Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 125— 2. Jahrgang Saarbrücken, Sonntag Montag, 3. 4. Juni 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inhalt Die neue Qettfee Vertagung Seite 2 7 leue Vectcauensratsjvahl Seite 7 Qecing an seine{Berliner Seite 3 Deutsche an der JUoiera Seite 5 Sturmtas:13. Januar 1935 Kampf für Deutschlands Freiheit an der Saar rx f Die Verhandlungen zwischen Italien, Deutschland und Frankreich haben zu einer Einigung über die Saar- obstimmung geführt. Als Abstimmungstermin ist der lZ. Januar 1935 vorgesehen. Am Montag wird der Völkerbundsrat in öffentlicher Sitzung zu der Einigung Stellung nehmen und gleichzeitig die Mitglieder der Abstimmungskommission ernennen. Saarbrücken, 2. Juni. In Saarbrücken bedecken sich an diesem Samstag die Hauser mit Fahnen. Um die Mittagsstunde haben die Kirchen feierliches Geläute. Für 6 Uhr abends sind Dank- gottesdienste angesetzt. Ob nur für eine Konfession oder sur alle konnten wir räudigen Schäflein noch nicht erfahren. Jedenfalls ergeht das Kommando der„deutschen Front" an alle, die Entscheidung von Genf als einen Sieg des deutschen Nationalismus zu feiern. Der Völkerbund, gestern noch ein niederträchtiger Verschwörerklub zur Entrechtung Deutschlands im allgemeinen und zur Herab- Würdigung des Saargebietes zu einem Negerstaat im be- sonderen, wird sachte als Hort freiheitlicher Entschei- düngen zu loben begonnen. Ganz von ferne taucht sogar die Möglichkeit eines Verstehens mit den Franzosen auf. die eben noch wieder einmal das oerniggerte Volk West- europas waren. Der befohlene Freudenausbruch aller Hitlerfilialen an der Saar zeigt, wie besorgt die so siegesgewiß tuenden Herrschaften waren. Sie fürchteten jeden Monat, um den die Volksabstimmung an der Saar hinausgeschoben wor- den wäre. So wenig sicher sind sie der Festigkeit des Regimes in Deutschland. So unbehaglich ist ihnen der Gedanke, die rapid wachsende Ernüchterung im Reiche könne noch vor der Abstimmung entscheidend in das Saargebiet vordringen. So sorgenvoll blicken sie auf die Devisenlage, auf die Handelsbilanz, auf die Teuerung, auf die Währung, auf die Rassenhetze, auf die Katholiken- Verfolgung, auf die Rüstungspolitik, auf die außenpoli- tischen Narrensprünge, auf die innere Zersetzung des «dritten Reiches".—„Nur noch 225 Tage!" rufen die Zeitungen der„deutschen Front" ins Land. Immer noch 225 Tage! So meinen sie es in Wirklichkeit. Die deutsche Freiheitssront an der Saar weiß, daß ihr ein Kampf bevorsteht, der die Anspannung aller Kräfte erfordert. Auch die Einigung aller, die aus politischen An- schauungen und aus deutschen Sorgen, wie immer sie be- gründet sein mögen, heißen Herzens und kühlen Kopfes eine Niederlage der Diktatur wollen. Aus Haß und Leidenschaft gegen deren Barbarei, aus tiefster Liebe zu Deutschland und zur Größe seiner Nation. Weil die Quellen unseres Widerstandes so rein, weil der Wille unseres Angriffs gegen die Hitlerschande so deutsch ist wie unsere Zunge, berührt uns keine Aechtung und keine Drohung. Das sozialistische Arbeitsvolk an der Saar beugt sich dem Terror der„deutschen Front" nicht, läßt sich durch die gewaltige Machtentfaltung des„dritten Reiches" nicht schrecken, weil jeder dieser Träger sozialistischer Kultur die Sicherheit in sich fühlt, daß in ihm die besten Tradi- tionen deutscher Kultur mit dem Glauben an eine freie Zukunft seiner Klasse und seines Volkes sich vereinen und jeder Uebermacht und ihrem Terror trotzen. Daß die„deutsche Front" nicht mit geistigen, sondern mit terroristischen Mitteln, ohne die kein Faschismus denk- bar ist, um die Entscheidung ringt, ist auch in Genf an- erkannt worden. Die französische Regierung hat der Fest- setzung eines Abstimmungstermins nur unter der Be- dingung politischer Garantien zugestimmt. Unzweifelhaft muß die Reichsregierung sehr weitgehende Zumutungen angenommen haben, die sie aus nationalem Prestige und aus der Würde nationaler Souveränität weit von sich ge- wies n bätte, wenn ihr nicht schwerste inner- und außen- politische Sorgen Vorsicht auferlegten. Womit noch nicht gesagt ist, daß irgendwer in der Reichsregierung auch nur entfernt daran dächte, irgend eine der übernommenen Garantien wirklich zu erfüllen. Daruber müssen sich d.e anderen Kontrahenten klar sein. Wir sind gespannt zu erfahren, welche Garantien sie ihrerseits gegen einen notorilck betrüaerilcken und vertragsbruchigen Partner notorisch betrügerischen aufgerichtet haben. ijuucu. -ten Zeitungen der„deutschen Front" W bei dem(Se- oanken an Garantien nicht ganz wohl zumute. Das Ab- .t'mmungsobergericht über den Abstimmungstag hinaus und seine spezielle Aufgabe.„Diskriminierungen" zu be- «trafen, macht den Terroristen einig? S"ro? Zie wissen Nicht genau, welche Möglichkeit diese Gueantie und ähu» liche Sicherungen für die Gegner der„deutschen Front" eröffnen. Dennoch wird die Festsetzung des Abstimmungstermins sofort mit neuen terroristischen Drohungen begrüßt. So schreib» die„Saarbrücker Zeitung", die sich ihre Subven- tionen aus den Blutsummen des„dritten Reiches" beson- ders eifrig zu verdienen bestrebt ist: keinesfalls aber dürfen die noch nicht näher bekannten „Garantien" für die deutschfeindlichen Ele- m e n t e ein Freibrief sein, der ihnen die Fortsetzung ihres verantwortungslosen Treibens ermöglicht. Und weil wir diesem Treiben nicht länger ausgesetzt sein wollen, des- halb erwarten wir, dah der Völkerbundsrat möglichst bald die Abstimmungskommission ernennt und sie umgehend ins Saargebiet entsendet. Das Klingt wie die lächerliche Forderung, als solle die Abstimmungskommission alle die Saarländer in ihrer politischen Betätigung hindern, die sich als Gegner der „deutschen Front" bekennen. Natürlich ist daran nicht zu denken, aber ohne terroristische Wunschbilder geht es nun einmal bei den Knechten der deutschen Diktatur nicht ab. „Deutschfeindliche Elemente!" Das ist die Sprache wil- helminischer Borniertheit von den oaterlandslosen Ge- seilen, von der Rotte von Menschen, nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen. Das ist die Verblödung bürgerlicher Hurrakanaille, die jahrzehntelang lügnerisch Deutschland in Nationale und angeblich Antinationale zerrissen hat. Das ist die Vergiftung jedes politischen und moralischen Kampfes um Verfassung und Kultur der Nation. Wir pfeifen auf diese Diffamierung. Wir verachten die Geschäftspatrioten, von denen sie ausgeht. Ihre drei- testen schwarz-weiß-roten und ihre längsten Hakenkreuz- sahnen können die Schande nicht verbergen, daß gerade deutsche Moulpatrioten in der Stunde der Gefahr Deutsch» land immer wieder verraten haben. Nicht umsonst müssen ihre gekauften Federn immer wieder gerade einen sozial- demokratischen Dichter zitieren und sein Wort von dem ärmsten Sohn, der in Deutschlands höchster Gefahr sein treuester war. „Deutschfeindliche Elemente". Wie schlimm wäre es mit dem Deutschtum an der Saar bestellt, wenn die breiten Kolonnen derGegner dieser sogenannten„deutschenFront" deutschfeindliche Kräfte wären: Sozialdemokraten, freie Gewerkschafter, Arbeitersport und Arbeiterjugend. Kom- munisten, Pazifisten, katholische Priester und katholische Laien in großer Zahl, die bedrohten jüdischen Volks- genossen und alle, denen die Freiheit deutschen Geistes nicht feil ist um Uniformen und Kommißstiefel. Diese „Elemente" werden in den 225 Kampftagen, die vor uns liegen, noch zeigen, was sie unter Deutschtum verstehen und niemand wird uns auf deutschem Boden und inmitten einer deutschen Bevölkerung daran hindern. Neben der Sozialdemokratie und den sonstigen Organi- sationen der Freiheit sind es die Kommunisten, die heute als erste auf den Plan treten. Eine Proklamation der Kommunistischen Partei schafft Klarheit über ihr saar- politisches Ziel. Die kommunistische Partei Deutschlands ist mit uns entschlossen, das Arbeitsvolk an der Saar dem deutschen Sklavenregime nicht preiszugeben. Die Kom- munisten begründen ihren Entschluß mit anderen Worten als wir. und ihre Agitation wird sich in anderen Bahnen bewegen. Das ist selbstverständlich und ist leicht zu er- tragen. Eins aber tut not: Zusammenraffen aller sozialistischen und kommunistischen Kräfte auf das nächste gemeinsame Ziel: die Niederlagedesgemeinsamen Tod- feinde? an der Saar. Der Schlag gegen den Ban- ditismus. der unsere Brüder fesselt und mordet, ob sie nun drei Pfeile oder den Sowjetstern trugen. In den sozialistischen Grundlagen mögen breite Hin- dernisse zwischen den beiden Arbeiterparteien bestehen und viele mögen sie für unversöhnlich halten. Um diese Entscheidung geht es im Saarkampfe nicht. In dem Willen, die faschistische Front zu schlagen, ist volle Einig- Fortsetzung siehe 2. Seite Gestern und tkeute Obwohl es schwierig ist, am eigenen Grabe die Leichenrede zu halten, hat die„Frankfurter Zeitung" das Kunststück fertig gebracht. Sie hat sich an die Oeffentlichkeit gewandt und gebeten, daß man sie nicht für tot halten möge. Die legten persönlichen Bindungen zu ihrer stolzen Tradition sind soeben gelöst worden, und nun ist, den Blick aus dem Massengrab auf erloschene Sterne gerichtet, das Leben erst schön. Stramm in Reih und Glied liegt sie da neben dem Hamburger Fremdenblatt wie der Zittauer Volkszeitung, und es gibt doch ein Fortleben nach dem Tode, sogar nach dem Selbstmord. Das Blatt teilt mit, daß die bisherige Inhaberfamilie Sonnemann-Simon nichts mehr mit ihm zu tun hat. Der bisherige praktische Eigentümer und Leiter des Blattes, Dr. Heinrich Simon, Protestant und Nichtarier, scheidet aus. Das ungeteilte Eigentum erwirbt der„langjährige Inhaber der Minderheit der Anteile", worunter man den I. G. Farbentrust zu verstehen hat— wenn auch in getarnter Gestalt. Ist dies Schicksal gerecht? Die„Frankfurter Zeitung" hat nach dem Umsturz von 1933 zwischen ihren Zeilen öfters die Sehnsucht nach Charakter bewiesen; Charakter selbst brachte sie als Ganzes nicht auf, denn sonst würde sie heute nicht mehr existieren. Es gibt in ihrer Redaktion noch Männer, von denen man nicht annehmen kann, daß sie innerlich kapituliert haben. Die Maßgebenden dagegen sind mit fliegenden Fahnen zu Hitler übergegangen und haben eben dadurch über die anderen triumphiert. Ganz plößlich kam das nicht. Das Blatt war schon lange im Rückgrat weich, lange, bevor Hitler kam. Etwa 1929130 begann der Einfluß der Farbenindustrie. Er mag sich nicht in direkten Forderungen geäußert haben, aber die bisher führenden Redakteure flogen nur so hinaus; ein anderer Teil ging freiwillig, noch andere verloren ihren Einfluß. Das war selbstverständlich keine Konzession an den Nationalsozialismus, der damals nur als Gegner in Betracht kam und scharf bekämpft wurde. Aber es war-überhaupt eine Konzession, und das war das Schlimme. Eine Konzession an den sogenannten Zeitgeist, der, in noch gepflegter Hülle, bereits der faschistische war. Das kam gerade zu dem krampfhaften Bekenntnis zum Liberalismus zum Ausdruck. Denn dieser Liberalismus bedeutet in der heutigen Zeit nichts anderes als Reaktion. Und die Leser verstanden ihn richtig. Bereitschaft zu jeder Unterwerfung in Politischen, wenn das der sogenannten„Wirtschaft" diente. Es ist keine Entschuldigung und keine Ehre für die Propheten dieses Liberalismus, wenn sie diese Folge ihrer Politik anfangs kaum erkannten. Zum tatsächlichen Leiter des Blattes wurde 1930 der Berliner Korrespondent Dr. Rudolf Kircher, der die Zeitung bisher in London vertreten hatte. Kircher drückte praktisch Simon immer mehr an die Wand; unter dem Schriftleiter- geseß des„dritten Reiches" wurde er auch offiziell der Chefredakteur. Er gab in den legten Monaten dem Blatt jene üble Note, die es praktisch zum Betrüger an harmlosen Lesern werden ließ. Während zwischen den Zeilen immer noch eine gelegentliche Kritik versucht wurde, forderte Kircher die Leser auf, sich zum„dritten Reich" zu bekennen. Eine noch dunklere Figur war der Pariser Korrespondent Sieburg. Er ist persönlich seit langem mit Göring befreundet, wohl noch aus der Zeit her, als sie gemeinsam in Kopenhagen lebten. Sieburg ist offen als Werber für das„dritte Reich" aufgetreten; er hat damit weder in Paris noch in Warschau das Ansehen seines Blattes gemehrt. Wenn Heinrich Simon jeßt ausscheidet, so trifft das Schick-• sal keinen Unschuldigen. Gewiß, wenn er die Tradition des Blattes bereits in früheren Jahren entschiedener verteidigt hätte, so hätte er damit gewiß das„dritte Reich" nicht verhindert. Aber in seiner politischen Unentschiedenheit drückt sich die Ziellosigkeit einer ganzen Generation bürgerlicher Politik aus, die leßten Endes an allem schuld ist. Simon hat auf seine Art bis zuleßt geglaubt, die sogenannte Unabhängigkeit der„Frankfurter Zeitung" bewahren zu können. Sie ist zum Schluß sogar unabhängig von ihrer Tradition und ihren demokratischen Idealen geworden— und darum liegt sie heute mit Recht neben 3000 anderen Blättern im Massengrab der deutschen Pressegeseßgebung. 'Argot Fortsetzung von Seite 1. heit da. Sie mutz in einem Waffenstillstand zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, auf das Saarziel be- grenzt, zum Ausdruck kommen. Beide Parteien stehen vor verantwortlichen Entschlüssen. Man muh sie zu- sammensühren. Alle Antifaschisten des Saargebietes müssen diejenigen in beiden Lagern zur Vernunft zwingen, die etwa nicht begreifen sollten, was die Stunde gefchla- gen hat. Tie Entscheidung in Genf hat in einer wichtigen Frage Klarheit geschaffen. Die Ungewißheit ist gewichen. Tag und Ziel stehen vor uns. Wir grüßen den Kampf, der das Element unseres Lebens ist Wir oertrauen den Mannern und Frauen der Arbeit, die an der Saar heroisch sich er- heben gegen alle Macht und alle Schrecken des furcht- barsten Diktatorentums der Welt. Wir lassen nicht zu, datz die erstickende Pest vordringt an die Saar. „Trotze, so bleibt dir der Sieg!" Wir leisten Widerstand bis zum äußersten. Wir greifen an. Wir werden siegen. Dennoch und allen Fahnen and allen Kirchenglocken zum Trotz.''. In diesen 225 Tagen darf es nur einen Gedanken geben, nur einen Willen: Nieder mii Hiller! Vernichtung dem faschistischen Bandiiismus! Geschlossene Front aller Sozialisten! Einigung aller Antifaschisten, aller Freiheitskämpfer an der Saar! Geeinte Aktionen gegen den einen Feind und für das eine Ziel: Niederlage der verwüstenden Barbarei und Sieg von Wohlfahrt und Kultur! Kampf an der Saar für Europas Frieden und Deutsch- landS Freiheit! * Die Bedingungen — denen Hitler-Deutschland sich beugte Aus Grund der Verhandlungen, die in den vergangenen Tagen in Gens unter Vorsitz des Barons Aloisj erfolgte, ist der Abstimmungotermin für das Saargcbiet aus den 13. Januar festgesetzt worden. Dieser Verständigung gingen lange sehr schwierige Auseinandersetzungen über die Garan- tiesorderung voraus, die vor allem von Frankreich zur Siche- rung einer freien, geheimen und aufrichtigen Abstimmung ausgestellt worden waren. Hitler-Deutschland hat in letzter Stunde alle entscheidenden For- derungen nahezu bedingungslos angenom- m e n. Die wichtigsten Bestimmungen des Abkommens kanten: 1. Polizei Die Regierungskommission des Saargebiets erhält die Er- mächtigung, die Polizei durch heimische oder ausländische Polizeikräste zu verstärken. 2. Schuh der Bevölkerung gegen Repressalien Die Entschließung des Rates dehnt zn gleicher Zeit auf Grund des 8 Sit des Saarftgtuts d ie de n A b st t m» m u n g s b e r e ch t i g t e n gewährten Garantien aus alte Einwohner des Saargebietes aus. Deutschland und Frankreich verpflichten sich, daß beide«tag- ten, ihre Agenten und Organe sich jeder Repressalie und jede» unterschiedliche,, Behandlung ent- halten. Ferner verpflichten sie sich, irgendwelchen Hand- lilnge„ von Privatpersonen vorzubengcn und gegen alle einzuschreiten, die gegen diese Grundsätze verstoßen. 3. Abstimmungsgerichte bei Verstößen Kenn trotz dieser Verpflichtungen Eiwohner des Saar- Gebietes Opfer von Repressalien werden oder Grnnd zur Beschwerde wegen unterschiedlicher Behandlung zu haben glauben, stehe,, ih„e„ zwei Rechtsmittel zur Verfügung: 1. Sie könne» das Abstim vi ungsgericht anrufen, das für eine Ucbergangspertodc von gcbietes an die Macht, zuma.alleeinbk!i!mlhwyumlhiv:iümlh einem Fahr, gerechnet von der Ucbergabe des Saar- gebictes an die Macht, zu deren Gunsten die Abstimmung ausgefallen ist, d. h. also für eine Zeit von 1'/. bis t Fahren nach der Abstimmung, bestehen bleibt. Die- ses Abstimmnnas^'icht, das bereits in dem vorläufigen Bericht des Dreier-Ausschusses nebe,, der Abstimmungokom- Mission vorgesehen war. wird aus neutralen Richtern zusammengesetzt sein, die demnächst ernannt werden. Es hat über alle mit der Abstimmung zusammen- hängenden politischen Delikte zu entscheiden Die„rreihelfsfront" Irilf in den Kampf „Deutsche Front" wurde ins Hotel geschickt Die„Volksstimme" berichtet aus Genf: lieber die Einzelheiten der Garantien, Sie Hitlerdeutsch- land gegeben hat, ist nur soviel bekannt geworden, daß es sich nicht nur um Zusagen, sondern um reale Garantien bezüglich P o l i z e i v e r m e h r u n g, Ter- r o r b e s e i t i g u n g, Festsetzung einer Ueber- gangszeit nach der Abstimmung und un beschränk- ten völkerrechtlichen Schutz für alle Saar- bemohner aus unbegrenzte Zeit nach der Absti n, in u n g handelt. Ueber die'übrigen Garantien ist'bis zur Stunde näheres noch nicht zu erfahren. Das Ab- kommen ist noch nicht fertig, da über Einzelheiten und auch über technische Dinge noch Verhandlungen erforderlich sind. Voraussichtlich wird der Völkerbuudsrat in seiner Montag- sitzung zum Schluß kommen. Die hier anwesende Delegation der sogenannten„deutschen Front", bestehend ans den Herren Hermann Röchling, P j r r o, L e v a ch c r, K i, e f e r usw.. steht in auS- gesproch.ener Opposition zu den von Hitler, deutschland eingegangenen Verpflichtungen. Sie ist aber anis schärfste von den Vertretern des Hitlersystems und seines Außenministeriums, Herrn von Leisner, desavouiert und ins Hotel geschickt worden.. Hitlers Wunsch ging dahin, unter allen Umständen eine Datumsfestfetzung, wenn auch nur eine provisorische, zu er- langen. Tie wachsenden Schwierigkeiten seines SnstemS im Innern und die fortschreitende Desillusioniernng der drei- testen Bevölkerungsschichten.in Deutschland und amder Saar gegenüber dem Hitlersnstem siegte schließlich über die ab- lehnende Haltung der sogenannten„deutschen Front". Diese weigerte sich hartnäckig, auf ihre Hauptmasse, den skrupel-, losen Terror, zu verzichten und die weitgehenden Garantien anzunehmen. Nur Unter der Voraussetzung der vollständigen Annahme der Garantieverpflichtungen war der vorläufige Abstimmungstermin zu erlangen. Die Hitler- deutsche Politik der Wilhelmstraße entschied sich für die restlose Annahme der Bedingungen gegen die sogenannte „deutsche Front". Die Freiheitsfront des Saargebietes hat dieses Ergebnis mit Ruhe und Besonnenheit ausgenommen. Es wäre.hr zweifellos lieber gewesen, wenn eine Datumsestsetzung er st nach der wirklichen Terrorbcseitigung erfolgt wäre. Aber die bedingte D a t u m s f e st- setzung, gebunden an die vorherige Garantieerfüllung durch die Terroristen des Hakenkreuzes und die sonst er- folgende gänzliche Aussetzung der Abstimmung ist jeden- falls ein zweischneidiges Schwert für die Kata- strophenpolitik des„dritten Reiches" und ihrer Jünger vom Hakenkreuz an der Saar. Die Dresse England London, 2. Juni. Die englische Presse verzeichnet mit Befriedigung, daß eine deutsch-französische Einigung über die Saar-Abstimmung erzielt worden ist. In dem„Times"- Bericht heißt es: Das deutsch-sranzösische Abkommen ist der erste Erfolg für die Methoden der Versöhnung und der freundschaftlichen Besprechung, die sich auf den gegenwärti- gen Sitzungen in Genf ergeben hat. Es wird daher vielleicht den ersten Schritt aus der hoffnungslos verfahrenen Lage zwischen Deutschland und Frankreich darstellen. Frankreich Paris, 2. Juni. Der Verlauf der Freitag-Besprechungen in Gens hat in der gesamten französischen Presse Genugtuung ausgelöst. Sowohl der Abschluß der Verhandlungen über die Taarabstimmung, als auch die Wendung in der Abrüstungs- frage scheinen die französischen Wünsche vollauf zu befrie- bigen. Die Blätter weisen allgemein daraus hin, daß Frank- reich in der Taarabstimmungssrage nicht mehr habe erreichen können, als es erreicht habe. Lediglich Pertinax macht einige Vorbehalte und stellt fest, daß es sich hier um eine diplo- matiiche Klugheit handle, die selbstverständlich nicht alle fran- zösischen Wünsche befriedigen könne. Deutschland habe er- reicht, daß die Volksabstimmung so früh wie möglich statt- findet. Der französische Außenminister habe es für ange- bracht gehalten, in der Saarabstimmungssrage„Ballast" ab- zuwerfen, um sie nicht noch mehr zuzuspitzen. Man müsse jedoch trotz des Zustandekommens daran zweifeln, ob nnn- mehr alle Meinungsverschiedenheiten in dieser Angelegen- heit als beigelegt betrachtet werden könnten. Klare Parole der Kommunisten „Wir stimmen liir Status quo" Einem Aufruf der Kommunistischen Partei im Taargebiet entnehmen wir diese entscheidenden Sätze: „Die nüchterne Einschätzung der Klassenkräste des Saar- Proletariats» das Vorhandensein der drei starren, vom Ver- sailler Bertrag diktierten Barianten der Stimmabgabe, die Tatsache, daß die Lagerung der Klassenkräste uns noch nicht erlaubt, den Kamps um die proletarische Diktatur zu beginnen, veranlaßt uns Kommunisten^ bei unbeirrtem Festhalten an dem Ziele der Ausrichtung eines rote» Saar- gebiets in Rätedeutschland, den Werktätigen der Taar vor- zuschlagen, von den drei zur Abstimmung stehen- den Varianten für die Beibehaltung des jetzige« Zustandes, also für den Status quo zu stimmen. Wir Kommunisten erklären offen, daß wir dadurch einen günstigeren Kampsboden für unseren End- kämpf gewinnen wollen zur verstärkten Rüstung für die so- ziale und nationale Befreiung der Saar." * In einem längeren Aufsatz der kommunistischen„Ar- b e i t e r- Z e i t u n g" heißt es weiter: „Wir wählen Status quo, nicht, weil mir damit unser revolutionäres Ziel aufgeben. Nein gerade darum, weil wir un- verfälscht daran festhalten, darum wählen wir vor- übergehend Status quo, um besser und schneller die revolutionären Kräfte zu entwickeln. Aber unser Jawort für Status quo ist hinfällig und unsere vertragliche Abstim- mung gilt als zerrissen in dem Moment, wo das deutsche Proletariat zum siegreichen Machtkamps ansetzt. Dann wer- den auch wir— vielleicht sogar als Stoßbrigade der deut- scheu Revolution zuerst— ansetzen und uns sozial und national befreien, iin festen internationalen Bündnis mit dem französischen und deutschen Proletariat. Unsere Stellung zum Völkerbund und zur Völkerbunds- regierung im Saargebiet ändert sich dabei nicht im gering- sten. Der Völkerbund ist nickt unser Völkerbund. Zwar kann der Völkerbund sich infolge der Interessengegensätze der imperialistischen Mächte zeitweilig und vorübergehend als ein Hindernis gegen den Ausbruch des imperialistischen Weltbrandes erweisen. Aber das ändert nichts an dem'api- talistischen Charakter des Völkerbundes. Wir fordern nur um so entschiedener vom Völkerbund f ir die Zeit des Slatus quo a» der Saar Demonstrations- und Versammlungsfreiheit für die Arbeiter." n- Diese Erklärung ist von großer Wichtigkeit. Hinter den Kommunisten stehen große Massen des Fndustrieproletariats an der Saar, die jetzt zum ersten Mal eine klare Parole erhalten. Wir lassen den Glauben, von der Taar aus die Stoßtrupps zur Erlangung Towjet-Deutsch- lands ausschicken zu können, auf sich beruhen. Denn wichtiger ist die klare Entscheidung in der aktuellen politischen Situation, die die Kommunisten in begrüßenswerter Deut- lichkeit geben. lienl- nieder vertagt! Der thrklsdie Außenminister wirft in letzter Stunde erneut die Slcherheitsfrage auf- Befriedigung in Frankreich G-ns, 1. Juni. Nach stundenlangen Verhandlungen im Hauptausschutz der Abrüstungskonferenz brachte in den Abendstunden der f ch w e b i i ch e A u tz e n m i n i st e r im Namen Schivedens, Norwegens, Dänemarks, Hollands, Spaniens und der Schweiz eine Entschließung ein, in derem ersten Punkt der Hauplaudfchuß aufgefordert wird, einen Tonderausfchutz zu ernennen, der ohne Ausschub die Frage der Ausfüh- rungs- und Sicherheitsgarantien prüfen und dem Büro der Konferenz eine» Bericht vorlegen soll. Fer- irer brachte der türkische Außenminister Ruschdi Ben eine Entschließung ein, in der er ebenfalls die s o f o r t i g e P r ü- fung des Sicherheitsproble ms verlangte, um vor allem in Europa zu allgemeinen oder regionalen Abkommen zu gelangen, die dem Locarnopakt oder dem Balkanpakt ähnlich sind. Ferner fordert er darin die Ausarbeitung von Protokollen zur Verhinderung des chemischen Krieges, zur Veröffentlichung des Kr egsctats und zur sofortigen Bil- dnng einer ständigen Abrüstungskommission, die zu gleicher Zeit, eine Kontrolle der Abrüstung und der Sicherheit aus- üben soll. Ter rumänische Außenminister Titulesku erklärte sich im Namen der Kleinen Entente und der griechische Außen- minister Maximos im Namen des Balkanblocks mit den Vorschlägen der Türkei einverstanden. Hendersv» schlug dann am Schluß der Sitzung vor. den Hauptausschuß bis zum nächsten Mittwoch zu vertagen, damit das Büro bis dahin die heute eingebrachten Entschließungen prüfen und eine davon dem Hauptausschuß zur Annahme unterbreiten könne. -i- Aus Grund des Verlaufs der Sitzung des HauptauS- fchuffes bat Frankreichs Sicherheitsthese wieder neue An- Hänger gewonnen! Auch die englische Regierung scheint in diesem T nur einzulenken. Barthou hatte heute nachmittag eine lange Unterredung mit Sir John Simon, die einen sehr herzlichen Verlauf nahm. An der Freundschaft Englands und Frankreichs ist also nichts geändert, so daß Deutschland seine bisherigen Bemühungen, England gegen Frankreich auszuspielen, wird ausgeben müssen. ♦ Die französische Presse begrüßt den Verlauf der gestrigen Sitzung mit großer Befriedigung und stellte sich zu einem großen Teil einhellig hinter die Forderungen des türkischen Außenministers und seine Entschließung. * Simons Abreise— Eden bleibt da London 2 Juni Der plötzlichen Abreise Simon» von Genf wird in der Mvrgenpresse im allgemeinen keine be- sondere Bedeuurug beigemessen. Es nvrd erklärt, daß die .Konferenz ohnehin vor dem Abschluß stehe und daß der Lördsicgelbewahrer als rechtmäßiger Vertreter der eng- tischen Regierung in Gens bleibe. Zur beabsichtigten Reise BarthouS nach London meldet Pertinax dem„Daily Telegraph": Es sei klar, daß Barthou unter den gegenwärtigen Umständen hauptsächlich darum be- sorgt sei, den Eindruckzu verwischen, daß die Reden ' TimonS und Barthous in Genf eine Entfremdung zwischen der englischen und der französischen Regierung herbeigeführt haben. Frankreich befriedigt Keine englisch-französische Störung In der A b r ii st u n g s f r a g e zeigt man sich in sranzö- fischen Kreisen nicht weniger befriedigt. Der Vorschlag des türkischen Außenministers wird besonders unterstrichen, weil er den französischen Wünschen in allen Punkten gerecht werbe. Die Blätter weisen in diesem Znsammenhang darauf hin, daß Barthou eine längere Unterredung mit dem tür- kischcn Außenminister Tcwiik Ruschdi Ben hatte, und sagen, man gehe wohl kaum in der Annahme fehl, daß der türkische Plan in seinen wesentlichsten Punkten von Frankreich ange- regt worden sei. Die Abreise des englischen Außenministers könnte den Eindruck entstehen lassen, als ob zwischen England und Frankreich eine starke Mißstimmung vorhanden sei, die nach dem Rededuell der beiden Außenminister nicht erstaunlich wäre. Die französische Presse weist deshalb darauf hin, daß die gestrige Zusammenkunft BarthouS mit Tir John Simon äußerst herzlich gewesen sei und daß Simon im Gegen- teil auf die Dringlichkeit einer französisch-englischcn Zu- sammenarbeit hingewiesen habe. Slafilhelmfflhrer in Schutzhaft Brav sein— sonst Dachau Der bisherige Ortsgruppenführer des NTDFB. lStahl- Helm! in Bederkesa, Dr. Ä o e h r i n g, ist von der Gehei- men Staatspolizei in Wesermünde in Schutz ha st genom- mcn worden, weil er die Uebersübrung der Stahlhelmmit- glieder in die SA. und die SA.-Reserve hintertrieben habe. Die dadurch in den TA.-Formationen und der Bevölkerung entstandene Erregung habe die öffentliche Sicherheit um Ordnung erheblich gefährdet. Die Polizeidirektion Augsburg wendet sich erneut gegen die.Verbreiter unwahrer Gerüchte und Verdächtig» n» gen, gegen bewußte Denunzianten und Mies- wacher, gegen die mit aller Schärfe vorgegangen werde und deren Ausmerzen im Staatsintereskc zn erfolgen have. In nachgewiesenen Fällen hätten die Beteiligten mit der Uebcrführung ins Konzentrationslager Dachau zu rechnen. Po?en verbietet Deirsctie Freiheit" Diktaturen sind einander gefällig Warschau, 2. Juni. Durch Verfügung des polnischen Innen- Ministers' wurde u a. dem„Gegenangriff" in Prag sowie der„Deutschen Freiheit" in Saarbrücken das Verbreitung^, recht in Polen entzogen. „Nimm die Schippe In die Hand Göring an seine lieben Berliner Bon den Litfassäulen Berlins leuchten riesige Plakate Mit der Ueberschrift:„9 Gebote für den Berliner Arbeits- Kampf"(Göring-Plan). Dichte Gruppen stehen davor und lächeln, spotten manchmal auch schon über die neueste An- kurbelung in Knittelversen. Der Göring-Plan sieht so aus: 1- Für alle: Zunächst jedem einen Arbeitsplatz, dann jeden, fernen Arbeitsplatz * Heute gilt allein die Leistung. Die Arbeit erhält ihren Werl erst durch die Gesinnung, in der ste ausgeführt wird. Deshalb muh heute jeder da mithelfen, wo Not am Mann ist. Nur wenn bisher unterbliebene Arbeiten— vor allem auf dem Land und in der Hauswirtschaft- nachgeholt werden, kann die Arbeit in Handwerk und Industrie in Schwung kommen. 2. Dem deutschen Jüngling: Nimm die Schippe in die Hand und geh' aufs Land! * Dort tust Du Deine Pflicht nach unseren heutigen Erkennt- nisten an dem, was der Gesamtheit dient. Du stählst Deinen Körper und schaffst wirtschaftliche Werte. 3. Dem deutschen Mädel: Pack' Kochtopf, Schaufel und Besen an, Du bekommst viel eher einen Mann ->- Erkenne Deine» natürlichen Beruf und— handle danach. Stelle nicht äußere Annehmlichkeiten der Fabrik- und Büro- arbeit höher als die Vorbereitung auf Deinen späteren Haus- frauenberuf. So bleibst Du auch gesünder, frischer und schöner. 4. Dem Arbeitsmann: Pack' an jede Arbelt. die man Dir schafft, nur das gibt Dir und dem Boll wieder Kraft * Ein ungelernter Arbeiter, der was kann und sich bemüht, ist mehr wert als ein Geselle, der pfuscht. Jeder muß dort, wo man ihn hinstellt, ein Meister sein. Feiern schwächt Körper und Geist. Wartet also nicht mehr auf von Euch gewünschte Arbeitsplätze- die Wirtschaft hat i ch geändert. Nehmt freudig die Arbeit aui. die Euch auf dem Land geboten werden wird. Habi Ihr Euch draußen bewährt und eignet Ihr Euch für gewerbliche Arbeit, so könnt Ihr auch später wieder dort einen Platz erhalten.% 5. Die Frau im Beruf: Nicht im Berus kannst Do glücklich sein Dein richtiger Wirkungskreis ist das Heim * Laß nicht die Männer feiern, sondern übernimm Du wieder die Hauswirtschaft: räume Deinen Arbeitsplatz einem Manne ein, der doch sonst unmittelbar aus Deiner Arbeit unter- halten wird. Gelb und Altersversorgung nützt Dir nicht?, wenn Du keinen rechten Lebensinhalt hast und innerlich und äußerlich verkümmerst. 6. Den Führern der Betriebe: Ein Miesmacher nimmt sich und anderen das Brot, ei» Optimist überwindet die Wirtschaftsnot Heute gilt es keine hohen Dividenden, sondern Dienst an der Gesamtheit. Alle Möglichkeiten zur Vergebung von Arbeitsplätzen hast Tu auszunutzen, aber nicht die niedrigen Lohntarife für Jugendliche und Frauen. Gib verheirateten Männern Deine Arbeitsstellen. 7. Unseren Hausfrauen: Stiehl keine Zeit den Kindern nnd dem Mann, nimmt Hilfe eines Dienstmädchens au * Wenn Du einem jungen Mädchen Arbeit und Brot gibst, gestaltest Du Dein Heim lebensfroher und wirtschaftlicher. Dann wird Dein Heim der Quell ständiger Arbeitsfreude für Deinen Mann und Grundlage eines lebenskräftigen Fühlens und Denkens Deiner Kinder. 8. Ten Bauern: Je schlechter es dem Staate ergeht, desto mehr muß kultiviert werde» sFriedrich der Große.) * Bei der gefestigten Landwirtschaft kannst Tu wieder auf lange Sicht wirtschaften. Verbessere Becker, Wielen. Gräben und Wege. Der Staat hilft Dir dabei und Du hilfst dem Staat und vielen Volksgenossen g. Den Dienern des Staates: Wer noch den Schimmel St. Bürokratius will reite», der paßt bestimmt nicht i» die heutigen Zeiten -i- Schiebe Verantwortlichkeit nicht aus andere, sondern sei selbst verantwortungssreudig in Deinem AusgabcnkreiS. Alles in allem: Nur ein bißchen anpacken! Neues Helfen, neuer Kampf An die Arbeiter alier Länder! Am 10. Juni d. I. sind es zehn Jahre, seitdem Matteotti rJ n^?' c& cn der faschistischen Mörder zum Opfer fiel. Die Exekutive der Sozialistischen Arbeiter-Jnternationale fordert alle Mitglieder der Internationale auf, diesen von Trauer und Ruhm erfüllten Gedenktag zu seiern. Sie ruft alle ihre Sektionen auf, in ihren gegenwärtigen Kämpfen das Ge- dächtnis des Helden des Sozialismus, des Märtyrers der Freiheit zu ehren. Matteotti hätte keine andere Rache gewollt als die Be- freiung seines Volkes und den Sieg des Sozialismus. Zehn Jahre find vergangen,— Matteotti ist nicht gerächt, sondern andere Helden, andere Märtyrer sind nach ihm in demselben Kampfe gefallen. Die deutschen und österreichischen Sozia- liste» haben dieselben Verfolgungen erduldet wie die Kamps- genossen Matteottis oder find ihnen ins Exil gefolgt. Hat Mussolini das ZwangSdomizil für seine Gegner eingeführt, so Hitler und Dollfuß die Konzentrationslager. Auf den Barrikaden in Oesterreich find zahllose kämpfende Arbeiter des Schutzbundes gefallen. So dehnt sich die faschistische Pest immer mehr über Europa aus: Von Gewalt und List überrascht, sind unsere tapferen lettischen Genossen dem Faschismus zum Opfer gefallen, ber sozialistische Führer und Arbeiter ins Gefängnis wirft. Die Internationale sendet ihnen den Gruß ihrer brüdcr- lichen Solidarität. In B u l g a r i e n hat der Militarismus die Macht an sich gerissen. In anderen Ländern, in denen die demokratischen Einrichtungen bestehen, bereiten die Faschisten immer dreister ihre Komplotte vor. Die Grausamkeit zur Tücke gesellend, sichert der Faschismus den Kapitalismus, dessen Werkzeug er ist. die Erhaltung seiner Privilegien und verspricht gleichzeitig den Arbeitern das Ende des Elends, das der Kapitalismus ihnen auserlegt. Unverschämt erhebt er den Anspruch, ein Snstem mit Weltgeltung zu sein,- er will nicht nur ein politisches System darstellen, sondern er gefährdet alle Formen des öffentlichen und geistigen Lebens und des individuellen Denkens. Gelingen dem Faschismus noch weitere Erfolge, so würde er die Zivilisation ebenso schmählich zurückwerfen, wie es einst der Einfall der Bar- baren tat. Die Internationale ist sich dieser Gefahr bewußt. Dennoch ist es-in Ruf voll Hoffnung und Ber- trauen, den sie an alle ihre Sektionen und Mitglieder richtet. Der Sozialismus darf den Glauben an sich selbst keinen ..Badisdie Presse" Das Ende einer angesehenen deutschen Zeitung In Baden zeitigt das allgemeine deutsche Zeitungsstcrben besonders viele Opfer. In Mannheim hat kürzlich die „Neue Badischc Landeszeitung" zu leben aufgehört. Ihr folgt jetzt die größte badische Zeitung, die„Badische Presse" in Karlsruhe: wenigstens ist mit dem Ableben dieser Zei tung in Kürze zu rechnen, da sie als selbständiges Blatt nicht wehr existiert. Die„Babische Presse" hatte bereits vor eini- gen Wochen Konkurs angemeldet. Daraufhin wurde das Blatt für mehrere hunderttausend Mark von dem Verlag des„Führers", des in Karlsruhe erscheinenden Hauptblatts der badischen Nationalsozialisten, aufgekauft. Die Abonnen- tenzahl der Zeitung war innerhalb eine? Jahre? von sechzig- tausend auf etwa dreißigtausend zurückgegangen. Da aber Augenblick verlieren. Keinen Augenblick lang darf die Kraft seiner Ucbcrzcugung durch die faschistische Gcsahr, ja auch nicht durch die Siege des Faschismus, erschüttert werden. Wir wissen, daß diese Erfolge unsicher, weil nur Scheinstcgc sind. In keinem der Länder, die der Faschismus beherrscht, ist eS ihm gelungen, ein neues Gcdantensystcm, noch Ordnung in der Wirtschast zu schassen. Selbst dort, wo der Faschismus seine Gewalt hemmungslos übt, setzen todesmutige sozio- listischc Kämpfer ihre Arbeit fort. Nirgends hat man sie ein- zuschüchtern vermocht, keine Verfolgung vermag unsere Idee zu zerstören, weil sie den Tatsachen der Gesellschaft selbst ent- springt. Der Sozialismus hat seine Kraft erprobt und gerade die Grausamkeit des Gegners ist ein Beweis für sie. Die Internationale rust die Sozialisten zu neuem Hassen, neuem Kamps aus. Ihr Ruf gilt gleichermaßen den Genossen in den noch vom Faschismus unterworfenen Ländern wie jenen in den Län- der», wo er bloß eine Drohung ist. Die Mittel des Kampfes sind verschieden, da die Methoden des Kampfes gegen d"n Faschismus notwendigerweise durch das System bestimmt werden, das in jedem Lande besteht, aber der Geist und das Ziel ist das gleiche. Geht es dort darum, die Tyrannei zu stürzen und den Sieg zur Verwirklichung der sozialen Gc- rcchtigkeit auszunützen, so gilt es hier, die Unterstützung des revolutionären Kampfes in den faschistischen Ländern und die Verteidigung der bestehenden Freiheiten gegen die Angriffe der Reaktion zu verbinden mit den größten Anstrengungen, die Macht zu erobern. Die Rolle des internationalen Sozialismus wird um nichts geringer: im Gegenteil, sie wächst mit den Gefahren, die die Arbeiter und die ganze Menschheit bedrohen. Aus der ganzen Erde ist der Kampf im Gange: der Einsatz sind die Lebensrechte der menschlichen Persönlichkeit, das Recht der Arbeiter, der Frieden der Welt. Nur der internationale Sozialismus kann diesen Kamps führen. Nor er kann die öffentlichen und persönlichen Freiheiten voll verwirklichen und sichern, die heute in den demokratischen Länder» Mittel des Kampfes sind und morgen in der ganzen Welt Frucht der sozialen Gerechtigkeit sein werden. Er sammelt um sich alle Menschen, die nicht Sklaven sein wollen. Ihr Platz ist unter seiner roten Fahne. Brüssel, 28. Mai l»S4. Die Exekutive der Sozialistischen Arbeiter-Jnternationale. auch der nationalsozialistische Führer im ersten Vierteljahr 1934 gegen zehntausend Abonnenten verloren hat, so ist es fraglich, ob die„Badische Presse" lange über Wasser ge- holten werden kann. Per Prinz von Wales Und der Karl-Marx-Hof Der OND. erfährt aus London: Bei feinem Besuch der österreichischen Ausstellung in London richtete der Prinz von Wales an den österreichischen Gesandten Krankenstein der ihn begleitete die folgende Frage:„Ist auch ein Bild vom Karl-Marx-Hof hier zu sehen?" Verlegenheit und betretenes Schweigen folgten der Frage des Prinzen bi? der Gesandte schließlich bekennen mußte, baß ein Bild diese? Hauses aus der Ausstellung„leider" nicht vorhanden sei. Gelogen wie gefunkt! Uns wird geschrieben: Der Deutschlandsender stört seit einiger Zeit den Aether durch seinen sogenannten„Blick in die Woche", der außer in deutsch, noch in vier anderen Sprachen gegeben wird, und zwar französisch, englisch, spanisch und portugiesisch. Am lt. Mai war ich zufällig Zeuge einer solchen Sendung. Vier von fünf Nachrichten waren belanglose Marktschreie- reien, erst die fünfte ließ mich aufhorchen. Man hörte da, daß das neue Reich„in seiner stürmischen Ausbauarbeit noch immer gestört werde durch eine Reihe von Korruptionspro- zessen, die es im Interesse der öffentlichen Sauberkeit gegen ehr- und pflichtvergessene Träger des verflossenen marxisti- schen Systems notgedrungen führen müsse". So habe sich soeben Dr. Hermes vor dem Moabiter Strafgericht zu verantworten, weil er ihm anvertraute öffentliche Geld?r zugunsten der von ihm geführten Bauernvereine unterschla- gen habe. Ferner werde in der nächsten Zeit vor dem glei- chen Gericht Dr. S t i n g l erscheinen, der sich bei Vergebung öffentlicher Austräge an die Deutschen Kabelwerke in Für- stenwalde durch Bestechungen persönlich bereichert habe. Der Sprecher schloß wörtlich: „Und nun. meine Damen und Herren, werden Sie viel- leicht fragen, welche Aemter dieser Träger des ver- flossenen marxistischen Systems bekleidet haben? Dr. Hermes war— ReichsiiNanzminister! Dr. Stingl— Reichspostminister! Kommentar überflüssig..." Dazu wäre folgendes zu bemerken: 1. Eine Anklage,>a sogar auch eine Verurteilung in einem Korruptionsproze» ist im„dritten Reich" nur ei» Beweis iür den Vcrnichtungs- willen, mit d der Nationalsozialismus seine Gegner ver- folgt, kein Beweis der Schuld. In diesem Fall werden An- klagen vor dem Urteil parteipolitisch' mißbraucht. 2. D'e schlimmsten Korruptionsfällc in der Republik sind Harm- losigkeiten im Verhältnis zu dem System des Raubs, de? Diebstahls, der Sinekurenwirtschait, das die nationalsozia- listische Diktatur als Ganzes verkörpert. 3. Hermes uno Stingl sind keine„Marxisten", keine Sozial- demokraten, sie waren Mitglieder des Zen- trums und der Bayerischen Volkspartei. Der deutsche Rundfunk lügt in allen Erdteilen und in allen Sprachen der Welt. Wer über keinen Sender verfügt, bleibt gegen seine Verleumdungen wehrlos Ein aufrechter Kaplan Deutsches Erziehungsbildchen Die„Fränkische Tageszeitung" Mr. 114) berichtet: Im Schulhaus Preißlerstraße war eine Zeitlang iür den Religionsunterricht der Kaplan Bieger tätig. Er zeichnete sich dadurch aus, daß er konscauent den deutschen Gruß ver- weigerte Es ist klar, daß die Kinder, die in solchen Dingen sehr streng sind, nun den Kaplan Bieger erst rech« stramm und schneidig mit dem deutschen Gruß begrüßten. Ihm siel es aber gar nicht ein, so zu antworten, wie es kür einen deutschen Volksgenossen eine innere Verpflichtung ist. so daß. wenn er sich nicht als Volksgenosse fühlt, es ihm als Beamten im nationalsozialistischen Staate vorgeschrieben ist. Die Kinder beklagten sich darüber selbstverständlich bei ihren Lehrern, die sich an und für sich durch das Verhalten dieses Kaplans immer mehr provoziert fühlten Weil er selbst nicht vernünftig wurde. wurde er von einem Vertreter des NSLB. zu Rede gestellt. Er war sehr empört und erklärte, daß ihn die Vorschriften eines ReichSminisieriumS oder eines bane- rifchen Kultusministers lPg Schemm) nicht? angingen. Selbstverständlich konnten wir es nicht verantworten daß wir deutsche Kinder diesem Kaplan zur Erziehung in den' heiligsten Dingen weiterhin auslieferten. Er verschwand, aber— darüber find wir sehr überrascht- er tauchte in unmittelbarer Nähe wieder auk. nämlich im Tchulhaus Tiefstraße. Sein Sprung ging nur über die Fitrther Straße hinüber. Seine ganze Haltung, sc'ne absichtliche Ablehnung de? deutschen Grußes beweisen uns klar und deutlich, daß er weder den Willen, noch die Fähigkeit hat. sich dem jetzigen Staat und seiner Erziehungsaufgabe einzufügen. Wir können dem nicht länger mehr zusehen Wir müssen unter allen Um- ständen verlangen, daß ein solcher Geistlicher ausgeschaltet wird von jeder Einwirkungsmöglichkeit auf die deutsche Jugend. Die deutsche Jugend ist unsere Zukunft. Wir wissen, daß unser Kamps nur für diese Jugend geführt wurde. Wir wissen, daß unser Kamps, unsere Entsagung, das ge- opferte Leben umsonst waren, wenn diese Jugend versagen muß. weil sie nicht im Geist- des Nationaksozialismus er- zogen wurde. Dazu gehört aber kür uns Nationalsozialisten in erster Linie auch die Hinsührung zum Göttlichen, aus dem wir unsere Kraft gesogen haben Ein solcher Kaplan aber wie dieser Kaplan Bieger ist dazu unfähig. Er würde unser Werk stören. Deshalb muß er beseitigt werben. Die Jugend muß vor ihm geschützt werden, um des Reiches willen, das wir bauen. Unterdessen erfahren wir, daß er j e tz t a u ch i m S t ä d t i- schen Knabenhe'M Religionsunterricht erteilt. Die..Naturfreunde" Sie lassen sich nicht gleichschalten Der österreichische Zweig de« großen Arbeitertouristen- Vereins„Die Naturfreunde"'st. wie alle anderen Arbeiter- organisationen. von der Regierung Dollfuß ausgelöst und enteignet worden. Da es sich hier jedoch um viele Zehn- tausende von Mitgliedern, sowie um sehr wertvolles Eigen- tum in Gestalt von Alpenhütten usw. handelt, hat die Re- gierung dann versucht, die Naturfreunde„gleichzuschalten", d. h. die alten Mitglieder zu ködern und sie einer neuen „vaterländischen" Führung zu unterstellen. Mit welchem Erfolg zeig» folgende Tatsache, die dem OND. aus ver- bürgter Quelle aus Wien berichtet wird: Zu Pfingsten hatten die„neuen" Naturfreunde wieber die Erlaubnis er- halten, verbilligte Eisenbahnsahrkarten kür Ausflüge aus- zügeben. Im vorigen Jahre, als es noch die wirklichen Naturfreunde waren, wurden in Wien allein 700g solcher Karten ausgegeben: im heurigen Jahre waren es— 500. Die Ablehnung, die die österreichischen Arbeiter dem Re- gime Dollfuß entgegenbringen, kommt auch in diesen Zahlen zum Ausdruck: sie verzichten lieber aus verbilligte Erholung und Feiertagsvergnügungen, als daß sie sie aus den Hän- den des Gegner? entgegennehmen. AuS Anlaß einer Versammlung der Nationale» Front in Zürich in der?»adtballe kam es ,o einer Gegeukund- gcbung des KampsbundeS gegen den Faschismus. Die Poli- zei wurde mit Kteinwürse« and Schüssen empfangen. Ein Angehöriger der Nationale» Front wurde schwer verletzt. 8» Person«« wurde« festgenommen. Sonntag Montag, den 3.'4. Juni 1931 ASBIIT UND WIRTSCHAFT „Deutsche Freiheit"' Nr. 125 Iwangswirtichäfg GZTKT^lan Wie sie ruinieren Wie diese Kerle Deutscliland zugrunde richten! Siebzehn Monate Hitler haben genügt, die Wirtschaft in einen Zustand der Verwirrung zu bringen, aus dem einen Ausweg zu finden immer hoffnungsloser erscheint. Es geht ja alles kunterbunt durcheinander in dieser Zwangswirtschaft ohne Plan! Da sollen die Preise stabil bleiben— aber eine unheimlich büro- kratisierte, mit Kosten, deren Höhe man kaum ahnen kann, sich immer weiter ausbreitende agrarische Zwangswirtschaft führt in Verbindung mit der Unterbindung der Einfuhr zu immer stärkerer Verteuerung aller Lebensmittel. Die Löhne sollen nach dem Programm dieselben bleiben, aber die ganze Milliardenlast der nationalsozialistischen Agrarpolitik fällt auf die Arbeiter und städtischen Konsumenten, die Reallöhne müssen also sinken, auch wenn die Nominallöhne gleich geblieben wären. Die Preise hoch! Auf dem Gebiete der Industrie und des Gewerbes läßt sich dieselbe Entwicklung beobachten. Nicht umsonst vergeht kaum eine W oche, in der der Wirtschaftsminister nicht in einem Erlaß„Stellung nimmt'" gegen Preissteigerung; für i extilien und Metalle, deren Einfuhr infolge des Devisenelends zunächst unterbunden ist, sind bereits wie im Krieg Höchst preis Verordnungen erlassen. Gleichzeitig werden aber den Produzenten in immer größerem Umfang Monopolstellungen geschaffen. Eine eben erlassene Verordnung über den Aufbau des deutschen Handwerkes führt die Zwanginnungen ganz allgemein ein. Nichts kann verhindern, daß diese Zwangsinnungen zu lokalen Kartellen werden, die die ihnen genehmen Preise umso mehr durchsetzen werden, da sie auch die Neuzulassung zum Handwerk weitgehend in der Hand haben. r neuer Konkurrenz sich also ebenso schützen können wit er Einzelhandel, der durch das nunmehr verlängerte Verbot der Errichtung neuer Einzelhandelsunternehmungen vor Konkurrenz geschützt ist. In der Tat werden Preisunterbietungen in Hitler Deutscliland schon als Verbrechen behandelt. Diese werden je nachdem entweder auf kurzem Weg mit Hilfe der SA. durch Anprangerung und Boykottierung oder von den Innungen selbst durch hohe Geldstrafen geahndet, und erst kürzlich hat das Polizeipräsidium in Braunschweig in einem Streitfall die Strafe^, die die Schneiderinnung über zwei ihrer Mitglieder wegen zu geringer Preise verhängt hatte, als zu Recht bestehend anerkannt. Ebenso eindeutig verläuft die Entwicklung in der Industrie. Deutschland ist von jeher das Land der ausgebildeten Kartellwirtschaft gewesen. Nie aber ist das Kartellwesen in höherem Maße vom Staate gefördert worden als unter der nationalsozialistischen Diktatur. Einmal sicher durch die Handelspolitik. Man darf ruhig sagen, daß keinem Wunsch irgendeiner kapitalistischen Gruppe nach Zollerhöhung, um ausländische Konkurrenz auszuschließen, die Erfüllung versagt geblieben ist. So haben sich z. B. unter stets erneuten Zollerhöhungen die Textilkartelle immer straffer organisiert. Monopolwirtschaft Zu dieser Handhabung der Handelspolitik kommt die immer stärkere Anwendung der Zwangskartellicrung. Ueberall dort, wo die Kartellierung auf Widerstand von Außenseitern stößt, kann damit gerechnet werden, daß Wirtschaftsminister Schmitt von seiner Befugnis— mit größtem Widerstreben natürlich, aber Hoch— Gebrauch macht und den Monopol- pierigen die nationalsozialistische Staatsmacht gehorsam zur V erfügung stellt. So ist kürzlich ein Investitionsverbot für Radiogeräte, das auch Radioröhren umschließt, erlassen worden. Die Errichtung neuer Gerätefabriken wird kurzerhand verboten. Begründet wird das Verbot natürlich mit Rücksicht auf die mittleren und kleineren Betriebe. In diesem Fall ist der Schwindel besonders kraß. In Wirklichkeit hat die hochkapitalistische Telefunken GmbH, bisher in Deutschland auf Grund von Patenten die beherrschende Stellung. Die mittleren und kleineren Betriebe arbeiten auf Grund von Lizenzen, die Telefunken erteilt; Telefunken hat die Zahl dieser Betriebe von jeher klein gehalten und unerwünschte Konkurrenten ferngehalten. Aber der Zeitpunkt naht, in dem die Patente von Telefunken ablaufen. Um zu verhüten, daß das kapitalistische Monopol dann durchbrochen wird und unbequeme Konkurrenz zur Verbilli- gung der Radioapparate führt, wird die Staatsmacht mobilisiert, neue Fabrikation untersagt und der Millionengewinn von Telefunken auch für die Zukunft sichergestellt. Aehnliche Gunst ist auch den Papierinduslrielien widerfahren. Auf Grund des Zwangskartellgesetzes hat der Reichswirtschaftsminister zunächst bis zum 31. Dezember 1935— eher wer zweifelt an der Verlängerung?— verboten die Errichtung neuer Unternehmungen oder die Wiederingangsetzung stillgelegter, in denen Papier, Karton- und Maschinenpappe hergestellt wird oder ihre Erweiterung oder Steigerung ihrer Leistungsfähigkeit; auch dürfen sie nicht zur Fabrikation anderer als der bisher hergestellten Sorten übergehen. Damit ist den Unternehmern— natürlich ohne jede Gegenleistung— ein absolutes Monopol verliehen— wer zweifelt, daß sie das trotz aller frommen Mahnungen vor rücksichtsloser Preispolitik voll a uz»nützen verstehen werden? Darre und das Schaf Dazu kommen die immer unübersehbarer werdenden Subventionen an einzelne Wirtschaftskreise. Manches mutet wie Irrsinn an. Einer der Hauptverderber der deutschen Wirtschaft ist der Ernährungsminister Darre. Der Mann hat sich in den Kopf gesetzt, die Wollzucht zu heben. Die deutsche Wolle deckt nur etwa 10 Prozent des Bedarfs— ist übrigens von schlechter Dualität. Was tuts? Wozu hat man das Führerprinzip? Man ordnet erstens für Wolle Festpreise an, die erheblich über dem Weltmarktpreis liegen— zur großen Freude der deutschen Züchter. Man ordnet zweitens, da kein deutscher Industrieller die schlechte und teure Wolle kaufen will, einen Abnahmezwang an. Die Industriellen wehren sich: könnten wir auch die Preiserhöhung auf eleu deutschen Volksgenossen gern abwälzen, wie sollen wir bei den Zeiten den immer mehr zurückgehenden Export noch aufrechterhalten? Darre bildet einen Au->gleichsfond»", aus dem die von ihm geschaffene Preisdifferenz zwischen Inlands- und Weltmarktpreis bezahlt werden soll. Man erfährt so ueben- bei— daß diesem Fonds„vorläufig von Her Reichsregierung mehrere Millionen zur Verfügung gestellt" werden. Genauere Angaben werden für überflüssig gehalten. Man erwägt, ob dieser Fonds, in dem..vorläufig" Millionen Steuergelder, die im Budget sicher nicht erscheinen, verschwunden sind, für die Dauer durch Umlage auf die verarbeitende Industrie entsprechend den verarbeiteten Mengen Auslandswolle, also auf Kosten der Konsumenten und der Exportmöglichkeit aufgebracht werden soll! Subventionsblüten Aber ebenso erzeugt die Subventionswirtschaft auf dem eigentlichen industriellen Gebiet immer neue Blüten. Der ganze deutsche Erzbergbau— Ejsen, Kupfer, Zink— wird aus staatlichen Mitteln unterstützt und die Subventionen fortwährend vermehrt, so unproduktiv dieser Abbau auch ist. Schon nicht mehr kapitalistische Subventionen, sondern reine Raubwirtschaft an der Allgemeinheit stellt der neuerdings betriebene„Mineralölwirtschaftsplan" dar. Hier handelt es sich auch um die Interessen der aller» feinsten— Nationalsozialisten, der Thyssen und Bosch, der Montantrusts von Kohle und Kali, und der I. G. Farben und Idealkonkurrenz mit dem deutschen Militarismus, der in Oel autark sein will. Neue Erdölbohrungen sollten auf Kosten des Reiches erfolgen, der Nutzen verbleibt freilich den Kalikonzernen, da das Vorkommen von Oel mit dem von Kali zumeist verbunden ist. Die bestehenden Erdölgesellschaften sollen neue staatliche Subventionen zur Ausdehnung ihrer Tätigkeit erhalten. Die Oelgewinnung ans Stein- und Braunkohle. ein Hauptinteresse sowohl der I. G. Farben als der Ruhrherren, soll gefördert und deshalb sollen die Benzin- und anderen Oelpreise vom Staate gerantiert werden. Verengerung lies Binnenmarktes All das bedeutet zwar auf der einen Seite Schutz alter oder Schaffung neuer Monopolgewinne, aber auf der anderen Seite Erhöhung der Produktionskosten. Belastung der Konsumenten, also Verengerung des Binnenmarkts bei gleichzeitiger Erschwerung des Exports— steigende Lnproduk- tivität der Gesamtwirtschaft, zur Befriedigung des Eigennutzes einiger von der Diktatur privilegierter Schichten auf Kosten des Gemeinnutzes. In demselben Augenblick, in dem man Preiserhöhungen bekämpft, schließt man die groß- und kleinkapitalistischen Produzenten zu Monopolorganisationen zusammen, die die Preise in die Höhe treiben und macht eine Wirtschaftspolitik, die alle Produktionskosten heraufsetzt In demselben Augenblick, wo die Devisenlage das Geständnis erzwingt, daß der Rückgang des Exports eine Katastrophe für die Gesamtwirtschaft heraufbeschwört, daß Autarkie für Deutschland wirtschaftlicher Selbstmord ist, jagt man auf dem gesamten agrarischen und industriellen Rohstoffgebiet dem Autarkiewahn weiter nach mit immer unerträglicherer Belastung der Reichsfinanzen und der ganzen Volkswirtschaft. Auszehrung Eine solche Politik müßte schließlich nach kürzerer oder längerer Zeit zum Ruin führen. In der deutschen Situation bedeutet sie unmittelbare Lebensgefahr. Der April hat einen neuen Rückgang der Ausfuhr von nicht weniger als 85 Millionen gebracht, von dem der Hauptte:!— 76 Millionen— auf den Rückgang der Fertig Warenausfuhr entfällt. Der Rückgang ist doppelt so stark wie im Durchschnitt der V orjahre. Da die Einfuhr trotz der Einfuhrverbote für Textilien, Metalle und Kautschuk, die sich im April noch nicht ausgewirkt haben, ziemlich unverändert geblieben ist, so beträgt der Ueberschuß der Einfuhr 82 Millionen Reichsmark. Das Passivum der Ilandelbilanz erreicht damit für d e ersten vier Monate die Summe von 136 Millionen, während in derselbe!» Zeit des Vorjahres noch ein Akbvum von lca Millionen zu verzeichnen war! Ebenso schreitet die Aufzehrung des Restes von Gold und Devisen immer weiter fort. Die Reichsbank hat in der zweiten Maiwoche neuerlich 25 Millionen an Gold und Devisen verloren, ihr Bestand ist auf 165 Millionen gesunken, die„Notendeckung" ist von 5,4 auf 4,8 Prozent zurückgegangen. Die Gläubigerkonferenz zieht sich immer weiter hin, und ihr Ausgang bleibt ungewiß. Aber das Problem wird immer klarer: solange die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik so weiter geht, wird der deutsche Außenhandel immer mehr zurückgehen, während die Einfuhr für Kriegsrüstung und für die phantastische und unproduktiv• Arbeitsbeschaffung anhält. Und das wird nicht nur jede Zahlung an die Gläubiger unmöglich machen, sondern e« bringt die Diktatoren rasch in eine gefährliche Situation. Die Ein- kaufsverbote für Textilien, Häute und Kupfer, die ursprünglich nur bis zum 5. Mai in Geltung bleiben sollten, sind bis zum 31. Mai verlängert worden. Es ist aber nicht einzusehen, warum sich nach dem 31. Mai die Situation wesentlich ändern sollte. Muß aber die Einfuhr weiter gedrosselt bleiben, dann bedeutet das die Einschränkung det^ deutschen Wirtschaftstätigkeit, eine neue Verschärfung der Krise nach Verschleuderung aller Reserven, die die Hitlerdiktatur übernommen hat. Wie diese Kerle Deutschland zugrunde richten! Dr. Richard Kern. föit dsr S§ldsciiwynd verduniseSiwird Goebbels hat unlängst der Presse das Stichwort gegeben, wie der katastrophale Gold- und Devisenschwund der Reichsbank urazulügen sei: es handle sich um die notwendige Kehrseite der Arbeitsbeschaffung. Wenn die Regierung vier Millionen Arbeitslose(darunter tut es ein Goebbels nicht) ans Werk setze, so bedinge das natürlich auch vermehrte Rohstoffeinfuhr. Wie prächtig einfach! Fa°t so goldklar wie Hitlers Sätze von der Notwendigkeit des Privateigentums der Krupp und Thyssen.(Weil nur der, der etwas geschaffen habe, es auch verwalten könne... bzw. sein Sohn, Schwiegersohn oder Urenkel!). Aber Goebbels hat doch etwas vergessen: es ist früher sogar, z. B. in den Jahren 1927 bis 1929, nochvielmehr an Rohstoffen und Halbfabrikaten importiert worden, und es konnten die deutschen Arbeiter fast restlos von diesem Import beschäftigt werden. Aber dieser Import hatte keinen Schwund des Goldvorrats und keine Gefährdung der Währung im Gefolge, sondern das Gegenteil, weil damals die verarbeiteten Rohstoffe und Halbfabrikate als F e r t i g- waren exportiert wurden und so noch mehr Gold ins SfatisttK und Wirftlichhcll Den gleichgeschalteten Zeitschriften in Deutschland unterläuft hin und wieder einmal das Versehen, interessanten Eingeständnissen Raum zu gewähren. So ist in Nr. 19 des Hamburger„Wirtschaftsdienstes" zu lesen: „Wenn die statistische Arbeitslosigkeit in größerem Maße abgenommen hat als die Zahl der Arbeitspläne nachweisbar zugenommen hat. so liegt das zum Teil daran, daß zahlreichen jungen Mädchen die Eheschließung ermöglicht worden ist und im übrigen eine Ausschaltung der unberechtigt Unter st äfften stattgefunden hat. Auch die Beseitigung des Unter- stütfungsivesens auf dem Lande hat zu dieser Reinigung beigetragen. So ergibt sich ein geklärtes Bild von der Lage des deutschen Arbeitsmarktes und von den gewaltigen Erfolgen, die während eines einzigen Jahres die zielbewußte Tätigkeit der Reichsregierung erzielt hat." Hierin liegt das Eingeständnis, daß durch den Unterstützungsentzug, man nennt ihn,„Reinigung", große Scharen von Arbeitslosen nicht mehr in der Statistik geführt werden. Diesen„gewaltigen Erfolg" einer„zielbewußten Tätigkeit" wollen wir der Regierung Hitler gar nicht streitig machen! SorüeksichtslosistvorihrkeineRegierung gegen die Arbeitslosen vorgegangen. Die Arbeiterinnen werden nach einem neuen Erlaß des Staatssekretärs Reinhait von der Arbeitsvermittlung überhaupt ausgeschlossen, so lange es noch männliche Arbeitslose gibt, die ihre Arbeitsplätze einnehmen können. Und die Arbeitslosen insgesamt werden durch immer neue schikanöse Bestimmungen immer mehr ihrer Unterstützungsansprüche beraubt: Beschränkung der Freizügigkeit, Maßnahmen gegen „angelernte" Arbeiter, obwohl die Facharbeiter beinahe aller Industrien im gleich hohen Maß arbeitslos sind wie die Ungelernten. dazu der Unterstützungsraub an den politisch Mißliebigen und die Masseneinsperrungen in Gefängnissen, Konzentrations- und Arbeitsdienstlagern. Land hereinbrachten, als für die Materialien verausgabt worden war. Wie aber ist es jetzt? Die eingeführten Rohstoffe verwandeln sich in Rüstungsgegenstände, Wolle z. B. in Uniformen, Metalle in Geschütze, Flugzeuge, Tanks usw. All das sind keine Handelswaren, sie bleiben im Inlande. Oder glaubt jemand, das Ausland würde SA.-Uniformen und Festauzüge, Marke Ley. von Deutschland kaufen?! So frißt diese Art von Arbeitsbeschaffung allerdings nur Devisen, ohne Ersatz herbeizuführen, muß also in kurzer Zeit zum Erliegen kommen. Wenn einer mehr Nahrungsmittel verzehrt als früher, so kann er das damit begründen, daß er körperlich mehr leiste. Aber je nachdem seine Körperarbeit produktiv ist oder nur in überflüssigen Sport Übungen besteht, wird er die vermehrte Nahrungszufuhr sich wirtschaftlich leisten können oder nicht. Nicht anders steht es mit dem Staat. Auf die Ausrede des Propagandazwergs, daß die Arbeitsbeschaffung so viel Devisen koste, lautet die einfache Antwort: Gut— aber warum bringt sie keine? Sie tiesss&c„KoßjaithPjr" Die„Neue Züricher Zeitung" schreibt: „Abgesehen von dem Unbehagen, das die gespannte De- visenlage und die erschwerte Rohstoffversorgung weitherum auslöst, entwickelt sich die deutsche Inlandkoujunk- t u r programmäßig weiter. Im April sind wiederum gut 600 000 Arbeitslose wiedereingestellt worden; von ihrem Tiefstand: 11,49 Millionen, ist die Gesamtzahl der Beschäftigten laut Erhebungen bei den Krankenkassen auf nun 15,36 Millionen angestiegen. Die veränderte Struktur des Arbeitsmarktes wird durch die Beschränkungen der Freizügigkeit von Arbeitern und durch das\ erbot der Einstellung landwirtschaftlicher Arbeitskräfte in der Industrie scharf beleuchtet.... Wie einseitig die Konjunkturbelebung zunächst von den Ankurbelungsmaßnahmen der Regierung abhängig ist, beweist eine einfache Rechnung: seit Anfang 1933 hat die Produktion in den durch die Arbeitsbeschaffung geförderten Zweigen um 94 Prozent zugenommen, in den übrigen Industrien um nur 17 Prozent. Im Baugewerbe allein sind bis Ende März 1934 rund 3,8 Milliarden Reichsmark ausgeworfen und 2 Milliarden effektiv ausbezahlt worden. Rückgang des Fremdenverkehrs in Oesterreich (ITF.) Infolge des versteckten Krieges zwischen dem braunen und dem christlich-sozialen Faschismus ist die Zahl der Deutschen, die 1933 nach Oesterreich gereist sind, um 535 000 im Vergleich zu 1932 zurückgegangen. Diese Zahl stellt 40 Prozent des Fremdenverkehrs von 1932 dar. Der so der österreichischen Volkswirtschaft entstandene Verlust wird auf 70 Millionen Schilling veranschlagt Abonniert die„Destedt FreffleL" 3)eutsd*e Stimmen• föeiUige zuw.!Deuistfken Preifkeii"• Ireignisse und Oestfkiifkien Sonntag-Montag, den 3. und 4. Juni 1934 Jiassemeeie im Cut JCapitel aan politischem Zcfolg- ^ er Erfolg ist etwas Bestechendes: die Bewunderer fliegen ihm nur so zu! Jeder Erfolgreiche gilt in der Oeffentlichkeit 3'S einer, der etwas können muß, denn von nichts wird nichts, von allein entsteht kein Erfolg und wie die in solchen Fällen endläufigen Redensarten sonst noch heißen mögen. Richtig, "ne irgendwelches Können gibt« keinen Erfolg, fragt sich nur. oh es sich dabei um sozial wertvolles, um jenes Können handelt, das der Erfolg so gern vortäuscht und oh Bluff und Maskierung dabei die größere Rolle spielen. Da der Erfolg ein sozial wichtiges Phänomen ist, gibt es gründliche, wissenschaftliche Durchleuchtungen dieses Problems und die Ergebnisse sind für den sogenannten„gesunden Menschenverstand" nicht gerade schmeichelhaft. Auf die Umweltkonstellation kommt es an, wer oder was in bestimmten Zeiten erfolgreich ist, da diese Umwelt aber einem ständigen ^ andel unterworfen ist, wandeln sich auch die Erfolgschancen und Möglichkeiten fortgesetzt. Große und kleine Demagogen etwa, die in ruhigen, normalen Epochen unbeachtet bleiben oder als Bierbankschwadroneure ein anonymes Dasein führen würden, können in Zeiten sozialer Wirren und Erkrankungen schnell in den politischen Vordergrund geraten. Aber unabhängig von den sozialen Voraussetzungen, wird der Erfolg immer von zwei Faktoren bestimmt, die Dr. Gustav Ichheißer in seinem Buch über„Die Kritik des Erfolgs" wissenschaftlich erörtert und damit die Fragwürdigkeit des Erfolgreichen bloß legt: die Leistungstüchtigkeit und die£rfoIgstüchtigkeit— beides zwei durchaus verschiedene Werte. Im beruflichen wie im politischen Leben gehören zur Leist ungstüchtigkeit alle jene Qualitäten der Persönlichkeit, die nötig sind, um sozial Wertvolles zu schaffen: fachliches Können und Talent ebenso wie Methode, I leiß, Lm«icht, Energie, also sozial hochwertige Eigenschaften. Die Erfolgst üchtigkeit hingegen hat noch andere V or- aussetzungen: Ausnutzung guter Beziehungen, Protektion, Reklamefähigkeit, bedenkenlose Herabsetzung der Leistungen des Konkurrenten, skrupellose Ausnutzung gewisser günstiger Konjunkturen, Kenntnis und Ausbeutung der menschlichen Schwächen, kurz: sozial unterwertige Eigenschaften, die das faktische Niveau der angepriesenen Leistung in keiner Weise erhöhen, wohl aber den Schein der Leistungen und damit die Erfolgschanccn Ichheißer sagt dazu: „Im Bereiche der seelischen Sensibilität darf die„Dick- hautigkeit" als die spezifisch erfolgspositive, die sensitive „Dünnhäutigkeit" als die spezifisch erfolgsnegative Eigenschaft gewertet werden Leistungsminderwertigkeit kann durch entsprechende(reklamegewandte) Erfolgstiichtigkeit ausgeglichen, die schlechteren Schuhe können dadurch zu besseren gemacht werden. Rundfunkreden, Umzüge, Uniformen können eine W eile politische Taten ersetzen und über unerfüllte\ ersprechen hinwegtäuschen. Den Anteil der Leistungstüchtigkeit und der Erfolgstüchtigkeit au der Konstituierung der Erfolgschancen bringt Ichheißers Untersuchung durch folgende Formulierung zum Ausdruck: a.luscirucic; „Setzen wir die'Gesaratheit der subjektiv, d. h. vom Veralten(also nicht von der Umweltkonsteiiation) her bedingten Erfolgschancen mit 100 Prozent an, dann läßt sich sagen, daß an der Begründung dieser Erfolgschancen die Leistungstüchtigkeit und die Erfolgstüchtigkeit in ungleichem Maße beteiligt sein können. Konkurrieren zwei Individuen miteinander und ist die Leistungstüchtigkeit des einen mit 50 Prozent, die höhere Leistungstüchtigkeit des anderen mit 80 Prozent etwa anzusetzen, mit welcher letzteren keine Erfolgstüchtigkeit verbunden ist, dann kann Mennoch der Erstgenannte seinen Konkurrenten überflügeln, weil er seinen 50 Prozent Leistungstüchtigkeit weitere 50 Prozent Erfolgstüchtigkeit hinzufügt und dieser- art die beiden erfolgsrelevanten Faktoren zusammen ein höheres überlegenes Erfolgsgewicht erlangen... Das„Gute, Schöne und Wahre" ist also durchaus nicht mit Kräften begabt, die seinen Sieg automatisch garantieren, zumal in der politischen Sphäre gerade die unschöpferische Erfolgstiichtigkeit mit raffinierten Verkleidungen auftritt, denn der Politiker oder seine Bewegung sind nur erfolgreich, wenn sie als leistungztüchtig gelten. Und so täuscht denn der Programmlose sein„Geheimprogramm" um so lauter vor und der Dilettant sein„Fachwissen". Durch solches„zweckrationales" Verletzen aller sozialen Normen und Spielregeln steigen die Erfolgschancen des Betrügerischen, so daß im Wettlauf um den Erfolg der mit dem geringsten sittlichen Ballast den bequemsten Start hat. Das „machiavellistische Verhalten", wider Treu und Glauben mit allen zweckdienlichen Mitteln auf Gewinn, Macht, Erfolg auszugehen, bringt hemmungslosere Minderwertige den an sittliche Normen gebundenen, sittlich Höherwertigen gegenüber immer wieder in Vorteil. Und so gesehen verlieren die Worte Machiavellis, wonach es Tugenden gibt, die zwangsläufig zum Untergange führen, und manche Laster, die sicheren Erfolg verbürgen, jeden Anschein von Paradoxie. In der Sphäre dieser„Laster" sind die Kriminellen heimisch, und so erklärt sich, warum der faschistische Erfolgsrummel unserer Tage soviel Kriminalistisches in seinen Reihen vereint. Aber das Publikum ist doch auch noch da! Das hört und sieht doch, wie ein Erfolg zustande kommt! Das„macht" ihn ja überhaupt erst und das muß doch unterscheiden können zwischen den lauteren und den unlauteren Mitteln?! Leider sehr oft nicht, denn so leicht machts dem Zuschauer der routinierte Erfolgstüchtige namentlich in der Politik nicht. Je mehr er lügt, desto eifriger wird er versichern, daß er die Welt von der Lüge reinigen wolle. Je gottloser er handelt, desto lauter wird er Gott anrufen, wenn das Publikum, das er gewinnen will, in religiösen Traditionen lebt. Je korrumpierter er und seine Partei sind, desto heuchlerischer wird er über.die„Korruption der Gegner" zetern und Reinigung verheißen. Grundsätze täuscht er vor, um sie über Bord gehen zu lassen, sobald sie unbequem werden. Jede Veränderung der Situation findet ihn anpassungsfähiger, als den mit sittlichen und grundsätzlichen Auffassungen Beschwerten. Der Gesinnungslose ist dem Mann einer Gesinnung infolge größerer Bewegungsfreiheit immer an Erfolgstüchtigkeit überlegen. Was dem Zuschauer aber die Dinge noch mehr vernebelt, ist das, was der Soziologe die„Sclbstverschleie- r u n g des Erfolgs" nennt. Auf der Zuschauerseite, im sozialen Bewußtsein, sind Mechanismen am Werke, die das Fragwürdige der Erfolgstüchtigkeit maskieren. Erfolg geht alle an, denn die meisten Menschen suchen ihn, weil uns die menschliche Umwelt unter anderem auch nach dem jeweiligen Erfolg bewertet. Von dieser Umweltbewertuug hängt zuletzt auch unser Selbstbewußtsein ab. Das Bedürfnis, den Erfolgstüchtigen auch als leistungstüchtig anzuerkennen, lebt seit jeher in den Menschen, weil sie sich ja auch—- jeder in den Größenverhältnissen seines Lebensrauincs—• vom Erfolg als tüchtig bestätigt sehen möchten. Gilt es bei einem, gilt es bei allen. Daraus ergibt sich die unbewußte Bereitschaft, erfolgstüchtig gleich leistungstüchlig zu setzen, ein innerer Zustand, der auch im sozialen Leben zu optischen Täuschungen führt. Wir können tausendmal wissen, daß Schienen parallel verlaufen, im konkreten Falle werden unsere Augen der Täuschung, daß die Schienen zusammenlaufen, immer wieder erliegen. Und wir können tausendmal durch Lebenserfahrung wissen, mit welch dreckigen Mitteln und unzulänglichem Können oft Erfolge errungen werden— vor der Macht des konkreten Erfolgseindrucks verblassen die prinzipiellen Einsichten: die optische Täuschung tritt ein, Erfolgstüchtigkeit wird als Leistungstüchtigkeit hingenommen. Gegen diesen faulen Zauber, der den Bluff siegen und die Qualität unterliegen läßt, gibt es nur ein Mittel: Erziehung des Zuschauers zum kritischen Denken, Aufklärung über die Rolle der Täuschungs- mcchanismen. Soziologen wie Iohheißer fordern, daß man damit in der Schule beginne. Aber hier sind die Grenzen der bürgerlichen Pädagogik; sie darf nicht zugeben, wie sehr gerade die bürgerlich-kapitalistische„Ordnung" auf unwahrhaftigen Erfolgsideologicn aufgebaut ist und kann den jungen Menschen kein neues, besseres Weltbild geben. Um so dringlicher erwächst der sozialistischen Agitation die Aufgabe, kritisches, selbständiges Denken zu fördern, das Gc- bluffe, den Schwindel und die Gemeingefäbrlichkeit der Kurpfuscher aller Art niederzukämpfen und ihre Gebote blinden Glaubens und Gehorchens als das zu entlarven, was sie sind: Verschleierungen ihres Humbugs und ihrer Unterwertigkeit. Bruno Brandy. Christiane hat Jiut Künstlerflucht aus Deutschland Christiane Grautoff, eine junge Berliner Film- und Bühnenschauspielerin, die Deutschland vor einigen Tagen verlassen und in London eingetroffen ist, gab vor Vertretern der englischen Presse interessante Erklärungen über die Kunst im „dritten Reich" ab.„Ich habe keine Spur jüdischen Blutes in meinen Adern," sagte sie,„aber ich konnte als Künstlerin nicht länger mit ansehen, was Hitler in den Bezirken der deutschen Kunst anstellt. Ich werde nicht nach Deutschland zurückkehren, so lange Hitler an der Macht ist. Man geht im„dritten Reich" so weit, Shakespeare zu fälschen, um die Doktrin des„dritten Reiches" zu propagieren; man macht aus Shylock ein unmenschliches Monstrum und aus Jessika eine giftige Schlanze. Schauspiele und Filme und benutzt sie ausschließlich zu Propagandazwecken. Das einzige Sujet ist: „Nazi-Deutschland über alles." Die Unzufriedenheit unt r den Künstlern ist groß, aber niemand wagt, den Mund aufzutun. Kunst existiert nicht ipehr in Deutschland." Tfach einmal;^Deutsche dec JUrieca unserer Ausgabe vom 23. Mai brachten wir einen tel von Benito:„Deutsche flanieren— Deutsche -In und die Riviera." Wir erhalten als Ergänzung iesem Artikel die folgenden Ausführungen: eser Stelle ist vor einigen Tagen das Problem 5 an der Riviera" behandelt worden— meiner An- i nicht erschöpfend genug. Mein Kollege Benito hat einen Besucherfaktor völlig unberücksichtigt ge- e Emigranten, die die Cote d'Azur bevölkern, nten, das ist ein sehr dehnbarer Begriff. Kann man e ohne zwingenden Grund das„dritte Reich" verteil und es vorziehen, ihre Gelder statt unter Haken- ien unter dem blauen Himmel des Südens zu ver- berhaupt als„Emigranten" bezeichnen? Sie selbst n sich manchmal gerne so. und die Franzosen be- äie ebenfalls als„Flüchtlinge", it einiges zu sagen. aigen Monaten ging durch die französische Presse ung. daß in einem Nizzaer Hotel eine Tänzerin "n durch einen Revolverschuß schwer verletzt und selbst erschossen hat. Dieser Fall würde uns nicht ren, hieße der Mann nicht Dr. Alfred Meyer und nicht Anwalt und Antiquar in Trier gewesen. Ge- Die strengen Maßnahmen der Hitler-Regierung ihn," schrieb die Nizzaer Zeitung,„Deutschland zu und sich in Zürich zu etablieren." Also— ein I Jahr." so fährt das Blatt fort,„kam er für zwei oder ate nach Nizza, um hier ein fröhliches Leben zu Jr. Meyer war eine bekannte Persönlichkeit in --Jen." ise in Deutschland binderten ihn aber keines- hliches Leben in Nizza fortzusetzen und hier isummen in den Nachtlokalen zu verprassen. t!" sagen die Franzosen, ihn gibt es hier Hunderte und Tansende. n in den Freindenlisten von Nizza, Cannes, mter den Gästen der grollen Luxushotels findet eder Namen, die deutlich genug sprechen, ines großen Nachtlokals versicherte uns, 50 Gäste seien deutsche„Emigranten", und sie sten Kunden. den Rennen, bei den Regatten, bei den Autosind überall da anzutreffen, wo die elegante t. lann mit Franzosen über die Notlage der deutschen Flüchtlinge spricht(denn es gibt auch genug dieser Art in Nizza), dann bekommt man zur Antwort:„Wenden Sie sich doch an Ihre reichen Landsleute!" Der Leiter des Nizzaer„Comite d'Aide anx victiincs de l'Hitlerisme" erzählte uns, wie er vergeblich bei einigen dieser reichen„Emigranten" um kleine Beiträge für das Hilfskomitee bat. Und das Schlimmste ist eben, daß die Franzosen den Unterschied wohl sehen zwischen der Lage dieser beiden Gruppen von Flüchtlingen, nicht aber begreifen können, daß es unter Kapitalisten noch nie eine Solidarität gegeben hat, auch nicht, wenn sie zufällig derselben Religion waren. Wie sich diese Leute ihren notleidenden Glaubens- und Schicksalsgenossen gegenüber benehmen, davon einige Beispiele: Ein junges deutsch-jüdisches Ehepaar, aus Deutschland vertrieben, versucht, sich durch einen kleinen Krawattenhausierhandel durchzuschlagen. Zufällig wird auch einem reichen „Emigranten" eine Krawatte zum Kauf angeboten. Was antwortet der Herr?„Ich bin doch selbst Flüchtling, ich weiß nicht, was ich hier anfangen soll, um Geld zu verdienen. Ich habe mit meiner Familie auch nur noch für die nächsten 12 Jahre zu leben." Das bedeutet, da der Mann täglich für seine Familie und sich in dem Hotel, in dem er wohnt, 180 Franken bezahlt, steht ihm eine Summe von mindestens 850 000 Franken zur Verfügung. Aber eine Krwatte für 12 Franken kann er nicht kaufen; er ist selbst„Flüchtling". Ein anderes Beispiel: Wir unterhalten uns mit einem„emigrierten" Pelzhändler aus Leipzig darüber, was man abends so in Nizza anfangen könne.„Ich gehe fast jeden Abend ins Kasino," erzählt er uns.„Verlieren Sie viel beim Spiel?" fragen wir.„Nein, das ist nicht so schlimm, selten mehr als 100 Franken am Abend." Diese Beispiele könnte man beliebig fortsetzen. Da ist die Familie, die im größten Luxushotel von Nizza wohnt und für ihre Zimmer„nur" 80 Franken pro Tag bezahlt; da ist der weltbekannte Chefredakteur einer großen Berliner Zeitung, der einen jämmerlichen Betrag gibt für einen Flüchtling, der ein Fahrrad braucht, uro nach dem Saargebiet zu können, wo er Arbeit hat; da ist ein westfälischer Gutsbesitzer, der nach seiner eigenen Aussage steinreich ist und einer Emigrantin für 2'/» Stunden Diktat und Maschinenschreiben auf der eigenen Maschine 5 Franken— 80 Pfennige bezahlt, was pro Stunde zirka 30 Pfennige sind: solche Leute sind hier zu Dutzenden vertreten. Gewiß, es gibt auch Ausnahmen, es gibt auch Hilfsbereite unter diesen reichen Emigranten, aber sie sind sehr selten.... Wenn man vormittags über die Promenade des Angl als geht, hört man fast nur deutsch sprechen. Wir haben uns das Vergnügen gemacht, auf einer Bank sitzend ein bißchen zu stenografieren: was glauben Sie, was die Perion vorlangt? Fre e Verpflegung und dreihundert Franken monatlich! Natürlich, ein Flüchtling. Statt froh zu sein, daß man ihr(las Essen gibt. Sie hat nicht einmal eine Arbeitskarte. Und ich habe gar nicht verlangt, daß sie die gröbste Hausarbeit macht. Sie sollte n ir auf die Kinder aufpassen und ein bißchen mit anfassen. Natürlich habe ich sie nicht genommen „... doch, bei T., habe ich etwas Passendes gefunden. Ein weißes Complet, mit Pelz besetzt, halblang. 900 Franken. Halb geschenkt, nicht wahr...." „.... essen jetzt bei S. Reizend eingerichtet, und glänzende Küche. Und gar nicht teuer. Prix fixe ohne Wein 25 Franken. Aber prima! Vorher haben wir im R. 10 Franken bezahlt, das war nicht halb so gut...." Kommen Sie heute abend zu Raqucl Meiler? Sie singt im„Artistique". Ich kann Ihnen eine ermäßigte Karte besorgen, 50 Franken mit Souper. Ich meine, wenn man schon mal liier ist, muß man das doch auch mitmachen...." Das sind die Gespräche, die man in deutscher Sprache täglich hier hören kann. Sie sind„emigriert", diese Herrschaften. Mit Schofför, Kindermädchen und Pflegerin. Ihr Wagen mit cb-r Bezeichnung IA oder IVB rollt geräuschlos über die Promenade. Audi sie sind„Emigranten". Und sie schädigen die wahre Emigration, schädigen sie in jeder Beziehung. Der Franzose sagt sich:„Da schreiben sie, die Emigration sei die geistige Elite Deutschlands. Sieht so das geistige Deutschland aus?" Oder er denkt:„Wozu sollen wir uns denn um die armen Flüchtlinge kümmern, wenn ihre reichen Landsleute in den Villen in Cimiez sitzen und die armen aui Strand schlafen lassen? Sollen doch erst einmal die etwas tun!" Leider haben diese Franzosen nicht Unrecht. Aber die„Emigranten" in Anführungszeichen wollen nicht hegreifen. Daß wir hier nicht Herrn Dr. Goebbels das Wort reden wollen, wird keiner unserer Leser bezweifeln Und doch muß man feststellen: Sie benehmen sich, als sei die Promenade des Anglais in Nizza der Kurfürstendamm in Berlin. Sit- provozieren nicht nur die wahren Emigranten, sondern sie machen sich obendrein bei den Franzosen so unbeliebt wie möglich. Schon flackert grade hier in Nizza eine neue Welle de» Antisemitismus auf. Mögen sieb die, die es angeht die e Zeilen etw as zu Herzen nehmen, um sich und vor all. rn.. es• eine neue Emigration zu ersparen! Georg TU man, „Deutsche Freiheit" Nr. 125 Das bunte Blatt Sonntag Montag,>./4. Juui 1934. Die Frau als Achicksal Gräfin Hanska, die Tyrannin Vsl;acs Eine Reisebekanntschaft war es gewesen, ein leichtes, hei- teres Abenteuer, das nach ein paar Tagen, nach der Abreise, sein Ende finden sollte. Es wurde eine unlösbare, siebzehn- jahrige Bindung, die abenteuerlichste der in Liebesverwirrungen so erfindungsreichen französischen Romantik. Herr von Balzac, oder Marquis Honors Balzac d'En- tragues, wie er sich der Hanska zuliebe nannte, lief einem Traumbild nach, das ihm entglitt, ein Leben lang immer wieder entglitt. Keuchend, ein Sterbender, glaubte er es endlich zu fassen, blind dafür, daß seine Göttin alt und nicht mehr schön war, dasi sie ihn nie für voll genommen und in feinen größten Nöten immer im Stiche gelassen hatte. Als er mutterseelenallein starb, schlief die geliebte Frau zwar unter demselben Dach, doch fern von ihm,' sie hatte seinen ^odeskampf ebensowenig ernst genommen wie sein Leben. ^ as^war die Ursache seiner jahrelangen Qual und unerfüll- ten«ehnsucht, aber es war wohl auch die Ursache seiner hündisch ergebenen Liebe... All das^begann wie ein leichtes, heiteres Abenteuer. Es war im September 1833, an einem sonnigen Vormittag. Balzac sah aus seinem Hotelsenster in Neuchatel dem Drei- den im Hofe zu. Seit Jahren war es die erste Bergnügungs- reise, die er sich gestattet hatte, vergraben in seine ungeheure Arbeit, stöhnend unter den ungeheuren Gcldsorgen, die ihm sein Traum, reich zu werden, aufbürdete. Diese paar Tage in der Schweiz waren so leicht und glücklich gewesen, daß der Bierunddreißigjährige. der sich schon alt und müde fühlte, wieder an seinen Stern zu glauben beginnt. Ein gegenüberliegendes Fenster öffnet sich/ im Rahmen erscheint eine junge Frau. Sie blickt wie er in den Hof, dann treffen sich ihre Blicke. Balzac hält den Atem an. In diesem Augenblick weiß er: mein Traum ist Leben geworden, das ist sie, nach der ich mich gesehnt habe, das ist sie, die Einzige! Der Dichter hat diesen Augenblick am Hoffenster des Neuchateler Hotels hundertmal beschrieben,' noch nach zwölf Jahren konnte er sich jeder Einzelheit dieser ersten Bs- Segnung erinnern. Als er diesen Morgen Freunden schil- dcrte, vermochte er vor Rührung nicht weiterzusprechen. Balzacs großes Glück, großes Leid beginnt mit diesem Tag. Rasch setzt sich das Schicksal in Bewegung: er stürmt die Treppe hinunter, um sich nach der jungen Frau zu erkundigen: es gelingt ihm, ihr und ihrem Mann vorgestellt zu werden. Dieser Ansang fiel nicht schwer: Balzac ist ein Dichter, dessen Ruf schon über die Grenzen Frankreichs dringt. Sie, die Einzige, ist verheiratet, mit einem schlanken, vornehmen, polnischen Grafen, neben dem der untersetzte Balzac mit der Löwenmähne nicht eben vorteilhaft wirkt. Trotzdem fühlt sich Eva Gräfin Hanska geschmeichelt, daß der Romantiker Balzac, dessen Bücher sie mit Begeisterung gelesen hat, keinen Augenblick versäumt, sich ihr als Sklave zu nahen. Denn sogleich war seine Rolle ihr gegenüber bestimmt: aus Honors de Balzac wurde der Muschik Honoresky. der von der Gunst seiner Herrin beglückte oder ihre Launen demütig ertragende Sklave— wenn es ihr nicht gerade gefällt, ihn den Hosnarren spielen zu lassen. Trotzdem sind die Tage in Neuchatel von Glück und Heiterkeit erfüllt. Herr von Hanska glaubt, seiner Frau vertrauen zu dürfen. Balzac ist viel allein mit ihr. es bereitet ihr Vergnügen, in seinen braunen, großen Augen das Wachsen seiner Leidenschaft zu lesen. Auch ist sie geistig zu empfänglich, um sich dieser himmelstürmenden Beredsam- keit entziehen zu können. Er aber unterliegt hemmungslos dem Zauber dieser Frau, die schön, klug und dazu eine Nichte der Königin von Polen ist... Adel hat ihn immer fasziniert, ihm sein Selbstbewußtsein geraubt. Der Adel der Hanskis spielt in Balzacs Leben eine große und tragische Rolle. Aber noch verdüstert kein Schatten den Glanz dieser Tage, Balzac schwelgt im Glück seiner Liebe, und wird sie auch nicht im gleichen Maße erwidert, so erfährt er es doch zunächst nicht. Die Gräfin ist gut zu ihm, und kein Mensch konnte bankbarer sein als er. Der Tag der Abreise kommt. Balzac ist äußerlich ganz ruhig. Er wird nach Vierzschovnia eingeladen, nach dem ungeheuer großen Gut der.Hanska, der Graf erlaubt ihm sogar, mit seiner Frau in Korrespondenz zu treten. Dann fährt ihre Kalesche aus dem Hotelhof. Balzac hält es allein nicht mehr lange in Neuchatel aus. Tag und Nacht durch- fahrend, ist er in vier Tagen in Paris, fällt in sein altes Leben zurück, das sechzehnstündige Arbeit und die Schikanen seiner Gläubiger ausfüllen. Zwei Jahre gehen Briese hin und her zwischen Paris und Vierzschovnia, Briefe, die an Balzacs Seite immer sehn- suchtsvoller werden. Und eines Tages trifft bei ihm der Brief ein, der die Glücksbotschaft bringt: Frau von Hanska wird nach Wien kommen und dort für einige Wochen Auf- enthalt nehmen. Was kümmern Balzac die Gläubiger? Als ein großer, vornehmer Herr wird er in Wien auftreten, der der Nichte der Königin von Polen keine Schande machen wird. Eine eigene Kutsche mit einem großen Fantasiewappen daran, Fräcke in allen Farben, für den immer dicker Werdenden Folterinstrumente, ein paar unsinnige Einkäufe bei einem vertrauensseligen Juwelier— und der Marqui de Balzac tritt seine Liebestour an. Der Aufenthalt in Wien gestaltete sich anders, als er ihn sich erträumt hat. Frau von Hanska ist um ihren Ruf besorgt. Von einigen wenigen Besuchen in seinem Hotel abgesehen, sieht er sie nur auf Empfängen, die die Fürsten Schwarzen- bcrg und Metternich ihm zu Ehren geben. Möglicherweise fühlt sich die Geliebte von seinem Anblick abgestoßen, sie hat sich aus seinen Briefen ein anderes Bild von ihm gemacht. Er ist ungeheuer dick geworben, sein Antlitz schwammig. Soll eS ihm noch einmal ergehen wie bei jener grauen- hasten Fahrt aui dem Genier See mit der Marguise de Eastries. als er bis der Szene am Wasser glauben durste, um seiner selbst willen geliebt zu werden, sie aber. als er sie küssen wollte, mit einer von Ekel spitzen Stimme ihm zurief:„Lassen Tie mich! Ich will nicht! Mir graut vor Ihnen!"? Nein, Aehnliches kommt nicht vor. Aber er leidet, wiewohl er an ihre Liebe glaubt. Er kehrt nach Paris zurück. Zwei Jahre werden vergehen ohne sie. grauenhafte Jahre! Was weiß diese im Reichtum lebende Frau von dem ge- hetzten Dasein ihres von Schulden erdrückten Anbeters! Was weiß sie, wie ihn der Tod seiner Freundin Laura de Berny traf, die jahrelang für ihn gesorgt, mit unendlicher Liebe an ihm gehangen hatte. Frau von Hanska schreibt Briese, zuweilen zärtliche, zuweilen unfreundliche. So weit ist seine Welt ihr fern, daß sie ihn sogar mit Zweifeln an seinem Talent und— was dieses Dichtergenie noch weniger erträgt— an seiner geschäftlichen Tüchtigkeit verletzen kann. Er aber liebt sie grenzenlos, allein in seiner Mansarde in der Rue Batailles, er duldet in stummer Qual ihre bösen Launen. Er schreibt:„Ich habe mich an Ihre letzten Worte wie an einen kleinen Zweig geklammert, wie einer, der vom Strom fortgetrieben wird. Ich bin niedergeschlagen, aber ich liege nicht auf dem Boden, ich habe immer noch Mut. Dieses Gefühl der Einsamkeit, der Verlassenheit ist ärger als alles, was mir sonst geschehen könnte. In mir ist kein Rest von Egoismus. Ich muß alle meine Gedanken, alle meine Ge- fühle an ein Wesen außer mir verschenken. Hätte ich das nicht, wäre ich kraftlos." Das Jahr 1841. Eine Wendung ist eingetreten, an die er nie auch nur zu denken gewagt hat. Graf Hanska ist ge- storben. Sie ist frei! Er schreibt ihr einen Kondolenzbrief, der wie ein Jubelschrei klingt. Jetzt wird er sie heiraten, sein Traum wird in Erfüllung gehen. Sie läßt ihn für zwei Monate nach Petersburg kommen. Er hat eingesehen, daß die Rolle des glühenden Liebhabers nicht mehr sür ihn paßt. Er ist auch kür den kleinen Platz dankbar, den sie ihm einräumt. Niemand fragt danadj, wie er sich das Geld zu diesen Reisen verschafft, niemand küm- mert sich darum, daß bei seiner Rückkehr achtzehnstündige Arbeit ihn erwartet, die seine erschütterte Gesundheit vollends zerstört. In dieser Zeit ist alles krank an ihm. Sein Herz versagt. Er leidet an Asthma, hat geschwollene Füße. Aber jeder seiner Gedanken, der nicht seiner Arbeit gilt, gilt ihr. Er wohnt im Arbeiterviertel, mit schreienden Kindern im Hof, unter sich eine Waschküche, deren Dämpfe ihm die Atemluft rauben. Die Angst, er könne sie verlieren, die ihm niemals gehört hat, wird zu einer fixen Idee, zu einem Alptraum. Wie rührend klingt es in seiner Kindlichkeit, wenn er sie be- schwört:„Glaube mir, ich bin ein größerer Finanzmann als Rothschild!" Jahre vergehen, Jahre ungeheuerster Arbeit. Die„Mensch- liche Komödie" entsteht und wird in tausend durchwachten Nächten bei literweis getrunkenem schwarzem Kaffee voll- endet. Sein Ruhm wächst von Tag zu Tag, seine Krankheit verschlimmert sich, seine Sehnsucht, endlich mit dieser Fvau, die als grandc Dame in der Welt herumreist, vereint zu sein, versteigt sich zu fantastischen Plänen. Wenn sie auch nicht die Seine wird, ihn jahrelang hinhält, sie gibt ihn dennoch nicht frei. Sie hält ihn an ihrer Kette, zieht sie kurz, holt ihn sich, wenn sie die Empfindung hat, daß ihre Grausamkeit zu weit gegangen ist. Er darf zu ihr nach Dresden kommen, in ihrer, ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes Gesellschaft nach Italien reisen— aber hinter der großen Freude, sie wiederzusehen, mit ihr bei- sammen zu sein, steht jedesmal der Abschied und die Angst vor den vielen Monaten, die er auf ein neues Wiedersehen wird warten müssen. „Du bist alles, was ich habe, verlaß mich nicht! Niemals! Du hast mich aller Welt entfremdet..„ ich habe niemand mehr!" Er sucht und findet ein kleines Palais. Es liegt in der Rue Fortuns. Wie er sich über diesen beziehungsvollen Namen freut! Frau von Hanska ist nach Polen zurückgereist, hat ihm erlaubt, ihr zu folgen. Aber vorerst gilt seine ganze Sorge, das Haus für Eva mit allen erreichbaren Mitteln instand zu setzen. Es wird ein kleines Museum daraus. Jedes Stück ist eine Kostbarkeit, bringt ihn dem Ruin näher. Aber der Gedanke, daß sie das Nest, das er ihr einrichtet, schön finden wird, ist Glück. Und als dies zu ihrem Empfang bereit ist, fährt er voll Hoffnung, sie bald heimführen zu können, zum erstenmal nach dem sagenhasten Vierzschovnia. Er findet seine Erwartungen weit übertroffen: Dieser Herrschaftssitz ist ein Märchenland. Muschik Honoresky kommt aus dem Staunen nicht heraus. Angst befällt ihn, diese Königin in sein kleines, armes Palais zu führen. Diesmal wird er verwöhnt, aber von Heiraten ist nicht die Rede. Schon befürchtet er. daß es wieder einen Abschied geben wirb... Das Revolutionssahr zwingt ihn grausam zur Heimkehr. Sein kleines Vermögen ist in äußerster Gefahr. In Paris erledigt er nun das Nötigste, er hält es ohne Eva Hanska nicht aus. Seine Krankheit schreitet rapid fort, sein Gedächt- nis verläßt ihn. Seit einem Jahre hat er nichts mehr ge- schrieben. Er weiß, seine Abwesenheit von Paris bedeutet seinen Ruin, aber der Gedanke, allein sterben zu'müssen, ist stärker als alle Bedenken. Er fährt nach Polen zurück. In Vierzschovnia wirft ihn der eisige Winter auiS Krankenlager. Grauenhaft, was er leidet. Herz, Lunge, Magen, alles im Versagen. Der verfettete Mann magert zum Skelett ab. Eines Nachmittags im Jahre 1850 sitzt im halbdunklen Zimmer die Gräfin Hanska an Balzacs Lager. Nachdem Balzac lange schweigend vor sich hingestarrt hat, fragt sie ihn, ob er leibet. Da kann er nicht mehr an sich halten. Es kommt zu einem Ausbruch der Verzweiflung, zu einem Bekenntnis der grenzenlosen Schmerzen, die sie ihm be- reitet hat, daß diese kühle, von dem Schicksal des Genies an ihrer Seite bisher so wenig berührte Frau tief erschüttert sich ihm als Gattin anbietet. Am 14. März 1850 werden sie in der kleinen Kirche des polnischen Städtchens Berdiczew getraut. Fünf Monate vor seinem Tob geht ein Traum, der sieb- zehn Jahre gewährt hat, in Erfüllung. Sie reisen gemeinsam nach Paris. Ein schauerliches Er- lcbnis erwartet sie hier: Sie kommen vor das Palais in der Rue Fortuns. Alles ist beleuchtet, aber niemand antwortete auf ihr Läuten... Das Haustor muß aufgebrochen werden. Durch die blumengeschmttckten Räume rast Balzacs Diener schreiend, Verwüstung anrichtend: er ist wahnsinnig gewor- den. Das ist der Empfang, den das Haus in der„glückhaftcn Straße" Balzac und seiner Göttin bereitet. Es folgen zwei Monate verzweifelten Ringens mit dem Tod. Am 18, August stirbt Balzac. Dje Erfüllung seines Lebenstraumes, die Ehe mit Frau von Hanska, hat ihn nicht gerettet, hat ihn nicht einmal davor bewahrt, allein zu sterben. Sie war im Augenblick seines Todes nicht bei ihin. Das kleine Museum in der Rue Fortuns, mit so viel Liebe und mit blutig erarbeitetem Geld für die Liebste, die Ein- zige, erkauft, wurde von seiner Witwe verschleudert. So groß sein Werk, so grauenhaft sein Schicksal. Dieses Schicksal: es hieß Frau von Hanska. Eine 5 000 Fahre alte s>tabt in Perfien entdeckt Der bekannte schwedische Archäologe Dr. Türe Arne hat in Persien Entdeckungen gemacht, die ein überraschendes Licht auf die Urheimat der Jndoeuropäer werfen. Am Fuß des Elbrus-Gebirges im nordöstlichen Teile von Persien un- weit, des Kaspischen Sees hat Dr. Arne umfangreiche Aus- grabungen vorgenommen. In einem alten Hügel bei Schah- tcpe fand er zahlreiche und höchst interessante Ueberreste einer 5000 Jähre alten Stadt, die infolge einer Naturkata- strophe oder wegen Veränderungen des Klimas um das Jahr 2000 v. Ehr. untergegangen ist. Die Bevölkerung dieser alten Stadt gehörte der Kupferzeit an. Die schwedische Expe- dition hat schön gearbeitete Kupferstichen, Statuetten, Dolche, Becher, Lampen usw. aus Kupfer gefunden. Die Hauptmaye der Funde besteht aber aus kunstvoll mit bunten Farben be- malten Töpfereisachen. Dr. Arne hat auch 40 Skelette nach Schweden gebracht. An der Schädelform läßt sich feststellen, baß die Bewohner dieser Siedlung zu der arischen Rasse gehörten. Das alte Schah-tepe-Volk hat bei seinen religiösen Riten Menschenopfer dargebracht. Ueberhaupt werden durch, die vorliegenden Funde und fortgesetzten Ausgrabungen in derselben Gegend eine Reihe wichtiger vorhistorischer Pro- bleme ihre Lösung finden. Dr. Arne ist gegenwärtig damit beschäftigt, in den früheren Baracken der schwebischen schweren Artillerie in Stockholm eine Ausstellung seiner Funde in Persien anzuordnen. Die Artilleriebaracken sollen mit der Zeit in ein großes historisches Museum um- gewandelt werden. Pfingsten im Zuchthaus Aus dem Rachlaß von Felix Fcchenbach Sonnig und klar leuchtet der Psingsttag ins Land. Aber in dem massigen Steinbau mit den eisenvergitterten Fenstern ist keiner, der des sonnig-klaren Tages froh wird.— Zelle an Zelle liegt hinter den Eisengittern. Jede Zelle birgt einen Menschen in graubrauner Zuchthaustracht, der dort seine öden Tage und schlaflosen Nächte zubringt. Tie kahlgeschorenen Schädel, die glattrasierten Gesichter und die hohl ins Leere schauenden Äugen geben allen Bewohnern des großen vergitterten irgendwie ein gleiches Aus- sehen. Je sonniger der Tag, je klarer blau das Stückchen Himmel durch die kleinen Gitterfenster schaut, um so bitterer empfinden die in den Zellen ihr Schicksal. Pfingstfest feiern die Menschen jenseits der Gitter. Aber der heilige Geist, von dem sie so viel reden und schreiben, ist nie über sie gekommen, sie hätten sonst nicht kalte, graue Häuser mit vergitterten Fenstern gebaut, ihresgleichen hineinzusperren und zu peinigen mit sinn- und geistlosen Vorschriften. Ich sitze an meinem Tisch, vor mir ein aufgeschlagenes Buch: Goethes Reineke Fuchs.„Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen...Ferner Gesang dringt durch das offene Fenster. Ich horche auf. Klänge einer Klampfe, bekannte Töne schwingen durch die laue Luft:„Bin ein fahrender Gesell, kenne keine Sorgen...." Immer näher kommt der Sang, entfernt sich dann in gleichem Rhythmus. Junge Burschen auf Fahrt waren vorübergezogen. Jungsroh und sorglos wandern und singen sie durch den Frühlingstag. Ob sie wissen, wieviel Sehn- sucht aus den Gitterfenstern ihnen nachfliegt? Meine Gedanken folgen ihnen. Im Geiste gehe ich all die frohen Pfingsttage durch, da ich selbst den Rucksack um- geschnallt und sonnige Pfingsttage durchwandert. Melodien froher Wanderlieder schwirren mir durch den Kopf, und dann sehe ich wieder die Gitterstäbe und dahinter das bißchen Blau des sonnigen Himmels. Und ich renne in meiner Zelle ruhlos hin und her, her und hin.... Jetzt wandern zu können, das ist im Augenblick der einzige Gedanke, der mich erfüllt. Wo, das ist gleich. Die ödeste Gegend wär ein Paradies gegen die kahle Zelle. Und schön ist die Welt überall, wo keine vergitterten Fenster sind.— Dieses sinnlose Eingesperrtsein! Und warum, warum? Weil die Haßbesessenen stärker und mächtiger sind, als die andern, die versäumt haben, in den Tagen des Aufbruchs den Psingstgeist neuer Zeit Tat werden zu lassen. Ihr alle, die Ihr Euch Eurer Freiheit freut, denkt daran! Hinter Gittern hocken noch viele, viele hohläugige Gestalten in graubraunen Kitteln und sinnen über den Psingstgeist, der nicht für sie über die Welt kam. Der sonnige Tag quält sie mit Erinnerungen an Tage, da auch sie noch frei und unbehindert durch frühlingsgeschmücktes Land schreiten konnten. Wann wird ihnen Pfingsten wieder ei» Festtag werden....? Worte, ntdits als Worte Was man im„driften Reith" redet und verordnet... Die wesentlichsten Bestandteile des Nationalsozialis- wus sind Reden und Verordnungen, weil es sich darum handelt, von einer Ideologie und nicht von den Verhält- Usssen aus das Gesellschaftsleben zu gestalten. To ver- läuft denn das Leben im...dritten Reich" zwischen diesen beiden Polen: Reden und Verordnungen. Hitler hat schon >n seinem Buche„Mein Kampf" die außerordentliche Bedeutung des gesprochenen Wortes dargelegt und damals schon das gesprochene Wort als ein Mittel angesehen, um die Massen an sich zu ziehen und zu fesseln. Nur in Reden und Verordnungen findet die sogenannte deutsche Volks- gemeinschaft ihren Ausdruck, denn es sind die„Führer", denen es zusteht, zu reden, während dem Volke, der Masse nur die Rolle des Zuhörers zugedacht ist.„Des Führers Wille ist der Masse Gebot", das ist' der Grundsatz des nationalsozialistischen Führerprinzips und das Prinzip der Führung besteht schließlich darin, daß die„Führer" reden und immer wieder reden, damit das Volk nichts anderes hört und ihren Reden glaubt. Das Volk soll im Rausch der nationalsozialistischen Reden leben. Daher wird im„dritten Reich" sehr viel geredet und selbst die Zeitungen sind dazu bestimmt, die Reden wiederzugeben. Der Radioempfänger ist schon zum unpfändbaren Ge- brauchsgegenstand erklärt worden, ein Beweis dafür, daß das„dritte Reich" nicht ohne Reden existieren kann. Aber dieses Reden ist nicht etwa der Beweis einer geistigen Regsamkeit. Das Reden ist im„dritten Reich" nur ein Wortemachen. Mitunter sind Sinn und Inhalt dieser Worte noch nicht einmal zu erraten, viel weniger festzu- stellen. So äußerte sich Gauleiter Wilhelm Kube in bezug auf die monarchistischen Bestrebungen: »Monarchie ist ja wohl die Herrschaft eines einzigen? Nun wohl: In Adolf Hitler haben wir die Führung eines einzelnen! Herrschaft lehnen wir Nationalsozialisten ab, denn wir sind keine Untertanen, sondern freie Deutsche." Der Zuhörer wird sich also seine Gedanken darüber wachen müssen, worin sich eigentlich eine Führung von einer Herrschaft und ein Untertan von einem„freien Bürger des„dritten Reiches"" unterscheiden. Er hat jedoch keine Gelegenheit, lange darüber nachzugrübeln, denn gar bald wird er wieder zu anderen Vorträgen„abkomman- diert". Im schönen Universitätsstädtchen Marburg a. d. Lahn hat sich der„Führer" der dortigen NSDAP.-Ortsgruppe in einer Mitglieder-Pflicht-Versammlung folgenden geist- reichen Ausspruch erlaubt:„Wer den Namen Adolf Hitlers mißbraucht, soll sein Leben lang geächtet sein. („Oberhessische Zeitung". 26. 4. 34.) Vielleicht hat sich der Zuhörer daran erinnert,'daß er einmal in der schule 16 Gebote gelernt hat, wovon das erste so ähnlich lautet. Aber man wird ihm wohl sagen können, daß die 16 Ge- böte ein jüdisches Produkt" sind und daher für einen Deutschen nicht in Betracht kommen. Das erste Gebot für den Deutschen heißt also:„Wer den Namen Adolf Hitlers wißbraucht, usw."■„_.., jsjDer Metsierrcdner-des„dritten Ztetches ist unzwcisel- hast Göbbels. Er weiß in seinen.Worten alles zu ver- schönern und zu verschleiern. Am 13. April hatte er ein- wal wieder über alle deutschen Sender eine Rundfunk- anspräche gehalten, die ganz besonders auf den Urbeiter gemünzt war. Einige seiner Worte lauteten: .„Der Arbeiter hat sich in diesen Monaten der^Wicdcr- ingangsetzunq unserer Produktion zum großen -~—nirfit dazu ausre.„,— entsprechendes Teil mit Löhnen begnügen wüsten, die nicht dazu ausreichten, ein dem hohen Kulturstand unseres Volkes Lebensniveau zu halten. Er hat stch dieser AUtgaoe um einem Heroismus ohnegleichen unterzogen, denn er hat gelernt, daß es oft notwendig ist, bei der Lösung des einen Problems schwere Opfer zu bringen, um die ^.viung des andern erst möglich zu machen." f-'e Arbeiter waren sicherlich sehr erfreut zu hören, daß wr Kümmerliches Dasein eine heroische Tat darstellt und Üe werden nun sicherlich gerne weiterhungern. Oder ob ''® sich darüber Gedanken gemacht haben, daß ihr «heroisches Opfern" dazu dient, das andere Problem zu wsen, d. h. deutlicher gesagt, die Rentabilität und den Profit der Wirtschaft wieder herzustellen. Denn„gelernt" hat der deutsche Arbeiter doch nur, daß für ihn Konzen- trationslager, Gefängnisse und Zuchthäuser bereit stehen, wenn er es wagen sollte, diese„Notwendigkeit" zu be- streiten. Aus emer Kundgebung der Hitler-Iugend in der Stadt Mörs am Niederrhein konnte man folgende stilvolle Worte vernehmen: »Leuchtend stehen die Fahnen unserer Revolution vor dem dunklen Himmel wie freudige Kinder des beginnen- den Morgens einer sich wiedergefundenen Nation." Das heißt also, wenn man die Worte recht oersteht, daß im„dritten Reich" der Himmel dunkel ist und nur von den davor aufgestellten Fahnen das Licht ausgeht. Ter „deutsche Mensch" wird also nicht mehr vom Himmelslicht, sondern von diesem„Fahnenlicht" bestrahlt. Dies scheint allerdings nicht sehr wirksam zu sein. Doch der„deutsche Mensch" lebt nicht allein von diesen Rede-, sondern auch von den täglichen Verordnungen, die d°r„Führer" ihm gibt. Man verordnet die unglaublichsten Tinge, um unter allen Umständen dem Gesellschaftsleben im„dritten Reich" den Stempel der heroischen Welt- anschauung und der Volksgemeinschaft aufzudrücken. Der preußische Kultusminister hatte angeordnet, daß am 24. April in einer Schulstunde des Erwerbs deutscher Kolo- n:en vor 56 Jahren gedacht werden sollte. Die Kolonial- frage sollte dabei„unter völkischen Gesichtspunkten be- trachtet" werden.(„Ter Neue Tag". 24. 4. 34.) Die nationalsozialistischen deutschen Juristen haben eine Verordnung in Vorschlag gebracht, die bestimmt, daß eine Verehelichung nur dann zugelassen wird, wenn sie den rassischen Grundlätzen der Volksgemeinschaft entspricht. — Auch Feiern und Demonstrationen kommen im„dritten Reich" nur durch Verordnungen zustande, sie entsprechen keinem freien Volkswillen. So lautet eine Ankündigung in der Zeitung„Der Neue Tag" vom 26. 4. 34: „Der ReichShandwerksführer hat angeordnet, daß samt- liche deutschen Handwerkerinnungen sich am National- feicrtag beteiligen Soweit von dem Propagandabeauf- tragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Feiern abgehalten und Umzüge veranstaltet werden, haben sich die Innungen als geschlossene Forma- tionen daran zu beteiligen. Mit der Kontrolle und Durch- führung dieser Anordnung sind die Präsidenten der Hand- werks- und Gewerbekammern beauftragt ivorden." Am 2. Mai begrüßten die deutschen Eisenbahner an der polnischen Grenze ihre polnischen Kollegen mit„Heil PilsudsKi". Als diese ihr Erstaunen über diesen Gruß zum Ausdruck brachten, erklärte man, daß sie eine neue Dienst- ordnung zu diesem Gruß gegenüber den polnischen Kollegen verpflichte.— Auch Spenden und Sammlungen werden ungeachtet der finanziellen Lage des einzelnen „angeordnet". Der hessische Staatsminister Jung erlaubt sich, auf dem Wege der Anordnung über das Gesellschaftsleben der Staats- und Kommunalbeamten zu verfügen. Sein Erlaß lautet: „Das Leben des deutschen Menschen und ebenso sein ge- sellschaftliches Leben wird heute, nachdem Staat und Partei zu einem Begriff geworden sind, allein noch von der NSDAP, umfaßt. Dem Rechnung tragend, muß emp- fohlen werden, daß staatliche und kommunale Beamte und Angestellte des Landes Hessen nicht Mitglieder eines Zivil- kasinos, Bürgervercius, Klubs, Gesellschaftsvercins, einer Bürgergesellschait oder ähnlicher Vereinigungen sind, die nur rein gesellschaftlichen Zwecken dienen." Reden und Verordnungen kennzeichnen also den Weg „zur deutschen Volksgemeinschaft", von der Hitler in seiner Rede am 1. Mai sagte, daß er entschlossen ist, sie zu bilden und daß er dieses Ziel nie aus den Augen ver- lieren würde. Man kann ihm zu dieser„heroischen Tat" viel Glück wünschen. Hermann Feuerbach. Juden dürfen nicht baden Ter Stadtrat von Bruchsal hat in einer seiner letzten Sitzung beschlossen, für Nichtarier den Besuch des städti- scheu Schwimm- und Sonnenbades zu verbieten. Die verfranensralswalilen Vertuschung der Nazi-Niederlagen Kölner Arbeiter schreiben uns: Es ist außerordentlich schwer, wenn nicht»»möglich, statistisch einwandfreies Material über die Wahlen zu den Ver- traucnsräten zu erhalten. Wir glauben nach unseren Fest- stellungen nicht, daß die über Einzelsälle im Ruhrgebiet an- gegebenen Ziffern ganz einwandfrei sind. Sicher ist das Resultat im Effekt nicht besser. Aber wir können uns nicht gut vorstellen, daß die Industriellen des Ruhrgcbiets weniger vorsichtig sein sollen, als die an anderen Orten, d. h. daß sie nicht Mittel und Wege finden sollten, um die Publizität der Vertrauensratswahlcn zu verhindern. Wir haben den Versuch gemacht, etwas über Köln zu erfahren. Hier das Ergebnis: Kabelwerk sFelten-Guilleaumej Köln: Nach der sogenannten Wahl gingen Tage und Tage ins Land, ohne daß es die Firma für notwendig erachtete, die Belegschaft von dem Resultat zu unterrichten. Schließlich verlangten die Arbeiter einen Anschlag. Der erschien. Er lautete kurz und bündig: die Kandidaten, die zur Wahl standen, sind gewählt. Sie haben alle über 51 Prozent Stimmen erhalten. Eine Feststellung im Kreise der Beleg- schaft über die Zahl der Arbeiter, die abgestimmt haben, er- gab, daß sich nicht einmal 45 Prozent beteiligt haben. Deutzer Motoren, Köln-Dcntz: U e b e r 4 6 6 Arbeiter haben nicht a b g e st i m m t. Wieviel ungültige Stimme», die nach einer internen Zählung erheblich sein mllsten, abgegeben wurden, hat die Direktion nicht bekanntgegeben. Auch in diesem Falle beschränkte man sich darauf, anzuschlagen, daß die zur Wahl gestellten Kandidaten gewählt sind. Humboldt-Köln-Kalk. Die Wahlbeteiligung war sehrslau. Es wurdeganz ossen gegen die Kandidaten gesprochen. Die Absicht der Opponenten ging dahin, die Wahlbeteiligung möglichst gering zu halten. Plan ivvllte dieses Resultat als Stimmungsmerkmal herausstellen. Die Direktion machte aber einen Strich dadurch, daß sie die Bekanntgabe des A b st i m m u n g s e r g e b n i s s e s verweigerte. Es ist nicht einmal durch Anschlag bekanntgegeben worden, sondern man begnügte sich mit der mündlichen Bekanntgabe an Interpellanten, daß die ausgestellten Kandidaten gewählt seien. Segnungen Aus einer deutschen Grenzstadt Aus einer deutschen Grenzstadt wird»ns geschrieben: In einem hiesigen Betrieb wurde von mehreren Arbeitern angefragt, wo die M a i- A n z ü g e bleiben, für die ihnen bereits 52 Mark vom Lohn in Raten abgezogen wurden, wo- für sie aber bis jetzt nur eine Mütze erhielten. Ihnen wurde angedroht, wenn sie sich weiter über die Angelegenheit mockierten, würden sie Gelegenheit bekommen, in Hohn- st e i n, dem berüchtigten Konzentrationslager, weiter darüber nachzudenken. In demselben Betrieb haben zwei Arbeiter wegen Erhöhung der Löhne Vorstellungen er- hoben. Sie wurden beide nach Höh»stein überführt, da- mit sie dort lernen sollen, billiger zu arbeiten, lieber den Selbstmord des Brigadeführers Koch haben sich die Arbeiter in einem Betrieb unterhalten und ihre Glosic» gemacht. Am anderen Tag wurden sie vor den Betriebsführer ge- laden, und es wurde ihnen erklärt, wenn sie noch einmal wagen würden, über die Angelegenheit Koch zu sprechen, sei ihnen das Konzentrationslager sicher. Ein Stadtrat, natürlich strammer Nationalsozialist, hat sich die Anfrage erlaubt, ob es nicht möglich sei, an dem Be- amtcnapparat der Stadt zu sparen. Den Sinn dieser An- frage begreift man. wenn man weiß, daß nach der glorreichen „Revolution" in unserer 35 000 Einwohner zählenden Stadt nicht weniger als 4 0 N B e a m t e n e u e i n g e st e l l t worden sind. Am anderen Tage erhielt der naseweise Stadtrat von der Kreisleitung! ein Schreiben, in dem er aufgefordert wurde, sofort sein Mandat niederzulegen, da man derartige Kritiker nicht benötige. So geht es bei unS zu, wo unS das AuSland^soznsagen ins Fenster hineinsieht. Wie mag es erst wo anders sein? %aßborgcr WodienbalcM '»««Sucher Autonomismus und Saarfrage »Bit ei P' n'p en. Tagen ,, überraschte" der deutsche Rundfunk den v"?l angeblicher elsässischer Autonomsten an «Buß,° k 7 1,UI,d-' er Schrieb aufmerksam las, dem in, n nur auffallen, daß seine Verfasser sich anonym 4en?" lter® ri,nd kielten, sondern auch in so offentsichtlidi ten- d e, J f,^ er,^ e' 8. e Frankreich Stellung nahmen, daß der ihre S' r."dfunk und die deutsche Presse die Petition für y. flr 1"''''sehen Zwecke sehr gut auszuschlachten in der Lage '' er Denkschrift angeblicher elsässischer Autono- P'dirk" WUrt' Pn me' lrere Fälle„französischer Unterdrückungs- ,)a' ,,n Llsaß aufgeführt, mit denen die deutsche Pro- Eif 3 J a man B e' 8 konkreten Materials aus dem Saargebiet ihre Eev"w"<^ lterUng8ar' ,eit 8 e S en ckv freiheitlich denkende Saar- dr^ U| run 8 ausstattete. Schließlich mußten auch die Leiter haf>> e" ,sc' len Propagandadienstes für die Saar schon bemerkt g j$, P"' daß. ihre Bemühungen, im Saargebiet Fälle franzö- *Uvv""- n Terrors festzustellen, nur ganz dürftige Erfolge auf- {t i i^ e" Rn hatten. So kam ihnen die Autonornisten Denkschrift j. dem Elsaß wie gerufen. Aun besaßen sie aus einem j' e, das trotz aller gegenteiligen Versicherungen Hitlers 0ler_ noch für Deutschland reklamiert wird, eine„Fülle der B ate^' a'"' fit dem sie die angebliche Unterdrückung der j' Vr'Ikerung durch Frankreich belegen konnten. Peinlich an r) er Affäre blieb nur, daß die Verfasser der Denkschrift sich ty'. c h t aus ihrer Anonymität hervorwagten. . oberfaul der Inhalt dieser Denkschrift aber ist, geht j'.at eindeutig aus der Tatsache hervor, daß nicht einmal die f j" r erscheinende Autonomistenpresse den Mut hat, sich zu |( er Denkschrift angeblicher elsässischer Autonornisten zu be- Jaunen. Es bleibt dann also nur noch der eine Schluß, daß Denkschrift nicht itn Elsaß, sondern in der Wil- , f 1 n M r i ß p ia Berlin unter Assistenz des berüchtig- en Bund«.« der Elsaß Lothringer im Reich fabriziert worden ist. Mit dieser Vaterschaft aber ist das Urteil über die Petition, die— wie die„Neue Welt" ganz richtig bemerkt— dem Saarkampf einen neuen Elan verleihen und gleichzeitig auch den Elsässern den Bart streicheln soll, bereits gesprochen. Sie ist und bleibt eines der vielen üblen Machwerke Goebbelsscher Propaganda, das nicht einmal hier im Elsaß ernst genommen wird. Um die Hitlersache an der Saar muß es wahrhaftig schlecht bestellt sein, wenn sie sich schon solch erbärmlicher Roßtäuschermittelchen bedient. Fäöi B mitta »Pensron Tel Awiw Strasbourg rverlegt vom Bo en Steg nach Alter Fiacbma kt 15" MITTAGSTISCH AB 6,_ FR. Um 35 000 Franken geprellt Der Direktor einer Straßburger Filmgesellschaft fiel einem Betrüger in die Hände. Der Schwindler verkaufte dem Direktor der Filmgesellschaft zwei Filme für 35 000 Fr., die er sich j,i Wechseln auszahlen ließ. Viel später erfuhr der Filmdirektor erst, daß der Schwindler, der namens einer Pariser Firma vorgesprochen hatte, gar kein Recht zum Verkauf der Filme besaß Die Polizei ist hinter dem Betrüger her, konnte ihn jedoch noch nicht dingfest machen. Deutscher Spion festgenommen Vor einigen Tagen wurde von der Surete der 36 Jahre alte Deutsche Heim, der in Neudorf eine Epicerie betreibt, unter dem Verdacht der Spionage für Deutschland festgenommen. Heim machte sich dadurch verdächtig, daß er auf dem Truppenübungsplatz Polygon Tanks, Kanonen und anderes Kriegsmaterial fotografierte. Anschluß nach Paris Die nationalkatholische Partei des Elsaß(Apna) teilt im „Elsässer Boten", der angesehenen katholischen Zeitung hier mit, daß sie in diesen Tagen ihren Anschluß an die Föderation Republicaine, die jetzt in Paris zu ihrem Jahreskongreß zusammengetreten ist, vollzieht. Die Parlamentarier der Apna gehören seit langem schon in ihrem persönlichen Namen der Föderation Republicaine an, deren oberster Chef der gegenwärtige Gesundheitsminister Marin ist. Es wird hier allgemein begrüßt daß mit diesem Zusammenschluß eine weitere elsässische Partei Anschluß an eine innerfranzösische Gruppe gefunden und damit den Rahmen„heimatlicher" Kirchtumspolitik gesprengt hat.— Die„Force Nouvelle", eine vor etwa sechs Monate» in Straßburg gegründete Partei politischer Aktivisten, deren Organ sich die„Staatsreform" nennt, gab ihre Zustimmung zum Anschluß an die„N a t i o■ n a 1 e Fron t", die sich in Paris aus„Jeunesse Patriotes" und„Solidarite Francaise" bildete. Präsident Poincare in Straßburg Seit einigen Tagen weilt der frühere Präsident der französischen Republik Raymond Poincare in unserer Stadt. Er befindet sich in Begleitung seiner Frau. Sein Besuch hat rein privaten Charakter Herr Poincare präsidierte die Tagung des Verwaltungsrates der„Freunde der Universität". Ein politischer Prozeß Der frühere Vorsitzende der Republikanischen Beschwerdestelle in Berlin, F a l ck. der hier in der Emigration lebt, hat , die autonomistische Zeitung„Elz" verklagt, weil sie ihm vorwarf,„hier nichts weiter als gemeines Spitzeltum. Hand- langertum für die französische politische Polizei geleistet zu haben"£.. T Pariser Berichte Da* Leben eines französischen Bauern Die furchtbare Tragödie auf der Silberfuchsfarm läßt, wie manche Familienereignisse, einen großen sozialen Einblick tun. Und zwar weniger von Seiten des Mörders, der ein Degenerierter ist— und sich heute in seiner Zelle die Nä!»te damit vertreibt, zu— singen. Als von Seiten der Frau und der Eltern der Ermordeten, die das französische Bauerntum repräsentieren. Dieses Bauerntum, das politisch und wirtschaftlich in Frankreich entscheidend und das ganz besondere Züge trägt. Der Vater der Frau ist der Bauer Desglave in Noyon, ein großer, muskulöser Mann mit verarbeiteten Händen, einer derer, die seit tausend Jahren in den Geschlechtern sich abmühen, die Erde der Picardie fruchtbar zu machen. ,.Ich bin ein alter Bauer", hat er zu dem vernehmenden Beamten gesagt,„und ich war wohl etwas erstaunt, daß der Sohn eines hohen Juristen eine Bauerntochter heiraten wollte. Aber er hat mir gesagt, er wolle lieber eine vom Lande als eine Feine. Na ja, er wollte ja auch Füchse großziehn. Dann hab ich ihn gefragt, warum er denn keine in seiner Heimat nehme. Da hat er geantwortet, die jungen Mädchen in der Bretagne möchten ihn nicht, weil sie sehr fromm seien, und er war wohl Katholik, ging aber nicht jeden Sonntag zur Kirche." „Wir haben uns erkundigt", fuhr der alte Bauer fort,„der Pfarrer von Noyon hat an die Pfarre in Lorient geschrieben. Außerdem hat noch unser vormaliger Notar an einen Kollegen geschrieben, den Michel Henriot als Referenz genannt hatte. Die Auskünfte waren alle günstig." „Die Georgette wollte heiraten, weil die Großeltern, also mein Vater und die Mutter, sich nicht gut mit meiner Frau vertrugen, und Georgette war das Verzugskind von den Großeltern. Deswegen war sie also mit der Mutter ein bischen überkreuz,.. Na, wir konnten auch nicht abreden. Die Hochzeit fand statt... Gewiß, vorher gab es noch allerhand zu besprechen, über die Mitgift und so weiter, wie gewöhnlich! Der alte Henriot, der Staatsanwalt, wollte eine Heirat ohne Ehevertrag Ich aber war dagegen, denn ich wollte meinem zukünftigen Schwiegersohn nicht die Verfügung über das Vermögen zugestehen, das wir den Jungvermählten mitgaben." „Bevor wir endgültig Ja sagten", fuhr der Vater fort, „haben wir darauf bestanden, daß der Arzt, der Georgette Dr. Specialfiste rue de Rl von- Meiro Choleic üADIKALfc HEILUNG von BLUT., 4AUT» and FRAUENKRANKHEITFA Heilung von Krampfadern ii od ofteoen Beistunden Neueste Behandlungsmethoden fclektn- :ität Imptusgsverfahren Trypaflc vine Einspritzungen Blut» und Harn» Untersuchungen Nper- Tiakuitur. Salvarsan Wismut usw iprechstuDden täglich von 10— 12 und von 4—8 Uhr Sonntags von 9—12 Uhr Konsultationen von IS fr. ah. Mao apricht deutsch Berühmte Hellseherin Braunbuch II. Dimit off contra Ring Preis geheftet 2°,— Fr., gebunden 30,— Fr. Sofort lieferbar Nach auswärts nur gegen Voreinsendung des Betrages. Frankre.ch einschl. 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Sprach» und ging nach beendetem Verhör aufs Land, auf die Scholle der Picardie. die im Krieg verwüstet wurde, an der blutigen Somme,— und deren Hüter er ist, der Bauer von der Oise Filmkämpfe in Paris Wir haben, mit einiger Zurückhaltung, von der Demonstration berichtet, die gegen die Fremden wegen der Filmfrage auf den Boulevards und in den Champs Elysees abgehalten wurde. Diese Aktion ist nur der Teil einer bestimmten Agitation. Die gleichen Ziele verfolgt der außerordentliche und eigentlich hunderteinprozentige Gesetzentwurf gegen Auslandsfilme, der von interessierter Seite vorgelegt wurde, und der in dieser Fassung kaum das Licht des Parlaments verlassen dürfte, auch nicht als Regierungsdekret. Im selben Rahmen registrieren wir einen soeben in der„Comoedia" erschienenen Artikel, der sich gegen Film-Emigranten wendet. Der Verfasser, der den wohl nicht altfranzösischen Namen Liausu führt, will festgestellt haben, daß in den Studios der Paramount zu Saint-Maurice ein Film gedreht werde, an dem zwanzig Deutsche mitarbeiteten, von denen nur zwei die Arbeitserlaubnis besäßen. Der Arbeitsminister wird aufgefordert, einzuschreiten. Die Teilnehmer werden mit Namen genannt. Wir überlassen es den Beteiligten, sich dazu zu äußern. Einstweilen registrieren wir weiter, daß Gustav Ucicky. der Held Hilgenbergs und König der Fridericus-Rex-Filme sowie des Films„Morgenrot"(der Paris, trotz heißer Wünsche der Ufa, infolge Verbots der französischen Zensur bis jetzt erspart blieb) in Paris eingetroffen ist. Er wird als „unendlich sympathischer und einfacher Mann und großer Künstler" in einem großen Boulevardblatt bezeichnet. 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Hitler gegen„Ma Lutte" Der Verlag„Nouvelles Editions Latines" hatte Hitlers Buch„Mein Kampf" ohne Zustimmung des deutschen Reichskanzlers in französischer Sprache veröffentlicht, worauf er ton Hitlers Münchener Verlag verklagt wurde. Am 4. Juni ist Termin. Die Vertreter des Pariser Verlages, die bekannten Rechtsanwälte Philipoe La in our und G a i 1 1 e, sprechen am Samstag, dem 2. Juni, um 21 Uhr, im Deutschen Klub(Uni- versite du Parthenon, 64. Rue du Rocher, Paris 8— am Bahnhof St. Lazare) über das Thema: ,.W arum ist Hitler gegen sein eigenes Werk?"— Die Vorträge werden in deutscher Sprache kurz wiedergegeben. Nach dem Vortrag: Geselliges Beisammensein. Für Mitglieder Eintritt frei, für Gäste 5 Franken(Stellungslose: 3 Franken). Am Sonntag: Ausflug des Klubs nach Versailles zu den Wasserspielen. Treffpunkt: 14.30 Uhr an der Metrostation Pont de Sevres(Beteiligung: 3 Franken). Arbeiterschulen in Suresnes Kürzlich hat ein Frauenbesuch der Arbeiterschulen von Suresnes. dem bekannten Vorort von Paris, stattgefunden. Einem Bericht darüber entnehmen wir: Die Vorschulen von Suresnes verwirklichen die schönsten Träume des Kindes. Jeder Schüler hat seinen Sessel, seinen eigenen Tisch, seine kleinen Spielzeuge. Die Wiesen sind voll grüner Pflanzen, die Teiche voller Goldfische, Vogelkäfige, Karusselg, Schaukeln erfreuen die Kleinen. In der neuen Montessori-Schule kann man eine ganze Klasse bewundern, die Fenster von einem Glas besitzt, das die ultravioletten Strahlen durchläßt, so daß schwache Großstadtkinder dort bei freiem Spiel ihre Sonnenkur machen können. Eine Mustergruppe bildet eine große Mädchenschule mit Kursen zur Vorbereitung der Lehrlingszeit, ferner eine Knabenschule mit Duschsälen, Schwimmhalle, Turnsaal, vereint mit einem sozialen und Schuldienst und einem seelisch- schulischen Laboratorium, das im Entstehen begriffen ist. Eine andere Gruppe stellt eine Einheitsschule von der Maternelle bis zur praktischen Handels- und Industrieschule dar, sie besitzt einen breiten, wunderbaren Hof mit einem Turnsaal sowie eine Schwimmanstalt in den Kellerräumen, An der Grenze der Gemeinden Suresnes und Rueil, am Fuße des bekannten Valerien-Berges, ist eine Freilichtsehule im Entstehen. Die Klassen, die in Pavillons liegen, sind auf drei Seiten durch bewegliche Wände abgegrenzt, und weite Stege verbinden sie unter sich. Schwächliche Kinder finden hier eine wunderbare Landschaft mit Aussicht, reine Luft und fehlerlose moderne Einrichtungen. Eine Krippe, die nahezu vollendet ist und die sechzig Kinder aufnehmen wird, ist mit den modernsten Einrichtungen der Hygiene, der Durchlüftung und Belichtung versehen. Die seit zwei Jahren arbeitende sozialistische Volksklinik (Dispensaire) in der rue Garnot hat vollendete Apparate für JjeA QcuneA. 166. Boul* Haussmann 83, Boulevard Malethorbas 177, Regent Street, London W. I Moderne Damengürtel mit Büstenhalter Radiumbestrahlung. Kehlkopfbehandlung und einen künstlichen Badestrand. Das Dispensaire verrichtet zu gleicher Zeit den Dienst einer sozailen Versicherung und den einer Wohlfahrtsanstalt. Die Schulen tragen unter andern die Namen Vaillant und Briand. gür dm®c(omttnßoI! verantwortlich: Johann PI tz In Dud» weilet: lüt Inserate: Qito Kuhn ln Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Vvlksstiwme GmbH. Saarbrücken* Schützenstraße 5. Schließfach 776 Saarbrücken. glocleut fpeciatiste DEUTSCHSPRECHEND Münchenei u Pariser Fakultä 17, rue Reaumur Mttro Arts-er-Metiers od. ftbpublique Frauen«, Blut*, Haut*, Harn* und Ge- schlechtikrankheiien, Tripper, Syphilis, Männerichwäche. Neueste Heilverfahren. Elektrizität. Harn«. Samen« und Blutanalysen. Massige Bedingungen.(Auch iür Kassenversicherte.» Täglich von- 1 und 4- 8,30. Uhr Sonn« und Feiertags von 9 bis I u. auf Rend- v. Tel. 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E.: Der rasende Reporter Mann Heinrich: Schlaraffenland Mann Heinrich: Der Untertan Ossendowski: Lenin Schnitzler A.: Der Weg ins Freie Sinclair Upton: Sinttlut Sinclair Upton: Wallstreet(Um uns die Stadt— Eine Anthologie neuer Großstadtdichtung) Vorstehende Bände sind nur ieferbar, solange die Vorräte-reichen. Wir besorgen aut Besiellung alle Bücher in deutscher Sprache, auch die in Deutschland verbotenen Bücher, soweit dieselben noch zu haben sind. Buchhandlung der Volksstimme Saarbrücken 3:: Bahnhofstr. 32