Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nummj 110— 2. Jahrgang Saarbrücken, Dienstag, 15. Mai 1934 Ans dem Inha lt Statin mied, uttcuhig Seite 3 lüec bezahlt die deutsche Aufrüstung. Seite 4 Die Stimmung im Reiche Seite 7 'Jxazeß Xaula H)allisch Seite 7 .Ihalmann des Todes sdmlflif Der große Kommnnistenprozeß- Es werden Todesurteile defordert Verlin, 14. Mai. Aus der„Deutschen Wochenschau" macht ein Aufsatz die Runde durch die ganze nationalsozialistische Presse, der die legale Ermordung des Kommunistenführers Thälmann fordert. Sowohl in der erwähnten Zeitschrist wie in den nationalsozialistischen Zeitungen trägt der Auf- kotz die Ueberschrift:„Thälmann des Todes schuldig". Es wird der Beginn des Prozesses gegen den Kommunistenführer angekündigt und das Todesurteil ge- fordert. Da Thälmann nach der Beiseiteschiebung des Reichsgerichts vor das neue rein politisch zusammengesetzte Volksgericht gestellt werden wird, ist die Presseaktion der Beginn eines Massendrucks auf die Richter, unter allen Um- ständen ein Todesurteil zu fällen. Man will eine Niederlage des Regimes, wie sie im Rcichstagsprozeß vor der ganzen Welt offenbar wurde, vermeiden. Dieser Gedankengang übersieht allerdings, daß ein Bluturtcil, für das auch im Falle Thälmann keine Unterlagen vorhanden sein werden, noch größere Schande für das„dritte Reich", zumal im Auslande, bedeuten würde, als die Einkerkerung, die monatelange Fesselung Unschuldiger und die Roheiten des preußischen Ministerpräsidenten gegen wehrlose Angeklaate im Leipziger Prozeß. Es scheint so, als begriffen das manche Leute in der Reichsregierung sehr wohl, und als ob deren Gegner die Rachegefühle roher Massenkräfte gegen ver- nünktige Erwägungen mobilisieren wollen. AuS kraftmeierischen und unvorsichtigen Reden Thäl- manns, an denen freilief) kein Mangel ist, will man eine persönliche Verantwortung für kommunistische Terrorakte, insbesondere für Morde herleiten, an denen Kommunisten beteiligt waren. Daß im Grunde nichts gegen Thälmann vorliegt, geht aus folgendem Abschnitt des Aufsatzes hervor: Wenn auch die KPD. meisterhaft bei allen ihren Aktionen die Spuren zu verwischen suchte, in dem Falle Thälmann handelt es sich nicht nm die Verantwortung für eine Einzeltat, sondern für unzählige Bluttaten, um die Verantwortung für eine Methode politischer Verhetzung, die Deutschland jahrelang einem Zustand des Bürger- kriegs überantwortet hat. Es kommt nicht darauf an, ob ein direkter Befehl an diese oder jene untergeordnete Stelle ergangen ist, trotz- dem selbstverständlich auch das sehr leicht nachweisbar ist. ES kommt daraus an. ob die oberste KPD-Führung und Thälmann selbst den Anstoß zu dem Terror gegeben haben und ob sie ihn nachträglich in Wort und Schrift guthießen. Unter anderem wird Thälmann für den Blutsonntag in Altona, der 17 Todesopfer forderte, verantwortlich gemacht. Der sozialdemokratische Polizeipräsident Eggerstedt, der damals den nationalsozialistischen Umzug erlaubte, in dessen Verlauf es zu den schweren Schießereien zwischen Nazis und Kommunisten und zum Einsatz von Polizeikrästen kam, ist bekanntlich vor einiger Zeit im Konzentrationslager er- mordet worden. Nun soll die Rache an dem Kommunisten- führer folgen. Der bevorstehende Prozeß soll noch einmal die Welt glauben machen, daß die Nationalsozialisten Deutschland vor dem Bolschewismus bewahrt haben und Thälmann soll als der Inbegriff bolschewistischer Morblust dargestellt werden. Gegen den Kommunistcnführer ist sehr viel einzuwenden. Vor allem dies: er hat weder die intellektuellen noch die charakterlichen Fähigkeiten, die an einen Mann gestellt wer- den, der eine so hochentwickelte Arbeiterklasse wie die deutsche führen soll. Das festzustellen wird uns die ge- heuchelte Entrüstung kommunistischer Journalisten nicht hindern. Verlogen und v^roht aber ist es, Ernst Thälmann zu einem Mordbrenner stempeln zu wollen. Der geplante Prozeß soll die von verblendeten Rache- Politikern für notwendig erachtete Ermordung ThälmannS legalisieren und dem Volk ein großes Schauspiel zur Ab- lenkung von den täglichen Notzuständcn bieten, soll außer- dem die vielen Millionen Gegner des SnstemS einschüchtern und niederhalten. Der Prozeß wird das Gegenteil von dem erreichen, was beabsichtigt ist. Er wird die Revolutionierung in^ ich- land beschleunigen. Das System hat kein Glück mehr, und Blut und Schrecken werden das Glück nicht zurückbringen. Die Sozialisten aber haben die Pflicht, mit allen zu- sammenzustehen, die Thälmanns und seiner Kameraden Rettung vor den Blutrichtern und Henkern des deutschen Reichskanzlers fordern und betreiben. Thälmann und seine Mitangeklagten, gegen die nichts vorliegt als kämpferische Reden, wie sie viel terroristischer vom Reichskanzler selbst und taufenden seiner Unterführer gehalten wurden, sind in höchster Lebensgefahr. Die öffentliche Meinung der zivili- sierten Welt muß gegen die Justizbarbarei des„dritten Reichs" aufgerüttelt werden, um Justizmorde an den kom- munistischen Führern zu verhindern. Keine Naiiunf f ormen In kofbolisdien Kirchen Versöhnliche Rede des Gauleiters von HO n Köln, 13. Mai. Vor kurzem ist der katholische Regie- rungspräsident zur Bonsen nach Stettin versetzt worden. An seine Stelle trat der frühere Leiter der Geheimen Staatspolizei Diels. Noch ehe dieser Gelegenheit hatte, in die schweren Auseinandersetzungen einzugreifen, die ge- rade im Rheinland zwischen katholischer Kirche und Ratio- nalsozialismus um die katholische Jugend geführt werden, hat der Gauleiter und Staatsrat G r o h e in dem Städtchen Waldbröl im Siegkreis eine Rede gehalten, die auf ein Einlenken der Nationalsozialisten hinzuweisen scheint. Laut dem„Westdeutschen Beobachter"(Nr. 205) sagte er: Die Kirche Hobe bis in die jüngsten Tage es ungern ge- sehen, daß Volksgenossen mit der Uniform der national- sozialistischen Bewegung in der Kirche erschienen seien. Sie habe auch mehrfach erklärt, daß das Mitbringen von Fahnen der NSDAP, in die Kirche nicht gestattet werben könnte Die NSDAP, sei immer bestrebt gewesen, den Wünschen der Kirche lo weit als möglich entaegenzu- kommen. Es sei deshalb richtig, wenn alle Parteigenossen in Zukunft ihre Kirchcnpslichten in ziviler Kleidung er- füllen nnd die Uniform nur außerhalb der Kirchen tragen würden. De NSDAP, habe sich immer mit Recht dagegen ge- wandt daß das Zentrum die Kirche zu seinen politischen Zwecken m.ßbrauche. Die NSDAP, dürfe sich auch nicht den Atschein geben als wolle sie heute durch den Besuch der Kirche i Unsiorm dasselbe tun, was sie früher mit Recht den konfessionellen Parteien vorgeworfen habe. D>e Vertreter der Kirche hätten ihre Geistlichen ange- w-eien Anträgen auf Abhaltung von Feldgottes- d i e n st c n nicht stattzugeben, weil durch die übliche Teil- nähme vo.r Katholiken und Protestanten an solchen Feld- aortcSd°cnsten die konfessionelle Verschiedenheit verwischt werden könnte. Auch in dieser Beziehung wolle man der Sorge der Kirche durchaus Rechnung tragen, und zwar da- durch daß in Zukunft Feldgottcsdienste nicht mehr in die Veranstaltungsprogramme ausgenommen würden. Im übrigen läge e» auch ganz in der Richtung des natio- nalsozialistischen Wollen? das Braunhemd als Symbol der Gemeinschaft aller Deutschen ohne Rücksicht auf Kon- fession"n zu betrachten und ebenso bei nationalsozialistischen Veranstaltungen alle trennenden Momente, wie sie ja auch im Konfessionellen lägen zu vermeiden. Bei dieser versöhnlichen Geste darf aber nicht übersehen werden, datz sie ein talsächliches Entgegenkommen an die Forderungen der Kirche noch nicht bringt. Es bleibt bei den Verboten des Uniformtragens, der öffentlichen Auf- märiche. des Sports und aller Betätigungen nichtreligiöser Art für die kcnfessioinellen Iugendvereine. Die Rede Brahe; ist veranlaßt durch die große Unzufriedenheit im Rheinl-inde. wo die Nationalsozialisten längst wieder nur eine Minderheil im Volke geworden sind. Katholische„Aasgeier" Eine Beschwerde des Bischofs von Berlin Die„Oberschlesische Volkszeituny" bringt einen Bericht über eine Versammlung der Hitlerjugend in Hindenburg. den sie mit folgender Ueberschrift versieht:„Ammerlahn gegen die Aasgeier der Nation.— Der Obergebietsführer Ost der HJ. wider die Zwietracht.— Da s Lager der Ver- Fortsetzung siehe zweite Seite. Gestern und heute „Was aber den jegigen Aufschwung betrifft, so verdient ein Teil der neueingestellten Arbeiter vorläufig nicht sehr viel mehr als Lohn als zuvor an Arbeitslosenunterstügung." In welchem Hetzblatt stand das schon wieder? In der .,Frankfurter Zeitung" vom 13. Mai, Handelsteil, Seite 5— in einem langen Artikel gut versteckt, aber doch nicht eben unauffindbar. Das ist noch präziser ausgedrückt, als wenn man bloßt sagt, „daß diesen vier Millionen nicht die Löhne bezahlt werden, die ein der Kulturhöhe des deutschen Volkes entsprechender Lebensstandard bedingt und daß das Los des Arbeiters noch nicht das menschenwürdige Kulturniveau erreicht hat". Immerhin, für Herrn Dr. Göbbels ist solch ein Zugeständnis allerhand. Er hat äs in seiner legten großen Rede im Sportpalast machen müssen. Am kräftigsten war es freilich, als einer schrie:„Den deutschen Arbeitern werden heute Hungerlöhne gezahlt— im Interesse des nationalen W iederaufbaus." Der dies, halb ergrimmt, halb beklommen zugab, war Herr Dr. Ley, Führer der Deutschen Arbeitsfront. Er sagte es vor mehr als einem Monat, und wie man sieht, ist es inzwischen nicht besser geworden. lind dann wundern sich manche Leute, wenn auf der Werft von Blohm u. Voß in Hamburg nur 23 Prozent der Belegschaft für die Naziliste stimmten, die zugleich die Liste des Unternehmers ist; wenn es bei Siemens u. Halske in Berlin auch nur etwa 30 Prozent waren und auf den Zechen des Ruhrgebiets gar nur vier bis zehn. Ja, wer von der deutschen Arbeiterschaft nur gehört hat, daß sie„dem Führer zugejubelt", der muß sich freilich mächtig wundern: Hitler hat in den deutschen Betrieben anscheinend im Durchschnitt nur ein Viertel der Arbeitet hinter sich. Die übrigen drei Viertel, von denen Herr Dr. Göbbels zugab, daß sie noch kein menschenwürdiges Kulturniveau erreicht hätten, sind offenbar dieselben, von denen er in der gleichen Rede sagte:„Sie haben an allem etwas auszusagen. Sie kleben sich an die lächerlichsten Kleinigkeiten." Darum, sagte Göbbels, soll man Opfer bringen. Der Unternehmer so gut wie der Arbeiter, der Arbeiter so gut wie der Unternehmer. Dieser Göbbels merkt schon gar nicht mehr, wie geläufig er bereits den Unternehmerjargon spricht. „Frollein," sagt der Chef,„Sie müssen nicht gleich ein Gesicht ziehn, wenn Sie mal ne halbe Stunde länger bleiben müssen. Ich rackere mich täglich vierzehn Stunden für den Betrieb ab und sehe auch nicht auf die Uhr." Seht ihr: Der Unternehmer bringt wirklich Opfer für seine— des Unternehmers— Sache. Da kann er wohl verlangen, daß auch der Arbeiter Opfer für seine— des Unternehmers— Sache bringt. Das nennt man die trennenden Unterschiede beseitigen. Und darum, so meinen Hitler, Göbbels und Ley, sei es schließlich doch keine übertriebene Zumutung, wenn der Arbeiter eine Zeitlang seine Arbeitskraft fast umsonst verkauft. Es geschieht ja im Interesse des nationalen Ausbaus. Ja, im Interesse dieses Aufbaus würde der Arbeiter seine Arbeitski aft wahrscheinlich gerne für geringes Entgelt in den gemeinsamen Topf werfen. Wenn er wüßte, daß es sein Topf und sein Aufbau sei. Statt dessen sieht er nur das alte, trübselige Geschäft, das man seit Jahrzehnten kennt: Verkauf der Ware Arbeitskraft zu gedrückten Preisen. So gedrückt wie noch nie. Das Materielle an dem Vorgang ist schlimm. Das Moralische vielleicht noch schlimmer. Die Arbeitskraft ist des Arbeiters einziger Besig. Man mutet ihm zu, ihn für einen Bettelpfennig herzugeben. Kein Minister, kein Unternehmer kann nachempfinden, was das für die Selbstachtung des Arbeiters bedeutet. Ihre Geltung in der Gesellschaft ist dugendfach gesichert durch Besig und sozialen Einfluß. Die Geltung des Arbeiters hängt von der Geltung seiner Arbeitskraft ab. Sinkt diese ab. dann sinkt er ihr auf die Dauer unweigerlich nach. Diese Senkung ist unter Hitler in vollem Zug. Kein Gerede von„vorübergehenden Opfern" kann die Arbeiter darüber täuschen. Darum— das stellt sich jegt bereits heraus— ist das„Geseg zur Ordnung der nationalen Arbeit" ein schwerer Fehlschlag gewesen. Ein Fehlschlag, weil die Täuschung mißlang. Argus Jorksetzung von der I. Seite. Ieumder wird aufgedeckt.— Gegen die schwarzen Wühl- mause.— Auch jeder Katholische oberschlesische Junge in die HJ." Das„K a t h o l i s ch e K i r ch e n b l a t t" für das Bistum Berlin bringt den Wortlaut des Berichts und die darin enthaltene Rede des Obergebietssührers Ost der HJ., Ammerlahn. Bericht und Rede strotzen von den schlimmsten Ausfällen gegen die„schwarzen Wühlmaus e", deren Ziel es fei, die werdende deutsche Einheit zu ver- Nichten. Das„Katholische Kirchenblatt" versieht seinen Bericht mit folgender Einleitung: „2. Exzellenz, der Hochwürdigste Herr Bischof Dr. Bares, bat sich ui dieser Angelegenheil beschiverdesührend an den Herrn Rcichsminister des Innern, sowie mit Abschrist an den Herrn R e i ch s k a n z l c r, an den Herrn Bizekanzlcr v. Papen und den Herrn Ministerpräsidenten Göring gewandt. Auf verschiedene Anfragen gibt das Bischöfliche Ordinariat bekannt, daß T. Exzellenz über das Ergebnis der vom Herrn Rcichsminister des Innern veranlagten Untersuchung noch keine Mitteilung gemacht i st." Sturmtrupps Legen VomsMröiC Der Minister für die Rohlinge Dresden, 13. Mai. Ter sächsische Minister des Innern hat alle weiteren Versammlungen der Gcmeindcbcwcgung „Evangelische V o l k s k i r ch e" aus dem Gebiet des Freistaates verboten. Diese Bewegung verfolgt die gleichen Ziele ivie die freien Synoden in Westdeutschland und Berlin-Brandenburg. Zu einer Versammlung in einem Vorort von Dresden, in der Superintendent Hahn, der Führer des sächsischen Pfarrernotbundes, über kirchliche Fragen sprach, verschaffte sich ein Sturmtrupp der Deutschen Ehristcn gewaltsam Zutritt und unterbrach den Redner durch Zwischenrufe und Lärmen. Schlicstlich verbot ihm ein' in Zivil erschienener SA.-Führer das Weitcrsprcchen. Die Störungen nahmen zu, und die Polizei schritt zur Aus- lösung der Versammlung. In ähnlicher Art wurde auch in anderen Städten in die Versammlungen der Bekenntnis- bewcgnng eingegriffen, in Chemnitz sogar eine ätzende Flüssigkeit ausgespritzt. Das Jnnenministe- rium antivortct darauf„aus Gründen der öffentlichen Ruhe und Ordnung" mit dem Vc sammlungsverbot, das den an- gegriffenen Teil ins Unrecht versaht. Tie öffentliche Tätig- feit der„Evangelischen Volkskirche ist damit lahmgelegt, da ihr auster dem gesprochenen Wort kein anderes Mittel mehr zur Verfügung gestanden hatte. Ribbercfrops PEßerioSg Sein Bericht in Berlin Berlin, 14. Mai. Ter Bevollmächtigte für Abrüstungsfragen von R'bbentrop hat dem Reichskanzler Bericht über seine Reise nach London erstattet. Die Presse hat Anweisung erhalten, sich mit der Reise von Ribbcntrops nicht viel zu beschäftigen, da sie nur rein informatorischen Charakter ge- tragen habe. In Wahrheit ist man über die Ergebnisse des Besuches enttäuscht. Von Ribbcntrop ist in London sehr kühl empfangen worden. Es wurde im klar.gemacht, wie sehr der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund die' Ab- rüstungsverhandlungen gehemmt und kompliziert und die Ausrüstung Deutschlands die Spannung in Europa vermehrt habe. Trotz der zur Schau getragenen Selbstsicherheit wachsen die Sorgen der Reichsregierung auch in der Rüstungssrage, da sie sich sehr wohl bewußt.ist baß ihr bei einem allgemeinen Wettrüsten bald der Atem ausgehen muß. Saardehattcn in 6cnl Strafbestimmungen werden festgesetzt Genf, 13. Mai. Die Ausschüsse für die Saarsragcn find in sicbcrhaster Tätigkeit. Es haben sich dabei aber soviele Meinnngsver- schiedenheiten herausgestellt, daß die Möglichkeit besteht, daß der Völkerbund die ganzen Taarangelegenheiten erneut nach- prüfen läßt und daher in seiner Maitagung von der Tages- ordnnng absetzt. Der Juristenansschuß ist beim Hauptausschnß ans grundsätzlich andere Auffassung gestoben, besonders in der Frage der„bezirksweisen" Abstimmung. Es scheint, daß der Hauptausschust die Abstimmung nach Bürger- meistereien als mit dem Versaillcr Vertrag im Ein- klang stehend betrachtet, während der Juristenansschuß mehr an den im Saargchiet bestehenden kommunalen Kreisein- teilungen festhalten wollte. Die Sitzungen der Ausschüsse find streng geheim, so daß es außerordentlich schwer fällt, näheres über die Vorgänge und Besprechungen zu erfahren. Man hört aber, daß der Sach- ver ständigen-Ausschuß neben der Bildung von Ab- stimmungsgerichtcn sich auch schon mit S t r a s b e st i m- mungen besaßt habe für Verstöße gegen Wahl- Handlungen, die ans hohe Geldstrafen lbis»000 Fr.) und bis sechs Monate Gefängnis lauten sollen. Der französische Außenminister R a r t h o u ist in Genf eingetroffen. Es steht fest, daß er sich persönlich um die S a a r f r a g e bemüht. An der Ausschußfitzung am Montag wird er teilnehmen. Frankreich greift in der Saar- frage also energisch ein, während Hitler mit seinem„dritten Reich" durch den Austritt aus dem Völkerbund sich der Mög- lichkeit selbst beraubt hat, in Gens und in der Saarfrage ein gewichtiges Wort mitzureden. Ncnes polnisches Kabinett Professor Dr. Kozlowski Warschau, 13. Mai. Am Sonntag fand eine Sitzung des polnischen Ministerrates statt. Anschließend begab sich Ministerpräsident Iendrzejewicz aus das Schloß zum Staats- Präsidenten, dem er im Namen der ganzen Regierung das Nückirittsgesuch überreichte. Das Gesuch wurde vom Staats- Präsidenten angenommen. Mit der Bildung des neuen Ka- binctts wurde Professor Dr. Leon Kozlowski beauftragt. Tie Bildung des neuen Kabinetts wirb bereits Tonntag erfolgen. Dr. Leon Kozlowski ist Professor an der Universität War- schau. Er war früher Minister für Agrarreform und Unter- staalssekretär der Finanzen im zurückgctxetcncn Kabinett. Ter regierungstreue„Kurier Poranuy", der den Neg'erungS, Rücktritt Sonntag morgen ankündigte, will missen haß der zurückgetretene Ministerpräsident ans Gesund^-^rückO^üu» eines längeren Erholungsurlaubes bedarf. Man fürchtet sich..» vi« deutsche Diktatur im holländischen Urteil Wir entnehmen aus„De Nieuwe Notterdamsche C o u r a n t": „Die Einsetzung des Volksgerichtshofes für Hoch- und Landesverrat in Deutschland gibt zu denken. Wir erblicken darin dieselbe Mentalität, welche zu der Ernennung Himmlers zum Ches der Geheimen Polizei führte, und die Göring Veranlassung gab, den Staatsfeinben strengere Maß- nahmen anzukündigen. Man hat es den Nazis bei der Er- oberung der Macht ein bißchen zu leicht gemacht. Es glich zuletzt einem unbezwingbaren Siegeszug. Alles wich vor ihnen und die wenigen, die sich noch widersetzten, wurden sehr schnell in Konzentrationslagern unschädlich gemacht. Das Hakenkreuz schien auf der ganzen Linie gesiegt zu haben. Tat- sächlich die Ueberrnmpelung war gelungen,' als man aber einmal die Macht in Händen hatte, schon der Widerstand doch noch nichc ganz tot zu sein... Wenn man nämlich, nachdem man den Gipfel der Macht erklommen hat, noch das Bcdürf- niS fühlt, den geschlagenen Feind zu vernichten liuuj... t ihn. Man verfügt über alle Macht, aber doch fühlt man sich nicht sicher. Darum wirb die Justiz, die bisher noch in ge- wissen Grenzen ihre Unabhängigkeit bewahrt hatte, nun ganz zu einem Bestandteil der Politik. Durch die Einsetzung des Volksgerichtshofes wird sie von einem Rechts- zu einem Machtinstrument. Für politiiche Verbrecher oder zumindest dem. was man dort darunter versteht, soll es in Zukunft kein Recht mehr geben, sondern nur noch eine„rächende Gerechtig- teil". Einen Verteidiger mag das Opfer zum Schein'noch haben, aber das Gericht muß ihn genehmigen, und einö Untersuchung ist überflüssig, wenn der Staatsanwalt das sur unnötig befindet. Der Gerichtshof selbst besteht aus drei Parteigenossen und zwei Vertretern der gerichtlichen Macht. Zwar können die drei Laienrichter die anderenZormcll nicht überstimmen, da nicht nach der Mehrheit von Stimmen das Urteil gefällt wird, aber es würde von den beiden Berufs- richtcrn zuviel verlangt sein, deren Existenz von dem Mit- heulen mit der Regierungsmacht abhängt, daß sie gegen den Beschluß der Partei, die mit dem Staat natürlich unter einer Decke steckt, protestieren. Praktisch läuft die Einsetzung des Volksgerichtshofs darauf hinaus, daß der Angeklagte sich vor seinen politischen Feinden zu verantworten hat, die vorein- genommen Recht sprechen werden, was sie Recht nennen, aber ivas in den Augen der Menschheit in vielen Füllen Ungerechtigkeit sein wird. Mit jedem Schritt, den der National- sozialismus unternimmt, um seine Position zu behaupten, wendet er sich weiter ab von der gangbaren Moral in West- europa. Mit der Verfolgung der Nichtarier weckte man gleich die Antipathie des Westen» Die Art und Weise, auf die man politische Gegner behandelt und das Verhalten Oester- reich» gegenüber verschärften diese Antipathie noch. Dazu kommen nun noch die Leugnung der Schulden und die Ver- gewaltigung des Rechtes. Man kommt vom Bösen zum Schlimmeren, und dennoch wundert man sich, daß nicht jeder in tiefer Bewunderung mir einstimmt in das Hcilgeruse der Hitlerianer." Zwei Gasometer eiploceri! Viele Tote und Verlerne Hongkong, 14. Mai. Auf einer der westlichen Inseln der Stadt flogen zwei Gasometer in die Luft. Man befürchtet, daß hierbei zahlreiche Menschen ums Leben gekommen sind. Tie Explosion war so heftig, daß die Häuser der Umgebung völlig zerstört wurden. Die Explosion hatte viele Brände im Gefolge, an deren Bekämpfung die Feuerwehr mit allen Kräften arbeitet. Hongkong, 14. Mai. Das schwere Explosionsunglück hat bis letzt 20 Tote gefordert. Etwa 100 Verletzte liegen in den Krankenhäusern. Wie nunmehr feststeht, ist nur ein Gaso- meter in die Luft geflogen, doch handelt es sich um den größten Gasometer von Tüdchina. Ueber die Ursache des Sit-Mann ermorde! Geheimnisvolles Verbrechen fDNB.i Lünen, 14. Mai. Die Kriminalpolizei teilt mit: Am Sonntagmorgeu gegen 6 Uhr fand ein Anwohner, als er sciM. Kühe in den W?lh irjeb, in Lünen-Horftmar eine männliche Leiche und rief die Polizei. Kurze Zeit danach fand ein anderer Fußgängen etwa einen Kilometer von der genannten Stelle entfernt, eine weitere männliche Leiche. Beide Leichen wiesen Schubverletzungen auf. Nach 3 Uhr nachts waren von Anwohnern mehrere Schüsse vernommen worden. ES handelt sich bei den beiden Toten um den SA.- Mann Erich Tcßmar aus Lüncn-Horstmar und um einen gewissen Karl Frölich, ebenfalls aus Lünen-Horstmar. Tic Ermittlungen zur Aufklärung der Bluttat haben ergeben, daß SA.-Mann Erich Tcßmar von dem früheren KPD.- Angehörigen Frölich durch fünf Schüsse in den Rücken ge- tötet worden ist. Der Mörder bat sich nach der Tat ent- fcrnt und dann sich selbst gerichtet. Bei der Leiche des Frölich wurd nezwei Pistolen und eine Menge Munition gesunden. Zuchlaus ihr„ncchvcrraf Die Einfuhr illegaler Schriften Kassel, 13. Mai. Der Strafsenat des OverlandeSgcrichts Kassel wendete in einer Verhandlung wegen Vorbereitung zum Hochverrat zum erstenmal die strafvcrschärfendcn Be- stimmungcn des Gesetzes vom 24. April 1034 gegen die Frankfurter Kommunisten Heinrich Weingärtner und die Brüder Emil und Hans Miltenberger an. Wein- gärtner und Emil Miltenberger hatten kommunistische Druckschristen aus Basel eingeführt. Weingärtner erhielt fünf Jahre Zuchthaus und zehn Fahre Ehrverlust, Emil Milienberger drei Fahre Zuchthaus und fünf Fahre Ehrverlust. Hans Milienberger, der kommunistischer Verbindungsmann zwischen der Bezirksleitung und dem Stadtteil Riederwald gewesen war, erhielt ein Jahr Gefängnis. 4? Der„Rote Massenselbstschutz" Breslau, 13. Mai. Der Erste Strafsenat des Oberlandes- gcrichts Breslau verurteilte in einem Verfahren gegen 47 Angeklagte aus Petersdorf im Ricscngebirgc und Umgebung wegen Vorbereitung zum Hochverrat bzw. Verabredung zum Hochverrat und Vergehens gegen das Tprengstofsgefctz 35 Angeklagte zu Gefängnis- oder Zuchthausstrafen von sieben Monaten bis z« fünf Fahren und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte aus die Tauer von je fünf Jahren. Bei einem Angeklagten wurde die Ausweisung aus dem deutschen Reichsgebiet für zulässig erklärt. 12 An- geklagte wurden freigesprochen. Die Angeklagten ge- hörten dem„Roten Massenselbstschutz" an. „Kriegskasse'* für Polizei Rüstungen gegen das Verbrechertum London, 14. Mai. Das amerikanische Justizministerium erwägt, wie aus Washington gemeldet wird, die Schassung einer Kriegskasse von 2,5—8 Millionen Dollar für die Ver- ftärknng der Bnndespolizei um 27» Mann, 20 Panzerwagen, 200 schnelle Polizeikraftwagcn, Maschinengewehre, Gewehre und kugelsichere Westen. Wie zeitgemäß dieser Plan ist, zeigt eine Meldung aus Tucsonliü,sche annttfer Staates untergeordnet habe. Hier und da unterstreicht üfitimt T» i"* i»' w"'''•*"" man jedoch, daß das Vertrauensvolum wen'ger der Politik der Regierung gelte, als dem Leiter der Partei Herriot. . Säuberung" Präsident Daladier das Wort. Er verwahrte sich gegen die Angriffe, die gegen ihn im Zusammenhang mit den blutigen Straßenkämpfen vom 6 Februar erhoben werden. Wenn die Regierung, so erklärte er, Anweisung gegeben hätte, zu schießen so würden nicht 17. sondern Hunderte von Toten zu beklagen gewesen sein. Tie Finanzlage sei zu diesem Zeit- punkl äußerst kistisch gewesen, und die Regierung habe vor dem Entschluß gestanden, die Goldausfuhr überhaupt zu ver- bieten. Wenn sich zu den finanziellen Schwierigkeiten noch andere gesellt härten, so würde das unweigerlich die Franken- entwertung nach sich gezogen haben. Taladier trat für ö'e Auflösung der rechtsgerichteten Organisationen ein. weil seiner Ansicht nach die Organisationen mit Maria Fabbrane, Padua, Uöine und Turin. Besonders scharf äußert sich die Unzufriedenheit die in den großen Städten und Industriezentren vorläufig noch durch einen phantastisch auf- geblähten Polizeiapparat niedergehalten wird, in den Ge- bieten der Unterdrückten nationalen Minderheiten: so auch in den slowenisch besiedelten Randprovinzen und aus den im italienisch-türkischen Krieg eroberten Inseln des Todekanes. Unter dem Ruf:„Brot und Arbeit" manifestierten die Ar- beitsloscn in Sagrado sVenezia Giulias vor dem Gemeinde- büro. Sie entsandten, zuerst ganz friedlich, eine Kommission, die mit dem Podesta, dem Ortsgewaltigen verhandeln sollte. Natürlich wurde sie verhastet, worauf sich ein solcher Protest- stürm im ganzen Ort erhob, daß die numerisch schwache Po- lizei die Verhafteten wieder freizulassen genötigt war. In Kortnice bei Görz wurde ein Kleinbauer zu 400 Lire Geld- strafe verurteilt, weil sein Sohn den militärischen Vorbe- reitungskursus nicht besucht hatte, und, als er nicht zahlen konnte, gepfändet. Als man das erbärmliche Mobilar des Bestraften auf die Straße stellte, kam es ebenfalls zu schweren Zusammenstößen und zahlreichen Verhaftungen. In einem ähnlichen Fall in Kavran mutzten die Milizsoldaten sich an- gesichis der allgemeinen feindseligen Haltung der Bauern zurückziehen und die Pfändung eines Steuerschuldners auf- geben. Nicht völlig geklärt in Ursache und Umfang sind die Un- ruhen auf der Insel Rodhos, die zwar von der Stefani zu- erst dementiert, dann aber nicht nur von griechischen Blät- tern, sondern auch vom„Manchester Guardian" bestätigt wur- den. Ausgangspunkt war jedenfalls die Kommunalwahl in Salecchi— auf dem Todekanes wird im Gegensatz zum Mutterland noch die Gemeindevertretung gewählt— bei welcher die faschistischen Behörden natürlich eine ihrer Krea- turen durchzubringen Hofften, wofür aber den rodhenser Griechen das nötige Verständnis abging. Es kam zu Tumul- ten, zum Einsatz von Militär das mit einem Torpedoboot herangebracht worden war und sogar von Wasserflugzeugen, die Bomben auf Salecchi abwarfen und die Bewohner der umliegenden Orten hinderten. Hilfe zu leisten. Hunger und Elend gibt es überall,' auch die demokratischen Länder im kapitalistischen Wirtschaflsbereich sind von ihr, wir wissen, nicht verschont geblieben. Aber der Faschismus ver- sprach ja den Himmel aus Erden, die Bereinigung aller Not, wenn nur der Geist der nationalen Erleuchtung über das Volk komme und die Arbeiter die nötige Einsicht in die Not- wendigkeit unentwegten Lohnabbaues ausbrächten. Zwar war diese Einsicht nicht zu erzielen. Doch, sie wurde erzwungen,' in mehr als sechs Jahren blutigstem Bürgerkrieg erpreßt. Ter Bürgerkrieg ging vorüber, das Regime stabilisierte sich. Und trotzdem, nein gerade deshalb wird das Elend immer größer, die Krise fühlbarer als anderwärts. Das ist keine willkürliche Hypothese bösartiger Marxisten, das kann man bereits, wenn man zu lesen versteht, aus der faschistischen Presse herauslesen. Das erweisen auch die jüngst getroffenen Maßnahmen, um die durch wahnwitzige militärische Be- laftungen schwer erschütternde Staatswirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Herr Suvich ist wieder einmal verreist: diesmal nicht um den Habsburger den Weg in den Wiener Burghof zu bahnen, sondern um Gelbquellen zu erschließen. Italien braucht Aus- landskrediie, denn seine passive Außenhandelsbilanz gc- fährdet in Verbindung mit der Krise den Stand der Lire. Die Währungsstabilisierung ist jedoch eines der Prunkstücke der politischen Reklame des Faschismus, der seine Herrschaft in Zeiten des schwankenden Geldwertes angetreten haue und zudem durch ein Abgleiten der Lire die Vorteile der Dollarentwertung bei der Rückzahlung der umfangreichen Schulden in Amerika verlieren würde. Daher greift der Fa- schismus zu anderen Mitteln als das„dritte Reich", wird ut Rom Deflationspolitik versucht. Als erstes kam natürlich die Beschneidung der Staatsangestelltengehälter; angeblich von Ter SäiiberunaSauSschiib»--»eiwneioung oer«raaisangeueuieng-vliiter: uubcwuuj uu» Hot inzwischen seine Arbeiten fortae^ül nnv^^ Partei 6 bis 12 Prozent, in Wirklichkeit weit höher. Es werden näm Warst und B o n n a u r e. P r o u ft»nh r" Abg. lich nicht nur die Grundgehälter, sondern auch die Familien- Senator und früheren Justizministcr Renoult^sow^ ft'"»«d in N-aktion»ur Wobnsiüaröße den Feldzug zugunsten der Erhöhung der militärischen Dienstzeit und forderte die Regieung doumergue auf, von einer Heraussetzung dieser Dienstzeit aus zwei Jahre ob- zusehen.„Ich lese überall, daß seil dem 1. Januar 1334 »..-,-JU„-...»„..„.i.ii jicnouit>ow:e den Abg Andre Hesse aus der Partei ausgestoßen. Dagegen war der Ausschuß der Ansicht, daß sich der Abg. S e i tz und der ehemalige Minister D a l i m i e r in der Ausübung ihrer - Mandate nichts hätten zuschulden kommen lassen. Auch gegen ü Waffen verstehen VZ<,lvn wurde der Ausschluß nicht ausgesprochen, sondern n mit dem Sozia-&cr Ausschuß be,chränk>i> sich nur daraus, dem Vorsitzenden - v'•—' Kammer sein Bedaudrü darüber zenilich der Maßnahmen, die die m. M ,.n den Pariser Polizeipräfekten Chiappc getroffen habe, seine persönlichen Empfindungen Lohnabbau der übrig über das Ttaalsintereffe gestellt habe. In politischen Kreisen 6a&en t e ü v922 schon hält man eS nicht für ausgeschlossen, daß sich im Laufe der" weiteren Kongrehtaguna in Clermnni-^-'-''-"'^" und Teuerungszulagen, letzere in Reaktion zur Wohnsitzgröße bis zu 50 Prozent, gekürzt, weil angeblich der Lebensmittel- index seit 1927 um rund 7 Prozent zurückgegangen ist. Solche statistischen Kunststücke sind unter der faschistischen Sonne nicht allzu schwierig, aber auch sonst nicht als Argument ak- zeptabel, denn die Ttaatsangestellten wurden in den letzten seten. Er erinnerte an die Verhandlunge.......„r,,, sv»,»-. h„ trf ,,: Ä rl~"»"»uciprowen, ivndern zepraoer, oenn me«raarsangeueuren wuroen in orn>rv>en listcnführcr Leon Blum und wies darauf hin, daß gerade er,.\„ ä"J nur darauf, dem Borsitzenden Jahren schon mit einer Unmenge Dekrete bedacht, die ihre um die radikalsozialistischc Partei zu retten, nicht alle Be---- r^ ammer lein Weftnni-rw.— dingungen des Sozialistenführers angenommen habe. Mit besonderem Nachdruck wandte sich Taladier dann gegen Ehiappe getroffen habe,feine" per ¥nii^n V ffmn«J°.l"i!" beblich gesenkt. Natürlich folgt alsbald der allgemeine neue en»». jjhrigxn Arbeitnehmer— die Reisernterinnen ■gm^ u D PI 57 Prozent ihres einstigen Lohnes ein- "d'mg in Elermont-Ferrand feit gebüßt— und mithin eine Senkung der Kaufkraft, die wie- zteyen wird.-paltung innerhalb der Partei voll- derun, die Krise verschärfen wird. Auch in Italien ist die herrschende Klasse des Kapitalismus über dieses primitive und unwirksame Rezept zur Heilung der Krise nicht hinausgekommen. Hat der Faschismus nichts anderes zu bieten, so kommt, früh oder spät, univeigerlich der Tag, an dem die Tyrannei der politischen Herrschast gc- meinsam mit der kapitalistischen Unordnung vom Sturm der Rebellion der Volksmassen hinweggefegt, die Todesstunde des europäischen Faschismus eingeläutet wird R. W. Italien wird unruhig Gestern entstand in Pratola Pelogna, einer kleinen Ortschail in der Provinz Aguila, aus Gründen lo- kaler Natur ein Konflikt zwischen Demonstranten und Beamten der Sichcrheitswachc. Man beklagt einen Toten und vier Verwundete. Tie Ordnung wurde alsbald wieder hergestellt. ^ Es gibt kein Land in Europa, auch keinen faschistischen Staat, in dem das politische Regime die Presse derart in ihren Händen hält, wie in Italien. Täglich mehrmals erhält der italienische Redakteur sorgfältigst zusammengestellte Anwei- sungen, was er zu bringen, was er groß auszumachen, was er zu verschweigen hat. Wenn in einer solchen Aimospäre die offizielle Nachrichtenagentur eine Meldung wie die obige verbreitet, so kann man ohne sonderliche Uebertreibung schltetzen, daß nicht im Staate Dänemark, wohl aber im fa- schistischen Reich etwas faul sei. Es gib! zwar auch heute noch genügend Augenzeugen des italienischen Alltags, genügend Reisende aus demNorden, die vom Glanz der südlichen Sonne geblendet, stets von dem klaglosen Funktionieren des faschistischen Apparates zu be- richten wissen. Ja. erst in diesen Tagen konnte man in der Leitartikelspalte des„Prager Tageblatts" einen begeisterten Aussatz über die derzeit in Florenz veranstaltete geistige Olympiade, die zwar im Zeichen des Losungswortes„Buch und Gewehr stehe, aber doch eben das Buch a u ch in den Mittelpunkt stelle und so schon— dies stand zwischen den Zeilen zu»f n— h»reichend für den Bedarf jener die da lediglich c• R ssegründen daS ungastliche„dri: r' ch" meiden, von, Hatenkreuz-FaichiSmuS unierscyiedea iei. Aber die Wirklichkeit ist anders. Tie ist nur schwer zu sehen, sie manifestiert nicht auf den Plätzen von Florenz und Rom. doch sie manisestiert bereits wieder. Selbst die Agenzia Stefani muß dies zugeben, wenn sie auch zart und rücksichtsvoll verschweigt, warum eigentlich die Untertanen in Pratola Pelogna so lebhaft wurden, datz erst ein Toter und Verwun- deie die Wiederherstellung der Ordnung gewährleisteten. Wir können die Agenzia Stesani ergänzen. Nicht nur in dem kleinen Tors der Provinz Aqutla, überall im Lande gärt es, rotten sich die hungernden Arbeiter zusammen, gibt es Zusammenstöße mit der staatlichen Exekutive, werden, selbst aus den Reihen der Miliz und den Jugendorganisationen heraus, Personen verhaftet, die der antifaschistischen Propa- ganda— 12 Jahre nach seinem Machtantritt— verdächtig sind. Sogar in Littoria, der neuen faschistischen Stadt im che- maligen Tumpsgcbiet des Argo Romano, wo anzunehmender- weise nur zuverlässige Faschisten angesiedelt wurden, hat man erst vor kurzem fünf Einwohner verhaftet, die sich, so heißt es. aufsässig benommen haben Hungerdemonstrationen haben sich serner ereignet in S. Elpidio a Marc Porto Civitanova in den Marken, in Tirolio di Catanzaro, in Miglierina, in Sulmona und Maria Franca. Uberall kam eS zu Zusammen- stößen mit der Polizei, zu Verhaftungen und Repression»- maßnahmen. Darüber hinaus veröffentlicht die Mainummer des in Italien erscheinenden illegalen Organs der Sozialisten „Avanti" eine lange Liste von Verhafteten in Spilimbergo, Lecco am Eomersee, Cesena, Florenz, in der Romagna, Santa Tagung französischer Sozialisten Gegen und für Koalition bnb. Paris, 14. Mai. Die LandeSgruppe Nord der sozialistischen Partei hielt gestern in St. Brieuc ihre Jahrestagung ab und sprach sich gegen jede Kartell- bildung aus, die nicht ausdrücklich auk ihrem Programm den Kamps gegen die nationale Einigung habe. Es wurde gleichzeitig im Hinblick auf kommende Wahlen beschlossen, daß kein sozialistischer Kandidat in Zukunft im zweiten Wahlgang zugunsten eines anderen Kandidaten verzichten dürfe, wenn der Nutznießer seiner Stimmen sich ausdrück- l'ch für den Klassenkampf ausspreche. Die französischen N e o s o z i a l i st e n des Seinedeparte- mcnts hielten in Paris ihre Tagung ab. die mit einer Ent- schließung endete. Dem Arbeitsminister Marguet wurde das Vertrauen der Partei erneuert. Mit 84 gegen 29 Stinnzen bei elf Stimmenthaltungen wurde er beaustragt, sein Werk für die Verteidigung der Arbeiterinteresscn in der Re- gierung Doumergue fortzusetzen. Gleichzeitig wurde aber die allgemeine Politik der Regierung gebrandmarkt und verurteilt. » Die 79. Tagung des Bölkerbondsrates ist am Montag um 19.39 Uhr mit einer Geheimsitzung eröffnet worden. An die Geheimsitzung hat sich am gleichen Tage eine öffentliche «ktzung angeschloffen. t,Deutsche Freiheit", Nr. 110 ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Dienstag, 15. Mai 1931 Wer bezahlt die deutsche Aufrüstung? RHstunsspelltlk und Gtav Ist die Entwicklung seit dem Kriege überhaupt durch die immer engere Verflechtung von Wirtschaft und Politik charakterisiert, so ist die Gläubigerkonferenz, die am 27. April in Berlin begonnen hat, um über die von Schacht angekündigte vollständige Einstellung des Zins- und 1 ilgungsdienstes auf die langfristigen privaten Schulden zu l eraten, zu dem Brennpunkt geworden, in dem sich private Angelegenheiten von Gläubigern und Schuldnern, die anscheinend nur diesen Kreis zu interessieren brauchten, mit den wichtigsten weltpolitischen"Interessen treffen. Dabei hat sich eine eigentümliche Situation ergeben. Auf deutscher Seite werden die Verbandlungen von S ch a ch t geführt, der sich in erster Reihe als politischer Exponent der nationalsozialistischen Diktatur und ihrer machtpolitischen Ziele fühlt. Ihm stehen gegenüber Privatbankiers als 3 ertreter der einzelnen Gläubiger, in dieser Funktion nur an der Möglichkeit und dem Ausmaß der Zahlungen, in keiner Weise aber an den politischen Folgen interessiert. Und weiter: Unter den Gläubigern spielen nach der Höhe ihrer Forderungen die Angehörigen Hollands, der S ch w e i z und Schwedens eine bedeutsame Rolle; ihre Regierungen fühlen sich aber nur wirtschaftlich interessiert wegen der Folgen einer etwaigen deutschen Zahlungseinstellung auf die Zahlungsbilanz und das Bankwesen ihrer Länder; als Vertreter von Kleinstaaten sind sie nicht stark genug, um die rein politische Entscheidung zu beeinflussen. Von den großen Ländern wollen die Vereinigten Staaten sich jeder Einmischung in die europäische Politik enthalten. Die Roosevelt-Regierung. getragen von der antikapitalistischen Volksstimmung, will sich aber auch in der Verteidigung der privaten Gläubigerinteressen, die als die Interessen von Wallstreet, der Großfirma, gelten, nicht allzusehr engagieren; die amerikanischen Gläubiger fühlen sich somit von vornherein in einer schwachen Position. Politisch ist die Stellung Englands, der der Vereinigten Staaten nicht unähnlich. Macdonald und Simons jagen noch immer dem Phantom einer Abrüstung nach, die die Anerkennung der deutschen Aufrüstung einschließt; sie werden darin bestärkt durch die Erfolge der englischen Arbeiterpartei. die ihre Agitation mit einer hemmungslosen, abstrakten Pazifismuspropaganda bestreitet. Die englische Regierung schreckt deshalb vor einer energischen politischen Stellungnahme gegen die Hitlerregierung zurück: rein wirtschaftlich freilich hat sie ihre Position etwas geändert. Hatte sie ursprünglich die Forderungen ihrer Gläubiger als rein private Angelegenheit betrachtet, so läßt sie jetzt erkennen, daß sie unter Umständen auch zu finanziellen Druckmitteln bereit ist. Am merkwürdigsten ist die Stellung Frankreichs. Es ist das Land, das am stärksten und unmittelbarsten an den p o I i t i s ch e n Folgen des Konferenzergebnisses interessiert ist, die Macht auch, die am ehesten bereit wäre, sich von politischen Erwägungen leiten zu lassen. Aber es ist zugleich das Land, das finanziell am geringsten interessiert ist, denn die Franzosen waren zu klug, um Deutschland in nennenswertem Umfang Kredite zu geben; und für die Beträge, die durch Vermittlung Schweizer oder holländischer Banken nach Deutschland gegeben worden sind, müssen diese Banken geradestehen. So steht Schacht als Vertreter der deutschen Staatsmacht, in erster Linie darauf bedacht, das politische Interesse seiner Regierung durchzusetzen, einer unpolitischen, zersplitterten Front der ausländischen Privatgläubiger gegen, über. Was ist aber das politische Ziel, das die Hitlerdiktatur mit der Einstellung der Zahlungen verfolgt? Die nationalsozialistische Politik geht aufs Ganze Man muß sich zunächst klar machen, was die nationalsozialistische Wirts di aftspolitik bisher erreicht hat. Sie hat durch die Einstellung der Kapitalrückzahluugen zunächst ungefähr 13 Milliarden Reichsmark ausländischen Kapitals in Deutschland gebunden und diese Riesensumme der Verfügungsgewalt ihrer Eigentümer entzogen; sie hat an der Entwertung der fremden Währungen rund 4 Milliarden profitiert; sie hat durch die teilweise Einstellung der Zins- und Tilgungszahlungen die Markforderungen der Gläubiger zum Teil entwertet,— sie gezwungen, diese entwerteten Mark der Reichsbank abzutreten und damit den deutschen Dumpingexport auf Kosten der Industrie ihrer eigenen Länder zu finanzieren. Wie sähe die deutsche Wirtschaft unter nationalsozialistischer Führung erst aus, wenn diese einmaligen Glückszufälle nicht eingetreten wären! Gleichzeitig hat die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik durch ihren agrarischen und industriellen Ueberprotek- tionismus den Außenhandel fortschreitend ruiniert; sie hat durch die Rüstungs- und Arbeitsbeschaffungsausgaben den Import gesteigert und die aktive Handelsbilanz in eine passive verwandelt, sie bat die großkapitalistischen Unternehmungen angereizt, die im Ausland tief gesunkenen Schuldtitel zurückzukaufen und ihnen ermöglicht, auf diese Weise große Extraprofite zu machen: dafür hat sie ihnen die nötigen Devisen zur Verfügung gestellt und damit weiter die Zahlungsbilanz verschlechtert; sie hat den Goldbestand der Reichsbank in immer höherem Maß zur Finanzierung des Einfuhrbedarfs herangezogen und so d u r ch ihre Politik- d«n Bankrott selbst herbeigeführt, den jetzt die Gläubiger akzeptieren sollen! Nun gebt sie aufs Ganze! Schacht will jetzt, nachdem die Politik der Nationalsozialisten absichtlich den Zustand scheinbarer Zahlungsunfähigkeit herbeigeführt hat, durchsetzen, was er von Anfang an erstrebt hat. die Einstellung aller Zins- und T i 1 g u n g s z a h 1 u n- gen auf unbestimmte Zeit. Es handelt sich um folgende Größen: Die langfristigen Schulden, deren Behandlung jetzt zur Erörterung steht, umfaßten nach den letzten V eröftent- Rehungen am 30 September 1933 insgesamt RM. 7,44 Mdn. Die Vereinigten Staaten halten daran 3 Mdn., Holland 1,53 Mdn., die Schweiz 1,05 Mdn., England 0,81 Mdn. und Frankreich 0,48 Mdn. Das Z i n s e n s o I I Deutschlands aus seinen gesamten Auslandsverpfliciitungeu ist für 1934 auf rund RM. 800 Millionen zu veranschlagen. Davon entfallen auf Voung- und D a w e s- Anleihen über 100 Milk, auf die Stillhalteschulden 110 Iiis 120 Mill. Gelingt der Coup, so verbessert sich die deusche Zahlungsbilanz um einige hundert Millionen. Die Mehrimporte für die deutsche Rüstungspolitik und die Arbeitsbeschaffung mit faulen Wechseln können aufrecht erhalten werden und damit. wird dia Aufrechterhallung der Diktatur, die Fortsetzung einer Wirtschaftspolitik, die die ausländischen Waren vom deutschen Markt ausschließt, aber die deutschen durch Dumping den ausländischen Märkten aufzwingt, gesichert. Und dies alles soll mit dem Geld der Gläubiger der anderen Länder finanziert werden, die dafür mit neuer Erschütterung ihres Bankwesens, mit Verschlechterung ihrer Zahlungsbilanz, mit illoyaler Konkurrenz gegen ihre Industrien belohnt werden. Um Krieg oder Frieden Man sieht, es handelt sich um politische Fragen erster Ordnung, lebenswichtig für die nationalsozialistische Diktatur, lebenswichtig aber auch für die anderen Völker, denn es geht unt Rüstung, um Krieg und Frieden, um Dinge also, neben denen die privaten Gläubiger-, Schuldner-Verhältnisse in der Tat verschwinden. Und wie verhalten sich da die Regierungen? Die englische und französische Regierung habe, jede für sich, der deutschen mitgeteilt, daß sie die Fortzahlung der Zinsen und Tilgungen für die Dawes- und Young-Anleihe fordern. Die amerikanische Regierung hat sich nicht einmal diesem Schritt angeschlossen! Das ist alles, und Schacht läßt bedauernd mitteilen, daß er auch diese 115 Millionen nicht zur Verfügung habe. Und in der Tat! Solange man seinen Standpunkt akzeptiert, daß die Gläubiger sich um die Zahlen der Reichsbank, um die Gold- und Devisensummen allein zu kümmern haben, sonst aber um nichts, am wenigsten um die Rüstungs-, Finanz- und Wirtschaftspolitik der nationalsozialistischen Diktatur, ist Sein Standpunkt schwer zu widerlegen. Ist doch der Gold- und Devisenbestand der Reichshank nach dem Ausweis vom Ende April auf 205 Millionen(gegen 510 im Vorjahre) zusammengeschrumpft und die Notendeckung auf 5,8 gegen 9,1 Prozent! Nur daß aber dieser Zustand kein naturnotwendiger, sondern durch die nationalsozialistische Politik bewußt und absichtlich herbeigeführt ist, Aber über Politik— so befiehlt die Diktatur— soll nicht gesprochen werden und bisher haben sich die Regierungen dem Beschluß gefügt. Bleiben aber die Verhandlungen auf dem rein finanziellen Gebiet, welche anderen Mittel stehen dann zur Verfügung? Die Gläubiger haben einen Vergleich der Außenhandelsbilanz Deutschlands gegenüber seinen hauptsächlichsten Gläubigerländern im Jahre 1933 mit den Erfordernissen des Kapitaldienstes in dem am 30. September 1934 ablaufenden Jahre (in Millionen Reichsmark) gezogen. Das Ergebnis zeigt folgende Tabelle: Kapitaldienst Uebersdiuß der Langfrist. Kurzfrist. Einfuhr(—) Gesamt Zinsen Zinsen Ausfuhr(+) USA 361 188 74—230 Holland... 204 84 68+ 381 Schweiz... 151 61 70+ 270 England... 107 51 34+ 167 Frankreich,. 42 26 10+ 211 Schweden... 12 6 4+88 Insgesamt(einschl. übrige Länder) 933 433 289 668 Die Tabelle zeigt, daß alle Länder mit Ausnahme Amerikas im Handelsverkehr mit Deutschland einen Uebersdiuß aufzuweisen haben, der die Forderungen ihrer Gläubiger über- Zeichen der Not Auf dem Grundstticksmarkt Nach dem Bericht der Deutschen Bau- und Bodenbank über das Jahr 1933 haben die Mieten im allgemeinen keine nennenswerten Aenderungen erfahren. Der Index der Wohnungskosteu liege nach wie vor bei 121,3 (121,4). Dagegen sind bei den Neubau mieten und bei denen der Großwohnungen teilweise weitere Rückgänge zu beobachten, da die Bewegung aus der größeren in die kleinere Wohnung anhält. Insbesondere waren solche Neubauwohnungen gedrückt, die den Einkommensverhältnissen auf die Dauer nicht angemessen waren. Audi für Drei- und Vierzimmerwohnungen mußten nach den Berichten der Baugenossenschaften nicht selten Mietnachlässe bewilligt werden. Dabei betrug der Leerstand am 16. Juni 1933 nur 1,3 Prozent des Gesamtwohnungshestandes gegenüber 2 bis 3 Prozent der Vorkriegszeit. Allerdings handelt es sich jetzt hauptsächlich um größere Wohnungen. Fast die Hälfte aller leerstehenden Wohnungen entfällt auf solche mit 3 und 4 Zimmer. Höchststand an leeren Großwohnungen in Groß und Mittelstädten wird auf 15—18 000 geschätzt. Seit diesem Datum bis zum Januar 1934 hat sich der Bestand an leeren Großwohnungen durch weitere 4400 Umbauten um etwa 40 Prozent verringert. Die Mietrückstände babrn sich weiter vermehrt. Nach den Angaben des Revisionsverbandes Gemeinnütziger Bau-Genossenschaften sind die Mietrückstände von Ende 1932 auf 33 von 3,56 auf 4,16 Prozent gestiegen, ie Fragen erster Ordnung steigt. Wenn die Regierungen ein Zwangsclearing einrichte», also ihre Importeure veranlassen, die ans Deutsch- land eingeführten Waren nicht direkt den deutschen Lieferanten zu bezahlen, sondern die Beträge auf ein Konto ihrer Zentralbanken einzuzahlen, dann verfügen sie über die nötigen Summen, um ihre Gläubiger zu befriedigen. D;e Schweiz bat mit solchem Vorgehen wiederholt gedroht. In neuerer Zeit mehren sich aber auch englische Stimmen, die dasselbe verlangen, ja, die englische Regierung soll sogar die nötigen Vorbereitungen bereits getroffen haben. Die Maßnahme wäre sehr wirksam, und das erklärt, warum die Aeußerungen Schachts in neuester Zeit immer kleinlauter werden und die Aktien- und Rentenkurse an den deutschen Börsen ständig abbröckeln. Daher die Suche nach einem Kompromiß, nach Bezahlung der Gläubiger statt in bar mit einer neuen langfristigen Anleihe usw.—\ ersuche, die aber alle an der völligen Kredi tun Würdigkeit der nationalsozialistischen Diktatur ihr schwer übersteigbares Hindernis finden. Das politische Problem bleibt Unterdessen hat die Devisenlage zu neuen einschneidenden Maßnahmen, geführt. Das Einfuhrverbot für ausländische Rohstoffe und Halbfabrikate ist für Textilien und raffiniertes Kupfer bis 1. Juli verlängert worden. Zugleich sind die Importdevisenkontingente für den Mai mit sofortiger Wirkung nachträglich herabgesetzt worden, eine Maßnahme, die bisher noch nie im Laufe des Geltungsmonats vorgenommen wurde, da man sich bewußt ist, wie weit hierdurch die Dispositionen der Importeure gestört werden. Die Kontingente stellen sich nunmehr für Mai nur noch auf 25 Prozent gegenüber ursprünglich 35 Prozent. Hand in Hand damit gehen Erörterungen, auf jede Weise den Export zu steigern. Die abenteuerlichsten Pläne werden erörtert. Da wird vorgeschlagen, eine Umsatzabgabe von dein binnenländischen Absatz von 2 bis 2'/ j Prozent von den Lieferanten zu erbeben zur Bildung eines Fonds, aus dem die deutsche Ausfuhr verbilligt werden soll, Für Zucker- und Baumwollwaren befürwortet die„Kölnische Zeitung" einen Exportzwang. Die deutschen Baumwollfabrikanten sollen verpflichtet werden, 25 Prozent ihrer Inlandsproduktion zu Selbstkostenpreisen zur Verfügung zu stellen, und die deutschen Zuckerfabriken sollen sogar gezwungen werden, ihre Produktion um 1 Million Doppelzentner jährlich zu steigern und diese Menge um jeden Preis zu exportieren. Der Verlust soll zwischen den Fabrikanten und der Allgemeinheit geteilt werden! Die Autarkisten sind am Ende ihres Lateins! Ueber eines aber soll man sich nicht täuschen. In Frankreich und namentlich in England, wo eine kurzsichtige und unfähige Außenpolitik sich scheut, den Tatsachen ins Auge zu sehen, hofft man, die augenblicklichen Schwierigkeiten würden der deutsche» Rüstungspolitik schon bald von selbst unüberwindbare Schranken setzen. Ein verhängnisvoller Irrtum! Wie immer die Gläubigerkonferenz ausgehen mag, die Mittel, sich die notwendigen Rohstoffe für die Rüstungsindustrie zu verschaffen, wird Deutschland schon zur Verfügung haben! Bei der immer stärkeren Dirigierung der ganzen Außenhandelswirtschaft bleibt es stets möglich, den Import anderer Waren(man denke an Südfrüchte, Tabak und andere Genuß- mittel) soweit zu drosseln, um sich die nötigen Erze, Metalle, Zellulose usw. für die Kriegsindustrien zu verschaffen. Aus ökonomischen Gründen wird die Diktatur ihre Aufrüstung nicht einstellen und ebensowenig aus Rücksicht auf eine weitere Verschlechterung der Lebenshaltung der breiten Massen. Die ist allerdings in immer stärkerem Maße bedroht und daran wird auch der Ausgang der Gläubigerkonferenz im Wesentlichen nichts ändern. Aber das politische Problem, das in Wirklichkeit auf der Tagesordnung dieser scheinbar rein privatkapitalistischen Konferenz steht, das wird bleiben und seine Vernachlässigung wird die Lösung nur immer mehr erschweren! Dr. Richard Kern dagegen sind die Mietausfälle von 3,5 auf 2,06 Proz. zurückgegangen. Die Zinsrückstände bei den Realkreditinstituten sind im Durchschnitt weiter gestiegen. Die Zahl der Zwangsversteigerungen bebauter Grundstücke in 13 Großstädten, die 1932 fast unverändert bleib, ist im ersten Halbjahr 1933 auf über das Doppelte gestiegen. Dagegen war der Rückgang der Zwangsversteigerungen unbebaut- Grundstücke offenbar infolge des Vollstreckungsschutzes auffallend stark. In freiwilligen Veräußerungen hat im ersten Halbjahr der Rückgang angehalten; doch ist im zweiten Halbjahr eine gewisse Belebung vor sich gegangen; zum mindesten ist die rückläufige Bewegung zu Ende gekommen. Die Zahl der Zwangsverwaltungen, die ein deutlicheres Bild der Lage gibt, da hier keine gesetzlichen Beschränkungen bestehen, hat sich nicht einheitlich entwickelt. Zahlreiche Hypothekenbanken melden ein erhebliches Zurückgehen der Ziffern, während andere noch von einer Vermehrung berichten Mitropa Bei der im Besitz der Reichshahn befindlichen Gesellschaft trat im Berichtsjahr(30. November) noch keine Belebung ein. Im neuen Jahr zeige der Umsatz vom März ah eine Belebung, doch hätten sich die Unkosten nicht durchweg befriedigend entwickelt. Im Berichtsjahr wurde die Zahl der im Dienst befindlichen Wagen noch verringert- ®eutsdke Stimmen• föeilage zun.Deutschen Freiheit'• tw eignisse und Qestfkitfkien ...- SMMG1 Dienstag, den 1S. Mai 1934 Äle„sachlich gebotene Ungleichheit" JÜestnachec Von Peter Berg • P.' e neue i! Verfassung" der Austrofaschisten, jene doll- "ußige Abwandlung einer rechtsstaatlichen Ordnung, die der einstmals als Staatsmann geachtete Landeshauptmann Ender rjnisch als„veredelte Demokratie" bezeichnete, enthalt °'nen der besten unfreiwilligen V ige, die jemals von Pfuschern der Staats- und Gesellschaftslehre gemacht wurden. 'p besagt, daß„zwar" alle Bürger vor dem Geseg gleich stien, daß„jedoch" eine UngleiÄheit zuzulassen sei,„so- We't sie sachlich geboten ist". Der Austrofaschismus streift damit die überflüssige Un- ^'ahrhaftigkeit ab, mit der die Hitler-Faschisten nach ihrem Staatsstreich vorgegangen sind. Auch sie verkündeten in ihren Reden zweierlei Recht, eines für Anhänger und eines für Nichtanhänger der Hitlerei. Audi sie hahen in ihren Geilten, in der Praxis ihrer G e r i ch t e und Verwaltungsbehörden weiß Gott nach diesem Grundsag gehandelt. An dessen Aufnahme in ihre Verfassung hat sie sicherlich licht Mangel an Schamlosigkeit, sondern taktische Rücksicht gehindert. Die Kleriko-Faschisten segen an die Spige ihrer erfassung" die Blasphemie, dieses Machwerk sei„im Nauen Gottes" erlassen. Wer derart ungeniert mit„heiligsten Gütern" umgeht, von dem kann es nicht Wunder nehmen, wenn er sich auch verfassungsmäßig zum Grundsag der Rechts u n g 1 e i ch h e i t bekennt,„soweit sie sachlich geboten ist". Was die„Erklärung der Menschenrechte" von 1789 zum Ausdruck brachte:„Die Menschen werden frei und gleich in ihren Rechten geboren und bleiben es", was im Jahre 1793 der Konvent dahin präzisierte:„Die Menschen sind von N a• * u r aus gleich und gleich vor dem G e s e g". das hat also für das heutige Oesterreich nach weniger als 16 Jahren republikanisch rechtstaatlicher Gesetzgebung ein unrühmliches Lnde gefunden. Die alten Kräfte, deren Walten in der Habsburger Monarchie dem im Kriege gefallenen deutschen Sozialisten Arthur Schulz den Satz in die Feder trieb, ganz Oesterreich sei„ein Haufen organisierter Verwesung", kriechen jetzt wieder aus ihren Mauselöchern hervor, um„im Namen Gottes" das alte Habsburgische Schandregiment in der Form der„veredelten Demokratie" zu wiederholen. Und ■dion melden sich Ihre Kaiserlichen Hoheiten, die österreichischen Reichs verderber und ihre Sippschaft, um dieser »•Demokratie" im buchstäblichen Sinn die Krone aufzusetzen. Einstweilen zieren sich die Dollfuße noch. Man wird sich einigen. Die Gleichheitsgrundsäge der„Erklärung der Menschenrechte" waren nicht nur in die revolutionäre österreichische Verfassung und in die vielgeschmähte Weimarer Verfassung übergegangen. Audi so reaktionäre Landesverfassungen, wie beispielsweise die preußische von 1850(„Alle Preußen sind vor dem Gesetz gleich") oder die bayerische von 1818 („Gleichheit vor dem Gesetz") enthalten sie. Wenn die deutsche Reichs Verfassung von 1871 sie nicht enthielt, so nicht deshalb, weil sie sie verneint hätte, sondern nur, weil sie aus der historischen Situation heraus von einer Aufzählung von„Grundrechten" überhaupt absah. Der Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz bedeutete nach überwiegender Staatsrechtstheorie nicht Gleichheit der Gesetze, sondern nur Gleichheit der Gesetzes an Wendung auf alle Reditsunti rworfenen durch die zur Rechtsanwendung berufenen Faktoren, also vor allem durch die Gerichte und Verwaltungsbehörden. Aber auch die Norm von der Gleichheit der Rechts anwendung sollte keineswegs einein schematischen Gleichheitswahn Tür und Tor öffnen, wie ihn Anatole France so prächtig in seinem Worte ironisiert, das Gesetz verbiete in seiner majestätischen Gleichheit dem Reichen und dem Armen gleichermaßen das Schlafen unter Brücken und das Stehlen von Brot. Die Gleichheit der Rechts anwendung sollte nicht Ungleiches über einen Kamm scheren. Sie sollte, als ein Gebot materieller Gerechtigkeit, Willkür hintanhalten, indem sie jedem Rechts- unterworfenen einen Anspruch gab, unter gleichen sachlichen und persönlichen Voraussetzungen gleich behandelt zu werden. Der vorbestrafte Gewohnheitsverbrecher, der eine Sache entwendete, konnte sich nach dieser Doktrin nicht über„Ungleichheit" beschweren, wenn er schärfer angefaßt wurde, als der Gelegenheitsdelinquent aus Not, der eine gleichwertige Sache wegnahm. Der Beamte konnte nicht„Ungleich- heit vor dem Gesetz" geltend machen, wenn sein jüngerer, aber fähigerer Konkurrent rascher als er vorwärts kam. Ks bedarf keiner Vermehrung der Beispiele, um einzusehen, daß w i r k I i ch e Gleichheit vor dem Gesetz nur auf dem Boden der Individualisierung der Sachverhalte erwachsen konnte. Daß nun auch zu der Zeit der Geltung der verfassungsmäßigen Gleichheitsnorm eine f a k t i s ch e Gleichheit im Sinne der gleichmäßigen Anwendung der Gerechtigkeit auf gleiche Sachverhalte, der Vermeidung willkürlicher Behandlung gleicher Sachverhalte, keineswegs überall bestanden hat, ist kein Geheimnis. Die österreichische Justiz war auch in der republikanischen Periode so wenig wie die deutsche gewillt, Klassengesetze oder Klassenjustiz zu beseitigen. Ihre„Generalstäbler", wie Walther Rode in seinem Buch „Justiz" die Erfolgstypen vom Schlage des„Hofrat Wach" nennt, charakterisiert dieser große Kenner und Könner so: „Die in ihn gesetzten Erwartungen hat Wach niemals getäuscht. Seine Methode verbürgte den Erfolg: Wach war zart gegen den Starken, streng und brutal gegen den Schwachen, und verstand es, die Wahrheit im Keime zu ersticken. Er hat das Strenge mit dem Zarten in sich gepaart, und durch Brutalisiernng und Umschmeirhelung hat er Parteien und Zeugen beherrscht. Seine weiche, tönende Stimme hat gelockt, und seine Amtshoheit hat frech gewuchert mit dem in sie gesetzten Vertrauen. Nie ist unter einer gelungeneren Maske von Richterwürde und Unparteilichkeit die Wahrheit schändlicher geknebelt worden. Wach war den größten Aufgaben gewachsen." Die„erfolgreichen" Advokaten dieses Klassensystems nennt Rode im günstigen Fall„Shakespeares der Gebühren- Rekurse", im ungünstigen„Strategen, die unberührt von der Schwäche der Sache des Klienten, von der Absenz jeglichen Rechtsanspruchs, mit fliegenden Fahnen in die Blöße der Gegenseite einmarschieren". Der Geist, von dem Rode sagt:„Der Ministerialdirektor macht die Gesetze, sein Vetter, der Landesgerichtsrat. wendet sie an, und sein Sohn, der Professor, bringt sie in ein System", der Geist, der nicht Recht, sondern Justiz hervorbringt. bei dem Recht haben und Recht bekommen etwas grundsätzlich Verschiedenes ist, er ist auch in der österreichischen Republik lebendig geblieben. Sie hat es, genau so wie die deutsche, verabsäumt, mit den Vertretern dieses Geistes als Staats- und Gesellschaftsbeherrschern aufzuräumen. So konnte auch in Oesterreich die Justiz im unpolitischen Prozeß so sehr wie im politischen ein Instrument der Mächtigen gegen die Schwachen sein und bleiben, und die Ansätze zu einer freiheitlicheren und sozialeren Gesetzgebung, die die Republik machte, waren, vor allem wegen ihrer Schwäche im Personellen, weit entfernt, die Gleichheit vor dem Gesetz zu verbürgen, geschweige denn die Gleichheit der Gesetze. Man könnte also meinen, die Kodifikation von der„sachlich gebotenen Ungleichheit" ändere eigentlich an den tatsächlichen Verhältnissen nichts. Und doch ist dem nicht so. Denn immerhin war es bislang für den anständigen Teil der Richter und Verwaltungsbeamteu, der gewiß nicht gering war, ein schwerer Vorwurf, wenn einem nachgesagt wurde, subjektiv nicht die Gleichheit aller vor dem Gesetz zu wollen. Dieses Gefühl, die Grundlage aller Gerechtigkeit, soll durch die kleriko-faschistische Verfassung ausgerottet werden. Für sie soll der durch keinerlei parlamentarische Kontrolle, durch keinerlei wirklich freie Presse, durch keinerlei sonstige Einengung in seiner schrankenlosen Macht gehemmte„Gesetzgeber", der zur Rechtsanwendung berufene Richter und Verwaltungsbeamte, das Ermessen haben, ob im Einzelfall die Gleichheit oder die Ungleichheit vor dem Gesetz„sachlich geboten" erscheint. Es ist klar, daß dieses Ermessen nur so ausgeübt werden wird und ausgeübt werden kann, wie es der Machterhaltung und den Interessen des Regierungsklüngels und dCr hinter ihm stehenden gewalttätigen Minderheit entspricht. Man kann sich also leicht vorstellen, ob es einmal als„sachlich geboten" angesehen werden wird, den Schwachen gegen den Starken, den Proleten gegen den Protzen, den Juden gegen den Antisemiten, den Regierungsanhänger gegen den Regierungsgegner, den Bescheidenen gegen den Karrieremacher, den Unabhängigen gegen den Offiziösen zu schützen. Ein System, dessen einzige Grundlage die Gewalt einer Minderheit gegenüber der weitaus überwiegenden Volksmehrheit ist, kann dieses Ermessen seinem Wesen nach nicht im Sinne der Gerechtigkeit und des Ausgleichs ausüben. Es muß seinem Wesen nach ungerecht und parteiisch sein, es ist also folgerichtig, die U n g 1 e i di h e i t in ihm mit Verfassungsschutz zu umgeben. Die Ungleichheit wird in ihm solange„sachlich geboten" sein, bis das betrogene Volk in seiner Gesamtheit diesem System den Laufpaß gibt, indem es sich bewußt wird, welch posthumen Witz und welche Ungeheuerlichkeit zugleich es für ein Volk von Ehre bedeutet, sich im 20. Jahrhundert von Leuten regieren zu lassen, für die„sach- lidi gebotene Ungleichheit" ein verfassungsmäßiges Requisit „veredelter Demokratie" bedeutet. I -Deutsche JUligioftsstunde Achtung! Nicht brechen! „Es ist Religionsstunde. Die Lehrerin berichtet von der 1 Erschaffung der Welt. Sie schildert anschaulich, wie Gott das Licht von der Finsternis schied, das Himmelszelt errichtete, Festland und Meere trennte, Blumen und Bäume hervorgehen ließ, Sonne, Mond und Sterne an das Firmament hing und den Erdball mit allerhand Getier bevölkerte.„Und da ward aus Abend und Morgen der Tag," so erzählte sie weiter. „Am 6. Tage, da schuf Gott etwas ganz besonderes, das Wunderbarste, Klügste und Stärkste, was es auf Erden gibt—" — Lottes Finger fährt in die Höhe.„Ich weiß es, ich weiß es!"„Nun," sagt die Lehrerin freundlich,„so sag es mir!" „U n sje r n Herrn Bei ch«kanzle r", ruft das Kind strahlend.(Aus der„Jugend".) Jlusts JfyCichtfach Die Lehre vom Massenmord Der Kultusminister Rust hat alle Universitäten angewiesen, daß jeder Student neben seinem speziellen Fachstudium nun auch regelmäßig die kriegswissenschaftlichen Vorlesungen zu besuchen hat. Gleichgültig, ob der Betreffende Medizin oder Jus, Philologie oder Theologie studiert, die Kriegswissenschaft ist obligatorisches Lehrfach an allen deutschen Hochschulen geworden. Die Vorlesungsthemen lauten z. B. an der Universität Halle:„Krieg und christliche Ethik", „Krieg und Weltwirtschaft",„Krieg bei den Germanen", „Krieg und Ernährungsproblem",„Militärphysik",„Chemie im Weltkrieg",..Die Bekämpfung der Epidemien während des Krieges",„Versorgung der Bevölkerung mit Agrarpro-_ dukten und Fleisch während des Krieges",„Militärgeolo- C.h'i&teVL gische Studien an der Westfront",„Ziele und Methoden der Militärgeologie". Herr Göbbelt schlügt eine neue Schlacht, er hat sich eisern entschlossen: hinfort wird im Reich nicht mehr miesgemacht, K es ivird gelacht, gelacht, gelacht, die Miesmacher werden erschossen. Den Miesmachern graust's vor der Neuerung, das ganze trübe Gelichter: der Terror, die hohe Besteuerung, der Lohnraub und die Teuerung, sie stellen sich reuig dem Richter. Da wird es dem Richter im Magen flau vor so viel häßlichen Tröpfen, doch malen gleich Hunger und Lohnabbau dem Volk das Leben grau in grau, er kann sie doch nicht köpfen. Und ob auch Herr Göbbels weiter ficht, er weiß schon: die Schlacht ist verloren, er glaubt seinen eigenen Worten nicht, und predigt verschlossenen Ohren. Es wird nicht gelacht, Es wird mies gemacht, denn Pleite, Hunger und Not schreit selbst ein Göbbels nicht tot. H u g i n. fEeocdect in die geistige SA. Richard Euringer an Dr. Göbbels Richard Euringer, der für sein Werk„Deutsche Passion 1933" bei der Festsitzung der Reichskulturkaminer am 1. Mai d. J. mit dem Stefan-George-Preis ausgezeichnet wurde, hat an ReichsministCr Dr. Göbbels folgenden Brief geschrieben: Dieser Brief ist so typisch für die Denkungsart eines modernen nationalsozialistischen Dichters, daß wir ihn der Oeffentliehkeit nicht vorenthalten wollen. Die Veröffentlichung geschieht mit Genehmigung des Absenders und Empfängers. Richard Euringer Essen-Ruhr, den 3. Mai 1934. Hochverehrttr.Htrr Reichsminister! .Während der Schriftsteller R. E. mit Zehntausenden Volksgenossen auf das Essener Maifeld zog, hielt die Reich'- kulturkammer ihre Ehrensitzung ab. So war es ihm versagt, ihr auch nur am Lautsprecher anzuwohnen; er hätte sich aus Reih und Glied stehlen müssen, eine Ausnahme zu machen. Er mußte sich schon damit trösten, Dr. Göbbels' große Rede in der Presse nachzulesen. Der Abmarsch hatte sich so verzögert, daß, eh unsere Kolonne auf dem Mülheimer Flugplatz eintraf, der historische Akt vorbei war. Dafür überfiel mich nun im Angesicht der Tausenden plötzlich ein wildgewordener Kamerad mit Veitstanzgesten:„Euringer, Mensch, wissen Sie denn gar nicht, was passiert ist? Wir suchen Sie schon durch den Ausrufer!" Da erfuhr ich denn, was passiert war. Lassen Sie mich, Herr Reichsminister, das, was passiert war, in die Worte fassen, mit denen Hans Heydt seine Freude ausdrückt:„Inmitten matieher Bitterkeiten trifft midi heute die Nachricht vom Buchpreis Ihrer„Passion" wie eine große, belle Beglückung: ein breiter Strahl Zuversicht steht wieder am Himmel! Wirklich, ich empfinde dies Urteil wie eine Erlösung aus vielerlei Dunkel; es erfüll midi mit tiefer Genugtuung und indem ich Ihnen allerherzlidist die Hand drücke, beglückwünsche ich uns zu diesem Durch- brudiü„Wir" sind es. die in Ihrer„Passion" zu Wort und jetzt zu Weitklang gekommen sind, und wenn ich heute in besonderem Sinne auf S i e stolz bin, dann bin ich es auf uns." So schreiben mir all die Kameraden, die ich die Mannschaft der Känmfer um ein neues Schrifttum nenne. Sie haben einen dieser Männer als typisch für alle beim Namen genannt und so melde ich mich zum Dank. Ich tue dies spät, da ich die Bestätigung der Presse abgewartet und nicht recht wußte, wie mich benehmen. Ich tue es mit wenig Worten, da ich die riesige Arbeitslast kenne, die auf Ihre Kräfte einstürmt. So wiederhole ich nur das Wort, das ich Ihnen heute gedrahtet habe: Den Dank Ihnen, dem Schöpfer und Spender, die Ehre dem geliebten Führer, die Verpflichtung uns, der Mannschaft! Ich werde weiter mein Leben verschleißen. Ihres Aufrufs wert zu werden. Heute abend aber werde ich mit meiner lieben Frau und den getreuesten Kameraden in der Ufa-Tonwoche den Augenblick doch noch erleben, da Sie einen der unbekannten Soldaten des Schrifttums beordern in die geistige SA. So werden wir unter Ihren Augen den heißen Dank zusammenfassen in den Heilruf auf den Führer, der Sie in seiner Mannschaft ehrt. Hochverehrter Herr Dr. Göbbels— erlauben Sie mir zum Schluß das Volkswort!— ich danke Ihnen mit Heil Hitler! Gott erhalte uns den Führer und die Treusten seiner Treuen! gez. Richard Euringer und Frau Trude zugl. für Kind und Kindeskind. Herr Rust weiß ganz genau, was die deutschen Studenten notwendiger und eher gebrauchen als medizinische und juristische Kenntnisse. Die Lehre vom Massenmord ist im nationalsozialistischen Deutschland für jeden, besonders aber für die„Offiziere des dritten Reichs", wie Rust seine Studenten nennt, unentbehrlich. * Das ist also der Autor einer„Deutschen Passion". Das Weihespiel hat Richard Euringer in die Reihen der geistigen SA. befördert. Er ist so selig darüber, daß er da allein sogar Frau. Kind und Kindeskind anbietet, dem Führer die Stiefel z>. kü;«cn, „Lasset keine jüdischen Kindlein zu mir kommen" Die Stadt Berlin hat die städtische Vormundschaft für nichtarische Kinder niedergelegt und die Zuschüsse für die Erziehung jüdischer Kinder, die unehelich geboren sind, eingestellt. Die Stadt fordert die jüdische Gemeinde auf. die \ ormundsrhaften zu übernehmen, andernfalls man die Kinder einfach ihrem ferneren Schicksal überlassen würde. Dieses Beispiel der Stadt Berlin wird zweifellos baldigst von allen anderen deutschen Gemeinden nachgeahmt" erden. Der Kampf gegen wehrlose kleine Kinder paßt ganz zu dem Wesen des Nationalsozialismus und zu dein Schlagwort „Weg mit der Humanitätsduselei"! Das Christentum der „deutschen Christen" kennt keine menschlichen Gefühle, kein Mitleid, kein Erbarme». .Deutsche Freiheit". Nr. tili Das bume Vlstt Dienstag, 15. Mai 1984. Rennst du das Land, wo die Orangen blühn...? Von Erich Gottgetreu(Jerusalem) „Ganz gleichmäßig— noch gleichmäßiger—— immer noch gleichmäßiger" Sorgsam belehrte Domart aus Kiew, seit sieben Jahren palästinensischer Siedler, über die beste Methode des Dünger- ausstreuen» Helmut, den Neueinwanderer aus Deutschland. Ter schleppte, in der Sonnenglut schwitzend, den schweren mit Kali angefüllten„Pach", das ursprünglich als Benzin- kanne benutzte Einheitsgeschirr des Landes, und entschöpfte thm den grauen Fruchtsand, einen halben Becher für die kleinen Orangenbäume, einen vollen fast für die großen. Vor ihm stapfte, die Thuria in der Hand, der Ukrainer, die Bewässerung regulierend. Drei Kilometer weit, in einer primitiven Holzleitung, kam das Wasser von einer Ouelle am Berge. Oft genug war die Leitung verschlammt, dann war es Helmuts Aufgabe, sie mit den Händen wieder zu säubern, wobei er die strenge Mahnung zu befolgen hatte, sich nicht auf den heißen Erdboden zu setzen, denn auf dem kriechen zur Zeit der großen Hitze Skorpione herum, deren Biß zwar nicht lebensgefährlich ist, aber etwa zwanzig Stunden lang fürchterliche Schmerzen verursacht; also kauerte Helmut, brummte und schöpfte den Dreck. Am Abend saßen die Arbeiter, die alten und die neuen, die aus Kiew, Pinsk, Berlin. Paris, im Hadar Haochel, dem Speise- und Bersammlungssaal der Siedlung, berieten den Arbeitsplan des nächsten Tages, bestimmten, wer zu jäten, zu graben, zu wässern, zu düngen und zu schwefeln habe, besprachen, allgemeiner, die Aussichten der Ernte, besorgten, ob genug Arbeitshände, sie hereinzubringen, zur Verfügung stünden, und Helmut ersuhr so allmählich die wichtigste Theorie der Citruskultur: 5 Dunam Boden st Dunam 917 Quadratmeter) genügen, um eine Familie bescheiden zu ernähren; Boden in der Küstenebene kostet heute pro Dunam 5 bis 4» Pfund Sterling; die Anlogekosten bis zur Fruchtreise betragen pro Dunam etwa 100 Pfund; ein Pardes(Citrus-Planatage) trägt vom 6. Jahr an Früchte, im O. Jahr 50 Kisten pro Dunam, vom 10. Jahr ab 120 Kisten, in den letzten Jahren erzielte man pro Kiste vom Baum 4 bis 5 Schillinge. Fast hing der Bestand der Sied- lung vom Erfolg der Ernte ab; Teure Maschinen waren zu bezahlen, dreihundert Menschen wollen leben. Ueberhaupt ist Palästinas Citrus-Kultur bis auf weiteres seine Schlüssel-Landwirtschaft, ein Stück seiner Zukunft. Das waren so Tätigkeiten, Gespräche und Gedanken im Juli. Seitdem kam der Herbst ins Land, der Winter und der Frühling, die Ernte neigt schon dem Ende entgegen. Und die Ernte ist gut. * Kennst du das Land, wo die Orangen blühn? Meine Informatoren, der Präsident der größten CitruS-Export- gesellschaft Palästinas, und ein Gewerkschaftsführer, zeigten eine Reihe jüdischer und arabischer Paradessim bei Jaffa, es ist die Gegend, in der Rudolf de Haas'.Orangenpflanzer von Sarona" spielt. Der unvergeßlichste Eindruck der Kreuz- und Querfahrt: Der Blick vom Napoleonshügel bei Ra- matgan. In der Ferne, rot und weiß, Jaffa und des MeereS blauleuchtende Fahne; unter, rings um uns im grünen gold- gesprenkelten Wogen ein gewaltiger Orangenhain, dem der betäubende Atem gesegneter Erde entströmt, und, irgendwo, von Männern und Frauen gesungen, ein Lied der Arbeit. Als Napoleon hier war, blühten, alten Berichten zufolge, bei Jaffa bereits Oraugenkulturen. Die ersten aus Palä- stina ausgeführten Apfelsinen bekam vor achtzig Jahren die Königin Viktoria. Vor dreißig Jahren betrug der palä- stinensische Orangenexport 50 000 Kisten. 1920/27 führte man zwei Millionen Kisten aus. In diesem Jahre werden es einschließlich Grapefruit- über 5 Millionen Kisten sein. Immer neue Pardessim werden fruchttragend, so daß man iür jedes der kommenden Jahre ein bis anderthalb Mil- lionen Kisten Zuwachs erwarten kann. Da noch 150—200 000 Dunam Land anpslanzungssähig sind, was zusammen mit der gegenwärtig angebauten Fläche 400 000 Dunam Boden ergäbe, ist für Palästina eine Ernte von 30 bis 40 Millionen Kisten pro Jahr möglich, eine Ernte so groß wie die spanische und fast so reich wie die amerikanische— schwärmt der Exporteur. Und schwärmend fährt er fort: Die Frucht ver- bessert sich von Jahr zu Jahr. Immer wieder werden die kräftigsten Reiser der alten Bäume zur Veredelung der jungen Pflanzen genommen. Der„fruit inspection service" der Regierung übt eine ständig strenger werdende Kontrolle der zum Versand gelangenden Ware aus. Auch sehen die arabischen Pflanzer den jüdischen allmählich alle wert- steigernden Bersandmethoben ab: die aus Kalifornien über- nommene Größensortierung und die Charterung schneller Frachtschiffe, die die Verfaulungsgefahr stark herabmindert. — Ein Einwand des Journalisten: Ist man in anderen Ländern nicht ebenso schlau?— Die Antwort des Expor- teurs: Gewiß, aber häufiger heimgesucht von schweren Krankheiten oder harten Frösten. Kein Land hat so günstige klimatische Bedingungen wie Palästina, sagen die ersten Sachverständigen der Welt, Professor Powell aus Südafrika und Professor Ryerson aus Kalifornien— sagt der Exporteur, der seinerseits freilich einen sehr schweren Kummer hat: es ist ihm und seinen Freunden bisher trotz aller Be- mühungen noch nicht gelungen, für die palästinensische Orange Zollsreiheit innerhalb des Britischen Imperiums, die sogenannte Imperial Preserence, zu gewinnen. Er reiste im Interesse dieses wichtigen Ziels und im Austrage der vielen zu Kooperativen zusammengeschlossenen Kolonisten und Gemeinschaftssiedler, mit denen er geschäftlich verbunden ist. zur Reichskonserenz nach Ottawa, aber das Fahrgeld war glatt zum Kajütenfenster hinausgeworfen. Hier ein Knips, bort ein KnipS— so werben die goldenen Bälle vier bis fünf Monate lang täglich von den Bäumen geschnitten. Die Gewerkschaften fordern, daß jüdische Unter- nehmer nur jüdische Arbeiter beschäftigen. Die Unternehmer richten sich unter allerlei, nicht zuletzt auch materiellen Begründungen nicht immer nach diesem Verlangen. So mußten sie es erleben, daß diejenigen jüdischen Arbeiter, die mit Arabern zusammenarbeiten wollten, verprügelt und daß die Straßen, auf denen sie die Frucht abfahren wollten, ver- barrikadiert wurden. Manche Kolonisten, selbst arabische unter ihnen, lassen„Picking and Pöcking", Pflücken und Packen, gleich durch die Gewerkschaft, den Berkauf durch eine ihr angeschlossene Handelsorganisation erledigen; so sind sie aller Sorge ledig. Aber diesmal kam es fast zu einer wirt- schaftlichen Katastrophe— wegen Arbeitermangels; gewiß ein Kuriosum in dieser Arbeitslosen-Welt. Die Histadruth erließ einen Ausruf an die Bauarbeiter des Landes, Schippe und Kelle stehen und liegen zu lassen, um beim„Katif", der Orangenernte, zu helfen. Auch Arbeiter anderer Gewerbe- zweige, Angestellte, Vertreter akademischer Berufe, selbst ältere Schulklassen wurden zu Pflückern in der Not. Der jüdische Arbeiter bekommt am Tag etwa 20 bis 25 Piaster ausgezahlt, der arabische 15—20. Für Qualitäts- arbeiter gibt es höhere Löhne, bis zu IM Pfund Sterling in der Saison! Das bekommen die besten der Packer, die „Aristokraten" unter den Orangenarbeitern. Ihre Tätigkeit ist äußerst kompliziert, im wahrsten Sinne des Wortes eine Sache des Fingerspitzengefühls. Die Vorgriffe ihrer Arbeit leistet im Packhaus, in dem jede einzelne Frucht vor ihrer Weiterbehandlung drei Tage in Quarantäne lagern muß, der minderbezahlte Kollege und die Maschine: am laufenden Band werden die Apfelsinen in Qualität 1, 2 und 3 sortiert; zur dritten Qualität kommen alle Früchte mit Schönheits- fehler», also zu runde, zu grüne, zu wässrige, zu kleine und „unheilbar verwundete". Nun werden die Orangen maschi- nell gestempelt, dann, gleichfalls maschinell, in mehrere Größen sortiert und den Wicklern zugetrieben, die die Früchte in geradezu atemberaubendem Tempo in Seiden- papier hüllen. Die Packer sitzen auf Sattelstühlen, und vor ihnen steht, in bequemer Höhe, ein Pult, aus dem Pult die Kiste, entweder eine für hundert Stück, oder eine für 228, für 270, für 330— und in keine Kiste darf eine einzige Orange mehr oder weniger hineingehen; ja, das will gelernt sein, mancher lernts nie, aber für die, die sich bemühen, gibts sogar ein richtiges Lehrbuch, im Verlag der in englischer Sprache gedruckten Zeitschrift der palästinensischen Orangen- pflanzer ist es erschienen. Endlich klopfen die Hämmer die letzten Takte des Erntelieds. Kiste stapelt sich auf Kiste, von jeder leuchtet ein stolzer Name, die Hausmarke. Ein Pfiff die Lokomobile zieht den Segen zum Schiff oder zur Bahn. Begegnung Leseprobe aus dem im zweiten Quartal bei der Büchergilde Gutenberg erscheinenden Roman „S ch w e st e r Lisa" von Elisabeth Gerter. Warm scheint die Aprilsonne. Die Zugvögel sind zurück- gekehrt und bauen an ihren verlassenen Nestern. In Rein- hart beginnt die Wanderlust aufzuwachen. Er drängt dar- auf, an unfern Arbeitsstellen zu kündigen. In der Fabrik erkläre ich, daß mein Mann in Amsterdam Arbeit gefunden habe. Ich will meinen Kolleginnen von unserem Nomaden- leben nichts verraten. Sie beneiden mich in meinem ver- meintlichen Glück. Ich komme mir selber fast beneidens- wert vor. Der letzte Tag rückt heran. Am Morgen, zwanzig Mi- nuten vor sieben Uhr, gehe ich durch die Rue du Nord, den gewohnten Weg zur Fabrik. Der Himmel ist voller Sterne, es scheint ein schöner Tag zu werden. Aus allen Häusern kommen dunkle, vermummte Gestalten und zerstreuen sich in alle Richtungen. Immer mehr bevölkern sich die Straßen, immer lauter dröhnen die Schritte des Arbeiterheeres auf den Trottoirs.— Wo ist Waldberg? Was macht er? Wie denkt er von mir?— Immer noch quälen mich diese Ge- danken und haben mir in der Ungestörtheit des langen Weges zur Fabrik nie Ruhe gelassen. Heute ist der letzte Tag in La Chaux-de-Fonds. Er ist der Schlußpunkt. Morgen bin ich in Paris, und neue Ereignisse werden mir entgegenströmen. Plötzlich schrecke ich zusammen. Ist es wirklich Waldberg, der stumm neben mir schreitet? Einen kurzen Moment stehe ich still und schaue die Gestalt neben mir staunend an. Dann gehen wir schweigend weiter, ohne einander die Hand zu reichen „Du hast einen neuen Pelz," höre ich ihn endlich sagen. Und ich antwortete: „Ja. Und du hast einen neuen Mantel und einen neuen Hut." „Ja." Stumm gehen wir weiter, bis er wieder beginnt: „Wann reist ihr fort?" Auch Autos mischen ihren Benzinstank in den Apfelsinen- dunst dieser Erntetage, mit Apfelsinenkisten beladene Kamel- karawanen ziehen zur Stadt, und die teerglatte Landürav von Ramatgan nach Jaffa ist zur Apfelsinenzett kaum weniger belebt als die von Potsdam nach Berlin. Der Orient gewöhnt sich an den Karneval des Verkehrs. Der Apfelsinenzug durch Jaffa führt an einer ganzen Apfelsinenindustrie vorbei. Eine Druckerei verziert die Ein- wickelbogen; ein kleines Interview: Der Chef erklärt, er kann die Aufträge nicht bewältigen. In einer Werkstatt werden Kistenbretter zurechtgezimmert. Eine andere be- druckt die Bretter mit den Namen und Symbolen der Orangensorten, die halbe Hausfront ist in geschickter Wer- bungsabsicht mit solchen Brettern benagelt. Im Hafen, der jetzt im moderneren von Haifa einen mächtigen Konkur- renten fand, endet die saftige Fahrt fürs erste. Aus Kisten derden Kistenburgen. Kistenberge, die Magazine bersten, maßlos quillt der gelbe Segen, wie der kohlschwarze>n Cardiff, der baumwollweiße in Alexandria. Die Flut drängt zum Meer, das Meer grüßt mit heftigen Stößen schaumigen Gisches über die Ufermauern. Alle brüllen jeden an. die Fahrer die Hafenarbeiter, die Hasenarbeiter die Bootsleute, die Bootsleute die Fahrer. Bon Hand zu Hand, von Mann zu Mann wandern die Kisten in die breiten, schaukelnden Kähne am Kai, und unter kurzen arabischen Flüchen und mit langen bunten Rudern wird die Jasfaer Apselsinenflotte zu den groben Schiffen gesteuert, die, dirigiert nach einem seit Saisonbeginn festgelegten Fahrplan, mit hohlen, gierigen Ladebäuchen vor der Reede warten, sechs Schisse, acht Tchiiic, selbst zehn Schiffe an einem Tag, Schisse der englischen Torm-, Stockward u. Rees-, Lauritzen- und Gortonlinie, die sich im Frachtgeschäft den Löwenanteil gesichert haben, nor- wegische Schiffe, Dampfer der deutschen Levantc-Linie, der Svcnska-Orient-Linie, des Lloyd Triestino. der ägyptische Khedivial Mail. Der im Jahre 1931 gebaute norwegische Dampfer„Donator" kann sich mit sieben Ladebäumen in 12 Stunden 28 000 Kisten einverleiben! Schließlich dampfen die Süß-Seeschifse über den Horizont, werfen im Vorbeifahren auf Cypern ein scheeles Bullauge, denn Orangen, die dort gezüchtet werden, genießen im Gegensatz zur stiefmlltter- lich behandelten palästinensischen„Imperial Preserence", und laufen nach zwölf bis dreizehn Tagen in Liverpool, Glasgow oder Hamburg ein. Wer bietet? Wieviel? Wer bietet mehr? Die palästinensischen Exporteure warten ge- spannt auf die Telegramme mit den Vörsteigerungspreisen. „Heute." „Gehst du noch in die Fabrik?" „Ich arbeite nur bis Mittag. Aber warum bist du hier? Wie kannst du wissen, baß wir heute fahren?" „Ich habe mich im Metzgerladen telefonisch erkundigt. Sei mir nicht böse deshalb. Können wir noch eine Stunde zu- sammensein?" So lieb, so gut frägt er. Trägt er denn keinen Groll gegen mich? Ich Hab ihn doch verraten. Habe seine Liebe um Reinharts willen verstoßen. Und nun ist er da. hat sich wie ein Detektiv erkundigt, wann wir abreisen, und ist in der letzten Minute nochmals gekommen, mir die Hand zu drücken. Schweigend steigen wir den Hügel hinan. Die Morgen- dämmerung ist gewichen. Die Sonne bescheint den Wald- rand. Wir setzen uns hin, halten uns die Hände, und unsere Lippen berühren sich. „Bist du mir nicht böse, Lieber?" „Nein, Liebes, aber es hat mich unendlich geschmerzt." „Wir haben dich erwartet, konnten nicht verstehen, daß du alles ohne weiteres hinnimmst." „Ich fühle, wie ein Zucken durch ihn fährt. „Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich sofort gekommen. Aber ich wollte euch nicht stören. Ich respektiere deinen Ent- schluß." Eng sitzen wir beisammen und fühlen beide, wie wir uns lieben, wie wenn nie etwas zwischen uns gewesen wäre. „Wohin geht ihr?" „Nach Paris für ein paar Tage. Reinhart kennt die Stadt nicht. Nachher Brüssel, dann Amsterdam. Und was machst du?" „Ich male wieder.... Habe wieder ein Atelier. Ohne die Kunst hätte ich die Enttäuschung nicht ausgehalten." Die Kircheuuhr schlägt neun. Ich bin unruhig, aber es ist das letzte Mal, daß wir beisammen sitzen. „Ich mutz jetzt gehen. Lieber.... Leb wobl.?5m Kerbst komme ich wieder in die Schweiz." „Leb wohl, Lisa." Wissen gne schon. ... woher der Heiligenschein stammt? Aus dem Brah- manismus. ... warum das Ave Maria der englische Gruß heißt? Der verkündende Engel begrüßte Maria so. ... was das Archmedische Prinzip ist? Das Gesetz vom Auftrieb, ... woher der Name Fayence stammt? Von der ita- lienischen Stadt Faenza, deren Keramiken im Mittelalter berühmt waren. ... wie naturgetreu die Gemälde des griechischen Malers Apelles wirkten? Die Gemälde wirkten so naturgetreu, daß die Vögel kamen, von den gemalten Trauben zu kosten. Alexander der Große wollte einen gemalten Vorhang bei- seite schieben. ... welches das bedeutendste Pferderennen Frankreichs ist? Der Grand Prix de Pari». ... welche Staatsmänner man nach dem Ende des Welt- krieges„Die großen Vier" nannte? Georges Clemenceau, David Lloyd George, Sidney Sonnino und Woodrow Wilson. 13 bei Tisch und- ein Word Die letzte Ziehung der französischen Nationallotterie hat ein neues Opfer gefordert. Marius Ehaise-Supot in Bag- nolet hat 10 000 Fr. gewonnen. Vergnügt zog er mit seiner ganzen Familie in eine Restaurant, wo es zwischen ihm und einem gewissen Marcel Henncot zu einem Wortwechsel kam, weil der unbedingt mit eingeladen werden wollte. Später setzte man sich zu Tisch und der Gewinner stellte lächelnd fest, daß 13 am Tische säßen, jetzt müsse einer bald sterben.— Plötzlich drang der abgewiesene Hennicot an der Spitze mehrerer Banditen in das Restaurant ein. Die Teilnehmer des Essens wurden auf die Straße gedrängt, wo von den Banditen Feuer gegeben wurde. Ein Freund des Lotterie- gewinner« stürzte tot zu Boden, mehrere andere wurden verwundet. Deutschland-„an den Abgrund geführt Die fortschreitende Zersetzung $er Berliner Sonderkorrespondent des„M a n ch e st e r Guardian" berichtet über halblegale Zusammenkünste deutscher Konservativer, die durch ihre Verwandt, lchasten, Geschäftsbeziehungen und vor allem durch ihren Zusammenhang mit der Reichswehr Kontakt zu jenen haben, me Deutschland heute beherrschen. Der Korrespondent ist der Uufsassnng, daß diese konservativen Kreise heute einen Sin- blick in die deutsche Lage haben, wie sie nicht nur dem Aus- land, sondern auch der übergroßen Mehrheit der National- sozialisten verwehrt ist. Bei einer Zniammcnkunst, die kürz- lich über 80 Personen vereinigte, darunter mehrere Konser- vativc von einem gewissen Rang, deren Namen der englische Berichterstatter kennt, erklärte der Leiter der Unterredung — ein hoher Beamter, der dem Adel angehört— sinngemäß kiwa folgendes: „Deutschland wird von Abenteurern re- giert sHttler bezeichnete er ausdrücklich als Ausnahme von dieser Kategoriej. Deutschland wird an den Abgrund geführt... Die Lage Frankreichs ist konsolidiert worden. Krankreich ist entschlossen, eine endgültige Reglung des Abrllstungs- Problems Herbeizuführen. Krankreich fordert, daß es ent- weder eine 800 000 Mann starke Reichswehr mit kurzer Dienstzeit bei Auslösung der SA. gibt oder eine 100 000 Mann starke Reichswehr bei schärfster ausländischer Kon- trolle über die SA. Die Reichswehr selbst ist für das erstere, aber die SA.-Führer, die ihre» Einfluß nicht verlieren wollten, sind für das letztere. Es wird notwendig sein» einige Zugeständnisse z« machen, wenn Gegenmaßnahmen der fremde« Mächte vermieden werden sollen... Die Abenteurer simmer mit Ausnahme Hitlers, der bereit ist, der Auslösung der SA. zuznstimmcnj, sind kurzsichtig genug, alles zu riskiere«, selb st den Krieg. Deutschland ist aber gegenwärtig unfähig, einen Krieg zu führen: es wäre in einer Woche besiegt. Die Reichswehr würde einer solchen Politik ihre Unterstützung verweigern müssen, und in diesem Falle wäre es mit Hitlers autoritärer Regierung zu Ende. Sie würde durch eine Reichswehrdiktatur ersetzt werden. Wahrscheinlich würde Hitler als Kanzler beibehalten werden, aber die SA. und der Bonzenhaufen würden zerschlagen werden. Alle nationalen Kräfte nntcr den Deutschnationalen und im Stahlhelm müssen sich für die Unterstützung eines solche,, Regimes zusammenschließen. Es wird dann notwendig sei», eine neue Ideologie zn schassen, denn der Glaube in die „autoritäre" Partei lNSDAP.s und in den„autoritären" Staat wird zerstört sein. Das bedeutet Wegbereitung für eine monarchistische Restauration, obimon nur die weitere Entwicklung zeigen wird» ob eine Monarchie möglich ist oder nicht." Hitler- Coue „ Paris, 13. Mai sJnpreßl. Der Betlkner Korrespondent des ^.fJöurnal"- schreibt seinem SUatt. das, Adolf. Hitler in Deutschland mit Coue verglichen wird,„der seine Kranken durch Suggestion heilte, indem er sie ununterbrochen, selbst wenn sie sich im schlechtesten Zustand befanden wiederholen liest:„Es geht mir besser, es geht mir viel besser, ich fühle mich durchaus wohl." „Rebelten" Aus dem Berliner TA.Sturm, der sein Sturmlokal in der Fuldastraße, Ecke Weserstraste in Berlin Neukölln hat. sind 80 Mann wegen„Rebellion" verhastet und ins Konzen- trationslagcr gebracht worden. * Die Geheime Staatspolizei hat plötzlich entdeckt, baß der Bombenwurf Unter den. Linden von einem Halbirren her- rührt. Es ist ganz offensichtlich, daß sie mit dieser Erklä- rung den Cligucnkampf zwischen Röhm und Göring, dem dieser Bombenwurf entsprang, vor der Oeffentlichkcit zu verschleiern bemüht ist. Der verhaftete angebliche Täter soll „geistesschwach" sein, während van der Lübbe z. B. nicht nur von der Gestapo, sondern sogar vom höchsten deutschen Ge- richt für einen geistig ganz normalen Menschen gehalten wurde. Die ausgesetzte Belohnung von 30 000 Mark wird zurückgezogen, und der Bevölkerung wird der gute Rat er- teilt, sich um die Angelegenheit nicht mehr zu kümmer». # In Mainz wurde am 2. Mai in früher Morgenstunde eine Razzia durchgeführt, weil während des„Festes der natio- nalen Arbeit" zahlreiche illegale Flugblätter verteilt wor- den waren— in der gleichen Stadt, deren Polizeipräsident sich schon im Dezember vorige» Jahres rühmte, den letzten Kommunisten verhaftet zu haben. 130 Arbeiter, die keines Delikts überführt sind, aber von der Polizei als Kommu- nisten und Sozialdemokraten bezeichnet werden, wurden ver- hostet und in das Konzentrationslager Osthofen abtranspor- tiert. Stimmung: schlecht Wie es das neutrale Ausland sieht Zürich, 13. Mai sJnpreßj. Die katholischen„Neuen Zür- cher Nachrichten" schreiben in einem Leitartikel„Eindrücke aus dem dritten Reich" u. a.: „Es ist kaum zu glauben, wie stark das„Unbehagen" in den letzten Wochen gewachsen ist. Die zum deutschen Gruß emporgereckte Hand ballt sich zur Faust, die gegen die er, hoben wird, denen man diese„Schweinerei" zu verdanken hat, und aus dem gleichen Munde, der vielleicht noch vor 10 Minuten flammende Bekenntnisse zur nationalsozia- listischen Bewegung von sich gab, kommen nicht immer sehr liebenswürdige Aeusterungcn über die herrschende Kor- ruption und Unfähigkeit. Das ganze Regime lebt vom Schein— vom Schein der allgemeinen Zustimmung, die durch eine kunstvolle Verbindung von Propaganda und Ter, ror— vor allem wirtschastlich-organisatorischem Terror— erzeugt wird. Keiner traue öffentlich dem anderen, und darum sind alle„begeistert". Wenn von der Bolksbcgeifte- rung geredet wird, so ist damit nur die Tatsache propagan« distisch zugedeckt, daß die Volksstimmung sehr schlecht ist." Göhhels 180t sich rächen Dr. Wassermann im Konzentrationslager Berlin, 12. Mai. Am lt. Mai wurde der jüdische Ange- stellte der Commerz- und Privatbank Dr. Jakob Wasser- mann, der 1000 in Riga geboren ist, durch die Geheime Staatspolizei festgenommen, weil er aufreizende und schwerste Verunglimpfungen persönlicher Art gegen Reichs- minister Dr. Göbbels systematisch und in aller Oeffentlich- keit in Umlauf gesetzt haben soll. Dr. Wassermann wurde direkt aus dem Betriebe heraus verhastet. Dr. Wassermann wurde ins Konzentrationslager Oranienburg gebracht.— ver Kalzen|iimmer Das Volk hat die Beweihräucherung der Nazi- honzen satt Der Reichsinnenministcr Dr. F r i ck sah sich gezwungen, an die Landesregierungen einen Erlast zu richten, der sich mit dem Austreten der Unterführer besaßt und in dem es u. a. heißt: „Ter Stellvertreter des Führers hat vor kurzem in einer an die Gauleiter gerichteten Verfügung gegen gewisse Er- icheinungen Stellung genommen, die mit der bescheidenen Zurückhaltung, die jeder Parteigenosse und besonders auch jeder Unterführer entsprechend dem Vorbilde des Führers in der Oeffentlichkcit beobachten sollte, nicht vereinbar seien. Ter Stellvertreter des Führers hat in diesem Zusammen- hang besonders aus Zeitungsartikel, HuldigungSadressen, Bildveröffcntlichungen, Geburtstags- und Jubiläums- wünsche, Ehrenbürgerschaftcn, Straßcnbenennungen, Be- slaggung bei Besuchen usw. hingewiesen. Indem ich mir diese begrüßenswerten Ausführungen des Stellvertreters des Führers in vollem Umfang zu eigen mache, bitte ich, es auch den Inhabern öffentlicher Aemter in Reich, Staat und Gemeinden zur Pflicht zu machen, ihr Auftreten in der Oessentlichkeit nach den gleichen Grundsätzen zu regeln. Im besonderen bitte ich dafür Sorge zu tragen, daß die Ber- lcihung wetterer Ehrcnbürgerscyaften unterbleibt und daß Straßenum- und Straßenneubcnennungcu nach Lebenden nicht mehr stattfinden. Plutzer Brie! Aus Zwetbrlicken wird uns geschrieben: Zweibrücken war mit seiner großen Bcamtcnbevölkcrung und infolge der besonderen Beachtung wegen feiner Grenz- löge ein günstiger Boden für die Nazis. Die Arbeiterschaft hatte sich allerdings glänzend gehalten, und man konnte de- obachten, daß nie ein solcher Zusammenhalt vorhanden ivar, nie so starke Demonstrationen zustande kamen, als kurz vor der Machtergreifung der Nazis. Die Arbeiterschaft hat sich auch bis jetzt noch nicht unterwerfen lassen. In den Reihen der bisher 100prozentigcn Nazis aber kriselt es. Am Gc- burtslag Hitlers tam dies sehr sichtbar zum Ausdruck, denn es war mindestens um 25 Prozent weniger beflaggt als im vorigen Jahr. Aber auch bei der SA. ist die veränderte Stimmung zu spüren. Ein Sturm hat bekanntlich 140 Mann. Davon treten heute noch etiva 70—80 Mann an. Es fällt auf, daß ein großer Teil keine Uniform trägt. Ob dieses, wie manche glauben, mit dem beabsichtigten Einfall in den Taarstaat zusammen- hängt oder damit, daß sich jeder aus eigenen Mitteln die Uni- form beschaffen muß, wozu aber weder Geld noch Lust vor- banden ist, kann im Moment nicht klar beantwortet werden. Jedenfalls wird es stark kritisiert, daß man die Leute an- brüllt:„Warum lassen Sie sich nicht die Haare kurz schnei- den?"„Warum kommen Sie mit schiefen Absätzen daher?" „Wie können Sie mit ganz unpassenden Knöpfen am Anzug daherkommend usw. Zwei Mal pro Woche werden die Leute geschlossen zu Vorträgen und Instruktionen geführt. Dabei wird vor- und nachher tüchtig exerziert. Sonntags ist Aus- marsch und nur jeden 4. Sonntag ist ein freier Tag. Jede Schar hat eine Maschincngewehrabieilung, die Ausbildung geht sehr gründlich vor sich. An Karabinern und Gewehr wer- den alle ausgebildet. Am 13. 4. war eine große Brigade- besichtigung, verbunden mit Felddienstübung. Der A r b c i t s d i e n st ist geschlossen uniformiert. Gcar- bettet wird sehr wenig, dafür um so mehr exerziert. Ter ri..f- ttge Ausdruck wäre nach Ansicht der Leute„Retrutendepor". Die sogenannten Pflichtarbcitcr müssen für die Unter- stützung ohne den geringsten Zuschlag arbeiten. Tie werden nicht als Erwerbslose geführt. Die sogenannten Arbeiter des Rcinhardt-Programms er- halten täglich zur Unterstützung 20 Pfennig für das Mittag- essen und monatlich einen Gutschein der Winterhilfe von 23 Mark. Letzteres wird aber jetzt eingestellt. Ein guter SA.- Mann sagte jetzt:„Haben wir dafür gekämpft? Ich mache mich noch unglücklich." Soweit die Leute Privatunternehmern für Notstandsarbei- tcn zugewiesen werden, beträgt der Höchststundenlohn 60 Psg. Dabei ist ein Mann mit ö Kindern, der wöchentlich noch 18 Mark nach Hause bringt, also nicht mehr als der Pflicht- arbeiter des Wohlfahrtsamtes. Den Arbeitern der Weberei Zorn wurde vor 14 Tagen Lohnabbau angekündigt. Die Arbeiterinnen übten daraufhin passive Resistenz. Nachdem diö Verhandlungen fruchtlos ver- •f-mfen waren, wurden sie gezwungen, wieder zu arbeiten. Tie wurden damit getröstet, die Angelegenheit fei nach.Ncn- stadt weitergegeben. Dort ist der Jndustriellenvcrband. Man kann sich leicht die Stimmung unter diesen Enttäuschten vor- stellen. Die Führer versuchen, fetzt die unzufriedene Bevölkerung, besonders die Arbeiterschaft damit zu beruhigen, daß sie sagen, das Saargcbict müsse jetzt noch rückgegliedert werden, dann ginge es mit Ernst an die Großen, an die Kapitalisten. Die Arbeiter wissen natürlich sehr gut. daß auch im Saar- gebiet der Großkapitalist Röchling„führt" und zeigen keine Neigung, sich mit solchen Tchwarren einwickeln zu lasse». Als auffallend kann noch angeführt werden, daß wieder- holt große Strecken hart an der Grenze zwischen Pirmasens und Zweibrückcn gesperrt waray wegen Nebungen, an denen auch die Zollbeamte und die Gendarmerie teilnahmen. Auch die fetzt genannten Beamten werden sehr eitrig zu Seiest- Übungen heranaezogen und entfalten einen gewissen Wetteifer untereinander. Prozeß gegen Paula Walllsch Von Marc Sommerhausen Der Brüsseler Rechtsanwalt und Abgeordnete Marc Sommerhausen hat in Vertretung der Liga für Mcn- schenrechie an der Hauptverhandlung gegen Paula Wal lisch und Maria Fertncr teilgenommen. Er berichtet darüber im Brüsseler„Peuple": Im Schivurgerichtssaal von Leoben drängt sich die Menge. Man sitzt über zwei Frauen zu Gericht. Das Publikum sieht nur ihre Rücken- es ist erst zugelassen worden, als die Angeklagten schon auf der Anklagebank saßen. Das Verhör mit der Frau im schwarzen Kleid ist beendet. Sie ersucht,^sich einen Augenblick aus dem Saal entfernen zu dürfen, sie versucht es, aufzustehen, aber, gelähmt, bricht sie in die Arme der Gendarmen, die neben ihr stehen, zusammen. Ein Murmeln des Schreckens geht durch den Saal. Die Männer ballen die Fäuste. Die Frauen schluchzen. Diese Angeklagte, geschüttelt von einem konvulsivischen Zittern, ist Paula Wallisch. Im Februar war sie jung und voll Lebenskraft— seit der Hinrichtung ihres Mannes ist sie ein« menichliche Ruine. Zahllose Versuche sind unternommen worden, ihr den Kalvarienberg dieseß Prozesses zu ersparen. Aber der Haß der Heimivehr war stärker. Er hatte an der Leiche des. Mannes nicht genug. Paula Wallisch ist angeklagt, den-Schutzbündlern wahrend des Kampfes Tee und belegte Brote gebracht zu haben. Das ist alles, was der Staatsanwalt gegen sie vorbringen kann. Das ist in seinen Augen Teilnahme am Bürgerkrieg, das ist Hochverrat. PalKa Wallisch ist phvsiiS gebrochen, aber nicht moralisch. Mit einer frischen, entschiedenen, fast kindlichen Stimme berichtet sie das furchtbare Erlebnis. Am 12. Februar morgens meldete ein Bote, daß der Gene- rolstreik beginnt. Walliich verließ in einem Taxi Graz, um sich zu den Arbeitern von Bruck zu begeben, denen er versprochen hat, in der Stunde bcS Kampfes bei ihnen zu sein. Er hatte diese Stunde kommen gesehen, aber nicht ohne ernste Besorgnis. „Acht Tage vorher." erzählt Frau Wallisch,„habe ich meinen Mann mit einem Arbeitslosen darüber sprechen ge- hört.„Wann geht es endlich loS, Wallisch?," fragte der Ar- bcitslose.„Anfangen ist leicht," sagte Wallisch,„aber bann?" „Du hast leicht reden," sagte der Arbeitslose,„du hast dein Einkommen. Aber wir, die wir seit Jahren vor Hunger am Verrecken sind, wie Haltens nicht mehr aus. Im übrigen n erden die Nazis mit uns gehen."„Bildet euch das nicht ein," antwortete Wallisch.„Tic Nazis werden nicht mit dem Finger rühren. Und die Eisenbahner werden nicht mit- streiken." Wallisch hatte keine Illusionen über den Kampf, den er begann. Als er aber unvermeidlich geworden war, stellte er sich an die Spitze. Und seine Frau fuhr mit ihm nach Bruck. Der Abend kam. Die kämpfenden Schutzbündler hatten nichts zu essen. Manche wollten reguirteren gehen. Da eilte Paula In den Konsumverein, brachte Lebensmittel und ver- teilte sie mit Hilfe anderer Frauen unter den Kämpfenden. Am nächsten Morgen der Rückzug. Paula will dem Gericht das Heldenlied von den vierhundert Schutzbündlern erzählen, die sich mit der Waffe in der Hand zur jugo- slawischen Grenze durchzuschlagen versuchten. Sie will von dem Verrat des Ruß sprechen, der sich ergeben und den Rück- zug seiner Kameraden verraten hat, von der Gefangennahme ihres Mannes, von den grausamen Stunden im Gefängnis, von den schurkischen Scherzen ber Offiziere nach dem Todes- urteil. Der Präsident Watzek, der selbst im Februar die Heimwehr kommandiert hat, unterbricht sie:„Das inter- essicrt den Gerichtshof nicht. Wann sind Sie gelangen- genommen worden?" Paula antwortet:„Um 11 Uhr vor- mittags. Man hat mich so gefesselt, daß die Spuren der Fesseln noch nach zwei Tagen sichtbai waren." Der Präst- dcnt:„Das hat mit der Anklage nichts zu tun." Wunderbare Frau— wie auch die zweite Angeklagte, Maria Fcrtner, die Obmännin der Frauenorganisation von Bruck. Ter Staatsanwalt verlangt die strenge Bestrafung der Angeklagten.„Sie behaupten heute," sagt er.„sie hätten die Lebensmittel verteilt, um Plünderungen zu verhüten. Ich glaube nicht daran. In der Voruntersuchung haben sie'diese« Motiv nicht angegeben."„Ich wollte nichts sagen, was den Schutzbund nur im geringsten herabsetzen konnte," antwortet schlagfertig Maria Fcrtner. Das Wort hat d:r Verteidiger. Dr. Bichler erhebt sich auf seinen zwei Stöcken. Ergreifendes Schauspiel, dieser Schwerinvalidc des Weltkrieges als Verteidiger von Paula Wallisch, der Schmerinvaliden der Revolution. Der Verteidiger zeigt die juristische UnHaltbarkeit der An- klage. Er spricht von dem Martyrium seiner Klientin. Aber er spricht vorsichtig. Denn ein Kommissär des Sicherheit?- dircktors ist im S-zal, auf den Vorwand lauernd, den sozial- demokratischen Rechtsanwalt in ein Konzentrationslager zu schicken. Der Rechtsanwalt, der Maria Fcrtner verteidigt, hat sieben Wochen dort verbracht, ohne auch nur den Grund seiner Verhaftung zu erfahren. Die Geschworenen ziehen sich mit dem Gerichtshof zurück. Die Geschworenen möchten freisprechen. Der Präsident be- steht aus der Verurteilung. Nach einer halben Stunde ist cS entschieden. Ein Jahr schweren Kerkers. Abermals im Saal furchtbare Erregung. Als die Verurteilte» abgeführt wer- den steht alles auf. die Frauen winke» mit den Taschen- tüchern und rufen: „Paula! Paula!" Di« Genbarmen selbst sind zu ergriffen, um diese Demon- stration zu unterdrücken. Der Verteidiger telefoniert nach Graz. Er verlangt die EntHaftung Paula Walllsch« wegen ihres Gesundheitszustände«. Die Nachricht, daß die beiden Frauen enthaltet werden, verbreitet sich mit Windeseile in der Stadt. Straßen und Plätze vor dem GefängniSgebäudc find schwarz von Menschen. Aber der Sicherheitsbirektor hat angeordnet: „Alle Demonstrationen zu unterdrücken." Erst in der'Abenddämmerung wird Paula Walllsch durch eine Seitentstr in ein Auto getragen. Jetzt ruht sie in einem kleinen ivrißcn Zimmer eine« Krankenhauses ans.„Sechs Wochen Behandlung, bann wenigstens sechs Wochen Rekon- valekzenz." sagt der Ncrvenspez'alarzt. der auch die Wsrwe Ttanek«. der in Graz gehängt wurde, behandelt ha«. Und bann? Soll Paula Wallisch dann in den Kerker? Oder.wird man sie dann in ein Konzentrationslager sperren, um sie der Anbetung.der. Bevölkerung zu entziehen? Wenn es noch so'etwa« wie ein Menschheitsgcwissen gibt, so kann das nicht geschehen. Das Neueste * Bei einer am Sonntag von den Faschisten veranstalteten Versammlung in Newcastle on Tync in England kam es zu erheblichen Zusammenstößen. Das frühere sozialistische Unterhausmitglied Joe Beckett versuchte, eine Rede zu halten, wurde aber mit Rufen wie„Verräter" am Sprechen verhindert. Die Polizei machte der Versammlung ein Ende und führte Beckett und mehrere Schwarzhemden zum faschistischen Hauptquartier. Daraus versammelte sich eine nach Tausenden zählende Menschenmenge vor dem Gebäude. Es wurden Pflastersteine und Flaschen geworfen. Bei Schlägereien wurde» Stöcke als Masse benutzt. Ein großes Fenster des Hauptquartiers wurde zertrümmert. Ein Faschist trug Kopfverletzungen davon. Die Polizei nahm zwei Verhaftungen vor. Der auch in Deutschland bekannte französische Filmschau» spieler Rene L e s e v r e hat am Sonntag einen schweren Rettunsall erlitten und liegt in besorgniserregendem Zustande im Krankenhaus. Lefevre ist ein bekannter Herren- retter und beteiligt sich häusig an Pferderennen. Bei einem solchen Rennen stürzte er am Sonntag so unglücklich, daß er sich schwere Kopswunden und wahrscheinlich auch einen Schadelbruch zuzog. Der Borkampf zwischen Max Schmeling und dem Spanier Paolino in Barcelona endete nach zwölf Runden unentschieden. Nach einer Havasmelbung ist Trotzki am Sonntag in ./,'chtung nach Ballocine abgereist, um sich nach der Schweiz zu begeben. Der kommunistische Bürgermeister von St. Denis, Doriot, der vor kurzem seinen Rücktritt eingereicht hatte, um die Wahler über seine Meinungsverschiedenheiten mit der ». Internationale richten zu lasten» ist am Sonntag erneut mit 27 von 28 Stimmen zum Bürgermeister gewählt worden Bei den Gcmcinderatowahlen, die vor 14 Tagen statt- landen, wurden fast ausschließlich die Kandidaten der Liste Doriots gewählt. Der Pariser Vorort St. Denis bleibt also unter kommunistischer Führung. Trinilch 43-13 M6iro P i g a 11 e Deutschte Poliklinik: Paris, 62, ßue de la Rochefoucauld a) Allgemeine Konsultationen mit9 Spe-nii««. b) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshilfliche Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9—12 und 2-8; Sonntags und Feiertags von lO—12 und 2—4 Uhr Dr. Specialiste tue de Rlvoii- Metro Chaieie RADIKALE HEILUNG von BLUT., HAUT, oed FRAUENKRANKHEITEN Heilung von Krampladern and offenen Beiaurnuden Neueste Behandlungsmethoden Klektn- :ität impfungsverfahren* Trypafle vine Einspritzungen Blut* und Harn'Untersachiingea. Spcr» nakultur. Satvarsan. Wismut usvr Sprechstunden täglich vom 10— 12«nu /od 4—8 Uhr Sonntags von 9—12 Uhr Konsultationen von 25 Fr. ah. Maa spricht deutsch Doktor Wachtel und Doktor Axel Geschlechtskrankheiten, Männer nnd Frauen Nase, Hals, Ohren 123, Bd. S6bastopol.— Sprechstunden v. 9—12 u. 2—8 Uhr; Sonntags vormittags Metro; Reaumur, St. Denis INSERIEREN BRINCST OEWINN fPotteur fpecioliste - DEUTSCHSPRECHEND I Münchener u. Pariser Fakultä 17, rue Reaumur M.tro Arts-et-Matleri od. BSpublique Frauen«, Blut., Haut., Harn* und Ge- idilechtikrankheiten, Tripper, Syphi. Iis, Männerschwäche. Neuesie Hell verfahren. Elektrizität. Harn», Samen* und Blutanalysen. Massige Bedingungen.(Auch für Kassen versicherte.) Täglich von 9- 1 und 4- 8,30. Uhr Sonn* und Feiertags von 9 bis 1 u. auf Rend. v. Tel. Arch.54*27 Dolifaß-StarhemDerg-rronf DNA Wien, 13. Mai. Amilich wird gemeldet: Der Führer der Vaterländischen Front. Bundeskanzler Dr. Tollfuß, und sein Stellvertreter. Vizekanzler Starhemberg, teilen in einem von beiden unterzeichneten Aufruf den bevorstehenden Zu- sammenschluß aller„vaterländischen Organisationen und Gruppen" mit. Pariser Berichte Glde-SfrawiRshy- Premiere in der Pariser Croßen Oper Der erste Abend des Ballets Ida Rubinstein Eine Pariser Frühjahrssaison ist seit Vorkriegsjahren nicht ohne Gastspiel eines berühmten russischen Balletts denkbar. Heuer ist die Gruppe Ida Rubinstein eingezogen zu zwei recht aufschlußreichen Ballettabenden, deren erster wohl die interessanteste musikalische Premiere dieser ganzen Spielzeit 1933 34 brachte: das choreografische Gedicht„P e r• s e p h o n e. dessen Text von AndreGide, dessen Musik von Igor Strawinsky stammt. Sucht man nach einer verbindenden Leitidee für die drei verschiedenen Werke des ersten Ballettabends der Rubinstein-Gruppe, es sind die Persephone von Gide Strawinsky, die„Diane de Poitiers" von Ibert und„La Valse" von Ravel, so wäre sie vielleicht darin zu finden, daß alle drei mit modernsten Mitteln die Tanzinhalte verschiedener historischer Epochen wiederzugehen oder doch zu besiegeln suchen. Als reines Kunstgewerbe zu bewerten ist das Mittelstück dieses ungleichen Tryptichnns: das dreibildrige Ballett „Diane de Poitier s", zu dessen Vertonung Jaquei Ibert Tänze und Gesänge aus dem 16. Jahrhundert, in der sie die Geliebte Heinrichs II. war, verwendet hat. Die Partitur gibt ein glänzendes, sich aber auch in den äußerlichen Effekten erschöpfendes Klangbild; sie hält nicht ganz, was der Name des Komponisten versprach. Die Bühne zeigt ein übliches, nur lose durch eine Pantomine zusammengehaltenes Divertissement klassischer Tanzformen, im Rahmen etwa einer modernisierten Meyerbeerdekoration, die Alexander B e n o i s in farbsatten Tönen geschaffen hat. Von Solisten ist hier wie in allen drei Programmteilen neben Ida Rubinstein nur ihr Pattner Anatole Wiltjak zu erwähnen. Alles andere ist Gruppenleistung, geordnet durch Michel Fokin e. Fokine hat auch die tänzerische Gestaltung von Havels „La V a I s e" geschaffen. Dies klassische Werk des französischen musikalischen Impressionismus, eine unvergleichlich färb- und schwungvolle Orchesterparaphrase über den Begriff„Wiener Walzer", bildet in einer Dekoration von B e n o i s, einem Ballsaal des zweiten Kaiserreichs— den effektvollen Abschluß des Abends. * Die Uraufführung des neuesten Strawinskyschen Opus unter Leitung des Komponisten stand ag der Spitze. Man sehe einmal von aller äußeren sensationellen Aufmachung ab, die Uraufführung eines neuen Bühnenwerkes von Strawinsky läßt jeden an der Entwicklung der Musik, der Kunst überhaupt Interessierten aufhorchen. Der Weg dieses schon vor dem Kriege in Paris beheimateten Russen war zeitweilig mit dem der neuen Musik identisch, er ist es vielleicht auch mit diesem vorläufig letzten Werk noch. Der Revolutionär Strawinsky, mit dessen„Frühlingsweihe" einst asiatische Urkraft in die müde westeuropäische Musik einzubrechen schien, hat sich auf Pariser Boden verhältnismäßig schnell zum„Klassizisten" gewandelt. Jede Station des Weges war eine Ueberraschung für die Musikwelt jedes neue Werk brachte gänzlich Unerwartetes, was sich bei näherem Zusehen doch als entwicklungsmäßig Folgerichtiges darstellte. Man denke an die Hauptstationen der letzten 15 Jahre: die „Geschichte vom Soldaten", die nach den Monstrepartituren der Frühzeit eine Materialbeschränkung ohnegleichen brachte und eine völlig neue Art musikalischen. Bühnenspiels schuf. Das„Pulcuiella"-Ballett, eine Fantasie über Themen Per- goleses, als Gelegeilheitskomposition geschrieben, das eines der wesentlichsten Werke neuerer Orchestertechnik darstellt. Die Oper„Oedipus Rex" auf einen lateinischen Text von Cocteau komponiert, als Typus einer neuen„statischen" Oratorien-Oper gedacht. Das„antikische Ballett„Apollon Musagete". das in seinem Streichorchesterersaß rein klassizistischen Idealen zustrebt. Im Gegensatz hierzu wiederum die Musik zu dem Ballett„Der Kuß der Fee", die einen neuen Romantizismus zu propagieren schien. Man wird das Überraschende des neuen Bühnenwerkes darin finden, daß es keine neuen Ausblicke eröffnet, nichts Unerwartetes bietet, sondern inhaltlich und formal auf die Werke der vorletzten klassizistischen Entwicklungsphase zurückgreift. Andre Gide hat in seinem Buch, das eine Verbindung zwischen Opern-Oratorium und antikischem Ballett darstellt, die klassische Sage durch einige neue Züge bereichert (u. a. die freiwilige Rückkehr Persophones zu den leidenden Schatten der Unterwelt). Ein neuer theatralischer Oratorienstil, Mittelding zwischen griechischem Kult- und mittelalterlichem Mysterienspiel, der in der„Geschichte vom Soldaten" schon angedeutet und im„Oedipus Rex" weiter ausgeführt war, hat in der Zusammenarbeit Gide-Strawinsky seine wohl endgültige Formulierung gefunden. Der Inhalt des neugestalteten Mythos wird von einem Prolog, einem Vorsänger erzählt, von einem in das Geschehen nicht eingreifenden Chor begleitet, von Tänzern dargestellt. Und aus der Tanzgruppe hebt sich die Titelfigur noch als sprechende Tänzerin ab: an den wichtigsten Handlungsstellen ergänzt das^ ort, die melodramatisch begleitete Rede die Bewegung. Andre Gide hat mit diesem Szenarium einen dreifachen Vorwurf geschaffen: eine Aufgabe für Ida Rubinstein, die ihre wesentlichsten Erfolge als„sprechende Tänzerin" und „tanzende Sprecherin" erzielt hat, einen ungemein reizvollen 3 orwurf für den Choreographen Kurt Joos. dem die Einstudierung des Bühnenmäßigen übertragen war, dessen Arbeit aber in diesem ihm neuen und fremden Rahmen leider nur wenig zur Geltung kam, schließlich einen Kompositionsvorwurf, der für Strawinsky erdacht, von ihm mit Meisterschaft durchgeführt worden ist. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß Strawinsky in diesem Werk seine klassizistische Linie auf eine letzte reinste Formel gebracht hat. Die Reinigung seiner Musik ist in formaler, rhythmischer und vor allem klanglicher Beziehung bis zu einem Punkt gediehen. der fast mit Askese zu bezeichnen ist. Dieses Werk ist der Endpunkt der historisierenden, antikisierenden Entwicklungslinie in Strawinskys Schaffen, und man darf in ihm vielleicht auch den Höhe- und zugleich Endpunkt einer bestimmten allgemeinen Entwicklung der modernen Musik sehen. Denn wenn dieser bedeutungsvolle Premiereabend eine Erinnerung wachruft, so die an ein Ereignis vor nunmehr genau zwanzig Jahren an gleicher Stelle: damals, wenige Monate vor dem Ausbruch des Weltkrieges, führte auch ein russisches Ballett, die Gruppe Diaghileffs, ein neues Ballett auf. Es war die„Josephslegende", zu der kein geringerer als Hofmannsthal in gemeinsamer Arbeit mit Harry Graf Keßler das Buch, und Richard Strauß die Musik geschrieben hatte. Damals wie heute ein illustres Publikum im Saale der Großen Oper, der bedeutendste lebende Komponist am Pult, einer der berühmtesten zeitgenössischen Dichter als Librettist, eine der besten Tanzgruppen auf der Bühne. Und damals wie heute ein Endpunkt einer musikalischen Entwicklung: vor dem Kriege das Ende der glanzvoll aufgebauschten Orchester-Uebersteigerung, heute, zwanzig Jahre später, das Ende der gegenteiligen Entwicklung, der Reinigung, Selbstbesinnung der Musik in Inhalt, Form und Material. Es ist eine merkwürdige Parallele in der politischen und geistigen Gesamtlage Europas und in der speziellen Entwicklung der Musik in diesen beiden Jahren 1914 und 1934. Wie die neue Musik, die die letztvergangene Epoche ablösen soll, aussehen wird, wissen wir nicht, und der offizielle Konzertbetrieb sagt uns erschreckend wenig darüber. Höchstens aus den Versuchen kleiner neuer Gruppen können wir schließen, daß es eine volksnähere Musik als die der beiden letzten Epochen sein wird, ebensoweit vom Pomp der Vorkriegs- wie vom ästhetischen Historizismus der Nachkriegsmusik entfernt. Ob Strawinsky auch in dieser neuen Musik noch eine führende Rolle spielen wird, ist heute nicht zu sagen. In seinem letzten Werk scheint er uns jedenfalls einen Schlußpunkt unter eine wesentlich von ihm mitgeführte Entwicklung gesetzt zu haben. Paul Walzer. Der rasende Rennwagen Bisher acht Tote Paris, 13. Mai. Bei dem Autorennen, das der Auto- mobilklub Jle de France am Sonntag in Fontaincbleau»er- anstaltete, suhr der Bngatti-Wagen, der von Erlic gesteuert wurde, 300 Meter vor dem Ziel aus bisher noch unbekannten Gründen in die dichtgedrängt stehende Menschenmenge. Bis- her find sechs Tote gemeldet worden, darunter zwei Sol- baten. Viele Personen wurden verletzt. Einer Fra« wurde der Kops abgefahren. Der Fahrer des Unglückswagens Erlic ist im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen erlegen. Wie sich nun herausstellt, war der Name Lora ledig- lich ein Pseudonym, das sich der Militärflieger Cochin zu- gelegt hatte, da er sich unter seinem eigenen Name» wav- rend seiner Dienstzeit sonst nicht hätte an Automobilrennen beteiligen dürfen. Cochin war 28 Jahre alt. dnb. Paris, 14. Mai. Tie Zahl der Toten bei dem furcht- baren Autounglück in Fontainebleau hat sich inzwischen aus acht erhöht. Einer der Schwerverletzten ist in den spaten Abendstunden des Sonntag im Krankenhaus gestorben, lieber fünf andere Schwerverletzte können sich die Aerzte noch nicht aussprechen, doch befürchtet man. dag der eine oder ander: von ihnen kaum mit dem Leben davonkommen dürfte. Die Ursache des Unglücks Hat Tie nähere Untersuchung der Ursache ergeben, daß die ursprüngliche Annahme, wonach der.vahrer des verunglückten Wagens durch einen auf die.Nennstuck gelaufenen Hund abgelenkt worden sei. nicht stichhaltig ist. Es hat sich vielmehr gezeigt, daß der Wagen selbst gewUse Fehler aufwies, die als die eigentliche Ursache de» Unglücks .------ Bremsscheiben angesehen werden müssen. Eine der beiden hatte sich unterwegs gelöst und war abgetlogen..lls dqx Fahrer kurz vor dem Ziel im 17st-Kilometer-Tempo an- gerast kam. wollte er bremsen. Da aber nur eine--cheibe auk die Räder wirkte, wurde der Wagen zur-eite ge- schleudert und raste in die Menge. Man hat lerner Test- gestelli, daß der Ordnungsdienst entgegen den polizeilichen Anordnungen es geduldet hatte, daß die Zu'chauer ote eigentliche Abgrenzung überschritten und bis dicht an die Rennbahn herankamen. Wären die polizeilichen«icherheits- maßnahmen genau beiolgk worden, hätte es wahilcheinlich keinen oder immerhin weniger Tote gegeben. am-Tousilm-Theater Saarbrücken. Im neuen Programm er- heitert Georges Milton die Zuschauer in seinem tollen Film„Ter König der Nagaucr"«Bouboule, der Pariser Straßensänger). Ter Film läuft in der deutschen Bearbeitung von Max Ehrlich. Im Borprogramm das neue Paihe-Jourual, die interessante und reichhaltige Tonwoche mit ihrer Sonderschau für die Frauenwelt.— Die Nachtvorstellung zeigt Douglas Fairbanks in seinem ersten hunderiprozeuiigen Tonsilm„Ein moderner Robinson"(Märchen aus Tahitis. Melbourne. Ihre Anregung anläßlich der Jahrhundertseier der Stadt Melbourne wird unsere Geschäftsleitung prüfen und wahr- scheinlich verwirklichen können. „Kölner Heinzelmännchen". Wie Sie uns schreiben, gab es jüngst bei Euch einen iniere„anten Prebigtprozeß:„Ein Kölner Pfarrer hatte in einer Predigt von einer„Ouertreiberin",„Verleumderin" usw. gesprochen, ohne einen Namen zu nennen. Eine Frau fühlte sich getroffen und erhob Klage gegen den Pfarrer. Das Kölner Land- gcricht kam dem Antrag der Klägerin nach und untersagte dem Geist- lichen, die Klägerin fernerhin mit wenn auch nur unpersönlichen Redewendungen in der Kirche zu behelligen, Kritik über Vorkomm, niste in der Pfarrei, stellt« das Gericht fest, sei zulässig, aber nicht, wenn es sich um eine„eindeutig im Mittelpunkt stehende Persön- lichkeit handele."— Ta können Eure Pfarrer also in Zukunft nur noch unter Gefahr eines Beleidigungsprozestes nach dem Wort von Jean Paul handeln:„Tie Predigten sind Kehrbesen, die den Unrat von acht Tagen aus den Herzen der Zuhörer Heraussegen." P. P., Prag. Wir glauben aus reichlichen Erfahrungen nicht, daß die Veröffentlichung Ihrer gutgemeinten Zuschrift den Emigranten nützen würde. Sie sehen die Problematik doch viel zu einfach. Nehmen Sie uns die Ablehnung Ihres Aussatzes nicht übel. Wir haben nur sachliche Gründe. „Ter Kamps" schreibt uns:„Die Ereignisse in Oesterreich haben das Weitererscheinen der Monatsschrift der österreichischen Sozial« demokratie, des„K amp s", nach einer sechsundzwanzigjährigen ehrenvollen Geschichte dieser Zeitschrift, in Wien unmöglich gemacht. Die in die Illegalität gezwungene Partei bedarf aber erst recht einer solchen Zeitschrift zur Erörterung der aus einer so gründlich gewan- bellen Situation sich ergebenden Probleme. Das Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokratie und der Parteivorstand der beut« scheu sozialdemokratischen Partei in der Tschechoslowakei haben nun beschlossen, den„Kamps" mit der Zeitschrift der deutschen Sozial» demokratie. der„Tribüne", zusammenzulegen Diese gemeinsame Zeitschrift wird vom l. Mai an mit dem alten ehrenvollen Namen „Ter Kamps" erscheinen. Wir bitten Tie, Ihren Lesern vom Neuerscheinen des„Kamps" zu berichten. Mit sozialistischen»en: Redaktion und Verwaltung„Ter Kampf", Prag XII., Fochova tr. 62/V." Für den Gesamtlnbalt verantwortlich: Johann P i tz in Dud- weiter; für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSstimme GmbH, Saarbrücken 8, Schützenstraße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken.