geworden, bloß mit v." Das ist aber nur ein Scherz, denn M. Stawisky mit seiner weiten Stirn, seinen großen Augen, seinem klaren Gesicht ist sicher angenehmer zu schauen als sein seliger Namensvetter, der Rasta... „Sie sind geborener Jude?" Geheimnisvoller Mord Auf einem einsamen Gut Paris. 9. Mai. Eine schreckliche Mordtat ist auf dem Guts- hos Kerbennec bei Lorient entdeckt worden, wo der 23 Jahre alte Michel Henriot eine Silberfuchszucht betreibt, nachdem er diese Zucht in Deutschland studiert hatte. Michel Henriot fand seine 19 Jahre alte Frau nach der Rückkehr von einem Jagdausslug im Hause tödlich verwundet vor. Sie hatte fünf zwei in den Kopf und drei in den Körper, erhalten, die aus einem im Hause befindlichen Karabiner— anscheinend von einem abgewiesenen Bettler oder Landstreicher— abge- geben worden waren. Michel Henriot hob seine Frau auf und brachte sie aufs Bett, wo sie starb, bevor ihr Mann um Hilfe telefonieren konnte. Da der Apparat umgeworfen war und keine Verbindung hergestellt werden konnte, mußte Hen- riot bis zum nächsten Haus 800 Meter weit lausen, traf aber unterwegs einen Nachbarn mit einem Johrrad, der die Pols- zei benachrichtigte, die bald darauf eintraf. Die Ermittlungen haben bisher über die Persönlichkeit des Mörders noch keine Anhaltspunkte zutage gefördert. Das junge Ehepaar be- wohnte erst seit zwei Wochen das einsam gelegene Gut Ker- bennee und hatte nur noch ein junges Dienstmädchen bei sich. Michel Henriot ist der Sohn eines Staatsanwalts aus Lo- rient, seine Iran die Base des Abgeordneten Henriot, der sich aui der Kammertribttne durch seine Enthüllungen über den Staviski-Skandal hervorgetan hat. »er Wahlsieg in Bern Große Erfolge der Sozialdemokratie Born, 9. Mai. Das Ergebnis der kantonalen Wahlen, die am 3. und 0. Mai in Bern stattfanden, ist völlig eindeu- tig: die Sozialdemokratische Partei ist die Siegerin des Wahlkampies. Sie erhöhte ihre Stimmenzabl von rund 39 000 auf 32 000, ihre Mandatszahl im kantonalen Paria- ment von 69 auf 79. Sie hat nur ein Mandat verloren, dafür aber elf gewonnen. Prozentual beträgt der sozialdemokra- tische Stimmenanteil im Kanton Bern nun 34.4 gegenüber 32 bei den letzten Wahlen. Bedeutsam ist auch die starke sozial- demokratische Mehrheit, die sich bei diesen Wahlen in der Stadt Bern gezeigt hat und die Stärkung der sozialdemo- kratischen Mehrheit in Biel. Der Kanton Bern gilt in der Schweiz gerne als Wahlbaro« meter für das ganze Land. Umso erfreulicher der glänzende Wnhlerfolg der Sozialdemokralen, umso wichtiger auch der völlige Mißerfolg der faschistischen„Neuen Front", die nicht ein einziges Mandat errang. Die„Heimatwehr", die gleich- falls faschistischen Gedankengängen huldigt, erhielt drei Man- date von insgesamt 228. Abonnier! die„Denlsdie Freiheit" „Aber im Gegensatz zu dem anderen bin ich gehlieben... Sie wissen doch, wie er es fertig gebracht hatte, daß seine Mutter auf ihrem Sterbebett zum Katholizismus übertrat?.. Er wollte der Oberschwester des Hospitals, in dem sie starb, 500 000 Franken ablotsen." „Und Sie möchten nicht den Namen Stawisky ablegen?" „Nein, durchaus nicht." „Den Namen ablegen? Warum denn?" unterbrach My dame Stawisky mit französischer Lebhaftigkeit,„ja, wenn wir große Kaufleute wären, dann vielleicht. So aber nicht. Wer mit uns Geschäfte hat, weiß, wer wir sind. Uebrigens nennt man mich, obwohl ich seit siebzehn Jahren verheiratet bin, mit Vorliebe Fräulein Simon." „Heißen Sie vielleicht gar auch Arlette?" frage ich. „Nein, Simon ist bloß der Vorname meines Mannes. Gesetzlich könnte man ja den Namen Simon annehmen, aber wozu sich so viel unnützen Aerger machen?" „Und der Name Stawisky bereitet Ihnen keinen Aerger?" „Ach," erwiderte mein neuer Bekannter lächelnd,„im Anfang wohl ein bißchen. Unser Töchterchen wurde in der Schule in der rue Dussoubs von den Mädels gehänselt. Aber die Direktorin ließ sie einmal vortreten und sagte:„Die nächste, die ihr was zuleide tut, fliegt unweigerlich hinaus." Seitdem gibts kein Weh-Weh mehr. Meine Neffe, der Medizin studiert, hat auch ein paarmal Krach gehabt, aber es legt sich alles wieder... Natürlich, wenn ich neue Kunden besuche, dann erschreckt sie der Name etwas, den ich sage. Manchmal glauben sie auch, ich wolle Spaß machen... Neulich sagte einer:„Bei Ihnen braucht man sich den Namen nicht aufzuschreiben, den behält man." Sehn Sie, das ist der Vorzug, wenn man einen solch„modernen" Namen führt, daß man ihn nicht zu buchstabieren braucht." „Und keine Drohung und kein frecher anonymer Brief?" „Doch, Telefonrufe. Unbekannte, die durch den Apparat rufen:„Banditen" und dann einhängen." „Doch nicht etwa Leute, die Sie kennen?" lachte ich. „Na, wer weiß." Und er lächelt abermals glücklich. Madame Stawisky lächelt mit. Da gibts kein Irren,— ein solches Lachen wie der zweite Stawsiky, das hatte der andere, der unruhige, nie,.» BBISEKaSTS N Gert« nnb Franziska. Ihren gemeinsamen Brief über die Göbbels-Bersammlung in Zweibrücken haben wir erhalten. Auch von anderer Seit« haben wir gehört, daß Wöbbels viel zu lang gesprochen hat unb daher die ermüdeten Zuhörer nicht mitreisen kennte. Ein Zeichen für seine Nervosität, denn GöbbelS ist ein guter Psychologe und glänzender Redner. Tie haben serner beobachtet, dag zahlreiche Frauen und Mädchen ohnmächtig geworden sind, weil die Strapazen seit dem frühen Morgen zu groß waren. Alles tv allem: wir glauben mit Ihnen, baß die Saarnazis durch Göbbels eher Anhänger verloren als gewonnen haben. E. C., Prag. Glücklicherweise scheint die von unS aus der„Neuen Züricher Zeitung" entnommene Meldung, daß der frühere sozial- demokratische Polizeipräsident von Oppeln mit seiner Frau aus Nahrungssorgen Selbstmord begangen habe, sich nicht zu bestätige». Er soll als Emigrant in der Tschechoslowakei sich durchschlagen. Tot- gesagte sollen bekanntlich lange leben. Hoffen wir, daß dieser Glaube auch diesmal Recht behält. Dr. S. E., Paris. Wir danken Ihnen sehr für das briefliche Material, da» wir gern« verwenden werden. Suka. Diesmal nicht zu verwenden. Es hätten schon Originalfotos sein müyen. SR. H. Kopenhagen. Bisher haben wir die gewünschte Adresse nicht ermitteln können. Wir bemühen uns weiter. Allerdings können wir kaum glauben, daß sich der Samerad in Saarbrücken aufhält, sonst hätte er sich wohl schon einmal bei uns gemeldet. „Münchhausen in Autarkistau". Wird gedruckt. Besten Dank. M. R. L. Lob wie das Ihrige, das mit gesunder Sritik gepaart ist, nehmen wir gerne an. Di« besondere Anerkennung, die Sie unserem englischen Korrespondenten zollen, hat dieser wohlverdient. Auf sein Urteil und seine Wahrheitsliebe können Sie sich verladen. Das unserem Blatte noch viel fehlte, wer wüßte das bester als wir selbst? Aber niemand außer un» weiß, unter welchen Schwierigkeiten wir unseren Kampf führen mügen. Ihre Frage nach der Höhe unserer Auflage beantworten wir so: Jeder Verleger unb seder Redakteur, der die Auflageziffer seiner Zeitung nennt, lügt. Wir lügen nie. Wenn wir nichts sagen wollen, schweigen wir. Für uns redet aber manchmal der deutsch« Propagandaapparat. Er schätzt unsere Auflage se nach Laune auf täglich hunderttausende oder gar Millionen Erem- plare. Er weiß jedenfalls, daß unser Kampblatt Millionen Leser verdient. Buchhandlung, Eupe». Wir haben Ihre Kart« der Buchhandlung der„Bolksstimme" wettergegeben, die Ihnen ausführliche Angaben machen wirb. Nazi i« Lugano. Tie haben bort eine„Deutsche Freiheit" erwischt, und die hat sie in furchtbare Wut gebracht. Recht so. Das soll sie. Arm im Geiste, misten Sie nichts andres als uns mit Mord und Totschlag zu bedrohen, wenn Tie uns einmal zwischen die Finger kriegen. Das glauben wir Ihnen mit Vergnügen. Sie ahnen gar nicht, was uns alles für Todesarten bevorstehen, und wer alles unser junges blühendes Leben auslöschen will. Rechts und links, soweit unser besorgtes Auge reicht, harren unser die Scharfrichter unb die Henker und die Totschläger. Neulich erst hat eine tempera- mentvolle Dame, die uns leider nicht so liebt, wie wir es verdienen, in einer troykistischen Zeitschrift das Todesurteil gegen unS vor dem Revolutionstribunal im vierten Reich angekündigt. Dabei hat- ten wir gerade bei den Frauen auf mildernde Umstände gerechnet. Sollen wir uns nun lieber selber umbringen, wie Sie uns men- schenfreundlich raten? Ach, dazu ist immer noch Zeit. Wir kennen «in sehr trostvolles Gedicht von Wilhelm Busch, das eigen? für die Todeskandidaten der„Deutschen Freiheit" gemacht zu sein scheint: Es sitzt ein Bogel auf dem Leim, Er flattert sehr und kann nicht heim. Ein schwarzer Kater schleicht herzu. Die Krallen scharf, die Augen gluh. Am Baum hinauf und immer höher Kommt er dem armen Bogel näher. Der Bogel denkt: Weil das so ist Und weil mich doch der Kater frißt. So will ich keine Zeit verlieren, Will noch ein wenig auinquilieren Und luftig pfeifen wie zuvor. Der Bogel, scheint mir, hat Humor. Leui S. Die Verweigerung der Eheerlaubnis kann auf sehr ver- nünftigen Grünben beruhen. Friedrich der Große soll einmal den Ehekonsens eines jungen Offiziers mit einer reichen Erbin durch die Randbemerkung abgelehnt haben:„Meine Leutnants sollen ihr Glück durch den Degen machen und nicht durch die Scheide." Manuskript«, die schon in anderen Zettungen oder Zeitschriften gedruckt sind, an uns einzusenden, ist zwecklos. „Re»»l»ti»oäre Obleute". Wir sind Ihnen aufrichtig dankbar, daß Sie uns so«ingehend auf Herrn A. in Paris aufmerksam machen. Aus welchen Gründen wir hier seinen Namen nicht nennen, wer- den Sie begreifen. Er hatte uns schon vor Monaten die von unS ge- druckte Arbeit übermittelt, und da sie leidlich war, haben wir kei- nerlei Bedenken getragen, sie zu veröffentlichen. Jedenfalls haben wir unS den Herrn rot angestrichen. AW-Toufilm-Theater Saarbrücken. Im Hauptprogramm dieser Woche läuft der deutsche Tonfilm„Die Nacht im Forfthaus" (Der Fall Roberts) mit Hermann Speelmans, Camilla Spira, In- lins Kalkenstein u. a. Regie: Erich Engels. Pathe-Jourual zeigt eine Sonderschau vom„Ball der kleinen weißen Betten" in der Pariser Oper. Die Nachtvorstellung bringt den Tonfilm„Ihr Junge" mit Magba Sonja und Hans Feher. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P I tz in Tud- weiler: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Bolksstimme GmbH„ Saarbrücken 3, Schützenftratz« 5,— Schließfach 776 Saarbrücken,