Sinzige«nadhSngige Tageszeitung Ventschtands Nummer 112— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 17. Mai 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Aus dem Inha lt Qenf. und die Saae Seite 3 Geheimnis um TAätmann und seine Mitgefangenen Seite 2 nut die SA.. Seite 7 JUim Auw hat Angst Seite 7 Reichsgesetz für Zw an gsarbeit Aufhebung der Freizügigkeit und zwangsweise Verschickung von Landhelfern Berlin, ig. Mai. Das Reichskabinett hat ein Gesetz festgehakte» und der Landwirtschaft als sehr billige Arbeits-^ Berlin, 16. Mai. Das Reichskabinett hat ein Gesetz Z«r Reglung des Arbeitseinsatzes beschlossen. Es soll, wie es in der halbamtlichen Verlantbarnng heißt, den Bedarf der Landwirtschost mit den notwendigen Arbeits- kräften sicherstellen nnd die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in den Großstädten wirksamer gestalten Das G-iet, tchatkt die Möglichkeit. Bezirke mit hoher Arbeitslosigkeit sür zuziehende Personen, die sich dort als Arbeiter oder An- gestellte betätigen wollen, von einem bestimmten Zeitpunkt ab zu sperren. Gedacht ist zuerst an eine Anordnung für das Wirtschaftsgebiet Großberlin. Die Beschäftigung von Personen, die mit landwirtschaftlichen Arbeiten »ertraut find, in landwirtschaftliche« Berufen oder Be» triebe« kann gefordert werde«. * AuS dem gewundenen und absichtlich unklar gehaltenen Amtsstil in klares Deutsch übersetzt: das Reichskabinctt hat die Freizügigkeit für Arbeiter aufgehoben und die Zwangsverschickung und Zwangsarbeit für solche Arbeitskräfte eingeführt, die behördlich als geeignet für landwirtschaftliche Berufe oder Betriebe bezeichnet wer- den. Irgendwelche Sicherungen sür Arbeitszeit, Lohn und Behandlung find nicht gegeben. Man erfährt aus der Mitteilung, was sonst seit Monaten bestritten wird, daß eS„Bezirke mit hoher Arbeitslosigkeit" gibt. Obwohl hinreichend bekannt ist. mit welchen Elends- sätzen an Unterstützung sich die Erwerbslosen begnügen müssen, drängen doch noch zahlreiche Arbeiter und An- gestellte in die Städte und Industriegebiete, weil sie sich der Sklaverei des„Landhelfers" entziehen wollen. Diese Menschen sollen nun mit gesetzlicher Gewalt auf dem Lande festgehalten und der Landwirtschaft als sehr billige Arbeits- kräfte z r Verfügung gestellt werden. Da sie nicht aus- reichen, soll außerdem in den Städten die Aushebung und Verschickung von„Landhelfern" erfolgen. Das ist in großem Maße schon im vergangenen Jahre geschehen. So machte zum Beispiel Oberpräsident Koch in Ostpreußen seine Pro- vinz frei von Erwerbslosen und errang seinen großen Sieg in der Arbeitsschlacht. Nun aber soll dieses System der Sklaverei für das ostelbische Junkertum und den sonstigen Großgrundbesitz allgemein durchgeführt werden. Man sieht aus diesem neuen Reichsgesetz, was eS mit der kürzlich erfolgten Ankündigu des Reichsministers für Er- nährung und Landwirtschaft Darre auf sich hat, daß den Ostelbiern keine Subventionen mehr gezahlt werden sollen. Die Subventionen erfolgen dennoch, und zwar neben den in voller Höhe aufrechterhaltenen Lebensmittelzöllen als Zwangsarbeit der Landlosen. Die Reichsregierung greift auf die mittelalterlichen Frondienste zugunsten des Großgrund- besitzes zurück. Für WohliahrtSerwerbslose, die alS Landarbeiter verschickt wurden, sind bisher schon nur Löhne von 27 Pfennig die Stunden die Frauen von 18 Pfennig die Stunde gezahlt worden bei einem Deputat von 2ö Pfund Kartoffeln die Woche. Um wieviel werden diese Jammerlöhne nun noch gesenkt werden? Bon allem abgesehen, was die reine» Arbeiterinteressen berührt, zeigt das neue Reichsgesetz, daß nicht einmal binnen- wirtschaftlich eine echte Belebung vorhanden ist. Der „Sozialismus der Tat", den die wirtschaftlichen Dilettanten des faschistischen Systems in Deutschland verüben, besteht in dem Zurücksinken in vorkapitalistische Manipulationen, die das Wirtschaftsleben ruinieren müssen. Delirien des Dr. Ley Was der internationalen Presse geboten wird I Berlin. 16 Mai. Im Zusammenhang mit dem heute beginnenden Arbeitskongreß sprach vor der in- und ausländischen Presse Dr. Ley über den Sinn der„Deut- s ch e n Arbeitsfront" und ihre grundsatzliche Per- schiedenheit gegenüber den früheren Gewerkschaften. Der Arbeitskongreß wird in diesen Tagen zur Erinne- rung daran abgehalten, daß am 10. Mai 1383 die Deutsche Arbeitsfront gegründet wurde. Dr.^ey erinnerte daran, daß von der Arbeitsfront 163 Arbeiter- und Angestellienverbände und 46 Ar B c it g e b e r- verbände übernommen worden seien. Aus ihnen sei die größte Organisation der Welt geworden, die«rbetts- front, die sich auch gründlich innerlich gegenüber den Ge- werkschaften gewandelt habe.„Die früheren Gruppen waren," so sagte er,„geboren zum Teil aus weliamchau- lichen Gründen heraus. Die Industrialisierung hatte al». neuen Menschentyp den wurzellosen Industriearbeiter ge- schaffen, der sich schon früh in den verschiedenen Vereinen durch Solidarität eine neue Heimat gesucht hat.^.ie Ge- werkschaften wurden aus den ideal st e n Gründen ge- boren, aus Kampf um Achtung und Anerkennung um Heimat und Boden. Im Laufe der Jahrzehnte sanken die Organisationen aber zu Parteigruppen herab, aus den rein idealen Gründen wurden rein m a t e r l e l l e. Der Kampf ging später um schemenhaften Internationalismus. Wah- rend man den Arbeiter ursprünglich»u höchsten Ehren bringen wollte bekämpfte man sich spater selbst als „Proletarier". Schließlich wurden aus den Gewerk- schasten Bersicherungsverei n^e. Ihre gegenelt.ge materielle Hilfe war auf einen Schwindel beispiel- loser Art aufgebaut, da die Bersicherungslelstungen tn den Gewerkschaften nur eine Kannvorschrift gewesen i ist oo sanken die Gewerkschaften allmählich zu.^uuner- firmen herab, was nicht allem sur d-e freien^Gewerk- schasten gilt, dieansichnoch d l<:s a u b erste*® er bältnisse gehabt haben. Wahrend die freien Ge werkschatten aus einer gewissen Angriffslust^^standen waren, wurden die christlichen und die bürgerlichen au Abwehr gegründet, also eigentlich aus Feigheit und Angst. Eine dritte Klasse endlich entstand aus den Motiven reiner GeschäftStllchtigkeit. Alle drei verkauften sich an P a^r teien und führten den Kampf untereinander nur zum Es genügt wohl, diese„Theorien"— sprechen wir beut, lich- eines alkoholisierten Ignoranten kommentarlos wiederzugeben. Einen solchen Menschen hat man. zum Präsidenten der deutschen Arbeitsfront gemacht. Greifen wir uns aber noch einen Satz aus einer späteren Partie der Ley-Rede heraus: „Ich kann versichern, daß nirgends geringere Löhne als am 3 0. Januar 1338 gezahlt werden. Nirgends ist die Urlaubsfrage so gut geregelt wie in Deutschland." Diesem Schwindel halten wir einfach entgegen, was Reichsminister Dr. Göbbels am Freitag, 11. Mai, im Sportpalast in Berlin gesagt hat, und was in der ganzen deutschen Presse nachzulesen ist: „Wenn ich vier Millionen Arbeit gebe, mutz ich in der ersten Phase der Entwicklung in Kauf nehmen, daß diesen vier Millionen nicht die Löhne bezahlt werden, die ein der.Kulturhöhe eines Volkes ent- sprechender Lebens st andard bedingt." Diesmal hat Göbbels recht. Dem unwissenden Präsi- denten der Arbeitsfront wollen wir nur die Löhne einer Berufsschicht vorhalten, und zwar einer, die an der Binnenkonjunktur am meisten teilnimmt. Die Stunden- 'ohne der Maurer waren am 80. Januar 1383 im April 1334 Hamburg 128 110 Berlin 126 108 München 113 35 Köln 113 87 Breslau 106 88 Königsberg 36 83 So unterscheiden sich die Tatsachen von den Delirien des Herrn Dr. Robert Ley. Dergwerksdirektor ermordet Köthen, 16. Mai. In der Nacht zum Dienstag wurde der Direktor der Grube Leopold, Dipl.-Jng. Bruno Wieder- hold aus Bitterfeld, ermordet und beraubt. Die Leiche wurde in den Morgenstunden deS Dienstag in einem Straßengraben zwischen den Dörfern Oppin und Niemberg unter einer Decke aufgefunden. In der Nähe lagen eine Aktentasche, lose Papiere und eine goldne Brille. Dem Er- mordeten wurde eine Briestasche mit 300 RM. Inhalt, Kraft- wagenpapiere. sein Patz und seine goldene Uhr entwendet. Wiederhol» ist durch einen Schuß unter der rechten Brustfells Gestern und Für alles, was ihnen fehlt, schaffen die Nazis geschwind ein Amt. Darum haben sie eins für Devisenkontrolle, für Roh- Stoffüberwachung, für Kirchenfrieden— und zu Ehren von Dr. Göbbels und anderen hochgewachsenen Ariern haben sie ein Amt für Rassehebung. Das neueste auf diesem Gebiet ist das„Amt für Grund- saßtreue". Aber nein, das ist kein Wiß. Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit, sagte sich der pfälzische Gauleiter Bürckel, und da die Grundsaßtreue der Nationalsozialisten es offenbar sehr notwendig hat, schuf er für sie ein Amt. Es soll von amtswegen das besorgen, was sich bei den Herrschaften nicht von selbst versteht. Lassen wir den Herrn Bürckel selbst sprechen: „Es wird beim Gau ein Amt für Grundsaßtreue errichtet. Es hat die Aufgabe, alle dem Gauleiter unterstehenden politischen Leiter in ihrer gesamten Lebenshaltung zu kontrollieren. Der Leiter der Abteilung Führerkorps ist eine Verpflichtung eingegangen, nach der er sich selbst als Schädling der Partei bezeichnet, falls er auch nur die kleinste Unehren- haftigkeit irgendeines Unterführers unbeachtet läßt." Also die Lebenshaltung soll kontrolliert werden... Da möchten wir doch zu gern mal Göring vor den Schranken dieses Amts sehen. Auch Göbbels wäre nicht schlecht. Denn eine Villa mit 40 Zimmern oder eine Mitgift von zwei Millionen von dem geschiedenen Gatten seiner Frau— das scheint uns ein bißchen viel für die Grundsaßtreue eines deutschen Sozialisten. Aber vielleicht kennen wir uns in diesen Grundsäßen noch nicht genügend aus. Manche Leute meinen ja, ihre Grundsäße stünden in ihrem Programm. Aber das glauben wir nun mal nicht. Denn da fordern sie zum Beispiel die Brechung der Zinsknechtschaft, die Verstaatlichung aller Trusts, die Gewinnbeteiligung an Großbetrieben, die Kommunalisierung der Warenhäuser und die unentgeltliche Enteignung von Grund und Boden. Das sind doch keine Grundsäße— i wo! Das haben sie bloß hineingeschrieben, weil es so schön ist. Adolf Hitler ist nun mal eine künstlerische Natur. Die Grundsäße der Nazis müssen in etwas anderem bestehen. Anscheinend sind sie so wertvoll, daß die Guten sie sorgfältig für sich behalten. Aber solch ein Amt für Grundsaßtreue müßte wenigstens für sich selbst ein paar tüchtige Grundsäße haben: sozusagen einen Tarif für Grundsäße. Etwa: der Führer selbst hat seinen Geburtstag auf einer Autotour mit sechs ausgewachsenen Kraftwagen gefeiert. Da könnte man Göring immerhin vier zubilligen und einem einfachen Gauleiter anderthalb: einen Achtzylinder und einen Vierzylinder. Denn wir glauben schon, daß Grundsäße der Nationalsozialisten sehr eng mit der Zahl ihrer Automobile zu sammenhängen. Bei der Bewirtschaftung des knappen Vorrats an Grundsaßtreue wird das Amt noch manches Mal Sorge haben, denn das Angebot ist nicht groß. Da die Nazis ja immer mehr in die Kriegswirtschaft hineinschlittern, wird es ihnen mit der Grundsaßtreue wohl so ähnlich gehen wie im Kriege mit den Brotkarten: Karten gab es wohl, aber kein Brot. Wir sehen es schon kommen, wie das geplagte Amt einen Pappdeckel mit folgender Aufschrift vor seine Tür hängt: „Da das Amt zur Zeit noch mit der Aufstellung von zur Treuehaltung geeigneten Grundsäßen beschäftigt ist, ist Sprechstunde vorläufig nur Sonntags zwischen 12 und 1. In Zweifelsfällen gilt bis zur endgültigen Regelung als allgemeiner Grundsaß wie bisher: ,J)as Volk darf nichts merken. Keinesfalls sich erwischen lassen." Argus. getötet worden. Er hatte sich Montagnachmittaa mit seinem eigenen Wagen zu einer Besprechung, die bis aeaen Abend gedauert hatte, nach der Grube Leopold in Edderitz begeben. Dann war er allein mit dem Wagen über Küthe» zurückgefahren, um nach Bitterfeld zurückzukehren Man nimmt an. baß Wiederhol» entweder in Köthen oder auf dem Wege borthin von dem noch unbekannten Täter oder de» Tätern angehalten worden ist mit der Bitte, ihn oder sie mit. Mnehmen. Anscheinend hat man ihn dann sofort erschossen Wahrscheinlich ist die Leiche dann mit dem Kraftwaaen narfc dem Fundort gebracht worden. Ter Wagen wu?de b^ woigen in Köthen herrenlos aufgefunden.* tni* Schweres Grubenunglück in SOdbelglen Paris, 16. Mai. Nach einer hier in den späten Nacht- stunden vorliegenden Meldung aus Möns in Südbelgien er» eignete sich aus der Grube Lambrechies ein Schlagwetter- Unglück, das über 36 Menschen das Leben kostete. Die Ex- plosion, die sich in etwa 866 Meter Tiefe ereignete, soll so heilig gewesen sein, das, die in der Nähe des betroffenen Stollens arbeitenden Bergleute teilweise bis zur Unkennt- lichkeit zerstückelt wurden. Bon etwa 45 Arbeitern, die in den Mittagsstunden eingefahren waren, konnten bisher drei in schwerverletztem Zustande geborgen werden. Eine Anzahl Leichen wurde bereits ans Tageslicht gefördert. * lDNB.i Möns,(Belgien), 16. Mai. Im Laufe der Nacht sind vier weitere Tote des Bcrgiverksunglücks aus dem Schacht herausgeschafft worden. Die Zahl der bis jetzt gc- borgcnen Leichen Hai sich aus acht erhöht. Man nimmt aber an. da« auch die meisten der in der Grube eingcichlostenen Bergleute verloren sind. Tie bis jetzt geborgenen Leichen sind fast unkenntlich. Die Grube brennt. Die Bergungs- arbeiten gestalte» sich infolge der Hitze und der ausströmen» den Gase außerordentlich schwierig. Eine Stunde vor Aus- bruch der Katastrophe hatte noch eine Grubeninspcktion statt- gesunden, die aber nichts Ausfälliges bemerkte. Die Zahl der eingeschlossenen Bergleute beträgt nach «eneften Feststellungen 3V. Geheimnis um Thälmann und seine Mitgefangene Englische Delegation wird nicht vorgelassen v» Berlin, 16. Mai.(Jnpreß.) Die englische Delegation, be- stehend aus bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Englands— Earl of Listowel. Mitglied des Ober- Hauses,' seiner Frau,' der Schriftstellerin William Ellis und dem Rechtsanwalt Benabue—, die sich nach Berlin begeben hatten, um Thälmann, O s s i e tz k y, T o r g l e r, Neu- bauer. Mühsa in, Rechtsanwalt Litten sowie Frau und Kind Gerhart Tegers und einige in Konzentra- tiov:'Ga>'>n internierte Geistliche zu besuchen, ist wieder ab- gereist, ohne zu den Gefangenen vorgelassen worden zu sein. -i-wooiM öic Delegation sich fünf Tage in Berlin aufhielt, hat Lord L i st o w e l nicht einmal Antwort auf seine an den Iustizmiuister Gürtner und den Chef der Geheimen Staatspolizei, TT.-Führer Himmler, gerichteten offi- zielten Briefe erhalten, in denen er um Besuchserlaubnis nachsuchte. Bon nationalsozialistischen parteiamtlichen Stellen wurde der Delegation verschiedentlich versichert, baß ihr die Möglichkeit einer Begegnung mit Ernst Thälmann und anderen politischen Gefangenen gegeben werden würde. Am Montag, dem 14. Mai, wurde Lord Listowel von dieser Seite jedoch verständigt, die gewünschte Begegnung könne erst in 16 Tagen stattfinden. Man muß fragen, was in diesen 16 Tagen geschehen sollte. Wollte man Zeit gewinnen, um die Spuren von Mißhandlungen zu beseitigen'? Sollten die politischen Gefangenen, bevor sie von der englischen Tele- gation besucht wurden, in andere Gefängnisse transportiert werden, damit vorgetäuscht werde, daß diese Häftlinge, fu< deren Lage sich die internationale Oefsentlichkeit interessiert, würdig untergebracht sind? Es gibt keine andere Erklärung für das Verhalten der amtlichen nationalsozialistischen Parteiitellen als die, baß die offiziellen Stellen in Hitler- deutschlanb eine Begegnung fürchten, die die Wahrheit über das Schicksal der politischen Gefangenen ans Licht bringen könnte. Die Haltung der Regierungs- und Parteistellen be- stäligt, daß es über die Lage der politischen Gefangenen etwas zu verbergen gibt, und es kann sich nur darum hau- deln.vor der öffentlichen Meinung zu vertuschen, daß die Häftlinge unm.enschlicher Behandlung unterworfen sind oder sogar, wie im Falle Ernst Thälmann erwiesen ist, gefoltert werden. Die Behandlung, die die englische Delegation er- fahren hat, beweist, in welcher Gefahr sich die politischen Gefangenen befinden. Insbesondere Thälmann für den die Nazipresse setzt schon offen die Todesstrafe fordert, ist unmittelbar auis schwerste bedroht. Die englische Delegation, die auf Grund dar Antworten der Parteistellen und der Tatfache, daß weder Gürtner noch Himmler eS für nötig erachte- gaben.»u> o,i>- ziell an sie gerichtete Briefe zu antworten, nach London zurückgekehrt ist, wird in einer groß angelegten Kampagne d-e öffentliche Meinung Englands über die Gefahr, in der sich Thälmann und alle politischen Gefangenen befinden, aufklären. Popnlalre" verlang! Kammeranfidsnng DNB. Paris, 10. Mai. Der„Populaire" schreibt gegen die gestrige kurze Kaininersttzung, die eine Schmach und Schande sür die Würde des Parlamentarismus darstelle. Eine Kam- wer, die sich von einer Regierung eine solche entehrende Behandlung gefallen lasse, bestehe überhaupt nicht mehr. Tie Kammer sei tot. Man müsse endlich die politische Atmosphäre von diesem Leichnam reinigen, der allmählich in Verwesung übergehe. Es müsse verhindert werden, daß sich die Verachtung der Oesfentlichkeit gegenüber der Kammer auch aus die republikanischen Freiheiten ausdehne, und daher gebe eS nur ein Mittel, nämlich die Auflösung. Das Blatt macht sich ferner zum Sprachrohr gewisser Ge- rtichte, wonach die Pariser Insormationsvresse in gemein- sanier llebereinstimmung beschlossen haben soll, über die dem- nächst stattfindende sozialistische Landesparteitagung in Tou- lonse überhaupt nicht oder nur in ganz beschränktem Rahmen zu berichten. EinbOrgerungs,.fabrlk" Eine Erwiderung auf die schweizer Protestrufe des Artikels„Einbürgerungsfabrik" Man schreibt uns: Müssen in der Welt immer Betrüger und Betrogene leben? Müssen sich immer bösartige Menschen gleich beutegierigen Haien über die Taschen der armen Staatenlosen und Emigranten stürzen und sie des letzten geretteten Vermögens berauben? Kann es denn nicht auch möglich sein, daß eine reelle und legale Möglichkeit, durch das„maliziöse" Inserat, besteht, die wirklich Menschen helfen kann? Der Einsender der Notiz„Einbürgerungsfabrtk" gibt klar die Elnbürgerungsmöglichkeit in der Schweiz an, kommt dabei aber nicht zum logischen Schluß, daß nach diesen die Schweiz nicht in Frage kommen kann. Alle Achtung vor dem Nationalstolz der Schweizer, aber Europa hat auch noch andere Länder! Wenn der Einsender, vor allem aber die Protestftimmen der anderen schweizer Blätter, sich mit dem Inserat beschästigen zu müssen glaubten, wäre es doch das Gegebene gewesen, an die angegebene Adresse das verlangte Rückporto einzusenden und dann die Antwort abzuwarten. Aber diese scheint gerade von dieser Seite gefürchtet worden zu sein, weil dann die Artikel, die man so hübsch politisch drehe» und ivenden kann, gegenstandslos geworben wären; vielleicht hätten dabei auch die Einsender aus dem ihnen zugegangenen Schreiben erfahren müssen, baß keinerlei Vor- schiisse o. ä. bezahlt werden müssen. Es ist aber menschlich, über eine Sache zu schreiben und jemand zu verdächtigen, ohne sich vorher über die Tatsachen genau zu unterrichten. Hoffentlich wird dem Einsender und allen Kritikastern, die sich über das Inserat ärgerten, nicht die Zeit zu lang, bis einer der angeblich„Gerupften" seine warnende„Stimme hören läßt." N. H. S. Die Mitgliederversammlung marschier! Aus dem deutschen Gewerkschaftsleben Es geschehen noch Zeichen und Wunder im„dritten Reich". Die fuschisierten Gewerkschaften halten Mitglieder- Versammlungen ab. Die Mitglieder des„Deutschen Arbeiterverbandes des grafischen Gewerbes", Ortsgruppe Berlin, wurden zur„Generalmitgliederoersammlung" swie das klingt) aufgefordert. Zutritt nur gegen Eintrittskarten mit einem Perfonal-Abfchnitt zur Saalkontrolle. Die Karten mußten bezahlt werden. Die Mitglieder begaben sich zu ihrer Generalversammlung in Kolonnen nach folgendem Aufmarschplan: „Die Belegschaft eines Betriebes sammelt sich nach Be- triebsschluß und marschiert von dort geschlossen zum Sport- palast. Bei der Wahl des Anmarschweges ist lediglich zu beachten, daß die Bannmeile nicht berührt wird. Ter Ab- marsch muß so erfolgen, daß der Zug rechtzeitig den Sport- palast erreicht. Bei ungünstig liegendem Betriebsschluß ist zu versuchen, beim Betriebsslihrer einen früheren Arbeits- schluß zu erwirken. Diese Art des Anmarsches ist allen größeren Betrieben zu empfehlen. Es bleibt aber den Ver- bandSamtswaltern überlassen, den gemeinsamen Anmarsch zu ivählen oder Einzelbesuch zu veranlassen." „Die NTBO.-Fahnen der Berliner Drucker- und Papier- Verarbeitungsbetriebe sammeln sich um 7 Uhr in der Bier- schwemme des Sportpalastes. Die Verbandsamtswalter sind dalür verantwortlich, daß die Belegschaft in möglichster Geschlossenheit erscheint..." Nachdem die so in Reih und Glied formierte Generalmit- gliederversammlung angetreten war, der Verbandsbonze Coler seiner Truppe von der Herrlichkeit des Rational- fozialismus berichtet hatte und das Horft-Weffel-Lied ge- stiegen war, durften die Berliner Buchdrucker wieder nach Hause wandern.„Kehrt, weggetreten, die Mitglieder- generawersammlung ist ans." Wir würden zur Vervollständigung künftiger Generalversammlungen und zur Belebung der Mitgliederparade noch folgende Befehle im Anschluh an den Bericht des Ver- bandvleiters vorschlagen:„Achtung Mitgliedschaft, erteilt Entlastung. Hände hoch."„Entlastung ist erteilt. Rührt Euch." RevofversdiOsse auf Brüning? Die Herze gegen den Zenfrnmskanzler Der Kopenhagener Vertreter des„Neuen Wiener Jour- nal" drahtet seinem Blatt:„Wie ich soeben von einem hier eingetrofseneti führenden Mitglied der Berliner SA. erfuhr, ist in der vorigen Woche in Berlin ein Revolverattentat auf den ehemaligen Reichskanzler Dr. Brüning verübt worden. Der Täter, ein SA.-Mann, hat auf den ehemaligen Reichs- kanzler zwei Schüsse abgegeben, die jedoch beide ihr Ziel ver- fehlten. In den Kreisen der Berliner SA. gibt man nnver- hohlen seinem Bedauern über das Mißlingen des Attentats Ausdruck, während die Berliner Regierungskreise das Aiten- tat verurteilen sollen. Ans Brüning sind bereits mehrfach von aufgehetzten SA.- Leuten Attentate unternommen worden, wobei ihm sogar erhebliche Verletzungen zugefügt wurden, so daß er seinerzeit ein Krankenhaus aufsuchen mußte. Auch das jetzige Altentat beweist von neuem, w'e wenig die Berliner Regierung ihrt verhetzten SA.-Leute noch in der Hand hat." * Der frühere Reichskanzler Dr. Brüning hat sich in de» ersten Monaten der Kanzlerschaft Hitlers in einem katho- tischen Krankenhaus aufgehalten. Eine Gruppe von national- sozialistischen Aerzten stellte aber ein Ultimatum, sie würden ihren Dienst aufgeben, wenn der„Landesverräter" nicht auS dem Hause verschwinde. Brüning ist daraus zu Freunden in einem Vororte Berlins gezogen, wo er ohne jede politische Betätigung lebte. In den Zeitungen und in Reden haben nationalsozialistisch« Führer immer wieder gegen Brüning gehetzt. Besonders gehässig tat es der Oberpräsident von Brandenburg, Kube. Es iväre sehr begreiflich, wenn so ausgehetzte SA.-Leute sich hätte» zu Gewalttaten hinreißen lassen. Wieder 300 Pfarrer angesetzt In der vergangenen Woche wurden von der obersten Kirchenbehörde der evangelischen Kirche erneut drei- hundert oppositionelle Pfarrer abgesetzt. Diese Maßregel hat in den kirchlichen Kreisen gewaltige Auf- regung hervorgerufen. Man erblickt in ihr den Beweis dafür, daß die Friedensreden des Reichsbischoss Müller nur tak- tischer Natur waren. Müller hat vor kurzem neue Reden gehalten, die kämpferischer waren als je zuvor. Sie wurden in Berlin von einigen gcmaßregelten Pfarrern in überfüllten Bersammlungen ebenso leidenschaftlich beantwortet. Einige dieser Versammlungen wurden von Beamten der Gestapo aufgelöst. Auch einer Tagung der freien Synode von Berlin-Branben- bürg wurde von der Polizei ein gewaltsames Ende bereitet. Der Führer de? Berliner Pfarrer-NotbnnbeS, der vor einigen Monaten von der SA. schwer mißhandelte Pfarrer I a c o b i, erwähnte in seiner Ansprache den Namen Hitler. Ein anwesender Beamter der Geheimen Staatspolizei unter- brach ihn mit der Bemerkung, daß der Reichskanzler nicht in Zusammenhang mit kirchlichen Streitfragen genannt werben dürfe. Schließlich wurde die Versammlung von der Polizei aufgelöst— seltsamerweise in dem Augenblick, wo ein Redner von einem Bilde Hitlers sprach, das in der Kirche über den Altar aufgehängt werden sollte. Derartige Anregungen gehen jetzt vielfach von feiten der deutschen Christen aus. Ueberall möchte man jetzt die Gotteshäuser mit solchen Porträts „schmücken". Besonders heftig ist die Opposition gegen den Reichsbischof tn Westfalen. Der Präses der westfälischen Bekenntnis- synobe, Koch, hat in einem Briefe den Reichsinnenministcr zum sofortigen Einschreiten gefordert, um den offenen Kirchenbruch zu vermeiden. Er forderte die Wieder- Herstellung der vom Reichsbischof dutzendfach verletzten Kirchenverfassung, Widerruf aller Disziplinarstrafen, Auf- hören jeder staatlichen Einmischung ins kirchliche Leben. Bon allen Seiten wird die Position des Reichsbischofs, dessen Autorität immer weiter gesunken ist, bcrannt. Ein besonderes Augenmerk richtet die Geheime Staats- poli.zei aus die jetzt vielfach anberaumten und sehr stark be- suchten Versammlungen der inneren Mission. Man erblickt in ihnen unkontrollierbare Widerstandsnester. Vier vom Zentralausschuß der inneren Mission angekündigte Vorträge in der Berliner Singakademie sind von der Ge- Heimen Staatspolizei verboten worden. Sehr scharfe Worte hat eine große Versammlung der protestantischen Geistlichen Schwedens in Stockholm gegen die kirchlichen Zustände in Deutschland gesunden. Eine Entschließung wendet sich gegen den Reichs- bischoi Müller und die Religion des Blutes. Die von den Deutschen Christen verbreiteten Lehren werden als Irr- lehren zum Schaden der Christenheit bezeichnet:„Wir evan- gelischen Christen eines stammesverwandten Volkes haben mit Bedauern gesehen, daß die deutsche Kirchenführung jene, die ihren christlichen Glauben nicht aufgeben wollen, mit Gewaltmitteln bekämpft. Durch ein solches Vor- gehen wirb der Name Christi besudelt. Mit tiefster Teilnahme verfolgen wir den heldenmütigen und opferwilligen Kampf der unterdrückten Christen, die das evangelische Christentum in Deutschland verteidigen. Solch stammesverwanbtcn Proteste machen auf die Deutschen Christen sowohl wie aus die Neuheiden nicht den geringsten Eindruck. Sie verfolgen die Männer, die die evangelische Freiheit bekennen und predigen, rücksichtslos weiter— bis die Kirche zerbrochen ist. Konkordafsverhandlungen In Berlin? Berlin, 15. Mai. Die römischen Konkordatsverhandlungen sind ergebnislos abgebrochen worden. Der deutsche Ver- trcter, Regierungsrat Buttmann hat dem Reichskanzler Be- richt erstattet. Die Reichsregierung will noch einen letzten Versuch machen, sich mit dem Heiligen Stuhl zu einigen, angesichts der wachsenden inneren Schwierigkeiten. Aus diesem Grunde verbandelt man jetzt in Berlin mit den Bischöfen Kardinal Schulte iKöln), Bischof Gröber von Frei- bürg und einem dritten, der nicht näher bezeichnet wird. Nach einer Meldung des Pariser„Tempö" soll die deutsche Regierung außer durch Buttmann dabei ausgerechnet durch Ley und Baldur v. Schirach vertreten sein, deren katholikenseindlichc Aeußerungen hinreichend bekannt sind. Aus vatikanischen Kreisen soll es sich dabei aber nicht um Fortsetzung der eigentlichen Konkordatsverhandlungen handeln, sondern nur um vorbereitende und aufklärende Be- sprechungen. Zum politischen Konflikt mit der katholischen Kircke treten jetzt auch noch sehr stark religiöse Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Kirchen stärker in den Borbergrund. Rcichsbischof Müller hat jüngst davon gesprochen, daß sich in Deutschland die Berwirklichnna des alten Luthertraums einer romsreien, allgemeinen deutschen Kirche vorbereite... Faschistischer Staatsstreich in Lettland Aufhebung aller Volksrechte dnb. Riga, 16. Mai. Amtlich wird bekanntgegeben: In An- betracht der Gefahr, daß innere Unruhen im Staate ent- stehen könnten, welche die Sicherheit der Einwohner bedrohen, wird über ganz Lettland für sechs Monate der AuS- nahmezustand verhängt. Der Ausnahmezustand tritt in Riga am 15. Mai um 23 Uhr in Kraft, im übrigen Lettland am 16. Mai um 1 Uhr morgens. Allen Einwohnern, den Selbst- Verwaltungsbehörden ist vorgeschrieben, sämtliche Pflichten ohne Widerspruch zu erfüllen, die ihnen durch die gesetzlichen Bestimmungen über den Ausnahmezustand vom Jahre 1919 auierleat werden. Diese Verfügung ist gezeichnet vom lettländischen Ministerpräsidenten UlmaniS und vom lett- länbischen Kriegsminister General BolodiS. Der Uebergana zur autoritären Staatsführung hat sich einstweilen in aller Ruhe vollzogen. Wie vorläufig noch un- bestätigt verlautet, sollen in der Rächt der marxistische Parla- mentSpräsibcnt Dr. Kalnin und sein Sosin, der berüchtigte deutschfeindliche Marristenbetzer Bruno Kalnin. oerhaftet worden sein. Die Lettländische Telegraphen-Agentur gibt noch ergänzend u. a. bekannt: Zur Durchführung der notwendigen Maßnahmen und zur Ausrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung wurden noch in der Nacht aus Mittwoch außer der Polizei die Schutzwehr und Teile der Rigaer Garnison eingesetzt. Eine Reihe von öffentlichen Gebäuden wurde besetzt, auch da« Parlament wirb von Militär bewacht. Die Bahnhöfe, die Post-, die Tele- grasen- und die Fernsprechämter sind beseht. Der Fern- und Telegratenverkehr war von 12.36 Nhr nachts bis 8 llfit morgens unterbrochen. I» den Tft aßeii Rigas sieht man be- ivasfnete Katrouillen von Polizei und Militär, auch Panzer- wagen fahren durch die Stadt. Eine größere Aktion wurde vom Militär im Bezirk des marxistischen Bolkshauses durchgeführt. Aus diesem Hause sah man zum erstenmal statt der roten Fahne die rot-weiß- rote lettländische Staatsflagge wehen. Der SonderDeridif des Ministers Morize Die gleichgeschaltete Justiz- Ein erschauerndes Dokument Der 57. Vierteljahresbericht der Regierungskommission an den Völkerbund über die Lage im Saargebiet wurde gestern veröffentlicht. Dem Bericht schließt sich ein Sonderbericht des Mitgliedes der Regierungskommission Morize an, der in Genf allgemeines Aufsehen erregt, weil er klipp und klar die unhaltbaren saarländischen Justizverhältnisse beleuchtet. Wir bringen hier den 1. Teil des Berichtes zur Veröffentlichung ^ nach dem Amtsblatt der Regierungskommission. \ französische Mitglied der Regierungskommission hat oen Wunsch geäußert, dem Vierteljahresbericht folgende Be- werkungen anzufügen: «Obschon ich die Ehre habe, seit acht Jahren Mitglied der otegierungskommission zu sein, habe ich noch niemals von oem einem jeden Mitglied? zuerkannten Recht, den an den Vohen Rat gerichteten Berichten einen eigenen Bericht bei- »Ulugen, Gebrauch gemacht. Ich bin immer noch der Mei- nung, daß die Autorität der Vertreter des Völkerbundes im ^aargebiet durch eine öffentliche und häufige Bekanntgabe perlonlicher Ansichten geschmälert werden könnte, und daß oem Grundsatz der Gesamtverantwortlichkeit Opfer gebracht werden müssen. Persönlich habe ich in den letzten Monaten aeren mehrere aus mich nehmen müssen, die mir peinlich waren. Nachdem ich indessen in einer Krage von anßergewöhn- licher Bedeutung vergebens versucht habe, die RegierungS- Kommission zu bewegen, den meines Erachtens bedauerlichen Zuständen abzuhelfen, kann ich nicht länger hierzu schweigen. Es handelt sich nämlich um ein Gebiet— die I u st i z—, auf welchem die Bewohner eines im Namen des Völkerbundes und durch dessen Beauftragte regierten Landes, das zudem Abstimmungsgebiet ist, vollste Sicherheit haben müßten. Mit Bedauern muß ich jedoch feststellen, daß leit über einem Jahre ein Teil der Bevölkerung kein Vcr- trauen mehr in die Unparteilichkeit und Gerechtigkeit der lokalen Gerichte hat: ich muß hinzufügen, daß ich persön- lich__ j er ,ch g e ficr als viele die Lage übersehen und auch ungehinderter meine Meinung äußern kann— diesen V e r- dacht in gewissen Köllen für berechtigt halte. Zum besseren Verständnis der folgenden Ausführungen sei erwähnt, daß durch den Friedensvertrag von Versailles die im Saargebiet bestehenden Zivil- und Strafgerichte bei- behalten wurden unter Einsetzung eines Gerichtshofes für Zivil- und Strafsachen, der die Berufungsinstanz für die vorerwähnten Gerichte zu bilden und aus den sachlichen Gebieten zu entscheiden hat, für welche diese Gerichte nicht zuständig sind. Daraus folgt, daß die Amtsgerichte und das Landgericht sowie die erstinstanzlichen Staatsanwaltschafts- behörden ausschließlich mit deutschen Beamten besetzt sind, die der Regierungskommission durch die preußische ober bayerische Regierung zur Verfügung gestellt wurden. Allein der Oberste Gerichtshof ist international zusammengesetzt. Niemand wird bestreiten wollen, daß die radikalen Aenderungen, die seit über einem Jahr im beut« s ch e n Recht, insbesondere im deutschen Strasrecht und der Rechtsprechung der deutschen Strafgerichte, sowie in der Organisation und Tradition der deutschen Richter- schaft eingetreten sind, aus gewisse deutsche Richter an der Saar einen tiesgehenden Einfluß ausgeübt haben, dessen Folgen schwerwiegender Natur sind. Die Ereignisse, die sich seit Januar 1933 in Deutschland abgespielt haben, hatten auf die innere Lage im Saargebiet eine Rückwirkung die dem Hohen Rate nicht unbekannt ist. da sie zu zahlreichen ausführlichen Berichten der Regierungs- kommission Anlaß gegeben hat Letztere hat bereits im Mai 1933 nut die Notwendigkeit hingewiesen, den Beamten, unter Einschluß der Richter, Zusicherungen für ihre Zukunft zu geben, und der Hohe Rat, dem sie die Angelegenheit vor- gelegt hotte, hat eine Entschließung in diesem Sinne gefaßt. In welcher Stimmung mögen sich Richter und Staats- anwälte befinden, die vor die Frage gestellt sind, ob sie nicht in einigen Monaten bei ihrer Heimatregierung um ihre RückÜbernahme werden nachsuchen müssen, oder denen be- kannt ist, daß im Reich die Garantie der Unabsetzbarkeit auf- gehoben ist und drakonische Maßnahmen zur„Säuberung" der Beamtenschaft und des Richterstandes getroffen wurden? Sie machen sich um ihre zukünftige Laufbahn und um das Los ihrer Familien begreifliche Sorgen. Um vollkommen unabhängig zu bleiben, müßten sie eine wahrhaft heroische Seelenstärke ausbringen. Das trifft um so mehr zu, als sie, wie die ganze Saar, bevölkerung, unter einem schrankenlosen Druck gehalten werden, der von keinerlei Skrupel gehemmt ist und vor keiner gleichwie gearteten Bedrohung zurückschreckt. Der Hohe Rat ist davon durch verschiedene Eingaben unter- richtet worden, und die ihm vorgelegten Schriftstücke haben ihm erlaubt, sich eine Meinung darüber zu bilden. Nun ge- hören die saarländischen Richter einer gesellschaftlichen Schicht an. bei welcher diese Machenschaften einen besonders günstigen Boden finden: durch ihre Beziehungen, ja selbst durch Familicnbande, gehören sie eben den Kreisen an, welche diese Machenschaften veranlassen oder begünstigen. Die Regierungskommission mußte feststellen, wie wenig sie sich auf die lokale Polizei verlassen könnte: kürzliche Borkommnisse haben die Befürchtungen bekräftigt, denen sie meines Erachtens in viel zu verhüllter Form Ausdruck gegeben hat. Aber gerade in einem Lande, in dem die Polizeikräfte nicht genügend zuverlässig sind, müßten die Richter psychologisch wie materiell vollkommen unabhängig sein. Ein Punkt verdient besondere Beachtung. Die saarlän- tischen Richter haben an deutsche» Universitäten studiert: sie lesen die im Reich gedruckten Rechtsbücher und Zeitschristen, sie sind von den dort vorherrschenden Lehrmeinungen durch- drungen und von Natur ans geneigt, diesen in ihrer Ent- Wicklung zu folgen. Nun ist das nationalsozialistische Rechts- system kein Mythus. Seine Grundbegriffe sind leicht faßlich formuliert Im Volt und im nationalen Interesse erblicken sie die Quelle jeden Rechts.') Diese Grundbegriffe trete» an Stelle derjenigen, die bisher die Grundlage der Gesetz gebung aller europäischen Staaten abgaben. Sie werden seit über einem Jahr von der deutschen Rechtsprechung an- gewandt. Eine solche Lehre, die nach und nach die saar- ländischen Richter erfaßt ist aber in einem Abstimmungs- gebiet besonders gefährlich Welche Garantien können die Rechtsnchenden bei Gerichten sinden, deren Richter— dentschc Richter und Staatsangehörige— von dem Gedanken beseelt wären, daß nur das deutsche Bolk und seine nationale« Be- lange für die Rechtsfindung ausschlaggebend seien? Das Gefühl der Unsicherheit ist so groß, daß ich Bergl. folgenden Ausspruch: „Recht ist. was dem Volke frommt. Unrecht, was ihm schadet." ReichSiacharuppenleiter Dr. W. Raeke. M. d. R.. Mit- glied der Akademie für deutsches Recht. um den Argwohn vieler Saargebietes gegenüber Fälle auszähle» könnte, in denen Saareinwohner, beson« ders Franzosen, die geschädigt oder mißhandelt worden waren, es trotz Aufforderung vorzogen, keine Klage zu erheben. Oft haben leider Tatsachen diesem Mißtrauen Recht ge- geben, das durch die Lage der saarländischen Richter, durch den auf alle Saareinwohner ausgeübten Druck und durch die Berkündung des sogenannten„nationalsozialistischen Rechts" im Reich bedingt ist Ich kenne nicht alle Fälle. Man weiß überdies, wie leicht es ist, in Gesetzbüchern oder P roz e ß o r b n n n g e n S ch e i n g r ü n d e zu finden, um diese oder jene Entscheidung zu rechtfertigen, und w i e weitgehend das richterlich e>E r m e s s e n ist. Dazu kommt, daß die hiesige Prozeßordnung die vollständige Niederschrift der Gerichtsverhandlungen nicht vorschreibt. Es ist somit nicht immer leicht, den genauen Wortlaut von Aussprüchen festzulegen, die ein Richter oder Staatsanwalt getan hat: zudem wird man verstehen, daß nur wenige Zeugen den Mut aufbringen über eine sprachliche Ent- gleisung eines richterlichen Beamten auszusagen. Wenn ich im folgenden einige Beispiele anführe, so will ich damit nicht unbedingt verallgemeinern. Die Beispiele aber, die ich geben werde, genügen. Saareinwohner den Gerichten des zu erklären. Ein Landgerichtsdirektor, der bis zum 81. Dezember 1933 Vorsitzender der Strafkammer war, mußte Aeußerungen, die er während einer Verhandlung in dieser Eigenschaft gemacht hatte und in deren Verlaus von Ritualmorbcn die Rede war, die den Juden angedichtet werden, wenn nicht widerrufen, so doch richtigstellen und erklären. Es tut nicht gut, wenn ein Gerichtsvorsitzender dahin ge- gebracht wird, sich an die Presse zu wenden, um sich dagegen zu verteidigen, daß er eine unzulässige Sprache geführt hat. Der Antisemitismus, der an den Saargrenzen wütet und der sogar in eine gewisse Gesetzgebung eingedrungen ist. müßte von den Gerichten eines Landes vollständig fern- gehalten werden, das vom Völkerbund vermaltet wird. Dies ist aber nicht der Fall. Mit Staunen las ich in einem all- täglichen ScheidungSurteil. das zwei Ehegatten jüdischer Religion betras, folgende Begründung:„Unter Inden spielt in allen Dingen des Lebens die Geldsrage eine besonders wichtige Rolle." Ein weiteres Beispiel sei noch erwähnt, immer aus dem Gebiet der zivilen Rechtsprechung. Im Monat Februar 1933 teilt ein Amtsrichter, offiziell und in Ausübung seines Amtes, einem Einwohner des Taargebietes mit, daß er seine Kinder, welche die französische Domanialschule be- suchen, von dieser Schule abmelden soll:„In der Nichtbefol- gung dieses Ersuchens, schreibt er, müßte in mehrfacher Hin- ficht ein Mißbrauch des Personensorgerechtes für die ge- nannten Kinder erblickt werden, der die Entziehung dieses Rechtes zur Folge haben würde". Einige Tage vorher soll der- selbe Richter dem betreffenden Saareinwohner gesagt haben: „Wenn bis Ostern Ihre Kinder nicht ans dieser Schule her» ausgenommen sind, werde ich Sie als Deutscher verachten." Ich habe diese Worte nicht gehört, aber ich habe den oben erwähnten Briesgesehen, wie ich auch ein späteres Schreiben desselben Richters gesehen habe, der sich ge- zwungen sah— aus Veranlassung der Justizverwaltung— dem Familienvater zu schreiben:„Die in dem hiesigen Schreiben vom.... Februar 1933 erfolgte Androhung der Entziehung des Personensorgerechtes für den Fall der Nicht- abmeldung Ihrer Kinder von der französischen Domanial- schule w>rd zurückgezogen, da für die Durchführbar- feit der angedrohten Maßnahme ernstliche Zweifel bestehen." In diesem Falle sind mir Unterlagen bekannt geworden: aber in wieviele« Fällen bleibt von solchen Drohungen kein schriftlicher Nachweis, uud wie selten haben die Be- trofsenen den Mut, Klage zu erheben! Ist es nicht im übrigen unglaublich, daß ein Richter ungesetz- licherweise— er muß es selbst zugeben— einen Vater mit der schweren Strafe der Entziehung der elterlichen Ge- walt zu ausschließlich politischen Zwecken bedroht? Geht man von den Zivilkammern zu den Strafkammer» über, so werden die Fälle zahlreicher. Nachstehend ein kürz- lich vorgekommener Fall: Gegen Ende des Monats März dieses Jahres wurden drei Kommunisten aus frischer Tat wegen Verteilung von Flugschriften politischen Inhalts überrascht. Man fand sie gleichfalls im Besitz von Beitrittsformularen zu einer kom- munistijchen Bereinigung, dem„Roten Frontkämpserbund". Diese Vereinigung ist nicht verboten. Die drei Kommunisten wurde» nichtsdestoweniger wegen der Mitgliedschaft zu einer verbotenen Bereinigung vrurteilt, einer zu ti Mo» nateu, die anderen zu 3 Monaten Gefängnis. Dazu wurden sie auf der Stelle in Haft genommen. Auf Einspruch der Angeklagten ordnete eine andere Straskammer desselben Saarbrücker Gerichts die Haftentlassung an mit der aus- drücklichen Feststellung, daß eine Vermutung für die Mitgliedschaft der Angeklagten zu einer verbotenen Organi- sation nicht vorliege. Inzwischen hatten aber die drei Angeklagten 3 Tage in Untersuchungshaft verbracht. Der Vorsitzende der Kammer, die diese sonderbaren Urteile fällte, ist derselbe, der sich nicht scheute, in öffentlicher Gerichts- Verhandlung von Ritualmorden zu sprechen. Ein anderes Beispiel: ein erst vor kurzem verhandelter Beleidigungsprozeß, der von dem Direktor einer franzö- fischen DomaniaUchule gegen ein Lokalblatt angestrengt wor- den war. Der Staatsanwalt der, wie allgemein be- kannt. der nationalsozialistischen Partei bei- getreten ist— oernimmt in brutaler Weise einen von dem Nebenkläger geladenen Zeugen und fragt ihn, welcher politischen Partei er angehört. Seine Anklagerede ist eine Verteidigungsrede für den Angeklagten- „Der Nebenkläger und der Zeuge E. gehören jener Kategorie von Menschen an, die mit der Ruhe, die augenblicklich im Saargebiet herrscht, nicht zufrieden sind. S. ist kein guter Deutscher, weil er in die saarländische Wirtschaftsveretni» gung eingetreten ist. Der Angeklagte hat aus den edelsten Beweggründe» gehandelt: er hatte dag Recht, die deutsche Bevölkerung aus die Machenschaften des Nebenklägers auf, merksam zu mache«." Zum Schlüsse beantragt der Vertreter der öffentlichen Anklage eine geringfügige Strafe. Das Ge- richt verhängt eine etwas höhere als die beantragte Strafe. Genf- von Saarfragen beherrscht Die Stimmung gegen den Terror verschärft sidi... Die„deu sehe Erom" lehnt alle Gorannen Ihr die Zell nach der Abstimmung ah... Ein Dafnm nicht fesfgeleg Die Freiheitsfront berichtet Gens, 15. Mai 1934.|E>gener Drahtbericht.j Die Delegation der saarländischen Freiheitssront, be- stehend aus dem Chefredakteur Mar Braun und dem Landesratsabgeordneten Heinrich L i e s e r- Homburg wurde heute von dem Bearbeiter der Saarsrage in der politischen Abteilung des Völkerbundes, dem Dänen Krabbe, emp- sangen, dem sie in längerer Unterredung den Standpunkt der Freiheitssront zur Saarabstimmung eingehend darlegte. Außerdem fand heute eine Reihe von Zusammenkünften mit englischen, amerikauischen und schweizerischen Jour- naliften statt. In den saarländischen Interviews wurde sehr eingehend die Frage der Abstimmung berührt. Das wesentliche Ereignis des Tages sind die Be- sprechungen zwischen Barthou und Aloisi, wie zwischen Barthou und Eden. Ans der ganzen Linie hat sich die Stimmung für die Meinung verstärkt, daß unter keinen Umständen der Terror der sogenannten„deutschen Front" weiter irgendwie geduldet werden darf. Insbesondere ist man bei der englischen D e 1 e» gation der Auffassung, daß dem Terror der löge» nannten„deutschen Front" mit allen Mitteln entgegengetreten werden muß. Diese„deutsche Front" der Herren Pirro-RöchUng hat heute eine neue Niederloge insofern erlitten, als ihre er, neut ausgestellte Forderung aus sofortige Festsetzung des Abstimmungsdatnms aber auch keinerlei Aussicht aus Erfolg hat. Der Rat wird in dieser Sitzung kein Datum festlegen, schon deshalb nicht, weil er das Datum der Abstimmungabhängig machtvon dem Auf» hören des Terrors der sogenannten„deut- scheu Front". Abgesehen von dem Bericht des Dreierkomitees an den Rat über die technischen Bedingungen der Abstimmung sind die wesentlichen Punkte die Garantie der unbeeinflußten Ab» stimmung und die Frage der Sicherheit nach der Abstim- mung! Resultate aus diesem Gebiet sind bisher nicht be- Trotzdem läßt sich feststellen, daß Barthou heute ' Auffassung war. daß die Berftändigung Aloisi wie Eden gute Fortschritte erzielt 1 Keine Amnestie nach der Abstimmung. Diese ungeheuerliche Forderung wird begründet mit der Behauptung, daß sonst erst recht der Terror entfesselt werde, weil die Amnestie winke. E«n solches Maß von Demagogie war selbst den naztsreundlichen Journalisten zu stark. Sie nahmen ablehnende Haltung ein und lächelten nur. Dir zweite Forderung: Keine internationale Polizei. Da die„deutsche Front" mit ihren angeblich 93 Prozent Mitgliedern der Saarbevölkeraug Ruhe und Ord, nung sichere. Der Herr bewahre uns vor„unseren Freunden". Die dritte Forderung war, daß das Abstimmungs» gerichc keinerlei politische Delikte zum Ab» urteilen erhielte, da das ein„Mißtrauen gegen die saarländische Justiz" darstelle und„Beunruhigung der Be» völkerung" zur Folge habe. Trotzdem sieht der technische Bericht des Dreierkomitees das bereits vor. Also eine neue Niederlage der„deutschen Front". Und viertens wird verlangt: E'ne sofortige Festlegung des Abstimmungstermins. Aber diese Forderung wird der sogenannten„deutschen Front" nichts nützen, denn der Rat ist entschlossen, das Abstimmungsdatum abhängig zu machen von dem Aufhören des Terrors. * Der Pressebesuch bei Pirro war sehr schlecht und der Eindruck aus die Journalisten niederschmetternd. Der Zahlenschwindel mit den 93 Prozent der Röchling-Front ist natürlich auts neue aufgetischt worden, konnte nur keinen Glauben finden. Um so weniger, als hier nur zu be- kannt ist. daß in den Ziffern der„deutschen Front" auch die Zehntausende enthalten sind die hineingepreßt wurden oder ohne men worden sind. einfach durch den Terror ihr Wissen Hineingenom- Arn Donnerstag äußert sich der Völkerbund kannt abend der zwischen ihm und habe. Mißglückter Dresseetnnfang Genf, 15. Mai sEig. Drahtbericht.j Die sogenannte„deutsche Front" hatte heute die Presse des Völkerbundes im Hotel Richmvnd eingeladen, wo der Letter der„deutschen Front" den Journalisten ein Komma- uique iibergab mit folgenden Forderunge«' dnb. Genf, 15 Mai Der VölkerbundSrat hat heute vor- mittag wieder in geheimer Sitzung getagt. Es werden, wie man hört, zwischen den hier anwesenden Set- tretern Englands. Frankreichs und Jta- liens eingehende Besprechungen über die Saarsrage stattfinden. Im Vordergrund steht noch immer die Frage der Garantie» die von einer Lösung offenbar noch weit entfernt ist. Heute mittag werden Barthou und Eden gemeinsam speisen. Im Lause des Nachmittags wird Eden auch den amerikanischen Gesandten in Bern W 1 1 i o n sprecht!», wobei Abrüstungssragen berühr: werden dürsten. Heute nachmittag soll ein Bericht n?->■ v r>:'?".-:t. licht werden Gleichzeitig mi> besonders n-rku-grn französischen Mitgliedes der Taarregieru, o r> z e und einer Gegenerklärung deS saarländischen Mitgliedes Koh- mann. Man rechnet keilte damit, daß die Saarfrage, soweit sie hier überhaupt oeihandlungsreis gemacht wird, e r st a m Freitag vor den Vötterbundsrat kommt. Bar- thou hat die Absicht ausgesprochen, am Freitagabend schon abzureisen. Erst Im September? Eine amtliche deutsche Tendenzmeldung Paris, IG. Mai. In der Saarsrage zeigen sich die Blätter allgemein etwas zurückhaltender. Tie Besprechungen, die Barthou in diesem Zusammenhang mit Alois, halte, haben diesen Punkt der Tagesordnung nicht wesentlich gefördert. In den Berichten der französischen Presse erhält man den Eindruck, als ob man die Oeffentlichkeit langsam auf den Verzicht auf eine sogeliannte internationale Polizei im Saargebiet oder gar den Einmarsch französischer Truppen vor- bereiten will. Im übrigen ist man allgemein der Ansicht, daß die genauen Einzelheiten über den Zeitpunkt und die Art der Abstimmung er st ans der Septembertagung des Völkerbundes aufgestellt werden, lieber diese Art der Abstimmung macht der„Petit Parisien" einige Aussüh- rungen. Das Blatt erklärt. Aloisi haben den französischen Außenminister über die vorbereitenden Mahnahmen für die Abstimmung unterrichtet und in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dah nach Gemeinden oder Bezirken ab- gestimmt werden solle und dah die Ergebnisse ebenso wie in Oberschlcsicn für jede Gemeinde oder jeden Bezirk einzeln gewertet werden sollen. # Diese Tendenzmeldungcu werden durch eigene Nachrichten aus Genf richtiggestellt. Barthou hat sich aus den Standpunkt gestellt, dah Frankreich unter keinen Umständen an eine Fest» setzung des Abstimmuugstermins denken könne und wolle, solange nicht die Sieichsregiernng Verpflichtungen hinsichtlich des Schutzes eventueller Minderheiten eingegangen habe. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dah die französische Regie- r»ng in diesem Punkt fest bleiben wird. Auch das saarländische Mitglied der Regierungskommission, Minister Koßmann. soll die Berechtigung nach der Forderung solcher Garantie» an- erkenne». 5o verleumden sie! Der„Emigrant Machts" Aus dem Bericht der„deutschen Front"»o» Genf: Die Führung der Exekntivpolizei in Saarbrücken ist Hein deutschen Emigranten Machts übertragen worden. Dieser hat als ehemaliger aktiver Offizier während des Weltkrieges wiederholt Selbstverstümmelungen vorgenommen, weil er zu seige war. an der Front für sein Vaterland zu kämpfen. Diese Tatsache ist im Saargebiet allgemein bekannt, denn sie ist in öffentlicher Gerichtsverhandlung im Jahre 1930 vor dem Landgericht in Eiscnach von seinen ehemaligen Käme- raden beschworen worden. Dieser Mann wurde zum Vorgesetzten einer Polizeitruppc gemacht, die in der Hauptsache ans Leuten besteht, die im Kriege ihre Pflicht und Schuldigkeit getan haben und nun einem solchen Menschen gehorchen müssen. Da? Urteil über seine Einstellung in die saar- ländische Polizei durch die vom Herrn Präsidenten Knox ge- leitete Abteilung des Innern überlaste» wir dem Hohen Rat. Freilich: Wenn man die Polizei mit kriminelle» Elementen durchsetzt, kann man die beste Truppe ans den Hund bringen und damit den Vorwand für die Heran- ziehung internationaler Polizei oder fremden Militär? schaffen. Die wahrste«: Es liegt ein Auszug aus der offiziellen Ehrenrangliste vor, mit den, offiziellen Urkundcnstempel der Behörden, wonach der Polizeioffizier Machts vom 8. Aug»st 1914 bis zum 11 November 1918 als Fähnrich, Leutnant und Kompaniestthrer an der Front gestanden und in vorderster Linie gekämpft hat. Dem Ossizier Machts ist auf dem Schlachtfeld das Eiserne Kreuz 2. und 1. Klasse verliehen worden. Er hat teilgenommen an folgenden Gefechten und Schlachten: Kämpfe im Ober-Elsaß, Schlacht vor Apern, Schlacht bei Vcrdnn, Kämpfe vor der Siegfriedsfront, Frühjahrsscklacht bei Arras. Schlacht in Flandern, Svmmcrschlacht in Flau- der», Herbstschlacht in Flandern, Kampf in der Siegfrieds- stellung, Tankschlacht bei Cambrai, Angriffsschlacht bei Cambrai, Kaiscrschlacht im Westen, große Angriffsschlacht Frühjahr 1918 in Frankreich, Schlacht bei Soissons und RciinS, Erstürmung der Höhen de? Chemin des Damcs, Vcrsolgungskämpse zwischen Oise und AiSue und über die Vesle bis zur Marne, Angrisfskämpse westlich und siid- westlich Soissons, Stcllungskämpsc bei Reim?, Angriffs- schlachten an der Marne und in der Champagne, Abwehr- schlacht zwischen Soissons und Reims, Rückzugskämpfe von Perronne über Cambrai bis Möns.* Ter Polizciobcrleutnant a. T. Machts ist Inhaber deS silbernen Verwundetenabzeichens. Er ist in den Jahren 1914 bis 1910 dreimal verwundet worden und hat auf den gesähr- lichsten Posten an der Front seinen Mann gestanden. Tie Behauptung, der Polizeioffizier Machts habe Selbst- Verstümmelung vorgenommen, weil er zn feige war an der Front für sein Vaterland zu kämpfen, ist von A bis Z u ii w a h r. Tas sind die Tatsachen. Um die Regierungskommistion und einen der Pirro-Front nicht genehmen Leiter der Polizei zu diffamieren, schrecken die Herren Pirro, Levachcr, Roch- ling und Kiefer, wie der KafuS zeigt, selbst vor den niederträchtigsten Verleumdungen nicht zurück. Tic besudeln die Ehre des deutschen Offiziers, der seine Pflicht im Felde restlos erfüllt hat, in der unver- schämtest?« Weise, nur, weil dieser Mann kein Faschist ist. Und mit solch infamen Lügen überschütten sie den Völker- bund! Tie Bezeichnung„Emigrant" ist ein Ehrentitel. Sie be- kündet, daß derjenige, der ihn trägt, sich in Protest zum Hitler-Terror befindet und die letzten Konscgucnzen daraus zog. Machts ist in diesem Sinne aber gar kein Emigrant. Die Regieiungskommission berief ihn, alserinDeutsch- land lebte, überzeugt von seiner Tüchtigkeit und seiner Energie, unbeeinflußt und unbccinslußbar die ihm aufge- tragencn polizeilichen Obliegenheiten zu erfüllen. nahenKreuz-Dalriol Dümpelmann Zwei Jahre Gefängnis für den ehrbaren Kaufmann Saarbrücken, 10. Mai 1934. Wilhelm Dümpclmann, die Zierde der Taarbrückcr Nazi» bewegung, stand gestern vor der Strafkammer. Mit ihm hatte sich sein Buchhalter Fridolin Schäfer wegen gewinn- süchtiger Urkundenfälschung und Beihilfe dazu zu verant- Worten. Beide Angeklagten waren geständig, die Kontingcut- zcttel aus gewinnsüchtigen Zwecken gefälscht und damit bei- nahe das gesamte Kontingent der einschlägigen Branche an die Nazifirma Tümpelmann GmbH, gebracht zu haben. Die Angeklagten sind raffiniert und sehr geschickt vorgegangen, haben andererseits aber auch leichtfertig gehandelt, indem sie in ungeheurem Ausmaße den Betrug inszenierten. Ter Sachverständige der Rontrollstelle des Ausfuhrhandels legte dem Gericht dar, daß die Firma Tümpelmann insgesamt nur 1105 Kilo Konsektionsware hätte beziehen können. Statt dessen aber hätte sie 13 301. Kilo Textilien bezogen, sich also einer betrügerischen Ucbcrjchreitung mit 12 722 Kilo schuldig gemacht. Ter Sachverständige vom Schuhverband für Handel und Industrie mußte der Nazisirina Tümpelmann befchei- nigen, daß ihre Handlungsweise bei den benachteiligten saar- ländischen Firmen den größten Schaden angerichtet hätte. Tümpelmann hätte sehr stark den Nationalsozialisten her- ausgebisjen. Die Wcttbewerbsmethodcn dieser Firma seien eines ehrbaren Kaufmanns nicht würdig gewesen. Außer den Sachverständigen verzichtete das Gericht auf die gesamte Beweisaufnahme. Ter Staatsanwalt kam zu einem un- glaublich milden Antrag. Trotzdem er richtig darlegte, daß nicht nur die saarländischen KonsektionSsirmcn, sondern auch die deutschen Erportsirmen großen Schaben erlitten hätten und das deutsche Ansehen durch den Nationalsozialisten Tümpelmann aufs schwerste gefährdet worden sei, beantragte er nur 10 Monate Gefängnis für den Nazi-Schwindler, während Schäfer mit 8 Monaten davonkommen sollte. Das Gericht ging erheblich über diesen Antrag hinaus und ver- urteilte Tümpelmann zu zwei Jahren. Schaler zu einem Jahr Gefängnis. Tümpelinaiin kann von Glück sagen, daß er nicht Jude oder Marxist ist und dann nicht im„dritten Reiche" abgeurteilt morden ist. Fün» Jahre Zuchthaus wären mindestens für ihn herausgekommen. „Cs ist ein 6!anben$sas zadkiqe lüimdec Herrlich, aber gefährlich Die„Stimme", eine in Berlin erscheinende Musikzeitschrift, schreibt in ihrer Aprilnummer: Das deutsche Volk singt wieder!— Das ist eins von den vielen Wundern, die wir im vergangenen Jahre erlebt haben. Blättert man in dem gleichen Heft 13 Seiten weiter, so liest man folgende Feststellung des Komponisten und Chormeisters Heins Heinrich-Hannover: „Ich erblicke in dem..zackigen" Singen eine starke Schädigung der Organe, die beim Singen tätig sind. Ich denke dabei an das überlaute, schreiige, vielfach rohe Singen, das Forcieren und das knallige Ansetzen der Töne und insbesondere an das ganz und gar unverständliche, abgerissene Singen, das charakteristisch ist iiir den Marse i- gesang unserer Zeit... Wird so weiter gesungen wie Iiis- her, so sehe ich die Zeit nahe, da uiisre Chorverbände ihre Tätigkeit einstellen müssen, weil kein brauchbarer Nachwuchs mehr vorhanden ist. Die Anzeichen dieser Gefahr spüren ernsthafte Chormeister schon jetzt." Das ist also des Wunders Kern: das deutsche Volk singt wieder, und wenn es so weitersingt, wird es demnächst überhaupt nicht mehr singen, höchstens bellen können. Der Fall ist symbolisch. Die„vielen Wunder, die wir im vergangenen Jahr erlebt haben", nehmen fast alle das gleiche Ende: sie fressen sich seiher auf und lassen ein krankes, armes, freudloses Volk zurück. Joitfie zupft die 3Cacfe Kunst in ernsten Gralshütten „Mit Hermes Schnelle brausen um die Wette die Stürme der Leidenschaften durch die Herzen einer Nation, um an diesem Tage des Führers zu denken, ihm zu danken, daß er» der edle Vielseitige, auch der Filmkunst das reine Licht wiedergegeben hat, nach dem wir uns sehnten... Mögen die Sterne schwinden, mögen Wolken kommen, wir wisse», daß hinter diesen Wolken die alte Sonne Homers kreist und lächelt, dieselbe Sonne, die schon seit Jahrtausenden die ungeheuren Rätsel des Seins immer täglich neu löst. Und mit ihr haben wir durch unsere Revolution wahre Sinnigkeit, tiefes Gemüt, Freude an der Natur und an dem Natur- begreifen genug, um den alten Plunder zu entbehren und ihn gelegentlich zu Jahrmarktfesten zu versteigern. Das unendliche Land der Kunst ist jetzt Händen und ernsten Gralshütten anvertraut."(Ein Hitler-Artikel im Berliner „Film-Kurier" von Alphos Joithe.) Joithe klingt fast so wie Goethe auf Jiddisch, Solches Deutsch aber hat man früher nicht einmal in Jiddisch geschrieben! Verhältnissen, dann kann man mit Ruhe und Sicherheit in die Zukunft blicken. Leider sind die Aktiven noch immer stark durch SA.-Dienst und NSDStB. überlastet. Von offiziellen Kneipen oder Spielkneipen kann nicht die Rede nein. Wir müssen uns in diesem Falle mit außerordentlichen Veranstaltungen begnügen. Es hat»ich herausgestellt, daß es wahrscheinlich unausbleiblich sein wird, daß der eine oder der andere alte Herr, der das Rundschreiben, die Arierdurchführung betreffend, nicht vorbehaltlos unterschrieben hat, das Band verlieren wird. Wir bemühen uns mit der Ver- handsleitung, dem auf irgend eine Weise aus dem Wege zu gehen." Die jungen Herren beklagen sich beileibe nicht über die Störung der wissenschaftlichen Arbeit an den Universitäten durch SA.» und SS.-Dienst. Es grämt sie, daß sie neuerdings nicht mehr die rechte Zeit zum Kneipen zu finden scheinen. Schade ist nur, daß es uns nicht möglich war, den Namen des studentischen Mitteilungsblattes oder des Corps, der es herausgibt, festzustellen. Wir haben unser Zitat der Nr. 95 der parteiamtlichen„Fienshurger Nachrichten" entnommen. „Ciceca, dec 7 lacc und Cati&ina, dec Rewduüwiät" Geschichtslügen und Provokationen der Unterdrückerklasse Unter diesem Titel erscheint in Kürze im Verlage„A'o;c. velles Edition Latinen", 21 ruc Servandoni, Paris, eine deut« sehe und eine französische Ausgabe eines neuen Werkes de« aus Deutschland vertriebenen Berliner politischen Strafverteidigers Dr. Botho Laserstein. Das fesselnd geschriebene Buch stellt zum ersten Male i.i materialistisch-dialektischer Weise die bedeutendsten Provokationen der Weltgeschichte, Vorläufer des Reichstagsbrandprozesse» dar. Vorbesteller erhalten das Werk zum Vorzugspreis von ffr. 6.— für die deutsche, ffr. 9.— für die französische Ausgabe hei einem Umfang von etwa 6 Bo-en. Das Buch dürfte auf das lebhafteste Interesse des Leserkreises rechnen, da es auch neues Licht auf das Problem der politischen Advokatur und Justiz wirft. 2J as Maue Stefi on Bruno Brandy An der Mansarde draußen probierte ein Fink seine Triller, schrak vor dem Lärm hinter dem Mansardenfeilster und og davon.„Du willst wieder nicht mitgehen/"— schrie mil seinen Bruder an.„In allen Ländern marschieren die rbeiter zu ihrem Festtage auf, in allen Ländern... un u—-——" Zornrot verstummte der SA.-Mann, denn der engere sah ihn mit einem solch langen, triumphierenden lick an, daß sein Gedankenlauf zu knäueln begann. Sc- undenlang lag dieser Blich dämpfend zwischen den Briie< rii. LFeberlcg Dir mal, was Du eben gebrüllt hast,' sagte der ingere ruhig, klappte ein blaues Heft zusammen schob es i die Kommode und ging mit einem breiten Lächeln aus< er tobe. Draußen spann das erste Dämmern eines Frühlingsabeiid». er SA.-Mann warf sich in einen Stuhl.^ as, er»o le u ei gen? Er, der Aeltere von Beiden? Ha, was i m lest r arxist schon erzählen konnte! Er griff zur Zeitung, war e wieder weg... Diese» Küchen, mit seinen dreiundzwanzig ihren! Sagt ihm, er sei konfus— er, der Große, er s io urraführer sein konnte, wenn man nicht egal Leute von )en vorzöge! Innungsmeisler mußte der ater unn es in. Er- konfus? Das war sehr einfach mit dem Ersten Mai. hr einfach, nicht? Damals, vor dem Kriege, da wurde ar von den Organisierten mit der roten Nelke gefeiert... amal»... Er fuchtelte im Selbstgespräch mit den Händen •rliedderte sich, seine Gedanken schwammen... neblige., rinnerungen... Damals war er. Emil Krause, nicht dabei.» :n allemal lausende Arbeiter gemaßregelt. Das'»° h"« e .,.d,... u„i W rail bfi den Nazis, wie der Vater. kaoutt« iwesen, an der marxistischen Lntwick ung g g wußtc j er Ibstverständlich,.vas denn 5onst^ er g ingste. der Grünschnabel, natürlich nid,, mehr, sonst war nid,; immer zur sozialistischen Arbeiterjugend gerann«. Daran war die Mutter schuld, der Vater hätte es dem Grünschnabel erzählt. Jeden Ersten Mai zog das Kücken mit; man hatte ja nichts zu sagen... Schöner Feiertag allemal: der Kleine drüben, der Große hüben. Und scharfer Dienst stets. Im„Völkischen Beobachter" stand:„Polizei, gib die Straße frei für den Ersten Mai! In einer Stunde jagen wir die roten Demonstranten mit der Waffe auseinander!"— Jawohl, die Helden der Feder konnten das so hinschmieren, aber die SA. hatte den Qualm. Mußte, in Lastautos verparkt, draußen auf dem Lande liegen und abend» heimkehrende Maifeiertrupps überfallen. Jedes Jahr dasselbe... Und jetzt? Emil legte die Stirn in Falten, suchte den Knäuel zu ordneil, die Gedanken zu sortieren. Jetzt war der erste Tag im Mai ein deutscher Feiertag. Hitler hielt Maireden im Rundfunk... Festtag der Arbeit, weil jetzt die Arbeiter— weil jetzt Thyssen—— Unsinn, weil jetzt das Kapital nicht mehr——— Was war denn eigentlich nicht mehr?— Emils Stirn wurde krauser. Der Knäuel verfitzte sich wieder... Da hatte der Grünschnabel doch sowas gesagt von den alten Zeiten nich... Wie war doch der Quatsch gleich? Der Klugscheißer, was der wußte, das wußte Emil auch. Dort, in der Schublade, schlummerte das bißchen Weisheit... Er lauschte nach der Küche hin, riß den'Kommodenkasten auf. Werden wir gleich haben... Neue Mode, solchen höheren Zimt aufzuschreiben, Ersatz für verbotene Bücher, konnte der reden, was er wollte. Natürlich, da steht der Quark: „Die Bonifaziusse stahlen den Germanen auch einige Festtage. indem sie den Geist der neuen Kirchendogmen in die alten heidnischen Feiertagsschläuche gössen. Die brachten aber immerhin den römischen Pflug mit, die höhere Produktionsweise! Darum siegte die neue Religion. Aber ihr— was bringt i h r denn? Das Mittelalter war schon früher da und Thyssen auch. Seht euch vor, daß der internationale Geist des Ersten Mai euren Horizont nicht sprengt" Dreimal las er. langsam, angestrengt und in tiefer Ver- sunker.heit, wie jemand, der ein Geheimnis ergründen will; das Dunkel jedoch wich nicht. Bedrückt schob er das Heft _------ juiijir ua.» nur u Cr naiic.' So.lte sich bloß nicht erwischen lassen.— Wo schrieb er das Zeug eigentlich ab? Auf seinem Miste wuchs das nicht, sonst müßte er. der ältere Bruder, mindestens soviel wissen, wo er beinahe Gruppenführer sein könnte. Warum konnte der Grünschnabel seit einigen Monaten wieder auf Arbeit gehen? Weil sein Bruder was zu sagen hatte! Aber am Eisten Mai wollte er sich drücken... wo doch die Arbeiter in aileci Ländern aufmarschierten... In allen Ländern... Dumpf sah er nach der Kommode hin. Der Geist der Schrift wallte aus dem Kasten und wehte ihn an.— Arbeiter aller Länder, internationaler Arheitertag? Hatte ihn der Grünschnabel darum so höhnisch angesehen? Soso, deshalb. Na also, er wußte auch soviel wie der... Aber wenn Hitler jetzt feierte, warum lungerten sie vor Jahren immer aiu Ersten Mai in Ueberfallgruppeu auf der Landstraße umher? Und wieso Thyssen und Mittelalter auf dem Zettel dort im Kasten? Wieder rollte der Knäuel, wieder war er an der Kommode, Raus mit der Schwarte...„Die brachten aber immerhin den römischen Pflug... Aber ihr, was bringt ihr denn?"— Qualm verdammter! Das wollte der Grünschnabel verstehen' Was sollten sie denn bringen, he? Mögen sich bloß nicht greifen lassen! Die Dämmerung sank, höhnisch grinste die Schrift des Jungen durch das graue Düster, ungreifbar und gefährlich Weg mit dem Wisch! Wütend, hilflos und verzweifelt fetete er das Blatt heraus, warf es zu Boden, packte es wieder zer- riß es. sehmiß die Schnitzel in den Ofen. So, jetzt war-r erledigt, dieser Geist, den er nicht begriff... Dacc blaue Heft flog wieder in den Kasten. Alberne Mode, solche Snriiche-,„f t»i i»-i, uvitr«UI- zuschreiben, die man nicht versteht. Mit einem Ruck schnallte er das Koppel um. Strammer Dienst war immer noch das beste. Mit der De nkerei kommt unsereins nicht weiter, höchstens ins Konzentrationslager... In der Iustruktionsstunde fiel er dem Saf an diesem Abend durch besondere Unaufmerksamkeit und störrisches Wese i auf, weshalb er sieh in der Führungsliste die erste»ehar^ Kiigr zuzog. Das bunte Matt „Deutsche Freiheit", Nr. 112 Donnerstag, 17. Mai 1984 Palais Mondial In einem repräsentativen Gebäude der Museen des Cin- quanteuaire in Brüssel befindet sich seit 1920 das Palais Mondial,„Oentre scientikique, ctocumentaire, educatif et social". Diese Schöpfung des Privatgelehrten Paul Otlet. die seit vielen Jahren vom Staat Heim und Subvention er- hält, umsagt u. a. ein kulturhistorisches Museum, das in 60 Solen untergebracht ist, eine internationale Bibliothek, ein einzigartiges bibliographisches Institut, einen Wissenschaft- l-chen Verlag und die Anfänge der„Internationalen Uni- versilät". Ferner hat dort die Union der internationalen Gesellschaften ihren ständigen Sitz. Otlet geht von dem Gedanken aus, daß mit dem Fort- schritt der Menschheit die Ausbreitung des unpolitischen Internationalismus eng verknüpft ist. Wohl kann rohe Gewalt die Höherentwicklung hemmen: aber Faschismus ist Halbbildung, und die natürliche.«rast der wahren Bildung wird ihn schließlich entlarven. Das Geistige kennt keine Grenzen. Es braucht jedoch eine gewisse Organisation, um rationell und systematisch zum Wohl der Menschheit wirken zu können. Die Zentralstelle des geistigen Schassens soll das Palais Mondial sein— Vorstufe zu dem von Otlet geplan- ten großen internationalen und übernationalen Zentrum, der erterritorialen Eite Mondiale. Mehr als tausend wissenschaftliche und soziologische Orga- nisalionen sowie Zehntauienöe von Einzelmitglicdern haben sich dem Palais Mondial angeschlossen. 1924 wurde das Palais Mondial aus seinen Räumen verdrängt. Erst 1926 konnte es seinen alten Platz wieder ein- nehmen. Damals erhielt Otlet offizielle Entschuldigungen und die s ,riftliche ministerielle Zusicherung, daß das Palais Mondial nunmehr endgültig in dem Gebäude des Sinquan- lenaire domiziliert sei: eine Ausqnartierung würde nie wie- der stattfinden. Aus Grund dieser Erklärung entwickelte sich das Palais Mondial zu seiner heutigen Blüte. Und doch liegt jetzt wieder ein ministerieller Ausweisungs- besehl vor! In kürzester Frist soll das Palais Mondial mit seinen mühsam aufgebauten Sammlungen, seinen weitver- Als vor einiger Zeit der englische Dampfer„Tuchcß oi ?)ork" von«anaöa kommend in Liverpol landete, befand sich an Bord auch eine Gruppe buddhistischer Mönche, die bei den Einwanderungsbehörden den Antrag auf eine mehr- monatliche Aufenthaltserlaubnis in England stellten. Als die Beamten'sse Pässe prüften, fanden sie einen darunter, der von den chinesischen Behörden ans den Namen Ehao Kunz ausgestellt war. Hinler diesem Namen verbarg sich, ivie man leicht feststellen konnte. Trebitsch-Lincoln, dessen abenteuerliche Karriere noch immer nicht abgeschlossen zu sein scheint. Er mußte genau wissen, daß jeder britische Konsul in der ganzen Welt dahingehend informiert ist. daß er unter keinen Umständen diesen Paß visieren darf und doch ver- s> chte er es zu wiederholten Malen nach England hinein- zukommen. Trebitsch-Lincoln wurde vorläufig verhaftet, um mit dem nächsten Schiff wieder abgeschoben zu werden. Sei- neu Schülern wurde gestattet, sich in einem Hotel in Liver- pool ebenfalls bis zum nächsten Schiff aufzuhalten. Sie öür- fcn die Stadt Liverpool nicht verlassen. Tie fünf Männer und fünf Frauen mit dem grauen Kimono, den Pantoffeln und dem Mützchen über dem kahlrasierten Schädel fügten sich in das Unvermeidliche. - Dieses neueste Abenteuer Trebitsch-Lincolns erregte das Inte:' an einer der abenteuerlichsten und seltsamsten Karrieren. die die heutige Welt kennt. Rabbiner in einer un- garischen Synagoge, Priester der englischen Hochkirche, engzweigten Einrichtungen, seinen internationalen Bindungen das ihm vertraglich zugestandene Gebäude geräumt haben. Vorwand: die Königl. Museen benötigen den Platz, den diese lebensprühende Konkurrenz einnimmt. Otlet und sein Kreis widersetzen sich der Exmission. Viele offizielle und private Persönlichkeiten unterstützen die Protestbewegung. Die Affäre des Palais Mondial ist kein Brüsseler Lokal- fall und auch keine belgische innere Angelegenheit. Das geht nicht nur aus dem internationalen Charakter des Werks, der einen konkreten Ausdruck in der mitbetrossenen Union der internationalen Gesellschaften hat, hervor, sondern auch aus der Tatsache, daß hier ein Stück Zeitgeschichte deutlich wird, das alle Länder betrifft. Die noch demokratischen Völ- ker, die sich gegen die faschistischen Strömungen zu wehren haben, besitzen in den Konzeptionen des PalaiS Mondial eine starke Stütze. Nirgends in der Welt ist eine Stelle, die die Werte der Menschheit verwaltet und verbürgt. Im Schoß des Palais Mondial kann eines Tages die Sicher- heit der Individuen, die Freiheit der Wissenschaft und Forschung, die Würde und Moral der Menschheit eine unab- hängige Heimat haben. Der neue Angriff auf das Palais Mondial ist ein Angriff auf die Moral. Nicht nur, weil ein Versprechen gebrochen wird, sondern weil ein Schlag gegen den Internationalismus geführt wird im Moment, wo Treue und Ehre gebieten müßten, ihn zu schützen. Aber so- bald der Weltkurs der Reaktion ein wenig ansteigt, ist es auch schon aus mit der Anständigkeit. Die Maßnahme gegen das Palais Mondial ist. bewußt oder unbewußt, reaktionär. Ihre Tendenz liegt auf der Linie, die zur Intoleranz führt. Der Sieger von heute unterdrückt, knebelt, verpflichtet, rot- tet aus. Das bedeutet schlechte Zeit für den Jnternationalis- nius: allerdings nur für den einzig wertvollen, den geisti- gen, denn der plutokratische und militärische läßt wohl auch heutzutage nichts zu wünschen übrig. Was man dem Palais Mondial dieser Tage anzutun wagte, ist alarmierend für alle, in welchem Lande sie auch leben, die in der Wahrung übernationaler Menschenrechte eine verteidigungswerte Auf- gäbe sehen. A— n. lischer Abgeordneter, deutscher Spion und buddhistischer Mönch... dies sind die Rollen, die Trebitsch-Lincoln alle gespielt hat und sein neuester Zwischenfall in Liverpool ist nur ein kleiner Stein in seiner kaleidoskopartigen Lebens- geschichte. Es ist gerade achtzehn Monate her, daß er wieder auf der Bildfläche erschien. Man sah ihn in den Straßen Ber- lins in eine schwarzen Kutte als Buddhisten-Mönch, stän- big au» der Flucht vor eingebildeten Verfolgern, in Taxi- Autos sitzend, in Cafes sich verbergend und ängstlich jeder Frage ausweichend. Er nannte sich Chuo Kung, und es lief das Gerücht, daß er nach Europa mit ber Idee gekommen sei, ein buddhistisches Kloster an der Rioiera zu gründen. Späterhin verzog er sich nach Belgien, wurde dann aber ausgewiesen. In Ungarn geboren, erhielt Trebitsch-Lincoln eine AuS- bildung als Schauspieler. Er wirkte eine Zeitlang als Rab- biner an einer ungarischen Synagoge und arbeitete dann alS Missionar in Kanada.Danach kam er nachEngland und wurde Kurat der englischen Hochkirche in Kent. Im Jahre 1910 wurde er mit einer Majorität von 29 Stimmen zum libe- ralen Abgeordneten von Darlington gewählt, doch behielt er dies Mandat nur vom Januar bis zum Dezember. Als der Krieg ausbrach wurde er zum Zensor für die ungarische Post bei der britischen Postverwaltung bestellt. Während er diesen Berus als Zensor versah, geriet er in den Verdacht, 150 Dichter ä 30 Francs Schreiben hat jeder Mensch in der Schule gelernt, es handelt sich ja nur darum, fünfundzwanzig Buchstaben richtig aneinander zu reihen. Aber manche Worte haben die Eigentümlichkeit, im selben Schlußakkord auszuklingen, un das ist eine gefährliche Geschichte. Denn diesen Gleichklang nennt man Reim, und wer reimen kann, ist ein Dichter. Solange die Dichterei im trauten Familienkreise bleibt, solange es sich um Gelegenheitsdichtungen handelt,— laßt den Pegasus ruhig rasen. Aber wenn Onkel und Tanten allzu begeistert geklatscht haben, wenn der Familienruhm nicht mehr genügt, dann beginnt der Versuch, die Welt zu erobern. Ein geplagter Dramaturg hat ausgeknobelt, daß die Manuskripte eines Jahres fast eineinhalb Millionen Kilo wiegen, daß beinahe dreihundert Eisenbahnwaggons erfor- derlich sind, um diese Massen zu verschicken. Gibt es Dramaturgen genug, um das alles zu lesen? Jedenfalls gibt es nicht Theaterabende genug, um das alles aufzuführen. Nicht genug Theaterabende und nicht genug Publikum, denn jeder ist sein eigener Dichter- und wer geht gern zu den Stücken der Konkurrenz. Aehnlich ist die Lage auf dem GedichtSmarkt. Es muß schon ein ganz großer Lyriker sein, der einen Verleger oder sogar Leser seines Gedichtbändchens findet. Wer wird Ge- dichte lesen, wo man doch selbst so schöne macht. Aber ge- druckt möchte jeder gerne werden, und aus diesem Ehrgeiz kann sogar Kapital geschlagen werden. Allerdings nur für einen anderen. Ein psychologisch geschulter Herr hat das Tichtervolk bei seiner schwachen Seite gefaßt. Bor einiger Zeit erschienen in verschiedenen Zeitungen kleine Inserate: „Junge, bisher noch nicht gedruckte Dichter werden gebeten, Werke einzusenden an den Verlag xyz. Als Rückporto der Sicherheit halber Einschreibeporto einlegen." Und die jungen Dichter schickten dicke Briefe mit ihren Werken. Ob Wunder, sie bekamen nicht, wie es ihnen bisher immer er- gangen war, ihre Arbeiten zurück, sondern sie erhielten einen netten Brief: Das Erstlingswerk sei angenommen und würde in einer Sammlung„Junge Lyrik" erscheinen. Be- dingung sei allerdings, daß der Autor sich verpflichte, zehn Bände des Werkes a 3 Franken zu kaufen. Eine einfache Rechnung. Einhundertsünszig junge Dichter, in einem Band vereinigt, je 30 Kranken sind 4500 Franken. 150 Einschreibe- gebühren decken die Spesen des Verlages, der um seinen Absatz nicht besorgt zu sein braucht, der eine Ausgabe von 1500 Stück herstellen läßt, primitiv aufgemacht natürlich, und recht gut dabei verdient. Allen ist geHolsen, der junge Dichter ist gedruckt und kann zehn Bücher an seine Verwandtschaft verschenken, der erste Schritt zum Ruhm ist getan und der Verleger sucht 150 neue Talente. Ruß als Delikatesse Ein Arktisforscher, der jetzt von einem längeren Aus- enthalt bei den Eskimos zurückkehrte, erzählt, daß die Eskimos in ihren langen Wintern gelernt haben, alle nur möglichen Dinge für ihre Ernährung zu verwerten. Da Tran hier oft als Brennstoff Verwendung findet, haben sie, in einer Periode, in der sie nicht genügend Lebensmittel hatten, den Ruß, der sich bei Verbrennung des Trans bildet, und der natürlich einen üarken Fettgehalt hat, als Nahrungs- mittel vcrivandt. Der Forscher, der diesen Ruß einmal pro- bierte, meint, daß dieses Nahrungsmittel, wenn auch nicht gerade wohlschmeckend, so doch immerhin nicht unverdaulich sei. Natürlich zögen die Eskimos frischen Eisbärcnschinken diesem Ersatzlcbensmittel vor. Wissen s>ie schon... ... in welchem Lande die Unterschlagung öffentlicher Gelder mit dem Tode bestraft wird? In Sowjetrußland. ... welcher Hafen den stärksten Schiffsverkehr der Erde hat? Der Hafen von Neuyork. ... woher das Wort„Chauvinismus" stammt? Bon dem Helden eines französischen Lustspiels aus dem Jahre 1831, dem großsprecherischen Rekruten Chauvin. ein deutscher Spion zu sein. Er floh nach Amerika und war dort in der antibritischen Propaganda tätig. Er wurde je- doch von Amerika wegen einer Anklage der Urkundenfäl- schung ausgeliefert und mußte drei Jahre Gefängnis in England absitzen, bevor er ausgewiesen wurde. Er wandte sich dann nach Teutschland und beteiligte sich dort an den Verschwörungen gegen die deutsche Republik. Als Emissär wurde er ausgesandt, den Kronprinzen in Wicringen, in Holland, zu befragen. Er wurde der Helfer von Ludendorff, Bauer, Ehrhardt und Kapp. Tann verschwand er wieder aus Deutschland und man hörte lange Zeit nichts mehr von ihm. Dann erfuhr man wieder, daß er buddhistischer Mönch ge- worden sei, seinen Namen abgelegt hätte und sich Chao Kunz nenne. Einige Jahre später ging er nach China als Chef, politischer und finanzieller Berater der südchinesischen Ar- mee. Er kam nach Europa mit einem geheimen chinesischen Auftrag zurück, Verhandlungen über einen Vier-Millionen- Psund-Kredit zu führen. Da sich diese Verhandlungen zer- schlugen, verschwand er wieber und tauchte erst vor achtzehn Monaten wieder in Berlin auf. Tort hielt er auch wieder Vorträge über die buddhistische Lehre. Noch ein kleiner Zwischenfall bei der jetzigen Landung in Liverpool ist bemerkenswert. Einer seiner Söhne wartete am Sandungssteg, als der Vater das Schiff verlieb. Er durste jedoch nicht mit seinem Vater sprechen und bekam erst später die Erlaubnis dazu. Sein anderer Sohn war vor Jahren in England wegen Mordes an einem Brauereireisenden an- geklagt und zum Tode verurteilt worden. Trebitsch-Lincoln hätte gerne seinen Sohn noch vor der Hinrichtung gespro- chen und kam mit größter Eile von Ceylon nach Europa. ES war jedoch schon zu spät. Der Sohn war inzwischn chon hingerichtet worden und Trebitsch-Lincoln bekam keine Ein- reiseerlaubniS nach England. Holland besitzt die schnellsten Hüge Die Amerikaner sind nicht mehr die einzigen, die den Wunsch haben, alles das zu besitzen, was am größten, am schnellsten seiner Kategorie„in the world" existiert. Die Hol- länder hatten schon>mmer den Wunsch, die schnellsten Züge der Welt-zu besitzen und sie haben es erreicht mit Hilfe des neuen Zeppelin-Zuges, der soeben die Ateliers Bijman in -Haarlem verlassen hat und seit vorgestern zwischen dem Haag und Amsterdam verkehrt. Ter neue Zug, der durchschnittlich eine Geschwindigkeit von 158 Stundenkilometer hat, stellt wahrhaft eine voll- iommene Neuheit auf dem Gebiet des Eisenbahnwesens dar. Man mar bemüht, sein Gewicht so weit wie irgend möglich herabzusetzen. So wiegt der Zeppelinzug jetzt 1,2 Tonnen pro Meter Länge im Gegensatz zu 2,7 Tonnen der gewöhn- lichen Züge mit Dampfantrieb. Dieses Resultat ist erreicht worden durch den Gebrauch besonders leichten Materials und zwar einer Verbindung von Aluminium mit Magne- sium. Der Zug wird durch zwei Maybach-Dampfmotoren mit je 410 Pserdekrästen angetrieben, wobei eine elektrische lkebertragung vorgesehen ist: durch die Verwendung eines sehr billigen Brennstoffes werden große Ersparnisse im Be- irieb erreicht. Man schätzt 2000 Kilogramm Oel, um die Maschine für 24 Vcrkehrsstunden zu speisen. Die Motoren be- finden sich in der Mitte des Zuges. Dadurch kann er in hei- den Richtungen verkehren, ohne eine weitere Hilssarbeit. Tas ist eine der neuesten und interessantesten Verbessern»- gen des Eisenbahnwesens von allen Gesichtspunkten be- trachtet: Zeitersparnis, weniger Material und weniger Per- sonal. Der Betrieb ist so mit dem der Untergrundbahnzüge zu vergleichen, die sofort nach ihrer Ankunft auf der Endstation in entgegengesetzter Richtung wieder abfahren können. Drei Wagen nur bilden den Zug mit 192 Titzplätzen: ein Wagen 2. Klasse, den Mittelwagen, in dem sich die Motoren, der Gepäckraum und drei Abteile 3. Klasse befinden, und ein Wagen 3. Klasse. Es gibt keine erste Klasse im Zeppelin- zug, aber man sitzt in der 2. Klasse mindestens ebenso be- quem, wie in der ersten Klasse vieler anderer europäischer Züge. Weder Bolzen noch Nieten sind venvendet worden, um die Metallplatten der Wagen miteinander zu verbinden. Alles ist autogen gelötet und geschweißt, wodurch eine viel größere Haltbarkeit garantiert wird. Auch das alte System des Oefsnens und Schließens der Türen hat man verlassen und durch ein moderneres ersetzt. Die Türen werden wie bei den Untergrundbahnen in die Seitenwände der Waggons hineingeschoben. Das bedeutet eine viel größere Sicherheit und gibt die Möglichkeit, ein vorzeitiges Oessnen der Türen zu verhindern. Die Stufen der Trittbretter können jetzt auch bewegt werden: und zwar heben und senken sie sich automatisch mit der Bewegung der Tür. Dadurch ist ein Ausspringen aus den fahrenden Zug von vornherein unmöglich gemacht. Für Heizungszwecke wird die äußere Luft durch den Mo- toreuraum geleitet, erwärmt sich dort und geht dann in die Abteile. Ein Kühlapparat dagegen sendet die abgekühlte Außenluft im Sommer durch die Wagen. Um den Reisenden endlich das Letzte an Bequemlichkeit zu geben, was sie in einem Eisenbahnzuge verlangen können und immer noch als sehr störend empfunden wurde, hat man versucht, die Erschütterung zu beseitigen, die als der Haupt- sächlichste Faktor der Reiseermüdung angesehen wird und Kautschukunterlagen unter den Sitzen und den Achsen der Wagen angebracht. Damit ist wohl der augenblickliche Höhe- punkt der Technik erreicht— und diesmal nicht in Amerika. Das Leben eines Abenteurers Trebitsch-Lincoln, Rabbiner, Pfarrer, s>pion und Buddhist/ von Henrv.Murton ?, Adi bloß die Sä.-- komm manr Die Zersdiiagung des Anwalfsredites Bericht eines marxistischen SA.-Mannes Starke Enttäuschung über den kompletten Verrat aller Lebensinteressen durch die Naziregierung hat besonders die Bauern ersaßt. Dem Mcssiasglauben an Hitler und seine Trabanten ist stärkste Depression gefolgt. Ein einziges Jahr hat genügt, um die Gläubigsten in der Seele zu erschüttern. Wir wissen, daß dieser Zustand bei der noch vorhandenen exekutiven Macht des Nazistaates vorerst nur psychologische Bedeutung hat. Getreulich registrieren wollen wir jedoch diese Zeichen der Zeit. Ein marxistischer SA-Mann schreibt uns einen sar- kastischen Bericht: Da marschiert am Sonntag, den SS. April, eine Abteilung der Bremer TA. zur Agitation gegen Nörgler und Besserwisser in die umliegenden Dörfer. Tie SA. weiß, hier sind die Stätten der besten Erfolge in der Zeit skrupelloser Lügenpropaganda vor der Machtergreifung, hier müssen wir mit der angeordneten allgemeinen Aufrüttelung beginnen. Mit schneidiger Marschmusik geht es in das erste Dorf. Einwohner kommen an den Gartenzaun, an Türen und Fcn- ster. nicht so viel wie früher, aber es geht. Nach dem Marsch durch die Straßen will man den Leuten aus dem Torfplatz die Standpauke vom Durchhalten und nicht verzweifeln hol- ten. Doch die große Mehrheit geht wieder in den Garten oder in das Haus zurück. Von einigen ist zu hören:„ach, bloß die SA. komm man" Nur wenige bleiben stehen, früher stolz auk ihre Nazikappe wie die Mädchen ans die Puppe, erwidert jetzt keiner die lauten Heil-Hitler-Rufe der Bremer SA. Es wird hier und da schlaksig die Hand zum deutschen Gruß gehoben. Bald sieht es aus als ivinkc man ab. WaS bedeutet das, im zweiten und dritten Dorf, auch später noch, dieselbe trostlose Haltung der Bevölkerung. Der SA.-Führer weiß keine Erklärung dafür und sagt resigniert zu seinen Mannen:„Das ist nun der Tank, für die Bauern hat Adolf Hitler den EierpreiS auf 10 und 12 Pfennig erhöht." Wörtlich richtig wiedergegeben, nicht wahr, Herr Vorgesetzter? Aber ich will Ihnen hier die Aufklärung geben, da ich es während des Marsches ohne Prügel nicht sagen konnte. Die Bauern bekommen von den 10 und 12 Pfennig für das Ei nur 2 auch 3 Pfennig. Die Zentraleinkaussstelle, bei der alle Eier abgeliefert werden müssen» gewährt den Wider- Verkäufern eine sehr kleine Verdienstspanne, hamstert aber selbst pro Ei einen Gewinn von rund 5 Pfennig ein. So be- zahlen Konsument und Bauer eine unerhört hohe indirekt« Steuer. Der neue Staat, bankrott allüberall, nimmt 200 Prozent vom Einkaufspreis für seine leeren Kassen, um die dummdreisten Nazibonzen gut bezahlen zu können. Und aus- gerechnet in Orten jetzt Propaganda, wo in den Tagen vor- her den Bauern die Eier, weil sie zu klein waren, von der Einkaufszentrale nicht abgenommen wurden. In einem Fall 500 Stück. Der Bauer darf aber auch die zu kleinen Eier nicht selbst verkaufen, allein essen kann er sie auch nicht. Den dummen Hühnern kann er zureden, wie er will, wo es nicht hinreicht, werden die E er nicht größer,- die Gleichschal- tung versagt, und mit Gewalt ist nichts zu machen. Nun treibt der Bauer Schleichhandel, trotz der Bedrohung mit dem Pranger. Uns Mannschaften des Propaqandazuges sah er mit gemischten Gefühlen: von wegen Blut und Erde. Er kenn« die Sache von der Marxistenbehandlung her, die lagen auch im Blut aus der Erde. Der Hitlerrausch ist verflogen, die Enttäuschung hat die Menschen passiv und hilflos gemacht. Unsere Arbeit setzt ein. In der SA., unter den Bauern, beim Mittelständler und Arbeiter. Brink Annl hat Angst »Noch nie so ungewiß wie heute..." Hamburg. 16. Mai.(Inpreß.) Prinz August Wil- Hehn von Hohenzollern hielt auf einer Kundgebung der NSDAP, im Hamburger Zoo eine für die Angslsliinmung in den nationalsozialistischen Führerkreisen sehr aufschluß- reiche Rebe, von der wir aus dem„Hamburger Fremden- Matt" den folgenden Abschnitt entnehmen: „Wer sich früher nicht im Kamps für die Idee Adolf Hitlers eingesetzt hat, der kann heute seine Treue beweisen, indem er durch die Tat zeigt, wie es besser zu machen ist, statt dumme politische Witze weiterzutragen und schon vor- handene Reibungsflächen noch zu verschärfen... Was werden die nächsten Monate bringen? Noch nie ist die Zeit so ungewiß gewesen. Zum Köpschängelassen haben wir keine Veranlassung.. Beim Ausbau des neuen Reiches werden immer wieder Stunden kommen, in denen man den Atem anhält und sich voller Sorgen fragt: Wie wird es werden? Aber wir missen, daß auch der Führer sich Sorgen um Deutschlands Zukunft macht. Warum sollten wir, die nur einen Bruchteil seiner Verantwortung zu tragen haben, schwach werden? Die Zeiten sind ernst..." „Nafionaldeufsdie Juden" Auch sie sind unwillkommen Berlin. 16. Mai.(Inpreß.) In dem Verordnungs- blatt der Obersten TA.-Führung vom 15. Mörz 1034, das sich im Besitz der„Inpretz" befindet, ist folgende Insor- malion veröffentlicht worden: Betrifft: Geländesport Der Verband Nationaldcutschcr Inden hat sich an den Ehcf des Ausbildungswesens der TA. betr. Teilnahme am Gcländeiport gewandt und gebeten, zu dieiem Zweck den VerbandSktthrer sowie den Führer seiner Tportabteilung z i.n pe.sönlichcn Vortrag zu empfangen. Der Ebei des Ansbildungswesens hat daraufhin wie folgt geantwortet: An den Verband Nationaldeutscher Juden e. V. Berlin W. 35 Blumeshof 0 Hiermit bestätige ich den Eingang Ihres Schreibend vom 10. Februar 1034. Es ist mir leider nicht möglich, Ihrem Wunsche zu entsprechen, da nach den Richtlinien des Stabs- chess der SA., Reichsminister Röhm, eine Ausbildung im Geländesport nur für diejenigen deutschen Volksgenossen durch mich erfolgt, die rassisch und weltanschaulich auf unserem Boden stehen. Heil Hitler! gez. Krüger. OrtSgruppcnsnhrer. Dieser Briefwechsel wid zur Kenntnis gebracht, um allen derartigen Bestrebungen von Ausländern von vorn- herein zu begegnen.(Z. Nr. 3724 34.) Sin kommunistischer Student der Harvard-Universität warf kommunistische Flugschristen in einen Ventilator des Kreuzers„Karlsruhe". Der Täter wurde von der Polizei in Boston verhastet, er heißt Brick und studiert Philosophie. Der Kommandant des Kreuzers hat dielen Versuch kom- munistischer Propaganda auch bei der amerikanischen Vnndespolizei zur Anzeige gebracht. Politische Angeklagte rechtlos In parteioffiziellem Auftrage schreibt die„Deutsche Iuristenzeitung"(1934, Seite 243): „Die Gefahrenzone ist die Verteidigung und insbesondere die politische Verteidigung. Wenn hier die Anwaltschaft nicht versteht, daß der Begriff der Freiheit ein anderer geworden ist, wird das Schicksal der Rechtsanwaltschast als freier Beruf besiegelt sein.. Dem Anwalt liegt es ob, in leidenschaftlicher Verteidigung der Staatsautorität zu wünschen, daß der Anklage auch die Verteidigung folgen möge." Das ist der Todesspruch für jede Freiheit, Gleichberech- tigung und Unabhängikeit der Verteidigung. Wo keine Freiheit ist. kann der Begriff der Freiheit sich nicht ändern. Anstelle von Recht und Gesetz trat das Parteiprogramm der Diktatoren. In den parteiamtlichen„Leitsätzen für die Rechtspraxis"(Verfasser Karl Schmitt) heißt es: „Das nationalsozialistische Parteiprogramm ist die Grundlage jeden Rechtsdcnkens geworden. Man kann keinen deutschen Richter, keinen deutschen Anwalt ohne genaue Kenntnis des Parteiprogramms mehr gelten lassen." Wer nicht auf den Faschismus schwört, wird fortgejagt. Wer sich nicht gleichschalten läßt, wird am Gericht nicht mehr zugelassen. Alle bekannten, antifaschistischen Anwälte, gleichgültig ob Demokrat, Marxist, Kommunist oder Pazifist, wurden vom Anwaltsstand ausgeschlossen. 99 Prozent aller jüdi- schen Anwälte wurden verjagt. Der Verteidiger wurde zum Knecht des Staatsanwaltes degradiert. Ihm droht die Existenzvernichtung, wenn er aus freien Stücken die Verteidigung eines politischen Gegners des Faschismus übernimmt. Er ist schutzlos den Drohungen einer aufgepeitschten SA.-Soldateska aus- geliefert Sein Plädoyer wird ihm von den Leitartikeln der faschistischen Tagespresse und den Befehlen der faschi- stischen Anwaltsvereinigung vorgeschrieben. Wie tief die deutsche Anwaltschaft bereits in den Schmutz faschistischer Unfreiheit getreten wurde, zeigt eine Meldung einer großen Tageszeitung, die auf Wunsch der Verteidiger anläßlich eines großen politischen Prozesses gebracht wurde: „Wir müssen ausdrücklich darauf aufmerksam machen, daß die Verteidiger der angeklagten Kommunisten keines- wegs die Verteidigung freiwillig übernommen haben. Da nach der bestehenden Schwurgerichtsprozeßordnung für jeden Angeklagten ein Verteidiger vorhanden sein muß, ist das Gericht dazu übergegangen, die Verteidiger, d i e a u s- drücklich den Wunsch geäußert haben, nicht bestimmt zu werden. als Ofsizial- Verteidiger zu bestellen. Auf Grund dessen mußten die Verteidiger ihr Amt ant-reten." („Westfälische Landeszeitung" vom 20. 9. 1933.s Jeder Raubmörder, Sittlichkeitsverbrecher und Zuhälter wird ohne Schwierigkeit einen Verteidiger finden. Ein Kämpfer für Wahrheit. Freiheit und Recht, für Frieden und Sozialismus darf in Deutschland nicht mehr verteidigt werden. Weltergeben! Weifergeben! I Werten Sie die„Deutsche Freiheit" nach d m Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Aufklärung und Belehrung bedürfen! I Angola Neue Heimat der deutschen Juden? London, 16. Mai(Jnpreßl. Der„Daily Herald" teilt m't, daß die Dementis, in denen die Besprechungen wegen einer jüdischen Kolonie in Angola(Portugiesisch-Westafrikas be- stritten worden waren, nicht der Wahrheit entsprechen. DaS Blatt stellt fest, daß ein aus bekannten Persönlichkeiten zu- sammengesetzes Komitee das Projekt seit mehreren Mona- ten studiert. Sowohl die portugiesische und englische Regie- rung. wie auch der Hohe Kommissar James Macdonald seitn über die Arbeiten des Komitees fortlaufend unter- richtet worden. In den jüngsten Tagen gingen durch die Presse, insbesondere durch die Emigrationsprcsse, die widersprechendsten Meldungen über ein Projekt der Ansiedlung von geflüch- teten deutschen Juden in der portugiesischen Kolonie Angola. Während der Hohe Kommissar gegenüber Pressevertretern die im„Daily Herald" erschienene Meldung über einen Plan der Ansiedlung von Millionen Juden in Angola schärfsten« dementierte, beschloß der Rat der Weltvereinigung südischer Emigrationsgesellschaften zu gleicher Zeit, Vertreter zur Verhandlung mit der portugiesischen Regierung nach Lissabon zu entsenden und eine Summe zur Deckung der Kosten auszubringen, damit eine Erforschung»- kommisston nach Angola entsandt werden könne. Diese Meldung stimmt mit der andern überein. wonach die portugiesische Regierung sich bereit erklärt haben loll, einem derartigen StedlungSprojekt näherzutreten, wenn weder der Völkerbund noch der Hohe Kommissar Mandatare einer solchen evtl. jüdischen Siedlung werden würden. Die Er- forschungskommission, die man in Paris nach Angola zu ent- senden beschlossen hat, wird bezüglich der klimatischen, so- zialen und wirtschaftlichen Struktur des Landes zu kaum anderen Ergebnissen kommen, als sie schon jetzt vorliegen. Angola, amtlich Africa Occidental Porlugueza genannt, liegt am Atlantischen Ozean und wird begrenzt im Norden und Osten von Belgisch Kongo im Süden vom näheren Deutschsüdwestafrika und dem«etschuana-Land. Seit 1575 oehört Angola zu Portugal Heute ist da« Land in el> Distrikte eingeteilt, jedem Distrikt steht ein Gouverneur vor. Die Hauptstadt Sao Paulo de Loanda ist a» der Küste gelegen Hier residiert der Oberkommandant. Das Gesamt areal Angolas beträgt 1 315 460 Quadratkilometer und ist damit fast dreimal so groß wie Deutschland. Die Bevölke rungszabl ist seit zwanzig Jahre» koustanl geblieben uni wird mit 4 180 000 angegeben Die Bodenbeschassenheit Im Norden finden wir einen breiten, im Süden einen schmalen, dürren und sandigen Küstcnftrand, der zu dem innerafrikanischen Hochland führt, im Norden Cananha- gcbirge genannt, durch das sich die zum Atlantischen Ozean fließenden Flüsse Lelunbo, Ambrizette, M'Brische, Loja mit den zahlreichen westlichen Zuflüssen hindurchgraben. Das Gcbirge ist etwa 1100, an anderen Stellen 1300 und die höchste Erhebung 2370 Meter hoch. Nach Norden ist der be- deutendste Fluß der Kuanza, den man mit flachen Booten auf 200 Kilometer befahren kann. Auch einige andere Flüsse sind teilweise befahrbar, doch gefährden gefährliche Hinder- nisse die Einfahrt. Das Klima Jeder Einwanderer wird sich die Frage nach dem Klima ernstlich vorlegen müssen, denn sie wird>llr die Frage jeder wirtschaftlichen Existenz beinahe von ausschlaggebender Be- beutung sein. Das Klima ist an der Küste bei Loanda und Bcngucla heiß und feucht und im höchsten Grade ungesund. Im Innern des Landes, zum Beispiel in dem höher gele- genen Mossamedes ist es bedeutend gesünder. In Loanda wird als Durchschnittstemperatur 24 Grad, in Mossamedes 20 Grad Celsius angegeben. Im Februar hat man in Loanda immer noch 26,2 Grad Wärme. Während der Regenzeit, etwa im August sinkt an der Küste die Temperatur bis auf zirka 20 Grad. In den Niederungen von Loanda währt die Regen- zeit von Oktober bis Januar und von April bis Juni. Je iveiter man nach Süden in das Land vorstößt, wird das Klima immer trockener. Tie nördlichen Hochebenen im In- nzrn verdorren, während die Gebirgslandschaftn im Süden feuchter und fruchtbarer sind. Die Kttstcntcrrasse ist mit prächtigen Wäldern bedeckt, in denen Farne und kletternde Palmen auf den tropischen Charakter ds Landes hinweisen. Zur Beruhigung des Einwanderers kann aber gesagt wer- den, daß sich die Löwen, Antilopen und Elefanten in daS Innere des Landes zurückgezogen haben. Wer ein großer Tierlicbhaber ist wird in Angola die verschiedensten Assen- arten kennen lernen können. Die Beoölkernng. Die Bevölkerung besteht aus den einheimischen, so- genannten Kongonegern, die in eine Anzahl von Stämme zerfallen. Es sei nur daraus hingewiesen, baß im äußersten Süden»och die Hereros existieren. Diese Negerstämmc leben nach ihren alten Gewohnheiten in einer zurückgebliebenen Zivilisation im Gegensatz zu den wenigen Negerstämmen, die heute schon portugiesisch sprechen und als Kaufleute und Beamte tätig sind. Die Anzahl der in Angola lebenden Europäer ist gering. Ihre Zahl wird kaum mehr als 40 00« bis 50000 betragen. Eine stärkere Bevölkerung der Städte hat man dadurch er- .eicht, daß man Angola als Teportationskolonle verwandte und in den Städten sich viele deportierte Verbrecher, so- genannte Degradados. niederließen. Vor nicht allzulanger Zeit kannte Angola»och einen schwunghaften Sklavenhandel mit schwarzen Arbeitern. Man brachte aus dem Innern schwarze Arbeiter und fesselte sie durch langjährige Verträge an die Käufer. Eine katholische Mission ist seit 1M2 tätig, die für den Schulunterricht sorgt, an dem»ch,e- doch nur einige hundert Kinder beteiligen. Angolas Wirtschast Der Branntweinverbrauch ist infolge der Demoraliiaiion der Bevölkerung stark Die Landwirtschast erzeugt Maniok, Tabak, Indigo, Reis. Kassee, Zuckerrohr, Baumwolle, Erdnüsse. Mais Hirse. Doch ist die intensive Bebauung des Bodens noch nicht sehr weit fortgeschritten. Die reichste» Kafseepflanzungen befinden sich in dem Tal des Lukulla, dach wächst der Kafseebaum auch an vielen Orten wild. Expor- tiert wird: Kautschuk, Kaffee, Kopal und Wachs, Baumwolle, getrocknete Fische. Elsenbein. Portugiesische Händler durch- ziehen dos Land und kaufen von den Eingeborenen die Landesprodukte ein. Die Gewinnung von Eisenerz. Kuv er, Blei, Salz, Schwefel, Steinkohle und Erdölen ist gering, weil die Ausbeulung noch stark darnicderliegt. In Libol o soll sogar Gold vorkommen. Tie Industrie ist selbstveritänd- lich stark zurückgeblieben. Es gibt einige Zigarrcnsabritcn. Branntwein- und Ziegelbrennercien, Mattenflcchrercien. Die Verkehrsmittel Auch hier herrscht noch größter Mangel. Pferde und Kamele gedeihen nicht und der Ochse tan» nur als Reittier benutzt werden, so muß man noch vielfach Träger für den Transport nehmen. Hier ziehen noch Karawanen die Straßen von Loanda über Dondo in das Innere des Lan- des. 1381 wurde eine Eisenbahn bei Loanda gebaut und ist am rechten Ufer des Lucalla bis Malansche wettergeführt ivorden. Dann existiert»och eine Linie, die zum Hochland führt und 1500 Kilometer lang ist. Telegraf und Postverbin- dung sind vorhanden. Eine portugiesische Dampserlinie ver- bindet die Häsen miteinander, und die größeren Schissahrto- liniert lausen die Häsen heute an. Das ist ein ungefährer Querschnitt des Landes, das der portugiesisch« Seefahrer Diego Cao 1484—86 entdeckte. S cht man von den ungünstigen klimatischen Verhältnissen ab, so scheinen die reichen Bodenschätze die um fast hundert Jahre zurückgebliebene Industrie tatsächlich einzuladen, hier e-nc intensive Bewirtschaftung und Ausbeute des Landes vor- zunehmen Jedoch die Kapitalic», die daiür zur Verfügung gestellt werden müssen, die zwei Millionen Dollar, von denen gesprochen wurde, würden nicht sehr weit reichen, so daß man sich die Frage vorlegt, ob nicht mit der gleichen Summe Geldes in klimatisch besseren Gegenden, ja sogar in Teilen Europas, dasselbe Ziel wie in Angola erreicht werden kann Man muß sich darüber klar sein, daß wenn überhaupt eine .Kolonisierung Angolas vorgenommen wird, erst die Kinder von den Früchten werden ernten könne», die in den nächsten dreißig Jahren gesät würben. Immerhin wird es wichtig sein, die Ergebnisse der Enquete der Ersorschungskommission abzuwarten. Pariser Deridtie Pariser StraOenkalender I6i rnnild 43-13 Mörro Pigaile Deutsche Poliklinik Paris, ÖZ, Pue de la Rochetoucaulc i| Allgemeine Konsultationen mit 9 Spezialisten. b) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshillliche Klinik e) Zahnärztliche» Kähmen Ordination täglich von 9-12 und 2-8: Sonntags und Feiertags von lO—12 und Z—4 Uhi Docteut fyeciaiiste i DEUTSCHSPRECHEND Münchener u Pariser Fakultä 17, rue Reaumur M6tro Arts-et-Metiers od. R6publiqut Frauen-, Blut«, Haut-, Harn- und Geschlechtskrankheiten, Tripper, Syphi- Iis, MKnnerschwdche. Neueste Heil verfahren. Elektrizität. Harn». Samen» und Blutanalysen. Massige Bedingungen.(Auch für Kassenversicherte.> Täglich von^' und 4- 8,50. Uhr Sonn» und Feiertags von 9 bis 1 u. au' Rend v Tel Arch.54-27 Werbt lür die„DeulsGbe Freilief Doktor Wachtel und Doktor Axel äesihlecbtskrankJieiten, Männer und Franer Mase. Hals Ohren 123, Bd hebastopol- Sprechstunden v. 9—12 u. 2—8 Uhr Sonntags vormittags Metro Reaumur, St Denis INSERIEREN BRINGT GEWINN Dr. Sp€cialiste K), rue de Rlvoli— MAlro Chnieit RADIKALE HEILUNG von BLUT., IAUT. and FRAUENKRANKHEITEN Heilung von Krampfadern aad offenen Beinvnnden Neueste Behandlungsmethoden Elektn- zität Imptungsvertahren Irypatie vtn» Einspritzungen Blut, und Ham.Uniersndsunge* Sper. nakultuz. Salvarsan. Wunut usw. ■»prechstuoden täglich von 10—12 nnü von 4—8 Ubr Sonntags von 9—12 Übt Konsultationen*on 25 Fr. ab. Mas spricht d• s t n c b Am Pfingstsonntag beginnen in Paris die internationalen Tennismeisterschaften. * Auf dem Montparnasse wurde der 12. Salon des Tuileries eröffnet. Unter der Leitung des Präsidenten Albert Besnard, eine Schau der modernen Pariser Malerei, die stets ein Pendant zu der Ausstellung im Grand Palais bildet. * Franz Lehar wohnte in Paris dem Konzerte Richard Taubers bei. * Der Journalist Knickerbocker weist in einer Pariser Ar likelserie darauf hin. daß eine deutsche„Sprachenkarte von Mitteleuropa" 85 Millionen Deutsche für das„dritte Reich" reklamiert und richtet heftige Vorwürfe gegen Hitlers „Mein Kampf". * Das Auto des bei dem furchtbaren Rennunglück bei Fon- tainebleau getöteten Fahrers Eric Lora, der der Sohn des Hafendirektors von Brest war und bekanntlich eigentlich Goch in heißt, soll Bremswalzen besessen haben, die sich während der Fahrt gelockert hatten. Ferner waren die Vorder- und Hinterräder von verschiedenem Typ. Die Silberfüchse wandern in den Zirkus Die Silberfüchse auf der einsamen Farm der Bretagne, in der der furchtbare Mord an der neunzehnjährigen Gattin des Züchters Michel Henriot begangen wurde, wandern wahrscheinlich in den Zirkus. Ein Zirkusdirektor, der nach Lorient gekommen ist, will sie kaufen. Der Mörder Michel Henriot ist nicht in einer Sonderzelle, » sondern mit dem Mörder Bousquet zusammen eingeschlossen, der ebenfalls seine Frau tötete und der nächste Woche vor die Geschworenen kommt— und zwar bizarrer Weise auf Grund einer Anklage, die der Staatsanwalt Henriot, der Vater des Tä.ers von Loch, noch erhoben hat. Der Staatsanwalt Henriot will in die Umgegend von Paris ziehen, wohin seine Tochter bereits zu Verhandlungen abgereist ist, und alles verkaufen. „Nassauer" von der Akademie gestrichen Die französische Akademie hat bei der Durchsicht des Wörterbuchs das schöne Wort„resquilleur" mit ungünstigem Bescheid an die Kommission zurückgewiesen. Und dabei war diese aus. dem Argot stammende Bezeichnung der„Nassauer" durch das Theaterstück ,.Le roi des resquilleurs" doch schon zu internationalem Ruf gelangt. Nun, im Sprachgebrauch wird das Wort sicher bleiben, dieweil es viele Leute gibt, die nicht gerne Theaterplätze zahlen... Eine rollende Bildergalerie M. Georges H u t s m a n. der neuernannte Generaldirektor der schönen Künste in Frankieich, hat einen neuen „Salon" auf den Schienen eingerichtet, der ins Land fahren soll, um Werke französischer Maler, Bildhauer, Kupferstecher, Kunststichler zu verkaufen. Der Zug, der als Hilfswerk der Künstler der Krise eingerichtet wurde, besteht aus sechs Wagen. Die Reise soll am 15. Juni zuerst nach Versailles losgehen, dann sollen Les Maus, die Bretagne, die Landschaft Saintonge nördlich der Gironde und Bordeaux folgen, von dort soll es über Angouleme, Poitiers, Tours, Blois und Orleans zurück gehen. In jeder Stadt soll etwa drei Tage Aufenthalt genommen werden. In einem Packwagen werden Ersatzbilder für die verkauften mitgeführt. Im ganzen werden etwa zweihundert Künstler auf dieser ersten rollenden Ausstellung vertreten sein. Die Auswahl der Kunstwerke soll mit größter Unparteilichkeit unter Mitwirkung der Künstlerverbände sattfinden. Die Stadt Paris und die Eisenbahn haben dieses ausgezeichnete Unternehmen der produktiven Künstlerhilfe unterstützt. Lehar dirigiert„Land des Lächelns" in Paris 1200 Aufführungen eines Werkes in einem Land, davon 750 in der Hauptstadt, das bedeutet nicht nur Ruhm, Popularität, das wirft auch so viel Tantiemen ab. daß man für einige Jährchen auf ein anderes Land einmal verzichten kann. Denn während die Länder des Westens und Ostens ihn feiern während in Paris und Wien seine Werke sogar von den Staatsopern aufgeführt werden, ist Lehar samt seinen Operetten aus Deutschland ziemlich sang- und klanglos verschwunden. Hie und da in der Provinz spielt wohl eine seiner Operetten nochmal den Lückenbüßer und bringt dabei mehr in die Kassen als sämtliche dichterischep und kompositorischen Machwerke des nationalen Erwachens zusammen, aber aus Berlin z. B. ist die Lehar-Operette, die noch vor zwei Jahren anläßlich des 60. Geburtstages des Komponisten Triumphe feierte, vollständig verschwunden. Warum eigentlich, weiß niemand so recht, denn der Meister selbst ist nichtarischer Blutbeimischung völlig frei. Aber es soll Devisenschwierigkeiten mit dem Wiener Verlag gegeben haben, die Berliner Vergangenheit Lehars, die ebenso eng mit dem„Judenstämmling" Richard Tauber wie mit den noch bis außerhalb der Reichsgrenzen von der braunen Feme verfolgten Rotters verbunden war, ist für das„dritte Reich" anscheinend ebenso unangenehm wie die jüdischen Lihrettisten der meisten Leharschen Stücke— und schließlich ist er ja als Oesterreicher— feindlicher Ausländer— das genügt! So werden also die nächsten Jubiläumsaufführungen rings um das„dritte Reich" herum gefeiert werden müssen, was weiter kein Schaden ist. Diesmal spielte sich das große Huldigungstheater in dem ausverkauften Zuschauerraum des „Gaite-Lyrique" in Paris anläßlich der 750. Aufführung des „Pays dn Sourire" ab. Es regnete nur so Blumen für die Darsteller— unter denen die ton- und bewegungstrene Taub-r-Ropie des Herrn Tunis auffiel— und für den„Mai tre", der für seine 63 Jahre noch geradezu unwahrscheinlich temperamentvoll den Stab führte Er kann lächeln, denn den Weg vom k. und k. Militärkapellmeister zum Operetten Behling der ganzen Welt macht ihm so schnell keiner nach P. W. Association des Juristes Allemands emigres en France D.e Vereinigung de»-"-!-ten veranstaltet am Donnerstag, dem 17. Mai, abends 9 Uhr, einen Vortragsabend des Maitre A u d a r d, Avokat ä la Cour de Paris, mit dem Thema:„ L'Or/tanisation Judiciaire de la France" im Hause 22 bis, rue Brunei,(17e), metro Obligado, Pension Lazarus. Zutritt haben die der Vereinigung angehörenden und ihr nahestehenden Juristen. Unkostenbeitrag 3.— Fr. Die deutsche Reichsbahn zu Paris Wir haben wiederholt unsere Leser belustigt mit einer Schilderung des Versteckenspielens mit Zeichen des„dritten Reiches", das die Verkehrswerbung„Allemagne" in der Nähe der Pariser Oper betreibt. Momentan macht man dort in erster Linie Propaganda für Oberammergau und die slawischen Tänze im Spreewald sowie für„Frühling in Deutschland". Aber die schüchternen Ansätze zu Hitlerbildern, die auf unsere wiederholten Schmerzensechreie endlich an der Seite des Eingangs angebracht waren, sind schon wieder verschwunden. Das Vorzeigen des Hakenkreuzes muß eben doch keine gute Fremdenwerbung im Auslande sein. Nunmehr hat man ein Hakenkreuz(ein einziges) schüchtern über den„Frühling in Deutschland" gesetzt, aber damit es nicht so auffällt, hat man es mit dem Sternenbanner, dem schweizer Kreuz und anderen Hoheitszeichen fremder Staaten zusammen gebracht, damit die Geschichte etwas internationaler aussieht. Fein eingefädelt und„gar ein lustig Ding!" Wiederherstellung der Kathedrale von Arras Die im Kriege zerschossene Kathedrale von Arras wurde am Sonntag durch den Marschall P e t a i n, den französischen Kriegsminister, der ein Sohn des Artois ist, dem Erzbischof in einer feierlichen Zeremonie zurückgegeben, nachdem der Wiederaufbau des bedeutenden Bauwerks vollendet ist. Die Kathedrale von Reims wird dagegen, wie bekannt ist, erst nach Jahren die schrecklichen Spuren der Verwüstung überwunden haben. Milhaud über Arbeiter-Musik Der berühmte französische Komponist Darius Milhaud schreibt über das Konzert der belgisch-französischen Bergleute, der„Gueules noirs" in den Spalten des„Jour": Der Pariser Sportpalast ist ein wunderbarer Rahmen für künstlerische Volksfeste. Voriges Jahr wohnte ich einem Konzert bei, bei dem die Militärkapellen von sieben oder acht Ländern Europas, deren Gold an den Uniformen glänzte, den Klang des kupfernen Instruments in diesem weiten Saal verbreiteten, in dem bis dahin nur Boxkämpfe oder Motorradrennen stattfanden. Diesmal hörten wir vier Chorvereinigungen von Bergleuten aus dem Kohlengebiet des französischen Nordens und Belgiens. Die Begabung für Choralgesang vererbt sich vom Vater auf den Sohn in diesen Gegenden, die uns im 17. Jahrhundert Meister wie Joaquin des Pres, Claude le Jeune, Roland de Lassus geschenkt haben. Man fühlt beim Hören dieser wunderbaren Chöre, daß die Liebe zur Musik tief ist, daß sie eine Notwendigkeit ist für diese rauhen Arbeiter. Finden sie nicht, nach den harten Tagen der Arbeit im Schacht, in Landschaften, die weder durch Klima noch durch Schönheit ausgezeichnet sind, eine leidenschaftliche Freude daran,»ich zu versenken in die sanften Harmonien der Musik? Der Wert von Gesangsgemeinschaften wie denen der Mu- -uelle orpheonique von Denain-Escaudain, der Royale Ly- riqup de la Bouverie, des Cercle Choral von Fraraeries und der Royale Amitie von Patourages ist bemerkenswert. Wft viel Stärke, wie viel Reichtum, wie viel Süße in jedem Sang, und wie genau die Artikulation sich darbietet! Hoffen wir, daß diese schöne Festlichkeit den Sportpalast zu ähnlichen Veranstaltungen treibt! Die Fanfarenmusik eines Fernand Laray, Ropartj, Lalande, Rameau, Debussy, Florent Schmitt. Ingelbrecht, Paul Dukas, vorgetragen durch Blechinstrumente des Harmonie- oder Konservatoriums-Orchesters von Valen ciennes, unter Leitung von Fernand Lamy, wechselten ah mit den verschiedenen Chören, die vor uns auftreten. Sehr selten hört man so vollendeten Männergesang. Das dnd prachtvolle Gruppen, die in den Symphoniekonzerter unserer Nordstädte singen sollten, sie haben es verdient. Fer tand Lamy, der ausgezeichnete Leiter des Konservatoriums on Valenciennes, dürfte uns zustimmen. Warum aber hören wir nicht im selben Sportpalast ir .leicher Weise einen Frauenchor und ein Symphonieorchestei Tie Nennte Symphonie oder das Matyrium des heiliget Sebastian vortragen? Abonniert die„Deutsdie Freiheit" Pas Neuest* Die italienische« Ozeanslieger, die mit dem Flugzeug «Leonardo Da Vinci" von Amerika nach Rom unterwegs waren, sind infolge Motorschadens am Dienstag um 20.30 Uhr in Moy in der Grasschaft Chare(Irlands gelandet. Ein französisches Marineflugzeug, das am Dienstaguachmittag in Dünkirche« ausgestiegen war, um zu» sammen mit dem Kreuzer„Volbert" und anderen Marine» slugzengen Manöver durchzuführen, ist nördlich von Dün» kirchen ins Meer gestürzt. An Bord des Apparates befände» sich vier Personen. In der Nähe der Absturzstelle bes'nde« sich mehrere Schisse, darunter auch der deutsche Dampfer „Dresden", der durch Funkspruch bekanntgab, daß er ver, suchen werde, die Zufassen zu retten. Eine später« Nach» ritt,« meldet die Rettung. In der Nähe von Arles in Südsrankreich raste ein mit sechs jungen Leuten besetztes Auto in voller Fahrt gegen eine'. Baum und wurde vollkommen zertrümmert. Zwei der Zufassen wa rcn aus der Stelle tot, die vier anderen erlitten lebensgefährliche Verletzungen. Die 16. Partie im Schachweltmeisterschaftskamps wnrde von Dr. Aljechin gewonnen. Ein Schisssnnglück aus dem Eallavesi-See in Finnland, wo ein Pasiagierdampser kenterte, forderte über 60 Todesopfer. Der Bcrwaltungsausschuh der Ortsgruppe Lyon der Liga für Menschenrechte hatte vor einigen Wochen den Ausschluß des Staatsministers Herriol aus der Liga beantragt. Be» gründet wurde dieser Antrag damit, daß Herriot dem Kabinett Donmergue angehöre und deshalb mitverantwortlich für eine Reihe von Gesetzeserlassen sei, die in der Oessentlich- keit Entrüstung ausgelöst hätte». Mit nenn gegen vier Stimmen wurde am Dienstag dieser Ausschluß bestätigt. Man weis; noch nicht, od Herriot von seinem Recht Gebrauch machen wird, dagegen Berufung einzulegen., P H. Sie sind doch ein aufmerksamer Heser und guter Freund unseres Blattes, Gerne berichtigen wir, dag das Äonzentration»- lag«, in dem sich der frühere kommunistische Abg. Dr. Neubauer befindet, nicht Eschwege, sondern Esterwegen heißt und sich in der Nähe der holländischen Grenze bei Papenburg befindet. Sportler Paris. In Deutschland sind die jüdischen Sportklub» zum Training für die Olympiade nicht»ugela„en. Der Zutritt zu den Sportplätzen, von denen die meisten sich in städtischem Be- sitz befinden, ist ihnen verboten. H. Sch. Rotterdam. Aus Solingen hat man Ihnen geschrieben: „Tie Stadtverwaltung hat beim Staatsministerium beantragt, dem Stadtnamen die Bezeichnung„Klingenstadt" hinzuzufügen. Bon der Bezeichnung.Llingenstadt-Solingen" verspricht sich die Verwaltung eine propagandistische Wirkung." Ob das helfen wird? DaS ist doch die reine Spielerei, nachdem unser Export durch die Hitlerregierung verwüstet worden ist wie nie. Hier hat die Hitlerci gründlich abge- wirtschaftet." Tie Bevölkerung großer Erportstädte hätte eigentlich früher begreisen dürfen, daß der Autarkiewahn ihren Ruin bedeute» MUß. Blinder Hesse. Ihre Mitteilung, daß die Hitlerjugend auf dem Parüdeplay in Darmstadt eine Verbrennung von farbigen Schüler- mützen vorgenommen hat, stand in allen deutsche» Zeitungen. Man feierte den Vorgang als„sozialistische Tot" gegen Kastengeist und Standesdünkel. Ob die Anregung zu dem Scheiterhaufen von de« höheren Schülern ausging oder von den Volksschülern wird leider nicht berichtet. Man darf wohl annehmen, daß proletarische Mitglie- der der Hitlerjugend die Aktion verlangt haben. Im Grunde sind das gewiß nur spielerische Erscheinungen. Immerhin zeigen sie, daß die Abneigung gegen sozial« Borrechte lebt und sich bestätigt. Dr. A. Z. Briefe politischen Inhalts durch Deutschland zu leite», ohne daß die Gefahr des Oesfnens vorliegt, ist unmöglich. Sie müs- sen schon auf dem Kuvert eine Route vermerken, die Deutschland vermeidet. Besonders scharf ist man in Teutschland aus Briefe aus dem Saargebiet und aus der Tschechoslowakei. Tie Prag« Post- direktion besaßt sich gegenwärtig mit der Ausstellung einer Statistik über die Zahl der durch Deutschland gehenden Briefe, die„zollamt- lich geöffnet" werden, und sammelt zu diesem Zweck die betreffe»- den Umschläge. Es soll beim Weltpostverein in Bern eine Beschwerde eingebracht werden, in der darauf hingewiesen wird, daß es sich um eine Verletzung des Briefgeheimnisses handelt. Wie die Blätter mel- den, werden mehr als 70 Prozent der Briefschaften kontrolliert. 3lm Verkehr mit der Tschechoslowakei haben sich besonder« krasse Fälle ereignet. Kürzlich wurde sogar eine an die Rationalbonk adre„ierte Sendung geöffnet. Völlig unvereinbar mit den internationale« postalischen Abmachungen ist es, daß auch Briefe des Transitverkehr» geöffnet werden. Aber es geschieht dennoch. An alle. Verleiten Sie niemanden, aus Deutschlairb brieflich Angaben über Terror und sonstige dem Regime mißliebige An- laben zu machen, wenn die Absender sich nicht sehr gut zu tarne« wisse«. Zahllose Briefe werden geöffnet, wie wieber einmal fol» zende amtliche Veröffentlichung beweift:„Am 28. April wurde der jüdische Handelsvertreter Map Hufnagel a»S Dortmund vorläufig festgenommen, weil er ein Schreiben an eine Abrege in Frankreich gerichtet batte, das erdichtete Borfälle über geheime Iudenverfol- 'ungen. Verunglimpfung der Mitglieder der Reichsregierung usn». enthielt" Für den Gesamtlnhalt verantwortliche Johann P l tz In Dud- oetler; für Anlernte Otto Kuhn tn Saarbrücken Rotationsbruck and Verlag: Berlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken S, Schützenstrah« 5.— Schließfach 776 Saarbrücken,