LCllückC Sinzigs unabhängige Tageszeitung VsnischlanbS Nr. 116— 2. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 23. Mai 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Aas dem Inhalt Rapens Pachecuf. Seite 2 i TCittecdeutscfilands SoorniedertoQe Deutsches Dumping Deutscher Arheitecieiet Seite 3 Seite 1 Seite 7 ) V Deutsch^Kaiserträunre Die Vorbereitungen der deutschen Monarchisten«— Das Ringen um die Reichswehr— Gegensätze zwischen Wehrmacht und Miliz Deutsche Thronprätendenten Wir haben am Pfingstsamstag einen Stimmungsbericht ans Westdeutschland veröffentlicht und werden in den nach- sten Tagen einige weitere Berichte aus allen Teilen des Reiches bringen. Die folgenden Darlegungen, die aus der Reichshauptstadt stammen, find eine Analyse der um die Mach» ringenden Gruppen. Diese seit Monaten hinter den Kulissen sich entwickelnden latenten Machtkämpfe können in absehbarer Zeit auf die offene Bühne des politischen Geschehens treten. Berlin. 21. Mai. Di«„Flügel" Während nach außen die Geschlossenheit und Einheit der nationalsozialistischen Bewegung immer aufs neue demonstriert wird, spielen sich hinter den Kulissen Macht- und andere Juteressenkämpfe, aber auch erbitterte Aus- einandersetzungen der verschiedenen grundsätzlichen und tak- tischen„Konzeptionen" ab, die an Umfang und Schärfe den politischen und Jnteressenkämpfen in der Republik nicht nach- stehen. Man hat sich daran gewöhnt, innerhalb der NSDAP, einen„rechten Flügel"— von Göring bis zum Kronprinzen — und einen„linken Flügel" von Röhm bis Gregor Straffer — zu unterscheiden. Aber in Wirklichkeit besteht die Be- wegung nicht nur aus„Flügeln", sondern die Difserenzie- rungen und Gegensätze sind viel mannigfaltiger und gerade dadurch ergeben sich für die Männer der Mitte— zu denen neben Hitler vor allem Heß und Frick gerechnet werden müssen— zahlreiche Möglichkeiten, die verschiedenen Strömungen geschickt auszunützen. Nur mit diesen Bor- behalten kann man von den beiden Flügeln der National- sozialisten sprechen und die zahlreichen Kombinationen be- werten, die heute in den sogenannten gut unterrichteten Kreisen im Lande in Umlauf sind. Es erscheint mindestens als eine starke Vereinfachung der Wirklichkeit, wenn man den rechten Flügel als den monarchistischen, den linken als den sozialrevolutionären be- zeichnet. Das heißt die Gegensätze der Extremen auf die „Flügel" überhaupt übertragen und noch fehlt der Beweis dafür, daß diese Gegensätze im ganzen so unüberbrückbar sind, wie es nach einer solchen Charakterisierung den An- schein hat. Schließlich fehlt es nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Nationalsozialistischen Partei fast durch- weg an den einfachsten Möglichkeiten, irgendwelche Rich- tungen zu organisieren und die verschiedenen Schattierungen der politischen Auffassungen aus einheitliche Nenner zu bringen To bestehen die beiden Flügel einstweilen mehr in der Fantasie der Beobachter als in der Wirklichkeit der Kräfte- Verteilung, mehr als Ausdruck allgemeiner Stimmungen und Einstellungen, denn als reale auch nur einigermaßen klar abgegrenzte und zusammengefaßte Machtgruppen. Die Machtpositionen Allerdings— diese Stimmungen und Einstellungen können sehr schnell reale Bedeutung bekommen und in sehr labilen Verhältnissen plötzlich den Ausschlag für eine wesent- liche Umgruppierung der Machtverhältnisse geben. Heute liegen die Tinge offensichtlich so, daß der rechte Flügel sich auf die wichtig st en Macht- Positionen,insbesondereaufdie Reichswehr stützen kann. Aber der linke Flügel verfügt dafür über den weitaus stärkeren Anhang in den Massen, ins- besondere auch in der SA. und SS. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß die Entwicklung schließlich doch— vor allem wenn die wirtschaftlichen Schwierigkeiten weiter wamsen— in der Richtung auf ein„Weitertreiben der Revolution" verläuft. Nach der bisherigen schwankenden Haltung Hitlers müßte man in diesem Falle sogar damit rechnen, daß er— der sich jetzt auf die realen Machtpositionen des rechten Flügels stützt— eines Tages auf die andere Seite schlagen würde und damit— vorausgesetzt, daß er in diesem Zeitpunkt noch das Vertrauen der Massen hat— den Sieg der Linken entscheiden würde. Einstweilen scheint allerdings die Entwicklung anders zu verlaufen. Während die Massengrundlage des linken Flügels außerhalb der nationalsozialistischen Organisationen im Schwinden begriffen zu sein scheint, verstärkt sich der Ein- druck, baß die Aktivität des rechten Flügels zunimmt. Wachsende Bedeutung der Reichswehr Berichte, die mir von drei sehr verschiedenen, aber gut unterrichteten Beobachtern zugehen, stimmen darin überein, daß die politische Bedeutung der Reichswehr ständig zunimmt. Schleicher soll seinen Einfluß auf die Reichswehr wieder hergestellt haben und wieder in engen Beziehungen zur Umgebung Hindenburgs stehen. Es sollen allerdings noch insofern Meinungsverschiedenheiten bestehen, als Schleicher den linken, der Kronprinz den rechten Flügel der NSDAP, einbeziehen will. Schon spricht man von einem neuen Kabinett, für das neben Schleicher, Brüning sals Außenminister) und P o p i tz lals Finanzminister) ge- nannt werden. Aber auch die M o n a r ch i st e n selbst glauben völlig auf die Reichswehr zählen zu können. In einem Bericht aus monarchistischen Kreisen heißt es: „Eine große Zahl gerade unter den jungen Reichswehr- osfizieren drängt unter dem Eindruck der national- sozialistischen Provokationen auf Losschlagen, denn sie sind der Auffassung, daß die monarchistische Bewegung im Bund mit der Wehrmacht schon heute stark genug ist, um das Regime zu stürzen. Aber die Führung sder Monarchisten) hält den Zeitpunkt noch nicht für gekommen. Sie glaubt schon heute ohne weiteres in der Lage zu sein, bei guter Gelegenheit den ganzen Führerstab der National- sozialisten gefangenzusetzen, aber sie ist sich klar darüber, daß der smonarchistischen) Bewegung einstweilen noch die Massengrundlage fehlt. Ohne ausreichenden Anhang ist den Massen wäre aber ein noch so erfolgreicher Gewalt- streich nur ein Putsch. Deshalb wartet die Leitung ab. bis die Massengrundlage der Nazis weiter schwindet und die Sympathien sich stärker den monarchistischen Bestrebungen zuwende». Allerdings bleibe es möglich, daß man doch eines Tages schnell und vorzeitig losschlagen muß, wenn die Taktik des Abwartens aus irgend einem Grund nicht mehr durchführbar ist. Vorläufig glaubt mau das Ab- warten weiter dadurch zu ermöglichen, daß man den Nationalsozialisten in der Reichswehr in kleinen Dingen wie z. B. Hoheitsabzeichen» Gruß usw. entgegenkommt." Die Zersplitterung des Monarchisten Die Schwäche der monarchistischen Bewegung ist ihre Zer- splitterung, die natürlich von den Nationalsozialisten, vor allem von Göbbels, aber auch von Göring nach Kräften ge- steigert wird. Nach dem vorliegenden Bericht rechnet man heute in den Kreisen der Monarchisten selbst mit nicht weniger als 5 Richtungen: 1. die sogenannten V o l k s m o n a r ch t st e n, die sich be- mühen, allmählich die Voraussetzungen für eine spätere Massenbasis herzustellen, 2. die Anhänger des Exkaisers, die allen Ernstes dessen Rückkehr für möglich halten, 8. die Bewegung der„A u w i st e n" sum den Prinzen August-Wilhelm): von dieser Bewegung nimmt mau an, haß Hitler und Göbbels sich ihrer bedienen werden, wenn sie einer wachsenden monarchistischen Welle begegnen, 4. eine besondere monarchistische Richtung, die von Göring unterstützt wird und sich gegen die„Auwisten" durchsetzen soll» 5. eine Richtung in der SA., die Hitler selbst zum Monarchen machen möchte. Die einsichtigeren monarchistischen Kreise sind klug genug, um zu wissen, daß sie nicht unmittelbar die Monarchie als Ziel anstreben können: sie wollen sich deshalb vorerst mit einer aufgeklärten Reaktion begnügen. Diese Kreise scheinen weniger an einen gewaltsamen Sturz des Regimes als an seine allmähliche Aushöhlung zu denken, die es schließlich ganz in die Abhängigkeit der Reichswehr und der Reaktion bringt. Ob diese Bewegung dem Regime ernsthaft gefährlich werden kann, ist noch nicht zu übersehen. Hat doch das Regime zwei scharfe Waffen gegen sie in der Hand: 1. Eni- eignungsmaßnahmen lFürstenenteignung, Enteig- nung des Großgrundbesitzes) und 2. scheinsoziali- stische Maßnahmen. Es fragt sich nur, ob das Regime noch stark genug ist, solche Enteignungen durchzuführen und ob es nicht schon zu unsicher ist, um„sozialistische" Experi- mente zu wagen. System„Klumpfuß" Ueber das Verhältnis der Reichswehr zum Nationalsozialismus wirb übereinstimmend be- richtet, daß die Gleichschaltung trotz aller äußeren Anzeichen und trotz der beutlich erkennbaren Annäherung zwischen Blomberg und Hitler bisher nicht gelungen sei. Fortsetzung stehe 2. Seite Gestern und heute Rückwärts, rückwärts, Don Adolfo, eure Ehre ist verloren, rückwärts, rückwärts, stolzer Cid! Das Zitat ist ein bißchen frei, aber die Sache ist richtig. Adolf Hitler zieht sich zur Zeit ganz beträchtlich zurück. Ruhg, ihr Mannen, der Führer weiß, was er will, und wenn er jeßt ganz vorsichtig hinter sich tritt, dann tut er es einzig und allein deshalb, weil er muß. Aus keinem andern Grunde. Noch immer gibt es nationalsozialistische Zeitungen, die tragen im Kopf die stolze Devise: Für deutschen Sozialismus — gegen westlichen Kapitalismus. Diese Blätter müßten jetzt eigentlich die Aufschrift ändern in: Für deutsche primitive Barbarei— gegen westliche Dekadenz. Denn der Führer hat auf dem Kongreß seiner sogenannten Arbeitsfront erklärt, daß Sozialismus nichts als primitive Barbarei sei. Wahrscheinlich dachte er an den deutschen Sozialismus, zu dem man in den Konzentrationslagern erzogen wird. Wer das troßdem einen Rückzug nennt, ist natürlich ein Miesmacher. Glücklicherweise gibt es von dieser gräßlichen Sorte nur noch so wenige, das ein paar Millionen Verhaftungen zu ihrer Unschädlichmachung durchaus genügen würden. Der Rest steht vertrauensvoll hinter dem Führer und mit einem Bein in Oranienburg. Da gab es mal, um von was anderm zu reden, eine innerdeutsche Angelegenheit, die hieß Oesterreich. Ging keinen was an außer dem deutschen Volk, geeint unter seinem Führer Adolf Hitler. Man hört so gar nichts mehr davon. Oder vernimmt jemand im Krachen der Papierböller noch die Stimme Adolf Hitlers? Polnische Journalisten fliegen nach Berlin. Deutsche Journalisten fliegen nach Warschau. Auf Diners begießt man sich mit liebenswürdigen Toasten. Dazwischen verhallt die Stimme des Danziger Senatspräsidenten Rauschning, der mit seinem Rücktritt drohte, weil Polen seine Zusagen an Danzig nicht gehalten hat und weil das deutsche Bollwerk im Osten darum wirtschaftlich im Sterben liegt. Die deutsche Presse hat den Fall einfach totgeschwiegen. Denn unter Adolf Hitlers kraftvoller Führung sind wir wieder ein Volk der Ehre geworden, und die andern haben Respekt vor uns— so viel man hört. Und was die Abrüstung oder die Saarfrage angeht— mein Gott, die Lage ist alles andere als rosig. Je mehr wir uns der Bilanz nähern, desto unheimlicher blickt durch die Ziffern ein schauerlicher Rechenfehler der deutschen Diplomatie. Sie hat es fertig gebracht, die Engländer aus ihrer Beschaulichkeit aufzujagen. Wenn jeßt das Wettrüsten wirklich losgeht, dann wehe den von vornherein Besiegten! Wenn unsereins behauptet, daß das deutsche Volk von dem ganzen Schwindel schon nichts mehr hören will, dann wird er ein weltfremder Phantast gescholten. Also lassen wir die Herrschaften selber Zeugnis ablegen. Die Gaue der NSDAP, sind bekanntlich die großen Organisationen zur Propaganda; sie sollen, wie das so schön heißt, das Gedankengut Adolf Hitlers ins deutsche Volk tragen. Da dies Gedankengut nun wirklich nicht mehr zieht, hat der Gau Süd- hannover-Braunschweig wie ein verständiger Kaufmann das Geschäft m Politik kurzerhand eingestellt und macht Musik. Wörtlich:„In allen Orten des Gaues wird in den nächsten Wochen eine.große Gemeinschaftsveranstaltung unter dem Motto„Der Gau singt" stattfinden. In der Zeit von 21 bis 23 Uhr sollen hier von allen Kreisen der Bevölkerung die politisch und heimatlich bekanntesten Lieder gesungen werden." So endet die Bewegung Adolf Hitlers als Singakademie— als Abkürzung schlagen wir SA. vor. Die Sache ist gar nicht scherzhaft. Das Volkk entgleitet dem Apparat. In die Versammlungen geht freiwillig kein Mensch mehr. Das politische Theater hat seinen Zauber eingebüßt; also müssen die Politiker schon richtiges Theater machen, wenn sie die Leute halten wollen. Das wird aber nur kurze Zeit gehen— bis das Volk merkt, daß auch dies Theater schlecht ist, weil es ebenso wie die Politik von Dilettanten gemacht wird. Darum hat der Gau Südhannover-Braunschweig sich beizeiten noch nach andern Attraktionen umgesehen. Er macht eine Nachtmusik im Harz", was auf Interesse am Fremdenverkehr schließen läßt, und es würde uns kaum wundern, wenn werte Gäste ohne Rücksicht auf Konfession und Rasse willkommen wären. Die schönste Veranstaltung scheint uns aber die zu sein, die unter dem Titel startet(es ist keine Erfindung):„Der Gau verreist". Hoffentlich recht bald und ohne Rückfahrkarte. Argue, Ritterliche Raff Wie», 22. Mai. sEuropapreß.) Am Pfingstsonntag wurden die ehemaligen sozialdemokratischen Führer Dr. Renner sfrüherer Präsident des NationalratS), Breitner sehe- maliger„Ftnanzminister" der Stadt Wien) und Dr. Ellen- bogen sowie etwa 60 bis 80 Unterführer der früheren Sozialdemokratischen Partei Oesterreichs, denen weder eine direkte noch eine indirekte Mitschuld an den Ereignissen de» Februar nachgewesen werden konnte, in Freiheit ge- setzt. Ihre Hast wurde in eine sogenannte„ritterliche Hast" umgewandelt, was bedeutet, daß sie sich in ihrer Wohuuug aufhalten müssen. Rache an 6er Minderheit! Eine Rede des deutschen Vizekanzlers Auf der Massentagung des VDA. in Trier Hot auch der Vizekanzler von Papen gesprochen. Er sagte zur Saarfrage: Was der Versailler Vertrag über die Saarlande ver- Hängt Hat, Hatte mit der Sicherung etwa anderer fremd- ländischer Bolkstümer oder Minderheiten niemals das geringste zu tun. Es gibt an der Saar keine fremdländischen Minderheiten. Dieser Ver- trag diente nur einem höchst materiellen und prosaischen Kohlengeschäft, zu dessen Sicherung man 81)0 000 Deutsche für 15 Jahre unter fremde Herrschst': und Willkür setzte. Der Vizekanzler hat vergessen, daß dem„prosaischen Kohlengeschäft" ein Krieg vorausgegangen ist, der die Zer- störung der Kohlengruben in Nordfrankreich gebracht hat. Einfache Pflicht der Wahrheit wäre es gewesen, dies den vielen taufenden Vertretern der deutschen Jugend zu sagen. Die Rede des Vizekanzlers zeigt im übrigen deutlich, daß die Reichsregierung bei einer Rückgliederung des Saargebietes der im Abstimmungskampf unterlegenen Minderheit keinen Schutz gewähren, sondern Rache an ihr nehmen will. Es ist dadurch bewiesen, daß die neue Ver- schleppung der Saarfrage in Genf auf die Schuld der deutschen Reichsregierung zurückzuführen ist. Wenn der Vizekanzler behauptet, es gebe an der Saar keine„fremdländischen" Minderheiten, so setzt er sich in Widerspruch zu der Rassengesetzgebung, deren Schande er selbst mit zu verantworten hat. Nach der in die Reichs- gesetzgebung übergegangenen Rassentheorie seines „Führers" sind die Juden eine volksfremde Minderheit, die unter ein Fremdenrecht gestellt sind. Die Juden sind nach den Gesetzen, die Papen mit beschlossen hat, keine Deutschen, sondern minderrassige Eindringlinge. Der Völkerbund hat gerade nach der deutschen Rassengesetz- gebung als Treuhänder des Saargebietes die Pflicht, diese Minderheit an der Saar zu schützen. Und die politische Minderheit? Der Völkerbund ist Garant aller Rechte der Saarbevölkerung. Zu diesen Rechten gehört zweifellos die freie Abstimmung über das künftige Schicksal des Landes. Der Völkerbund-würde sich selbst aufgeben, wenn er zuließe, daß Saareinwohner für ihre politische Betätigung diffamiert werden, die ihnen durch feierliche Verträge und Akte garantiert wird. „Volle und tatsächliche Gleichberech- tigung" für Deutschland verlangt der Vizekanzler als Voraussetzung für die Rückkehr in den Völkerbund. „Volle und tatsächliche Gleichberech- tigung" für alle Staatsbürger an der Saar vor und nach der Abstimmung fordert der Völkerbund von der Reichsregierung. vie Verheerungen In Chikago Drei Quadratkilometer Gebäude zerstört- 400 Feuerwehrleute verletzt— Sprengungen und LOsdibomben Chicago, 22. Mai.(Europapreß.j Am Pfingstsamstag 5 Uhr Lokalzeit brach in der 43. Strohe in den Viehlagern der Union Stockyards ganz in der Nähe der groben Schlacht- Häuser ein Großfcuer aus, das mehrere Häuserblocks in wenigen Stunden niederlegte, sechs Todesopfer verursachte und über 40 Millionen Dollar Schaden anrichtete. Als man das Feuer in einer der Riesenhallcn bemerkte, legte man sich schon nach wenigen Augenblicken Rechenschast über die gefährliche Lage ab, in der sich das gesamte Schlacht- Hausviertel befand. Die aus fünf Kasernen alarmierte Feuer- wehren waren machtlos gegen das Feuer. Um 0 Uhr abends waren bereits sämtliche Feuerwehren von Chicago auf dem Brandplatz, aber alle Anstrengungen waren vergebens. Ein starker Wind trieb die Flammen wie rasend vor sich her. Kurz vor 6 Uhr ergingen neue Alarmruse an die Feuer- wehren der Vorstädte von Chicago. Zehntausende von Men- scheu hatten sich inzwischen in dem vom Feuer heimgesuchten Viertel eingefunden. Unbeschreibliche Panik herrschte, da die Hausbewohner kaum Zeit fände»». ihr nacktes Lebe» zu retten. Das Feuer griff so rasend schnell um sich, daß die meisten Bewohner sich keinerlei Rechenschaft über die Gefahr, in der sie schwebten» ablegen konnten nnd viele ihre Häuser erst ver- liehen, als es über ihren Köpfen bereits brannte. Der Umstand, daß baS heimgesuchte Viertel eines der be- völkertsten der Stadt ist, vergröberte die Panik. Die Mütter schrien nach ihren Kindern und die Kinder nach ihren Eltern. Die Männer, die von ihrer Arbeit heimkehrten, suchten ihre Familienangehörigen. Taufende von Kraftwagen befanden sich um diese Zeit auf den Ströhen und verursachten grobe Verkehrsstockungen. Ten Feuerwehren wurde die Arbeit äußerst erschwert, da die Menschen, von Neugier getrieben, sich bis zum Brandploj: näherten. um dann, von den Riesen- flammen überrascht, entsetzt die Flucht zu ergreifen. Um 8 Uhr abends sah man die Unmöglichkeit ein, dem Feuer Einhalt zu gebieten. Es wurde daher beschlossen, die dem Feuer am nächsten gelegenen Häuserblocks zu sprengen und eine leere Zone zu schassen. Inzwischen hatte sich allmählich auch Wassermangel be- merkbar gemacht, obwohl die Verwaltung der Wasserwerke sämtliche anderen Leitungen nach der Stadt gesperrt hatte, so daß die übrige Stadt ohne Wasser war. Die dem Verberben geweihten Häuser wurden in aller Eile geräumt und gesprengt. Ein schauerliches Bild bot sich den Zuschauern dar, die diesem an den Krieg erinnernden Schauspiel beiwohnten. Die Sprcn- gungen verursachten einen ungeheuren Lärm. Krachend stürzten die riesigen Mauern der Häuser ein und begruben unter sich die Flammen, die bereits in die einstürzenden Häuser hineinzüngclten. Gegen 0 Uhr abends war das Werk getan und die Feuer- wehrleitung konnte mitteilen, daß die größte Gefahr eines weiteren Umsichgreifens der Flammen nicht mehr bestand. Bevor jedoch an die eigentliche Bekämpfung des Brandes gedacht werden konnte, mußten die am nächsten liegenden Häuserblocks erneut geschützt werden. Denn immer wieder schössen riesige Flammen in die Höhe und trugen auf leicht brennenden Stoffen das Feuer Hunderte von Meter weit durch die Luft. Drei Quadratkilometer Gebäude, die Vichbörse, drei große Konservenfabriken, eine Garage mit über 150 Lastwagen, zwei Banken, mehrere berühmte Gasthäuser, insgesamt tausend Häuser wurden vollkommen z e r st ö r t. Ein Sechstel der arbeitenden Bevölkerung Chicagos droht durch die Katastrophe arbeitslos zu werden. Mehrere tausend Stück Vieh»erbrannten. Auf 40 Millionen Dollar wird allein der Sachschaden geschätzt. Es ist unmöglich, die Zahl der Todesopfer bereits heute anzugeben. Drei Feuerwehrleute sind nmS Leben gekom- men und drei Arbeiter werden vermißt. Man befürchtet, daß mehrere ältere Personen sich nicht rechtzeitig in Sicher» bringen konnten und ebenfalls umgekommen find. Die Zahl der Verletzten wird aus 1500 geschätzt. Darunter befinden sich 400 Feuerwehrleute. Erst am Sonntagmorgen 9 Uhr war die Feuerwehr voll- kommen Herr der Lage. * Chicago, 21. Mai.(Umted Preß.) Nicht weniger als 1000 Stück Vieh und 500 Pferde sind den Flammen zum Opfer ge- fallen. Die Lokalisierung des Brandes gelang nach stunden- langen intensiven Bemühungen, nachdem die Feuerwehr zahllose Flugzeuge herangezogen hatte, die die Feuersbrunst durch Abwurf von chemischen Löschbomben wirksam be- kämpfen konnten, da d!e Wasserreservoire von Chicago in- folge der wochenlangen Dürre teilweise erschöpft waren. Fortsetzung von Seite 1 Unmittelbare Berichte aus der Reichswehr lauten: Die Offiziere machen aus ihrer Gegnerschaft gegen das System„Klumpfuß", wie sie es nennen, kein Hehl nnd er- klären, daß der Tag der Abrechnung schneller kommen würde, wie man sich vielleicht denke. Es ist eine stark« Gegnerschaft in den Ossizierskreisen gegen die Ausnahme von SA.»Lcuten in die Reichswehr. Die Mannschaften und Unteroffiziere befinden sich zum größten Teile in einem ablehnenden Verhältnis zur SA. und SS. Die Reichswehr befürchtet eine Herabsetzung ihrer Bezüge usw. bei einer Vergrößerung des Heeres durch Angehörige der SA oder anderer Verbände. Bor allem schimpfen sie über die Abzüge. Obwohl der Reichs- wchrsoldat erst nach 6 Jahreu heiraten darf und manche gern früher heiraten möchten, wird ihnen setzt pro Monat S,— RM. Ehestandsbcihilse abgezogen. Ferner wird ihnen vom Bruttoeinkommen, also auch vom Naturallohn, 1 Prozent abgezogen für die„Opfer der Arbeit" und ein weiteres Prozent als„Spende der Arbeit". Die Spannung zwischen Reichswehr und TA. kommt vor allem in der Anwendung des Hitlergrußes zum Ausdruck. Ncichswehr-Soldate» unterlassen nach Möglichkeit das Grüßen und machen sich sogar lustig darüber. Das Verhältnis zwischen Reichswehr nnd SA. ist schlecht. Ab und zu erhalten die Soldaten von oben einen Wink, nicht mit den SA.-Leuten zu intim zn werden. Die Offiziere verhalten sich überwiegend ablehnend. Die Mann- schasten blicken aus die SA.-Leute geringschätzig hinab und sagen:„Das sind ja doch keine Soldaten". Bisher sind die Vorstöße Göring und Röhm, die die nationalsozialistische Durchsetzung der Reichswehr aus ver» schiedencn Wegen anstreben, im Kabinett immer wieder auf den Widerstand Blombergs gestoßen. Insbesondere— wird in einem Bericht betont— sei es gelungen, die von der Reichswehr gegen die Nationalsozialisten ausgestellte Relrutierungsvorichrift durchzusetzen. Den großen Einfluß Blomberg? in der Regierung beleuch- ten auch, die Vorgänge beim Abschluß des deutsch-dänischen Handelsvertrages. Darre habe getobt, wird ans rechts- stehenden Kreisen berichtet, aber Blomberg habe Neurath mit dem Hinweis ans die Notwendigkeit unterstützt, sm Kriegsfalle die Volksernährnng sicherzustellen. Als er kategorisch im Namen der Reichswehr die Annahme des Vertrags gefordert habe, habe sich Hitler ihm angeschlossen. „Wenn da» so weitergeht" Die Einschätzung der Gegensätze innerhalb der herrschen- den Schicht durch die Beobachter in Deutschland ist noch sehr verschieden. Tie urteilsfähigen Menschen erkennen die voll- kommene Richtungslosigkeit der nationalsozialistischen Innen» und Außenpolitik, aber sie messen den verschiedenen Machtströmungen verschiedene Bedeutung bei. Während die einen von der Zerrissenheit im Lager der Nationalsozialisten und von dem Erstarken der monarchistischen Kräfte in sehr kurzer Zeit— die Fristen schwanken zwischen 8 Wochen und 8 Monaten! einen eutscheidenden Umschwung erwarten, halten die anderen alle diese Vorgänge hinter den Kulissen für bedeutungslos und e r w a r t c n d i e iv i r k l i ch e A e n d e r n n g d c r M a ch t- Verhältnisse von dem Fortschreiten des Stimmungsumschwunges bei den Massen. Welche Ursachen man auch für entscheidend hält, man steht überall unter dem Eindruck, daß die Unsicherheit der nationalsozialistischen Machthaber wächst. Als Zeichen dieser Unsicherheit deuten sie nicht nur die letzten Reden von Göbbels und die Aktton der NSDAP, gegen die Miesmacher und Kritikaster, sondern auch die Vereidigung aller Amts- walter aus Hitler und ebenso die Lohnzahlung am 1. Mai. Im ganzen erscheinen selbst einem sehr vorsichtigen Beob- achter die gegenwärtigen HerrschaftSvcrhältnisse derart un- sicher und schwankend, daß er sein Urteil in die drastische Form kleidet: „Wenn das so weiter geht, wird eines Tages die Macht an den übergehen, der zuerst mit 100 Mann durch das Brandenburger Tor marschiert, denn er wird am Schloßplatz schon eine halbe Million hinter sich haben." „Deutsche Glaubensbewegung" In Tcherzfeld im TlldHarz tagten die in der„Arbeits- gemeinfchaft der deutschen Glaubensbewegung" zusammen- geschlossenen Gemeinschaften. Tie beschlossen, sich auszulösen, um der Schaffung einer geschlossenen und einheitlich gesühr- ten Deutschen Glaubensbewegung den Weg freizumachen. Zum Führer wurde unter den begeisterten Heilrufen aller Teilnehmer wie auch der Amtsträger einmütig Professor Wilhelm Hauer(Tübingen) erhoben, so berichtet die „Frankfurter Zeitung". Nach kurzer Beratung des bisherigen Führerrats ver- kündete Wilhelm Hauer unter nicht endenwollenden Heil- rufen folgenden Beschluß:„Die einzelnen Gemeinschaften haben sich aufgelöst. ES gibt nur noch„Die Deutsche Glaubensbewegung" unter meiner Führung. Der Führer- rat ist ausgelöst. AlS Leitsätze gelten folgende: Tie Mit- glieder der neuen Gemeinschaft haben die eidesstattliche Ber- sicherung abzugeben, daß sie frei sind von jüdischem und farbigem Bluteinschlag, daß sie keinem Geheimbund, keiner Freimaurerloge noch dem Jesuitenorden angehören, daß sie keiner anderen Glaubensgemeinschaft angehören." Das Zeichen der Deutschen Glaubensbewegung ist da? goldene Sonnenrad auf blauem Grunde. Als Grundlage für die Rechtssätze gilt folgendes: Die Deutsche Glaubensgemeinschaft will die religiöse Erneuerung des Volkes aus dem Erbgrund der deutschen Art; die deutsche Art ist in ihrem göttlichen Urgrund Auftrag aus dem Ewigen, dem wir gehorsam sind. In diesem Austrag allein sind Wort und Brauchtum gebunden. Ihm gehorchen heißt, sein Leben deutsch führen... Jüdischer Arzt als zweifacher Lebensretter Der Preußische Ministerpräsident hat dem praktischen Arzt Dr. med. Karl Blumenthal-Barby aus«erltn-Treptow. Hoffmannstraße 12. die Rettungsmedaille am Band ver- liehen. Am 22. Januar vorigen FahreS hat Dr. Blumen- thal-Barbn unter erschwerten Umständen zwei Personen aus dem Sakrower See vor dem Tode des Ertrinkens errettet. Parteitag der Neusozialisten DNB. Paris, 22. Mai. Der erste Parteitag der Neu- sozialisten fand am Pfingstmontag in einer Nachtsitzung ihren Abschluß. Die Pariei stellt in einer der angenommenen Entschließungen den Grundsatz auf. daß sie sich jedem Versuch einer Diktatur oder des Faschismus widersetze, daß sie es aber für unerläßlich erachte, bei Ausrechterhaltung der demo- kratische» Freiheiten die Lösung anzuivenden, die für die politische wirtschaftliche, soziale und moralische Wieder- erhebung des Landes notwendig sei. Ein Antrag des Abg. R e n a u d e l, die Partei möge ihre Anerkennung durch die Zweite Internationale beantragen, wurde ohne Widerspruch angenommen. Wie sich schon aus der Aussprache ergab, wurde die privad: Teilnahme des Parteimitgliedes M a r q v e t als Arbeitsmtnister im Kabinett Doumergue gutgeheißen, und der Parteitag überließ es Marguet, zu beurteilen, wann er die Kvnseguenzen ziehen müsse, wenn die Politik die unter dem Deckmantel der nationalen Ein- richtung verfolgt wird, nur noch eine Pol'tik des sozialen Konservativismus und der Reaktion sein werde. pra?est der SfraDburger Elsenbahner Paris. 22. Mai 19»4. Nach Meldungen auS Tiraßburg ist die öffentliche Meinung im Elsaß sehr erregt über die Verhaftung des französischen Eisenbahners Reimel, ber angeblich verächtliche Aeußerungen über hitlerisch; Einrichtungen gemacht haben soll und be- bekanntlich in Kehl festgenommen wurde. Di« elsässischen Eisenbahner der Dienststrecke Straßburg—Kehl hielten in Straßbura eine Versammlung ab. in der sie beschlossen, die Bedienung der Linie auszugeben, wenn ihnen nicht feste Garantien ihrer Freiheit gegeben würden. Bisher konnte die Verwaltung noch keine ergänzend« Auskunft über das Schicksal des Verhafteten, eines 48jährigen Heizers, geben. Schweres Zugunglück Bisher 20 Tote DNB. Madrid. 22. Mai. Wie aus Barcelona gemeldet wird, ereignete sich dort am zweiten Pstngstfeiertag ein großes Eisenbahnunglück. Ein zur Abfahrt bereitstehender Personenzug fuhr vor der planmäßigen Zeit ab. weil der Lokomotivführer ein Pfeifsignal eines Fahrgastes für daS Abfahrtssignal des Stationsbeamten hielt. Wenige Kilometer hinter dem Bahnhof stieg der Zug mit einem anderen Per- sonenzug zusammen, wo beide Züge zertrümmert wurden. Bisher konnten 20 Tote und 25 Schwerverletzte geborgen werben. Man befürchtet, daß sich unter den Trümmern no<5 mehrere Tote befinden. ver„erlöste" Göring Er bekommt einen neuen Orden Bekanntlich bereist Göring mit einem prunkvollen Gefolge die Balkanstaatcn. Auf dieser seiner Reise ist er jetzt nach Griechenland gelangt. Wie da? Deutsche Nachrichtenbüro mitteilt, hat Göring dort am Grabe des unbekannten Sol- baten einen Lorbeerkranz niedergelegt. Leider verzeichnet der Bericht nicht, welche Uniform Göring bei dieser Ge- legcnheit getragen hat, während andererseits feststeht, baß er mehrere Koffer mit den verschiedensten Uniformen mit auf die Reise genommen hat. Die Griechen haben offenbar ihren Pappenheimer und seine grenzenlose Eitelkeit erkannt. Die griechische Regierung hat Nazi-Göring durch einen Ver- treter des Außenministertums das Groß-Kreuz des Er- löserordeus überreichen lassen. Mit Stolz vermerkt der offizielle Bericht, daß dieser Orden die höchste griechische Auszeichnung darstellt. Wir wissen nicht, wo dieser Orden getragen wird. GörtngS Hals und Brust sind bereits mit Orden übersät. In seinem Jnter- esse wünschen wir, baß der Erlöserorden auf dem Rücken ge- tragen wird. Im übrigen ging auch auf GörtngS Begleitung ein wahrer Ordcnssegen nieder. Hitier-Deofsdilands Saarnlederlage Der Führer der deutschen Freiheitsfront an der Saar, MaxBraun.der auch die Delegation der Freiheitsfront in Gens führte, schreibt über den Ausgang der Saar-Berhandlungen unter anderem in der„Bolksstimme": Noch am Samstagmorgcn schrieb das glänzend infor- mierte und sehr seriöse»Journal des Nations", daß es„sicher zu sein schiene, daß zwar das Datum der Ab- stimmung nicht festgesetzt werde, daß aber die Abstim- mungskommission eingesetzt und der Völkerbundsrat die Vorschläge des Dreierkomitees für die A b st i m m u n g s- Modalitäten annehmen werde". Statt dessen ist einzig und allein durch die Schuld der katastrophalen Bankrott- Politik der Hitlerdiplomatie nichts weiter herausgekommen, als eine erneute Vertagung der Gesamtfrage ohne irgendein Beschluß auch nur in Nebenfragen des Saarrese- rendums. Dümmer hat noch nie eine Regierung taktiert und dümmer war noch nie die Regie einer grobklotzigen Propaganda als in diesem Falle von feiten des„dritten Reiches" und seiner Saarfiliale„deutsche Front"! Wiederum war es Frankreich, das zum zweiten Male in der Behandlung der Saarfrage vor dem Rate den Antrag stellte, Hitlerdeutschland zur Mitberatung einzuladen. Bei der ersten Einladung im Januar dieses Jahres lehnte Hitler- deutschland noch hochmütig und„siegesbewußt" eine solche Einladung ab— diesmal war es schon reichlich bescheidener und demütiger und beauftragte seinen Generalkonsul Kraul, mit dem Erbfeinde und dem nach Meinung des Nationalsozialismus nicht ganz ebenbürtigen italienischen Faschismus zu verhandeln. Und diese Verhandlungen lieferten dann den dokumentarischen Beweis für eine ohnedies nicht mehr bechrittene Tatsache: Hitlerdeutsch- land ist nicht guten Wlllens, die im Bertrage für die Saar- Volksbefragung vorgesehenen Bedingungen anzuerkennen und einzuhalten und jene Garantie zu geben, die sich als selbstver- ständliche Schlußfolgerung für die Sicherung in der Zeit nach der Abstimmung ergibt. Was vorauszusehen war, war nun auch noch formell bewiesen worden: Alle Schuld für die weitere Aufschiebung der Saarsrage trägt etuzig und allein der schlechte Wille Hitlerdeutschlands! Diese schwere Nieberlage des„dritten Reiches" iu der Saarfrage wurde von einer Kesselpauken-Diplomatie der „deutschen Front" begleitet, die zur Dummheit der elfteren noch die eigene sture Verranntheit hinzufügte. Hatten Hitler und von Neurath am Samstagnachmittag durch ihr sie schwer kompromittierendes„Nein" die Saarfrage zunächst wieder einmal»um Scheitern und zur erneuten Vertagung gebracht, so hatten die verschiedenartigsten Deklarationen und Proklamierungen der sogenannten„deutschen Front" nach Ton, Stil und Inhalt bereits die ganze Woche hindurch eine solche Katastrophe vorbereiten helfen. Wie ein Storch im Salat stelzte^>er Führer aller Saar-Pirronauten durch die Couloirs am Quai Wilson, und täglich erging ein neuer„Tagesbefehl" an die Ratsmitglieder und an die Völkerbundsjournalisten! Darin wurde dann gezeigt, was eine Harke ist! Und was für eine! Tie Leutchen verwechselten das Rats- kollegium mit einem ihrer gleichgeschalteten Skatklubs, die internationale Journalistenvereinigung des Völkerbundes mit ihrer eigenen hunbedemütigen Bauchkriecherjournalisten und das Völkerbundsgebäude mit ihren Potsdamer Kasernenhöfen. Das Ergebnis war denn auch demnach! Es ist nunmehr vor aller Welt und unwiderleglich offenbar geworden, daß das Hitlersystem sich kategorisch geweigert hat. irgendwelche Garantieverpflichtungen für das Aufhören des Terrors vor und während der Wahl und gegen Repres- salien nach der Abstimmung zu übernehmen. Frankreich und mit ihm der ganze Völkerbundsrat haben überein- stimmend zum Ausdruck gebracht, daß sie von Hitlerdeutsch- land bindende und absolut ausreichende Verpflichtungen über die Einstellung des Terrors vor und während der Wahl verlangen und daß ihnen eine bloße Erklärung der Reichs- regierung, sie würde keinen Terror mehr ausüben, nicht genüge. Auch war sich der Völkerbundsrat einig in der Forderung, daß sich Frankreich und Deutschland im voraus verpflichten sollten, alle Maßnahmen anzuerkennen, die der Völkerbundsrat zum Schutze der Bevölkerung auch n ach der Abstimmung für notwendig erachte. Während Frankreich sich sofort bereit erklärte, eine solche Verpflichtung zu über- nehmen, wurde sie von Hitlerdeutschland unter geradezu lächerlichen Vorwänden abgelehnt. Vorentscheidung in Senf Einstimmig ist der Völkerbundsrat gegen lilllers Eaustrecht Wieweit diese mit Dreistigkeit und Dummheit gepaarte Lächerlichkeit geht, ging aus einer Eingabe der sogenannten „deutschen Front" an die Völkerbundspresse hervor, in der sich diese sogenannte„deutsche Front" heftig dagegen ver- wahrte, daß den Saarländern vor der Abstimmung auch nu eine A m n e st i e in Aussicht gestellt wesch*, da„eine solche Amnestie den Terror fördern könne". Dieie von widerlicher Heuchele, ebenso wie von toller Verlogenheit strotzende Demagogie wurde denn auch von der geiamten ol er un- presse mit Geringschätzung und Verachtung beiseitegelegt. Am 30 Mai beginnt eine neue Ratstagung wegen des Streites über den Gran Ehaco zwischen Bolivien und Paraguay. Aus ihr soll auch die Saarssmge erneut behandelt werden. Aber inzwischen werden die Schatten zweier Creig- nisse. die bereits die 79. Ratstagung im Hintergründe bereiteten zu groben Wolken am politischen Horizont aufge- Handlungen am 2«. Mal. ifintriit russischen Verhandlungen über den Sowie.rußlands in den Völkerbund und das französisch-russische Bündnis gegen den aggressiven und wahnsinnigen Hitlerimperialismus Den^^emannschen Ratssitz, den Hitler in Gens mutwillig"»d Verantwortung^ los verlassen hat. wird bald L.tw.now einnehmen- d.c Saarfrage aber wird aus jenem größeren Komplex außen- politischer Fragen nicht mehr berauszulösen fem.>n es um das Schicksal Europas und der Welt geht. Am Pfingstsonntag hat Hitler-Deutschland in Genf er- fahren müssen, daß es noch eine europäische Einheitsfront gegen die faschistischen Gewaltmethoden gibt. Der Völker- bundsrat verschob die Reglung der Saarfrage auf eine Sondertagung am 30. Mai. Der Beschluß wurde ohne jede Aussprache gefaßt, nachdem der italienische Delegierte Aloisi lakonisch mitgeteilt hatte, daß der Bericht des Dreier- ausschusses noch nicht fertig sei Der Ratspräsident bemerkte im Anschluß hieran, daß die Befugnisse des Dreierkomitees erneuert seien. Die Vertagung mußte erfolgen, da sich Hitler-Deutschland geweigert hatte, gegen seinen Terror vor und während und seine Repressalien nach der Abstimmung entsprechende Garantieverpflichtungen einzugehen... vie Erklärung Darihous Genf, den 19. Mai 1984.(Eigenbericht.) Eine halbe Stunde nach Vertagung der Saarfrage empfing B a r t h o u die Vertreter der französischen Presse und gab ihnen folgende Erklärung ab: „Ich habe Sic Stunde für Stunde über die schwierigen Verhandlungen unterrichten können, die widersprechende Phasen durchgemacht haben. Ich habe mich bemüht, in jedem Augenblick die Haltung Frankreichs mit dem loyal und exakt ausgelegten Text des Friedensver- träges ausrichtig in Einklang zu bringen. Ich bin beständig um den Frieden besorgt gewesen, indem ich an der Vorberei- tnng der Volksabstimmung an der Saar mitgearbeitet habe. Ich habe vertrauensvoll die Bemühungen des Dreier- ausschusses unterstützt, denen Baron Aloisi einen unpartei- ischen Impuls gegeben hat. Ich habe einige Zugeständ- nisse gemacht in dem, was diskutabel erschien. Aber ich habe nicht auf das verzichten wollen, was unveräußerlich war und bleibt. Wenn ich da- mit einverstanden gewesen wäre, das Datum der Volksabstimmung festsetzen zu lassen, ohne sicher zu sein, daß die Freiheit der Wahlberechtigten und die Sicherheit aller Bewohner durch wirksame Maßnahmen ge- schützt werden, hätte ich zugleich die Rechte Frankreichs und des Völkerbundes ver- raten. Da die Frage vertagt ist, darf ich hier nicht mehr sagen, um nicht die Verhandlungen zu erschweren, die der Dreier- ausschuß fortzusetzen versprochen hat. Mangels einos Ergeb- nisses, das ich bis zum letzten Augenblick erhofft habe, kann ich der französischen Delegation die Gerechtigkeit erweisen, daß sie, zu allen Auseinandersetzungen bereit, sich weder vor der bevorstehenden Debatte im Bölkerbundsrat, noch vor der wohlüberlegten Meinung aller Völker, die gutenGlaubens sind.zu sürchteu hat." Diese Erklärung hat in Ratskreisen großes Aussehen er- regt, da Barthou in seinem letzten Satz indirekt zum Aus- druck gebracht hat, daß er Hitlerdeutschland nicht zu den Völ- kern guten Glaubens rechnet. Französidie Pressesftmmen Paris, den 22. Mai 1934.(Eig. Bericht.) Die französische Presse ist einig in der Zustimmung zur Haltung Barthous zur französischen Delegation in Genf. Der„Petit P a r i s i e n" schreibt:„Die Regierung Hitlers hatte eine glänzende Gelegenheit, ihren guten Willen an den Tag zu legen. Sie hat nur ihre Doppelzüngigkeit bewiesen. Die Taktik Berlins habe nicht nur die Vertagung zur Folge gehabt, sondern die Hintergedanken der deutschen Politik und die Racheabsichten enthüllt, gleichzeitig aber den Beweis ergeben, daß man nur wenig Vertrauen haben könne zu den Versprechungen der Reichsregierung, wenn sie noch so feierlich gegeben seien und gleichviel, ob es sich dabei um die Saarabstimmung oder um die Abrüstung handele.— Nach dem„Figaro" soll Baron Aloisi dem Völkerbunds- rat zur„Sicherung der Freiheit der Abstimmung und zum Schutz der Bewohner" einigende Formeln aus folgender Basis vorgeschlagen haben: Frankreich und Deutschland hätten im voraus jede Maßnahme des Völkerbundes gutge- heißen. Barthou habe sich trotz schwerer Bedenken schließlich einverstanden erklärt, während Deutschland den Vorschlag als„Diktat" bezeichnet und glatt abgelehnt habe.„Maß muß Barthou dafür dankbar sein", schreibt das Pariser Blatt, „daß er bei den wichtigsten Rechten der Saarländer nicht mit sich hat handeln lassen. Zweifellos muß man bedauern, baß nicht jetzt schon Sicherheitsmaßnahmen im Saargebiet ge- troffen wurden. Aber das Problem wurde nicht endgültig aufgegeben. Wenn Hitler sich bis zum 30. Mai versöhnlicher zeigt, kann der Termin für die Abstimmung festgesetzt wer- den. Sollte er auf seinem unversöhnlichen Standpunkt be- harren, wird man bessere Tage abwarten müssen. Der Völkerbundsrat ist souverän bei der Beurteilung der Be- dingungen, unter denen die Volksbefragung erfolgen muß." — Frankreich müsse auf ernsthaften Garantien bestehen. Aehnlich äußern sich die meisten der bis jetzt vorliegenden Pressestimmen. Kathollsdie Saar-Jugend wird geprügelt Schwere Zusammenstöße in Trier Unter der Bezeichnung:„Saarbrücker Tagung an Rhein und Mosel", hatte der Verein für das Deutschtum im Aus- lande(VDA.) zu zwei Tagungen nach Mainz und Trier ge- laden. Der vom Oberpräsidenten Freiherrn von Lünigk geschürte Haß der Hitlerjugend gegen die Unisormtragenden katholi- scheu Jugendverbände verursachte an verschiedenen Stellen der Stadt Trier Zusammenstöße zwischen den politischen Gcg- nern. Es kam zu heftige» Schlägereien zwischen der katho- tische» Saarjugend einerseits und den provozierend austre- tenden und anmaßenden Angehörigen der Hitlerjugend an- dererseits. Die Kunde von diesen Schlägereien hatte sich bereits am Pstngst-Montagabend im Saargebiet verbreitet und große Beunruhigung unter den Eltern der katholischen Saar- jugend hervorgerufen. Einzelheiten über die Schlägereien werden wir noch mitteilen. Diese offenkundige Disharmonie steht in bemerkenswertem Gegensatz zu den hochtönenden Phrasen von deutscher Volks- Verbundenheit, die den Grundton bei der Tagung abgab. Während in früheren Jahren die Veranstaltungen des VTA. harmonisch und friedlich verliefen, hat der Nationalsozialis- m»s es fertig gebracht, die früher einigen, interessierten Kreise auseinander zu sprengen. Alle Reklame und alle hohlen Deklamationen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Nationalsozialismus der gefährlichste Feind des Deutschtums im Auslande ist. Spart-Pfingsten an der Saar Eine große Freiheitskundgebung Saarbrücken erlebte in den herrlichen Psingsttagen ein rotes Wunder. Zehntausende Arbeiter-Turn- und-Sport- bündler aus allen Orten der Saar und einige Ehrengäste aus dem Auslande fanden sich in d e r Stadt zusammen, auf die jetzt die Blicke der Welt gerichtet sind. Trotz alle- dem!— was das Motto der Tagung. Trotz allen kleinlichen Schikanen einer ungastlichen Stadt, trotz Terror der sogenannten„deutschen Front" wurden unsere großen Erwartungen bei weitem übertrofsen. Der Jubiläumstag der Freien Turnerschaft Saarbrückens hatte begeisterte und jubelnde Massen der roten Sportler herbeigeführt. Einige hundert freie Sportler kamen aus Elsaß-Lothringen, Belgien, Holland, Schweiz und der Tschechoslowakei per Eisenbahn und Autobus herbeigeelt. Auch namenlose Sportkameraden aus Hitlerdeutschland und Dollfußösterreich hatten den Weg nach Saarbrücken gefunden. Eindrucksvoll und feierlich wickelte sich der Begrüßung», abend im Festsaal des Hauses der AW. ab. Auf dem Fest- platz, reich geschmückt mit roten Fahnen, traten die Sportler und Turner, begrüßt von einer vieltausendköpfigen Menge, zu ernstem Kampf und heiterem Spiel an. Mit Begeisterung und in hellem Wetteifer wurde um den Sieg gerungen. Ueber jedes Lob erhaben und fair in allen Phasen wickelten sich die spannenden und hochwertigen Kämpfe ab. Ein unvergeßliches Erlebnis war die Kundgebung am Psingstsonntagnachmittag aus dem Festplatz. Max Braun, der Führer der saarländischen Freiheitssront, begrüßte über 20 000 Sportler und deren Gäste in begeistert aufgenommenen Worten. Die Genossen B von der Arheitersportinternatio- nale und Nobels als Vertreter Belgiens fanden freudig zündende Worte über internationale Zusammenarbeit und Verbundenheit. Arbeitersänger. Musikchöre von Saarbrücken und Sulz- bach. Spielmannszüge und Fansarenbläser Saarbrückens umrahmten das Fest mit ihren ausgezeichneten munkali- schen Darbietungen. Alles in allem ein prächtiges Fest, ein großes Erlebnis. Ein leuchtendes Zeichen freiheitlicher Geisteshaltung. Wöbbels hatte schon vor Pfingsten durch die von ihm kom- mandiert und ausgehaltene Presse verbreiten lassen, daß nur einige hundert Teilnehmer sich zu dem rote» Sport- treffen einfinden würden Der hitlerdcutsche Rundfunk meldete denn auch am Psingstsonntag befehlsgemäß nur etwa dreihundert Teilnehmer. Demgegenüber hat die Saarbrücker Polizei amtlich allein bei der Sonntagökundgebuug 18 000 Teilnehmer gezählt. Das Internationale Arbeiter-Turn- und-Sportfest war ein glänzender Erfolg. Bajonette über Bulgarien Annäherung an die kleine Entente, Frankreich und England Sofia, 22. Mai 1984(Eigener Bericht). Im Augenblick höchster wirtschaftlicher Krise im Innern und einer Ausweglosigkeit in der bisherigen außenpolitischen Linie har sich der König Boris von Bulgarien, falls er seinen Thron nicht verlieren wollte, gezwungen gesehen, ein Mili- tärkabinett zu berufen, das als seinen ersten außenpolitischen Punkt sofort die Ausnahme von Beziehungen mit Sowjet- Rußland und die Verbesserung seines Verhältnisses zu den Nachbarstaaten, insbesondere zu Jugoslawien, erklären ließ. Das bedeutet mit anderen Worten, daß Bulgarien die bisherige revisonistische Front, die es kürz- lich durch seinen Ministerpräsidenten Mukanosf und besten und des Königs Boris Besuche in Berlin untermauern ließ, ausgibt und sich enger an die Kleine Entente und deren französisch-russische Linie ablehnt. In seiner Freude darüber aber, daß wiederum irgendwo in der Wel, gewaltige wirtschaftspolitische Nöte zu einer Diktatur geführt haben, übersieht das nationalsozialistische amt- liche Deut'che Nachrichtenbüro vollkommen die neuen außen- politischen Schwierigkeiten, die das Abspringen eines bis- herigen Basallen der Hitleraußenpolitik Hitlericheutschland selbst bereiten muß und begrüßt den Regierungswechsel(mit dem Schwulst der üblichen Phrasen von einem nationalbe- wußten staatserhaltenden Volke" Daß damit der letzte der wenigen Verbündeten aus dem Weltkriege nunmehr auch noch abgeschwenkt ist. während der vorletzte. Ungarn, mit Osterreich restlos in die italienische keineswegs prohitlerische Linie eingegliedert ist. scheint dem Büro keine Kopsschmerzen zu bereiten. Daß der frühere andere Balkanverbündete, die Türkei, unter der Diktator Kemal Paschas längst der treueste Verbündete Sowjetrußland geworben ist. das zu- gleich den Wiederaufbau der Türkei finanziert, sei nur neben- bei bemerkt: Die außenpolitische Isolierung Hitlerdeutschlands macht ständig weitere Forschritte!) Deutsche Freiheit", Nr. 116 ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Mittwoch, 23. Mai 1931 Dcofsdies Damplnn zu fapäoisdien Preisen Die ausgesprochene Halbbildung der nationalsozialistischen „Führergarde" besonders auf wirtschaftlichem und finanziellem Gebiet, der die Bevölkerung des„dritten Reiches" die immer schlimmere Zuspitzung ihrer Lage in den letzten lochen und Monaten zu verdanken hat, zeigte sich fast vom ersten Tage nach der Machtergreifung am deutlichsten in der lächerlichen Phrase von der Ueberflüssigkeit des Exportes. Für jeden, der sich ernsthaft mit den Dingen beschäftigte, mußte es von jeher als fundamentale Selbstverständlichkeit gelten, daß die Wirtschaft eines Landes, dessen Produktion zu mindestens 25 bis 30 Prozent— andere durchaus seriöse Berechnungen gelangten sogar zu einer Taxe von 35 Prozent — nur im Export Absatz finden kann, unweigerlich austrocknen muß, wenn die Exportfähigkeit seiner Waren ernsthaft bedroht ist. Heute ist man durch die Ereignisse der letzten Zeit, vor allem durch das fast völlige Versiegen der Devisenquellen, die Passivität der Handelsbilanz und durch die Unmöglichkeit, weiter genügend Rohstoffe zur Fortsetzung der treibhausartigen„Binnenkonjunktur" bzw. der Aufrüstung einzuführen, dahin gelangt, daß man einen völligen Frontwechsel vornehmen muß. Alles das, ivas man noch vor einem Vierteljahr als der Weisheit leßter Schluß bezeichnete, nämlich die Autarkie und das Ziel einer völligen Emanzipation vom Weltmarkt, ist heute als falsch erkannt und alles, ivas man bisher verbrennen zu müssen glaubte, wie vor allem die Veberzeugune, daß der Export nun einmal für Deutschland lebenswichtig ist, wird auf dem Gebiete des Außenhandels jeßt plößlich angebetet. Bezeichnend für die Unfähigkeit der deutschen Wirtschaftspolitik ist nun aber die interessante Beobachtung, daß man bei diesem Frontwechsel ebenso sinnlos verfährt, wie bisher. Von der eigentlichen Bedeutung des Außenhandels für die deutsche Wirtschaft und von der unleugbaren Notwendigkeit einer möglichst engen Verknüpfung mit dem Welthandel hat man nämlich auch jetzt, nachdem man eigentlich durch Schaden klug werden konnte, ebenso wenig wie bisher verstanden Der Export ist dach wie vor für das„dritte Reich" ein Uebel, aber— man gibt jetzt zu, daß er ein sehr notwendiges Uebel ist. Man hat mit anderen Worten endlich, wenn auch sehr spät, entdeckt, daß man nur dann an eine Fortsetzung des Aufrüstungsprogrammes und des scheinbaren Kampfes regen die Arbeitslosigkeit denken kann, wenn es gelingt, durch eine starke Forcierung des Exportes die notwendigen Devisen zu verschaffen. Heute heißt es in Deutschland plötzlich! Export um jeden Preis! Natürlich ist eine solche Parole in ihrer Art genau so falsch, wie das bisherige System einer unerbittlichen Exportfeindschaft, denn es kommt in Wirklichkeit nicht allein darauf an, überhaupt zu exportieren, sondern vielmehr auf eine nutj- bringende Vertvertung des inländischen Produktion sapparat es und der Fähigkeit der Arbeiterschaft mit dem Ziele einer Verbesserung des Lebensstandards. Nur auf diese Weise läßt sich die Konkurrenzfähigkeit am Weltmarkt behaupten. Um diesen allein vernünftigen Weg einer Gesundung des Außenhandels zu gehen, ist es aber notwendig, zunächst einmal die hohen Mauern niederzulegen, die in der ganzen Welt gegen den deutschen Export errichtet worden sind. Zum Export gehört nämlich auch noch etwas mehr, als gute und billige Waren. Notwendig ist vor allem eine gewisse Sympathie und eine grundsätzliche Bereitschaft, deutsche Waren bei entsprechenden Qualitäten und entsprechenden günstigen Preisen aufzunehmen. Daß diese Bereitschaft heute in der ganzen Welt nicht besteht, daß die Boykott-Schranken sich von Tag zu Tag als unüberwindlicher erweisen, ist eine Folge der Politik. Solange man sich nicht entschließt, hier den Hebel anzusetzen, wird auch eine hitler-.deutsche„Exportkonjunktur" ebenso künstlich und zwecklos sein, wie es die hit'er-deutschc„Binnenkonjunktur" bisher war. Diesen Weg der Beseitigung der politischen Hindernisse geht man aber auch heute in Deutschland nicht, weil man ihn nicht gehen kann. Statt dessen sprießen die..Exportpläne" von allen möglichen Seiten im„dritten Reith" heute wie Pilze nach dem Regen aus der Erde. Sie alle haben den falschen Grundgedanken gemeinsam, daß es nur darauf ankommt, das Ausland mit möglichst vielen und möglichst billigen Waren zu überschütten. Mau weiß, daß zu Gewinnpreisen oder selbst ohne Nutzen heute nicht exportiert werden kann, weil die Welt aus den sattsam bekannten und auch in Deutschland nicht mehr zu verschweigenden Gründen jeder, aber auch schlechthin jeder Ware den Vorzug von der deutschen gibt. Man richtet sich also darauf ein, mit Verlustpreisen zu exportieren und die ganzen neuen Exportprojekte., die heute in der deutschen Wirtschaftspresse ernsthaft erörtert werden, beschäftigen sich daher ausnahmslos mit der Frage, wer diesen Verlust tragen soll. Eine Herabseßung der Selbstkosten durch eine Verbilli- gung der Rohstoffe und der Kapitalzinsen ist in Deutschland heute schlechterdings unmöglich. Vom internationalen Rohstoffmarkt ist Deutschland in der Lage, in die die hitler-deutschen Wirtschaftspolitiker unter der wackeren Assistenz des Herrn Dr. Schacht das Land hineinmanövriert haben, jetzt so gut wie ausgeschlossen. Dort, wo es tatsächlich noch möglich sein sollte, Rohstoffe auf Kredit zu bekommen, verlangt man entsprechend sehr viel höhere Preise, da natürlich das Risiko des Rohstoffverkäufers bei dem nun einmal in der Welt fast völlig zugrunde gerichteten Kredit eines solchen Kunden sehr groß ist. Auf einigen Gebieten versucht man, die Inlandsproduktion an Rohstoffen zu erhöhen. Die Aussichten, auf diese Weise auch nur einen nennenswerten Teil des deutschen Bedarfes an Metallen, Textilfasern usw. zu decken, sind lächerlich gering und in jedem Falle sind die Selbstkosten für die Erzeugung dieser innerdeutschen Rohstoffe außerordentlich hoch, weil gewaltigf Investitionen vorgenommen werden müßten, um die Produktion nennenswert zu steigern. Deutschland wird also bei der jetzt mit großer Begeisterung in Angriff genommenen„Ankurbelung der Exportkonjunktur" nicht nur mit keiner Verbilligung seiner Rohstoffkosten, sondern mit einer wesentlichen Verteuerung rechnen, die die Konkurrenzfähigheit der deutschen Waren von vornherein stark bedroht, wenn— ja wenn es überhaupt möglich ist, die notwendigen Rohstoffe zu beschaffen. Vorläufig besteht hierzu nicht die geringste Aussicht. An eine Verbilligung der Kapitalzinsen ist ebenfalls nicht zu denken, denn alle deutschen Bemühungen, den Anlagemarkt ,,aufzuheitern", sind restlos gescheitert, weil die Verarmung t cährend der bisherigen Herrschaft der Hitlerleute in Deutschland rapide Fortschritte gemacht hat. Die ständig sinkenden Einlageüberschüsse bei den Sparkassen, das Sinken der Anlagewerte an der Börse, das Zusammenschmelzen der Kreditoren und der Debitoren in den Bankbilanzen geben hierfür ständig neue Beweise. Vom Auslande vollends ist selbst zu den höchsten Zinssätzen kein neues Geld zu erhalten. Man hat die Lage während der I ransfer-Konferenz ja selbst schwarz in schwarz gemalt. Sicherlich waren liiertür in erster Linie taktische Erwägungen, die übrigens versagt haben, weil die Gläubiger sich selbst ein genaues Bild der Situation verschafft hatten, maßgebend. Trotzdem hätte man Angstrufe, wie die bekannte Erklärung des Berliner Tageblattes„Deutschlands Lage ist alarmierend", niemals zugelassen, wenn man nicht bei der Reichsbank und in den Wirtschafts-Ressorts der Hitler-Regierung fest überzeugt davon gewesen wäre, daß für absehbare Zeit neue Auslandskredite für das„dritte Reich" doch nicht zu haben sein werden. Als einziger Weg zur Senkung der Selbstkosten und zur Eimöglichung eines großen Verlustexportes zu Dumpingpreisen bleibt also ein neuer scharfer Angriff auf die Löhne und damit auf die Lebenshaltung der breiten Massen. Dies ist auch der Weg, den man offenbar gehen will und die neuen Projekte stellen durchweg eigentlich nur Variationen zu diesem Grundthema dar. Dies gilt besonders von dem am meisten diskutierten Plan zur Errichtung eines Exportfonds, in dem eine Abgabe von allen Umsätzen der industriellen Inlandproduktion eingezahlt werden soll. Zunächst wHI man sich mit einer solchen Besteuerung des gesamten Inlandabsatzes von zweieinhalb Prozent begnügen. Nach allen bisherigen Erfahrungen kann man sicher sein, daß auch hier der Appetit beim Essen kommen wird und daß also der inländische Massenkonsum mit einem ständig wachsenden Prozentsatz den Verlust bezahlen wird, der bei der neuen hitler-deutschen Exportkonjunktur notwendigerweise entstehen muß, wenn e» überhaupt gelingen sollte, größere Warenmengen abzusetzen. Ob dies allerdings möglich ist. bleibt nach wie vor höchst zweifelhaft, denn es ist außerhalb Deutschlands ja einigermaßen bekannt geworden, daß es nicht die hohen Preise, sondern ganz andere Dinge sind, an denen die deutsche Ausfuhr scheitert. Das japanische Beispiel zeigt jetzt immer deutlicher, daß das Dumping früher oder später dazu führen muß, daß sich das Ausland, das einen solchen Raubbau an der Arbeitskraft und der Lebenshaltung seiner Bevölkerung nicht ebenfalls vornehmen will, durch Einfuhrkontingenie und ähnliche Maßnahmen gegen eine solche Exportförderung schützt. Im japanischen Falle bat dies aus mancherlei Gründen, die hier nicht erörtert werden sollen, ziemlich lange gedauert, aber heute muß man bereits feststellen, daß sich von England und den USA. ausgehend, in ziemlich schnellem Tempo eine internationale Einheitsfront gegen das gelbe Dumping bildet. In Deutschland wird dieser Abwehrprozeß wahrscheinlich sehr bald kommen. Die Abneigung der ganzen Welt war groß genug, um selbst den auf normaler Unkostenbasis kalkulierten deutschen Exportwaren die Märkte zu sperren. Gegen eine Ueberflutung durch Fabrikate, die zu Schleuderpreisen ausgeboten werden, dürften die Abwelirkräfte noch weit stärker sein, weil zu den bekannten politischen Motiven jetzt auch wirtschaftliche hinzutreten müßten. Die Besserung der Weltkonjunktur ist durch Deutschland bereits in politischer Hinsicht außerordentlich gehemmt worden, weil in Berlin das Zentrum aller Beunruhigungsbestrebungen für den Weltfrieden liegt. Eine weitere Belastung der internationalen Konjunkturbesserung durch ein deutsches Sozial-Dumping wird in der ganzen Welt einen Widerstand finden, auf den die Propheten der neuen „Exportkonjunktur" heute scheinbar ebenso wenig gefaßt sind, wie sie vor einem Jahr auf die enormen Wirkungen des internationalen Boykotts gefaßt waren, die heute immer klarer zutage treten. In jedem Falle ivird man sich für die nächsten Monate darüber klar werden müssen, daß der IT eltmarkt vor einer neuen gefährlichen Attacke des„dritten Reiches" steht und daß Deutschland eine leßte Chance des Hiller-Regimes darin erbliclit, daß es sich durch Dumping Luft schafft. Audi diese Rechnung wird trügerisch sein, aber die neun Bedrohung der langsam gesundenden Weltkonjunktur durch ein Hakenkreuz-Dumping mit japanischen Preisen wird die. internationalen Abwehrkräfte gegen das Hitler-Regime, du heute bereits von Experiment zu Experiment wankt, neuerdings stärken. In den ersten Monaten zeichnete sich das Regime durch eine Selbstsicherheit auf wirtschaftlichem Gebiet aus, die nur durch die vollständige Unfähigkeit des Urteils der maßgebenden Männer begreiflich erschien. Im heutigen Stadium des wirtschaftlichen Verfalles hat man begriffen, daß man am Ende seiner so stark überschätzten Fähigkeiten angelangt ist. Die deutsche Wirtschaftspolitik wird fast von Woche zu Woche unsicherer und tastender. Mit dem Zusammenbruch der Schachtschen Devisenpolitik hat die Marneschlacht der deutschen W irlschaft begonnen. Jan Severin. Dcatsdilaiitfs Wirtsdiaffe Bczfc&öngcn zu ßyäfönti Berlin, 17. Mai 1934(FSU). Die eben veröffentlichten Ziffern über den Außenhandel Deutschlands mit der Sowjetunion fiii das erste Vierteljahr 1934 zeigen ein Sinken des deutschen Exports nach der Sowjetunion um 75 Prozent— 68 Millionen Mark— im Vergleich zum Vorjahre. Dies hat in Wirtschaftskreisen große Nervosität hervorgerufen, da ja die Sowjetunion seit Jahren der größte Abnehmer der deutschen Industrie ist. Die Ursache ist in den Schwierigkeiten zu suchen, die von deutscher Seite der weiteren normalen Entwicklung der Handelsbeziehungen gemacht werden. Die Gereiztheit der deutschen Regierung, die allein für diese Entwicklung die Verantwortung trägt, durch die zehntau- sende deutscher Arbeiter zu Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit verurteilt werden, hat in der Rede des Reichskanzlers vor der „deutschen Arbeitsfront" ihren Ausdruck gefunden, in der er die Sowjetunion sehr scharf angriff. Reichskanzler Hitler behauptet,„die Sowjetunion gehe gestützt auf den Arm der kapitalistischen Staaten, von denen sie Arbeitskräfte, Ingenieure und Maschinen nehme." Diese Behauptung— abgesehen von anderen, völlig unbegründeten Behauptungen, wird in Wirtschaftskreisen große Ueberrasdiung hervorrufen. System des woribru&s Ueber das deutsche Einkaufsverbot für Baumwollgarne, das am 24. März erlassen, zuerst nur bis zum 5. Mai dauern sollte, dann aber bis zum 21. Mai verlängert wurde, lesen wir im Handelsteil der„Neuen Zürcher Zeitung":„Diese Beibehaltung einer mit der devisenpolitischen Lage des Deutschen Reiches begründeten, tief in das Geschäftslehen eingreifenden Maßnahme ist geschehen, ohne daß Deutschland, wie es schon längst ein dringendes Gebot des zwischenstaatlichen Wrrtschaftsfriedens gewesen wäre, sein Handelsabkommen mit der Schweiz unter den Schutz der Unterschrift gestellt hätte, die es trägt."(D. h.: seine vertragliche Pflicht erfüllt hätte. D. R.) „Das Betrüblichste daran ist zweifellos die Erschütte- rung der vertraglichen Sicherheit und des Vertrauens in ein gegebenes Wort, womit jener moralische Defekt, der auf den Weltverkehr wie ein zerstörendes Gift wirkt, eine neue Verschär* f u n g erfahren hat. Es ist jetzt nicht mehr nur der Handelsvertrag, der an einer wichtigen Stelle leck ist, sondern es kommt als neue Enttäuschung hinzu, daß die Schweiz über eine formelle Zusicherung des Reichswirtschaftsministeriums verfügt, unter allen Umständen am 5. Mai für die Einfuhr schweizerischer Garne und Zwirne den früheren Vertragszustand wieder herzustellen, und daß jetzt trotzdem, unbekümmert um dieses Versprechen, jeder neue Geschäftsahschluß mit dem Ausland von Staatswegen immer noch verboten ist. Der Widerspruch bleibt also bestehen, daß die Schweiz zwar im Rahmen der ihr durch den Handelsvertrag zugesicherten Kontingente... in Deutschland einführen kann, daß es den deutschen Importinteressenten aber unter strengsten Strafen verboten ist, solche Garne in der Schweiz zu kaufen." Es wird dann in Aussicht gestellt, daß die Schweiz ibv Es kann niemandem unbekannt sein, daß die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte in der Sowjetunion noch nicht ein Prozent der Gesamtzahl beträgt und daß die der ausländischen Ingenieure und Techniker im Verhältnis zur Zahl der russischen Ingenieure und Techniker heute wesentlich niedriger ist, als vor der Revolution. Was nun die materielle Hilfe des Auslandes betrifft, so wurden während der Periode des ersten Fünfjahrplanes in Industrie, Landwirtschaft und Verkehrswesen 42,1 Milliarden Rubel investiert, wovon 3,52 Milliarden auf Importwaren(industrieller und landwirtschaftlicher Bedarf) aufgewendet wurden, also noch nicht 10 Prozent des Gesamtaufwandes. 1933 hat sich dieses Verhältnis noch weiter geändert, so daß es absolut falsch ist, von einer Abhängigkeit der Sowjetunion vom Auslände zu sprechen. Wenn die Sowjetregierung für ihre Bestellungen im Auslände Kredit in Anspruch genommen hat, so entspricht dies den allgemeinen Gepflogenheiten im Welthandel, da jeder Käufer von Maschinen, Fabrikscinrichlungen usw. langfristigen Kredit erhält. Da die Sowjetregieruag als einziger Käufer für ihr Land auftritt, erhält sie diese Kredite als Regierung. gutes Recht verteidigen werde, wozu sie ja als ein Land, das noch erheblich mehr aus dem Reiche einführt, als sie dahin ausführt, und so einen Devisenüberschuß liefert, leicht imstande ist. Das kleine Beispiel zeigt wieder einmal, wie leicht es ist, das eng verflochtene Gewebe weltwirtschaftlicher Beziehungen in Unordnung zu bringen und dadurch auf allen Seiten Schaden zu stiften, wie es die von den verschiedensten Interessen und Nöten herumgeschleuderte Reichswirtschaftspolitik so trefflich versteht. Es zeigt aber auch, wie die Preisgabe der kaufmännischen Ehre des Worthaltens, die in der Innenpolitik längst vernichtet ist, nun auch nach dem Schuldendienst schon die Handelspolitik ergriffen hat. Das Hitlerreich wird immer mehr zum bösen Schuldner, dessen Worte und Ausflüchte so wenig wiegen wie seine faulen Papier?. Wiederherstellung der deutschen Ehie nennt das Herr Hiller. Holzmann-Umsatz 1933 erst ein Viertel von 1930 Die Philipp Holzmann AG. in Frankfurt a. M. berichtet für 1933, daß im Zuge der Erholung des Baugewerbes bei ihr die Höchstzahl der Arbeiter auf rund 6600(2760), die Durchschnittszahl der Angestellten auf 404(363) erhöht werden konnte. Die dauernden Bemühungen, im Auslandsgeschäft, von jeher einem Hauptgebiet, einen Ausgleich für die ungenügende Inlandsbeschäftigung zu finden, waren im wesentlichen erfolglos; der Beschäftigungsgrad der ausländischen Vertretungen sei stark zurückgegangen. Die Bemühungen um Finanzierung ausländischer Bauvorhaben blieben infolge der bestehenden Verhältnisse ohne Ergebnis. Abonnier! dle„Denlsdief relhelf Deutsche stimmen•(Beilage zur Deutschen Freiheit"• Ereignisse und Geschichten PiliBi'iMil'flWir•iimnTil'uM t"' 1 i iup»»"im' l3ä-:" M!S iiPPCwa' Sita*«■:•.'^iH:' 11': Mittwoch, den 23. Mal 1 934 (Deutsche ßamecw (Deutsche tippeln die JUuieca Begegnungen mit„Volksgenossen" an der Cote d'Azur Nur wer die Sehnsucht kennt— mag ahnen, welch ein Trubel ▼on Deutschen sich heuer über die Riviera ergießt. Wo kommen sie her— was haben sie zu tun an der Azurküste, die doch, nach landläufigen geographischen Begriffen, dem Regime des„Erbfeindes" untersteht, dem gerade jetzt wieder die Göbbels-Gazetlen ganze Kübel von Schimpf und Schande en tgegenspritjen? Wer des guten deutschen Kleinbürgers, sei er Monarchist, Weimar-Republikaner oder Nationalsozialist, unentwegte Riviera-Sehnsucht kennt, der weiß auch, daß Herrn Hitlers immer schärfer zupackende Devisen-Kandare diesem„Drang nach Süden" keinen Einhalt gebieten kann. Man ist eben schlau und geht— hintenherum! Das ist zwar eine spezielle Charaktereigenschaft jedes im„dritten Reich" approbierten„Führers", aber wer hätte wohl gedacht, daß die„Volksgenossen" sich so schnell und so raffiniert dem Heispiel von oben assimiliert hätten? In ganzen Rudeln fegen sie über die Riviera, in Nizza "t es schon Tagesgespräch: seit Jahren hat man eine solche Deutschen-Invasion nicht erlebt und wenn sie daheim, »i ihren hakenkreuz-iirnwehrten Grenzen, nur kuschen und flüstern, hier, auf der„Promenade des Anglais" reden sie frisch von der Leber weg, umso lautere und zackigere Töne, lesen auch mal die„Deutsche Freiheit" und die anderen Emigranten-Zeitungen. sehen die Dinge, die ihnen daheim Herr Göbbels so penetrant zu Gemüte führt, für Augenblicke in einem ganz andern Licht—— und fahren nach etlichen Wochen Kuraufenthalt an der Riviera heim, um nichts klüger als vordem, vielleicht mit ein bißchen Skepsis gewappnet, die svieder auffliegt, wenn sie bei Jiehl die ersten Marschtritte der braunen Bataillone hören oder den lärmenden Singsang der Hitler-Jugend. Und wenn sie dann wieder die drohend entgegengestreckte Sammelbüchse sehen, dann denken sie vielleicht nochmal an die Geruhsamkeit der Riviera und tun mit einem gequetschten Seufzer den Groschen in den Schlitz. Denn wenns zum Gelde drängt, dann wacht auch des begeisterten„Volksgenossen" skeptisches Gewissen insgeheim I wieder auf. ♦ Es ist, als hätten sie sich just um den 1. Mai herum, da Herrn Hitlers verschärfte Devisensperre in Kraft trat, noch einmal in ganzen Schwadronen auf die Riviera gestürzt. Und sie sehen nicht so aus und benehmen sich auch nicht so, als oh sie mit den amtlich ihnen zugestandenen 200 Mark monatlich auskämen. Nein, sie lassen sich das Vergnügen, einmal für ein paar Wochen an der Cote d'Azur frei atmen zu können, etwas kosten! Wie sie das machen? Sehr einfach! Sie machen eine kleine Schiebung! Was so ein guter Hitler- Deutscher ist, der macht sich vor einer mehr oder minder sanften„Transaktion" nicht bange. Der eine hat einen Freund, der in Paris einen Generalvertreter sitzen hat, der andere hat Beziehungen zu einem„Repräsentant" in Mailand— und via Paris oder Mailand kommen die etlichen tausend Franken an die blaue Küste gerollt. Die meisten andern aber, die nicht über so prima Beziehungen verfügen, regeln die Affären einfach über die Schweiz oder Italien, wohin man bekanntlich noch die 700 Mark mitnehmen darf. Wechseln in Genf oder in San Remo flugs den Kreditbrief ein— und mit dem pfiffig zur Schau getragenen Spaß, Herrn Doktor Schacht ein Schnippchen geschlagen zu haben, bevölkern sie die Promenaden, die Casinos, die Dancings, je nach Geschmack und Temperament auch die„boites de nuit" und die pariserisch-lüsternen Revuen. Hier kann man Mensch sein, hier darf maus— denken sie, da im Hitler-Deutschland alle„Spezial-Alien teuer" nur für die höchsten Chargen bzw. die diversen Kumpane des „Führers" reserviert sind. Und wenn sie dann über die blauweißroten Grenzpfähle in Hitlers gelobtes Land rückkehren, dann nehmen sie automatisch„stramme Haltung" an, zupfen sich die ein wenig derangierte Krawatte wieder zurecht und sind so freudig gleichgeschaltet wie am ersten lag. Verständnis für Frankreich oder' gar ein bißchen dosierte Sympathie, aus der beseligenden Landschaft aufsteigend, ins Volk mündend— das kennen sie nicht. Von westlicher Kultur ein wenig beleckt— um Gotteswillen! Sie reagieren sich sehr schnell ihre Riviera-Komplexe ab— nörgeln und schimpfen: „Ich weiß nicht— dieses Essen in Südfrankreich! Immer „agneau" und„mouton" und diese ewigen„porames frites. Nicht an einem Abend mal Bratkartoffeln-!^— Denn ein guter deutscher Volksgenosse, auf das Eintopfgericht dressiert, muß nun mal abends seine Bratkartoffeln haben. So sind sie nun: haben sie ihre Bratkartoffeln es können, je nach Temperament, auch Hummer mit deutschem Sekt sein— dann lassen sie sich Herrn Hitler, den„Gott in Deutschland", mit seinen Untergöttern, von Döring, Röhm bis Streicher, gefallen. Sie sahen an der Riviera die fabelhaften und üppigen Rolls Royces und Packards—„aber wissen Sie, die Franzosen, so was von alten und schäbigen Wegen, hab ich noch nicht gesehen"!— Weil eben die Franzosen nicht viel Wert legen auf Prunk,'dafür aber sparsame und solide Bürger sind. „Und denken Sie,— schauerlich!— schwarze und braune afrikanische Soldaten haben sie sogar in den Riviera-Gar- nisonen— es ist nicht zu sagen!" Womit sie den, in den V ochen an der Cote d'Azur etwas locker gewordenen Kontakt mit der Göbbels-Propaganda prompt wiederhergestellt haben... * Aber lassen wir sie, mit ihren Sorgen— Herr Hitler wird sie ihnen daheim schnell wieder glattbügeln. Von diesen Riviera Deutschen soll nicht die Rede sein—(auch nicht von jenen, die angeblich emigriert oder gar„refugiert" sind, viel Geld über die Grenze gebracht haben, in den Luxus-Hotels ein amüsantes und herrliches Leben führen— und wenn sie einmal nm einen Beitrag für die Flüchtlingsfürsorge, um 10 oder 20 Franken für die Bedürftigsten unter den deutschen Emigranten gebeten werden, unwirsch und wohl gar mit einem Schimpfwort die Tür zuwerfen.— Nicht reden da» on...) Nein, noch andere kommen her, aus einem Deutschland, das sie vielleicht nicht mehr kennen, so lange sind sie schon draußen— aus einem Deutschland, an das sie eine wehe und bittere Erinnerung behalten haben, und das doch einst so schön und so strahlend war, wenn es auch arm war und mit jedem Tag ärmer wurde, und sie selbst seit Jahren müßig auf den Straßen herumstanden oder sich die Füße wundliefen, um irgendwo vielleicht doch eine Arbeit um geringen Lohn zu bekommen. Nichts, wieder nichts! Und da haben sie sich eines Tages aufgemacht, weil sie dies Leben satt waren, weil sie die Blicke der Mutter nicht mehr ertragen konnten, der sie kein Geld mehr ins Haus brachten. Haben sich vielleicht mit einem Freund verabredet oder haben irgendwo auf der„Fahrt" einen Kumpel gefunden, deins auch nicht besser ging— und waren auf einmal auf der„Tippelei"— wohin? Sie wußten es nicht— wohin der liehe Gott und das Schicksal sie führen würde— denn überall mußten doch gute Menschen wohnen, die ihnen durchhalfen, die ihnen zu essen gaben, wenn sie höflich darum baten, und schlafen würden sie draußen, auf den Wiesen im Sommer oder im Sand am Meer oder tief in den Wäldern... Und so sind sie getippelt, durch den Schwarzwald und den Bodensee, durch die Schweiz über die Alpen, Italien, herunter nach Rom, Neapel, Sizilien— keinen Pfennig Geld in der Tasche und die Courage eines tapferen deutschen Jungen im Herzen, die Abenteuerlust, Sehnsucht, die wilde, schöne Welt zu sehen, und die goldene Unbekümmertheit der Jugend! Und dann tragen sie meist noch eine Klampfe auf dem Rücken, der andere hat eine Violine oder eine Ziehharmonika— und überall, wo sie durchkommen, machen sie Musik, singen deutsche Lieder, manchmal auch auf italienisch oder französisch, so gut wie sie es eben können. Und das italienische, wie das südfranzösische und spanische Volk sind ja so empfänglich für Musik; wo diese blonden, frischen Jungens spielen und singen, da ist gleich großer Zulauf, und wenn sie nachher sammeln, dann gibt mancher gern ein paar Sous oder auch einen Franken. Oder, wenn sie keine Musik machen, dann haben sie meist Postkarlen, auf der einen Seite mit ihren Fotos und darunter dem Spruch:„Wir sind deutsche Pfadfinder auf einer Reise durch Europa— bitte kaufen Sie uns die Karte ah!" — Und in den Häusern laufen sie treppauf und treppab— es kommt immer noch etwas dabei herum! Oder andere malen hübsche Genrebildchen und verkaufen sie billig— mit viel Mut und Gottvertrauen tippeln diese Burschen durch die Welt, immer lustig aufgelegt, immer zufrieden mit dem wenigen, was man ihnen gibt— nur von Deutschland darf man mit ihnen nicht reden. Nicht vom heutigen Deutschland, vom Hitler-Regime! Sie kennen meist die Anfänge, solange sind sie schon auf Wanderschaft, und was sie seither davon gehört und gelesen haben, das macht sie nicht vertrauensvoller. Im Ernst: ich habe noch keinen dieser Burschen getroffen, der mit Freude gesagt hätte:„Endlich, nach Deutschland zurück— dort geht» jetzt gut!" Im Gegenteil: ein tiefes Mißtrauen erfüllt sie gegen alles, was ihnen von allzu eifrigen Hitler-Deutsrhen vorgeredet wird sie glauben es einfach nicht!(Und es gibt immerhin auch genug Hitler-Enthusiasten hier an der Riviera— da z. B. die Hotelangestellten, die im Austausch für einige Monate oder für die Saison in die großen Riviera Hotels kommen, drei et Hitlerpropaganda machen und sich nicht genug tun können in der Lobpreisung des„dritten Reiches", des Zaubers der SA. und in diversen antisemitischen Aufwallungen). Aber die andern Burschen hören nicht darauf— sie lesen, wenn sie sie in die Hand bekommen, deutsche gleichgeschaltete Zeitungspapiere und haben nur ein ironisches Lächeln für die Phrasen und das ewige Trompetengeschmetter von der„siegreichen Arbeiterschlacht". Sie lesen die ausländischen und auch die Emigrantenzeitungen— und finden darin bestätigt, was sie selbst unklar fühlen und ahnen. Selbst diejenigen, die im vorigen Sommer, also nach 6 bis 8 Monate Hitler-Regime, hinausgetippelt sind und also schon ein wenig von den„Segnungen" des„dritten Reichs" abbekommen haben müßten, sprechen mit größter Skepsis und einem mitleidigen Achselzucken von diesem Krampf in Deutschland— das ja garnicht mehr„ihr" Deutschland ist. Sie waien früher vielleicht SAJ. oder Reichsbanner- oder Antifa-Jungens— vielleicht hätte man ihnen nichts getan, weil sie sich nicht aktiv hervorgetan hatten— aber sie mußten heraus, aus der Dumpfheit, aus der Stickluft, aus der unheimlichen Stille und der gefahrdrohenden Umklammerung. Nun gehört ihnen die Welt— sie sind frei, und schlechter wie in Deutschland heuer kanns ihnen doch nicht gehen, wo sie wissen, daß ihre Freunde im„Freiwilligen Arbeitsdienst" fronen, schwere Arbeit tun müssen für das Geld, das sie früher von der„Wohlfahrt" bekamen, oder daß sie als SA. und SS. mit dröhnenden Marschtritten über das Pflaster stapfen müssen... * Nein, dann lieher in den Süden, an das Meer, an die Riviera, ins Land der Sonne und der Freiheit! Man trifft diese derben Burschen viel hier unten am Mittelraeer; hierher lockt es sie ja alle. In Nizza wohnen sie in ganz billigen, aber sauberen Hotels am alten Hafen, liegen tagsüber am Strand in der Sonne, wenn sie nicht aufs„Geschäft" gehen, d. Ii. Musik machen oder Karten verkaufen— und an der Riviera verdienen sie immer noch genug, daß sie davon leben können. In kleinen Brasserien essen sie frugal zu Mittag, und im„Prix-Unic" ist das beliebte Rendezvous dieser Wanderjungens und Pfadfinder; da sitzen sie oft stundenlang bei einer Tasse Kaffee, die 50 Centimes kostet, oder bei einem „Eis", das genau so gut und so billig ist. Da kann man ihnen plaudern, da erzählen sie von ihren Fahrten, Erlebnissen und Abenteuern, kramen sie die Fahrtenbücher heraus, mit vielen Fotos und Briefmarken und den zahllosen Stempeln(der Städte, in denen sie überall waren). Und dann schwärmen sie von allem, was sie gesehen und erlebt haben, wollen weiter tippeln nach Spanien, wo es so gut sein soll(was kümmern sich deutsche Fahrtenjungens um die spanischen Unruhen und Revolutiönchen?) Vielleicht wandern sie auch gen Norden(mit einem großen Bogen ums Hitlerreich) nach Skandinavien, wo die Menschen so freundlich und gebefreudig sein sollen, wie andere Kumpels es ihnen erzählt haben. Andere wieder wollen nach Corsica, nach den Balearen und weiter nach Afrika: Algier und Tunis und vielleicht bis Aegypten— dem Weltfahrtendrang sind keine Grenzen gesteckt. Und dann brennt ihnen das Abenteuer in den Augen, Glück einer Jugend, die kein Leid und keine Sorge kennt, die den lieben Gott nur immer walten und der sie vielleicht doch einmal heimkehren läßt in das Vaterland, in ein neues, freies Deutschland, das dann endlich„ihr" Deutschland wieder ist.... Gewiß: es sind keine kämpferischen Naturen und schon gar keine Revolutionäre— sie wandern nur und tippeln, durch Europa, durch die Welt, einem Glück entgegen, einem Phantom— und leben wohl des Glaubens, daß sie irgendwo doch und irgendwann die Heimat finden werden... Benito. Bein JUeis, Deutschland Wer dich, du Land, wer deine Erde will, Papier bezahlt dich nicht und nicht die klugen Worte. Für Ackerkrume gibt mau nicht den faden Dunst von abgestandenen Reden, die einmal neu, sonst nichts und das vor fünfzehn Jahren waren. Das Korn wächst nicht von Worten, die wie Fett auf dünner Wassersuppe schwimmen. Von Worten die du siehst, weil hinter ihnen nichts denn Wasser ist. Blut will das Land. Es ist das edle dieses seltnen Geldes, daß nur dein eignes voll als Münze gilt. Wer nicht bezahlen will, dem nützen auch die faulen Wechsel nieh die auf das Blut der andern lauten. Du bist Genosse— Gut, du stehst zu Buch mit allen andern, die vom Zahltag reden. Wenn du nicht volle Münze bist— Vergiß es nicht, nur Blut, dein Blut, nicht heiße Worte und nicht rote Zettel ergeben voll die Summe. Sie Jiidtamelt ist«eeint Französische Wissenschaftler protestieren Aus Anlaß der Eröffnung der deutschen Freiheitsbibliothek und der Kundgebungen am Tage des verbrannten Buches hat sich das Welthilfskomitee an zahlreiche hervorragende fran- rösische Persönlichkeiten mit der Aufforderung gewandt, ihre Stimme gegen die deutsche Kulturschande, insbesondere gegen die Verfolgungen in Hitlerdeutschland zu erheben. Mehr als Hundert Protesterklärungen sind dem Komitee bereits zugegangen. Die Erklärungen wenden sich gegen die Zerstörung aller Kulturwerte in Deutschland und gleichzeitig gegen die Einkerkerung politischer Gegner, insbesondere gegen die unmittelbare Bedrohung des Lebens Ernst Thal» manns. Unter den Persönlichkeiten, von denen Protestschreiben eingegangen sind, befinden sich: Dr. Charles Nieolle, Mitglied des Institut de France und Professor des College de France; Louis Papicque, Mitglied des Institut de France, Mitglied der Acaclemie de Medeciue, Professor der Faculte des Sciences; Charles Riebet, Mitglied des Institut de France, Professor der Faculte de Medecine und Träger des Nobelpreises von 1914; Victor Auger, Professor der Chemie der Faculte des Sciences. Zeit=7htizen Thälmann- und Dimitroffspitze Die Pamirexpedition der Sowjetakademie iut im Sommer vergangenen Jahres in dem Teil des Pamirs, der bisher auf den Karten als„weißer Fleck" figurierte, eine Bergkette festgestellt und vermessen, die nunmehr den Namen„Marx- Engels-Kette" erhalten hat. Die höchsten Berge dieser Kette haben folgende Namen bekommen: Kaganowitsch-Spifte 6 615 Meter, Thälmann-Spitze 6 018 Meter, Liebknecht-Spitze 6 017 Meter, Dimitroff-Spitze 5959 Meter u. a. Theater deutscher Schauspieler in Rußland Gustav Wangenheim, der in Deutschland zuletzt die „Truppe 1931" leitete, hat in der Sowjet-Union Shakespeares„Der Widerspenstigen Zähmung" in deutscher Sprache mit Carola Neher in der Hauptrolle inszeniert. Das Stück wurde bereits im Donezbecken aufgeführt und soll auf einer Tournee in Mariupol, Charkow, Kusbaß und Leningrad gespielt werden. Für die Monate Mai und Juni ist eine Reihe von Vorstellungen in Moskau vorgesehen. Heraldik Dem Vernehmen'nach soll der Adler aus dem deutschen Wappen versehwinden und durch ein— Känguruh ersetzt werden, denn dieses ist das einzige Vieh, das mit leeren Beutel große Sprünge machen kann. .Deutsche Freiheit« Nr. 116 Das bunte Matt Dienstag, 22. Mai 1934 Von Änstole France Die Gefangene Mit der Empfehlung eines guten Freundes aus dem sran- zösischen Justizministerium besuchte ich einmal ein Frauen- gefängnis. Der Gefängnisdirektor, ein alter Mann, den das Leben hinter Kerkergittern„gebessert« hatte tso pflegt er öfters zu sagen), empfing mich mit Herzlichkeit. Er machte sich über die moralischen und ethischen Werte seiner 800 Pflegebefohlenen keinerlei Illusionen, aber er sprach auch der Moralität der übrigen Menschheit außerhalb der Gefängnis- mauern keine erhöhte Stufe zu. Man findet hier Menschen aller Sorten, schlechte, gute, kluge, dumme und indifferente. Ein langer Zug gefangener Frauen kam an uns vorüber. Die Stunde des gemeinschaftlichen Spazierganges war vor- bei und langsam, widerwillig, schritten die Unglücklichen über den kalten, kahlen Hos. Viele sahen alt, wild oder tückisch aus. Mit Befriedigung konnte der uns begleitende Psychiater auf die charakteristischen Merkmale hinweisen: Viele unter ihnen schielten, und fast alle ähnelten dem Typus der Ver- brecherin, den wir uns aus unserer behüteten bürgerlichen Sicherheit gebildet hatten. Der alte Direktor schüttelte den Kopf. Er war wohl nie so ganz mit dem abschließenden und vernichtenden Urteile des angesehenen Wissenschaftlers einverstanden. Er führt in die Arbeitssäle. Wäscherinnen. Bäckerinnen und Köchinnen sahen wir bei der Arbeit. Ueberall überraschte uns die größte Sauberkeit. Der Direktor sprach freundlich die Frauen an. und selbst zu den dümmsten und bösartigsten blieb er gütig und höflich. Später erklärte er, daß er schon längst nicht mehr an die moralische Wirksamkeit von Zllch- figungen und Bestrafungen glaubte, und daß er der Ansicht wäre, daß man Menschen dyrch Leid nicht bessern könne. „Wenn auch unser verehrter Herr Professor den Kops schüttelt und meine Worte seinen erprobten Grundsätzen widersprechen, ich lege sogar die Verordnungen meiner vor- gesetzten Behörde auf meine Weise aus und erkläre sie so den Gefangenen. Zum Beispiel gebietet die neue Gefängnis- ordnung absolutes Stillschweigen. Wenn nun die armen Frauen wirklich nicht mehr miteinander sprechen könnten, würden sie schnell idiotisch oder verrückt werden. Das hat doch gewiß der Gesetzgeber nicht gewollt... denke ich mir und sage meinen Gefangenen also: Tie Vorschrift befiehlt Still- schweigen! Was heißt das? Tie Aufseherinnen, die diese Vor- schrist kennen und für ihre Anwendung hastbar sind, dürfen euch nicht hören. Wenn sie euch hören, müßt ihr bestraft wer- den. Hören sie euch nicht, können sie euch auch nicht bestrafen. Denken könnt ihr euch auch was ihr wollt und es macht kei- ncn Lärm. Wenn also euer Sprechen nicht viel mit Geräusch verbunden ist. als euer Denken, ist alles in Ordnung. Ihr könnt euch verständigen und die Gefängnisordnung ist doch befolgt. Der Psychiater fragte ihn. ob seine Vorgesetzten diese Jnter- pretation der Verordnungen billigten. „Oh," meinte er,„nicht ganz so. Es kam wohl vor, daß Jnspektore mir Borwürfe machten aber ich zeigte ihnen dann unsere Eingangstüre und wies daraus hin, daß sie nur aus Holz ist. Wären Männer hier eingekerkert, in einer Woche stünde das Gefängnis leer Meinen Frauen fällt es nicht ein, flüchten zu wollen Aber darum darf ich sie auch nicht in Wut bringen. Das wäre das gleiche, als ob ich sie darauf aufmerksam machen wollte, daß unser Tor aus Holz ist." Die Schlafsäle und Krankenzimmer, die wir dann besich- tigten waren große, helle und kahle Räume. In einem Bett lag eine kleine Kranke mit fieberglänzenden Augen. Sie sah aus wie ein Kind. Und wie mit einem kleinen Kinde sprach auch der Direk- tor:„Nun. wie geht eS Kleines?" „Besser, viel besser. Herr Direktor", sagte sie lächelnd. „Also sei schön brav und vernünftig, dann wirst du bald gesund lein!" Ihre Augen glänzten voll Freude und Hoffnung. Später erklärte er uns brummig:„Sie ist nämlich noch jung— kaum sechzehn— und schwer krank!" „Für welches Bergehen wurde sie verurteilt?" „Es war kein Vergehen— ein Verbrechen— ein Kindes- mord? Dafür bekam sie sechs Jahre, in diesem Falle lebens- länglich!" Am Ende eines langen Ganges öffnete sich eine Tür zu einem freundlichen kleinen Zimmer. Durch das vergitterte Fenster sah man auf das sarbenglühende herbstliche Land. Eine hübsche junge Frau saß an einem Pulte und schrieb. Neben ihr stand ein junges schönes Mädchen und suchte aus einem Schlüsselbund einen Schlüssel, der einen der mächtigen Wandschränke aufsperren sollte. Ich begrüßte die beiden, denn ich dachte, es wären die Töchter des Direktors, aber sie machten mich verlegen auf meinen Irrtum aufmerksam. „Sahen sie nicht, daß sie Anstaltskleider trugen?" Nein, das hatte ich wirklich nicht bemerkt. Wahrscheinlich, weil sie die Kleider anders als die übrigen trugen. Ihre Kleider halten besseren Schnitt und die Häubchen waren so klein, daß man die Haare sehen konnte. „Ja, hindern sie eine Frau, die schöne Haare hat, sie zu zeigen. Die beiden unterstehen auch der allgemeinen Vor- schrist und arbeiten als Bibliothekarin und Archivarin. Sie stehen ihrem Verbrechen ganz fremd gegenüber. Es war wie ein Blitz in ihrem Leben. Sie sind aufrichtige, gerechte und mutige Geschöpf«. Hier, in der Ruhe und Sicherheit des Gefängnisses. Was aber das Leben draußen mit ihnen wieder machen wird, das weiß ich nicht." Dann führte er uns in sein Privatbüro und gab einem Aufseher den Befehl, die Gefangene Nr. 303 zu holen. Eine Gefangene betrat in Begleitung einer Ausseherin den Raum. Sie war schlicht, sonst und nett aussehend, wie ein junges hübsches Mädchen vom Lande. „Ich habe eine gute Nachricht für Sie", sagte der Direktor. „Der Präsident der Republik hat von Ihrem guten Betragen erfahren und erläßt Ihnen darum den Rest der Strafe. Sie verlassen morgen die Anstalt." Sie hörte mit offenem Munde zu und starrte ihn verständ- nislos mit weit aufgerissenen Augen an. „Morgen können Tie dieses Haus verlassen," wiederholte der Direktor.„Sie sind frei!" Jetzt hatte sie begriffen. Sie hob die Hände in einer ver- zweiflungövollen Gebärde und mit zitternden Lippen sagte sie: „Ich muß fort? Wohin? Was soll aus mir werden? Können Sie dem hohen Herrn nicht sagen, daß ich hier bleiben will!" Der Direktor erklärte ihr, daß sie die Gnade des Präsiden- ten nicht zurückweisen könne und daß durch Auszahlung einer kleinen Summe vor ihrem Austritt für die ersten Tage gesorgt sei. „Und dann? Wo finde ich Arbeit? Wer nimmt mich, die Zuchthäuslerin, auf?" dann blitzte ein Gedanke auf. Ich werde etwas stehlen, damit ich wieder herkomme." Und beruhigt ging sie hinaus. Aus dem Akt las der Direktor vor: Nr. 303. Landwirtschaftliche Hilfsarbeiterin. Soll ihrer Herrschaft einen Unterrock gestohlen haben. Hausbiebstahl, und wie Sie wissen, steht daraus schwere Strafe." „Ein verdorbenes, unverbesserliches Geschöpf!" urteilte der Psychiater. „Meinen Sie. Herr Professor? Eine verdorbene, unver- besserliche Welt, glaube ich!" jBerechtigte Übersetzung aus dem Französischen.) smche nach einem alten Piratenschatz Von Äean Laurent Aus Cardiff kommt soeben die Nachricht, daß ein kleiner englischer Schooner mit dem romantisch-verheißungsvollen Namen„Romance" nach der verloren im Pazifischen Ozean liegenden Kokosinsel aufbricht. Im Verlaus der letzten hundert Jahre sind schon viele Schiffe wie jetzt die«Romance" dahingesahren, wiewohl aus der Insel keine Menschen Hausen und nichts wächst, womit man Geld verdienen könnte. Dafür gibt es eine andere Ver- lockung auf der Kokosinsel: einen alten Piratenschatz, die größte Summe an Gold und Edelsteinen, die in der Erde verscharrt liegt, im Werte von nicht weniger als 80 Millio- nen Dollar nach beiläufigen Schätzungen. Die Archive der britischen Marine besitzen über die Fundstelle und den Wert der Juwelen ziemlich erschöpfende Aufzeichnungen. Um den Schatz hat sich im Verlaufe der Jahre ein ganzer Legenden- kränz gerankt. Aber sein Vorhandensein ist nichtsdestoweniger sicher, verbrieft und registriert in einem statistischen Amt, das keine Legenden, sondern nur Tatsachen kennt. Eigenartig ist die Geschichte dieses Schatzes: Im Jahre 1321 tobte in Peru eine blutige Unabhängigkeitsrevolution. Die Herren des Landes, in der Mehrzahl reiche Spanier, mußten vor der Wut des Volkes fliehen und es gelang ihnen, die Küste des Pazifischen Ozeans zu erreichen Da fanden sie in einem kleinen Hafen einen englischen Kapitän namens Tompson, der sich dazu überreden ließ, sie auf seinem Schiff nach Spanien zu bringen. Die Rolle dieses Tompson wurde nie genau festgestellt. Vermutlich war er einer der zahlreich in den Gewässern des Pazifischen und Stillen Ozeans räu- bernden Piraten. Einem Teeräuber konnte gar nicht mühe- loser eine Beute in den Schoß fallen, als diese Fracht reicher spanischer Passagiere, die ihr ganzes, aus den Revolution?- tagen von Lima gerettetes Vermögen mit an Bord nahmen. Nachdem das Schiff sich einige Tagreisen von der Küste entfernt hatte, ließ der Kapitän eines Nachts die Schisfsgäste im Schlaf überfallen und ins Meer werfen. Dann legte er Charlie Chaplins Geheimnis... Wie man jetzt erfährt, besitzt Charlie Chaplin in seinen Archiven einen Film, der, nach seinen Worten, einem euro- päischen König den Thron kosten könne. Vor einigen Monaten kam ein Sproß eines großen euro- päischen Herrscherhauses nach Hollywood und besuchte Char- lie Chaplin bei semer Arbeit. Der Prinz— man verheim- licht seinen Namen— war gerade sehr guter Laune. Begei- stert durch die Handlung, die sich vor seinen Augen abspielte, half er persönlich noch zu einigen überzähligen„gags" mit, die nicht im Szenario vorgesehen waren. Alle Schauspieler verließen die Szene und der Prinz und Charlie Chaplin amüsierten sich noch eine Viertelstunde„königlich". Man braucht wohl nicht extra zu betonen, daß der Kameramann seine Arbeit in der Zwischenzeit fortgesetzt hat. Nach Europa zurückgekehrt, zeigte der Prinz stolz diesen Film seinen Eltern, die Charlie Chaplin sofort bitten ließen, dafür zu sorgen, daß dieser Film nicht in der Oeffentlichkeit gezeigt wird, woraus Charlie dem Prinzen antwortete:„Solange Sie ein guter Herrscher für Ihre Untertanen sein werden, bleibt der Film verborgen. Aber an dem Tage, an dem Sie Ihre Pflicht vernachlässigen werden, mache ich den Film bekannt und die Lacher, die ich aus meiner Seite haben werde, werden Ihnen den Thron kosten." Tausend griechische Papyrus Bei Ausgrabungen in der alten griechisch-romanischen Stadt Teletunis, in der alten ägyptischen Provinz Fayum, wurden von einer archäologischen Expedition über tausend griechische Papyrusrollen gesunden. Dieser Fund, der be- deutendste seit dreißig Jahren, erregt in der Gelehrtenwelt unerhörtes Aufsehen. Eine große Zahl der Rollen befindet sich in einem außerordentlich gutem Zustande. Das be- deutendste Stück scheint ein bisher unbekanntes Werk des berühmten Schriftstellers Alexandria Cellimaque zu sein. Dieser Papyrus wurde dem italienischen Senator Girolamo Bitelli überreicht, der die klassischen Verse in nächster Zeit publizieren wird. Cellimaque starb 2400 Jahre vor unserer Zeitrechnung als Leiter der berühmten Bibliothek von Alexandria. Buddhistischer Treu;;ug gegen Rom Salvatore Cioffi, ein Amerikaner, der in seiner Jugend nach Siam ging und dort zum Buddhismus übertrat, will jetzt an der Spitze von tausend buddhistischen Mönchen von Bombay aus, zu Fuß einen Kreuzzug nach Rom unter- nehmen. Die Pilger werden Asien durchqueren, Jerusalem besuchen und dann durch Kleinasien über den Bosporus nach Europa und nach Rom gelangen. Cioffi glaubt durch seine Predigten die Menschen, die er auf seinem Pilgerzuge treffen wird, die ganze heilige Stadt Rom und sogar auch Mussolini für die Lehre Buddhas zu gewinnen. Die Pilger haben sich bereits in Bombay versammelt. Sie glauben a» ihre Mission und an ihren Führer Salvatore Cioffi. „David Copperfield"auf der Leinwand Eines der bedeutendsten Kinoereignisse verspricht für Eng- lanb die Verfilmung von Charles Dickens„David Copper- field" zu werden. Die englische Presse feiert diesen Film bereits jetzt als ein nationales Ereignis, und die Londoner Zeitung„News Chronicle" hat sogar einen Wettbewerb aus- geschrieben, bei dem es 300 Pfund Sterling zu gewinnen gibt und in dem das Publikum gefragt wird, welche eng- tischen Schauspieler nach seiner Meinung am geeignetsten für die Hauptrollen wären. Die amerikanische Gesellschaft Metro-Goldwyn, die den Film herstellt, hat eingewilligt, diese Wahl deS Publikums bei der Auswahl der Haupt- darsteller zu berücksichtigen. auf der Kokosinsel an, wo er die Ausbeute fürs Erste in Sicherheit bringen wollte, ehe er nach Europa weiter fuhr. Tompson hatte von der Insel einen ziemlich genauen Plan gezeichnet, aus der die Stelle mit dem Schatz vermerkt war. Nur verfolgte ihn ein außergewöhnliches Pech. Sooft er sich daranmachte, den Schatz zu beheben, trat ihm irgendein hin- derlicher Umstand in den Weg. Er wurde einige Male hin- tereinander krank. So kam er erst nach Jahren dazu, nach der Insel aufzubrechen. Er war damals schon alt und fühlte sich den Anstrengungen nicht mehr gewachsen. Er teilte daher sein Geheimnis mit einem anderen Piraten, mit dem er ge- meinsam aufbrach. Die Schiffsmannschaft sollte nichts über den Zweck der Reise erfahren. Durch irgendeinen unerklär- lichen Zufall erlangte sie doch Kenntnis davon, und als Tompson mit seinem Komplicen den Schatz auf der Kokos- insel gehoben hatte, verlangten sie einen ansehnlichen Teil als Belohnung sür ihr Schweigen. Tompson war nun durch- aus kein großzügiger Mann und er zog es vor, nachts in aller Heimlichkeit den Schatz wieder an einer unbekannten Stelle zu vergraben ehe er etwas davon hergegeben hätte. Tompson machte sich mit seinem Komplicen noch ein zweites Mal nach der Insel auf. Unterwegs erlag er einer Krankheit. Das Schiff setzte trotzdem seine Reis« fort. Als es am Ziel an- gelangt war, fand er die Insel durch ein Erdbeben in eine Wüste verwandelt. An Hand der Aufzeichnungen war der Schatz unauffindbar. Kein Strauch, kein Baum war mehr da. der zur Orientierung hätte dienen können. In den folgenden Jahren sprach sich das Geheimnis von dem Piratenschatz herum. Ein wahres Goldfieber bemächtigte sich aller Glücksritter, Abenteuerer und Schatzfinder. Zahl- lose Expeditionen brachen aus allen Teilen der Welt nach der Kokosinsel auf. Manchmal trafen gleich zwei, drei gleichzeitig ein. Dann endete das meistens so, daß sie sich gegenseitig ausmordeten. Aber der Schatz blieb unbehoben. Im Jahre 1893 versuchten die Offiziere eines englischen Kriegsschiffes ebenfalls ihr Glück als Goldsucher. Sie spreng- ten den Jnselboden mit Explosivstoffen auf, sie fanden aber nichts, da es ihnen an der nötigen Zeit fehlte. Bei ihrer Rück- kehr wurde der Kapitän wegen„unwürdigen" Verhaltens gemaßregelt. In den folgenden Jahren brachen noch eine ganze Anzahl von Expeditionen auf, die aber wegen Mangel- hafter Ausrüstung und Borbereitung alle zu keinem Refill- tat kamen. Die Kokosinsel, die feit Menschengedenken unbewohnt ist, erhielt vor einigen Jahren sogar Ansiedler. Das war ein holländisches Ehepaar namens Gießler, das vor den Er- rungenschaften der Technik fliehen und ein neues Leben als eine Art Adam und Eva beginnen wollte. Die Insel erwies sich aber nicht als das ersehnte Naturibyll. Alle Augenblicke legten Abenteurerschiffe an, krachten Gewehrschüsse, und schließlich zog sich das Paar, am Menschengeschlecht verzwei- felnd, wieder in das„unnatürliche" Leben Europas zurück. Die neuen Goldsucher führen an Bord ein sogenanntes Metallophon mit, einen Apparat, der durch elektromagnetische Ausschläge das Vorhandensein von Metallen in der Erde an- zeigt. An Bord befindet sich auch der Erfinder des Metallo- phons der junge englische Wissenschaftler Barwod. Er hofft zuversichtlich, mit Hilfe dieses Instrumentes den genauen Fundon entdecken zu können. Der Finanzminister von Costa Rica hat sich bereits einen erheblichen Prozentsatz der Beute gesichert, da die Kokosinsel heute zu Costa Rica gehört. Der Mann mit den Löwenpranken In der amerikanischen Filmstadt versucht jetzt ein Herr Browny, gebürtig aus Calodro im Staate Ecuador, vor den Augen der Filmgewaltigen Gnade zu finden. Er ist kein Mann von großer schauspielerischer Begabung, sein Können, mit dem er viel Geld zu verdienen hofft, besteht darin, seine Finger- und Fußnägel so einziehen und ausstrecken zu kön- nen wie eine Katze. Tatsächlich ist die Muskulatur seiner Hände an jedem Fingerglied um eine Sehne reicher, als bei anderen Menschen. Herr Browny will sich in eine Löwen- haut einnähen lassen und in humoristischen Filmen die Hauptrolle spielen. Vier Kommunisten ermordet Durch«las Handbell Justizmörder Thälmann-Bildfälsdinnd Das'Deutsche Nachrichtenbüro meldet: „Am Samstagmorgen sind im Hof des Hamburger Unter- suchungsgefängnisses die gegen Jonny Deitmer, geboren am 11. September 1901 zu Hamburg, Hermann Fischer, geboren am 3. November 1901 zu Hamburg, Arthur Schmidt, geboren am 24. Januar 1908 zu Hamburg, und Alfred Wehrenberg, geboren am 11. Juli 1898 zu Altona vom Hanseatischen Sondergericht am 2. Mai 1934 erkannten Todesurteile durch das Beil vollstreckt worden. Deitmer und Wehrenberg haben am 19. Mai 1932 den An- griff im Herrengrabcn aus einen Marine-SA.-Sturm ge- leitet, bei dem der SA.-Mann Hcinzelmann durch Messer- stiche tödlich verletzt wurde. Schmidt und Fischer sind am 21. Februar 1933 Rädelsführer und Drahtzieher eines Sckicß- Überfalls auf ein SA.-Lokal gewesen, bei dem ein SA.-Mann verletzt wurde und zwei unbeteiligte Fußgänger ums Leben kamen. Bei den Uebexfällen handelt es sich um hinterlastige heimtückische Terrorakte. Ter Reichsstatthalter hat es oeshalb abgelehnt, von seinem Begnadigungsrecht gegenüber Dctt- wer, Fischer, Schmidt und Wehrenberg als den politischen Führern Gebrauch zu machen: dagegen ist die gegen Drocse, Nichardt, Ruhnow und Stockfleht erkannte Todesstrafe in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt worden, ba es sich um politisch Verführte handelt." Wie man bei genauem Lesen dieser Meldung ersieht, ist keinerlei Beweis dafür vorhanden, daß die Hingerichteten wirklich die Urheber der tödlichen Messerstiche und Schüsse sind, wobei noch ununtersucht bleiben mag, wer der Angreifer war.* In Hamburg ist ein vierfacher Justizmord geschehen. Ver- antwortlich sind die Richter und der Reichsstatthalter Kauf- mann: Jht Verbrechen wird nicht verjähren. Der Berliner„Angriff" hat auf der ersten Seite über dem Kopf eine Schlagzeile in Rotdruck in ihrer Ausgabe vom 17. Mai 1934«Nr. 114):„Der totgesagte Thälmann." Auf der zweiten Seite befindet sich unter dem gleichen Titel eine große Fotografie mit der Unterschrift: „Diese Aufnahme Thälmanns wurde am 12. Mai, 11.10 Uhr, tm Untersuchungsgefängnis Moabit gemacht. Sie zeigt Teddy, zwar etwas mißgelaunt, beim Frühlings- spaziergang." Dieses Foto ist eine zusammengesälschte Montage, sie zeigt Ernst Thälmann auf einem Weg in einem großen blühenden Garten am Rande einer großen Wiese. In dieser „Frtthlingslandschaft" ist keinerlei Mauer, GefäNgntsgebäude oder ähnliches zu sehen, obgleich die„Frühlingslandschaft" weit über 100 Meter sichtbar ist. Auf der rechten Seite des Bildes ist ein durchgehender verklexter Streifen. Hier ist das Gefängnisgcbände wegretuschiert. Mitten i m prallen Sonnenlicht steht Ernst Thälmann— ohne jeglichen Schatten! Diese klägliche Fälschung des Berliner Blattes beweist, wie groß selbst in Berlin die Erregung über das Schicksal Thäl- manns ist. Man will die Berliner Ocsfentlichkeit offensichtlich „beruhigen". Hampelmänner der Reaktion Der abgegangene Treuhänder der Arbeit, Johannes Engel, enthüllt in einem Aufsatz im„Deutschen", wie es bei der Bildung der„Vertrauensräte" nach dem Gesetz zur Versklavung der Arbeit hergegangen ist: „Wenn bewußt von Vertrauensmännern gesprochen wird, dann hat man Wert auf den Begriff„Männer" ge- legt und nirgends liest malz etwas von H a m p e l- männer ü." „Wenn zum Beispiel ein Vetricbssührer,^bne den be- rechtigten Wünschen der Belegschaft Rechnung tragen, seinen Vertrauensrat bestimmt, welcher sich aus dem Chauffeur, aus der Sekretärin und vielleicht noch aus einem willenlosen Ange st eilten des Person albttros zusammensetzt, dann muß von vorn- herein in der Belegschaft naturgemäß da? schärfste Miß- trauen aufkommen, daS sich schon in allernächster Zeit zum Schaden des gesamten Betriebes auswirken wird." „Die stete Ablehnung des guten Willens einer Beleg- scherst macht diese erstens explosiv und zweitens voll von Mißtrauen. Vertrauen zum Führer deö Betriebes wird dann nicht auskommen. Ein alter national sozia- l i st i s ch c r Kämpfer, der immer offen dem Betriebsführer gegen über die Besei- tignng von Schäden fordert, ist auch kein Aukrühte r." Das läßt erkennen, wie das Gesetz gemeint war und wie es angewendet wird! Die Unternehmer, die ihre Kreaturen zu Vertrauensmännern bestimmen, haben den Sinn deö Gesetzes ausgezeichnet begriffen, und die Engel und Ge- Nossen dürfen nun hinterher strampeln als— Hampcl- Männer der Reaktion! Die Arbeiter haben das Gesetz auch begriffen! Tie haben bei den Wahlen ihre erste Antwort gegeben, und wir nehmen zuversichtlich an, daß es nicht die letzte sein wird. „Provokateure" Deutscher Arbeiterbrief Von einem Ruhrkumpel an einen Saarkumpel Lieber F..... ■ Nun will ich auch mal wieder etwas von hier hören lassen, oenn nach hiesigen Zeitungen und dem Rundfunk zu ur- teilen, seid ihr dort alle hundertprozentig Nazis geworden. «?>Die deutschen Zeitungen bringen ja tagtäglich in fettester Druckschrift Artikel über die herrlichen Zustände von dem erneuerten Deutschland, die jedem Außenstehenden den Mund wässrig machen müssen. Diese Berichte müssen not- wendigerweise die Meinung erwecken, im„dritten Reich" sei alles in bester Ordnung. Hier sind aber 90 Prozent von diesem Wahn befreit. Bei euch mag das Verhältnis der Gutgläubigen noch so sein, wie es hier vor einem Jahre war. Es gibt Menschen, welche durch Worte nicht zu überzeugen sind Aber was nützt das, wenn Ihr daS alles der gedankeu- losen Masse erzählt: sie wird der Lügenpresse, die ihren Stoff von der Firma Göbbels, Berlin, erhalt, doch glauben bis sie es am eignen Leibe zu spüren bekommt, und selbst einsieht, daß sie ausgesprochenen Bauernfängern i» die Hände Hände gefallen ist, und zwar solchen, die sich von den ge- wöhnlichen Bauernsängern nur dadurch unterscheiden, in- dem sie im Besitze der gesetzlichen Gewalt. Arbeitgeber der Richter sind und eine Bestrafung wegen igres oolK" bctrugs nicht zu fürchten brauchen. Doch dies nur nebenbei, ich möchte nur skizzieren, daß hier nur noch ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung aus de l Tamtam reagiert oder auch sonst noch irgend Hostnunaen auf die Erfüllung der großen-Versprechungen etzt. Die Krise ist immer noch größer geworden, der Mittelstand s eht vor dem Abgrund, dem Arbeiter hat'"an überall die dicnste geschmälert, einen Teil ver Arbeitslosen zwang man «mit Entzug der Unterstützung), ost sogar über 10 Kilometer von ihrer Jamilie entfernt und wochenlang getrennt,. un- geeignete Arbeit anzunehmen gegen einen-ohn, ier s n unter dem Unterstützungssätze liegt,~®ann*uf der -.»deren Seite die Verteuerung vieler Lebensmittel. D e seinerzeitige Wahldevise„Arbeit und Brot! versteht man jetzt erst richtig, d. h. wörtlich. In letzter Zeit sind bei der Reichswehr sehr viele«man spricht von 200 000) sogenannten Zeitfreiwilligen eingestellt worden, mit einer Dienzeit von 18 Monaten. Ebenfalls haben ebemaliac Offiziere vom Ministerium Anfragen er halten, ob sie wieder in den Militärdienst eintreten wollen, bei erhöhten Bezügen.. Der K" f s h ä u s c r b u n d«st der SA.-Rc erve n eingereiht worden Den Zeitungen ist es verboten, hierüber Mitteilung zu machen.„ ,, n Nicht alle SA-Gruppen werden im praktischen Wanen- gebrauch isaebildet, es gibt noch solche Gruppen, über deren Zu'"-lssloakeit man im Zweifel ist.^/Ä^erSalt«« die TA. Maschinengewehr-Attrappen zur Ausbildung. Bei der sogenannten Wahl am 12. November 1933 sind in Bielefeld auch solche Stimmen für^aUige Ja-Vtimmen ge- zählt worden, welche über den ganzen Zettel e n X: hatten, -ls». p°w Wähler als unaüUtg mark e«r bt I« ^ S»ach auf den Tisch nicht in ein paar Zeilen schreiben, die Betrügereien geh'n jedoch in die Tausende, und was das schönste dabei ist, eine Bestrafung gibt es nicht, ja es fanden sogar schon Besör- berungen derartiger Subjekte statt. Nur wer es wagt, on der Führergerechtigkeit zu zweifeln und Kritik zu b-n, der fliegt und kommt ins Konzentrationslager, ein Tch'cksal, welches schon viele sogenannte alte Kämpfer ereilt hat.. Hilferufe an die Polizei gegen unzufriedene SA. Der Reichsstatthalter Wagner hat laut dem„Henkreuz- banner" vom 10. Mai eine Rede vor den Polizeioffiziercn gehalten. Er kam dabei auf merkwürdige„Provokateure" zu sprechen, gegen die er die Polizcioffiziere scharf machte: Insbesondere aber wollen von der Polizei künstig alle Ausschreitungen gegen die Staatsautorität und alle An- maßungen polizeilicher oder amtlicher Befugnisse durch Unbefugte mit unnachsichtiger Strenge geahndet werden. Dabei muß ich aus einen besonderen Umstand vcrioeiscn. Unsere Gegner unterlassen es auch heute noch nicht, durch Provokateure, die sie in nationalsozialistische Verbände schicken, zur Sabotage der Staats- antorität anzneisern oder unbesonnene Elemente zu Gesetzwidrigkeiten fortzureißen. Häufig spielen sich dann diese Provokateure als„radikale National- sozia listen" auf und heucheln Entrüstung und Em- pörung, wenn sie zur Verantwortung gezogen werden. Schenken Tic dielen Schädlingen am na«ionalsozia- listischen Staat ihr besonderes Augenmerk! Nationalsozia- listen haben keine Sonderrechte im Staat, sondern Sonderpklichten! Sie verdienen deshalb keine Ans- nahmebehandluna iür negative, gesetzwidrige Handlungen: sie haben eine Ausnahmebehandlnng allein stir ihre posi- tiven Leistungen zu erwarten. Das. muß Siefen Provo- kateuren einnml mit aller Deutlichkeit klargemacht wer- den. Wenn die Polizei gerade gegen diese Elemente mit großer Scharfe vorgeht', wird sie nicht nur die Unter- stütziing von leiten des Staates, sondern auch die An- erkennung der-Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter- parte! und daprit des ganzen Volkes zn erwarten haben. ES gibt also in der badischen SA. zahlreiche„Elemente", gegen die die Polizei eingesetzt werden muß. Natürlich sind es keineswegs Provokateure, sondern ccfste Nazis, denen die Augen übergehen, seitdem sie erkannt haben, wie sie belogen worden find. Bischof Bares- darf am tfeiaCsctoen Rundfunk nick* regkeit eines Menschen eine persönliche Eigenschasi'..deutlicher Bedeutung si. Der Charakter, die 0»i>a. und die Lebens- anschauung der Persönlichkeit ss ruhen in erhebliche i Grade mit auf Blut und Rasse. Diese Eigentümlichkeil ver- erbt sich auf die Nachkommen. Die Blutmischnng zwischen arischen und nichtarischen Rasseangehörigcn führt zu einer Nachkommeschaft, die alS Mischrasse als minder- w e r t i g anzusehen ist. 16i Triniie 43-13 M6iro P i g a 11 e Deutsche Poliklinik Paris, 62, Rue de la Rochefoucauld a) Allgemeine Konsultationen mit9 Spezialisten. t>) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshilfliche Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9—12 und 2-8; Sonntags und Feiertags von lO—12 und 2—4 Uhr fDodeut fpecialiste I DEUTSCHSPRECHEND i Münchener u. Pariser Fakultä 17, rue Reaumur M6tro Arts-et-M6tlers od.(^publique Frauen-, Blut-, Haut-, Harn-und Geschlechtskrankheiten, Tripper, Syphilis, Männerschwäche. Neueste Heilverfahren. Elektrizität. Harn», Samen» und Blutanalysen. Massige Bedingungen.(Auch Hir Kassen versicherte.) Täglich von 9- l und 4- 8,30. Uhr Sonn» und Feiertags von 9 bis l u. au» Rend. v. Tel. Arch.54-27 500 weniq qeicaqene 7 Jlodetle (haute couture): Tages-, Abend-, S, ortkleidet und Pelze werden i portl momentan verkauft bei: Macq^-Occasians 40, rue Desrenaudes(Ternes) Tel.: Etoile 35-85, Ankauf, Tausch Doktor Wachtel und Doktor Axel Geschlechtskrankheiten, Männer und Franen Nase, Hals, Ohren 123, Bd. SebastopoL— Sprechstunden v. 9—12 u. 2—8 Uhr; Sonntags vormittags Metro: Reaumur. St Denis Steuerfragen Gesellschaftsgründungen Wenden Sie sich an F« BRIQUEU LICENCIE EN DROIT ehemaliger Kontrolleur der direkten Steuer. Behörden, um vom offiziellen Standpunkt aus beraten zu werden. 25. Bd. Bonne-Nouvelle, PARIS(2). Telefon Louvre 22-93 Pariser Beruhte Pariser Straßenhalender Bei dem großen Flugfest zu Vincennes hat der Oester- reicher Kronfeld, der Meister des motorlosen Flugs, sich über eine halbe Stunde während des Mittags mit großartigen Drehungen in der Luft gehalten. » Während beim Davis-Pokal in der internationalen Tennismeisterschaft die Franzosen mit 5:0 gegen Oesterreich triumphierten, siegte Frankreich im Rugby überlegen auch über eine deutsche Mannschaft, die nach dem Badeorte Vichy gekommen war, und zwar mit 29:3. Die Besiegten waren Hitlerianer, die von dem sehr hitlerischen Leiter des deutschen Sports, Meister, geschickt waren. Den Kämpfen wohnte auch der Baron von Brandt als Vertreter der Botschaft an. Ferner nahmen die deutschen Rugby-Leute an einem internationalen Kongreß von Kriegsteilnehmern in Vichy teil. Der Zutritt zu dem Kampf war gratis. * Das palästinensische Theater„Ohel", dessen Programm (Nachtasyl, Peretz, Heijermans, Stefan Zweig) wir ankündigten, hat sein erstes Stück in Paris gegeben. Stefan Zweig wohnte der Eröffnungsvorstellung seines„Jeremias" an. « Am Mittwoch, dem 23 Mai, spricht der Lord Marley, der durch sein Eintreten für die Opfer des Hitlertums sehr bekannt geworden ist, 17.30 Uhr im Saal der Societe de l'Encoruragement de l'Industrie Nationale, 44, rue de Rennes, über die autonome Siedlung Biro-Bidjan. * Die Pariser Premiere der neuen Komödie von Bernard Shaw„The Village Woing", zusammen mit dem Stück des Kritikers John Erwine„Anthony und Anna" fand in englischer Sprache statt. Das Brah La Laijefles Wer zum Pariser Grabe des großen Freiheitskämpfers wallfahrte, muß die unendliche avenue Daumesnil entlang. Die avenue Doumesnil ist Tausenden von deutschen Leidensgefährten aus den Gängen nach dem Hilfskomitee in der rue de la Durance mit seinem trostlosen Turnhofe und den roten Mauern bekannt. Sie heißt nach einem berühmten General, dem ein Bein abgeschossen war, sie nannten ihn General La Jambe, und er verteidigte nach Waterloo die Festung Vincennes wie ein Verzweifelter. Hinter der langen Straße mit dem Viadukt und den Lastkarren beginnt das entlegene Viertel von P i c p u s, das eigentlich wohl Piquepuces oder„Flohknicker" heißt, denn es soll seinen Namen von einem Pfarrer haben, der den Frauen ein Mittel verschrieb, um sie von der„Flöhenplag'" zu befreien. So ists wenigstens überliefert. In diesem Viertel, auf dem Friedhof von Piepus, liegt der General La Fayette begraben, der das Sternenbanner, die erste Republik der neueren Zeit, mit gründen half und im großen„Ca ira" mitkämpfte und noch gar noch 1830 als Greis vom Freiheitstaumel ergriffen wurde. Man muß zum Kloster der Damen vom heiligen Herzen und der ewigen Anbetung gehen, dann kommt die Beschließerin und führt einen auf den verlorenen Ort der Grabstätte, der in zwei Teile geteilt ist. In dem einen liegen die Guillotinierten, Tausende von Gräbern derer, die die Revolution des Hauptes beraubte, die Noailles, die Montmorency, die Grammont, die La Rochefoucauld und wie sie alle heißen, die feinsten und vornehmsten Namen des Landes. Auf dem letzten Grabe weht eine französische Tnkolare und das Sternenbanner, da schläft der General, der heute gefeiert wird Der General ist heute hundert Jahre tot, und er könnte getrost wieder auferstehen, denn heute ist der Mangel an revolutionären Generälen groß. Der General La Fayette wird heute in Paris durch einen französischen Donnerstag mit Feiern im Rathause und einem amerikanischen Freitag mit einer Feier auf diesem einsamen Friedhof von Piepus begangen, und nachdem werden in der Sorbonne, der ältesten Universität des Landes, die großen Professoren und Generäle sprechen, und der amerikanische Botschafter Strauß, der vor dem großen Marschall Petiin das Wort nimmt, wird gar einer derer sein, deren Glaubensgenossen in Deutschland, wenn es nach dem dortigen neuen Rechte des Dr. G ö b b e 1 s ginge, von Kopf bis Fuß abgeschätzt und als Vertreter einer minderen Rasse betrachtet würden. Daß dies nicht auf der ganzen Welt geschieht. dagegen schützt ihn eineweilen Znoch der alte General La Fayette. und der Friedhof von Piepus. Auch auf dem alten Schlosse der La Fayettes, das La Ulm-Paris Im Marivaux spielt Anny Ondra. die eine wirkliche Filmhumoristin ist, abwechselnd eine exaltierte Baronin und ein nettes junges Mädel in dem lustigen Film„L'Amour en cage". Anny Ondra ist eine Straßenverkäuferin, die vierzehn Tage ins Gefängnis kommt, in das eigentlich die Baronin gehörte. Vom Gefängnis geht Anny auf ein Eisfest, auf dem sie wieder sehr drollige Erlebnisse hat. Darauf treten dann auch die beiden Doppelgängerinnen nebeneinander auf, so daß sich der Bräutigam der Baronin— Rene Lefebvre— nicht mehr auskennt. Schließlich muß die Baronin ins Gefängnis und Anny erfreut sich einer goldenen Freiheit, in der es keine Krise gibt... Im Aubert Palast ist, nach dem Skandal mit der Papen-Wochenschau und dem Film„Tumult", der nach Treptow in eine Verbrecherfeier führte, neu der Film„La jeune fille d'une nuit" eingezogen, in dem Käte von N a g y die Hauptrolle spielt. Es handelt sich um eine Gymnasiastin, die an allerhand Klippen vorbeigeht Bekanntlich ist der Aubert-Palast durch besondere Bande an die Ufa gefesselt. * „Man fand eine nackte Frau" ist ein etwas ausgelassener Film, der auf dem bekannten Mediziner-Ball zu Paris spielt auf dem bekanntlich alle Tänzerinnen nackt tanzen müssen (wghrend es ansonsten aber ziemlich gesittet zugeht) Auf diesen Ball geht auch die Tochter des Herrn Marquis de la Ferronniere, die nach dem Willen ihrer Eltern einen jungen Mann heiraten soll, den sie nicht weiter kennt. Auf dem Grange-BIeneau heißt und heute einem Abkömmling des alten Degens der Freiheit, einem Grafen de Lasteyrie gehört, wird eine Feier veranstaltet werden. Dort wird am Pfingst- sonntag der Leiter der Studien über die französische Revolution, der Professor Ph. S a g n a c reden, und die Flieger Amerikas werden sich über dem großen Park mit ihm einen. Im übrigen ist bei der Uebertragung der Rede des Außenministers nach Neuyork ein kleines Malheur passiert; denn statt der gemessenen Worte des ernsten Ministers, der heute so große Sorgen hat, hörten die Yankees die Stimmen fröhlicher Frauen— denn aus Versehen hatte man eine kleine muntere Vorstellung aus Paris statt der Ministerworte übertragen.„Alles endet mit Chansons," sagte schon einmal ein französischer Dichter, und das ist seitdem zum Sprichworte geworden. Oder, um es plastisch auch im Pariser Stein auszudrücken: da steht nun einsam das Reiterdenkmal des großen Mannes, das die amerikanischen Schulkinder gestiftet haben, im Louvre-Hof und nur alle hundert Jahre erinnert sich noch einer an den Toten von Piepus, sonst gehen, wie die findigen Pariser Reporter herausgekriegt haben, nicht viele Amerikaner hin. Aber die Galeries Lafayette am Anfang der Straße, die nach dem heroischen General heißt, die ist allen Amerikanern und besonders den Amerikanerinnen genau bekannt. Es gibt dort— ich will hier keine Reklame machen, aber wahr ist, was wahr ist— die eigentliche Mode des Frühlings 1934, die nur noch ganz wenig mit dem Völkerfrühling von La Fayette und der Befreiung des dritten Standes zu tun hat. Die Mode der revolutionären Generäle ist hundert Jahre alt und mit einer Feier auf dem Friedhofe zwischen den hingerichteten Marquis nicht zu beleben... Baptist Das Schicksal Einer vom Bergmannschor„Gueules noires" unter den Bergwerksopfern Unter den Opfern der Bergwerkskatastrophe in Belgien befindet sich auch einer der Sänger vom Chor„Gueules noires", desselben Arbeiterchors, der in Paris kurz vorher von den Leiden und Gefahren des Bergmannsberufes gesungen hatte. Die tausend Sänger des Schachts hatten im Sportpalast zu Paris am Ende des Massenkonzerts im„Ger minal" von Feuer, Wasser und schlagenden Wettern gesungen. Jetzt hat sich das Schicksal an einem der Ihren unter so viel Kameraden, die die Grube verschlang, grausam vollzogen- Die Petite Chocolatiere Statt der Rede des Außenministers Barthoo ist bekanntlich eine andere Sendung anläßlich der La Fayette Feier nach Amerika übertragen worden, sehr zum Erstaunen der Feiernden. Wie jetzt festgestellt wird, waren es die Klänge der„Petite Chocolatiere", die sehr nett sind, aber mit Politik oder gar mit völkerbefreiender gar nichts zu tun haben. Der französische Botschafter in USA. hatte durch Kabel eine Erklärung verlangt. Wie inzwischen festgestellt wurde, handele es sich nicht um Sabotage, sondern um einen technischen Zwischenfall. In dem Augenblick, in dem der Minister Barthou vor das Mikrofon trat, brach eine Kälteröhre, einer Lampe und überflutete den Sendeapparat. Die Ausführungen waren ziemlich außer Fassung und telefonierten an das Außen mini sterium mit der Bitte, ihnen zwanzig Minuten zur Reparierung zu lassen. Da das aber die diploma- Medizinerball wird sie zwangsweise ausgezogen und flieht im Evakostüm. Zwecks Rettung aus dieser Pein wird sie dann natürlich ausgerechnet zu ihrem Zukünftigen gebracht, und endlich und nach diesem, es dauert noch eine Weile, liegen sie sich in den Armen. Das ist diesmal also ein recht gewagter „lateinischer VierteP'-Filra, im Rex. * In..R a s p a i 1 2 16" auf dem Montparnasse läuft der britische Film„T e s s a". Das Drehbuch ist nach dem bekannten Roman„The constant nymph" von Margaret Kennedy gearbeitet. Es ist die Geschichte einer Musikantenfamilie und ihres Freundeskreises, die zwischen Tirol und England hin und her pendelt, manchmal etwas zu ausführlich geschildert. Victoria H a p p e r in der Nymphenrolle ist hervorzuheben. Für.die musikalische Untermalung hat man einen der bedeutendsten neueren englischen Komponisten, Eugen Goos s e n s bemüht, der zusammen mit Greenwood die Musik geschrieben hat, zu mindestens die neue, nicht auf lokale Ausklänge zurückgehende, mit viel Geschick und mit gemäßigter Modernität. Eine für den Filmkomponisten gefährliche große Konzertszene ist glaubhaft gestaltet. * Im C o 1 i s e e im feinen Westen fällt der neue Film„Lac aux-Dames" nach einem Roman von Vicky Baum durch seinen besonders gelungenen musikalischen Part auf. Hier war die Aufgabe, die Atmosphäre und Stimmung eines übermondänen Bades an einem Bergsee zu untermalen. Georges Auric, der diesen Versuch machte, hat aus Naturklängen, Volksmusik, Gesellschaftstanz und Melodram eine das Genre kennzeichnende Partitur geschaffen. m. tische Ordnung des Festes umgestoßen hätte und da außerdem keine Gewähr bestand, daß die Störung in zwanzig Minuten behoben war, unterblieb das, und es geschah gar nichts. Die Amerikaner hörten also keinen Ton und bogen und drehten darauf ihre Apparate so lange hin und her, bis sie den Kolonialsender erhaschten,— der an diesem Abend die lustigen und sentimentalen Erlebnisse des kleinen Schokolademädchen tirilierte. Und so kam die Operette an Stelle der ernsten Politik über den Ozean! Theater und Gewerkschaften Die Föderation des Schauspiels hielt dieser Tage in Paris unter der Leitung von Mantou(Musiker von Cannes) seinen Kongreß ab. Beisitzer waren Le Ny(Elektrotechniker von Paris) und Barreyre(Syndikat der Autoren und Vermittler von Paris). Der Vorsitzende des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes Jouhaux brachte der Tagung den Gruß der Gewerkschaften. Er erklärte, daß alle Berufe ein gemeinsames Interesse an einer schleunigsten Beendigung der Arbeitslosigkeit hätten und setzte die Forderungen des Gewerkschaftsprogramms für den Neuaufbau des wirtschaftlichen Lebens auseinander. Unter großem Beifall forderte er die Mitglieder auf, nach diesem Plane zu handeln. Die Forderungen des Verbandes wegen der Rechte bei der Uebertragung von Ausführungen auf Rundfunk, Schallplatte und Kino wurden bestätigt. Dablincourt brachte den Versammelten das Gelöbnis der Unterstützung der Theaterarbeiter durch den Internationalen Gewerkschaftsbund. C e b r o n wurde erneut zum Generalsekretär gewählt. Musik in Paris Das Ballett Ida Rubinstein brachte in seiner zweiten Aufführungsserie„S e m i r a m i a" von Paul V a I e r y und Arthur Honegger zur Uraufführung. Zum Buch hat Valery gelbst hier bereits gesprochen. Die Musik Honeggers ist die stärkste, die man seit langem aus dem Kreise der neueren Musik gehört hat. Dieser heute vierzigjährige französische Schweizer beherrscht die Formund Materialsprache der neuen Musik vom Jazz big zum Klassizismus Stravinskyscher Prägung wie kaum ein zweiter, er hat sich bei allem Können und aller Routine eine natürliche Empfindungsstärke und die Unmittelbarkeit des Zu- packens einem gegebenen Vorwurf gegenüber bewahrt. Das Buch des Dichters Paul Valery ist für ihn aber nicht der rechte Musizieranlaß; die Proportion, die innere Struktur geht verloren, überall hemmt die Bühnenhandlung die Auswertung dieser kraftvollen neuartigen Musik. Ist das ganze Werk als verfehlt anzusprechen, so ist es doch ein neuer Talentbeweis für den Komponisten, der von der Maschinenmusik des„Pacific 231" bis zum biblischen„Dgvid"- Oratorium alle Register beherrscht, und der mit einem modernen. weniger experimentellen und nicht antikisierenden Vorwurf sowohl im Film wie auf der musikalischen Bühne noch allerwesentlichstes zu sagen haben wird. G. C 1 o e z, der Dirigent der Pariser Komischen Oper, der als Gastdirigent des Balletts Rubinstein von sich reden machte, ist für die nächste Spielzeit zum Leiter der Concerts Poulet ernannt worden. Ottorino Resphigi wird Ende Mai in Paris eintreffen, um die letzten Proben seiner Oper„Marie 1* E g y p t i e n n e" zu leiten, die die Komische Oper als letzte Novität für den 1. Juni vorbereitet. In einer einzigen Woche gastierten vier in Deutschland nicht mehr auftretende Künstler in Pariser Theatern und Konzertsälen: Franz Lehar, Richard Tauber, Prof. Arthur Schnabel und Jehudo M e n u h i m. Wird einer der Göbbelsschen Presselakaien es wagen, über ihre Riesenerfolge zu berichten? P- W. E. F., Leipzig. Ihre Ansicht Ist richtig. Nach§ 2 Ziff. 1 Reichs-Eink.-St.-G. sind alle natürlichen Personen mit ihrem£«• samten Einkommen! unbeschränkt) steuerpflichtig, solange sie tat Deutschen Reiche einen Wohnsitz oder ihren gewöhnlichen Aufent- halt haben. Die Steuerpslicht endet danach sofort mit der Auf- gäbe des Wohnsitzes oder gewöhnlichen Aufenthalts in Den'sch- land. Eine spätere nur vorübergehende Rückkehr ohne Begründung eines Wohnsitze» oder gewöhnlichen Ausenthalt» schafft keine neue unbeschränkte laber natürlich die beschränkte! Steuer- Pflicht. Nach§ 81 Ziff. 1 Satz 2 der Reichsabgab.-Ord. tritt jedoch die unbeschränkte Steuerpflicht dann«in, wenn der Aufenthalt in Deutschland länger als ft Monate dauert, und in diesem Falle er- streckt sich die Steuerpslicht auch auf die ersten 6 Monate. Also mit wenn der Ausenthalt in Deutschland nach der Rückkehr länger als K Monat« im Steuerjahr gedauert hat, ist der Rückkehrer mit seinem gesamten, im Sieuersahr erzielten Einkommen in Deutsch» land unbeschränkt steuerpflichtig. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann P i tz in Dud- «eiler; für Inserate: Ctto Kuhn tn Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Lolksstlmme GmbH„ Saarbrücken t, Schützenstraße 5,— Schließfach 776 Saarbrücken,