\ l Ans dem Inhalt Dec Miesmachet spukt Seite 2 Sinzige unabhängige Tageszeitung Deutschlands Saarbrücken, Samstag, den 2. Juni 1934 Chefredakteur: M. B r a u n $cank?uct uniet StceichecJectoe Seite 2 Dec ganze Einst dec Situation Seite 3 Die gescheitelte Jcansfeckonfecenz Seite 4 Genf als Kriegsherd .■...>::•,"'• Gefährliche Zuspitzung der Lage Europas Oespannter als je! ~ r%w Jnb. SKaiUnb, 1. Juni. Der„Popolo d'Jtalia" esaftt sich mit der Zuspitzung der politischen Lage Europas. ?«n, m Mißerfolg der Abrüstungskonfereuz, so schreibt .-sB-ati. hat sich seit einem Jahre die politische Spannung . Europa zweifellos verschärft. Die Böller entfremden sich Vicht nur dem utopischen Völkerbund und den tatsächlichen Ubrüstungsmöglichkeiten, sondern sie beginnen den Riistungs- wettlaus. Mussolini hatte mit dem Biererpakt und seinem ^lvriistungsmemorandum eine Brücke zwischen Frankreich und Deutschland gelegt. Hätte man von seiner Vermittlung Gebrauch gemacht, so wäre der Kontinent von der Kriegs- atmosphäre befreit und befände sich auf dem Wege der Er- holung. Das alte Europa hat der Zusammen- arbeit nochmals das gefährliche Spiel der Gewalt vorgezogen. Unabwendbar wiederholen sich öie Zustände, die dem Weltkrieg vorausgingen: Gewaltige Rüstungsausgaben, Anstrengung von Ucbercinkommen, Zwischenfälle und Verschärfung der Spannung. Nach einem Hinweis aus die Rüstungen der europäischen Großmächte kommt das offiziöse Organ zu dem Schloß, daß die schlimm, sten Aussichten die Spannung zwischen Frankreich und Teutschland wegen der Saarabstimmung biete, indem sie in gewisser Hinsicht an die Spannung wegen Bos- nie» und der Herzegowina sowie an die Marokkoasfäre vor dem Kriege erinnere. Italien treffe sür diese Verwicklungen keine Verantwortung. Im Gegenteil habe sich die Verschärfung trotz der rechtzei- ligen Vermittlongs- und Wiederannäherungsversuche Musso- linis entwickelt. Für den.C o r r i e r e d e l l a S e r r a" ist die Abrüstungs- konferenz nach dem Rededuell Simon—Barthou als g e- scheitert zu betrachten. Der tiefgreifende Zwist dieser bei- den Staatsmänner beschränke sich nicht auf die Abrüstung, sondern entwickele eine absolute Unoersöhnlichkeit der Ge- sichtspunkte und Gemüter, die ernstliche Bedenken errege. Frankreich und England hätten sowohl die allgemeine poli- tische Lage wie auch die sachlichen und moralischen Erforder- nisse Deutschlands realpolitisch erkennen und allen die Gleich- berechtigung zugestehen sollen, um eine aufrichtige Berstän- digung zu erreichen. Statt dessen hätten die Regierungen während der Verhandlungen gerüstet und aus diplomatischem Wege neue Verbündete gesucht, die an sich schon ein Htnder. nis für Versöhnung und Abrüstung bilden. England und Eranhreldi Keine Entfremdung London, 1. Juni. In einem der Lage in Gens gewidmeten Leitanssatz bemerkt die»Times", die Pfeile, die Barthou ab- geschossen habe, seien spitzer gewesen, als sie gegenüber dem Vertreter eines befreundeten Landes gebraucht zu werden pflegten, doch bestehe nicht die geringste Wahrscheinlichkeit, daß die am Mittwoch zutage getretene Unmöglichkeit, eine Einigung zu erreichen, eine Entfremdung Frankreichs und Großbritannien zur Folge haben werde. Es würde in Groß- britannien sicherlich tief bedauert, wenn Frankreich einen Weg beschreite, aus dem Großbritannien es nicht begleiten könne. In Großbritannien sei man überzeugt, daß aus die Dauer geregelte Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland nur aus der Grundlage der Gleichberechtigung geschaffen werden könnten. Je eher dies geschehe, desto gün- stiger würde wahrscheinlich ein« Vereinbarung sür Frank- reich aussallen. Eden tief pessimistisch Düstere Schilderung London, 1. Juni. Der Lorbsiegelbewahrer Eden hielt Donnerstag abend von Gens aus eioe Rundfunkrede, in der er sagte, die Hofsnungen aus eine erfolgreiche Beendigung der Abrüstungskonferenz, die bereits vorher schwach gewesen seien» seien nach Schluß der Sitzung am Mittwochabend noch geringer geworden. In den 18 Monaten, in denen er, Eden, au der Konserenz teilgenommen habe, seien viele Wechsel- sälle und einige kritische Augenblicke zu verzeichnen gewesen, aber niemals seit Beginn der Konferenz seien die Aussichten so schwarz gewesen wie jetzt. Eden fügte hiuz», er habe eine düstere Schilderung der Aussichten gegeben, aber es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, weuu er offen spreche« wollte. Man müsse die tatsächliche Lage ins Auge fassen, und diese sei so, daß ein allgemeines Abkommen im gegenwärii» gen Augenblick unmöglich sei, wenn weder Frankreich noch Deutschland ihre letzte« Erklärungen abänderten. Abgründe ohne Brücke Frankreich im Hittelpunkt Hoffnungslos? Englische Meinungen London, 1. Juni. Die Meldungen der englischen Morgen- Blätter aus Genf sind in pessimistischem Ton gehalten. Sie bezeichnen es als fast unvermeidlich, daß das Ende der Ab- rüstungskonferenz bevorstehen werde. Der Genfer Korrespondent des»Daily Telegraph" sagt in seinem Bericht, es herrsche eine Art Verzweiflung. Der„Tim es"-Berichterstatter sagt in seiner Meldung aus Genf, wenn kein Wunder geschehe, dann könne die Ab- rüstungskonferenz schwerlich fortdauern. Barthous Rede habe die letzten Hoffnungen auf fruchtbare Vereinbarungen zerstört. Sie habe zum mindesten für den Augenblick jeder Form eines Kompromisses die Tür verschlossen. Die Kluit zwischen dem britischen und dem französischen Standpunkt bleibe vorläufig bestehen. Simon habe in seiner Rede zum ersten Male angedeutet, daß die britische Regierung der langwierigen Erörterungen müde sei. Viel- leicht habe sie gefühlt, daß der Gegensatz zwischen der briti- schen und der französischen Politik unüberbrückbar sei. Der Berichterstatter wendet sich dann gegen angebliche Spekulationen der französischen Politik. Der Berichterstatter erklärt, eS gebe noch tiefere Gründe zur Sorge. Die Haltung, die die französische Regierung am 17. April eingenommen habe, sei teilweise beeinitußt gewesen von e-ner Snekulation auf einen Sturz Hüters. Perjunen, die oer frunzustschen Abordnung nahestünden, leugneten nicht, baß diese Speku- lation bis zu einem gewissen Grade bestehe. Es sei bekannt, daß die französische Politik von dem Glauben beeinflußt sei, daß das französische Nein Hitler in die Enge treibe und daß dieser daher in sechs Monaten mehr Bc-reitschast zeigen werde als jetzt, auf den Anspruch aus Aufrüstung zu verzichten. * Genf, 1. Juni Die Delegierten aller Länder und die Journalisten nicht minder stehen noch ganz unter dem Nachhall der großen Rede des französischen Außenministers B a r t h o n»om ver- gangenen Mittwoch. Die Gespräche über die Frage, ob in der mit glänzender Rhetorik vorgetragenen Rede die eine oder andere Passage gegen die englische Außenpolitik vor- sichtiger hätte formuliert werden können, sind nebensächlich im Verhältnis zu der entscheidenden Tatsache, daß vor aller Welt die Entschlossenheit der französischen Politik offenbar geworben ist. Ein Regierung, die so in Genf spricht, kann nicht zurück. Sie beharrt aus Sicherheitsgaranticn für Frankreich und läßt sich nicht durch hinhaltende und trö- stende Worte, auch nicht durch Versprechungen täuschen. Prä- sident H e n b e r s o n hat sich dahin geäußert, daß er nach der Rede Barthous die Lage der Konferenz sehr skeptisch beurteile. Aus französischen Kreisen wird darauf erwidert, daß kein Grund für einen Abbruch der Verhandlungen vor- liege. Der französische Außenminister habe die Weg« gezeigt, die eine Konvention auch ohne Deutschland ermöglich:.:«. Während des Donnerstags sind lebhaste Unterhaltungen Gestern und heute Es dröhnt aus wortgeivaltigen Mündern, es knattert aus den Lautsprechern, es schallt aus den Blättern tagtäglich, das modische Schimpfwort unserer Tage: Emigrant! Emigrant! Die deutsche Regierung pflegt neuerdings die allgemeine Verachtung vor diesen üblen Subjekten, die landesflüchtig wurden, um ihr Vaterland nunmehr im Auslande zu verraten, sehr wirksam zu steigern. Ein Emigrant ist nicht nur berüchtigt, er ist auch kriminell: Wild für Gestapo und Volksgerichtshöfe, für das der internationale Jagdhüter Gö- ring noch keine Schonzeit angeseßt hat. Aber wir haben für die deutschen Emigranten einen Trost. Veberblicken sie die Geschichte, so entdecken sie, daß sie unter den besten Männern aller Zeiten Schicksalsgefährten besißen. Ach, die Liste würde zu lang werden, zählten wir nur die Prominentesten auf! Dante litt in der Ferne um sein Florenz, nachdem ihm seine politischen Widersacher alles genommen hatten. Schiller entfloh dem Krückstock seines Herzogs und wurde durch Steckbrief verfolgt. Hoff mann von Fallersleben, den Dichter des Deutschlandliedes, verjagte man von seinem Professorenamt, und als überall Ausgewiesener mußte er ein unstetes Wanderleben führen. Freiligrath, Gottfried Kinkel, Karl Schurz, Männer die die nationalistische Legende rühmt, lebten im. Auslande, denn die Heimat hatte sie mit dem Büttel vertrieben. Daß wir von den schlimmen Juden und Marxisten des vergangenen Jahrhunderts, den Heine, Börne und Engels, nicht zu reden wagen, versteht sich von selbst. Sie haben ihr Untermenschentum durch leidenschaftliche Sehnsucht zum verlorenen Vater- lande zu tarnen versucht. Arischer Scharfblick durchschaute sie. Aber nun kam uns in diesen Tagen ein schmales Buch, vor einer Reihe von Jahren in der Stalling-Bücherei in Oldenburg erschienen, in die Hände. Es ist dem Deutschen Gör- res gewidmet, dem großen Patrioten aus der Aera der sogenannten Freiheitskriege, Schöpfer d es Rheinischen Merkurs" wider Napoleon. Als er 1816 seine publizistischen Fanfaren gegen die Heilige Allianz richtete, wurde seine Zeitung verboten. Später mußte er fliehen: erst nach Straßburg, dann in die Schweiz. Hören wir, was der Autor unseres Görres-Büchleins dazu schreibt:„Sie haben ihm sein Blatt gestohlen, sein bißchen Wohlstand ruiniert. Sie erbrechen sein Eigentum, öffnen die Briefe an seine Lieben, schikanieren die wehrlos Seinen. Sie kastrieren seine Arbeit. Sie haben ihn aus dem Amt gestlichen. Jeßl streichen sie ihm sein Wartegeld, das ihm zustehe vor Gott und der Welt als Abfindung für sein verbotenes Blatt.— Sie lassen ihn verhaften.. Man erschrickt vor dieser Aktualität. Das Görres-Schicksal haben 117 Jahre später wiederum Unzählige erlebt. Der vertriebene Görres schrieb, er werde der Welt die Augen öffnen, was es heiße, das Reich zu verjobbern, den Völkerfrieden zu untergraben und Deutschland an den Rand des Abgrunde zu bringen. Die Antwort der damaligen Publizisten? Sie nannten Görres einen Stänkerer, eine in ihrer Eitelkeit gekränkte kokette Primadonna, und, wähl haftig, da fehlte auch nicht:„Parteigänger der Verjudung". Nur eins ist unvergleichbar. Görres wurde niemals geprügelt. Man ließ auch seine Familie in Ruhe. Man war damals selbst in der borussischen Gemeinheit noch ein wenig human. Inzwischen sind wir darin weitergekommen. Aber diese Geschichte bekommt erst ihre Pointe, wenn der Leser weiß, wer der Autor dieses Görres-Büchleins ist. Er heißt R i ch a r d Euringer und hat vor kurzem den Stefan-Görres-Preis für seine„Deutsche Passion" erhalten. Hier werden die bösen Geister der vierzehn Jahre und die guten des„dritten Reichs" beschworen. Unter den vielen Knittelversen sind auch einige den schlimmen Emigranten j von heute gewidmet. Sie heißen bei ihm: Fantasten, Literaten, Verbrecher, Demokraten, Juden, Pazifisten, Marxisten und Himbeer-Christen:„Sie haßten die Herrschaft, das Militär, sie wollten keine Wehrpflicht mehr.. Einst schwärmte Euringer für Göring, heute für Goebbels. Vielleicht braucht die Emigration manchmal eine Gesin- nungs- und Gewissensstärkung, um sich an den Adel ihres Schicksals zu erinnern. An Charakterbilder nach dem Muster Euringers darf sie erkennen, daß sie, troß alledem, das bessere Los vor der Geschichte erleidet. Argus. zwischen den Ministern gewesen, um eine Entspannung her- beizuführen. Barthou hat in verschiedenen Unterredungen sich bemüht, noch widerstrebende Delegationen für die fran- zösische These zu gewinnen. Auch gibt Barthou die Hoffnung nicht auf, noch eine Verständigung mit SirJohnSimcn zu finden, mi't dem er heute eine Aussprache haben wtrb. Für Frankreich sehr befriedigend verlief die Unterredung Barthous mit dem polnischen Außenminister Beck, der sich für den französischen Standpunkt erklärte. Auch zahlreich-: Delegierte kleinerer Staaten werden im Streit zwischen Frankreich und England sich an die französische Seite stellen. Eine Besprechung, die am Donnerstag zwischen den De- legierten der neutralen Länder Schweden, Norwegen, Däne, mark, Holland, Spanien und der Scyweiz stattgefunden 6at{ beabsichtigt neue Vorschläge für die Fortsetzung der Stn» ferenz auszuarbeiten. Starken Eindruck machte die Meldung aus Paris, drß der Ministerrat nach dem Bericht des aus Genf herbeigeeil- ten Marineministers Pictri die ausdrückliche Billigung der Siede des Außenministers Barthou ausgesprochen habe. Zweifellos ist in den letzten 48 Stunden die Neigung bei manchen Delegierten gewachsen, die Konferenz abzubrechen. Dies schon deshalb, weil zahlreiche Delegierte von den über 00 Staaten durch die breite Kluft zwischen Frankreich und England in den Anschauungen erschüttert worden sind, mit denen sie im Auftrage ihrer Regierungen nach Gens kamer. Benesch Ober sidi selbst Der rangälteste Staatsmann Europas Zur Feier seines 30jährigen Geburtstages hat der tschecho- slowakische Außenminister Dr. Benesch, der feit 13 Fahren fein Amt führt, in einer Festsitzung seiner Partei über sich selbst gesagt: Von Fugend an bin ich Tportsmaun, und einen Teil der sportlichen Grundsätze habe ich ins öffentliche Leben übernommen. Wenn ich Tennis spiele, und es steht 3:0 gegen mich, und mein Gegner hat Satzball, so glaube ich immer noch, daß ich gewinnen werde, und spiele meinen letzten Ball mit derselben Entschiedenheit wie den ersten. Ich trinke nicht, und ich rauche nicht. Das bedeutet aber nicht, bah ich ein Aszct bin. Ich habe das Leben gern. Ich empfinde und erlebe es stark. Fch empfinde nur den Lebensgenuß anderswo: in meiner Arbeit. Fch achte nicht darauf, welche Legenden über mich verbreitet werden. Legenden ent- stehen und vergehen. Morgen werden andre erdacht, schlich- lich aber erschlagen sie sich selbst. Fch entstamme der Familie eines armen Häuslers, und wenn ich auch durch mein Amt während des Krieges und nach dem Krieg mit den Spitzen der Gesellschaft der Welt zusam- mengekommen bin, könnten ich und meine Frau morgen ruhig das Leben einer so kleinen Häuslerfamilie wieder ausnehmen, wie die es gewesen ist, der ich entstamme. Fn dieser Beziehung gab es in meinem Leben keinen Umbruch und wird es auch keinen geben. Darin liegt auch die Ursache meines Demo- k r a t i s m u s. an dem nicht gezweifelt werden kann. Des- halb steht auch mein soziales Empfinden außer Frage. Ans meiner Abstammung leitet sich auch mein natio- nalcs Empfinden her. Mein nationales Empfinden ist eine Selbstverständlichkeit, und ich lasse von niemand daran rühren, ebensowenig wie an mein demokratisches Empfinden. Die Geschichte kehrt nie zu einem alten Platz zurück, mag die Reaktion auch erbittert für diese Rückkehr kämpfen. Immer wird etwas Neues erkämpft und die Entwicklung geht weiter. «er Miesmacher spokt... Frldi redet- Der Stahlhelm wird an die Handare genommen Korps werden verboten• Holonlalphantaslen zur Ablenkung Frldi wider die Nörgler Wer vieles bringt... Derjenige unter den Hitlerministern, der bisher am u.ei- ften durch Zurückhaltung auffiel, der Herr Reichs!.in'.n- minister Dr. Fr ick, hat sich nun gleichfalls i.r Aktion zegen Miesmacher und Kritikaster angeschlossen. Er begann n einer Rebe in Dresden mit einem Ausfall gegen die Emi- g'antenpresse und r■ lärte, daß man die Schädlinge, die niemals zufriedenzustellen seien und nicht positiv mitarbeiteten, ausmerzen werde. Natürlich sei man immer dankbar für eine Kritik, die bessernd und ausbauend wirken eslle. Bemerkenswert waren einige Ausführungen über die w''t- schastliche Lage. Wenn man Wechsel auf die Zu unft z-ehe, um die Arbeitsbeschaffung zu ermöglichen, so sei das im^.er noch besser, als das nutzlose Spazierengehen von!>olks- genossen. Ganz im Stile Goebbels brachte Frick den Rück- gang des Exports mit dem Weltjudenboykott gegen Deutschland in Zusam hang. Gegebenenfalls werft: man zu einem reinen Tauschverkehr zur Beschaffung von Roh- steifen aus dem Auslande kommen müssen. Deutichland werde'in Notsalle zu Ersatzstoffen greifen müssen, erzeugt durch die„Kraft seines Genies". Zur Kirchenfrage erklärte der Ministers daß die katholischen Jugendorganisationen be- stehen bleiben könnten, wenn sie sich rein auf das kirchlich' Leben beschränkten. Für die katholische wie für die evanqe- tische Kirche gelte, daß sich politisch dunkle Elemente die Kirchenstreitigkeiten nicht zunutze machen dürften. Am Schluß der wenig belangreichen Rede erklärte noc^ Frick, daß Deutschland niemals nach Genf zurückkehren werde, wenn man ihm»'cht völlige Gleichberechtigung zu- erkenne. Stahlhelm rumort gehörigen der deutschen Studentenschaft ist die Zugehörig- keit zu diesem Korps untersagt. * Auf einer Versammlung sämtlicher Vereinsfiihrcr in Husum, die von der NSDAP, einberufen worden war, wurde festgestellt, daß es in Husum etiva 170 Vereine gibt. Dieser Vereinsmeierei soll jetzt energisch entgegengetreten werden. Mehrere„iiberflüssige" Bereine wurden so- fort aufgelöst. Kolonien mit Polizei Epp und Göring wollen„Raum" Mitten in seinen innen- und außenpolitischen Schwierig- ketten hat das«dritte Reich" noch Laune zu kolonialpoliti- fchen Demonstrationen. Göring und Epp hielten am Dien?« tagabend ihre schützende Hand über eine Kundgebung, die der Wiedergewinnung der afrikanischen Ko» l o n i e n gewidmet war. Sie wurde umrankt von kaum mißzu- verstehenden militärischen und polizeilichen Repräsentationen. General v. Epp führte n. a. aus, daß der Kamps um den geraubten Raum wieder aufgenommen werden müsse. Der Führer gebe auch die Gewähr da- für, daß Deutschland diesen Kampf erfolgreich beendigen werde. Göring erklärte, daß das deutsche Volk kolo- malen Boden brauche, wenn es nicht im Innern ersticken wolle. Zum Schluß gab es ein Defilä der Polizeitruppe. Die immer sehr vorsichtige und zurückhaltende„Neue Züricher Zeitung" bemerkt zu dieser Kundgebung, daß sie im Augenblick der Genfer Abrüstungskonferenz weniger diplomatischen Instinkt, als vielmehr ein erhebliches Maß von Sorglosigkeit offenbare. Die Uebergabe der Tradition der Schuypolizeitruppe Ostasrika an die Landespolizeigruppe General Göring veranlaßt das Züricher Blatt zu der Be- merkung, daß von diesen Polizeisoldaten vielleich noch kein einziger jemals afrikanischen Boden betreten habe. Denn die Schutztruppe und die Polizeitruppe in der ehemaligen beut- schen Kolonie Ostafrika habe größtenteils aus Ne- gern unter dem Kommando weißer Offiziere gestanden, „die in den Weltkriegsjahren unter Lettow-Vorbeck den be- kannten erfolgreichen Widerstand gegen die englische Ueber- macht leisteten". Freilich, an die Hilfe, die den deutschen Kolonien durch kämpferische Neger erhielten, werden heute unsere Rasse- fanatiker nicht mehr gern erinnert. Bäuerliche Nörgler Sie hatten schon eine„Zentrale" Der sächsische Landesbauernführer Körner wandte sich in der Zeitschrift der Landesbauernschaft sehr scharf gegen die wachsende Zahl der„M iesmacher" unter den Bauern. Die Bauern hätten dem nationalsozialistischen Staat zu verdanken,„daß ihre Höfe nicht längst bolschewisti- schen Mordbrennern zum Opfer gefallen seien". Aus be- stimmten Meldungen sei zu schließen, daß diese Miesmacher bereits nach bestimmten einheitlichen Richtlinien durch eine Zentrale mit Material versorgt werben. Bielfach be- nähmen sich die Bauern so, als ob es überhaupt keinen nationalsozialistischen Staat gebe, dem sie sich unterordnen mußten. Man erkennt daraus, wie groß die Mißstimmung unter der Bauernschaft ist. Selbst der Flederwisch des Bolschewis- mus verfängt nicht mehr. Frankfurt unter Streidierlerror Belästigungen, Mißhandlungen und Dogkon gegen luden... Versuche zur Unterdrückung Die Opposition des„Stahlhelms" gegen die herrschende braune Uebermacht wächst. Das ist deuttich aus den Bemühungen erkennbar, jede Auflehnung zu unter- drücken. Fetzt hat der Bundesführer des„Stahlhelms", der RcichsarbeitSminister Sei die, in dem zahlreiche Stahlhel- mer den eigentlichen Verräter erblicken, den General-.i»j'vr a. D. T e s ch n e r zum Sonderbeauftragten zur Prüfung.>-n Beschwerden gegen Angehörige des Stahlhelms ernannt ES bandelt sich dabei um die Beschuldigung, daß zahlreiche Or- ganisationsleitcr des Stahlhelms ehemalige Frontsold tten zum Austritt aus der TA. zu veranlassen suchten. Glaubhaft wird berichtet, daß Seldte nur durch diese Maßnahme Vn von Röhm längst geplanten Borstoß znr vollständigen Ans» lösung des„Stahlhelms" verhindern konnte. Es nützt freilich alles nichts. Die Unruhe in Stahlhelm- kreisen geht weiter. Aus dem Industriegebiet erfahr-m vir. daß die dortigen Stahlhelmsiihrer für die nächste Zeit mtt gewaltsamen Zusammenstößen rechnen. Man spricht daovn, daß sie sich bewaffneten... Fn Eutin wurde der Bahnhofs- wirt Westphal»ach einer Meldung des„Völkischen Beoovch- Urs" in Schutzhaft genommen, er soll über G.'ebbels „unwahre" Behauptungen aufgestellt haben. Westphal steht an führender Stelle im Stahlhelm. Die„Fränkische Tageszeitung", das Blatt Streicher?, schreibt:, „Es ist ka u m anzunehmen, baß es dem Sonder- bevollmächtigten gelingen wird, die Hetzereien und Sabotage- arbeit reaktionärer Wühlmäuse, wie sie sich sonderbarerweise in geradezuauffalle ndgroßerZahl im NTTFB. zusammengesunden haben, zu unterbinden. Jede Arbeit»» anderer Richtung wäre überflüssiges Beginnen." Kampl gegen Studenlenkorps „Eintritt verboten!" Der Kampf gewisser SA.-Kreise richtet sich in jüngster Zeit auch gegen feudale studentische Korps, in denen man Widerstandsnester der„Reaktion" erblickt. Aus Bonn wurde vor kurzem berichtet, daß es hier zu SA.-Deinonstra- tionen gegen das bekannte Korps„Borussia" gekommen sei, aus dem sich früher die hohe Diplomatie und Bürokratie zu rekrutieren pflegte und dem auch einige Kaisersöhne in ihrer Studentenzeit angehörten. Jetzt liegen einige neue Nachrichten der gleichen Tendenz vor. Das Korps„Van- d a l i a" in Heidelberg wurde aus der hündischen Kammer der Studentenschaft, vom Eösener SC. und vom Allgemeinen deutschen Wnfsenring ausgeschlossen, weil es sich geweigert haben soll,„jüdische und jüdisch versippte alte Herren auszu- schließen". AuS ähnlichen Gründen wurde die Auflösung des KorvS„Euevia" in Tübingen angeordnet. Jedem Sln- Die von Goebbels angekündigten neuen Judenpogrome beginnen sich in immer stärkerem Umfange zu entfesseln. Bor allem ist aus der Art und Organisation der Jubenver- folgungen unschwer zu erkennen, daß es sich um Aktionen handelt, die systematisch von zentralen Stellen aus vorbe- reitet worden sind. Dabei ist bemerkenswert, daß der fränkische Gauleiter Streicher nicht nur als Vorbild gc- nommcit wirft, sondern offensichtlich als Organisator der neuen Judenhetze eingesetzt ist. In der vergangenen Woche ereignete sich in Frankfurt und Umgegend eine Fülle von Ueber fällen auf jüdisch aussehende Per- soncn. So wurden im Frankfurter Stadtwald und im Taunus jüdische Ausflügler von nationalsozialistischen Gruppen ohne weiteren Wortwechsel überfallen und ver- prügelt. In einem Forsthaus im Frankfurter Stadtwald wurden bei einer derartigen Gelegenheit z. B. Tränengas- bomben von uniformierten TA.-Leuten geworfen. Die Täter flüchteten danach mit einem bereitstehenden Auto, daS eine gefälschte Kenn-Nummer trug. Bei einem anderen Ueberiall wurden die jüdischen Passanten von SA.-Leuten, die nicht uniformiert waren, niedergeschlagen und zwei da- von verletzt. Im jüdischen Viertel von Frankfurt wurden Schilder angebracht, die mehrere Meter lang und auch einige Meter hoch sind. Diese Schilder tragen folgende Inschriften: „Juden und Judcnsreunde sollen uns vom Hals bleiben. Deutsche, lest den Stürmer". „Der Talmud befiehlt den Juden, den Nichtjuden zu be- trügen. Deshalb: Meidet die Juden und deren Anhang!" „Christus sagte zu den Juden: Ihr habt zum Bater nicht Gott, sondern den Teufel. Deshalb: Meidet Juden und Judenfreunde!" Diese Schilder sind geradezu Signalzeichen für Pogrome. Gruppen von Nationalsozialisten ziehen denn auch wieder- holt durch das Judenviertel, um dort Belästigungen von An- wohuern vorzunehmen oder Händel mit ihnen zu suchen. Diese Exkursionen werden immer zahlreicher und, durch die provozierenden Schilder angestachelt, auch immer bedroh- licher. Ja. man kann unter diesen Umständen den Zeitpunkt beinahe ausrechnen, wo nach bekanntem Muster aus der Vergangenheit regelrechte Großangrisse auf das Juden- viertel vorgenommen werden. Von den Inschriften ist be- sonders jene bemerkenswert, die zum Lesen des Streicher- Blattes„Stürmer" auffordert. Daraus geht zunächst der Zusammenhang mit den Aktionen in Franken hervor, da der „Stürmer" für den Main-Gau gar nicht zuständig ist. Zu- gleich aber wird die Unwahrhaftigkcit der Erklärungen offi- zieller nationalsozialistischer Stellen offensichtlich, die be- hauptet hatten, mit den antisemitischen Aktionen Streichers nichts zu tun zu haben. Neben den ausgesprochenen Gewalttaten wird neuerdings in Frankfurt auch der wirtschaftliche Boykott syst«- matischer durchgeführt. Es werden nicht nur jüdische Ge- schütte besonders kenntlich gemacht und dem Boykott anemp- fohlen, sondern die gleichen Methoden, die am 1. April 1983, dem offiziellen Judenboykott-Tag, angewendet wurden, werden wiederholt. So wurden am vorigen Samstag, dem 20. Mai, planmäßige Boykott-Posten von der NSHago vor jüdische Geschäfte gestellt. So wurden u. a. auch die Filialen de? amerikanischen Waren- Hause? Woolworth von SA.-Leuten besetzt, obwohl bisher die ausländischen Geschäfte vom Boykott verschont blieben. Die Boykott-Posten verteilten Flugblätter, in denen aufgefordert wurde, auch die amerikanische Judenfirma Woolworth zu boykottieren. Dabei kam es zu ununterbrochenen Zusammen- stößen mit Hausfrauen, die sich nicht hindern lassen wollten, dort zu kauten, wo es ihnen am billigsten schien. Sie ließen sich durch die SA.-Leute nicht zurückhalten, sondern gingen im Gegenteil dazu über, diesen klar zu machen, daß die minderbemittelten Schichten sich nicht vorschreiben lassen können, wo sie kaufen, da für sie die Verluste bei zu teuerem Einkauf nicht tragbar seien. Es entstanden riesige Menschenaufläufe, ohne baß die SA. in der Lage war, sich dagegen durchzusetzen. I« bisher noch nie dagewesener Weise wurde von breiten Massen auf der Straße über die Vorgänge diskutiert. Neben zahllosen Gegnern der Boykottmaßnahmen mischten sich unter die Debattierenden immer wieder Nationalsozialisten, die überhitzt antisemitische Hetzreden hielten und zu Po- gromen ausforderten. ..rranhforier Zelfnng' wird arisch Neue Geschäftsleitung in Sicht Bemerkenswert ist schließlich noch die Tatsache, daß mik Ende dieses Monats die„Frankfurter Zeitung", die letzte große deutsche Zeitung, die sich in jüdischem Besitz befand, in arische Hände übergeht. Die jüdische Geschüftsleitung scheidet aus. Die gesamten Aktien sind nunmehr in den Be» sitz der I. G. Farbenindustrie gelangt, die in entscheidendem Umfange diesen Einfluß zur Geltung bringen will. Der neue Generaldirektor des Unternehmens wird aus dem Kreis des berüchtigten Scharfmachers Professor Hummel kommen. ..luden heraus!" Die Austreibung von Hotelgästen durch einen SA. Sturm In dem in Saarow-Pieskow gelegenen Hotel Esplanade tauchte vorige Woche ein SA.-Sturm auf, der in der Halle Ausstellung nahm. Mit dem Schlachtruf:„Alle Juden raus!" wurden sämtliche jüdischen Hotelgäste aufge- fordert, das Esplanade zu verlassen. Der Direktor erklärte sich den Gästen gegenüber als in einer Zwangslage, seine Intentionen wären anders, er bat aber, den Drohungen Rechnung zu tragen. Zeugen für die Richtigkeit dieses Vor- falls sind zahlreiche Hotelgäste sowie die Angestellten de? Esplanade und der Hoteldirektor. Keine deutsche Zettung durfte natürlich über diesen Borfall etwas bringen. Das ge- schah nicht in den ersten Wochen der„nationalen Revolution", sondern anderthalb Jahre nach dem Regierungsantritt des „Volkskanzlers". Das jüdische und auch daS Ruhe und Er- holung suchende anständige deutsche Publikum wird Saarow- Pieskow jetzt meiden, denn der Terrorfall hat sich natürlich schnell herumgesprochen und die Leidtragenden sind die Hoteliers und Pensionen, deren Gäste seit den letzten Tagen sich erschreckend verringert haben. Der Hotelier hatte nicht einmal gewagt, eine Polizeistelle zu benachrichtigen. ftioilsdier Journalist ausgewiesen Weil er die Wahrheit schrieb Berlin. 1. Juni. Das TNB. meldet: Der Berliner Ver» treter des„Daily Expreß", Pembroke Stephens, ist gestern aus dem deutschen Reichsaebiet ausgewiesen worden, weil er dauernd in entstellender und frivoler Weife über deutsch« Verhältnisse berichtet und dadurch das ihm gewährte Gost» recht gröblich mißbraucht hat. .Per ganie Ernst der Situation" Bartheus große Rede in Genf Genf, 31. Mai 1934. In jenem Augenblick bemühten wir uns. die weitverzweigte Borlhou rückt allmählich in den Mittelpunkt des politischen Weltgeschehens. War schon seine Kammer-®^ e™ üf> ten rede ein Ereignis, dem die gesamte Welt lauschte, so hat er am Mittwoch, dem 30. d. M.. auf der Ab- von' den Srii2ften fl IiI zu bin lK um festzustellen' rüstungskonferenz eine neue Meisterletstung vollbracht. Vornehm in Geste und Ton. unbarmherzig in der welche Sanktionen aus diese Verstöße angewendet werden Wahrheit, mit vernichtender Logik und beißender Ironie hat der große französische Kammerredner die*? n, M cn-^. tt diesem Moment standen wir mit der kritischen Abrüstungskonferenz auf ein besonders hohes Niveau gehoben^eit langem hat man dort eine.so frei- j.en' taVöe? gSweÄ«*» vielleich!"auf°ieine Lösung mutige, so zielsichere Rede nicht gehört, wie gestern aus dem Munde des franzosischen Außenministers, bezogen. In diesem Augenblick oerössentlichte die deutsche Die gewaltige Bedeutung dieser Rede wurde dadurch unterstrichen, daß die französische Regierung, nach- Regierung einen Haushalt, in dem die Wiederaufrüstung dem sie durch den aus Genf zurückkehrenden Marineminister Pietri über Barlhous Ausführungen durch amtliche Zahlen> beknndet^wurde Das i\i eine indirekte, unterrichtet worden war, einstimmig und aufs wärmste seinen Erklärungen zustimmte. Man Hot das sprechungen, was bedeuten alle Eure Aussührungsgaranti«i» französische Volk nie einiger gesehen als in dieser Frage und mit diesem Außenminister.— Barthou führte folgendes aus:(Wir geben die Rede ausführlich wieder wegen ihrer außerordentlichen Bedeutung. Man wird in der nächsten Zeit immer wieder darauf zurückommen müssen.) ^s^ssungs stellte Barthou fest, daß die früheren Erklärun- gen Sir John Simons und Norman Davis' mit deren jetzigen Irome^® eflen' 0® stünden und er bemerkte in feiner ^s^'ch. man braucht die Hoffnung nicht aufzugeben, wenn fÜ?Ü'5 0n den ersten Worten unserer Ansprachen eine { 7 e.Gemeinsamkeit der Ansichten feststellt. Er fuhr dann mit: Aber hier taucht die Schwierigkeit auf. Sie bezieht sich auf die drei Punkte der Rede des Präsidenten der Ab- ^Uttungskonferenz. nämlich, daß ein Abkommen über die --«ttrustungen nur erzielt werden kann, wenn das Problem »er nationale« Sicherheit gelöst wird. Der jüngste Noten- austausch zwischen den beteiligten Regierungen und andere Anzeichen haben mit notwendiger Klarheit gezeigt daß dieses Problem die Grundlage der ganzen Abrllftungssrage bildet. ,sn sehr klaren, sehr eingehenden und sehr genauen Aus- whrungen hat der Präsident die Frage gestellt Ich will ihr nicht ausweichen. Tatsächlich erhebt sich vor uns das Problem aer Sicherheit. Es ist nicht neu. Sir Simon ist ein aus- gezeichneter Führer. und meine feurige Jugend ist bereit, ihm zu folgen. Er hat von der Sitzung vom 14. Oktober 1933 gesprochen. Damit, meine Herren, sind wir im Mittelpunkt ^ Debatte. Wir müssen auf die Sitzung vom 14. Oktober 1933 zurückkommen, weil man von dort ausgehen muß. Was wurde dort gesagt? Ein Redner spricht von dem verwirrten Zustand in Europa. Verwirrt im Oktober 1933, ist er es Nicht noch mehr am 39. Mai 1934? Jeder verwirrte Zustand erfordert eine Konvention. Man muß ohne Umschweife und ohne Verstellung rede». Man darf die Schwierigkeiten nicht unter optimistischen Phrasen verbergen. DaS Programm ist ausgezeichnet. Was will man? Man sagt es: Einen verein- barten Abrüstungsplan, der alsbald angenommen und lonal durchgeführt wird. Einen Abrüstungsplan. Dieses Wort ent- wricht der Institution und den Vedingungen der Konserenz. ■seitdem sie besteht, wirb es überall und immer angewandt. Gestern haben wir es wiederholt gehört. Es ist also nicht überraschend, daß es am 14. Oktober 1933 ausgesprochen worden ist. wo Sir Simon gesagt bat. daß der AbrüftungS- plan einen wesentlichen Faktor enthalte. Welchen Faktor? »Der Entwurf beruht ans der These, daß die Mächte, die jetzt Beschränkungen durch die Friedensverträac unterworfen sind, nicht sofort mit der Vermehrung ibrer Rüstungen beginnen dürfen, sondern erklären sollen, daß sie bereit sind, sich nach einem Zeiteinteilungsplan zu richten. Die Regierung des Bereinigten Königreiches glaubt, daß eine Einigung nicht auf der Grundlage eines Abkommens, das eine sofortige Aufrüstung vorsieht, erzielt werden könne." Mit der qe- wohnten Loyalität seiner Rasse und seiner Person hat Sir John Simon Hinzugefügt. daß er. wenn er von Nicht- abrüstung spreche, nicht die Absicht habe, das Vernünftige einer entsprechenden zahlenmäßigen Vermehrung der deutschen Rüstungen zu bestreiten. Wer hat sein Echo ge- bildet? Heute wie gestern der Vertreter der Vereinigten Staaten. Herr Norman Davis... Was passiert bann? Nach dem SirIohnSimon seinen Bericht erstattet hat und nachdem es ihm zugestimmt hat, verläßt Deutschland die Abrüstungskonferenz. Was erklärt der Präsident der Konferenz in seinem Tele- gramm an Herrn von Neurath? Er sagt, daß Deutschland keine Gründe hatte, um diese Haltung einzunehmen. Was sagte Sir John Simon? Daß der Sloötritt Deutschlands nicht ohne Rechtfertigung war. Glauben Tie. meineLerren. daß ich mich dieser Debatte entziehen will? Glanben Tie, daß ich die Absicht habe, zu verschweigen, was gesagt werden muß? Glauben Sie. daß ich im Namen Frankreichs hierher gekommen bin. um irgendwelche diskrete Rücksicht zu nch- men, die den wirklichen Stand der Dinge und mit ihm den ganzen Ernst der Situation verheimlichen werde? Ich halte keine Anklagerede gegen irgend jemand, weil ich keinen Haß gegen irgend jemand habe. Aber ich habe eine Leidenschaft für die Wahrheit.'Auch ehe ich die Ehre hatte, hier zu sprechen, habe ich immer geglaubt, daß man die Wahrheit sagen muß. Ich verstehe wohl, daß man auS Vorsicht zögern kann, sie auszusprechen, aber es gibt einen Augenblick, wo man alles sagen muß. Ich werde vorsichtig, maßvoll., aber fest alles sagen. Deutschland ist ans dem Völkerbund ansgetreten. Sind deshalb die Grundsätze vom 14 Oktober 1933 nicht mehr gültig? Es ist doch so: Kroßmächte sind in Verfolg langer Anstrengungen über ein vernünftiges unparteiliches oder annehmbares Snstem einig geworden. Deutschland lehnt ab, und we>l Deutschland ablehnt, wollen wir proklamieren, daß dieses Snstem nnnannehmbar lei? Sind wir so weit ge- kommen, daß es eine Macht gibt, die gleichzeitig unsichtbar und aegenwärtig ist und wenn Sie mir dieses Wort gestatten, gsrade durch ihre?lbmesenheit gegenwärtig ist. Als» eine Macht, die nicht hier wäre, die aus dem Völkerbund aus- getreten wäre, die infolgedesien vor keiner Verantwortung stünde und die alle Rechte ohne entsprechende Reichten hatte? Nnd sollte das Embargo- daS Wart ist,n Mode— dteser Macht dem Völkerbund und der Abrüstungskonferenz es nicht ermöalichen, zu einer Lökung zu gelangen Sind wir so weit, baß wir kein System hätten, über das wir beraten könnten? Barthou stellt dann den englischen dem italienischen Plan gegenüber. Er kam zu dem Ergebnis: Jedenfalls glaube^ch. daß andere Pläne eristieren. als der britische Plan. s,e werden schon erraten haben, was ich jetzt sagen will: Frankreich bleibt der Stellungnahme treu, die es bei der Eröffnung der Abrüstungskonferenz eingenommen hat Was für eine Stellungnahme ist das? Es ist die der AbrüstungS- konferenz selbst. Worauf ist diese Stellungnahme Frankreichs begründet? Sie gründet sich auf Artikel 8 de-, Paktes, den -------"k..®ie gründet sich gleich- svertrages. Worin ist diese niedergelegt?^ Am 1<- März, am^. April und ---«-„..v-.. oei unser Präsident gestern angeführt hat.„— rang auf die Präambel zu Teil 5 des Friedensvertrages. Worin ist diese niedergelegt? Am 17. März, am 4. Slpril und am 17. April in den Noten, die wir der britischen Regierung zuzuschicke n di e Ehre hatten. Die britische Regierung kennt Woftefit zwischen ihnen Ich nehme diesen Vorschlag gern an. jedoch mache ich eine Bedingung, nämlich, daß nicht durch die Schuld anderer Regierungen— ich meine nicht die englische Regierung— irgendwo eine Falle ist, die uns ins Wasser fallen läßt, denn es gibt Bäder, die ich nicht nehmen will. Wo besteht aber eine Brücke zwischen den französischen Noten? Dieselbe vom 9. April verbindet die vom 17. März und vom 17. April. Was war diese Note vom 6. April? Wir haben vor der Schwierigkeit nicht gezögert, wir sind nicht ausgewichen, wir haben die Schwierigkeit gesehen. Wir stehen in Verhandlung mit der britischen Regierung. Worüber? Ueber Aussüh- runqsgarantien vorhanden wären, den Plan vom 29. Januar fragt uns. ob wir für den Fall, daß bindende Durchfüh- rungsgarantien vorhanden wären, den Plan vom 29. Januar annehmen würden? Es gibt Antworten, die bequem sind. Als ich vorhin den Vertreter der Vereinigten Königreiche von ge- wissen früheren Abmachungen reden hörte, konnte ich nicht umhin, darüber nachzudenken. Ich brauche keine genauen Daten anzugeben, aber erinnern Sie sich doch der Beschlüsse, die vom Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz gefaßt wor- den sind. Erinnern Sie sich der grundsätzlichen Willens- erklärungen, die unter Vorbehalt der Ausführungsmodali- täten abgegeben worden sind, erinnern Sie sich— warum soll ich es nicht aussprechen?— des Grundsatzes der Gleich- berechtig»«« in einem Regime der Sicherheit, wie man am 11. Dezember 1982 sagte. Was ist aus diesem Grundsatz geworden? Man hält ihn uns vor, aber was ist aus den Sicherheitsmaßnahmen geworden? Und als Sie zum Aus« gangspunkt einer allgemeinen Konvention ein gewisses bri, tisches Memorandum früheren Datums als das vom 29. Ja- nuar angenommen haben, haben Sie alsbald die Schwierig, leiten des Weges gesehen, aus den Sie sich begeben haben und erkannt, wie gefährlich es ist. eine grundsätzliche Zu- stkmmung zu erteilen, die dann nicht durch die Tatsachen bestätigt wird. Aus diesem Grunde haben wir sehr schlicht, sehr klar, aber sehr freundschaftlich am 9. April der britischen Regierung mit Nein geantwortet Wie hätten wir. Frankreich, einen Konventionsentwiirf annehmen können, in dem man be- hauptete, daß Frankreich schon im ersten Jahr abrüsten mühte, während die Ausrüstung Deutschlands legalisiert wird. Wir haben geglaubt und haben gesagt, daß eine Zustimmung zum britischen Plan unter diesen Umständen zu allgemein wäre, um nicht zweideutig zu. sein. und. daß es nicht genüge, gewisse Fragen auszuwerfen, um sie für gelöst zu erklären. Deshalb haben wir mit aller Höflichkeit, die wir Freunden schulden, nein gesagt. Und die Note vom 17. April hat diejenige vom fi April bestätigt. Ach, ich weiß, daß vielleicht von den fünf Mächten der Neutralen, die übrigens unsere Freunde sind, Befürchtungen über die Schlußfolgerungen der Note vom 17, April ausgesprochen worden sind. Man hat gesagt, daß diese Note die Tür zugeschlagen habe. Wie kann man das be- Haupte«, wenn man die Note selbst gelesen hat? Es folgte ein Zitat aus der Note:„Es wird Sache der Abrüstungskonferenz sein, ihr Werk wieder auszunehmen usw." Die Tür, so schloß hieraus Barthou. ist also nicht zu- geschlagen. Frankreich hat nicht verlangt, daß die Tür zu- geschlagen würde. Sic ist offen. Ich bin zum erstenmal hier, und ich habe im Namen Frankreichs zu sagen, daß die Ab rüstungskonferenz ihr Werk fortsetzen soll, und ich füge mit aufrichtiger Ueberzeugung hinzu, daß dieses Werk zum Ziele fuhren muß Aber warum haben wir die Verhandlungen mit der britischen Regierung unterbrochen? Es muß das gesagt werden, weil es den sachlichen Inhalt der Aussprache bildet Ende März hat die deutsche Regierung ihren Hanshalt veröffentlicht. Was stand in diesem Haushalt über die Militärausgaben? Es gab versteckte, dunkle und noch geheimnisvolle Winkel, in die ich heute nicht hinein leuchten will, aber es lag ein bezeichnendes Eingeständnis vor, ein klares, unwiderlegbares Eingeständnis. Die deutsche Regierung erhöhte für 1934 ihre ausgegebenen Militäraus- gaben— ich wiederhole, daß ich nur von diesen lpreche— um 2.-Oll 090 009 Mark. Wie standen wir in jenem Augenblick. Seit dem 14. Oktober 1983, an dem ich brüst aus dem Völker- bund ausgetreten bin. habe ich meine ganze Freiheit wieder- gewonnen. Ich mache davon Gebrauch! Um so schlimmer für Euch, die Ihr debattiert und verhandelt. Wolle« wir sagen, daß nichts zu machen ist, daß wir die endgültige Wahrheit vorgebracht haben und daß wir eine Art unfehlbares Dogma ausgestellt haben? Gewiß nicht. Wir sagen Ihnen, Herabsetzung der Rüstungen, parallele pro- grcssive Herabsetzung: aber Herabsetzung der Rüstungen mit notwendigen Garantien. Welches sind untere Ga- r a n t i e n? Es sind diejenigen der Sicherheit. Und heute kann sich niemand darüber täuschen. Das Problem der Sicher- heit ist nicht gelöst, aber es ist ausgeworfen, und es ist derart, daß niemand hier, kein Land sich ihm heute, morgen oder übermorgen wird entziehen können. Wenn Sie den Frieden der Welt wollen, und Sie wollen ihn alle, werden Sie sich dem Problem der Sicherheit hingeben. Henderson hat noch einen Rest von platonischer Ber- ehrung für den Standpunkt, ber den Frieden aus der Ab- rüstung hervorgehen zu sehen hofft. Welches ist die Trag- weite der Rede Hendcrsons? Abrüstung. Ja. Aber keine Ab- rüstung ohne Sicherheit. Er sagt es, er wiederholt es mit der größten Ausrichtigkeit und mit wachsender Krast. Der Vertreter der Vereinigten Staaten spricht auch von der Herabsetzung der Rüstungen, aber er vergißt dafür auch nicht die Notwendigkeit der Sicher- heit. Und dann die Rede Litwinows. Litwinow. das muß man ihm lassen, ist kein Mann, der allen z» gefallen sucht. Er hat mit einer Brutalität, die übrigens mehr und mehr mit Geschicklichkeit sich zu paaren versteht, Dinge gesagt, die er für Wahrheiten hielt, und die dem Hauptausschuß nicht als solche erschienen sind. Wen» in seiner Rede Teile sind, denen ich schwer meine Zustimmung geben konnte, so muß ich doch anerkennen, daß auch bei ihm eine Idee vorhanden ist. die alles beherrscht, und die, wie ich glaube, seine ganze Rede durchdringt: die Idee der Sicherheit. Sir John Simon hat uns Losungen vorgeschlaa»'«, einige Lösungen. Auch die*■"---^- herrscht, Simon-Rede hat eine Idee, die alles be, die der Sicherheit. Alle kommen dabin, denn niemand kann ihr entgehen. Vorhin hat Sir John Simon die Denkschrift der fünf Neutralen sich zu eigen gemacht. Er fügte hinzu, daß sie augenscheinlich weiter gingen als die britische Regierung. Aber ick, halte sest, daß auch Sir Job« Simon den Grundsatz der Sicherheit angenommen hat. Für meinen Teil ziehe ich meine Schlußsolgerung daraus. Ich habe meine Treue zu der französischen Politik und zum Memorandum des 1. Januar erklärt. Ich habe gesagt, daß ich keine Anregung ablehnen werde. Ich habe auch gesagt, daß die Idee der Sicherheit wesentliche Fortschritte gemacht hat. Heute ist der Grundsatz angenommen, weil man sich ihm nicht entziehen kann. Aber wenn ein Grundsatz diese Macht hat. so steckt in- ihm eine Art schöpferischer Kraft, die zum Erfolg führen wird. Das ist die Lage, vor der wir stehen, und deshalb sollten wir nachgeben? Wir wollten aus jedes System verzichten, das nicht sofort und absolut von Deutschland gutgehetßen wird? Wir wären— Sie. meine Herren vom Völkerbund, die Sie fast die ganze Welt vertreten— wir wären dahin ge- langt, daß eine Macht, weil sie die Abrüstungskonferenz brüsk und brutal verlassen hat, uns kommandiert, uns ihren Willen anszwingt? Was mich betrifft, so lehne ich das ab. Ich spreche im Namen einer Regierung, die kür das erste Jahr der Abrüstungskonferenz von 1932—1933 ihre Militär- kredite nm 17 Prozent herabgesetzt und diese Herabsetzung im Jahre 1934 noch erhöht hat. Und demgegenüber, ohne hier noch auf die Einzelheiten einzugehen, deren ich sicher bin, aber die diskutiert werden könnten, stelle, ich fest, daß von 1938 bis >984 das Budget der Reichswehr, ohne von den Braunhemden zu reden, um 33 Prozent erhöht worden ist. Was das Luit- sahrtbudget anbetrisst, so mögen alle selbst und vor allem diejenigen, welche die geographische Lage vor Luit- angriffen aeschützt hätte, folgende Zahlen betrachten: Der deutsche Lustsahrthaushalt ist nm 160 Prozent erhöbt worden. Warum? Wer bedroht Deutschland? Ich sagte, daß ich kein Wort aussprechen will, das in irgendeinem Grade eine An- klage sein soll. Ich sehe ein Land— nnd wünsche, daß eS bald hierher zurückkehrt—. für dessen Größe ich eine ausrichtige Von«er Abrüstungskonferenz in Genf zuzuschicken die cryre yanrn.—..W •& nn f' e bat darauf geantwortet. Besteht zwischen ihnen ein Widerspruch? Von der ersten bis zur letzten Note be- wegen sie sich in absoluter Klarheit, in ununterbrochener Kontinuität. Sir John Simon sprach vorher von der Notwendig- fett einer Brücke. Er wollte Frankreich über diese Brücke gehen lassen, damit es von einem Ufer auf das andere komme. Drei führende Franzosen beim Gespräch in einer VerhandlungSpause der Genfer Konserenz. die am 29. Mai be- gönnen hat— von linkS: Der Generalsekretär des Völkerbundes. Avenol, ber französische Pistr, und Außenminister Barthou. Bewunderung nicht verberge. Ei» Land, das die größten Genie» de» Menschengeschlechts zu den feinen gezählt hat. das einen Philosophen hatte, der Kant heißt, einen universalen Menschen, der Goethe heißt, musitalische Genies, die Bach, Beethoven und Wagner heißen. Wer macht ihm nicht nur fiese Macht des Geiste», sondern die im sozialen und wirt- schaftlichcn Leben notwendige Gleichheit, aus die es Anspruch erheben kann, streitig? Wer bedroht Deutschland? Nicht Frankreich, meine Herren! i'lch, meine Herren, ich werde meinem Lande nicht das Un- recht zufügen, cs zu verteidigen. 15» bedeutet mehr als ich, und es ist zu groß, als daß ich es nötig hätte, hier eine Recht- sertiguiig vorzubringen, die gegen meinen Wunsch keine andere Wirkung hätte, als es zu verkleinern, Ich habe ge- sagt, ivir bedrohen niemand. Wir wollen niemand angreise». Wir verlangen nichts. Die Verträge haben uns gegeben, was uns gehörte. Wir verlangen nichts mehr, lind wenn ich im Namen Frankreichs über die heikle, verwickelte, schwierige, gefahrvolle Frage der Organisierung der Saar ioreanisatiu» «I« I» Larres verhandele, so bekunde ich dabei einen Verstau- digungswillen und ein Gerechtigkeitsgefühl, öaS mir Varon Aloisi, der Vorsitzende des Treierkomitees, das Dreierkomitee selbst und der Völkcrbundsrat nicht werben bestreiten lönnen. Also, meine Herren, im Namen dieses Landes sage ich: Wir haben einen konkreten Plan. Diesen Plan kann man nicht dadurch zunickte machen, daß man ihn mit«tillschweigen übergeht. Er besteht. Es ist der Plan der Rüstnngsbegren- znng. der Begrenzung aller Rüftttnge« vom 4. Januar I9B4. Er liegt in Ihren Registern vor. Warum ihn stillschweigend übergehen und ihn durch eine Formel, die ihm aufsällt. ver- erteilen? Wieder Saar-Vertagung? Immer wieder: Mißtrauen gegen Hitler-Versprechungen Genf, den 1. Juni 1934. (Eigener Trahtbericht unseres Sonderberichterstatters) Die Saarsrage ist nach wie vor absolut in der Schwebe. ES ist bisher zu keinerlei Vereinbarungen ge- kommen, trotz der großen Bemühungen des Vorsitzenden des Dreierkomitees, Aloisi, und trotz der ganz zweifellos vor- handelten Versöhnlichkeit auf französischer Seite. Diese Versöhnlichkeit geht allerdings nicht so weit, daß sie von den auf Grund des Friedensvertrages als gerecht zu bezeichnenden Bedingungen abgehen würde. Unter diesen Bedingungen scheiterte bisher jede Einigung. Man hört hier, daß Hitlerdeutschlanb bereit sei, eine drei- jährige UebergangSfrist nach der Abstimmung zuzugestehen, dann aber alle politischen Forderungen bis jetzt abgelehnt hat. Aber gerade diese politischenGarantie- fordern ii gen sind f ü r den Völkerbunds rat unentbehrlich und es wird, falls Teutschland nicht nach- gibt, erneut zu einer Vertagung der Frage kommen, da das Mißtrauen gegen bloße Versprechungen Hitler- deutschlands in Genf absolut ist. Dazu kommt, daß die Rede beS Herrn von P a p e n vor der ausländischen Presse, in der er erneut über die saar- ländischen Volksgenossen hergefallen ist, die zwar Deutsche, aber gerade deshalb nicht Hitlerianer sind, das Mißtrauen gegen das amtliche Hitlerdeutschland nur noch verstärkt hat. Außerdem hat hier die letzte Nummer des von Goebbels gespeisten Organs„Rufer im Warndt" alarmierend gewirkt, in der nickt mehr und nicht weniger gesagt wird, als daß Hitlerdeutschland getrost alle Garantien geben könne, da man ja doch der Verräter habhast werden w ü r d e. Die Situation am heutigen Tage stellt sich so dar, daß die inzwischen aus Berlin eingetroffene Antwort als absolut unbefriedigend bezeichnet wird und die Situation eine neue Versteifung erfahren hat. Ein abschließendes Urteil über die Stellung de? Völkerbundsrates zur Saarfrage in dieser seiner außerordentlichen achtzigsten Ratssitzung läßt sich noch nicht geben, weder nach der einen, noch nach der anderen Seite hin. Jedenfalls bc- müht sich der Völkerbundsrat unter größten Anstrengungen, zu einer gerechten Entscheidung zu kommen. Die Delegation der Deutschen Freiheitsfront des Saar- gebietes, der Max Braun, Hermann P e t r i, Fritz D o- bisch und Paul BaderS angehören, ist außer von einigen Ratsmitgliedern und einer Reihe von Journalisten auch vom Prä^denten der Abrüstungskommission, dem ehe- maligen engten Außenminister Arthur Henderson und vom schwedischen Außenminister S a n d l e r empfangen worden. Sie setzt ihre Arbeit im Sinne des fair Plays bei der Abstimmung fort. Ihre Argumente finden allgemeine Anerkennung und Zustimmung. Papen tonntet die Abstimmung Der Vizekanzler and mandierlei„demente" Vizekanzler von Pape» hat— vor der ausländischen Presse in Berlin— wieder einmal über die Saarfrage ge- redet. Das scheint so ziemlich das einzige Thema zu sein, über das er sich noch ösfentlich äußern darf. Es ging wieder einmal gegen„Matz" Braun, gegen die Emig'.anten und gegen sonstige„Elemente", die nach den lügnerischen Fan- tasten des Herrn von Pape» ihr Vaterland aus rein inner- politischen Gründen verlästern und verleumden, wobei dem Schloßherrn von Wallerfangen der Irrtum unterläuft, sich und die durch Verfassungsbruch und Gewaltmethoden lerr- schende Reichsregicrung mit dem deutschen Volk und dem deutschen Vaterland gleichzusetzen. Seine Wut gegen freie Geister, die eS ablehnen, Abenteurern sich z» beugen und diese von den Grenzen her be- kämpfen, wird am wenigsten Eindruck gemacht haben auf die französischen Journalisten. Tie werden sich neben andern vielleicht des Emigranten Victor Hugo erinnert haben, als eines der„Elemente", die„aus rein innerpolitischen Moli- ven", nämlich aus dem Streben nach Recht und Freiheit für die Volksgenossen, Napoleon III. und seinen plebiszitären Volksbetrug bekämpften. Vietor Hugo kehrte im Triumph zurück und Napoleon HI. starb besiegt und verbannt in der Emigration. Dem Katholiken Papen steht ein anderer Em'gran» neck näher, der ebenfalls„aus rein innerpolitischen Motiven" sein Vaterland verließ, um von außen her für seine p»ü- tischen und kulturellen Ideale zu kämpfen. Wir meinen G ö r r e s und seine Emigration in Straßburg. Herrn v. Pa- pen gestehen wir allerdings zu. daß er sich nie zu den „Elementen" schlagen wird, die um ihrer Ueberzenznng i-.il- len da? Opfer der Emigration auf sich nehmen. Er wird immer dort stehen, wo ihm fein reicher irdischer Besitz am meisten garantiert zu sein scheint, und gerade aus diesem «' Grunde sind noch mancherlei nationale und internationale Wandlungen bei ihm möglich. Im Augenblick schwört er dem Imperialismus ab und schwärnit sür Gerechtigkeit— außerhalb Deutschlands. Er jagt:„Diktatorisch regieren kann mau nur eine'leine und begrenzte Weile"— meint damit aber nur die Rdgie- rungökommission des Saargebietes, keinesfalls die elendeste Diktatur der Welt, die deutsche, zu deren Handlangern er gehört. Und zur Sache selbst? Zur Taari'rage? Di offenbart sich die ganze Angst vor der Abstimmung, da zwischen setzt und ihrem Termin der große Stimmungsumschwung auch m der Saar sich durchsetzen muß. So ist denn der ganze Paoen auf Nachgiebigkeit gegenüber Frankreich eingestellt: „Wir wünschen uns mit Frankreich vor der Abstimmung zu einigen, damit nicht durch die Leidenschaften eines Ab- üimmungskampses, die wir ja leider schon des öfteren kennengelernt haben, diese Abstimmung zu neuen Spannungen zwischeü den beiden großen Nationen führt. Aber wie dem auch sei. die deutsche Negierung ist vollkommen bereit, die Garantien sür die Zeit nach der Abstimmung zu übernehmen, die ihr billigerweise zugemutet werden können. Wir wollen unsererseits nichts unversucht lasse», um dieses traurige Kapitel deS Friedensvertrages mit möglichster Beschleunigung so abzuschließen, daß es in Zukunft keinerlei Streitsragen darüber zwischen uns und Frankreich gibt." Was davon ernst gemeint ist, lassen wir dahingestellt. Wenn aber ein Imperialist und Militarist wie von Pape» so redet, hat man allen Grund anzunehmen, daß er von einem Kampfe die Niederlage befürchtet und nicht den Tieg. Und zwar aus rein innerpolitischen Motiven. Denn nicht um das unbestrittene Deutschtum an der Saar gebt es, sondern um die Frage Hitlerdittatur oder freies Deutschland! Wir ivol- len die deutsche Diktatur schlagen. Um Teutschlands willen. Mc ßcriöitc werden antretender liolföndisdie Pressestimmen Deutschland vor und nach dem Sturm Wir entnehmen der„Post Scripta" der H a a g s ch e n P o st: „Die Berichte aus Deutschland werden stets aufregender. Spricht man mit deutschen JnbustriellenoderGroß- kaufte Uten, dann scheinen sie überhaupt kein V e r l r a u e n i n d i e Z uk u n f t z u h a b e n. Der Mangel an allerlei Grundstoffen beginnt— o, Segen der Autarkie!— 'ich schon sehr unangenehm bemerkbar zu machen. In der Arbeiterwelt wird viel gemurrt. Man wagt wieder zu murren, selbst im furchtsamen Mittelstand, weil man die An- bringerei, wegen der Allgemeinheit dieser Erscheinung, setzt weniger zu fürchten hat als unlängst noch. Die Macht der Reichswehr nimmt in bei allgemeinen Unsicherheit noch zu. Es ist begreiflich, daß Hitler sich in den Vulkanausbrüchen, deren Mittelpunkt er ist, keinen Rat mehr iveiß. Man hat ihn von inländischer und ausländischer Seite sehr energisch vor dem gefährlichen Kurs gewarnt, den seine Umgebung mit ihrem auf die Spitze getriebenen schwarzen Antisemitis- mus eingeschlagen hat. Unter einem Vorwand, der mit Anti- semitismus nichts zu machen hat, hat er dann die furchtbare Ritualmord-Nummer von„Der Stürmer" mehr als zwei Wochen nach ihrem Erscheinen verboten: ein Verbot, an das man sich übrigens nicht hält Tie Aushetzung zu Pogromen von maßgebender Seite dauert fort. Tie Menge hat dringend Ablenkung nötig. Hitler sieht scheinbar ein. daß dieser Weg zun, Untergang führt. Er wendet sich mehr nach der Reichswehr zu und iveg von den Seinen. Es ist keinesfalls die Reichswehr, die sich ihm zuwendet. Diese fühlt sich ivic ein Fels in den unruhigen Wassern und ist davon überzeugt, daß ihre Stunde in nicht allzu langer Zeit schlagen wird." Das dorrende Grün In einem Artikel über die Stimmung und die Lage der deutschen Bauern lesen wir in„De Nieuwe Rotter- dänische Courant" u. a. folgendes: „Es hat lange Zeit den Anschein gehabt, als ob die Führer den quasi sozialistischen Wortkram abschwören würden, der seinen Zweck erfüllt hatte. Wir wundern uns darüber, daß das möglich war, wenn auch die skrupellosen Methoden der deutschen Regierung auf diesem Gebiet vieles erklären. Es Hai sich aber herausgestellt, baß es doch»ich! möglich war, nachdem der erste Rausch verslogen war. Jetzt mußten auch die geduldigsten Mitläufer erkennen, daß man reich- lich lange Zeit gehabt hatte, um immerhin einmal mit der Verwirklichung der schönen Versprechungen zu beginnen. Mit Maßregeln wie mit dem Verbot der„Grünen Post" machte die Regierung den Zustand durchaus nicht besser. Ueber dieses Verbot haben viele Landbewohner sich sogar geärgert. Zweifellos sängt die grüne Front schon an be- deutlich dörr zu werden. Mit der systematischen Ausschal- tnng der Vernunft hat man in Deutschland sehr weit gehen können: besonders von den deutschen Bauern hatte man keinen Widerstand zu erwarten, wie jede Kritik erstorben schien und alles in dem Küstern Mythos von Blut und Scholle schwelgte. Jetzt nach dem Rausch, wo die materiellen Interessen und Unterschiede wieder zutage treten, wird ohne Zweifel auch bei einem großen Teil des Bauernstandes der kritische Sinn wieder erwachen und damit der Wider- stand gegen die Regierung." Die Akten in der Saar Ein plumpes Manöver Die Akten der Tomanialschulen, die vor kurzem in Saar- brücken gestohlen worden waren, sind Tonnerstagmorgen in der Saar auf französischem Boden zwischen Saargemnnd und Großblittersdorf aufgefunden worden. Die Staatsan- walrschaft Saargemünd hat sich des Falles angenommen. Wie wir hierzu noch erfahren, spielte sick der Fund der Dokumente so ab, daß französische Schiffer Tonnerstagmor- gen plötzlich einige Säcke in der Saar bemerkten, die sie auf- fischen konnten. Man kann sich die Ueberraickung der Schiffs- ungehörigen vorstelle», als sie in den Säcken nichts als Akten feststellten— Akten, die ohne Zweifel zu den in den Tomanialschulen gestohlenen gehören mußten. Sofort wurde die Polizei in Taargemünd benachrichtigt, die ihrerseits eis- nge Nachforschungen ausnahm und bald außer den drei von den Schissern bereits sichergestellten Aktensäcke» noch vier weitere ans Ufer bringen konnte. Alle Säcke enthielten Akten der Domanialschiilen. Ten ersten Feststellungen nach dürfte es sich um sämtliche gestohlenen Akten handeln. Bereits am Dienstag meldeten ivir, daß sich die drei Akten- räuber nach Hitierderrtschlanö geflüchtet haben und, daß sie dort offenbar reichlich mit Geldmitteln versehen worden sind. Für jeden Einsichtigen ist damit der Tatbestand Verhältnis- mäßig klar. Eine saarländische Stelle bziv. das „dritte R e t ch" hatte großes Interesse an bestimmten Aktenstücken, die man in den Schränken des Direktoriums der Domanialschule vermutete. Nach dem Diebstahl sind die Akten der betreffenden Stelle zur Verfügung gestellt worden. Diese hat entweder festgestellt, daß solche Akten überhaupt nicht vorhanden waren oder sie hat einzelne Akten gestohlen oder von bestimmten Akten fotografische oder sonstige Ver- vielsältigungen hergestellt. Nachdem der Aktendiebstahl seinen Zweck erfüllt hat, handelt es sich für die Austraggeber darum, die Akten ver- schwinden zu lassen, oder sie wenigstens dort auffinden zu lassen, wo-der Verdacht vom„dritten Reiche" weggelenkt und auf andere Beziehungen hingelenkt werben konnte. Sie wurden infolgedessen durch Autos, die ja den von u»3 ins Auge gefaßten Stellen reichlich zur Verfügung stehen, in die Saar befördert, und zwar an einer Stelle, die französisches Territorium darstellt. Das durchsichtige Manöver ist aber von vornherein als ergebnislos z» betrachten, da die drei Spitzbuben da* „dritte Reich" ausgesucht haben und dort wohlbehalten aus- genommen worden sind. Gerade die drei Täter Hütten nie- mals das„dritte Reich" aufsuchen können, wenn sie nicht ihre bestimmten vorherigen Zusicherungen in dieser Hinsicht gehabt hätten. Katholisch« Saardelegation in Genf Wie uns aus Genf berichtet wird, ist die am Mittwoch ver- össentlichte, der„Bolksstimme" entnommene Meldung, daß die saarländische katholische Delegation in Gens unter Füh- rung eines Priesters stände, nicht richtig. Alfred Apfels Erinnerungen Bilder aus einer Republik, die nie republikanisch war Als vor nunmehr 16 Monaten Adolf Hitler die Regierung übernahm, gehörte der Schreiber dieser Zeilen zu der sicher geringen Zahl von Linkspolitikern, die dieses Ereignis be- grüßten. Begrüßten i» dem. Bewußtsein, daß jetzt die Dinge zur Entscheidung gedrängt würden. Daß all der Unrat, der seit Generationen und zumal unter der Republik im Leib: des deutschen Volkes geivühlt hatte, jetzt zur vollen Entsaltung kommen und sich ganz ausleben werde. So werde das Geschivür zur Reise kommen, und so könne der Volks- körper— wenn er diese Ausscheiduilgspferdekur überlebe— endlich einmal seine volle Reinigung und endgültige Ge- sundung erleben. Reichen Stoff zugunsten dieser Auffassung bietet das eben erschienene Buch eines bekannten deutschen Verteidigers über die Hintergründe der deutschen Justiz, Erinnerungen von Aisred Apfel.") Man kennt die Rubrik der Zeitungen:„Wissen Sie schon...?", ans der man erfahren kann, wieviele üubikmeter Wasser der Staudamm von Assuan hält, wieviel Gramm der Sirius wiegt, oder wer den Fingerhut erfunden hat. Wich- tiger als solche Kuriositäten sind die Tinge, die unser aller Leben entscheidend beeinflußt und die wir alle sehenden Auges miterlebt haben. Aber wer kennt sie? Beispielsweise, daß die FemederSchwarzenReichSwehr l„Arbeits- kommandos"» in wenigen Jahren der Republik Hunderte von Menschen ermordet hat, mitunter wegen einer kri- tischen Bemerkung oder eines Gesprächs mit einem Sozial- demokraten fder Regierungspartei!)? Daß die führenden Männer der Heeresleitung: v. Hammerstein, v. Schleicher bis hinaus zum Kommandierenden v. Teeckt und dem„demokratischen" Wehrmirrister Geßler diese Dinge gekannt, össent. lich verurteilt»nd im vertrauten KreiS, z. B. den Justiz- behörden gegenüber, gutgeheißen habe»? Daß der Nationalheld H o r st W esset tatsächlich nur vom Verdienst einer Dirne gelebt, seine alte Zimmermieterin aber, wenn sie seit Monaten rückständige Miete verlangte, mit Prügeln bedroht hat? Daß... doch wozu die Einzelheiten heraus- klauben! Man lese das Buch, und man wird eine Menge interessanter und geschichtlich wichtiger Dinge aus dem Wirtschasts- und Kulturleben, Politik und Rechtspflege im Teutschland Wilhelms II. und seiner Nachfolger kennen und verstehen lernen. Apsel war Verteidiger in einer Reihe .Kapitalprozesse: von Mar Hö lz in seinem Wiederausnahme- verfahren: Georg Groß im Gasmasken-GotteslästerungS- prozcß, der Stuttgarter Aerzte Friedrich Wolf und Frau K i e n l e wegen Abtreibung, des Zuhälters Hoehler, der seinen Konkurrenten Wessel erschossen hatte, usw. To gibt er ein lebendiges Bild vom Fortleben des Feudalismus und sonstiger Rückitändigkeiten i» der„Republik" und der schuldhaften Verstrickung der Justiz in diese verderblichen Bestrebungen bis zum endlichen vollen Verfall der nie leben- dig gewesenen deutschen Demokratie. Ein geistvolles Bild, leider in einseitiger, manche Dinge völlig verzerrender parteikommunistischer Beleuchtung. Aber mit Kritik gelesen, leistet es ein gut Stück wertvoller politischer Ausklärungs- arbeit. E t. "1 Sie sind uns nur in der französischen Ausgabe: l,?« Dessous klärung und Belehrung bedürfen! W 3>eutsdke Stimmen• föeilage zur..2)eutsdien&reifkeit"• Iwei&nisse und Sescfkicfirfen I WWMMWUWWk" Samstag, den 2, Juni 1934 Ihmm zst Omm Daß der Führer der deutschen Milchschlacht den stolzen Namen„Freiherr von Kanne" trägt, zeugt für ein gewisses Stilgefühl hei den Nazis. Denn wenn man an die deutsche Milchwirtschaft im Hitlerreiche denkt, stellt man sich außer einer Armee draller Kühe im Braunhemd oder in preußisch schwarz-weißer Uniform auch noch jenes Heer i'Iankgescheuerter stattlicher Milchkannen vor und dazu einen adligen feinen Herrn, der hoch zu Roß die Front abnimmt, und zu dem der Name„Freiherr von und zu Kanne" trefflich stimmt. Weniger stilvoll ist die Sache schon, wenn die Nazis als Rektor der urdeutschen Universität Jena einen Herrn, ausgerechnet mit dem Namen„Professor Abraham Esau" wählen. Denn bekanntlich war Abraham der Stammvater jener Saurasse, der man jetzt so glorreich den Garaus gemacht hat, und Esau war dckr jüdische Nationalheld, der den Schwindel mit der Linsensuppe verübte, und dessen sich Juda bediente, den biederen Kern des deutschen Michel moralisch anzufaulen und zu verseuchen. Halt! Michel! Ich finde in Petris Fremdwörterbuch, das auch über die Herkunft der Personennamen Auskunft gibt, daß Michel von Michael kommt, und daß— o Schreck— Michael ein hebräischer Name ist. Also, der Repräsentant des Deutschtums, der deutsche Michel Träger eines jüdischen Namens! Ich glaube, wir Deutschen fangen erst an, zu erkennen, wie verjudet wir sind! Gehen wir weiter in der Namensprüfung. Da lesen wir zu unserm Erstaunen, daß der Meister des deutschen Waldlaufs, ehedem Weltmeister, K o h n heißt, ausgerechnet Kohn. nicht etwa Kuhn! Unwillkürlich kommt einem der alte Schlager in den Sinn:„Hah n Se nicht den kleinen Kohn gesehen? Sahn Se ihn nicht durch die Wälder gehn?" Aber die Sache kommt noch viel schlimmer. In Nr. 252 der „Frankfurter Zeitung" lesen wir unter der Ueberschrift„Die Forderung des Nährstandes an den Landhandel", der Landkaufmann müsse„in freundschaftlichem Wettbewerb mit den Genossenschaften sein Geschäft so ausbauen, daß er den auszuschaltenden jüdischen Provinzhändler zu ersetzen in der Lage sei.... Aus der Erkenntnis heraus, daß der Nährstand als Ersatz für den jüdischen Großhandel ein Werk schaffen müsse, welches getragen sei von dem Gemeinschaftsgeist der Landkaufleute, habe Hauptabteilungsleiter Karl Moses die genannte Vereinigung gegründet. Der Begriff des Getreidejuden, der den Bauer als melkende Kuh betrachtete, habe bei dem anständigen Kaufmann keinen Platz mehr. Die Gründung der Vereinigung sei vom Reichsnährstand nicht nur gebilligt, sondern in ganz besonderer Weise gestützt und gefördert worden." Also, es ist wirklich wahr: ein Moses(der vor langen Jahren die Juden aus Aegypten durch die Wüste ins gelobte Land trieb) hat im„dritten Reich" die Aufgabe, den jüdischen Provinzhändler und den Getreidejuden aus dem Reichsnährstand auszutreiben! Wir glaubten, der deutsche Zuchtstall sei gründlich bis ins dritte und vierte Geschlecht ausgemistet, so daß kein Moses mehr darin zu finden sei. Und nun wieder einmal em flammender Dornbusch, aus dem heraus ein göttlicher Führer einen Moses mit der Austreibung des Volkes Israel beauftragt! Die Lache ist mies! Doch halt! Ist„mies" nicht ein anrüchiges Wort, eingeschleppt aus dem Osten durch jene dreckigen Kaftanträger, die mit ihrem Jargon die deutsdie Sprache vermauschclteu? Wehe! Es ist so!„Mies" und Miesmacher", die beiden jetzt von allen Führern des„dritten Reiches" am meisten gebrauchten Wörter, stammen aus dem Judenjargon! Bekanntlich ist die neuste, von Herrn Dr. Goebbels eröffnete Schlacht, die Schlacht gegen die„Miesmacher". Gegen die„Miesmacher" soll an allen Orten ein Trommelfeuer losgelassen werden. Weshalb wählte Dr. Goebbels gerade das Wort „Miesmacher", wo doch das Wort„Meckerer" dasselbe ausgedrückt hätte, aber auf deutsche Weise? Sollten ihm unbewußte atavistische Regungen dieses jüdische Wort in den Mund gelegt haben? O, Adolf Hitler! Deine Sache steht mies! Du rottest die Juden aus, und kannst nicht einmal ohne ihre Sprache auskommen! Und angstvoll sirhts du vor dir ein anderes Mauschelwort, von unsichtbarer Hand in Flammenschrift auf deine Fahnen geschrieben: PLEITE! Animus. See acische 9xquta Oder: Der garantiert rein deutsche Zopf Die Friseure, seit Figaros Zeiten als Politiker ersten Ranges bekannt, betreiben eine eigenartige Politik auch in ihrem Beruf; während sie den Kunden einseifen, reden sie unaufhörlich. Diese Berufspolitik scheint nun den Berufs- Politikern des„dritten Reiches" vorzuschweben: Während »•« in Mengen Schaum schlagen und die Menge einseifen, reden sie, reden, reden. Ein uferloses Gerede soll dem gründlich eingeseiften Deutschen die letzten Reste der Besinnung rauben, und wenn diese Schaumschläger als Krönung der Frisur eine Krone aufsetzen werden, so wird das von den Betroffenen, aus Freude diesen Friseuren entronnen zu sein, in alter Gewohnheit noch als das kleinere Uebel betrachtet werden. Nun scheint auch der Jargon der Berufspolitiker auf die Berufsfriseure abgefärbt zu haben, denn schon ist, der Zeitschrift„Neues Volk" zufolge, diese Ankündigung im Schaufenster eines deutschen Friseurgeschäftes zu lesen: ^Deutsche feeie Stesse Der kleine Goebbels mit der großen Fresse, Einstraals entsprungen der Kloaken-Presse, Schroff kommandiert. Das doitsche Schrifttum stolz im Stechschritt schreitet Und wonneschauernd, gerne schriftgeleitet, Stramm exerziert. Sie kochen stets das gleiche Heldensüppchen. Das widerstrebt, so scheints, sogar dem Jüppchen, Eh provoziert Und sagt, es wünsche Wahrheit. Buntheit, Einfall... Wer auf den Leim geht, büßt sofort den Reinfall Streng„konzentriert". Von Klügern wird auf der Terrotationsmaschine, — Daß man dem Aufbau und dem Umbruch diene— Nazisch geschmiert. So sieht man Führer, seitengroß, im Dutzend. Und Adolf: schreibend, redend, Nase putzend SA. marschiert... Des deutschen Schrifttums gründlicher Verweser Sorgt, daß von Etsch bis Belt die Zeitungsleser Zwangsabonniert.— Ob braver Landmann oder stummer Städter, Das deutsche Volk benutzt die Zeitungsblätter Nur— perforiert! Charlie Katchno „CtfceuCich'" Verfall der Hochschulen Obwohl die neuen scharfen V orschriften für die Zulassung zum Hochschulstudium sich im Wintersemester 1933 34 noch nicht ausgewirkt haben, war die Zahl der Studierenden an allen Technischen Hochschulen Deutschlands bereits im letzten Semester stark zurückgegangen. An der berühmtesten Technischen Hochschule Deutschlands in Bcrlin-Charloltenburg ist die Zahl der Studierenden von 4262 im Wintersemester 1932 33 auf 3370 im Wintersemester 1933 34 gefallen. Der Verfall zeigt sich an den übrigen Technischen Hochschulen wie folgt: Technische Hochschule in: Wintersemester 1932 33 „Hier werden garantiert rein deutsche Haare w.„ für Perücken und Zöpfe verarbeitet." Da sieht man nun, wohin die Verquiclcung von Politik und Geschäft führt. Die garantiert rein deutschen Haare werden von der garantiert nationalen Politik bezogen und der Beweis, daß die zu Perücken und Zöpfen verarbeiteten Haare garantiert rein deutschen Ursprungs sind, wird von den Berufsfriseuren ebenso schwer zu erbringen sein, wie die Berufspolitiker beweisen können, daß ihre neuen Heils- lehren nicht an den Haaren herbeigezogen sind, obschon kein Untertan in dieser aus unverstandenen Phrasen zusammengebauten Suppe ein Haar finden darf. Weit näher der Wahrheit käme die Bemerkung, daß die Berufspolitiker die garantiert rein deutschen Haare zu Perücken und Zöpfen verarbeiten wollen. Denn wahrlich, in dem mittelalterlichen Deutschland von heute, das man geruhig als das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten bezeichnen kann, ist die Rückkehr zu Perücke und Zopf, den Merkmalen des vielgeliebten vorbildlichen preußischen Königs, nicht ausgeschlossen. Führten also die politischen Friseure diese Symbole wieder ein, so müßte es zwangsläufig zu einer Arbeitsteilung kommen: die politischen Friseure seifen die Deutschen gründlich ein und um sie zum Schweigen zu bringen respektive sie in diesem Zustand zu erhalten, geben sie das Messer von der Kehle ihrer Opfer nicht mehr weg. Aus den Haaren, die der garantiert rein nationale Deutsdie bei dieser Behandlung garantiert läßt, arbeitet dann der Bc- rufsfriseur seine Perücken und Zöpfe— solange, bis der richtige Figaro auch diesem geplagten Deutschland erwächst. Stefan Po-Ilatschek. Wintersemester 193.3 34 897 982 661 2375 2314 1457 1082 2160 1455 Aachen 929 Braunschweig■■■••• 1110 Breslau 794 Darmstadt■ 2721 Dresden 3634 Hannover,,» s,,» 1635 Karlsruhe•■■■•■• 1256 München■■■••■• 3612 Stuttgart..»»»» 1753. Zu diesem Rückgang, der z. B. an der Technischen Hochschule in München rund 40 Prozent beträgt, schreibt die „Berliner Börsen-Zeitung":..Diese erfreuliche Entwicklung wird zweifellos durch die Einführung des Hochschulzn- lassungszeugnisses in der Folgezeit einen noch wesentlich stärkeren Umfang annehmen." 2)ec Scagebagen Aus dem Bielefelder„General-Anzeiger": „In diesen Tagen kursieren wieder einmal gewichtige Fragebogen in den Haushaltungen. Der Hausherr knurrt— ja, aber Herrschaften, warum denn nur? Sie hätten erst neulieb einen Fragebogen ausgefüllt. Also nur frisch heran, und die neuen Fragebogen der NS.-Hago ausfüllen und prompt wieder abgegeben. Der Fragebogen will aber wissen, ob Sie beim mittelslän disdien Gewerbetreibenden oder im Warenhaus kaufen." Mweiiet feesse qeqeti deutschen ßiichecwcwq. Zeit=7lcUi««.» verbitten. Auch ^Auswahl' ihreV Lektüre verbitten. Auch Dem deutschen Professor B e r g i u s- Heidelberg wurde die Melchett-Medaille verliehen. Die Nazipresse stellt das mit Genugtuung fest; knüpft aber diesmal an den Nainen Melchett nicht die üblichen Beschimpfungen, die sie sonst immer zu finden weiß. Ralph Benatzky hat zwei musikalische Lustspiele vollendet, in denen die Massary und Pallenherg die Hauptrollen spielen tollen.— Schönthans bekanntes Lustspiel„Der Raub der Sabinerinnen" ist zu einer Operette verarbeitet worden, zu der, ähnlich wie beim„Weißen Rößl", verschiedene Komponisten musikalische Beiträge geliefert haben; in großer Aufmachung findet die Uraufführung im September in Wien statt.— Im Alter von 61 Jahren starb in Berlin der Schriftsteller Franz Dülberg, der 1906 mit seinem Drama„Korallenkettlein" einen großen Erfolg erzielte; seine späteren Werke„Gardenie" und„Karinta von Orrelanden", die in München aus der Taufe gehoben wurden, vermochten sich nicht durchzusetzen Thing mit Kaffee Hag Generalkonsul Dr. Beselins, der Besitzer der Hamburger Hag-Kaffee-Werke, veranstaltet in Bremen das„Zweite Nordische Thing", das unter dem Namen„Das Heldische in nordischen Menschen" stattfinden soll. Folgende Ausländer schämen sich angeblich nicht, an dieser Veranstaltung teilzunehmen: Ortega y Gasset, M. Thordarsson-Rejkjavijk, van Griffen-Groningen, Mr. Kendrick-London, Romdahl-Göteborg, Mjöen, Oslo. Außerdem wird der italienische Faschist Barone Evola, der Erfinder der lustigen Kombination Buddhismus-Fascismut die Güte dei Hag-Kaffees ausprobieren. Die Autoren tagen in Warschau Die internationale Confederation der Autoren und Komponisten wird ihren diesjährigen Kongreß vom 11. bis 16. Juni in Warschau abhalten. Die Tagesordnung umfaßt eine Reihe höchst interessanter Themen, darunter die Vorbereitungen zur Revision der Berner Konvention, die im Jahre 1935 in Brüssel vorgenommen werden soll, dann die Frage des Autorenrechts in Sowjetrußland, ferner eine Diskussion über die Beziehungen der Autorenge Seilschaften zu Film und Radio. Dem Kongreß in Warschau wird de» Franzose Charles Mere präsidieren „Deutsche Freiheit". Nr. 124 Das bunte Vlstt Samstag, Z. Juni 1934 scksgerak, 31. Mai 1915 Äus dem Roman„Des Kaisers Kulis"- Von Theodor plivier Das Meer räumt auf. ^ 115 025 Tonnen englischer Sthtffie, 61180 Tonnen deutscher Schiffe: davon sind nur noch Netzen da. Wrackstücke, die immer mehr Wasser einschlucken und langsam versinken. Menschenblut ist ein besonderer Saft. Es pulst und arbeitet noch in ausquellenden Leibern und klebt zäh an den Trüm- mern. Aber wenn die Finger so dick sind, daß sie zusammen- wachsen und die Hände wie Fischflossen werden, müssen sie loslassen. Karl Kleesattel kämpft noch. Er hängt an dem Holzstück. Eine treibende Mütze hat er gegriffen, eine englische Matrosenmütze:„Hurra! Wer die Leichen fischt, hat die Schlacht gewonnen! Eingeschossen: Gut! Schnell! Salve— feuern! Salve" Ein Druck aus den Feuerknovk: du hast einen Arm. eine Faust! 15 Kilometer entfernt fliegen die Stücke! Für den Weltmarkt! Um den Weltmarkt geht es—— und um meinen Seesack! Um den Platz an der Sonne! Die Engländer schießen auch .Für Demokratie! Freiheit der kleinen Völker! Freihetr der Meere! Rächt Belgien! Hungersnot auf Ceylon! Gummiknüppel für Dublin und Manchester! Verflucht, der Verschluß klemmt! Nummer Eins, der Verschluß klemmt! Ein Splitter! Klar, Kanone ist wieder klar! Laden! Feuern!— Kartuschennummer ausgefallen! Nummer Eins, Kar- tuschennummer ausgefallen!" Eine Porzellanfabrik, die Kops steht. Eine Achtunddreißigcr! „Für Freiheit! Für die Völker! Die Kartuschennummer der Kerl soll doch zu brüllen aufhören. Er hat doch die Neutralität Belgiens nicht ver- letzt. Tax Collektor auf Ceylon ist er auch nicht gewesen. Ter hat nicht mal die Landkarte gekannt. Feuern: Gut, schnell! Dann hört das Brüllen aus. Wir kennen keine Parteien mehr! Königinsuppe mit Leberklößen, verlorene Eier, Spinat, Filet, Früchte. Mokka... Für die Bock Kohlrüben!" Kleesattel ist ausgepumpt von dem hohen Himmel, heiser vom Wasser und der Kälte. Aber er schreit.-Die Luft schlaucht durch seine Kehle. Nur nicht still werden! War den Kopf wegsteckt, ist ein verlorener Mann. Dabei liegt er schwer auf seinem Brustkasten. Der Kopf pendelt ihm hin und her. Tie. Augen-fallen zu. Eine auf- kabbelnde Welle, ein harter Stoß!-Er fährt wieder hoch! SMS. Kleesattel! Halbe Fahrt sonst alles wohl! Ein bißchen Wasser im Bauch! Aber das ist wegen der Lafettierung! Der Schießwinkel! Die Scheißhausbrillen in Wilhelmshafen—— die kühne Steigung, fabelhaft laset- tiert! Unsere Technik: niemand sitzt länger ars er muß! . Zielwechsel nach links!" Nicht weit von ihm schwimmt eine losgerissene Seemine. Seit dem frühen Morgen hat er sie im Auge. Sie treibt vor ihm in derselben Richtung. Nur etwas langsamer. Er kommt mit seinem Holz immer näher. Wissen möcht ich bloß, ob es eine englische oder deutsche Mine ist:„Hallo, englisch?" Die Mine nickt mit ihrem dicken Kopf:„Yes, Sir!" „Oder deutsch, von Cuxhafen vielleicht?" Die Mine pendelt hin und her, immer hin und her: „Ja Herr! Yes Sir! Ja Herr! Yes Sir!"—„Wir beide, wir verstehen uns! Es gibt keine Meinungsunterschiede mehr! Wissen möcht ich bloß—" Die deutschen Minen detonieren mit einer hohen Fontäne, die englischen steigen wie ein Baum und dann blättern sie breit auseinander. „In den englischen Minenöepots, die Frauen, dieselben zitronengelben Gesichter und Hände wie in Cuxhafen?"— „Yes Sir!"—„Und sie kriegen keine Kinder mehr?"— „No Sir!"—„Und Königinsuppe mit Leberklößen?"— „No Sir!"—„Aber der Freihandel, die Frachten, die japanischen Kimonos, Schlüpfer und Strümpfe aus Kobe, Seide aus Shanghai... die schwarze Milly aus Neucastle hat überhaupt keine Schlüpfer getragen. Tie war zu billig! Sixpence! Meine Löhnung, 50 Pfennig die Seeschlacht, eine halbe Mark! Die stifte ich für die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger!" Die Luft schleppt mit schweren Bäuchen über das Wasser. Die Soanne ist weit weg: ihre Strahlen verhängen sich in den Wolken. Eine Welle leckt weich über seine Schultern. „Mensch, Sie schlafen ja! Feigheit vorm Feind! Tarauf steht Festung!"—„Jawohl, Herr Kapitän aber Frcddy hat mir doch ein Souvenir gegeben aus Malta, Cafe Tri- polis. Ein Mützenband: H. M. S.„Jndefatigable". Ein Sweetshop wollte er anfangen, wenn seine Zeit rum ist, Speiseeis— Bonbons— Zigaretten! Freddy ist in Ordnung, der weiß, was er will! Vielleicht ist er auch hier in der Gegend! Hallo, Freddy! Ship ahoi! „Haben Sie vielleicht Freddy gesehen?"—„Yes Sir!" Die Mine ist näher gekommen. Tie vier Fühlhörner, die kleinen Glasröhrchen oben schaukelnd hin und her. „Eine kleine schwarze U-Bootsmine! Eine kleine schwarze Man müßte ihr mal man müßte ihr mal an das Röhrchen fassen! Eine kleine Feuerhexe! Sie tut bloß so: Ja— Ja! Nein— nein! Das lasse ich mir nicht mehr lange gefallen. Milly ist anders. Sixpence: Draus und dran! Hoch das Bein, der Kaiser braucht Soldaten!" Die Sonne bricht durch ein Wolkenloch. Die Welt wird noch einmal weiter. Das Meer ist ein ungeheures Bett aus weicher Seide. Karl Kleesattel: Hände grün, Gesicht grün, die Schmarre auf seiner Stirn kreideweiß. „Bemerkung: SMS. Kleesattel manövrierunfähig! Sonst gehts gut. Die Sonne scheint! Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen! Seine Majestät, der Kaiser, Hurra! Er hat doch die Wahrheit gesagt der Platz an der Sonne!" Die Mine kommt immer näher. Sie pendelt wie eine Kirchenglocke. „Verzeihung, Madame! Eine kleine Magenverstimmung — es geht schon wieder besser! Was meinen Sie denn, wir beide— ganz allein und ein Bett aus grüner Seide. Jawohl, wir haben den Krieg gewonnen: Schlüpfer, Strümpfe... Die arme Milly! Und die Chinesenweiber! Die sind auch ohne Strümpfe. Zu billig ihre Babys legen sie unter den Webstuhl zum Schlafen. Schlafen und die Sonne scheint! Ich muß bloß erst noch wissen Engländerin, Deutsche?" Die Mine pendelt dicht neben seinem Kopf. „Was, ich kann nicht zahlen? Sixpence die Nummer! Und mein Seesack! Hamburg, Hopsenstraße 3! Die schönen Stiesel! Eine Reise habe ich sie erst getragen!" Karl Kleesattel greift nach dem Glasröhrchen. „Schön stillhalten, Madame! Es tut ja gar nicht weh..." Die Mine detoniert, steigt wie ein Baum. Dann blättert ste breit auseinander. Sie steht am Himmel wie ein riesen- großer Pilz.- Der Rekorbwahnsinn Die verrückten Wetten und die lächerlichste Rekordsucht fordern jedes Jahr zahlreiche Opfer, aber die grausigsten Beispiele schrecken die Leute nicht vor immer neuen Dumm- heiten ab. Erst kürzlich sah ein Artist, der in Marokko aus Tournee war, in Marakesch auf der Straße einen Bändiger giftiger Schlangen. Der Artist glaubte diesen Araber be- spötteln zu müssen, und um die anderen Herumstehenden in Erstaunen zu setzen, wettete er, daß er sich eines dieser gefährlichen Tiere um den Hals legen lassen werde. Ter Araber stimmte diesem sonderbaren Wunsche zu, empfahl aber dem Unvernünftigen, sich nicht zu bewegen und vor allem die Schlange nicht zu berühren. Dieser war aber davon überzeugt, daß die Tiere ungefährlich seien, er um- faßte die Schlange, die ihm mit einem grausamen Biß in den Hals erwiderte. Ter arme Artist wurde ohnmächtig und starb eine Stunde später, ohne das Bewußtsein wieder- erlangt zu haben. Bor einigen Wochen wettete ein Malerlehrling, der etwas angetrunken war, in Paris, daß er sich nackt in den Kanal Saint-Martin werfen würde. Er gewann seine Wette groß- artig, aber er könnet den Preis nicht einkassieren, da man seine Leiche erst einige Tage später gefunden hatte. Ein junger Bauer aus der Gegend von München wettete, auch in gehörigem Rauschzustande, daß er sich ein Messer in die Brust in der Gegend des Herzens bis zu einer Tiefe von zehn Zentimeter stoßen würde. Er glaubte mit naiver Sicherheit, daß sein Herz weit tiefer säße. In Anwesenheit seiner ebenso betrunkenen Freunde, die aber an sein Vor- haben nicht glauben wollten, nahm er ein Küchenmesser und stieß es sich in die Brust. Unnötig hinzuzufügen, daß er aus der Stelle starb. Es wird noch gemeldet, daß in diesen Tagen in Schottland der Weltrekord des Eieressens stattfindet. Es geht darum, den Rekord eines amerikanischen Studenten zu brechen, der dreißig Eier verschlingen kann, ohne zu trinken. Es gibt augenblicklich arme Irre genug, die sich im Training be- finden, um diesen amerikanischen Studenten zu übertreffen. Sie könnten allerdings ihre Zeit und ihr Geld nützlicher und angenehmer verwenden. )■ Die Welt ist klein Die Münchener Hofschauspieler Albert Steinrück und Bernhard von Jacoby beschlossen, ihren Urlaub gemeinsam zu einer Nordlandreise zu benutzen. Beide leidenschaftliche Fußwanderer, brachen sie von Drontheim auf, durchquerten unwegsame Schärengebiete— und verliefen sich gründlich zwischen den vereisten Fjords. Sie beschlossen, einfach immer in der gleichen Richtung weiterzusteigen: einmal würden sie wohl auf eine mensch- liche Siedlung stoßen. Richtig, nach langer, beschwerlicher Wanderung sahen sie in der Ferne ganz einsam ein Häuschen stehen. Hungrig und müde beschleunigten sie die Schritte und sahen beim Näherkommen hinter dem offenen Fenster einen Mann stehen, erkannten dann auch, daß er aus einer Staf- selei arbeitete. Natürlich bemerkte auch der in die nordische Wüste verschlagene Maler die Wanderer, beugte sich zum Fenster heraus und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. In demselben Augenblick aber, in dem die Schauspieler, starr vor Ueberraschung, ihren alten Berliner Freund, den Maler Ali Hubert, als das erste menschliche Wesen er- kannten, daS sie inmitten der Eiswüste in vielen Kilometern Ilmkreis zu Gesicht bekamen, rief Ali ihnen auch schon in einem Ton entgegen, der nicht das geringste Erstaunen ausdrückte:„Grüß Gott. Steinrück und Jacoby! Schön, daß Ihr Euch auch mal hier oben sehen laßt!"— nötigte sie ins Haus und entkorkte eine prächtige Flasche Schwedenpunsch. Sin Frauenschicksal Bon Gleb Alexejew Kennen Sie die Genossin Manja Woloßkowa? Vor etwa vier Jahren hat sie die höhere Schule beendet, und viele ihrer Klassenkameradinnen erinnern sich noch an das häß- liche Mädchen mit den schwarzen Vogelaugen, deren leiden- schaftlicher Blick vor Uebermaß an Leidenschast erblindet zu sein schien, ein Auge, wie es die singende Drossel hat. Und auch im Charakter war sie einem Vogel nicht unähnlich. Aus Instinkt gesellig, pflegte sie doch ihren eigenen Willen dem der Gesamtheit oft entgegenzustellen, und war bei oller Weichheit keineswegs friedfertig. Sie war sehr be- scheiden, wie sich auch die Drossel gern im Schatten verhirgt, aber in der Arbeit, bei einem Bortrag oder in den Bor- lesungen zeigte sich eine gewisse Eitelkeit, Sucht nach Erfolg, Liebe zur Menge, die man durch das eigene Wort gesangen nahm, und es schien, als ob sie in einem solchen Augenblick über sich selbst hinauswuchs, eine ihr nicht gemäße Größe und Bedeutung bekam, wie übrigens auch die unscheinbare Drossel sich zum Singen gerne auf die höchste Spitze des Baumes setzt. Und sogar ihre etwas brüchige und zittrige Stimme erinnerte an einen Bogel, dessen Gesang nur in den Augenblicken der Entrückung eine sieghafte Festigkeit und Fülle erlangt. Nur wenige Mädchen bezogen nach Beendigung der Schule die Universität. Und auch Manja Woloßkowa wäre ver- mutlich den gewöhnlichen Lebensweg aller gegangen, wenn nicht eine unglückliche Liebe sie aus ihrer Bahn geworfen hätte. Ter, den sie mit aller Leidenschaft ihrer siebzehn Jahre liebte, nachdem sie mit der stürmischen Sehnsucht eines kaum flügge gewordenen Vogels verlangte, dieser Mann sagte ihr hart und kurz, als ob er einen Zweig brach: Du gefällst mir nicht. Deine Schultern sind häßlich. Auch Dein Rücken. Und Kameradschaft— ich habe genug Kameraden. Diese Nacht brachen ihre jungen Kräfte, ihr Unglück ver- baute ihr den Weg zu sich selbst, und desto begeisterter widmete sie sich der Arbeit kür die Allgemeinheit- Sie organisierte die Frauenarbeit in einem der Fabrikviertel Moskaus, man konnte sie drei Jahre lang täglich in Ver- sammlungen der Arbeiterinnen sprechen hören, an allen Arbeiten war sie beteiligt, hielt Vorträge und leitete Kinderheime, leitete politische Werbungen und Hauskom- munen, und vor allem bekämpfte sie mit geradezu fana- tischem Eifer die Eitelkeit und Oberflächlichkeit der Frauen, die lieber ein Modejournal lasen als die Parteiliteratur, und lieber mit ihren Freunden ausgingen als zu ihren Versammlungen. Ohne es selbst zu merken, begann sie die seltsame Rolle einer öffentlichen Anklägerin zu spielen, schwang sich zu einer gefürchteten Sittenrichterin auf, und ihre Stimme bekam schneidende Härte, ihr Verhalten zu Menschen töd- liche Kälte. Bald mußte sie erleben, daß die jüngeren Ge- yossinnen sie flohen, immer seltener zu ihr mit ihren intimen Liebessorgcn kamen, und daß alsbald Lustigkeit und Lachen dort erstarb, wo sie eintrat. Sei es, weil die Mädchen schnellebig waren— nur Vögel kennen eine ewige Jugend—, oder darum, weil es ihr nicht vergönnt war, das Glück eines einfachen Zusammenseins zu empfinden, eines Abends, an welchem eine einzige Hand nicht nur den Mund schließt, der bedeutende Dinge sagen will, sondern sogar die Augen,— sei es wie es sei, zwischen ihr und den Mädchen trat eine immer größere Entfremdung ein. Diese Entfremdung erzeugte eine neue Bitterkeit in ihr, und mit einem Gefühl, das sich in seiner Pein nur mit dem Empfinden vergleichen läßt, wenn man Tand zwischen die Zähne bekommt, begann sie hellhörig das Leben, das ge- wöhnliche Leben der Mädchen zu belauschen. So überkam sie.eines Tages die Erinnerung an das, was damals geschah, als sie geliebt hatte. Sie wußte nicht, daß es keinen gröberen Feind im Leben gibt, als die tote Vergangenheit, die wie ein frisches Grab in die Erinnerung kommt. Denn darin wird nur das Schöne wach, das so unwiederbringlich vorbei ist, wie der Schein des Mondes, der über den Wipfeln erstarb, an jenem Morgen, an dem sie sich dem Geliebten hingegeben. Die wachen Erinnerungen erzeugen Schlaflosigkeit, diese die Angst vor der Vergänglich- keit der Zeit, die Angst erzeugt Hoffnungslosigkeit, endlich Erbitterung. Aber weil Manja ein guter Mensch war, und besonders auch darum, weil sich der Unglaube nur auf sie bezog und nicht auf das gesamte Leben, an dem sie tätigen Anteil hatte, wandelte sich das Gefühl der Erbitterung in Mitleid mit den Mädchen, die so unklug und glücklich mit sich, die so klug und doch so unglücklich war. Aber Mitleid ist nur Wein der Liebe, der nicht bis zur Neige getrunken ist, und in ihrem Gefühl war die Leidenschaft der flam- wenden Erinnerung an die Küsse und die Augen des Ge- liebten, in ihrem Mitleid war Neid um das Lachen der Mädchen, denen das Leben lacht. Sie war ein ehrlicher Mensch, und so konnte sie dies Leben mit den Mädchen nicht mehr ertragen. Sie bat darum, sie von ihrem Posten in der Organisation zu entbinden. Im Büro, wo sie ihre Bitte vortrug, saß ein Genosse, der ebenso wie sie vom Leben enterbt war, verquält in der Menge und der Unfruchtbarkeit der Arbeit, deren Früchte nur die anderen genossen. Er las in ihrem Gesicht, wie in einem offenen Buch, legte seine Hand auf ihre Schultern, mit der wissenden Gebärde des Leidensgenossen, es war wie die Gebärde, mit der die großen Schwingen der Störche ihre Jungen im Nest zudecken. Du müßtest fort, Genossin, fünf Wochen Ruhe, wie? Er überhörte ihre Ablehnung, trat zum Fensler, und sah lange über die Häuser hin, über denen der Dunst der Stadt, der Dunst der Feuchtigkeit bes beginnenden Herbstes stand. Die Vögel beginnen nach Süden zu ziehn. Du müßtest nach Süden, Genossin. Manja erschrak eher über die Plötzlichkeit des Vor- schlages. Er aber achtete gar nicht auf ihren Widerspruch, und während er das Formular ausfüllte, das ihr fünj Wochen Freiheit in der Gefangenschaft des Südens bot, sagte er mit einem warmen Blick: Weißt Tu, woran die Zugvögel zugrunde gehn? Die Wegstttrme sind es, die Stürme auf den Wegen nach Süden, ja, ja. Aber es gibt Stürme, die reißen die Vögel nicht zu Roden, sondern mit sich in die Höhe. Aber Manja verstand keineswegs, was er mit diesen seltsamen Worten sagen wollte. Sie nahm die Papiere, und noch am gleichen Abend fuhr sie in die Krim. (Deutsch von Dr. ft.j Samstag, den 2. Juni 1934. A1BIIT UMD WIRTSCHAFT „Deutsahe' Freiheit" Nr. 124 Oratorien^^' röns^rhOflfCrCDZ? 0,,n^" notleidend orifn audi Mir Däwcs- und YoinigäiilciMfn? z Ehrendo,ch# Wie gemeldet, haben die Schweizer und die holländischen Delegierten ihre Zustimmung zu dem Angebot der Reichs- oank abgelehnt. Die Amerikaner haben unter der Voraussetzung an Oer Konferenz überhaupt teilgenommen, daß keinerlei Diskriminierung zugunsten der Gläubiger irgend eines Landes stattfindet und daß Sonderabkommen außer Kraft treten. In der Berliner Presse wird das Konferenzergebnis als„Zwischenlösung" oder„Transferetappe" bezeichnet, da die Hoffnungen auf eine„Endlösung" sich nicht erfüllt hätten. Dieses habe wohl daran gelegen, daß die ausländischen Vertreter mit einer fast gebundenen Marschroute aufgetreten seien und daran, daß die Reichsanleihen auf Wunsch der Gläubiger von der Debatte ausgeschlossen werden mußten. Im übrigen sei angesichts der verschiedenen Vorbehalte nur eine sehr bedingte Einigung zustande gekommen. Besondere Beachtung verdienen aber die Ausführungen über die Dawes- und Young-Anleihen, auf die sich der Satj beziehen dürfte, daß die„Gfäubigervertreter in voller Kenntnis der Tatsache nach Hause gefahren sind, daß vom *■ Juli ab für keinerlei Transfers Devisen zur Verfügung *tehen, wenn nicht noch ein Goldregen vom Himmel fallen tollte". Noch deutlicher wird die„B erliner Börsen- 2 e i t u n g",".e sogar schreibt, daß sich das Moratorium «fraglos auch tuf die Reichsanleihen erstrecken muß" und daß am 1. Juli k Ine Devisen mehr für den Transfer vorhanden sind. Im Übrig« n wird Roosevelt als Eideshelfer d„ für bemüht, daß die Dawes Zi.-en von 7 Prozent unmors lisch seien. * Dazu schreibt die„Neue Z ü r i ch e r Zeitung" (Nr. 974): Es zeigt sich somit, daß bereits am Tage nach dem Abschluß der Transferkonferenz, in deren Schlußkoimnunique die britischen, französischen und schwedischen Delegierten die Annahme des Angebots der Reichsbank von der Auf- fechterhaltung des Schuldendienstes für die Reichsanleihen abhängig gemacht haben, die Unmöglichkeit dieser Zahlungen unverblümt angedeutet wird. Wie allerdings erwähnt Verden muß, hat die Reichsbank dies im Laufe der Transferverbandlungen den Gläubigerdelegierten gegenüber immer wieder betont, so daß diese Aeußerungen keine lieber- •"asrhung für sie bilden dürften. Zuständig für diese Fragen auf deutscher Seite ist aber der Reichsfinanzminister und nicht die Reichsbank, und von letzterem liegt bisher noJi keine diesbezügliche endgültige Entscheidung vor. Eine solche wird aber abgewartet werden müssen, ehe eine neue Situation eintreten wird, durch die möglicherweise das ganze Konferenzergebnis wieder in Frage, gestellt werden würde. Zuvor dürfte man aber deutscherseits, wie bereits erwähnt, versuchen, auf dem Verhandlungswege mit den ausländischen Regierungen auch in dieser Frage eine Erleichterung zu erlangen. Die anläßlich dieser Ausführungen gemachten Berechnungen geben den gesamten Zinsendienst für die deutschen Anleihen für das laufende Jahr auf rund 600 Millionen Reichsmark an. Nach Abzug des vollen Zinsendienstes für die Reichsanleihen in Höhe von 120 Mill. RM. bleiben rur d 480 Mill. RM. oder 240 Millionen für das t-ibe Jahr. Setzt man voraus, daß gemäß dem neuen deutschen Angebot jeder Gläubiger die ihm angebotene Barquote von 40 Prozent annimmt, so würde sich eine Devisenersparnis für das zweite Halbjahr 1934 von rund 144 Mill. RM. ergeben (unberücksichtigt etwaige neue Sonderabkommen mit de. Schweiz und Hollan'). Zu transferieren wären für diese Zwecke rund 96 Mill. RM.(allerdings erst im ersten Halt- jähr 1935), ferner 60 Mill. für die Reichsanleihen und ru ld 55 Mill. RM. Stillhaltezinsen, also insgesamt etwa 225 Mill. Reichsmark im halben Jahr. Die„Basler Nationalzeitung" schreibt: Das Kommunique der deutschen Reichsbank über die Transferbesprechungen und die daran anschließenden Erklärungen der Gläubigerdelegationen lassen erkennen, daß die Transferkonferenz zwar zu Ende ist, daß man aber von einer Einigung noch sehr weit entfernt ist. Deutschland schlägt seinen Auslandsgläubigern eine Einstellung des Transfer vor, die grundsätdich ein Jahr dauern soll, die aber für diejenigen Gläubiger, die es wünschen, die Möglichkeit bietet, nach sech Monaten die Bezahlung von 40 Prozent der verfallenen Zinsen zu erhalten. Diese Möglichkeit kann aber rückgängig gemacht werden. Die britische, französische und schwedische Delegation haben das deutsche Angebot zwar unter Bedingungen angenommen, aber man muß hinzufügen, daß gerade diese Delegationen nur einen Bruchteil des in Deutschland eingefrorenen Geldes besiffen. Die drei Hauptgläubiger, die Schweiz. Holland und Amerika, haben sich mit dem deutschen Vorschlag aber nicht einverstanden erklären können. Es wurde durch die Schweiz immer wieder darauf verwiesen, daß angesichts der besonderen Lage unseres Landes Sonderahmachungen im Rahmen oder unter Anlehung an die Handelsverträge getroffen werden müßten Dr. Schacht hat selber erklärt, daß nur durch Aufnahme deutscher Waren sich Deutschland die nötigen Devisen beschaffen könne zur Bezahlung seiner äußeren Verbindlichkeiten. Die Schweiz und Holland erfüllen diese Bedingungen Dr. Schachts aufs genaueste. Es muß deshalb unbedingt zu weiteren Verhandlungen zwischen Deutschland und der Schweiz kommen und wir zweifeln nicht daran, daß ein Sonderahkommen in kurzer Zeit Tatsache werden dürfte. Es darf darauf hingewiesen werden, daß in dem Moment, wo die Schweiz und Holland ein Zwangs- clearin für il ren Handel mit Deutschland einrichten würden. ,ich das Deutsche Reich von der Möglichkeit abgeschnitten sehen würde, ausländische Devisen zu erwerben. Bundesrat Schultheß hat anläßlich der Schweizer Mustermesse in Basel mit aller Deutlichkeit den schweizerischen Standpunkt präzisiert. Deutschland konnte sich über deb Ernst der Lage hinlänglich Rechenschaft geben. So wie.!e Dinge also gegenwärtig liegen, ist der Versuch, nach wochenlangen Verhandlungen eine Generalregelung zu treffen, nicht geglückt. Es wird sich zeigen, inwieweit die Spezialverhandlongen mit den einzelnen Gläubigerländern zu Erfolgen lühren. Die„Kölnische Zeitung" berichtet: Die über die ganze Welt bekannte Solinger Schneidwarenindustrie ist in einer beunruhigenden Verfassung. Von der allgemeinen Produktions- und Absatzbelebung hat man hier bisher kaum etwas verspürt. Rund 60 Prozent der Erzeugung gingen in den letzten Jahren ins Ausland. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, daß die Ausfuhr nicht nur mengenmäßig, sondern vor allem auch wertmäßig sich außerordentlich verschoben hat. Gesamt schneid Warenausfuhr nach Jahren(davon rund vier Fünftel auf Solingen) Wert in Jahr Menge in dz Mill. RM Wert in Jahr Menge in dz Mill. RM. 70 148 75 391 61 247 50 153 32 206 29 901 1913 59 511 38 325 1928 72 150 1920 45 171 Inflation 1929 81 597 1924 52 312 48 225 1930 62 814 1925 72 078 68 381 1931 53 138 1926 65 779 62 246 1932 39 541 1927 73 349 67 361 1933 43 597 Gegenüber dem besten Nachkriegsjahr 1929 ist der Export 1933 der Menge nach um etwas über 45 Prozent zurückgegangen; dem Wert nach dagegen um gut 60 Prozent. Der Gesamtwert des Jahresabsatzes an Schneidwaren belief sich vor einigen Jahren noch auf 100 bis 120 Millionen Reichsmark; heute dürfte er auf etwa die Hälfte dieses Betrages zusammengeschrumpft sein. Die durch die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bei den verschiedenen Wirtschaftszweigen eingetretene Belebung hat für Solingen das Geschäft in nennenswertem Umfang bisher nicht gebessert. Allerdings ist die Vergebung von SA.-Dolchaufträgen nach Solingen als wir!schaltbelebendes Moment zu buchen; dabei ist jedoch zu beachten, daß es sich bei diesei Art von Bestellungen nur um einmalige und dem Umlang nach sehrbeschränkte Geschäfte handelt, die auf die Dauer dem in der Schneidwarenindustrie herrschenden großen Notstand nicht abhelfen können. Besondere Hoffnungen waren auch auf das Geschäft in HJ.- Fahrteumessern gesetzt worden, die von den Solinger Firmen erstmalig unter weitgehender praktischer Anwendung von Gemeinschaftsarbeit hergestellt werden. Dabei hat sich aber herausgestellt, daß der Absatz dieser Messer mit dem Ausfall der übrigen Fahrten- und Wandermessererkauft wordenist. Unter diesen Verhältnissen ist die Arbeitslosigkeit in Solingen wesentlich größer geblieben als in andern Gebieten. Wie die folgende Aufstellung zeigt, liegt die Arbeitslosigkeit im So- lingerBezirkweitüberderdesReichs-oder Provinzdurchschnitts: Am 1. März 1934 entfielen auf 1000 Einwohner im Reith 43.1, in Westfalen 45.7, in der Rheinprovinz 56.4, in Solingen 104.2 Arbeitslose. Die Ausnutzung d?r vorhandenen Kapazitäten ist bei den einzelnen Betrieben und der vielseitigen Erzeugung unterschiedlich; im Durchschnitt sind die Anlagen jedoch nur zu einem geringen Bruchteil der Leistungsfähigkeit beschäftigt. Die Betriebe arbeiten im Einschichtrnsystem vielfach nur einige Tage in der Woche Außerdem liegt eine Reihe von Fabriken sogar vollständig still. Die skandlnavlsdien Märkte Verluste Deutschlands zugunsten Englands „Berlingske Tidende" veröffentlicht im Zusammenhang m,t einem Bericht über die Verschiebungen im Warenaustausch der skandinavischen Länder mit Deutschland bzw. England folgende Uebersicht, aus der hervorgeht, wie weit es ^•ngland im Laufe der letzten zwei Jahre gelungen ist, die "kutsche Warenausfuhr von den skandinavischen Ländern zu verdrängen.(Die Zahlen geben den Prozentsatz des deutschen j*. w" englischen Exports am Gesamtimport der betreffenden ■Länder wieder.). Einfuhr aus Deutschland Einfuhr aus England 1930 32 22 34 37 1932 29 21 26 29 1933 28 21 22 27 1930 16 26 15 14 1932 17 22 22 19 1933 18 23 28 21 Schweden Norwegen Dänemark Kinnland. Mit Ausnahme Norwegens ist der deutsche Export in die •kandinavischen Länder zugunsten der englischen ■ renausfuhr beachtenswert gesunken. Am deutlichsten tritt die Verdrängung der deutschen Ausfuhr durch die englische ' Dänemark in Erscheinung, wo es England gelungen ist, •eit 1930 seinen Anteil am dänischen Gesamtimport nahezu *n verdoppeln und damit Deutschland aus der führenden Stellung als Lieferant hinauszudrängen. Nadilassende Goldwanderang In der Entwicklung der internationalen Goldbewegungen ist nach den umfangreichen Transaktionen Beruhigung eingetreten. Der Goldabfluß aus Europa nach den Vereinigten Staaten, der im Laufe der Monate Februar, März und April zu einer Vermehrung der monetären Goldbestände Amerikas um rund 2,86 Milliarden Schweiz. Franken geführt hatte, ist neuerdings ganz ins Stocken geraten. Das amerikanische Schatzamt konnte allerdings auch in der ersten Hälfte des laufenden Monats wieder einen neuen Goldzugang von rund 34 Millionen Franken buchen, der jedoch ausschließlich auf Goldimporte aus Britisch-lndien, Kanada und Mexiko zurückzuführen ist. Goldbestände in Millionen schweizerischen Franken: Ende Ende Mitte Januar April Mai Vereinigte Staaten■, 20 887,0 23 746,8 23 780,5 Frankreich 15 648,4 15 385,1 15 558.0 Großbritannien.... 4 814,9 4 823.2 4 823,2 Belgien 1 971,2 1 948,0 1 948,4 r„,jen 1 936,0 1 865,1 1 865,4 Holland 1914,9 1 649,3 1 672.3 Schweiz 1998,1 1 633,5 1 634,0 Deutschland.»- 464,4 253,1 198,6 Schwarzarbeit Die preußische Polizeiverordnung zur Schwarzarbeit ist Innenminister ergänzt worden; danach ist die Beschäl- tigung einer Erwerbslosenunterstützung beziehenden Person Nicht strafbar, wenn diese dem Arbeitgeber von einem > i-i.:,. nrac uvu. Arbeitsamt zugewiesen ist oder der Arbeitgeber dem Arbeits- »mt die Beschäftigung unter Angabe des vereinbarten Lohns ■ngezeigt hat.— Also wurden vor dieser Ergänzung «Schwarzarbeiter" bestraft, auch wenn sie zugewiesen oder diesem gemeldet wurden. dieser vom Arbeitsamt Strohhut-„Schlacht" Die Strohhutindustrie zählte vor dem Krieg in Deutschland 42 Fabriken, die einen Jahresumsatz von 22 bis 25 Millionen Mark erziehen; heute gibts nur noch zwanzig Betriebe, denen «• überaus schlecht geht. Nun soll im Rahmen der Arbeits- »chlacht eine großzügige Werbung für den Strohhut veranstaltet werden. Eine einheitliche Werbung bei 10 000 Hut Spezialgeschäften soll für den„deutschen Strohhut" Propaganda machen, welche Mätzchen man die Arbeitsschlacht Summe 49 634,9 51 304,1 51 480,4 Im Rahmen der Entwicklung der europäischen Goldbestände verdienen im laufenden Monat hauptsächlich die fortschreitend^ Aufzehrung der Goldreserven der Deutschen Reichsbank und andererseits die anhaltende Wiederauffüllung des im Februar dieses Jahres durch amerikanische Abzüge etwas verminderten Goldbestandes der Bank von Frankreich Beachtung. Deutschlands Goldbestand hat in der ersten Maihälfte erneut um rnnd 55 Millionen Franken abgenommen und ist damit seit Jahresbeginn insgesamt um 278 Millionen Franken oder um 58 Prozent gesunken. Der Goldvorrat der Reichsbank beträgt jetzt nur noch 199 Millionen Franken gegen 1084 Millionen Franken Anfang 1933 und rund 2'h Milliarden Franken Anfang 1931. Basler„National-Zeitung". Von der Reichsbahn „Der Jahresabschluß der deutschen Reichsbahn-Gesellschaft schließt mit einem Fehlbetrag von 136 Millionen RM. ab. Der Ausgleich zwischen Einnahmen und Ausgaben ist im Wesentlichen dur chRückgriffe auf die Reserven herbeigeführt worden."(, Wirtschaftsdienst", 20).— Die Reserven stammen aus den bekannten 15 Jahren der Schmach und der Schande Ausfuhrsorgen In den Düsseldorfer Verhandlungen der Deutschen Rohstahlgemeinschaft und des Stabeisen Verbandes wurde übereinstimmend zum Ausdruck gebracht, daß auf jede-ur mögliche Weise eine Ausfuhrsteigerung herbeizuführen sei, weil hierdurch nicht nur die Devisenbeschaffung gefördert, sondern vor allem auch die Beschäftigungsmöglichkeiten verstärkt werden würden.— Nach offiziellen Berichten weist die AEG. für das Geschäftsjahr 1933 einen Verlust von 26,5 Millionen RM. aus, der zusammen mit dem Verlustvortrag aus dem Vorjahre von 30,6 Millionen auf neue Rechnung vorgetragen wird. Der Umsatz ist infolge rückläufigen Auslandsabsatzes. vor allem nach Rußland, um 40 Millionen Reichsmark auf 180 Millionen Reichsmark zurückgegangen. Kartelle hoch! Der Reichsverkehrsminister hat für das gesamte Spediti- ons-. Möbeltransport- und Lagereigewerbe den Organisationszwang verfügt. Maßgebender Spifcenverband ist der.Reichsfachstand des deutschen Speditions- und Lagereigewerbes. Alle organisatorischen Maßnahmen bedürfen der Zustimmung des Reichsfachstandes.— Zur Vervollständigung der Einfuhrkontrolle ist eine Ueberwachungsstelle für Kautschuk errichtet worden, welche die Versorgung mit Rohkautschuk sicherstellen soll.—Die Ueberwachungsstelle für Wolle hat nach Ablauf des Einkaufsverbotes die Einkaufsgenehmigung für die ein: Inen Unternehmungen bekanntgegeben. Italien beraubt... Im„Wirtschaftsdienst"(20) schreibt ein Dr. Max Riehl über den deutsch-südslawischen Handelsvertrag:„Der Vertragsabschluß mit Deutschland bietet für Südslawien das Gegengewicht gegen die neuen schweren Handelshemmnisse von anderer Seite. Italien beraubt durch die Holzpräferenz für Oesterreich und die gegen des südslawische Buchenholz gemünzte Neuordnung seiner Holzzölle, ferner auch durch die starke Erhöhung der Viehzölle(mit Umstellung Von Stückauf Gewichtsbasis) Südslawien einiger seiner wichtigsten Handelszweige. Und die Dollfußregierung gewährt einerseits ausschließlich Ungarn eine Weizenpräferenz, setzt andererseits eine für Südslawien besonders nachteilig ausschlagende Gemüse-(und Obst) Kontigentierung fest."— Nicht nur aus Riehls Artikel im„Wirtschaftsdienst", sondern auch aus anderen Aufsätzen in Wirtschaftszeitungen ist zu ersehen, daß man im 3. Reich den südslawisch-deutschen Handelsvertrag als eine Aktion gegen die mussolinische Handelsnolitik r_ o. faßt. Barometer aufnennt. Die Versicherungssumme bei den öffentlichen Lebens, er- Sicherungsunternehmungen ist im November Dezembe um 9 Millionen RM. zurückgegangen. ber 193" Pariser Beruhte Pariser Straßenkalender Louis Jouvet, der bisherige Pächter der Comedie des Cbamps Elysees. wird von der neuen Saison an das Athenee übernehmen und die Pitoeffs werden in die Champs Elysees ziehen— zwei kür das Pariser moderne Kunstleben äußerst wichtige Neuerungen. * Fn der Comedie Eran^aise wurde der„Indiskrete", das seit 1919 nicht mehr gespielte Stück von Edmont See, wieder aufgeführt in Gegenwart des Unterrichtsministers. Zahlreiche Montmartre-Leute trugen aus der rue Caulain- eourt den Maler Charles Leandre, einen der alten Garde, zu Grabe. Viele Künstler sprachen an seinem Sarge, besonders auch die Humoristen, deren Getreuester der lebende Leandre gewesen war. Der Montmartre rief durch einen Adjoint dem Toten seinen Abschied zu. * Marcel Barriere hat ein Buch„Wilhelm II. und seine Zeit" in französischer Sprache erscheinen lassen. 5 Der bekannte englische Schriftsteller H. G. Wells ist in Paris eingetroffen.• * Die politischen Flüchtlinge zu Paris betrauern das Ableben des ehemaligen Reichsbannerkameraden Erich Friedmann, der sich als Neunundzwanzigjähriger in einem Montmartre- Hotel getötet hat. Wieder eine Mahnung, endlich der Not zu steuern, endlich den Verhungernden zu helfen, sonst werden noch mehrere solcher Veronalfälle folgen... * Der„Intran" veröffentlicht ein Bild, in dem der befreite Straßburger Eisenbahner Reimer im Kreise seiner Familie in Hemdsärmeln gezeigt wird. * Das„Journal" bringt eine Karikatur von Hermann Röchling, gezeichnet von Keten, mit einer Aufklärung über die wahren Gründe des Diebstahls der französischen Akten an der Saar. * Jean Longuet schreibt im„Populaire" über die Kundgebung an der Mauer der Föderierten. Er erwähnt, daß die „Internationale" von Eugene Pottier. Mitglied der Commune, stammt, und daß die alte„Carmagnole" und die„Junge Garde" gesungen wurde. * Der vor dem Denkmal des Marschalls Ney, eines Sohnes von Saarlouis, niedergelegte Kranz erregt großes Aufsehen. Das Denkmal, Ecke des boulevard Montparnasse- und der avenue de l'Observatoire. steht bekanntlich in der Nähe der Stelle, auf der der alte Haudegen nach seinem Abfall zu Napoleon nach Elba erschossen wurde. Es ist möglich, daß die Erschießung auf dem Platte vor der jetzigen salle Bullier, dem bekannten Versammlungslokal, stattfand. * Aus Lorient wird bekannt, daß das fünfzehnjährige bretonische Mädchen, das von der Silberfuchsfarm des Michel Henriot im Augenblick der Mordtat abwesend war. weil sie an einem großen religiösen Fest teilnahm, jetzt erklärt hat, sie sei von Henriot nicht weggeschickt worden. Das Mädchen bezeugte, sie habe auf Verlangen ihrer Mutter um Urlaub zu dem Fest gebeten. Diese Erklärung ist natürlich von ge- wisser Bedeutung. Deutscher Klub Am Samstag, dem 2. Juni, um 21 Uhr, ist im Deutschen Klub geselliges Beisammensein mit Tanz.— Der Deutsche Klub ist der Treffpunkt aller Nichtgleichgeschalteten. Eintritt für Mitglieder frei. Für Gäste 5 Fr.(Stellungslose 3 Fr.)— Die Adresse des 1925 gegründeten Klubs lautet: Universite du Parthenon, 64, rue du Rocher, Paris 8", am Bahnhof St. Lazare.— Am Sonntag unternimmt der Klub einen Ausflug nach Versailles. 16i. rnnne 43-13 M6tro Piga ile Deutsche Poliklinik Paris, 62., ßue de la Rochefoucauld i| Allgemeine Konsultationen mitlSpcuUiKo. o) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshilfliche Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9—12 und 2—8; Sonntags und Feiertags von IO—12 und 2—4 Uhr Die Affäre Francis Norris und die gefrorene Mark Paris, den 1. Juni 1934. Die Affäre des englischen Anwalts und früheren Obersten Francis Norris, gegen den ein französischer Haftbefehl wegen Geschäfte in gefrorener Mark gerichtet wurde, ist nicht ganz klar. Man erfährt vor allem nicht, wer der Auftraggeber des Engländers, der unmöglich selbst die ungeheuren Beträge besessen haben kann, gewesen ist. Norris war während der Besatzung juristischer Berater der Rheinlandkommission. Er bewohnte in Paris in der rue Marbeau eine Wohnung, zugleich aber auch ein Haus in London. In beiden Hauptstädten unterhielt er auch Büros. Die Ausdehnung seiner Geschäfte muß ungeheuer gewesen sein. Die Presse spricht von 300 Millionen Mark, angeblich soll ihm der Heilige Stuhl allein 15 Millionen Guthaben in Auftrag gegeben haben. Die U n i 1 e v e r, die die Strafanzeige wegen Betrugs gegen ihren Landsmann erstattet hat, ist eine sehr bedeutende englische Gesellschaft. Norris stammt aus einer sehr vornehmen englischen Familie, aus einer der ältesten des Landes. Er soll mit besonders Steuerfragen Gesellschaftsgründungen Wenden Sie sich an F. BRIQUEU LICENCIE EN DROIT ehemaliger Kontrolleur der direkten Steuer, behörden. um vom offiziellen Standpunk' aus beraten zu werden. 25. Bd. Bonne-Nouvelle, PARIS(2), Telefon Louvre 22.93 hohen Finanzkreisen in England, in Holland und USA. zusammengearbeitet haben. Die gefrorene Mark des Herrn Schacht wurde bei den Geschäften, die als sehr kompliziert bezeichnet werden, statt mit 6 Franken, mit ihrem sozusagen „richtigen" Wert, nämlich mit 3.50 Franken gerechnet. Zu diesem Kurse kaufte Norris die Kredite zurück. Der General N o 1 1 e t, früherer Leiter der interalliierten Kontrollkommission, teilt mit, daß er vor einiger Zeit ein Telegramm von Norris erhielt, in dein dieser um Einschreiten gegen die gegen ihn im Umlauf befindlichen Gerüchte bat. Nollet erklärt, daß er sich nicht befugt gesehen habe, diesem Wunsche nachzugehen. Er sagt im übrigen, daß er Norris als sehr korrekten Mann in Dienst und Privatleben kennengelernt habe. Francis Norris ist zur Zeit abwesend von Paris. Es ist anzunehmen, daß die Angelegenheit noch große Wellen schlägt. Existenz Mühle in Luxemburg mit Wasserkraft und Fischerei, zur Einrichtung eines Touristen- und Wochenendheimes geeignet, günstig zu verkaufen. Anfrag. an die..Deutsche Freiheit" Saarbrücken, unter L 101. Arbeitslosigkeit und Geburtenrückgang Es ist, wie schon der kleinste Streifzug durch Paris oder die französische Provinz zeigt, ausgemacht, daß hierzulande die Stempelstelle auch nicht im entferntesten die fürchterliche Bedeutung hat, wie in Deutschland. Auch ist die Abhilfe, die Veranstaltung großer öffentlicher Bauten und Arbeiten, bei dem Gold-Reichtum des Landes viel leichter, als jenseits des Rheins. Dennoch ist. wie eine Wanderung in die Elendsquartiere oder unter die Seinebrücken lehrt, die Ver- powerung gewisser Schichten vorgeschritten, wobei es sich allerdings zum Teil um gewisse Geistesveraulagungen handeln mag, die immer bestanden haben und durch die Krise nur verschärft sind. Die Zahl der amtlich gezählten Stempeler in der französischen Republik ist verhältnismäßig niedrig. Sie betrug am 12 Mai, bei der letzten Zählung, etwa 330 000 Personen im ganzen Lande, davon fast 69 000 Frauen. Immerhin zeigte sich in dieser Zahl, angesichts des Frühlings und der Belebung gewisser Märkte, eine Verminderung um über 3000. Jedoch ist eine Vermehrung um 10 Prozent, gleich etwa 30 000, relativ zum Vorjahre bedenklich. Groß-Paris zählte zuletzt in der Woche vor Pfingsten 2200„Feiernde" weniger, doch blieben noch annähernd 163 000 Pariser oder Vorortbewohner(„Fauhourgiens") auf dem Pflaster liegen. Das ist, besonders relativ zu der Vergangenheit des Landes und seinen Lebensbräuchen, eine Riesenzahl. Und auch in Frankreich kommen solche Tragödien vor, wie jetzt in M a i s e i I I e, wo ein Hafenarbeiter, der im Volksviertel la Belle-de-Mai wohnte, seine zwei älteren Knaben, Jungens von zehn und acht Jahren, nebst der 42jährigen Mutter tötete und sich dann selbst ins Herz schoß. Dieser Arbeiter wird als braver und fleißiger Mensch geschildert, der immer ehrlich für seine Familie sorgte und nur durch die seit mehreren Wochen dauernde Arbeitslosigkeit, aus der ihn alle Wege in die Docks und Transportgesellschaften nicht befreiten, zu der Verzweiflungstat kam. Der Lastträger hatte ursprünglich wahrscheinlich auch noch die Absicht, die beiden anderen Jungens von 5 und 2 Jahren zu töten, aber er unterließ es dann, weil er wohl fürchtete, daß dann der Revolver nicht mehr los gehen würde, wenn er Hand an sich selbst legte. So fand man die weinenden Kinder neben den Leichen, sie riefen nach der'Mütter' * Neben der„Arbeitsschlacht" geht die„Geburtenschlacht" her. Die im 3. und 4. Vierteljahr 1933 in Hitler-Deutschland eingetretene Vermehrung der Geburten um 3 Prozent macht den Offiziellen in Frankreich schwere Sorgen. Soeben wird nämlich auch die Tätigkeit des Storchs im Vorjahre bekannt, — allerdings erzählt man hier nicht von diesem wohl nur im Elsaß auf dem Dach nistenden Langbein, sondern sagt, daß die Kinder im Teiche gefunden würden. Aber gleichviel, es sind 40 000 w e n i g e r als im Jahre 1932, und erschreckender Weise hat zugleich die Zahl der Särge zugenommen. Auf den Pariser„Squares" spielen viele, viele Kinder, im Straßenleben merkt man die Niedrigkeit der Ziffer nicht so, dennoch hat Frankreich im letzten Jahre nur um 21 000 Einwohner zugenommen. Es gab nur 682 000 Kinder in der Wiege, während das um 1870 noch eine Million gewesen war. In Deutschland betrug der Geburten-Ueberschuß dagegen 240 000, in Italien gar 419 000, und am meisten Babys gibts bekanntlich in Rußland. Unter diesen Umständen fürchtet mit.Recht M. Boverat, der Vizepräsident des Geburtenamtes von Frankreich, daß in zehn Jahren, wenn sich das Verhältnis so fortsetzt, die Kinderziffer bis auf etwas über eine halbe Million heruntersteigt, und im Hintergründe lauert der Krieg derer, die die meisten Hände haben zum Handgranatenwerfen und Schleudern von Giftgasen. Es ist an sich ja seltsam, daß ausgerechnet in einer Zeit, in der nicht genug zum Essen für alle da ist, der Kampf um die meisten Wiegen entbrennt, aber dies ist ja nicht das einzige Paradoxon der Zeit... BRIEFKASTEN fröhlich Pfalz- Sie schreiben uns: Wenn man unsere pfälzischen Zeitungen liest, fühlt man sich lebhast an die Hunger» jähre des Krieges erinnert. Da ist von„schwarzer Milch'" die Rebe. Gemeint ist Milch, die unier Umgehung der Sammelstellen im Schleichhandel abgesetzt wird. Aus den Wochenmärkten werden Eier beschlagnahmt, weil sie nicht von der EierverwertungSgenoisenschaft abgestempelt sind.— Gummisohlen werden verboten, weil eS an Rohmaterial sehlt usw. usw. Dem Endsiege entgegen. Maihilde. Eine Freundin im Reiche hat Ihnen geschildert, wie sehr die Frauen über das„dritte Reich" klagen. Die Enttäuschung greife rasch um sich. Ihre Freundin hatte mit einer Nachbarin folgendes Gespräch:„Tag Frau W. Sie sind aber mager geworden: es steht ihnen wohl schön?" Taraus die Antwort:„Ich habe eine Kur mitgemacht." Frage der anderen:„Na, welche denn?" Antwort:„Eine nationalsozialistische". Ruth G. in Warschau Sie bitten uns. davon Kenntnis zu geben, daß Warschau wieder einmal der Schauplatz wüster antisemitischer Eyzeffe war. Trupps von jungen Leuten zogen systematisch in der Stadt umher und fielen jüdisch« Spaziergänger aus der Straße und in den Parks an und mißhandelten sie. In dem Arbeiterviertel Mokotow kam es zu einer wilden Schlägerei zwischen uniformierten Nationalradikalen und jüdischen Arbeitern, bei der die Polizei eingreifen mußte. Bei einem weiteren Zusammenstoß noch Mitter- nacht in dem Cafehaus Bagatela wurden über AI Personen ver- letzt.— Wenigstens im Judenhaß sind also die deutschen und die polnischen Pöbel-Nationalisten geeint. Algeciras. Sie bitten uns, darauf aufmerksam zu machen, daß die früher angesehene und auch jetzt noch best dotierte Zeitung Spaniens A. B C. völlig in das Fahrwasser des Faschismus geraten ist. In der vorliegenden Nummer schreibt das Blatt:„DaS offizielle Organ Hitler», der„Völkische Beobachter", bringt unterm gestrigen Datum aus dem A. B. C., das er für die beste spanische Zeitung erklärt, den Stimmnngsbericht seines Berliner Korrespondenten Eugenio Monte»? über das Saarproblem."— So arbeiten die Herren Hand in Hand Erst läßt Göbbels den Spanier einen Lob- artikel aus das herrliche deutsche Regime schreiben und dann revan- chiert sich der„Völkische Beobachter", in dem er dem spanischen Blatte Weihrauch spendet. Da« große spanische Blatt sollte seinem Berliner Korrespondenten etwa» ans die Finger sehen. Er spekn- liert falsch. Siblrsilcher Freund Einem uns von Ihnen zur Beifügung ge- stellten Privatbries entnehmen wir. daß just in der Nacht zum 1. Mai der Wirt de» Bolksbanses in Leobschütz unter Mitnahm« von 60 000 Mark geflohen Ist. Er war ein„alter Kämpfer" und hat sich für seine Leistungen nun selbst bezahlt gemacht, well er ans das System nicht viel Hoffnung setzte.— In demselben Briese wird geschildert, daß die Messerstechereien sich mehren, seitdem die „bewährten Kämpfer" mit Ebrendolchen ausgerüstet sind. Die Be- völkernng nennt sie Morddolche. Kölsche Jung, Tie wünschen, daß wir unseren Bericht aus Aachen durch einen Hinweis auf die Kölner Wallsohrt am Himmelsfahrts- tage ergänzen AI NM junge Katholiken seien im und am Dom ver- sammelt gewesen. Als die Zehntausend? unter freiem Himmel das Deutschlandlied anstimmten, sei das ein Protest gewesen gegen den Raziterror und das terroristische Horki-Wessel-Lied: Tie Ztim- mung, so schreiben Tie uns, sei in Köln ausgezeichnet— gegen Hit» ler. Es freut uns, daß auch junge Katholiken zustimmend die „Deutsche Freiheit" lesen. T. F., Nancy. Sie machen unS auf einen Bericht im Mann- heimer„Hakeukreuzbaniier" vom IS. Mal über ein« Rede des Gaukulturwarts Fritz Kaiser aufmerksam. Dieser Kuiiurwarl ist ein großer Schimpsbold und Erzähler von allerhand dummem Zeug. So sagte er:„Und endlich kam auch ein ausländischer kotho- lischer Pater nach Baden, um auf einer deutschen Kanzel die niederträchtige und beschimpfende Unwahrheit auszusprechen, mehr als die Hälfte der deutschen Toten des Weltkrieges sei an Ge- schiechtskrankheiten gestorben!!"— Es ist natürlich ausgeschlossen, daß von irgend einer Kanzel solcher Unsinn verbreitet warben ist. C. C. Reuyork. Es ist schön, daß sie unS einen« Brief über die Demonstration gegen den jüdischen Boykott deutscher Waren ge- schrieben haben. Demnach war die Kundgebung doch recht bedeutend: „In Madison Square Garden versammelten sich etwa 19 000 Hitler- Deutsche, auf Einladung des DAWA,(Deutsch-Amerikanischer Wirt- schaftsausschugl, um gegen den jüdischen Boykott deutscher Waren zu demonstrieren. Etwa 700 Polizisten hielten in der Umgebung des Versammlungssaales, wo sich Tausende Anii-Hitler-Deutsche zu einer Gegendemonstration versammelten, die Ordnung aufrecht. Es kam zu kleineren Schlägereien, in deren Verlauf sechs Personen verhaftet wurden. Im Saale selbst, der. mit Hakenkreuzen geschmückt war, oersahen 600 uniformierte Hitlerleute den Ordnungsdienst. Als erster Redner erklärte Henry Spier, Direktor des DAWA., der DAWA.-Adler werde über den gesamten Bereinigten Staaten schweben Auf seine Forderung erhob sich die Versammlung zu einem donnernden„Heil!" Der Schriftsteller Georg Sylvester Biereck, angeblich ein Abkömmling der Hohenzollern, der sich bis zum Siege Hitlers als Judenfreund gab und immer hinter jüdi- scheu Führern her war, war der Hauptredner auf der Kundgebung." — Sylvester Vierecks Vater war ein natürlicher Sohn des Prin- zen von Preußen, späteren Kaiser Wilhelm I. Biereck senior war sozialdemokratischer Reichsiagsabgeordneter und ist während deS Sozialistengesetzes nach Nordamerika ausgewandert. Utrecht. Der Oberpräsident Kube hat in seinem Rekord-Schmäh- artikel die Juden Coyoten genannt. Wir haben das mit„Farbigeübersetzt. Sie versuchen nun, uns zu belehren, indem Sie uns schreiben:„Aber, aber... habt Ihr denn nie Karl May gelesen? Dann würdet Ihr wissen, daß Coyoten keine Farbige sind, sondern Präriewölse, bekannt wegen ihrer Feigheit, also so eine Art SA. der Tierwelt." Wir hatten bisher nur gewußt, daß Karl May der Lieblingsschriftsteller des Reichskanzler ist. ES ist aber gewiß mög- lich, daß auch die Oberprästdenten ihre Fantasie und ihren Stil an Karl May bilden. In der Vielfalt der Menschen rasten sind Coyoten jedenfalls eine-Mischung von Ouorteronen mit Mestizen. Lugano. Es ist richtig, daß Dr. Stadtler von seiner führenden den Stellung im Ullstein-Verlag zurücktreten mußte. Sucht man nach dem Begbahner des Nationalsozialismus, so wird man an dieser seltsamen Erscheinung des Nachkriegs-Deutschland nicht vorüber- gehen dürfen. Dieser Katholik hat frühzeitig die Brücken zum Zen- trum abgebrochen und ging mit Martin Spahn zu den Deutsch- nationalen: gleichzeitig spielt er auch im Stahlhelm eine nicht unbedeutende Rolle. Im Frühjahr 103» verließ er die Hugenberg- Partei, Warum die Brüder Ullstein ausgerechnet aus ihn kamen? Sie glaubten, in ihm den geeigneten Verbindungsmann zu besitzen, um die Gleichschaltung etwa» nach der Richtung einer geistigen Vertiefung hin zu verdecken. Daß es nicht gelang, wurde schnell offenbar. Der Schimmer von Selbständigkeit vertrug sich nicht mit den Konkurrenzinteressen der braunen Zeitungsmonopolisten. Heut« läuft Stadtler neben dem Wagen her, den er selbst mit in Gang brachte. Sein Schicksalsgenosse ist Martin Spahn. Für den Gesamtinhalt verantwortlich: Johann Pitz In Dud- weiler: für Inserate: Otto K u h n in Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrück«» 8, Schützenstraß« 5.— Schließfach 776 Saarbrücken.