Sinzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands N,. 122_ 2. Jahrgang I Saarbrücken, Mittwoch, den 30. Mai 1934| Chefrerfakteur: M. B r» un Ans dem Inhalt Das ecHÜchtecte Volk Gestapo auf. JUisen Saackampf. in Genf- Seite 2 Seite 3 Seite 3 Sazialdemokcatische intiQcation Seite 7 Von Ludendorff im Schiwitt Eine Katastrophenrede des deutschen Reichswirfschaftsministers Gestern und Heute Höchste Rohstoffnot! 29. Mai. Durch Anordnung der Neichsstelle für Devisenbewirtschaftung ist siir den Monat Juni die Ausnutzung der allgemeinen Devisenkontingente für die Mareneinsuhr ans kv Prozent des Grundbetragcs und die Ausnutzung der RembourSkontingente auf 29 Prozent des Grnndbetrages festgesetzt worden. Um die Einfuhr lebens- notwendiger Rohstoffe nicht den gleichen einschneidenden Einschränkungen zu unterziehen, ist die Znteilung von De- Visen für die von den Ueberwackiungsstcllen bewirtschafteten Rohstoffe:Wolle, Raumwolle, Bastfasern, Häute, Kelle«nd unedle Metalle ab l. Juni einer beson- öcrcn Reglung unterworfen worden. Diele Rohstoffe dürfen in Zukunft nicht mehr im Rahmen der allgemeinen Devisen- Kcnehmigung bezahlt werden, sondern nur ans Grund der besonderen Anordnungen, die von den Ueberwachungs- stellen in Verbindung mit den Devisenstellen getroffen werden. Bis Februar 1934 war der ausnutzbare Höchstbetrfg 89 Prozent gewesen, im Mär, 18 Prozent, im April 8 8 und im Mai 2 8 Pro» Scnt. Ob mit der Sonderreglnng für die von den Ucber- wachungsstellen bewirtschafteten Rohstoffe ab 1. Juni nun auch die Einkaufsvcrbote, die bis 8l Mai befristet waren, formell wegsallen, steht zur Zeit noch nicht fest. Hei»! Oder- '■V /iil• V%S tun Frankfurt a M., 29. Mai. Anläßlich des 1?äjährigen Be- stehens der Industrie- und Handelskammer Frankfurt a. M. hielt Reichswirtschaftsminister Dr. Schmitt eine Rede, "i der er u. a. ausführte: wir seien dabei, eine einheitliche, starke, zentrale Reichsgewalt zu schaffen, deren Wille sich bis die entferntesten Teile des Reiches unverfälscht durch- setzen müsse. Das schließe aber keineswegs ein starkes, ge- sundes, örtliches Eigenleben aus. Genau so sei es im Wirtschaftsleben. Wir könnten nur Wirtschaftspolitik betreiben, und diese bestimme ö i e Reichsregierung. Der Staat müsse durch gute Füh- rung der Staatsgeschäfte, vor allen Dingen durch sparsame innere Verwaltung, allen Volksgenossen den Lebenskampf erleichtern, aber abnehmen könne er ihn ihnen nicht. Das Problem bestehe darin, in jedem die in ihm liegenden Kräfte zu entwickeln, und der Sinn der nationalfozialisti- schen Volksgemeinschaft wäre der, daß sich ihre Träger gegen- scitig achten. Als gemeinsame Forderung an alle dürfe man vur die eine ausstellen: Untadeligkeit der Gesinnung und des Charakters. Diese Grundsätze müßten unser wirtschaftliches vnd soziales Leben beherrschen. So dürften wir uns nicht gegen besondere Betriebsformen «enden, weil bestimmte Kreise kurzsichtigerweise meinten, daß ihre Beseitigung ihnen Helsen könne. Die Regierung «erde alles tun, um die kleinen Betriebe, insbesondere die Handwerkerbetriebe, zn förder«. Sie wisse aber auch, daß vom binnenwirtschaftlichen, vor allen Dingen jedoch vom exportwirtschaftlichen Standpunkt ans unsere Großunter- nehmungen nicht entbehrt werden könnten. Ans dieser Grundeinstellung heraus habe die Regierung die Gesetze über die Organisation der Wirtschaftsführung und der nationalen Arbeit geschaffen. Die Regierung wisse ge- Vau, daß diese von ihr zielbewußt befolgte Linie noch keines- «egs überall restlos eingehalten würde. Das deutsche Volk stehe so fest und dankbar zu sei- v e m Führer, daß es ganz bestimmt und unter allen Um- ständen über alle Schwierigkeiten und Hemmnisse hinweg seine Erneuerung durchführen werde. Das müsse inSbeson- derc auch dem Auslände gesagt werden. Es sei nicht nur ge- rechter, sondern auch im Interesse der Gesundung der Welt- Wirtschaft richtiger, wenn man im Auslande erkennen würde, weich gigantische Anstrengungen das deutsche Volk und sein Kührer machten, um sich aus einer großen Rot emporzu- reißen. Es wäre richtiger, nicht das Scheinwerferlicht auf an- «ebliche Fehler und Mißstände zu lenken, sondern mitzuhel- sen, um durch die Wiederaufrichtung eines gesunden Deutsch- land der Weltwirtschaft einen klaren Impuls zu geben. Denn nur eine Belebung der Weltwirtschaft werde Deutsch- land in den Stand setzen, seine Schulden zu bezahlen. Es sei sicher verkehrt, wenn sich die Völker jetzt gegenseitig die Schuld zuschöben, statt Hand anzulegen, um endlich schritt- weise vorwärtszukommen. Nicht durch gegenseitige Abdroffelong oder gar die heim- «'che Freude, daß es dem anderen schlechter«ehe werde die Welt gesunden, sondern nur, wen» tatkrafttg alles ge» tan würde, um die wirtschaftlichen Möglichkeiten in allen Ländern wieder zur Entfaltung zu bringen und damit die Kauskrast in der ganzen Welt zu heben. Nur so werde auch der Schuldendienst zur Befriedigung der Weltgläu- biger wieder i« Gang kommen. Wir hätten auf eine Lösung von außen nicht warten können, da Deutschland inzwischen habe zugrundegehen können. Wir hätten dem Auslande infolge unserer Wirtschastsbelebung erheblich mehr Rohstoffe abgenommen. Es sei nur natürlich, daß in dem gleiche» Matze unser Export geHoden werden müsse. Verschlössen sich dieser einfachen Schlußfolgerung die ausländischen Märkte, so könnten wir die Zahlung unserer Schuldenzinsen nicht fortsetzen, und man würde außerdem wieder weniger Rohstoffe an uns verkaufen können. Deutsch- land werde deshalb genau so seinen Weg gehen müssen. Es werde Wille und Wege finden, die aus der Not eine Tugend machten. Es sei aber sicher, daß bei dem heutigen Stand unserer Technik es sich dann nicht nm eine vorüber, gehende Behelfsmaßnahme, sondern um eine dauernde Um- stcllung mit ungeheueren Rückwirkungen auf die Weltmärkte handeln würde. Gewiß werde nicht verkannt, daß große Schwierigkeiten zu überwinden seien, daß nur Arbeit und nochmals Arbeit aus der Not herausführen könne, baß aber der Glaube und das Vertrauen zum Führer so groß seien, daß sie über alles hinweg zum Ziele führen müßten. ßenlsdilonds Verderber Der große Generaldirektor und Reichswirtschafts- minister Tr. Tchmitt gibt in dieser Rede den national- sozialistischen Illusionen des Mittelstandes einen schlichten Abschied. Ohne Großbetriebe, so sagt er ihnen, geht es nicht. Das ist gewiß richtig, aber„vierzehn Jahre" lang hat man kurzsichtige Mittelständler durch ein Programm betrogen, das eine Renaissance der Kleinbetriebe auf Kosten des Großkapitals versprach. Nun sitzen die Hand- werksmeister und Einzelhändler in ihren Werkstätten und Läden verschuldeter denn je und trauern enttäuscht ihren unwirtschaftlichen Träumen nach. Diese Schicht scheint dazu verurteilt zu sein, immer zu spät und auch dann nur unvollkommen zu begreifen. Aber nicht nur den kleinen und mittleren Betrieben, sondern der deutschen Gesamtwirtschaft geht es schlecht, was nicht ausschließt, daß eine Menge gerissener Jungen sich an der durch öffentliche Subventionen geschaffenen Binnenkonjunktur zu bereichern verstehen. Mit der beut- schen Wirtschaft als Ganzem aber ist es traurig bestellt. Das bestreitet nun auch der Minister Schmitt nicht mehr, denn die lächerlichen Versuche, das Volk durch Feste und Fahnen zu täuschen, bis das große Wunder einer all- gemeinen Belebung eingetreten sei, sind mißlungen. Was tut aber ein Minister des„dritten Reiches", wenn er poli- tisch pleite ist? Er sucht die Schuld bei anderen. Da man die Marxisten beim besten Willen für den wirtschaftlichen Bankrott nicht verantwortlich machen kann und der Reichswirtschaftsminister, durch Schaden gewitzigt, auch die Juden nicht beschuldigen möchte, bleibt nur übrig, die sonstige Welt anzuklagen. Alles wäre glänzend bestellt, wenn nicht die bösen Menschen rings um Deutschland die tüchtige, friedliche, edle und vom schönsten Wollen beseelte Reichsregierung so gründlich mißverständen. Sonderbar: während der berüchtigten vierzehn Jahre, die das einzige Grundmotiv der Reden von Deutschlands großem Führer sind, waren Deutsches Reich und deutsche Wirtschaft in der Welt auch nicht gerade beliebt, aber nie hat in den Zeiten„marxistischer Mißwirtschaft" ein Wirt- schaftsminister so jämmerlich daherreden müssen wie dieser unglückliche Schmitt des„dritten Reiches". Die Regierungen der Republik wußten, daß das deutsche Volk politisch und wirtschaftlich auf seine Nachbarn Rücksicht zu nehmen hat. wie die auf Deutschland, und sie hatten den Mut, das den Deutschen zu sagen. Der unheilvolle Mann aber, der jetzt Deutschland regiert, hat seine berüch- tigten vierzehn Jahre hindurch nichts anderes getan, als aus bodenloser Unwissenheit oder aus grenzenloser Ver- logenheit oder aus beidem dem Volke vorzuschwindeln, Deutschland könne wirtschaftlich und politisch die ganze Welt in die Schranken fordern. Er, Deutschlands unmög- licher Reichskanzler, ganz persönlich ist dafür verantwort- lich zu machen, daß durch die wahnwitzigste Demagogie aller Zeiten viele Millionen Menschen eines großen - l gpttfefcmtfl sieh« z. Seite. Wenn der deutsche Außenminister Freiherr von Neurath eine öffentliche Erklärung abgibt, ist das fast immer ein Zeichen, daß es mit Hitlers Sache diplomatisch übel steht. Solch eine Erklärung, und zwar eine sehr interessante, liegt jefit wieder vor. Sie steht im„Paris soir". In dem Augenblick, in dem fast die ganze Welt sich gegen Hitlerdeutschland zu verständigen scheint, ruft der deutsche Minister zur deutsch-französischen Verständigung auf. Bis gestern hörte man ganz andere Töne. Ja, heute noch ist die Berichterstattung der deutschen Presse ganz auf den Ton gestimmt: an allem sind die Franzosen schuld. Sie sind der Feind des Weltfriedens. Wenn man die Worte des Außenministers in dieser Umrahmung liest, dann hört man unwillkürlich den Ton heraus: wollt ihr euch wohl verständigen, ihr Halunken! Wir sagen offen, daß wir eine ehrliche deutsch-französische Verständigung in jedem Falle begrüßen würden. Auch eine mit Hitlerdeutschland. Sie könnte einen Weltkrieg verhindern, und das ist ein Opfer wert. Aber all dies gilt nur von einer ehrlichen Verständigung. Eine unehrliche Verständigung, eine mit Vorbehalten und Hintergedanken würde den Weltkrieg nicht verhindern, sondern im Gegenteil mit Sicherheit herbeiführen. Was ist ehrlich— und was ist es nicht? Der französische Journalist, der Herr von Neurath interviewte, fragte ihn auch nach den deutschen Rüstungen, die scherzhafterweise immer noch Geheimrüstungen heißen. Wäre es nicht würdiger für Deutschland, offiziell zuzugeben, was für niemanden mehi ein Geheimnis sei? Der deutsche Außenminister stechte die Ohrfeige ruhig ein und antwortete dunkel: So weit sind wir noch nicht. Wie weit, muß man fragen; womit sind wir noch nicht„so weit"? Mit der Aufrüstung oder mit der Aufrichtigkeit? Herr von Neurath sagte dann, daß er noch immer auf eine Rüstungskonvention hoffe; wenn das freilich zu lange dauere, dann — werde man endlich die Wahrheit über die deutschen Rüstungen zugeben? So ungefähr. Dann werde man, meinte der Minister,„an größere Sicherheit denken müssen". Mit. andern Worten: dann werden unsere Rüstungen so angewachsen sein, daß sie den heutigen Stand der halben Geheimhaltung nicht mehr vertragen. Dann wird man nämlich mit der Waffenfabrikation fertig sein und dazu übergehen müssen, die SA. offiziell mit Minenwerfern auszurüsten. Und das läßt sich nicht einmal mehr zum Schein verbergen. Dann wird Hitlerdeutschland mit einer wunderbaren Geste der Ehrlichkeit erklären, daß es gezwungen sei, sich zu verteidigen, und darum: seht unsere Minenwerfer, die wir unter den größten moralischen Opfern bisher heimlich fabriziert haben. Wollt ihr sie auch krachen hören? Daß es bei diesem ebenso zweideutigen wie im Grunde ungeschickten Verhalten Hitlerdeutschlands nicht zu einer Verständigung über die Rüstungen kommen kann, ist klar. Wenn es gewissen sogenannten Diplomaten in Berlin, die vielleicht nicht direkt in der Wilhelmstraße sifjen, noch nicht klar gewesen sein sollte, so hat inzwischen Mussolini, der faschistische Schulmeister Europas, es dem Herrn von Ribben- trop deutlich genug eingetrichtert. Gibt es aber keine Verständigung über die Abrüstung, dann ist überhaupt Hitlers politische Welt mit Brettern zugeschlagen. Diese andern Dinge möchte er darum unbedingt in Sicherheit bringen, bevor die Abrüstungskonferenz endgültig zu Bruch geht. Das ist mit deutsch-französischer Verständigung gemeint. Noch deutlicher: die Saar ist gemeint. Ueber den Kopf der abstimmungsberechtigten Saarbevölkerung hinweg bettelt Hitler Frankreich an, es möge ihm doch, den Verträgen zuwider, die Saarbevölkerung ausliefern. Und hat die Unverfrorenheit, hinterher noch eine Abstimmung großmütig zuzugestehen. Die Bevölkerung soll dann über eine Sache abstimmen, über die praktisch längst entschieden ist. Man rechnet, daß dann nur noch wenige Stimmen gegen eine Rückgliederung sein würden, weil in einer sinnlosen Sache der Wähler erfahrungsgemäß keine Anstrengungen mehr macht. Hitler braucht diesen Ausweg aus Prestigegründen. Er hat dem deutschen Volke und der Welt weisgemacht, daß nur wenige Prozent an der Saar gegen eine Rückgliederung in diesem Augenblick sein würden. Er weiß, daß das nicht wahr ist, wenn die Abstimmung frei und unbeeinflußt vor sich geht; er weiß, daß mit jedem Tage die Zahl der Rückgliederungsgegner wächst, deutet. Und weil das auch andere wissen, wird wohl niemand auf das plumpe Manöver hineinfaJJ. qn, Argus. Fortsetzung von Seite 1. Volkes aus dem geistigen Gleichgewicht gerieten. Gewiß haben ihm die Blut- und Hungerjahre des Krieges, der unkluge Gewaltfrieden und unerträgliche Reparationen vorgearbeitet, aber dieser Hitler und seine Verwüstung wären dennoch nicht möglich gewesen, wenn nicht die Schmitts aller Art, der deutsche Hochkapitalis- mus und mit ihm die Reaktion aller Grade aus Arbeiterhaß und Marxistenfurcht die Hitlerbanden finanziert und das poli- tische Leben Deutschlands korrumpiert hätten. Diese deutschen Kapitalisten, engstirniger als eine Besitz- Klasse irgendwo sonst in der Welt, waren zu dumm und zu roh, den deutschen Volksmassen einen erträglichen An- teil am Volkseinkommen und an der Staatsführung zu gönnen. Durch das Aushalten von Bandenführern und durch die NiederKnüppelung der freien Arbeiterorganisationen glaubten sie sich das Monopol ihrer Ausbeutung sichern zu können. Run sitzen sie mitsamt ihren faschisti- scheu Milizen fest, haben Millionen und aber Millionen Deutsche ins Elend gerissen und sind selbst vom Ruin be- droht. Was gäbe der deutsche Kapitalismus darum, hätte er noch einmal die 13 Milliarden Mark jährlich Export mit einer blühend aktiven Handelsbilanz wie einst unter der„marxistischen Mißwirtschaft" der so verleumdeten Iudenrepublik. Jetzt flennt dieser Reichsminister Schmitt den ver- lorenen Auslandsmärkten, den entschwundenen Devisen nach. Ja, wer reißt denn täglich neue Abgründe zwischen Deutschland und der Kulturwelt auf? Im Saargebiet werden friedliche französische Gäste insultiert, und die ge- samte reichsdeutsche Presse grölt Beifall. Der französische Minister für Oeffentliche Arbeiten sagt auf der Tagung für internationalen. Fremdenverkehr kühl, daß unter den gegenwärtigen Umständen die Jugend auf Reisen und Studien an Ort und Stelle verzichten müsse, obgleich da- durch sehr oft nationale Rivalitäten ausgeschaltet würden. Gerade in Wochen höchster deutscher Devisennot läßt die Reichsregierung durch den Reichsminisler Goebbels Repressalien gegen die deutschen Juden ankündigen, die sie gewissermaßen als Geiseln des Weltkapitalismus de- trachtet. Und derselbe Goebbels bekundet in seinem nun veröffentlichten Tagebuche, daß der deutsche Reichskanzler höchst persönlich Urheber und Verantwortlicher des Juden- boykotts und der Judenpogrome am 1. April 1S33 ge- gewesen ist. Man ruft immer neue Widerstände in der gesamten Welt gegen Deutschland wach und tut dann so, als wundere man sich, wenn dieser Zustand sich auswirkt. Und wie redet dieser Schmitt! Halb Bettler, halb drohender Charlatan. Ein Mann, der die Reichswirt- schaft der großen deutschen Nation zu führen berufen ist, will der Welt einreden, Deutschland könne sich durch Uni- stellung seiner Technik wirklich von der internationalen Wirtschaft unabhängig machen. Das ist die reinste Luden- dorfferei. Das ist der unbeschränkte U-Bootkrieg im Wirt- schaftsleben. Das ist die Verzweiflung auswegloser Hasardeure. Niemand glaubt ihnen, und sie selbst sind nicht beschränkt genug, ihre eigene Gewissenlosigkeit zu erkennen. Nur um sich noch eine Weile am Ruder zu halten, sind sie entschlossen, das deutsche Volk noch jahrelang eine Wllstenwanderung durch alle Täler des Elends machen zu lassen. Es ist der Wahnwitz der Kriegsjahre, und es jst die Angst vor dem Ende, die aus diesem deutschen Reichs- wirtfchaftsminister sprechen. Nicht nur für die Welt außerhalb Deutschlands, auch für eine wachsende Mehrheit des deutschen Volkes ist die Bilanz der Hitlerei klar: Isolierung Teutschlands und Zerstörung seiner Wohlfahrt. Die verbrecherischen Schul- digen dieser katastrophalen Entwicklung müssen gestürzt werden, wenn Deutschlands Weg wieder nach oben gehen soll. Besfefilf die laden! Beschlagnahme jüdischen Vermögens? London, 28. Mai. tZ. T. A.i Unter der Ueberschrist„Tie deutschen Juden gehen finstersten Tagen entgegen" teilt „Daily Expreß" in einem zweispaltigen Artikel aus Grund spezieller, in Berlin eingeholter Erkundigungen mit, daß die Hitler-Regierung einen Plan zur Beschlagnahme siidi- scheu Eigentums in Deutschland zwecks Kompensierung des durch den antideutschen Boykott im Ausland der deutschen Wirtschatt zugefügten Schadens ausarbeitet. Am schlimmsten, teilt„Daily Erpreß" weiter mit, sei die Lage in den Provinzen, wo jüdische Kinder von ihren Spiei- kameraden boykottiert werden, die Bauern den jüdischen Geschäftsleuten keine Schulden zurückzahlen, Kunden daran gehindert werden, jüdische Geschäfte zu betreten und SA.- Leute vor Kinos jüdischer Besitzer Posten stehen und die Besucher verwarnen. Während aus diese Weise sein Geschäft abstirbt, mutz der Jude, sogar der verarmte jüdische Arzt und Anwalt, seine Pflicht gegenüber dem Staate in dem gleichen Make wie früher erfüllen. Not und Elend wachsen unter den Juden. Tie wirkliche Tragödie beginnt erst, wenn die Ersparnisse aufgebraucht sind. Ihrer wirtschaftlichen Exi- sienz und ihrer Bürgerrechte beraubt, geschmäht, verachtet, bleibt— so schreibt„Daily Erpreß"— vielen deutschen Juden nichts anderes übrig, als dem unmenschlichen Rat der Beamten zu folgen:„Das Beste, das Ihr tun könnt, ist, zn sterben." Das nene Anschwellen der Indenhetze gibt den Dieben einen Freibrief, in jüdische Wohnungen einzubringen und jüdisches Eigentum sich anzueignen.„Daily Ernrest" ist kein projüdiiches Organ, sondern pflegt dem Hitler- Regime objektiv gegenüberzustehen. Seine Mitteilung wirkte in London sensationell.. Die amerikanische Streikwelle Neunork, 29. Mai. Nach dem Scheitern der Einigungs- Verhandlungen in Toledo tOhioi wird allgemein mit dem Generalstreik gerechnet. Bisher stimmten von 103 Gewerkschaften 68 für die Ausrufung des Generalstreiks. Reuyork, 29. Mai. Auster dem Metallarbeiterstreik stehen in den Bereinigten Staaten noch zwei weitere groste Streiks in Aussicht. 800(100 Textilarbeiter wollen in den Ausstand treten, falls die Nira-Aiiorbnung über die Beschränkung der Erzeugung durchgeführt wird. Weiter beabsichtigen die Gummiarbeiter, am Montag den Fabrikanten in Akron tOhioi ihre Forderungen aus Einführung eines Mindestloh- yeA und Erhöhung des Stundenlohnes von 40 auf 75 Cents zuzustellen. In San Diego kam e» gleichfalls zy Ausschreitungen. 5» Dockorbeiter durchbrochen die polnelliche Absperrung, um die Beladung eines Dampfer» zu verhindern. Das ernüchterte Volk Es hat den Führerflmmel satt „Zurückhaltung" Berlin, 29. Mai. Der preußische Minister des Innern Dr.. Fr ick har im Namen des Ministerpräsidenten und der übri- gen Minister in einem Runderlaß die preußischen Be- Hörben, Gemeinden. Gemeindeverbände und die Körperschaf- len des öffentlichen Rechts auf die Verfügung des Reichs- Ministers H e ß hingewiesen. In dieser Verfügung hatte Minister Heß gegen gewisie Erscheinungen Stellung genom- men, die mit der bescheidenen, von jedem Parteigenossen und jedem Unterführer nach dem Vorbild Adolf Hitlers zu beach- tenden Zurückhaltung nicht vereinbar seien. Der Stell- Vertreter des Führers der NSDAP, hatte in seiner Ver- sügung besonders auf Huldigungsadressen. Bildverösient- l.chungen, Geburtstags- und Jubiläumsglückwünsche, Ehren- biirgerschaiten. Straßenbenennungen und Beflaggungen bei Besuchen aufmerksam gemacht. Dr. Frick spricht die Erwar- tung ans, daß sich die Inhaber öffentlicher Aemter des Staats nnd der Gemeinden die begrüßensiverten Aussüh- Hingen von Minister Heß in vollem Umfange zu eigen machten. Zugleich hat er angeordnet, daß Um- und Neu- benennung'en von Straßen nach lebenden Perso- ncn nicht mehr stattfinden dürfen. Die kleinen Bonzen haben sich übrigens nur die Hitler. Göring und Goebbels zum Vorbild genommen, die seit einem Jahre einen Ueberbyzantinismus in Deutschland groß werden ließen. Terrorisierte kalholisdie Judend Ausgerechnet in Trier Trier, 29. Mai. Ter Regierungspräsident von Trier, Dr. Saassen, hat unter dem 26. Mai eine polizeiliche Anord- nung erlassen, die den konfessionellen Jugendvereinen im Interesse der öffentlichen Sicherheit und Ordnung jede Betätigung außerhalb der kirchlichen und religiösen Sphäre untersagt. Insbesondere wird jedes geschlossene Auftreten in der Öffentlichkeit, das Mit- führen von Fahnen nnd Wimpeln sowie jede sportliche und volkssportliche Betätigung einschließlich des Wandern? in geschlossenen Gruppen verboten. Untersagt wurde schließlich auch das Tragen von Uniformen oder Bundes- tracht, auch wenn diese durch andere Kleidungsstücke teil- weise verdeckt wird. Trier ist eine ganz katholische Stadt. Die Herausforderung der katholischen Bevölkerung ist also um so größer. Eben erst ist in Trier der große Volkstag für das AnS- landdeutschtum gewesen. Die katholische deutsche Jugend der Saar marschierte in ihren Uniformen und mit ihren Fah- nen auf. Sowohl die Katholiken in Trier wie die des Saar- gebietes bekommen nun einen Anschauungsunterricht von dem Unterschied zwischen den Regierungsmethoden des„drit- ten Reichs" und denen im Saargebiet. .Däueflidies ßraudilum Vorn Reichskommissar zum„Stabshauptabteilungsleiter" Berlin, 29. Mai. Nachdem das Arbeitsgebiet des Sonder- beauftragten für das bäuerliche Brauchtum, die bäuerliche Sitte und Gesittung im Reichsernährungsministerium auf die Stabshauptabteilung im Stabsamt des Reichsbauern- stthrers übergegangen ist, hat der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft die Beauftragung des Reichs- kommissarS Erwin Metzner aufgehoben. Metzner ist zum Stabshauptabteilungsleiter im Stabsamt des Reichsbauern- fübrers berufen worden. „Passive Landesverteidigung" Maßnahmen Frankreichs Paris, 29. Mai. Der oberste Ausschuß für passive Landes- Verteidigung ist am Montag unter dem Vorsitz des Innen- Ministers Sarraut zusammengetreten, der einen Ueberblick über die bisherigen Arbeiten gab und einen endgültigen Plan kür die Organisierung der passiven Landesverteidigung zur Annahme brachte. Dieser Plan, der in Kürze der Kam- mer zur Verabschiedung vorgelegt werden soll,.nthält als wesentlichsten Punkt den Grundsatz der pflichtgemäßen Or- ganisicrnng der passiven Landesverteidigung und die Vertei- lung der finanziellen Lasten auf die verschiedenen Berwal- tungen. Er enthält außerdem eine Reihe von Sanktion?- mastnahmen für den Fall, daß sich jemand weigert, die Orga- nisierung durchzuführen oder sich an ihr zu beteiligen. Es wurde außerdem ein Unterausschuß eingesetzt, der einen Gesetzesvorschlag über die Reglung der privaten Herstellung, des Verkaufs und der Kontrolle von GaSschutzmasken aus- arbeiten soll. ..OnverhohleiteMelnnngsaDSlausdr Frankreich und England London, 29. Mai. Wie der Genfer Renter-Vertreter mel- det, hat bei der gestrigen Zusammenkunft zwischen Simon und Barths», die auf Erfuchen des französischen Austen- Ministers stattfand, der letztere, der von Marinemtnister Pietri begleitet war, im Namen des ganzen französischen Kabinetts gesprochen. Es verlautet, baß bei der Unterredung sehr deutlich gesprochen worden sei. Es habe einen ganz un- verhohlenen Meinungsaustausch über die jetzige Lage der AbrüstungSsragc und die in der letzten Zeit von Großbritan- nien und Frankreich gespielte Rolle gegeben. Am Hafen von San Franzisko kam es am Montagabend infolge eines Gerüchtes, daß ein Rermittlnngsvorschlag zur Beilegung des Werftarbeiterstreiks von den Arbeitern abge« lehnt worden sei, z« schweren Ausschreitungen. Die Strei» kenden veranstalteten einen Umzug und rissen einen berit, tenen Polizisten, der sie anhalten wollte, vom Pferde. Aus allen Teilen der Stadt wuren Polizeiverstärkungen an Ort nnd Stelle geschickt. Die Polizei mußte schließlich mit Tränen- gas gegen die Angreifer vorgehen«nd auch von der Schuß« wasse Gebranch machen. Die Zahl der Schwerverletzte» be- trägt acht. Außerdem wurden zahlreiche Personen leicht ver» letzt. „Suslem Klumpfuß" Amtlich wird mitgeteilt, daß der stellvertretende Kreis« leiter des NSDFB. sStahlhelm) in Eutin. Wilhelm West- p h a l, habe in Schutzhaft genommen werden müf- fen, weil er über Reichsminister Dr. Goebbels unwahre Behauptungen aufgestellt habe, die geeignet seien, das An- sehen des Ministers zu schädigen. Hannover, 29. Mai. fJnpreß.) Ein Ingenieur aus Han- nover wurde ins Konzentrationslager gebracht, weil er ge« sagt hatte, daß Dr. Goebbels der Ursprung aller Uebel sei, unter denen Teutschland heute leide. Entweder- oder Der Konflikt in der evangelischen Kirche dauert fort Aus der Bewegung gegen den evangelischen Reichsbischof und die Reichskirche wird berichtet: Für gestern nachmittag 3 Uhr waren zwölf gematzregelte beurlaubte Berliner Pfarrer, die dem Pfarrernotbund an- gehören, zum Stellvertreter des Reichsbischofs, dem Probst Eckert bestellt. Es sollten ihnen neue Borschristen bekannt- gegeben werden, die sich aus das Abhalten von Gottesdienst in ihren Notkirchen beziehen und außerdem sollten ihnen Pfarrerstellen austerhalb Berlins angeboten werben. Die Pfarrer haben das Erscheinen vor dem Probst gemein- sam abgelehnt mit der Motivierung, durch ihr Er- scheinen würden sie die Rechtmäßigkeit des Verfahrens gegen sie anerkennen. Aus der Samaritergemeinde des zwangsweise beurlaubten Pfarrers Harnisch, des Pressechefs des PfarrernotbundeS, ist dem Reichsbischof ein Schriftstück mit 2500 Unterschriften zugegangen, in dein die Unterzeichner die sofortige Wieder- einsetzung des Pfarrers Harnisch verlangen, widrigen- fallssie geschlossen aus der Kirche austreten. Bei den freien evangelischen Synoden in Westfalen haben sämtliche Gemeinden den K i r ch e n st e u e r st r e i k erklärt. Juden niemals mehr Kassenärzte in Deutschland Berlin. 28. Mai. IZTA.i Tie Zulassung der Aerzte zur Tätigkeit bei den Krankenkassen wird durch eine vom Reichs- arbeitsminister im Reichsgesetzblatt bekanntgegebene Ver- ordnung neu geregelt. Entsprechend der Beamtengeietz- gebung werden nichtarische Aerzte und Aerzie mit nicht- arischen Ehegatten nicht mehr neu zugelassen. Schon vorher war die Ausschaltung der nichtarischen Aerzte, soweit sie nicht Frontkämpfer oder seit 1914 niedergelassen waren, er- folgt. Für die Zukunft werden Aerzte ferngehalten, die nicht die Gewähr für ein jederzeitiges rückhaltloses Eintreten für den nationalsozialistischen Staat bieten. 2000 Aerzte entlassen! Berlin» 29. Mai. Von zuständiger Seite wird die Zahl derjenigen früheren Kassenärzte, die auf Grund der gesetz- lichen Bestimmungen als Nichtarier oder wegen kommu- nistischer Betätigung von der Kassenpraxis aus- geschloffen wurden, aus etwa 2000 geschätzt. nouskiatsdi-1 lahr Gefängnis Ein alter Frontsoldat Der„Westdeutsche Beobachter" berichtet: Die Dummen werben nicht alle, das paßte auch aus den fünfzigjährigen Adolf Maier aus der Blindgasse, der sich wegen Verbreitung von Greuelmärchen vor dem Sondergericht zu verantworten hatte. Er wurde aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Mit dem längst abgetakelten Märchen vom Reichstagsbrand, das doch vielen Nacherzah- lern schon zum Verhängnis geworden ist, worüber die Zei- tungen immer wieder berichten mußten, war auch der An- geklagte noch hausieren gegangen. Ueberhaupt die SA. und besonders ihre Führung hatten es ihm angetan, von denen er erzählte, sie sollten auch besser etwas anderes machen, als auf Kosten der Partei ihre Feste zu feiern. Als bei einer anderen Gelegenheit ein Bekannter von ihm die Haken- kreuzfahne hißte, bemerkte er diesem in äußerst verächtlicher Form, er täte auch besser daran, den Lappen wieber herein- zuholen. Einem Arbeiter tischte er das Märchen auf, daß die SA. und ihre Führer zum Teil noch Kommunisten seien. Das alles wollte der Angeklagte gar nicht erzählt haben, sondern, fo sagte er, nur aus Gehässigkeit suchten ihn die Zengen jetzt ins Gefängnis zu brin- gen. Das ist aber eine bereits übliche Einlassung der Be- schuldigten vor dem Sondergericht, die fast immer glatt wi- derlegt wird. So waren auch in diesem Fall die Zeugenauö- sagen durchaus glaubwürdig. Mit Recht sagte Staatsanwalt- jchaftsrat Porten, daß der Angeklagte als ein gemein- gefährlicher Schwätzer angesehen werben müsse. Seine feindselige Einstellung gegen den heutigen Staat habe er durch seine üblen Redereien zur Genüge bewiesen. Wenn jemand aber heute noch und allen Ermahnungen und Beleh- rnngen zum Trotz mit derartigen Greuelmärchen weiter auswarte, dann bleibe als letztes Mittel dagegen nur eine harte Strafe,die er mit einem JahrGesängniS beantragte.Tie Verteidigung stellte es darauf ab, die zum Vorwurf gemochte staatsfeindliche Einstellung des Angeklagten zu widerlegen, der als Soldat im Felde seine Pflicht getan habe. Mehr oder minder habe eS sick wohl nur um an sich harmlosen Hausklatsch gehandelt, der aber bei der gegenseitigen Verfeindung aufgebauscht und ausgeschlachtet worden sei. Das Urteil des SondergerichtS erging antragS» gemäß auf ein Jahr Gefängnis. Hungere und schweige Nürnberg, 29. Mai.(Jnpreß.i Das Sondergericht Nürn- berg-Flirth verurteilte einen Angeklagten, der in einem für» Ausland bestimmten Brief auf Grund der schlechten beut- scheu Wirtschaftslage um eine finanzielle Unterstützung gebeten hatte, zu sechs Monaten Gefängnis. Das Gericht meinte, daß der Verurteilte„unwahre Behauptungen übe» Teutschland aufgestellt habe", Saarhampi In Genf besinnt Die Delegierten beginnen mil den Deratnngen Während der Völkerbundsrat in Genf sich anschickt, die Berichte des Aloisi-Ausschusses über die Saarfrage ent- gegenzunehmen, spitzt sich die Lage im Saar» gebiet selber immer mehrzu. Wir zeigen weiter unten, welche Sprache der eigentliche Führer der„Röch- ung-Front". Herr Kommerzienrat Röchling, am Vor- abend dieser Entscheidung wagt. Sie ist eine dreiste Her- ausforderung zu Aktionen und wird von asten, die in dieser Woche in Hochspannung sind, sehr gut verstanden. Aber vielleicht sind es nur Auftakte zu kommenden Dingen.— Proben, mit welchen Mitteln der Abstimmungskampf von feiten der„beut- fchett Front" geführt werden wird. Sie be- statigen nur unsere alte These: daß es eine Illusion ist. unter solchen Umständen eine wirklich freie und»nbeein- stutzte Abstimmung durchführen zu können. Der noble Röchling So wird der Saarkampf geführt: In dem Artikel«Die Genfer Saarverhandlungrn", er- schienen in der„Deutschen Bergwerks-Zeitung" vom 27. Mai 1034, schreibt Kommerzienrat Dr. h. c. Hermann Röchln.? folgendes: „Kuox versuchte durch Einreibung von deutschen Emi« grauten die staatliche Polizei in Saarbrücken zu korrum- vieren. So hat er ein übles Subjekt namens Machts, der im Kriege Spezialist für Selbstverstümmlung war, zum faktischen Leiter der staatlichen blauen Polizei in Saar- brücken gemacht. An dem guten Geist unserer einheimischen Sicherheitsbeamtcn find die Korrumpierungsversuche ge- scheitert." * Diese drei Sätze enthalten wohl die ungeheuerlichste Be- leidigung und Anpöbelung, die jemals gegen einen hohen Regieruugsbcamten ausgesprochen vorden ist. Herr Röch- ling ist ein gebildeter Mann. Er beherrscht die deutsche Sprache und ist imstande, den Sinn seiner Worte abzumessen. Er hat den Präsidenten der Regierungskommission absicht- lich der Korrumpierung seiner Beamten beschuldigt. Das ist die schwerste Anklage, die gegen den verantwortlichen Leiter der Regierung überhaupt erhoben werden kann. Setzen wir nur einmal den Fall, daß im„dritten Reiche" irgend jemand den gleichen Vorwurf gegen einen führenden Staatsmann erhoben hätte. Man bedarf keiner Einbildungskraft, um sich die Folgen eines solchen Wagnisses auszu- denken. Herr Röchling genießt aber nicht die„Freiheit des dritten Reichel, er lebt noch immer unter der„Knechtschaft der fremdstämmigen Bölkcrbundsregicrung". Er rechnet offenbar mit der Vornehmheit seiner„Unterdrücker", und aus dieser Erivartung herauS schöpft er den Akut zu der maßlos frechen Verleumdung des Präsidenten dieser Regierung. Wie ist es zu erklären, baß ein solcher Mann in den An- griffen gegen seine politischen Gegner alle Grenzen des Anstandes und des Geschmackes überschreitet? Alter und Schwachsinn reichen als Erklärung hierfür nicht aus. Es muß vielmehr die Stimmung berücksichtigt werden, die augenblicklich in den Reihen der„deutschen Front" Platz gegriffen hat. Dieser wüste Angriff Röchlings gegen den Präsidenten Knox ist der Ausbruch der beginnenden Ver- zweiflung Nachdem die Führer der„deutschen Front" sich durch die Prozentzahlcn über ihre Mitgliedschaft der Lächer- lichtest preisgegeben haben, versuchen sie jetzt mit der Steige- rung ihrer Frechheit voranzukommen. Man darf nicht die Gefahr dieser Verzweiflungsstimmung übersehen. Der Völkerbundsrat möge berücksichtigen, mit welchem Maß von Gehässigkeit die politischen Gegner der „deutschen Front" überschüttet werden, wenn selbst ein so gebildeter und diplomatisch gewandter Führer wie der Kommerzienrat Dr. h. c. Hermann Röchling sich zu derartig klobigen Verleumdungen eines hohen Beamten hinreißen läßt. Nelkes Deinen« ... aber jeder Satz des Interviews wurde sofort niedergeschrieben! In der vergangenen Woche haben wir die Oefsent- lichtest unterrichtet über ein skandalöses Interview, das der famose Saarbrücker Oberbürgermeister dem Berichterstatter der„Basler Nationalzeitung" erstattet hat. Dieses Interview ist vor sechs Tagen erschienen. Dr. Neikes hat sich reichlich Zeit genommen, die verheerenden Wirkungen seiner bedroh- lichen Aeußerungen abzuschätzen. Wie das„Abendblatt" vom 28. Mai mitteilt, hat er erst an diesem Tage das Interview dementiert in einer Depesche an den Vorsitzenden des Dreier- ausschusses, den Baron Aloisi. Neikes erklärt u. a.: „Ich kann nur feststellen, daß der Basier Journalist jede» Satz und Gedanken, den ich ihm gesagt habe, in sein Gegen- teil verdreht hat, und daß ich über diese Art von Jonrna- listik nur meinen allertiessten Abscheu ausdrücken kann... Die Ankündigung von Explosionen und eines Brand- Herdes in Europa ist eine böswillige Erfindung des Basler Journalisten." Wir werden nicht die einzigen sein, die Herrn Neikes keinen Glauben schenken. Der ausgezeichnete Berichterstatter des hochangesehenen Schweizer Blattes hat ausdrücklich erklärt, er habe dieAeußerungenNeikessofortindessen Gegenwart niedergeschrieben und er übernehme jede Gewähr kür die Richtigkeit seiner Ausführungen. NeikeS hat eben den starken Dkvnn gemimt und als politisch reichlich ahnungsloser Mensch nicht die katastrophale Wirkung seiner Worte auf die Weltöffentlichkeit bedacht. Erst das Echo seiner Ausführungen hat ihm die ganze Dummheit seiner Er- klärung deutlich gemacht Der Berichterstatter der„National- zeitung" wird ihm die gebührende Antwort nicht schuldig bleiben. Verschleppt! Verhaftete Nazis wieder freigelassen Die„Bolksstimme" berichtet: S a a r b r ü ck e n, 2S. Mai. Hier hat sich am gestrigen Montag erneut ein Fall er- eignet, daß vier Nationalsozialisten und Agenten..reschs- deutschcr„Gestapo" vom hiesigen Schnellgericht wieder aus freien Fuß gesetzt wurden, die durch die Kriminalpolizei ver- haftet waren, weil ihnen einwandfrei eine Beteiligung an der Zurückverschleppung eines Emigranten nach Hitler- deutschland nachgewiesen werden konnte. Es handelt sich um die Nationalsozialisten Fred W i n d i s ch und Roland Her- mann, beide aus Saarbrücken, Johannisstraße 27. sowie Roland Hoppstädter aus Neunkirchen und Karl Ries aus Riegelsberg. Bei Haussuchungen, die im Lause des Tonnlag über- raschcnd durchgeführt wurden, fanden Kriminalbeamte in der Wohnung des Windisch einwandfreies schriftliches Material, durch das die Beschuldigten überführt werden, am 18. Mai d. I. einen praktischen Arzt Dr. Schüller aus München, der sich als Emigrant im Saargebiet aufgehalten hat, nach Hitlerdeutschlaud zurückverschleppt zu haben. Der Hauptbeteiligte ist nach diesem Beweismaterial W i n d i s ch, der den Saarbrücker Strafbehörden kein Unbekannter mehr ist und schon mehrfach wegen Betrügereien, Unterschlagung und Urkundenfälschung mit dem Strafgesetz in Konflikt kam. Trotzdem wurden Windisch und seine Helfershelfer, die nach ihrer Verhaftung gestern ordnungsgemäß dem Schnellgericht vorgeführt waren, vorläufig wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Schnellrichter begründete diese Maßnahme damit, daß der Fall dem ordentlichen Gericht zur Aburteilung überwiesen werden müsse. Trotz der Schwere der Beschuldigung und trotz- dem die Kriminalpolizei das erwähnte schwerwiegende Mate- rial in der Wohnung des Windisch gefunden hatte, hielt der Schnellrichter weder Fluchtverdacht noch Verdunkelungs- gefahr für vorliegend und setzte die Beschuldigten wieder auf freien Fuß. Saarländische frelheifsdeledahon Am Dienstag trifft in Gens die Delegation der saarländi- scheu Freiheitssront ein. Sie besteht aus dem Führer der Freiheitssront Max Braun, dem Landesratsabgeordneten Hermann Petri, dem Borsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschastsbundes Fritz D o b i s ch und dem Gewerkschaftsführer Paul Baders. Die Delegation wird zur Saarabstimmung hinsichtlich der Garantien besondere Forderungen vertreten, die sie den Ratsmitgliedern über, reichen wird. Große freiheHshundgebung Max Braun spricht vor der Abreise nach Genf Eine eindrucksvolle Kundgebung. Eine Stunde vor Beginn war der Festsaal der AW. bereits überfüllt. Trotz Drohungen und trotz Terror der Nationalsozialisten. Der ganz in rot getauchte Saal konnte die Massen nicht fasien. Viele Hunderte von mutigen Freiheitskämpfern füllten die Gänge. Selbst die Arbeitskameraden, die gerade müde und abgearbeitet von der Schicht kamen, ließen es sich nicht nehmen, der F.reiheitskundgebuna beizuwohnen. Und wer aufgeschlossenen Herzens in diese Kundgebung kam, mitten hinein in diese kampfbegeisterte Stimmung, der wurde mitgerissen und reihte sich der Front der Freiheits- kämpfer ein. Punkt 8 Uhr eröffnete der Großspielmannszug Saarbrücken diese geschlossene Kundgebung der deutschen.rreiheitsfront mit einem schneidig gespielten Fansarenmarsch. Und als dann der erste Redner des Abends, Paul V a d e r s, das Wort er- griff, wurde er von brausendem Beifall empfangen. Ebenso klar wie gewissenhaft gab der Redner eine Analyse des Saar- wirtschaftsproblems. Schlag um Schlag widerlegte er die demagogischen Propagandaphrasen der Herren Röchling und Pirro. Gegen die parteipolitische Kirchturmspolitik der NSDAP, für ein freies deutsches Saargebiet. Starker Beifall quittierte die sachlichen Ausführungen des Kameraden Paul BaderS. Und als dann der Führer der deutschen Freiheitssront an der Saar, MarBraun. den deutschen Freiheitsgruß aus- brachte, klang ein tausendfältiges Echo zurück. Immer wieder wurde der Führer der Freiheitsfront in seinen wegweisenden Ausführungen von begeistertem Jubel unterbrochen. Und als er die Kampfeslosung gab, für das freie deutsche Vaterland gegen die Knechtschaft HitlerS, da hoben sie alle die Faust wie zum F r e i h e i t S s ch w u r denn nun beginnt die gekähr- lichstc Phase der Saarschlacht. Morgen, am 30. Mai. werden die^ührer beider Fronten sich auss neue in Genf gegenüber- stehen. Wir wollen der Welt beweisen, daß an der deutschen Saar, dem einzigen freien Stück deutscher Erde, ein Heer von Freiheitskämpfern bereit steht, für Freiheit und Menschen- rechte zu kämpfen, und der Gerechtigkeit zum Siege zu ver- helfen. Gestapo auf Selsen Im Saargebiet und in der Schweis ..Berner Bund" hat u. a. behauptet, in den Monaten habe die Reichsregierung etwa 20 Be- der Geheimen Staatspolizei ins Saargebiet geschickt em Auftrag, Listen aller derjenigen aufzustellen. :„verdächtig" sind. " bemerkt die„Saarbrücker Zeitung" oll: „Bund" hat wohl das Bedürfnis, mit der Emi- «presse in der Verbreitung von Greuelnachrichten kurrieren?" kommt davon, wenn man an Gedächtnisschwäche der sein eigenes Blatt nicht liest. Wenn die„Saar- Zeitung" einige Monate zurückblättert, wird sie «olt halbamtliche deutsche Mitteilungen finden, die igranten kund und zu wissen tun. daßdiedeul- Behörden über jeden einzelnen ge- nterrichtet seien. Woher kommen diese In- onen? Von den Leuten und ihren Agenten, über Entsendung der..Berner Bund" wahrheitsgemäß die deutsche Polizei im Auslande arbeitet, zeigt :r Bericht aus Bern: Basel ist der deutsche Staatsangehörige Sauer, von Beruf Staatspolizeianwärter, in Er wurde festgenommen wegen der Ausübung poli- er Kompetenzen auf dem Gebiet der Eidgenossen- Der Bundesrat hat sich in seiner heutigen Sitzung «m Fall beschäftigt und die Ausweisung Sauers lssen. Anmaßung von Amtshandlung spielte sich «em Falle aus dem Gebiet der deutschen Strafverfol- n wegen Zuwiderhanölung gegen die Devisengesetz- g ab. Dame, für die sich Staatsanwalt und Staatspolizei irlsruhe wegen eines solchen fiskalischen Straf- rens interessierten, und die sich anscheinend in hlanö vorübergehend in Schutzhaft befunden hatte, ch in Basel auf. Auf der Suche nach Zeugen in Handel gegen Dritte überbrachte Sauer der Dame iinladung nach Lörrach in eine Wirtschast zu kom- oo sie einvernommen werden sollte. In der Besorg- e könnte neuerdings in Schutzhaft genommen wer- wandte sich die Dame an die Basler Polizei, und diese verhaftete Sauer, als er die Dame zum Zwecke einer Wiederholung seiner Aufforderung aufsuchte. Soweit die Zusammenhänge, wie sie sich für die schwei- zerischen Behörden a»s Grund der Akten einwandfrei er- gaben. Die Vorladung„u einer Einvernahme wegen einer fiskalischen Strafsache stellt die unerlaubte Ausübung polizeilicher Handlungen dar. Jnter- esfant, aber für die schweizerische Beurteilung nicht maß- gebend, sind einige Behauptungen der Dame über die Rolle, die ihr die deutschen Polizeiorganc zugedacht hatten. Ein Onkel von ihr befindet sich wegen Devisenvergehens in Hast Tie bemühte sich um dessen Freilassung, und man war bereit, ihr zu entsprechen, wenn sie einen in Deutschland wohnenden Bekannten nicht- arischer Abstammung zu einem Devisen- schmugqel verleiten könnte, so daß der Polizei die Festnahme und Konfiskation möglich wäre. Nach den weiteren Aussagen der Dame wäre sie seinerzeit in Schutzhaft genommen worden, weil sie früher nicht Hand geboten hatte, jenen Bekannten hin- einzulegen. Dos sind die richtigen Methoden der Lumpen, die in den Diensten der Gestapo stehen, und solche„Herren" sind auch im Saargebiet tätig. Redakteure als Spitzel h. b. Schmach und Schande über einen Berussstand, der sich so erniedrigen läßt, wie das deutsche Schriftleitertum, dem man kürzlich eine verlogene Ehrengerichtsbarkeit in Verbindung mit schalldichten Maulkörben aufzwängte, ohne daß es auch nur den Versuch machte, dagegen zu protestieren. Wie weit die Err iedrigung bereits gediehen ist, dafür ein drastisches Beispiel. Die„Braunschweigschc LandeSzeitung" veröffentlch in ihrer Nr. 132 unter der Ueberschrift„Wer kennt den Briefschreiber?" das Faksimile eineS Briefes mit folgendem Wortlaut: „Sehen Sie sich die Kinoprogramme früher und jetzt an. Kitsch gab es immer, aber früher gab es auch großartige historische Filme, jetzt fast nur noch Kitschfilme a la CourthS-Mahler, mit verlogener, lebensunwahrer Art. Warum, liegt auf der Hand." Zu diesem Faksimile veröffentlich daS genannte Papier folgende Bemerkung: „In einem anhängigen Ermittlungsversahren wegen Beleidigung der Reichsregierung wurde eine Brief be- schlagnahmt, von dem vorstehender Abschnitt wiedergegeben ist. Wer kennt die Handschrift und kann Angaben über den Briesschreiber machen? Mitteilungen erbeten nach Zimmer 18 des LandcskriminalpolizeiamtS. Münzstraßc 1." Wohlgemerkt: das steht alles im redaktionellen Teil der Zeitung und ist keineswegs als Auflage- oder ZwangS- einrückung erkenntlich. Pfui Teufel! Deutsche„nanner" In der deutschen Presse um die Mitte Mai finden wir fol- gcnde scheinbar von einer amtlichen Stelle ausgegebene Notiz, die charakteristisch kür die dunkle und unaufrichtig- verlogene Art der neuen deutschen Publizistik ist:„Zu den außenpolitischen Erörterungen traten wichtige innerpoli- tische. Im Vordergrund stand hier am Montagabend der neue Erlaß des Stabschefs Röhm über das Verhältnis von SA. und nationalsozialistischem Deutschen Frontkämpfer- Hund. Bedauerlicherweise ging der Bekanntgabe dieses wich- tigen Erlasses ein Zwischenfall voraus, den der bis- h e r i g e Hauptschriftleiter der Stahlhelmzeitung, Kleinau, verschuldet hatte, und der zu scharfen und berechtigten Aus- einandersetzungen über einen Kleinauschen Leitartikel führte. Auch der Reichsarbeitsminister Seldte mußte ausdrücklich feststellen, daß die in der Stahlhelmzcitung gebrauchten Wort- und Begrifssprägungen von ihm keinesfalls bejaht werden konnten. In der Tat- das war die allgemeine Auffassung— ist mit derartigen Artikeln niemandem gedient. Die klare männliche Erörterung vo» Lebensfragen der Nation wird durch solche Fehlgriffe höchst unnötig belastet. ES ist verständlich, daß die nationalsozialistischen Zeitungen sich aufs schärfste gegen den Aufsatz der Stahlhelmzeitung wandten." Was als Beispiel einer„klaren männlichen Erörterung" festzuhalten ist." Hitler ein Schimpfwort h. b. In der dänischen Stadt Horsens fand dieser Tage ein interessanter BeleidigungSprozcß statt. Zwei Arbeitsleute hatten heftig miteinander diSkuiert. Im Verlaufe dieser Diskussion nannte der eine Arbeiter den andern„Hitler". Der also Beleidigte machte ein Gerichtsverfahren anhängig in dem nunmehr der Beleidiger zu einer Geldstrafe von 20 Kronen verurteilt wurde. Mittwoch, den 30. Mai 1934. A8SII7 UM» W!ITSn einjjal in' Deutschend geherrscht hatte— cimlich zur Zeit der mittelalterlichen Glaubenskriege. Kaum ein einziger Zug fehlte. Der nationale Fanatismus aus der deutschen Zeit vor und nach dem Weltkrieg war die Kopie des religiösen Wahnsinns aus der Zeit der Ketzerverfolgung und des Hexenwahns. Heute haben wir in Deutschland das „Volksgericht" für Landesverrat und die Konzentrationslager sowie die Verleugnung jedes objektiven Rechtes. Im Mittelalter hatte man dafür die Inquisitionstribunale, die Scheiterhaufen und die Fürsten als oberste Glaubenshüter von absoluter Biudungskraft.... Nippold sah seine politische Aufgabe darin, ein Erwachen des deutschen Volkes herbeizuführen. In diesem Sinne waren seine Kriegsaufsätze geschrieben, die 1919 unter dem Titel „Durch Wahrheit zum Recht" erschienen. In der Serienfolge „Deutschland und das Völkerrecht" behandelte er ausführlich:„Die Verletzung der Neutralität Luxemburgs und Belgiens." Das Hauptgewicht der Nippoldschen Tätigkeit lag aber nicht auf diesen mehr populären Arbeiten, sondern bei den wissenschaftlichen Werken. Schon 1894 hat er die Idee des Völkerbundes aufgenommen und sie wissenschaftlich vertief, in dem Werke:„Der völkerrechtliche Vertrag, seine Stellung im Rechtssystem und seine Bedeutung für das internationale Recht." 1907 erschien„Die Fortbildung des Verfahrens in völkerrechtlichen Streitigkeiten" und 1917„Die Gestaltung des Völkerrechts nach dem Weltkrieg". Die Erreichung eines politischen Dauerfriedens für Europa erschien Nippold untrennbar mit einer politischen Sinnesänderung des deutschen Volkes verknüpft. Da diese Sinnesänderung in ihren Anfängen stecken blieb, so sah Nippold eine Verschlimmerung der politischen und wirtschaftlichen Zustände kommen. In dieser Auffassung hat er leider nur allzusehr Recht bekommen. Zeä-7laU(zen Oberammergau Die erste offizielle Aufführung des Passionsspiels in Oberammergau. die am Pfingstmontag stattfand, war schon am Vortag bis auf den letzten der 5200 Plätze ausverkauft. Das Wetter begünstigte das Spiel, das in derselben Rollenbesetzung wie am Donnerstag aufgeführt wurde. Unter den Zuschauern befanden sich Staatssekretär Meißner, hohe geistliche Würdenträger, auch das Ausland war stark vertreten, u. a. durch etwa 500 Engländer, 200 Amerikaner, durch größere Gruppen aus Spanien, Belgien, der Schweiz, Tschechoslowakei. Holland. Die nächste Aufführung findet am kommenden Sonntag, den 27. Mai, statt. Härtung geht nicht nach Bern Wie das„Berner Tagblatt" vernimmt, hat der Verwaltungsrat des Berner Stadttheaters am Dienstag die von ihm bisher vertretene Kandidatur des gegenwärtigen Regisseurs des Zürcher Schauspielhauses, Härtung, fallen gelassen. Die Fiemdenpolizei hat also gesiegt... Neue Verhandlungen sind im Gange, wobei eine Berufung des früheren Berner Stadttheaterdirektors Albert Kchm wieder im Vordergrund zu stehen scheint. Dessauer Der„Landespressedieiist" Frankfurt meldet: Der ordentliche Professor für das Fach der physikalischen Grundlagen der Medizin Dr. Friedrich Dessauer ist auf Grund des§ 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Beruf'- beamtentums in den Ruhestand versetzt worden. «Deutsche Freiheit", Nr. 122 Das buttte Matt Mittwoch, 30. Mai 1934 Mann vor dem Kpiege! Eigentlich Hab ich mich ja nur rasieren wollen.— Aber nun steh ich schon eine ganze Weile am Spiegel und schau mir mein Gesicht an. Sonderbar, wie lange ich das nicht mehr getan habe! Nun, natürlich, studiert Hab ichs oft genug, studiert und ousgeprobt auf seine Wirkung, jeden einzelnen Zug. Das gehörte ja zum Geschäft von Siegmund Crohn, dem großen Filmschauspieler, der eigentlich Cohn hieß—; aber s o aus- sehen wie ich und dann auch noch Cohn heißen—, das war selbst vor dem«dritten Reich" zu viel. To ein ganz einfaches, intimes Gespräch mit mir selbst, das Hab ich schon lange nicht mehr geführt. Nie Zeit und Ruhe gehabt. Und wozu auch? Ging ja alles von selbst. Aber jetzt?— Schauen wir uns den Kerl doch einmal an.— Kein sym- pathischer Bursch, im Grunde. Das Gesicht, zugleich pfiffig und feige, besteht eigentlich nur aus Nase. Gelbliche Haut, straff über eckige Backenknochen gespannt, breite aufgewor- ienc Lippen, ein verbogenes Kinn, die großen abstehenden Ohren und lie Augen, ja, diese schmalen, schwarzen Augen könnten beinahe hübsch oder rührend sein, wenn sie nicht neben der Melancholie so ein fatales Zwinkern hätten.— Ganz gut sind die geschwungenen dunklen Brauen, eigent- lich sogar schön,' aber dort, wo sie sich teilen, ist dann gleich wieder diese Riesennase, die in stumpfem Bogen weit nach vorne springt und knapp über der Wurzel noch diesen komischen kleinen Höcker trägt. Ich sollte am Ende nicht so häßlich über diese Nase sprechen, die mich berühmt gemacht hat. Ist doch noch nicht so lange her, daß Hunderte von Zuschauern jubelten, wenn sie mich nur so auf der Leinwand sahen mit dem Ungetüm von Nase und dem dummerstaunten Ausdruck meiner melancho- Nschen Mandelaugen. Und das hat mir schließlich genug Dreistigkeit gegeben, einzig auf dieser grotesken Wirkung einen Film aufzubauen: als Rennfahrer komme ich, nur durch die Länge meiner Nase, dem tüchtigeren Gegner zuvor. — Bielleicht hätte man so weit nicht gehen sollen?... Es war der letzte große Erfolg.— Und was hat mir diese Nase, die erfolgreiche Nase, für Kummer gemacht, als ich ein kleiner Junge war!„Nashorn", haben sie mich gerufen, wenn ich mich in Krotowitz auf der Straße zeigte. In so einem schlesischen Bergmerksstäötchen kennt ja jeder den anderen,' jedes Kind wußte, daß man den Sohn des Manufakturwarenhändlers Cohn ungestraft ver- spotten und kränken durfte. Und in der Schule wurde cS noch schlimmer. Die Jungen mochten mich natürlich nicht, lachten mich aus,' aber die Lehrer ebenso. Und dabei war ich doch kein schlechter Schüler. Nur, eben— meine Nase gefiel ihnen nicht. Und wenn ich als einziger eine richtige Antwort fand, gabs nicht etwa ein Lob,'— der alte Rechenlehrer grinste nur und sagte schmunzelnd zu den andern:«Seht ihr, der hats mal wieder gerochen." Und die Bande grölte vor Vergnügen. Wenn ich dann, während der Pause, einsam in irgendeiner Ecke des Schulhofs stand, fiesen üteine Tränen auf das Butterbrot, das ich mühsam herunterwürgte. Und zu Hause? Da hatte man wenig Verständnis für meinen Kummer. Alles drehte sich ums Geschäft? keiner hatte recht Zeit für mich. Manchmal strich die Mutter mit ihrer verarbeiteten Hand über mein schwarzes Haar und sagte halb mitleidig: „Bist halt ein jüdisches Kind? gewöhn dich dran!" Nein, ich wollte mich nicht dran gewöhnen, wollte in dieser dumpfen, verstaubten Enge nicht bleiben. Tollte doch mein jüngerer Bruder das väterliche Geschäft übernehmen und gleich Nosi pirsch dazu, die eigentlich mich heiraten wollte. Für mich war das nichts. Ich sehnte mich nach Freiheit und Weite. An diese erfüllte Sehnsucht hob ich dann später oft denken müssen, wenn ich in meinem starken Mercedes über die hellen Landstraßen sauste, neben mir Peggy Wood. Ach ja, ich war stolz darauf, der Gatte von Peggy Wood zu sein? daß dieses zarte, elegante, platinblonde Wesen aus der Schar ihrer Verehrer gerade mich gewählt hatte, den krummnasigen Judenjungen aus Krotowitz! Eigentlich, wenn ichs mir recht überlege, so war Peggy immer nur nett zu mir in Gegenwart anderer. Waren wir allein, dann zeigte sie sich fast immer müde, schonungs- bedürftig, verstimmt, ja, unliebenswllrbig.— Ich glaube fast, sie hat mich nur geheiratet, weil ich Erfolg hatte und große Einnahmen, und weil meine groteske Häßlichkeit einen wirksamen Gegensatz für ihre zerbrechliche Blondheit bildete. Gar zu gern ließ sie sich mit mir zusammen foto- grafieren. Und dann dieser Filin, in dem sie, als zeitweilig verjagte Königin, einen Flirt mit dem Hausburschen ihres Exilhotels ansängt, bis sie, von ihrem Volk' auf den Thron zurück- gerufen, wieder in ihr Auto steigt, in weiße Pelze gehüllt, ein Liedchen trällernd, ohne einen Abschiedsblick für den vernarrten Hausburschen, der völlig verdonnert das Auf- laden der Koffer vergißt und fassungslos der entschwinden- den Geliebten nachstarrt.— Das war ein ganz großer, persönlicher Erfolg von mir, diese Szene, wo ich auf der Hoteltreppe stehe, ganz verdattert, und dann— Groß- aufnähme— eine dicke Träne von meiner langen Nase wische.— Aber, ich Hab den Film nie recht gemocht, trotzdem. Ich glaube, ich weiß jetzt, daß es mit meiner hoffnungslosen Anbetung für Peggy Wood zusammenhing. Nein, geliebt hat sie mich gewiß nicht, sonst wäre sie nicht in diesem letzten Frühjahr plötzlich verschwunden, als meine Verträge mit einem Schlag gelöst wurden und ich einen Menschen an meiner Seite nötiger als je gehabt hätte.— Geliebt hat mich viel eher die Rosi Hirsch, sanftes, rund- liches Mädchen. Immer hat sie bei meiner Mutter gesessen oder im Geschäft geholfen. Ich Hab nie drüber nachgedacht, warum sie das tat. Heute fällt mir ihr Erröten ein, ihr Augenleuchten, wenn ich eintrat. Sie hat nur die Gelegenheit gesucht, mich zu sehen. Aber sollte ich mein Leben lang in dem muffigen Laden Stoffe abmessen und Bücklinge vor der Kundschaft machen? — Vielleicht hätte ichs tun sollen. Ich wär nicht so hoch gestiegen, gewiß? aber auch nicht so tief gefallen wie jetzt.— Sehr tief, in der Tat! Mit einem Male will niemand d>ese Fratze mehr sehen. Keiner lacht mehr über meine lange Nase, meine verdutzte Miene, meine schlaksigen Bewegungen. Von einem Tag zum andern bin ich auS dem Liebling des Publikums zum allgemeinen Abscheu geworden. Diese ge- wundenen Briefe der Filmgesellschaft, als sie mir mitteilten, daß der Zug der Zeit einen Typenwechsel bedinge, man zu- nächst auf meine Dienste verzichten und alle Abmachungen annullieren müsse. Ich Habs erst gar nicht begriffen. Was ging denn diese sogenannte Zeit meine Filme an? Ich hatte doch keinem wehgetan. Aber natürlich, das hatte ich fast vergessen. Es war ja meine Nase, über die sie vor allem gelacht hatten. Und diese Nase war zum verachteten, zum grauenhaften Symbol geworden. Bitter war das! Nun bleibt nichts mehr für mich zu tun auf der Welt. Oder doch etwas? Da liegt noch der Brief der Enesfilm. „In unserem Film„Sturm voran!" ist die Rolle des Jtzig Kleingeburt zu besetzen und fragen wir bei Ihnen an..." Ach ja, das könnte ihnen wohl gefallen, den großen Sieg- mund Crohn als Spottfigur hinzustellen, gehänselt und ge- quält von den SA.-Leuten. denen er hündisch und speichel- lcckerisch Dienste zu leisten sucht!—* Ich Hab den Brief gar nicht beantwortet. Ich hätt mich ja vor allen Juden der Welt geschämt. Und vor dem Andenken an meine Mutter! Als ich den Brief las, ist mir etwas eingefallen, an das ich lange nicht mehr gedacht hatte: Die Freitagabende in unserem Haus in Krotowitz. Wenn es dunkel wurde, während der Vater noch im Tempel war, legte die Mutter ein weißes Tuch auf den Tisch im Eß- zimmer, setzte die beiden Silberleuchter darauf und ent- zündete die Kerzen zum Zeichen des Sabbatbeginns. Und dann mußte ich sie immer heimlich ansehen aus der Ecke, in der ich mit meinem Buch saß, wie ihr sonst so hartes Gesicht ganz weich und gelöst wurde in einer stillen Feierfreude. Mit so einer Erinnerung kann man doch nicht für die Nazis den Jtzig Kleingeburt spielen!! * Was fang ich aber jetzt an? Mit dem Filmen ists vorbei. Selbst im Ausland ist mein Typ aus der Mode. Man hat nirgends mehr Lust, über einen grotesken Juden zu lachen. — Zurück nach Krotowitz? Dahin paß ich nicht mehr. Und was soll ich auch dort? Die Mutter ist tot. Das Geschäft geht täglich zurück,— wer kauft noch bei Juden? Und warum soll ich die Ehe von Rosi Hirsch,— nein, jetzt Rost Cohn, mit meinem braven, langwelligen Bruder stören? Also Reisen?— das wäre etwas. Eine Weile reicht wein Geld. Und am Ende ergibt sich etwas unterwegs. Doch wohin? In der Einsamkeit werb ich melancholisch,— bei dem Zustand, in den ich geraten bin. Und unter Menschen— Paris? Cote d'Azur? Florenz? Barcelona?— Ueberall sind meine Filme gelaufen. Ueberall wird nach ein paar Tagen jemand lächeln, flüstern.„Sieh mal da, Siegmund Crohn, der Mann mit der Nasenlänge." Früher machte mir das Spaß— aber heute, wo ich niemand mehr bin, heute wäre es unerträglich! Dieses Gesicht, o, dieses Gesicht! Ich möcht mit der Faust in den Spiegel schlagen, um es nicht mehr zu sehen. Aber verschwände es deswegen? Wer seine Stellung verloren hat. kann versuchen, sich um- zustellen und etwas anderes zu finden. Auch ohne Geld läßt sich schlimmstenfalls eine ganze Weile leben, wenn maus geschickt anfängt. Man kann eine neue Frau finden und ein neues Heim.— Aber ein neues Gesicht,— das bekommt man nicht, das nicht. Ein Fluch ist das, ein Fluch, ein ganzes Leben mit dieser Fratze herumzulaufen, die mich zu etwas abstempelt, das ich heute nicht mehr bin. Es ist ja sinnlos, irgend etwas zu beginnen? dies lächerliche Profil, die abstehenden Ohren, die dicken Lippen, das gebogene Kinn— das alles ist mir immer wieder im Weg. Wozu soll ich mich eigentlich jetzt rasieren?— Hat doch keinen Sinn. Ich leg mich lieber hin und schlafe. Schlafen ist das einzige.— Das Verona! liegt noch da. Warum immer nur die eine Tablette? Seien wir doch großzügig! 4— 6— 8— 12— so, das genügt fürs Erste. Weich sind die Kissen? die Decke ein bißchen höher.— So! — Wie das blendet! Die Jupiterlampen sind so grell. Man kann die Augen nicht aufhalten.— Doch, jetzt geht es plötz- ftch. Ich kann ganz gut in das Licht hineinsehen.— Aber das sind ja auch gar nicht die Jupiterlampen. Das sind ja die Tabbatlichter, die meine Mutter angezündet hat. Sie steht am Tisch und breitet die Hände über die steilen Flam- wen, und ihre Lippen bewegen sich ein wenig. Die Flammen brennen ganz still und ganz gelb in die Dunkelheit des( Zimmers hinein. Ganz— ganz— still— L. A. Hola-Erben gegen„Sana" Prozeß gegen amerikanische Filmsirma Der in Paris laufende Film„Nana" mit Anna Sten in der Hauptrolle wird demnächst Gegenstand eines sehr bemerkenswerten Zivilprozesses bilden, der bedeutungsvolle urheberrechtliche und filmrechtliche Fragen aufwerfen dürfte. Tie Erben des großen französischen Romanciers Emile Zola, sein Sohn, Dr. Francois Zola, und seine Tochter, Frau Denise Le Blond, haben nicht nur gegen die ameri- konische Verfilmung des Meisterwerkes ihres Baters bei den zuständigen Organisationen des Schrifttums energisch protestiert, sondern sind auch entschlossen, ihre Interessen, die sie durch die Verfilmung schwer beeinträchtigt glauben, auf gerichtlichem Wege zu schützen. Sie haben sich an den Advokaten Alexandre Zcvaes gewandt, der mit den Erben eine Klageschrift ausgearbeitet hat. Im wesentlichen lassen sich die Beschwerdepunkte der Erben Zolas dahin zusammenlassen: der unter dem Namen Zolas laufende Film„Nana" ist eine vollständige Entstellung und Verballhornung des Romans. Nicht nur sind die charakteristischsten Episoden des Buches entweder fortgefallen oder grundlegend verändert, sondern die Handlung hat auch derartige Umbiegungen über sich ergehen lassen müssen, daß das Originalwerk Zolas in seiner Filmiassung überhaupt nicht mehr wiederzuerkennen ist. Zwar waren die Film- Hersteller nach dem Bertrage berechtigt, gewisse unvermeid- liche Abänderungen des Buches vorzunehmen, aber nur soweit, als durch sie die Gesamtanlage des Romans nicht vollkommen über den Hausen geworfen wurde. Die Erben sind der Auffassung, daß dem Andenken Emile Zolas durch diese Entstellung eines seiner berühmtesten Werke ein schwerer moralischer Schaden zugefügt sei. Sic verlangen deshalb sofortige Zurückziehung und Beschlagnahme des Films sowie das Verbot, in öffentlichen Ankündigungen die Namen Zolas und Nana zu gebrauchen. Darüber hinaus fordern sie, daß das Gericht eine Kommission aus drei Sach- verständigen, die den Kreisen der Literatur und der Künste angehören, benenne. Diese Kommission solle sich den Film vorführen lassen und danach entscheiden, ob von dem Buch Zolas in der Filmfassung ein Stein über dem anderen geblieben ist. Dieser literarische Filmprozeß hat gerade in der jüngsten Zeit mehrere Borläufer gehabt. Zwei der bekanntesten französischen Dramatiker. Henry Bernstein und Francis de Croisset, waren ebenfalls genötigt, gegen die Art der Ver- filmung ihrer Stücke scharfen Einspruch zu erheben^ Es handelte es dabei um den Film„Melo", nach dem Srkick von Bernstein, und den Film„Ciboulette", nach dem Stück von Francis de Croisset. Natürlich ist die angegriffene amerikanische Filmfirma— es handelt sich um die Produkton Golöwyn im Verleih der United Artists— die Antwort nicht schuldig geblieben. Sie erwidert, baß sie, obwohl„Nana" in Amerika zur Verfilmung frei gewesen wäre, doch aus Ehrfurcht vor dem großen Dichter Wert darauf gelegt habe, mit den Erben einen Bertrag zu schließen. In diesem Bertrag sei der Hersteller- firma gegen Zahlung einer hohen Summe das Recht ein- geräumt, den Titel„Nana" in der ganzen Welt zu ge- brauchen und ein Drehbuch nach dem Roman zu schaffen. Die Firma habe also den Kontrakt durchaus loyal inne- gehalten. Ob sie mit dieser Ausfassung Recht behält, wird jetzt der Prozeß erweisen. Die Kläger rlangen, baß sofort der Titel des Films und die Erwähnung Emile Zolas verschwinden und daß bald der Film selbst von allen Spielplänen verschwinde. s>ie wollte dem Schicksal vorgreifen Man lacht oft über Leute, die ins Wasser gehen, um nicht vom Regen naß zu werden. Soeben wirb gemeldet, daß eine alte Japanerin sich in den Brunnen ihres Gartens gestürzt hat, um zu verhindern, daß sie sonst eines unnatürlichen Todes stürbe, den sie voraussah.„Als ich mich heute morgen »m Spiegel betrachtete, las ich mein Geschick in meinen Zügen," schrieb sie, bevor sie diesen tragischen Entschluß faßte.„Ich bin alt und ich kann den Gedanken nicht er- tragen, bei einem Autounglück umzukommen oder unter Trümmern verschüttet zu werben. Darum habe ich be- schlössen, mich nach meiner Art zu töten und ich bin glücklich, bei mir zu Hause sterben zu können." Das Qbenselixier Wir können uns freuen! Nach den überaus schwierigen, aktenmäßigen Feststellungen der groben englischen Lebens- Versicherungs-Gesellschaften geht eindeutig hervor, daß unsere Zeitgenossen vier Jahre länger leben als unsere Vorfahren während zweier Generationen. Dieser Gewißheit ist eine ungeheuer mühsame Vergleichsarbeit vorausgegangen, die nicht weniger als sieben Jahre in Anspruch genommen hat. TaS statistische Material beweist, daß Leute, augenblicklich in dem Alter von 20 bis 60 Jahren, aller Wahrscheinlichkeit nach 24 Monate länger leben werden, als ihre Alters- genossen vor einigen fünfzig Jahren. Die augenblickliche Sterblichkeitslistc, beweist sogar noch, daß die Frauen ein härteres Leben haben als die Männer. Hier folgen noch einige wohltuende Beispiele: Menschen im Alter von 20 bis 80 Jahren erreichten vor einem halben Jahrhundert ein Durchschnittsalter von 64'/, Jahren. Augenblicklich haben sie alle Chance, die 70 zu überschreiten. Menschen im Alter von 30 bis 40 Jahren werden heutzutage mit Leichtigkeit 71 Jahre alt, während ihre Großväter nach den Statistiken kaum ein Alter von 66 Jahren erreichten. Endlich kann man den für heutige Verhältnisse noch jungen Männern im Alter von 46' bis 60 Jahren theoretisch ein Alter von 76 Jahren voraussagen. Es sieht wirklich so aus, als wenn unsere Generation vom Lebenselixir getrunken hätte! swwi'etgesetze Einer Meldung aus MoSkau zufolge ist der kleine drei- zehnjährige Pronja Kolibin zum Kommunistischen Helden" ausgerufen worden und hat eine große Geldbelohnung er- halten. Welche Tat war einer derartigen Ehrung wert? Durch welche außergewöhnlichen Verdienste hat er die Auf- merkfamkeit der kommunistischen Herrscher auf sich gezogen? — Er hat seine Mutter verraten! Diese hatte auf einem Bauerngut in der Nähe von Moskau etwaS Weizen ge- strhlen, ein Verbrechen, das nach den Sowjetgesetzen mit dem Tode bestrast wird. Der junge Pronja hat eS sich gut sein lassen, sie anzuzeigen. Ein« Heldentat! Wille zur Offensive Der französische Parteitag in Toulouse Paris. 28. Mai 1984. Ä. Sch. Nach den faschistischen Siegen in Deutschland und Oesterreich steht die französische Sozialistische Partei auf dem entscheidenden Posten des kontinental- europäischen Sozialismus. Der Sozialismus in Frank- reich hat die Bewegungsfreiheit und kämpft auf dem Boden des mächtigsten Landes des europäischen Kontinents. Das innere Leben der französischen Sozialisti- schen Partei erhält dadurch eine internationale Bedeutung. Der Kongreß der Partei, der zu Pfingsten in Toulouse tagte, war repräsentativ für die neue Lage des franzö- sischen Sozialismus. Es war der Parteitag in der Krisenzeit. Seit dem 6 Februar gibt es in Frank- reich eine offene faschistische Gefahr. Frankreichs innen- politische Krise 1934 ist die stärkste Erschütterung, die das Land seit dem Boulangismus und der Zeit der Dreyfuh- Affäre erlebte. Die Partei muß deshalb kampfbereiter ?ls je sein, und grundsätzliche Entscheidungen treffen, die lhre Politik auf lange Zeit bestimmen müssen. Es war ferner ein Parteitag ohne Rechtsoppo- l i t i o n. Zum erstenmal seit dem Einigungsparteitog von 1995 fand ein Parteikongreß ohne den rechten Flügel statt. Die reformistische Ideologie und Taktik waren in Toulouse überhaupt nicht vertreten. Der französische Reformismus hat die Partei verlassen und dadurch als sozialistische Richtung politischen Selbstmord begangen. Zu gleicher Zeit mit dem Kongreß in Toulouse tagte in Paris der Kongreß der Neo-Sozialisten, auf dem Marquet die Parole des Anti-Marxismus oerkündete. Die Ab- splitterung der Neo-Sozialisten führte zur Vereinheit- lichung und Konsolidierung der Partei. In Toulouse ist nicht mehr darüber gestritten worden, ob Koalition oder Opposition, ob selbständige Politik der Partei oder Links- Kartell mit den Radikalen. Die Diskussion entfaltete sich jetzt in einer neuen Ebene: welche soll die auf die Macht- eroberung und die Verwirklichung des Sozialismus ge- richtete Taktik sein? Die Auseinandersetzung in Toulouse ging einmal um die Fragen der antifaschistischen Abwehrtaktik. Hier stand dem„Zentrum", das etwa zwei Drittel Stimmen hatte, die Linke entgegen. Die Linke sprach von der letzten Krise des Kapitalismus und faßte die Perspektive der weiteren politischen Entwicklung Frankreichs in die Formel „Sozialismus oder Faschismus". Das waren die grundsätz- lichen. ideologischen Voraussetzungen ihrer Position. Tak- tisch verlangte sie einen militanten Antifaschismus und die tatsächliche Bereitschaft, den Faschismus mit allen Mitteln abzuwahren.„Es geht nicht darum, unsere Schutz- abteilungen in den blinden und ungleichen Kampf zu werfen. Aber es ist notwendig, die Massenbewegungen vorauszusehen, die in einer bestimmten Lage aus einer bestimmten sozialen und politischen Temperatur entstehen können." sagte der Sprecher der Linken Mareeau- t inert-* der sich gegen den Vorwurf von„Neo- languismus" wehrtet' Das Zentrum warnte vor den Ge- fahren einer Militarisierung der Bewegung. Die Organi- sation würde durch die Militarisierung in der innerpartei- lichen Demokratie gefährdet werden, da ein militarisierter erster y„... W—,-- Aufgabe. Es wird entscheidend sein, nicht ob die Partei aufrüsten, sondern ob ihr die Abrüstung, die E n t w a f f- nungdesKapitalismus gelingen könne, d. h. eine solche Durchdringung der Armee mit sozialistischen Ideen, daß bei den Trägern derWaffe, bei den Agenten derStaats- gewalt, die Waffe von den Händen fällt, erklärte der Ber- treter des Zentrums S e v e r a c, der zweite Sekretär der Partei. Aber neben dieser taktischen Auseinandersetzung verlief auf dem Kongreß noch eine andere sehr lehrreiche Dis- kussion: über die politischen Methoden des Kampfes um die gesellschaftliche Umwälzung und über die Formen der sozialistischen Verwirklichung. Es war die Auseinander» setzung zwischen den„P la nisten" und den„A n t i- P l a n i st e n". Die Gedanken d e- M a n s. der Plan der Belgischen Arbeiterpartei haben im französischen Sozialis- mus starken Widerhall gefunden. Die„Pianisten" ver- langen die Aufstellung eines konkreten, deutlichen, wirt- schaftspolitisch durchdachten und rationellen Akti^ns- Programms der ersten Phase der sozialistischen Verwirk- lichung. Es soll ein Sofort-Programm sein, mit dem die Partei die Massen mobil macht und zur Macht aufsteigt. Der Plan soll gleichzeitig die zentrale Propaganda- lösung und das sachlich-fundierte, sich aus den Möglich- keilen und den Notwend'gkeltcn der wirtschaftlichen Umwälzung ergebende Verwirklichungsprogramm d'cs Sozialismus fein, ausgehend von der Nationalisierung des Kredits und der Schlüsselindustrien. In den tak- tischen Fragen stehen die Pianisten eher dem linken Flügel der Partei näher und viele Vertreter der Linken sind fsir den Plan. Die Mehrheit der führenden Politiker des „Zentrums" stehen dagegen dem Plan skeptisch oder gar ablehnend gegenüber: so B l u m, Paul F a u r e, L e b a s, Seoerac. Es ist eigenartig, daß die Vertreter des Zentrums der Partei den Gedanken des Plans als eines Ecksteins der Parteipolitik eben mit radikalen Argumenten bekämpfen. Sie werfen der Plan-Ideologie den beschränkten, stufenweisen Charakter ihrer Soziali- sierungsforderung vor und lehnen die Festlegung der Partei auf ein beschränktes Aktionsprogramm ab. Die Redner des Zentrums halten es für unmöglich, daß der Sozialismus auf die restlose und gleichzeitige Sozialisie- rung verzichtet. Aber diese Meinungsverschiedenheiten waren überbrück- bar. Die Verständigung über die einheitliche Linie der Partei erfolgte ohne Schwierigkeiten und die gemeinsame Resolution, die die Grundlage für die kommenden Kämpfe der Partei bilden soll, ist beinahe einstimmig onyenommen worden Sowohl in der Frage der antifaschistischen Ab- wehrtaktik als auch in den Methoden des Plans erwies sich die einheitliche Linie der Partei als möglich. Die Proklamation des Toulouser Kongresses verlangt von der Partei, angesichts der vorhandenen faschistischen Gefahr den Zustand der permanenten Kampfbereitschaft und ordnet die Förderung der Schutzabteilungen sQroup äs defense) nn; aber die Resolution erklärt, daß diese Schutz- abteilungen keinen Kampftrupp für den Sturm gegen den Kapitalismus darstellen, sondern Mittel zur Sicherstellung der Propaganda und der Organisation sind. Die Resolu- tion stellt das wirtschaftspolitische Aktionsprogamm der Sozialisierung des Kredits und der Schlüsselindustrien auf und erklärt gleichzeitig, daß die Partei an der Macht sich durch keinen Plan beschränken lassen kann. Der französische Sozialismus will eine Offensive. Er wird für sie eine gewaltige Kraftanspannung notwendig haben. „Silz Prag" Sozialdemokratie in der Emigration Die„N e w Aork Times", die größte amerikanische Tageszeitung, bringt einen Artikel ihres Prager Korrespondenten, Robert Kad ich, über die deutsche Emigralion in der Tschechoslowakei. In diesem Artikel, der vor allem die wirtschaftliche und politische Lage der Emigranten schildert, beschäftigt sich Kadich auch mit der p o l i t i s ch e n Arbeit der deutschen sozialdemokratischen Emigration. „Die Errichtung des Hauptquartiers der früheren deutschen sozialdemokratische» Partei ist ein Kapitel fiir sich. Hier ist der Sammelpunkt des deutschen Sozialismus im Auslande, wo die Maßnahmen für eine energische Kampagne gegen die Nazis in allen Ländern Europas, einschließlich Deutschlands, vorbereitet und geleitet werben. Unter der Führung von Otto Wels, dem früheren Vorsitzenden der Partei, der jetzt noch Mitglied des Büros der 2. Jntcr- nationale ist, herrscht in dieser Zentralorganisation eine ebenso emsige Tätigkeit wie in dem sprichwörtlichen Bienen- stock. Dr. Paul Hertz, der langjährige Sekretär der sozial- demokratischen Reichstagssraktion, der vor einiger Zeit bei der Londoner Untersuchung über den Reichstagsbrand seine Zeugenaussage abgab, erledigt ebenso tüchtig wie begeistert seine freiwillig übernommenen Pflichten. Uebrigcns trägt jeder seinen Anteil an dem Kampie bei. Das hauptsächliche Ziel des Büros ist ein politisches: es will den Geist der sozialistischen Gemeinschaft in Deutsch- land aufrechterhalten, der, wie man sagt, heimlich im Wach- sen sei wegen der zunehmenden Enttäuschung in den Reihen der Na /fks,' es will die freiheitliche Meinung im Auslände gewinnen und sammeln, indem es die übelsten Nazimethoden m Druckschristen bloßstellt und bekanntgibt, und es bereitet sich auf den„Tag" vor— ber allerdings ein anderer Tag sein wird als der, aus den die deutsche Armee vor 1914 ihren Toast auszubringen pflegte. Das Büro hält dauernde enge Verbindung mit zuverlässigen Anhängern der Bewegung in Deutschland aufrecht, deren Berichte über die einzelnen Seiten der Lage hell in gewisse dunkle Winkel der gegenwärtigen Zustände in Deutschland hineinleuchten. Besonders zu er- wähnen von diesen ist die Wiederaufrüstung und die ir' striclle Vorbereitung für den Krieg. Tie Tätigkeit dieses sozialistischen Büros erstreckt sich ül alle Teutschland benachbarten Länder, vor allem aber> las Saargebiet, wo in Saarbrücken täglich i „Deutsche Freiheit" erscheint. Von allen Seiten w die illegale„T o z i a l i st i s ch e Aktion" nach Deutschte hineingeschmuggelt. Auf diese Weise unternimmt das Bt von jedem günstigen äußeren Punkte aus strategisch geno men einen konzentrischen Feldzug gegen den Hitlerismi Daß seine Wirkungen in Berlin höchst übel verme werden, muß als Anerkennung für die Leistungen t Büros betrachtet werden." Segen die Berliner Olympiade Washington, 28. Mai. sZTA i Das judische Mitglied ü> Kongresses der Vereinigten Staaten. Ecller, forderte d> American Olympic Committe aus. eine Verlegung d> Olympiade 1939 von Berlin nach einer anderen europäisch! Hauptstadt zu verlangen, da man den Versicherungen d> reichsdeutichen Regierung nicht trauen könne, daß sie dl Versprechen, jüdische Teilnehmer an der Olympiade nie. zu diskriminieren, halten würde.- In der Presse wi, darauf hingewiesen, daß die großartige Lcichtathletin Fr Niartel Jakob, der Tennismeister Daniel Prenn, der Bo; Toppclmcister Erich Seelig, die Weltsechtmeisterin Hclci Meyer usw. gezwungen wurden, Deutschland zu verlasse und nicht zur Olympiade kommen können. In Sdiweden Machen Sie keine Narrenstreiche h. b. In Stockholm fand in diesen Tagen ein großer poli tischcr Prozeß statt, in dem sich der schwedische Nazisühr« Furegaard und seine Parteisunktionäre Clissord und Still zu verantworten hatten. Sie waren wegen Beleidigung de Stockholmer Polizeichess Zettcrquist angeklagt worden un erhielten jeder zwei Monate Gefängnis. Als der„Führer" Furegaard im GerichtSsaal erschien grüßte er den Vorsitzenden mit dem„deutschen Gruß". De Gerichtsvorsitzenbe wies ihn barsch zurecht:„Machen Ii keine Narrenstreiche! Vor einem schwedischen Gericht ver beugt man sich!" Nachdem der Angeklagte sich nach dieser Zurcchtweisun gerichtet hatte, trat man in die Verhandlung ein. Naziagitation in Norwegen Wie aus der„Literatur" hervorgeht, sollen die Intellek Mellen Norwegens demnächst einem Trommelfeuer voi Naziagitation ausgesetzt werden. Alle möglichen Agitation» 'chriften sollen für„Pastoren, Lehrer und Acrzte" nach Nor wegen gebracht werde». Wenn der Naziplan gelingt, dann „AlleS Wühlen gewisser Kreise müßte verstummen, weil de Tatsachen des Könnens und der hochstehenden Leistung ket' Mensch»überstehen kann", besonders dann, wenn man ihi in ein Konzentrationslager sperrt. « nTer Da« bekannte Wcrbeplakat»Deutschland erwartet Sie!« — leicht verändert durdi den Zeichner des»Ekstrabladet«, Kopenhagen Das Werbeplakat für Oberammergau zeigt über dem blauen Himmel ein mächtiges Kreuz. Das ganze Hitler-Deutschland als einziges.Passions- spiel, Stätte de? Leidens und des Grauens, hinter Gittern: das ist der Gegenstand der bitteren Satire des liberalen dä» nischen Blattes, das zu den meistgelesensten des Landes gehört. I Pariser Derldite Pariser StraOenbaiender Die Pariser Presse feierte sehr den neuen Stundenrekord von 431 Kilometer des französischen Chefpiloten Delmotte. * Eine nationale Föderation der Filmbeschäftigten hat auf den großen Pariser Boulevards und in den Champs Elysees gegen die Beschäftigung von Ausländern im Film protestiert. Acht Autocars mit Inschriften wurden vorbeigefahren. * In Cours-Ia-Reine, die von Marie de Medieis angelegt sind, wurde in der Nähe der Champs Elysees die traditionelle Gartenbau-Ausstellung mit wunderbaren Blumenbeeten eröffnet. * Der Film„Onkel aus Peking", der im Kino Olympia startete, ist eine Erbschaftsgeschichte eines reichen Onkels und Europäers, der seine Verwandten unter seltsamen Bedingungen bedenkt, und der Traumbilder aus dem exotischen Leben Chinas zeigt, mit Armand Bernard als Hauptdarsteller. * Durch die Untersuchung in Noyon bei den Eltern der ermordeten Madame Henriot wird bekannt, daß der Mörder seiner Frau systematisch den Tod angesagt hatte. Die Schwester der jungen Frau hat ausgesagt, daß sie einen Brief über die letzte Nacht des Opfers erhielt, in der Michel Henriot seiner Frau noch„einen Tag Frist" gewährte, nachdem er vorher gesagt hatte:„Ich töte dich noch diese Nacht." Die Eltern glaubten den furchtbaren Schilderungen, in den Briefen nicht recht, weil der Mörder häufig Scherze an den Rand geschrieben hatte, wie„Ist ja nicht wahr, ich hab sie sehr gern". Die Lebensversicherung auf 800 000 Franken für die junge Frau war nur für den Fall von„Tod infolge von Zyklon, Mord oder Autounglück" abgeschlossen und erforderte deswegen nur die Zahlung einer Jahresprämie von etwas über 2000 Franken. * Clement Vautel und andere Kritiker stellen fest, daß die siebzehnjährige Tänzerin, die, um berühmt zu werden, die Untersuchung im Falle Prince auf eine falsche Spur lockte, nicht die acht Monate Gefängnis verdiente, die ihr zudiktiert wurden Immerhin muß man aber wohl berücksichtigen, daß durch den Roman der Tänzerin große Unkosten verursacht wurden. Die neue Direktion „fes Drts Cinentafograpftiques" SMidio'Tomasse 11, rue J ules-Chaplain (M.ro Vavin), Tele f. Dan 86-67 läßt aut allgemeinen Wunsch des Publikums den berühmten Film II OKRfl NU" ab Mittwoch, den 30. Mai, nur noch einige Tage laufen. Mittags um 2,30 Uhr und abends um 9,10 Uhr IDecbt füe die „Deutsche HxeiheU" Auch dla„Kleina Anzeige" in der „Deutschen Frei, heit'bringl Erfolg Seide und Kunstseide Die französische Kammer hat sich abwechslungshalber in diesen schweren Zeiten, in denen die Hitlerianer der Saar das „rapprochement" mit Diebstahl und Spucke betreiben, mit heiteren Dingen beschäftigt, die die Frauen interessieren. Es handelte sich darum, den Begriff„Seide", den Stoff der Traumgewebe, die Paris füllen, genauer festzulegen, damit man weiß, was Nachahmung und bloße Kunstseide ist. Die Schlacht um die Cocons ging heiß her, aber schließlich trugen zwei Abgeordnete den Sieg davon, die forderten, daß der Ehrenname„Seide" nur der wirklichen, der natürlichen Seide zustehen solle, während jegliches künstliche oder chemische Gewebe sich sonstwie nennen müsse. Zu diesem Triumphe trug nicht unwesentlich Edouard Herriot bei, der im Haupt- oder Nebenberuf Bürgermeister der Seidenstadt Lyon ist. und der mit einer melancholischen Rede darüber, daß die guten Tage der Seide, des Luxus und der Freude vorüber seien, und daß daher die französische Seide einen Schutz brauche.„Fürchten Sie aber nicht, daß wir Ihnen bei dieser Gelegenheit das ganze alte Regime wieder bringen wollen," meinte der Redner unter großer Heiterkeit. So siegte gewissermaßen das„Wahre, Gute und Schöne" wenigstens einmal wieder in der Welt, und das sogar im Parlamentarismus, dem viel verworfenen, und der schnöde „Ersatz", den die Franzosen ohnehin für eine neudeutsche Erfindung halten, wurde abgelehnt. Die„Rassen" abgesetzt Ferdinand Bruckners Stück„Die Rassen" ist nach sehr großem Erfolg und mehr als hundert Aufführungen vom Pariser Theater L'Oeuvre abgesetzt worden. Das Stück hat zahllose Franzosen und Fremde über die wahren Methoden des Hitlertums unterrichtet. Zu den Besuchern gehörte auch, wie man weiß, der ehemalige hitlersche Intendant Hans Jobst, der Verfasser des Schlageter-Dramas und des wegen einer Pogrom-Szene in Ungnade gefallenen Propheten. Die Association des j'uifs polonais refugies d'allemagne gibt folgendes bekannt: Am Donnerstag, dem 31. Mai, abends 8.30 Uhr, im Dom Polski, 31 Rue Croulebarbe, Metro: Gobelins, Mitgliederversammlung mit folgender Tagesordnung: 1. Bericht des Präsidenten über die aktuellen Fragen de« Aufenthalts-, Wohn- und Arbeitsrechts.— 2. Vortrag eines Juristen über die Rechte der Flüchtlinge in Frankreich- In Anbetracht der Wichtigkeit der Tagesordnung erwarten wir vollzähliges Erscheinen aller unserer Mitglieder. IOi. Tnnilö 43-13 M6tro Pigaile Deutsche Poliklinik Paris, 62., Rue de la Rochefoucauld a) Allgemeine Konsultationen mit 9 Spenali»ten. b) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshilfliche Klinik e) Zahnarztliches Kabinett Ordination täglich von 9— 12 und 2—8: Sonntags und Feiertags von 10—12 und 2—4 Uhr Heizer Reimel aus der Halt enllassen Die Blamage de*„dritten Reiches" Am Somstag mittag gegen 12 Uhr wurde der am vergangenen Dienstag in Kehl wegen Beleidigung und Ver- ächtlichmachung der nationalsozialistischen Regierung zu 4 Wochen verurteilte Heizer Reimel von Straßburg aus der Hast entlassen. Man überreichte ihm einen Ausweisungs- beseht und schob ihn über die Rheinbrücke ab. Es unterliegt keinem Zweisel, daß die Hastentlassung Reimels aus das energische Vorgehen der sranzösischen Be- Hörden zurückzuführen ist. Die heftige Kammerdebatte am vergangenen Freitag, in der auch der sozialistische Straß- burger Abgeordnete Georges Weill sich für die sofortige Freilassung Reimels einsetzte und in scharfen Worten die srecke Provokation Hitlerdeutschlanös verurteilte, beschleu- nigte die Entscheidung der deutschen Behörden. Schließlich mußte auch der verbohrteste Razianhänger merken, daß der Streich, den sich Deutschland mit der Verhaftung eines sran- zösischen Eisenbahners und seiner Verurteilung durch die Hitlerjustiz leistete, in der gegenwärtigen Situation so ziemlich das Dümmste darstellt, was sich denken läßt. Im Elsaß verursachte die Verhaftung Reimels demonstrative Protestaktionen, die Bevölkerung forderte einhellig die so- fortige Freilassung des Verurteilten und wäre bereit ge- wesen, jede Repressalie zu billigen, die man sranzösischerseits gegen die Verhaftung ergriffen hätte. Im„Elsässer Boten" errhob man sogar die nicht unberechtigte Forderung, den gesamten Eisenbahnverkehr nach Kehl lahm zu legen Mit Recht fordern auch jetzt nach der Freilassung Reimels die Eisenbahner, die dienstlich von Straßburg aus den Kehler Bahnhof autsuchen müssen, daß ihnen irgend eine Garantie gegen ähnliche Uebergrifse gegeben werde. Reimel wurde nach seiner Freilassung von seinen Kol- legen und Freunden begrüßt. Die Journalisten umdrängten ton. i' Eriahrnng zu bringen, wie es ihm im Gefängnis gegangen ist. Reimel, der e>n sehr humorbegabter Mann zu lein scheint, berichtete gern über seine Kehler Erlebnisse, wo- bei natürlich die Sitlerberrschast nicht gerade gut abschnitt. Wer mehi von ihm wissen wollte, der begab sich am Tams- tagabend in das in einem großen Saal in Kronenburg von der KPO., deren Mitglied Reimel ist, veranstaltete Pro- t e st m e e t i n g. Hier sprach Reimel ausführlich über seine Verhaftung und Verurteilung U. a. ergriffen in der Ver- sammlung noch das Wort der Ttraßburger kommunistische Depute Monier und der kommunistische Bürgermeister Hueber, die beide in scharfen Worten die Methoden Hitlerdeutschlands anprangerten. Reimel genießt nun wieder die Freiheit seiner franzö- fischen Heimat. Es wird ihn nicht so rasch gelüsten, Hitler- deutschlands Boden wieder zu betreten. Seine Erlebnisse mögen allen freiheitlich gesinnten Menschen gezeigt haben, wie es in Wirklichkeit um die viel gepriesene deutsche Frei- heit bestellt ist. Wenn dieser Staat nicht davor zurückschreckt, Angehörige eines fremden Staates einiger lächerlicher Be- Merklingen wegen zu verhasten, ins Getpngnis zu schicken und dann auszuweisen, dann kann man sich daran ungefähr ein Bild machen, wie es den eigenen Staatsbürgern er- geht. Hätte hinter Reimel nicht die ganze öffentliche Mei- nung Frankreichs und seine Regierung gestanden, wer weiß, ob er sobald wieder freigelasien worden wäre. Seine Frei- lasiung bedeutet aber gleichzeitig eine Blamage des„dritten Reiches", die nicht dazu beitragen wird, das Ansehen der neuen Gewallhaber in der Welt zu steigern! Für den Geiamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz in Dud- weiier: für Inserate: Cito Kuhn in Saarbrücken Rvtationsdrucl und Verlag: Verlag der Bolksstimme GmbH.. Saarbrücken 8 Schützenstroße 5.— Schließfach 776 Saarbrücken. BRIEFKflST8M Hertha R, Kopenhagen. Soviel wir wissen, ist die älteste Synagoge Deutschlands die von Worms, die am». Juni das Fest ihres 906- jährigen Bestehens feiert. Die Synagoge ist die Stiftung eines kinderlosen Ehepaares Jacob und Rahel und im Jahre 1034 voll- endet worden, mithin eines der ältesten Gotteshäuser Deutschlands. Die Wormser Judcngemeinde ist mit dem Boden Deutschlands und den Schicksalen de« deutschen Volkes sicher mehr verbunden als zahllose christliche Gemeinden in Teutschland. Leserin in Riga. Wir geben von Ihrer Mitteilung Kenntnis, daß fast die gesamte jüdische Presse unter der neuen Diktatur ver- boten worden ist. Die Mitglieder des jüdischen Komitees für anii- deutschen Boykott wurden zur gerichtlichen Verantwortung gezogen. Rheiuläuder. Tie„Kölnische Zeitung" gibt zur Zeit ihre gesamte Auslagenhöhe, einschließlich des Lokalblattes„Gtadt-Anzeiger" mit »g 181 an. Das bebeutet einen Rückgang von mindestens 80 000 in den letzten Jahren. „Rote Erde". Ihrem Briefe entnehmen wir:„Auch bei den poli- tisch reaktionären Offizieren ist die Stimmung verbittert. Ein deutschnationaler Polizeihauptmann in Br. erklätre mir, die Polizeioffiziere seien bald restlose Gegner der Httlerei. Es sei uner- hört, was sich oltgediente Polizeibcamte von den braunen Lause- jungen schon haben bieten lassen mühen. Kommt es zu einer Ab» rcchnung mit den Nazis, die Polizei habe auch viel Rechnungen zu begleichen. Bei dem Beginn der Nazimacht haben die Beamten nicht sehen dürfen, was an Brutalität geschah. Wenn eS anders herum komm«, dann werde die Polizei nicht« sehen wollen." R. Paris. Tie schreiben uns:„Bei der Staatsanwaltschaft in Nürnberg gibt es eine neue Abteilung, deren Aufgabe ist, getarnte Briefe zu enträtseln. Es wird im allgemeinen zu unvorsichtig ge. tarnt. Freunde in Deutschland bitten um die größte Borsicht, damit sie durch Ausländsbriefe nicht gefährdet werden." Wir schließen uns dieser Bitte dringend an. Düsseldorfer. Der frühere Ehcfredaktcur der sozialdemokratischen „Bolkszeitung" P. O. H. Schulz hat unmittelbar nach der natio- nalsozialistischcn Machtergreifung ein Buch geschrieben„Untergang des Marxismus". Wie Sie uns mitteilen, hat es nicht einmal in Düyeldorf selbst nennenswerten Absatz gesunden. Eine Zeitung, die„Mitteldeutsche Rundschau" war unvorsichtig genug, dem Mach- werk einen großen zustimmenden Artikel zu widmen. Da« Ergebnis dieser Würdigung waren Berge von Abbestellungen de« Blattes aus feinem gesamten mitteldeutschen Verbreitungsgebiet. Die„Mitteldeutsche Rundschau", die zuerst in Jena und später in Nordhausen gebruckt wurde, hielt eine gewisse Distanz zum neuen Regime. Tie hatte einen erheblichen Teil der früheren Leserschaften sozialdemokratischer und demokratischer Blätter gewinnen können. Jetzt pfeift sie nach Masjenflucht der Leser auf dem letzten Loch. D>« neue Weltbühne, Prag 1, Melantrlchova 1/8. Heft 21 ist soeben erschienen und enthält folgende Beiträge: H. Budzislawski: Faschistische Internationale?: H. v. Gerlach: Revolutionstribunal: Alfred Rosenberg: Nationalismus bei Andern: I. Steinfeld: Dhäl- mann und der Blutsonntag: Erich Weinert: Berlin: Waldemar Grimm: Vizekanzler Ttarhemberg: Ein Illegaler: Heute in Teutschland: M. Scheer: Pariser Kirchcnkampf: A. Maslow: Sowjetchina: Herbert Häfker: Standard Oil contra Paraguay: Gustav Lindauer: Uebergang: Bemerkungen— Antworten. Bayrischer Emigrant. In bayrischen Zeitungen haben Sie gelesen, daß der Münchener Oberbürgermeister Fiehler eine Rede gehalten bat, in der er erklärte, daß„die perfiden Juden und die welschen Römlinge, die semitischen Rabbiner und die katholischen Bischöfe" mit dem gleichen Eifer zum Seile des deutschen Volke» zu bekämpfen seien.— Man muß solchen Fiehlers donkbar sein, denn sie sorgen dasttr, daß die Widerstände auch der Juden und der Katholiken gegen die Hitlerdiktatur nicht erlahmen. Freund in Köln. Ihre Mitteilung, daß das nationalsozialistische Blatt„Westdeutscher Beobachter" innerhalb weniger Wochen um 10 000 Bezieher verloren hat, ist recht erfreulich. Auch darin äußert sich Eure fleißige und mutige Arbeit. Hur fr. 7,50 pro Band (statt bisher Fr. 17,40) kosten nachstehende schönen Leinen» und Halblederbände Bahr Hermann: Die Hexe Drut Frank(oset Maria: Volk im Fieber Frank Leonhard: Der Bürger Gorki Max: Die Mutter Gorki Max: Das Leben des Klim Samgin Harden Max.: Köpfe(Auswahl)(Halbleder) Kisch E. E.: Der rasende Reporter Mann Heinrich: Schlaraffenland Mann Heinrich: Der Untertan OssenCowski: Lenin Schnitzler A.: Der Weg ins Freie Sinclair Upton: Sintflut Sinclair Upton: Wallstreet(Um uns die Stadt— Eine Anthologie neuer Großstadtdichtung) Vorstehende Bände sind nur lieferbar, solange die Vorräte reichen. Wir besorgen auf Bestellung alle Bücher in deutscher Sprache, auch die in Deutschland verbotenen Bücher, soweit dieselben noch zu haben sind. Buchhandlung der Volksstimme Saarbrücken 3:: Bahnhofstr. 32 Dr. Späcialiste *>. rue de H)von— Metro: Chattete RADIKALE HEILUNG von BLUT., IAUT und FRAUENKRANKHEITEN Hella aß von Krampfadern und offenen Beiovonden Neueste Behandlungsmethoden Elektn« zität Imptungsverfahren Trypatie vine> Einspritzungen Blut« and Harn«Untersuchungen. Sper« cnakultur. Salvarsan. Wismut usw. Sprechstunden täglich vom 10—12»nd von 4—8 Uhr Sonntags vom 9—12 Uhr Konsultationen von IS Er. ah. Man spricht daatsch 500 wenig, getragene VUxdelie (haute couture): Tages-, Abend-, Sportkleider und Pelze werden momentan verkauft bei: Jiacg^Occasians 40, rue Desrenaudes(Ternes) Tel.: Etoile 35-88. Ankauf. Tausch Steuerfragen Gesellschafts- gründungen Wenden Sie sich an F. BRIQUEU LICENCIE EN DROIT ehemaliger Kontrolleur der direkten Steuer» behörden, um vom offiziellen Standpunkt aus beraten zu werden. 25, Bd. Bonne.Nouvelle, PARIS(2), Telefon Louvre 22.93