Linzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands hlr. 120— 2. Jahrgang Saarbrücken, Sonntag/Montag, 27. 28. Mai 1934 Chefredakteur: M. B r a u n An« dem Inha lt marxistische Ac&eitecsiege 2J okumeHtaciscAes Ttlatedat aus dem JUiche Seite 3 und 4 olKsmonardilsItii an der Arbeit Reditssirömangen zur Enlmaditung der Nationalsozialisten Gestern und heute Nur nodi Monate? Berlin, 25. Mai(Eigener Bericht). Bon einem nennens- werten Widerhall der groß angekündigten Kampagne gegen die Kritiker des„dritten Reichs" ist nach wie vor in der Oeffentlichkeit kaum etwas zu spüren. In führenden Kreisen der SA. erzählt man sich, daß der Stabschef Röhm mit dieser neuesten Rede- und Papieraktion gegen die Feinde des Regimes keineswegs einverstanden ist, sondern„revolutio- näre" Aktionen wie im Frühling vorigen Jahres forderte. , Er habe gebrüllt, man möge ihm und der SA. das Recht zum Aufräumen geben, und es werde sich zeigen, daß der reaktionäre Spuk verfliege und das Regime fester stehe denn je. Solche neuen Barbareien im Stile des Lanbsknechtfüh- rers Röhm konnte aber die Reichsregierung aus außen- politischen und wirtschaftspolitischen Gründen nicht brauchen, und das ist ihr von den verschiedensten Seiten recht deutlich klar gemacht worden. Die Rundfunkreden und Zeitungsausfätze zeigen, daß sich die nationalsozialistischen Machthaber zur Zeit von rechts und teilweise wohl auch schon aus ihren eigenen Reihe« beunruhigt fühlen. Es ist keineswegs so, daß die Grenzen zwischen den National- sozialisiert und der schwarzweißroten Gegenrevolution scharf gezogen wären. Wie schon die Tatsache beweist, daß der Er/ronprin, sich jetzt mit Borliebe in SA.-Uniform zeigt, gibt es reaktionäre Monarchisten in der nationalsozialistischen Bewegung. Ebenso sind aber auch zahlreiche führende Na- tionalsozialisten in den monarchistischen Zirkeln zu finden, von denen sie sich schon aus gesellschaftlichen Gründen sehr angezogen fühlen. Diese monarchistischen Klubs find über das ganze Reich verbreitet und arbeiten hinter den Kulisien etwa so, wie in den letzten Jahren vor der Kanzlerschaft Hitlers der Herrenklub sich politisch betätigt hat. Sie versuchen wirtschaftlich und politisch einflußreiche Män- ner an sich zu ziehen und ohne viel Aufsehen in der Oeffent- lichkeit Personalpolitik in den hohen und höchsten Sphären der Staatsführung zu treiben. Man führt auf diese mon- archistischen Jntriguen den Sturz des unbequemen Treu- händcrS der Arbeit in Berlin, Engel, und des Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages, von R e n- teln, zurück, der durchaus ständische Ideale verwirklichen wollte. Auch die Kaltstellung G ö r i n g s in Preußen auf die mehr dekorative Ministerpräsidentschait gilt als das Werk dieser monarchistischen„seinen Gesellschaft", wie sie in der nationalsozialistischen Presse genannt wird. Die „feinen Leute", gegen die früher einmal Goebbels in schönen Oppositionszciten getobt hat. ehe er selbst gesellschaftlich zu ihnen emporgekommen ist. sind wieder am Werk. To wemg sie zahlenmäßig bedeuten mögen, ist ihnen doch auch schon gelungen, den stürmischen Energien des Stabschefs der sA. mit seinen Millionen Mrlizmännern Zügel anzulegen, gegen die er immer wieder in soldatischen Reden bei Paraden im Lande ausbegehrt. Da die monarchistischen Kegenrevolutionäre sehr wohl wissen, daß sie ohne eine hinreichende Grundlage»n den Massen weder zur Macht kommen noch sich behaupten können, lassen sie sich gerne„Bolksmonarch-stcn betiteln und kokettieren mit Schichten der Bevölkerung, die mit der Hitlerdiktatur so unzufrieden find, daß sie rhr ,ede andere Regicrnngsmacht vorziehen würden, die Komma- nisten ausgenommen. Die„Volksmonarchisten" geben sich den Ansche.n al^ soien sie ihres Erfolges sehr sicher und unter sich propkezeihens den Untergang der i-tzioen Reichsreg.erung innerSalb weniger Monate. Dreienigen, vre ihr noch eine Frist von einem Jahre gewähren, gelten schon Die schwarzweißrote gegenrevolutumare Bewegung rechne mit dem Zusammenbruch des Regimes m Herbst oder im Winter, wenn nicht das Ableben HindenburgS. der sich wegen seiner Krankheit noch immer n,:cht o,'entlich »eigen kann, schon vorher Entscheidungen erzwingt. 9lenhert n un aeaen diese optimistische Auffassung der "*»* hin. baß auch führende Ratwualsoztalisteu de« Umsturz So'ha^Döring schon vor einiger Zeit Anschluß-nst- aeiuckt weil er davon träume, in einer BolkSmonarchre Reichswehrminister zu werden, jedoch denke man: mch■««' firfi fiurrfi eine so kompromittierte PersonliMrerl oc, oen außerhalb des Nationalsozialismus stehenden Arbeueruiapen zu belasten. Daß Göring keine wirkliche Macht mehr bedeutet, wissen die„Volksmonarchisten" schon deshalb, weil sie erlebt haben, wie leicht er in Preußen beiseite zu schieben war. Mit Spannung beobachten die schwarzweißroten Gegen- revolutionäre die rasche Abnutzung des Systems, und sie find überzeugt, daß die Vertrauenskrise rapide Fortschritte machen wird, zumal von der Wirtschaft und von der Wäh- rung her. Die„Volksmonarchisten" sind der Auffassung, daß diese Krise sich noch zuspitzen müsse, ehe der Umschwung kommen dürfte. So müsse die Verantwortung für die Entwertung der Reichsmark noch voll auf das Konto des„dritten Reiches" kommen. Den Verfall der Währung halten die„Volksmonarchisten" für sicher und weder Dr. Schacht noch Graf Schwerin Krosigk, der Reichsfinanzminister, verhehlten trotz ihrer gegenseitigen öffentlichen Reden in engerem Kreise, daß die Mark ver- loren ist. Die schwarzweißrote Gegenrevolution hält die Reichswehr nach wie vor für monarchistisch. Der Reichswehrminister von Blomberg fei längst der mächtigste Mann im Kabinett, wenn er auch von dieser Macht keinen rechten Gebrauch zu machen wisse, da er keinen politischen Instinkt habe. Immerhin sei der Reichswehrminister eine Barriere gegen die demagogische Politik der Naziführer, und Blomberg habe den Reichskanzler Hitler selbst mehr und mehr an die Seite der kommenden„volksmonarchistischen" Macht gedrängt, aber die„Volksmonarchisten" seien sich darüber im Klaren, daß auch das Prestige Hitlers in den nächsten Monaten er- schüttelt und aus der jetzt schon vorhandenen Krise de? „dritten Reichs" eine Krise Hitlers werde. Noch werde daS in den führenden Nazischichten nicht begriffen. Sobald man die Gefahr erkenne, würden wohl die sich jetzt be- kämpfenden nationalsozialistischen Cliquen wieber zusammen st ehen und auch Hitler werde dann seinen Anschluß an die Partei und ihre Führer wieder ganz eng ge st alten. Man müsse eben dafür sorgen, daß es dann schon für die Nationalsozialisten zu spät sei. Die kommende„volksmonarchistische" Regierung wisse, baß sie mit ungeheuren Schwierigkeiten zu rechnen habe: weniger außenpolitisch, da sofort eine Entspannung eintreten werde, als innenpolitisch und wirtschaftlich. Sie werbe also sehr st a r k und au t o r i t ä r sein müssen, streng national und auch antisemitisch, aber ohne jede Gewalttat und Ausnahme- gesetzgebung gegen die Juden. An die Spitze der Regierung werde ein General treten. Die Rcssortministerien würden von Fachleuten besetzt werde«, von denen der eine oder andere früher auch „links" gestanden haben könne. Erfahrung und Alter werden nicht entbehrt werden können. Allmählich werden diese Pläne, obwohl sie nur in kleinen Zirkeln gesponnen werden, auch schon im Volke, auch in den Betrieben diskutiert. Vielen ist jedes Mittel recht, das zum Sturz des verhaßten Systems führt, aber das bedeutet keineswegs, baß in den politisch geschulten Arbeiterschjchten irgendwelches Vertrauen in eine„Bolksmonarchie" gesetzt wird. Die enttäuschten Massen und auch die intellektuelle Jugend wollen nicht die monarchistische, sondern die soziali- stischc LösunF: sie hoffen, daß in absehbarer Zeit die wirklich sozialistischen revolutionären Kräfte, die sowohl unter ehemaligen Sozialdemokraten und Kommunisten wie auch unter den proletarischen und intellektuellen Schichten des Nationalsozialismus vorhanden sind, sich zu Aktionen zusammenfinden werden. Wir sind und bleiben der Ueber- zeugung, daß jede Regierung in Deutschland scheitern muß. die nicht aus der kapitalistisch unlösbaren deutschen Krise und aus der Zersetzung des deutschen GesellschaftskörperS die notwendigen Folgerungen zieht. Der Phrasensozialis- mus wirtschaftet ab, und der TatsozialiSmus rückt heran. nie heilige Partei! Brannschweig, 25. Mai. Das Amtsgericht in Vorsfelde verurteilte die Landwirte Wilhelm und Fritz Hoppe wegen Beleidigung der Nationalsozialistischen Partei und ihrer Mitglieder zu zwei und zu zweieinhalb Monate« Gefängnis. Di« Angeklagten hatten den deutschen Gruß in Gastwirtschaften herabzusetzen versucht und die Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei als„Proleten" bezeichnet DaS Gericht ging mit seinem Urteil über den Antrag deS Staatsanwaltes noch hinaus» Es war am 1. Mai. Der Reichskanzler sprach zu tausenden von deutschen Jungens und Mädels im Lustgarten. Noch haben wir das Brausen junger Stimmen im Ohr: immer wieder Heil und Jubel im Trommelwirbel des Lautsprechers. Aber wer genauer hinhörte, dem wurde nachdenklich. Hitler redete die Jugend an diesem Morgen an, als habe er mit ihr etwas besonderes vor. Sie, die Jugend, werde das zu vollenden haben, was die ältere braune Generation angefangen, aber nicht beenden könne: die Gestaltung Deutschlands im nationalsozialistischen Zeichen. War das mehr als eine Phrase? Wir möchten es glauben. Aus dem einfachen Grunde, weil der Nationalsozialismus heute bereits soweit ist, den kindlichen Enthusiasmus als Machtfaktor einzusehen. Bei den Erwachsenen bröckelt die Begeisterung ab; da sind bekanntlich die verruchten Miesmacher und Nörgler immer schwieriger zu halten. Aber bei der Jugend gibt es noch feurige Resonanz, in diesen Herzen kann man sich von Blutströraen■ umrauschte Denkmäler segen. Kurz, die Flucht zur Jugend, die wir heute bei dem Führer und seinen Paladinen sehen, ist die Flucht vor der Vernunft der langsam wieder denkenden und wägenden Generation der Aelteren. Wie aber, wenn die Jugend selber schon wieder kritisch zu werden beginnt? Wenn sich sogar in den Reihen der Hitlerjugend überall unangenehme„Typen" bemerkbar machen?„Typen, die wir ablehnen," so lautet ein an die Hitlerjugend gerichteter Alarmartikel, der soeben seinen Weg durch die nationalsozialistische Zeitung macht. Wir erfahren aus ihm, was„hitlerjungenhaft" ist und was nicht, und das ist aufhellend. Da wird zunächst der„ewige Primaner" in der Hitlerjugend geschildert. Albern, hochnäsig, theoretisch. Neben ihm der„Besserwisser". Das sei eine durchaus ekelhafte Pflanze, die bald alle gefressen hätten. Ihm folgt als großer Feind„hitlerjungenhafte Haltung" der böse„Nörgler", besonders gefährlich, wenn er politisch zu werden sich anschicke. Was sei gegen ihn zu tun? Man hat ein probates Mittel: helfe alles nicht, so könne man ihm eine handfeste Abreibung zukommen lassen. Durch Keile wird bekanntlich ron nltersher der Widerspruchsgeist verscheucht. Aber auch der Typus des„Prahlers" ist unbeliebt, der den Mund immer so voll nehme und immer sage:„damals, als wir noch..." Der letfte aus der Reihe der besonders widerlichen Gesellen der Hitlerjugend ist endlich der„Hämling". Seine beißende Ironie störe den Aufbau, und„der Speichel seines hämischen Hohns weicht am Ende auch den besten Kitt, der die Gefolgschaft bindet". Der junge Anonymus, der das schrieb, hat seine Erfahrungen Er sieht, daß die„Geschlossenheit junger Lebensbejahung" in der braunen Jacke bedroht sei. Es ist ein Angstartikel: wie lange geht das noch gut? Neulich sahen wir in einem illustrierten Blatt ein Bild, das, wir gestehen es gerne, auf uns Eindruck gemacht hat. Zehn- bis vierzehnjährige Gymnasiasten legten ihre bunten Schülermüßen auf einen Haufen und vernichteten sie— zum Zeichen dafür, daß sie von den Kameraden in den Volksschulen durch keinerlei äußeres Merkmal mehr getrennt sein wollten. Die Tat wurde gepriesen als Zeichen jugendlicher Volksverbundenheit, als Abkehr vom sozialen Schulklassendünkel. Soweit gehen wir mit. Aber tragisch wird das Ereignis, wenn wir fragen: zu welchem Ende? Dieser jugendliche Ueber schwang wird nicht zur Güte, sondern zum Hasse geeint, zum Rassedünkel erzogen, zum Wehrwillen gestählt, zum Einsaß mit dem Lehen, dessen Lorbeer die nationalsozialistische Schule mit„Volk ans Gewehr" schon heute auf künftigen Schlachtfeldern Europas verteilt. Aber wir haben gesehen; et gibt Besserwisser, Nörgler, Hämlinge bereits unter der Jugend.' Miesmacherreden sind auch hier fällig. Unter den Kon\eten am Hitlerhimmel ist dies einer der bedrohlichsten* Argusf Wo sitzen die Halunken? Der Präsident der„deutschen Arbeitsfront" Dr. Robert Ley hat bei der Eröffnung des Arbeitskongresses in Berlin die Führer der christlichen Gewerkschaften Halunken ge- nannt. Es war echter Hitlerstil. Von Halunken spricht auch der deutsche Reichskanzler, wenn er gegen deutsche Arbeiterführer polemisiert. Tie christlichen Gewerk- schaften an der Saar haben gegen die Rede ihres obersten Vorgesetzten Dr. Ley protestiert, und er läßt nun erklären, die Presseberichte über seine Rede stimmten nicht. Das ist eine Ausflucht, die an der Saar beruhigend wirken soll. Tatsächlich hat Dr. Ley die Halunkenrede gehalten, denn sie ist wörtlich von ihm selbst verbreitet worden, und zwar durch den Informationsdienst(Indie), Amt- liche Korrespondenz der„deutschen Arbeitsfront", Berlin, Nr. 110, vom 16. Mai 1934. Die christlichen Gewerkschaftsführer an der Saar haben übrigens gar keinen Grund, sich über die Rede Dr. Leys aufzuregen und sich zu entrüsten, denn sie wissen genau, datz Dr. Ley, vermutlich im Weinrausch, nur das aus- gesprochen hat, was alle nationalsozialistischen Führer über die christlichen Gewerkschaften denken. Sollen wir dafür einen Beweis anführen? Man lese auf Seite 283 der Goebbelschen Tagebuch- Erinnerungen„Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei" auf Seite 283 unter dem Datum 17. März 1933: Ein paar Ucberschlaue aus den christlichen Gewerk- schaften machen bei mir Besuch, um über die Teilnahme ihrer Anhänger am neuen Staat zu verhandeln. I ch lasse sie ganz kurz abfahren. Sie werden nichtmehrlangevorihrenAnhängern reden können. Staunenswert, was sich nicht alles dem neuen Staat zur Verfügung stellt. „Staunenswert", wie„ein paar Oberschlaue" aus den christlichen Gewerkschaften an der Saar sich trotz dieser Fußtritte immer wieder gehorsamst aufrappeln, um vor den Goebbels und Ley zu dienern und gehorsamst um ge- fällige Berücksichtigung zu bitten. Wie dankbar sind diese „Gewerkschafter" an der Saar, wenn sie wenigstens noch bis 1935 a la suite der NSDAP. Hausknechtsarbeit ver- richten dürfen. Nicht für Deutschland, sondern für das korrupteste System, das je ein großes Volk geschändet hat. Sagte nicht eben einer Halunken? Saarbrücken 24. 4. 84 1 8415 Saargebiet 150 deutsche Pusträyfeer Auch Briefe der saarländischen Reglerungsfeomnifssion werden geöffnet h. b. Gegenwärtig spielen die Poströubereien der deutschen Behörden wieder einmal eine große Rolle. Man weiß und beklagt sich darüber, daß die deutschen Schnüffel- behörden auch vor der Transitpost, die von ausländischen Absendern an ausländische Empfänger geht, nicht halt- machen. Nunmehr sind w-r in der Lage, den skandalösen Fall mitzuteilen, in dem man auch von dem amtlichen Schriftwechsel fremder Mächte offiziell in Deutschland Kenntnis genommen hat. Die Saarregierung sandte am 24. April an einen in Dänemark wohnenden Empfänger ein Schreiben, das auf seinem Wege durch Deutschland geöffnet, eingesehen und nach Einsichtnahme mit den be- kannten Marken der Devisenkontrolle verschlossen. Wir erhielten dazu folgendes Schreiben: „ den 15. 5. 84. — Ich bin seit gestern hier in und bleibe voraussichtlich 1—2 Monate. Heute lese ich in„Demokraten" Aarhus, einen Artikel über das Ocfsyen von Brieten in Deutschland. Eine ganze Reihe von Briefen aus Oester- reich und der Tschechoslowakei an mich sind geöffnet worden. MitderTaarregicrungstehetchinVerhand- lnng wegen Uebcrnahme in den Polizei- dienst. Am 2 4. April hat mir die Saar- regier ung einen Brief geschi ck t. Der Brief- u m s ch l a g i st i n D e u t s ch l a n d g c ö f f n e t w o r d c n, ein Brief einer ausländischen Regierung ineinanöcresLand! Ter Brief trägt vorne folgen- den Stempel: RcgierungSkommission des TaargebtetS. Der Briefumschlag ist hinten mit einem Messer oder einer Schere ausgemacht und mit fünf Bcrschlußmarken wieder zugeklebt worden. Diese trugen den bekannten Vermerk:„Zur Devisenüberwachung zollamtlich geöffnet." Bier Marten tragen den Handstempel„Zollamt Post Ham- bürg Nr. 33". Die Nummer war nicht genau leserlich. Ferner trug die Rückseite einen Poststempel„Hamburg- Flensburg Bahnpost Zug 31 25. 4. 34". Sie können von diesem Borfall beliebig Gebrauch machen. Nur bitte ich Sie. meinen Namen zu verschweigen, da ich in Sorge um meine Familie bin, von der ich schon seit über acht Wochen nichts mehr gehört habe. Ich habe den Vorfall nach Saarbrücken gemeldet. Den Briefumschlag habe ich hier. Er steht im Bedarfsfalle zu Ihrer Verfügung..." * Dieser Vorfall ist nicht unter die übrige deutsche Post- räuberei zu rubrizieren. Er zeigt uns vielmehr, wie er- schreckend eng der Ring der Epitzelei um das Saargebiet geschloffen ist. Man greift zu den gröbsten Mitteln, die unier normalen Umständen zu großen internationalen Verwicklungen führen würden, um die sreiheitliebende Saarbevölkerung unter Druck zu setzen. Nie Stenern bringen* an den Tag Trotz Millionen Neueinsteliung hsuin Erhöhung der Lohnsteuer s«Sietl€! Wie sie rfisten Auch in England DNB. London, 2ö. Mai. In großer Aufmachung weiß der sozialistische„Daily Heralb" zu berichten, daß die englychen Nüstungsfirmen zur Zeit mit der Herstellung von Watten aller Art beschäftigt seien. In Shessicld werde Tag und Nacht an der Herstellung besonderer Stahlarten tür Flug- zeuge gearbeitet. In einigen Fällen habe sich der Umsatz neuerdings verdoppelt. Viele Firmen hätten Hunderte von neuen Arbeitern eingestellt. Am größten sei die Veschättr- gung der Firmen, die Kriegsslugzeuge herstellen, und dm der führenden englischen Fabriken seien zur Zeit mit Mil- lioncnaufträgen aus den verschiedensten Ländern auf Kampf- und Bombenflugzeuge beschäftigt. Als Beweis hier- für sei das Anziehen der Aktien englischer Flugzeugstrmen anzusehen. Neue französische Festungen An der Nordgrenze DNB. Paris, 20. Mai. Der„Matin" veröffentlicht eine Meldung aus Lille, die von dem Eintreffen einer topo- grafischen Abteilung berichtet, die im Austrage des General- stabes Geländestudien an der französijchen Norügrenze vor- N'mmt, die als Unterlagen für den Plan der dori auszu- führenden Befestigungsarbeiten gelten sollen. Wahrscheinlich werde man die französische Nordgrenze ähnlich besestigen nne die französische Ostgrcnze. d, h, von großen allzu sichtbaren Forts absehen und dafür Besestigungswerke anlegen, die sich dem Boden und dem Gelände anpassen. Nicht alle srü- Heren Forts würden mithin aufrechterhalten werben. Für die Befestigungsarbeiten an der französischen Nordgrenze seien Ausgaben von mehreren...zig Millionen Franken vorgesehen. persien gegen Standard Sil DNB. London, 2S. Mai. Wie Reuter aus Teheran meldet, kündigte der persische Außenminister am Freitag im Paria- ment Ansprüche der persischen Regierung auf die Bahrein- Inselgruppe im Persischen Golf an. Die amerckannche Standard Oil-Gcsellschait habe, so erklärte er, kein Recht, die Oclquellcn auf den Bahrein-Jnseln auszubeuten. Per- sicn werde diese Frage daher aus diplomatischem Wege zur Sprache bringen und an den Völkerbund mit der Forderung herantreten, daß die Konzession der Standard-Gesellschaft gestrichen werde. Die amerthanisdicn Streik» Schüsse in Toledo DNB. Rewyork, 20. Mai. Die Streikleitung in den Ver- einigten Staaten hat sich trotz der Bemühungen der R?- gierung immer noch nicht grundlegend gebessert. Zwar wurde der Streik in Minneapolis durch einen Vergleich beendet, jedoch lehnten die Streikenden in Toledo jede Verständigung ab. ES kam dort ln der Nacht zum Samötag erneut zu Zu- sammenstößen mit der Nationalgarde, die mehrere Salven in die Lust abgab, nachdem sie von den Streikenden wie- Kerum mit Siemen beworfen worden war. Di: Aussichten auf eine Beendigung d-s Hafenarbeiter- streiks an der Westküste find gleichfalls nach wie vor sehr gering. Auch in New Orleans ist kein Nachlassen dcS Dock- arbeiicrstretkcs zu bemerke», vielmehr kam es dort zu heftigen Zusammenstößen, bei denen mehrere Dockarbeiter ver» letzt wurden. Im Zusammenhang mit diesen Unruhen nahm die Polizei 200 Verhaftungen vor. DNB. N-wyork, 20. Mai. Wie an? Toledo(Ohio) ge- meldet w rd. wurden bei e ndm erneuten F:ncrgefccht zwischen Streikenden und Nationalgarde am SamSlag früh ein Leutnant der Nationalgarde, ein Streikender und ein unbetctligier Zuschauer schwer verwundet. Die„Frankfurter Zeitung" berichtet: Das Auskommen an Steuern, Zöllen und Abgaben hat sich im Monat April weiter gut entwickelt. Die Einnahmen be- trugen im Vergleich zum April 1933 bei Besitz- und Ver- kchrsstenern 328,4(275,5), bei Zöllen und Verbrauchssteuern 209.7(212,9), zusammen also 598,1(488,4) Mill. Von denjenigen Steuern, die für die Beurteilung der Wirtschastsentwicklung am wichtigsten sind, hat sich besonders die Lohn st euer gut entwickelt. Das Aufkommen<04,5 Millionenj übersteigt das des Vorjahres um 4 Millionen und wenn man die Gesetzesänderungcn seit Juli 1933 berück- sichtigt um mindestens 8,25 Mill. Das Aufkommen an ver- a n I a g t e r E i n k v m m e n st e u c r war mit 24,7 um 1,2 Mill. höher als im April 1933, das an Steuerabzug vom Kapitalerträge mit 5,4 um 1,1 Mill. R M. niedriger. Tie Abgabe der Aufsichtsratsmitglteder erbrachte 9,0(0,2) Mill., die KLrpcrschastssteuer 5,3(4,4) Millionen, die U m s a tz st e u e r entwickelt sich weiter gut. Das Aufkommen beträgt im April 158,3 gegen 120,9 Millionen i. V. Trotz der am 2. Oktober 1933 erfolgten Senkung der Umsatzsteuer der Landwirtschaft von auf 1 Pro- zent, beläuft sich also das Mehr auf 37,4 Mill. Die Kraftfahr- zeugsteuer blieb nur um 12 Mill. hinter dem Vorfahr zurück, obwohl für viele Altwagen die Steuer abgelöst ist und alle seit März 1933 zugelassenen Personenkrastiahrzeuge steuer- frei sind. Auch in der Entwicklung der Besörderungs- st e u e r zeigt sich eine Belebung. Die Personenbeförderungs- steuer ergab im April 7,5<0,1!. die Gtttcrbcförderungssteuer 9,0<8,1> NM. Tie R e i ch s f l n ch t st c u c r brachte 2,4 Mil- lionen gegen 0,4 im April v. F., was ans verstärkte A n s iv a n d e r u n g zurückzuführen ist. Bei den Zöllen kamen 134.9<107,21 Mill. aui. bei der Zucker steuer 22,2(18,5)— dies infolge verspäteter Ab- führung durch die Ostcrfeiertage. bei der Vi erst euer 18,2 (10,4), beim Spritmonopol 12.0(10,5) und bei der M i n e r a l ö l st e u e r 1.8<0.9! Mill. Auch bei der Tabak- st euer ist ein« Steigerung aus 59,2(50/1) Mill. eingetreten. Dem Mehrauskommcn im April von 109.7 Mill. gegenüber dem April v. F. leinschließlich 15.7 Mill. Scktsteuerl steht allerdings die Einlösung von 133 Mill. Steuer- g n t s ch e i n c n gegenüber. Man beachte: Angeblich sind mindesten? drei Missionen Menschen mehr in Arbeit als im April 1983. Trotzdem erbringt die Lohn- steuer nur vier Millionen Mark mehr alS im April des vorigen Jahres. Auf jeden Ncuelngeftcllten entfällt also ein Lohufte« rbetrag von 1 Mark im Monat. Trotz Millionen Neueinstellung ist dl- gesamte Lohnsumme so gut wie nicht gestiegen. Eine Wir'schif'Sbelcbnng, die den Arbetcriu nui Angestellten zugute gekommen wäre, liegt also nicht vor.. Tie oeralilagte Einkommensteuer ist zwar üm 1.2®tr T lionen Mark höher"s im S''rsahre. aber die Kapitalertrag- steuer.ist ui 1.1 Millionen Reichsmark niedriger, also auch die gehobenen Schichten haben von der Wirtschaftsbelebung nicht viel gespürt. Und das Gesamtergebnis: 109,7 Millionen Steuern mehr sind herausgequetscht worden, aber dafür mußten 133 Mil- lionen Steuergutscheine eingeleöst werden. Mithin: minus 23,3 Millionen Reichsmark. Das schwindende Reichsbankgold Nach dem Reichsbankausweis hat in der dritten Ma'woche die ungünstige Entwicklung der TeckungS- b e st ä n d e angehalten. An Gold sind 13,9 Mill. abgeflossen, während der Devisenbestand eine Zu- nähme von 2,3 Mill. Reichsmark zeigt, so daß sich also ins- gesamt eine Abnahme des DeckungSbcstandeS um 11,0 auf 154,5 Mill. Reichsmark ergibt. Soüzhuhenradie Raub des Vermögens von Dr. Friedrich Wolf Stuttgart, 20. Mai. DaS Württembergische Politische Landespolizciamt hat durch Verfügung vom 22. Mai auf Grund de? Gesetzes über die Einziehung kommunistischen Vermögens die Einziehung des Vermögens des flüchtigen kommunistischen Arztes und Schriftstellers Dr. Friedrich Wolf auS Stuttgart zugunsten de» Landes Württemberg verfügt. Personen, die irgendwelche Ver- mögenswerte des Arztes besitzen oder von dem Vorhanden- sein von Forderungen Kenntnis haben, werden aufgefordert, die? dem Politischen LandcSpolizeiamt mitzuteilen. Wer daS Vorhandensein derartiger Vermögenswerte verschweige, stelle sich außerhalb der Volksgemeinschaft. Friedrich Wolf ist der Oefsentlichkeit vor allem bekannt geworden durch feine Stellungnahme zur Frage de» 8 218 und durch seine Bühnen, werke„C y a n k a l i" und„C a t t a r o". Neue Verhaftungen Wien, 25. Mai(DNA.). Am Psingstsonntag wurde be» kanntlich eine Reihe hervorragender nationalsozialistischer Führer in Wien verhastet. Es handelt sich um den Gauleiter von Niederösterreich, Joseph Leopold, ferner um die beiden Brüder de» Gauleiters von Wien. Alfred und Eduard Frauen! cid. den Sektionsrat deS HeereSministeriumS, Dr. 9 Ii, Ingenieur Pöchlinger und eine Reihe von Beztrksunterführern. Es verlautete ursprünglich, daß die Verhaftungen dieser Führer als Folge der Eisenbahnan- schlag« vorgenommen seien, nun läßt aber die Regierung in «inem amtlichen Kommuniaue mitteilen, daß die Verhaf- timgen als Vergeltung für die„Flucht" de« Gauleiters Frauenseld und des Unterführer» Neumann erfolgt feien. Zwei, die sieh leider nicht schießen Der zDaily Herald" berichtet über einen scharfen Zu- sammenstoß zwischen dem früheren deutschen Kronprinzen und dem ReichSsportführer von Tschammer-Osten. Bei einer sportlichen Veranstaltung, bei der der frühere Kronprinz als Zuschauer anwesend war. äußerte sich der Reichssportsührcr laut:„Ach. der zeigt sich ja nur, um sich die Sympathien der Volksmenge zu verschaffen." Der Kronprinz übersandte darauf v. Tschammer-Osten seine Zeugen. Aber der Reichssportführer soll eK abgelehnt haben, sich mit dem früheren Kronprinzen zu duellieren. Pas Baemesfg In dem Stollenbetrieb der Abteilung Foulbach der Braun» kolüenwerke Hirschberg bei Groß-Almecode i« Hessen-Nassau wurden zwei Bergleute, deren Fehle« beim Sch-chiwechirl bemerkt worden war. tot aufgefunden. Der Tod war durch Einatmen von Kohleuorndgase» erfolgt. DNB. Berlin. Die deutsch« Himalaya-Erpedt- t i o n hat Freitag gemeldet, daß fix ihren Ausstieg zum Ranga-Pardat vollendet hat. Im Nahmen der Manöverübungen erfolgt« am Freitag nachmittag in Eherbonrg unvermutet L». ft» f ch u tz a l a r m. Das Thema war, daß ein feindliches Rasserslugzeuggcschwadcr einen Angriff ans das Arsenal durchführen wolle. Alle Semaphore gaben den Alarm weiter und die sogenannten passiven Abwchrstellcn konnten mit größter Beschleunigung eingreifen, bevor der angenommene Angriff fein Ziel erreichte. Der Präsident der Abrüstungskonferenz Ar t h u r Heu» derfo« ist am Freitag abend von London nach Genf ab- gefahren. Der Außenminister Sir John Simon de- abstchtigt, am Sonntagmorgen»nf dem Luftwegs nach Pari» zu reiten»nd von dort am Sonntagabend mit dem Zuge noch Genf weiterzufahren. Das fpanifcheInnenminifterinm teilt mit, daß die Regierung beschlossen hat, den Alarmzuftand in ganz Spanien, der hent« abgelaufen wäre, zu verlängern. Mi« aus D i c d d a aemeldet wird hat der Oberbefehl i- hab«r der faodiftifchen Trnope», Emir Fcißal. den lebl zum Bormarlch ans die vewcnitische Hauptstadt Sana gegeben. Die Bergbeseftiguugc« der Aemeutite» wurdcn be« reitS angegriffen. Ein« im Ba» befindliche Brücke über den Fluß Tschenab tu Kaschmir ist plötzlich eingestürzt. Etwa 10» Mensche« wnrden in die Tiefe gerissen. Biele von ihnen ertränke«. Bisher find 1» Leichen geborgen worden. Dokument deutscher Knechtschaft Das nebenstehende Dokument — eine Fotografie— befindet stch im Original in unserer Hand. So wie es ein beherzter Mann in der Fabrik von dem schwär- zen Brett heimlich herunter- gerissen hat, eingerissen an den vier Ecken. Wir halten es für nötig, dies zu betonen. Unsere Leser leben fast ausschließlich außerhalb des.dritten Reiches'. Sie lesen und hören zwar von der braunen Knechtschaft. Sie wissen, daß die Mär von freudiger Bereitschaft und herzlicher Ber- bundenheit der deutschen Arbeiter mit dem braunen Regime nur in schamloserLüge geboren wurde. Sie lächeln skeptisch, wenn über die kurzen Wellen der Aether von freiwilliger Hingebung und begeisterter Zustimmung der erlösten Arbeiter- schaft erfüllt ist. Sie erkennen automatisch den niederträchtigen Ge- wissenslerror und den unerträglichen seelischen Zwang. Aber diese Borstellungen entbehren der blutvollen Wirklichkeit. Die Fan- toste des Außenstehenden versagt vor den unmöglichen Bilder aus dem .dritten Reiche'. Deshalb die- ses Dokument. Wer wollte ihm ein Wort hinzufügen? Niemand kann den deutschen Arbeiter so gründlich und erbarmungslos niedertreten, wie dieser Betriebszellenobmann. Niemand trifft diesen Ton:.Keine Eni- schuldigung!'.Entlassung bei Karten- Verweigerung!'.Geschlossener An- marsch!'.Wir bieten die Faust!' Ein unbekannter Börger soll eine belanglose Rede halten. Der Betriebszellenobmann versucht nicht, ein fach- liches Interesse zu erwecken. Es geht ober auch gar nicht um Börger. Es geht um das Opfer, um das Eintrittsgeld. Man ist bettelarm geworden im .dritten Reich'. Der deutsche Arbeiter war einmal ln der Welt berühmt wegen seiner freiheitlichen, standesbewußten Gesinnung. Zetzt liegt er an Sklavenketlen. Und alles dies unter dem Ruf:.Heil Hitler!' pllzel! , Dürener Metallwerke Düren, den '-Hv BSE AHN T MACHUSG ; t im Sonntag tritt die gesäumte Belegschaft um 2 Whr auf dam Mühlenweg an der Nldeg.^enerstrasse zuzu Abmarsch zur Börger-Versammlung an. Ich verlange von jedem dass er pünktlich zur Stelle Ist. Nehme keine Beschuldigungen an.'\ j,.- v. V*-; i Da mir gemeldet wurde dass es noch Belegschaftsmitglieder gibt, die sich ireigertjen Karten zur Börger-Versaacnlung zu kaufen, sehe ich mich veranlasst die Leute als Miesmacher anzusehen und werde gegen die ..-•'-,>'!./' Leute die Entlassung fordere, da sie dadurch, beweisen, dass sie keine Interesse am Aufbau dee Vaterlandes haben. iL? sind noch genug Volirs« genossen auf der Strasse die unserem Führer an Aufbett helfen, und wir dann auch verpfHöhtet sind die Leute in unserem Botrieb zu nehmen die mit uns kämpfen und gegen die Miesmacher auszutauschen sind. Ks ist nicht genug dass Ihr in Arbelt und Brot seit sondern auch'diese Kleinigkeiten, zu Opfern, denn Ihr seit doch nur zu Dank an unseren '.*• V*•':■ k"; v•, >'" v r• T-:.' HjH Führer•verpflichtet der Such wieder Arbeit gab« Die Amtswalter haben»f.r bi» heute Mittag eins genau© zu geben von denjenigen die sich geweigert haben.diese Karte zu keifen damit ich sofort die nötigen Schritte untr nehmen kenn, wer^ nicht mit uns ist, ist gegen uns und dem bieten wir die Faust. l 7*-■ HEIL HITLKB .< X 1 BetxiÄbszslleaobmnn M M 3 i r roße Vorsicht ist geboten! ileberelnstimmcnd roirö uns von zuverlässigen Beobachtern igs um die deutsche Grenze mitgeteilt, baß in letzter Zeit ) vermehrt.Emigranten" melden, die sich mit den ver- iedensten Ausweisen als Sozialdemokraten legitimieren d sich in die Emigration und die Bruderpartei der Gast- nder einzuschmuggeln oersuchen Es ist einwandfrei --- ua*' 1*»m Be au f- jetz in der Emigration geltenden roten Mitgliedskarten räum fiir sie öffne. Als er stch weigerte wurde er eb.n- ausgewieien, die den rechlmatzigen Eigentümern in Prag falls verprügelt. Tann zogen sie vor das Haus in L» 1 gestohlen wurden und die in Saarbrücken täuslich erworben— k—*—«,—" f. e_ r worden sein sollen. Es erweist sich als dringend notwendig, die strengste Prü- fung und Kontrolle bei sich neu meldenden Emigranten vorzunehmen und in Zweifelfällen bis zur endgültigen Klärung die vorgelegten Ausweise einzubehalten. Ohne zweiielSsreie Feststellung der Berechtigung der Emigration keinerlei Empiehlunen und keine irgendwie geartete Unter stützung. auch aus die Gefahr hin, daß in berechtigten Fällen die Erledigung eine Verzögerung erleidet. der einzuschmuggeln versuchen o. »gestellt worden, daß e S sich um«eaus- igte der deutschen Polizei handelt, die, um i Arbeitsdienst in Deutschland tu entgehen und ein teS Leben führen zu können, im Ausland Spitzel-^. -nste leisten, die die Emigration zu zersetzen versuchen fSulUlf OflfT!f firflf>rcrlllslj>9 » sonstige Wühlarbeit und nationalsozialistische Propa-■vi HCl BUIIIIC r -da betreiben. Ä^ Iefien wird uns geschrieben: mpfehlungen durch bekannte sozialdemokratische Führer"-----... > der Ausweis der Parteimitgliedschaft durch das Mit- .'dsbuch M immer Garantien für deren saus uerprugctl.^.anu zöge m Arbeiter mit dem der eine SA-Mann Streit gehabt hatte, wohnte. Auf die Rufe der SA.-Leute ging der Vater des jungen Manes hinaus. Die SA.-Leute versicherten ihm. daß sein Sohn nur zu einem Verhör mitkommen solle, es ge- ichähe ihm nichts. Darauf ging der Mann mit und wurde von der SA. nach Boberstein in die Schule mitgeschleppt. Dort wurd er geschlagen, bis er bewußtlos war. Dann wurde er mit Wasser übergössen und erneut geschlagen. Hieraus schlössen sie ihn in einen Kleiderschrank. Am Mvrgen wurde er dort herausgeholt und ihm erklär, daß er nun er- schössen werde. Sie stellten ihn auch an die Wand und schössen nach ibm. 5ln»wiicken hatte der Vater leinen?nkin* schössen werde. Sie stellten ihn auch an die Wand und schössen nach ihm. Inzwischen hatte der Bater seinen Sohn gesucht und kam auch zur Sportschule. Tie SA-Leute iagten hm. daß sie seinen Sohn nirgends gesehen hätten. Er begab sich dann zum Vorsteher des Ortes, der erst nach längerem^u- m!'»>" Schule zu kommen, um den Verbleib des Arbeiters fe,»zustellen. Dem Vorsteher wurde dann der Mann«n schwerverletztem Zustand ausgeliefert D-r Ar»! ordnet: sofort die Uebersührung-ns Krankenhaus an wo der junge Arbeiter letzt schwer daniederliegt. U. ä sind «hm die Nieren abgeichlagen.' no tagnaymi u i..._ IJ■ Ölen haben. Im Westen soll ein formtimc» v gefälschten Flüch.liogspapieren. Briefbogen und der- chen herrschen. Einem solchen„Flüchtling" ist es ge- gen. mit gefälschten Ausweisen bi» in obere spanische Zierungskreise vorzubringen. ln Barcelona haben sich 2»Flüchtling«" mit den AUS sSUMtncu sc».«.v An Schildau bei Hirschberg wurde in einem Gasthaus ein Tanzvergnügen abgehalten. Dabei war auch ein SA-Mann aus der Sportschule in Boberstein anwesend der einen jungen Arbeiter längere Zeit belästigte. Als er trotz aüt- lichen Zuredens und Verwarnungen weiter stänkerte aab ihm der Arbeiter einige Ohrfeigen. Daraus verschwaud der SA.-Mann wortlos. Nichts Gutes ahnend, verließ der Ar- Rfr* äAMlAfa<,ml. Ein Dresdner Mctallbetrieb: Hier war kein ehemaliges ^-PD.-Mitglicd als Kandidat im Vertranensrat ausgestellt. Die Liste wurde„mit geringer Mehrheit" gewählt. Eö wird damit gerechnet, daß mindestens 45 Prozent der Arbeiter die Borschläge gestrichen hatten. Unser Gewährsmann versichert, dast er auf Grund der bei ihm eingegangenen Meldungen die Opposition gegen die NSVO.'vertrau- ensräte aus fast 75 Prozent schätzt. Westsachsen: Großbetrieb bei Borna: 700 Mann Belegschaft. 70 Prozent ungültige Stimmen. Der NSBO.-Bertreter Pfeiffer aus Böhlen äußerte einige Tage vor der Wahl:„Wenn bei euch die Schweinerei passiert wie wo anders, werden wir mit dem Radiergummi(Gummiknüppel) ausräumen." Wie diese Worte von der Belegschaft auigenommen wurden, ist aus dem Ergebnis der Wahl zu ersehen. Druckereibctricb Leipzig: Vis zur Wahl der Vertrauens- männer mar der Borsitzende des Betriebsrats ein Marxist. Die Liste für die BcrtrauenSmännerwahl sah diesen Bc- triebsratsvorsttzenden nur als Stellvertreter vor. stn ht Wahl erhielt aber der Marxist die absolute Mehrheit. Die Nationalsozialisten fielen durch. Graphischer Betrieb, Leipzig: 50 Prozent Neinstimmen. Schlesien: Im Große» und Ganzen haben die NSBO.-Bonzen knapp 50 Prozent oder gar noch weniger vo» den abgegebenen Stimmen erhalten. Wo dagegen aus Mangel, an braunen Kräften einige frühere Betriebsräte aufgestellt waren, haben diese fast überall 100 Prozent Stimmen erhalten. So z. B. Kapagwerke Groß- Tärchen, Kreis Sorau: NSBO.-Bertreter etwas über 50 Prozent, dagegen die alten„Marxisten" 100 Prozent. AlaSschleiierei Mäder. Döbern. Kreis Torau: Alter Bc- triebsrat 100 Prozent. NSBO. 55 Prozent. Betrieb Petschmann: Liste der NSBO. bat keine 50 Pro- zent erhalten, deshalb mußte der Treuhänder den Ber- tranensrat berufen. GlaSschlcifcrci Fettke und Ziegler: früherer Betriebsrat 100 Prozent. NSBO. knapp 50 Prozent. Das gleiche Resultat wird ans der Forster Textilindustrie gemeldet. Bergwerk Kohlfurt: 38 Prozent der Stimmen für die NSBO,-Liste. Eiscnbahnwerkstatt Kohlsurt: 54 Prozent für die Liste. Waggonfabrik Christoph u. Umnack, Nicsku: 48 Prozent für die Liste. Steinbrüche, KönigShain: 84 Prozent für die Liste. Pcnzig: Adlerhütte 87 Prozent, Phönixhütte 44 Prozent für die Liste. Zlegelwerke KoderSborf: 47 Prozent für die Liste. Görlitz, Eisenbahn: 58 Prozent für die Liste. Weißwasser, OSramwerkc: 82 Prozent für die Liste. Lauban, Eisenbahnwerkstätte: 82 Prozent für die Liste. EberSbach, Textilwerkc: 42 Prozent für die Liste. Nordbayern: Eine Weidener Porzellanfabrik: Als BetriebsoertrauenS- räte wurden Kandidaten aus dem kaufmännischen Personal, den Werkmeistern sObermaler, Oberdreher, Oberbrenncr «sin.» aufgestellt. Also Kandidaten, die nach ihrer Wirtschaft- liehen Stellung im Betrieb von den Arbeitern als Aufpasser bezeichnet werden. DaS StimmcnergcbniS war: 259 Stimmen für die Nazikandidaten. 261 gegen die Nazi- k a n d i d a t e n. 7 0 Stimmen ungültig. Der Wahlausschuß hat sich einen einlachen AnSweg gc- sucht und ha» das Stimmenverhältnis einfach umgedreht, so daß 201 Stimmen für die Nazikandidaten verkündet wurden. Der Wahlausschuß hat weiter erklärt, daß die Kandidaten mit Mehrheit gewählt sind. Eine andere Porzellanfabrik in Weiden: Hier wurden Kandidaten aus der Belegschaft genommen. Leute, die früher schon Bertrauenssunktionen für ihre Arbeits- kollcgcn im Betriebe innehatten. Diese Kandidaten wurden fast einstimmig gewählt. Südbayern: Fabrik fotografischer Artikel in einem Vorort bei Mün- chen: Belegschaft 000 Mann. Früher gewerkschaftlich organi- sie«. Nicht ein einziger der von der Werks- l e i t u n g und NSBO. a u f g e st e l l t e n K a n d i d a- ten hatte die notwendige S t i m m e n z a h l. Die Wahl wurde für ungültig erklärt und muß wiederholt werden. „Münchner Neueste Nachrichten." Verlag Knorr und Hirth, Belegschaft zirka 650 Mann. Größter Zeitnngsverlag«ud- tcutichlandS. Freigewerkschaitliche Organisation früher gut, doch auch Indifferente. Bertraucnörätewahlergebnis: 86 Wähler haben die Vorschlagsliste rechtsgültig ganz abgelehnt. 8 00 Wähler haben ihren Stimmschein un- gültig gemacht. Diese Stimmen wurden bei der Aus- zählung als nicht abgegeben betrachtet. Eine vorausgegan- gene Betriebsversammlung, bei der auch der„Führer des Betriebes", der Hauvtlchriftleiter anwesend war. hatte eine Beteiligung von 50 Prozent der Belegschaft. Münchner T tzereibetrieb: Belegschaft 60 Mann. Für den BertrauenSrat 47 Stimmen, 18 ungültig. MAN Augsburg, Maschinenfabrik: BertrauenSrat ivurde von 60 Prozent der Wähler abgelehnt, 10 Prozent waren unklar,M Prozent stimmten zu. Der aufgestellte Vertrauens- rat ivurde aber vom Treuhänder trotz dieses Wahlergeb- nisses bestellt. Gummiwarenfabrik Metzeler AG: Belegschaft etwa 350 Personen, darunter viele Frauen. Früher war Metzeler ein gut freigcwcrtschaftlich organisierter Betrieb. Nach dem März wurden viele Gewerkschaftler entlassen und National- svzialistcn eingestellt. Für die Liste der BertraucnSräle wurden 85 Prozent aller Stimmen abgegeben. Der Betriebs- zellcnovmann erhielt 03,8 Prozent. Lerlin: Osram: Belegschaft 13 500 Mann, verteilt auf Hauptvcr- waltung und drei Werke. Früher wählten die Werke und die Hauptverwaltung ihre Betriebsräte gesondert. Bei der Wahl zu den Berlrauensräten wurde iür alle nur eine Liste ausgestellt. Die Folge war. daß die Wähler jeweils die Vertreter ihres eigenen Werkes durchstrichen, weil sie ihnen bekannt waren, die Vertreter der anderen Werke dagegen stehen ließen, weil sie sie nicht kannten. Ergebnis: 11."»00 gültige Stimmen, höchste Siimmenzahl 9000, niedrigste 6000. Lindcar-Fahrradwerk Berlin-Lichterselde(ehemaliges Un- ternehmen der freien Gewerkschafieni: In einer Versammlung vor der Wahl wurde angekündigt: wenn auch eine Mehrheit gegen die Geiolgschaftsliste ist, bleibt der Vorschlag doch bestehen. Ergebnis: Wahlberechtigt 70 Personen, 48 Stimmen gegen den Betriebsobmann(NSBO.), IS Stimmen gegen den Betriebsführer. Schleswig-Holstein: In verschiedenen Betrieben haben die aufgestellten Kan- didatcn noch nicht einmal 50 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten, so bei Bremer u. Wegener, in der Nord- deutschen Jutespinnerei. an der Autostraße und noch in einigen anderen Betrieben. Bei Blohm u. Boß sieht da? Ergebnis in runden Zahlen so auö: 3700 Stimmberechtigte. 3300 Stimmen abgegeben (also 400 haben offen demonstriert», 750 Ungültige, 850 Durchgestrichene, es bleibt also ein Rest von 1700, die aber auch z. T. blanko abgegeben sind und als gültig angesehen werden. To und ähnlich ist es hier in allen Betrieben. Andere Landesteile: allgemeinere Meldungen aus anderen Aehnlich lauten LandeStcilen: Hamburger Hochbahn A. G:„Hier wurde im letzten Jahre alles, was auch nur im Verdacht stand, den beiden Arbeiterparteien nahegestanden zu haben, rausgeschmissen. Trotzdem haben bei den VertraucnSmänncrwahlcn nach Aussagen von Nazi-Funkiionärcn nicht ganz 30 Prozent iür die NaziS gestimmt. 70 Prozent waren also entweder»n- gültig oder Gegenstimmen.— Bei Blohm u. Boß wurden nur 25 Prozent für die Nazis abgegeben." Zittau: In den Hochburgen der Nazis, den Textilbetriebe» Bernhardt, Könitzer und Neumann sowie der Maschinen- bauanstalt sind bei den Wahlen für die Gefolgschaft s- listcnur30bishöchstens40ProzentStimmen abgegeben worden. Ebenfalls in Hirschselde im Eick- trizitätswcrk lKraftwerk Berlin», 30 Prozent. Pirmasens: Es sind in der Pfalz mehrere Fälle bekannt, wo das Ergebnis gar nicht mitgeteilt wurde, die einzige Veröffentlichung, die man bis jetzt<27. 4.» lesen konnte, be- handelte das Ergebnis bei de» städtischen Arbeitern in Pirmasens. Aber auch da wird nur mitgeteilt, daß die Kandidaten über 50 Prozent der Stimmen erhalten haben. Da die städtischen Arbeiter, wie überall, von allen Marxisten bereinigt worden sind, kann auch hier das Ergebnis als sehr schlecht angenommen iverden, denn sonst würde man die wirklichen Ziffern veröffentlichen. Rheinland: Im Westen haben in den meisten Betrieben, in denen die Wahl bereits stattgefunden hat, die„alten Kämpfer" nur wenig über 50 Prozent der Stimmen erhalten. Oit haben frühere freie und christliche Gewerkschafter mehr Stimmen erhalten. Im Betrieb Schuhmacher, Metallwaren in Aachen, erhielt ein ehemaliger ZcntrumSmann die meisten Stimmen. „Nur schwer zu erfahren" Als allgemeine Beobachtung wird ans Sachsen berichtet: „Die Wahlrcsnltate sind schwer zu erfahren, weil selbst in den Einzelbetrieben genaue Stimmcnrcsultate nicht bekanntgegeben werden. Im allgemeinen wird die Vor- schlagsliste nur einfach als gewählt bezeichnet. Der Wahl- vorstand wird meist ans den alten und feigsten Arbeitern des Betriebes gebildet, von denen schwer genaue Zahlen- angaben z» erhalten sind." lieber die Bedeutung der Wahlen äußert sich der Bericht aus Südbayern: „Allgemein ist festzustellen, daß ein Teil der Wähler und zwar überwiegend die früheren Indifferenten f i ch überhaupt nicht klar waren, iv eiche Bedeutung diesen Wahlen zukam. Nicht wenige ber früheren Gewerkschaftler verwechseln den heutigen Ver- tiauensrat mit dem früheren Betriebsrat." -* Diese Feststellungen und das oben iniigeteilte Ergebnis in dem Berliner Großbetrieb(gemeinsame Wahl in den drei Werken und der Hauptverwaltung) legen den Schluß nahe, daß die a l l g e m e i n e p o l i t i s ch e B e d e u t u n g dieser Wahlen nicht überschätzt werden darf. Nur di: politisch gut geschulten Arbeiter waren sich darüber klar, daß diese Wahlen eine Demonstration gegen das Regim: bedeuten konnten. Tie meisten wählten nach engen Betriebsgesichtspunkten, und die Persönlichkeit auch der NSBO.-Kandidaten blieb nicht ohne Einfluß auf das Er- gebnis. Sind also aus diesen Wahlen keine unmittelbaren Schlüsse auf den Ausgang einer allgemeinen politischen Wahl zu ziehen, so bleiben sie doch bedeutsam als Symptom dafür, daß der Anhang der Nazis unter der Betriebsarbeiterschaft, der zeitweise ziemlich stark war, im Schwinden begriffen ist. BartHou vor der Kammer Scharf gegen Deutschlands Aufrüstung«■ Zur Saarfrage i«.Das feierliche Versprechen Deutschlands allein genügt mir nicht"... ort Der grolle Tag Paris, den 26. Mai 1934. Wie immer an großen Tage», war das Palais Bourbon bis auf den letzten Platz besetzt, als pünktlich um 8 Uhr Prä- sident Bouisson die Sitzung eröffnete. Zur ersten Jnter- pellation sprach ber Abgeordnete Chappcdelaine von der radikalen Linken. Mit eindringlicher Besorgnis wies er auf die wachsenden deutschen Rüstungen hin. Er glaubt, daß Hitler in einem Jahr über eine Armee verfüge, die die französische Armee überflügelt haben würde. Er sieht auch eine große Gefahr in den Machenschaften der National- soztalisten in Oesterreich. Er weist eindringlich ans die Gefahr eines Anschlusses Oesterreichs an Teutschland hin. Der elsässische Abgeordnete Weill befragt den Außen- minister über die Verurteilung des clsässischen Lokomotiv- Heizers R e i m e l t, der aus Straßburg stammt. Reimelt ist von der Nazipolizci von der Lokomotive weg verhaftet und vom Schnellgericht zu vier Wochen Gefängnis verurteilt worden. Er sollte sich einige Zeit vorher einmal verächtlich über das Hitlcrregime geäußert haben. Die Verhaftung und die ganzen näheren Umstände des Falles haben im Elsaß eine außerordentliche Entrüstung hervorgerufen. Sosort erhob sich BartHou und teilte mit, baß der fran- zösische Botschafter in Berlin Schritte unternommen habe, um die Freilassung des Heizers zu erwirken. Die Regierung würde alles in ihren Kräften stehende tun, um den Fall zu bereinigen. Nach der Pause ergriff sodann BartHou das Wort. Er redete außerordentlich packend und interessant. Er hatte das Ohr der Kammer in ungewöhnlicher Weise gleich, als er er- klärte, sich nicht mit der Vergangenheit aushalten zu wollen, sondern die Zukunft der französischen Politik darzulegen. Die Regierung sei mit zwei Problemen besonders beschäftigt. Das eine Problem sei Oesterreich, das andere die Ab- riistungssrage. Mit deutlichem Hinweis ans Nazideutschland erklärte der Minister unter starkem Beifall der Kammer:„Wir sind eine parlamentarische Regierung. Wir haben ber auswärtigen Kommission der Kammer alle Dokumente vermittelt, die unsere teilweise stark angegriffene Haltung erklären. Kann man in der österreichischen Frage eine andere Politik ein- schlagen, als sie von uns geführt wird?" Bon ganz besonderer Bedeutung waren die Erklärungen BarthouS zur russischen Frage. Unter großer Spannung des Hauses bezeichnete BartHou den Eintritt Nußlands in den Völkerbund als ein Ereignis von großer Tragweite für den europäischen Frieden. Frankreich schlage die Richtungeinerintl wen Annähern nganNuß- l a n d ein. Eingehend widmete sich BartHou sodann der Ab- rüstungSfrage. Er wteS die Kontinuität der iranzöst- scheu Politik in dieser Frage nach und stellte ftcst:„Die fran- zösische Regierung hat eine Entscheidung getroffen, an die sie sich halten wird, weil sie von der Gesamtheit der Regierung beschlossen wurde." Was in Genf vor sich gehen würde, besage die letzte fran- zösische Note: ES werde Sache de» Völkerbunde» sein, du ii Besprechungen und Anstrengungen, zn einer Einigung über die Abrüstungssrage zu gelangen, fortzusetzen. Unter dem Beifall des Hauses bezeichnete Barthon den Völkerbund alsdann als die beste Friedensgarantie. Zum Schluß kam er sodann auf die Saarfrage zu sprechen. wir wollen freie Aßsiimmnng" BartHou erklärte dann zur Saarfrage: „Frankreich will eine freie Abstimmung im Saar- gebiet. Man hat die Festsetzung des Termins der Bolköab- ftimmung verlangt, ohne Eicherheitögarantien zn schaffen, aber die Volksabstimmung ist nnr dann ehrlich, wenn ste srei ist. Tie französische Regierung hat nicht die Abficht, die Lösung des SaarproblemS, das auf Europa lastet, hinauszuschieben, aber es wirb in der Frage der Festsetzung des AbstimmungsdatumS nicht nachgeben. Wenn ich mich m't der Festsetzung deS AbsttmmungSterminS einverstanden erkläre, weiß ich, was ich verspreche. Aber ich weiß heute noch nicht, was mir von der anderen Seite gegeben wird. Ein feierliches Versprechen Deutschlands? E'n solches genügt mir nicht!"(Lauter Beifall im ganzen Hause.) Znm Schluß erklärte BartHou. daßFrankreichnicht den Krieg wolle.„Ick werde alles tu», um ihnzovermeiden. Die jetzige Regierung Frankreichs hat das internationale Prestige Frankreichs nicht gc- mindert." Bei feiner Rede habe er feststellen können, daß die Stimme Frankreichs in der Welt nichts eingebüßt habe. (Beifall im ganzen Hause. BartHou wird zu seiner Rede beglückwünscht.) * Es waren ganz besonders die beiden Vorfälle im Saar- gebiet, weiche eine außerordentlich gespannte Stimmung er- zeugt hatten. Ter häßliche Borsall in Saarlouis und die BrüSkicrung der französischen Studenten hatten ganz Frank- reich den Ernst der Situation gezeigt. Jeder Franzose fühlte mit der beleidigten französischen Jugend. Des weiteren hatte der große französisch: Aktcndiebstabl bei der sranzvsi- schen Bergwerksbirektion in Saarbrücken allen Abgeordneten deutlich gezeigt, zu welchen Gewalttaten die Nationalsozialisten im Saargcbict bereit waren. Wird ver lag!? Genfer Vermutungen Mai 1931. b, M. be- Gens, den 25. Tie außerordentliche Ratstagung, die am 30. ginnt, wird als zweiten Punkt die Saarsrage behandeln. Bei den Beratungen werden die Garantien und das tnter- nationale PoltzelkorpS eine ausschlaggebende Rolle spiel n. In eingeweihten Kreisen hört man, daß für den Fall, daß die Gegensätze zwischen Deutschland und Frankreich weiter bestehen bleiben, damit gerechnet werden müsse, daß die Abstimmung wegen technischer und politischer Unmöglichkeit-"? auf unbestimmte Zeit vcnagt werde. I nmer wie?:? rC.t ntan, baß bie neuerlichen Vorfälle in Saarbrücken und Saar- louis sAktendiebftahl und Vertagung der französischen Studenten! einen sehr üblen Eindruck hinterlassen haben. Auch das Völkerbundssekretariat soll angesichts der beiden Vorfälle die Lage an der Saar als außerordentlich ernst an- sehen. In VölkerbunbSkrcisen glaubt man nicht, daß der Saarlouiser Pogrom aus einer wirklichen Volksstimmung heraus entstanden sei. Man nimmt vielmehr an, daß die Demonstration gegen die jungen Franzosen von der„beut- schen Front" systematisch organisiert worden sei. ovcrdvrscrmekler Neihcs Die Sozialdemokrat!« fordert einer außerordentliche Stadtverordnetensitzung Tie Putsch-Ankündigung des Saarbrttcker Oberbürgcr- Meisters NeikeS, die mir gestern ausführlich meldeten, hat die sozialdemokratische Staötvcrordnctenfraltion zu folgendem Brief veranlaßt: Saarbrücken, den 23. Mai. An den Herrn Oberbürgermeister der Stadt Saarbrücken! Die sozialdemokratische Stadtvcrordncteufraktion hat mit außerordentlichem Befremden und mit st ä r k st e r E n t- rüstung Ihre Aeußerungen gelesen, die Sie gegenüber dem Berichterstatter der„Baseler Nationalzeitung" gemacht haben. Ihre danach getane Acußerung. daß mit einer politischen Explosion im Snargebiet zu rechnen sei, haben Sie, wenn Sie schon eine solche unverantwortliche Aeußc- rung tun, nicht für die Taargcbietsbevölkernng bzw. die Einwohnerschaft Saarbrückens schlechthin abzugebe», sondern höchstens für die Ihnen nahestehenden Kreise. Tie freiheitlich gesinnte Bevölkerung des Saargebietes weist es weit von sich, gewaltsame Ausstände im Saargebiet stattfinden zu lassen, durch die ihre Würde als Deutsche nur in den Schutz gezerrt werben könnte. Da derartige Aeußerungen nicht unwidersprochen bleiben dürfen und vor allem nicht tu der Welt bleiben dürfen als vermeintliche Auffassung der Saargebictöbevölk«ung. er- suche ich Tie namens der sozialdemokratischen Stadtvcr- ordnetenfraktion, unverzüglich eine öffentliche Stadtvcr- ordnetcnsitzung einzuberufen mit dem Thema:„Stellung- nähme zu dem Interview des Oberbürgermeisters Dr. NeikeS". Für die sozialdemokratische Ttadtverorduetenfraktion: gez. Unterschrift. Saarlotits komm) zur Spradie Protest beim Völkerbund wegen des Aktendiebstahls Wie anS Paris gemeldet wir», muß damit gerechnet werden, baß der Zwischenfall von SaarlouiS von den Ver- tretern der Negierungskommission sowohl als auch von den französischen Delegierten am SO. Mai in Genf z u r Sprache gebracht wird, und zwar anläßlich der Auf- nähme der Saarfrage auf die Tagesordnung der außer- ordentlichen Session des Völkcrbundsrates. Die französische Verwaltung der Saargrubcn gibt bekannt, daß sie wegen de» Diebstahls von Dokumente» auS ihren Geschäftsräumen beim Völkerbund P rote st einreichen werde. Heiser ieimei Berichte aus Straßburg ES läßt sich febr leicht denken, daß in diesen Tagen sich die öffentliche» Diskussionen fast alle um das Schicksal des Straßburger Heizers Reimel drehten. Ter Mann fuhr am vergangenen Freitag wie immer auf einer Lokomotive in den Kehl« internationalen Bahnhof ein. Dort ver- hafteten ihn von der Maschine herunter zwei deutsche Gendarmen. Man warf ihm vor, die deutsche Regierung lächerlich machende Aeußerungen öffentlich getan zu haben. Am Dienstag stand der Heizer Reimel in Kehl vorm Gericht, das ihm vier Wochen Gefängnis zudiktierte. Alle Zeitungen berichteten ausführlich über den Fall. Sie ver- urteilen tu schärfsten Worten das Vorgehen der deutschen Behörden und fordern mit Recht von der Regierung Gegenmaßnahmen. So bemerkt die„R c publique" zu dem skandalösen Vorfall:„Wie lange will man sich denn diese Willkürakte ohne jegliche Vergeltungsmaßnahme noch gefallen laßen? Hier in Straßburg verkehren täglich Dutzende von Kehlern, die sich nicht den geringsten Zwang antun in ihren Gesprächen. Es gibt außerdem noch eine ganze Anzahl Deut- scher, die hier täglich herüber kommen zu ganz bestimmten politischen Zwecken. Tie bleiben unbehelligt. Man hätte wirklich unrecht, sich zu geniere» da drüben..." Die demokratische„Neue Zeitung" schreibt:„Man stelle sich ein- mal vor. daß die französische Regierung atle diejenigen Deutschen, die sich unfreundlich über die tranzösiiche Demo- kratie äußern, verhasten würde! Die Gefängnisse würben für diesen Zweck nicht ausreichen.... Man würde den sran- zösisch-dcutschcn Zwischenfall Reimel nicht so ernst zu nehmen brauchen wenn eo sich nicht um ein Glied in derKctte ständiger deutscher Provokationen lmndeln würde. Die französische Regierung hat keine Veranlassung, sich dies alles gefallen z» lassen..." Die sozialistische „Freie Preise" erklärt:„Wer hat Vertrauen zu einem Plicsmadicr einst und Jetzt Eine sehr treffende Bemerkung zu dem nationalsoziali- stischen Feldzug gegen die Miesmacher finden wir in der „Neuen Zürcher Zeitung". Das Blatt knüpft an einen der üblichen heuchlerischen Ausfälle des„Völkischen Beob- achters" gegen die„Reaktion" an und schreibt dazu: „Der„Völkische Beobachter" trägt es der„Reaktion" oder der„guten Gesellschaft" heute ganz besonders»och nach, daß sie unrer dem demokratischen Regime auS angeblicher Treue zum Staat den regierenden Kreisen nicht mit aller Schärfe entgegengetreten sei, sondern im Gegenteil damals„den wilden Nationalsozialisten es höllisch übel nahm, daß sie mit ihrer„zersetzenden Kritik" auch vor hohen Staatsbeamten nicht Halt machten". Wenn der„Völkische Beobachter" damit selbst an die Taktik der NSDAP, erinnert, so läge es eigentlich nahe, z» untersuchen, ob nicht ein Teil der Kritik- sucht, gegen die das Regime einen Vernichtnngsfeldzug er- össnen mußte, auf icne„zersetzende Kritik" der national- sozialistischen Agitation vor der Eroberung der Macht zu- rückzuführen wäre. Sicherlich sind die ernstgemeinten und vielleicht nicht ganz aussichtlosen Reform» und Wiederaus- banvcrsuche srübercr Regierungen zum Teil gescheitert, weil die Nationalsozialisten den Niedergang Deutschlands unter dem partamentarisch-demokratischen System für unaushalt- sam erklären und das Volk davon zu überzeugen wußten, daß es niemals besser werden könne. Seitdem sie selbst an der Macht sind, ivifsen sie, daß sie eine solche Agitation und auch die Kritik einzelner nicht dulden können. Die heutig? politische Führung in Deutschland ist aller- dings entschlossen, die.Kritikaster" zum Schweigen zu bringen: aber der Erfolg hängt schwerlich davon allein ab. StraSburger Wochenbericht Straßburg, 25. Mai 1934. Vom Pfingstgeist und anderen Dingen Wie seltsam! Man steht in Straßburg unter der Rhcin- briieke, beobachtet den an Feiertagen besonders lebhaften Verkehr, den die zu Fuß, zu Rad und mit dem Auto in« Elsaß reißenden Ausflügler verursachen, schaut hinüber ans andere Ufer, erblickt vreeinzclt braune Uniformen, siebt die in leichten Nebel gehüllten Berge des Schwarzwaldes und weiß: dies nun ist Deutschland, dein aterlan d"! Nur einige hundert Meter, die Jas grüne Wasser des Rheins ausfällt, trennen uns von diesem Land, dessen neue Herren dafür gesorgt haben, daß überall in der est, wo Kultur und Humanität keine leeren Begriffsschcmeu bilden, der Dame Deutschland nur mit einem leisen Grauen ausgesprochen wird. Während wir so stehen und sinnen, empfinden wir, daß der Rhein hier nicht einige hundert.Jetcr, nein Millionen Kilometer breit sein könnte, so breit und tief ist die Kluft, die sich geistig zwischen Deutschland und Frankreich und der ganzen übrigen Welt aufgetan hat. Von drüben erschallt aus frischen Kinderkehlen ein Lied. „F ürs Vaterland zu streiten, Hurra, Viktor i a"... Eine kleine Gruppe Kinder in Uniformen marschiert den Rhein entlang, die Fahne des Mordes an der Spitze, straff militärisch gegliedert. Ihr Lied dringt herüber in ein anderes Land, zu Menschen, die hier ander Grenze meist noch die gleiche Sprache sprechen wie drüben. Aber diese Menschen verstehen einander nicht mehr. Man schütte t den Kopf. Es ist Pfingsten!„Gehet hin und lehret alle Völker"...„Hurra, Viktoria!" Neudeutscher Pfingstgeist. Brummend naht in kühnen Kreisen ein Flugzeug. Ein deutsche, Flugzeug. Das Hakenkreuz leuchte weithin sichtbar von seinen Flügeln. Leber der alten Stadt zeigt das Flugzeug in ruhigem Flug die„Svmbole „dritten Reiches". Erstaunt beobachten die Bürger deutschen Flieger. Seine Tat stellt eine Verletzung Hoheitsrechte Frankreichs dar.^ as fragt aus sich von oben das altehrwurdige des den der ein deutscher Flieger, der sich von oum—— o Münster ans der Nähe beschauen will. Für Provokationen haben die neuen Herren Deutschlands jeden Sinn verloren, »ie sind von einer Tollkühnheit, die sich lediglich aus ihrer verzweifelten politischen und wirtschaftlichen Situation erklären läßt. Nun strömen die Mensrhen, die von Deutschland kommen, hinein in die Stadt. Ein großer Autohus der Reichspost fährt Autos und Motorräder eilen den in Richtung Münster, Autos um—- ^"gesen zu. Wer am Straßburger Brückenkopf Augen hat, *'i sehen, der kann zweierlei Deutsche erkennen. Hie einen gleichen dem hakenkreuzgeschmückten Flieger, der seinen Pfingsteusflug über Straßburg machte. Die an- Lommen still und bescheiden, scheu und ein wenig unsicher schauen sie drein. Sie sprechen nicht viel, treffen ihre Freunde, verschwinden möglichst rasch von der Straße, ziehen sich zurück in stille Gastwirtschaften oder abgeschlossene Wohnungen. Dort erst atmen sie auf. Dann löst sich ihnen die Zunge. Sie sprechen von Deutschland. Vom Land des Terrors, der vielen das Familienglück brutal zerstörte, vom Land der verheimlichten Krise, die man drüber überall verspürt und die in den Zeitungen geleugnet wird. Diese Menschen des anderen Deutschland sind voller Sorge um ihr„Vaterland", das mit verbundenen der furchtbare seelische Druck, dem sie drüben ausgesetzt snd und sie können es kaum fassen, daß hier— nur einige Augen dem Abgrund zusteuert. Noch lastet auf ihnen allen hundert Meter vom Kehler Brückenkopf entfernt— Menschen leben, die frei sprechen, eine Meinung haben und sie laut verkünden dürfen. Ein Landsmann, der in einer hier erscheinenden Zeitung einen Angriff auf die französische Regierung entdeckt, fragt mich erstaunt, ob denn die Zeitungen hier so gegen ihre Regierung schreiben dürfen. Er hat in diesem einen Jahr Hitlerdiktatur schon vergessen, daß es noch voriges Jahr die gleiche Freiheit auch in Deutschland gab! Diese Menschen aber sind die richtigen Deutschen und wenn wir ihren Erzählungen Glauben schenken dürfen, dann ist die Zahl derer, die das Ende der Diktatur in Deutschland schon in kürzester Zeit e r- warten, größer, als die derer, die noch bedingungslos an den Braunaucr Messias glauben. Sie kommen zu uns und erleben das Pfingstwunder, ein freies und friedliches Volk kennen zu lernen, an das sie in ihrer kerkerähnlichen Abgeschlossenheit zu Hause schon kaum mehr glaubten. Ein biederer Schwabe— er fuhr einen kleinen neuen Wagen— gab diesem Gefühl sichtbaren Ausdruck, indem er an seinem Auto neben den Wimpel in den württembergischen Farben die Trikolore setzte. Wie gut, daß es nicht nur Hakenkreuzflieger in Deutschland gibt! Wenn der Revolver knallt In der Schwesterngasse gab ein Italiener auf einen Neger, mit dem er in Streit geraten war, beim Verlassen einer Wirtschaft mehrere Revolverschüsse ab. Der Neger wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus, der Italiener von der Polizei in die Fadengassc eingeliefert. Das Auto im Bassin des Pasteurdenkmals Einen verlassenen Personenwagen, der wahrscheinlich gestohlen war, fand man dieser Tage im Bassin des Pasteurdenkmals an der Universität. Als die Polizei den Wagen entfernen wollte, stand er in hellen Flammen. Er verbrannte völlig und wurde von den Pompiers beseitigt. Hein Besitzer meldet» sich tzodi nicht. Nachbarn, der a» der Grenze»ich!? weiter verübt als Krakeel, wie es die Verhaftung in Kehl und das Erscheinen des deutschen Flugzeuges darstellt. Kein Mensch in Frank- reich und im Elsaß will ei nett Krieg, aber alle, die diese Manöver des Hitlerdentjchlaiid zur Kenntnis genommen haben, sagen sich: rrau, schau, wem! Und daß diese Vorsicht geboten erscheint, zeigen die beiden kleinen Lokal- ereignisse, die sich Pfingsten bei Straßburg abgespielt haben." Tie„Neuesten Nachrichten" schreiben:„Das Urteil trägt den Charakter einer nngualifizierbaren Provokation. Stellen wir folgendes fest: Jede» Tag kommen Reichs- deutsche ins Elsaß und erkundigen sich nach dem Los ihrer „unglücklichen elsässifchen Volksgenossen", jeden Tag er- zählen lie uns Märchen vom Hulerparadies. Tie Herr- schaffen gehe» sogar soweit, die Errichtung von Äonzentra- tionslagern in Frankreich anzuraten, wo BolkSerziehung nach deutschem Muster betrieben würde und wo den dort internierten Unglücklichen wortwörtlich eingeblnnt würde, was ihre politische Anstcht und Ueberzengung sein soll. Jeden Tag sieht man bei uns deutsche Zeitung«» in Hülle und Fülle, wo doch alle eisässischen Zeitungen— mit einer Aus- nähme— und diese aus bekannten Gründen— im Reiche »erboten sind und in diesen Zeitungen steht meistens nicht» Franzosensreundliches. Jeden Tag werden Franzosen, Eng- länder, Amerikaner und andere Angehörige zivilisierter Länder im Reich oerhastet und oft sogar mißhandelt, während bei uns und in unseren Straßen Leute frech einher- schreiten, die offensichtlich dafür bezahlt sind, unserem Lande Schaden zuzufügen.. Hier zeigt sich ganz deutlich die Wirkung, die von solchen Provokationen ausgeht. Teutschland gerät immer mehr in den Ruf. de» Frieden der Welt zu stören. Angesichts solcher Tatsachen klingen die Hiiler-Friedenö-Reden immer stärker als hohle Deklamationen ohne jeden Wert. Die„Splonin" Und ein Trottel von„Freund" Das Schöffengericht Berlin verurteilte die 22 Jahre alts E. W., genannt St., wegen intellektueller Urkundenfälschung zu einer Woche Gefängnis. Verbüßt durch sieben- monatige Untersuchungshaft. Fräulein E. hatte eine kleine Freundschaft mit einem An- gestellten. Und als der eines Tages bei ihr ein Paketchen entdeckte, dessen Inhalt, Herkunft und Ziel er zu wissen begehrte, da band dem leicht Verliebten Fräulein E. einen fantastischen Bären aus von ihrer Arbeit als T p i v n i n. ilnd wen» an diesem Tage der eine oder der andere junge Mann auf der Straße oder in der Elek- irischen dem hübschen Fräulein E. sreundliche Blicke zu- warf und Ihr Freund sich ärgerte, da flüsterte E. listig ihm zu. daß auch dieser Fremde zu der großen Tpionagezentrale gehöre, der sie dteue. Der unheimlich berührte junge Man» meldete der Polizei, daß er beinahe einer Spionin ins Garn gegangen wäre. Und Fräulein E. Ä., genannt St., wurde festgesetzt. Monaie- lang führte sie die Polizei— deren Pflicht es natürlich war, die Aiigaben der nach eigenem Geständnis im Dienste des Auslandes tätigen Agentin nachzuprüfen— durch das Bor- bringen romantischer Schilderungen von Autofahrten, FenergefechttN, Spionenzusammenkünften in Tchlnchtenseer Villa oder i» Hotelzimmern genau bezeichneter Nummern an der Nase herum. Sie nannte als Auftraggeber Namen, die unverkennbar dem NamenSbrauch des betreffenden Landes entsprachen. Und doch waren alle ihre Erzählungen Märchen- «Zählungen, großer Humbug. Bon der Anklage der wissent- lich falschen Anschuldigungen hat das Gericht das Mädchen freisprechen müssen, weil sie doch sicherlich nicht die An- fchuldigung gegen sich erstattet hat. um„ein behördliches Verfahren in Gang zu bringen". Aber eS hat sie verurteilt, weil sie ihre Vernehmungen usw. mit E. St. unter- schrieben hat. während doch— geboren und angeredet auch später als E. St.— vom Bater W. später anerkannt und mit seinem Namen bedacht worden war. dlaneler im«erster In Bruck an der Mur Ans dem Umweg über Jugoslawien erhält der ORT. folgenden erschütternde» Bericht über die Maifeier in Bruck an der Mur, der Stadt Obersteiermarks. in der Koloinan Wallisch gelebt und gekämpft hat. Der Bericht stammt aus dem Bruck« Rvtgefängnis, den Stadtsälen: Es ist Montag, 80. April 1984, 2Ü Uhr. Der Fnstizwach- beamte geht ernsten Blickes aus der Galeric des Saales hin und her und befiehlt im strengen Ton Ruhe. Alle Genossen liegen auf Ihren Strohiffcken und denken an den morgjgen 1. Mai. Die Fenster sind offen. Plötzlich vernehmen wir von dem gegenüberliegenden Schloßberg Gesang: immer lauter und deutlicher werden die Stimmen. Ein Flüstern acht durch den Saal:„Da» müssen unsere Jngcnögenossinnen sein." Und so war es auch. Eine größere Zahl junger Genossinnen sangen unsere alten Wanderlieder. Tief gerührt lauschten ivir dem Gesang. Wir danken ihnen herzlichst und bitten sie, weiter so tapfer und mutig zu sein. Wir ivcrben wieder- kommen. Dann schläft alles ei». Morgens zwischen 2 und fl Uhr :r:.-c. vi«- JPP». t-vv.-vivitfViiv.il HUItilil, die Türen de» Balkons zu öffnen, damit wir die Tagrevcille der Vaterländischen Front hören könnten. Die Genossen schlössen aber die Türen und Fenster und zogen sich ans ihre Strohsäckc zurück. Um halb u Uhr kam das Frühstück. Alle Genossen saßen stumm aus ihren Strohsücken, da rief plötz- lich ein mutiger, junger Genosse:„Achtung, Genossen, wir gedenken am heutigen Tage derer, die am 12. Februar ge- fallen sind." 5 Minuten standen 220 Gciangcne ehrfurchtsvoll, stramm und gedachten ihrer toten Brüder und ihrcS unvergeßlichen Führers und Helden Koloman Wallisch. Nach dem Frühstück gingen wir tn den Hof spazieren. Alle Gefangenen hatten rote Papicrstreiscn und steckten sie zu einer roten Nelke zusammengefaltet, ins Knopfloch. Eine halbe Stunde gingen wir im Kreis geschlossen herum, da bemerkte ein Justizbeamter die Nelken. Er holte seinen Vorgesetzten und der gab den Befehl, die Nelken sofort ab- zunehmen, da sonst der Spaziergang im Hos und der er- laubte Lebensmittelzuschnß entzogen würde. Da wir den Zweck unserer Demonstration erreicht hatten, gingen wir den gewohnten Gang weiter. Wir senden diese» Bericht, um zu zeigen, daß wir noch leben und im Geiste mit unseren Genossinnen und Genossen aller Länder und Sprachen aufs innigste verbunden sind. Bei dieser Gelegenheit danken wir allen für die Hilfe, die sie uns gedeihen lassen. Wir hoffen. - mit unserer K reif c uns Eurer Hille bald wieder einen 1. Mai feiern zu können, aber etnen Mai, wie wir ihn uns wünschen. Freiheit!! .- Gefangenen in den«tadtsälen Bruck an der R in. »Deutsche FreHeit", Nr. l« Das bunte Vlstt Sonntag Montag, Z7. Z8. Mai 1984 Dom Von Maxim Gorki Acht Tuberkulosekranke. Und das sind die launischsten Menschen, die man sich denken kann: wenn die Temperatur um zwei, drei Striche steigt, dann ist der Patient fast un- zurechnungsfähig vor Angst, Niedergeschlagenheit und Wut. Der Tuberkelbazillus hat eine lächerliche Eigenschaft: Ge- rade wenn er töten will, er den Lebensduyst. DaS zeigt sich auch in der erhöhten erotischen Erregbarkeit, die ein« Begleiterscheinung der PhthistS ist, und häusig auch in der festen Ueberzeugung gerade hosfnungsloser Kranker kurz vor ihrem Ende, daß sie wieder, gesund werden müßten. Acht solche Kranke bediente, in einer Pension in der Krim, das Stubenmädchen Dora, ein Wesen, dessen Rassezugehörig- keit nicht festzustellen war. Manchmal gab sie sich als Estin aus, manchmal als Karelin. Sprechen tat sie den taurischcn Dialekt, das heißt russisch, mal mit tatarischem, mal mit armenischem Akzent. Sie war groß und dick, aber leicht aus den Füßen,' ihre Bewegungen waren gewandt und flink. Sie war ohne die geringste Schulbildung und dumm? besonders dumm gerade dann, wenn sie recht schlau sein wollte. Die Kranken nannten sie deshalb auch, nicht gerade sehr geistreich,»Dura"(dummes Weib). Das kränkte aber das dicke Weib nicht weiter, verscheuchte nicht ihr Lächeln. Dora behandelte die Kranken nachsichtig, wie eine Mutter ihre Kinder. Wenn schwindsüchtige Männer mit ihren grauen, schweißigen Händen geil ihren gesunden, warmblütigen Körper betasteten, schob se in aller Ruhe mit ihrer großen, roten.Hand die schweißigen, jämmerlichen Hände der Sterbenden fort: »Nicht anpatschen! Sie schaden sich nur mit solchem Unfug." Sie wies alle Freier ab— mit demselben törichten, aber beruhigenden Lächeln, mit dem sie die ewigen Launen der Kranken anhört, und ihre ausdringlichen Zärtlichkeiten von ihrer Brust abwehrte. Ihr war heiß sogar an Tagen, an denen der Nordwind pfiff, oder der Nebel die Pension, ein kleines Häuschen auf dem Berge, in trübe Feuchtigkeit hüllte, und die Kranken in Plaids und Paletots gewickelt, das Wetter verwünschten. Nachts, wenn sie uns alle zur Ruhe gebracht hatte, wickelte Dora ein schwarzes Tuch mit einer roten Rose in einer Ecke um den Kopf, trat auf die Veranda hinaus fiel auf die Knie und betete lange, unter Seufzern gen Himmel schauend, vor meinem Fenster: »Oh. hochheilige Mutter... Christe, unser Gott! Und du grober Heiliger, Nikola..." Lyrische oder poetische Neigungen waren an Dora nicht bemerkbar. Sie macht« sich nichts aus Blumen und fand, sie brächten nur Schmutz in die Stuben. Als einmal des Nachts eine Kranke, die an Darmtuberkulose dahinschwand, sich über die Pracht des HimmelS und der Sterne freute, ver- nichtete Dora ihr Entzücken mit den Worten: »Der Himmel ist wie ein Eierkuchen..." Der neunte Kranke.war angekommen. Mühsam, schwer atmend stieg er die Treppe zur Veranda hinan, hielt sich am Geländer fest und sagte zu Dora: »Ein feiner Kerl bin ich. nicht? Eine wahre Pracht?" DaS war zugleich kläglich und lustig gesagt. Er betrachtete lächelnd das große Mädel und blickte auf die Hügel ihrer gewaltigen Brüste. •Oho, Sie sind aber sein imstande," bracht« er heiser heraus, fortwährend hastig nach Luft ringend.»Nun. Sie werden mich schon gesund machen, nicht wahr?" »Natürlich," sagte Dora, das Wort armenisch verdrehend. Er hatte«in Eulengesicht mit runden Katzenaugen, einer nach unten gebogenen Naie und einem schwarzen Schnurr- bärtchen. ein böses, spöttisches Gesicht. Seit diesem Tage an war für uns andere wie durch Zauberspuk eine für uns andere höchst unliebsame Ver- änderung vorgegangen. Sie vergaß, um was wir sie gebeten hatten, räumte unsere Zimmer nur eilfertig und nachlässig aus, alS Antwort auf Klag« und Borwürfe brummte sie nur zornig, und in ihren Pferdeaugen erschien etwas wie ein trunkener Glanz. Es war. alS wäre sie plötzlich taub und blind, sie neigte dauernd den Kopf besorgt seitwärts nach der Veranda, wo keuchend und hustend der kleine Student Filippow. der so aussah wie eine Eule, saß. In jeder freien Minute lief sie zu ihm. und nach Sonnenunter- gang verschwand sie im Zimmer des Studenten, und eS machte dann große Schwierigkeit, sie noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Mit ihm aber ging eS ans Sterben. Ganz seltsam ging er dem Tode entgegen: er lachte, scherzte, versuchte Operetten- schlag« zu pfeifen, doch binderte ihn sein Husten daran. ES war etwas Gemachte» an ihm, etwas Trotziges, fast Zynisches, aber das war nur künstlich. »Wie gefallen Ihnen. Costega, alle solche kleinen Albern- heiten?" fragte er mich, mit seinen Katzenaugen zwinkernd. »Wie gefällt Ihnen das alles: Tag und Nacht und Geburt und Liebe und Wissen und Tob? Wie? Spaßig, nicht wahr? N est-ce pas? wie die Franzosen sagen Besonders spaßig für einen sechsundzwanzigjährigen Menschen— als wie für mich... Dora!" Irgendwo klirrte Geschirr oder man hörte an Möbeln stoßen, bann erschien Dora und wartete mit aufgerissenen Augen ab. welche Befehle dieser Mensch für sie haben würde. „Mein beste» Elefantenweibchen, bringen Sie mir doch eine Portion Weintrauben, aber ein bißchen flink!" komman- dierte er und wandte sich dann an mich: »Eine höchst ungebildete und sogar etwa» stumpfsinnige Person!" Ich hatte eigentlich den Eindruck. alS stürbe er nicht so sehr an Tuberkulose als an einer großen seelischen Er- schütterung. Er starb am neunundsechzigsten Tage seine» Aufenthalte» in der Pension und fantasiert« noch, schon in den letzte« Zügen liegend: »Fima- mein ganze» Leben... nur dich... dich liebe ich.. immer, o Fimotschka..." . Ich laß auf seiner Lagerstatt zu seinen Füßen, während Dora finster ihm zu Häupten stanst. Schluchzend streichelt« sie mf ihrer xiesiaen Tatze die trockenen Haare deS Sterben- den Unter dem Arm hielt er ein Bündel an sich gedrückt. ,,Wa» spricht er?" fragte sie, sich unruhig aufrichtend.„Was heißt da»: Chwima?" »Das wird wohl ein Mädchen oder eine Frau sein, die er geliebt hat oder noch liebt." „Er? Die? Die Chwima?" fragte Dora laut und voller Staunen.»I wo, er liebt ja mich! Schon seit er zu un» ge- kommen ist, hat er mich ja geliebt" Dann hörte sie wieder FilippowS Fieberreden an, zog ihre weißlichen Brauen hoch, wischte mit der Schürze ihr feuchtes Gesicht ab und warf mir ihr Bündel in den Schoß mit den Worten: „Das ist seine Totenkleidung: Hosen, Hemd, Schuhe." Zwanzig Minuten später hörte der Student Filippow auf, zu faütasieren. Er blickte sehr ernst auf das schwarze Quadrat des Fensters in der weißen Wand, seufzte, wollte, wie mir schien, noch etwas sagen, verschluckte sich aber, und sein kleiner, bis auf die Knochen ausgezehrter Körper streckte sich ruhig aus. Ich ging, Dora zu suchen. Sie stand auf der Veranda und schaute nach unten, wo Himmel und Meer» nicht mehr von- einander zu scheiden, beide gleich dunkel waren. Sie wandte mir ihr dickes Gesicht zu. und ich wunderte mich. alS ich sah. wie finster es war... »Er ist tot! Gehen Sie, ziehen Sie ihn an, Dora!" „Ich will nicht." Dora scharrte mit dem Fuße, als wollte sie Ausgespiene» breittreten. »Ich will nicht," wiederholte sie.„So einen will ich gar nicht sehen. Sehen Sie nur, was für ein Mensch das war! Hat immer gesagt, er liebt mich, dabei..." a „Aber Sie haben doch gesehen, daß er im Sterben lag... „Nun, was heißt das? Natürlich habe ich es gesehen, ich bin doch nicht blind! Ich habe ihm für meine paar Groschen sogar das Totenzeug gekaust. Ich habe es gleich gesehen, als er kam, ach, dachte ich, er muß sterben. Alle sterben ja. Aber weshalb hat er mich betrogen? Niemals, hat er gesagt, habe ich ein Mädchen geliebt. Nun denn, hier nimm, da hast du ein Mädchen... Stirb du ruhig, aber betrügen sollst du nicht..." Sie sprach leise, als dächte sie gar nicht an das, wovon sie sprach. Und plötzlich brach sie in ein solche? Schluchzen auS, mit so wildem Schmerze, als hätte sie ein großes Gefäß voll heißer Flüssigkeit geleert und sich entsetzlich verbrüht. „Kommen Sie, Dora!" »Gehen Sie, ziehen Sie chn selbst an. wenn Die solch guter Mensch sind. Aber ich— nein, ich will nicht. Es war mir doch nicht nur so... nur ein Spaß!" „Ich verstehe nicht. Tote anzuziehen." »Was geht mich das an? Ich bin ihm doch nur eine Fremde." „Ja, aber, er ist doch jetzt tot." „Nun, was heißt das? Reden Sie mir doch nicht länger zu, ich will so einen nicht sehen. Du sollst nicht betrügen..." Während ich dann den toten Filippow ankleidete, hörte ich ein leises, aber erschütterndes Wehklagen. Ich eilte auf die Veranda hinaus. .Ter Mensch hat manchmal so ganz besonders heiße, tolle Tränen— solche Tränen vergoß jetzt Dora, auf den Knien liegend, den Kopf laut an das Geländer schlagend— sie weint und heulte, kreischend, sinnlose, unnatürliche Worte aussprechend: „Du weine Kränkung... mein liebes Greuel... mein Junge... Kind... unvergeßliches..." Raketen über uns Zuerst die Meldung einer Prager Zeitung: »Wie das Observatorium in Bad Luhatschowitz meldet, wurde um 7.05 Uhr zwischen der Morgenröte ein blendend Heller weißer Streifen gesichtet. Dieser im Osten aufsteigende Streifen nahm rasch an Größe zu und bahnte sich seinen Weg, um im zweiten Drittel setner Laufbahn zu ver- schwinden. Die Erscheinung sah wie der Abschuß einer riesigen Rakete in den Himmelsraum aus, deren mächtige Rauchbahn ebenso rasch verschwand, wie sie aufgekommen war." Dann eine Brünner Pressemeldung: „In der Nacht auf Mittwoch ist eine gewaltige Feuerkugel über Ober- und Niederösterreich gesehen worden. Vermut- lich hat sie auch die angrenzenden Nachbarländer überflogen. Di« Universitäts-Stcrnwarte Wien bittet alle Beobachter ihre Wahrnehmungen mitzuteilen. Betrachtet man diese beiden Meldungen, dann könnte man sich in den fantastischsten Vermutungen ergehen. Man glaubt bereits über sich die Uebungsprojekte neuer Kriegsraketen. Im Osten von Luhatschowitz, bort wo man den geheimniS- vollen Nebelstrcifen aufsteigen sah, greift die polnische Grenze weit über die Bergkegel der Hohen Tatra. Auch auS dem italienischen Alpengebiet kamen vor einiger Zeit kärg- liche Zeitungsmeldungen. Dort wurde ein einsamer Ge- birgsstock von Militär abgesperrt. Es wurden Startversuche mit einer neuen Rakete gemacht. Geheimnisvolle» also genug, um die stets bereite Fantasie eines gewöhnlichen Sterblichen anzuregen. Unglücklicher- weise erinnern wir unS auch noch der Zeitungsberichte über das neue Buch des amerikanischen Konstrukteurs mili- tärisches Geräte, Eric S. Milton. Dieser berichtet, wie Ver- suche ergeben haben, daß man mit Raketentorpedos bereit» über eine Entfernung von mehreren hundert Kilometern nach Städten und Landstrichen werken kann. Dreihundert Kilometer ist es von der Hohen Tatra nach Niederösterreich. Wer also Fantasie hat, der könnte sie walten lassen. Für unser ausschweifendes Gehirn ist eS ein Glück, daß man die Fernraketen, außer zu den praktischen Krieg»- zwecken, theoretisch auch dazu verwenden kann, um Post nach Amerika zu schießen, um Temperaturen in der Stratosphäre zu messen und um schließlich noch aus den Mar» zu fahren. Dank dieser theoretischen Verwendungszwecke erfahren wir nun doch noch einige reale Dinge über Raketenversuche. Amerika baut Postraketen. Die„Populär MechanicS" in Chikago schildern die Arbeit der»Cleveland Rocket society". Diese Raketengesellschakt probierte unlängst, als Borbereitung zur Konstruktion einer Postrakete, daS Modell eine» Raketenmotors aus. Dieser in Cleveland gebaute eiförmige Motor war nun fünfzehn Zentimeter lang und kaum Von Aug. Kurf©oberer fünf Zentimeter im Durchmesser. Er wurde mit den Treib- stofftankS und den Sauerstofflaschen verbunden und an- gelassen. Mit mächtigem Brüllen arbeitete er in seinem eisernen Startgestell und entwickelte eine Kraft, die genügen würde, um ein Gewicht von fünfzehn Kilo mehrere Kilo- meter in die Luft zu schleudern.- Die Cleveland-Gruppe hat nun beschlossen, eine fünf Meter hohe Rakete in die Strato- sphäre zu schießen. Der Motor soll mit Propan und Sauer« stoff arbeiten und eine Zugkraft von fünfhundert Pferde- stärken entwickeln. Man schätzt, daß ein Raketenmotor von der Größe eines Fußballs, bei einem Gewicht von zwanzig Kilo, zehntausend bis fünfzehntausend Pferdestärken ent- wickeln kann. Nach erfolgreichen Versuchen will Ingenieur Ernst Loebell, ein Mitglied der Cleveland Rocket Society, radiogesteuerte Transozeanraketen bauen. j Rußland baut Forschungsraketen. Im Dezember wurde aus Leningrad berichtet:»Daß das Büro für Luftschiffahrt- technik in Leningrader Flugchemischen Institut zum Bau der ersten sowjetrussischen radioaktiven Geschotzrakete ge- schritten ist, um die Erforschung der höheren Atmosphären zu ermöglichen." Der Metallrumpf dieser also anscheinend rabiogesteuerten Rakete ist bereits fertiggestellt. Das Alu- miniumprojektil erinnert in seiner Gestalt an die Geschosse der weittragenden Geschütze. Die mit flüssigem Heizstoff ar- bettende Rakete soll von einem eigenen Startplatz steigen. Sie soll mittels Fallschirm aus der Stratosphäre zurück- kehren. lieber die Seele der Rakete, über den Raketenmotor hört man in diesen Mitteilungen nichts. Dieser dürfte die ernstesten Schwierigkeiten bereiten, denn die vier volle Monate später im Ausland auftauchenden Zeitungs- Meldungen berichten lediglich von dem„eben" fertig- gestellten Rumpf der Rakete und umständlich von der Kon- struktion der verschiedenen Meßapparte. Bafilien baut hie Mondrakete. Die optimistische Zeitungs- Meldung über den Stand der Raketenraumfahrt gibt eS aus Brasilien. Dieses Land dürfte deshalb nach allgemeiner Er- sahrung die geringsten Ueberraschungen für praktische Er- folge bieten. Am K. September vorigen Jahres meldete eine rumänische Zeitung, daß Jules Verne nun Wirklichkeit wer- den würde. Der Brasilianer Paolo Verayo begänne mit dem Bau einer Riesenrakete. Das Innere der Rakete solle drei Personen zur Reise nach dem Mond Platz bieten. Ingenieur Verayo will in vier Tagen und drei Stunden sein Ziel erreichen. Paolo Verayo will im Sommer 1984, also in diesem Sommer, zum Mond starten. Da er sich über den Zeitpunkt der Rückkehr nicht ausspricht, ist eS äußerst empfehlenswert, selbst eifrig in den Mond zu gucken... Ein Königlicher Film Ein großes kinematografische» Ereignis wird in London vorbereitet. Die Stars de» nächsten Films, der dort gedreht wirb, werden niemand anderes als der König und die Köni- gin von England, der Prinz von Wale», sein Bruder, der Prinz Georg, der Herzog und die Herzogin von Dork und einige andere erlauchte Persönlichkeiten der königlichen Familie sein. Die Handlung wird im Milieu de» Herrscher» Hauses spielen und im Buckingham-Palast und im Schloß von Windsor gedreht werden. Der Film soll in einer Wohltätig- keitsveranstaltung zu Gunsten der englischen Hospitäler vor- geführt werden. Die englische Gesellschaft erwartet dieses sel- tene künstlerische Ereignis mit großer Spannung und die Zahl derer ist endlos, die zusammen mit ihrem Herrscher- paar vor der Kamera erscheinen möchten, und sei eS auch nur als Komparsen. Äus Ven Äkibss Archiv Wir bewegen un» nur noch in Stromlinien vorwärt«, wir wollen dem Wind geringstmöglichen Widerstand ent- gegensetzen, wir haben de« Weg der Lüfte auS West, Ost, Nord und Süd studiert-»un laufen wir umher und suche» un» dem Jdealzustand zu nähern: vor« spitz un» hinten rund oder noch besser umgekehrt— nur keine Angriffsfläche bieten, wir wollen nicht gegen die Luft anrennen, sondern mit ihr strömen, von Kopf bis Fuß in einer Linie, unser Schlagwort heißt: Stromlinie! Der Friseur hat diesen Schlachtruf in sein Programm auf- genommen und coifsiert die praktische Windkrisur, die Modistin bastelt Hüte von einer Winzigkeit, die nur noch eine Kopfbedeckung andeuten, die Schneiderin ist mit im Bunde, da» Kleid darf nur noch Linie sein, ganz Linie! Tie alle aber sind nur Epigonen der Autokonstrukteure, ste setzten das Schlagwort„Stromlinie" in die Welt, sie feilten die behäbigen Automobile, in denen man gerade und beguem sitzen konnte, um. sie nahmen ihnen die Ecken und Kanten, ihnen waren alle Limousinen zu hoch und alle Räder noch nicht rund genug. Und als sie den vollendeten Stromlinienwagen geschaffen hatten, so vollendet, daß Kinder über sieben Iahren nicht mehr aufrecht im Fond sitzen konnten und der Fahrer vor dem Steuerrad lag, kündeten sie stolz den Sieg der neuen Idee: Da aber kam der ewige Ben Akiba des Wege», kramte in seinem Archiv— denn Ben Akiba hat ein gewaltiges Archiv, sonst könnte er unmöglich wissen, was alle« schon dagewesen ist— und holte da» Modell 32 des Prinzen von Sagan hervor. Versuch eine« Stromlinienwagens au» dem Jahre 1807! Jetzt grübeln die Konstrukteure über ein neue», noch nie dagewesenes Schlagwort.,, Deutsche"ftimmen•(Hella zur.Deutschen Freiheit"• Irei&nisse und Geschichten JFiM! Jli.' Sonntag-Montag, d>n 27. und 28. Mai 1934' Tttatteattis letzte Jiede IJCummecsUzung. 1924) Hochaufgerichtet stand der Abgeordnete Matteotti auf der ribüne. Kindisches Toben, unwürdiges Geschrei umbrausten ' an- war nicht aus der Fassung zu bringen und wog '*^ eD Moment ab, wo ein Abflauen des Sturmes ihm das weitersprechen ermöglichen würde. Es lag etwas Abgeklärtes über seiner Erscheinung. Jugend, Spannkraft, Mut und feuriger Geist waren eingebettet in einem ernsten, vornehmen, beherrschten, gütigen Wesen. Bildung, Kultur und eine ideale Geberzeugung wurden getragen von dem grenzenlosen Verantwortungsbewußtsein eines menschlichen Menschen. Ein glückliches Privatleben um' die Hingabe an eine hohe Idee schufen eine Harmonie in seinem Innern, die auch nach außen ausstrahlte. Prüfend blickte er über die lärmende Versammlung hin. Die Schatten in seinen Augenhöhlen vertieften sich. Und wieder drang seine klare, starke Stimme durch den Saal. «...Troß alledem werde ich nicht aufhören, die traurige Lage des Volkes darzustellen. Unter der faschistischen Gewaltherrschaft wächst die Not—* Wütende Rufe, gemeine Worte flogen ihm zu. Unbeirrbar und mit leichter Ironie fuhr er fort:„Ich verstehe Ihr sinnloses Schimpfen sehr gut, meine Herren—" „Na endlich!" Höhnisches Gelächter begleitete den Zwi- tchenruf. „Dieser Schulbuben-Radau ist eben die einzige Antwort, die Sie mir geben können. Eine sachliche Widerlegung meiner Angaben ist Ihnen nicht möglich." Neues Gebrüll setzte ein. Der Präsident beschwichtigte mit hochgezogenen Schultern und vorgestreckten Händen: „Aber meine Herren! Meine verehrten Herren!" Dann legte er die linke Hand auf die Brust und lächelte süßlich:„Niemand zwingt Sie, den Abgeordneten Matteotti ernst zu nehmen. Lassen Sie ihm doch sein Vergnügen!" Befriedigtes Lachen belohnte diese Stellungnahme. Es wurde ruhiger. Mit festem Ton nahm Matteotti seine Anklage wieder auf. „In meiner Broschüre.Ein Jahr faschistischer Herrschaft' ist ein Teil der erwähnten Fälle aufgezeichnet; die übrigen finden Sie in Ihrem Gedächtnis. Ich habe nachgewiesen, daß der Faschismus von Anfang an gänzlich unnötig, unwillkommen und gewalttätig gewesen ist. Die in dem Buch zusammengestellten Zahlen, Tatsachen und Dokumente beweisen, daß in dem einen Jahr die Selbstherrlichkeit Einzelner jede politische Anständigkeit verdrängte, die Willkür an die Stelle des Gesetzes trat, der Staat Sklave einer Partei wurde, und die Nation in zwei Lager zerfiel— in Herrscher und Geknechtete Ehe der Faschismus die Macht an sich riß, begannen Wirtschaft und Finanzen wieder aufzublühen. Das Volk bemühte sich, die Schäden der Kriegsund Nachkriegszeit zu überwinden.'Pas neue Regime hat die Keime erstickt. Es hat die Entwicklung gewaltsam aufgehalten und die gesunden Energien unterdrückt. Der Faschismus hat außer vollkommener Demoralisation und Wurde- losigkeit nur eins erreicht: daß die großen Profite der Spekulation noch bedeutend vermehrt, und die geringfügigen Einnahmequellen der Arbeiterklasse und mittleren Schichten noch bedeutend vermindert wurden. Aber nicht untragbare Steuern und Abgaben lasten auf dem Volk. Der Terror herrscht im ganzen Land! Die dunkelsten Epochen des Menschenzeitalters sind wieder erstanden Die faschistischen Methoden konkurrieren mit der alten chinesischen Tortur und stellen die mittelalter.iche Folter in den Schatten. Die geschilderten Greueltaten in den großen Städten werden noch übertrumpft durch die Roheiten, die gegen die Bevölkerung der Dörfer und kleinen Städte verübt werden. Mitglieder der faschistischen Partei kommen nachts auf Lastautos angefahren, suchen den sozialistischen Bürgermeister oder die Vertrauensleute der Arbeiter auf und mißhandeln oder töten sie vor den Augen der Frauen und Kinder. Sie stecken Gebäude in Brand, vernichten sorgsam gehütete kulturelle Werte, quälen ihre Ge- fangenen und weiden sich an den Leiden ihrer Opfer, oie stürmen Volhshäuser. Arbeiukammern, Volkstheater, Volks- bibliotheken, Genossenschaften, Konsumvereine, Redaktionen, Gewerkschaftsräume— verwüsten sie, sprengen sie in die Luft, verbrennen das Inventar und werfen die Geschäftsbücher und Karteien ins Feuer. Ste schalten und walten wie die Wilden Pardon— die Wilden benehmen sich tausendmal gesitteter." Gegenäußerungen wurden laut. Sie gipfelten m er nein Hochruf auf die faschistische Revolution. Matteotti holte tief Atem. Dann fielen seine Worte wie Hammerschläge.„Revolution ist eine sehr ernste Dache, meine Herren. Aber was Sie bisher im Lande ausgeführt haben, das ist Wild-West!"...., Ein Staatssekretär suchte den Eindruck, den die\ orwurfe auf einen Teil der Versammlung machten, abzuschwächen. „Was füt ein Geschrei um diese Dinge! r ef er.„Wir können uns um Einzelfälle nicht kümmern! Das sind alles Lapalien. „Die Geschichte wird Sie um dieser Lapalien willen richten!" Der Herr auf der Regierungsbank lächelte niederträchtig. „Sie täuschen sich. Die Geschichte wird dm ganzenAor- fälle- wenn sie wirklich passiert sein sollten,- summarisch unter die Kinderkrankheiten einer neuen, großen !BCut-Cheml iv „Wenn Sie darauf bauen," erwiderte Matteott. mU Nachdruck,„dann hat die Gegenwart nichts J®" 11 g" zu erwarten. Es handelt sich nicht um Ke sondern um ein schweres Leiden. ie,,■ j, t um Schande für da, Land! Es handelt»ich<1 nieht um Einzelfälle, modern um ein System. Ich bahe daß offizielle Persönlichkeiten an solchen«5 vL'Uu dir-kt mi TtSJiSi" Beweise dafür, daß die Regierung die Tater deckt. ÄÄÄÄÄ« Dr. Ley* Wissenschaft Zweitausend deutsche Chemiker traten zum Jahrrskongreß in Köln zusammen. In seiner Eröffnungsrede betonte Prof. Duden, Aufgabe und Pflicht der Chemiker beiße: Dem Volks- ganzen nützen Darauf ergriff der Führer der Arbeitsfront Dr. Ley das Wort, um den Chemikern klar zu machen, ohne die richtige(d. h. nationalsozialistische) Weltanschauung sei alle Wissenschaft wertlos und für die Nation direkt schädlich. Früher hätten Wissen und Erkenntnis oft dazu verführt, den Instinkt und die Bedeutung der Rasse und des Blutes zu vernachlässigen. Die ungeheure Kraft des Glaubens dürfe bei aller Anerkennung der Wissenschaft nitht verkannt werden. Die Wissenschaft sei keine internationale,»andern eine höchst nationale Angelegenheit, weil der. neben' dem Instinkt stehende Verstand eine Funktion der Reue und des fitlutes darstelle... „Den mein ichl An die Nörgler! » damit er ihren Zusammenbruch aufhalte— nämlich das Kapital, die private Schwerindustrie und das Großagrarier- tum. Der Faschismus ist die Avantgarde der Reaktion, die Schutztruppe des Monopolkapitals. Der Faschismus hat ein untergangreifes, aber nqch im Besitz sämtlicher Machtpositionen befindliches System, seine Abwehr organisiert!" Merkwürdigerweise erhob sich kein Widerspruch. Der Redner beherrschte den Saal.„Durch Lügen, Phrasen, Betrug und Gewalt hat der Faschismus die Anhängerschaft der haltlosen Massen erschlichen. Je nach den Umständen wechselte er Farbe und Kampfziel. Alle jedoch, die klare Augen behielten, schlössen sich der Opposition an. Die Opposition repräsentiert das Volk, wie es wirklich ist!" Ein Minister stand auf und erhob drohend die Hand. „Vergessen Sie nicht, daß wir keine schlappe liberale Regierung mehr haben, für die die Opposition heilig und unantastbar ist!" „Exzellenz, das Prinzip der Menschenrechte und die Verfassung unseres Landes garantieren—" „Verfassung—!" knurrte der Minister verächtlich.„Der Faschismus hat die hehre Aufgabe, mit morsch gewordenen Idealen aufzuräumen und ein sozusagen unabhängiges Laud in einen nationalen Staat zu verwandeln!" Der Abgeordnete Metteott! blieb die Antwort nicht schuldig.„Wenn Ihnen das gelingen sollte, so würde die nächste Generation die Aufgabe haben, aus dem sozusagen nationalen Staat wieder ein unabhängiges Land zu machen!" „Das Volk hat sieb in seiner Mehrzahl zum Faschismus bekannt!" „Die Wahlen sind gefälscht und durch Gewalttaten beeinflußt worden. Ich werde in meinem nächsten Bericht die Unterlagen für meine Behauptungen beibringen. Abgesehen von der Anwendung eines neuen, willkürlichen Wahlgesetzes, haben die Wahlen unter anormalen Bedingungen stattgefunden. Die freie, gesetzliche• Betätigung des Volkswillens war vollkommen ausgeschaltet. Zwang. Drohung, Einschüchterung und Schlimmeres haben die Feststellung der tatsächlichen Stimmung im Lande verhindert. Diese Kammer ist das Wahlergebnis der exekutiven Macht, nicht aber die Vertretung des Volkes—." Ungeheurer Tumult brach aus. Die Rede zerflog in einzelne Fetzen.„Niemand im Land hat frei gewählt... Die faschistische Partei bat mit Knüppel und Dolch... Eine Anzahl unserer Kameiaden wurde ermordet — jawohl. Sie müssen mir schon gestatten, eine Katze eine Katze und einen Banditen einen Banditen zu nennen!" Die Faschisten gröhlten im Chor:„Schuft!— Verräter!— Vom Ausland gekauft!— Frechheit!— Lump!— Gemeiner Lügner!!" Matteotti verzweifelte nicht. Immer wieder eroberte er sich das Wort.„Ich werde meine Behauptungen durch Dokumente und statistisches Material stützen," „Wir werden Sie schweigen lehren!!" „Ich werde reden! Ich bestreite die Legalität der Mehrheitssitze und fordere die Annullierung der Wahlergebnisse. Alles, was auf die Wahlen aufgebaut wird, ist mit einem Makel behaftet. Meine Herren,, wenn Sie das Recht nicht wieder in seine Rechte einsetzen, ruinieren Sie den innersten Kern der Nation und zerbrechen auf immer das moralische Empfinden des Volkes. Ich warne Sie: fahren Sie nicht fort, das Land in Gewalthaber und Unterdrückte zu spalten! Dieses System muß eines Tages den Aufruhr entfesseln!" „Das ist eine Aufreizung gegen den Staat!" zeterte ein blutjunger Ministerialdirektor. „Wir haben keinen Staat mehr Eine Partei hat ihn ersetzt. Es ist eine Lüge, daß beide identisch sind—■" Eine Haßwoge schlug dem unerschrockenen Redner entgegen. Seine Gegner drängten zum Podium bin Trotzig reckte er sich auf. Unter Anspannung aller Kräfte gelang es ihm nochmals sich durchzusetzen.„Ich wiederhole: hüten Sie sich! Beachten Sie die Beispiele, die die Geschichte liefert! Von den Irrtümern, die die Freiheit nach sich zieht, kann das Volk nicht heilen; die Tyrannei aber führt zum Tode der Nation!" Wieder hagelte» die schmutzigsten Schimpfworte auf ihn ein. Matteotti fuhr fort:„Wir bestehen darauf, daß die Untersuchung in vollem Lichte der Oeffentlichkeit geführt wird." Ein kreischender Zuruf von der Re.gierungsbank unterbrach ihn:„Elender Schurke!!" Das war das letzte Wort, das in dieser denkwürdigen Sitzung gesprochen wurde. Unter wüstem Heulen, Poltern, Toben und Schreien verließen die Faschisten den Saal. Der Abgeordnete Matteotti wurde von seinen Freunden umringt„Und jetzt," sagte er mit ernstem Lächeln,„könnt Ihr mein Begräbnis vorbereiten". Viele Hände drängten ihm entgegen. Er stand in einer Wolke von Hochachtung und Liebe. Matteotti wehrte deij Ansturm ab und bemerkte:„Heute gratuliert Ihr mir.., Wer weiß, was morgen ist." Nehmt euch in acht! Ihr Otternzeug Mit kurzen und langen Haaren Es wird ein Donnerwetter euch An euren Schädel fahren. Der allerbeste deutsche Mann könnt neben euch verrecken Blieb nur ein schweißverdienter Lohn In euren Beuteln stecken. Nun bat man euch mit scharfer Schneid' Die Krallen gut beschnitten Drum reißt ihr auf die Mäuler weit' Weil s nicht mehr wird gelitten.• 1 Daß ihr die Leute drangsaliert Und auspreßt wie Zitronen Der Teufel hole euch zusamnT Schad wär es, euch zu schotten. Mit Schlangengift und Hinterlist Begeifert ihr das Beste. Voll Wut werft ihr mit eurem Mist In unsre Kinderfeste.(!) Bei jedem Worte müßte man Euch auf das Schandmaul schlagen Und jeder sollte statt„Grüß Gott" „Pfui Teufel" zu euch sagen. Ihr seid nicht wert, daß man euch spuck' In eure Sc handgesiebter Die Faust hinein! Wenn sie uns juckt Ihr Schufte! Ihr Gelichter! Wer sich hier nun betroffen fühlt Und wer hier fadenscheinig Gerade diesen! Grade den! Jawohl! Jawohl!„Den mein ich!" M. V. in Streicher»„Fränkischer Tageszeitung", föcaunet Hkichectenz Eine Schrift gegen Faulhaber Die Hanseatische Verlagsansalt Hamburg kündigt das Erscheinen einer„Auseinandersetzung mit dem Kardinal Faulhaber" an; Verfasser: Dr. Johannes von Leers, Autor des berüchtigten Buches„Juden sehen Dich an", das unter den Fotos hervorragender Persönlichkeiten, n. a. dem Professor Theodor Leasings, den Vermerk trüg: „Ungebeugt". Leers' neues. Buch trägt den Titel:„Der Kardinal und die Germanen". In dem Verlagsprospekt st- ht: „Durch ganz Deutschland b>h haben die Predigten des Kardinals Faulhaber.Judentum, Christentum, Germanentum" größtes Aufsehen erregt. Die Falschda rate Illingen. Mißdeutungen und Irrtümer, die dem Kardinal darin bei der Behandlung de* vorchristlichen Germanentums unterlaufen sind, fordern entschiedensten' Widerspruch des nordischen Menschen heraus... Dabei richtet sich die Schrift nicht gegen den Katholizismus an iich(!). wenngleich der Broch deutlich wird, den die Christianisierung für das Germanentum"vielfach war..." Im gleichen Verlag erscheint:„Nordisch-deutsches Seelentum— im Gegensatz zum morgeuländischen" von Prof. D. Hermann Mandel; es wird als-(Nazi-) „Schlüssel zur Religionsgeschichte", als„Maßstab zur Reil- gionsvergleichung" angekündigt. Auch der General Ludendorff befindet sich unter: den aktuellen Autoren. Sein Verlag meldet dass Erscheinen einer Schrift:..Das Marne-Drama— Der Fall Moltke-Hentsch". In dieser neuen Schrift Ludendorffs steht der lapidare b<,torisch bedeutsame Satz:„Das Heer ist an der Marne 1914 nicht besiegt worden. Es hat gesiegt." Auf dem Gebiete des Strafrehts erscheint in der von dem bekannten„Staatsrechtler" Prof. Dr. Carl Schmitt herausgegebenen Schriftenreihe ein Heft von Heinrich Henkel:„Strafrichter und Gesetz im neuen Staat." Der Verlag wirft in seiner Ankündigung alle Gesetzparagrafen unbekümmert in hohem Bogen über Bord:„So ist der strafrechtliche Grundsatz„Keine Strafe ohne Gesetz" nichts anderes. als der Ausdruck liberalen Sicherheftsbediirfnisses, das sich kritiklos an ein geschriebenes Gesetz klammert." Die Liste bemerkenswerter Neuerscheinungen wäre nicht vollständig, wenn ein antisemitisches Buch fehlen würde. .,NS.-Druck und Verlag" legt es vor. Es trägt den pazifistischen Titel: Der Jude als Rassensch ander" und wird vom Verlag mit folgender Reklame gestartet:„Wieder ein Buch w(der die Juden, wird der Spießer und der heimliche Anhänger der verflossenen Judenre,piihlik sagen, ist das nötig? Jawohl, lieber Spießer! und Jndenfreund, dieses Buch ist nötig es ist sogar sehr nötig.. Es ist vielleicht das bedauerlichste Zeichen ,.., daß das instinktmäßige Empfinden, daß die Juden einer minderwertigen Rasse angehören und daß jede Vermischung mit ihnen eine Sünde und Schande ist, in weiten Kreisen verloren gegangen ist. Jeder Deutsche, der es ehrlich mit seinem Volke meint, muß alles tun. um das ganze deutsche Volk über die Judenfrage aufzuklären." Zeii=7latizen Die Schweizer Schiller-Stiftung Die Schweizerische Schillerstiftung hat an Ehrengehältern und Beiträgen an verdiente schweizerische Dichter und Schriftsteller 3500 Franken ausgesetzt. Außerdem wurde ein Kredit von 10 000 Franken für den Ankauf von Werken schweizerischer Autoren zu unentgeltlicher Austeilung an öffentliche Bibliotheken und Institute beschlossen. R Schriftsteller-erhielten Ehrengaben in Höhe von je 1000 Franken, darunter Jakob Bührer(Zürich). Unter den Dichtern, die mit Preisen von je 1000--Franken ausgezeich-iet wtirden, befindet sich von den Deutsch-Schweizern der Dramatiker ,,C«*ar v. Ar* für sein Drama„Dar Verrat von Novara* so- vfie,: der Pö|U»nzchriftstelIer Mainrad Inglen für sein Buch „Jitgend eine« Volkes", t.-.-- Pariser Berldite Pariser Straßenkalender Radio-Paris wird auf Anordnung des französischen Postministers jetzt Nachmittagsvorstellungen von Klassikern bringen, und zwar jeden Donnerstag 17 Uhr, bis zum August. Am letzten Donnerstag wurde„Der eingebildete Kranke und„Precieuses ridicules" gegeben, am 31. wird der„Barbier von Sevilla" von Beaumarchais folgen(den wir besonders begrüßen), am 7. Juni„Les Plaideurs" und„Arzt wider Willen". Die Aufführung stellt das Odeon. » Die Verurteilung der bekannten„Darlehenskünstlerin" Madame Hanau zu drei Monaten Gefängnis und 200 Franken Geldstrafe wegen Hehlerei eines von ihr veröffentlichten Aktenstücks und zu 2 Monaten wegen Beamtenbeleidigung, zusammengezogen zu der ersteren Strafe, lassen in der Presse den Stoßseufzer entstehen:„Wann kommt der Prozeß wegen der Gazette du Franc?" Im Odeon spielte der bekannte dänische Moliere-Dar- iteller Paul Reumert den Tartuffe. Yvette Guilbert, die wunderbare Interpretin des altfranzösischen Liedes, wurde für den Aleazar engagiert, wo sie im Stück„Aus den Zeiten des Chat Noir" mitwirkt. In Rambouillet(Seine-et-Oise) ist am nächsten Sonntag und Montag das Fest des Maiglöckchens. Am Dienstag, dem 29. Mai, ist ein besonderes Kunstereignis: die Fabeln des La Fontaine, geziert mit 57 Sepias des berühmten Fragonard werden versteigert. Diese Kunstwerke des Meisters der„Schaukel" hatte seiner Zeit einer seiner Mäzene, der„Generalpächter" Bergeret. bestellt. Lord Marley über Biro-Bidschan Der Labour-Lord Marley hat bei seinem Vortrage in Paris über die jüdische Siedlung Biro-Bidschan manche Einzelheiten über das Leben der Kolonisten mitgeteilt. Die Siedlung liegt an der Grenze der Mandschurei, in der Nähe des Mandschuko Staates und ist ein Drittel so roß wie Frankreich. Sie ist in der Lage, alle sechzehn Millionen Juden der ganzen Welt aufzunehmen Die Sowjetregierung hat erklärt, sie werde dem Gebiet Autonomie verleihen, wenn 30 000 Juden sich dort angesiedelt haben. Lord Marley hat das Gebiet im vorigen Jahre besucht und günstige Eindrücke aus diesem asiatischen Asyl gewonnen. I^J^JljPensiönTel Awiw Strasbourg "verlest vom Hören Steg nach Alter Fischina kt 15" MITTAGSTHCH AB FR. Pferderennen in der Nacht und anderes Das Sensationsprogramm der„Pariser Wochen" um die Zeit des Grand Prix, mit dem die diesjährige Saison schließt, hat sieh als besonderen Nervenkitzel u. a. ein nächtliches Rennen in Longchamps mit nachfolgendem Essen und Ball herausgesucht, das die soeben durch ihre Hundertjahrfeier hervorgetretene aristokratische Renngesellschaft veranstaltet. Weitere Nachtveranstaltungen sind ein Fest im Jardin d'Acclimation am Eingang des Bois, das die nach dem Erfolg des Vorjahres in Paris abermals zusammengezogenen Militärmusiken der Engländer, der Belgier, Spanier, Italiener und anderer Staaten veranstalten, und verschiedene nächtliche Fackelzüge, bei denen auch die Scheinwerferbeleuchtung der historischen Bauten von Paris wirken wird. Das gesellschaftliche und teils volkstümliche, teils feudale Programm dieser Sommerwochen ist außerordentlich umfangreich. Es ist anzunehmen, daß sich, trotz der Krise, ein großer Fremdenstrom nach der Hauptstadt der Republik ergießen wird, insbesondere natürlich Amerikaner, denen eine eigene Woche der amerikanischen Nationen in der Handelskammer und die in der Orangerie eröffnende L a• Fayette-Ausstellung geweiht ist Den stammverwandten Kanadiern wird ein eigenes Erinnerungsfest geboten. Auch Versailles mit seineu großen Wassern wird natürlich zugunsten des großen Fremdenstromes fließen, und alle Sportarten vom Tennis und der internationalen Regatta bis zum Rade, zum Boxen und der Modeschau der Strandanzüge werden Freunde und Geld sammeln. Bei den Luftfesten gedenkt man in Anbetracht der Engländer des ersten Ueberfliegens des Kanals vor 25 Jahren. Für die Menge wird es nicht zum wenigsten auch ein großes Fest im Freien geben, das der Generalrat der Seine unter der Regie des Leiters des Odeon-Theaters in dem schönen Park von Sceaux veranstaltet. Eine besondere Anmerkung verdient das k ü n s t- Ierische Programm, in dem der vordem viel umstrittene„Coriolan" von Shakespeare und der„König Oedipus" der Comedie Frangaisc und ein Freilichtkino auf der Esplanade der Invalides an erster Stelle stehen. Musikalisch sind Festvorstellungen von Maurice Ravel in der Oper und ein Programm, zusammengensetzt aus Florent Schmitt Hibert und Respighi in der Komischen Oper beachtenswert Bei einem Honegger- und Roussel-Konzert kommen der „König David" und der„Psalm" heraus. Paris als Film Zentrum zeigt diesmal repräsentativ seine Studios. Zu den verschiedenen Ausstellungen wird noch in der Rothschild Stittung eine Schau der Erfindungen des Meisters des Webstuhls Jacquard treten, dessen hundertjährigen Todes tag seine Heimat Lyon gefeiert hat, eine Ausstellung,, die insbesondere auch in Arbeiterkreisen Interesse findet. Die französische Münze eröffnet eine Schau von La-Fayette- Plaketten und Medaillen zum amerikanischen Unabhängig- keitstage. Folkloristisch sind ein Fest der französischen Provinzen, deren Trachten und Sitten heute viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, beachtenswert, während der historische Tag der„Drag," im Bois de Boulogne mehr exklusiven Zielen der Eleganz gewidmet ist. Erwa'v-i wert ist noch, daß die pariser Hotels währen-) Ueser Zeit, die am 16. Juni beginnt, den sechsten Tag de V'pV-nons(nach fünf Tagen Aufenthalt) nicht berechnen L)' Bahnen geben besondere Ermäßigung. Und 16: rnnue 43-13 M6iro Pigaile Deutsche Poliklinik: Paris, 62., Pue de la Rochefoucauld »I Allgemeine Konsultationen» Sp.mli.ten. b) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshilfliche Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9—12 und 2—8; Sonntags und Feiertags von iO— 12 und 2—4 Üb» '■'.FUrtPliSWMflM Dr. Spdcialiste rue de Rl von- MStro- Chaieir RADIKALE HEILUNG von BLUT», HAUT» and FRAUENKRANKHEITEN Heil aas von Krampfadern i b d offenen Btiovoodeo Neueste Behandlungsmethoden Klektn« rität Impfungs verfahren Trypafie eine Einspritzungen dlut» und Harn-Uotrrsuchungta sper» nakultur. Salvarsan Wismut usw Sprechstunden täglich von 10—12 und /oo 4—8 Uhr sonntags von 9—12 Uhr «Konsultationen von ZS Fr. ah. Mae spricht deutsch ms. s Chirurg.^Mediz. Klinik Pf-Ettinger 168 ter, Avenue de Neuiii y. NEU 1 LLY-Sur-Seine. Tel.: Maillot 95- 50.— Ständige Betten. Dauernder ärztlicher Tag» und Nachtdienst. Konsultation erster Professoren.— Stationskranke pro Tag ab 40 Fr. Entbindungen. Gewissenhafte Behandlung. Jeglicher Komf. Kabinett für X» und ultra violette Strahlen. Lichtbäder. Teilweise und ganze Entfettungskur.— Hochfrequenz. Diathermie. Persönliche oder schriftliche Auskünfte auf Wunsch== Deutsches Zahnärztliches Institut U. RUE 9t OOUAl nitro: BUndw, Ptgoll« Cot fruit.<0.27»rr«5»W»