I -> ra Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 123— 2. Jahrgang Sa*rbr cken Donnerstag /Freitag. den 31. Mai/ 1. Juni 1934 Chefredakteur: M. Braun Aas dem Inha lt Wie sie stehlen Seite 3 Jieise dec französischen JCamunisten Seite 3 Wildwest wc den Teten J&etlins Seite 7 Rußland in Front Nach Litwinows glänzendem Vorstoß Am ersten Tage der Beralungen des Hauptousschu'ses der Abrüstungskonferenz in Genf hat der russische Delegierte überraschend den Vorschlag gemacht, die Abrüstungskonferenz dadurch zu beenden, daß man sie in eine ständig und regelmäßig tagende Konferenz überleitet, die keine andere Aufgabe habe, als mit ollen Mitteln den Frieden zu sichern. Widerhall m England fcnb. 8 o tt b o n, 80. Mai. Der Vorschlag von Dienstag hat die Prelle völlig überrascht.„Times" begnügt sich damit, die Rede des Sowjctkommissars abzudrucken, ohne eine eigene Stellungnahme zu geben. Der Genfer Berichterstatter der„M oruing P o st" sagt, bei der Einsetzung eines stau« digeu Friedeusausschuffes würde eS sich um einen zweiten Völkerbund handeln. Offenbar hoffe Litwinow, durch seinen Borschlag Rustland die Verantwortlichkeit eines regelrechten Bölkerbundmitgliedes zu ersparen. Troszdem habe sein Vor- schlag viel für sich, weil er in der festigen unruhigen europäischen Lage eine Lösung schaffe. Der Borschlag Litwinows sehe vor, daß die Sowjetunion und die Bereinigten Staaten durch eine Hintertür in den Völkerbund kämen. Die Einwen- düngen, die die Bereinigten Staaten immer erhoben hätten, daß durch die Unterschrift unter die Bölkerbunbsastung im Falle eines Verstoßes gegen die Satzungen durch irgendeinen Staat eine Einmischung in die Angelegenheiten eines anderen Staates nötig sei, würde dadurch hinfällig werden. Auch vom Gesichtspunkt der Abrüstungsschwierigkeiten aus betrachtet, hätte der Borschlag Litwinows etwas für sich, denn er gebe die Möglichkeit. Deutschland nach Genf zurückzubringen, da seine Teilnahme an der Abrüstungskonferenz nicht eine Mitarbeit und einen Wiedereintritt in den Völkerbund bc- deuten würde. Der Vorschlag würde auch Japan nach Genf zurückbringen. Litwinows Vorschlag sei so ü-aschend gekomme«, daß die Vertreter der anderen Staaten nicht in der Lage gewesen seien, sich dazu zu äußern. Es verlaute aber, daß in französischen Kreisen die Anregung begrüstt werde, weil sie die russische Mitarbeit am Völkerbund bringe und Deutschland möglicherweise nach Genf zurückbringen könnte. In britischen amtlichen Kreisen sei man sehr zurückhaltend, aber i« den Wandelgängen des Völkerbundes werde aus die Achnlichkcit des Litwinowschen Planes mit dem britischen Abkommensentwurf hingewiesen. »Daily Telegraph" unterzieht den Litwinow-Plan einer abfälligen Kritik. Das Blatt erblickt darin den Versuch, die Abrüstungskonferenz in eine Sicherheitskonferenz zu verwandeln. Der Sowjetvertreter habe seinen Plan gegen- scitigey Beistandes aufgegeben zugunsten des Vorschlages der Umwandlung der Abrüstnngökonfcrenz in eine..ständig und regelmäßig sich versammelnde Friedenskonferenz". Wenn Litwinow de» Gedanken an Abrüstung ausgebe, so könne dies nur bedeuten, baß Rostland, das die größten mili- täuschen Rüstungen der Welt besitze, nicht abrüsten wolle. »Daily Telegraph" schließt, Litwinows Plan eines ständigen Friedensansschusses, der sich aus Sanktionen gründe, er- innere allzusehr an das trojanische Pferd, von dem Laokoon sagte, es stecke entweder voll bewaffneter Männer oder berge irgendeine andere Tücke in sich. rill Eranhreldi vereinbart? Paris. 80. Mai. Der Verlaus der Dienstag-Aussprache tu Gens findet in der französischen Presse allgemein einen sehr günstigen Widerhall. Nach der etwas gedrückten Stim- mung vom Montag atmet man heute wieder erleichtert auf und begrübt insbesondere die Ausführungen des Vorsitzen- den der Abrüstungskonferenz Henderson, der sich offen hinter die französische Sicherheits- these gestellt habe. Man will hierin ein gutes Zeichen iür den weiteren Verlaus der Besprechungen sehen. Die Ausführungen Norman Davis' finden in der Pariser Presse keine besonders günstige Ausnahme man wirst dem amerikanischen Vertreter vor, heute noch an Diu- gen zu hängen, die durch die Ereignisse und insbesondere durch die deutsche Aufrüstung längst überholt seien. Nichts- destoweniger läßt man sich dazu herab, den guten Willen Amerikas anzuerkennen. Die größte Beachtung finden die Erklärungen Litwinows, soweit sie sich aus seinen Plan für den europäischen Pakt beziehen. Seine Borschläge über die Umwand- long der Abrüstungskonferenz in eine ständige Friedens- konserenz werden jedoch als eine glatte Utopie bezeichnet Der Außeupolitiker des»Echo de Paris", P e r t i n a x, glaubt aber, daß die Rede des russischen Kommissars für auswärtige Angelegenheiten in allen Einzelheiten mit den Regierungen in Paris, Ankara und den Hauptstädten der Kleinen Entente durchgesprochen worden sei. Ganz allgemein stellt man jedoch fest, daß der französische Gedanke von einer Verstärkung der bestehenden Sicher» heitsgarantien und einer Zurückdrängung der Abrttstungsfrage gute Fortschritte macht. Der Zu« sprach, den Frankreich am Mittwoch von feiten Hcndersons und Litwinows erhalten hat, macht es der französischen Re- gierung nach Ansicht Pertinax' leicht, die Verantwor» tung an dem Scheitern der Abrüstungsbe« sprechungen aus andere abzuschieben Das »Journal" ist anscheinend weniger gut unterrichtet als Pertinax und spricht im Zusammenhang mit den Aussüh« rangen Litwinows von»unerwartete« Borschlägen". Das Blatt bezeichnet diese Vorschläge aber als eine Utopie und begrüßt um so mehr die Erklärungen Hcndersons, die eine angenehme Uebcrraschung darstellten, weil er sich der französischen Ausfassung zugewandt habe. Der»Matin" bezeichnet den Borschlag Litwinows zur Schaffung einer ständen Friedenskonferenz als lächerlich Seine Rede dente außerdem nicht darauf hin, daß Rußland besonders große Neigung zeige, in den Völkerbund einzutreten, denn man müsse sich fragen, womit sich dieser Völkerbund überhaupt noch beschästigen solle. Die Außenpolttikerin des„Oeuvre" stellt fest, daß die Abrüstungskonferenz selten eine Rede gehört habe, die so viel glückliche Borschläge enthielt wie die Sit- winows.* London, 80. Mai. Litwinow erklärte dem Reuterver» »reter in Genf, es sei keine Rede davon, daß sein dem Haupt- ausschuß dex Abrüstungskonferenz gemachter Borschlag be« deute, daß die Sowjetunion dem Völkerbund beitreten werde. Beide Fragen hätten«ich«' miteinander zu schassen. Auf c iuac in iiuj. »Daily Erpreß", der stets eine Jsolierungspolitik für England befürwortet, spricht von einem französisch-russischen Plan, der bezwecke, Großbritannien in die Angelegenheiten des europäischen Festlandes zu verwickeln und es zur Teil- jeden Fall werde eine neue aZsierZZ—, -« Krieg zu zwingen. des Völkerbundes"attfinden.^ tntcr den Auspizien Zum Sdieitern verurteilt Die Konferenz der(inmoglidikeiten G-nf. 80. Wlai 1034. Die deutsche Diktatur liefert der Welt ein Beispiel dafür, wie eine Regierung, die sich betont national nennt und den Nationalismus zur Staatsreligion erhebt, gerade dadurch zum Schaben der Nation wird. Wie hat sich die außenpoli- tische Lage Deutschlands verschlechtert, seitdem es am 14. Oktober 1988 aus Prestigegründen den Völkerbund verließ. Wie haben sich alle getäuscht, die auch außerhalb deS natio- nalsozialistifchen Parteilagers diese lärmende Geste für einen Geniestreich Hitlers hielten. Der Präsident der Abrüstung«- konserenz Henderson hat in seinen Erklärungen vor Sem Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz Deutschland in vol- lem Maße für die„neue Lage" verantwortlich gemacht. Nie- wand in der großen Bölkersitzung hat ihm widersprochen. Hitlers Außenpolitik hat den Regierungen aller Länder er- möglicht, wieder einmal Deutschland als den Störenfried des Weltfriedens auszurufen, und es ist ein jämmerlicher Trost kür daS deutsche Bolk, wenn eS seiner gleichgeschal- 'eten Presse glaubt, die den Befehl erhalten hat. von einer Isolierung— Frankreichs zu berichten. Man darf ruhig annehmen, daß die deutsche Reichsregie. rnng sehr gerne einen Rückzug antrete» würde, wen» sie Gestern und Acute Ein großes Wort hat auf der Kölner Chemikertagung der ehemalige Freikorpsführer Roßbach ausgesprochen. Der Herr ist zweiter Präsident des deutschen Luftschutzverbandes, also jener Organisation, die dem deutschen Volke die Ueberzeu- gung von der Unvermeidlichkeit des nächsten Krieges beizubringen hat. Herr Roßbach sagte, er könne nicht zufrieden sein, solange nicht jeder einzelne mit jeder Einzelheit des Luftschutzes völlig vertraut sei und gegebenenfalls auch Anordnungen zu treffen vermöge. Wer ist somit ein deutscher Volksgenosse? Ein Mensch, der imstande ist, Fliegerangriffe abzuwehren. Herr Roßbach war einmal Führer einer Organisation von Fememördern und hat eine Zeitlang Hitler militärisch beraten. Später kühlte sich die Freundschaft ab, weil der Frei- korpsfühter nicht mehr so recht an den Stern des großen Redners glaubte. Heute hat er wieder einen Posten in Hitlers weitläufigen Staaten gefunden, scheinbar nicht den glanzvollsten, in Wahrheit aber einen recht bedeutenden. Man wird das erst merken, wenn es erst soweit ist, wie es doch selbstverständlich kommen muß. wenn das schöne Geld für den Luftschutz nicht umsonst aufgewendet sein soll. Denn der Staatsbürger lebt für den Krieg, so gut wie der Hammel fürs Geschoren- und Gegessenwerden. Luftschutz ist alles. Wenn erst einmal die Bombengeschwader unterwegs sind, dann gibt es kein Privatleben mehr, sondern nur noch Fliegerabwehr. Dann herrscht Ausnahmezustand, und die Präsidenten des Luftschutzes herrschen über Leben und Tod. Ihre Truppe ist dann das ganze Volk, und ihre Polizei jeder einzelne. Dieser einzelne mag heute sich noch einbilden, daß das noch ein Ausnahmefall sei, der sich hoffentlich vermeiden lasse: für die Herren vom Luftschutz ist es naturgemäß der Normalfall, der sicher nicht vermieden wird. Das bringt der Beruf so mit sich. Es ist übrigens nicht nur in Deutschland so. Das deutsche Nachrichtenbüro verbreitet mit Behagen den Aufsatz eines polnischen Generalstabsoffiziers, der„für gründliche Vorbereitung im Sinne einer Anpassung des Wirtschaftsapparates an die Aufgaben des Krieges noch während des Friedens" eintritt. Deutschland und Polen leben zwar bekanntlich in dicker Freundschaft, aber so etwas muß durch die deutsche Presse gejagt werden. Der polnische Offizier bedauert weiter, daß Polens stärkste Industrtegebiete hart an der deutschen Grenze lägen— an der Grenze eines befreundeten Landes, setzen wir hinzu— und meint, das sei militärisch sehr nachteilig. Auf jeden Fall muß die Wirtschaft im Hinblick auf den Krieg aufgebaut werden. Und da gibt es hoffnungsvolle Toren, die vor dem nächsten Kriege Angst haben. Die nicht merken, daß wir schon mittendrin sind Der Wirtschaftsaufbau der Länder ist überhaupt nur noch als kriegerische Handlung zu verstehen. Die ganzen Rüstungen sind bereits die ersten Tage des Schauspiels; noch werden keine Figuren geschlagen— aber das ist ja nur eine Frage der Zeit. Die Staaten führen bereits Krieg, wenn auch die Staatsbürger noch nicht in der Feuerzone sind. Wenn einmal der blutige Konflikt ausbricht, wird er tatsächlich nur eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sein. Doch muß zugegeben werden, daß gewisse Länder hierin einen Vorsprung haben. In der geistigen und wirtschaftlichen Vorbereitung auf den Krieg liegen wahrscheinlich Staaten wie Japan, Deutschland, Rußland. Italien an der Spitze; dagegen mögen andere teilweise besser bewaffnet sein. Aber im gegenwärtigen Kriege— den die Hoffnungsvollen, wie gesagt, den kommenden nennen— kommt es sicher weniger auf die Zahl der Waffen als der Waffenfabriken und der Waffenfähigen an. Wir leben im Zeitalter der Rassehochzucht. Der Mensch gehört zu der fortgeschrittenen Tiergattung, die nicht mehr mit Kiemen, sondern mit Lungen atmet. Vielleicht glückt es aber eines Tages noch, daß die Nase sich in eine Art Gasmaske verwandelt und die Säuglinge mit einem kleinen gelb- kreuzsichern Rüssel zur Welt kommen. Wenn dann die Errungenschaften unseres kriegerischen Zeitalters nicht ganz verloren gehen sollen, wird man schon dazu übergehen müssen, die reine Gasatmosphäre wieder mit Sauerstoff zu vergiften. Argus. eine» Ausweg fände, aber es tut ihr natürlich niemand den Gefallen, sie als Siegerin nach Gens zurückzuholen. So schleicht sich denn die innerpolitisch so stolz nationale Regierung auf Hintertreppen demütig wieder i» die Be- ratungen der Abrüstungskonferenz und des Völkerbundes ein. Zur Abrüstung entsendet sie nur Horchposten und sucht in direkten Gesprächen mit einigen Staaten sich einzuschalten. Zur Saarfrage hat sie erst den deutschen Konsul und jetzt den Freiherrn von Leisner geschickt, der einst als Führer der deutschen Friedensdelegation sich geweigert hat. die Frte- densbedingungen von Versailles entgegenzunehmen und mit großem Theaterkrach als Beinahenationalheld nach Deutsch land zurückgefahren ist. Später führte er als Reichstag«- abgeordneter der Deutschen BolkSpartei ein in den weitesten Kreisen unbeachtetes Dasein, aber immer in Intrigen ge- t>en feinen Fräftionschei Ttrcsemann lebhaft tätig. Tann trieb ihn die Konjunktur nach rechts. Zinn soll er in Gerts versuchen, als Diplomat der alten Schule, der Henau wie Papen ein Vertreter nicht der Hitierei, fondern der konfer- »ativen Herrfchajtsmächte ist. einen leidlichen Ruckzug in der Saarfrage zu bewerkstelligen. Sowohl die Entsendung des Freiherr n von Lers- ner wie ein Aussatz des früheren Abrüstungsdelegierten Freiherrn von Rheinbaben im„Journal de Gerleve" werden dahin gedeutet, daß die deutsche Reichs- regierung gerne jede sich bietende Gelegenheit annehmen würde, auch wieder am Tisch der Abrüstungskonferenz und des Völkcrbundsrats Platz zu nehmen. Ter Beginn des neuen Abrüjtungsgeredes eröffnet aber dafür keine Aussicht. Nicht einmal der amerikanische Tele- gierte Norman D a v i s hat mehr getan, als Teutschland aufzufordern, sich ans der Basis des Macdonald-PlanS vom 8.^»Iii v. I., der damals von allen Nationen, auch von Teutschland angenommen war, wieder nach Genf zurück- zubemühe». Gin Satz, der sowohl nach Deutschland wie nach Frankreich hin ins Leere gesprochen ist. Ter Amerikaner hat übrigens unterstrichen, dast der Wille, sich durch Rüstungsiiberlegenheit und Bündnisse z« sichern, zurzeit in Europa vorherrscht und dag der Wille, sich nur durch die Verteidigungskraft zu stärken und allmählich im gegenseitigen Einvernehmen abzurüsten, weit in den Hin- tergrund getreten ist. Gr hat die Gespenster von 1914 beschworen. In Europa herrsche jetzt wieder das Süssem vor, das zum Weltkrieg geführt hat. Amerika wolle den Krieg verhüten, werde sich aber auf jeden Fall ausserhalb jedes Krieges halten. GS scheint ans dieser sonderbaren Abrüstnngskonsercnz nie- wanden zu geben, der nicht die Möglichkeit neuer KriegS- brande für viel realer hält als die Nichtangrifss- und Kriegsächtungspakte, die wir seit mehr als einem Jahr- zehnt serienweise erlebt haben. Ter Russe? i t w i n o w konnte sich erlauben, auszusprechen, was die zünftigen Diplomaten der kapitalistischen Länder nur denken dürfen. Er stellte den v o l l k o m in e n e n F e h l- schlag der Abrüstungskonferenz fest, und er hatte auch durchaus recht mit dem Hinweis, daß gerade diese Konferenz zur Herausarbeitung und damit zur Verschär- sung der internationalen Gegensätze beigetragen hat. Man hätte voraus wissen können— und spätestens nach der kal- ten Ablehnung des russischen Vorschlages einer allgemeinen totalen Abrüstung mußte das aller Welt klar sein— d a ss d i e A b r ü st u n g s k o n f e r e n z zum Scheitern v e r- urteilt war. Ein rechtzeitiges Ende wäre viel vorteil- baster geivescn als dieses Hinschleppen durch Fahre und die Vergiftung der Atmosphäre durch ein Labyrinth von Heuche- lei und Hinterlist. Ter Vertreter Sowjetrusslands will diesem sriedensgesähr- lichc» Austand durch die Liquidierung der Konserenz ein Ende machen und ein neues Organ des Völkerbundes schasse,,: eine ständig und regelmässig tagende Konferenz, die keine andere Ausgabe haben soll, als mit allen Mitteln den Friede,, zu sichern. Eine Konferenz also, die offenbar den Nüstungsstand und die Rttstungsentwicklung zunächst auf sich beruhen lassen und nur internationale Schwierigkeiten ausgleiche» soll. Tas ist vielleicht auch nicht sehr vielversprechend, aber immerhin wirklichkeitsnäher als Abrüstungsrcdcn, wenn sie niemand ernst nimmt. In Litwinows Rede gab es aggressive Stellen gegen Ja- pan und Teutschland. Ohne daß er sie nannte, denun- zierte sie der russische Vertreter als die beiden Staate« mit Erovernngsprogrammen, und bei der Frage der Gleich- berechtigung komme es sehr darauf an, ob es sich um einen friedfertigen oder um einen expansiven Staat handele. Tamit berührte der russische Marxist, die Grundproblcme der Rüstung, die zurzeit unlösbar sind. Es gibt keine Ab- rüstung. Es kann auf absehbare Zeit keine geben, weil es kein Vertrauen gibt. Und wenn sich alle humanen Ideale in uns dagegen sträuben: die Wirklichkeit starrt in Was- fcn, und so wird es bleiben, bis die Völker der Erde in ihren Wirtschafts» und Staatsverfassungen, in ihrem Güter- austauich und in ihrer geistigen Annäherung zu Systemen gelangt sind, die wir als sozialistisch bezeichnen. Systeme, die Plan und Ordnung aus menschlicher Vernunft in den Wirrwarr der Welt tragen. Das ist die Voraussetzung für den Weltfrieden, und wer das für Utopien hält, muß sich mit verheerenden Wirtschastskatastrophen genau so absin- den wie mit der Wiederkehr sich immer steigernden Völker- mordens. Tie Juternationale der Nationalisten ist als Friedens« instrnment ebenso unmöglich wie der Tranm altrustischen Opsergcistes im kapitalistischen internationalen Ringen um ProdnktionS- nnd Gewinnqnoten. Wir wissen, daß das für zarte Herzen in allen religiösen und ethischen Lagern sehr roh klingt, aber es ist leider die Wahrheit. Es ist ein unmögliches Beginnen, in dem jetzigen poli- tische» und wirtschaftlichen Anarchismus der Welt nach Schlüsseln für die Abrüstung zu suchen. Länge und Art der Grenzen jedes Landes, die physische und die wirtschaftliche Kraft der Völker, ihre geistige Haltung zu Krieg oder Frie- den, die außenpolitische Taturicrung oder Erpansion, die Rüstungs- und die Staatssysteme, die Erziehung und die Reise find so verschieden, daß ein Schema für die Abrüstung, daS einigermaßen das Gefühl der Sicherheit gewähren könnte, einfach nicht möglich ist. Kein Staatsmann einer Grossmacht oder eines im poli- tischen Radius der grosse« Mächte liegenden Staates wird die Verantwortung für eine Rüstnngsverminderung über- nehmen, und wenn eine Konferenz für all« sie beschlösse, würden alle ohne Ausnahme unter den jetzigen Verhält- nisscn die Konvention hintenherum zu umgehen versuchen oder sie doch recht weitherzig auszulegen. So werden erst recht Konsliktstosse erwachsen, die anch durch die berühmte internationale Kontrolle nicht beseitigt, vielleicht sogar verschärft werden würden. So muß man denn von der Abrüstungskonferenz Abschied nehmen. Tie ist zu Ende, auch wenn sie, wieder und wieder vertagt, sich noch Jahre hinschleppen sollte. TaS wenigstens sollte vermieden werden? denn es steigert die latente Kriegs- gekaftr. Erste Aufgabe der Völker zur Verhinderung akuter Kriegsanlässe ist der innerpokitische Kampf gegen die Uebcr- stcigerung des Nationalismus und gegen Nrgicrungssysteme, die das Schicksal der Nation in den Willen unkontrollierter abenteuerlicher Cliquen legen. Tie faschistischen Diktaturen verstehen nicht die inneren Schwierigkeiten der von ihnen unterdrückten Völker zu meistern und drängen daher zu expansiven Lösungen. Jede Vernichtung eines neuen Sektors der europäischen Demokratie hat die außenpolitischen Spannungen erhöht, die wirtschaftliche, finanzielle und politische Krise Europas vermehrt. Am meisten trifft dies für den Hitlerfaschismus in Deutsch- land zu. Seine Vernichtung ist die Aufgabe der deutschen Nation und ihr nächster Beitrag zur Bemühung um den Frieden Europas. Großadmiral Togo Der Sieger von Tsuschima Tokio, 80. Mai. Großadmiral Togo ist am heutigen Mitt« wochmorgen nach monatelangem Krankenlager an Kehlkopf* krebs gestorben. Seine Gattin und seine beiden«ohne weilte» an seinem Sterbelager. Tic Vorkehrungen>ür ein Staatsbegräbnis werden heute in einer«ondersiyung de» Kabinetts beschlossen.. Großadmiral Grat Togo war während des ruisiich-iapanl- schen Krieges Oberbefehlshaber der japanischen Flotte.>in der Seeschlacht von Tsuschima am 27. Mai 1905 vernichtete er die russische Flotte vollkommen nnd entschied somit^den russisch-japanischen Krieg siegreich für sein Vaterland. Tieie Tat hat ihm den Ehrentitel des japanischen Ncljvn einge- fri'ßdjt. Admiral Togo ist 87 Jahre alt geworden. Mit 18 Jahren begann er die SeemannSlauibahn und schon im 21. Lebens- jähr erlebte er das erste Feuergefecht. Während des chinesisch- japanischen Krieges war er Kommandant des Kreuzers „Raniwa" 1900 wurde er Vizeadmiral und im Kriege^gegen Rußland erlangte er dann als Admiral die höchste Stelle, und zwar als Oberbefehlshaber der gesamten Flotte. Er vernichtete zuerst daS Port-Arthur-Gcschivader und später bei Tsnschima das zweite Russengeschwader, das aus acht großen Kreuzern, neun kleinen Kreuzern, drei Küstcnvertcidigungs- schiffen, neun Zerstörern, einem Hilfskreuzer, sechs Tpezial- und zwei Lazarettschiffen bestand. Nachdem er im Jahre 1909 als Chef des Generalstabs zurückgetreten und aus dem ak- tivcn Dienst ausgeschieden war, gehörte er dem Obersten Kriegsrat an. Im Jahre 1912 wurde Graf Togo zum Groß- admiral befördert. vir Transferverhandlungen Das neueste Angebot der Reichsbank lieber Hie Konferenz zwischen den Vertretern der Gläubiger der lang- nnd mittelfristigen deutschen Auslands- schulde« und den Vertretern der Reichsbank wurde ein langes Conimnniqoe veröffentlicht. Tie Konferenz stimmt u. a. darin überein, daß das Problem der deutschen Aus- landsverschuldung nicht ein Problem der Zahlungsunfähig- keil der Schuldner ist, sonder« daß die Schwierigkeiten nur aus dem Transfergebiet liegen. Tie Reichsbank hat für den Transfer der Zinsen aus Teutschlands lang- und mittel- fristige Nicht-Reichoverschuldung ei« Angebot für die Zeit vom 1. Juli 1934 bis 80. Juni 1985 gemacht. Aus dem Kommunique Auf Grund des Angebots der ReichSbank ist jeder Zins- scheininhaber berechtigt, Fundierungsbons der Konversions- lasse in Höhe des Nominalbetrages der Zinsscheine zu er- halten, die am 1. Januar 1945 fällig werden und 3 Prozent Zinsen tragen. Tie Zahlung des Kapitalbetrages, der Zinsen und des Tilgungsfonds dieser FundierungsbonS wird von der deutschen Regierung garantiert werden und wird nicht von irgendwelchen Transferbcschränkungcn betroffen werden. Bon den verschiedenen Delegationen wurden folgende Er- klärungen abgegeben Tie britische, französische und schwedische Delegation sind bereit, die Annahme des vorstehenden Angebots unter der Bedingung zu cmp- fehlen, daß L den Erfordernissen ihrer Regierung bezüglich des Dienstes der Reichsanleihe Genüge geschieht und 2. im Falle von Bevorzugungen von Staatsangehörigen anderer Länder diese Länder ihre Handlungsfreiheit wiedergewinnen. Tie schweizerische Delegation bedauert, da der Plan der immer wieder betonten Lage der Schweiz nicht Rechnung trägt, ihm ihre Zustimmung nicht geben zu können. Tie holländische Delegation sieht sich genötigt, die An- nahine der Kommuniques abzulehnen. Die amerikanische Delegation habe an der Konferenz auf derjenigen Grundlage teilgenommen, auf der sie der An- nähme in dem am Schlüsse der Januarkonierenz auöge- gebenen Kommunique zufolge einberufen worden war,»am- lich„keinerlei Diskriminierung auf Grund der Gläubiger irgendeines Landes und Außerkrafttreten von Sonderab- kommen". Die deutsche Entfettungskur Folge der Devisennot Berlin, 30. Mai. Die Reichsstelle für Getreide, Futter- mittel und sonstige landwirtschaftliche Erzeugnisse, Geschäfts» abteilung, erläßt folgende Bekanntmachung: Die gegenwär- tige Devisenlage macht es notwendig, Vorsorge für die Sicherung der Fcktversorgung der beut- schen Bevölkerung zu treffen. Zu diesem Zweck muß angestrebt werden, den Bezug ausländischer O e l- flüchte und Oelsämereien, soweit nur möglich, von der jeweiligen Devisenlage unabhängig zu machen und ihre Bezahlung durch Lieferung deutscher Waren vorzunehmen. Die hierzu notwendigen Maßnahmen bilden Gegenstand eingehender Prüfung durch die beteiligten Stellen. Zur Sicherung des angestrebten Zieles ist es erforderlich, kür eine gewisse UcbergangSzcit den Abschluß von Einkanfskontrakten im Auslände über diese Waren auszusetzen. Das Verbrechen Wegen unrichtiger Fragebogenausfüllung bestraft Der StadtsyndikuS i. R. Wandschneider in Goslar hatte In seinem Fragebogen(der auf Grund öcS Gesetze? zur Wieder- Herstellung des BcrusSbeamtentumS auszufüllen wars seine Zugehörigkeit zur SPD. angegeben, aber verschwiegen, daß er vorher dcrDemokratischenPartei angehört hatte. Er hatte sich deshalb vor der Dienststraskammer bei der Hildesheimer Regierung zu verantworten, die auf Aber- k e n n u n g des Ruhegehalts, der Hinterbliebenenversorgung und der Amtsbezeichnung erkannte. Als Unterstützung sollen ihm 50 Prozent seiner Pension auf die Tauer von drei Jahren gezahlt werden. Deutsche Juristenzeitung gleichgeschaltet Zwischen dem Verlag Beck und dem Presse- und Zeitschris- tenamt der Deutschen Rechtssront wurde ein Abkommen ge- troffen, daS der Deutschen RechtSfront die Möglichkeit gibt, der Deutschen Juristenzettung dieselbe Förderung und Unterstützung zuteil werden zu lassen, wie den andern gro- Ken deutschen rechtswissenschastlichen und rechtspolitischen Zeitschriften. Nach erfolgtem Rücktritt des bisherigen Her- ausgebers hat die neue Herausgeberschaft Staatsrat Pro- sessor Dr. Carl Schmitt übernommen, der unter Mitwir- kung des Führerrats der Fachgruppe Hochschullehrer als deren Leiter, die Zeitschrist zum wissenschaftlichen Fachorgan des NS.-Jüristenbundes ausgestalten wird. Das bedeutet: Für die„Deutsche Iuristen-Zeitung" gibt es in Zukunft nur noch hakenkrenzlerisches Parteirecht. Ernste rechtswlst'enschastliche Untersuchungen und Erörterun- gen sind in dieser früher so angesehenen Zeitschrift nnmörr« lich gemacht. „Garantien" für die Saar? Baron von Lersner erscheint in Genf und macht Versprechungen Genf, 29. Mai. Die deutsche Reichsregierung hat einen Schritt unter- nommen, der hier nicht geringe Ueberraschung hervorgerufen bat. Sie hat zur Förderung der Saarverhaudlungen einen neuen Bevollmächtigten nach Gens geschickt, den Freiherr» von Lersner. der als besonderer Vertrauensmann des Herrn von Papen gilt. Außerdem sind noch einige Juristen des Auswärtigen Amt? in Genf eingetroffen. Lersner hatte bereit» am Dienstagvormittag eine längere Unterredung mit Baron Aloisi und dessen Mitarbeiter Biaucheri. Man schließt, ohne daß man bis zur Stunde Einzelheiten kennt, aus diesen Verhandlungen, daß Lersner weitgehende Bollmachten aus Berlin mitgebracht hat, um in der Garantie- frage Zugeständnisse zu machen. Diese Vermutung wird in Zusammenhang gebracht mit der Unterredung Papens mit dem Präsidenten Knox, die vor einigen Tagen stattgefunden hat. Papen soll sich bei dieser Gelegenheit außerordentlich entgegenkommend gezeigt haben. Angeblich hat er auch be- tont, daß die Zweibrncker Rede des Herrn Goebbels mit ihren scharfen Ausfällen der offiziellen Ansicht der Reichs- regierung nicht entspräche. Jedenfalls glaubt man, daß die neuen Zusagen zur Garan- tiefrage die Möglichkeit einer Festsetzung des A b stimm» n gstermins nähergerückt habe. Offizielle Erklärungen Frankreichs liegen freilich noch nicht vor. Da sich Frankreich als europäischer Garant des Schutze» der gesamten nicht für Hitler stimmenden Saarbevölkerung fühlt," mit Einschluß der nicht Abstimmungsberechtigten und der Emigranten, so muß man erst abwarten, ob ihm die deutschen Garantieversprechungeu genügen. Die jüngste Kamnierrede des Außenministers Barthou hat ja bewiesen, wie groß das französische Mißtrauen gegenüber Hitler- deutschen Versprechungen ist. Allen, die nach dieser Richtung hin optimistisch waren, hat das Konkordat eine» guten Anschauungsunterricht gegeben. Garantien sind für ein parlamentarisch-demokratilches Land etwas anderes als für einen absoluten faschistischen Staat. Die Hitlergegner im Saargebiet stehen ihnen jedenfalls mit äußerstem Mißtrauen gegenüber. Neben der Delegation der deutschen Freihettssront ist nun auch eine besondere katholische Abordnung aus dem Saargebiet in Genf eingetroffen. Sie steht unter Füh- runa eines Priesters. Wie es heißt, wird auch diese Tele- gation dafür eintreten, daß eine Saarabstimmnug nur unter bestimmten Garantien stattfinden kann nnd darf. Im übrigen rechnet man nicht damit; daß die Saarsrage schon beute öffentlich eröktert- werden wird. Ties ist viel- mehr für Donnerstag zu vermuten. In Genf liegt inzwischen ein neues Schreiben der Regierungskommission des Taargebiets an den Völkerbund vor, das sich mit der jüngsten Eingabe der „deutschen Front" auseinandersetzt. Die Regierungskom- Mission weist darin auf die Machenschaften der„deutschen Front" hinsichtlich der Probeabftimmung hin, die darauf hinausliefen, die freie, geheim«- und unbeeinflußte Stimmen- abgäbe bei der kommenden Volksbefragung ernstlich zu gefährden. ES>ei nicht richtig, daß in das Gendarmerie- korpS deutsche politische Flüchtlinge eingestellt worden seien. Was die Behauptungen über Herrn M a ch t s. den kommis- sarischen Ehe' der Saarbrücker Polizei, betreffe, so dürfe wohl der Hinweis ans seinen M i l i t ä r p a ß genügen. Da- raus gehe hervor, daß er zu Anfang des Krieges von 1914 auf dem Schlachtfeld? zum Offizier befördert, dreimal ver- letzt worden und Inhaber de? Eisernen Kreuze? 1. nnd 2. Klasse sowie des silbernen Verwundetenabzeichens sei. „Langsam vorwärts" Die Pariser Blätter zu den Saarverhandlungen Paris, 30. Mai. Die Pariser Morgenpresse stellt auch am Mittwoch wieder fest, daß die Besprechungen über die Saar- frage langsam vorwärtskommen. Der Meinungsaustausch zwischen Aloisi. Masfigli und dem Generalkonsul Krauel, so betont man, seien aber noch nicht so weit fortgeschritten, daß man dem Völkerbund in seiner nächsten Sitzung bereits einen festen Vorschlag unterbreiten könnte. Die Blätter zeigen sich jedoch optimistisch und betonen, daß die Reichs- regierung im Verlaufe der letzten Verhandlungen ihre Un- Nachgiebigkeit aufgegeben habe. Tie spanische Regierung hat über alle Nachrichten, die den für den 5. Juni angekündigten Landwirtschastsstreik betreffen, die Preffezensnr verhängt. Zwischen den Vereinigten Staaten und Kuba ist ein Bertrag zustandegekommen, der Kuba zu einem unab- hängigen Staatswesen erhebt. Ter italienische Hebedampfer„Artiglio". der sein Haupt- quartier in La Rochelle aufgeschlagen hat und von dort ans Erkundnngsfahrten unternimmt, um wertvolle gesunkene Schiffe ausfindig zu machen, hat angeblich aus der Höhe von Ostende da» Wrack eines gesunkenen Tampsers aussindig gemacht, das für 109 Millionen Franken Gold enthalte» soll. Wie die Polizeibehörde iu Hamburg mitteilt, kenterte am Tienatagnachmittag aus der Elbe qnerab vor dem Rüsch- tanal eine Fischersolle. Tie beide« Insassen, ein Fischer und «in Arbeiter, ertranken. Tie Leichen konnten noch nicht ae- borgen werden. Wie sie stehlen Sozialisntiis der Tat bei den Nazlbonsen Deutsche Arbeiter schreiben uns über die gehäuften Kor- ruptionssalle im„dritten Reich« u. a.: Stettin: „Zur Verurteilung der SS.-Leute in Stettin: Wie wir zuverlamg erfahren, hatten die Verurteilten auf der still- gelegten Vulkan-Werft ein Konzentrationslager nunfl eingerichtet. Sie verhafteten mißliebige Persönlichketten, überführten sie in das Lager, L 6nen Geldsummen, die im Einzelfalle bis zu m uuu Mark gingen und ließen dann ihre Opfer frei. Dieses 1 Lüerte viele Monate. Es geschah aber mit Kennt- ms und Duldung der Leitung der SA., der NSDAP, und .? r!L£ r i? 0 Ae i.Nichts wurde dagegen unternommen, Mißhandlungen und Erpreffungen gegen berwnllchkelten richteten, die keine Beziehungen hatten. Erst als die Verbrecher die Ungeschicklichkeit begingen, sich on Leuten zu vergreifen, die wie der frühere Geschäftsfüh- rer der Deutfchnationalen Volkspartei Weiß über Berbin- düngen zu dem Generalseldmarschall Mackensen verfügten, ca eilte Göring im Flugzeug nach Stettin. Um seine eige- nen fünf Dutzend Konzentrationslager zu retten, mußte er das private Konzentrationslager schließen, und die Ver- fJ[r£ r. ei r^ondergericht aburteilen lassen. Der mit- schuldige Polizeipräsident aber wurde nicht vor Gericht ge- stellt, sondern nur seines Amtes enthoben. Er hat sich kurze Zeit darauf das Leben genommen." Kiel: „Die beiden Nazigrößen und Ziaarrenhändler Clasen und Lehmann, haben in ihrer Eigenschaft als Amtswalter der NSDAP, eifrig für die Winterhilfe gesammelt und die eingegangenen Beträge kür sich persönlich sozialisiert. Es wurde ihnen unter großem Tamtam die Uniform ausge- zogen. Nach diesem feierlichen Akt wurden beide in das Gerichtsgefängnis in der Harmstratze eingeliefert. Flensburg: Seit langer Zeit war in eingeweihten Kreisen bekannt, daß die Abrechnungen des Naziführers Ebclings falsch waren und daß ihm Geld in der Kasse fehlte. Darüber hinaus hat Ebeling ganze Eisenbahnwaggonladungen von Lebcnsmit- teln. die für die Winterhilfe gesammelt, also für Be- dürftige und Arbeitslose bestimmt waren, gestohlen. Ebeling wurde aui Veranlassung der TA-Standarte ver- haftet, jedoch kurze Zeit später wieder auf freien ft»ß gesetzt und abgeschoben. Neuerdings ist er wieder in Flens- bürg ausgetaucht, wo er frei herumläuft. Sein Nachfolger. Hans Schellgaard, war früher Kassenmeister beim Militär, wurde aber wegen Unterschiede verabschiedet. Später in einer Bootswerst in Flensburg tätig, wurde er auch ent- kernt, weil man ihn für das Kehlen von 10 000 Reichsmark verantwortlich machte. Provinz Brandenburg: Guben und Umgebung: Als Nachfolgeblatt der„Märkischen Bolksstimmc" erscheint der„Ostdeutsche Arbeiter" Herausgeber ist Brügge- mann, ein Borkämpfer für Einheit und Tauberkeit. Er ist fetzt nach Hinterlassung von 30 000 Mark Schulden flüchtig. Es soll versucht werden, die Zeitung in Betriebsgemeinschast weiterzuführen. In Crossen a. d. Oder mußte der neue Geschäftsführer der Allgemeinen Ortskrankenkasse nach nicht viermonatiger Tätigkeit entlassen werden, da sich während dieser kurzen Zeit bereits ein gewaltiges Defizit herausgestellt hatte. In Stawedbel, Kreis Guben haben sowohl der Kas- sierer des Landarbeiterverbandes wie ein SA.-Kührer Unterschlagungen begangen. Da ist Herr G a l l u s- G u b e n. Von irgendwo ange- schwemmt, wird er aus einmal Gruppenleiter^der dann nach glorreicher Revolution Gewerkschanskommniar mit 890 Mark Monatsgehalt Bald hatte seine Kasse ein Defizit. Er verschwindet als Arbeitsdienitlagerlelter nach Weiffig, Kreis Crossen, dort wieder Defizit. Jetziger Aufent» halt unbekannt. Pfarrer Gräser aus Granow, Kreis Guben, Leiter der Hitlerjugend, sittliche Verfehlungen an-chulk,ndern. Griff in die Kirchenkasse, wird aut wner Fluch^ kurz vor dem Ausstieg mit dem Flugzeug auf dem Tempelbofer Feld verhaftet. Das Gericht spricht ihn unter Ausschuß der O fentlichkeit frei. Grund: Die ongeblichem sitlichenVerseh lungen seien nur Angeberei eines rachesuchtlgen w.I.-Mnn ncs, und die Unterschlagungen fallen unter die.lmnestie. S®* Unterschlagungen bei der NZvO. Als A-better IM Betriebe darüber diskutierten, erscheint Anschlag. Diskussion»t ver boten und wird mit Konzentrationslager beuratt. Der Kassierer der NS.-Saao in Guben erhalt ein Jahr Gefängnis wegen Unterschlagung von 800 Mark. Tier iBn.imntiii 5iener.Guben.von der Wohlfahrts- loderte erhäl? ein Jahr 3»d»rt«a« wegen Unterschlagung. 5er Nazimann Leitsch«Guben) von der Wohlfahrts- lotterie erhält anderthalb Jahr Gefängnis wegen Unter- schlagung..^.. Der Leiter des Arbeitsdienstlagers bei Kur- st e n b e r g erhält wegen Unterschlagung mehrere Monate Gefängnis. Schlesien: Görlitz: v. Der Nazistadtrat Mäschke hat die«»Alag d«len dttS^dt Görlitz an einen Verwandten zum Pachtpreiö i von 500 L®": im Jahre oermietet, obwohl von anderer«eite 12 000 Mark geboten worden waren. Bayern: In der Kasse des Fabrikarbeiterverbandes in Weiden stellten die Revisoren einen Fehlbetrag fest. Wie groß der Fehlbetrag war, hat man nie erfahren können. Einige Zeit nach der Kassenrevision bekamen nahezu 1000 Mitglieder der NSBO. die Mitteilung, daß sie nicht Mitglied der NTBO. seien. Diese hatten aber vom Juni 1S33 bis Januar 1934 ihre Beiträge für die NSBO., monatlich 60 Pfennig bezahlt, dazu die Aufnahmegebühr von 1,50 Mark pro Person. Durch die Streichung dieser annähernd 1000 Mitglieder war das Defizit in der Verbandskasse beseitigt, da man ja nur Beiträge eingenommen hat nach dem Stande der gel- tenden Mitgliederliste.— Der Angestellte des Fabrikarbei- terverbandes mußte nach dieser Begebenheit aus Weiden verschwinden. Heute ist er im Bayreuther Bezirk Forst- beamter. Der Mann, der in der Gemeinde Brün st bei Floß beim großen Umbruch Bürgermeister wurde, war den Bc- Hörden und der Bevölkerung immer schon als der geriebenste Schmuggler bekannt. Bor der Machtergreifung Hitlers schwebte gegen ihn ein Strafverfahren wegen großer Schmuggelei. Dieses Strafversahren wurde nach der Macht- ergreifung Hitlers einfach niedergeschlagen und der Mann wurde, weil das älteste und tüchtigste Nazimitglicd am Orte. Bürgermeister. Als Bürgermeister des„dritten Reiches" muße er natürlich ein schöner eingerichtetes Amtszimmer haben als seine Vorgänger. Die Mittel iür eine neue Büro- einrichtung wurden vom neuen Gemeinderat selbstverständ- lich gern bewilligt. Der Bürgermeister bestellte diese Möbel nicht etwa beim heimischen Gewerbe, sondern in der nahen Tschechoslowakei und ließ sie berüberschmuggeln. Das wurde bekannt. Der Bürgermeister ist angezeigt, aber versiebt wei- ter sein Amt als Bürgermeister, das er ja vom Führer übertragen bekam. Oberpfalz: Pg. Harbauer, 1. Bürgermeister»on Weiden, wurde seines AmteS als Leiter der Naziorganisatronen enthoben, weil Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung über die „Bayerische Ostwacht" mit dem Verlag in Bayreuth aus- gedeckt wurden. Sein Amt als Bürgermeister übt er nach wie vor aus. In einer großen Bauernversammlung in Luhe-Wik- d e n a u.«Referent Lehrer Bacherl) erging nach der Ver- sammlung die Aufforderung, für die Landhilse zu opfern. Die Sammlung erbrachte rund 80,— Mark. Daraus hat Bacherl die Bauern gehörig zusammengeschimpst, weil sie keinen Opfergeist haben:„sie sollen sich nur nicht einbilden, daß der Kamps schon beendet sei. es könne auch wieder anders kommen und dann werde man es sich merken, baß die Bauern für ihre Retter so wenig übrig hatten usw."— Anschließend Sitzung des Referenten mit den örtlichen Funktionären. Da war nun die erste Erklärung des Refe- rcnten, daß er von den 80,— Mark gesammelten Geld für sich 60,— Mark als Entschädigung verlangte. Er erhielt sie. Dieser Lehrer Bacherl bezieht nicht nur Lehrergehalt, son- dern ist auch noch bezahlter Amtswalter. Westdeutschland: Frankfurt am Main: Der Geschäftsführer der nationalsozialistischen Tageszei- tung von Frankfurt a. M. hat Beträge in einer Gcsamthöhe von 60 000 Mark unterschlagen.— Dem städtischen Dezernent für das Siedlungswesen wirb ebenfalls Unterschlagung zur Last gelegt. Rachen: Der ehemalige Eisenbahnassistcnt Günther wurde nach der Machtergreifung Hitlers an die Eisenbahndirektion in Aachen versetzt. Jetzt ist er plötzlich verschwunden. Der Geldschrank in der Direktion mußte, da G. die Schlüssel mit- genommen hatte, aufgeschweißt werden. Es stellte sich her- aus, daß ein Scheckbuch mit 38 Schecks laufender Nummer fehlt. G. hat die Schecks in bares Geld verwandelt und ist mit etwa 100 000 Mark flüchtig. .Kinder kauft Kämme..." Sachsen: Zig: bekannte Germanist und Univerfitäts-Professor Dr. ist zurückgetreten. Er bat als stellvertretender Leiter lturpolitischen Abteilung der NSDAP. 30 000 Mark reut. Textilbetrieb: dem Umsturz wurde die gesamte Belegschaft«rund ibeiter und Angestellte) der NSBO. zugeführt. Im aber wurden die weiblichen Beschäftigten in den Tex- >v. Angestelltenverband überführt. Bei der Ueberfüh- nnßte sonderbarer Weise von der Belegschaft erneut ntrittsgeld bezahl werden. Jetz stellt sich heraus, daß nliche Arbeiter die Beiträge auf 6 Monate nicht ab- f worden sind. Insgesamt also die Summe von 8 800 mark Die Eintrittsgelder für den Textilarbeiter- d sind ebenfalls nur für 26 Personen abgeführt, des- t auch nur die Beiträge. Bon den Angestellten seh- ' 4 Monate die Beiträge. Lausige Zelten in der Pialz Am EhristihimmelfahrtStag wurde in der ganzen Pfalz zu gleicher Zeit auf allen bekannten AuSflugsplätzcn ein Flug- blatt gestreut mit der Ucberschritt:„Kinder kaust Kämme, es ist eine lausige Zeit." Bis die braunen Bonzen etwas davon erfuhren und ihre„Truppen" zum Einsammeln und zum Einsangen der Uebcltäter ausschick- ten. war es schon zu spät. Die AuSilügler beteiligten sich fleißig an der Weiterverbreitung des Flugblattes. Es wurde on Plätzen gefunden, die von den offiziellen Verteilern gar nicht berührt waren. Die Wirkung war sehr stark.„Kinder kauft Kämme", ist jetzt das geflügelte Wort aller Unzufriede- nen und Witzbolde geworden. Die Behörden sind fieberhast bemüht, die Urheber dieser Aktion und die Zettelverteiler zu finden. Einige harmlose Leute wurden verhaktet, weil sie beim Lesen eines Flugblattes erwischt wuren, man hat sie aber wieder freigelassen. Die SA. bekam Anweisung, wenn sie einen solchen Zettelverteiler erwischt, ihn unbarmherzig totzuschlagen. Unter den Machthaber« ist überall eine große und nicht mehr zu verbergende Ausregung und Verwirrung zu be- obachten. Ganleiter Bürckel iah sich wegen der über ihn im Umlauf befindlichen Gerüchte veranlaßt, öffentlich zu erklären, er versehe seinen Dienst genau wie die anderen Amtswalter der Partei völlig ehrenamtlich. Da aber seine ständigen übermäßigen Zechereien allgemein bekannt sind, wird über diese Erklärung gelacht. Der Bäcker Fichter, der ihn öffentlich als Separatisten bezeichnet bat und dafür 6 Monate bekam, ist schon wieder frei. Bekam Herr Bürckel Gewissensbisse? Man vermutet es und erwartet auch die Freilassung des Dr. Schulz in Ludwigshafen, der wegen der gleichen Behauptung als Verteidiger vor Gericht ein Jahr Gefängnis bekam. Man könnte heute mehrere Seiten füllen mit dem, was in der Oekkentlichkeit über Korruption, über Unter- schlag u ngen und Saufgelage der Führer über- all erzählt wird. In Zweibrücken sollen sich kürzlich einige Prominente ganz wüste Ausschreitungen erlaubt hoben. Am nächsten Tag schickten sie einen Kurier zu einer besonders schamlos behandelten Kellnerin mit einem erheblichen Schweigegeld. Der Kurier soll aber vor der Erfüllung sei- ner Mission zwei Drittel der Summe verpraßt haben, so daß nun die Kellnerin nicht zukrieden ist. Der langjährige Nazilehrer Z i n g r a f von Pirmasens, soll 200 Mark aus der Kasse des Reitersturms versoffen haben. Erregte Borstellungen beim Ortsgewaltigen Dr. Ramm sollen diesen zu der Aeußerung veranlaßt haben: „Macht doch nicht soviel Lärm wegen den lumvigen 200 Mk." Einige pfälzische Sturmküftrer waren in Karlsruhe und fühlten sich von einigen das gleiche Lokal besuchenden Reichs- wekrangehörigen nicht respektvoll genug behandelt. Sie er- laubten sich deshalb heftige Ausfälle gegen ihre Konkurrenz von der Reichswehr und wurden von den letzteren gehörig durchgewalkt. Die maßgebenden Stellen sind setzt sehr dar- über empört, daß die geforderte Genugtuung nicht gewährt ivurde. Eine Nazigröße von Erlenbrunn, der dortige Gemeinde- sekretär, wurde zu lO Monaten Gefängnis verurteilt, weil er sich an einem Landsmann, der bei ihm saß während einer Bahnfahrt und einschlief, unsittliche Sandlunaen erlaubte. In Pirmasens wurden einige alte gewerkschaftliche Bei- tragskassierer entlassen, weil sie verdächtigt wurden, unred- lich gehandelt zu haben. Jetzt ist man dahinter gekommen, daß es sich um Schwindelmanöver des Kassierers Sektrin bandelte, der sich in raiiinierter Weise das Geld kür seine Ausschweifungen beschaffte. Tie Kritik an dem. was heute als GewerkschaktS- ersatz gilt, ist kolossal. Niemand will etwas von den Halun- ken missen, die jetzt massenhaft in den GewerkschastSbüroS sitzen und nichts tun. als die Kassen plündern. Zahlreiche alte Mitglieder müssen aeradezu kämpfen um die früher anstandslos ausgezahlte Unterstützung. Am SamStag wurde ein Mann beerdiat. dessen Frau ein halbes Jastr erfolglos versuchte, das zustehend« Krankengeld zu erhalten: es ist auch jetzt nach dem Tod nicht ausbe,ahlt worden. Wenn die <>eute in ibrer Empörung ans die srüb-re mulleraiiltiae Orb- vuna hinweisen, werden sie anoebriiNt. biete marristischen Krämoke ,n unterlassen. Ein aroß-r Verband, der eine?o- kalsterbetasse bat. bezahlte krüher Sterbegeld für Mann und Frau. Das gibt es letzt nicht mehr und zwar mit der Be- gründuna. mit solchem marristischen Ilnssnn müsse aukge- räumt werben. Das Gelb wirb den Mitgliedern noch abge- nnmmen, aber die G»mähr„na der trüber gewohnten Unter- stiitzllvaen ist ganz w'tttüetich und Rechtsh-ratuna od-r kvN- stjae Lsitte in aüev Lehenssgaen. wie man sie früher seitens iein-r Gewerftchattstunftinväre gewohnt war. kommen nicht in Jraae. weil ja die Burschen, die sich nach dem großen Diebstahl in den BüroS breit gemacht haben, von den Auf- gaben und früheren Leistungen einer Gewerkschaft keine Ahnung haben. Eine Unterstützung im Betrieb war von diesen Schwätzern, die früher als Betricbsangestc/lte gegen die Arbeiter als Unternehmervertreter ausgetreten waren, von vornherein nicht zu erwarten. Einige Naivlinge, die wirklich glaubten, diese Lügner und Verleumder gegen die früheren Gemerkschaktsangcstellten würden etwas für sie lei- sten, sind längst enttäuscht. * Es ist merkwürdig, daß in der Pfalz aus keinem Betrieb ein genaues Abstimmungsergebnis über die Be- triebsvertraucnswahlen zu erfahren ist. In vielen Betrieben wurde einfach durch den Unternehmer seit- gestellt, daß sich gegen seinen Vorschlag kein Einspruch gel- tcnd gemacht hat und daß er deshalb als einstimmig gewählt betrachtet werden müsse. In einigen Betrieben wurde die Vorschlagsliste sämtlichen Arbeitern zur Unterschrist vor- vorgelegt, und weil alle aus Angst vor der Entlassung unter- schrieben haben, wurde die Wahl für überflüssig gehalten. Es sind auch Betriebe bekannt geworden, in denen die ge- druckten Stimmzettel ausgehändigt wurden. Ob jemand diese Zettel gestrichen hat. ist nicht bekannt geworden. Soweit eine freie Wahl stattgesunden hat, sind nur Gerüchte im Umlauf. To wird zum Äeispiel vom Betrieb Rheinberger erzählt, 460 hätten für und 860 gegen den Bertrauensrat gestimmt. Man spricht vom roten Betrieb, der es früher war und heute geblieben ist. Eine zuverlässige Angabe fehlt überall: die wirklich interessierten Arbeiter bekommen keinen Einblick. Am l. Mai wurde versucht die Arbeiter dadurch für das neue System zu gewinnen, daß man die Unternehmer er- munterte, den Arbeitern Freibier zu gewähren. Das ist auch fast überall geschehen. Es gah einige Sklavenseelen. die dies als eine anerkennenswerte Leistung betrachteten, aber die Masse der Arbeiter hatte für diese Taktik nur Hohn und Spott. Sie sind keine Lumpenproletarier, die sich kaufen las- sen für ein Maß Bier. Massenhaft haben sich die Arbeiter nach den Umzügen der Tortur entzogen, die Rede Hitlers anhören zu müssen. Mit Zwangsmaßnahmen hat man die flüchtenden Arbeiter zu halten versucht, in einem Fall wurde sogar der SS.-Reitersturm gegen sie angesetzt. Bis jetzt konnten durch Z wangsmaß n.ohmen auch in Beirieben mit schlechtem Geschäftsgang die Arbeiter gehalten werden. Diese Maßnahmen werden aber immer mehr für beide Teile, für Unternehmer und Arbeiter un- tragbar. Es herrscht deshalb eine sehr beklommene Ttim- mung. Man fürchtet, daß der Sommer diesmal viel schlim- mer wird, als der Winter. Die Jnstandseyungsarbeiten flauen schon ab. Die Handwerker klagen über den schlechten Geldeingang. Ueberall werden begonnene Notstandsarbeiten schon eingestellt, weil die erforderlichen Mittel nicht mehr fließen. In den Betrieben mit Rohstoffeinfuhr machen sich bereits die Sperrmaßnahmen bemerkbar. Ten Tchuhfabri- kanten ist es zum Beispiel schon direkt verboten. Gummi zu verarbeiten. Auch die Fabrikanten sind von der im Bonzen- lager herrschenden Verwirrung schon stark angesteckt, sie kön- nen sich noch nicht vorstellen, wie das enden soll. * Die Empörung unter den Bauern steigt von Woche zu Woche und verdient größte Aufmerksamkeit. Die Marktreglung iür Eier, Milch und Butter wird mit einer verblüffenden Rücksichtslosigkeit durchgeführt. Es kommt heute vor. daß Bauern Milch für den eigenen Be- darf um 8 Pfennig teurer kaufen müssen, als sie selbst bei der Ablieferung an die Zentrale erhalten. Aus den Märkten sind die gewohnten Bauernkürbe mit Butter, Rahm. Eiern, Handkäsen usw. verschwunden. Der sogenannte„Schwarz- Handel" wird rücksichtslos bekämpft. Es darf nur noch in den hierzu errichteten Geschäften verkauft werden. Alle Bauern und Händler vom Land, die seit vielen Jahren in der Stadt ihre Milch absetzen, mußten dies jetzt ausgeben. Manche hatten sich erst vor kurzem auf Grund des Milchgeietzcs einen neuen vorschriftsmäßigen Wagen zugelegt. Das Geld ist ver- leren. Einige Tage vor Piingsten wurde ein Bauer, der Milch bei der Zentrale ablieferte, verraten, baß er eine Kanne„Schwarzmilch" mitführte, die er hintenherum ver- kaufen wollte. Die Kanne wurde beschlagnahmt, aber der Bauer war so empört, daß er die Kanne vor den Augen der Polizei ausleerte. Als bisheriger verdienstvoller Nazi wurde er zwar nicht sofort verhaftet, aber die Bestrafung wurde ihm angedroht. Eine Abordnung, bestehend aus zweisels- freien Naziwählern. wurde kürzlich beim Sonderkommjsiar des Bezirks vorstellig, um ge*"« die den Bauern empören"«», Maßnahmen zu protestieren. Sie sollen die Antwort erbal- ten haben:„Ihr habt es ja so gewollt." Jedenfalls wird das unter den Bauern überall erzählt. Niemand kann sich vorstellen, daß solche Zustände langen Bestand haben können Jacques Boriois Rebellion Die fällige Krise des französischen Kommunismus Bon Boris Skoniorowsky(Paris) Nach Spanien, Norwegen und der Tschechoslowakei hat die sektiererisch-doktrinäre Politik der Koniintern-Macht- Haber nun auch in Frankreich eine Krisis der Kommunist!- schen Partei ausgelöst. Dabei ist Frankreich das einzige Land, in dem die überwältigende Mehrheit der organi- siertcn Arbeiterklasse am Ausgang des Weltkrieges von der Komintern angelockt wurde: nicht die KP. hatte sich hier voni Baume der Gesamtarbeiterbewegung abgezweigt, sondern eine geringfügige sozialistische Minderheit war nach der Spaltung in Tours im Dezember 1920 gezwungen. die„vieille maison", das alte Haus aus neuem Baden aufzubauen. Diese vor fünfzehn Iahren mächtige Kommunistische Partei bewegt sich seither in einer steil absinkenden Kurve, die nur durch ganz kurze Eintagsaufschwünge unterbrochen wird. Die Mitgliederzahl der Partei ist auf '« bis'/?, von 130 000 auf 20 000, gesunken. Bei den letzten Kammermahlen im Mai 1932 verzeichnete sie eine Abnahme von 300 000 Stimmen, also einem Biertel ihres Wählerbestandes, im Vergleich zu den Kammer- wählen vom Jahre 1928. Die zum xtenmal„gesäuberte",„reorganisierte",„bol- schewisierte" Partei hat nun ihre Unzulänglichkeit von neuem kundgetan, als zu Beginn dieses Jahres der finan- zielle und politische Stavisky-Skandal ausbrach. Während es den reaktionär-faschistifchen Gruppierungen im Januar und Februar gelang, ihre Anhänger zu mobilisieren und in Paris auch auf die Straße zu führen, erwiesen sich die Kom- munisten, die in Paris viel stärker sind als die Sozial- demokratie(die kommunistische Organisation der Landes- Hauptstadt und der angrenzenden Industrieorte ist neben der Tageszeitung„Humanite" der Haupttragpfsiler der französischen KP., die in der Provinz mit wenigen Aus- nahmen nur über ein bloßes Gerippe von Ortsgruppen oerfügt), als unfähig, irgendeine Gegenaktion zu organi- sieren. Das Bedangen der lokalen kommunistischen Gruppen, in denen junge, aktive, opferbereite und Helden- mütige proletarische Elemente sich bemerkbar machen, nach verstärkter Aktivitätsentsaltung, begegnete dein bürokratischen Widerstand der Parteiführung. Die Füh- rung unterschätzte den Umfang der faschistischen Gefahr und beschränkte sich auf die Empfehlung,„nicht nervös zu sein"(Artikel der„Humanit6" vom 1. Februar). Erst am 0. Februar, als die Faschisten ihren großen An- griff gegen die Negierung Daladier unternahmen und ihre Anhänger aufriefen, das Kammergebäude zu stürmen, entschloß sich die KP., die Arbeiter auf die Straße zu führen, ohne ihnen freilich irgendwelche konkreten Parolen und Anweisungen zu geben. Dadurch aber stärkte sie nur die Reihen der reaktionären Demonstranten, mit denen kleine Häuflein von genarrten Proletariern mit- zogen. Die blutigen Ereignisse des 0. Februar haben die kom- muniftifche Parteispitze vollends aller Reste ihres pali- tischen Verstandes beraubt. Statt alle Kräfte der Ar- beiterklasfe gegen den Faschismus zu mobilisieren, der nunmehr seinen ersten Sieg errungen hatte, richtete die KP. ihre Geschütze gegen die„Mörder" Daladier und Frot: sie beschuldigte sie nicht etwa der Kavitulation vor der„nationalen Einigung", in deren Zeichen Toumergue die Regierung aus Daladiers Händen Ubernahm, sondern sie beschuldigte sie der„Mordtaten" bei der Nieder- werfung der Demonstration des faschistischen Mobs. Co schufen die Kommunisten die„Einheitsfront" mit der ärgsten Reaktion, vertreten durch die royalistische„Action Fram,-aise". Sie wiederholten die bewährte Taktik ihrer deutschen Parteifreunde, die ein Jahr zuvor durch ihren Kampf gegen' die„sozialfaschistischen Arbeitermörder" Hitlers Machtergreifung begünstigt hatten. Die Februar-Meuterei der Faschisten hat in den der Arbeiterschaft und der ihr benachbarten Schichten einen spontanen Drang nach der Einheit der Abwehraktion her- vorgerufen. Die Einheitsbestrebungen wurden aktiv ge- fördert von der Sozialistischen Partei, die ja kurz zuvor von dem ihre Politik stark beeinflussenden rechten Flügel durch die Neugründung der„Neos" befreit worden war und die trotz manchem Widerstand der Gewerkschaftsfüh- rung für die einheitliche Aktion der Arbeiterklasse ein- tritt. Aber der Schaffung einer geschlossenen proletarischen Kampfesfront widersetzte sich nunmehr mit Entschieden- Heil die kommunistische Parteispitze: sie lehnte die von den Sozialisten vorgeschlagenen gemeinsamen Kund- gedungen ab und rief ihre Anhänger zu einer eigenen Demonstration auf. Und nun brach der erbitterte Widerstand sowohl der Parteiperipherie als auch der der KP. folgenden prole- tarischen Schichten los: unter ihrem Druck wurde die Partei gezwungen, an dem gemeinsamen Demonstra- tionsstreik vom 12. Februar teilzunehmen, der sich zu einer grandiosen Kundgebung der antifaschistischen Kräfte gestaltete. Zum erstenmal seit 1920 waren in die Bewe- gung Massen hineingezogen worden, die organisatorisch mit keiner der Arbeiterparteien verbunden sind. Innerhalb der Kommunistischen Partei selbst rief die Politik der Zentrale eine akute Krise hervor. Gegen die Parteiführung rebellierte der zahlenmäßig stärkste und bestorganisierte kommunistische Bezirk Saint-Denis, ge- führt von dem Abgeordneten D o r i o t, dem Bürger- meister dieses proletarischen Vorortes von Paris und einem der angesehensten Führer der Partei. Tie Organi- sation von Saint-Denis wandte sich mit einem Offenen Brief an die Komintern, und dieser Brief hat die Arbeiter stark beeindruckt. Darin wurde die politische Haltung der französischen KP. einer kühnen Analyse und scharfen Kritik unterzogen und die Forderung der Zulassung einer umfassenden und ausgiebigen Diskussion über die Fehler der Parteileitung in den Februartagen aufgestellt. Das kommunistische Zentralkomitee hat versucht, eine Diskussion der Parteimitgliedschaft über seine Taktik nicht zuzulassen. Die Stellungnahme Doriots wurde von der„Humanitö" böswillig entstellt, über die„Doriotiften" wurden ganze Kübel Unrat ausgeschüttet, wobei den ..Disziplinbrechern" selbstverständlich das Wort ver- weigert wurde. Aber Doriot organisierte einen rcgel- rechten„Aufstand" gegen die Parteiobrigkeit. In einer UaRbeFehl gegen Morris Der geheimnisvolle Engländer Paris, den 29. Mai 1984. Vor einige» Wochen erregte der englische Finanzmann Francis NorriS in internationalen Wirtschaitskreisen da- durch nicht geringes Aufsehen, daß er überall deutsche Wer.- papiere kaufte, ohne daß ersichtlich ivar, zu welchem Zwecke diese Aufkäufe erfolgten. Irgendwelchen Ruhen konnte sich Nords davon nicht versprechen. Durch den Rundfunk wurde eine amtliche Meldung verbreitet, wonach NorriS nicht etwa als Beauftragter deutscher Kreise angesehen werden ftiirfc; es schwebe vielmehr ein Verfahren gegen ihn wegen Devisen- vergebens. Ieht wird bekannt, daß die englische Gesellschaft Uni- levcr durch ihre Pariser Niederlassung bei der Pariser Staatsanwaltschaft eine Klage wegen Betrugs eingereicht hat. Tie Staatsanioaltschait hat bereits eine Sichcrheits- pfändung vorgenommen und bei einer großen Anzahl Pariser Banken die Konten der Norris-Gruppe durch einst- weilige Verfügung gesperrt. Gegen N o r r i s wurde gleichzeitig c i n H a f t b c f c h l c r l a s s c n, da er sich nicht in Paris befindet. vieltausendköpfigen Versammlung legte er seinen Stand- punkt dar und erklärte seinen Rücktritt als Bürger- meister und Gemeindevertreter, um Neuwahlen in Saint- Denis zu erzwingen. Das Einverständnis der proletarischen Wählerschaft mit Doriot war so offenkundig und alle Angriffe der Linien- treuen prallten so augenscheinlich ab, daß die kommu- nistische Zentrale sich nach einigem Zögern genötigt sah, von der Aufstellung eines parteioffiziellen Gegenkandi- baten gegen den Ketzer Doriot abzusehen! Unterstützt auch von den Sozialisten, wurde Doriot in einem wahren Triumph wiedergewählt. Der Streit zwischen dem ZK. und der Saint-Dcniser Opposition ist inzwischen an die Komintern zur Entscheidung weitergeleitet worden. Der Schwerpunkt der Differenzen liegt in der Frage der Einheitsfront. Für die linientreuen Kommu- nisten ist und darf die Einheitsfront nichts anderes sein als ein demagogischer Kunstgriff zur„Entlarvung" der sozialistischen Führer und zur„Zersetzung" der Sozialist!- schen Partei. In Wirklichkeit ist von der„unvermeid- liehen" Zersetzung der Sozialistischen Partei nichis zu merken: ihre Autorität unter der Arbeiter'chaft ist zu- sehends gestiegen. Trotzdem geben die ihrerseits wirklich im Prozeß der Zersetzung befindlichen Kommunisten die Taktik des Kampfes gegen den„Sozialfaschismus" nicht auf. Im Gegensatz zu dieser offiziellen KP.-Taktik sind die Anhänger Doriots, ohne sich des Rechtes auf die Kritik der sozialistischen Politik zu begeben, zu der Einsicht ge- langt, daß nur die Zusammenfassung aller Kräfte das Proletariat vor dem Zusammenbruch bewahren kann. Den Faschismus durch Verschärfung des Bruderkampfs im Proletariat bekämpfen: heißt das nicht, mit eigenen Händen die Galgen zu errichten, an denen die fafchisti- schen Scharfrichter uns alle aufhängen werden? Um das zu verhindern, brauchen wir eine ehrliche Verständigung der proletarischen Parteien und der gewerkschaftlichen Organisationen. In diesem Sinne haben zahlreiche kommunistische Lokalorganisationcn entgegen dem Verbot ihrer Zentrale den Weg zur Verständigung beschritten und mit den sozio- listischen Ortsaruppen— und an manchen Orten auch mit linksbürgerlichen Vereinigungen— gemeinsame Aktionsausschüsse, antifaschistische Komitees usw. ins Leben ge- rufen. Von der KP. verlangt Doriot. daß sie diese ge- sunde Initiative der proletarischen Massen mit vollem Bewußtsein unterstützt und fördert. Doriot ist der Meinung, daß den von der parlamentari- schen Demokratie enttäuschten Bolksmassen ein Aktions- plan dargeboten werden muß, der breite Schichten der Bauern und Mittelständler um die Arbeiterklasse scharen könnte. In ihrem Entwurf eines solchen Aktions- Programms übernehmen die Kommunisten von Saint- Denis fast wörtlich die Forderungen der Sozialistischen Partei. Für gemeinsame Abwehr- und Angriffsaktionen der sozialistischen Bruderparteien, die Voraussetzung einer späteren organischen Einheit der Arbeiterbewegung, ist also ein äußerst günstiger Boden geschaffen. Verschließt sich die Komintern dieser Erkenntnis und gibt sie ihrer französischen Sektion keine entsprechenden Weisungen, so wird sie der gesamten französischen Arbeiterschaft einen schweren Schlag zufügen. Sdiweizer ßundsdiau Basel, den 30. Mai 1934. Wenn es von den Schweizern einst hieß:„I», Tonnner hüten sie ihre Kühe und im Winter revidieren sie ihre Ver- salsuna".- diesmal scheint auch die Sommerzeit nicht ohne Verfassungsänderungen vorübergehen zu sollen. Ta wird setzt— nach dem frontistisch-rechtSkatbolischen Beispiel ~- auch von den Innglibcralen die Totalrcvision der Ver- fässung gefordert: 209 000 Stimmberechtigte sollen von nun an das Recht haben, ans dem Wege der Initiative die Ab- Sendung des Nationalrates zu verlangen, was— im Falle des Gelingens— auch die Neuwahl des Bundes- und deS Ständerats zur Folge haben soll. Die Mitglicdcrzahl des Nationalrats soll durch Herau'scynng der aus ein Mandat fallenden Stimmen vermindert werden. Besondere gesetzliche Vorschriften haben für eine„gerechte" Verteilung des Arbeitsertrages und durch Ousgestaltung des Gesamiarbcits- vertragsrechtö für einen„gerechten Lohn" der Arbeiter zu sorgen. Ta wird eine Initiative der Sozialdemokratischen Partei gegen die bundcSrätliche Notverordnung über die Bc- schränknng der Pressefreiheit vorbereitet. Ta ist noch eine Initiative„zum Schutz der Armee" und vor allem das von große» Teilen des Bauernverbandes und der Angestelltenorganisationtn unterstützte Volksbegehren der freien Gewerkschaften„zur Bekämpfung der Wirt- schastskrisc", dao eine planmäßige Arbeitsbeschaffung, die Entlastung überschuldeter Bauernbetriebe, die Regulierung des Kapitalmarktes und Kontrolle des Kapitalexports sowie eine Kontrolle der Kartelle und Trusts fordert. Von den zahlreichen Tagungen und Kongressen der ver- Tic Gruppe NorriS hat im März 1984 in Amsterdam einen Vertrag mit der Unilever-Gescllschaft abgeschlossen, der sich aus eingefrorene Markforderungen dieser Gesellschaft im Werte von 10 bis 12 Millionen Franken bezieht. Tiefe Krc- dite sollten dadurch„aufgetaut" werden, daß die Gruppe Norris mit ihrer Hilfe Aufkäufe von Waren in Teutschland vornimmt, die dann exportiert werden. Man sprach von einem Geschäftsumsatz im Werte von dreihundert Millionen Mark. Auch die Finanzverwal- tung des Heiligen Stuhls soll der Gruppe Markforderungcn in Höhe von 15 Millionen zu treuen Händen übergeben haben. Weshalb jetzt die Staatsanwaltschaft bemüht wird, ist noch nicht klar zu erkennen. Um dieses Bündel internationaler Bantintercsscn liegt ein großes Geheimnis. Tie Pariser Presse nimmt teils für, teils gegen Norris Stellung,«eine Beziehungen zu Teutschland sind nach wie vor völlig nngc- klärt.... gangcnen Woche sei hier das PHngsttreffen von üb« 1000 Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiterjugend der^«chweiz in Basel hervorgehoben, aus dem Nationalrat Schneider, dessen klare marxistische Politik in dieser Woche bei den Funktionärwahlcn der Parteiversammlung einen entscheiden- den Tieg davongetragen hat, sowie verschiedene Jugendliche, unter ihnen der Baseler SAJ.-Führer Bobbi«tohlcr, die Referate hielten.— Der kommunistische„Kampskongrctz gegen Faschismus und Krieg", aus dem wieder einmal— leider— nur auf dem Papier exerziert wurde— und schlieg- lich der Kongreß der schweizerischen statistischen Ge»etl»cha»t in Lugano, ans dem Professor Dr. Mangold— einer der vornehmsten Eharaktcre des Schweizer unversitärcu Lebens, denen Hilfsbereitschaft gegenüber der geistigen Einigration des„dritten Reiches" an dieser Steile einmal besonders dank- bar verzeichnet iverücn soll— ein grundlegendes Reierat über „Sirnkturwandlungen in der Schweizer Wirtschast" hielt. * Ter Gasangriss des„Angriff" gegen die Schweizer Presse hat die„Reue Züricher Zeitung" zu einer verständnisinnigen Antwort veranlaßt, in der festgestellt wird, daß der„An- griff" seit dem Dezember 1988 beinahe auf die Halste seiner Auilagezifser zusammengeschrumpft, nun auf das Niveau nackter Prositinteresien herabgesunken und daher einer ver- nünstigen Diskussion nicht mehr sähig sei. Tie übrige Schweizer Presse lut den„Anariss" mit der Bemerkung ab, „daß er zumindest eine ungewöhnliche Methode verfolgt, um in der Welt für sein Land und dessen politisches Regime zu werben". * In der altehrwürdigen Kulturstadt Basel läuft zur Zeit im„Palermo" der sehenswürdige Film„La bataille", in der„Aihambra" der„Rakoczymarsch". Das Stadttheater bringt am 1. Juni eine Neueinstudierung des„IuliuS Eaesar", am 8.»nd 5. Juni„Familie Tchimck" mit Max Kallenberg.— Die altehrwürdige Kulturstadt Basel hat einen großen Theater- und Konzertsreund verloren, den Erz- Herzog Eugen von Habsburg, einen vorbildlichen Emigranten, wie die„Nationalzeitung" schreibt— mit einer guten Portion Franken in der Tasche, wie wir uns hinzu- zufügen erlauben. Der ilinderhcltensdiuiz „In der Emigration liegt das einzige Mittel..." In einem Aussaß:„Frankreich und die Saar" nimmt die„Reue Züricher Zeitung" jNr. 955) In bemerkenswerter Weise zu der strittigen Garantiesrage Stellung. Sie schreibt: „Frankreich suhlt sich für die Meinungsfreiheit und den persönlichen Schutz der zunehmenden Kreise der Saarbe- völkcrung, die Hitler feindlich gesinnt sind, mitverantwortlich. Das Prestige des Völkerbundes, aber darüber hinaus sein eigenes Ansehen, sind von der normalen Abwicklung der Abstimmung berührt. Nicht In dem Sinne, daß das Resultat einen Einfluß auf die Achtung der Welt hätte, die die deutsche Löiung als die natürliche empiände, als vielmehr durch die Begleiterscheinungen, die sich ähnlich wie in der Pfalz gegenüber den Separatisten abspielen könnten. Ter Umstand, daß zahlreiche Emigranten sich in der Saar nieder- gelassen habe», daß die Sozialdemokratie schar» gegen das nationalsozialistische Deutschland Stellung nimmt und daß wenigstens ein Teil der katholische» Wähler ihre religiöse Unabhängigkeit verteidigen will, hat der Wahlalternative des S l a k ii a guv höhere Aussichten verliehen als bisher und auf jeden Fall ein Minder heitcnproblcm gcichaffen... Hält sich die französische Negierung, wie c? den Anschein hat, streng an die juristische Interpretation deS Vertrages von Versailles, so wirb man um eine Lösung des Minder- hcltcnschntzes nicht herumkommen. Sie kann in einer binden- den Vereinbarung mit Hitler, mit der„Tentschen Front" in der Saar, oder in der Bereitstellung von Völkerbundshilie gesunden werden. Versagten diese Mittel, so würde Frank- reich gemäß seinem Interesse a» den Saargruben und seiner Ehre als Garant der persönlichen Freiheit der ihm ergebenen Bevölterungsterle, vor allein der niedergelassenen Franzosen selbst, intervenieren müssen. Tie Haltnnß d e S P o n t i n s P i I a t n s iv ü r d e i h in n i c in a n d v e r- zeihe». Im Hinblick auf die Möglichkeiten von Re- presjalien gegenüber der Minderheit wird eine freiere Praxis in der Zuteilung der französischen Nationalität Seiolgt. Ter Code civil, der früher die Naturalisation an Gesuch- stcllcr, die nicht ans französischem Territoriuni ivohnten, aus- schlaf», erlaubt sie heute den Saarländern. Bon den seit 1920 ausgewanderten Bewohnern der Saar, die auf 30—85 000 Personen geschätzt werden, sollen zwei Drittel bereits in Frankreich und Belgien Wohnsitz genommen haben. Ihre Zahl dllrite sich in den kommenden Monaten weiter ver» mehren. In der Emigration liegt auch hier das schmerz- liche, aber einzig praktische Mittel, Schlimmeres zu ver- h>> Weitergeben! S Weitergeben! Werfen Sie die„Deutsche Freiheit" H nach dem Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Aufklärung und Belehrung bedürfen! R &eutsdke Stimmen• föeilage zur„Deutstiken Freiheit"•£vei$nisse und Qesdkitfkten ■M Donneritaq-Frotaq. den 31. Mai und I. luni 1»34 Bec deutsche TJlm&ch med aufoeßoestet SicofifuU, J&eatec und JUopag.andamgsteeium j? deutschen Läden hängen jetzt Plakate:„Kauft Jan tf Waren!" Darunter wird aufgezählt, was die »uz"lc"l 3 V0"^ euts< J,' an<' kaufen, nämlich mehr, als gekehrt. In der Demokratie war das mit verschiedenen '"j so: aie alle nahmen mehr von Deutschland, als hü" S" 1 an.d v°n ihnen. Darum war damals unsere Handels- anz aktiv, wir hatten Ausfuhrüberschuß. Heule muß uns ka** f' j'P re" e jeden Tag erzählen, was wir alles nicht s f n. dürfen, weil die Devisen fehlen. Es wird immer w'\' Criger' c' n Deutscher zu sein, und es dürfte sidi not- ^eti i ig machen, den Untertanen des..dritten Reiches" ein a» lenbuch zu bescheren, in dem geschrieben steht, was der ' gute Deutsche" darf und was nicht. Das erscheint nämlich um^ et' eln^".ä e unübersichtlicher. Blond muß er nicht mehr u er allen Umständen sein, denunzieren soll er nur, wenn kl taa' ,in,eressen" das verlangen(weil die Aemter das Ge- r 3 n,c'>l wehr bewältigen können), die Frguen dürfen auchen, go f ern eg uu) J e|,t sc J, e Zigaretten handelt. Sie - Ul^ en audi die kurze Nackenfrisur tragen, sagen die Friseur- c" un l en- die Seijenindustriellen hingegen lassen in den ' Jaulen für Zöpfe plädieren, weil die mit Seidenbändern garniert werden können. Aehnlich unklar stehts neuerdings mit dem Männerhut. Der trohhiitbranche gehts wie den anderen, also sollen Strohhüte getragen werden. Ein besonders gleichgeschaltetes Berliner °ulevardblatt singt die„Butterblume" so an: „Aus den Halmen unserer Aecker geschaffen, ist er auch '■n Symbol unserer Verbundenheit mit den Feldern da draußen. Und wieviel Heimarbeiter fänden Beschäftigung, wenn wir uns alle zum Sommerbeginn einen Strohhut kaufen! Wenn 25 Millionen Menschen jeden Sommer einen Strohnut erwerben— welche Arbeitsbeschaffung! Und möglicherweise können wir die Strohhüte alle aus heimischem Material beschaffen, wohingegen die vielen Filzhüte wieder Rar nicht ohne den Import ausländischer Rohstoffe denkbar sind... Du bist ein besserer Deutscher, wenn Du einen Strohhut trägst, anstatt deines alten Kalabresers." Ja, braune Volkswirtschaft ist eine Sache für sich. Falls du im Sommer überhaupt keinen Hut trägst, so laß Dir sagen, daß der Hut nicht für den Menschen da ist. sondern der Mensch für den Hutlieferanten. Bereits kommt die Pilzhutkonkurrenz und fordert, daß Filzhüte getragen werden, wei! sie ein älteres Produkt altdeutschen Handwerks if ien. Bereits Martin Luther habe usw. usw. Was nun? Wer 8°11 den Streit entscheiden? Es wird immer komplizierter, ein richtiger Deutscher zu sein, denn wir erleben momentan unsere Aufforstung. Das ist tatsächlich so in Blättern zu lesen, kürzlich erst wieder in der Zeitschrift„Das deutsche Wort":„D i e A.u fforstung des deutschen Menschen wird täglich im Rundfunk, in allen Zeitungen, in ungezählten Büchern und Schriften ausgesprochen...." Und dann wird besseres Theater gefordert und darauf verwiesen, daß jüngst ein altes verstaubtes Stück wie Sudermanns„Stein unter Steinen" in der Volksbühne zum großen Erfolg wurde. Die Kritik um 1900 verlangte Besseres, sie überschüttete diese Art Theatralik mit Hohn, aber heute, so schreibt obige Zeitschrift,„ist der große Erfolg von Stein unter Steinen bei Publikum und Presse der Protest gegen zu viel erlittene theatralische Unform...." Soweit hätte die braune Zensur das Theater glücklich heruntergebracht. Es wagt nur noch alte Schmarren. In der dritten Maiwoche sah man auf sämtlichen Berliner Spielplänen nichts als belanglose Groschenschwänke: Der müde Theodor, Charleys Tante, Ihr erster Mann, Hau ruck, Run- bury.... Das andere Zeug stand noch tiefer. Auf sämtlichen Brettern nicht ein Stück, das auch nur die Bedeutung einer mittelmäßigen Komödie hätte. Es geht den Theaterdirektoren wie uns und der Presse: sie können vor lauter Richtlinien nicht treten und wissen nicht, was sie dürfen. Diese Not wird noch verschärft durch das neue Reichs- theatergesetz. Das überträgt dem Propagandaministerium alle Macht über das Theater: die Spielerlaubnis, das Bestätigungsrecht über sämtliche künstlerische Kräfte und Mitarbeiter, das Mitbestimmungsrecht über den Spielplan. Goebbels regiert die Theater, für braune Bonzen werden neue Pläne frei geforstet, aber die Theater, soweit sie noch bestehen, dürften noch rascher Pleite machen, denn kein Betrieb verträgt solche Bevormundung weniger, als das Theater. Das Publikum streikt einfach. Als kürzlich eine Besucherorganisation ihren Mitgliedern eine Aufstellung verschiedener Stücke zur Wahl zustellte, unterlag die Hakenkreuz-Dramatik bei dieser kleinen Volksabstimmung in der elendsten Weise. Keine zwanzig Prozent hatten für die Schlagetereien gestimmt. So sieht der geistige Umbruch und der„Aufbruch der neuen Gestalter von Blut und Boden" aus. Das Publikum hat diese Aufforstung bis obenhin. Daran kann auch das Propaganda- Mysterium— wie Goebbels Amt im Volkswitz heißt, weil er Schwarz in Weiß fälscht— nichts ändern. Die tapfere Presse aber wagt nicht einmal anzudeuten, daß ohne Freiheit keine Kunst gedeiht. Dafür wird Stein unter Steinen zum Proteststück emporgeschmiert, und wer Opposition mimen will, muß zu Sudermann gehen.— Es wird immer schwieriger, ein Deutscher zu sein. Miäec auß dem Meitecfiau^en Goebbels, die„feurige Zunge" des nationalsozialistischen ropagandaapparates, hat wieder einmal gegen die Gefahren mobil gemacht, die dem„dritten Reiche"„auch auf kulturpolitischem Gebiete" drohen. Hoffentlich wird seine Rede Ihre Wirkung nicht verfehlen— die Wirkung nämlich, der ^ e't immer von neuem vor Augen zu führen, daß deutsche Kultur noch nie so bedroht gewesen, ja mehr als das. nie so geschändet und zerstört worden ist wie durch die blutigen Hände des braunen Regimes. Allein schon der Brandgeruch ''er Scheiterhaufen, auf denen deutsches Kultur- und Geistes- gut in Flammen aufging, müßte als nationalsozialistisches Odeur wieder spürbar werden, wenn ein Goebbels von deul- scher Kultur zu sprechen sich erdreistet. Am 10 Mai ist in Paris, wie vorher schon in London und Neuyork, eine Bibliothek der Bücher eröffnet worden, die das „dritte Reich" auf den Scheiterhaufen geworfen hat. Die Bibliothek enthält alle von der Hitler-Regierung verbrannten zensurierten oder konfiszierten Bücher, von Gotthold Ephraim l essing(den man wahrscheinlich mit dem nachher ermordeten I heodor Lessing für identisch gehalten hat) angefangen bis fu den zeitgenössischen Schriftstellern sowie die Bücher der >m Auslande lebenden deutschen Emigranten. Sie umfaßt bisher schon über 20 000 Bücher; diese Zahl allein schon läßt erkennen, wie nachdrücklich das braune Regime den„Gefahren auf kulturpolitischem Gebiete", die den Bestand des ■dritten Reiches" bedrohen, von Anfang au vorzubeugen bemüht gewesen ist. Aber in dieser Bibliothek wird noch manches verbrannte ^ erk fehlen. Zum Beispiel Schillers„II o r e n, die vielbändige Zeitschrift, die Schiller von 1794 bis 1797 in Jena herausgegeben hat. Auch sie sind verbrannt worden, und das ist eine Geschichte, die als Charakteristikum der national- lozialistischen Kultur« ächter der Vergessenheit entrissen zu werden verdient. Als in den ersten Wochen des„nationalen Aufbruchs" die 'raunen Söldnerscharen ausschwärmten, um neben anderen Üulturtaten, die sie vollbrachten, auch Volksbuchhandlungen msziiräumen, Privatbibliotheken zu stürmen und die Bücher 'uf Scheiterhaufen zu schleppen, drangen sie auch in die A ohnung eines in einer Gartensiedlung bei Dresden weh- lenden Musikschriftstellers ein; es war in diesem Falle kein Jarxist. sondern, was eben so schlimm oder noch schlimmer st, ein Jude. Auch seine Bibliothek wurde ausgeräumt. Und war gründlich. Um irgendwelche Sachkunde war man dabei licht besorgt, sondern nahm in Bausch und Bogen alles, las her doch während der Säuberung die Buchtitel und begrüßte lie Bücher marxistischer Autoren oder jüdischer und gar ranzösischer Schriftsteller, darunter einen so vertrackten i anzosen, wie J e a n P a u I, mit besonderem Siegergeheul. )abei stieß ein braver SA-Mann auch auf eine vielbändige liicherreihe.„Die Hören" las er auf dem Riickentitel. Das ■ar ja allerhand! Der SA-Mann stand von der Suche im enien extra auf, schlug mit der baust auf einen der Bände nd rief:„Nu guckt Eich bloß diese Schweine an! Hier lauter Richer über die Hur'n!" Und mit einem Schwung flogen die Bände auf den zum Verbrennen bestimmten Stapel. Vielleicht stammte der biedere SA.-Mann aus einer Gegend, in der man statt„Ohren" sagt:„Ich hau Dir eens hinter die Uhr n!" Und nun las er hier in Uebereinstimmung damit die schriftdeutsche Schreibart eines Wortes, das er bisher nur als„Huren" gekannt hatte. Und wenn ihm jemand hätte sagen können, daß die Hören die Göttinnen der Stunden seien, so hätte er wahrscheinlich auch bei dieser Erklärung eher an die Göttinnen eines Stundenhotels gedacht. Aber ob hochdeutsch oder nicht, ob Hören oder Huren— eine Schweinerei blieb's doch, und der jüdische Tintenkleckser, dieser Schweinigel, hatte einen Rippenstoß extra verdient, den er auch erhielt. Der betroffene Schriftsteller mußte es erdulden und zusehen. wie seine Bücherei zusammengeworfen und davonge- schleppt wurde, um verbrannt zu werden. Damals hatte er Mühe, Tränen ohnmächtiger Wut zu unterdrücken. Erst sehr viel später, als er längst der„Heimat, süßen Heimat" den Rücken gekehrt hatte und ins Exil gegangen war, war er imstande, die Geschichte von den Hören zu erzählen. Und so mag sie hier verewigt sein als eine wahre Begebenheit aus dem„Lande des Lächelns", wie nach der Behauptung Goebbels' ausländische Journalisten das braune Deutschland genannt haben sollen. Manfred. Witli JCeauses Sein Märchen-Urgrund Der Reichsfilmdramaturg Willi Krause veröffentlicht in „Licht. Bild. Bühne" eine Erklärung gege« die„Deutsche Allgemeine Zeitung". Dort war ein Aufsatz e.xchicnen, der die Forderung erhob„nach dem Film, dessen Wirklichkeit,- Lüge und Lebensverflachung auf einer pessimistischen Welt anschauung beruht und aus ihr erwächst." Der Reichsfilmkrause stellt demgegenüber fest:„Es gibt eine Wirklichkeitslüge, die auch wir erkennen. Aber wir nennen sie schlicht und einfach: Märchen. Und das hat nichts mit dem Amüsierkitsch der Levis und Cohns zu tun, sondern kommt aus dem Urgrund allen völkischen Lebens, ist genährt und gespeist vom Wissen der Ahnen, geläutert durch ihre Weisheit und Güte. Es ist somit auch keine Lüge mehr, sondern— wie es im Märchen selbst heißt— nur lügenhaft zu verzählen.— Aus gesunder Lebensfreude heraus soll auch der deutsche Film— wie es das Märchen tut— die kleinen und großen Weistümer des Lebens in Bild und Ton erzählen, singen und schildern. Er vertieft also das Leben, lehrt uns das Lachen, weil er dann Spiegel unseres Selbst ist. Das ist aber kein Pessimismus, sondern Lebensbejahung Die Illusion muß getötet werden. Sie ist— w: e sie der Film nährte und lehrte- eine liberalistisd,-jüdische Erfindung. Mit dieser Kintopp-Illusion schuf man Unzufriedene und Klassenkämpfer.,. Wir pfeifen auf alles literarische Gewäsch.,," 111111! Jxeae? Von Georg Wilmann Es muß gleich neun sein. Ob sie wohl geschrieben? Ich glaub es kaum. Es ist ja auch egal. Zwar— eigentlich iuiird' es mich doch betrüben, Wenns nicht der Fall war. Denn ich denk, beim Lieben Ist Brief verkehr zum mindesten normal. Was mag sie ivohl um diese Stunde treiben? Ich denke, daß sie im Büro jetzt sitzt: Wahrscheinlich wird sie Schreibmaschine schreiben Und sich vertippen; die Gedanken bleiben Nie beim Diktat...— Ob sie wohl auch so schwitjt? Ob sie an mich denkt? Das kann ich nicht wissen, Denn unser Fernsehn ist noch nicht komplett. Wahrscheinlich wird sie mich nicht mal vermissen. Im Grund genommen find ich das. Beflissen Geh ich voll Trauer mit mir selbst zu Bett. Jefjt ist der Briefträger schon längst vorüber Und hat mir nichts gebracht. Das ist nun so; Ich kann's nicht ändern. Aber um so lieber Verabred' ich mich jefft mit Lottchen Bieber Und bin mit der zusammen heule froh. Was soll man machen? Ist man denn von Eisen? Weiß Gott, am liebsten wär' ich ihr ja treu. Doch ieie soll ich ihr das jetft noch beweisen, Wo's schon zu spät ist?■— Beim Alleinverreisen Kommt das halt vor. Und ist niJit einmal neu! Ich finde: ein gewisser Grad von Liebe Muß da sein. Aber auch kein bißchen mehr. Treue? Ach, Quatsch! Wer treu ist, verdient Hiebe! W'ozu hat man denn seine schönsten Triebe? Treue ist Kitsch. Und außerdem ist's schiver! Die Annahme dieses Gedichtes wurde von der Redaktion des„Völkischen Beobachter" aus uns unbegreiflichen Gründen abgelehnt. Cin ßiatoq Pfingstbesuche im Hitlerreich Ein in Berlin wohnender Holländer schreibt an„D e Nieuwe Rotterda msche Couran t": Die Straßen meines Berliner Vorortes liegen im Glänze der Sonne da. Ich sitze auf meinem Balkon und sehe, wie ein gut gekleideter Herr von einem Hause zum anderen geht. Ueberall wird er freundlich empfangen. Gewöhnlich ruft das Dienstmädchen, nachdem der Besucher seine Wünsche zu verstehen gegeben hat, den Herrn oder die Dame des Hauses. Eine kurze Unterhaltung. Der Besucher macht einige Notizen, grüßt mit dem ausgestreckten rechten Arm und geht in die folgende Villa. So kommt er auch zu mir. Nach der Begrüßung spielt sich folgender Dialog ab: „Ich möchte Sie um einige Auskünfte für die Partei bitten." „Ich bin Ausländer." „Das tut nichts zur Sache. Vielleicht sind Sie doch bereit, mir die Auskünfte zu geben." „Was wünschen Sie zu wissen?" „Wieviel Personen wohnen in Ihrem Haus?" „Fünf. Das Dienstmädchen einbegriffen." „Flaggen Sie?" „Nein." „Hängen Sie auch die Flagge Ihres eigenen Landes nicht heraus?" „Nein, ich habe keine." „Haben Sie ein Auto?" „Leider nicht." „Haben Sie Radio?" „Ja." „Haben Sie einen photographischen Apparat?" „Das auch." „Das ist alles, was ich wissen wollte. Heil Hitler!" Und der Mann geht weiter. Zu meinem Nachbarn. Auf meinem Balkon denke ich dann über den Sinn dieser Enquete nach. Für die Deutschen selbst dürfte es weniger angenehm sein, wenn sie auf die Frage der Flagge verneinend antworten. Augenscheinlich will man Listen von diesen unzuverlässigen Bürgern anlegen. Manche, die bis jetzt noch nicht geflaggt haben, werden doch eine bejahende Antwort auf diese Frage gegeben haben, mit dem festen Entschluß, gleich nach Pfingsten eine Fahne zu kaufen. Wenn das so weiter geht, dann wird man in Berlin die Häuser der Ausländer in Zukunft gleich erkennen können, nämlich am Fehlen der Fahne. Der Besitz eines Radioapparates kann natürlich auch bedenklich sein, vor allem wenn der Apparat einem Bürger gehört, der nicht flaggt und der außerdem noch imstande ist, ausländische Stationen zu hören. Was die Ausländer und die nicht-flaggenden Deutschen betrifft, so wird der Besitz eines Photoapparates die Partei vielleicht zwingen, sie gut im Auge zu behalten." 7 Uedec mit den Osüscfien! In der Zeitschrift„Dichtung und V o 1 k s t u m" (Euphorien Neue Folge, Stuttgart) jammert ein ostischer Arier: „Günther spricht davon, daß die ostische Rasse in Deutschland keinen eignen Kulturkreis ausgebildet hat. Das ist einmal nicht richtig und hat sodann Anlaß zu irreführenden Schlüssen gegeben... Die sogenannte ostische Rasse spielt in der Rassenkunde die Rolle des Neutrums, das alles sein muß, was man nicht deklinieren kann. Sie ist aber auch der Sündenbock, der an allem Schuld ist." Also nach den Juden nun auch die Ostiseheu? Eines Ta»es wird die Säuberung im eignen Rassenlager beginnen und am Ende durfte von allen dinarischen, nordischen, ostiseheu und westlichen Ariern nur Goebbels als reiner Germanen,vp übrig bleiben, denn ihm ist weder eine dinarische noch eine nordische, weder eine westliche noch eine ostische ihm ist überhaupt keipe Großmutter nachzuweisen. „Deutsche Freiheit". Nr. 12« Das bunte Matt Donnerstag Freitag, Ii. 5J1.6.18J4 Achwindende Allusionen Von Wsrilena Koldati «usonne^ist sechzehn Jahre alt. Tie ist braun, hübsch und glücklich. Sie weiß nicht, was Liebe ist und kennt daher keinen Kummer. Bor zwei, drei Tagen ist sie ans Meer gekommen und genießt die Herrlichkeit des blauen Himmels und die Unermcßlichkeit des Wassers. Sie badet die nackten Füßc^ in den Wellen und singt. Ein junger Mann kommt den Strand herunter und beobachtet eine Weile das Mädchen, das froh zu sein scheint über die dreiste Störung. Er setzt sich an den Uferrand und lächelt zu ihr hinüber. Dann, mährend Susanne mit gerafften Röckchen aus den seichten Wellen steigt, stellt er sich vor: „Antonio Longhi, Student." Das Mädchen lächelt und nennt ihren Namen. Tie unterhalten sich eine Weile. Antonio sagt, er sei sech- zehn, genau so wie sie. Sie fassen Sympathie zueinander, ein liebliches Idyll wird geboren, eine wunderbare Verheißung von Freude. Täglich treffen sie einander und bleiben von irüh bis abend zusammen, sie denken an nichts, was außer- halb ihrer jungen, keimenden Liebe liegt. Dann, eines Abends, in der Dämmerung, hinter den Hütten, gibt er ihr einen Kuß. Den ersten Kuß, den das Mädchen bekommt. Susanne ist glücklich. Sie glaubt, sie würde von diesem Mann nie mehr lassen können, sie müßte das ganze Leben mit ihm zusammen sein. Die erste Liebe eines Mädchens würde unvermeidlich zum Altar führen, wenn der sechzehn- jährige Mann es verstünde, dauerndes Glück zu ersehnen und es auch zu erzwingen. Aber der Mann, der sein Leben erst beginnt, sucht bloß jene Unterhaltung, die man unter dem kleinen Fremdwort Flirt zusammenfaßt. Eines Tages, nachdem er das Mädchen geküßt hatte, wagt Antonio einen weniger harmlosen Vorstoß,' Susanne schrickt zurück, lächelt krampfhaft, um die Verwirrung zu bemänteln, und murmelt:„Nein, nein, ich will nicht." Er streicht ihr eine Locke aus dem Gesicht und sagt:„Wenn wir uns eines Tages begegnen werben und du verheiratet sein wirst, dann wirst du mir das gewähren, worum ich dich heute bat, nicht wahr?" Susanne erbleicht. Die Schatten der Dämmerung senken sich auf ihr wehersülltes Herz. „Oh...," sagt sie,„wir werden ja sehen..." Und geht eilig davon. Sie geht den meerfeuchten Sandweg entlang und denkt an Antonio und seine Worte. So werden sie nun bald Abschied nehmen müssen. Er, um irgendein Ziel zu verfolgen, sie, um die kurze Freude, die sie erlebt hat, zu vergessen. Und sie hat doch geglaubt, die Liebe gefunden zu haben, die einzige, große Liebe des Lebens! Sie war also iür Antonio nur ein Zeitvertreib gewesen... Ihr kleines gutes Herz, daö voll war von unermeßlicher Zärtlichkeit, ist in viele Stücke zerrissen. Aber nun weiß sie es: morgen schon wird sie mit den anderen so spielen, wie Antonio mit ihr gespielt hat. Sie sieht, wie er heiter und guter Dinge fortgeht. Lange blickt sie ihm nach, dann läßt sie ihre großen erstaunten Blicke im Kreise herumgehen. Und sie ist so hübsch und so jung, baß es ihr an Verehrern nicht mangelt. Fröhlich bewegt sie sich unter ihnen, heimlich lächelt sie Versprechen zu. Oh! Wenn sie sie alle in sich verliebt machen könnte, damit dann ihre Herzen daran zerbrechen, wie ihr eigenes Herz an jenem Abend zerbrochen ist! Sieben Jahre lang lebt sie voll Grausamkeit und ohne Bedenken dieses Leben. Immer neue Herzen will siezwischen ihren kleinen Händen mit den scharfen Nägeln fühlen, um die Enttäuschung des einen Tages zu vergelten. Alle weib- liche Süße in ihrem Wesen hat sie zerstört, und sie lacht, wenn sie an den Zauber des von kleinen Kindern erwärmten Nestes denkt, denn sie weiß, daß es zu spät geworden ist und daß die glückliche Stunde, von Antonio Longhi getötet, für immer vorbei ist. Eines Tages, Susanne ist breiundzwanzig Jahre alt, sieht sie einen jungen Mann wieder, den sie seit Kindesbeinen kennt, einen Jugendgespielen. Er ist zwanzig, hübsch, schneidig und lustig wie ein kleiner Junge. Ein neues Opfer für ihre unersättliche Rachegier. Sie spielt mit dem Jungen und siegt bald. Langsam und planmäßig wickelt sich das Spiel ab, wie ein kleines Programm ohne unvorher- gesehene Zwischenfälle. Aber Alfredos«Küsse machten sie traurig. Sie möchte wieder das Herz einer Sechzehnjährigen haben, um es wie ein kostbares Geschenk dem Manne dar- zubringen, den sie liebt. Es ist zu spät! Die Vergangenheit läßt sich nicht aus- löschen, und Susanne hat nicht daS Herz, Alfredo zu täuschen. Sie kann das Spiel nicht fortsetzen. Er ist nun fern von ihr und schreibt ihr flammende Briefe. Susanne liest die Briefe, weint und beantwortet sie nicht. Tann, eines Tages, schreibt sie: „Ich habe gescherzt, Kleiner. Zwischen uns beiden kann es nichts geben. Vergiß mich und bewahre Dich für ein Mäd- chen, das Deiner würdig ist." Und sie weint gar nicht über dem Blatt Papier, das ihr Leben vielleicht für immer zerstören wirb. Dann denkt sie, daß Alfredo, wenn er sie wirklich liebt, eines Morgens unerwartet erscheinen und sie mit sich fortführen wird, der Freude entgegen. Er wird alles, was in ihrem Leben schlecht war, auslöschen und sie anbeten, er wird ihre Seele verwandeln, daß sie niemand wiedererkennen wird, und wird sie seiner würdig machen. Aber Alfredo kommt nicht. Langsam und träge vergehen die Jahre. Dann kommt er eines Tages doch. Mit seinen Schwestern, die er in die Ferien begleitet. Susannes Herz zittert und hofft. Sie sitzt neben Alfredo im Auto und spricht zärtlich:„So viele Jahre sind schon vergangen, und vielleicht auch viele Erlebnisse... Wie geht es deiner Mutter? Gut?" „Gut," antwortete er wie im Echo und rast über die Landstraße. In der Dämmerung geht Susanne in den Garten. Blumen pflücken. Sie pflückt zwei weiße Rosen: eine ist groß, entfaltet und prächtig,' die andere ist lieblich, eine kleine geschlossene Knospe. „Wo ist denn Alfredo?" fragt sie die Schwestern. „Ich sah ihn gerade fortreiten. Jeden Abend um diese Stunde geht er zur Villa Alba, um seine blonde Braut aufzusuchen. Wußtest du denn nicht, daß er verlobt ist?" Susanne lehnt sich an einen Baum, denn sie fühlt, wie alles sich um sie dreht, die Pinien, die Rosenstöcke, die blühenden Margueritrn. „Nein, ich wußte eS nicht," sagte sie.„Ich gehe ihn begrüßen." Langsam verläßt sie den Garten. An der Brücke bleibt sie stehen, dann kauert sie sich an einem Mauervorsprung nieder. ' Da kommt Alfredo. jung und fröhlich, auf seinem Braunen vorbei. Er erblickt Susanne, hält an und neigt sich lächelnd zu ihr nieder. „Ich weiß, daß du verlobt bist. Alfredo, und daß du jeden Abend zu deinem blonden Mädchen gehst. Liebst du sie sehr?" „Ja, sehr," antwortete er strahlend. „Ist sie gut... und hat sie eine weiße Seele, dein Mädchen?" „Sie ist eine kleine Lilie." „Bring ihr diese Rose." Sie reicht ihm lächelnd die ge- schlosiene Knospe. „Warum nicht die andere?" fragt Alfredo und springt aus dem Sattel. Nachdenklich betrachtet er Susanne, die er einst leidenschaftlich geliebt hat, und die nun bleich und leidend vor ihm steht. „Die andere ist für mich, Alfredo. Sie blättert schon ab. Leb wohl!" Und während sie ihn davonreiten sieht, preßt sie die Rose so fest in ihrer Hand, daß sie zerbröckelt. Eines nach dem anderen fallen die Blätter auf das Wasser, das unten vorbeiströmt. Es sind ihre letzten Illusionen, die niederfallen und davonschwimmen. Susanne weiß, daß ihre Jugend und ihr Leben damit zu Ende ist. Und sie denkt an das ferne Erlebnis, durch das sie auf einen Irrweg ohne Ziel und ohne Freude geraten war. (Aus dem Italienischen übersetzt von Arnold Schasser.) Die„Monde Venus" Die Liebesabenteuer der Baronin Dorothea von R a p p, genannt die„Blonde Venus", die viel von sich m den Hauptstädten des Balkans reden machte, haben ein tragisches Ende genommen. Die„Blonde Venus" hat sich rtt Phaleron-Bay, einem kleinen Badeort in der Nöhe von Athen, entleibt. In dem Mieder der Verzweifelten fand man einen glühenden Liebesbrief, dessen Adressat der albanische Minister in Athen war. Die Baronin von Rapp, lettischen Ursprungs, lernte in Wien, bei einem seiner zahlreichen Besuche dort, den albanischen König Zogu kennen. Und diese Bekanntschaft blieb nicht ohne Folgen. Die„Blonde Venus" verließ Gatten und Kinder und folgte dem König nach seiner Hauptstadt Tirana. Dort bewohnte sie eine prächtige Villa in der Nähe des königlichen Palastes. Sie wurde eine wirk- liche Macht am albanischen Hole und ihr Einfluß machte sich sogar an den anderen Balkan-Höfen bemerkbar. Eine Reihe von Legenden spönnen sich um ihren Namen, aber man muß zugestehen, daß es sich um offensichtliche Intrigen handelte, von denen sie nicht die leiseste Ahnung hatte. Zu ihrem Unglück verliebte sich aber die„Blonde Venus" in den Hosmarschall König Zogus, Kemal Bey. Als die Sache bekannt wurde, mußte Kemal Bey Tirana verlassen und wurde zum albanischen Minister in Athen ernannt. Die schöne Baronin konnte sich aber mit dieser Trennung nicht abfinden. Bor kurzer Zeit gelang es ihr, von König Zogu die Erlaubnis zu erhalten, sich für einen kurzen Auf- enthalt nach Korfu zu begeben. Von dort kehrte sie nicht mehr nach Tirana zurück, sondern begab sich nach Athen. Um in der Nähe ihres geliebten Freundes leben zu können, wurde die stolze Wiener Schönheit Stenotypistin und gab Unterricht in der deutschen Sprache. Dieses Idyll sollte endlich in der Heirat der beiden seinen glücklichen Abschluß finden. Man sprach schon offen davon. Aber kürzlich kam in Tirana ein königliches Dekret heraus, das allen Mitgliedern des albanischen diplomatischen Korps untersagte, Aus- länderinnen zu heiraten. Die„Blonde Venus" wollte nun nicht die Karriere ihres Geliebten gefährden. Sie zog es vor, nach Phaleron-Bay zu gehen, und sich dort angesichts der blauen Wogen eines verträumten Meeres zu töten.— In ihrem Hotelzimmer entdeckte man ein herrliches Photo - ein Geschenk des Königs von Albanien... Zwischenfall beim Stierkampf Ungeduldig stampft der Stier in seinem engen Käfig, erwartungsvoll sitzt das Volk rund um den Kampfplatz. Da schreiten, prächtig anzuschauen, die Kämpfer in die Arena: Die Eapeabores mit ihren roten Tüchern, die Banderilleros mit ihren buntbebänderten Stäben, auf müden Gäulen kommen die Piccaderos getrabt, ihre Lanzen blinken, das Volk jubelt— endlich aber kommt er, der Held— der Torero: Begeisterungsstürme rasen. Hüte fliegen in die Luft, der Matador nimmt mit Grandezza das Willkommen entgegen, das ihm das Volk von Spanien bietet. Umgeben von seinen prächtigen Kriegern schreitet er ge- messen in die Mitte der Arena, gewillt, einem armen, tod- wunden, abgehetzten Stier das haarscharfe Schwert bis an den Griff ins Genick zu stoßen und durch diese Heldentat seinen Namen unsterblich zu machen in der Geschichte Spaniens. Noch einmal verbengt er sich geziemend vor der Ehrenloge, dann tritt er zurück, um seinen Piccaderos, Eapeabores und Banderilleros die Vorarbeit zu überlassen im Kampf mit dem unbewaffneten Gegner. Plötzlich aber schaut er erschreckt auf den Himmel und mit ihm das Volk rundum. Ein Tropfen näßte sein kostbares Gewand, und noch ein Tropfen und noch einer. Statt des Stieres zieht eine graue Regenwolke über die Walstatt, das Volk flieht von den Tribünen, die roten Tücher klatschen regenschwer an die Hüften der Eapeabores," vor Minuten noch gefeierter Held, birgt der Torero, an die Tribünen- wand gepreßt, seinen leuchten Körper unter ein rotes Tuch, kein Zoll mehr ein Held. Ein Regenguß verwehrte es dem triefenden Matador, ein Kämpfer zu sein. Der Stier aber freute sich, dem es ver- gönnt war, noch einen Tag länger, bis zum nächsten Kampfe, in den zur Zeit reichlich trüben Himmel Spaniens zu schauen. 3il)(tQl3lll)( Von tuigl Ferrari „Um Himmels willen, nicht zu dritt!" sagt Dorrit und bläst schnell das Hölzchen aus, mit dem sich Otto eben als Dritter die Zigarette hatte anzünden wollen. Otto lacht:„Wer wird denn so abergläubisch sein, Kind — so ein Unsinn!" Seltsam— ich erinnere mich, daß Otto noch vor ganz kurzer Zeit abergläubisch war wie ein altes Weib. Otto lächelt, als ich ihn daran erinnere:„Ja, ich mutz ge- stehen, ich war ein wenig abergläubisch. Aber ich bin jetzt gründlich geheilt. Ich werde dir auch zeigen, wodurch. Bitte, Dorrit, bring einmal das Ding her." Frau Dorrit trägt mit schmalen, zärtlichen Händen ein kleines Figürchen zu uns und stellt es behutsam aus den Rauchtisch. Ein kleines Götzenbild aus Ebenholz. Ehinesische Arbeit oder Pforzheim— wer weiß das bei diesen Tingern? „Unser Hausgott!" sagt sie mit warmer, fast ehrfurchts- voller Stimme. Otto zündet sich endlich eine Zigarette an, die er noch immer in der Hand hält:„Ich war, wie du weißt, im Bor- monat auf einer Geschäftsreise in Italien und wollte auf der Rückreise in Venedig mit einem Geschäftsfreund zu- sammenkommen. Am Abend, nach metner Ankunft, erhalte ich ein Telegramm, daß er erkrankt sei und nicht kommen könne. Was sollte ich nun einen ganzen Tag lang in Venedig anfangen? Plötzlich fällt mir ein, daß ich ja. statt am nächsten Tag abends, bereits vormittags nach Mailand fahren könnte. Ich mußte zwar auf den Schlafwagen verzichten, war aber dafür schon in derselben Nacht in Mailand und konnte Dorrit einige Stunden früher wiedersehen. Wunderbarer Gedanke! Am nächsten Morgen schicke ich mein Gepäck zur Bahn und gehe durch die Merceria zum Rialto, um von dort zur Station zu fahren. Weiß der Teufel, was mir ein- siel, in einem der vielen Ramschgcschäfte eine Kleinigkeit für Dorrit besorgen zu wollen. Ich gehe also in einen Laden und werde von dem Wortschwall des Verkäufers überschüttet, der mir venezianische Mosaikarbciten, Handarbeiten. Glastiere, kurz diese scheußlichen„Saluti die Venezia" anhängen:.ill. Ich lasse ihn reden, schaue mich selbst ein wenig um und ent- decke auf einer verstaubten Stellage dieses Figürchen. Als ich danach greifen will, fällt mir der Verkäufer erregt in den Arm:„No, no— nicht zu verkaufen!" Es ist nichts Bc- sonderes an die'em Figürchen, obwohl es ausnahmsweise echte Arbeit zn sein scheint. Warum will es mir der Kerl nicht verkaufen? Nach langem Verhandeln entschließt er sich wenigstens, mir die Geschichte des kleinen Götzen zu er- zählen. Sein Bater bekam ihn von einem Matrosen, der ihn in China aus einem Tempel gestohlen haben will. Es ist ein Amulett, das vor jeder Gefahr schützt, und hat seine Wirkung schon mehrfach bewiesen. Ich lache gezwungen, obwohl ich seltsam erregt bin und spüre, daß ich dieses Ding haben muß. Ich versuche, dem Ver- käufer einzureden, wie lächerlich sein Aberglaube sei. biete ihm 10, dann 20 Lire, und es gelingt mir schließlich, die Figur nach einer Stunde um 100 Lire zu erstehen. Ich stürze aus dem Geschäft, damit er sichs nicht noch einmal überlegt, eile zur Bahn, um dort zu erfahren, daß mein Zug seit zehn Minuten davon ist. Erst will ich mich furchtbar ärgern, dann fällt mir ein, daß mich ja der Götze von der Abreise ab- gehalten hat. Das kann doch kein Zufall seinDer Gedanke, daß ich einer großen Gefahr entronnen bin, wird immer stärker— ich sehe es ganz beutlich vor mir: Der Zug, mit dem ich fahren wollte, wird entgleisen— ein furchtbares Unglück... Ob du mir es glaubst oder nicht, ich sah alles so beutlich vor mir, daß ich am liebsten die venezianische Bahn- Verwaltung alarmiert hätte, sie anflehen wollte, den Zug aufzuhalten. Ich konnte nichts anderes tun, als auf der Station bleiben und die Nachricht von der Katastrophe abwarten. Endlich, bei Morgengrauen, als der Unglückszug schon lange in Mailand angelangt sein mußte, hielt ich^es nicht mehr länger aus und stürmte in das Büro des Stations- Vorstehers:„Der Zug— der Mailänder Zug, der gestern vormittag hier abgegangen ist—, ist—, ist der in Mailand angekommen!?" Der Beamte blickte mich verständnislos an, kann sich meine Erregung nicht erklären:„Natürlich," sagte er„alles in Ordnung!" „Und denke dir, es war wirklich so! Der Zug ist voll- kommen fahrplanmäßig, ohne den geringsten Zwischenfall, ja ohne Verspätung in Mailand angekommen." Aber diese Nacht hat mich von meinem Aberglauben gründlich geheilt und das ist— doch etwas wert! Darauf wollen wir etwas trinken!" sagt er fröhlich und verläßt das Zimmer. Dorrit hält das Figürchen in den Händen und streichelt es zärtlich und behutsam. „Seltsam, Dorrit, du warst doch niemals abergläubisch— aber an dem Ding da, obwohl es sich so blamiert hat, scheinst du doch zu hängen, als würdest du an seine Wunderkraft glauben...! Und abergläubisch bist du auch geworden!" Dorrit lächelt ihr undefinierbares Lächeln. „Mein kleiner Hausgott!" sagt sie zärtlich und streichelt den häßlichen Götzen.„Was verstehst denn du, was für ein Bunder es war, daß Otto in jener Nacht aufgeregt auf dem Bahnsteig in Venedig sitzen mutzte und mich nicht überraschen konnte.. vof dGBi Toren Berlins \in Deutschland ist alles in Ordnung. Die wenigen bc- oauerlichcn Ausschreitungen der nationalen Revolution sind verjährt. Schutzhaft wird nur noch nach strengen An- Weisungen Görings und Fricks verhä gt,' die Konzentrationslager sind Sanatorien, in denen„Marxisten" vor dem Unwillen des Voltes geschützt werden,' der Aufbau des „Nationalen Sozialismus" macht unter begeisterter Zustimmung des ganzen Volkes große Fortschritte. Das ist die offizielle Lesart des deutschen Propaganda- Ministeriums. Alle anderen Behauptungen sind Greuel- Meldungen. Die Wahrheit darf nicht in die Welt dringen, denn sie steht immer noch in schreiendem Widerspruch zu den amtlichen Darstellungen,' sie entrollt immer von neuem ein Bild der Anarchie, des Terrors, der Rechts- deugung und der Korruption, wie sie In keinem Zivilisierten Staat der Welt ein Beispiel hat. Heute veröffentlichen wir einen kleinen Tatsachenbericht aus einem Bezirk vor den Toren Berlins, der sich ,vie eine Wildwestgeschichtc liest, der aber nichts anderes darstellt, als einen Ausschnitt aus dem braunen Wittag, in dem heute ein Kulturvolk von öS Millionen zu leben gezwungen ist. SA. kommandiert die Justiz Gin TS.-Mann, der einen falschen Zwanzigmark- schein an einen Gastwirt unterbringen will, wurde vom Gubener Gericht freigesprochen, da es sich um einen schlechten Scherz handelt' Man versteht den Freispruch, wenn man der Verhandlung beigewohnt hat. Im Zuschauer- räum saßen nämlich die Freunde des angeklagten SS.» Mannes ziemlich ungeniert, und da erinnerten sich die Schössen der letzten Ereignisse lMißhandlungen, Befreiung von SS.-Gesangencn durch SS.! und kamen zum Freispruch. In CaseS und Restaurants sprechen SA.- und SS.-Lcute Nanz offen aus, baß es keinem Schössen und Richter einfallen solle, eine» der übrigen Kameraden zu verurteilen. Besonders wolle man sich die Staatsanwälte kaufen, die Strasanträgc stellen und Strafverfahren einleiten würden. Man spricht sogar davon, daß in einer Verhandlung im April gegen einen SA.-Führer der GcneralstaatSanwalt aus Berlin selber plädieren will, da die hiesigen Staatsanwälte Furcht haben, die Anklage zu vertreten. TA. befreit Gefangene Im Amtsgericht Guben wurde der SS.-Mann Er- s u r t h aus Fürstcnberg a. d. Oder wegen N i ch t l e i st u n g eines Offenbar» ngseides eingeliefert. Am Sams- lag, dem IN. März 1984, erschienen mehrere SS.-Leute aus Fürstenberg und Guben und verlangten die Freilassung ihres Kameraden. Der Amtsgerichtsrat lehnte die Frei- lassung ab. Als am gleichen Abend die hiesige Polizei ein Vergnügen f.iertc, erschienen die SS.-Leute wieder im Ge- sangnis und verlangten mit vorgehaltenem Revolver die Freigabe. Der Gefängniswärter Mußte unter dem Druck nachgeben. Am Mittwoch, dem 29. März, wurde Erfurth wieder eingeliefert, und zwar auf der Polizeiwache. Da die SS.-Leute vermuteten, daß man ihren Kameiaden mit der Bahn bringen würbe, besetzte wan den Bahnhof. Inzwischen war Erfurth aber mit dem Auto zur Polizei gebracht worden. Jetzt zogen die SS.-Leute zum Stadthaus und verlangten mit dem Sprcchchor:„Eins, zwei, drei, gebt uns den Kameraden frei!" und mit gezogenen Revolvern die Freilassung. Daneben wurd.n die Mäntel des Polizeiaulzs zerschnitten. DaS Umwerfen des Autos konnte von der her- beigernfenen Polizei mit geladenen Karabinern verhindert werden. SA. übt Selbstjustiz Am Samstag, dem 17. März 1934. nachmittags 1.39 Uhr, drangen vier SA.-Männer in das G e s ch ä f t d e« K auf- manns Voigt in Guben. Gunnster 97, schloffen den Laden, lieben die Jalousien herunter und warfen sich mit dem Ruf:„Hosen herunter!" aus ihn, schlugen ihn mit dem Koppel, warfen ihn aus die Erde, trampelten ihm mit den Stiefeln ins Gesicht und ließen ihn kaltblütig ohnmächtig liegen, wo man ihn fast verblutet vorfand. Voigt mußte sofort ins Krankenhaus, wo er drei Tage besinnungslos lag. Erst dann konnte er vernommen werden, aber Voigt war infolge des großen Blutverlustes so geschwächt, daß er kaum antworten konnte. Passanten und Hausbewohner, die die Hilferufe hörten, wagten nicht, Hilfe zu leisten. Der Grund zu diesen Mißhandlungen war eine private Aus- einander setzu n g zwischen Voigt und einem S A.-Man n, der seine Kameraden aufwiegelte. Voigt ist Schwerkriegsbeschädigter und in seinem Stadtteil das älteste Mitglied der NSDAP. Staatsanwaltschaft und Polizciches unternehmen wie üblich nichts gegen die Ucbcltätcr. Ja, unter dem Schutz der Behörden können diese Verbrecher bereits eigene TA.- Kameraden, die ihren Unmut über die barbarischen Brntali- täten offen kundgetan haben, das gleiche Schicksal androhen, so daß diese gar nicht wagen, in ihrem eigenen Hause zu schlafen. SA.„erzieht" Marxisten In G r o ß- B r c e s c n wurden am 12. November noch ZI Prozent Neinstimmen abgegeben. Ein unerhört großer Pro- zentsatz Neinstimmen. Also Groß-Becsen ist noch immer rot. Man brütet Rache. Ein Zufall kommt zu Hilfe. Ein heftiger Novcmbcrsturm reibt am Kriegerdenkmal die schwarzweib- rote Fahne vom Mast. DaS Urteil ist fertig: Ucbcltätcr sind Marxisten. Am 19. November erscheint der O b e r st u r m- bannführer Schulz-Sambten mit 599 SA.-Leuten, läßt siebzehn Mann aus den Häusern holen, alles frühere Sozialdemokraten, sie in eine Gastwirtschaft bringen, ausziehen und bis zur Bewußtlosigkeit schlagen. Darüber selbst im Bürgertum große Erregung. Der Arzt, ein Stahlhclmmann, stellt Atteste aus und sagt: „Wenn ein Tier so geschlagen wird, dann wird der Mensch mit Zuchthaus bestraft. Deutschland hat zwar ein Tierschutz- gesetz, aber noch kein Menschenschutzgesetz." Führende Stahl- Helmleute des OrteS wandten sich an den ReichSaibeitS- minister Sclbte, um ihm die Uebersälle zu schildern. Sie wollten ihn bestimmen, ihnen Zutritt zu Adolf Hitler zu vcr- Mitteln, damit man ihm einen der Geschlagenen ldie zwei am schwersten Geschlagenen lagen im Krankenhauss zeige. Als die Deputation mit dem Geschlagenen in Berlin ankam, wurden sie tatsächlich weder von Hitler oder Wöbbel« empfangen. Bi« beute hat dieses scheubliche Schauspiel noch keine Sühne gefunden. Im Gegenteil, der Obersturmbannführer Schulze-Sambten wurde bald darauf zum Standarten- führer und politischen Beauftragten beim Magistrat und Landratsamt befördert. Zur Zeit steht scheinbar seine Er- ncnnung zum Brigadesührer bevor. Dem Arzi. der sich erlaubt hatte, ein ehrliches Attest zu schreiben, wollte man unter dem Druck der SA.-Leitung die Krankcnkassenpraxi« entziehen. Da die Erregung unter der Bevölkerung, besonders unter den Bürgerlichen, weiter anhält, erließ der neugebackene Standartenführer Schulze-Sambten einen Befehl in der Gubener Zeitung, daß über den Groß-Brccsencr Vorfall keinerlei Diskussion stattfinden dürfe. Zuwider- Handlungen würden mit dem Konzentrationslager bestraft. Es wird weiter geprügelt Am 4. Januar 1984 wurden in Neuzelle, Kreis Guben, die Arbeiter Peter Novak, Karl Hentschke und Hans Geller ins SA.-Heim geschleppt. Dort wurde i ihnen die Kleider vom Leibe gerissen, bann wurden sie auf den Tisch geworfen, von vier SA.-Männern festgehalten uns von sechs Mann geschlagen, bis sie ohnmächtig wurden. Jeder erhielt 32 Schläge oder Sachen, wie der Aus- druck der Folterfachleute heißt. Am 5. Februar 1934 wurde der Arbeiter Otto Grund aus Neuzelle in seiner Wohnung von SA.-Männern über- fallen und mißhandelt. In der Nacht vom 22. zum 23. März 1934 wurde- T t a h l h e l m m a n n Bantdirektor O e l tz c- G u b von SA.-Männern aus der Schützenhausbaude schwer m, handelt. Ter Versuch, ihn in die Neiße zu werfen, mißla da Oeltze sich noch zum zehn Meter entfernten Fcuermeli schleppen konnte.. Die daraus erschienene Feuerwehr brac! den schwer Mißhandelten ins Krankenhaus. Von de» Täte schlt jede Spur. Konjunktur siir Verräter Im Juni 1938 wurde der KPD-Mann M in ke a. E rossen zu neun Monaten Gefängnis wegen Waffen- u: Sprengstoffbesitz verurteilt. Minke hatte einem Spitzel, d, er«tls Vertreter der Zentrale angeschen hatte, von seine Waffenbesitz erzählt. Der Spitzel hatte Ausweispapiere d Zentrale bei sich und kannte auch alle Gepflogenheiten d Zentrale. Er hatte bei der Mutter von Minke gewohnt u> war von dieser aufs beste bewirtet worden. Der letzte erste Vorsitzende der O r t s g r u p p Crossen der KPD., B e s ch a u n e r, ist Polizei spitzet. Beschauner wurde noch als Kandidat für die letzte Ttadtvcrorbnetenwahlen ausgestellt, er trat im Februar ku: vor der Wahl von der Liste zurück und wurde Mitglied d> NSDAP. Am 1. Mai 1938 verbrannte er selbst alle„mied» aufgefundenen" KPD.-Fahncn auf öffentlichem Marktpla in Crossen, bereute seine politische Haltung und erklärt. daß er ein verführter Kommunist gewesen Fi. Auch in Radnitz. der kommunistischen Hochburg ii Eroffener KreiS, verbrannten die Kommunisten nach eine reuevollen Rede des Führers Gvttwald ihre sämtliche Fahnen. Einarmiger in Dunkelhaft Die Machthaber Deutschlands behaupten, daß sie die Schutz hast gemildert haben. Das ist unwahr. Seit Juni 1933 br findet sich der ehemalige sozialdemokratische Reichstage abgeordnete Dr. Kurt Schumacher in Haft. Schumachc war sieben Monate im Konzentrationslager Hcuberg. AI daS Lager geräumt wurde, kam er auf die Festung Ulm Seine Zelle ist völlig dunkel. Kein Tageslicht dringt in si> Schumacher und die übrigen Verhafteten leiden cntsctzliä Schumacher ist K r i e g s i n v a l i d e. Er besitzt nur eine: Arm. Als er im Juni verhaftet wurde, wollten ihn du Nationalsozialisten, deren Todfeindschaft er sich durch sei? muliges Verhalten zugezogen hatte, im Trinmphzug dun Stuttgart führen. Termin und Weg waren schon angckün digt, als die Reichswehr diese Diffamierung eines Kriegs opfere verhinderte, da sie üble Wirkungen auf die Stirn mung der Bevölkerung befürchtete. Aber nach elf Monate: halt das«dritte Reich" einen Einarmigen in Dnnkclhafl dem man nichts anderes vorzuwerfen vermag, als daß e ein unerschrockener Gegner dieses Systems ist! SA. beschimpft Benes Im KreiS Guben singt die TA.: „O Polen, o Polen, wie wirb es Dir ergehen, wenn wir vor Warschaus Mauern werden stehen Und BeneS, Du Schweinehund, auch Dich schlagen wir in Klump." Diese? Lied singt die SA. seit der Zeit, als G ö r i n g da! Lied„Siegreich wollen wir Frankreich schlagen" verbot. In den JnstrnktionSstuiidcn der SA. haben darauf SA.-Führci erklärt, daß sie die„Schweine in Polen und in der Tscheche!' ebenso gerne Ärgerten. Selbstverständlich wird das Lied auch in der H j t l e r- I u g e n d gesungen. Bogromsportler In Beverungen in Westfalen wurde die Synagoge in der vandalistischsten Weise verwüstet. Die Täter zerschlugen u. a. fast sämtliche Fensterscheiben des südlichen BcthauscS. Als Täter wurden Absolventen der T?l.-Sportschulc in Beverungen ermittelt, die aus diese Weise ihren pogrom sportlichen Neigungen freien Lauf ließen. rar rasimsnn Die Saarbriicker Buchdrucker fordern Freilassung Eine außerordentlich stark besuchte Mitgliederversammlung des Grafischen Kartells Saarbrücken nahm nach einem bei- fällig aufgenommenen Referat über die tarifliche und organi- satorischc Lage im Taargebiet und nach einer ausgiebigen Diskussion nachstehende Entschließung einstimmig an: „Die am 2«. Mai 1934 tagende gut besuchte Mitgliederver. sammlung des Grafischen Kartells Saarbrücken protestiert auf das entschiedenste gegen die fortgesetzten Mtßhand» langen des Arbeiterführers Ernst Thälmann und aller anderen gefolterten und mißhandelten politischen Ge- sangenen. Die Versammlung verlangt die sofortige Frei, lassang Thälmanns and aller politischen Gefangenen." »- Durch die Mitteilungen der deutschen Presse alarmiert, nach denen das Gesetz über das Bolksgericht rückwirkend auf den Prozeß gegen Ernst Thälmann angewandt werden soll, haben sich heute im Namen der Internationalen Juri- stischen Vereinigung die Pariser Anwälte Jean Roux, Fer- rucci und Pttard zur deutschen Gesandtschaft begeben. Sie haben dagegen protestiert, daß Thälmann dem zuständigen Gericht entzogen werde»nd habe die Jnnehaltnng wenig- stens eines Minimums von Rechtsgarantien gefordert. In dem Schreiben, das sie bei der Gesandtschaft überreicht haben-' heißt es: Die Internationale Juristische Vereinigung kor- dert. daß der Prozeß gegen Ernst Thälmann in voller Öffentlichkeit»nh vor dem Gericht stattfindet,»effen Zuständigkeit zur Zeit der Begebung der unter Anklage gestellten Handlungen begründet war? daß Thälmann von deutschen oder ausländischen Anwälten— nach seiner freien Wahl ver- teiüigt werde: daß die Freiheit der Verteidigung und die Nnantastbarkcit der Zeugen während der ganzen Dauer des Verfahren gewährleistet fei. S*ftenbiid im..driften Reith" Das Berliner Sondergericht hatte jüngst über einen nicht gewöhnlichen Schurkenstreich zu Urteilen. Der 29jährige Gärtner Fiehn. der lnnae Zeit arbeitslos war. erbtelt durch die Vermittlung eines Bekannten namens R. im April des vorigen Jahres eine Anstellung in einer Friedhofsgärtnerei. Vereinbarungsgemäß sollte er bis zum Juli auf diesem Posten verbleiben. Um seine drohende Eni- laisung zu vermeiden und seinen Arbeitskollegen R., der ihm erst zu dieser Stelle verholfen hatte, aus dem Weg zu räumen, steckte Fiehn eines Tages dem R. zwei Stapel kommunistischer Schriften in die Tasche. Vorher hatte er durch ein anonymes Schreiben einen SA.-Sturm alarmiert, der plötzlich in der Friedhorsgärtnerei erschien und die Taschen des R. durch- suchte und tatsächlich die Hineinlaneierten kommunistischen Schriften vorfand. R. wurde nun nicht nur entlassen, son- dcrn mußte sogar in das Konzentrationslager, wo er zwei Monate lang verbleiben mußte, bis sich seine Unschuld schließlich herausstellte und man dahinter kam, daß Fiehn der Urheber der Schurkerei war. Der An- geklagte hatte außerdem verstanden, obgleich er in Arbeit stand, auf raffinierte Weise weiter die Wohlfahrtsunter- stützung zu beziehen. Das Berliner Sondergericht verurteilte den gemeinen Burschen zu sechs Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust. Die Strafe ist sicher angebracht, aber trotzdem hat Fiehn sie nur zur Halste verdient. Die andere Hälfte der Strafe gebührt dem Staatswesen, das auf so gemeine An- geberci hin einen unschuldigen Menschen mo- natelang seiner Freiheit beraubt und ihn schwersten Mißhandlungen und Demütigungen aussetzt. Denn erst dadurch, daß die Freiheit der Presse, wie die Weimarer Verfassung sie garantierte, vom„dritten Reich" mit einem Federstrich beseitigt und durch ein willkürliches EinsperrungSsystem ersetzt wurde— erst dadurch sind die Schandtaten der Fiehn und Konsorten überhaupt möglich gemacht und provoziert worden! Bestrafte Devlsemergelten Das Landesfinanzamt gibt in den„Düsseldorfer Nach- richten" bekannt:^ Wegen ungenehmlgter Beibringung von deutschen Zah- lungSmitteln in das Ausland und wegen unqcnehmigter Be- zahluna eingeführter Waren an einen Ausländer verurteilte die 4. Große Strafkammer des Landgerichts in Wupper- t a l nach zwölsstündiger Verhandlung fünf Angeklagte, dar- unter zwei Ausländer, zu insgesamt siebzehn Monaten und eine Woche Gefängnis und 4090 RM. Geldstrafe. 2 Wegen ungenehmigter Bezahlung eingeführter Waren au einen Ausländer in Höhe von 41909 RM. wurde ein Tuis- bürg er Händler durch Urteil der ö. Großen Strafkammer des Landgericht» in Duisburg zu drei Monaten GesängntS und 200 RM. Geldstrafe verurteilt. 3 Ebenfall« weacn ungenehmigter Zahlungen an Ausländer im Warenverkehr und wegen inigencluniater Verbringung von Zahlungsmitteln in das Ausland wurde ein Eltener Händler vom Schöffengericht in Kleve zu einem Jahr Ge- fängntS, 30 000 RM. Geldstrafe und einer Einziehung von 2000 NM. verurteilt. 4 Wegen Rciseicheckschiebiingen wurde vom Schöffengericht in Wuppertal ein Ausländer zu zwei Jahren Gefängnis und 1990 RM. Geldstrafe verurteilt. 5 Wegen des gleichen Vergehens wurden durch das Land- gericht in Düsseldorf sieben weitere Ausländer zu ins- gesamt sieben Monaten Gesängnis, 2009 RM. Geldstrafe und zur Einziehung von 1490 RM. verurteilt. 6 Wegen des gleichen Vergehens wurde durch Urteil des Landgerichts in Düsseldorf ein Danziger Staatsangc- höriger zu sechs Monaten Gefängnis. 1000 RM. Geldstrafe und zur Einziehung von 1300 NM. verurteilt. Gegen die Borassen! Mal was Vernünftiges Im Anschluß an eine grvße Werbeversammlung der Bon» ner Hitler-Jugend marschierte der Bann 199 btr HJ. vor die Bonner Universität, um dort gegen den Ungeist gewisser studentischer Korporationen zu protestieren. Nicht jene Wert- stndcnteii oder Verbindungen wollen wir angreifen, die tag- täglich durch ihre Taten beweisen, daß sie unsere ehrlichen Volksgenossen sind, sondern jene wollen wir mit unserem Schlage treffen, die ihr Monokel nicht abnehmen können, wenn sie mit einem deutschen Volksgenossen reden und die sich eine Freude daraus machen, ihre jungen Füchse, die der deutschen Jugend angehören, betrunken zu machen, weil das besonders„männlich" sei. Diejenigen, die ihre Semester durchbummeln. können niemals unsere Kulturträger sein. Wer die Zeichen der Zeit nicht erkannt bat. über den wird die nationalsozialistische Jugend zur Tagesordnung über- gehen. Nach der Rede wurde eine Strohpuppe in Brand gesetzt, die einen Vertreter des Corpsstudcntentums dar- stellte. Pariser Beridiie Pariser StraOenhaiender Die Bilder von Rossi und Codos, die den Versuch des Luft- fekords in gerader R