0 wiiUckc Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Numme 109— 2. Jahrgang Saarbrücken, Samstag Sonntag, 12. 13. Mai 1934 Chefredakteur: ML B r a u n Ans dem Inhal* „Jcankccich verdoppelt sein 9Ceee" Seite 2 Die Saat und Sxankeeich Seite 3 Der Jiocd am$Maqetectaq. Seite 4 Jblutiqe Jiaifeiee in SReemen Seite 4 Wo steht dec französische Jaschistttus Seite 7 Göbbels kündigt Pogrome an «Wenn die Bewegung an die Nation appelliert, so wird die Nation mit ihr sein." Mit dieser Phrase hat der Reichs- propagandaminister Dr. Wöbbels am Freitag im Sportpalast in Berlin seine Rede gegen die Miesmacher und Kritikaster geschlossen. Aber wagt der Nationalsozialismus an das Volk zu appe- lieren? Nein. Nicht einmal eine durch Terror kommandierte Abstimmung hält er zur Zeit für möglich. Der ganze Appell an die Nation besteht darin, daß die führenden Nazibonzen vom Minister bis zum letzten Amtswalter hinab reden und schreibend auf das Volk losgelassen werden, das schweigend zuhören muß. Dieses Schweigen aber wirb allmählich beredt. Es spricht sich nicht nur in kritisierenden Stammtischgesprächen aus, wie Reichsminister Göbbels behauptet, sondern in der klaren Ablehnung des nationalsozialistischen Zwangssystems dort, wo überhaupt noch etwas wie freier Wille vorhanden ist. Das Volk wendet sich angewidert und ungläubig von dem ab, was ihm die Regierung in Versammlungen und in der Presse vorzutragen beliebt. Im ganzey Reiche ist die Beobachtung einmütig, daß freiwillig Masienversammlungen nur noch zu- stände kommen, wenn ganz große nationalsozialistische Ka- nonen aufgeboten werden. Bei den Maidemonstrationen wurde Massenbeteiligung diesmal nur noch durch ein raffi» viertes Äontrollverfahren erreicht. Dazu werden wir Ma- terial noch veröffentlichen. Man mag unsere Behauptungen anzweifeln, aber unwider- legbar sind die Zahlen über die Auflagen der Zeitungen. Es ist amtlich vorgeschrieben, daß jede Zeitung ihre genaue tägliche Ausgabe veröffentlichen muß. Ob diese Vorschrift noch lange bleiben wird, ist uns zweifelhaft, denn sie läßt deutliche Rückschlüsse aus die sinkende Stimmung und den wachsenden geistigen Widerstand zu Aus den Aprilziffern der Zeitungs- auflagen ist zu ersehen, daß mit ganz wenigen Ausnahmen die Bezieherzahlen der Presse zurückgehen, sowohl in Berlin wie in der Provinz. Zu den Zeitungen mit den stärksten Rückschlägen gehört der von Dr. Göbbels gegründete„An- griff", der im Dezember täglich 94 200, im März 60 000, im April nur noch 53 400 Exemplare täglich druckte. Er ist jetzt mit dem„Völkischen Beobachter" vereint, der aber seine Aus- läge nur von 330 000 aus 834 800 erhöhen konnte. Von den 41 000 Deserteuren des„Angriff" sind also nur 4000 zum „Völkischen Beobachter" übergegangen. In der bürgerlichen Presse ist das Bild nicht günstiger. Obwohl die Voffische Zeitung verschwunden ist, hat das Ber- liner Tageblatt, also das Konkurrenzunternehmen gegen die „Voß". seine Auflage nicht etwa steigern können, sondern ist von 64 000 auf 62 400 zurückgegangen. Das Volk in allen seinen Schichten glaubt der Regierungspresse nichts mehr und flieht deshalb aus den Zeitungen. Der Reichspropagandaminister hat in seiner Berliner Rede wieder großsprecherisch vom Vertrauen des Volkes gesprw chen. Wie wäre es, wenn er dieses Vertrauen einmal dadurch erproben wollte, daß er etwa die„Deutsche Freiheit zum Wettbewerb in Deutschland antreten lassen würde? Wir be- anspruchen nicht eine Mark aus seinen Propagandamtlltonen. Allein aus uns gestellt, wollen wir den Kampf ausnehmen und. sind keinen Augenblick zweifelhaft, wie das Volk entscheiden wird, nachdem es länger als ein Jahr die Segnungen des „dritten Reiches" genossen hat. Die Rede des Reichspropaganöaministers zeigte die schwere Zerrissenheit der Nation auf. die man mit Agitattonskunst- stückchen und großen Reklamefeiern in eine Bolksgemem- schaft umlügen will. Dr. Göbbels sieht— öa^ift die einfache Wahrheit— keinen Ausweg aus den riesigen Schwierigkeiten. Er gibt in verklausulierten Wendungen zu. daß keine echte Konjunktur vorhanden ist, sondern den Unternehmern und Landwirten Arbeitskräfte aufgezwungen werden und er ge- steht zum ersten Male auch daß diese Arbeiter menschenun- würdig entlohnt werden. Unter dem Einfluß der Sozial- dcmokratie und der freien Gewerkschaften hatten die beut- schen Arbeiter bis etwa zum Jahre 1930 die höchsten^, ohne auf dem europäischen Kontinent und dazu die beste sozial- Politik der Welt. Ein Jahr nationalsozialiftckche Verwüstung hat genügt, um das Gegenteil zu erreichen: dte deutschen Arbeiter haben jetzt die schlechtesten Löhne in Europa und eine ruinierte Sozialpolitik. D'e künstliche Binnenkonjunktur muß zusammenbrechen, wenn nicht Rohstoffe eingeführt werden können. Rohsto,fe bekommt Deutschland nur. wein es imt Devisen bezahlt. Devisen fehlen, weil die Ausfuhr fehlt. Wer ist schuG an diesem bedrohlichen Krisenzustand? Die Antwort des Reichsmini- sters ist einfach: die Juden! .vor lud ist schuld 1 Diese Stelle seiner Rede ist innen- und außenpolitisch so wichtig, daß wir den Reichsminister nach zwei Zeitungen zitieren wollen. Nach der„Saarbrücker Zeitung" sagte der Reichs- minister: Es ist geradezu verbrecherisch, wenn Menschen im Lande umhergehen, und Leuten, die ohnehin schwer zu kämpfen haben, auch noch den Mut nehmen. Wenn auch ein Teil des Auslandes uns mit dem anonymen Boykott begegnet und deutsche Waren nicht annehmen will so wissen wir sehr wohl, daß das aus unsere jüdischen Mitbürger zurückzu- führen>st. lLebhafte Zustimmung.! Ich kann aber nicht, weil die Juden im Ausland uns boykottieren, im Innern die Judengesetzgebuua zurückziehen, sondern wir müssen diese Krise eben durchhalten. sAnhaltenbe Zustimmung und Beifall.) Nach der„Frankfurter Zeitung" lautete der Passus: Wenn noch ein Teil des Auslandes uns mit dem anony- men Boykott begegnet und deutsche Waren nicht annehmen will, so wissen wir sehr wohl, daß das aus unsere jüdischen Mitbürger zurückzuführen ist. Ich kann aber nicht, weil die Juden im Ausland uns boykottieren, im Innern die Ju- dengesetzgebung zurückziehen, sondern wir müssen diese Krise eben durchstehen. Die Juden meinen vielleicht, ihren - jüdischen Mitbürgern in Deutschland damit einen Dienst zu tun. Das Schlimmste was ste überhaupt tun könne«, denn ste sollen nicht glauben, wenn sie in der Tat de« Boy- kott so weittriebeu. daß er wirklich eine ernstlich« Bedro- hung unserer wirtschaftlichen Situation darstellen würde, daß wir deshalb die Juden frei ausgehen ließen. sStür- milchet Beisall.j Haß nnd Wut und Verzweiflung des beut- schen Volkes würden sich dann zuerst an die halten, die im Lande greisbar sind. Das Saarblatt hat, mit Rücksicht auf die saarländischen Juden, um die die„Deutsche Front" wirbt, etwas gemildert. Nach der„Frankfurter Zeitung aber ist Sinn und Absicht der Göbbelsrede ganz klar. Für das klägliche Versagen des Nationalsozialismus, für den Widerstand der zivilisierten Welt gegen seine Methoden, für die Folgen des wirtschaflichen Dilettantismus der Nazi- bonzcn und für die Finanzkorruption des„dritten Reichs" sollen die Juden verantwortlich gemacht werden. Der gegen die Nazigrötzen sich sammelnde Haß soll sich^egen die Juden entladen Die Welt steht vor der Tatsache, daß ein amtieren- der deutscher Reichsminister mit Judenpogromen aus„Haß, Wut und Verzweiflung" des deutschen Volkes gedroht, daß sich Göbbels an die Seite des Nürnberger PogromhetzerS Julius Streicher begeben hat. Die braunen und schwarzen Banden des Nationalsozialis- mus werden gut begriffen haben: Das Weltjuüentum sabo- tiert den deutschen Wiederaufbau, weil es von den deutschen Juden verhetzt ist. Die deutschen Juden sind als Geiseln in unserer Hand. Aus das Signal hin, daß die Partei geben wird, werden wir uns an den deutschen Juden schadlos halten. Wenn große Teile der Welt, und nicht zuletzt viele Juden selbst, sich über den wahren Charakter des in Deutschland herrschenden Bandensystems täuschen ließen, so sollte sie diese Rede des Reichsministers alarmieren. Die Bedrohung, nicht nur für die Juden, sondern für alle kultivierten Gegner der regierenden Bonzeylliauen sind ist geringer, sondern größer denn je. Diese Landsknechlssührer und Nutznießer eines Bolksbetrugs von riesenhaften Ausmaßen sind in ihrer Situation zu jedem Gewaltstreich und zu jeder Schandtat bereit, wenn sie glauben, dadurch ihre Herrschaft verlängern zu können. Schon ahnen sie ihren Sturz. Zwischen jetzt und ihrem Ende aber stehen neue große Gefahren für die deutsche Kultur. Ermunterung nun Pogrom „Judentod"... In der Nacht znm Himmelfahrtstag wurde die Mauer des jüdischen Friedhofs i« Saarbrücken etwa 60 Meter entfernt von der französischen Grenze von fachknn- digen Händen mit folgendem Text beschmiert: „Iudenlod beseitigt Saarlands Not" Diese Schrift wurde auf eine Länge von 80 Meter, einer Höhe von einem Meter angebracht. Wohlgemerkt von fach- kundiger Hand. Memand wird sich wundern, wen« demnächst auch aus den jüdischen Friedhöfen im Saargebiet die Gräber beschmutzt und die Grabsteine zerstört werden, so wie es allerorten im„dritten Reiche" geschah. Dieser Borsall an der Bremm am jüdischen Friedhof war Gestern und heute In einer Schweizer Zeitung, ausgezeichnet durch viele wertvolle Beiträge über die politische Situation und die seelischen Spannungen im Hitlerreich, lasen wir kürzlich einen Sag, bei dem wir länger als üblich verharrten. Es handelte sich um eine Aeußerung eines hervorragenden Trägers der nationalsozialistischen Bewegung. Sie lautete: „Wir Nationalsozialisten riechen einander. Auf Uniform oder dogmatische Glaubenssäße kommt es gar nicht an; das Gemeinsame liegt viel tiefer. Wir sind seelisch irgendwie von der gleichen Familie. In den ersten drei Sekunden einer neuen Begegnung haben wir heraus, ob der andere wahrhaft zu uns gehört oder nicht." Der Autor dieses Satze» hat darin über die Psychologie des Nationalsozialismus mehr gesagt, als er wohl selber ahnte. Wir vermuten, daß es ein junger Intellektueller war,— einer von denen, die sich im Nationalsozialismus ihren Aufbruch, aber zugleich auch ihre Erkennungsmarke verschafft haben. Ein Blick, eine Geste, man hat die gleiche Sprache, die gleiche Phrase, das gleiche Ja, das gleiche Nein schon in diesen drei Sekunden, und man ist Bruder zu Bruder in Rosenbergs Ordensrate. Etwas Aehnliches war schon früher da. In einer gesellschaftlichen Erscheinung, die man bei der Aufdeckung der Quellen des Nationalsozialismus nie übersehen darf: nämlich in der Jugendbewegung. Damals, mit der Tagung auf dem Hohen Meißner kurz vor dem Kriege, hat es begonnen. Junge Menschen wurden Verschworene, versippt auf Gedeih und Verderb, fast blutmäßig bündisch geeinigt im Bund. Schon damals war die Abkehr vom„Tatsachendenken" erkennbar, wie Keyserling den Auszug der Jugend in die undurchschaubare Welt der Wagnisse bezeichnete. Das neue romantische Uebergefühl, das sich den intellektuellen Ordnungen und vernunftmäßigen Verhaltungsweisen entgegenstellte, gläubig und heroisch auf kommende Dinge gerichtet: es hat eine Generation junger deutscher Menschen stark beeinflußt. Auch im Jungsozialismus gab es nach dem Kriege ähnliche Bewegungen, gruppiert um den Hofgeismarer Kreis, der die Entwicklungslehre des Marxismus(besser: des Vulgärmarxismus) ablehnte. Man wurde Rufer und Sucher, dem Glauben und dem Tatwillen verschworen, um die Welt zu verändern. Aber nun sieht die große Wende doch ganz anders aus, als es sich die jungen Menschen und die Jugendbewegten von 1914 bis 1930 vorgestellt haben. Für die große Mehrheit verstand sich damals das Humanitäre und die freiheitliche Geisteshaltung von selber. Sie dachten in die Zukunft der Neugestaltung der menschlichen Gesellschaft hinein, mit erlesenen Führern an der Spitze, sonst aber Gleiche unter Gleichen, durch freiwillige, selbstbeherrschte Unterordnung. Nun ist das alles vorbei. Es gibt keine andere Jugendbewegung mehr als die braune. Sie marschiert, nicht nach eigener Entscheidung, sondern kraft Befehl. Die Freiheit ist erdrosselt, und einer Generation junger Menschen wird glaubhaft gemacht, daß sie identisch sei mit Liberalismus und Marxismus, mit Zuchtlosigkeit und Unterwertigkeit. Junge Leute und Nationalsozialisten, die„einander riechen": was riechen sie vor allem? Die Ausdünstung des Juchtenleders und des Blutes, leider nicht nur des eigenen, sondern auch das ihrer Gegner, das ihre Führer in breiten Strömen vergossen haben. Gewiß, das wird nicht so bleiben. Aber täuschen wir uns nicht! Es wird nicht leicht sein, die deutsche Jugend wieder von der Tambourmajorromantik zu lösen und zu Lynkeus auf den Turm des Geistes und der menschlichen Würde zu führen. Argus. der Leitung der„deutschen Front" äußerst unangenehm. Er kam ihr zu früh, denn vorläufig werden noch Liebe und Menschlichkeit gepredigt. Den Terror will man nicht wahr haben. Und solche Terrorbcweise wie den an der jüdischen Friedhofmauer können der„deutschen Front" äußerst unangenehm werden. Und siehe da, in der Nacht von Donnerstag aus Freitag ist die Schrift wieder beseitigt worden. Nach Lage der Dinge kann das nur auf Anordnung der „Deutschen-Front"-Behördc geschehen sein. Die Fried- Hofsmauer ist aber mit dem hetzerischen Text bereits foto- glasiert worden, so daß sich dieser nationalsozialistische Schandakt nicht mehr wegleugnen läßt. Jranhrehh wird sein Beer verdoppeln" fSSSSSS. Das verebbende Abrüstungsgerede Frankreich London, 12. Mal. Unter der Überschrift»Frankreich wird sein Heer verdoppeln" meldet„Daily Herald" in großer Aufmachung, daß die von General Weygand und dem französischen Generalstab geforderte Dienstzeiterhöhung von einem auf zwei Jahre mit größter Wahrscheinlichkeit in aller Kürze von der französischen Regierung bewilligt werden wird. Dies bedeute nicht? anderes als eine Ber- dvppelung des stehenden Heeres Frankreichs, da man in Paris überzeugt sei, daß ein Zusammenbruch der Ab- rüstungskonsercnz unvermeidlich sei. Gleichzeitig meldet der außenpolitische Mitarbeiter des Blattes, daß das fran- zösische Kabinett sich zur Zeit energisch um die engste Zu- sammenarbeit mit Rußland bemüht, da Frankreich seine Hoffnungen auf ein Bündnis mit England vorläufig auf»' gegeben habe. Der französische Außenminister sei von seiner Ostcuropareise mit der Ueberzeugung zurückgekehrt, daß die von Hcrriot angestrebte russisch-französische Zusammenarbeit die richtige Politik sei.„Alle Gespräche im französischen Außenministerium drehen sich daher zur Zeit", so meldet die Zeitung weiter,„um die russische Botschaft in PariS, wo in den letzten Tagen dauernd führende fran- zösische Politiker, Zeitungsredakteure und sllhrende Persön- lichkeitc» des französischen Handels ein- und ausgingen. Alles ist erörtert worden, die wirtschaftliche, die diploma- tische und die militärische Zusammenarbeit. Jedes Gespräch hat sich als befriedigend für beide Zeiten erwiesen" Was die militärische Seite betreffe, so hätten französische Sach- verständige, die neulich in Rußland waren, sehr günstige Be- richte über die Stärke, Disziplin und Ausrüstung der Roten Armee und der russischen Luft- flotte vorgelegt. Deutschland DNB. London. 12. Mai. lieber da? Ergebnis de? Besuchs Hendcrsons in Paris berichtet Reuter, es sei mehr als zwciselhast, ob Eden der französischen Regierung die Sicher- heitögaranticn anbieten könne, die Frankreich fordere. In einer Unterredung mit einem Reutervertreter erklärte Herr v. Ribbentrop, daß Deutschlands Haltung in der Abrüstungsfrage sich nicht geändert habe. England DNB. London, 12. Mai. Der Lordsiegelbewabrer Eden reist am heutigen TamStag nach Paris ab, nachdem er von Das Neueste Die Berbreitung der Tageszeitungen„Westfälische Landes- zeitung— Rote Erbe".„Der Mittag".„Der Angriff" wird bis auf weiteres im Saargebiet oerboten. Eine Hilföexpebition hat in den französischen Alpen-m Fuße des Rippert-BäMät-PalfeS die Leiche der Schweizer Bergsteigerin Gertrud Schneider gesunden, die verunglückt war, well sie eo unterlasse» hatte, sich aus der von ihr unter- nommencn gefährlichen Tour anseilen zu lassen. Frankreich legt i„ der S ch« l d e u f r a g e nach wie vor Zurückhaltung an den Tag. Man läßt durchblicke», laß eine weitere Tckuidenteilzahiung an Amerika als unwahrschein- lich angeschen wird. Aus Kairo wird gemeldet, daß einem dort einarlansenea Telegramm zufolge neue Bemühungen um einen Waffen- stillstand zwischen König Ihn Sand und dem I m a m des?) e m e n im Gange find. Der Jmam von Beinen habe feine Vertreter im Reiche Jbn Sauds angewie- fen, Waffenstillstandsverhandlungen zu eröffnen. Präsident R o o s e v e l t hat die Schaffung eines znsätz- lichen WiederanibansondS in Höhe von 1822 Millionen Dol- lar beschlossen. In der nächsten Woche wird dem Präsidenten die Silberoorlage unterbreitet werden, auf Grund deren Silber neben Gold als Währungsdeckung in den Bereinig- tcn Staaten dienen soll. Die Räuber des Millionärs und Delindustriellen William F. Gettle haben Gettles Rechtsanwalt Ranepn angerufen und von ihm die Ueberweisung von 78 OflO Dollar Löseaeld verlangt. Während der Rechtsanwalt noch über diese Forde- dem inzwischen nach London zurückgekehrten Präsidenten der Abrüstungskonferenz, Henderson, einen Bericht über die Be- sprechungen mit Barthou entgegengenommen hat. Henderson wird heute auch Außenminister Simon über den Verlauf seiner Pariser Besprechungen berichten. Pertinax meldet dem„Daily Telegraph" Henderson habe in seiner Unterredung mit dem französische» Außenminister angedeutet, daß England zwar nicht an neue Verpflichtungen auf dem Festlande denke, möglicherweise aber eine neue „Auslegung" der Locarnoverpslichtungen geben könne. Zusammentritt der französischen Hammer Arbeit bis tief in den Sommer DNB. Paris, 12. Mai. Am Dienstag, 15. Mai, genau nach zweimonatiger Pause, tritt das französische Parlament zur Fortsetzung seiner ordentlichen Sitzung wieder zusammen. Die parlamentarischen Arbeiten werden mindestens b i s Ende Juni, wahrscheinlich sogar bis Mitte Juli dauern. Hauptgegenstand wird zunächst die Verab- schieduna der von der Regierung auf dem Verordnungswege in der Zmischensession erlassenen Steuerreform sein. Einen wichtigen Gegenstand bilden auch die Verfanungsreformvor- schlüge, die jedoch in den zuständigen Ausschüssen noch nicht endgültig ausgearbeitet sind. Hierzu gehört vor allem die Verstärkung der Exekutive durch Erleichterung der Kammer- auflösung, eine Maßnahme, von der der Präsident der Repu- blik praktisch nicht Gebrauch zu machen pflegte. In der Frage einer Abänderung des Wahlgesetzes gehen die Ansichten zwischen Kammer und Senat auseinander. Letzterer wünscht keine Abänderung des jetzigen Systems der Einerwahl inner- halb der festgesetzten Wahlbezirke, während im Staatsreform- ausschuß der Kammer der Antrag auf Einführung der rest- losen Verhältniswahl nur mit Stimmengleichheit— 1k gegen 16 Stimmen— abgelehnt wurde, so baß also der anderen Tendenz, die sich für die Einerwahl mit den jetzt bestehenden Wahlbezirken einsetzt, ebenfalls die Hände gebunden sind. Anträge auf Aushebung der Immunität, Finanz- und Wirt- schaftsfragen, Arbeitsbeschassungsprogramm und außen- politische Interpellationen sowie Interpellationen über die Tätigkeit durch Ermächtigungsnerordnungen vervollständigen die reichhaltige Tbemaauswahl, die dem franzö^'^en Parla- ment bei Wiederaufnahme der Arbeit von nächster Woche ab zur Verfügung steht. Die Regierung Doumergue wird sich vor allem in der Diskussion der Steuerreform»nd der Regierunästätigkeit durch ErmächtigungSverordnunaen. die von der Linken bekämpft werben, zu verteidigen haben. Die neueste Aufmunterung des„Angriff" Berlin, 11. Mai. Der„Angriff" richtet eine Aufforderung „an alle Leser, Parteigenossen, SA.-Männer und Arbeiter, der Schriftleitung„jeden Fall von jüdischer Un- Verschämtheit mitzuteilen, der sich in den letzten Monaten und Wochen ereignet hat", damit dieses Material veröffentlicht werden könne. Das nationalsozialistiiche Blatt begründet dies damit, baß zahlreiche Juden in lchter Zeit „glauben, wieder durch arrogantes Betragen aufsallen zu dürfen", nachdem sie sich eine Zeitlang zurückhaltender be- nommen hätten. Das bedeute keinen Pogromacsang, sondern cS handle sich um einen„Anstandsnnterrlcht für die geschonten und geduldeten Staatsbürger jüdischen Glaubens. „Keiner rühre die Juden an! Aber jeder gebe acht auf sie, auf der Straße, im Freien, in den Lokalen, im Beruf, auf Reisen, überall, wo er einzeln, besonders aber, wo er in Scharen auftritt". SA. und Kfrchenpollflk Röhm verbietet die Teilnahme an kirchenpolitischen Kundgebungen Berlin, 12. Mai. Das Presseamt der Obersten S«.-Fülj- rung teilt mit: Um die Versuche gewisser Elemente, An- gehörige der SA. in kirchenpolitische Streitigkeiten hinein- zuziehen und dadurch dem Ansehen und der Geschlossenheit der SA. zu schaden, ein- für allemal unmöglich zu machen, hat Stabschef Röhm einen Erlaß an die SA. her- ausgegeben, in dem angeordnet wird, daß die Teilnahme von SA.-Angehörigen an kirchenpolitischen Demonstrationen verboten ist. Gleichzeitig wird jede Art von Amts- Hinderungen oder Maßnahmen gegenüber den Pfarrern beiden Konfessionen unter- sagt. Hermes vor Gericht Der neueste Korruptionsprozeß Berlin, 11. Mai. In dem Prozeß gegen den früheren Reichsminister a. D. Dr. Her me s wurde am dritten Ver- Handlungstage die Verlesung des ausführlichen Schrift- Wechsels zwischen der Bauernvereinigung und der Preußen- kasse fortgesetzt. Das verlesene Korrcspondenzmaterial be- handelt zunächst die Vorgeschichte bis zur Stellung des An- träges der christlichen Bauernoerciniguna, auch sie bei der Begebung von Mitteln für die Landwirtschaft zu bedenken. Der Vorsitzende fragte den Angeklagten, ob die einzelnen Bauernvercine von sich aus Anträge gestellt hätten oder ob sie dazu aufgefordert seien. Dr. Hermes erklärt, die Bauern- vereine seien nicht aufgefordert worden, denn das hätte zu einer Flut von Anträgen geführt. Er habe die Frage nur mit den maßgebenden Herren der verschiedenen Bauernver- cinigungen durchgesprochen und sie beauftragt, entsprechendes Material zusammenzutragen. rung verhandelte, wurden von der Mutter Gettles telefonisch, anscheinend von anderen, 16 666 Dollar Lösegeld für ihren Sohn verlangt. Der gewaltige Sandsturm, der gestern über dem Gebiet.. des Mississippi-Flusses und an der Atlantiktüst. bis hinauf N|f|lf ArftfIlCI\ SOHQCril zur kanadischen Grenze wütete, hatte ungeheure Sandmenaen„ISU-SSI■**>■»*>■.j»JWIIUC/I■ hochgcwirbelt. Das Gewicht der Sanbwolke, die zeitweilig vom Staate Montana bis nach Reuyork reichte, wird von Sil CssCl Sachverständigen aus 800 Millionen Tonnen geschätzt. Die Krankenhäuser in Nenyork sind stark beansprucht, da zahl- reich« Personen, denen der Sand in die Augen geflogen war, ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußten. ..Dünstige" Entwidmung Wenn die Einnahmen schwanken und sinken Das„Deutsche Nachrichtenbüro" meldet unter der Ueber- schrift„Anhaltende günstige Weiterentwicklung der Bei- tragScinnahmen der Angestelltenversicherung": Die Arbeits- beschafsungSmaßnahmen der nationalen Regierung haben immer weitere Scharen von Volksgenossen in Arbeit und Brot zurückgeführt und dadurch auch die Beitragseinnahmen iu der Sozialversicherung wieder ansteigen lassen. Schon im Dezember 1933 konnte die RcichsversicherungSanstalt für Angestellte mitteilen, daß ihre BcttragSkinnahmen feit August 1933 langsam, aber stetta ansteigen. Tie Erwartungen aus ein weiteres Anhalten dieser günstigen BeitragSentwicklung sind auch in den verflossenen vier Monaten des Jahres 1934 bestätigt worden. Die Beitragseinnahmen haben betragen: im Januar 22 251 700 RM.. im Februar 23 806 396 NM., im März 26 875 521 RM.. im April 24 953 451 RM. Wofür es sechs Monate Gefängnis gab Berlin, 11. Mai. Wegen Verbreitung von Greuelnach- richten verurteilte das Berliner Sondergericht die 54jährige Ehefrau des pensionierten Tludienrats Professor Sege- brachts zu sechs Monaten Gefängnis. Am 15. Ok- tober 1933 wurde in der Wohnung des Professors für baS Eintopfgericht gesammelt. AlS der Mann gerade im Be- griff- war, eine Mark zu geben, ging die Frau dazwischen und erklärte:„Auf keinen Fall zahlst du etwaS, nicht einen Pfennig geben wir diesem Arbeiterstaat, daS sind nicht Ar- bciter, sondern Erpresser." Das Gericht berücksichtigte bei der Strafzumessung, daß es sich um eine stark hysterische Fran handele, die ihre Zunge nicht so in der Gewalt habe, wie man es von einem Manne hätte erwarten können. Der Abenteurer Trebitsch Lincoln, einstmals englischer Unterhauoabgcordneter, der jetzt al» buddhistischer Priester die Welt bereist, wurde am Freitag von der englischen Be- Hörde wieder abgeschoben. Unter polizeilicher Begleitung wurde er zum Dampfer„Ducheß os Bork" gebracht. Lincoln war erst vor einigen Tagen an Bord desselben Dampfers aus Eauada in England eingetroffen. Neun seiner„Schüler" begleiten ihn nun nach dem Fernen Osten. Bride ans dem Reldi Nachstehende unveränderte Auszüge aus 3 Briefen stammen aus Berlin, Breslau und Nürnberg. Manche Wendungen find mit Rücksicht auf die Zensur gebraucht. . 10. April 1984. Vielen Dank für Ihr Schreiben und die geschäftlichen Informationen, die Sie mir zukommen ließen. In diesen Wochen jährt sich zum erstenmal die etwaS plötzliche Aende- rung der Verhältnisse. In dieser Zeit ist viel Wasser den Laisebach hinuter geflossen— aber sauberer ist er auch nicht geworden. Ueber die hiesige Geschäftslage ist nicht viel Erfreuliches zu berichten. Von den einschneidenden Einfuhrverboten hat bisher die breite Oeffentlichkeit kaum Notiz genommen. In der Nationalökonomie neigt man vielmehr wie in der Medi- zin dazu, lediglich die Symptome zu sehen. Infolgedessen sieht man hier zunächst sonst nichts als die Erfolge der so- genannten Arbritslchlacht. Auch Durchbruchsschlacht genannt — in der jetzt beliebten militärischen und auf allen mög- lichen Gebieten angewendeten Terminologie. Wie die Finan- zicrung der„Binnenkonjunktur" aus die Dauer eriolgen soll, davon liest man nur wenige und schüchterne Anden- tungen in den HanbelSteilen großer Blätter. Nur für den Kenner, nicht für den Durchschnittsleser, sind diese Anden- tungen allerdings sehr ausschlußreich. Tie zeigen, daß unsere vor einem Jahr aufgestellte Prognose langsam in Erfüllung zu gehen scheint. In eingeweihten Wirtschaftskrisen wird man sich setzt allmählich klar über die geradezu strangulierende Wirkung der jüdischen Boykottpropaganda, gegen die nicht stark genug Stellung genommen werden kann. Es ist zuzugeben, daß wir allesamt die Wirkung dieser Propaganda unterschätzt haben. Aber was soll jetzt geschehen, etwa einlenken? So weit die bestehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten von dem„kleinen Mann" erkannt werden, hört man ttbri- gens sehr häufig den Hinweis auf die Fehlerhaftigkeit der bisherigen Rassepolitlk, wenn man in diesem Zusammen- hang überhaupt von„Politik" sprechen kann. Die Möglichkeit, einen radikalen Kurswechsel einzuschlagen, besteht wohl kaum, und so muß unser deutscher Weg zu Ende gegangen werden. Aus staatsfeindlichen Kreisen hörte ich neulich die Bemerkung, daß am Anfang alle Diktatoren herrliche Zeiten versprechen, daß die Sache aber schließlich endet bei Gas- granaten und Papierhemben. Diese von mir sofort scharf zurückgewiesene Bemerkung zeigt aber, daß man sich über die bestehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten Gedanken macht und plant, sie für sich auszunutzen. Es heißt also, auf der Hut zu sein. Unsere WirtichastsauSsichten lgemeint ist die Sozialbcmo- kratie. D. Red.j, die vor einem Jahr im Dunkel verliefen, beginnen, wenn auch vorerst langsam, sich zu bessern. Natllr- lich müssen wir tüchtig arbeiten, um unsere sehr herabgewirt- schaftete Firma wieder auf die Beine zu bringen, aber mir sehen doch endlich wieder ein Ziel und greifbare Aussichten. Ich denke, daß wir in ein bis zwei Jahren ganz anders mit- einander reden können. Privatim ist alles in Ordnung. Man hat sich gewöhnt. Wenn es nötig ist und erwünscht, komme ich gern später. Herzliche Grüß«: 19. April 1984. Lieber Bruder? Daß ich mich an Dich wende, ist nicht, um irgend ein Schreibbedllrsnis zu befriedigen oder um Dir Neuigkeiten mitzuteilen, sondern die Bitte, unsere Familiennot lindern zu Helsen, also Hilfe in dringendster Not zu erbitten, vor- ausgesetzt, daß Du helfen kannst. Niemand kann geben, wenn er selbst nichts hat. Ich habe mich ständig um Arbeit bemüht Ohne Erfolg. Ich bin wegen Versicherungen ge- reist und habe trotz aller Anstrengungen noch nicht den Ver- schleiß der Stiefclsohlen verdient. Durch da» Treppen- steigen bin ich so heruntergekommen, daß eß mir zu allem Familcenelend auch noch körperlich sehr schlecht geht. Auch habe ich jeden geistigen Halt verloren, io daß ich mich immer wieder frage, welchen Sinn hat das Leben überhaupt nocß. eigentlich ist man ja überflüssig aus der Welt und sollte ver- schwinden. Aber da kommt immer wieder der Gedanke, eigentlich bist du dann ein Feigling gegenüber deiner Familie und deinen Leidensgenosscn, wenn du die Konse- qucnzen aus dem Entschluß der Ueberflllssigkeit ziehst. Was soll man aber ansangen und welchen AuSweg gibt eS. daß man nicht buchstäblich verhungern muß? Ich kann keinen Ausweg erspähen und möchte doch so gerne daS Elend lin- dern. Die Wohnung habe ich schon verkleinertj-aber 34 Mark ist immer noch viel Geld bei 14,40 Mark Unterstützung. Der Sohn bat geheiratet, die Einnahme fehlt. Die Töchter mußten umlernen und verdienen in der Konfektion weniger alS das Stempelgeld. Heute heißt es, die Hauptsache ist die Arbeit und nicht der Lohn Wer nicht will, muß nach Mecklenburg zur Landarbeit. Wir sind jetzt vier Erwachsene, alle über 20 Jahre alt und haben pro Tag IM Mark zu ver- leben. Vielleicht könnte ich in P. nebst meinen Kindern Ar- beit bekommen? Aber der Umzug und die Wohnung kosten doch Geld und nicht wenig und woher nehmen? Hast Tu noch etwas übrig zur Linderung meiner Not? Geschäftlich ist hier gar nichts los, überall wird kurzgearbeitet, und es sind nur noch 4 Betriebe unserer Branche vorhanden. Ge- werkschastliche Unterstützung bekomme ich nicht, trotz mehr als 30jähriger Mitgliedschaft. Wenn Du also einen Ausweg weißt, denke daran, baß ich die Hilfe recht schnell brauch«. Herzliche Grüße: 18. April 1984. Du fragst nach unserem Befinden. Nach den täglichen Siegesmeldungen der Arbcttsschlacht müßte es uns glän- zend gehen. Wir lesen täglich diese Siegesmeldungen mit großem Interesse. Es gelingt uns aber leider nicht, davon unsere Familie satt zu machen und Arbeit finden wir keine, trotzdem bereits angeblich Mangel an Arbeitskräften vor- banden sein soll. Am Arbeitswillen fehlt es bei uns gewiß nicht. Aber es ist beim besten Willen nicht möglich, etwas zu finden. Zum freiwilligen Arbeitsdienst find wir schon zu alt, sonst würden wir es vielleicht einmal damit versuchen. Die Familie ivärc dann allerdings auch nicht versorgt. W. hat es einmal mit Versickiernngen vcriuckt. Aber Du weißt ja, wie eS da aussieht. Ein Massenaufgebot versucht es an» diesem Gebiet, dabei werden infolge des allgemeinen Miß- irauens weniger Versicherungen gemacht als je. Ich beziehe gegenwärtig Krankengeld»nd soll nächst« Woche operiert werden. G. geht stempeln. Wenn nicht bald eine Aendcrnng kommt, gehen wir alle zugrunde. Diejenigen, die durch die Maßnahmen der Arbeitsschlacht Arbeit bekommen n. brauchen wir nicht zu beneiden, denn sie sind zum gro'"i Tetl noch schlechter dran, als die noch nicht vom Sieg die: Schlacht Berührten Nun kannst Du Dir vorstellen, welche Gedanken mau hier über diesen Arbeitsbeschaffung»- schwindet hat. Viele Grüße: Frankreich und das Saargebiet Widerhall der deutschen Saarpropaganda Im Westen Frankreichs Schwache I. Journal des Debats: Das Reich veranstaltet heute eine große Kundgebung an der Saargrenze. Dr. Göbbels hält dort eine Rede, der die Deutschen eine besondere Bedeutung beilegen. Deutschland hat alles versucht, um die Volksabstimmung an der Saar, die im Friedensvertrag vorgesehen ist, zu vermeiden. Es ist ihm nicht gelungen. Jetzt bereitet es die Volksabstimmung mit allen Mitteln vor, Uber die es verfügt. Alle Welt weiß, daß die französische Regierung in diesen letzten zehn Jahren der Kartell-Politik nichts von dem getan hat, was sie hätte tun müssen. Sie wurde allerdings wiederholt gewarnt. Die Dokumente, die der„Petit Pari- sien" veröffentlichte und in einer Broschüre„Die Geheiminstruktionen der deutschen Propaganda" zusammenfaßte, sind lehrreich und von großer Bedeutung. Weder Paul- Boncour noch Daladier konnten sie übersehen. Was haben sie daraufhin unternommen? In seinem kürzlich erschienenen Buch über den„Triumph des Alldeutschtums" gibt Georges Blondel, Professor an der Hochschule für Politik, eine eingehende Schilderung der Saarprobleme. Es ist unsere Pflicht und die Pflicht des Völkerbundes, schreibt er, an der Saar die wirtschaftliche Macht zu behalten, um dieses Gebiet der deutschen Ausbeutung zu entziehen. Wenn sie frei bleibt, wird die Saarbevölkerung es vorziehen, die gegenwärtige Regierung zu behalten, die sie unter die Souveränität des Völkerbundes stellt. Es liegt in ihrem Interesse und nach dem Wortlaut des Vertrages ist es geradezu ihre Pflicht. Aber Deutschland überwacht sie. Es agitiert mit Hilfe einer sehr preußischen Verwaltung. In Berlin gibt es eine Sonderabteilung, die sich mit Saarfragen befaßt. Die Verwaltungskörper warten nur darauf, die Regierungskommission zu ersetzen, die bis zur Volksabstimmung die Verwaltung führt und dem Völkerbund unterstellt ist. Das Reith bedient sich für seine Propaganda der Presse, der Kinos und der Rundfunkübertragungen, ohne Rücksicht auf die Regierungskommission und auf den Völkerbund. Es träumt sogar von mehr und Eccard, hat einen Geheimbefehl eines nationalsozialistischen Führers bekannt gegeben, der anordnet,„eine bewaffnete SA.-Truppe mit einem Gruppenführer bereitzuhalten, wenn eine saarländische Gruppe mobilisiert würde." Während Deutschland handelte, wurde Frankreich durch den Internationalismus, den Briandismus und einen unerhörten pazifistischen Sozialismus eingeschläfert. Unser Kollege vom„Figaro", Sanvoisin, hat gestern ein vielsagendes Dokument zitiert, das einen Auszug aus dem neu herausgekommenen mutigen Werk von Paul Darcy— „Deutschland stets bewaffnet" darstellt. Deutschland hat sich jahrelang große Mühe gegeben, den Glauben zu erwecken, daß es abgerüstet habe. Es gibt sich heute diese Mühe nicht mehr, sondern verkündet seinen Willen, aufzurüsten. Aber am Vorabend der Wahlen von 1932, behauptete es das Gegenteil, um die Linksparteien günstig zu stimmen. General Gröner ließ sich alsdann durch die „Volonte" interviewen und verkündete, daß Deutschland vollkommen abgerüstet habe. Zu diesem Punkte erklärte die Berliner„Sozialistische Arbeiterzeitung", daß die Wahl der Zeitung„Volonte" für diese Propaganda durchaus geeignet wäre, da es sich um ein deutsches Regierungsblatt handle, das schon lange vom Ministerium Stresemann finanziert würde. Das ist die Vergangenheit, und wir haben nicht mehr viel in Bezug auf die Unfähigkeit der Kartellpolitik zu lernen. Worauf es heute ankommt, ist, daß es für die Saarfrage, ebenso wie für so viele andere Fragen, eine französische Regierung gibt, die französisch empfindet. Der Völkerbund muß die Freiheit des Volksentscheids sichern. Frankreich muß den Saarländern das Gefühl geben, daß sie in aller Ruhe das ihnen durch die Verträge zugesicherte Recht ausüben können. Wir zweifeln nicht daran, daß die Regierung darüber eine dem nationalen Interesse entsprechende Meinung vertritt. Aber nach so vielen vorangegangenen Fehlern wird sie viel zu tun haben und muß sich entschlossen zeigen. Die schwache Europas Ii. Journal des Debats: Die Saarbevölkerung hat nach den Satzungen des Friedensvertrags das Recht, zu entscheiden, unter welchem Regime sie leben will. Sie kann ihre Eingliederung nach Frankreich oder nach Deutschland oder das Fortbestehen der gegenwärtigen Regierungsform unter der Kontrolle des Völkerbundes wünschen. Von diesen drei Möglichkeiten hat die dritte die größte Aussicht auf Verwirklichung. Die Volksabstimmung muß vor Juni 1935 stattfinden. Der Völkerbund wird sich in acht Tagen mit den Maßnahmen beschäftigen, die getroffen werden müssen, um die Unabhängigkeit der Abstimmung zu sichern. Deutschland wartete nicht, um Stellung zu nehmen. Es erklärte sich gestern in einem hemmungslosen Angriff. Die Rede des Reichsministers Dr. Göbbels wird diejenigen nichts lehren, die die deutsche Politik, kennen. Sie kann diejenigen etwas lehren, die sie in hartnäckiger Weise noch nicht kennen lernen wollen. Wenn Macdonald und Sir John Simon nicht von einer unheilbaren Parteiischkeit dem Reiche gegenüber besessen wären, wären sie wohl ein wenig erschüttert und entsetzt über die Erklärungen des deutschen Ministers. In herausforderndem Tone verkündet Dr. Göbbels, Deutschland lache über den Völkerbund. Seine Rede verdient einen offiziellen diplomatischen Protest. Europa büßt für seine unglaubliche Schwäche. Es ist noch nicht lange her, daß Deutschland sich beklagte, die internationale Methode sei, ihm Zugeständnisse zu machen, um ein größeres Uebel zu vermeiden. Deutschland nahm das, was man ihm aus Schwäche gewährte. Und am folgenden Tag beklagte es sich mit noch größerer Heftigkeit über etwas An- deres. Wenn es nicht eine vorzeitige Regelung der Saarfrage erreicht hat. so wie es die vorzeitige Räumung des Rhein- landes durchsetzte, so ist das nicht der Fehler der Internationalisten. die zu allen Zugeständnissen bereit waren. Dank dem Dazwischentreten der nationalen Parteien Frank- reichs wurden sie zur Zeit abgebrochen. Diese Methoden der Willfährigkeit, die durch den Internationalismus erdacht wurden, enthüllen sich endlich als das, was sie sind, als unsinnig und gefährlich. Heute sind alle— außer Macdonald— von ihnen abgekommen. Als erste erkannten die Polen die ganze Gefahr, die in dem System unaufhörlicher Zugeständnisse liegt. Als sie energisch den Entschluß faßten, eine Kompanie nach Danzig einzuschiffen, haben sie alles erschreckt, was Europa an kraftlosen Politikern aufzuweisen hat. Die Ereignisse haben ihm Recht gegeben. Und Deutschland ist von jenem Tage an ein wenig mäßiger geworden als vordem Das Reich versucht die ganze Welt in der Saarfrage einzuschüchtern, zunächst den Völkerbund, sodann Frankreich und schließlich die Saarländer selbst. Da die Volksabstimmung nicht zu vermeiden ist, so will es den Erfolg durch Terror erzwingen. Die Saarländer scheinen nicht sehr ergriffen zu sein, und sie haben bei der gestrigen Kundgebung nicht den Eifer bewiesen, den das Reich erwartete. Es sind freie Menschen, die ihren Willen frei zum Ausdruck bringen wollen. Es ist die Pflicht des Völkerbundes und Frankreichs, ihre Unabhängikeit im Augenblick der Abstimmung zu gewährleisten. Und diese Unabhängigkeit wird nur da sein, wenn die Saarländer sicher sind, daß sie sich keinen Repressalien aussetzen und die Ordnung während der Abstimmung durch eine zuverlässige Polizei garantiert wird. Trotz der Einstellung von Sir John Simon, der bei dem Gedanken an eine Intervention der internationalen Mächte entsetzt zu sein schien, gibt es kein anderes Mittel, die Saarbevölkerung gegen das Vorgehen der Hitleranhänger zu schützen. Dieses Problem ist so ernst wie das des Saargebiets selbst. Es ist eine Frage, die wir mit Ruhe und Festigkeit behandeln können. Das Recht ist unbestritten auf Seiten des Völkerbundes und auf Seiten Frankreichs. Deutschland ist nur von dem einen Gedanken erfüllt, die Saarländer zu einer Abstimmung zu seinen Gunsten zu zwingen; wir haben kein anders Ziel als die Freiheit des Plebiszits zu sichern, wie es dem Willen eines Vertrages entspricht, der von allen Nationen unterzeichnet wurde. Die deutsche Tokflh Iii. Journal des Debats: Vorgestern, in Zweibrücken, hat Göbbels in einer Rede, die dazu bestimmt war, diejenigen Saarländer, die sich zum Dritten Reich nicht hingezogen fühlen, ins Bockshorn zu jagen, ausgerufen:„Ein Deutschland hat sich wiedergefunden, das nunmehr Frankreich und dem Völkerbund Widerstand leisten kann. Komme da, was da wolle!" Das ist eine wirkliche Herausforderung, die, wie bereits gestern gesagt, von Amts wegen getadelt werden muß, wenn sie sich nicht wiederholen und verschärfen soll. In jedem Falle, würde der Völkerbund alle seine Pflichten verletzen, wenn er nicht unverzüglich die erforderlichen Maßnahmen ergreifen würde, um zu verhindern, daß diese Herausforderung sich in die Tat umwandelt....... Vielleicht hätte man vorgezogen, sei es in Genf beim Sekretariat des Völkerbunds, sei es in gewissen Hauptstädten, der Frage auszuweichen und noch einmal nach Ausflüchten zu suchen. Ein Schritt des Präsidenten der Regierungskommission des Saargebiets läßt es glücklicherweise nicht zu, eine Vogel-Strauß-Politik zu treiben. In einem Schreiben, das er an Herrn Avenol gerichtet hat und das einen großen Widerhall finden wird, hat Mr. Knox auf die Gefahr hingewiesen, die in jedem Augenblick das Gebiet bedroht, das seine Kollegen und er selbst verpflichtet sind zu regieren. Er erinnert daran, daß bereits vor Jahresfrist die Regierungskommission die Aufmerksamkeit des Völkerbundsrats auf die Unruhe hingelenkt habe, die durch den auf die saarländischen Beamten ausgeübten Druck hervorgerufen wurde. Man hatte die trügerische Hoffnung, daß sich alles wieder einrenken würde, und, wie das üblich ist, wurde nichts unternommen. Wie es vorauszusehen war, haben sich die Hitlerleute diese Fahrläßigkeit zu Nutze gemacht. Sie haben die Polizei erobert und alle Mittel benutzt, um den Saareinwohnern die Idee einzuprägen, daß es den Untergang bedeute, wenn man sich gegen das Dritte Reich wende. Die Regierungskommission beunruhigt sich über die Lage, die sich so entwickelt hat, und es bleibt ihr wohl nichts anderes übrig, als zu erkennen, daß sie unter Umständen einem Handstreich preisgegeben ist. Sie teilt also dem Völkerbund die wachsende Gefahr eines Gewaltstreiches mit, durch den man ein fait accompli schaffen möchte. Wenn sie auch keine Beweise für bestimmte Angriffspläne hat, so geht aus ihrem Schreiben jedoch hervor, daß sie an deren Bestehen glaubt. Aus diesem Grunde wendet sie sich an den Völkerbund, in der Annahme, daß eines der wirksamsten Mittel, um die Ausführung zu verhindern, darin besteht, den Völkerbund, den sie im Saargebiet vertritt, offen über die in dieser Richtung in Umlauf befindlichen Gerüchte zu informieren. Der Rat tritt ausdrücklich in Genf zu dem Zwicke zusammen, um die Bevölkerung gegen jeden Ansturm zu schützen. Es ist erforderlich, im Saargebiet eine Macht einzusetzen, die bis nach der Abstimmung darin verbleiben muß, um die Bevölkerung gegen jeden Ansturm zu schützen und die Freiheit der Abstimmung zu sichern. Diese Macht muß ausreichend sein, um den Einwohnern Vertrauen einzuflößen und um die eventuellen Angreifer in Schach zu halten. Aber solange diese Verfügungen nicht getroffen sind, könnte man die französischen Truppen aus der Umgebung beiziehen, um sofort im Namen des Völkerbundes im Falle eines Gewaltstreichs einzugreifen. Keinerlei gültiger Einwand könnte gegen diese Vorsichtsmaßnahme erhoben werden, die einzig unfehlbar wirksam wäre, denn ein Akt von Banditenwesen erfordert die augenblickliche Intervention der nächsten Gendarmerie, es sei denn, daß man die Absicht habe, dieses Banditenwesen zu ermutigen und ihm die Aussicht auf Erfolg zu geben. Wenn diese Maßnahme ergriffen ist, wird es angebracht sein, das beste System zu finden, das den Saarländern eine vollkommene Abstimmungsfreiheit gewährleistet und die Anwendung des internationalen Rechts sichert. Das Schreiben der Regierungskommission aus Saarbrücken wird zweckmäßig diejenigen aufschrecken, die bisher geschlafen haben und die sich hätten überraschen lassen. Es ist nicht möglich, daß man daraus nicht die»ich ergebende Schlußfolgerung zieht. Die Frelheilsironi spricht Ein Rede Max Brauns im Landesrat In einer Sitzung des saarländischen Landesrats kam es zu einer Hochpolitischen Debatte. Der Führer der saarlän- dischen Freiheitssront, Max Braun, hielt eine grunü- legende Rede zu den Saarproblemen, deren entscheidende Partien wir im Wortlaut abdrucken: Am Montag tritt in Genf der Bölkerbundsrat zusammen, der sich erneut mit der Saarfrage beschäftigen wird. Die Frei- heitsfront des Saargebietes unterbreitet ihm zu seiner Be- ratung folgende Forderungen: 1. Hundertprozentige Garantierung der Freiheit, der Geheimhaltung und der Unbeeinslustbarkeit der Abstimmung und Festsetzung des Abstimmungs- datums, nachdem diese Forderungen erfüllt sind. 2. Vollkommener Schutz von Leben und Eigentum aller Saarbewohner vor, während und nach der Ab- ftimmuug, insbesondere ausreichender Schutz gegen alle Putschgesahr und jeden Gewaltstreich, handele es sich nun um eine sogenannte„Volkserhebung" oder um einen Ein- marsch der braunen Prätorianergarde Hitlers über die Grenze. 8. Schassung realer Garantien für die Zeit nach der Abstimmung, die nicht gegeben werden können durch papierene Verträge, Konventionen, feierliche Erklärungen usw., sondern lediglich durch das Vorhandensein einer tatsächlichen Macht für die Dauer eines mehrjährigen Uebergangsregimes, unbeschadet des Ab- stimmungsergebnisses und der nachherigeu Entscheidung des Völkerbundsrates. Wir geraten mit diesen Forderungen in schärfsten Wider- spruch zu den Ausführungen des Sprechers der sogenannten „deutschen Front". Der Herr Abgeordnete S ch m e l z e r hat selbstverständlich in echt naziotischer Methode sowohl jede Putsch- wie jede Einmarschgefahr wie auch jeden Terror, Boykott und Aechtungs- und Verfemungs- versuch in Abrede gestellt. Herr Schmelzer hat den Herrn Präsidenten Knox der Regierungskommission des Saar- gebietes in ebenso dummer wie unfairer Weise angegriffen und ich schäme mich eines Tones in diesem Hause, der die Vertreter anderer Nationen, die sich in Ausübung eines Völkerbundsauftrages bei uns befinden, in solch unquali- fizierter Weise zu apostrophieren versucht. Wie kommt es» dast die Regierungskommission immer wieder yenötigt ist, zugunsten verschleppter Saarländer beim Reiche zu intervenieren, während das Reich über ein ähnliches Borgeheu der Regierungskommission sich i u keinem einzigen Falle beschweren kann?! Wie kommt es, daß die Regierungskommission immer wieder für antihitlerische Saarländer eingreifen muh, die im„dritten Reiche" auf Grund einer Denunziation verhaftet wurden, während ein umgekehrt gelagerter Bor- gang bisher auch nicht in einem einzige« Falle der Regierungskommission zum Vorwurf gemacht werden konnte?! Wie kommt es. dost Regierungskommission und Völker, bund sich immer wieder über die unverschämteste Ein» Mischung des„dritten Reiches" u"d seiner höchsten Amts- stellen, so des Vizekanzlers von Pape« wie des Propa- gandaleiters Göbbels mit Recht beschweren müssen, während das„dritte Reich" nicht einen einzige» Fall einer ähnlichen Einmischung seitens des Völkerbundes oder der Regierungskommission ausweisen kann?! Aus das schärfste protestieren must ich gegen die unerhörten Ausführungen des Herrn Schmelzer über die Emigranten. Bei der Revolution 1818 gab es nur einen einzigen Emi» grauten und der ging noch freiwillig und nicht ohne seine Millionen mitzunehmen,«ach Holland; aber bei der kommenden totalen Revolution gegen Hitler könnte es manchem Ihrer Gesinnungsfreunden klüger erscheinen, in die Länder der benachbarten„Erb- feinde" auszuweichen, falls sie dazu Zeit und Gelegenheit bekommen. Die„deutsche Front" hat sich heute wieber einmal über mangelnde Pressefreiheit an der Saar beklagt. Sie hat peiu- lichst genau festgestellt, daß insgesamt 35 Zeitungsverbote er- gangen seien, wovon nur 4 oder 5 die antihitlerische Presse betroffen hätten. Aber die Herren übersehen ganz und gar. daß das„dritte Reich" Zeitungen nicht nur vorübergehend verboten, sondern zu Hunderten zerschlagen und ihre Exi- stenz für die Dauer des Regimes vernichtet dat. Allein l«2 sozialdemokratische Zeitungen sind in Hitlerdensschluud zer- stört worden, ihr Vermögen wurde beschlagnahmt, hre Re- dakteure und Geschäftsführer entweder erschlagen,„auf der Flucht" erschossen, in Schutzhaft und Konzentrationslagern auks giausamste gequält oder aber in die tsMigration ge- lagt. Dazu kommen mindestens an die 50 kommunistisch? Zeitungen und eine R-ib?»m Ientrumsblättern. die mau auf„kaltem" Wege erledigt hat. Herr Schmelzer hat sich gegen angebliche Aeusterungen des Generaldirektors der Saargruben, des Herrn Guilleaume, gewandt, die für die Zeit nach einer eventuellen Abstimmung für Hitler Erschwerungen von französischer Seite in Aussicht stellen sollen. Ich kenne diese Aeusterungen nicht und Herr Schmelzer ist für mich nicht der geeignete Interpret, aber soviel glaube ich doch feststellen zu dürfen: Wenn die franzöfischen Unternehmer an der Saar mii den gleichen terroristischen Methoden vorgingen, wie die hitlerdeutschen, und wenn der Völkerbund und Frankreich in der gleichen Art und Weise Politik an der Saar machte», wie ihr Mitbewerber Hitlerdeutschland—: dann wäre die Saarfrage bereits gegen Hitler endgültig entschieden! lSehr richtig! links.) Es unterliegt für jeden Einsichtigen kaum noch einem Zweifel, dast das augenblickliche System des„dritten Reiches" unser Vaterland in die Katastrophe, in das Chaos, vielleicht sogar in den Untergang führen wird. Und wenn es uus nicht gelingt, ihm rechtzeitig in den Arm zu fallen, wird uach einem neuen Kriege die Zerstückelung Deutschlands und das Ende des Reiches gekommen sei«. Wer Deutschland mehr liebt, als seine braunen Despoten, wem das deutsche Volk mehr am Herzen liegt, als seine kultur- schändenden Bergewaltiger, wem die Nation höher steht, als Hitler— der must um der Rettung Deutschlands willen unserer Parole zustimmen: Alles für Deutschland- aber auch alles gegen Hitler! (Starker Beifall links.; Der Mord am Sdriagetertog Eine Borbarengesdildife aus dem„dritten Reich" Man schreibt uns aus dem Reiche: «ic brachten früher sNr. 152/103S) eine Darstellung de? Mordes an dem Duisburger Maler und Journalisten Hans G. T. Vroh m a n n. Ihr Berichterstatter war nicht genau unterrichtet, Zum Jahrestag wäre eine Berichtigung am Platze, nicht nur, um dem Ermordeten ei« Gedenken zu widmen, sondern auch, um die Methoden der Meuchelmörder aus de» sogenannten„gebildeten" Kreisen zu kennzeichnen. Grohmann, anfangs der dreißiger Jahre, befand sich eigentlich nur zu Besuch in seiner Heimatstadt. Er war das Glück seiner verwitiveten VOjährigcn Mutter, die er ver- göttcrte.«ein einziger Bruder fiel 1014 im Kriege als Leutnant, auch Hans Grohmann war Reserve-Onizier.«eine Mutter hatte eine sehr bescheidene Rente. vermietete möblierte Limmer und war in einer Wohliahrtsstellc zeitweise tätig. „Hagro", wie er sich als Zeichner nannte, war künstlerisch überaus begabt, in vielen Zeitungen erschienen früher seine eindrucksvollen Porträt-Skizzen usw., seine Fotos, besonders aus dem nahen Orient, wurden von staatlichen Propaganda- stellen benutzt, seine Rcklamezeichnungen waren immer von bestem Geschmack und tünstlcrischem Wert. Manche kennen ihn sogar aus dem Film, ohne es zu wissen. Im„Mann, der den Mord beging" sieht man nämlich in den am Bos- poms spielenden Szenen nicht Eonrad Beldt,— sondern den schlanken, blonden Arier Grohmann als seinen„Double". Türkische und armenische Zeitungen haben Artikel von ihm gebracht niit Skizzen und Fotos seiner Lieblingsstadt «tambul.— Wahrend der Inflation betrieb er in Duisburg einen Buch- und Kunstladen: da die valutastarken Besatzungsoisi- ziere immer Anlage für ihre Gelder suchten, gehörten diese zu seinen besten Kunden. Hagro wurde— völlig zu unrecht— wegen dieser Freunde verdächtigt,„Separatist" zu sein: er war allenfalls politisch bei der Deutsche» Bolkspartei zu Hause,— aber so wenig politisch interessiert, daß er m. W. keiner Partei angehörte. Mit dem sranzösischen Leutnant Pantaloni iieine Adresse konnte ich leider nicht ermitteln, — vielleicht gelangt dieses Blatt au ihn!), der selbst Kunst- Händler und«aminler von Beruf war, verband Ihn besondere Freundschaft. Am Frühjahr 1988 wurde er in der Essener„National- Zeitung" wegen dieses vor Ist Jahren— 1928— gepflegten Verkehrs angepöbelt und in der diesem Blatt eigenen Weise als Verräter an den Pranger gestellt, die guten„Deutschen" zur Rache an diesem Separatisten aufgefordert. Hagro begab sich sofort nach Essen zum Redakteur Graf v. Schwerin, der ihn persönlich kannte: es wurde ihm znge- standen, daß man sich geirrt haben könnte, aber— eine Be- richttgung oder ein Widerruf der Mordaniforderung wurde nicht gebracht. lTaarländer: Selbst wenn G. des Separatismus verdächtig gewesen iväre— es gab die bekannte Am- nestie und das vor Rheinlandräumung feierlich gegebene Versprechen der Nichtverfolgung! Ihr werdet das bei Rän- n ing des Saargebietes»och kennen lernen, wie man im Hitlcrreich„Ehrenwort" hält!)— Nach Erscheinen dieses Hctzartikels haben alle gute Freunde geraten, Hagro möchte sich zurück nach«tambul begeben: er betonte, er habe nichts Unrechtes jenials getan und habe nichts zu befürchten. Zu- dem könne er in dielen schweren Zeiten seine Mutter nicht allein lassen.— Dabei hatte er eine von einer rumänischen Berkehrs-Propaganbastette ausgestellte Freiiahrkartc bis Bukarest in der Tasche,— er sollte LandschaftS-FotoS und Zeichnungen der rumänischen Bäder liefern.— Er lebte sorg- los. glücklich, bei seiner Mutter sein zu können, von der er jahrelang fern gewesen war. Abends ordnete er seine Reise- schätze ans dem Orient: Porzellan. Emails. Vrookate, Fotos, Miniaturen und Bücher.— oder fast in seiner umfangreichen Bibliothek vergraben. Er war so soralos, das, er, allen War- nungcn zum Trotz, in recht ausfälliger Kleidung lhellen Kamelhaarmantel, Persianerpelzmütze,— wie aus dem Balkan gewohnt) herumlief. Dies mußte zur Charakteristik des CpierS vorausgeschickt werden: zu betonen: Grohmann ivar Arier reinster Rasse, aus fromm protestantischem Hause. Am Dienstag, dem SS. Mai IV8S, erschien bei Hagro ein Herr, der angab. Reklamcentwürse für I. G. Farben mit ihm besprechen zn müssen. Erfreut über einen solchen Aus- trag, geriet G. sehr eingehend ins Gespräch, so daß die Mutter G. bat, den Herrn zum Mittagessen einzuladen und, solange sie mit der Zubereitung beschäftigt sei, spazieren zu gehen. Die Mutter bat ihre»«ohn nie wieder gesehen: der Rtklamcfachmann war ostenbar ei» Spitzel, er blieb seither unauffindbar.— G. begab sich also mit seinem Gast in die Stadt, wurde im Thcaterviertcl von Nazis liberiallen, die mit Stöcken auf ihn einschlugen: einer schrie:„Haut den Separatisten kaputt!"— Bei dieser Schlägerei wurde G. von seinem mnstischen Auftraggeber und eingeladenen Mittags- gast getrennt. G. flüchtete in das Restaurant zum„Stapelhaus". Ter Wirt alarmierte die Schnellhilie, diese kam und brachte G. ver Auto in Tchntzhast in das Polizeigeiängnis an der Düsseldorfer Straße. Der legalen Polizei kann offen- bar in dieser Sache kein Vorwurf gemacht werden, es war eine Hast zum Schutze des Bedrohten. Auch G-ö Bitte, seine Mutter telefonisch von seinem Verbleib zn benachrichtigen, wurde erfüllt. Am nächsten Tage, Mittwoch— Besuchstag der Polizeiaekangenen—, erschien Frau G„ um ihren Tobn zu sesten. Es wurde ihr, den Bestimmungen gemäß, geant- ivortet, daß innerhalb der ersten drei Haiuage Besuch nicht gestattet werden dürfe, sie möchte am Samstag wieder- kommen: ihrem Sohn ginge es gut.—. Am Samstag, dem 27. Mai, erhielt Frau Grohmann im Präsidium ordnungs- müßig die Besuchserlaubnis. Am Gefängnis wnrde ihr gesagt— ihr Sohn sei doch bereits gestern, Freitag, entlassen, da nichts gegen ihn vorliege! Erschrocken irrte die alte Frau von Büro zn Büro, die gestrige Entlassung konnte ihr nur bestätigt werden, über Hans Verbleib konnte sie keine Auskunst erlangen, sie möchte mal bei der SA. nachfragen. Und dort wurde der zitternden Mutter, der man das letzte, den einzig vom Krieg »erschonten Sohn genommen hatte, dann gesagt, ihr Sohn hätte im Walde Selbstmord verübt und sei wohl im Leichen- schauhauS zu finden. Was war geschehen? Hagro war in der Tat am Freitag, 2S. Mai, nachmittags ordnungsmäßig aus der Hast entlassen morden. Vor dem Polizcigcsängnis ivurdc er von 4 ihm per- sönlich bekannten Duisburger Bllrgerssöhnen erwartet, die ihm erklärten, tn Duisburg sei er vor Wiederholung der Ueberfälle nicht sicher, er müsse sofort iveg. am besten zunächst nach dem nur SO Kilometer entfernten Düsseldorf, und ohne vorher zu seiner Mutter nach Hause zu gehen.— Woher wußten diele vier von der EntHaftung? Standen sie mit der amtlichen Polizei unter einer Decke? Wir nehmen dies nicht an: viel wahrscheinlicher ist die Ent» Haftung ans Veranlassung der SS. bzw. der Gestapo er- folgt, und diese hat dann die Leute hingeschickt, um Hagro abzufassen. Die„Freunde" erklärten sich bereit. G. sofort hinzufahren, offenbar ist er sogar freiwillig mit ihnen in daS Auto ge- stiegen. Nach anderer Version habe G. Verrat gewittert und sich geweigert,— die später an der Leiche festgestellte Schlag- beule am Hinterkopf sei die Folge eines Bctäubungs- Hiebes. Das ist immerhin möglich, aber Zeugen dieses Vor- kaltes haben sich jedenfalls nicht gemeldet. Ter Play vor dem Gefängnis ist meist sehr belebt, außerdem gehen wohl hundert oder mehr Fenster des Präsidiums darauf hinaus. Die Morbbande fuhr jcdensalls mit ihrem Opier in Richtung Düsseldorf davon, bog auf halbem Wege ab in den Caleumer Wald, ungefähr zu der Stelle, wo anno 1923 Schlauster seine Brückensprengung ausführte und wo am gleichen-rage, dem zehnten Jahrestage der Erschießung«chlageters, ein Gc- denkstein eingeweiht ivurdc. lDer Mordtag war der Tag der großen Nationalen Tchlageterfeier in der unweit ge- legcnen Golzheimer Heide am Schlageter-Kreuz!) Auto- straften und Wald waren sehr belebt. G. wurde gezwungen, seinen hilfsbereiten Entführern in den Wald.in folgen. Dort wurde ihm sein Schicksal klar, wahrscheinlich sogar in brutalster Weise angekündigt! Denn ein Fvrstbeamter traf die fünf Männer, wurde auf- merksam durch Grohmanns Erregung, der immerfort wieder- holte:„Ich unterschreibe nicht— ich habe nichts damit zu tun!" Auf des Försters Frage, was hier vorgehe, legitimierte sich einer der„Herren" mit irgendeinem Ausweis, vielleicht der Gestapo, und erklärte. cS handle sich um eine reine Privatsache, die ihn. den Förster, nichts anginge. Offen- bar verlangte man von G., er solle selbst seine Ermordung legalisieren durch ein Bekenntnis, Zchlagetcr verraten zu haben. lDer Verrat und seine Umstände liegen aktenmäßig fest, er erfolgte durch Prostituierte, die von den Franzosen gedungen waren,«chlagctcr geacu Bezahlung zu ködern. G. hat mit der Sache, wie überflüsstgerweisc betont werden soll, nichts zu tun. er wohnte in. W. zn jener Zeit überhaupt nicht im besetzten Gebiet, sondern in Berlin.» Ter Förster ging also weiter,— wenige Sekunden später hörte er vier Schüsse, er eilte zurück,— G. lag röchelnd in den letzten Zügen, die Täter waren schon in ihr Auto geeilt und davongerast.— Dies ist der Sachverhalt, wie er von GrohmannS zahlreichen Freunden, die einen ihrer besten Kameraden betrauern und mit ihm zusammen dem Deutschen O f s i z i e r s b u n d angehörten, nach besten Kräften und bestem Wissen geklärt wurde.— Daß es sich um ein„Sühne-Opfer" für Schlag- eter handelt, ist klar: der„Frauzosensrcund" Grohmann war dazu anserschcn und von den Nazis wie ein Stück Schlacht- viel, bis zum„großen nationalen Trauertag" eingesperrt worden, nachdem man ihn einige Tage vorher eingesaugt» hatte. Es dürste aber in das Reich der Fabel gehören lsiche Braunbuch!), daß die Täter einen Zettel mit ent» sprechendem Hinweis bei sich hatten und an der Leiche bc- festigt haben. Zuzutrauen wäre es diesen Rittern von deutscher Seele,— wir konnten aber keine Bestätigung hier- für finden. Woher das Brauubuch diese Angaben bat, ist uns unbekannt.— Soweit ermittelt, hatte G. keinerlei Papiere bei sich, der Förster alarmierte telefonisch die Polizei, dieie lieft den Leichnam in die Leichenhalle schassen.— Tie Be- erdigung aus dem städtischen Friedhof zu Duisburg fand am Mittwoch, 31. Mai. statt.— Eine Todesanzeige durfte die dem Irrsinn nahe Mutter erst hinterher erscheinen lassen. „Plötzlich und unerwartet...". Wir Kameraden haben, da wir kein nutzloses Opfer brin- gen wollten,— nicht ans Feigheit— an Hagros letztem Weg nicht teilgenommen. Wie recht wir daran taten: Die Beerdigung wurde von der Gestapo überwacht,— beim Verlassen des Friedhofes wurden— soweit dies sich ans der Ferne feststellen ließ— zwei von auswärts gekommene, uns unbekannte Leute verhastet. GrohmannS durchaus arischer, zum Teil schon gleichgeschal- tetcr Freundeskreis ruhte nicht. Die Namen der Täter ivur- den in wenigen Tagen festgestellt, auch Auto und Antonum- wer. Die Polizei besitzt ein nmfangrcichcs Aktenstück dar- über, auch die Staatsanwaltschaft. Beide erklärten, der An- zeige nicht nachgeben zn dürfen! Gibt es etwas Gemeineres, als einen unschuldigen Menschen, dazu einen Idealisten und Künstler, zu viert planmäßig zur festgesetzten Stunde anfzu- lauern, ihn unter Beteuerung eines FrenndschaUsoi'nstcs, mit dem geladenen Browning in der Tasche, in den Wald zu locken und dort meuchlings über den Hausen zu schieben? Einer der Mittäter war trotz der Unisorm noch Mensch „zuviel", er war sei« dem Morde innerlich krank, hat-- entgegen strengem Befehl— davon gesprochen, nnd dann (angeblich!) anfangs Augnst an ungeiä'hr gleicher Stelle mit gleichem Revolver sein Leben beendet; er hieß Walter Stein. Immerhin nicht ausgeschlossen, daft die von ihm verratenen Mittäter diesen„Freitod" inszenierten.— Die Namen der beiden anderen sollen Gr bessere Taae der Geschichte bewahrt bleiben: Der Kunstmaler«ch. aus Duisburg, ein Schmierer und Nichtskönner, der seinen Schulkameraden, und erfolgreichen Kollegen Grohmanu stets mit Neid betrachtete,«ch.'s Ileberredung ist es ivobl auch gelungen, den seit Jahren mit ihm gut bekannten Kollegen Hagro zur Automobilfabrt zn bewegen. Mit der Mordabsickst im Hirn nnd dem Brow- ning In der Tasche. Sch. bekleidet— der Polizei nnd der Staatsanwaltschaft sofort nach der Tat als Mörder genannt — heute einen dicken Posten in der SS.— Ter dritte im Bunde war ein Jüngling aus der Duisburger Haute-volce, ein kaum der Schule entwachsener Bursche, in Grohmanns Nachbarschait wohnend, und auch mit ihm bekannt, namens H.,— ein Produkt seiner nationalen Erziehung fromm-pie- tistischcr Eltern. Sein Name soll als der eines gemeine» Meuchelmörders in alle Kreisen dringen, aus daft er nicht vergessen werde.— Der Name deS vierteil der Mörderbande ist ebenfalls be- kannt, soll aber aus bestimmten Gründen heute auch nicht andeutungsweise genannt werden. Hagro. Blutige llaifeler in Bremen Saalsdiiachf zwischen Stahlhelm nnd SA.- Kampf zwischen SA. nnd Polizei- Ansiander niedergeschlagen Mau schreibt uns aus Bremen: Am 1. Mai, bei einer Veranstaltung zum Fest der deut- scheu Arbeit, die in den Zentralhallen, den größten Täten der Stadl Bremen stattfand, kam eS zu schweren Schlägereien zwischen Stahlhelmen!, ehemaligen Jnngdo- und Werwols» leuten gegen die zahlreich anwesende SA. und SS. Tie Ein- richtnng des Lokals ging vollständig in Trümmer: kein Stuhl und kein Glas blieben ganz. Ursache des blutigen Zn- sammenstoßes war der wieder eingetretene bessere Kontakt unter den Stahlhelmern und den mit ihnen befreundeten Werwö'.sen nnd Jungdomannen. Ueberhebliches Gebahren der Nazis fand an dem Abend eine sehr selbstbewußte Zn- rückweiiung durch die Stahlhelmer nnd ihre Freunde. Die Nazis, in ihrem Größenwahn beleidigt, glaubten hemmungs- los ihre Wut durch einen Sturm aus die feindliche« Brüder austoben zn können, hatten aber einen mannhaften Wider- stand nicht erwartet. Es entstand eine regelrechte«aal- schlacht, bei der es ans beiden Seiten viel blutige Köpfe gab. Ein Augenzeuge berichtet unS, der«aal erinnerte an die zahlreichen Kampsstätten, aus denen in den letzten Jahren vor dem Naziregime so mgnchmal die disziplinierten Marri» sten den braunen Bandalen entgegentreten mußten. Vom Uebersallkommando der herbeigerufenen Polizei wurden 30 Personen insgesamt verhastet. Der größere Teil davon waren«A.-Leute, die auf dem Polizeiwagen die Fahrt in das Polizeigeiängnis machen mußten. Damit war lür Vre- wen aber erst zu einem Teil einem großen Publikum die „unerschiitterte Einigkeit aller denischen Volksgenossen" beut- lich gemacht. Ein Engländer niedergeschlagen Alle Festredner Haben am Tage der Arbeit mit drohenden Reden die große Agitationskampagne der NSDAP, gegen die vielen Miesmacher und Nörgler eingeleitet. Eine um- fassende Agitation ist nach einem Jahre schlimmster Miß- erfolge des Systems der Sklavenhalter wahrlich nötig. Der brutale Terror gehört aber zur Naziagitation auch noch im „dritten Reich", wie der zweite blutige Z u s a m- w e n st o ft am Montag in Bremen beweist. Aus der Straße Buntentorsteiinveg ergriffen TA.-Leute einen Pas- sauten, der sich um ihre provozierenden Heil-Hitler-Rule nicht bekümmerte. Wegen seiner Nichtachtung gegen den Blntknnzler wurde der Mann, ein Engländer, niedergeichla- gen nnd dabei furchtbar zugerichtet. Die Nazis batten sich in ihrem«chläqereifer natürlich nicht um die Nationalität ihres Opfer» bekümmert. Das Opier aber verlangte von einer Ttraßenpatrouille der Polizei die Festnahme der Lands- knechte. Darauf flüchtete» die braune,, Gangster in das in der Strafte Buntentorfteinweg gelegene Parteihans der NSDAP. Da es sich um eine» schweren Terrorsall gegen eine» Ausländer handelte, verinchten die Beamten die Täter aus dem braunen Hause heraus zu verhaften. Hier aber ian- den sie de» bewaffneten und rücksichtslosen Widerstand der starken SA.-Wache, die den Beamten unter anderem erklärte, sich zum Teufel zu scheren. Für«A.-Leute und im braunen Hause sei keine Polizei, allein die SA. selbst zuständig. Die Beamten erwiderten:„DaS werden wir euch gleich beweisen". Das alarmierte Ileberfallkommando erschien sehr schnell mit drei Wagen nnd drang unter Gewaltanwendung in das versperrte Parteibaus der Nazis ein. Ter entgegengesetzte Widerstand der EA.-Warhe und einiger anwesenoer Nazi- führer wurde durch die Polizei rücksichtslos niedergeschlagen. Jeder einzelne SA.-Man» bekam eine ganz gehörige Ab- reibung, so daß mehrere Festgenossen deS braunen MaitageS in das Krankenhaus, alle anderen Anwesenden im braunen Hause aber durch die Polizei In Gewabrkam gebracht wur- den Bon der Polizei wurde das Parteihaus dann besetzt, Wache vor das Haus gestellt und vorläufig jeder Zutritt ver- boten. Die Wache war noch am Morgen des 3. Mai zu sehen In der Straße wurde abgesperrt, um Ansammlungen und Demonstrationen gegen die Polizei zu verhindern. Selbst die Haltestelle der Straßenbahn vor dem Hause wurde verlegt, die Wagen ninftten schnell durchfahren, damit daS Vordringen zum braunen Hanse unmöglich wnrde. In Bremen und darüber hinaus hat die Bevölkerung, besonders die sozialistische Arbeiterschaft„den harmonische» Verlaus der braunen Maifeier" zur KeuntiuS genommen. Wir sind sicher, beim Fortschreiten der Entwicklung auf ollen Gebieten des täglichen Lebens im„dritten Reich" wird eS noch häniig zu solchen Schlachten kommen. Um die große Wut gegen die Polizei etwas zu kühlen, und sich dadurch mit den Verbrechen ihrer Söldner zu solidarisieren, bat die SA.- Leitung für Bremen das Verbot des Grüßens der Polizei erlassen. Wenn freche Burschen Prügel bekommen, stecken sie eben die Zunge heraus. Wie lauge ivird es dauern und die Nazisllhrer sagen allgemein mit dem alten Goethe aus ihrer Maiseierplakette: O Herr, die Not ist groß; die Geister, die ich rief, nun iverd' ich sie nicht los. n Es lebe der rote 1. Plal" Die Illegalen im Ruhrgebiet Man schreibt nnS au? dem Industriegebiet: Der 1. Mai ist in den Städten des Industriegebiets an der Ruhr nicht ohne tapfere Manifestationen der Illegalen gegen das faschistische Snstem vorübergegangen. In Essen nnd Bororten waren zahlreiche Häuser und auch Bürger- steige mir der Parole„Es lebe der rote Mai" beschriftet. An den Stempelstellen und in den Betrieben ist tagelang vor dem 1. Mai über die politischen und wirtschaftlichen Ergeb- nisse deS ersten Hitlerjastres diskutiert worden. Auch TA.- Leute erklärten vielfach ihren starken Unmut gegen die sat- ten Nazibonzen, die sich trotz größter VokkSnot mit den vielen Abzügen vom kargen Lohn wie Kriegsgewinnler und Jnslationsschieber gebärden. Zahlreiche kleine Gruppen man- Herten am 1. Mai in die Wälder, wo sie mit Gelöbnissen für die sozialistische Revolution den Weltseiertag beginnen. Von der Polizei wurden 40 Verhaftungen vorgenommen, aber bis ans einige Personen, nur kurze Zeit ausrecht erhalten. Eifersucht und Poiiflh O, Deutschland... h. b. In Mannheim hat sich ein tragischer Fast abgespielt, der«tnem aufrechten jungen Mensch?» vermutlich die ganze Laufbahn zerstört bar. Der 22sährige Willi G., ein junger Student und ehemaliger Reichsbannermann, hielt gute Freundschaft mit einem Nachbarmädchen, die gleichzeitig in freundschaftlichem Verkehr mit einem Nationalsozialisten stand. Dieses sunge Mädchen erhielt eine? Tage; einen Brief aus Oesterreich, in welchem ihr dort wohnender Onkel allerlei Fragen über die Verhältnisse in Deutschland stellte. Da das junge Mädchen angeblich nicht in der Lage war. diese Fragen zu beantworten, bat sie ihren Freund Willi G., ihr eine Antwort zu entwerfen, was dieser auch tat. Den Entwurf dieser Antwort zeigte nun aber das junge Mädchen ihrem nationalsozialistischen Freunde, der»ofort Anzeige erstattete. G. wurde verhaftet und hatte sich jetzt vor dem Mannheimer Sonbergericht zu verantworten, das ihn, trotzdem der Brief nicht abgeschickt worden ist, zu zehn Monaten Gefängnis verurteilte. Der Fall ist um so tragischer, weil es sich bei w. um einen allgemein beliebten, strebsamen jungen Mann handelt, der nach einem Semester sein Studium an der Ingenieurschule hätte beenden können. Er wurde das Opfer einer glatte» Denunziation, wenn nicht eines geplanten Verrats. 9e«(srächt. Sie war bereits längere Zeit vorher angekündigt n (i nem Massensprospekt, der in allen größeren Restauranis a"sgclegt und verteilt wurde. Diese Sondernummer ist dem Zweck gewidmet, zu beweisen, daß das jüdische Volk insgesamt als ein Mörder- tt'U k 1,1 betrachten sei. Auf der Titelseite steht über einem uil. auf dem zwei Juden in einer Schale das Blut zahlreicher °pfüber in den Wolken hängender Kinderleichen auffangen. "J fetten roten Lettern die Lieberschrift:„Jüdischer Mord- plan gegen die nichtjüdische Menschheit aufgedeckt". Die ganze Nummer enthält nichts anderes als die endlose ^ iederholung des abgestandenen Märchens vom jüdischen nitualmord in den verschiedenen Formen, in denen diese Greuellegende in der Geschichte der Justizmorde und Reli- 8>onsVerfolgungen aufgetreten ist. Herr Streicher gibt gewissermaßen einen Katalog aller geschichtlichen Fälle, bei denen die scheußliche Bezichtigung, die bekanntlich auch gegen die ersten Christen und später gegen zahlreiche guostische Sekten und Ketyergemeinden erhoben worden ist, v om 2. Jahrhundert bis zur Gegenwart den Juden gegenüber 2 ur Anwendung kam. Sogar ein katholischer Märtyrerknabe, der heilige Simon von Trient, der mir bisher nicht bekannt war, muß als Opfer der Juden herhalten. Das Grauenhafteste der Aufzählung dieser Anschuldigungen und Prozesse, die teilweise, ob nun die Angeklagten unter dem Einfluß der Foltermittel geständig waren oder n'chl, Ursache und Vorwand grausamster Judenverfolgungen Waren, ist nicht die ekelerregende Ausführlichkeit der angeblichen Tatbeschieibungen. Auch nicht die geradezu anstößigen Bilder, in deren Auswahl der Herausgeber, der in noch gezähmtem Zustand von Beruf Jugenderzieher war, »eine schöne Seele entblößt. Sondern die unerhörte Verantwortungslosigkeit, mit der alle diese teilweise Jahrhunderte zurückliegenden Haßäußerungen als bewiesene Tatsachen hingestellt werden. Damit soll die kritiklose Masse der Halbgebildeten, die alles Gedruckte, schon weil es überhaupt gedruckt werden konnte, als wahr oder immerhin möglich auffassen, mit Impulsen von Haß und Rachsucht geladen werden. Diese Druckschrift, die sich seihst ob ihres tapferen Mutes faustdick belobt, ist die gewissenloseste und verheßendste Beleidigung, die je gegen einen ganzen Volksstamm geschleudert wurde. Daß dessen Angehörige zudem, soweit sie iu den Grenzen Deutschlands leben, wehrlos den Folgen des damit neu angefachten Rassenhasses ausgeliefert sind, macht die Lache noch peinlicher und widerwärtiger. Wir stehen hier vor einem beschämenden Dokument des Tiefstands unserer Kultur. Denu daß es überhaupt möglich ist, eine geistige Errungenschaft wie den Buchdruck, welche Licht, Klarheit und Freude der Menschheit zu schenken berufen wäre, so schamlos und ausschließlich in den Dienst finstersten Hasses zu stellen, ist eine Angelegenheit, die nicht nur Deutschland, das Land Leasings, Goethes und Schillers angeht, sondern unsre ganze christlich-abendländische Gedanken- und Willenswelt, denn sie beweist, wie wenig es uns gelungen ist, über die Bewältigung der Naturkräfte hinaus zu einer ordnenden Beherrschung der Kräfte der Seele zu dringen. Bei den zahlreichen evangelischen Bischofsweihen, die gegenwärtig in deutschen Landen stattfinden, wird immer wieder auf die Werte des Nationalsozialismus für das christliche Empfinden und Erleben Bezug genommen. Der Landes- bischof Dietrich hat in seiner Einsetzungspredigt zu Wiesbaden von dem Weg zu einem neuen Ostern gesprochen, den Hitler gewiesen habe. Und der neue Bischof Kessel iu Königsberg verkündete sogar, der Nationalsozialismus sei In seiner idealen Form nichts anderes als Gestalt gewordenes Christentum. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, im„Stürmer" der Herrn Streicher habe es noch nicht ganz Gestalt gewonnen. Dec Jühcec und die Rasse Im neuen Reich darf niemand mehr Unreinen Nachwuchs zeugen. Genordet Volk tritt ans Gewehr, Um nach dem Feind zu äugen. Der Führer hält auf Rassezucht Und hütet sich vor Kindern, Um nicht durch solche Hitlerfrucht Den Volkswert zu vermindern. Zu deutlich zeigt sein Konterfei Den Tiefstand seiner Rasse, Als daß er sehr begeistert sei Von seiner Sonderklasse. Es ist sein dümmstes Streben nicht, Den Vatertrieb zu bannen. Wie peinlich wäre doch die Pflicht, Den Osaf zu entmannen. H... Rund um harne Jiunst „Kritik" In dem einst angesehenen Blatt„Die Kunst"(Nr. 8) wird die Ausstellung„Der nordische Mensch in der Kunst" einfach so rezensiert, daß die ausstellenden Künstler einfach aufgezählt werden. Der Aufzählung fügt der Rezensent hinzu;„Rassentheoretisch möchte ich feststellen, daß von den hier ausgestellten 23 verstorbenen Künstlern S ein Alter zwischen 70 und 80, und 5 zwischen 80 und 90 Jahren erreicht haben; von den 25 Lebenden sind 2 zwischen 80 und 90, 4 zwischen 70 und 80 und 6 schon weit über 60 Jahre alt. Zähes Land, zähes Leben, gesundes Alter." JCampf- um Qustau cKactunq £in Angriff auf die Jiunst mied abgeschlagen Aus Bern wird uns von seltsamen Dingen geschrieben, die »ich hinter den Kulissen des Stadl-Theaters abspielen. Zwei Tatsachen muß man sieh zum besseren Verständnis der ganzen Angelegenheit ins Gedächtnis zurückrufen: Das neue Preßgesetz der Schweiz und die Abdankung des Berner Theaterleiters Lustig-Prean. Das Letztere stellte den Berner Theaterausschuß vor die Frage nach der Wahl eines Nachfolgers. 200 Bewerbungen sind eingelaufen. Es war keine Kleinigkeit, unter der Masse guter und bekannter Namen den richtigen herauszufinden. Nur eine Schwierigkeit bestand dabei, unter den wirklich Bekannten befand sich kein einziger Schweizer, der schweizerische Schriftstellerverein aber drang mit allen Mitteln darauf, daß der neue Beherrscher des Berner Theaters unbedingt mit der schweizerischen Staatsangehörigkeit geziert sein müsse. Es steht nun aber fest, daß die Wahl auf Gustav Härtung fallen wird. Alles kann man von Härtung behaupten, daß er aber„urchiger" Schweizer sei— mit dem besten Willen nicht. Nachdem nun die bevorstehende Wahl dieses um die Kunst mehr als um materiellen Erfolg seiner Theater verdienten Mannes bekannt geworden ist, ist etwas außerordentlich Merkwürdiges, in der Geschichte der Kunst mit Ausnahme der jetzt in Deutschland beliebten Art der Behandlung„künstlerischer" Fragen— wohl einzigartig Dastehendes passiert. Die Fremdenpolizei in Bern hat nämlich erklärt, sie werde einem Theaterleiter, der nicht das Schweizer Bürgerrecht besitze, keinesfalls die Aufenthaltsgenehmigung erteilen! Auf wessen Betreiben die sonst in künstlerischen Dingen sehr gleichgültige Polizei zu dieser Stellungnahme kommt, weiß man nicht, man munkelt jedoch, daß der Schweizer Schriftstellerverein, dessen Vorsitzender Moeschlin vor nicht allzu langer Zeit den Anschluß an den Reichsverband des deutschen Schrifttums gesucht und gefunden hat, hier seine Hand im Spiele haben soll. Man kan» begreifen, daß ein Verein, der e» sich zum Ziele gesteckt bat, seine Mitglieder auf schriftstellerischem Gebiete nach Möglichkeit zu fördern, mit starken Mitteln daraufhin arbeitet, jede nur mögliche Position für sich und die seinen zu gewinnen. Unbegreiflich bleibt es, wenn sich der Verband, der die Wahrung der Kunst auf seine Fahnen geschrieben hat, hinter die staatliche Polizei steckt, um eluen lästigen Nebenbuhler auszuschalten. Vielleicht hat der Schweizer Verband gar nicht die Absicht gehabt, die Polizei zu bemühen, jedenfalls aber ist er dennoch die treibende Kraft, die zu diesem Schritt der Fremdenpolizei geführt hat. Geistige Argumente waren es bestimmt nicht, die hier gewirkt haben. Et ist ein Glück für die Schweiz, daß die Herren, die über das Berner Theater zu bestimmen haben, nicht so schüchtern sind wie ihre Kollegen in Deutschland. Man hat nämlich der Fremdenpolizei rundheraus erklärt, daß entweder das Berner Theater glatt geschlossen oder aber— unter Härtung» Leitung gestellt werden würde. Um jedoch die erhitzten Gemüter zu beruhigen, sei man bereit, den schweizerischen Dramatiker von Ar* dem neuen Direktor als Dramaturgen beizuordnen. Uns geht es nicht um Härtung oder sonst einen bestimmten Mann. Uns geht es nicht darum, ob ein Schweizer oder ein Pole oder ein Mann irgendeiner anderen Nationalität Direktor eines Theaters in Bern wird. Uns geht es darum, daß in jedem Laude endlich einmal klar und eindeutig festgestellt wird, daß Polizei und Kunst nichts, aber auch gar nicht« miteinander zu tun haben; daß. wenn seiton die Politik die Menschen fesselt, wenigstens die Kunst frei bleibt. Wir sehen in den Maßnahmen der Polizei eine große, sehr große Gefahr, die blitzartig die Lage erhellt, in die die Schweiz zu geraten droht, wenn sie sich nicht von dem verheerenden Einflüsse des deutschen Nachbarlandes befreit. Denn wo die Kunst Menschen erschlagen. in Fesseln liegt, sind schon die A. O. Salut Jiitlez Stimmungsbild aus einer deutschen Schule Aua einem Brief einer Untertertianerin einet Berliner Oberlyzeumt vom 21. Dezember 1933: „Neulich wäre beinahe unsere ganze Klasse aus der Schule geflogen. Das kam so: Frl. A.(die französische Lehrerin) kommt dort immer in die Klasse und sagt, während sie uns den deutschen Gruß erweist: Salut Hitler. Darüber haben wir uns auf dem Hof unterhalten und das ist ihr wohl zu Ohren gekommen oder wieder erzählt worden. Wutschnaubend kam sie in der nächsten Stunde zu uns hereingestürzt:„Solcher Klasse erweise ich den Gruß nicht mehr, schrie ate.„Ich will wissen, wer öffentlich(!) über meinen Grub gesprochen hat." Darauf steht die ganze Klasse auf und wir sagen, wir fänden das au wenig deutsch. Nun gebt e» erst recht los:„im bin 9 Jahr« Nationalsozialistin,>ie könnt Ihr es wagen, an meiner Gesinnung zu zweifeln." Die Tadel hageln nur»o. Da kommt gerade der Direktor herein. Frl. A. ruft ihm entgegen:„Das Maß dieser Klasse ist voll. Sie müssen aus der Klasse heraus." Er läßt sich Bericht erstatten und sagte dann nur:„Das Deutschgefühl der Mädels sträubt sich eben gegen die Französierung des deutschen Grußes." Damit geht er ruhig heraus. Man kann sich denken, in welcher Gemütsverfassung Frl. A. zurückblieb." Man kann sich da» denken. tinstein nach dec Sowjetunion Die mathematische Abteilung der Akademie der Wissenschaften bat zu dem Ende Juni stattfindenden Mathematikerkongreß eine Reihe hervorragender Mathematiker und Physiker aller Länder eingeladen, darunter Albert Einstein und Professor Hadamard(Paris). Insgesamt sollen 25 ausländische Gelehrte und mehrere hundert Mathematiker der Sowjetunion an dieser wissenschaftlichen Tagung teilnehmen- Die Moskauer Universität hat als Referenten bereits Otto Schmidt, den Führer der Tscheljuskin-Expedition namhaft gemacht. Professor Schmidt hat seit vielen Jahren den Lehrstuhl für Mathematik an der I. Moskauer Staats- Universität inne. Verbotene Ausstellung Ohne nähere Begründung versagte jetzt der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste der„Arbeitsgemeinschaft der Juryfreien" die Genehmigung zur Veranstaltung weiterer Ausstellungen. Der Führergedanken In Düsseldorf gibt» eine Gemeinschaftsausstellung deutscher Künstler.„Sie dient der Gemeinschaft und wird streng nach dem Führergedanken aufgebaut sein. Etwa zwanzig Künstler sind zu Gruppenwarten bestellt. Das soil keine Auszeichnung sein und der Auftrag ist nach Schluß der Ausstellung im Oktober erloschen. Jeder Gruppenwart nimmt noch vier deutsche Künstler in seine Gruppe. Innerhalb der Gruppe können die fünf Beteiligten je fünf Bildwerke ausstellen. Es brauchen nicht die neuesten, aber es sollen die besten sein, gleich ob dieses oder jenes schon einmal gezeigt worden ist. Der Gruppenwart hat die Verantwortung. Natürlich muß bei einer solchen Einteilung mancher Künstler zurückstehen, den mau nicht gern vermißt. Es bleibt dann nur die Hoffnung auf die nächste Ausstellung, die grundsätzlich mit anderen Gruppenwarten aufgezogen werden soll. Führer der gesainten Ausstellung ist Akademiedirektor Professor Grund, der hier wöhl mehr als Leiter der Landesstelle Rheinland der Reichskammer der bildenden Künste auftritt- Er kann unter Umständen eine ganze Gruppe ablehnen." Noch immer Gleichschaltung Der im Jahre 1909 gegründete Verband deutscher Kunstvereine ist als selbständige Fachschaft unter der Bezeichnung Bund deutscher Kunstvereine in die Reichskammer der bildenden Künste eingegliedert worden. Zum Btindesvor- sitzenden wurde gewählt und bestätigt der Oberbürgermeister von Halle an der Saale. Dr. Weidmann. Geschäftsführern!»» Vorstandsmitglied ist Hofrat Erwin Pixis. Sitz des Bundes ist München. Die Verteidigung des Ruches Die in verstärktem Umfange erschienene Maiuummer der Zeitschrift„B ü c h e r g i I d e" ist der Verteidigung des Buches gewidmet. Anlaß dazu gab das Verbot von Traveus „Totenschiff" in Preußen. Dieses Verbot wirkt geradezu | drastisch durch die Mitteilung, daß am seihen Tag, an dem 40 Millionen Preußen(also nicht allen Deutschen) verboten wurde, das„Totenschiff" zu lesen, die ersten englischen Zeitungen eintrafen, die von dem gewaltigen Erfolg, den das „Totenschiff" iu England und in den übrigen Teilen des britischen Erdteiles hatte, lange Berichte brachten. Das „Totenschiff" ist in 14 Sprachen erschienen und in Deutschland in über 100 000 Exemplaren verbreitet. Ein Attikel„Auf dem Weg zum ersten Buch" und die Legende„Magische Nacht" von Fritz Rosenfeld beschäftigen sich ebenfalls mit dem Ruche; während ein Aufsatz„Taten der Gemeinsamkeit" dem Gemeinschaftsgedanken der Büchergilde gewidmet ist. Diese gut illustrierte Zeitschrift erhalten die Mitglieder der Büchergilde Gillenberg kostenlos. Jieiech mit dec Goethe-Riakette Weil er am besten... Prof. Dr. h. c. Ernst Krieck, der in der alten litera- tistitchen Zeit den wissenschaftlichen Ansprüchen deutscher Universitäten nicht genügt, steht heute hoch im national- soaialistischen Zenith. Kürzlich wurde er von Frankfurt auf den Lehrstuhl Kuno Fischers berufen. Bei einer Abschieds- feier überreichte der Vorsitzende des Kuratoriums, Oberbürgermeister Staatsrat Dr. Krebs, dem scheidenden Rektor die Goethe-Plakette, die als Anerkennung hervorragender Verdienste um Kunst und Wissenschaft oder Dichtung verliehen wird. Der Kurator der Universität. Dr. Wisser, führte u. a. aus, daß Prof. Krieck allein der Mann gewesen sei, dessen erfolgreicher-Aufhauarbeit es zu danken sei, daß die Frankfurter Universität zu der deutschen Hochschule geworden sei, die am besten den nationalsozialistischen Geist verbreitet habe... Eine Plakette ist geduldig, und Goethe kann sich nicht mehr wehren. »Deutsche Freiheit", Nr. 109 Das bunte Blatt Sonntag Montag, 18., 14. Mai. Das Geld liegt auf der Atraste Von Odette Venier , glauben nicht, daß Geld auf der Straße liegt? Dann Ichreiben Sie sich in Zukunft gefälligst selbst zu, wenn Sie vis an Ihr Lebensende ein armer Teufel bleiben! Das Geld liegt auf der Straße, ob Sie es glauben ober nicht. Man muß sich nur die Mühe machen, es aufzuheben. Kantorowitz hat keinen Beruf. Wer keinen Berus hat. findet kein Geld auf der Straße. Das ist schon mal so. Dagegen hat Kantorowitz eine Visitenkarte. Die sieht so aus: Adam Kantorowitz Bater des Wunderkindes Abel Kantorowitz Berlin »Sieg der Paris Schwarzen" London Sie wundern sich? Wundern Sie sich nur! Sie werden sich noch viel mehr wundern, wenn Sie erfahren, was solch eine Besuchskarte für Wunder, tut. Sie bringt sogar das Wunder fertig, den berühmten Schachmeister Sebaldus in höchsteigener Person auf den Plan zu rufen, obwohl er den striktesten Befehl gegeben hat, er wolle nicht gestört werden. Aber was nutzt dem Portier des Luxushotels„Bristol" seine ganze Würbe, was nutzt ihm seine distinguierte Livree, was nützt ihm all seine herablassende Kälte gegenüber Kanto- rowitz? Dieser steht schon eine geschlagene halbe Stunde vor ihm, die Melone auf dem Hintertopf, die Stirn schweißnaß, und redet, redet, redet. Es ist zum Verzweifeln. Was will Herr Kantorowitz? Er will ja dem Herrn Schach- meister keinen Besuch machen, t wo, wo denken Sie hin, Herr Portier, wo wird denn einer den Herrn Schachmeister stören wollen vor dem Turnier! Aber die Visitenkarte können Sie dem Herrn Schachmeister doch geben, sie brauchen sie ihm gar nicht zu geben, das ist gar nicht nötig. Es genügt doch, wenn sie die Karte durch die Tür stecken. Das macht doch kein Aufsehen, der Boy kann meinetwegen gleich wieder davonlaufen, der Herr Schachmeister wird sich melden, der Herr Schachmeister weiß sehr gut, es wird sein Glück sein, wenn er sich gleich meldet. Kantorowitz sagt das dreizehnmal, dreiunddreißigmal, vier- undsiebzigmal hintereinander. Da wird selbst der stand- hafteste^Portier schwach. Zumal neben Kantorowitz sein Sohn steht. Sein Sohn, das Wunderkind. Ein etwas verheulter Knabe, etwa zwölf Jahre alt, in einem nicht ganz einwand- freien Matrosenanzug, ungewaschen, schmierig, keine sehr repräsentative Erscheinung für das Vestibül des Hotel „Bristol". Und es gibt scheinbar kein anderes Mittel Bater und Sohn loszuwerden, als ihnen zu Willen zu sein. Den Portier packt die Wut. Er reißt Kantorowitz die Karte aus der Hand, winkt einen Boy heran und läßt die Karte Herrn Sebaldus Schachmeister bringen. Dieser sitzt an seinem Schreibtisch. Ein Schachbrett mit Figuren steht auf dem Tisch, Bücher, Zettel liegen herum. Man könnte(und soll) meinen, der Meister ist mit der Lösung schwierigster Schachprobleme beschäftigt. Er ist indes nur damit beschäftigt, Männchen auf einen Zettel zu kritzeln. Das soll die beste Vorbereitung zu einem Turnier sein, sagen böse Zungen... Als er aufblickt, sieht er unter der Tür eine weiße Karte liegen. Er ist keineswegs wütend über die Störung. Im Gegenteil: es gibt nichts langweiligeres, als einen Nach- mittag ins Zimmer eingesperrt zu sein, weil man aus Reklamegründen nicht gestört werden darf. Er liest die Karte und ist wirklich verblüfft. Herr Kantorowitz kennt seine Leute. Was soll das heißen:«Sieg der Schwarzen"? Herr Sebaldus ist neugierig. Er zögert nicht lange und begibt sich in die Halle. Der Portier traut seinen Augen nicht: Herr Sebaldus persönlich entsteigt dem List! Kantorowitz, mit triumphieren- dem Blick aus den Portier, stürzt auf ihn zu, den Knaben zerrt er an der Hand mit sich. Und schon überschüttet ein Redeschwall Sebaldus. Allmählich versteht Sebaldus, worum es sich handelt. Eigentlich ist es eine solche Zumutung, daß er das Ansinnen weit von sich weisen müßte und den Kerl herausschmeißen. Aber merkwürdigerweise ist er mehr amüsiert, und ehe er sich versieht, hat er schon ja gesagt. Kantorowitz präsentiert ihm seine Sprößlinge. Er sei ein Schachwunder. Ein Genie. Er habe mit seinen zwölf Iahren eine unfehlbare Methode entdeckt, wie immer schwarz ge- Winnen muß. Der Meister möge es nur versuchen. Es kostet zwar eine Kleinigkeit, aber die Bedingungen sind nicht illoyal. Er möge mit dem Knaben eine Partie spielen, nicht im Augenblick natürlich, brieflich. Wenn der Knabe gewinnt erhält er 1200 Mark Honorar, wenn er verliert, erhält Sebaldus, seinen Gegner matt zu setzen. Sebaldus kommt gar nicht zur Ueberlegung. Er hat schon ja gesagt, bevor es ihm einfällt, daß die Honorarsätze doch eigentlich recht ungleich sind. Und als ihm das einfällt, ist Kantorowitz Senior und sein Sproß schon lange ver- schwunden. Und abends ist das Turnier, und Sebaldus ver- gißt die Sache ganz. Aber am nächsten Tag erhält er einen Brief, Absender „Kantorowitz", Schachwunderkind. Im Umschlag ist ein Zettel, darauf in schmieriger Kinderschrift der erste Zug einer Partie verzeichnet. Sebaldus, amüsiert, antwortet. Antwort folgt auf Antwort. Je weiter die Partie fort- schreitet, desto interessierter wirb Sebaldus. Es ist eine außergewöhnliche, erstaunlich einfallsreiche, ungemein schwie- rige Partie. Siebenunbzwanzigmal gehen Briefe hin und her, Sebaldus antwortet immer am gleichen Tag. zwischen den Antworten des Wunderkindes vergehen vier bis fünf Tage. Nach dem siebenundzwanzigsten Zug gelingt es Sebaldus seinen Gegner matt zu setzen. Sebaldus ist eigentlich überzeugt, daß damit seine Be- ziehungen zu Kantorowitz, Bater und Sohn, zu Ende sind. Zu seinem größten Erstaunen erhält er, nebst höflich aner- kennendem Brief von der Hand des Vaters, wenige Tage später eine Anweisung auf 200 Mark. Er Sebaldus habe doch Schwarz gespielt— das Wunderkind habe Weiß begonnen— und Schwarz siegt immer! * Kurzcharauf, zum Frühjahrsturnier in Baden-Baden, sitzt Sebaldus mit seinem Freund und Gegner, dem deutschen Schachmeister Friedrich, bei einem Glas Wein. Da fällt ihm die Geschichte mit Kantorowitz ein, und er erzählt sie seinem Freund. Der ist maßlos erstaunt. Auch er hat mit dem Wunderkind gespielt. Aber das hatte einen anderen Namen — Spiwak hieß es. Aber auch das Kind Spiwak hatte eine Methode, nach der Schwarz siegen mußte. Und wirklich, Friedrich hatte die Partie verloren— aber es war eine erstaunliche Partie, ungemein schwer. Und es habe sich eigent- lich gelohnt, für den Verlust 1200 Mark zu bezahlen. Die Freunde sehen sich an. Lassen sich ein Schachbrett bringen. Rekonstruieren die Partie: was sie vermuten, stimmt. Sie haben beide die gleiche Partie gespielt, Schach- meister Sebaldus schwarz. Schachmeister Friedrich weiß! Das Wunderkind war kein Genie. Aber Kantorowitz Senior hatte einen genialen Einfall. Und warum soll man sich die anonyme Partie zweier Schachmeister nicht mit 1000 Mark bezahlen lassen? Man braucht nicht Schach spielen zu können, um es zu finden. Man braucht nur eine Visiten- karte und den Namen Kantorowitz dazu. Und Frechheit! Das Grab von Hermann Löns Es ist gefunden Das Zentralnachweiseamt für Kriegsverluste und Krieger- gräber in Berlin-Spandau hat seit langem die Nach- forschungen nach dem Grabe des am 26. September 1011 bei Loivre letwa 20 Kilometer nordwestlich von Reims) als Kriegsfreiwilliger in den Reihen des Füs.-Rgt. 73 gefallenen Volks- und Heidedichters HermannLönsauf Grund der früheren Vermutungen und Nachrichten fortgeführt. Jetzt endlich ist es dem Amt gelungen, das gesuchte Grab zu er- Mitteln. Bei den französischen Umbettungsarbeiten in der Gegend von Loivre wurde auf dem Geiechtsielde des 20. September 1914 ein deutscher Toter mit der Erkennungs- marke Nr. 300 des 4. Füs.-Rgt. 73 geborgen. Als einstiger Träger dieser Erkennungsmarke wurde m« Hilfe der Kriegsstammrolle der Dichter Hermann Löns fest- gestellt. Seine sterblichen Ueberreste sind vom französischen Gräberdienst auf dem deutschen Militärsriedhos Loivre im Grabe 2128 zur letzten Ruhe gebettet worden. * Das Grab von Hermann Löns war bereits einmal auf- gefunden worden, und zwar von deutschen Kriegsgefangenen im Dezember 1010. Diese haben die Gebeine des Dichters aus dem Einzelgrab ausgegraben, in einen einfachen Sarg gelegt und auf dem Militärsriedhos Luxembourg auf Couroy les Hermovillers bei Reims beigesetzt. Daß es sich um das Grab Löns' handelte, war unzweifelhaft daran festzustellen, daß auf dem Hügel ein umgefallenes schweres Eichenkreuz mit der Inschrift lag: Hier ruht in Gott Kriegsfreiwilliger Hermann Löns— gefallen auf Patrouille September 1014 Darunter noch folgende Verse: «Solange noch die Eichen wachsen In Feld und Wald, um Hos und Haus, Solange stirbt in Niedersachsen Die alte Stammesart nicht aus." Später jedoch wurden die Ueberreste der Gefallenen von dem erwähnten Friedhof Luxembourg nach Loivre verlegt, und erst heute ist es gelungen, dort die Identität von Her- mann Löns festzustellen. Museum der Trockenheit Die Organisationen der Nassen, die in Amerika den erfolg- reichen Kampf gegen die Prohibition geführt haben, haben jetzt ein Museum, das„Museum der Trockenheit" eingeweiht. Sie wollen für Kinder und Kindeskinder die Dokumente der Schmach aufbewahren, als der freie Bürger Amerikas nicht frei war, in aller Ruhe seinen Whisky zu schlürfen. In diesem Museum stehen alle die seltsamen Behältnisse, in denen der biedere Amerikaner sein kostbares Naß barg, die falschen Flaschen, genau der Körpersorm angepaßt, die Spazierstöcke, innen ausgehöhlt und Raum für ein erkleckliches Maß von Alkohol bietend. Man hat aber auch Nachbildungen der tt$t Polizeiarchiv aufbewahrten Trophäen im Kampf mit den Bootleggern ausgestellt, Panzerautos, in denen Alkohol unter dem Schutze von Maschinenpistolen befördert wurde, und hat die Statistik der durch Methylalkohol Vergifteten an die Wand geschlagen und die Statistik der im Kriege zwischen Naß und Trocken gefallenen Opfer. Manchester will 15000 Häuser abreisten Die englische Industriestadt Manchester ist die Stadt, in der wohl das größte Wohnungselend herrscht. Schon seit fünfzig Jahren geht der Kampf um die Niederreißung der furchtbaren Elendsquartiere der Stadt, in denen Hundert- tausende von Arbeitern in völlig unzureichenden Räumen hausen müssen. Die meisten dieser Häuser sind unheizbar, in engen, feuchten Löchern wohnen ganze Familien. Jetzt wird diesem Wohnungselenb endlich energisch zu Leibe gegangen. Man hat einen Plan aufgestellt, zu dessen Ausführung etwa sechs Millionen Pfund in fünf Jahren aufgebracht werden. 15 000 Häuser müssen teils von Grund auf renoviert, teils obgerissen und durch neue hygienische Bauten ersetzt werden. Die in der Tiefsee Lebenden... Ueber das Thema„Was lebt in der Tiefsee?" berichtet Dr. Fritz Geßner, Universität Greifswald, im laufenden Jahr- gang der„Forschungen und Fortschritte", Nr. 11. Geßner weist zunächst aus die Schwierigkeiten hin, die sich der un- mittelbaren Erforschung der Tiefsee entgegenstellen, da im Wasser ja der Druck bei je zehn Meter Tiefe um eine Atmosphäre ansteigt. Nur in schwere Tauchpanzer einge- schloffen lGall) ober mit Hilfe großer Stahlkugeln(William Äcebe) gelingt es, einige hundert Meter unter die Meeres- oberfläche hinabzutauchen. Trotzdem ist aber für die Eigenart der Lebewelt der Tiefsee keineswegs der hohe Wasserdruck, sondern lediglich das Licht bzw. der Lichtmangel maßgebend. Da die pflanzliche Assimilation nur im Lichte statthaben kann, sind auch die Urnahrung des Meeres, kleine, meist ein- zcllige Organismen, auf die obersten Schichten des Meeres beschränkt. Während an der Oberfläche'bis 100 000 Zellen je auf den Liter und mehr vorhanden sind, ist schon in 100 Meter Tiefe nur noch ein Viertel, in 200 Meter nur ein Vierzehntel der Oberflächenmenge enthalten. Es sind also sämtliche Lebe- wesen, die das Meer bis in die größten Tiefen bewohnen, auf die Lebensproduktion der Oberfläche angewiesen. In den oberen 500 Meter findet sich daher die Hauptmenge der Lebewesen. Die Arten- und Jnbividucnzahl wird nach unten hin immer geringer. AuS Nahrungs- und Lichtmangel ent- stehen dort absonderliche Anpassungsformen, welche uns die mit Netzen emporgeholten Tiefseebewohner oft fremdartig, wie Lebewesen eines anderen Planeten, erscheinen lassen. Teils sind verschiedenfarbige Leuchtorgane ausgebildet, durch die sich die Tiere zur Paarung zusammenfinden, teils find Tastorgane vorhanden in Form von verlängerten Barten, Flossenstrahlen oder Antennen, die das zwanzigfache der Körperlänge betragen können. Einzelne Fischarten haben sogar Angelruten mit Haken ausgebildet, mit denen sie die Reute einsangen. In den verschiedensten Tie'gruppen kann man eine ungeheuerliche Vergrößerung der Mundöffnung als besonderes Anpassungsmerkmal beobachten. Bei einem kleinen, schwarzen Tiesensisch hat wiederum der Magen eine solche Ausdehnungsfähigkeit, daß als Beute Tiere ver- schlungen werden können, die dreimal so lang sind wie der Verzehrer. Jede Tiefsee-Expedition bringt neue, bizarre An- passungssormen ans Licht, doch lassen sich diese letzten Endes alle aus dem Lichtmangcl erklären.— Die Temperatur, die meist um 0 Grad liegt, übt keinen unmittelbaren Einfluß auf die Tiesseebewohner aus. Da sie jedoch die Ursache für den kohlensäureübersättigten Zustand des Tiefenwassers ist, ist sie letzten Endes dafür verantwortlich, daß sämtliche Tiesseetiere nur papierdünne Kalkskelette ausbilden können. Die Tatsache, daß auch die größten Tiefen— wenn auch dünn— von Lebewesen bewohnt sind, kennt man erst seit etwa 70 Jahren. Früher dachte man sich die Tiefen unter 500 Meter wegen des hohen Wasserdruckes unbelebt, und man sprach von einer„Zero line os the life". Daß eS eine solche Null-Linie des Lebens im Weltmeer nicht gibt, war eine Erkenntnis, die man die kopernikanische Wendung der Meeresbiologie nennen könnte. Miami, die Gase in der lkrise Reuyork, 7. Mai. Florida hat den Golfstrom, der seine Küsten bespült, hat einen ewig blauen Himmel, es ist für die Amerikaner das irdische Paradies. Wenn irgendwo in den übrigen Staaten der Union Sturm, Hagel, Kälte oder Gewitter herrscht, dann seufzen die Menschen:„Ja. wenn man jetzt in Miami sein könnte." Roch vor kurzer Zeit hieß dieser Ort aller Träume„Palm- Brach". Aber Palm Beach liegt heute öde und verlassen, leer ragen die Hotel-Wolkenkratzer in den Himmel. Das größte Hotel, vor zehn Jahren für Millionen von damaligen Gold- dollars errichtet, ist geschlossen.— Miami hat Palm-Beach geschlagen, es liegt südlicher und der Süden ist für die kühlen Amerikaner der Magnet. Nur die Tankstellen in Palm-Beach haben noch zu tun, sie haben den durchrasenden Autos den Brennstoff zu liefern zur Weiterfahrt zur glücklicheren Kon- kurrenz. Krise in Amerika? In Miami merkt man nichts davon. Das Meer links, Orangenhaine rechts und in der Mitte Wolkenkratzer und schöne Frauen und Musik und Eleganz. Tie Nacht wird hier zum Tage, taghell strahlen die Ver- gnügungslokale, die ganze Küste ist erleuchtet, die ganze Nacht hindurch. Und die Preise blieben krisenfest. Ein Cocktail zwei Dollar! Das sind fast noch die Preise aus der seligen Zeit der Prohibition, aber die halbnackten, braungebrannten Männer und die mehr in rosa gepuderten, auch nicht fülliger angezo- genen Damen zahlen ohne Wimperzucken diese Preise, man hat früher auch getrunken, heimlich, in verhängten Hotel- zimmern, man hat sogar mehr getrunken als heute, weil es ja verboten war... Um diese Jahreszeit ist in Miami Hochsaison. Alle ameri- konischen Millionäre stöhnen, sie seien verarmt, sie müssen bald betteln gehen. Woher kommen denn nur die Tausende von Luxusautomobilen, jedes für sich ein kleines Vermögen wert. Ganz so schlecht muß es dort doch noch nicht gehen, von den Millionen Arbeitslosen, die nichts zu essen, sieht man hier wenig, höchstens einmal ein kleiner WohltätigkeitS- ball, man muß doch die neuesten Pariser Modelle sehen. Vor den vielen Zerstreuungen kommen die armen Gäste nicht zur Erholung, und der Golfstrom meint es so gut, um- spült den Strand und die künstlichen Inseln, die für die ganz großen Gäste angelegt wurden, das Meer ist ruhig wie ein See, und nur die knatternden Motorboote regen die Wellen ein wenig zum Schäumen an. Es wäre so schön, ganz still am Strand zu liegen und in die Sonne zu blinzeln — aber die Cocktail-Party ruft die Bewohner von Miami, dieser Oase in der Krise. Wo stellt der(ranzösisdic fasrtilsmus? Pinh® ie beiden großen Parteien der französischen tu ih"' Sozialisten und die Radikalen, die im Mai »ns Kongressen zusammentreten, werden die neue Jr gefährliche Tatsache berücksichtigen müssen: die rasche ^^^fbildung der faschistischen Bewegung. Auch die '"Lüsche Demokratie, die stärkste und stabilste des Tjüchen Kontinents, steht einem angreifenden bip r! Smu3 entgegen. Der 6. Februar, als in Frankreich t-rc Demokratie zwar nicht bis in die Grundfeste erschüt- . ,'.^ber doch ernst bedroht wurde, hat gezeigt: In der m"l'lchen Krise der Gegenwart muß jeder gewaltsame jr^ttoß gegten die Demokratie, jede ernste Vertrauens- eile gegenüber den parlamentarischen Einrichtungen die 6orm einer faschistischen Bewegung annehmen. '^ee französische Faschismus verfügt bereits heute über ^ v""ch. starke Kaders, die in einige Hunderttausende «eyen, eine für Frankreich sehr hohe Zahl. Am 6. Februar ftü J n^ en^ Q Ö en danach hat er seine Feuerprobe be» ' die für ihn erfolgreicheren Verlauf als der Hitler- puych vom 9. November 1923 hatte. Der Satz„Frankreich Ii nicht Deutschland" ist deshalb nicht am Platz. Er kann *öenfo verhängnisvoll werden, wie der andere gleich- mutende Satz traurigen Andenkens:„Deutschland ist nicht Italien!"— wenn er besagen soll, daß es in Frankreich »einen Boden für eine gewaltsame Bewegung gegen die Demokratie und die Arbeiterklasse geben kann. Dennoch . hat der französische Faschismus eine gewisse Eigenart, die ckn van dem italienischen und vor allem von dem deut- ichen unterscheidet, und den Abwehrkampf der Linken erleichtert. Der französische Faschismus verfügt zwar über die Kaders, d. h. über die organisierten Anhänger, aber "'cht über die Massen. Eine lose massenhafte Gefolg- schuft hat er nicht. Er besitzt keine einheitliche polt« t'Iche Organisation, seine Kräfte sind zwischen mindestens ° Organisationen zersplittert, und er hat überhaupt «eine politische Parteiorganisation. Die Segebene Form des Kampfes um die Massen und der Führung der Massen ist die Partei. Eine Gesinnungs- geineinschaft oder ein Wehrverband können bedeutende -lnziehungskraft und große Schlagkraft aufweisen, aber ihrem Wirkungskreis sind von vorneherein enge Grenzen Sesetzt. Von den faschistischen Organisationen Frankreicks stt die älteste, die„Actio» Francaise", eine monarchistische Sekte: die„Ieunesse Patnote" ist eine reaktionäre bürgerliche Jugendorganisation: die„Eroix du Feu" ein ex- klusiver Wehrverband, aus den ehemaligen Kriegsteil- rehmern rekrutiert. Keine von diesen Organisationen ist smstande. eine Massenbewegung zu erzeugen, keine kann überhaupt an die Massen herankommen. Sie verfügen nicht über die Technik und den breiten Wirkungskreis einer polltischen Partei. Dem französischen Faschismus fehlt also die politische Form des siegreichen deutschen Faschismus. Aber auch die besondere soziale Grundlage des Na- t'ionalsozialismus hat er nicht: den zerrüt- ttten. verelendeten Mittelstand. Völlig fehlen dem fron- Zöllschen Faschismus die B a u e r n m ä s s e n. Die reaktionäre Presse beklagt sich bitter darüber, daß die Borherr- schaft der Sozialisten und der bürgerlichen Linken, der Radikalen auf dem Lande nicht zu brechen ist. In der Stadt fehlt dem französischen Faschismus die Beamten- f ch a f t. die in der NSDAP, vor der Machteroberung die erste Rolle gespielt hat. Die französische Beamtenschaft ist in ihrer Mehrheit, in manchen unteren Schichten beinahe lückenlos, freigewerkschaftlich organisiert und politisch fortschrittlich, sozialistisch oder radikal. Der französische Faschismus wurzelt in den Kreisen des städtischen Be- sitzbürgertums, das jedenfalls in Frankreich eine verhältnismäßig breitere Schicht darstellt, als in Deutsch- land. Die Schlagkraft der kleinbürgerlichen Rebellion ist dem französischen Faschismus nicht eigen. Deshalb ist er auch nicht im stände, soziale Demagogie zu treiben: auch über diese wichtige Waffe eines auf- steigenden Faschismus verfügt er nicht. Er ist ein ge- schworener Feind jeder Inflation, leidenschaftlicher An- Hänger der Deflation und der budgetären Sparsamkeit. Dieser soziale Geist macht es dem französischen Faschismus unmöglich, sich von der bürgerlichen Rechten zu trennen. Im Grunde genommen treibt er keinen Machtkampf gegen die bürgerliche Rechte, sondern bleibt deren Stoß- trupp und Anhängsel. Diese geistige und gesellschaftliche Abhängigkeit schließt wiederum die politische Verselb- ständigung des französischen Faschismus aus.. Er wagt es nicht, gegen die Regierung Doumergue, ein Kabinett der „nationalen Konzentration", d. h. doch des„Systems", offen zu kämpfen. Dadurch verliert er das Tempo. Die faschistische Rebellion hat einer bürgerlichen Regierung den Weg gebahnt, aber der Faschismus selbst ist nicht zur Teilnahme an der Macht gekommen, und nach dem Zu- slandekommen einer rechtsgerichteten bürgerlichen Regie- rung hat er die Möglichkeit einer erfolgreichen dema- gogischen Opposition gegen eine Regierung des Links- blocke verloren. Die bürgerliche Reaktion hat den fran- zösischen Faschismus an die Wand gedrückt und ihn um die Ergebnisse seines Sturmes auf die Demokratie ge- prellt. Wer bereit ist, im Kampfe gegen die Demokratie auf die Führung zugunsten der bürgerlichen Reaktion zu verzichten, muß sich mit einer Hilfsstellung für die bür- gerliche Reaktion begnügen. Daraus folgt noch einer anderer Zug des französischen Faschismus: er kämpft nicht um seine po^l?- tische Alleinherrschaft und kennt nicht die Vifion der totalen faschistischen Diktatur. Dort, wo von feiten einer faschistischen Bewegung kein entschlossener Machtkampf gegen die bürgerliche Rechte geführt wird, ist auch ein Anspruch auf die politische Führung unmöglich. Die faschistische Bewegung Frankreichs träumt nicht van einer faschistischen Miliz, sondern von einer technisch hoch- stehenden Elitearmee, von einer französischen Reichswehr. „Der Degen bildet die Achse der Welt", schreibt in seinem in diesen Tagen erschienenen Buch„Der Weg zum Berufs- Heer" Oberstleutnant de Gaulle— der Soldatendegen, nicht dyr faschistische Knüppel. Das Ziel und das Ideal des französischen Faschismus ist nicht der totale faschi. stische Parteistaat, sondern die bürgerlich-militärische Dik- tatur mit starkem cäsarlstlschen Einschlag, die sogar manche republikanische Einrichtung übernimmt. Im Kampfe gegen den bürgerlich-reaktionären"Fäsch'is- mus hat der französische Sozialismus auf seiner Seite die größere Beweglichkeit, die Massenhäftigkeit, die Volkstümlichkeit, den Schwung des Kampfes um die soziale Befreiung. Abonniert die„Deutsche Freiheit" Heil Hitler!— Am Arno Man schreibt uns aus Florenz: Auch Florenz bat seine deutsche Kolonie, ein deutsches Kunsthisrorisches Institut, eine deutsche Schule und eine Orts- yruppc der NSDAP. Der Konsul Stiller, ein alter vorneamer Herr, maltet schon Jahrzehnte seines Amtes. Seit der Herrschast des„dritten Reiches" wurde es immer stiller um ihn. Im dcuttchen Institut pflegt man auch heute noch ernste Forschung und verspürt nichts von den Ausstrahlungen de» Propaganda- Ministeriums, ivie im archäologischen Institut zu Rom, wo in der Halle dem HitlerbildniS und dem„Völkischen Be- obachter" ein Ehrenplatz bereitet ist. Die deutsche Schule möchte wohl gerne, kann aber nicht so, wie man daS in der Wilhclmstrabe denkt: denn die Mehrzahl der Schüler sind Schweizer.— sogar Oesterreicher sind darunter. Bleibt noch die Ortsgruppe der NSDAP. Sie hat den Anschein herrlichster Blüte. Doch dieser Schein scheint zu trügen. Denn von den etwa M> Deutschen, die in Florenz ihren dauernden Wohnort haben, sind nur etwa 90 eingeschriebene Mitglieder der Partei. Und von ihnen solgtc nur etwa ein Drittel der Einladung zu einem Vortrag über Stefan George. Die Aula der deutschen Schule hat ein hakcnkreuzgcschmück- tes Podium mit Hitlerbild. Im Saale folgen dann zwei Reihen bequemer Sessel und der Rest ist mit schmalen Stühlen bestellt. An den Wänden unter Glas: die Schul- btbliothck. Hat der Ortsgruppcnleitcr noch nickt bemerkt, das? da drei Gesamtausgaben von Heinrich Heines Werken stehen? Und Bücher von Stern und Freud? Der Bortrag sollte beginnen. Einige Mütter mit ihren Töchtern, die geistige Elite der Partei, verteilten sich aus den Stühlen. Die Sessel wurden freigehalten? Ermattete man' berühmte Professoren oder Vertreter des diplomatischen Korps? Achtung! Ein Wimpel erschien in der Tür— und alle griissten. Und dahinter marschierten 8—19jährige Pimvt'lein: das Jungvolk und die Mädchen des BDM. Sie marschierten im Gleichschritt in den Saal und verloren sich In den weiten Sesseln, um bald in wohlverdienten Schlaf zu versinken. In- zwischen war es halb 10 Uhr geworden. Nur ein Pinipslein, das jüngste, blieb neben dem Podium ausrecht l.nit dem Winipel stehen. Dann kam der Redner: Scharführer D s ch e n.f z i g, Fabrikant aus Magdeburg, in brauner Uniform, mit E. K.). Wohlbeleibt stand er hinter dem Pult: das Wimpel des Jungvolks am Wvtanjchwert wehte ihm um die Nase... Er wollte seinen Hörern Stefan George nahebringen. Er wußte, daß sie nicht» von ihm wußten. Wie sollten auch florentlnische Pg.s, Uhrmacher und Hotelangestelltc. etwas von solchen Dinge» wissen? Der Redner stellte also seit, daß Jugend Borbild braucht und daß eben diese Jugend sich nach Ordnung und Führung sehnt, lieber George sagte er nichts. Dasür las er um so mehr von seinen Gedichte», las sie, wie man einen Sportbericht oder den WirtschastSteil einer Zeitung liest: ohne Klang, ohne Rhythmus und ohne innere Teilnahme. ... Da begann— mitten in einem langen Gesicht— das Fähnlein bedenklich z» schwanke». Ter Führer des Jung- volks stürzte männliche» Schrittes nach vorne, klappte die Hacken zusammen und löste den Fahnenträger ab... Der Redner las noch viele Gedichte und prägte dann den schönen Satz, der würdig ist. in die Literaturgeschichte des „dritten Reiches" aufgenommen zu werden: Seine lGcorges) Augen sahen das neue Deutschland, und er nickte! Dünner Beifall weckte die Pimpfe aus dem Schlaf. Da kam die große Offenbarung: Kreisleitcr Mary», vo.p Beruf Fremdenführer, gedachte des Geburtstages„unsere» Führers". Er forderte seine Pg.s erneut zur Treue aus und bat sie in dieser feierlichen Stunde, alle persönlichen Interessen, Intrigen und Eifersüchteleien hintanznstellcnl Wie tief lassen solche Worte blicken! Selbst bei de» AuS- landsdeutschen! Wie foul muß es in diesem Staate sein! Die Florentiner deutsche Zeitung wird jedoch berichten: Mit einem dreifachen Sieg-Heil und dem Horst-Weisel-Lied fand die erhebende Feier ihren Abschluß. Federigo Arno. Slraßbnrger Wodienberlclri Herr v. Papen— wieder einmal PecH gehabt! Straßburg, 12. Mai 1934. Der Vizekanzler sie»„dritten Reiche»", das adelige Paradepferd im Stall der nationalsozialistischen Bastarde, stellte sich dieser Tage in einer Filmwochenschau in Straßburg vor. Herr v. Papen hatte die undankbare Aufgabe, den„geliebten Brüdern im Elsaß" zu erzählen, daß das Saargebiet ein rein deutsches Land sei. Unbekümmert erklärte der etwas steife Herrenreiter, daß eine unbefriedigende Lösung der Saarfrage für Deutschland keineswegs annehmbar sei und zu schwersten Komplikationen führen müsse. Das Publikum protestierte aber sofort gegen die herausfordernde Sprache des deutschen Viaekanzlers. Es kam zu lebhaften Kundgebungen gegen das„dritte Reich". Der Auftritt Papen» mußte aus der Wochenschau herausgeschnitten werden. Die Besitzer des Kinos erklärten, daß aie nicht in böser Absicht gehandelt hätten, vielmehr sei ihnen der Film in dieser Fassung von Paris aus zugegangen. Em demokratischen Frankreich vermögen sich also die Unterdrücker jeder persönlichen Freiheit, die Anbeter der absoluten Gewalt solche Spässe immer noch zu erlauben. Was würde in Deutschland mit den Kinobesitzern, den Zensoren geschehen, die etwa die Rede des Depute Fribourg über das Saarproblem durch die tönende Wochenschau verbreiten würden? Das Publikum tat recht daran, sich zu wehren. Man soll den Paradehengsten des „dritten Reiches" in der ganzen Welt eine ähnliche Antwort erteilen, wie sie vom Straßburger Publikum erkielten. Adolfs Kollege im Elsaß Der jugendliche Redakteur eines vor kurzem eingegangenen nationalsozialistischen Schmntzblättchens, das hier im übelsten Antisemitismus machte, übte sieh— nachdem seine Zeitungsschmiererei ein so jähes Ende nahm— nächtlicherweile im Beschmieren der Wände. Als würdiger Kollege Adolfs des Anstreichers sog er um Mitternacht mit Pinsel und Farbtopf bewaffnet aus, um die Symbole seiner Partei an dir Wände öffentlicher und privater Gebäude zu klecksen. Er wurde aber bei seinem nächtlichen Tun ertappt und vom Gericht zu acht Tagen Gefängnis verurteilt. Zuverlässigen Nachrichten zufolge soll Adolf in Berlin, als ihn die Nachricht vom Mißgeschick»eines elsässischen Berufskollegen erreichte, eine dicke Träne des Mitleids im himmelblauen Führerauge Herquetscht haben. Straßburger Freilichtschule Der Gemeinderat-stimmte in semer ig vom Montag der Bewilligung eines Kredits von 6Üo JOU Frauken zu, die für die Einrichtung einer Freilichtschule im Anwesen Gruber in Königshofen erforderlich sind. Es sollen dort 50 Knaben und 50 Mädchen untergebracht werden, außerdem plant man eine Kinderstation für 20 zwei- bis vierjährige Kinder. Bei der Debatte über das Projekt ereigneten sich einige heitere Zwischenfälle, die dem Umstand zu verdanken sind, daß die Gegend, in der die neue Freilichtschule eingerichtet wird, allgemein als„Schnookelorh" bezeichnet wird. Unsere Gemeinderäte bewiesen ihre Ortskenntnis und debattierten mit Witz und Humor eine gute Stunde über die Schnakengefahren in dieser Gegend. Sie lesen«flie „Deutsche Freiheit" in Strasbourg in folgenden Gastwirtschäften: „An Poilu de I« Marne"(Weißturmstraße) „Schnokeloch"(Weißturmstraße) Brasserie au Grenadier(Langstraße) Brasserie„Goldene Kette"(Langstraße) Brasserie„Miroir"(Langstraße) „Zar Glocke"(Schwesterngasse) Brasserie„An batelier"(Schiffleutstaden) Bevorzugen Sie diese Lokale bei Ihrem Besuch in Strasbourg! Abkommen Mathis-Ford Schon seit mehreren Wochen hört man gerüchtweise, daß zwischen der großen Automobilfabrik Mathit in Stiaß- Lurg und der amerikanischen Fordgesellschaft Verhandln!, gen im Gange sind. Nun scheinen die Verhandlungen, die zwischen Herrn Mathis und Herrn Ford persönlich geführt wurden, mit dem Ergebnis abgeschlossen zu sein, daß in Zukunft nach Ford'schen Methoden im Mathiswerk der Automobilbau betrieben wird. Die beiden Gesellschaften Ford und Mathis bleiben nach wie vor selbständig und unabhängig. Während Mathis sich auf den Vierzylinderwagen spezialisieren wird, sucht die französische Fordgesellschaft den Achtzylinderwagen Fords noch zu vervollkommenen. Ueber die Einzelheiten des Abkommens lassen sich noch keine genaueren Angaben machen. Es scheint jedoch mit einer bebedeutenden Erhöhung der Mathis-Produktion und einer Mehreinstellung von Arbeltern zu rechnen zu sein. Flüchtlinge sollen keine„lästigen Ausländer" sein In einem bemerkenswerten Aufsatz beschäftigt sich das sozialistische Organ von Straßburg, die„Freie Presse" mit der Emigranteufrage. Der Aufsatz gebt von der Feststellung aus, daß in der letzten Zeit immer häufiger beobachtet werden könne, wie das Mißtrauen, das durch die Staviski-Affäre den Ausländern entgegengebracht wird, sich auch gegen die politischen Flüchtlinge wendet. Mit Recht zählt der Schreiber des Artikels die Umstände auf, denen die Flüchtlinge ez zu verdanken haben, daß man sie in ihrem Heimalland nicht mehr duldet. Man weist darauf hin. daß doch die politischen Emigranten in ihrer Heimat durch ihr Eintreten, für Völkerfrieden und Völkerverständigung sich den Haß der Nationalsozialisten zugezogen haben und man gibt der Erwartung Ausdruck, daß das Gastland diese Menschen nun nicht auch noch für ihre pazifistische Gesinnung leiden lasse. Hoffen wir mit dem Verfasser dieses Aufsatzes, daß seine Darlegungen dazu beitragen mögen, die„etwas gereizte Stimmung, die zurzHt gegen die Flüchtlinge herrscht" zu beseitigen und einer kühleren Beurteilung der Frage den Weg ae» ebnen! Jeanne-d'Arc-Feier Anläßlich der Jeanne d'Arc-Feier findet am Sonntag, dem 13. Mai, vormittags neun Uhr auf der Place de la RepuWe- que eine Prise d'Arraes statt. Le Port de Strasbourg Ein prächtiger Film, der mit den ausgedehnten Anlagen des Straßburger Hafens bekannt machte, gelangte dieser Tage im Arkadenking zur Aufführung. Der Film schildert in eindrucksvoller Weise die Bedeutung des Straßhurger Hafens für die französische Wirtschaft. Mit der Marne und der Rhone ist der Hafen durch zwei Kanäle verbunden, die de» Verkehr auf dem Wasserweg ins Innere des Landes ermöglichen. Im März icetrug der Ceeaintumschlag des Straßliurger Hafens 491 735 Tonnen. Deutschland ist an der Einfuhr mit 104 182 Tonhen beteiligt, Belgien-Holland mit 192 666 Tonnen. Von der Ausfuhr gingen 132 765 Tünnen nach Deutschland, darunter sämtliches(!) Eisenerz mit 91 929 Tonnen. Der Hafeh bietet jetzt bei dem etwas günstigeren Wasserstand ein buntes Bild geschäftigen Lebens. Dir Hafenverwaltung hat durch ständige Verbesserungen und Vergrößerungen der verschiedenen Hafenbecken dafür gesorgt, daß der Straßburger Hafen heute den höchsten Ansprüchen gewachsen ist, die an ihn gestellt werden. E. D. Pariser Beridile Pariser StraOcnkaiendcr Die Gründung der Deutschen Freiheitsbibliothek in Paris wird von den meisten Pariser Blättern erwähnt. Von der Eröffnung ist noch neben den ausgezeichnet stilisierten Reden der Franzosen Fleg und des Dramatikers Lenormand die in fließendem Französisch vorgetragene Rede Alfred Kerrs bemerkenswert. Im„Jour" befindet sich ein Bericht über einen Besuch im Konzentrationslager Oranienburg. Der Berichterstatter Georges Aguesse macht sich unter anderem darüber lustig, daß die Gefangenen nach der Gewichtsstatistik in diesem Lager zunehmen. Von zwanzig wahllos herausgegriffenen Schutzhäftlingen hat nur einer an Körpergewicht abgenommen, die anderen sind 4 bis 5 Kilogramm dicker geworden, was der Franzose„proprement incroyable" findet. Marianne Oswald ist von Brüssel nach Paris zurückgekehrt. * Die Probeabende der Philharmonie(Orchester und Chor deutscher Emigranten) finden regelmäßig im Restaurant „Dardik" 41, rue Richer(Metro: Gadet oder Montmartre) statt. Orchester jeweils Donnerstags, Chor Montags, immer 20.45. Anmeldungen: Philharmonie, 45, avenue de general Michel-Bizot, 12e. * Die Teresina tanzt am 18. Mai im Theatre des Champs Elysees. Clermont-F errand Der für das ganze Schicksal dieser Partei entscheidende Kongreß der Radikal-Sozialisten findet in Clermont-Ferrand, der bergigen Hauptstadt der Auvergnaten statt. Die Auvergnaten, die Urbewohner jenes berühmten„Massif central", das Frankreichs Mitte buckelt, genießen in Paris besondere Beachtung nicht nur wegen ihres Akzents, sondern vor allem auch als traditionelle Inhaber von Wirtschaften und Gemüseläden, besonders als Verkäufer der„salaisons", der Räucherwaren. Als einfache Leute nach Paris gekommen, werden die Auvergnaten häufig zunächst Wirte und Kohlenhändler zugleich, was man„bougnat" nennt, und ziehen sich dann mit fünfzehn Jahren mit einer durch Sparsamkeit erworbenen Rente zurück. Clermont-Ferrand, heute Hauptstadt des Puy-de-Dome, genannt nach dem 1465 Meter hohen ehemals vulkanischen Berg, hat etwa 65 000 Einwohner. Die altertümliche Stadt ist aus der Geschichte dadurch vor allem bekannt, daß hier der ersteKreuzzug gegen die„Ungläubigen" verkündet wurde. Ein Clermontaiser war ferner jener große Blaise Pascal, der gewaltige Mathematiker und jansenistische Christ, der in seinen.,Pensees" die klaren und wunderbaren Gesetze der französischen Sprache und ihres Denkens mit unerhörter Meisterschaft geformt bat. Die Partei der großen Gegensätze tagt also zu mindestens in einer großen historischen Landschaft. Geheimnisvoller Angriff auf e nen hMer In der Basilika zu Argenteuil findet gegenwärtig die Ausstellung eines Kleides sehr alten Datums statt, das nach der katholischen Ueberlieferung die Tunika Christi ist. Es handelt sich um eine Parallele zu dem Rock in Trier. Hunderttausende von Wallfahrern besuchen die Stadt. Vorigen Sonntag sollen allein 25 000 Pilger dagewesen sein. Abends schloß dann der Kirchenwärter D a 11 i e r, ein Mann von 52 Jahren, die Pforten der Basilika wie gewöhnlich und ging in seine in der nächsten Nähe liegende Wohnung. Um 21.30 Uhr machte er eine Runde durch die Kirche, ohne etwas Auffälliges zu bemerken, außer daß der Sakristan Jean Gambarelli, ein 22jährigcr kräftiger Bursch, der nachtfl immer in de Sakristei schlief und den Rock bewachte, noch nicht da war. Daher trat er um Mitternacht abermals eine Runde an. Bei dieser wurde er vermeintlich, kaum als er die Kirchentür geöffnet hatte, von einem verborgenen Individuum angefallen und mit einem Totschläger auf den Kopf geschlagen. Im Blute liegend, wurde der Hüter der Basilika auf seine Hilferufe gefunden, ohne daß sich eine Spur des Täters zeigte. Die Polizei hat eine Untersuchung über diesen bis jetzt reichlich mysteriösen Fall eröffnet. Wahrscheinlich hat sich die wundersame Geschichte so zugetragen, daß der W ächter vor Schreck das Opfer einer Halluination wurde und sich beim Fallen die blutigen Verletzungen zugezogen. Jedenfalls konnte ärztlich kein Schlag mit einem Totschläger festgestellt werden. 161. Trmii6 43-13 M6iro Pigaile Deutsche Poliklinik Paris, 62., Rue de la Rochefoucauld a) Allgemeine Konsultationen mit 9 Spezialisten, b) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshilfliche Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9—12 und 2—8; Sonntags und Feiertags von lO— 12 und 2—4 Uhi Dr. Ss»eclaliste ^6, rue de Rivoli— M^lroChaieie RADIKALE HEILUNG von BLUT.» 1AUT* and FRAUENKRANKHEITEN Heilang von Krampfadern and offenen Beio«anden Neueste Behandlungsmethoden Elektn- zität Imptungs verfahren Trypahe rine» Einspritzungen Blut* und Harn-Untersuchungen Sper- makuitur. Salvarsan. Wismut usw. Sprechstunden täglich von 10— 12 und von 4—8 Uhr Sonntags von 9—12 Uhr Konsultationen von 25 Fr. ah. 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Auf dem Kongreß der National- Vereinigung der ehemaligen Frontkämpfer in Metz wurde eine Entschließung angenommen, die die französische Saarpolitik betrifft. In ihr werden sofortige Sicherheitsmaßnahmen für Personen und Vermögen im Saargebiei gefordert. Die Entschließung verlangt die unbedingte Abhaltung der Volksabstimmung zu den in Versailler Vertrag vorgesehenen Bedingungen, damit nicht— wie es weiter heißt- in der Nachbarschaft des wiedergewonnenen Elsaß-Lothringen durch den Willen der Diplomaten und ohne Rücksicht aus den Willen der Saar- bevölkerung ein neues Elsaß-Loihringen geschaffen werde. Schließlich wird noch betont, daß die durch die Volksabstim- mung zu bestimmende politische Gren,ze mit der Wirtschaft- lichen Grenze zusammenfallen müsse, so daß also die mit Deutichland abgeschlossenen Handelsverträge auch für das Saargebiet gelten müßten. Aus Hamburg erhalten wir folgende Mitteilung:„In Hamburger Automatenrestaurants ist diese Warnung angebracht worden:„Mit Konzentrationslager wird auf Veranlagung des Senats jeder be- straft, der falsche oder alte Zehnpsennigstücke benutzt." Tag so etwas bei dem allgemeinen moralischen und wirtschaftlichen Ausschwung noch vorkommen kann! Wahrscheinlich sind die Täter Marxisten, Freimaurer oder- galizische Juden. Saarländer. Ihnen haben Verwandte geklagt, sie könnten ihr Geld bei der Sparkage in Köln nicht abheben, weil man ihnen sagte, die Regierung wünsche, daß man ihr das Geld ein Jahr lang zur Ber» sügung stelle, also auf dem Konto lasse. Di« Leute fürchten nun als Saboteure zu gelten, wenn sie eine Abhebung machen. Das ist sehx interessant. Wir glauben Ihnen gerne, daß dieser Vorgang die Be, geisterung Ihrer Verwandten für das System, das sie hesbeiführen hglsen, gedämpft hat. H. 2. Madrid. Nur kein« Sorge um unser Deutschtum. Ausbür» gern kann man uns, aber doch nur sormalrechtlich. Teutschland lebt in uns und mit uns überall.„Das einzige Mittel deutsch zu blel» ben, ist— deutsch zu fein." H. G., Warschau. Warum sollen die Russen nicht 300 000 Schallvlatten mit Schlagermelodien bestellen? Früher waren allerdings die„bürgerlichen" Schlager verpönt. Wenn man jetzt etwas lockerer wird, spricht das wohl auch dafür, daß sich der Bolschewismus sicherer fühlt als früher. H. Gens. Ihrem Briese entnehmen wir:„Der Führer der deut» schen Arbeitsfront, Dr. L e y, hat in seiner Red« in der Krolloper Berlin u. a. gesagt, es hätte keinen Zweck, böswillige Unternehmer zu bestreiken, solche Leute müßten einfach sterilisiert werden. Diese? Wort hat in der ganzen Welt ein lebhaftes Echo gefunden. In Genf erzählt man sich, daß in italienischen Kreisen die Auffassung vertreten wird, Herr Ley käme wieder auf die Internationale Arbeits» konferenz, wenn man ihm verspricht, daß ein internationales Ueber» einkommen über die Sierilisierung der Unternehmer verabschiedet wirb." Wiuterthur. Sie schreiben unS:„AIS Leser Ihrer wertvollen Zei- tung erlaube ich mir, Ihnen zu sagen: Obwohl in vielem wir nicht mit Ihnen einiggehen können, kaufe ich die„D. F." doch täglich. Manchmal möchte man unser» so diplomatischen Schweizerzeitungen einen Ihrer Tatsachenberichte hinhalten und ihnen geradezu beseh- len, auch so zu schreiben, ober leider geht das nicht. Man muß sich immer und immer wieder sragen ist das möglich, ist das wirklich und wahrhaftig, was heute in Deutschland geschieht? Es ist für uns Schweizer sehr schwer, wenn nicht überhaupt unmöglich, sich die Heu- tigen Zustände dort auch nur einigermaßen vorzustellen und vor allem zu verstehen. Wenn schon ich kein Sozialdemokrat bin, möchte ich Sie doch grüßen mit einem: Und dennoch Freiheit!" Wir nehmen Ihren Zuruf gerne alS unsere Losung auf: Dennoch! Reifender Lothringen. Ein von Ihnen eingesandter Zeitungsaus- schnitt meldet:„Zehn Millionen polnische Eier, die nach Spanien eingeführt werden sollten, können aus Grund einer Ankündigung des spanischen Landwirtschafisministers, daß die Einsuhrquote für Eier bereits überschritten sei, nicht nach Spanien herein. Da die Eier zum größten Teil bereits schlecht geworden sind, werden sie voraussichtlich ins Mittelländische Meer geschüttet werden." Die kapitalistische Zeitung, die das meldet, hat drüber gesetzt„Faule Eier". Wenn es nicht so viele faule Gehirne gäbe, wären Zustände nicht möglich, die wichtigste Nahrungsmittel oerderben lassen, wäh- rend ungezählte Millionen Menschen hungern. An mehrere. Der frühere kommunistische Abgeordnete Dr. Neu- Hauer ist noch immer im Konzentrationslager Er ist Kriegsbeschä- digter. Jetzt wird er von jungen Burschen zur Zwangsarbeit ge- führt, die bei Kriegsausbruch noch vorschulpflichtig waren. Neubauer ist bei seiner Verhaftung am 3. August furchtbar mißhandelt wor» den. Im Reichstagsprozeß wurde er alS Zeuge aus der fiaft vorgeführt worden. Er hat sich im Prozeß recht tapser gehalten. Gerade darum wird ihn Göring wohl weiter schinden lassen. Sein Schicksal beschäftigt neben dem Ossieykys, Renns und anderer mehr und mehr die Weltpresse. Er ist jetzt in dem Konzentrationslager Eschwege, wo er oft bis on den Hüften im Sumpf arbeitet. Sein Leben ist be- droht. Man muß sein« Freilassung fordern. Für ben Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P i tz In Dub- weil«: für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Bolksstlmme GmbH„ Saarbrücken 8, Schützenstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken.