01 Aus dem Inhalt 1612 13b Freihei Einzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 117 2. Jahrgang Saarbrücken Donnerstag, 24. Mai 1934 Chefredakteur: M. Braun Stimmungsumschwung der Mittelständler und Bauern Eigenbericht der Deutschen Freiheit" Seite 4 en morbow. TH Die Miesmacherschlacht verloren Gegenteilige Wirkung des Kampfes gegen die Kritikaster allorbal Widerstand gegen die neue schamlose Judenhetze Ein Oberpräsident! Dortmund, 22. Mai. Im Industriegebiet ist die so großartig angefündigte Schlacht gegen die Miesmacher und Meckerer bisher in der Oeffentlichkeit gar nicht zu spüren, es sei denn, daß man die Zunahme der öffentlichen Kritik auf die Parole der Herren Hitler und Göbbels zurückführt. Es scheint so, als wenn viele Leute nun erst richtig Mut bekommen haben, ihre Meinung über das verhaßte Korruptionssystem zu sagen, seitdem ihnen von den höchsten Regierungsstellen mitgeteilt worden ist, daß es so viele Miesmacher im Lande gibt. In ihrer Verlegenheit versuchen die Nationalsozialisten gerade hier im Industriegebiet die allgemeine Mißstimmung auf die Juden abzulenken, was aber keinen Erfolg verspricht, denn nirgendwo sind die Alaffengegensätze so klar ausgeprägt und bedeutet das Judentum in der Wirtschaft so wenig wie in Rheinland und Westfalen. Um so dicker trägt die nationalsozialistische Presse auf. Den Gipfel gemeiner Judenheße neben Julius Streicher, dem fränkischen Gauleiter und Regierungsleiter, dürfte nun ein anderer sehr hoher Beamter, der preußische Oberpräsi dent Kube, erreicht haben. Er ruft zum Pfingstfest in der Westfälischen Landeszeitung" geradezu Austilgung der Juden auf, indem er schreibt: zur Was Pest, Schwindsucht und Syphilis für die mensch liche Gesellschaft bedeuten, das bedeuten die Juden für die Sittlichkeit der weißen Völker. Die Pestträger müssen isoliert und ausgemerzt werden. Die zwei Millionen deutscher und die zehn Millionen Toten aller Völker im Weltkrieg fallen auf das Schuld: fonto der Juden. Nur rücksichtslose Brutalität wird helfen. Unsere Kinder und Enkel brauchen ja schließlich auch einen Lebensinhalt. Und der Kampf gegen die Juden bis zur Vernichtung soll ein Teil unseres stolzen Vermächtnisses sein. Jude ist, wer noch zehn Prozent Judenblut in sich hat. Wer seine Rasse durch eine Mischehe schändet, muß unfruchtbar gemacht werden... Sauherdenton gemeinster Perversitäten und frechfter Kunstschändung! Wenn die frummnafigen Theaterhuren männlicher und weiblicher Anatomie heute nicht in Prag, Wien usw. säßen, sollte man sie noch nachträglich sterili: fieren und einsperren. Die Sau wühlt im Mist, und der Jude in dem, was er Kunst nennt. Prügelstrafe für die Bande wäre noch ein sanftes Streicheln. Aber wir passen auf. Wir sind bereit, euch an die Ketten zu legen, wie es Hyänen und stinkenden Coyoten( Far: bigen. Red. D. F.")) gebührt." Rube ist Oberpräsident für Berlin und die Marfen. Der Preußische Ministerpräsident Göring und der Reichsfanzler Hitler werden die Verantwortung für diesen Menschen nicht ablehnen fönnen. Der Aufsatz Kubes, den man nach dieser Leistung hier allgemein für geistesfrank oder doch für stark pathologisch hält, wird sehr besprochen. Er wirft sich bei allen anständigen Menschen für die Juden aus, denen sich nun Göring war von Anfang an gegen die Vertrauens männerwahlen als einen Rückfall in demokratische Methoden. Dr. Göbbels war erst unsicher, ließ sich aber für die Zulassung von Betriebswahlen gewinnen, als Dr. Ley, berauscht von seinen Deutschlandreisen zu befohlenen Betriebsversammlungen sich verbürgte, daß die Vertrauensmännerwahlen einen großen Erfolg für das System bringen würden. Dr. Len, seit Jahren schon infolge seiner alkoho= lischen Ausschweifungen eine geistige Ruine, ist durch seine sinnlosen Predigten vor Arbeitermassen, wie er sie sonst nie um sich gesehen hat, ganz aus dem Gleichgewicht geraten und nimmt seine rednerischen Hanswurstiaden ernst. Als die Wahlergebnisse eintrafen, hat Göring gegen Len und Göbbels getobt, die ihm aber entgegneten, wenn man seinen Standpunkt einnehme, dürfe man auch keine Reichstagswahlen mehr machen, die doch der Führer" für jeden Herbst zugesagt habe. Man wird sich nun überlegen, wie man dieses Versprechen preisgeben kann. Hitler selbst war tief niedergeschlagen und war stundenlang nicht zu einer Aeußerung zu bringen. Die Leitung der Arbeitsfront hat zugeben müssen, daß troß aller Vorsichtsmaßregeln sich mehr als/ der Belegschaften gegen die Nationalsozialisten erflärt haben. Besonders nachdenklich wurden die nationalsozialistischen Führer, als sie merkten, daß die Erfolge der Opposition bei den Betriebswahlen auf die Arbeiter= schaft aufrüttelnd und anfeuernd gewirkt und das Selbstbewußtsein sehr gestärkt haben. Die großspurig angefündigte Offensive gegen die Miesmacher und Kritikaster ist infolgedessen schon in ihren Anfängen gebrochen und stecken geblieben. Während sonst die Nazipresse angefüllt war mit Siegesberichten über„ VerNazipresse angefüllt war mit Siegesberichten über„ Versammlungsschlachten" und ruhmredige Nazibonzen verkünden ließen, wie sie überall getrommelt" hatten, ist es um die Miesmacherſchlacht ganz still geworden. Sie ist gründlich verloren. An diesem Ergebnis wird auch nichts ehr geändert, wenn man jetzt noch da und dort versuchen sollte, einen fleinen Auftrieb zu verschaffen, denn die allgemeine Volksstimmung wendet sich gegen die nationalsozialistischen Bonzen und Oberbonzen, und gerade in der Arbeiterschaft wirkt sich nun die Festigkeit der geschulten Sozialdemokraten und Gewerkschaftler aus, die in überzeugter Ruhe den Sturm überdauert haben und nun mehr und mehr zu Mittelpunkten in den Betrieben werden. Infolge des Stimmungsumschlags haben NEBO.- Leute von den nationalsozialistischen Zeitungen verlangt, daß sie aufhören, den nationalsozialistischen Führern täglich Weihrauch zu streuen und immer wieder Bilder von Gauleitern, Haß Bürgermeistern usw. zu veröffentlichen, auf die sich der Has konzentriert. Die meisten Nazizeitungen haben infolgedessen diese Art der Berichterstattung und Illustration starf eingeschränkt. Auch das ist ein Zeichen für die Bedeutung des Stimmungsumschwungs. Sympathien von Arbeitern und Bürgern zuwenden, bie„ Es wird gepumpt" empört find über die antisemitische Heze durch hohe Beamte. Die Niederlage Berlin, 22. Mai. Man hat sich vielfach gefragt, wie sich die Nervosität der Kanzlerrede am 1. Mai und die einige Tage später gehaltene Rede des Reichspropagandaministers gegen die Nörgler und Mederer erklärt, und welche Ursachen zu diesen überraschenden Vorstößen in der Oeffentlichkeit geführt haben. Wir können nun mitteilen, daß die alarmierenden Reden erst gehalten wurden, als auch dem Reichsfanzler nicht mehr zu verbergen war, daß in allen Bevölferungsschichten und in allen geistigen Richtungen die Unzufriedenheit mit der Regierung bedrohlich wächst. Die Streitigkeiten mit den Kirchen, der Krach mit dem„ Stahlhelm", die Wühlarbeit der Bolfsmonarchisten, die Bedenfen der Wirtschaftsführer gegen die Wirtschaftserperimente und manches andere glaubte man durch das Vertrauen der Arbeitermassen zum Regime kompensieren zu können. Tat sächlich war bis vor kurzem die Meinung weit verbreitet, die Mehrheit der Arbeiter stehe hinter der Regierung oder habe doch Vertrauen zu Hitler persönlich. Da kamen die Ergebnisse der Vertrauensmännerwahlen, die der Reichsregierung zahlenmäßig das Gegenteil zweifelsfrei bewiefen. Genau Unterrichtete bezeugen, daß der Eindruck der WahlAnwachsen der schwebenden Reichsschulden Berlin, 21. Mai. Am 30. April betrug die schwebende Schuld des Reiches 2344,8 Mi II. gegen 2188 Mill. am 31. März. Sie setzte sich zuſammen aus: 1461,2( 1362,8) Mill. Schabanweisungen mit Gegenwert 44,8( 46) Mill., Schazanweisungen, für die ein Gegenwert nicht zugeflossen ist, 440( 394,2) Mill. Reichswechseln, unverändert 26 Mill. furzfristigen Darlehn und 41,2( 34,3) Will. Betriebsfredit bei der Reichsbant. Dazu fommen dann noch 369,6( 324,7) Mill. Schaganweisungen zum Zwede der Sicherheitsleistungen. Die dem Tilgungsfonds zugeführten Schabanweisungen betragen 341,6 Mill., die im Umlauf befindlichen Steuergutscheine 1268,3 ( 1368,8), mozu noch 600 Mill. Steuergutscheine fommen, die als Sicherheitsleistung der Reichsbanf gelassen werden. Der Fehlbetrag Berlins Berlin, 21. Mai. Wie der Berliner Stadtkämmerer Dr. Steiniger mitteilte, wird sich in Berlin 1934 nach dem Haushaltsplan ein Fehlbetrag von 87 Mill. ergeben. Der Fehlbetrag für 1983 wird 80 bis 90 Mill. betragen. Bei der ordentlichen Verwaltung fehlen haushaltsmäßig außerordentlige Ausgaben treten. Gestern und freute Das Thema vom Ritualmord wird so bald nicht zur Ruhe kommen. Streicher findet Sekundanten. Ein Mann namens Holt ist darauf gekommen, daß schon Herder und Fontane Balladen über einen Fall aus der englischen Legende geschrieben hätten. Es sind über manche unverbürgte Schauermär aus alter Zeit Balladen geschrieben worden. Es sind auch Hexen verbrannt worden, nachdem sie ihr Bündnis mit dem Teufel aufs genaueste und mit nicht wiederzugebenden Einzelheiten beschrieben hatten. So könnte man mit der gleichen Logik mit der nach mittelalterlichen Ritualmordmärchen die gesamte Judenschaft als Teufelsvolk hingestellt werden, alle europäischen Völker Verbündete des Satans nennen. Der Ritualmord ist eine Legende. Aber Tatsache ist, daß es bei Jeremia, dem Propheten des alten Bundes in Kapitel 32, Vers 35, von abtrünnigen, zum Heidentum überge. gangenen Juden heißt: ,, Dazu haben sie die Höhen des Baal gebaut im Tal Ben Hinom, daß sie ihre Söhne und Töchter dem Moloch verbrennten, davon ich ihnen nichts befohlen habe und ist mir nie in den Sinn gekommen, daß sie solchen Greuel tun sollten, damit sie Juda also zu Sünden brächten." Aber die Menschheit braucht nun einmal ihre Greuelmärchen. Wenn die Kinder abends nicht von der Gasse nach Hause kommen wollten, dann drohten verständige Mütter ihnen mit Moses. Freudenstein, dem Handelsjuden mit dem langen Bart. Wilhelm Raabe erzählt das, melancholisch- heiter, in seinem Hungerpastor": Moses Freudenstein mache aus den unartigen kleinen Jungens Würste, und als Wursthaut benutze er ihre Strümpfe. Das war sicher mindestens ebenso wirksam und ebenso vernünftig wie die Drohung mit dem Schornsteinfeger. Die Juden und die Schornsteinfeger erfreuten sich jedenfalls bei der heranwachsenden Jugend keiner Beliebtheit. Was dabei die Juden betrifft, so ist der Verdacht groß, daß sie in erster Linie die Opfer fremder Sünden, fremder Erinnerungen, Gewissensbisse zuletzt vielleicht fremder Gedankensünden waren. Man schob ihnen Taten in die Schuhe, die man selber einmal begangen hatte und vielleicht gern noch begehen würde, wenn nicht gewisse Gelüste allzu tief unterm Kalk der Zivilisation begraben lägen. In den deutschen Kinos läuft gegenwärtig ein Film, dem die amtliche Zensur das Lob ,, besonders wertvoll" erteilt hat. Es ist„ Der Schimmelreiter", nach der Novelle von Theodor Storm. Wer den Film sah, erinnert sich noch der Szene, in der der Deichgraf Hauke Haien einen kleinen Hund davor rettet, von den friesischen Deichbauern lebendig in die Erde gebuddelt zu werden. Warum wollten die friesischen Männer das? Storm erzählt es so: Da trat von einem Fuhrwerk ein stiernackiger Kerl vor ihn hin: ,, Ich tat es nicht, Deichgraf," sagte er, und biß von einer Rolle Kautabak ein Endchen ab, das er sich erst ruhig in den Mund schob; aber der es tat, hat recht getan; soll Euer Teich sich halten, so muß was Lebendiges hinein!" ,, Was Lebendiges? Aus welchem Katechismus hast Du das gelernt?" ,, Aus keinem, Herr!" entgegnete der Kerl, und aus seiner Kehle stieß ein freches Lachen; ,, das haben unsere Großväter schon gewußt, die sich mit Euch im Christentum wohl messen durften. Ein Kind ist besser noch; wenn das nicht da ist, tuts wohl auch ein Hund!" Das Eingraben eines lebendigen Kindes schien also diesen Friesenbauern eine nützliche Sache und mit dem Christentum wohl vereinbar zu sein, Storm hat die Szene als solche wahrscheinlich erfunden; ihren Inhalt aber nahm er aus dem Glauben und den Bräuchen seiner schleswigschen Heimat. Blut galt in Deutschland wie anderswo immer als ganz besonderer Saft, und die Chronik des Mittelalters aller Länder wimmelt von Berichten über Kinder, die man zur besseren Haltbarkeit, des Bauwerks lebendig eingemauert habe. Die Stadt Magdeburg soll angeblich ihren Namen davon haben. Der ganze Greuel und die Greuelfantasien hängen zusamen mit dem uralten Blutmythus. Die christliche Gesinnung und die Naturwissenschaften hatten das allmählich zurückgedrängt. Die Nazis haben die Mystik des Blutes wieder zu Ehren gebracht kein Wunder, daß auch das Blutopfer wieder bei ihnen spukt. Vorläufig als Ritualaber wohin mag das noch führen? Denn mordmärchen ergebnisse auf die Regierung und gerade auch auf den noch 185 bis 195 Mill., zu denen noch erhebliche daß sie Blut auch wirklich vergießen können, haben sie ja Reichskanzler verheerend gewesen ist. „ Hundsgemeine Lügengerüchte In der Stadt Friedrichs des Großen Berlin, 22. Mai. Der Oberbürgermeister und Kreisleiter von Potsdam veröffentlicht in der gestrigen Ausgabe der„ Potsdamer Tageszeitung" folgende Witteilung an die Potsdamer Bevölkerung: Ich habe Kenntnis erhalten, daß hundsgemeine präside erüchte in Potsdam umgehen. Um den Polizeiman zu dem armseligsten Mittel der freiesten Erfindung von Tätlichkeiten gegriffen, die damit geendet hätten, daß der Polizeipräsident Graf Helldorf Selbstmord verübt hat und daß der Prinz Eitel Friedich im Flugzeug nach Holland entflohen ist Ich brauche nicht zu erklären, daß an diesen Gerüchten auch nicht ein Körnchen Wahrheit ist. alles ist von lügenhaften Pumpen frei aus der Luft gegriffen. Der Prinz Eitel Friedich und ich haben uns seit Jahren weder gesehen noch gesprochen. Die Mauer um die Villa des Prinzen, die eine Rolle spielen soll hat mich noch niemals in Tat, Wort oder Gedanken beschäftigt. Ga laufen außerdem in Potsdam noch andere Ausgeburten.derselben schmutzigen Fantasie herum, die mit den drei Gerüchten den Charakter gemeinster politischer Erlogenheit teilen. Das also sind die Kampfmittel der politischen Gegner des Drohungen in Potsdam notwendig sind. Das ist das Entscheidende, nicht die Frage, ob alles wahr ist, was die Potsdamer in ihrer Enttäuschung, in ihrem Zorn darüber, daß sie belogen und betrogen sind, sich erzählen. Gestrenge Herren... Verschärfung des Strafvollzugs Reichsjustizminister Dr. Gürtler gibt eine Verordnung über den Vollzug von Freiheitsstrafen und von Maßreglungen in der Sicherungs- und Besserungsverwahrung bekannt, die die neuen Rechtsgrundsäße für den Strafvollzug enthält. Die Verordnung soll gelten, bis ein Reichsgesetz erlassen ist. Die neuen Richtlinien stellen feit, daß die Freiheitsentziehung ein empfindliches Uebel sein müsse und entsprechend zu ge= stalten sei. Die bisher zugestandenen Erleichterungen für fugendliche Gefangene sind gestrichen worden. Nationalsozialismus. Summarisch ist dies alles ein Beweis, Drei Wochen Justiz! wie sehr der Propagandafeldzug gegen Miesmacher und Kritifaster berechtigt ist, und weiter, daß es feinen Blöd sinn gibt, der von den Menschen nicht geglaubt und weitergetragen wird. Ich glaube, am allerersten die Potsdamer Menschen beim Stolz auf Potsdam packen zu sollen. Die Menschen, die die Ehre haben, in einer Stadt wie Pots dam zu wohnen, sollen sich insgesamt zu dem Stolz entwickeln, zu schade für diesen Schmutz und diese Lügereien zu sein. Für die Urheber dieser Gerichte, nach denen selbstredend gefahndet wird, sind die Konzentrations Iager da." * Bei diesen wilden Schimpfereien des Herrn Oberbürgermeisters muß man sich daran erinnern, daß Potsdam eine Hochburg des Nazitums war und im vorigen Jahre bei der Reichstagseröffnung durch den Tag von Potsdam als das Heiligtum des neuen Staates geweiht worden ist. Und nun muß der Oberbürgermeister gerade dieser Stadt öffentlich eine solche Sprache führen. Wie hoch muß die Flut des Mißtrauens schon gestiegen sein, wenn solche amtlichen 763 Jahre Kerker! Berlin, 22. Mai,( Inpreß.) Eine Zusammenstellung der vom „ Bölkischen Beobachter" und der„ Frankfurter Zeitung" veröffentlichten Urteile gegen Antifaschisten ergibt für die Zeit vom 15. April bis zum 8. Mai die ungeheuerliche Summe von 8 Todesurteilen in Hamburg, 763 Jahren, 1 Monat und 21 Tage Zuchthaus und Gefängnis. Da viele Urteile von Provinzgerichten in den beiden Blättern nicht veröffentlicht Russische Völkerbundspolitik Und England DNB. London, 23. Mai. Wie der Pariser Korrespondent der„ Times" von maßgebender Seite erfährt, sind die Nachrichten aus Genf über die französisch- russischen Verhandlungen den Tatsachen vorausgeeilt. Eine grundsätzliche Einigung sei noch nicht erreicht worden; infolgedessen hätten auch die Einzelheiten noch keine flare Form angenommen. In einem Leitaufsah bespricht, Times" die Möglichkeit des Eintretens Sowjetrußlands in den Völkerbund. Das Blatt findet eine Mitgliedschaft Rußlands begrüßenswert, weil es einen Fortschritt in Richtung auf die Universalität des Völkerbundes bedeuten würde. Andererseits sollte sich die britische Regierung nicht aftiv bemühen, um den Eintritt Sowjetrußlands zu erreichen. Die Wortführer der sowjetrussischen Republik hätten oftmals Verachtung gegenüber dem Völkerbund als Instrument fapitalistischer Machenschaften geäußert. Wenn jetzt die Führer Rußlands aus be= sonderen Gründen ihre Ansichten geändert hätten, könnte man natürlich die Vergangenheit vergessen und hoffen, daß Sowjetrußland sich an die Völkerbundssatzungen halten und nicht nur darauf bedacht sein werde, sich nur gegen seine augenblicklichen Feinde zu stärfen.„ Times" schreibt weiter, der Beweggrund Litwinows für die Annäherung an, Frankreich und durch Frankreich eventuell an den Völkerbund bestehe darin, die Unterstützung gegen Deutschland und gegen Japan zu gewinnen. Litwinow scheine jezt geneigt zu sein, das Netwerk seines Sicherheitssystems, das er anläßlich der Weltwirtschaftskonferenz gelegt habe, auf Frankreich und die Kleine Entente auszudehnen. Falls die Frage des Eintritts Rußlands in den Völkerbund formell aufgeworfent würde, würde eine ganze Reihe heifler Streitfragen, be= sonders im Zusammenhang mit der Stellung Polens, auss Tapet gebracht. Sicher müßten die interessierten Staaten diese Frage vorher zu regeln versuchen, aber mit den Einzel heiten der Vereinbarungen habe Großbritannien unmittel= bar nichts zu schaffen. werden, so bedeutet das Resultat der Addition nicht einmal Die Völkerbundsgesellschaften bei weitem die volle Höhe der innerhalb von drei Wochen verhängten Strafen. ,, Stahlhelmer" erschlagen Berlin, 23. Mai.( Inpress.) Im Stanweiher bei Kellmütz wurde der Stahlhelmmann Theodor Rogg mit ein geschlagenem Schädel ertrunken aufgefunden. Die deutsche Mata Hari Ein adeliger Salon und seine Geheimnisse Ein deutsches Gericht hat in diesen Tagen eine Frau wegen Landesverrats zum Tode verurteilt. Ueber den Prozeß durfte in feiner deutschen Zeitung auch nur eine Beile erscheinen, das Verfahren selbst hatte hinter verschlossenen Türen statt gefunden. Das Ausland mußte fich mit einer vierzeiligen Notiz begnügen, die der Berliner Vertreter des Journal" feinem Blatte gab, pon wo sie die Reise durch die Weltpresse antrat. Auch in dieser Notiz stand nichts darüber, worin der Landesverrat bestanden haben soll, auch nichts über sonstige Einzelheiten des Verfahrens. In allen Staaten pflegen Landesverratsprozesse unter Ausschluß der Oeffentlichkeit abgewickelt zu werden; die Hitlersche Note erhält der vorliegende Fall nicht nur dadurch, daß die Todesstrafe wie bei van der Lubbe auf Grund eines erst nach der Tat erlaffenen Gefeßes verhängt wurde, sondern daß die deutsche Oeffentlichkeit überhaupt nichts über diesen Prozeß, nicht einmal das Urteil, erfahren dürfte. Was natürMich nicht hinderte, daß doch einiges durchgefickert ist. Vernrteilt warde die Gattin des Chefingenieurs und Reiters der Abteilung für Luftausrüstung bei Siemens, Fran Kitty von Berg, und zwar zum Tode, da sie Reichs= deutsche ist. Ihr Verführer, der früher österreichische, später polnische Rittmeister von Sosnowifi, erhielt zwanzig Jahre Zuchthaus, die er nicht abzufigen haben wird, denn er wird, wie üblich, gegen einen in Polen verurteilfen deutschen Spion ehestens ausgetauscht werden. Vor Frau Kitty von Berg aber steht drohend das Schicksal Mata Haris, die während des Kriegs als deutsche Sptonin in Paris erschossen worden ist. An Kitty von Berg hatte sich Sosnowfti herangepirscht, weil ihr Mann auf dem Johannisthaler Flugplatz die Versuche mit dem von der Kaffeler Lokomotivfabrik Henschel und Sohn konstruierten " Dampfmotor" für Flugzeuge leitete. Ein Flugzeug, das sich von dem so feuer- und erplofionsgefährlichen Benzin unabhängig machen könnte, wäre auch für den Luftfrieg von größter Bedeutung. Und wenn auch der„ Dampfmotor" nur ein Rohöl- Dieselmotor fein follte, fo wäre auch das schon ein großer Fortschritt, denn Nohol ist längst nicht so explosiv wie Benzin, die heute gebräuchliche Zündung, Ursache der meisten Explosionen und daher Achillesferse aller Kampfflieger, fönnte vermieden werden und das Gespenst jener Strahlen, die auf große Entfernung die Zündung fedes Motors zum Versagen bringen Wien ,, Autoritärer Stadtrat" Das Zerrbild einer Volksvertretung ist der neue Wiener Stadtrat, wie ihn der Bürgermeister, der christlichsoziale Minister Schmiz, ernannt hat. Er führt die Bezeichnung Bürgerschaft" und verdient fie in dem Sinn, daß die breite Masse der Arbeiterklasse völlig ausgeschlossen ist. Die Sozialdemokratie, die vordem in freier und geheimer Wahl volle Zweibrittel der Vertreter, darunter eine Reihe hervorragender Fachleute, aufgebracht hatte, ist unvertreten, ebenso Nationalsozialisten und Großdeutsche. So refrutiert sich die Körperschaft fast ausschließlich aus dem fleinen und geistig rüdständigen Häuflein der Christlich sozialen. Von den 64 Mitgliedern vertreten 12 die Industrie, 12 das Kleingewerbe, 12 Sandel und Verfehr, 4 das Banfwesen, 4 die Landwirtschaft( überall natürlich nur die Unternehmer), 5 das Bildungswesen, 4 die freien Berufe, 4 die öffentlichen Angestellteit, 5 die Religionsgemeinschaften ( 3 Katholiken, 1 Evangelischer, 1 Jude). Dazit der Bürgermeister und als einziger Vertreter der Heimwehr, der Vizebürgermeister. Nur 0 waren bisher christlichsoziale Ver treter. Der Bürgermeister fann den Stadtrat auflösen, auch einzelite Mitglieder abberufen und durch andere ersehen. Er hat ein Einspruchsrecht gegen jeden Beschluß. Die Sigungen sind im allgemeinen geheim. Die Unfruchtbarkeit und Volta das begehrteste Objekt aller Militärattachees der Weltwäre gebannt. Den großen Summen, die Sosnowski zur Verfügung hatte, dem eleganten Leben, das er bieten fonnte, erlag die Frau und nun droht ihr die Todesstrafe. Als vor noch nicht drei Monaten die Nachricht über die Verhaftung Sosnowskis in die Maienblüte des deutsch- polnischen Nichtangriffspattes hineinplatte, war die Geheime Staatspolizei so nervös, daß fie einen ausländischen Journalisten, der Einzelheiten darüber gebracht hatte, worin der Landesverrat bestanden hatte, auf einige Beit in Haft nahm und mißhandeln ließ und Herr Neurath beschwerte sich, daß ihr durch solche unzeitgemäße Husarenritte der deutschen GPU, das außenpolitische Konzept verdorben werde. Damals wurde in der ausländischen Presse als beteiligt ein Mitglied der Familie des kaiserlichen Kriegsministers und Vorgängers Hindenburgs in der Obersten Heeresleitung von Faltenhayn genannt und auch seine Verhaftung gemeldet. Das Gericht hat sich mit diesem Mittäter nicht zu befaffen gehabt. Dagegen wird neben dem Herrn von Falkenhayn jetzt noch ein Herr von Hammerstein in der ausländischen Presse genannt. Sie haben zusammen mit dem Erkronprinzen und einer faukasischen Prinzeffin Katia Barberian den Mittelpunkt des eleganten Salons gebildet, den Sosnowfft eingerichtet hatte. Auf diesem Parkett ist Kitty von Berg zu Fall gekommen. Die amtlichen deutschen Stellen schweigen. Das Gericht, das nach der noch geltenden Strafprozeßordnung die Sache Sosnowskt von der Sache Falkenhayn- Hammerstein- von Berg( Gatte) nicht abtrennen konnte, schwieg auch. Das heißt, es gibt eine einzige Möglichkeit, bei der eine solche Abtrennung" erfolgen fann. Wenn nämlich der Beschuldigte inzwischen verstorben ist. Sollte der„ Daily Herald" recht gehabt haben, als er schon vor zwei Monaten berichtete, zu dem Prozeß gegen Falkenhayn werde es nie kommen, man habe dafür gesorgt, daß dieser Angeklagte, der zum ver räterischen Zeugen werden konnte, für immer stumm geworden ist? Und Herr von Hammerstein? Und Herr von Berg? Nach einer unbestätigten Meldung foll Frau von Berg schon hingerichtet sein. Ueber die Grenze gelockt Schicksal deutscher Emigranten Zur Saarabstimmung DNB. London, 23. Mai. Auf dem Jahresfongreß des Weltverbandes der Völkerbundsgesellschaften in Folkestone kam am Dienstag die Voltsabstimmung im Saargebiet zur Erörterung. Eine von der britischen Abordnung eingebrachte Entschließung, in der der Völkerbund aufgefordert wird, zu zeigen, daß er entschlossen sei, die Voltsabstimmung unter Bedingungen vorzunehmen, die alle Teile der Bevölkerung instandsetzen, ihre Wünsche frei und in angemessener Weise zu äußern, wurde angenommen. Der deutsche Vertreter Dr. Schnee hatte Einspruch dagegen erhoben, indem er bemerkte, daß der Weltverband sich hinter die Regierungskommission stelle, die sich in einem Streit mit der deutschen Regierung befinde. Ein belgischer Abgeordneter beantragte, die Worte und ohne Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen der Ent schließung anzufügen. Dr. Schnee befämpfte diesen Zusatz mit der Erklärung, daß er sich offenbar gegen die deutsche Re gierung richte. 11 Abordnungen stimmten für die Ergänzung, die daher angenommen wurde. Die Delegationen von Deutschland, Danzig und Ungarn stimmten dagegen, die Vereinigten Staaten enthielten sich der Stimme. Ein weiterer belgischer Antrag, in dem die Einrichtung einer internationalen Polizeitruppe vor, während und nachy der Abstimmung gefordert wurde, wurde auf Veranlassung von Lord Cecil zurückgezogen. Das Neueste Barthou empfing am Dienstag den französischen Bots schafter in Moskau. In politischen Kreisen weist man darauf hin, daß man augenblicklich u. a. an folgenden Fragen arbeite: Beitritt Rußlands zum Völferband, europäischer Balkanpalt, der polnisch- russische Vertrag und die Annähe rung Rußlands an die Kleine Entente. Das bulgarische Dittatur Rabinett wird am Mittwoch eine Verordnung erlassen, wonach alle von der Regierung erlaffenen Verordnungen Rechtstraft erhalten, gleichgültig, ob die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen widersprechen oder nicht, als ein reines Willfürregime. Die Zahl der Todesopfer des Eisenbahnunglücks bei Barcelona beläuft sich auf insgesamt 13, darunter drei An= gehörige des Zugpersonals. Es scheint, daß der Zusammens stoß darauf zurüdzuführen ist, daß der Lokomotivführer des einen Zuges, der an einer Kreuzung wartete, aus einem Signalpfiff, der ihm gar nicht galt, schloß, der Bahnhofs= vorsteher habe ihm das Abfahrtszeichen gegeben, und er daraufhin seinen Zug in Fahrt brachte. Ein riesiger Wassertank in Chikago, der sich im Boden: raum eines siebenstöckigen Gebäudes befand, brach plöglich durch die Dede des obersten Stockwertes und durchschlug dann eine Zimmerdecke nach der anderen bis zum Erdgeschoß. Drei Tote und 20 Verletzte wurde geborgen. Man befürchtet aber, daß die Verluste noch größer sind. Nach einer Meldung der„ Times" aus Shanghai be richtet das Militär- Hauptquartier, daß die Stadt Rienninghsien in West& utien nach fünftägigem Kampf erobert worden ist. Die Kommunisten verloren 4000 Tote und Verwundete. Man erklärt, daß die Kommunisten jetzt nur noch vier Bezirkshauptstädte in Fulien und sechs in Kiangsi in ihrer Hand haben. Nach Meldungen aus Minneapolis ist es zu 3u sammenstößen zwischen streitenden Lastkraftwagenführern und Polizei gekommen. 31 Hilfspolizisten und 13 Streifende wurden zum Teil schwer verletzt. Ein Polizist liegt im Sterben. Aehnlich wie kürzlich die Glanzftoffindustrie, wurde nun mehr auch die Baumwollindustrie der Bereinigten Staaten von der Nira ermächtigt, ihre Erzengung während eines am 4. Juni beginnenden zwölfwächigen Zeitabschnittes um 25 Prozent einzuschränken. Es darf jedoch keine Betriebsz einstellung von der Dauer einer Woche oder länger erfolgen. Die deutschen Emigranten Richard Henker und sein Sohn Ewald in Teplit- Schönau erhielten fürzlich einen Brief von Verwandten aus Deutschland, in dem sie ersucht wurden, in einer dringenden Angelegenheit nach Heidenau in Sachsen z fommen. Beide folgten dieser Einladung und machten sich am Sonntag, dem 13. Mai, zu Fuß auf den Weg nach der deutschen Grenze. Als beide auf einem Fußweg die Grenze überschreiten wollten, gefellten sich zu ihnen zwei Touristen. Nach kurzer Unterhaltung gab einer der beiden Touristen einen Schreckschuß ab. Ewald H. versuchte zurüdzulaufen, wurde aber von den beiden angeblichen Touristen zurückgehalten, die darauf mit den beiden Emigranten die Grenze überschritten. Ueber das Schicksal der beiden Verschleppten ist nichts bekannt. Bei einem dritten Emigranten ist vor einigen Tagen ein gleicher Versuch unternommen worden, der aber mißglückte. fich am Sonntag, dem 13. Mai, zu Fuß auf den Weg nach Großfeuer in Sprotte- Bruch DNB. Sprottan( Schlesien), 23. Mai. Am Dienstagmittag entstand im Sprottebruch unmittelbar in der Nähe der Spatenstichstelle ein Brand größeren Ausmaßes. Tide graugelbe Rauchschwaden zogen etwa 10 Meter über dem Erdboden weit sichtbar in öftlicher Richtung hin. Sämtliche acht Abteilungen der Arbeitsgruppe 106( Primfenau) und die Feuerwehren der ganzen Umgebung sind mit dem Eindämmen des Großfeuers durch die Errichtung von Erdgräben beschäftigt. Der Brand erstreckte sich über den größten Teil des Sprottebruches hin und konnte bis in die Abendstunden noch nicht gelöscht werden. Bei der anhaltenden Trockenheit findet das entfesselte Element reiche Nahrung in dem dürren Bodenbestand. Die Entstehungsursache des Großfeuers, durch das eine unübersehbare Menge Bruchermittelt. Der Schaden ist überaus groß. Das Sprotte- Bruch wird bekanntlich durch den FAD. urbar gemacht. frembheit bes nenen, firchlich approvierten Minderheite Abonniert die ,, Deutsche Freiheit" boben in itleidenschaft gezogen worden ist, ist noch nicht despotismus hätte sich nicht schlagender befunden tönnen als in dieser Bürgerschaft". Oesterreich in wachsender Unruhe Hakenkreuz gegen Heimwehr Massenverhaftungen von Nationalsozialisten Desterreich ist in neuer Hochspannung. Täglich Eisenbahn attentate, Gefnall der Papierböller, Demonstrationen der Nationalsozialisten: so wird die zweijährige Kanzlerschaft des Herrn Dollfuß gefeiert". Die österreichischen Legitimisten hatten sich auf die Rückkehr des habsburgischen Eugen gefreut und weitgehende Hoffnungen daran geknüpft. Jetzt sind die geplanten Rundgebungen verboten worden. Der Erzherzog ist daraufhin verstimmt in Basel geblieben. Langsam beginnen sich auch die sozialistischen Arbeiter wieder zu regen. Zu Pfingsten waren auf der Donau zahlreiche Fahrzeuge mit roten Fahnen und DreiPfeil- Abzeichen sichtbar... Wir bringen eine Reihe der heute vorliegenden Nachrichten: Es knall.. Der österreichische Pressedienst meldet: Am Pfingstsonntag fand in Schärding in Oberösterreich eine Kundgebung der„ Vaterländischen Front" statt, bei der der Landeshauptmann von Oberösterreich, Dr. Gleißner, sprach. Als der Landeshauptmann das Podium betrat und vom Bürgermeister begrüßt wurde, krachte über dem Stadt: play ein Papierböller, der an einem großen Luftballon hing. Weiterhin entrollte sich eine sechs Meter lange Hakenkreuzfahne, die von fünf Luftballons getragen wurde. Einen weiteren Böller, der von drei Luftballons getragen wurde, schossen die Heimwehren ab, worauf er auf einem Doch der Stadt mit furchtbarer Detonation explodierte. Im Verlaufe der weiteren Abwicklung der Kundgebung wurde eine zweite Hakenkreuzfahne entfaltet und weitere zwei Böller zur Explosion gebracht. In Braunau am Inn wurde in der Nacht zum Pfingstsonntag durch Sprengungen erheblicher Sachschaden am städtischen Wasserwerk und an einem Transformator der städtischen Elektrizitätswerte angerichtet. Hunderte wurden verhaftet ( DNB.) Wien, 22. Mai 1934. Wie bereits gemeldet, wurden dieser Tage wieder zahlreiche Nationalsozialisten verhaftet. Man spricht augenblicklich von 150 bis 200 Ber: Unter ihnen befindet sich auch der ehemalige Gauleiter von Niederösterreich, Hauptmann a. D. Joseph Leopold, der Montag in Krems festgenommen wurde. Leopold hat sich bereits früher einmal sechs Monate in unter: suchungshaft befunden. Nach seiner Haftentlassung kam Leo: pold für zwei Monate ins Konzentrationslager Wöllersdorf, wo er Anfang Januar entlassen wurde. Nun wurde er ernent festgenommen. Seine Verhaftung wie auch die übrigen Ver haftungen von Nationalsozialisten wurden nach einem amts lichen Bericht damit begründet, daß er in die Eisenbahnanschläge verwickelt sei. Frauenfeld und Emifgrant Wie amtlich bestätigt wird, ist der ehemalige national sozialistische Gauleiter von Wien, Frauenfeld, geflüchtet. Seitz und Danneberg nicht freigelassen Wien, 22. Mai. Die Nachricht, daß sich unter den enthafteten ehemaligen sozialdemokratischen Funktionären auch der frühere Wiener Bürgermeister Zeiß und der ehemalige Stadtrat Dr. Danneberg befänden, trifft, wie man jetzt hört, nicht zu. Die beiden sollen sich geweigert haben, eine Erklärung zu unterschreiben, die sich auf ihr künftiges Verhalten bezog. ,, Attentäter, guten Erfolg!" Die nationalsozialistische Presse einschließlich des deutscheat Rundfunks bezeichnet nach bekanntem Muster die Eisenbahnanschläge in Oesterreich als marristisch- fommunistisch- sozialdemokratische Attentate. Die " Fränkische Tageszeitung" schreibt: „ An zahllosen Stellen in allen Teilen Oesterreichs wurden durch Sprengung von Gleisen und Teilsprengungen an Brücken Anschläge ausgeführt. Augenblicklich läßt sich der Umfang der ganz zweifellos von radikaler sozialdemokratischer Seite ausgehenden Anschlagsversuche noch nicht übersehen." Ganz zweifellos! Andererseits freut sich natürlich die NaziPresse über das wachsende Durcheinander in Desterreich. Dieser Freude gibt der„ Westdeutsche Beobachter" mit folgenden klassischen Säßen Ausdruck: „ Eisenbahn attentate! Man sage nicht, daß auch in Deutschland noch Terrorgruppen am Werke seien und unsre Geheime Staatspolizei noch täglich gegen Staatsfeinde vorgehen müsse diese einzelnen Verbrecher haben mit dem deutschen Volke nichts zu tun! Desterreich aber ist ein einziger brodelnder Herenfessel und das Dußend Anschläge an der Schwelle des Pfingstfestes nur ein Gischtspritzer dieser ewigen Brandung. Die Geschichte beweist, daß ein innerlich so unbefriedigtes Volk wie das österreichische zur Zeit auch mit Standgerichten und Galgen nicht zu befrieden ist. In Deutschland werden einzelne Verbrecher und von der Volksgemeinschaft Ausgestoßene unschädlich gemacht, in Oesterreich aber fämpft eine Regierung gegen ihr eigenes Volk! So ist es müßig, an die Einzelheiten des Terrorplanes irgendwelche Schlußfolgerungen knüpfen zu wollen; auch die Tatsache, daß die Täter Marristen waren, ändert nichts daran, daß ihnen Teile des österreichischen Volkes Sympathien entgegenbringen und weite= ren Erfolg gegen die eigene Regierung wünschen." In Deutschland läßt sich natürlich das Volk durch Standgerichte und Galgen„ befrieden". In Desterreich aber: Heil, Attentäter! Reichsregierung gegen Flüchtlingskommissar Genf, 22. Mai.( Eigene Meldung). Die von den deutschen Emigranten mit großen Hoffnungen erwartete Londoner Konferenz des Flüchtlingsamtes beim Völkerbund ist ohne ein positives Ergebnis geblieben. Mehr und mehr verstärkt sich der Eindruck, daß die in diesem Amt vertretenen fünfzehn Staaten nicht den Willen haben, wegen der Flüchtlinge etwas zu tun, was ihre Beziehungen untereinander, vor allen Dingen aber, was ihre Beziehungen zu Deutschland zu stören in der Lage wäre. Der Flüchtlingsfommissar Macdonald mag zwar die besten Absichten haben, aber sein Einfluß ist ebensowenig ausreichend wie sein Wille, die Widersprüche mit allen Kräften zu überwinden. So ist es denn nicht verwunderlich, wenn es auch außerordentlich bedauerlich ist, daß die Paßfrage für die Emigranten noch feinen Schritt weitergekommen ist. Die deutsche Regierung hatte Macdonald ursprünglich versprochen, jedem Emigranten auf Verlangen einen Bescheid zu erteilen, ob er auf einen gültigen deutschen Paß rechnen kann oder nicht. Von dieser Erklärung hatten die übrigen Länder ihre Bereitwilligkeit abhängig gemacht, den Emigranten einen Fremdenpaß auszustellen. Da Deutschland jetzt seine Zusage nicht hält, so fann auch feine Reglung mit den übrigen Ländern wegen der Paßfrage getroffen werden und alles bleibt nach wie vor in der Schwebe. Macdonald ist vor kurzem zu Verhandlungen mit der deutschen Regierung in Berlin gewesen. Dabei leitete ihn vor allen Dingen die Absicht, für die vermögensrechtlichen Ansprüche der Emigranten Zusicherungen der deutschen Regierung zu erhalten. Auch in dieser Beziehung war seine Reise ganz negativ. Insbesondere sind die Forderungen der proletarischen Flüchtlinge wegen ihrer Ansprüche an die Sozialversicherung, für die sie jahrzehntelang durch Beis tragszahlung große finanzielle Opfer gebracht haben, von der Reichsregierung abgelehnt worden. Im Flüchtlingskommissariat macht man jeßt eine Er hebung über die Lage der Intellektuellen. Sie soll mie Unterlage bilden, um später mit den Regierungen wegen ihrer Unterbringung zu verhandeln. Die finanzielle Lage des Flüchtlingskommissariats hat sich noch immer nicht geändert. Ueber das von privater Seite gesammelte Geld wird auch von privater Seite verfügt, in erster Linie nach wie vor, um die Ansiedlung von Juden in Palästina zu ermöglichen. So muß man denn ſeſtſtellen, daß die an und für sich be: grüßenswerte Idee, eine mit amtlicher Autorität ausgestattete Stelle für die Interessen der deutschen Flüchtlinge zu schaffen, jeden verliert, weil die Staaten und ihre Regierungen weder den Willen noch die Kraft haben, dieses Problem ernsthaft zu lösen. Der Sinn dieser Emigration Heinrich Mann und ein junger Deutscher Tausende sind hinausgegangen, fast alle Unbekannte und Ungenannte. Von den wenigen, deren Namen Deutschland und der Welt einiges sagt, leben die meisten in stiller Verborgenheit, weil sie für sich oder für ihre Angehörigen den Zorn der Machthaber fürchten. Und so sind es von den wenigen wieder nur ganz wenige, die mit ihrem Ansehen und ihrer geistigen Potenz den Kampf gegen das Deutschland von heute für das Deutschland von morgen führen. Unter ihnen ganz vorne steht der Dichter Heinrich Mann. unserer„ Geistigen" gehört, von ihren Höhen auf die tiefer liegenden Gefilde der Politik mit mitleidigen Geringschätzung herabzublicken. Damit haben sie sich gewiß viel Unannehmes erspart, aber sie haben auch zumeist versäumt, sich das Rüstzeug anzuschaffen, ohne das man nun einmal politisch nicht kämpfen kann. Ohne ausreichende Kenntnis der Jdeen und der Tatsachen, auf denen die Politik beruht, sind sie ebenso zu naiver Begeisterung geneigt wie vorschnell in pathetischer Verurteilung. Auch Heinrich Mann war von diesem Erbfehler deutscher Geistigkeit nicht immer ganz frei; aber er ist mit Erfolg bemüht, ihn abzulegen. Seine neue Schrift enthält mancherlei Erkenntnisse, von denen man wünschen möchte, daß fie Gemeineigentum würden. Heinrich Mann läßt keinen Zweifel daran, daß er die Verfolgung der Juden in Deutschland als eine ungeeine nicht weniger wertvolle Methode der Menschenerziehung ist: „ Die Erziehung zum Menschen war einst die Sache des Christentums; die Deutschen aber hatten ez abgelegt, es gründlicher als andere. Die Erziehung zum Menschen liegt, außerhalb der Kirche, bei der Demokratie allein. Die Deutschen aber sind zu lange verhindert worden, in ihre Lehre zu gehen, und als sie es endlich durften, während ihrer verspäteten Republik, taten sie es ohne Uebers zeugung, mit innerer Ueberhebung, daher wirkungslos. Sie hatten die Demokratie überwunden, bevor sie auch nur erfaßten, wem sie dient, nicht einem Staat, einer Klasse, sondern den Menschen." Hier tritt der Fall ein- der nicht seltener sein sollte als der umgekehrte daß der Politiker vom Dichter lernen kann. Denn dieser ist hier Verwalter eines hohen Gedankengutes unserer klassischen Philosophie und Literatur. Demokratie ist nicht Vermassung", wie sie der Hitlerismus betreibt, sondern im Gegenteil Befreiung Ser Persönlichkeit von der Massenuntertänigkeit und von jenem Drill, den man im„ dritten Reich" Gleichschaltung nennt. Jndem die Arbeiterklasse dieses Regime bekämpft, dient sie in der Tat nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Menschheit. Von hier aus kommt dann Heinrich Mann zu Einsichten, die man den kleineren der literarischen Emigration gern ins Stammbuch schreiben möchte: „ Wenigstens die im Ausland entkommenen kommn= nisten könnten jetzt feststellen, wie falsch es ist, wie falsch es immer war, fich näher bei Moskau zu fühlen als bei ihren deutschen Genossen von der anderen Partei. Die Sozialdemokratie hat die Republik verloren; jeder weiß es, rnd viele Emigranten verzeihen es ihr noch weniger, als sie den schlechten Siegern ihren unverdienten Sieg verzeihen. Voraus geht aber, daß die Kommunisten die Re: publik lähmten, anstatt daß sie mitarbeiteten, um sie zu radikalisieren. Sie hatten sich außerhalb der Republik gestellt, so verurteilten sie sich selbst zur Unwirksamkeit und brachten das Proletariat in eine stünstliche Minderheit, die den Feinden der Republik erst ihre gute Gelegenheit gab." Heinrich Mann hätte ganz gut noch hinzufügen können, daß diejenigen, die jetzt nach der Niederlage die Sozialdemokratie am heftigsten angreifen, schon zuvor meist kein besseres Geschäft gekannt haben. Jetzt scheint ihre größte Angst zu sein nicht daß das Hitlerregiment zu lange dauern, sondern daß die Sozialdemokratie sich in der Niederlage erholen könnte. Um dieses Unglück zu vermeiden, trügen sie wohl ruhig ein paar Hitlerjahre mehr! Mit den Ausführungen Heinrich Manns über den ,, Sinn dieser Emigration" hat der Verlag des„ Europäischen Merkur" in Paris die Schrift eines ungenannten jungen Deutschen,„ Arbeit für übermorgen", zu einem Bändchen vereinigt. Der junge Deutsche ist in vielem mit Heinrich Mann gleichen Sinnes. Auch er sieht in den deutschen Ereignissen nicht nur einen Kampf der Klasse um ihren Anteil an den Erträgnissen der Produktion, sondern viel mehr noch einen Sieg der Diktatur über die Menschenrechte, deren Rückeroberung die„ Arbeit von übermorgen" ist. Er schadet aber seiner guten Sache, indem er, ohne die notwendigen Kenntnisse zu besitzen, Kritik am Margismus übt. Was ihm als Rettungsmittel vorschwebt, ist eine Synthese von Liberalismus und Sozialismus und eine Transformierung des Marxismus ins Idealistische. Daß über diesen Gegenstand schon eine große Literatur existiert, scheint ihm entgangen zu sein. Beide Autoren- Heinrich Mann und der junge Deutsche - begehen den gleichen Fehler, wenn sie in der deutschen Emigration eine Art Aristokratie erblicken. Namentlich dem jungen Deutschen muß man sagen, daß wir alle, die wir draußen sind, Grund zur Bescheidenheit haben. Das höchste an Mut, das wir entwickeln können, ist nichts gegenüber dem Heroismus jener, die im Innern den stillen Krieg gegen das Regime führen. Ihnen zu helfen, indem wir die Weltmeinung für sie und unseren gemeinsamen Kampf mobilisieren, das scheint uns der eigentlichste..Sinn dieser Emigration". F. St. Für Torgler Jm ,, Neuen Vorwärts". Heraus mit dem Freigesprochenen! Das Spiel der Nazis mit dem Leben Torglers erregt in der ganzen Welt größten Protest. Die Lügenhaftigkeit der regierenden Partei, ihrer Minister und Beamten schlägt alle bisherigen Reforde. Wir registrieren: 1. Der Minister Göring hat einem amerikanischen Journalisten offiziell erflärt, daß Torgler sich vom Kommunismus abgewandt und dem Nationalsozialismus zugewandt habe. Als dieses Gerücht in der Auslandspresse verbreitet murde, protestierte die alte Mutter Torglers, die mit ihrem Sohn gesprochen hatte, leidenschaftlich dagegen. Göring war der gemeinen Lüge überführt und wagte nicht einmal zu dementieren. 2. In Berliner Stadtteilen Moabit und Neukölln wurden Flugblätter der NSDAP. verteilt, die behaupteten:„ Torgler hat sich zum Nationalsozialismus befannt ihr müßt euch auch dazu befennen!" Diese freche Lüge wird auf Anweisung der Geheimen Staatspolizei und des Propagandaministeriums verbreitet. 3. Ein offizieller Vertreter des Auswärtigen Amtes von Rosenberg erflärte dem englischen Earl of Listowel:„ Torgler sei überzeugter Nationalsozialister hätte sich jetzt zur Aufnahme in die SA. gemeldet." Auf die Frage:„ Warum ist er noch eingeferfert?", erfolgte die unerhörte Morddrohung gegen Torgler:„ Er ist zu seiner persönlichen Sicherheit in Haft. Es gibt viele alte S.- Leute, die ihn als mitschuldig an dem Tod von hundert SA.- Leuten halten. Wenn die Regierung Torgler frei läßt, fann sie sein Leben nicht garantieren!" Göring, Göbbels, Rosenberg, soviel Aeußerungen über Deutschland regiert und der Welt Maß und Ziel geben will" Während andere mit ihrer Kunst irgendeine Mittellinie suchen, auf der sie vielleicht ebensogut vor den anständigen Menschen wie vor den Göbbels und Johst be stehen können, sendet der tapfere Dichter Heinrich Mann eine Streitschrift nach der anderen in die Welt; und obwohl er als Mann um die Sechzig sich schon in dem Alter befindet, in dem nach der Ueberzeugung mancher Jungen heuere Schmach empfindet und daß er, der deutsche Torgler, soviel Lügen. Das ist der„ edle Rafiefern", der die Verkalkung unaufhaltsam fortschreitet, scheint er mit jedem Schlag stärker zu werden und sich höher zu recken. Seine neue kleine Schrift„ Der Sinn dieser Emigration" ist ruhiger, abgeklärter als der leidenschaftlich über Der Kampf um die geistige Freiheit in Deutschland, um die Wiederauferstehung menschlicher Gesinnung, wie ihn Heinrich Mann jetzt mit aller Kraft führt, ist ein poli fischer Kampf. Leider hat es stets zu den Fehlern ,, Arier", mit seinem ganzen Herzen bei den Verfolgten ist. Trotzdem warnt er davor mit Recht, eine Angelegenheit, die das ganze deutsche Volk angeht, als eine bloße Judenfrage zu behandeln. Er sagt denen, die es noch immer nicht begreifen wollen, daß es die deutsche Repu ihre Heimat verloren haben. Er sagt ihnen auch mit aus3u einem einzigen Verbrecherhaufen ist vor den Augen blik und der soziale Wohlfahrtsstaat waren, mit dem sie des einzigen Gerechten, unserer gottbegnadeten Regierung, gezeichneten Worten, daß Demokratie nicht bloß eine Staatsfrom, sondern auch eine wertvolle Gesinnung und die ganze Bevölkerung geworden, und es ist nur fonsequent, menn demzufolge die Regierung das ganze Land in ein Gefängnis umgestaltet hat," Lassalle, Stimmungsumschwung der Mittelschichten Die Gewerbetreibenden Berichte an die„ Deutsche Freiheit" Allgemein stimmen die Berichte darin überein, daß die Mißstimmung unter den Gewerbetreibenden besonders groß ist. Em Bericht aus Südwestdeutschland: „ Die Geschäftswelt und die Industrie mimen nach außen den Nazi; heben Händchen hoch; aber unter sich schimpfen sie wohl am meisten. Jeder Gewerbetreibende gehört irgendeiner, wenn möglich mehreren nationalen Verbänden an, trägt stets mehrere Abzeichen usw. Sie nörgeln aber über jede Abgabe, die ihnen auferlegt wird. In diesen Kreisen fursieren auch die meisten Wize über die führenden Männer und über die Regierung selbst. Die Bestimmungen, die von oben fommen, werden nur unter Druck durchgeführt. Aber mit irgendeinem Widerstand aus diesen Kreisen ist nicht zu rechnen." Ein Bericht aus Westsachsen: „ Die schon frühere berichtete miese Stimmung unter der Geschäftswelt und dem Bürgertum ist noch mieser geworden. Diese Kreise sind es heute vornehmlich, die wie die Rohrspaßen schimpfen, wenn sie wissen, daß niemand zugegen ist, der sie denunziert. Und es sind darunter viele Leute, die noch vor Jahresfrist ihre Freude, daß der Adolf nun kanzler ist, nicht laut genug hinausschreien konnten, und in den vergangenen Jahren feite Hitler gewählt haben. Heute sagen sie mit Entsetzen, daß sie es sich so nicht vorgestellt haben." Ein Bericht aus Berlin und der Provinz Branden. burg: „ Die Handwerfer und Gewerbetreibenden klagen darüber, daß das Geschäft noch schlechter gehe als früher und machen sich über die Arbeitsschlacht lustig, weil sie von der Verminderung der Arbeitslosigkeit in ihrem Geschäft und bei ihrem Absatz nichts spüren." Ein Bericht aus Südbayern mit einer bemerkenswerten politischen Feststellung: „ Die stärkste Unzufriedenheit zeigt sich beim Mittelstand, bei den Kleingewerbetreibenden und bei den kleinen Geschäftsleuten. Sie sind durch die Spendenwirtschaft sehr belastet worden, andererseits ist die Staufkraft der Massen nicht gewachsen und dadurch die erhoffte Geschäftsbelebung nicht eingetreten. Große Klagen hört man auch über die Gutscheine. Das Neich zögert sehr mit der Einlösung und schädigt dadurch den Geschäftsmann im Zinsendienst." Ganz ähnlich lautet ein Bericht aus Schlesien: Hier ist die Erbitterung besonders groß. Die ewigen Sammlungen und Abgaben bringen die Leute an den Bettelstab. Der Umjaß ist rapide zurückgegangen. Die Arbeiter können infolge der schlechten Löhne nur noch die billigsten Artikel kaufen und laufen natürlich in die Warenhäuser und Einheitspreisgeschäfte. Die Leute schimpfen wie die Rohrspaßen und diese Enttäuschung macht sich schon öffentlich in ihren Versammlungen der NS- Hago bemerkbar. Kürzlich war eine Versammlung in Görlig, dort trat ein Geschäftsmann in der Diskussion auf und sagte:„ Was habt ihr uns alles vorher versprochen, die Warenhäuser sollten geschlossen werden, die Konsumvereine sollten vernichtet werden, die Einheitspreisgeschäfte verschwinden. Nichts ist geschehen, wir sind belogen und betrogen worden." Der Mann ist am anderen Tage verhaftet worden. Darob große Ebitterung." Andere Berichte zeigen allerdings auch, daß die Hoffnung auf Besserung immer noch nicht ganz erloschen ist. So sagt ein Bericht aus der Rheinpfalz: „ Es wird viel kritisiert von den Bauern, Handwerkern und Geschäftsleuten. Viele unter diesen Leuten trösten sich aber damit, daß es vielleicht doch noch besser wird." Und in einem Berliner Bericht, der auch Erfahrungen aus der Provinz verwertet, wird dasselbe folgendermaßen ausgeführt: „ Die Lage der Kleingewerbetreibenden ist verzweifelt. Eigentlich sind alle ihre Hoffnungen schon begraben. Aber noch immer wirkt sich bei ihnen ein Teil der Propagandamittel, mit denen sie für das Regime gewonnen worden sind, aus. Noch immer glauben viele von ihnen im Ernst, daß z. B. die gegenwärtigen Außenhandelsschwierigkeiten auf irgend einen geheimen Trick der Juden zurückzuführen find." Schließlich noch eine Einzelmeldung aus Ostsachsen, die 99 einen interessanten Einblick in die Zustände in einer Kleinstadt gewährt: " In Zittau fand am Sonntagmorgen eine Versammlung der Friseurinnung statt, die mit großem Radau aufflog. Die Friseure wollen sich die Anordnungen eines 24jährigen Obermeisters nicht mehr gefallen lassen und sagten ihm öffentlich, daß er wohl vom Saufen und Huren etwas verstehe, aber nichts vom Geschäft. Er hat angeordnet, daß die Preise für Rasieren gestaffelt werden. Bei Friseuren mit feinem Gehilfen 20 Pfennig, mit 1 Gehilfen 25, mit zwei 30 und so weiter, immer 5 Pfennig mehr. Das Resultat: alles läuft zu den Kleinmeistern, wo es billiger ist, die Geschäfte mit Gehilsen stehen leer." Die Bauern Ueber die Stimmung unter den süddeutschen Bauern wird berichtet: „ Für den Faschismus nicht zu gewinnen sind die nach wie vor christlichen Bauern des bayerischen Oberlandes. Wenn viele von ihnen sich einst verleiten ließen, Hitler zu wählen, so sind sie heute längst davon furiert. Die Ideologie des Faschismus hatte sie nie erfaßt, trop„ Blut und Boden". Der Katholizismus ist dort nach wie vor eine Macht. In München fand am 21. und 22. April der erste bayerische Bauerntag statt. Man rechnete mit einer Besucherzahl von mindestens 50 000 Menschen aus allen Teilen Bayerns. Tatsächlich waren auf dem Königsplay, wo Ministerpräsident Siebert und Darré zu ihrer Gefolg= schaft sprachen, nach genauen Zählungen unserer Genossen nicht mehr als 15 000 Bauern angetreten. Das Straßenbild war nicht verändert. Die Polizei hatte das Difen halten der Ladengeschäfte genehmigt. Aber die GeschäftsIcute famen nicht auf ihre Rechnung. Die Kaufhäuser Uhlfelder und Tiek erklärten, bei solchen Gelegenheiten nicht mehr zu öffnen, weil die Spesen höher als der Umsat sind. Gespräche mit zum Bauerntag erschienenen Bauern zeigten, daß viele nur wegen der günstigen Gelegenheit nach München zu kommen, besonders wegen der Sonderzugsfahrpreise, erschienen waren. Die Begeisterung am Scönigsplatz war durchaus mäßig." Ein anderes Stimmungsbild aus einem brandenburgischen Dorf: ,, Die Bauern sind nicht nationalsozialistisch. Der 1. Mai verlief sehr mäßig. Man fann schon von einer richtigen Klassenscheidung im Dorf reden: auf der einen Seite stehen die NSDAP.- Mitglieder und Amtswalter, also der Amisund Gemeindevorsteher, die Beamten, die Arbeiter, auf der anderen Seite die Bauern, besonders die größeren. Die Anmaßung der Nationalsozialisten empört die Bauern immer aufs neue. Ein Beispiel: Eine Bauerstochter hatte der Eintopfsammlerin auf ihren Hitlergruß geantwortet: ,, Ach Gott, ich kann mich an den Quatsch noch immer nicht gewöhnen." Sie wurde denunziert und vor den Amtsvorsteher gerufen. Dieser drohte ihr Verhaftung an, wenn sie nicht 10,- Marf für die NS.- Volkswohlfahrt gebe, wozu sie sich dann schließlich auch bequemen mußte. Die Folge war eine erregte Stimmung im Dorf gegen die Nazis." Die allgemeine Mißstimmung findet ihre besondere Nahrung durch die Auswirkungen des Erbhofgesetzes. Ein Bericht aus Südbayern sagt darüber: „ Der Bauer hat kein Zutrauen zu den neuen Herren. Der legte Rest von Zutrauen ist durch das wahnsinnige Erbhofgesetz zerschlagen worden. Es fommen immer mehr Fälle vor, wo Bauern troß aller Bemühungen feinen Kredit befommen fönnen, wenn ihr Besiz Erbhof ist. Besonders furzfristige Personalfredite zum Zwecke der Frühjahrsbestellung machten faum lösbare Schwierigfeiten. Es ist jedoch zu erwarten, daß die Regierung durch das zu erwartende Erbhofentschuldungsgesetz die Krise der Kreditbeschaffung etwas zurückdämmt. Die wachsende Unzufriedenheit wird systematisch durch eine fluge Arbeit von den Kanzeln her unterstüßt. Wie starf die Kritik an der Gesetzgebung der Regierung ist, zeigt auch der Niederschlag der Reden auf dem bayerischen Bauerntag. Fast alle Redner, an der Spize Walter Darré, haben gegen die Nörgler am Erbhofgesetz Stellung genommen. Man vertröstete die Bauern mit der Erklärung, daß nur im Uebergangsstadium Schwierigkeiten in Erscheinung träten. Aber der Bauer sieht eben nur diese Schwierigkeiten und hält nicht viel von der Zukunft, die mit vielem Gerede von „ Blut und Boden" umnebelt ist." Freiwillige vor- wic 1914 Die verlorene Arbeitsschlacht ( Sopade.) Die neuaufgenommene Arbeitsschlacht wird jest wieder mit dem Ziel geführt, die alten Kämpfer", die Mitglieder der NSDAP. mit niedrigen Mitgliedsnummern, in Arbeit zu bringen. Diese Aktion sollte bereits im vorigen Sommer beendet sein, aber die Unternehmer haben sich vielfach geweigert, für diese alten Stämpfer" über die Erfordernisse des Betriebes hinaus neue Arbeitsplätze zu schaffen, zumal die Leistungsfähigkeit der Pg.3 in zahllosen Fällen nicht einmal das Minimum der Anforderungen er reicht. Hitler fann aber auf die Unterbringung der arbeitslosen SA.- Männer nicht verzichten, er muß möglichst viele mög lichst bald in den Produktionsprozeß abschieben. Da eine nirkliche Belebung der Wirtschaft nur in der Rüstungsindustrie eingetreten ist, und da somit neue Arbeitsplätze richt geschaffen werden können, geht man jetzt daran, jugendliche Arbeiter, die noch im Betrieb stehen, in den Freiwilligen Arbeitsdienst abzu schieben. Man schlägt dabei zwei Fliegen mit einer Klappe, man schafft freie Arbeitsstellen und zwingt die jungen Arbeiter gleichzeitig in die Ausbildungslager des Freiwilligen Arbeitsdienstes. In welchem Geiste diese Umgruppierung" erfolgt, das zeigt ein Bericht der nationalsozialistischen Zittauer Morgenzeitung" in 3ittau in Sachsen über einen Appell der Betriebsführer und Betriebszellenobmänner für die Arbeitsschlacht, der am 28. April stattfand. In diesem Appell wurde als erstes Ziel der Arbeitsschlacht die Unterbringung wurde als erstes Ziel der Arbeitsschlacht die Unterbringung aller alten Rämpfer" aufgestellt. Der Stoßtruppführer der Arbeitsschlacht, Bobert, seßte auseinander, daß die Möglichkeit der Schaffung zufäßlicher Arbeitsplätze nahezu erschöpft sei. Es bleibe daher nichts anderes mehr übrig, als Pläge durch Austausch zu schaffen. Die jungen Arbeiter müßten ihre Plätze in den Betrieben durch Uebertritt in den Freiwilligen Arbeitsdienst räumen. Nach diesem Appell veranstaltete man in Zittau eine Rundgebung für die jungen Arbeiter. Vor den jungen Arbeitern erinnerte der Leiter des Freiwilligen Arbeitsdienstes in Bittan, Oberfeldmeister Gäbler, an die Tage von 1914, wo sich ebenfalls viele Tausende von Jugendlichen bereitfanden, dem Vaterland in der Stunde der Not zu dienen. Im gleichen Sinne sprach der bereits erwähnte Stoßtruppführer in der Arbeitsschlacht, Bobert. Es sei wie damals, als das Vaterland, bedrängt durch äußere Feinde, das Volk aufrief. Wie sich damals Deutschlands Jugend zur Verfügung stellte, wie sie aus den Schulstuben, den Fabriken, den Kontoren, den Werkstätten herauseilte, um allein dem Vaterland zu dieren, so müsse sich auch die heutige Jugend in der Ebenso stellt ein Bericht aus Nordbayern feft: ,, Nirgends fann man bei den Bauern eine Begeisterung für das Erb hofgesetz feststellen. Ihre Bemerkungen kann man dahin zusammenfassen:„ Was nüßt uns ein Erbhof, der in etwa 30 Jahren schuldenfrei sein soll, wenn wir jetzt fein Geld aufnehmen fönnen, weil uns niemand etwas gibt." Ein Bericht aus Brandenburg/ Grenzmark: „ Sehr einschneidend wirkt sich auf dem Lande das Erbhofgesetz aus. Ueberall herrscht Unzufriedenheit. Nach dem Gesetz dürfen die Grundstücke nicht verschuldet werden, auch nicht zur Erbteilung und Aussteuer. Allein in dem Bezirk eines Notars sind in Auswirkung des Gesetzes 20 VerLöbnisse aufgehoben worden. Ein sehr bekannter Landhandelskaufmann äußerte vor zwei Tagen nach einer Besprechung im Ministerium, daß die Regierung von einer Vertrauensbajis auf dem Lande nicht mehr sprechen könne. In einem Falle wurde dem Sohne durch das Erbhofgeset die Vollendung des fast abgeschlossenen Studiums verboten, weil der Hof ohne Verschuldung die Kosten nicht auf= bringen fann. Wo Aeltestenrecht gilt, fehren ältere Söhne aus der Stadt zurück, verdrängen jüngere Geschwister und wirtschaften den Hof in Grund und Boden. Große Erregung in Regierungsfreisen über geheime Denkschrift von Professor Sering über das Erbhofgeset. Sering greift das Gesetz als Versklavung nachgeborener Söhne und Töchter an. Er sieht in Erbteilung und Verschuldung gerade Ursachen für Intensivierung, Modernisierung und allgemeiner gesteigerten Anstrengungen der KleinLandwirtschaft." Die Versicherungsgesellschaften haben durch das Erbhofgesetz eine neue Konjunktur auf dem Land bekommen. Sie machen den Bauern klar, daß sie jetzt unbedingt eine Lebensversicherung brauchen, weil sie sich ihr Altenteil nicht mehr hypothekarisch sichern können usw. Die Folge ist ein aufgeregter Erlaß der Landesbauernschaft gegen die ,, unlautere" Versicherungspropaganda, in dem Anwendung schärfster Mittel angedroht wird.( Näheres im„ Neuen Vorwärts" vom 6. Mai 1934). Neben dem Erbhofgesetz ist es die neue Zwangsbewirtschaftung landwirtschaftlicher Produkte, die den Unwillen der Bauern erregt, insbesondere die Eierbewirtschaftung. So heißt es in einem Bericht aus Ost= deutschland: „ Die Neuregelung der Eierverwertung hat unter den Bauern große Unzufriedenheit hervorgerufen, weil 1. das Verfahren nicht klappt( zum Teil sind zu wenig Eiersammler bestellt worden); größtenteils sind es unerfahrene Leute usw., 2. die ganze Einrichtung den Eindruck macht, als ob sie nur zur Befriedigung von NS.- Postenjägern erdacht sei. Die alten Händler hat man größtenteils nicht berücksichtigt." Ebenso ein Bericht aus Nordbayern: " In Weiden ist eine Eiersammelstelle eingerichtet mit sechs Angestellten. Bis jetzt beträgt der wöchentliche Umsatz in dieser Eiersammelstelle 3600 Gier, das ist ein Quantum, wie es sonst eine einzige Eierfrau umießt. Das beweist, daß die Bauern ihrer Ablieferungspflicht nicht nachkommen. Gerade unter den Bauern spricht es sich herum, daß jetzt sechs Angestellte notwendig sind, um so viel Eier umzusehen, wie sonst eine einzige Eierfrau umsetzt. Die Landbevölkerung ist der Meinung, daß diese Zwangswirtschaft sich nicht halten läßt." Neben den Schwierigkeiten der Zwangsbewirtschaftung - und ähnliche Berichte liegen auch aus anderen Landesteilen vor hat der ganze großspurige Aufbau des Reichsnährstandes mit den vielen neuen Aemtern und Würden das Mißfallen der Bauern erregt. Allein für die Unterbringung der Zentrale des Nährstandes in Goslar müssen Wohnungen für 3000 Menschen gebaut werden! Wie sich das in den unteren Instanzen auswirkt, zeigt ein Bericht aus Brandenburg/ Grenzmark: „ Bei dem Aufbau des Reichsnährstandes sind im allgemeinen alle früheren christlichen und Landbundgeschäftsführer von ihren Posten entfernt und durch Nationalsozialisten ersetzt worden. Bei einer Kreisbauernschaft in der Grenzmark ist z. B. ein früherer Kunstdüngervertreter als Stabsleiter eingesetzt worden. Die Folge ist, daß die Bauern nicht mehr zur Kreisbauernschaft gehen wollen, weil die Kreisbauernführer und ihre Angestellten doch nichts von den Dingen verständen." Stunde der Gefahr der Ehrenpflicht ihres Dienstes für das Vaterland bewußt sein. Der Jugendliche m... e seinen Arbeitsplatz freiwillig aufgeben und ein Opfer bringen für die anderen Volksgenossen, die jahrelang mit ihren Familien gehungert haben. Wie es 1914 keinen deutschen Vater und feine deutsche Mutter gegeben habe, die ihrem Sohn den Opferdienst am Vaterland verweigerten, so werde auch heute fein vernünftiger Vater seinem Jungen die Bitte abschlagen, daß er durch seinen uebertritt zum Freiwilligen Arbeitsdienst einen Platz für ältere Volksgenossen freimache. Große Teile der deutschen Jugend, die schwer unter der Wirtschaftskrise zu leiden haben, haben den Machtantritt Hitlers in der Hoffnung begrüßt, daß Hitler in kurzer Zeit sein Versprechen wahrmachen und die deutsche Jugend in geordnete Arbeitsverhältnisse bringen werde. Nach einem Jahr Hitler- Diftatur zählt das Heer der jugendliche a 1= beitslosen noch immer nach Hunderttausenden, und jetzt werden die noch in Arbeit stehenden Jugendlichen zwungen, ihre Berufsarbeit mit der Zwangsarbeit und den militärischen Drill in den Lagern des freiwilligen Arbeit 3= dienstes zu vertauschen. Viele junge Menschen in Deutschland werden sich jetzt erst des grausamen Betrugs bewust, den die sogenannte Nationalsozialistische Arbeiterpartei a: ihnen verübt hat. „ Das Recht auf Revolution ist ja überhaupt das einzige wirklich historische Recht", das einzige, worauf alle moder= nen Staaten ohne Ausnahme beruhen." Engels, Vorwort zu Mary' Klassenfämpfe", 1895. Deutsche Stimmen. Beilage zur Deutschen Freifieit" Ereignisse und Geschichten Donnerstag, den 24. Mai 1934 Die braunen Parvenüs Der neudeutsche Byzantinismus In einem Erlaß des Reichsinnenministers, der an die Landesregierungen gerichtet ist, heißt es: ,, Der Stellvertreter des Führers hat vor kurzem in einer an die Gauleiter gerichteten Verfügung gegen gewisse Erscheinungen Stellungen genommen, die mit der bescheidenen Zurückhaltung, die jeder Parteigenosse und besonders auch jeder Unterführer entsprechend dem Vorbilde des Führers in der Oeffentlichkeit beobachten sollte, nicht vereinbar seien. Der Stellvertreter des Führers hat in diesem Zusammenhang besonders auf Zeitungsartikel, Huldigungsadressen, Bildveröffentlichungen, Geburtstags- und Jubiläumsglückwünsche, Ehrenbürgerschaften, Straßenbenennungen, Beflaggung bei Besuchen usw. hingewiesen. Indem ich mir diese begrüßenswerten Ausführungen des Stellvertreters des Führers in vollem Umfange zu eigen mache, bitte ich, es auch den Inhabern öffentlicher Aemter in Reich, Staat und Gemeinden zur Pflicht zu machen, ihr Auftreten in der Oeffentlichkeit nach den gleichen Grundsätzen zu regeln. Im besonderen bitte ich dafür Sorge zu tragen, daß die Verleihung weiterer Ehrenbürgerschaften unterbleibt und daß Straßenum- und Straßenneubenennungen nach Lebenden nicht mehr stattfinden." Dieser Erlaß gegen den Byzantinismus läßt tief blicken! Er charakterisiert nicht nur die Untertanen, sondern vor allem die braunen Parvenüs in beamteter Stellung. Eine Begründung ist dem Erlaß nicht beigegeben worden. Wir erlauben uns, sie nachzuholen, indem wir der Oeffentlichkeit einige Illustrationsfälle unterbreiten. Reichsstatthalter Mutschmann, Sachsen Reichsstatthalter Mutschmann hat kürzlich Zwickau besucht. Er sollte eine Grube befahren. Der Eingang wurde mit grünen Gewinden verziert, die Flaggen aufgezogen, der Weg vom Tor zur Grubeneinfahrt mit frischem Kies bestreut. In der Grube wurden besondere Räumungsarbeiten verrichtet, neue Stollen wurden mit Asche betreut, ganz so, wie wenn früher der Geenig kam. Reichsstatthalter Sprenger, Hessen Am 5. Mai erschien der„ Mainzer Anzeiger", gauamtliche Tageszeitung der NSDAP. mit folgender Schlagzeile: ,, Ein Jahr Reichsstatthalterschaft. Am 5. Mai wurde Gauleiter Sprenger Reichsstatthalter in Hessen." Darunter sein Bild, 24 mal 18 cm groß. Aus dem Inhalt der Nummer: Große Gedanken in einfacher Form. Aussprüche unseres Reichsstatthalters." ..Unser Sprenger."„ Ein Jahr Reichsstatthalter." ,, Daten aus dem Leben des Reichsstatthalters." Dazu außer dem Brustbild zwei Seiten Bilder. Erste Bildseite: Der Reichsstatthalter im Dienst. Bildunterschriften: 1. Sprenger besichtigt das Gelände einer Siedlung im hessischen Ried, wo die großzügigsten Meliorationsarbeiten Deutschlands im Gange sind. 2. Der Führer kommt zum ersten Spatenstich der Reichsautobahn nach Frankfurt. V. I. n. r.: Rat Heß, der Gauleiter, der Führer, v. Blomberg. 3. Dr. Göbbels im Gespräch mit Sprenger. 4. Reichsstatthalterfahrt durch Hessen. Sprenger spricht in Oppenheim. 5. Bürgermeister Ritter begrüßt den Reichsstatthalter in Gau- Odernheim. Links der riesengroße Staf. Diehl. 6. Empfang Sprengers in Worms. 7. Staunen links, Lachen rechts. 8. Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger im Gespräch mit dem Kreisleiter Dr. Barth. 9. Des Gauleiters Heimat die sonnige Pfalz: Oberhausen, sein Geburtsort, wo er Ehrenbürger ist. 10. Allem gilt sein Interesse. Hier besichtigt er die alte Kaiserpfalz in Nieder- Ingelheim. 11. Sprenger grüßt die Jugend des Führers. 12. Bei der Gründung der rhein- mainischen Industrie- und Handelstages. 13. In Begleitung von SS.- Standartenführer Herbert auf der Tunnelbaustelle in Mainz. 14. Der Reichsstatthalter im Mainzer Stadttheater anläßlich der 100- Jahr- Feier seines Bestehens. Zweite Bildseite: Was Sprenger Freude macht. BildunterWas macht schriften: Unter Kameraden der Kampfzeit. mit mehr Freude als Arbeit und Brot zu geben, den Arbeitern persönlich den Spaten in die Faust zu drücken und ihnen die ersten Spatenstiche zu tun? Der Gauleiter bläst einen Hochofen an. 2000 Volksgenossen kommen dadurch wieder in Arbeit. Wie viel lieber würde Sprenger manchmal zur Axt anstatt zum Federhalter greifen! Und ist das Schwarze noch so klein. An einem der schönsten und bedeutendsten Orte im Gau. Kein Wunder, daß die Jungens ihn gerne haben. Sprenger schneidet das erste Brot an. Die Bilder selbst zeigen einen unvorstellbaren Grad der Eitelkeit des Mannes und des Byzantinismus seiner braunen Umgebung. Reichsjugendführer Baldur v. Schirach Der junge Mann hat kürzlich seinen 27. Geburtstag gefeiert. Durch sanften Druck, unterstügt vom Reichspropagandaministerium, hat er es erreicht, daß fast die gesamte deutsche Presse das bedeutsame Ereignis in langen Artikeln gefeiert und dazu sein Bild veröffentlicht hat. Bayerischer Staatsminister Schemm Staatsminister Schemm hat eine Schnupftabakfabrik in Regensburg besichtigt. Der Deutsche Tabakarbeiter richtete darüber: be,, Einen großen Tag erlebten die Regensburger, als in der legten Woche der Gauleiter und Staatsminister Pg. Schemm in Regensburg weilte, um die Schnupftabakfabrik... zu be sichtigen... An der Grenze unserer Stadt standen Oberbürgermeister Dr. Schottenheim und Kreisleiter Weigert bereit, um als Repräsentanten unserer nationalsozialistischen Stadtverwaltung dem hohen Gast würdigen Empfang zu bereiten. Für die zahlreichen Angestellten und Arbeiter der Fabrik selbst sollte der 12. März zu einem ganz großen Tag werden, zu einem Tag, der immer rot angestrichen sein wird. Schon am frühen Morgen hatte die Direktion an sämtliche weibliche Angestellte neue Schürzen und neue Häubchen verteilt und sie ihnen gleichzeitig als Geschenk und schöne Erinnerung kostenlos für ihre weitere Dienstzeit zur Verfügung gestellt. Grau und kühl senkte sich die Dämmerung über die winklichen( soll wohl heißen: winkligen) Straßen unserer Stadt. Dec Zorn ist da pipl Noch stelzen sie auf blechernen Kothurnen Und lärmen Siege ins verstummte Land; Doch all ihr Tun gleicht immer mehr dem Turnen Am Seil, das einen Abgrund überspannt. Die kalte Frechheit dieser Raubgesellen Weicht schon der Angst, die lähmend sie beschleicht. Der Zorn ist da, und er wird weiterschwellen, Bis seine Flut zerschmetternd sie erreicht. Da helfen nicht Geschrei, nicht Bastionen, Nicht Lügen, nicht brutale Knechtung mehr. Der Zorn rollt an, und er wird keinen schonen, Der Zorn wird strafen, gnadenlos und schwer. Ist frei das Volk dann von den Skorpionen, Wird Recht ihm blühn von seinen Wurzeln her. Wer ist Acier? Horatio. Eine neuartige, interessante Definition des Begriffs ,, Arier" hat sich der Rassentheoretiker des ,, dritten Reiches", Dr. von Leers, ausgeklügelt, um Beleidigungen ausländischer Völker in Zukunft zu vermeiden. Im Zentralblatt für Landärzte" in Neustadt gibt er nun in einem Artikel, betitelt ,, Was ist arisch? eine Zusammenstellung und Erläuterung des Ariertums. Danach ist jeder Mensch arisch ,,, der kein( im arischen Sinne) minderrassiges Blut trägt. Zu den Minderrassigen gehören außer den Juden die außereuropäischen primitiven Rassen, wie Neger, Indianer, Eskimos usw. Die hohen Kulturrassen des Fernen Ostens dagegen sind nicht als primitivrassig, sondern als anders rassig zu bezeichnen." Demnach müßte jetzt Göbbels' Schimpfname Asiaten" endgültig abgebaut werden. Und Hitler hat einmal behauptet: ,, Arier sein heißt deutsch sein." Also sind nunmehr die Mongolen und Malaien Deutsche geworden. Die Grenzen Großdeutschlands werden immer weiter gezogen. Und die armen Arier wissen auch bald nicht mehr ein noch aus mit ihrer ganzen Verwandtschaft! Einige Minuten später rollt schon der schnittige Wagen Zeit- Notizen unseres Gauleiters und Kultusministers Schemm an unter begeisterten Heilrufen der Umstehenden..." Erschütternd aber, tief ergreifend wird es in der Tabakspinnerei: ,, Dort stehen einige ganz alte Arbeiter, die schon auf eine Dienstzeit(!) von zwei bis drei Jahrzehnten zurückblicken können. Staatsminister Schemm begrüßt diese verdienten Schnupftabak veteranen" persönlich und er scheut sich selbst nicht, auch einem alten Arbeiter die nervige und über und über mit Tabaklauge beschmutzte Hand zu drücken! Welcher Minister des vergangenen Systems, der vermutlich in Frack und Zylinder erschienen wäre, hätte jemals einen derartigen gewöhnlichen" Beweis gemeinschaftlicher 66 Schicksalsverbundenheit gewagt..." Preußischer Staatsrat Forster Der preußische Staatsrat" und Landesleiter der NSDAP. Danzig, Forster, hat sich dieser Tage mit einem Fräulein Deets kirchlich trauen lassen. Die„ Danziger Neueste Nachrichten" berichtete über diese weltbewegende Angelegenheit dreispaltig: und bringen vier Bilder, garniert mit einem so entsetzlichen Hymnus, daß einem bereits nach dem Genuß der ersten drei Zeilen die Magennerven hochgehen. Die Bildertexte:..Gauleiter Streicher als Gast bei der Hochzeitsfeier.- Das junge Paar und Reichsminister Heß am Fenster des Hochzeitshauses. Nur mit Mühe wird die begeisterte Menge in Schach gehalten.- Die Neuvermählten beim VerDie Neuvermählten beim Verlassen der Christuskirche." Weiter erfahren wir, daß Gauleiter Forster SS.- Uniform trug, während ,, die Braut ganz in weißer Seide" war. Das alles und noch vieles andere ist Hitler zu viel geworden. Er hat sich gesagt: wo bleibe ich? Er hat es den Schemm, Mutschmann, Forster, Sprenger usw. verbieten lassen. Nur die obersten Götter dürften noch, vor allem er selber. Eben erst ist wieder ein Kanal nach ihm benannt worden: AdolfHitler- Kanal. friedlichen Zusammenlebens der Völker bug Wie die Neue Zürcher Zeitung" berichtet, hat der Aufsichtsrat der Schweizerischen Schillerstiftung Ehrengaben an 19 Schweizer Schriftsteller verliehen, davon neun deutscher, sechs französischer, vier italienischer Nationalität, ferner einen Ehrenpreis für rätoromanische Schriftsteller( Engadin) ausgesetzt. Die Verteilung entspricht nicht dem Stärkeverhältnis der Nationalitäten, ist aber offenbar von dem ganz überwiegend deutschen Aufsichtsrat aus sachlichen Gründen beschlossen worden. Immer wieder zeigt die Schweiz vorbildlich für das von nationalem Fanatismus und kleinlichen Eifersüchteleien beherrschte Europa, wie die Völker in Frieden und Freundschaft zusammenleben könnten, wenn sie sich von der Pest der nationalistischen Verhegung befreien und zu einem internationalem Gemeinwesen zusammenschließen würden. Neue arktische Expedition der Sowjetunion In Wladiwostok werden die letten Vorbereitungen für eine neue arktische Expedition getroffen, die am 15. Juni die Durchfahrt durch das Eismeer in der Richtung von Osten nach Westen( von Wladiwostok nach Murmansk) versuchen soll. An der Expedition werden insgesamt 8 Schiffe unter Führung des Eisbrechers Litke" teilnehmen. Während der Eisbrecher jedenfalls direkt nach Murmansk fahren wird, werden die anderen Fahrzeuge teilweise an den ihnen angewiesenen Punkten des Eismeeres überwintern, um dort geologische und metereologische Forschungsarbeiten durchzu führen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch der Eisbrecher Krassin", der nach seiner Reise durch den Panamakanal bereits Kanada passiert hat, sich ebenfalls an dieser Expedition beteiligt. In einem Telegramm haben die Teilnehmer der Tscheljuskinexpedition sich für die neuen Unternehmen in der Arktis zur Verfügung gestellt. Wilhelm Vischer den kirchlich- theologischen Kampf nicht auf trots aller Versicherungen der offiziellen Stellen, daß man das von oben Die Entlassung eines schweizer Gelehrten herab gar nicht zulasse? Im Falle Vischer liegen die Dinge Immer weiter gibt die Lage im deutschen Protestantismus Seite, das ihn zu den führenden Köpfen der alttestament hatte, es ablehnte, eine Entscheidung zu treffen. Die zu Besorgnissen Anlaß. Ein neues Beispiel ist der Fall Vischer. Eben ist, so schreibt die Basler ,, National- Zeitung", nämlich dem Basler Theologen Wilhelm Vischer bedeutet worden, daß es mit seiner Arbeit an der freien theologischen Fakultät in Bethel bei Bielefeld aus sei. Diese theologische Schule ist eingegliedert in die Bodelschwinghschen Anstalten. Sie steht also nur mittelbar unter dem preußischen Kultusministerium, unmittelbar unter einem freien Kuratorium. Vielleicht gerade darum bemüht sich diese Schule, nachzuweisen, daß sie einwandfrei dem neuen Kurse sich einfüge, wie er von den im kirchlichen Raume an der Macht befindlichen Deutschen Christen angegeben wird. Wenigstens scheint das hervorzugehen aus einem kürzlich in verschiedenen deutschen theologischen Blättern veröffentlichten Bericht aus der Feder eines Betheler Studenten über den Geist, der unter den Schülern dieses Institutes herrsche. Wilhelm Vischer ist vor einer Reihe von Jahren aus einem schweizerischen Pfarramte heraus durch den Leiter der Bodelschwinghschen Anstalten, den im deutschen Kirchenstreit viel genannten, seinerzeit zum Reichsbischof ernannten und dann von den Deutschen Christen gestürzten Pastor v on Bodelschwingh an diese Schule berufen worden, um an ihr das Fach des Alten Testaments zu vertreten. Vischer hat sich dieser Aufgabe in ganz ausgezeichneter Weise unterzogen. Wir verdanken seiner Feder eine Reihe von hervor. er die alttestamentliche ragenden Beiträgen, in denen Wissenschaft weithin auf ganz neue Bahnen gewiesen, sie zur Besinnung auf ihre eigentlichen Aufgaben geführt hat. Gewiß, er ist mit seinen Forsch ngen und Veröffentlichungen noch umkämpft, aber er hat schon weiten Anklang gefunden. lichen Wissenschaft im deutschen Sprachgebiet zählte. Ueberdies hat sich Vischer als Lehrer in seinen Vorlesungen und in seinen Uebungen zur hebräischen Sprache einen Namen gemacht. Zahlreiche junge Theologen haben von ihm Entscheidendes empfangen. Und endlich galt er in Bethel als einer der kraftvollsten Prediger innerhalb der Anstaltsgemeinde. Wir sagen das nicht, um hier seine Verdienste als solche aufzuzählen, sondern um nur auszudrücken, daß es ganz gewiß nicht mangelnde Leistungen in seinem Fache gewesen sind, die Anlaß gegeben hätten zu dem Vorgehen gegen ihn, das nun zur Entlassung führt. Sondern Vischer muß ganz einfach darum gehen, weil er innerlich mit dem Kurs nicht einverstanden sein konnte, der zur Zeit auch in Kirche und Theologie durchgesetzt werden soll. Weil man Vischer zur Gruppe der gegen diesen Deutschchristenkurs Opponierenden rechnete und weil seine innere Einstellung in seinen Predigten und Andachten und auch Vorlesungen( man bedenke: Vischer liest über das den Deutschen Christen so verdächtige Alte Testament!) etwa zutage trat Vischer ist in dieser Hinsicht bespitelt worden, darum wurde er in Bethel als untragbar bezeichnet. Und um ihn wegzubekommen, wurde er bei der lokalen Leitung der nationalsozialistischen Partei politisch verdächtigt, obgleich er sich politisch niemals betätigt hatte. Auf Grund davon wurden ihm Predigt und Vorlesung und jede weitere Art des Wirkens verboten. Und dieses Verbot scheint nun endgültig ausgesprochen worden zu sein. Es sind drei Fragen, die sich anläßlich dieses neuen Falles roz Gewalttat im kirchlichen Raume erheben. Einmal: warum so, daß die Berliner Regierung, an die Vischer sich gewandt liege bei Bielefeld. Aber sie fiel dann um so rücksichtsloser von seiten nicht etwa der Anstaltsleitung, sondern der lokalen Parteigewaltigen in Bethel. Diese erklärten, Vischer könne nicht mehr als Lehrer geduldet werden. Dann fragt man sich allerdings weiter nach der Rolle, die Bodelschwingh und sein Kuratorium in dieser Sache gespielt hat. Hatte die Leitung der Anstalt nicht die Kraft oder hatte sie nicht den Willen, Vischer gegen die mächtigen Einflüsse zu schüßen, die auf seine Entlassung hinarbeiteten? Die vielen Freunde, die die Bodelschwinghschen Anstalten auch bei uns in der Schweiz besitzen, werden sich um diese Frage sehr interessieren. Man traut hier Bodelschwingh selber wahrhaftig alles Gute zu. Könnte er nicht noch in letter Stunde ein Machtwort sprechen? Oder ist er selber an seiner eigenen theologischen Schule nicht mehr Herr der Lage? Und endlich: Wo bleibt eigentlich der Einfluß unserer schweizerischen politischen Stellen solchen willkürlichen Entlassungen verdienter schweizerischer Akademiker in Deutschland gegenüber? Könnte nicht unsere Gesandtschaft in Berlin angewiesen werden, in solchem Falle einen Schritt zu tun? Sogar die Frage, ob nicht, so unsympathisch dies wäre, zu Repressalien gegriffen werden müßte, legt sich alsgemach nahe. Müssen wir wirklich tatenlos zusehen, wie unsere Leute ohne jeden sachlichen Grund, jedenfalls ohne nachweisbaren poli tischen Grund, vor die Türe gesetzt werden, einfach, weil sie gewissen Kreisen innerhalb der deutschen Kirche nicht genehm sind? Die Sympathien des evangelischen Auslandes, ja des gesamten Weltprotestantismus erwirbt sich das gegenwärtige evangelische Deutschland auf diesem Wege sichez Eben erst hörten wir ein Urteil von deutscher theologischer Lort das Hineinspielen des politischen Parteiapparates in nicht. Sollte ihm das wirklich so ganz gleichgültig sein? .Deutsche Freiheit". Nr. 117 Das bunte Matt Donnerstag, 21. Mai 1SS4 Algier Von Peter Vormann Sechsunddreißig Stunden von Paris, fünfundzwanzig von Marseille, sollte Algier alle wahren Naturfreunde, alle Lieb- Haber pittoresker, einzigartiger Naturschönheiten hinüber» ziehen in die französische Uebersee-Provinz. Das an Naturschönheiten so reiche Frankreich zeigt hier seinen Touristen eine Fülle landschaftlicher Reize, eine kaum glaubliche Ber- ichiedenheit von neuen Bildern, Rassen, Sitten, Farben und Licht. Hier erlebt man zugleich den feenhaften Orient der Märchen aus„Tausendundeine Nacht", wo in den dichtbevöl- kerten Stadtvierteln sich der wehmütige Klang des Muezzin mit den Gesängen der Frauen mischt, die an den Fenstern der jasminparfümierten Häuser lehnen, man erlebt den blumenprächtigen Süden, das farbenfreudige Spanien und das jugendlich-feurige Südamerika. Kein einziger Schriftsteller hat bis jetzt die Eigenart Algiers getreu zu beschreiben gemutzt: ivas gesagt wurde, ivar entweder dichterische Lüge oder bedauernswerter Sophismus. Algier setzt jeden Neuling in Erstaunen und Bewunderung durch seine starken Kontraste, die sich gleich bei der ersten Berührung mit diesem Lande dartun. Die Stadt Algier selbst ist eine moderne französische Hauptstadt, dort kennt man noch nicht die Krise. Die Frauen sind elegant und hübsch. Die Mohammedanerinnen tragen noch den Gesichtsschleier, aber auch Seidenstrümpfe und Ab- sätze Louis XV. Das hatte der Koran nicht vorausgesehen. Auf den Trümmern einer alten Piratensiedlung ausgebaut, bietet Algier einen eigentümlichen Kontrast zwischen dem modernen Stadtteil und den die Anhöhen rings um die Stadt sich hinaufziehenden alten Straßenzügen, den Be- hausungen der Eingeborenen, wo die weißen Gestalten der verschleierten Frauen sich mit Exemplaren aller mittellän- difchen Rassen kreuzen. Der Meeresstrand von Algier bietet dieselben Annehmlich- keiten wie die weltberühmte Riviera auf der anderen Seite des Mittelländischen Meeres. Ein wenig mehr ins Land hin- Puck Von llucien teblanc ein breiten sich weite Orangen- und Zitronenplantagen aus und ausgedehnte Palmenhaine bieten eine herrliche Frische in der unendlichen Hitze. Schließlich lernt man auch die Sahara kennen, die ganz allgemein„Wüste" genannt wird. Sie beginnt Söll Kilometer von Algier und ist der angenehmste Week-end-Aufenthalt, wo der neue Besucher eine Fülle überraschender Eindrücke erhält. Die Oasen sind wahre paradiesische Inseln auf der Erde, Inseln aus Grün und Blumenpracht, wo die Stille nur durch das Gurren weißer Tauben und das Rauschen kleiner Ouellbäche unterbrochen wird. Aus dem Rücken der Kamele— aber auch auf tadellosen Autostraßen findet man Zugang zu den paradiesischen Inseln. Die Sahara, bisher unbekannt und gefürchtet, ist dem Tourismus erschlossen— wenigstens in der Umgebung von Algier. In dem Atlasgebirge, besonders in den dem Mittelmeer zugewandten Teilen, findet sich herrliche Gelegenheit für Alpinisten. Die Bergspitze von Lala Khedidja und die Um- gcbung von Maillot bieten ausgezeichnete Möglichkeiten für leichte Bergbesteigungen. Auf den Höhen schneit es oft und so kommt es, daß man in Algier, dem Lande der Sahara und des Sirokko, in einer Entfernung von nur 60 Kilometern von der Stadt Algier entfernt, Ski fahren kann. Man ist in Algier überhaupt sehr sportliebend, aber man ist stets von einem unwahrscheinlichen Lokalpatriotismus beseelt. Keine Sportveranstaltung ohne Gendarmen... Der Sportenthusiasmus geht so weit, daß man selbst bei den Straßenbahnen eine Unannehmlichkeit in Kauf nimmt, weil sie eine gewisse sportliche Betätigung mit sich bringt. Die algerischen Straßenbahnen stehen auf einem so hohen Unterbau, daß man die Beine schon sehr hoch ziehen muß. um aus die Plattform zu gelangen. Das ist die kleine spart» liche Betätigung. Nun haben aber die Algierinnen sehr hübsche Beine— und das ist vielleicht ein zweiter Grund für die Beibehaltung der alten Straßenbahnen... Puck wurde am 14. Mai 1933 geboren. Obwohl er schon von Geburt an sehr anfällig war, bekümmerte sich seine Mutter gar nicht um ihn. Seine Mutter war sehr schön: ihr Kragen war silbergrau, ohne jeden gelblichen Ton, wie ihn die gewöhnlichen Damen ihrer Art trugen. Ihre Augen waren dunkelrot, wie Rubin. Sie war ebenso stolz wie leichtlebig. Das Kind störte sie nur in ihren Erfolgen. Sie bekümmerte sich einfach nicht darum, daß sie Puck geboren hatte. Zumal nicht einmal sie seinen Vater kannte. Puck war vom ersten Tag an einsam. Traurig und winzig lag er in seiner Ecke, beim Atmen hob und senkte sich das ganze schmächtige Körperchen. Die Augen hielt er fast immer geschlossen. Sie waren von schweren Lidern verdeckt. Es hatte immer den Anschein als ob er schliefe, wenn sich diese schweren Lider nicht ab und zu gehoben hätten. Dann blickte Puck einige Augenblicke um sich, seine Augen waren dunkel und trübe. Dieser trübe Blick, dieses atmende schmächtige Körperchen, diese Winzigkeit— dies alles rührte den alten Wärter Max. Ohne Max wäre Puck nicht Puck gewesen, erst Max hat ihm seinen Namen gegeben, wie er ihm auch seine Mütze als Bettchen gab und seine alte Weste als Decke. Wie Puck auch nur Max allein die kurzen Wochen seines irdischen Ruhmes zu danken hatte. Denn allmählich sprach es sich herum, daß nicht der neue Löwenzwinger, nicht die Pinguineninsel, nicht das große Nashorn und die frisch importierten Wüstentiere, sondern Puck der kleine Pavian die Hauptsehenswürdigkeit des Zoos sei. Wenn Max auf einer Bank in der Sonne saß. die Mütze auf dem Schoß, und darin den schlafenden kleinen Puck, so umstand ihn bald eine dichte Menge Kinder, und hinter den Kindern drängten sich die Erwachsenen, und alle fanden den kleinen Puck„süß" und waren gerührt von dem scheu atmen- den, trüb in die Sonne blinzelnden Etwas. Max erlaubte es zuweilen, daß kleinere Kinder Puck streicheln dursten, neidisch blickten dann alle anderen. Alsbald erschien ein großes Plakat auf allen Anschlag- säulen, von einem bedeutenden Künstler gezeichnet. Man sah Puck daraus, klein, schmal und grau, wie er in der großen grünen Mütze sitzt. Und in riesigen Buchstaben stand darunter:„Besucht im Zoo Puck, den kleinen Pavian". Die Zeitungen brachten Berichte über ihn, wiesen darauf hin, VltfrfC wie selten neugeborene Paviane in der Gefangenschaft am Leben bleiben, und wie es das Verdienst ber kunstgerechten Pflege des berühmten Zoodircktors sei, daß Puck noch lebe. Sie übergingen auch Max nicht, den in treuen fünfund- zwanzigjährigen Dienstjahren ergrauten Wärter, den Lieb- ling der Tiere, dessen Fürsorge es zu danken sei, daß Puck noch atme. Diese Berichte zumal griffen ans Herz, die ganze Stadt war gerührt, und an den Sonntagen mußte der Zoo zeitweilig gesperrt werden vor Ueberfüllung. Der Wasser-Motor Line epochemachende Erfindung In London ist jetzt eine neue technische Erfindung an die Oeffentlichkeit gebracht worden, die in wenigen Jahren eine vollkommene Revolution aus dem Gebiet des Motoren- wesens herbeiführen wird. In der Tat ist es einem Inge- nicur nach fünfzehnjährigen Bemühungen gelungen, einen Motor zu konstruieren, denen Antriebsstosf— Wasser ist. Es handelt sich um eine Kombination der Tamps- und Ber- brennungsmaschine. Diese Erfindung, vielleicht die erstaun- lichstc aller Zeit, ermöglicht es, Seewasser als Brennstoff zu benutzen. Das Wasser wird innerhalb des Motors destilliert und dann durch einen elektrischen Strom in seine Kompo- nenten Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Tie Gase werden in die Maschine geleitet, komprimiert, erwärmt und dann in einen überhitzten Dampf verwandelt, der sich ausbreitet und auf die Kolben drückt. Der Erfinder begann seine Experimente vor zwanzig Jahren, indem er Zylinder in seinem Laboratorium mit Sauerstoff und mit Wasserstoff füllte. Der Anfang war nahe- zu der Erfolg: es gab nämlich eine ungeheure Explosion, die das ganze Laboratorium zerstörte. Bor elf Jahren war die Erfindung vollendet. Inzwischen ist sie verbessert und in vielen Tingen erweitert worden. Eine besondere Eignung kann eine derartige Maschine in Unterseebooten finden, nicht nur. daß das Boot immer genügend Borräte an Betriebs- stoff haben wird, wird es auch dreimal länger als die beu- tigen Boote unter Wasser bleiben, da die Mannschaft immer frische Sauerstoffzusuhr durch die Maschine erhält. Während an eine Verwertung dieser Erfindung zunächst nur tür Schiffsmotore gedacht ist, werden in einem späteren Ent- wicklungsstadium auch alle übrigen Maschinen mit diesem System ausgestattet werden. Der Mann mit den 200 Aekretaren Vor dem Pariser Gericht stand dieser Tage ein Herr Gri- mand. der den Ruhm für sich in Anspruch nehmen kann, der Mann mit den meisten Sekretären gewesen zu sein. Aller- dings hatte das mit den Sekretären ein« besondere Bewandt- nis, denn Herr Grimand verlangte von den Leuten, die er als Sekretäre engagierte, die Hinterlegung einer Kaution von 15 000 bis 20 000 Franken, und es fanden sich tatsächlich etwa 200 junge und alte Herren, die soviel riskierten, um sich eine Stellung als Sekretär bei dem angeblichen Inge- nieur Grimand zu sichern. Herr Grimand gelang es auf diese Weise, einige Millionen Franken in seine Kasse zu bekom- men und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen Jetzt kann er über seine Gaunerei zwei Jahre nach- denken und statt seiner leichtgläubigen Sekretäre werden ihn jetzt weniger leichtgläubige Gesängniswächter umgeben. «• Ein reicher Kunstfreund lud einst neben anderen Be- rühmtheiten Franz Liszt zu Gast. Aus dem Gedanken her- aus, seinen Gästen ein billiges Konzert zu bieten, notigte er Liszt gleich nach Tisch in aufdringlicher Weise zum Spielen. Liszt. der gegen diese Einschätzung seines Talentes einen verständlichen Widerwillen empfand, setzt sich anS Klavier, machte ein Glissando Tastatur hinaus, die Tastatur hinab, schloß den Klavierdeckel und entfernte sich mit den Worten:„So, mein Diner ist bezahlt." Am 5. Juli aber starb Puck. Er hatte kaum sechs Wochen gelebt. Die Trauer und die Anteilnahme an seinem Tode war ungewöhnlich. Wieder pilgerte alles in den Zoo und umstanden Max, der nun allein auf seiner Bank in der Sonne saß, die leere Mütze neben sich, und der gegen ein kleines Trinkgeld gerne erzählte, wie rührend gut, wie zart, wie süß Puck gewesen ist, der kleine Pavian, vor dessen An- blick selbst die lautesten Kinder scheu verstummten, die rohe- sten Besucher mitleidig und weich wurden. Und Tränen kamen in Max Augen, wenn er von dem stillen Tod des kleinen Pavian Puck berichtete, der starb, weil die Kreatur zu gut ist für diese Welt... „Ich schwärme geradezu für Neuyork." sagte Herr Mä- derich.„Die Wolgngraddscr und die Lichdreglame und die Undergrundbahn— alles biko bello! Aber am hibschden war doch die Uewersahrd. Wenn Sie mal nach Ameriga machn solldn, dann versäumen Sie vor allen Dingen nich die Uewersahrd....1" «- Der große Tropenjäger Kimmekorn packte sein Jagdgewehr, lud es mit Patronen, schlifs den Hirschsänger und setzte seinen stahlgestählten Helm auf. Die Freunde staunten: „Tu gehst wieder auf die Jagd? Nach Afrika?" Der Tropenjäger schüttelte besorgt den Kopf: „Nein, aber in die Küche. Der Köchin kündigen." Äl Capone, der Familienvater Das Märchenschloß in Miami Beach— Die fromme Frau de« Gangsterkönigs— Wenn Capone junior zur Schule geht Al Capone, der König der Gangster, sitzt im Gefängnis, aber die amerikanischen Journalisten werden nicht müde, auch jetzt noch um dieses gekrönte Haupt immer neu den Lorbeer romantischer Anekdoten zu winden. Jeden Tag fast kann man in den Zeitungen irgend eine mehr oder weniger sensationelle Nachricht über Al Capone lesen.— ein König bleibt eben ein König, auch wenn er nur ein Räubermonarch ist, der noch dazu hinter schwedischen Gardinen residiert. Es hat sich, was Al Capone betrifft, beinahe eine besondere Art des Hosberichtes herausgebildet, und da diese Hofberichte von den hungrigen Lesern immer noch verschlungen werden, geben die Reporter keine Ruhe. Jetzt hat sich dieser Tage einer in den Kopf gesetzt, etwas Näheres über Al Capones Frau und Sohn zu entdecken, und dieser Reporter hat dabei höchst merkwürdige Dinge entdeckt. Frau Capone wohnt nämlich immer noch in einer Luxus- villa in Miami Beach auf Florida und sie lebt dort wirklich wie eine Königin im Exil. Ter amerikanische Reporter hatte alles in Bewegung gesetzt, um zu diesem Märchenschloß Zugang zu erhalten. Aber Märchenschlösser haben eben die Eigenschaft, unerreichbar zu sein, und so wurde ihm also, als er das Tor erreicht, von einigen handfesten und be- waksneten Männern bedeutet, daß er es gefälligst nicht wagen sollte, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Der Reporter machte notgedrungen kehrt, aber er forschte weiter, und jetzt ist ihm der große Wurf gelungen. Em früheres Mitglied der Capone-Banbe hat ihm das Geheim- nis des Märchenschlosses anvertraut, und diese Erzählung beweist nicht nur, daß ein Gangsterkönig auch im Gefängnis weiß, was er seiner Ehre schuldig ist, sie beweist vor allem, daß auch in dieser rauhen Brust das echte Herz eines Familienvaters schlägt. Ja, die Geschichte ist rührend und romantisch zugleich. Denn, so erzählt der Reporter, noch in seiner Zelle ist Al Capone um das Wohl seiner Familie besorgt und täglich gibt er Befehle, was für seine Frau und seinen Sohn zu ge- schehen hat. So hat er bekohlen, daß seine Frau das Haus nicht ohne Bewachung verlassen darf, und daß sein Sohn nur unter Begleitung von bewaffneten Männern zur Schule gehen darf. Ja, es ist eine rührende Geschichte. So lebt also Frau Capone in märchenhafter Abgeschieden- heit, und der Reporter teilt sogar mit, wie sie ihren Tag ver- bringt. Frau Capone ist heute eine Frau von dreißig Jahren, aher die Erlebnisse ber letzten Zeit haben tiefe Ringe um ihre Augen gezeichnet. Ach, es ist nicht leicht, die Frau eines Gangsterkönigs zu sein! Sie ist eine fromme Katholikin, und der Reporter vergißt nicht, seinen Lesern mitzuteilen, daß sie jeden Morgen zur Messe in die Kirche geht,— natürlich be- gleitet von ihrer Leibgarde. Wenn sie dann zurückkommt, be- ginnt das sogenannte Familienleben. Sie frühstückt mit ihrem Sohn, dem ihre ganze Liebe gilt,— allerdings macht sich der Reporter dabei einer unverzeihlichen Unterlassung schuldig, da er die staunende Mitwelt darüber im Unklaren läßt, was denn eigentlich die Familie Capone zum Frühstück zu sich nimmt. Dann kleidet sich Frau Capone um, sie ist natürlich immer sehr vornehm angezogen, und sie bringt ihren Sohn zur Schule. Dieser Schulweg gleicht einer feierlichen Zeremonie. Mutter und Sohn steigen in ein gepanzertes Auto, das natürlich flankiert ist von zwei anderen Wagen, in denen die Leibgarde Platz nimmt. Der junge Herr Capone ist übrigens ein glänzender Golfspieler, und Papa Capone hat strenge Anweisung gegeben, baß diese Talente seines hoff- nungsvollen Sprößlings entsprechend gepflegt werden. Ja, und dann erzählt ber Reporter noch von herz- zerreißenden Einzelheiten, die sich abspielen, wenn Frau Capone ihren Gemahl im Gefängnis besucht. Sie besucht ihn sehr oft, und manchmal nimmt sie auch ihren Sohn mit. Dann besonders weint Al Capone dicke Tränen, und die Ge- fängniswächter sind meistens so taktvoll sich leise sortzu- schleichen, um dieses wahrhaft rührende Familienidyll nicht zu stören. Der„Mann aus Eisen" weint,— wer hätte das gedacht? Er möchte für sein Leben gern einmal seinen Sohn Golf spielen sehen! Die amerikanischen Strasbehörden indessen sind der Meinung, daß ihm diese Baterkreube wenigstens vorläufig versagt bleibt. James Irving. 180 Millionen Rundfunkhörer Das Internationale Rundsunkbüro in Genf, dem aus allen Teilen der Welt authentisches Material zugeleitet wird, veröffentlicht die Mitteilung, daß sich die Zahl der Rund- funkhörer der Welt im Jahre 1933 um etwa 20 Millionen er- höht und damit auf 180 Millionen gestiegen sei. Nord- amerika verzeichnete Ende 1933 etwa mehr als 29 Millionen Hörer, während man in Europa sausschließlich Rußland, das statistisch in dieser Hinsicht noch nicht voll erfaßt wurde) eine Zahl von ungefähr 18 Millionen annimmt. In seinem Bericht betont das Genfer Büro übrigens, daß im Jahre 1933 vor allem Japan einen bedeutenden Aufstieg seine» Rundfunkwesens zu verzeichnen gehabt habe. Der ,, Rote Stoßtrupp" schlagen. Die Polizei lügt, wenn sie behauptet, daß Obst sich. im Gefängnis die Treppe hinabgestürzt und nach wenigen Stunden gestorben sei. Seit wann fönnen Gefangene frei im Columbiahaus umher spazieren? Der Ermordete hinterläßt eine junge Frau und ein einjede Unterstüßung verweigert. Der Haß der Mörder richtet Eine neue Prozeßwelle nach Pfingsten Ueber 50 jähriges Kind. Beide leben in großer Not, da man ihnen Sozialisten vor den Gerichten in Berlin und Leipzig fich auch hier gegen die nächsten Verwandten des Opfers. Der illegale„ Rote Stoßtrupp" schreibt uns: Gleich nach dem faschistischen Umsturz wurde von Jungsozialisten und jungen Reichsbannerleuten eine geheime Organisation„ Der Rote Stoßtrupp" gegründet, die von den alten Parteien völlig unabhängig war. Sie vertrat die Auffassung, daß beide Arbeiterparteien die Bildung einer proletarischen Einheitsfront unmöglich gemacht, durch eine falsche Politik die Machteroberung des Faschismus nicht verhindert hatten, beide Parteien an der Niederlage gleich Schuld seien. Daraus folgerten die jungen Sozialisten, daß die beiden Parteien ihre Eristenz verwirft haben, die Spaltung liquidiert und die ersten Schritte zur Bildung der neuen revolutionären Arbeiterpartei unternommen werden müßten. Diesem Ziele widmeten sie ihre illegale Organisation, die sich in Norddeutschland sehr rasch entwickelte. Jede Woche erschien eine unter den größten Gefahren selbst hergestellte Beitung, Der rote Stoßtrupp", ein Organ, das von Hand zu Hand ging und eine tausendfache Leserschaft gewann Alles war so organisiert, daß die Polizei nicht zugreifen fonnte. Als im Mai 1933 ein Verteiler der Organisation durch eine Razzia auf der Straße- verhaftet und zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, gelang es der Polizei nicht, etwas über den organisataorischen oder politischen Charakter des Roten Stoßtrupps" zu erfahren. Erst als die Leitung der Organisation zu einer eraften Propaganda gegen die Voltsabstimmung im November überging, fonnte die Polizei einige Spuren entdecken. Durch einen Spizzel fonnte sie einen Teil der Funktionäre verfolgen, gewisse Beziehungen zwischen den einzelnen Genossen feststellen. Am 4. Dezember erfolgte mit einem Schlage die Verhaftung von über 200 Sozialisten, die aber zum größten Teil ohne jede Beziehung zum„ Roten Stoßtrupp" waren und nach wochenlanger Haft wieder entlassen wurden. Ueber 50 Genossen wurden eingeferfert, wegen Hochverrat, neuer Parteibildung usw. angeflagt. Nach monatelangem Terrorverhör soll jetzt nach Pfingsten die Prozeßverhandlung gegen diese Genossen beginnen. Um die Oeffentlichkeit von dem bis jetzt größten Prozeß gegen eine illegale Organisation abzulenten und die Tatsache zu verschleiern, daß hier die von den Nazis für sich reklamierte Jugend aftive antifaschistische Arbeit leistet, wird die Henferpolizei Görings drei Prozesse veranstalten: Zwei Prozesse gegen je 20 Sozialisten werden gleich nach Pfingsten vor dem Kammergericht Berlin- Mitte verhandelt. Die anderen 11 Sozialisten, die von der Polizei fälschlich als„ Rädelsführer“ bezeichnet werden( in Wirklichkeit sind die eigentlichen Leiter in Sicherheit), sollen vor des Reichsgericht gestellt werden. Während der halbjährigen Haft wurden die Genossen und Genossinnenes befinden sich auch einige junge Mädels in Haft in der schlimmsten Weise behandelt, teilweise sogar - als Untersuchungsgefangene! in Konzentrationslager in Konzentrationslager verschleppt. Jeder Besuch wurde ihnen untersagt, der Brief= wechsel mit den Verwandten unterbunden, die Vorbereitung einer juristischen Verteidiguna fast unmöglich gemacht. Die Zahl der Mißhandlungen ist ungeheuerlich, alle Aussagen Der Lebensstil der SA. Reichsminister Röhm, der Stabschef der SA., hat in der Rede, die er am Mittwoch vor dem Diplomatischen Korps und den Vertretern der ausländischen Presse in Berlin hielt, die SA. als Trägerin eines neuen Lebensstils und ihre Aufgabe als Erzieherin des deutschen Volkes zu dieser neuen Form der Gemeinschaft geschildert. Wenige Stunden vorher hatte die französische Regierung dem britischen Botschafter in Paris ihre Note über die Abrüstungsfrage überreicht, in der die Existenz der„ militärähnlichen Verbände" in Deutschland und die Bestrebungen der Reichsregierung, sie„ kriegstüchtig" zu machen, als Beweise für deutsche Vertragsverlegungen angeführt wurden. In diesem Zusammenhang hatten die Erklärungen Röhms, was auch von den amtlichen Stellen in Deutschland offen zugegeben wurde, in erster Linie den Zweck, die Behauptungen über die militärische Bedeutung der SA. abzuschwächen und zu widerlegen, und wenn man die Rede nur von dieser ihrer Zweckbestimmung aus beurteilen würde, könnte man sich vielleicht versucht fühlen, Röhms außerordentlich scharfe Kampfansage an die sogenannte Reaktion und seine Botschaft von einer revolutionären innenpolitischen und sozialen Mission: der SA. als ein taktisches Manöver einzuschätzen. Als solches hätte aber die Rede Röhms keine besonders große Wirkung gehabt; denn mit ihren Beteuerungen des deutschen Friedenswillens erlangte sie in der Welt keine besonders starke Publizität, wie es überhaupt den Führern des Nationialsozialismus heute nicht mehr so leicht wie früher zu fallen scheint, die Institution der freien Presse in den demokratischen Staaten zur Verbreitung ihrer für das Ausland berechneten Erklärungen einzuspannen. Man hat aber dem Kampfruf des Stabschefs der SA. gegen die reaktionären Kreise, die der Nationalsozialismus leider gleich- statt ausgeschaltet habe, in Deutschland selbst durch die Presse eine weite Verbreitung gegeben, und das scheint nicht ohne eine bewußte Absicht geschehen zu sein. Der amtliche Nachrichtendienst hob ausdrücklich das besondere Verdienst des Propagandaministers Dr. Göbbels um die Veranstaltung der Aussprache mit dem Diplomatischen Korps und der ausländischen Presse hervor, und da dies sicherlich nicht wider den Willen des Propagandaministers geschah, so ist anzunehmen, daß Dr. Göbbels offenbar Wert darauf legt, sich zu den Gedanken des Stabschefs der SA. zu bekennen. Es ist sicher, daß die Gedanken Röhms, die auf eine Fortsegung der Revolution hinauslaufen, bei sehr zahlreichen Nationalsozialisten, bei den alten Kämpfern" und in der Jugend der SA., begeisterte Zustimmung finden. In diesen Kreisen, die sich als das Salz der Hitlerbewegung und des Dritten Reiches fühlen, erwartet man noch große Verände rungen und eine Neugestaltung der Verhältnisse in der politischen und wirtschaftlichen wie in der privaten Sphäre des Leben. Für die Führer in den verantwortlichen Stellen ist es nicht immer leicht, die Ungeduldigen unter ihren Leuten Vorgehens klarzumachen und die alten Kämpfer" zu, vertrösten, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben, auf den sie nach dem Sieg der Bewegung einen Anspruch zu erzwungen. Das zu erwartende Schandurteil des Gerichts wird für die jungen Sozialisten nur eine Aufforderung zu erhöhter Aktivität sein. Eine polizeiliche Folterhöhle in Berlin Die bekannten Kasernen der SA. und der Feldpolizei" wurden durch Görings Befehl aufgelöst". Dafür hat sich die Geheime Staatspolizei, unter der sich eine große Anzahl der ES- Männer befinden, ein eigenes" Gefängins für ihre" Untersuchungsgefangene im Columbiahaus errichtet. Hier wütet der Terror noch schlimmer, als in den Kasernen der Hedemann- und Papestraße. Die Räume der Gefangenen sind überfüllt. Nachts müssen sie ohne Unterlage auf der Erde liegen. Das Essen ist schlecht. Besuch und Spaziergänge sind nicht erlaubt. Nachts werden Gefangene jede Stunde geweckt, mit Peitschen über die Gänge gejagt, zu Freiübungen und kalten Duschen getrieben. Die neueste Maßnahme: Die Gefangenen dürfen innerhalb 24 Stunden nur einmal ihre Notdurft verrichten. Diese barbarischen Maßnahmen haben viele Gefangene so angegriffen, daß ihre Nerven völlig zerrüttet sind, sie wie kleine Kinder lallen. Das Schlimmste aber ist die Folterhöhle, die dem Untersuchungsrichter dazu dient, seine Opfer gesprächig" au machen. Wer nicht nach dem Willen der Gestapo aussagt, der wird in der Folterhöhle solange behandelt, bis er ein„ Ge= ständnis" ablegt. Ein solcher Gefangener kommt unfenntlich geschlagen, als eine blutige Masse aus den Händen der Folterknechte. So fommen die„ Aften" der Geheimen Staatspolizei zustande, die den Gerichten in Berlin und Leipzig zur Unterlage für ihre Prozeße dienen. Obwohl die Staatsanwälte, die Richter und Rechtsanwälte wissen, daß diese schriftlichen Aussagen" in der Voruntersuchung erpreßt wurden, hat bis jebt noch fein Richter diese Aften als unbrauchbar abgelehnt, kein Rechtsanwalt Verwahrung gegen die Anerkennung der gefälschten Aften bei einem Gericht erhoben. Die alle zittern vor der Gestapo... So sprechen sie ihr Recht". Im Columbiahans befinden sich die vier jungen Sozia listen, die unlängst von der holländischen Polizei, unter Bruch des Asylrechts, der Gestapo ausgeliefert wurden. Die holländischen Behörden sind für die Mißhandlungen dieser Sozialisten verantwortlich. Als vor einigen Wochen die Mitglieder des Hauptvorstandes der Sozialistischen Arbeiterjugend, einige ihrer Bezirkssekretäre und Berliner Funktionäre dieser Organisation verhaftet wurden, brachte man sie in das Columbiahaus, wo sie auf die oben geschilderte Art mißhandelt, falsche Geständnisse von ihnen erzwungen wurden. Die so entstande nen Aften werden die Unterlagen für den bald stattfindenden Prozeß sein. Wir machen schon heute darauf aufmerksam, daß die einzelnen Angaben völlig falsch, nur durch Folter entstanden sind. Bei dem„ Verhör" dieser Sozialisten wurde von den braunen und schwarzen Banditen der Jungsozialist Obst aus Neukölln, ein Funktionär der Arbeiterjugend, buchstäblich er die Gedanken des ,, unbekannten SA.- Mannes", den Dr. Göbbels oft genug als Helden der deutschen Revolution gefeiert hat. Auf der Feier der alten Kriegervereine am Jahrestag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler hat der Stabschef der SA. sogar den Frontkämpfern des Weltkrieges den SA.- Mann als leuchtendes Beispiel hingestellt und sie daran erinnert, daß sie ihm und seinen Tugenden das neue Deutschland zu danken hätten. Einige Wochen später sprach Röhm seine Gesinnung noch deutlicher aus. Auf dem ,, Revolutionsappell der alten Kämpfer" in München erklärte er am 20. März, daß er der Einladung zu der Feier nicht mit besonderer Freude gefolgt sei er sei lieber dabei, wenn eine Revolution gemacht, als wenn sie gefeiert werde, und dann sagte er wörtlich:„ Als ich mit dem Führer gerade eben durch die Stadt fuhr, ist mir mein etwas grames Herz schon etwas aufgegangen, und ich habe wieder geglaubt, daß hier doch ein anderer Ton angeschlagen wird als einer, der nach Paragraphen und Aktennotizen klingt." Röhm schloß seine Rede in München:' Wenn es heute wieder heißt: SA. angetreten! Meine alte Garde angetreten!, dann werden wir da sein." Die Geringschätzung der„ Paragraphen und Aktennotizen" teilt der Stabschef mit dem letzten SA.- Mann. Vielleicht auch die Abneigung gegen einen besonderen und in der politischen Organisation der Partei ziemlich häufigen Typus des nationalsozialistischen Amtswalters, der sich zwischen den Paragraphen sehr gewandt bewegt und zurechtfindet und nach der Meinung der Kämpfer der Braunen Armee" im Laufe eines Jahres sich unrühmlicherweise amch schon mit Aktenstaub bedeckt hat. Der hinterste SA.- Mann fühlt sich den Vertretern dieses Typus, die mit einem Anklang an frühere Gepflogenheiten und in mehr oder weniger scherzhaftem Ton auch wieder einmal ,, Bonzen" genannt werden, als wahrer Träger der nationalsozialistischen Revolution bei weitem überlegen. Dem aktenstaubbedeckten Amtswalter und politischen Beamten wird manchmal vorgeworfen, daß ihm die harte Schule der SA. fehle, daß er in der politischen Routine zu früh erstarrt sei, den ,, SA.- Geist" nicht auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens durchdringen lasse und damit die gesunde Auswirkung der Revolution hemme. Daher dann eine gewisse Neigung der SA., einiges„ ,, auszuräumen". was nach einem anderen Ausspruch Röhms den alten Nationalsozialisten in dem neuen Deutschland Adolf Hitlers noch nicht gefällt. Ueber die mögliche politische Bedeutung solcher Gedanken in den Kreisen der SA. braucht man nicht zu sprechen. da sie sich in der Form bestimmter politischer Absichten und Ziele in keiner Weise feststellen lassen. Der Einfluß des„ SA.- Geistes" auf die Umbildung der Lebensformen des einzelnen Deutschen ist viel größer als der politische und erreicht das Individuum noch in dem Bezirk seiner privatesten Lebensgestaltung. Der Dienst in der SA., der sich in militärischen Formen vollzieht, ohne alle Kennzeichen der militärischen Ausbildung zu tragen und ihren letzten Zweck zu erfüllen, verlangt vom einzelnen einen Junger Sozialdemokratischer Held Die rote Fahne auf der Starkstromleitung Dem ONJ. wird aus Villach( Kärnten) berichtet: Bei dem Versuch, eine rote Fahne auf einer Startstromleitung anzubringen, ist am Vorabend des 1. Mai der Jungsozialist Wieltschnig tödlich verunglückt. Das Begräbnis dieses Helden wurde zu einer mächtigen Demonstration der Villacher Arbeiterschaft. Mehr als 3000 Perjonen nahmen daran teil. Mit roten Nelken geschmückt, gingen sie hinter dem Sarg. Mehr als 80 Kränze mit roten Schleifen wurden auf dem Grab niedergelegt. Polizei und Gendarmerie waren gegen den imposanten Leichenzug aufgeboten. Der Friedhof war behördlich gesperrt. Als die Menge sich den Zugang zum Friedhof erzwingen wollte, zog die Polizei den Gummiknüppel. Die Menge iang, der Polizeiattacke troßend, die Internationale. Am Grabe sprach ein Vertrauensmann der Villacher Arbeiter. Eine rote Sturmfahne wurde entrollt und in das Grab versenkt. Tief ergriffen riefen die Arbeiter zum Abschied„ Freiheit!" Während der Trauerfeier nahm die Polizei mehrere Verhaftungen vor. Auch nach dem Begräbnis war Villach sehr unruhig. Bis in die Abendstunden kam es immer wieder zu kleinen Demonstrationen, die von der Polizei immer wieder zerstreut wurden. Verbotene Schriften Harte Kerkerstrafen Das Sondergericht in Frankenthal hatte sich mit zwei Fällen zu befassen, in denen Reichsdeutsche verbotene Zeitungen aus dem Saargebiet geschmuggelt hatten. Im ersten Falle war der 20jährige ledige Schlosser Heinrich Schriml aus München angeklagt, der im Januar d. J. aus dem Saargebiet verbotene kommunistische Druckschriften in die Pfalz eingeschmuggelt hatte. Das Urteil lautete auf ein Jahr Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte ein Jahr Zuchthaus beantragt. Im 2. Falle stand der 20jährige ledige Arbeiter Willi Himpel aus Speyer unter Anklage. Er hatte im Herbst 1983 von Bildstock aus an verschiedene Personen in Speyer die Zeitung Neuer Vorwärts" sowie Ausschnitte aus verbotenen kommunistischen Zeitungen versandt. Der Angeflatge wurde wegen Verbrechens nach Paragraf 2 des Gesetzes zur Gewährleistung des Rechtsfriedens zur Mindeststrafe von 1 Jahr Zuchthaus verurteilt. SA., und wo der Zwang nicht besteht, ist die Notwendigkeit der Einordnung für den einzelnen oft nicht geringer. In dem Streben nach der ,, Totalität" hat die Verallgemeinerung und Durchsetzung des SA.- Dienstes den Nationalsozialismus wohl schon am meisten in Konflikt mit anderen, vor allem mit den kulturellen Mächten gebracht. Die„ ,, Hitlerjugend", heute sozusagen die Pflanzschule der SA., nimmt ihre Mitglieder so stark in Anspruch, daß die Eltern und die Schule vor einer sehr ernsten Sorge stehen. In Sachsen ist die Frage durch ein Abkommen zwischen der Hitlerjugend" und der Schule geregelt worden, und dabei wurde sogar anerkannt, daß es wünschbar sei, wenn für Jugendliche neben der Schule und dem Dienst in der Hitlerjugend noch eine gewisse Freizeit übrigbleibe. Die Zusammenstöße des Staates mit den Konfessionen, die einer Erziehung der Jugend und der Beeinflussung der Kirchenangehörigen im nationalsozialistischen Sinn nicht unbedingt widerstrebten, geht zu einem guten Teil auf den Kampf, nicht um die Seele, sondern um die Zeit des Einzelmenschen zurück. Im katholischen Volksteil besonders ist die Klage häufig, daß bei den Paraden und anderen Veranstaltungen der SA. und der nationalsozialistischen Organisationen keine Rücksicht auf die religiösen Bedürfnisse genommen werde. Natürlich werden sich solche Härten, wenn einmal das Vertrauen zwischen dem Staat und den Konfessionen wiederhergestellt ist, ausgleichen und vermeiden lassen; aber daran ist nicht zu zweifeln, daß das Vordringen der SA. und ihrer Lebensanschauung, auf den verschiedenen Abschnitten der deutschen Neugestaltung den einzelnen und das ganze Volk zu einer Art von neuem Lebensstil nötigen wird, von dem Röhm gesprochen hat. Dabei wird jedoch von den alten bürgerlichen Lebensformen mehr zerbrechen und verschwinden, als man gemeinhin ahnt, und manches wirkliche Kulturgut wird nicht zu erhalten sein. Man braucht nicht die letzten kulturellen Probleme aufzuwerfen; es gibt einfachere und eindeutigere Beispiele, die um so unverfänglicher sind. Die studentischen Korporationen, die doch in Deutschland eine sehr angesehene Tradition verkörpern, sehen sich in ihrer überlieferten Stellung durch den SA.Dienst ernstlich bedrängt und bedroht. In der Deutschen Corpszeitung" wurde kürzlich über den häufigen SA.Dienst geklagt, durch den leider die Aktiven überlastet seien, so daß von offiziellen Veranstaltungen des Korps nicht die Rede sein könne und zur Erhaltung althergebrachter Formen" mit außerordentlichen Sitzungen sich begnügen müsse, für die man dann dank den Beziehungen zu einflußreichen alten Herren" eine Befreiung der Mitglieder vom SA.- Dienst erwirke. Der Artikel der Deutschen Corpszeitung" stellte zum Schluß fest: Es ist für einen jungen Menschen heute keine Kunst, Nationalsozialist zu sein, wenn er vorher nichts anderes gekannt hat." Dieser Satz erklärt den neuen Lebensstil der SA. und seine Grundlagen besser als die ausführlichste Darstellung der sozialen Schichtung und der wirtschaftlichen Lage der Masse, die den aktivsten Teil der Hitlerbewegung bildet. Das Ideal der man 95 zu beschwichtigen, ihnen die Notwendigkeit schrittweisen großen Teil seiner freien Zeit. Die meisten von den Kämp Bedürfnislosigkeit und des vollkommenen Aufgehens des fern im Braunhemd haben dieses Opfer leicht und gerne bringen können: als Arbeitslose hatten sie nur zuviel Zeit; für viele von ihnen war es ein Segen. Für die SA. gibt es Teil des Volkes und sicher einzelnen in einer militärisch organisierten und disziplinierten Gemeinschaft hat hier seine bestimmten Ursachen, und das Kraft- und Machtbewußtsein, das in der SA. in ihren haben glauben. Der Stabschef der SA. ist natürlich einer nichts Selbstverständlicheres, als daß ein möglichst großer Führern lebendig ist, kommt zum Ausdruck in dem Willen, der ersten, der um diese Erwartungen Bescheid weiß, und er muß den Empfindungen seiner Leute auch Rechnung als Erziehungsmittel teilhaft werde. Für die Studenten be tragen. Bis zu einem gewissen Grade teilt Röhm selbst aber steht bereits ein Zwang zur Erfüllung des Dienstes in der den eigenen Lebensstil dem ganzen Volke anzuerziehen. ,, Neue Zürcher Zeitung": Pariser Berichte Pariser Straßenkalender In der Pariser Presse wird ein Bild einer durch die Straßen von Saarbrücken wandelnden Dame veröffentlicht, die einen Hund führt, an dessen Halsband ein Fähnchen mit dem Hakenkreuz und ein Ballon mit der Inschrift ,, Die Saar ist deutsch" befestigt sind. Im Gymnasium Louis- le- Grand in Paris fand ein Kongreẞ der Lehrer der höheren Schulen statt, der sich gegen die Verweigerung der Korrigierung der Matur- Arbeiten und gegen den Streik aussprach. Ferner wurde die Zugehörigkeit zum Allgemeinen Gewerkschaftsbund mit 3094 Stimmen gegen 1889 bei 351 Enthaltungen verworfen. Der Vorsitzende Lackenbacher trat infolge dieser Entscheidung zurück, so daß Neuwahlen stattfinden müssen. Das Fußballmatch Frankreich- Oesterreich findet am nächsten Sonntag 16 Uhr in Turin nach Entscheidung des Komitees der Weltmeisterschaft statt. In Elsässer Tracht und mit Musik ist die„, Lyre d'Alsace et de Lorraine", die ihr fünfzigjähriges Stiftungsfest durch eine Reise nach Paris feiert, durch die Champs Elysees gezogen. Iél Trinité 43-13 Métro Pigalle Deutsche Poliklinik Paris, 62, Rue de la Rochefoucauld a) Allgemeine Konsultationen mit 9 Spezialisten. b) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshilfliche Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9-12 und 2-8; Sonntags und Feiertags von 10-12 und 2-4 Uhr 302 Docteur Spécialiste DEUTSCHSPRECHEND Münchener u. Pariser Fakultä 17, rue Reaumur Métro Arts- et- Métiers od. République Frauen-, Blut-, Haut-, Harn- und Geschlechtskrankheiten, Tripper, Syphilis, Männerschwäche. Neueste Heilverfahren. Elektrizität. Harn, Samen- und Blutanalysen. Mässige Bedingungen.( Auch für Kassenversicherte.) Täglich von 9-1 und 4-8,30. Uhr Sonn- und Feiertags von 9 bis 1 u. aut Rend. v. Tel. Arch.54-27 Gerhart Seger berichtet am nächsten Freitag in einer Mit- BRIEFKASTEN gliederversammlung der deutschen Liga für Menschenrechte über die Zustände im Konzentrationslager Oranienburg. Rezitierung französischer Gedichte Am Samstag, dem 26. Mai, um 21 Uhr, trägt Georges Héritier, Professeur au conservatoire du cinéma, der eine ausgezeichnete Diktion besitzt, französische Gedichte im Pariser Deutschen Klub vor. Anschließend: Geselliges Beisammensein mit Tanz. Damen und Herren sind am Samstag als Gäste sehr gern willkommen. Es wird um 5 Franken zur Unkostendeckung gebeten( Stellungslose: 3 Franken). Die Adresse des Deutschen Klubs lautet: Univerité du Parthenon, 64, rue du Rocher, Paris VIII( am Bahnhof St. Laze). Preisgekrönte Grammophonplatten Die Pariser Zeitschrift ,, Candide" hat eine Jury über Grammophonplatten abgehalten. Hier die für viele Leser aufschlußreichen Ergebnisse: 1. Symphonieorchester: Das Meer( Grammophone). 2. Harmonieorchester: Tannhäuser- und Lohengrin- Marsch ( Columbia). 3. Kammermusik: Sonate für Klavier und Geige von Herzibah und Yehudi Menuhim( Grammophone) und Sonate für Geige und Klavier von Gabriel Fauré, von Magda Tagliaferro und Denise Soriano( Pathé). 4. Phonographisches: Giration, Ballet von Gabriel Pierné ( Columbia). 5. Instrumental: Konzert von Schubert für Klavier und Orchester von Yves Nat( Columbia), und Intermezzo aus l'Arlésienne mit Saxophon- Solo M. Viard( Pathé). 6. Oper und komische Oper: kein Preis. 7. Lyrisches: Litaneien von Schaljapin und Chöre der russischen Kirche( Grammophone). 8. Gesang: Am Rande des Wassers von Gabriel Fauré, von Ninon Valin( Pathé). Chöre la Maitrise de Dijon( Grammophone). 9. In der leichten Musik und im Chanson erhielten Preise: Amusezvous von Garat( Salabert). Le beau navire Gilles und Julien,( Columbia). Verligodin von Yvette Guilbert( Grammophone). Das Ensemble der Paysanneries lorraines, Georges Chepfer( Odéon). Quand c' est aux autos de passer( Pathé). Pourquoi pas?( Pathé). Derriére et vontrevent( Polydor). Kinderszene l'Herbe à lapin, aus dem Film Maternelle( Salabert). Ehrenvolle Anerkennung erhielt: Hamlet( Columbia). Variationen Goldberg( Grammophone). Sieben Jahrhunderte heiliger Musik von Lumen, und Djeprostoi( Pathé). Mit Piccard in den Sternenraum Paris- Soir veröffentlicht im Anschluß an einen Vortrag des Professors Piccard in Nancy eine besonders interessante Reportage mit dem Stratosphärenmanne in Brüssel. In Nancy hat Piccard ungefähr folgendes vor seinen erstaunten Zuhörern ausgeführt: Die Wissenschaft von heute erlaubt uns, mit mathematischer Sicherheit die Zukunft und ihre Ergebnisse vorwegzunehmen. Wir können sagen, daß der Mensch vermittels des Lichtes eines Tages solche Schnelligkeiten erlangen kann, daß er aus dem Erdbereiche entflieht. Der Ausführende wird als Jüngling in den Sternenraum aufbrechen und wird als gereifter Mann zurückkommen. Während seiner Reise wird die Erde hunderttausend Jahre ihrer Geschichte zurückgelegt haben. Wie, fragt der Bericht, durch welche Rechnung, auf Grund welcher Daten konnte ein Gelehrter der Physik diesen Widerspruch voraussehen: zwölf Jahre Reise einerseits, hunderttausend Jahre Erdenleben andererseits? Und wie kann das Licht, gleich dem Wasser, gleich der Luft, ein schiffbares Element werden? Die Venus, Mars, Jupiter, Neptun, Sirius, die eigenartige Milchstraße sind aufregende Geheimnisse, die an schönen Abenden unsere Gedanken beeinflussen, aber sie sind fern von unserem unersättlichen Verlangen. ,, All' das ist einfach", sagte Piccard ,,, diese Hypothesen verdanken wir den Experimenten von Michelson über die Lichtgeschwindigkeit, sowie den Arbeiten Einsteins über die Relativität der Zeit. Einer der französischen Gelehrten, Esnault- Pelterie, hat eine Arbeit Astronautique" veröffentlicht..." Aber ein neues Durchdringen der Stratosphäre ist nötig. ,, Sie werden wieder hinaufsteigen?" ,, Wer kann was voraussagen? In Amerika baut man gegenwärtig einen Ballon von 55 Meter Durchmesser, leicht genug, um 24 000 Meter steigen zu können. Wenn es wissenschaftlich für mich nötig ist, gehe ich wieder hoch. Aber heute müßte ich, um zweckdienliche Entdeckungen zu machen, 31 000 Meter erreichen. Ein besonders leichter Apparat ist nötig, er brauche nur 50 Meter Durchmesser zu haben, aber die erforderlichen Bordapparate sind zu schwer. Man müßte viel leichtere erfinden." ,, Aber wie kann das Licht ein Luftschiff tragen?" Der Professor belebt sich Fine Rakete allein ist möglich, Doktor Wachtel und Doktor Axel Geschlechtskrankheiten, Männer und Frauen Nase, Hals, Ohren 123, Bd. Sébastopol.- Sprechstunden v. 9-12 u. 2-8 Uhr; Sonntags vormittags Metro: Reaumur, St. Denis Werbt tür die„ Deutsche Freiheit" Fr. Fr. London. Sie schreiben uns: Jn Nr. 112 vom 17. Mai veröffentlichen Sie einen Briefwechsel zwischen dem ,, Verband Nationaldeutscher Juden e. V." und dem Ortsgruppenführer Krüger unter der Ueberschrift„ Nationaldeutsche Juden". Ich begreife vollkommen, daß Sie, die bloße Tatsache dieses Briefwechsels kommentarlos wiedergeben und ich pflichte Ihnen generell bei, daß die Bekanntgabe an und für sich eine genügende Anprangerung darstellt. Ich bitte Sie jedoch, nicht zu vergessen, daß vielen Ihrer Leser unbekannt ist, daß diese sogenannten„ nationaldeutschen Juden" ein zahlenmäßig winziges Häuschen übelster Speichellecker ist, von denen sich nicht nur jeder anständige und selbstbewußte Jude mit Schaudern abwendet, sondern denen selbst wie der Schriftwechsel zeigt die Nazis die falte Schulter zeigen. Erweisen Sie deutschen Juden in der Heimat und Emigration die Ehre, Ihren geschäßten Lesern bekanntzugeben, was Sie über dieses Gesindel ,, nationaldeutscher Juden" denken." In Ihrer Frage steckt unsere Antwort. An mehrere. Bei dem Generaldirektor der Rheinischen FeuerSozietät, der zum stellvertretenden Leiter der Reichsbetriebsgemeinschaft Banken und Versicherungen der Deutschen Arbeitsfront ernannt worden ist, handelt es sich um einen Bruder des Reichsministers Göbbels. Darauf haben wir übrigens schon geziemend hingewiesen. Hans Göbbels war vor der Ministerschaft seines Bruders ein kleiner Versicherungsangestellter in dürftigen Verhältnissen. Man sieht, mie recht der Reichskanzler hat, wenn er davon redet, daß der Nationalsozialismus die Bahn für die Tüchtigen frei macht. A. 3., Krakau. Sie machen uns auf einen Bericht über die Deutschlandfahrt polnischer Journalisten im Kurjer Warszawski" aufmerksam, wo erzählt wird, wie die polnischen Zeitungsleute, bis vor kurzem von den Nazis noch" Polacken" geheißen, verhätschelt wurden. Jede einstündige Fabrikbesichtigung sei gekrönt gewesen von einem mehrstündigen Verweilen bei überladenen Schüsseln. Der Rhein habe gerauscht mit Wellen, die Wein waren. Von der Gastfreundschaft könne man fast sagen, daß sie mörderisch gewesen sei. Als man beim Bankett des Automobilklubs„ Noch ist Polen nicht verloren" gespielt habe, habe er an das Buch„ Bartek, der Sieger" von Sienkiewicz denken müssen. Dort set beschrieben worden, daß der preußische Kommandeur bei Gravelotte 1870 befohlen habe, für das aus polnischen Bauern bestehende Regiment„ Noch ist Polen nicht verloren" zu spielen, damit es mit größerer Begeisterung die französischen Kanonen erobere. Solche Beweise der Freundschaft seien sicher nicht dagewesen seit dem berühmten preußisch- polnischen Bündnis vor der zweiten Teilung Polens( wie Preußen dann das „ Bündnis" auffaßte, ist ja bei den Teilungen bekannt geworden). Es zeigt sich, daß die Journalisten sich keinen Sand in die Augen streuen ließen, trop der Potemkinschen Dörfer, der überladenen Schüsseln und des Polenliedes... Bergisches Land. Ihrem Briefe entnehmen wir, daß auch auf dem jüdischen Friedhof in Heiligenhaus 28 Gräber durch Umwerfen und Zerstörung von Grabsteinen geschändet worden sind. Kein Wunder. Heiligenhaus liegt in der Heimat des großen Antisemiterichs Dr. Robert Ley. die selbst ihr Licht trüge. Ein verhältnismäßig einfacher technischer Prozeß. Fünfzig Kilo Blei, die in den desintegralen Zustand versetzt sind die desintegrierte Materie verwandelt sich in Licht würde für den Durchlauf des Raums Erde- Neptun, das heißt zur Durcheilung von 45 Millionen Kilometern genügen. Das Licht, das die Eigenschaft der Materie erlangt, verursacht bei seiner Geburt einen Rückschlag, der physisch meßbar ist. Die Leute an den Maschinengewehren vom Kriege wissen davon Bescheid. Eine Fläche, die ebensoviel Licht aussendet wie eine weiße Fläche von einem Quadratmeter, die durch die Sonne beleuchtet wird, erfährt durch die Tatsache der Emission eine Rückschlagskraft von einem Millimeter- Gramm. Um eine Kabine einer Tonne zu heben, müßte man einen Lichtstrom haben, der eine Milliarde mal größer ist. Man kann also sagen, daß die Sternenrakete einen Lichtstrom ausenden muß gleich dem, welchen eine Fläche von 1000 Quadratkilometern empfängt, die dem vollen Sonnenlicht ausgesetzt ist." ,, Und wie essen, wie atmen?" ,, Haben nicht auch die Polexpeditionen ihre Vorräte für mehrere Jahre bei sich? Das ist eine Frage der Versorgung. 66 Der Stratosphärenmann rechnet jetzt, das Haupt zwischen den Händen. Dann fragt er mit einiger Neugier: ,, In wie langer Zeit wollen Sie die Erde wieder sehen?" ,, Ein Jahrhundert ,, Gut, warten Sie." Professor Piccard rechnete. ,, Dann müssen Sie also eine Reise von fünf Jahren in der Sternenrakete machen, um eine um hundert Jahre gealterte Erde wieder zu sehen. Natürlich nach einem Jahrhundert finden Sie nicht Ihre Freunde, sondern die Nachkommen derer vor, die Ihnen nahestanden." ,, Also ich werde als junger Mann aufsteigen und als Vierzigjähriger vor meinem siebzigjährigen Enkel stehen?" ,, Selbstverständlich. Um nach 1000 Erdenjahren zurückzukommen, muß man eine Sternenreise von sieben Jahren 4 Monaten machen. Für 10 000 Erdenjahre muß man eine Reise von neuneinhalb Jahren zählen. 100 000 Erdenjahre entsprechen 11,8 Reisejahren, 1 Million Erdenjahre erfor dern vierzehneinhalb Jahre unterwegs zu sein... Alle diese Angaben finden Sie in der ,, Astronautique" von Robert Esnault- Pelterie." Die Hypothese ist verführerisch, aber stimmt das?" Dr. Spécialiste 96, rue de Rivoli- Métro: Chalele BLUT., RADIKALE HEILUNG VOD HAUT, and FRAUENKRANKHEITEN Heilung von Krampfadern and oftenen Beinwanden Neueste Behandlungsmethoden Elektri zität. Impfungsverfahren Trypafle vine Einspritzungen Bluts und Harn- Untersuchungen. Sper makultur, Salvarsan. Wismut usw. Sprechstunden täglich von 10-12 und von 4-8 Uhr Sonntags von 9-12 Uhr Konsultationen von 25 Fr. ab. Man spricht destecb FF. N., London. Schönen Dank für Ihren anregenden kritischen Brief. Ihre Ratschläge werden befolgt. Herzog von Koburg. Ihre Treue zur NSDAP. hat ihren Lohn gefunden. Sie sind in den nun reinarischen Aufsichtsrat der Deutschen Bank berufen worden. Vom Bankfach verstehen Sie zwar nichts, aber Vermögen haben Sie von jeher gern angesammelt. Der Gedanke der Fürstenenteignung hat Sie so entsetzt, daß Sie damals schleunigst sich der Nazibewegung näherten, die zwar Millionen Arbeiter bestahl, nie aber einem Fürsten das wohlerdarbte Eigentum mißgönnte. Wieviel zigtausend Mark Tantiemen beziehen Sie eigentlich von der Deutschen Bank, nachdem Sie vom Herzog zum Bank- und Börsenfürsten avanciert find? A. J. Mülhausen. Sie haben bei einem Ausflug ins Badische die Ritualmord- Nummer des Stürmer" in die Hand bekommen und sind entsetzt über soviel Gewissenlosigkeit und Roheit. Natürlich haben Sie recht, wenn Sie als Folge solcher Heze neue Progrome befürchten. Nur dürfen Sie nicht allein diesen Streicher verantwort lich machen. Hier haben Sie einen kleinen Beweis, daß es nicht stimmt, wenn behauptet wird Hitler will das nicht." Wenn er es nicht wollte, würde er sich nicht immer wieder mit seinem Freunde Streicher öffentlich zeigen. Auch die bayerische Regierung zeichnet verantwortlich für Streicher, denn sie hat diesen Menschen neulich erst an die Spitze der Kreisregierung von Nürnberg berufen. In welchem Kulturlande außerhalb des dritten Reichs" wäre ip etwas möglich? „ Heimattreuer" in Eupen. In einem Briefe, dem es leider sowohl an Höflichkeit wie an Grammatik mangelt, halten Sie uns einen Gesetzentwurf der belgischen Regierung vor, den Sie als gegen die Deutschen in Neubelgien gerichtet empfinden:„ Nach dieser Vorlage wird jeder, der durch Reden in Versammlungen oder sonst in der Oeffentlichkeit, durch Schrift oder Drucksachen, durch Zeich nungen oder Abzeichen, oder auch durch Plakate, die der Deffentlichkeit zugänglich gemacht, verteilt oder verkauft werden, einen unmittelbaren Anschlag gegen die Unversehrtheit des Staatsgebiets unternimmt, mit einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten bis zu 3 Jahren, mit Geldstrafen von 100 bis 5000 Franken und zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte bis zu 5 Jahren bestraft." Und wie stellen Sie sich zu den viel härteren Gesezen, die Ihre Parteifreunde in Deutschland gegen Staatsfeinde" erlassen? Was sagen Sie zu den Ausbürgerungen, den Enteignungen politischer Gegner in Hitlerdeutschland? Nazis haben keinerlei Recht, sich über irgend eine Ausnahmegesetzgebung zu beschweren. Jeder Margist in Deutschland wäre froh, wenn er unter Rechtsgarantien leben fönnte, wie sie in Belgien bestehen. R. K. Straßburg. Aus einem Privatbriefe haben Sie erfahren, daß die Behörden von Bischofsburg in Ostpreußen den Juden den Zutritt zu den städtischen Bädern verboten haben. Das ist durchaus kein Einzelfall. Solche beleidigenden Verbote sind auch in anderen deutschen Städten erlassen worden. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Piz in Dudweiler; für Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken. Rotationsdruc und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH., Saarbrüden 3, Schüßenstraße 5. Schließfach 776 Saarbrüden. ,, Durchaus. Die Berechnungen von Einstein über die Lichtgeschwindigkeit haben die Theorie eines Aether zerstört. Die Zeit ist relativ zur Geschwindigkeit. Es gibt eine Abweichung, die sich mathematisch errechnet und auf relativ kurze Entfernung kaum sichtbar, proportionell auf weite Strecken fantastisch wird." ,, Und die Abnutzung des Menschen bei solchen Reisen?" ,, Die normale. Wenn Sie eine Reise von neuneinhalb Jahren machen, so können Sie Ihre Uhr jeden Tag aufziehen, sie wird nicht älter werden als Sie selbst." ,, Warum aber nicht diese Geschwindigkeit um die Erde herum ausführen statt sich in die Gefilde der Milchstraße zu verlieren?" ,, Geht nicht. Man müßte eine Reise um die Erde in ein Zehntel Sekunde annehmen. Die Schwerkraft verwirkt eine solche Annahme. Um das Maß der Zeit zu verrücken, muß man mit einer Geschwindigkeit von etwa 300 000 Kilometern in der Sekunde reisen." ,, Ist denn das körperlich möglich?" Ja, wenn es nach und nach geschieht. Die Geschwindig. keit bei der Abfahrt muß niedrig sein, sonst würde der Raketenmann zerschellen. Sie muß sich verstärken bei jeder Sekunde, wenn nicht der Mangel an Gewicht dem Reisenden die Seekrankheit bringen soll..." ,, Neptun?" ,, Nein, Neptun ist zu nahe Die Schwerkraft würde uns genieren." „ Sirius?" ,, Sirius ja, theoretisch. Man würde eine Reise von zwei Jahren brauchen, während derer die Erde fünfzehn Jahre leben würde. Aber die Entfernung ist noch zu kurz, es gäbe gefährliche Krümmungen. In Wirklichkeit ist diese Flucht aus der Erdenzeit nur in einem Bogen, der den Sirius weit überspannt, möglich. Die Reisen in unserem Universum lassen uns nicht die Ueberraschung, die Menschen, die an unserer Erde haften, zu überleben, oder nur wenig. Wenn die Versuche eines Tages ausgeführt werden, werden sie ohne Zweifel in Reisen ausgeführt, die über unser Planetensystem hinausgehen. Später einmal, nach diesen Versuchen, werden wir die Zeit dem Willen des Menschen zu unterwerfen versuchen, mit noch ausgedehnteren Angaben..." Der Berichterstatter verließ den Professor nach dieser Unterredung mit Unruhe und einem Rausch der Hoffnung...