£ jpedtid " SwzZge unabhängige Tageszeitung Deuischiand I^r. 130— 2. Jahrgang Saarbrücken, Samstag, 9. Juni 1934 Chefredakteur: ML B r a u n Aas dem Inhalt 3Lwd.eH.kucq. und TJleifmee ats Zeitunqsqcätidec Seite 2 TlatianaUaziaiistiscfie Dokumente. Seite 3 3Cütee und die JUisiungsintecnatiotiale Seite 4 Stauen in tBackacien Seite 7 Könnt die Sinne Experimente der deutsdien Währungspolitik Nachdem die Reichsmark im Auslande zwei Tage stark gefallen war, ist ste am Donnerstag wieder auf 5,78 bis 5,78 französische Franke» gestiegen, aber immerhin noch 5 v. H. unter der Goldparität geblieben. Tie leichte Er- holnng ist durch eine Intervention der Rcichsbank bewirkt worden. Die Reichsbank schien zunächst die Bedeutung des diesmaligen Sturzes nicht erkannt zu haben? sie hat erst am Donnerstagnachmittag stützend eingegriffen. Die gleich- geschaltete Presse, soweit sie überhaupt zu dem Marksturz Stellung nimmt, tröstet sich damit, daß es der Reichsbank wieder gelungen sei, die angebotenen größere» Mark- betrüge auszusaugen. In einige» Kommentaren kommt ziemlich«»verhüllt zum Ansdruck, daß die Entwicklung einer Rinnen- mark zusteuert, lieber die tieferen Gründe dieser Ent- «icklung lasse» wir nachstehend unseren wirtschastspoli- tischen Mitarbeiter zu Worte kommen. Nach offiziellen deutschen Angaben ist die R o h st o f f v e r- sorgung der wichtigsten deutschen Industrien durch die Anlage von„eisernen Beständen" angeblich auf vier bis fünf Monate gesichert. Daß im ersten Quartal 1334 bei der Einfuhr»ine sehr starke Vorversorgung betrieben wurde, ist auch im Auslände allgemein vermerkt worden. Angesicht- der bevorstehenden Tranöferkonferenz hatte man damals in Berlin ein großes Interesse daran, die Devisenlage so un- günstig wie irgend möglich darzustellen und für die Fort- setzung beS Aufrüstungsprogrammes blieb es schließlich ziem- lich gleichgültig, ob man über den betreffenden Tevisenstanb oder über die hierfür eingeführte Rohstofsmenge selbst ver- fügte. Auch sonst geht die deutsche Wirtschaftspolitik offensichtlich daraus aus, lieber Rohstoffe als Devisen anzusammeln. Erst kürzlich kam dies darin zum Ausdruck, daß man Sowjetrußlaud ersuchte, an Stelle der im Jahre 1334 aus alte» Lieferungen fällig werdenden Goldzahlungen von etwa 730 Millionen Reichsmark entsprechende Rohstossliese- rnugen vorzunehmen. Es mag dahingestellt bleiben, ob diese an und für sich zwei- fellos vorhandene Vorversorgung tatsächlich für vier oder fünf Monate ausreicht, oder ob man. diese etwas optimistische Behauptung hauptsächlich deswegen aufgestellt hat, um die im„dritten Reiche" selbst immer deutlicher werdende Skepsis über die kommende Wirtschastsentwicklung zu bekämpfen. Je- denfalls steht fest, daß man heute schon selbst im Export- geschäft darauf bedacht ist. mit Rohstoffen, die man in abseh- barer Zeit kaum mehr ersetzen kann zu sparen, und daß man sogar lieber Auslaudsbestellungen ablehnt, als daß man in der Form von Fertigfabrikateu Rohstoffe exportiert, die man für den Zweck der Aufrüstung kaum so leicht wieder etntausen kann. In gleicher Linie liegen die mehr oder weniger phan- tastischen Angaben über Methoden, die wichtigsten auslän- dischen Rohstoffe durch inländische Surrogate zu ersetzen. Er- fahrungen dieser Art hat man im Krieg sammeln können, und es hat sich fast immer herausgestellt, daß es selbst bei größtem Kostenaufwand und hervorragenden technischen Leistungen, von wenigen Einzelfällen abgesehen, nicht möglich war, aus diese Weise längere Zeit hindurch die ausländischen Roh- stoffe zu ersetzen. * D>ieS gilt in erster Reihe gerade von den für die milttä- rische Aufrüstung Deutschlands wichtigsten Industrien,-rie Erzbasis des Landes ist völlig unzureichend und es war nur im Weltkriege durch die Besetzung französischen und belgischen Gebietes möglich, sie zu erweitern. Heute stammen minde- stens 60 Prozent der Rohstoffe der deutschen Schwerindustrie aus dem Auslande und bei der für militärische Zwecke eben- falls hochwichtigen Textilindustrie belauft sich der auslan- dische Rohstoffanteil sogar auf SS Prozent. Auchim der Er- nährungsfrage sollte man sich vor der Ueb«fchatzung des hitlerdeutschen Schlagwortes von der Lebensmittel-Autarkt>e hüten, denn die Beträge, die Deutschland besonders" der Fettversvrgung noch immer für den Bezug ausländischer Roh- stoffe benötigt, gehen in die Milliarden.^ DaS allernötigste wird man allerdings weiter tm Aust u ch gegen den Erport von F-rtigsabr.kat-n here.nbekommen können aber diese Mengen werden, ganz abgesehen von a-rinaer weil Deutschland beim Festhalten am«"»o. standa°rd'durch seine hohen Preise die Konkurrenzsah.gkeU am Weltmarkt immer mehr einbüßt.^ svabfr war es möglich v'rk dem"mreg-""er d-s Äcrips- verfahren, das nur-in- vejonoerc Äoart des Dumpings darstellt, die in den hohen Exportpreisen liegenden Ausfuhr- schwierigkeiten zu mildern. Jetzt wird man auf andere Nüttel sinnen müssen, denn ohne besondere Dumpingmaßnahmen wäre die deutsche Ware im Auslande schon aus Gründen der T isstellung selbst dann nicht abzusetzen, wenn die Schmie- rigkeiten der Handelspolitik, der bevorstehenden Zwangs- claerings, des politischen Boykotts usw. nicht bestehen würden. Ein Vergleich der Großhandelsindizes der wichtigsten Exportstaaten lDeutschland: 94) zeigt dies ganz deutlich. Von den außerdeutschen Ländern steht hier die Schweiz mir einem Index von 31 etwa an erster Stelle. Es folgen die Tschechoslowakei snach der Devalvation der Kc.) mit 81, Frankreich mit 73, England mit 65, die USA. mit 64 und Japan mit 43. Zur Verbilligung seiner Preise hat Teutschland b sher unter dem Hitlerregime so gut wie nichts getan und aus innenpolitischen Gründen auch nicht tun kön- nen, weil Industrie und Landwirtschaft jeden Versuch einer wirklichen Preissenkung mit einer oppositionellen Haltung beantworiet hätten, der sich die Hitlerregierung nicht aus- setzen konnte. Ebenso wenig hat man sich bisher in Deutsch- land dazu entschlossen, den Weg der Tevalvationspolitik zu betreten mit dem zuerst England, später die USA. und schließlich die Tschechoslowakei eine Besserung ihrer Export- Möglichkeiten durchsetzten. Dieser Weg war dem Hitlerregime bisher durch den Widerstand deS Mittelstandes auf dessen Gefolgschaft mau angewiesen ist und auch durch die immer wiederholten Erklärungen verbaut, baß man den Kurs der Mark unier allen Umständen aufrecht erhalten werde. Heute ist man auf diesem Gebiete gezwungen, politische Rücksichten preiszugeben Heute rüstet Deutschland zu einem neuen gefährliche» Experiment, das die internationale Bessernna der Konjunktur in vielleicht nicht geringem Maße beeinträchtigen dürste: Hitlerdentschland bereitet eine Bin- nenwähruug vor. Der Export von Reichsbanknoten ist seit einiger Zeit auf ein Minimum reduziert worden da der im Auslande notierte Kurs der sogenannten„freien Reichsmark" seit Monaten nur noch dadurch auf seiner Parität aehalien werden kann, baß oie Reichsbank die angebotenen Beträge durch Hergäbe von Devisen übernimmt. Angesichts der Kapitalflucht, die sich heute infolge des engmaschigen Kontrollnetzes der beut- scheu Devisengeietze ganz vorwiegend auf dem Wege über den Schmuggel von Marknoten abspielt, ist die Erfül- lung dieser Aufgabe für die Reichsbank immer schwieriger und kostspieliger geworden. Jetzt ist man bereit, das^on früher von Professor Wagemann empfohlene Rezept durchzuführen und die mit Gold gedeckten Reichsbanknoten lediglich für den Wirtschaftsverkehr mit dem Auslande zu reservieren, während der Zahlungsmittelbedars des Inlandes durch ein Rinneugeld gedeckt wird das über keine Golddeckung verfügt. Nach den von Schacht jetzt aufgenommenen Plänen Wage- manns will man den Wert dieser neuen deutschen Binnen- mark dadurch aufrecht erhalten, daß man nur eine bestimmte Menge dieser Noten in Umlauf setzt, und von i' ten nicht mehr druckt, als es in dem Jnlande umgesetzten Warenmcn- gen entspricht. Selbstverständlich ist es ganz unmöglich, die richtige Höhe dieses Notenumlaufes zu errechnen und den währungspolitischen Exverimenten, vor allem aber die Mög- lichkeit. sich durch Geldschöpfung immer neue Galgenfristen zu erkaufen, ist auf diese Weise freier Lauf gelassen. Unter diesen Verhältnissen dürkten sich die neue» Gesetze, die alle Preiserhöhungen, mit Ausnahme der agrarische», mit hohe» Strafe» bedrohen, ebenso als ein Schlag ins Wasser erweise» wie die ähnlichen Maßnahmen in früheren Jnflationsperioden. Tatsächlich haben sich besonders bei denjenigen Waren, die vorwiegend aus ausländischen Rohstoffen hergestellt werden, auch schon Preiserhöhungen von 13 bis 12 v. H. ergeben. Sie mögen teilweise rein psychologisch durch die Erwägung be- gründet sein, daß die Rohstoffe knapp werden und baß die Jndustre, vor allem die Textilfabrikanten ihre Ware be- reits zurückhalten. Angesichts der bevorstehenden währungs- politischen Experimente wird sich aber diese Entwicklung auch durch die schärfsten Strafbestimmungen nicht aufhalten lassen. Angesichts der bevorstehenden würgenden Rohstofsnot und des ohne ausländische Hilfe nicht mehr heilbaren Rohstoffmangels steht Deutichland am Vorabend einer Periode gefährlicher Währungs und Wirtschaftsexperimentc. die den ökonomischen — und damit schließlich den politischen— Zusammenbruch des Hitler-Regimes allenfalls für einige Monate verzögern und verschleiern, aber niemals verhindern werben. Der Stabschef der SA.. Reichsminister Röhm, hat einen mehrwöchigen Krankheitsurlaub angetreten. Um allen Mißdeutungen, die daran etwa geknüpft werden könn- ten. von vornherein vorzubeugen, läßt der Stabschef erklä- ren. daß er nach Wiederherstellung seiner Gesundheit sein Amt in vollem Umfange weiterführen werde. Gestern und heute Seit einigen Wochen läuft in Berlin der sogenannte zweite Gereke-Prozeß. Die Zeitungen melden fast nichts davon, und das Publikum ist auch nicht neugierig. Eine wunderbare Teilnahmslosigkeit umschwebt diesen Prozeß, in dem die interessantesten Geheimnisse aus der Vorgeschichte des „dritten Reiches" ans Tageslicht kommen könnten. Gestern aber hat Goebbels mit einem Mal den eisernen Vorhang aufgezogen. Das amtliche Deutsche Nachrichtenbüro bringt plötzlich ein Stück aus der Verhandlung, und alle Zeitungen drucken es nach. Warum, wieso? Der ehemalige Landrat, Reichskommissar und Minister Dr. Gereke gehörte einmal zu Hindenburgs bevorzugten jungen Männern. Der alte Herr hatte unter den jüngeren Konservativen immer einen besonderen Liebling— von seinen alten Junkern in Ostpreußen nicht zu reden. Mal war es der einstige Kapitänleutnant Treviranus, dann der ins Zentrum verirrte Konservative Dr. Brüning— zuleßt eben jener Dr. Gereke. Diesem Dr. Gereke hat das„dritte Reich" wegen angeblicher Unterschlagungen den Prozeß gemacht. Er wurde in erster Instanz auch verurteilt, doch stand dies Urteil auf nicht sehr festen Füßen. Jeßt läuft die Berufungsverhandlung. Aber nicht die angeblichen Veruntreuungen des Dr. Gereke sind das Interessante an dem Prozeß. Das sind vielmehr seine Beziehungen zu Hindenburg, die dort mit breitem Behagen auseinandergelegt werden. Dr. Gereke war der Mann, der im Frühjahr 1932 neben Brüning am stärksten den Wahlkampf für den Reichspräsidenten von Hindenburg gegen den Reichspräsidentschaftskandidaten Hitler führte. Vor allem mobilisierte er die Geldleute durch einen sogenannten Hindenburg- Ausschuß, der mehrere Millionen für den Wahlkampf zusammenbrachte. Einen Teil dieser Mittel dachte er dann später für eine politische Parteigründung unter dem Protektorat Hindenburgs zu verwenden— eine Sache, mit der schwerlich alle Geldgeber und sicherlich die wenigsten Wähler Hindenburgs einverstanden gewesen wären. Eine saftige politische Schiebung ist da probiert worden. Und was für feine Leute waren alles beteiligt! Nicht, nur Herr von Gleichen, der Präsident des Herrenklubs, nicht nur der ewige Finanzier der Reaktion Dr. Regendanz(wo kamen eigentlich Hitlers Kreuger-Millionen her?)—, sondern auch Hindenburgs Staatssekretär Dr. Meißner und selbstverständlich des alten Herrn leiblicher Sohn Oskar von Hindenburg. Die haben in aller Biederkeit das Scherflein der armen Witwe und auch das Gold des reichen Mannes, die beide nur die Wahl Hindenburgs sichern sollten, dazu benwen wollen, um eine neue Partei und eine neue Zeitung auf die Beine zu bringen. Und was waren die geheimsten Ziele dieser Gruppe? Im vorigen Prozeß hat Herr Treviranus ausgeplaudert, man habe im geheimen vorgehabt, nach■••ner Anstandsfrist Hitler doch noch an die M Jit zu bringen: Brüning wollte zu diesem Zweck freiwillig zurücktreten. Das war im engeren Kreise schon früher bekannt; nun aber hat ein Zeuge es bestätigt. Möglich, daß diese Plänemacher auch mit diesem Projekt im Grunde nur Hitler hereinlegen wollten— aber das, was sich im Schicksalsjahr 1932 deutsche Innenpolitik nannte, erscheint jedenfalls immer mehr als ein einziger Sumpf des Betrugs und der Unaufrichtigkeit. An diesem perfiden Spiel waren Hitler, Göring und Goebbels ebenso beteiligt, wie die Männer, die jeßt teils auf der Anklagebank, teils auf der nicht viel besseren Zeugenbank sißen. Das Nachrichtenbüro aber zieht den Vorhang gerade in dem Augenblick hoch, in dem ein schiefes Licht auf die Zeugenbank fällt. Denn dieser Prozeß erschüttert in erster Linie die Autorität eines Mannes; des alten Reichspräsidenten von Hindenburg selbst. Der„große alte Mann über uns"-— so hat Goebbels ihn in seinem soeben veröffentlichten Tagebuch noch angehimmelt. Zugleich aber veröffentlicht er Prozeßberichte, die den„großen alten Mann" als Schußpatron und Nußnießer der erwähnten Treibereien erscheinen lassen. Das ganze heißt deutsche Treue. Argus. „le rißaro" Paris, 8. Juni. Die alte Zeitung„Le Figaro" ist mit einer neuen Leitung ausgestattet worden, die sehr bekannte Namen bring. In dem Direktionsausschuß sitzt unter andern Graf Wladamir b'Ormesson, dessen neues Buch„Was ist ein Franzose?" heute erscheint. Dem Leitungsausschuß gehören ferner an die bekannten Schriftsteller Pierre Brisson, Andre Maurois iPseudonym für Hertzogj, Paul Morand und ein früherer Chefredakteur des Figaro. Lucien Romier. Der LeHtgenannte ist auch der eigentliche Direktor des Blattes, eine Stellung, die nach französischem Brauch Verlag und Schriftleitung zusammenschließt. Politischer Haupt- schriftleiter ist Rens Lara, literarischer Hauptschriftleite» Pierre Brisson. Ilm Deutschlands Dttdfhehr nadi Genf Eine nächtliche Konferenz zwischen Eden. Barihou und Norman Davis : aber nicht möglich gewesen, wenn nicht eine Gleichschaltung der Prcußen-Rcgicrunq mit der Rcichsregierung Hand in Hand-ergangeu wäre, well sonst die Preußen-Regierung der RcichSreg'erung Schwierigkeiten bereitet hätte. Er habe des- halb mit dcu im Wahlkamps besonders beteiligten Personen, Dr. Gercke und Gras W c st a r p darüber gesprochen, auch einen Teil der eingehenden Mittel für den Preußen-Wahl- kämpf zurückzuhalten. Tic davon in Kenntnis gesetzten Geld- gcber seien mit dieser Teilung einverstanden geiveien. Ter Angeklagte Gercke habe also einen Teil der für den Htnden- burg-Wahlsvnds eingenommenen Mittel für diesen Zivcck abgezweigt. Der Zeuge erklärt:, daß man in der Politik nicht mit den gleichen Maßstäben messen könne wie im bür- gediehen Leben. Heute wo er im Privatleben stehe, sei er manchmal verwundert darüber, wi: damals mit Gel- der» umgesprungen worden sei. Man habe über Summen quittiert, die doch gar nicht vorhanden waren. Am Donnerstagnachmittag wurde dann der Staatssekre- tär des Reichspräsidenten, Dr. Meißner, als Zeuge über die Frage gehört, ob Dr. Gercke der Ansicht sein konnte, daß wesentliche Teile der für den Hindenburg- Wahlsonds gesammelten Gelder abgezweigt und sür allge- meine politische Zwecke verwandt werden dursten. Der Borsitzende richtete au 2>cn Staatssekretär die Frage: Haben Sic etwas davon geivußt, daß aus den führenden Kreisen des Hindenburg Ausschusses heraus gewisse Beträge beiseite gestellt worden sein sollen, die der Gründung einer Zeitschrist oder Zeitung für die Präsidialgeivalt dienen sollten? Staatssekretär Meißner antwortete: Nein, davon habe ich nichs gewußt. Aber ich wußte etwas über die geplante Gründung einer Zeitung. Zwischen dem l. und 2. Wahl- gang, also zwischen dem 18. März und 10. April 1082, sprachen Oberst Oskar von Hindenburg und ich wiederholt davon, daß es notwendig ici, eine überparteilich nationale und unabhängige Zeitung zu schassen. Die Anregung ging vom Oberst von Hindenburg aus, und er hatte, wie er jagte, diese Anregung wieder von Dr. Gercke erhalten. Wir trafen uns nachmittags im Hcrrcnklub und besprachen dort das Thema weiter. An dieser Besprechung nahmen teil: Dr. Gercke, Freiherr von Gleichen, Dr. Regcndanz, der da- malige Minister von Keudell. Herr von Wilmowski, der als Schwager Krupps Vcrbindunacn mit der Industrie hatte, Oberst von Hindenburg und ich. Es fanden mehrere solcher Besprechungen statt. Die Idee war, eine überparteiliche nationale Zeitung zu schassen, die unabhängig sein sollte von Parteien, aber auch von In, duftric- und Wirtschastsinteresse» und die keinen Gewinn, vielleicht auch keine Verzinsung abwerfen sollte. Nach der zweiten Präsidentenwahl im Mai 1082 hgben wir auch eine Art Satzung ausgearbeitet sür einen ciugctra» genen Verein, den-die genannten Herren als Träger des Un- ° ternehmens bilden sollten und zu dem vielleicht noch weitere Herren hinzutreten sollten. Als die Geldfrage erörtert wurde, kamen die Schwierigkeiten. Ter einzige, der positiv Geld zur Verfügung stellen wollte, war Dr. Gcreke, der damals da- von sprach, daß er.',0 000 Mark zur Verfügung stellen könne. Oberst von Hindenburg hat mir im Privatgespräch gesagt, daß Dr. Gereke bis 100 000 Mark zur Verfügung stellen könne. Aus ivclchen Mitteln dieses Geld kommen sollte, hat Dr. Gereke nicht gesagt, aber Oberst von Hindenburg und ich nahmen an, daß diese Summen aus Restmitteln oder Er» sparniffen des Hindenburg-Ausschusies zur Verfügung ge- stellt werden könnten. Das ivar vor dem 10. Juni IM. Dann borten die Besprechungen auf, weil die Versuche, noch andere Geldgeber zu gewinnen, scheiterten. Das Zeitungsprojett, das um Weihnachten 108.' der damalige Reichskanzler von Schleicher mit mir besprach, hatte mit dem alten Gereke-Plnn nichts mehr zu tun. Da handelte eS sich»in den Plan, die „Tägliche Rundschau", den„Reichsboten" oder die Aktien- Mehrheit der„DAZ" zu erwerben. Der Gerekeplan war An- sang Inn! sür uns erledigt, ivcil»ach der Sachverständigen- bercchnnng des Herrn Stolberg mindestens ein Kapital von .',>>0 000 Mark erforderlich ivar, das nicht aufgebracht werden konnte. Am nächsten Dienstag sollen Oberst OSkar von Hindenburg und der frühere Abgeordnete Graf von Westarp als Zeugen vernommen werden. Notii viel zd gelinde! Man muß mehr Zeitungen verbieten— fordert da» Blatt Streichers Zu dem dreimonatigen Verbot des„Bäuerischen An- zeigerS" begründet mit dem Abdrucke eines Artikels des Kardinals Faul Haber, schreibt die„Fränkische Tageszeitung":„Run hat man wieder einmal zugegriffen und eins von jenen gleichgeschalteten und ach so„loualen" Blättern, die früher dem System dienten und am Auftrage aller möglichen anderen dunklen Mächte in der widerlichsten Weise gegen den Nationalsozialismus zn Felde zogen, ver- boten. Jetzt werden sie im stillen Zeter und Mordio schrien, und gewisse Geister ivcrdcn hergehen und von Ungerechtig- keit flüstern. Wir aber sagen: Noch viel zu gelinde geht man mit ihnen um ,u»d wen» es»ach uns ginge, dann würde man heute noch einem halben Hundert von Zeitungen das Lebenslicht ausblasen, die ihre» ganzen Vergangenheit nach, und auch infolge der Tatsache, daß sie noch von den gleichen Gr stern gemacht werden, die sie einst gegen uns leiteten, doch niemals den Geist atmen können, den die Presse im nattonalsozialistischen Staate atmen muß. Wenn die natio- naisozialistiis-e Regierung sich zu diesem scharfen Vorgehen « gen di" Träger der öffentlichen Meinung des früheren Slistem nicht verstanden hat, dann geschah das lediglich des- wegen, um nicht Hunderte von Volksgenossen, die eigentlich au der Sache an o-'- unschuldig sind, um den Eriocrb zu l>'»igen Diese aber mögen jetzt erkennen, wie nun iviede- rrm von denen mit ihnen und ihrer Existenz Tchindluder » leben wird, die sie einstens schon verführten und die heute so die Anständigkeit und die Langmut des National- f'u.r.smus immer erneut mißbrauchen." Fasdilslenkradi in England V ersammlungstumult London, 8. Juni. Die schweren Ruhestörungen am Donnerstagabend in der großen Faschis.'envcrsammlung in der Olympia-Halle dauerten bis Mitternacht an. Nach Blättermeldungcn ivurdcn 23 Personen, darunter zivei Frauen, verhaftet. Sieben Personen, die Verletzungen er- litten hatten, ivurdcn im Krankenhaus verbunden. Eine von ihnen, ein junger Manu, dessen Zustand sehr ernst ist, mußte im Krankenhans bleiben. Nach Schluß der Versammlung wurden Faschisten, die in Kraftivagcn abfuhren, von Kommunisten angegriffen. Es wurden zahlreiche Stinkbomben geworfen. Kurz vor Mitter- nacht marschierte die Hauptmasse der Faschisten, ungefähr 5000 Mann stark von berittener Polizei begleitet, nach dem Hauvtguartier in Ehelsea. Mau sah, daß viele hinkten und von ihren Gefährten gestützt ivurden. Einige wiesen Bcr- letzungen am Kopf und Gesicht aus. Dutzenden ivarcn die Hemden in Fetzen gerissen. Die Polizei verhinderte die Menge, ihnen zn folgen, so daß es in Ehelsea keinen Zwischenfall mehr gab. Pai Heuert« Das Verbot der„Grünen Post" ist mit sofortiger Wirkung ausgehoben worden. Der König von Belgien hatte am Donnerstagabend eine Besprechung mit dem zntückgstketenen Ministrrpräsidentcu Brocqneville. Es besteht der Eindruck, daß Brocqueville mit der Neubildung des Kabinetts beauftragt werden wird. Bei einer A b i t u r> e u t e n s c i e r in I n n s br u ck, die auch von der Hochschulerschast zahlreich besucht war, kam es Mittwochabend zu einer regelrechten Saalscklacht zwischen nationalen und„vaterländischen" Schülern. Die Polizei trieb die Kämpfenden mit dem Gummiknüppel auseinander. Die Veranstaltung wurde geschloffen. Insgesamt wurden zehn Personen verletzt. Eine Reihe von Hoch- und Mittelschülern wurde verhastet. Ein deutsches Flugzeug, das von Hermann Startz aus Stuttgart gesteuert wurde, ist, wie„Echo de Paris" berichtet, am Mittwochabend bei E p i n a l zur Notlandung gezwungen worden. Startz erklärte, sich verirrt zu haben. Der mit einem llü-PS-Motor ausgerüstete Apparat wurde bis zur Rcglung der Formalitäten in Gewahrsam genommen. In der vergangenen Nacht hat sich in U e l z c n ein schw res Brandunglück ereignet, dem drei Menschenleben zum Opfer gefallen sind, und zwar kamen bei einem Dachftuhlbrand ein« Frau und ihre beiden Kinder in den Flammen um. Der parlamentarische Untersuchungsausschuß zur Nach, Prüfung der blutigen Ereignisse vom Februar in Paris hat seine Arbeiten zu einem gewissen Abschluß gebracht und mit Stimmenmehrheit sich dahin geäußert, daß niemand unmittcl- bar für den Befehl zum Feuer» ans die Menge verantwort- l'ch gemacht werden könne. Man habe im Gegenteil den Ein- druck, daß die Polizei im Gefühl der Notwehr spontan von der Waffe Gebrauch gemacht habe. In der Hütt? einer spanischen Holzfällerfamilie bei Anderre brach nächtlicherweise ein Brand ans, der sehr schnell um sich griff. Während sich die Mutter mit dem jüngsten Kind in Sicherheit bringen konnte, kamen drei ältere Kinder in den Flammen ums Lebe«. Der Sonderkorrespondent des„Daily Expreß" in Dairen meldet: Offiziere und Mannschaften des britischen Fracht- dampsers„Ashby", der auS Wladiwostok in Dairen ein- getroffen ist. erzählen, daß die Stadt mit Soldaten und Marinesoldaten überfüllt sei. Der Hasen sei voller Schisse aus dem Schwarze» Meer, die Munition ausladen. Unter den Schissen im Hasen befänden sich neun britische Fahrzeuge, mit Kriegsmaterial aller Art an Bord. Am 1. Mai seien 20U Militär- und Marineslugzeuge über Wladiwostok geflogen, während Dutzende von Tanks, Panzerwagen und schweren Geschützen durch die Straßen rollten. Aus dem republikanischen Parteitag in Ehicago ist Henry P. Fletckier, ein Freund des früheren Präsidenten Hoover, aus Pennsylvanten, zum Parteiführer gewählt worden. * Tie in London geführten s r a n z.ö s i s ch- e» g l i s ch e n Wirtschastsverhandlungen sollen in den letzten Tagen merkliche Fortichrttte gemacht haben. In französischen Kreisen erklärt man. daß ein Abkommen über die landwirt- schastlichen Erzeugnisse praktisch erzielt worden sei und man demnächst auch zu einem Ausgleich in der für den franzö- siichen Export wichtigen Seidenfrage zu gelangen hoffe. Der Board of Trade denke an die Aufhebung des 20prozentigcn klnszolls sür französische Erzeugnisse. * Infolge der anhaltenden Trockenheit hat die bulga- tische Regierung die Aussuhr von Getreide untersagt. ch Deutschland ist im Fußballmcisterschaftskampf nach einem 8:2-Sieg über Oesterreich in Neapel Dritter ge- worden. ver verliner Gestapn-Prozeß Berlin. 7. Juni. Im Mordprozeß wegen bcr Ermordung der Pol zethauptleulc Anlauf und Lenck wurde in der Heu- ttgcn Sitzung zunächst der Angeklagte Willi S ch ü m k e vernommen. Schümke leidet an einem schweren Sprachfehler und kann seine Aussagen nur stockend und stotternd machen. Er ist nach seiner Angabe im Jahre 1027 in den Roten Front- Kämpferbund eingetreten und bald daraus in den Ordner- Dienst. Er habe sich immer bemüht, seine Pflicht als kom- n-unisii'ck'cr Parteigenosse zu erfüllen, aber niemals Hab: er eine Pistole bekommen. Er habe auch nie gesehen, daß seine Genosse» im Ordner-Dienst beivassnet luare». Ter Ordner- Dienst Hab: die Ausgabe gehabt, bei Demonstrat'onen die Teilnehmer zu schütze»»ud die Wache des Karl-Licbknecht- Hauses zu stellen. Mit den Vorgängen vom Sonnabend, dem 8., und Sonntag, dem 0. August, habeergarnichtszu tun. Er sei an beiden Tagen nicht auf dem Büloiv-Platz geiveien und verstehe gar nicht, warum man ihn a»g:klagt habe. D'e Angeklagten Holz, Klause und Äonrad, die ivie andere Zeugen während der Voruntersuchung auch angegeben haben, daß Schümke am Sonntag dabei gewesen sei. erklären jetzt, sie könnte» sich nicht mit Bestimmtheit daran erinnern, es sei auch ein Irrtum möglich. Am Nachmittag der Donnerstag-Sitzung wurde die Bcr- nehmung der Angeklagten abgeschlossen. Der in Rußland von deutsch:» Eltern geborene Angeklagte Konrad gab zu, daß er dem Ordner-Dienst angehört habe und von seinem Grup- pcnsührer Werner im Wasfengcbranch unterrichtet worden sei. Mit den Vorgängen am Bülow-Platz will er nichts zu tun gehabt haben. Konrad hat noch ei» HochoerratSversahre» zu erwarten, weil bei ihm im Stall rn kommunistisches Was- fenlager gefunden worden ist. Die zuletzt vernommene Frau M a t ein, eine Schwägerin des Angeklagten Matern, ist die einzige Angeklagte, die nicht in Untersuchungshast sitzt Sie ist nicht d:s gemeinschaftlichen Mordes, sondern der Begüy.» st i g» n g angeklagt, weil sie einem der geflüchteten Ange- klagten bei seinen Fluchworbereitungen geHolsen habe» soll. Frau Matern bestritt b'e ihr zur Last gelegten Handlungen. Am Freitag wird die Beweisaufnahme mit der Vernehmung von zwanzig Zeugen beginnen. Ihä mann a's Zeuge DNB. Nerl:, 8. Juni. In der Heutige» Verhandlung deS Büloivplatz-Prozesses ivegen der Ermordung der Polizei- hauptlcutc A n l a u i und Lenk stellte zu Beginn der Ver- Handlung der Verteidiger des Angeklagten Kuntz einen Be- weiSantrag. in welchem u. a. der frühere Rcichstagsabgcord- ncte Thälmaiin als Zeuge bcnaiiiit wird. Thälmann soll Bc- kundungcn darüber machen, daß der Angeklagte Kuntz nie- mals irgendivclche illegale Funktionen in der Partei aus- geübt hat. Werner soll Thälmann sich darüber äußern, daß die Parteileitung grundsätzlich den Jnbividualterror verwor» fen habe. Der Angeklagte Kuntz machte dann selbst längere Aus- führungcn, in denen er behauptete, im Karl-Liebknecht-HauS hätten nach einer ausdrücklichen Anweisung der Parteileitung keinerlei Waisen vorhanden sein dürfen. Er, Kuntz, habe weder die Absi',t gehabt, die Polizcihanptlcute zu er- morden, noch habe er von diesem Plan irgendwelche Kennt- nis gehabt. Demgegenüber hält der Angeklagte Klause seine frühere belastende Aussage aufrecht. Es wird bann mit der Beweisaufnahme begonnen. Ersier Zeuge ist Polizeioberst Valetta, der Vorgesetzte der er- mordeten Polizeiofftzicre. Vermögen von Wels beschlagnahmt Ein Besitzteil des Führers der SPD., Otto WclS— e» handelt sich um eine zu feinen Gunsten eingetragene Hypothek in Höhe von 6240 Reichsmark— wurde beschlagnahmt. „Bei der nädisfen Gelegenheit" Das untenstehende Dokument, dessen Original in un- seren Händen ist, wurde in unzählig vielen Exemplaren in Berlin verschickt. In allen Ortsgruppen der NSDAP. O.». D. Ä. P. (Sau Srost-Verlin, Kreta VII Ortsgruppe Landsberger Play Saar- Absflmnrangslf ommission Da s Schweizer Mitglied trat zurück Genf, den 7. Juni 1934. Der Völkerbundsrat bemüht sich seit Tagen, die Saar- abstimmungskommission zu ernennen. Die von der Hitler- presse vor einiger Zeit bereits erfolgte Meldung über die vollzogene Ernennung der drei Kommissionsmitglieder ist den Tatsachen vorweggeeilt. Auch in der Geheimsivung vom Donnerstag ist es nicht möglich gewesen, die Kommission zu ernennen. Es ist bisher nicht gelungen, ein schweizerisches Mitglied für die Kommission zu linden. Ursprünglich war d?r Regierungs- und Ständerat Mvuthet als Mitglied vorgesehen.'Nach Rücksprache mit der Berner Regierung hat Mouthet die Berufung endgültig ausgeschlagen. Man glaubt auch bei anderen schweizerischen Juristen aus Schwierig- leiten zu stoßen. Solange nicht die den Schweizern vorbe- halten? Stelle besetzt ist, wird auch die Ernennung der beiden anderen Mitglieder, des Schweden und des Holländers nicht vollzogen. Immerhin ist die Wahl des schwedischen Gouverneurs Roths und des Holländers de Jong als gesichert zu betrachten. Jndenliefze an der Saar Eine Kostprobe Die„Volksstimme" schreibt: Es gibt bekanntlich nach den Hitlerschwüren der sogenann- ten„deutschen Front" an der Saar keinen Terror und keinen Boykott gegen Andersdenkende Auch wird immer wieder bestritten, daß irgendwelche religiösen, rassischen oder politischen Minderheiten irgend etwas zu befürchten hätten. Was es mit diesen Versicherungen und Erklärungen der sogenannten„deutschen Front" aus sich hat, das zeigt am besten wiederum einmal die Freitag-Nummer ihres Hauplorgans an der Saar, die„Deutsche Front", in der sich folgende tolle Hetze gegen die Juden befindet: „Die Firma Sigurd GmbH., Inhaber Kurt Maybaom in Kassel, gab sich seit dem Frühjahr 1933 die größte Mühe, ihre Anzeigen in nationalsozialistischen Zeitungen unterzubringen. Da die ursprünglich jüdische Firma den Nachweis erbrachte, daß ihre Anteile an einen arischen Besitzer übergegangen sind, lagen gegen eine Aufnahme ihrer Anzeige» in der NS.-Prcfle keine Bedenken vor. Inzwischen haben aber Ermittlunge« er- geben, daß es sich«m einen raffiniert getarnte» Scheinverkauf handelt. Man hat feststellen müssen, daß die Anteile der Firma nach wie vor sich zu S» Prozent im Besitze des Juden Manbanm befinden Sowie dieser Tatbestand geklärt war, hat die NS.» Press« selbstverständlich die weitere Veröffentlichung der An- zeigen abgelehnt. Ein Fall von vielen, der als Beweis dafür gilt» daß der Hang zum Betrüge» nun einmal Im Juden driufteckt. Daß aber eine Indensirma es wagt, die RS.-Presse, also die Organe der nationalsozialistischen Be- weguug, zum Opfer ihrer Retrngsmanöver zu wählen, Ist den» doch der Gipfel der Unverschämtheit. Man wird annehme«, daß der Betrug des Juden Maybaum ans Kassel«och kriminelle Folgen haben wird." Wenn eine jüdische Firma in Naziblättern inseriert und dafür hinterher verprügelt wird, so erntet sie eigentlich nur, was sie gesät hat. Wenn aber das Hauptorgan der sogenannten„deutschen Front" an der Saar schwarz auf weiß von allen Juden erklärt, daß„der Hang zum Betrügen nun einmal im Juden drin st eckt," so ist das eine so ungeheuerliche Beschimpfung. Diffamie- rung und Hetze, wie sie in schrofferem Wider- spruch zu allen Loyalitäts- und Garantie- erklärungen des„dritten Reiches" nicht stehen kann. Champagner in Oranienburg So leben wir... Ein Schweizer Journalist, der unlängst das Konzentra- tionslager Oranienburg besichtigte, gibt der Roten Hilfe Deutschlands darüber folgenden Bericht: Mit zwei Wagen der Gestapo fuhren wir nach Oranien- bürg. Dort wurde uns zunächst das Museum gezeigt. Gegen- stände, die man den Arbeiterorganisationen gestohlen hatte, waren in reklamehafter Aufmachung ausgestellt und sollten „die Gefährlichkeit der Kommune" beweisen. Gefangene wur- den herangeholt, denen Fingerabdrücke abgenommen wur- den, als ob sie kriminelle Verbrecher wären. Eine ganze An- zahl von Teilnehmern unserer Journalistenguppe sprach untereinander in abfälliger Weise über diese Art, gegen die Antifaschisten Stimmung zu machen. Im Lager selbst wurden wir von der Verwaltung auf- gefordert, das Mittagessen zu probieren. Es gab— man hatte unseren Besuch offensichtlich angekündigt— Kartoffeln, Hering und— Champagner! Deutscher Schaumwein, wie man uns sagte. Und es wurde behauptet, daß die Gefangenen ihn zu trinken bekämen. Jeder, der die deutschen Verhältnisse kennt, weiß, daß die deutsche Bevölkerung überhaupt keinen Wein trinkt mit Ausnahme eines kleinen Prozentsatzes der in den Weingegenden lebenden Anwohner Millionen Menschen in Deutschland, die nie in Wein getrunken haben. Trotzdem wollen uns die national- u n m ö glich, ohne Gefahr für"die"ver'sänttcka Uno für die mirtfi+infftii+io. I I oieit/cll Ein Dokument Wie die Flaggenbegeisterung zustande kommt ergab sich die Notwendigkeit, auf diese unzweideutige und drohende Weise der mangelnden Volksverbundenheit nachzuhelfen. Wohlverstanden! Diese Schreiben mußten gedruckt werden, weil sie in g r o tz e r Z a h I benötigt Verlin ß© 18, im Februar 1934. feKausbttgcc S>tr»ß« 12 Sehr geehrter Volksgenosse! Am 30. Januar d. Js., dem Jahrestag der Machtübernahme durch unseren Kanzler Adolf Hitler, ist allgemein bemerkt worden, daß Sie nicht das siegreiche Hakenreuz- banner gehißt haben. Ich glaube nicht, daß Sie sich in bewußten Gegensatz zu dem Großteil unserer Bevölkerung setzen wollen, oder daß Sie sich von der Verbundenheit des gesamten Volkes, die sich durch das Flaggen zeigt, ausschließen wollen. Wahrscheinlich liegt es daran, daß Sie keine Hakenkreuzfahne besitzen. Die Fahnen sind heute aber so billig und in allen einschlägigen Geschäften zu haben, daß ich annehme, Sie werden in Zukunft ebenfalls beweisen, und zwar durch Zeigen der Hakenkreuzfahne, daß Adolf Hitler auch Ihr Führer ist. Ich bitte Sie nun, Ihren Entschluß, sich eine Hakenkreuzfahne anzuschaffen, baldmöglichst auszuführen, weil sonst die Gefahr besteht, daß es wieder vergessen wird. Bei der nächsten Gelegenheit, am 25. Februar 1934 zur Gründungs fei er_der_N. S.D.A.P., hoffe ich, auch bei Ihnen eine Fahne zu sehen. Heil Hitler! Joh. Lübeck Ortsgruppenleiter Bei Strafe des Verhungerns Wie die SA. zusammengehalten wird sSopade) Die braune Armee ist angeblich der Zu- sammenschlutz der treuesten Anhänger des Systems, die gewillt sind, notfalls auch ihr Leben für den Bestand der Diktatur in die Schanzen zu schlagen. Röhm hat erst kürzlich die SA. als die Schutzgarde der nationalsozia- listischen Revolution gefeiert. In Wirklichkeit ist selbst in den Reihen dieser alten Kämpfer die Begeisterung für das „dritte Reich" eine rare Sache geworden, und viele Tau- sende Braunhemden sind längst des militärischen Drills müde, mit dem sie tagaus, tagein gequält werden. den ewigen militärischen Dienst satt hat, sendet uns das folgende Schreiben, das ihm von seinem Obertruppsührer zuging: TA. der NSDAP. Nachrichtensturmbann der Brigade Fcrnsprechsturm..- An den SA.-Mann den.. 3. 34 oer m oen Weingegenoen icoenoen«nwvoaer. Ja, es gibt eines freien Entlctiliiss»- Millionen Menschen in Deutschland, die nie in ihrem Leben eines mehr oder weniger starlien r Ergebnis Wein getrunken haben. Trotzdem wollen uns die national- unmöglich ohne Kefabr für si 1°'Iii 8 geradezu sozialistischen Propagandisten glauben machen, daß es zum und für die wirtschaftliche P er' on' lcf! e Freiheit faschistischen Strafvollzug gehört, den Gefangenen Cham- Schutzgarde der nationalso,ialisiis^° 13 m QU9 der braunen --------°«*»-»«"ts 1® Ä ranfuitdzwäiiiig Arbeiter vom Tode bedrob! Rache an Unschuldigen Ihr zwei Polizeioffiziere Auf Grund Ihrer Jnteressenlosigkeit am Dienst, dauern- der Entschuldigung ohne stichhaltigen Gruud, werde ich An- „S| trag auf Ausschluß aus der SA. beim Nachrichiensturm- m,.., v oi•. r-of j.. bann stellen. Sie werden hiermit ausgesordert, sich am Mon- War aber in vielen Fallen der Beitritt zur SA. nicht t0fl( 6en 5 S4 im"n- die Folge eines freien Entschlusses, sondern das Ergebnis eines mebr oder moninor' Bor dem Berliner Sondergericht hat. wie schon kurz gemel- det. der Prozeß gegen Albert Kuntz und 24 Arbeiter wegen Beihilfe zum Mord begonnen. Daß dieses Verfahren über- Haupt eröffnet worden ist, beweist zur Genüge, daß die Hiller- justiz 25 Menschen mit schwersten Freiheitsstrafen oder sogar mit der Todesstrafe bedroht, ohne auch nur den Schatten eines Beweises dafür zu haben, daß die Angeklagten in irgend einer Form an der Erschießung der beiden Polizei- offiziere aus dem Bülowplatz in Berlin am 9. August 1931 beteiligt gewesen sind. Selbst der Staatsanwalt Hai in seiner Anklage zugeben müssen, daß diejenigen*>*»--»k»>-- Polizeiofsiziere geschossen haben sind. t-ionäre als Geiseln morden lassen. Im Rundfunk und Presse ist die Mordhetze voll im Gange. »..v yicimu auigeivroert, sich am Mon- tag, den 5. März 34 im Sturmlokal 20 Uhr bei mir zu mel- den und Ausweis und Bersicherungskarte mitbringen. Ich verbiete Ihnen hiermit das Tragen der SA.-Unisorm und mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Sie sofort fest- nehmen lasse, falls Sie entgegen dem Verbot die Uniform tragen sollten. Sollten Sie am Montag ohne Entschuldigungsgrund nicht erscheinen, wäre ich gezwungen. Sie vorführen zu lassen. Des weiteren mache ich Sie darauf aufmerksam, daß der Ausschluß aus der SA. eine Mitteilung davon an Ihre Sie beschäftigende Firma und an das Arbeitsamt zur Folge hat. Der Führer des Fernsprechsturms lUnterschrists Obertruppführer Dieses Schreiben ist ein Kulturdokument des Hitlerschen Zwangsstaates. Wer einmal in den Dienst der braunen Diktatoren getreten ist, der ist ein rechtloser G e die auf die beiden ins Ausland entkommen ^intulvren getreten ist, der ist ein rechtloser G e- Auf Anregung des Wel.hilskomitees für die Opfer des[« Hitlerfaschismus hat sich«chon vor mehreren Tagen die Un-[ ie^ e^ QS«chreiben Vorführung durch die SA., tersuchungskommissio» zur Aufklärung und Verbinder..«« Festnahme wegen verbotenen Tragens der SA.-Uniform, »»- m| und im Falle des Ausschlusses die Denunziation bei seinem Arbeitgeber und damit die Vernichtung seiner w i r t- -»„.«••»inen,-ns«ommlinon hat jetzt schon fest- schaftlichen Existenz. Ist er arbeitslos, dann wird gestellt, daß die AngeNaglen völlig schuldlos sind. Der Unter- ihm auch noch das Arbeitsamt die Zahlung der Unter- suchungskommission liegen Erklärungen der Täter vor, in n,",t ,i,nc> imh di«- denen bezeugt wird dast n- nn« i'»™»» 11—»---— i m Die zwei Polizeioffiziere die die Bevölkerung Berlins und besonders der Umgebung des Karl-Liebknecht-Hauses Tag und Nacht drangsalierten gerieten bei einem von ihnen selbst iinfpr die Kugeln der von ollen befehligten Feucrüberfall unter......— Seiten auf friedliche Passanten blind schiebenden Polizei. Die faschistische Regierung will aus Rache 25 Arbeiterfunk- - ujui uucy noai Oos Arbeitsamt die Zahlung der Unter- flÄa 4«» i f 01',-A" stützung und die Vermittlung einer neuen Arbeitsstelle vLNLN vLHLUgl wird, döft tie von niLwondLN den$3efcl)l erljol- TOorhnTtona" normptnorn ten haben auf die beiden Polizeioffiziere zu schießen, und wegen„staatsfeindlichen Verhaltens verweigern, daß sie im Augenblick des Zusammenstoßes mit der Polizei Wahrend Goebbels und fein Lautsprecher gegen die spontan gehandelt haben. Miesmacher und Kritikaster, gegen Juden und«aboteure Di, UnleriuchunaSkommiision i#.„I He N-ch.ichi Sin. S.6 Ä.l? enfSr'kT« der Prozeß gegen Albert Kuntz und die übrigen 24 Ange- ß m® e 5." jvy?~^' werTerror klagten bereits begonnen hat, sofort erneut zusammengetre- geübt, um die Enttauschten und Ernüchterten immer von ten und hat beschloffen, in Permanenz zu tagen. neuem in die braune Zwangsjacke zu zwingen. ARBItT URO WIRTSCHAFT- i Neye Mete— Neue Experimente I Die Felsen der gescheiterte» Transferkettferens „Immer sdiwlerlger" Nach dem reichlich günstig gefärbten Bericht der B a- dischcn Industrie- und Handelskammer für den Monat Mai haben sich, wenn auch vielleicht da und dort kein neues Anzeichen spürbar wurde, doch die Absagverhältnisse, was das Inlandsgeschäft betrifft, fast ohne Ausnahme gehalten. Vereinzelte Rückschläge erklären sich entweder saisonmäßig oder mit dem Vorliegen besonderer Gründe. Im Auslandsabsatz wird die Lage immer schwieriger. Die bekannten Hemmnisse haben sich z. T. derart verstärkt, daß nicht selten von einem völligen Ruhen der Exporttätigkeit berichtet wird. Die jüngste Entwicklung der Devisenlage gibt zu Befürchtungen für genügende Rohstoffversorgung Anlaß, die bei maßgebenden Geschäftszweigen Badens(z. B. Textilindustrie) Voraussetzung zur Aufrechterhaltung der Arbeitsmöglichkeiten ist. Die Konkurrenzlage gibt weiterhin häufig Anlaß zu Klagen über ungesunde Preisverhältnisse. Auch wird die schleppende Zahlungs weise und wenig gesunde Schuldnermoral sowie das unnötig gesteigerte Arbeiten mit Wechseln oft gerügt. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß das Inlandsgeschäft jedenfalls auch weiterhin eine befriedigende Entwicklung zu nehmen scheint. Nldit einmal Margarine Man schreibt uns aus dem Reiche: Die Verordnung über den Bezug sogenannter verbilligter „Haushaltmargarine" ist das fehlgeschlagene Produkt regierungsseitiger Bemühungen zur Rettung des deutschen Bauernstandes. Was besagt nun diese Verordnung? Sie brachte die Schaffung von Bezugsscheinen für die minderbemittelte Bevölkerung zum Erwerb verbilligter Margarine (das heißt Verbilligung im Rahmen einer unerhörten steuerlichen Belastung für alle Speisefettprodukte, die nicht rein deutschen Ursprungs sind; die Verteuerung beträgt 100 und mehr Prozent). Ist an sich das Quantum der auf Bezugsscheine zu beziehenden Ware(pro Person und Monat ein Pfund Margarine) schon bei weitem nicht ausreichend, da markenfreie Ware für die benannten KreisC der hohen Preise wegen nicht erschwinglich sind, so kommt als besonders skandalöser Uebelstand hinzu, daß nun schon seit Wochen in der Belieferung der sogenannten Bezugscheinware eine erhebliche Stockung eingetreten ist, so daß die Versorgung mit einem der notwendigsten Lebensmittel für große Teile der Bevölkerung unmöglich wurde. Tausende von Familien allein in der kleinen Stadt, von der hier berichtet wird, sehen sich daher in die„große" Zeit des Krieges versetzt, eine Duplizität der Ereignisse, die sicherlich Vergleiche aufzwingt, die ihren Ausdruck wohl nicht in einem„befreienden"„Heil Hitler" finden. Die Meinung Goebbels, wonach Deutschland das Land des Lächelns geworden ist, dürfte schon durch diese Tatsache eine besondere Wertung erfahren. Sorgen der londwirfsdiaft Die LandesbauernschaftThüringen teilt u. a. mit, daß die bisherige genossenschaftliche Eiererfassung und die Eierkennzeichnungsstellen bestehen bleiben. Es sei falsch, anzunehmen, daß mit dem 1. Juni der Eierhandel auf dem Latlde wieder frei aufkaufen könne. Nur in solchen Dörfern, in denen sich dafür eine wirtschaftliche Notwendigkeit ergebe, sollten in Ausnahmefällen Händler zum freien Aufkauf zugelassen werden. Jedoch müßten auch die frei erfaßten Eier der nächsten Kennzeichnungsstelle zugeführt und gegen Lohn gekennzeichnet werden. Trotz des beschönigenden Kommuniques und trotz der wochenlangen Dauer hat die Berliner Transferkonferenz mit einem völligen Fiasko geendet. Diese Tatsache ist um so bemerkenswerter. als die Vertreter der Gläubiger, also die ausländischen Bankiers, die seinerzeit die zahlreichen Emissionen deutscher Anleihen untergebracht hatten, ebenso wie bei allen früheren Konferenzen ein großes Interesse daran hatten, einen Prestigeverlust hei ihrer Kundschaft dadurch zu vermeiden, daß man eine offene und einseitige Erklärung eines deutschen Schuldenmoratoriums verhinderte. Jedes Ergebnis der Konferenz, auch das bescheidenste, wäre den Gläubiger-Delegierten lieber gewesen als die jetzt erfolgte offene Feststellung der Tatsache, daß der deutsche Schuldner nicht zahlen kann und nicht zahlen will, daß man sich also damals, als man der Kundschaft zur Zeichnung dieser Anleihen und zur Hergäbe von Krediten und Investitionen nach Deutschland riet, gründlich geirrt hat. Nach verzweifelten Anstrengungen sind besonders die amerikanischen Bankiers zu dem Ergebnis gekommen, daß alle weiteren Verhandlungen mit den heutigen Sachwaltern der deutschen Währuugs- und Finanzinteressen sinnlos geworden sind. Die Schweizer und Holländer haben sich ebenfalls von der Konferenz zurückgezogen, da jede Aussicht, eine tveitere Sonderbehandlung ihrer Forderungen durchzusehen, geschwunden war. Gerade hieraus ergeben sich schon für die nächsten Monate sehr große Schivierigkeiten, denn das Aktivum der deutschen Handelsbilanz mit Holland beträgt 380 Millionen RM., dasjenige mit der Schweiz 270 Millionen. Im Gegensatz zu diesen hohen Aktivsalden der Handelsbilanz erfordern die deutschen Zahlungsverpflichtungen nach Holland nur 237 Millionen, diejenigen nach der Schweiz sogar nur 190 Millionen RM. Während es bisher ohne weiteres möglich war, auf dem Wege der deutsch-holländischen und deutsch-schweizerischen Sonderabkommen nicht nur den Finanzverpflichtungen an diese beiden Länder voll nachzukommen, sondern darüber hinaus noch einen recht erheblichen Devisenzufluß aus dem Exportsaldo zu sichern, so liegen die Dinge heute angesichts der großen Gefahr, daß diese beiden Länder nach erfolgter Ablehnung einer Einigung Repressalien im Wege eines Zwangsclearings und starker Einfuhr-Erschwerungen für deutsche Waren ergreifen werden, sehr schlimm. Diese 650 Millionen RM. stellen einen sehr wesentlichen Teil des deutschen Außenhandelsvolumens dar. Dieser Betrag ist heute auf das schwerste gefährdet. Man hat auf deutscher Seite dem amerikanischen Standpunkte Rechnung getragen, der jede Bevorzugung einzelner Gläubiger, wie Hollands und der Schweiz, als unfair und für die öffentliche Meinung der USA. als untragbar bezeichnete. Da man aus mancherlei Gründen, die nicht zuletzt auch politischer Natur gewesen sein mögen, dem amerikanischen Druck gewichen ist. ist man jetzt gezwungen, einem Verluste der beiden annähernd wichtigsten Aktivsalden der Handelsbilanz entgegenzusehen. Auf der anderen Seite hat man die Amerikaner hierdurch keineswegs milder gestimmt. Sie waren die ersten, die die Konferenz verließen und die Tatsache, daß die ganze gleichgeschaltete Presse wie auf ein Kommando das mangelnde Verständnis der Amerikaner auf„rassische Vorurteile" der vorwiegend jüdischen Wallstreetkreise zurückführte, dürfte auch nicht gerade dazu beigetragen haben, einen Stimmungswandel in Amerika vorzubereiten. Das sehr kostspielige Entgegenkommen ist also ergebnislos geblieben. Man hat sieh zwischen zwei Stühle gesetzt. Jetzt will man den Knoten durchhauen, indem man das Moratorium, das durch Verständigung nicht zu haben war,„autoritär" durch Diktat verkündet. Man t vird also zunächst vom 30. Juni 1934 bis 30. Juni 1935 nichts oder fast nichts mehr zahlen. Aber die deutsche Außenhandelsbilanz wird sich auch hierdurch nicht verbessern. Schon in den ersten vier Monaten hat man einen Passivsaldo von 137 Mill. RM. ausgewiesen. In Wirklichheit waren die Devisenverluste aber sehr viel größer, weil mehr als ein Drittel des Exportes durch das Skrips-Verfahren keine Devisen bringt. Da die gesamte Ausfuhr vom Januar bis inkl. April rund 1400 Mill. RM. betrug, so ergibt sich hier ein weiterer Devisen-Ausfall von weit über 450 Mill. RM., also ein Devisenverlust von rund 600 Mill. für vier Monate. Eine Fortsetzung der bisherigen Einfuhr würde also zu einem Devisendefizit von nicht viel weniger als 2 Milliarden RM. im laufenden Jahre führen. Es bedarf kaum besonderer Begründung, daß dies der Weg in das Chaos ist, und auch die Tatsache, daß in deutschem Privatbesitz noch für 1,5 Milliarden ausländischer Wertpapiere liegen, die das„dritte Reich" seinem„Aufbau" nutzbar machen könnte— und zweifellos auch früher oder später ausnutzen wird— kann wenig an der Feststellung ändern, daß das gesamte als„Arbeitsbeschaffung" angepriesene Aufrüstunesprogramm jetzt unvermeidlich auf das Hindernis der Rohstoffnot stoßt. Die Möglichkeit, Rohstoffnot und Devisenmangel aus eigener Kraft, also durch starke Exportsteigerung, oder durch fremde Hilfe, also durch einen einmaligen bedeutenden Rohstoffkredit des Auslandes zu beseitigen, besteht heute nicht mehr. Der bisherige niedrige Stand der deutschen Ausfuhr ließ sieh nur noch dadurch aufrecht erhalten, daß man den Käufern deutscher Waren gleichzeitig Zugeständnisse hinsichtlich der Bezahlung ihrer Forderungen machte. Mit diesem Schwinden der Aussicht, die durch das Fiasko der Transferkonferenz endgültig begraben sein dürfte, ist auch der letzte Rest des ausländischen Interesses für deutsche Exportwaren erschöpft. Weder ein weiteres Sozialdumping noch Versprechungen für eine ferne Zukunft werden an diesen trüben Aussichten des deutschen Exportes viel ändern können. Was aber den Rohstoffkredit angeht, so ist es durch die geschickte Verhandlungstaktik der deutschen Vertreter auf der Transferkonferenz nunmehr gelungen, auch diese Hoffnung völlig zu zertrümmern. In Wirklichkeit hat es sich nämlich bei der ganzen Konferenz viel weniger um die Fortsetzung der Schulden Zahlungen— die Konkurserklärung war schon längst vor Konferenzbeginn eine beschlossene Sache— gehandelt, als vielmehr um einen Versuch, die Gläubiger von der Notwendigkeit neuer Kredite zu überzeugen. Damals schrieb der der Regierung nahe stehende„Deutsche Volkswirt":„Selbst wenn die vollständige Einstellung aller bisher noch für den Zinsendienst der Auslandsanleihen geleisteten Bartransfers zu einem denkbar frühen Termin erfolgen würde, so würde das allein in der nächsten Zeit voraussichtlich nicht genügend Devisen für eine unbeschränkte Rohstoffeinfuhr freimachen." Die Aussicht, daß die ausländischen Gläubiger, die ihr Geld in Deutschland fast restlos verloren haben, heute, nachdem man ihnen diese Tatsache schriftlich bestätigt hat, irgend etwas tun werden, um die„unbeschränkte Rohst offeinfuhr", die man in Berlin für das Hauptziel aller Wirtschaftspolitik hält, zu ermöglichen, ist wirklich gleich Null. Mit dieser Frage nach der Fortsetzung der Rohstoffeinfuhr steht und fällt aber das ganze Aufrüstungsprogramm, der scheinbare Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und daher auch die Möglichkeit des Hitlerregimes, sich auf längere Sicht zu stabilisieren. Das Fiasko der Transferkonferenz stellt somit die Existenz des ganzen Hitlerregimes zum ersten Mal ernstlich in Frage. Erst jetzt hat die seit vielen Monaten fortschreitende Zersetzung der deutschen Wirtschaftskraft die allerdings vielen durch die Scheinblüte einer forcierten Binnenkonjunktur verborgen war, einen so hohen Grad erreicht. daß die Existenzfrage des Systems aufgerollt ist. Ihren wirtschaftlichen Ausdruck findet sie in dem Problem der Rohstoffversorgung. Also man ist nicht vorurteilsvoll in diesen Kreisen, lind so erscheint es durchaus glaubhaft, wenn(wie Hamilton berichtet) der Sozialdemokrat Faure am 11. Februar 1932 in der französischen Kammer mitgeteilt hat, daß die Wahlbewegung Adolf Hitlers von den Direktoren der österreichischen Skoda- Werke mit großen Summen unterstützt werde. Wer aber ist Skoda? Ein Werk, das von dem großen französischen Rüstungsunternehmen Schneider-Creuzot abhängt, nach dessen Weisungen die Skoda-Direktion handelt. Der Zusammenhang ist ja auch klar. Schneider-Ereuzot, der ebenso wie Ford und die übrigen Großunternehmer ein leidenschaftlicher Anhänger der(kapitalistischen)„Ord- nung" ist, hatte schon darum wie jene ein Interesse daran, einen so wirksamen und uneigennützigen Kämpfer gegen den gesellschaftsgefährdenden Marxismus, wie Hitler war und ist, auch über die Landesgrenzen hinüber zu fördern. Dazu aber kam auch noch die kleine g e s ch ä f t l i ch e Er- wägung: Kommt Hitler zur Macht, so wird er. glühender Patriot wie Göring, natürlich als erstes die durch die Landesverräter Stresemann, Brüning. Gröner usw. straf- lich vernachlässigte deutsche Rüstung sofort in Schwung bringen. Hitlers bekannte Feindschaft gegen Schneiders französisches Vaterland konnte für den Rüstungsfranzofen Schneider natürlich kein Hindernis sein. Mußte er sich doch sagen: wenn Deutschland mit der Richtung, Frankreich siegreich zu schlagen, aufrüstet— was wird dann die Folge sein? Klar, daß dann auch Frankreich und seine Verbündeten wieder einen großen Anlauf zur Weiterriistung machen werden. Und wer macht dann das Geschäft? Schneider-Creuzot oder richtiger: seine Arbeiter der Stirn und der Faust, denen zuliebe er bekanntlich uneigennützig sein Geschäft be- treibt. Uneigennützig- wie Armstrong-Vickers, wie Krupp, wie Göring und Hitler. Lauter Patrioten! Das sind sie alle—• alle ehrenwert, Eckart. Hitler und die Rüstungsinteniaüonale Vor wenigen Iahren hat die Firma Krupp einen Prozeß gegen das führende britische Rüstungsunter- nehmen Armstrong-Vickers gewonnen. Es handelte sich um eine Lizenz sür Granaten. Die englischen Händler wurden verurteilt, den deutschen Helden für jede dieser Granaten, die im Krieg gegen Deutschland oder seine Verbündeten abgeschossen worden war, eine Gebühr zu bezahlen. Co durften die deutschen Soldaten, denen Granatsplitter den Schädel zerschmetterten oder die Ein- geweide herausrissen, wenigstens das stolze Gefühl haben, damit zum Gedeihen eines echt deutschen, streng vater- ländischen Unternehmens, von dessen Kapital der Kaiser selbst einen erheblichen Teil besaß, beigetragen zu haben. Vor dem Krieg wurde bekannt, daß die große Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik in eine französische Zeitung die Nachricht lanciert hatte. Frankreich sei dabei, eine bestimmte Wafsentype einzuführen. Die Folge und der Zweck war, daß daraufhin die Fabrik von der deutschen Heeresverwaltung eine große Bestellung auf diese Waffe erhielt. Solche Beispiele ließen sich häufen. Sie zeigen, wie durchaus ohne alle moralischen Vorurteile oder natio- nalen Hemmungen das Rüstungskapital, gleich jedem anderen Kapital, seine Geschäfte macht skrupellos und durchaus internationa l.*) Nur daß es sich von der Taschenmesser- und Kaffeemühlenindustrie dadurch unterscheidet, daß es nicht Gebrauchs^, sondern höchst wir- kungsvolle Mordinstrumente liefert, und daß seine Träger sich durch ganz besonders vaterländische Ge- s i n n u n g auszeichnen und mit den Regierungen und maßgehenden Politikern meist in sehr enger Verbindung *> Man lese die tressliche Schrift:„D i e b 1 u t i a e I n t e r- nationale des Rüstungsfapitals von Lehmann- R u s ch u 1 d. stehen. Nennt doch Gerhard Hamilton in einem lesens- werten Aufsatz:„Rüstungsinternationale"(„Die neue Weltbühne" v. 17. 5.) eine Reihe führender englischer Politiker als Anteilsinhaber ihrer heimischen Waffen- fabrik. Bon der Beteiligung Wilhelms II. bei Krupp war schon die Rede: eine Verbindung, die zum Schaden der deutschen Artillerie die Konkurrenzfirma E h r h a r d viele Jahre im Hintergrund gehalten, auf der anderen Seite aber die Firma Krupp nicht abgeha'ten hat, ihre Geschäfte auch mittels Korrumpierung preußischer O f f i z i e r e zu betreiben, wie im L i e b k n e ch t- Prozeß- erwiesen wurde. Patriotismus allerhöchsten Grades ver- trägt sich bekanntlich sehr gut mit geschäftlichem Inter- Nationalismus— siehe Röchling!— und gegebenenfalls auch mit Korrumption jeder Art: siehe... doch da» für reicht der Raum nicht aus, die Beispiele sind zu massenhaft. Diese Dinge haben Herrn Hitler nicht gehindert, Herrn Krupp von Bohlen-Halbach zum Führer der deutschen Wirtschaft zu ernennen. Woher sollte er auch Vorurteile auf diefem Gebiet haben? Ist doch der erste und bekanntlich getreueste seiner Paladine Herr Göring, von dem bisher unwidersprochen öffentlich behauptet worden ist, er habe nicht nur im Krieg und später viele„kleine" Geschenke zur Erhaltung der Freund- fchast von Flugzeugwerken eingesteckt, sondern sei sogar am Gedeihen der vaterländischen Bayerischen Motoren- werke— nebenbei einer jlldifchen Gründung— durch eine Zuwendung von vier Millionen Reichsmark interessiert worden. Er hat gegen keinen, der solches be- hauptet hat. bisher vor einem unabhängigen ausländischen Gerichtshof Klage erhoben. Vielleicht läßt er gelegentlich einmal die Dinge von seiner Gestapo untersuchen. Tie wird sicher die Wahrheit ermittelnl deutsche Stimmen•(Beilage zur ,.®eutsdken Freiheit"• Ereignisse und Gesdwidkten i: f i:;ill, jl7|j||ll|ijj|l||| illliiiiiJÄ Samstag, den S. Juni 1934 Siaat&cecht als Qceaelwahckeit Staatsrat Carl Schmitt, juristischer Hofclown des„dritten Reichs" Aon Günter Dailmann Es liegt mir fern, mich in den Dienst der Verbreitung sogenannter„Greuellügen" zu stellen, wenn ich wahrheitsgemäß berichte, daß es im totalen Staat Adolf Hitler» noch etwas wie ein— also man verzeihe mir diesen verfluchten liberalistischen Ausdruck, den ich einst in einer deutschen hohen Schule vor Anbruch des„dritten Reichs" gelernt habe ■— Staatsrecht gibt. Niemals ist so unverfrorene Willkürherrschaft in Deutschland gesehen worden wie seit dem Zeitpunkt, da die Parteibuchbeamten des Nationalsozialismus Deutschlands Regierer wurden. Aber diese Leute, meist kleinbürgerlicher Herkunft, haben den angeborenen Drang nach Ordnung selbst im Chaos. So halten sich die braunen Herren einige mit akademischen Graden ausgestattete Hofclown», die mit vielen gelehrten Sprüchen so tun müssen, als ob Rechtssage und Verwaltungsnormen noch immer Gültigkeit hätten. Erster juristischer Hofclown ist der von Adolf Hitler zum Staatsrat ernannte Universitätsprofessor Carl Schmitt, der die Weimarer Epoche als juristischer Zuhälter der Papen- schen Staatsstreiche und bravouröser talmudistischer Kommentator und Sanktionierer aller seitens der Reaktion gegen die Weimarer Verfassung ausgeführten Streiche durchschritt und sich so bei den Nachfolgern Popens mit Recht lieb Kind gemacht hatte. Denn von Carl Schmitt stammt die„dezisio- nistische" Lehre, daß der durch Artikel 48 der Weimarer Verfassung gegebene Ausnahmezustand eigentlich der gegebene Normalzustand für eine autoritätsbewußte deutsche Regierung sein muß.„Dem Manne kann geholfen werden", sagten sich Hitlers Hofschranzen— und so wurde das„dritte Reich" gestartet. Carl Schmitt aber wurde Mitglied der „Akademie für Deutsches Recht" und hat eine Recht- fertigungsschrift für die braunen Herren geschrieben, die sich „Staat, Bewegung, Volk" nennt— erschienen als Heft 1 der Schriftenreihe„Der deutsche Staat der Gegenwart" Hanseatischen Verlagsanstalt Hamburg— und mit grotesken staatsrechtlichen Akrobatenkunststück eben den Versuch unternimmt, das kleinbürgerliche Ordnungsbegehren der braunen Bilderstürmer unter akademisches Dach und Fach zu bringen. Es hat wirklich keinen Sinn, dieser byzantinischen Ergebenheitsadresse eines neudeutschen Professors größere Beachtung zu widmen, denn Carl Schmitts Staats- rechtlich politische Normen, die schon immer dubios, opportunistisch und der jeweiligen Macht angepaßt waren, haben sich hier zu einer geradezu unverschämten Rechts Verdrehung gesteigert, die den usurpatorischen Verwaltungssieg des Nationalsozialismus in einen verfassungsmäßig rechtfertigbaren Staatsakt umliigen. Nur um die Art kennenzulernen, wie ein preußischer Staatsrat so etwas fertigbringt, soll auf einen Hauptpunkt der Schmiltscheu Thesen hingewiesen werden. * Schmitt widmet sich nämlich dem scherzhaften Unterfangen, das Usurpatorentum der Hitlerregierung— obgleich er im seihen Atemzuge deren„Legalität" für undiskutabel und als eine von einem überwundenen System stammende Ligenschaft erklärt!— nicht aus der damals aktuellen Mathtdyna- mik des nationalsozialistischen Staatsstreichs vom 2,. Februar 1933(Reichstagsbrandstiftung), sondern formal recht- lieh unter Zuhilfenahme des Art.'6 der(außer Kraft geseilten!) Weimarer Reichs Verfassung zu rechtfertigen. Aber er vertraut anscheinend auf die) erfassungsunkenntnis seiner Leserschaft, wenn er die Stirn hat, zu behaupten, Haß das Reichsgesetj vom 24. März 1933— das er das vorläufige Verfassungsgesetz des neuen Deutschland nennt——„in den Formen eines verfassungsändernden Gesetzes gemäß den Bestimmungen des Art. 76 der Veimarer Verfassung(!!) mit den erforderlichen Zweidrittelmehrheiten beschlossen worden ist" und weiterhin erklärt: „Dieses sogenannte Ermächtigungsgesetz ist vom Reichstag nur im Vollzug des durch die Reichstagswahl vom 5. März 1933 erkennbar gewordenen\ olkswillens(!) beschlossen worden.(S. 7). Nun, wenn dieser Staatsrechtslehrer mit neudeutschen Moralbegriffen arbeitet, so muß seinem robusten Gewissen zugerufen werden: soviel Worte, soviel Lügen! Denn C. S. ist kein subjektiv ehrlicher Ignorant wie gewisse Persönlichkeiten der von ihm verteidigten Regierer, sondern ein Mann, der sehr wohl weiß, was er sagt und schreibt. Vielleicht darf man daher die Lnhaltbarkeit der beiden zitierten Sätze Schmitts durch einen kurzen Blick in die Weimarer Verfassung erläutern. Erstens: Art.<6 K. bestimmt, daß Beschlüsse des Reichstags nur zustande kommen, wenn zwei Drittel der gesetzlichen Mitgliederzahl anwesend sind. Daraus ergibt sich zweitens, daß das Ermächtigungsgesetz keinen gemäß den Bestimmungen des Art. 76 gefaßten Beschluß des Reichstags darstellt, da die gesetzliche Mitglie- derzshl überhaupt nicht anwesend war. Art. 21 besagt nämlich darüber:„Die Abgeordneten sind Vertreter des ganzen Volkes." Und Art. 22:„Die Abgeordneten werden in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer V ahl.., gewählt." Hieraus erhellt sonnenklar, daß sowohl die Wahl vom 5. März als logischerweise auch der hieraus resultierende „Reichstag" sowie dessen„Beschluß" ungültig sind. Denn erstens ist die Wahl vom 5. März nicht gemäß den Bestimmungen des Art. 22 RV. abgewickelt worden, sondern mit Hilfe eines verbrecherischen Anschlags der nationalsozialistischen Regierungspartei und fernerhin— wenn C. S. als Hehler dieses Verbrechens davon schon keine Kenntnis nimmt— unter einem unerhörten Terror sowie unter Zuhilfenahme eindeutiger Fälschung der V ahlresultate, die durch objektive Statistiker— die freilich nicht im Pro- pag.ndaministerium des Herrn Goebbels sitzen- erwiesen ist. Erschwerend fällt ins Gewicht, daß d.e Reichsregierung schon v o r dem Brandstiftungstermin in grober Weise gegen den Art, 22 RV. verstoßen hat, indem zuerst in einzelnen Ländern dann- nach dem 27. Februar einheitlich- im gesamten Reichsgebiet der SPD. und KPD die gesamte Wahlpropaganda unterbunden und insbesondere die KPD. de facto schon als illegal behandelt wurde(Schließung ihrer Parteibüros, Verhaftung ihrer Funktionare usw.). Allein durch diese Tatsachen schon wurde die verfassungsmäßige Bestimmung der gleichen W erbechancefür alle Parteien zunichte gemacht. Zweitens aber wurde sofort nach der Wahl gegen Artikel 21 RV. grob verstoßen, indem die Reichsregierung die für die Kommunistische Partei abgegebenen Stimmen— 81 Mandate(nach reich»- bzw. nazioffizieller„Zählung")— für ungültig erklärte, wozu keine verfassungsmäßige Handhabe bestand. Allein schon durch diese Maßnahme war der„Reichstag" illusorisch, denn seine Mitglieder waren nun nicht mehr Vertreter des ganzen Volkes, da nahezu fünf Millionen Wähler des deutschen Volkes durch einen reinen Willkürakt von der Geltendmachung ihres Willens nunmehr ausgeschlossen waren. Schmitt aber wagt es tatsächlich, im Zusammenhang mit dieser Reichstags,,wähl" von einem— Volkswillen zu sprechen! Von einem„Volkswillen" in bezug auf einen Reichstag, in den die Parteien nicht gewählt, sondern von den nationalsozialistischen Regierungsmitgliedern kommandiert waren und von dem ein 5-MilIionen-Volks willen ausgeschaltet blieb!— Drittens aber ist das sogenannte Reichsgesetz vom 24. März nicht in normalen Formen beschlossen, sondern den nichtnationalsozialistischen Mitgliedern des Reichstags völlig eindeutig erpreßt worden, wobei alle Methoden der Erpressung, deren sich Gangsters zu bedienen pflegen, angewandt worden sind. Wenn sich also C. S. schon überhaupt auf eine formal-verfassungsrechtliche Rechtfertigung der Akte vom 5. und 24. März einläßt— wir finden das nur komisch—, so müßte er zum Schluß kommen: formalrechtlich sind sie ungültig,— aber: sie sind! Denn in Wahrheit, verehrter Staatsrat, muß das entscheidende Diktum so lauten: Verfassung hin, Terror her, die wahre und einzig entscheidende Rechtfertigung erfahren diese beiden Akten des braunen Staats aus der Machtdynamik eines erfolgreichen Usurpatorentum». Alle Erfahrung lehrt nämlich, daß ein erfolgreicher Putsch plötzlich zum legitimierten Staatsakt wird, aber diese Auslegung ist Ihnen vielleicht zu„marxistisch"! Nun scheint es aber Herrn Schmitt bei seiner eignen„Beweisführung" selbst etwas schwül zu werden, denn eine Zeile weiter erklärt er ganz plötzlich, die Wahl war gar keine Wahl, sondern„in Wirklichkeit(!), rechts wissenschaftlich betrachtet(!!), eine Volksabstimmung, ein Plebiszit, durch welches das deutsche Volk Adolf Hitler, den Führer der nationalsozialistischen Bewegung, als politischer Führer des deutschen Volkes anerkannt hat". Hastenichtgesehn, hokuspokus- fidibus! Die Kühnheit dieses Drehs ist tatsächlich unerreicht. Denn C. S. schmeißt durch die Einschmuggelung des angeblichen„Plebiszits" seine ganze kunstvolle Konstruktion um. Gemäß Reichsverfassung wird nämlich der Reichstag nicht durch Plebiszit, sondern durch Wahl von Parteien gewählt, und C. S. scheint einer nur durch das sogenannte„Führerprinzip" der Hitlerpartei erklärbaren Schizophrenie zum Opfer gefallen, wenn er— immer unter braver Zuhilfenahme der Weimarer Verfassung, bitte sehr!— die Wähler des 5. März, die Parteien und nicht Führer wählten, als Ausführende eines Plehliszits hinstellt; denn der sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter zum Beispiel hat nicht so sehr seine Führer, sondern die Partei seiner Klasse gewählt, ebenso der katholische Wähler Abgeordnete seines Glaubens und der deutschnationale Männer seines Kaste. Es ist wahr: die ausgesprochene Führerbindung der nationalsozialistischen Wählerscharen— wovon aber die Konjunkturwähler, die„Märzgefallenen", vor allem kleine Geschäftsleute, auszunehmen sind!— ist unbestreitbar, aber da außer der NSDAP, noch eine erkleckliche Anzahl ebenso ernstzunehmender Parteien gewählt worden sind— und zwar insgesamt in stärkerem Prozentsatz als die Hitlerpartei—, Parteien, die nicht in dieser ausschließlichen Weise führergebunden sind, so liegt kein Plebiszit, sondern in der Absicht der Wähler und nach der ganzen Aufmachung der Wahl eine klare parteimäßig bekundete Willensäußerung vor. Carl Schmitt ist ein hervorragender Akrobat der parteipolitischen Jnristei, wie sie das„dritte Reich" gebraucht. Aber wen will er damit dumm machen? Manchem wird unsere Beweisführung ein wenig verstaubt vorkommen, denn die Praxis hat die Theorie längst überflügelt. Aber wir wollten uns auch keineswegs in eine staatswissenschaftliche„Diskussion" mit einem braunen Staatsrat einlassen, sondern nur zeigen, wie fadenscheinig im Grunde das Rüstzeug ist, mit dem Carl Schmitt e tutti quanti dem braunen Betrug„wissenschaftlich" sekundieren. !Beaune Splittec Ein Mann wird aus ejnem Konzentrationslager entlassen. Er ist kaum hundert Meter vom Lager entfernt, als ihn eine SA.-Patrouille anhält und ihm die Frage stellt, woher er komme. „Von mir erfahren Sie nichts," sagt der Mann.„Ich bin kein Miesmacher!" * „Was ist ein Miesmacher? Ein Mensch, der nicht so gut lügen kann wie die anderen!" ♦ „Bitterlich hat Selbstmord begangen. Grund: Nahrungssorgen! „Der Kerl war schon immer ein unverbesserlicher Miesmacher!" ch „Gestern," erzählte der„Nichtarier" M.,„habe ich wieder bis zum Weißbluten Steuern bezahlen müssen."„Was?", staunt der„Arier" F.,„Steuern zahlen— als Jude? Ja, dürfen Sie denn das?!" « Tumult auf dem Potsdamer Platz. Ein Dieb wird verfolgt. Levi sieht» und läuft ebenfalls spornstreichs davon. „Hallo, Sie da!" ruft der Schupo,„weshalb laufen Sie denn? Sie sind doch unschuldig!" „Unschuldig?" sagt Levi,„gewiß. Aber wer glaubt Ihnen das—I"— —w Deutscht See&ädec- judeneein! Jetzt haben sie ihr Borkum allerorten, Die rauhen Ueberrecken teutscher Art. Die Nord- und Ostseebäder aller Sorten, Sis öffnen ihre judenreinen Pforten Nur noch dem Ascnstämmling.— Frohe Fahrt! Sandburgen trutzen hehr mit Hitlerfahnen, Und kein Hebräer zeigt sich weit und breit. Herr Piefke fühlt das Heldenblut der Ahnen Erbrausen in verkalkten Aderbahnen, Und selbst sein Fett preist Walhalls Herrlichkeit. Deutsch bis ins Mark sind Strand und Meereswogen, Kein Geisteshauch trübt artfremd Wald und Flur. Nur die Pensionsinhaber machen Oogen, Seitdem die Judenkundschaft abgezogen, Und jammern über schlechte Konjunktur. H o r a t f o. JCanqeeß dec^PcheiflCeUec dec SxmietunioH Nach langer Vorbereitung wird der Kongreß der Schriftsteller der Sowjetunion im Juni stattfinden. Die bestehenden Organisationen der Schriftsteller werden verschiedene Literaturausstellungen organisieren. In Moskau wurde ein Schriftstellerklubhaus eröffnet, das der Sammelpunkt der künstlerischen Niveaus der literarischen Produktion, die durch bestehen solche Klubs, so in Engels(Wolgadeutsche Republik). Im Mittelpunkt der Diskussionen steht die Frage des künstlichen Niveaus der literarischen Produktion, die durch Maxim Gorki aufgerollt wurde. Den Hauptanteil an der Kongreßvorbereitung nimmt die Moskauer„Literaturnaja Gazeta" und die 15 anderen Literaturzeitungen, zu denen noch ungefähr 100 literarische Zeitschriften kommen, die in der Sowjetunion erscheinen. Besonders bemerkenswert ist die Heranbildung des schriftstellerischen Nachwuchses. In vielen Betriehen, aber auch in Kollektivwirtschaften bestehen Literaturzirkel. In Moskau wurde eine literarische Abenduniversität eröffnet, au der junge Arbeiter, die»ich bereits schriftstellerisch betätigt haben, Poesie, Prosa, Satire und Kritik studieren. Es sind 150 Teilnehmer an dieser Universität eingeschrieben. An dem Kongreß werden zahlreiche ausländische Schriftsteller teilnehmen, darunter nach den bisherigen Mitteilungen Theodore Dreiser, John Dos Passos, Upton Sinclair, Sherwood Andersen, Heinrich Mann. Lion Feucht wanger, Oskar Maria Graf, Egon Erwin Kisch, Anna Seghers, Romain Rolland, Andre Gide, Andre Malraux, Henry Barbusse, Paul Vaillant- Couturier, Bernard Shaw, Stefan Zweig, Martin Andersen Nexö, wie auch Vertreter der Schriftsteller der verschiedenen Länder, einschließlich Chinas und der Türkei. Wae um Siellfcitz qehen mußte „Verwirrung der Rechtsbegriffe" Der Breslauer Universitätsprofessor Geheimrat Hell« fritz ist gemaßregelt worden; er wurde seines Postens als Schriftleiter der„Deutschen Juristenzeitung" enthoben und durch den Kölner Professor Karl Schmidt ersetzt. Die Maßreglung erfolgte auf Grund eines Artikels, aus dem wir kürzlich einen Abschnitt veröffentlichten; er lautete:„Wir leben gegenwärtig in einer Verwirrung der Rechtsbegriffe, wie sie für die Wissenschaft nicht ärger gedacht werden kann. Folgt nicht allmählich eine Klärung, so werden die deutschen Juristen weiter der Welt das Schauspiel bieten, aneinander vorbeizureden. Es geht unmöglich an, daß Ausdrücke der Propaganda kritiklos in die Wissenschaft übernommen werden... Die„Flucht ins Politische" ist ein bedenklicher Wesenszug der neuen Rechtswissenschaft." Der Reichsjustizkommissar Dr. Frank hatte zu diesen Ausführungen Hellfritz' auf einer Düsseldorfer Juristentagung erklärt, Hellfritz wolle„mit Hilfe der Presse Stimmung gegen den Staat Adolf Hitlers machen. Die Vernichter des deutschen Volkes glaubten, noch einmal das Heft in die Hand zu bekommen." Heljs fritz zählte sich immer zu der politischen Rechten. Ausgerechnet ühonnen! Er betreut den jüdischen Kulturbund Nach dem neuen Theatergesetz unterstehen auch sämtliche Privatbühnen jetzt dem Reichspropagandaminister Dr. Goebbels. Unter die Privathühnen aber fallen auch die Theater des jüdischen„K ulturbunde s", bis jetzt zwölf an der Zahl. Selbstverständlich gelten für diese Theater dieselben Vorschriften wie für alle übrigen Bühnen. Auch für sie ernennt Goebbels die Direktoren, Regisseure, Kapellmeister, und ihnen kann er vorschreiben, welche Stücke sie spielen müssen. Da sich aber Goebbels für diese etwas unangenehme Aufgabe nicht zuständig hielt, hat er dafür einen Stellvertreter ernannt. Und zwar Herrn Arnold Bronnen. War das von Herrn Goebbels nicht ein kleiner pikanter Seitenhieb? Ausgerechnet Bronnen bat er zum Hüter der jüdischen Bühnen bestellt! Glaubt er nicht an das reine Ariertum des nationalsozialistischen Dichters? Bronnen hat sich von dem Verdacht eines jüdischen Vaters gereinigt, indem er öffentlich erklärte, seine Mutter hätte mit einem reinen Arier einen Fehltritt begangen, dem er entspro en sei! Sehr erbaut soll Bronnen nicht davon sein, ausgerechnet die jüdische Kunst betreuen zu müssen! 9Cenkec aus dem!Busch Der„Deutsche" Nr. 118, Organ des Ley, Hauptschriftleiter Karl Busch, veröffentlicht ein Hetzgedicht gegen Thälmann: Herr Teddy ist ja von Natur ein Mann von stattlicher Figur, der dazu überdies sogar in jeder Art der schlankste war, doch ist er, wenn auch hübsch und schlank, noch immer einen Kopf zu lun g"! „Deutsche Freiheit" Nr. 180 Das bunte Matt Samstag, S. Juni 1984. EinAtückDeutlchlanb ohne Mystik Die Rente für den Ellenbogen und Schmalfuß hat eine Stinkwut gegen die Juden Atom;ertrümmerung 33on Jacques P. Ldtranger ..Es fand die entscheidende, die letzte Untersuchung statt. Schmalfuß stand vor dem kurzsichtigen, kleinen Regiments- arzt Dr. Pick. Ein Mediziner, der wegen seiner Kurzsichtig- keit im Hinterland Verwendung gesunden hatte. Schmal- fuß mußte seinen Oberkörper entblößen. Eine Schwester half. Dr. Pick reichte ihm knapp bis an die Schulter. Seine kleinen, kalten Finger tasteten am Arm herum. „Schreiben Sie, Schwester," näselte er.„Unvollständige Versteifung des rechten Ellenbogengelenkes. Beschränkung der Gebrauchsfähigkeit der rechten Hand. Rohe'Kraft der kühlen, etwas rot gefärbten rechten Hand ist stark herab- gesetzt." Ichmalfuß stierte. Unterhalb seiner. rechten' Schulter bewegte sich ein schwarzer Haarbusch. Was für eine Ratte, dachte Schmalfuß. Krabbelt da auf meiner Haut herum mit seinen kalten Leichenfingern. Komischer Kerl, dieser Doktor. Sieht aus wie'n Jud. Der Regimentsarzt litt an gestielten Schleimhautwuche- rungen im Nasenraum. Das hinderte ihn stark am Sprechen. Dazu klemmte ein goldener Klemmer die rötliche Nase zu- sammen. Ließ sie krumm erscheinen. Widerlicher Kerl, dachte Schmalsuß. „Unter Berücksichtigung des Berufes als Bierkutscher," diktierte näselnd Dr. Peck zum Schluß,„stelle ich eine SV- prozentige Erwerbsunfähigkeit fest. Eine Abschrift geht an die Königliche Regierung in Dresdens" * Schmalfuß brauchte nicht wieder ins Feld. Wurde HilfS- dienstpflichtiger. Stand dem Bezirkskommanbo zur Ber- sügung. Seine Laufbahn begann. Laufbahnen. Politische und andere Munitionsfabrik Wilhelm Scheibe u. Koch. 367 Frauen und 12 Männer. Einer von den Männern war Kurt Schmalsuß. Ehemaliger Bierkutscher. Kriegsverwundet. Rentenempfänger. Ledig. Stand an einer Drehbank. Drehte Granaten. Für die. die noch draußen waren. Eigentlich gegen sie. Oder doch für? Nein, gegen. In dem Raum war er ber einzige Mann. Arbeitende Frauen. Kriegsfrauen. Verhärmt, blaß, abgerackert, hung- rig. Schmalsuß führte das große Wort. «Ich bin zweimal verwundet worden. Habe den Scheiß- dreck mitgemacht. Für das Vaterland. Jawohl!" Er trug, im Knopfloch, das schwarze Bändchen. Eiserne? Kreuz 2. Klasse.' Der Weltkrieg war ein großer Krieg. Die Stadt im Osten Sachsens war ein winziges Städtchen. Schmalfuß, unter stillen Frauen, war ein KriegSheld. Ein gewaltiger Kriegsheld. Mit Bizeps.... Heißer Julitag 1917. Sonntag. Er geht wit der ledigen Straßenbahnen» Hilde Siebert. Hinaus i» die Natur. Hin- ein in die Fichten. Die Hilde ist ein schmales, blutarmes Persönchen. Sie trägt die dicke, schwarze Uniform der klein- städtischen Ringbahn. Sie hat Hosen an, breite, so was zeigt, was man hat als Frau. Auf den hochgesteckten Zöpfen, ein wenig schief, die Mütze. Sie muß noch heute in den Dienst, die Arme, Nachtdienst. Bon 6 bis 9 Uhr. Sie halten sich an den Händen. Sie suchen einen einsamen Feldweg. Die Sonne brennt.„Ich bin müde," sagt das Mädchen. Sie knöpft die warme Uniformjacke auf.„Wir haben wenig Zeit," sagt Schmalsuß. Sie setze» sich schnell. Sie legen sich schnell. Hinterher sagt Schmalsuß zu dem Mädchen, dessen Augen glänzen:„Mit der Hochzelt werden wir bald einig sein. Ich krieg eine Rente. Dann brauchst du nicht mehr zu arbeiten." * Drei Monate später heiratete er. Nicht die Hilde Siebert. Eine Kriegerswitwe Lina verw. Hering geb. Schultheiß. Sie hatte eine fast neue Einrichtung und ihr Charakter war auch nicht zu verachten. Außerdem war sie tagsüber leicht- gläubig und nachts stark kitzlig.... *-•■ Der Krieg war eines Tages zu Ende. Ganz plötzlich. Die Leute in dem kleinen Städtchen waren ganz erschrocken. Alles kam so überraschend. Der Frieden und die Schließung der Munitionsfabrik. 367 Frauen und'12 Männer waren ohne Arbeit. Schmalfuß wurde Mitglied im„Arbeiter- und Soldaten- rat". Er war erst„Unabhängiger Sozialist", dann ging er zu den Spartakisten. Weil das wenigstens Kerle sind, sagt« er. Eines Tages hatte er auch die Spartakisten satt. Ueher- Haupt die ganze Politik. Scheiße, sagte er. Er beantragte ein Anstellungsformular. Weil er kriegS- verletzt ist. Und jetzt ohne Arbeit. Er wurde Briefträger. Sein richtiger Titel: Hilfspostbote. Wenn er sich bewährt, sagre man ihm, wird er befördert werben. Langsam, aber sicher, Herr Schmalsuß. „Ich bin jetzt Postbeamter." Er bekam fast vor sich selbst Respekt. * Seine Frau Lina trug schon da? zweite Kind. Den un- geheuren Bauch streckte sie vor wie eine Pauke. Ihr auf- gedunsenes Gesicht glänzte. Schmalfuß sah sich die Be- scherung an und fand, wie alle Männer seines Kalibers,, daß die Frau einen lächerlichen Eindruck macht in diesem Zu- stand. Er war noch immer Hilfspostbote. Er trug keine Pauke. Nur eine kleine Ledertasche. Eines schönen Tages, am hellen Nachmittag, die Sonne lachte, siel die Lina hin. In ihrer Wohnung. Bautz, da'lag sie da, die arme Lina. Warum? Ein Geheimer hatte ihr eben schonend mitgeteilt, baß ihr Mann Unterschlagungen begangen habe Unterschlagungen im Amt.; liebe Frau Schmalsuß. Postquittungen gefälscht. Das Schuhgeschäft k^oldberg ist dahinter gekommen. Und nun fitzt er, der Hilfsbote. Seit Mittag. Im Untersuchungsgefängnis. * Es war kein großer Kamps um Schmalfuß. Aber um seine Rente. Schmalsuß schrieb aus dem Gefängnis. An das Versiche» rungsamt. „Ich, der ehemalige Soldat und Bierkutscher Schmalfuß svon seiner Beamtenstellung schrieb er nichts), bin im Welt- krieg zweimal verwundet worden. Ich war, meine Herren, Gefreiter. Ich ersuche umgehend um eine Absindungs- summe. Hochachtend Kurt Schmalfuß, ehem. Gefreiter. In- haber ber Sächsischen Tapserkeitsmedaille und des Eisernen Kreuzes 2. Klasse." Das Versicherungsamt schrieb an die Gesängnisverwal- tung Kurz und bündig:„Warum ist Schmalsuß im Gesäng- nis und für wielange?" ,„Wegen schweren Diebstahls im Amt. Drei Jahre sechs Monate." lautete die Antwort. Kurz und bündig. Es wurden Fragebogen ausgefüllt. Die Polizei stellte fest, was er alles in seinem Leben gemacht hat. Frau Lina mußte zu ihrem Schreck erfahren, daß der Lump, der Gauner, der Spitzbube Alimente gezahlt hat! An. wen? An eine Frau Hilde Müller geborene Siebert. Für einen Jungen mit Vornamen Karl Seine Mutter war einmal, während des Krieges, Straßenbahnerin gewesen. Auf der kleinen Ring- bahn. Es war einmal ein heißer Sommertag. Ein Sonntag. Ein einsamer Feldweg. Sie hatten sich an den Händen ge- halten. Dann gesetzt. Dann gelegt. Das Resultat hieß heute Karl. Der Mann seiner Mutter war der Autoschlosser Hein- rich Müller geworden. „Wie heißen seine ehelichen Kinder, Frau Schmalfuß?" Schluchzend sagte Frau Lina: „Martha Emma und Margarethe Hildegard." Ist der Antragsteller, zur Zeit wohnhaft im Sächsischen Landgerichtsgefängnis zu Leipzig, zum Weiterbezug seiner Rente berechtigt? ' So ein Fragebogen ist unbarmherzig. Ein Frager ohne Herz. '* DaS Leben rollte wie ein langer Güterzug in einer kahlen Landschaft. Einmal hielt der Zug mitten auf der Strecke. Man fand die Lina auf dem Trockenboden. An einer Leine hängen. Blau, mit vorgestreckter Zunge, die Augen völler trockener Tränen. Man schnitt sie ab. Es war zu spät. Sie hatte einen kurzen Brief hinterlassen. Bier Worte nur. Die schiefen Buchstaben, die wie umgefallene Balken auf dem Papier lagen, ergaben nach eingehender Prüfung durch die Mordkommission:>,Er weiß schon warum." ■ Schmalsuß zuckte die Achseln. Nee, ich weeß von nischt. • Schmalfuß trug Trauer. Ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre. Der dunkle Anzug war aus haltbarem Stoff. Der Jude Fischmann harte ihn nicht übers Ohr gehauen, mußte Schmalfuß zugeben. Na, das ist eben mal eine Ausnahme. Sonst sind die Juden ein beschissenes Volk. Die hauen einen übers Ohr, na. man weiß schon. Unterm Hintern holen sie einem die paar Groschen vor, wenn sie können. Eine ge- fährliche Rasse. Fischmann wurde von ihm großzügig ausgenommen. Noch. Der half ihm ja auch gelegentlich. Außerdem war Fischmann der einzige Jude, mit dem Schmalfuß persönlich Fühlung hatte. Trotzdem: er ist gegen diese gefährliche Rasse. Man muß sie mit Stumpf und Stiel ausrotten! Manchmal trug er schon eine braune Uniform. Erst nur abends, wenn es dunkelte. Später kam er damit auch anS Licht. Eines Tages wurde er zum 3. Schriftführer der Nationalsozialistischen Betriebszelle gewählt. In den„Che- mischen Werken AG." Er war dort angestellt worden. Als Portier. Sein Parteigenosse Eichhorn hatte ihn einem anderen Pg. empfohlen. Dieser andere war ein hohes Tier bei den Chemischen Werken. * Am 1. April 1933 wurden die Juden boykottiert. Ein lustiger Tag. Ein fröhlicher Tag. Zur Feier des Tages schlössen die Behörden ihre Büros. In ganz Deutschland. Auch in dem kleinen Städtchen im Osten Sachsens. An Fischmanns Schaufenster klebten große, gelbe Zettel. Da war zu lesen:„Das Betreten dieses Judengeschäftes ist mit Lebensgefahr verbunden!" Auf einem Zettel prangte ein Totenkopf. Darunter die Inschrift„Tod den Juden- Hetzern!" Am Nachmittag kam Schmalsuß vorbei. In einer neuen Uniform. Erst wollte er einen Bogen machen. Dann blieb er aber doch stehen. Ein tapferer Mann macht keinen Bogen, Schmalsuß. In den Straßen und Gassen ging das ganze Städtchen spazieren. „Das ist nicht persönlich gegen Sie, das ist auS Prinzip," murmelte er leise(warum leise, Schmalsuß?). „Wieso Prinzip?" fragte Kischmann. Müde. Er fragte und er fragte auch nicht. Fischmann ging zurück. Allein. In seinen Laben. In den leeren. Ging ins Kontor. Setzte sich an den Schreibtisch. Stützte den Kopf in die Hände. Begann zu grübeln. Er suchte eine Entschuldigung für den Schmalsuß. Eine Ver- teidigung. Einen Grund für den Antisemitismus. Ein echter Jude, dieser Fischmann. Er suchte einen„Grund" für etwas, das ihn vernichten will. Er suchte. Er such» noch heute. Ein echter Jude..... Die Ausstellung von Chikago Präsident Roosevelt hat dieser Tage ein Gesetz unter- zeichnet, daS der Regierung einen Kredit von 209 006 Dollar bereitstellt zur weiteren Teilnahme an der Ausstellung von Chikago. Ein Beschluß des Kongresses setzt genauestens aus- einander, welche Mengen ausländischer Waren, die für die Ausstellung bestimmt sind, in das Land eingeführt werden können. Man scheint also drüben mit Bestimmtheit zu hoffen, den Mißerfolg, wenigstens in finanzieller Hinsicht, des ver- gangenen JahreS noch einholen zu können. Eine epochale Erfindung Der italienische Physiker F e r m i berichtet in der römischen Akademie der Wissenschaften über seine neuesten Arbeiten auf dem Gebiet der Atomumivandlung und künstlischen Radioaktivität- Wie verlautet, ist ihm die Umwandlung sehr zahlreicher Elemente durch Beschießung mit Neutronenstrahlen sowie die Erzeugung eines Uranisokops vom Atomgewicht 93 gelungen. Bisher war das gewöhnliche Uran mit dem Atomgewicht 92 das schwerste bekannte Element. Wir werden auf diese Versuche nach Eingang ge- nauerer Nachrichten zurückkommen. Hierzu verbreitet das Deutsche Nachrichtenbüro noch fol- gende Meldung aus Rom: . Der Professor der Chemie Fermi hat gestern in der König- lichen Akademie von Lincei in Anwesenheit des Königs- paares ein neuartiges Experiment der Atomzertrümmerung vorgeführt, durch das er ein neues radioaktives Element durch Atomumwandlung gewonnen hat. Die Atomzertrüm- merung ist in ber modernen Chemie durchaus etwas Alltäg- liches. Die Erfindung Professor Fermis ist insofern etwas Neuartiges, als er durch Zertrümmerung des Urans ein neues Element erhalten hat. von dem ein Gramm eine Energie von 60 000 Kilowattstunden enthalten soll. Das käme einer Wärmemenge von rund 52 Millionen Kalorien gleich. Da die Umwandlung eines Gramms Wasserstoff in Helium etwas 200 000 kW ergeben würde, wären schon 50 Kilogramm Wasserstoff ausreichend, um die zehn Milliarden kWh elektrische Energie zu schaffen, die Italien in einem Jahr ver» braucht. Fermi hat den neuentdeckten Stoff„Element 93" genannt. Eine Brücke über den Kanal In Paris ist der polnische Ingenieur Adalbert Kramstuk eingetroffen. Er bringt den Plan für die Konstruktion einer Brücke mit, die über den Aermelkanal Frankreich mit Groß- britannien verbinden soll und deren Errichtung sich billiger stellen soll, als der projektierte Tunnel. Das Kapital soll von einer privaten Gesellschaft aufgebracht werden, der internationale Finanzmänner angehören und die die Eisen- bahn-Konzession U' Autostraße-Konzession auf der Brücke erhalten soll. Man denkt daran, auf halbem Wege eine künstliche Insel mit Hotels, Garagen usw. zu bauen. Der polnische Ingenieur, der seinen festen Wohnsitz noch in Süd- Amerika hat, ist vollsten Vertrauens und versichert, daß er die Einwilligung der französischen und englischen Regierun- gen erhalten wird, so daß er zu Beginn des nächsten Jahres mit seiner Arbeit anfangen kann. Mary pickford vertrag: flch mit„Doug"?- Mary Pickford ist, nach„Pickfair", der berühmtesten Be» hausung von Hollywood, die sie mit ihrem Gatten Douglas Fatrbants bewohnt hatte, zurückgekehrt. Diese Rückkehr wird in der Filmstadt als ein sicheres Indiz dafür angesehen, daß Mary ihren Plan, sich von ,D>oug" scheiden zu lassen, fallen gelassen hat. lachen nicht verlernen „Was ist denn mit dem Mann geschehen, der Ihre Unter- schrift auf einem Wechsel gefälscht hat?" „Er wurde ins Irrenhaus gebracht." * „Kellner, ich möchte zahlen!" „Was haben Sie gehabt?" „Das weiß ich nicht. Bestellt habe ich einen Rostbraten." »*. Erich geht wit seinen Sachen unordentlich um. Als die Mutter morgens das Zimmer betritt, liegen seine sämtlichen Habseligkeiten aus dem Boden zerstreut. Die Mutter fragt: „Wer hat seine Kleider nicht aufgehängt, als er zu Bett ging?" Unter der Decke spricht eine gedämpfte Stimme:„Adam. Frau Mayer bekommt Zwillinge. Herr Mayer ist auf einer Geschäftsreise. Frau Mayer telegrafiert ihrem Mann: „Heute Zwillinge bekommen. Morgen mehr." ♦ „Ein ideales Paar. Sie haben immer die gleichen Ge- danken." „Ja, aber sie scheint rascher zu denken." * „Und wissen Sie. daß eS zehn Jahre gebraucht hat. bis ich entdeck: habe, daß ich absolut kein Talent zum Schreiben besitze?" „Und dann gaben Sie eS auf?" „O nein, da war ich schon viel zu berühmt!" * „Wie geht denn Ihr Artikel über das Perpetuum mobil«?" „Großer Erfolg! Kaum schicke ich ihn weg, kommt er prompt zurück." * „Gratuliere, Herr Professor, ich höre. Ihre Frau hat Zwillinge bekommen. Sind eS Knaben oder Mädchen?" „Ich glaube. eS ist ein Knabe und ein Mädchen. ES kann aber auch umgekehrt sein." * In der Oper: Ein Herr wird von seinem Nachbarn ge- fragt, wie ihm die Stimme der Primadonna gefalle.„O, sie besitzt das schönste Asthma, das ich je gehört habe." * „Haben Sie Kinder?" „Ja, drei erwachsene Töchter." „Leben sie bei Ihnen zu Haufe?" „Nein, sie sind noch nicht verheiratet gewesen." Wiens neue Herren Die Pläne der faschistischen Gemeindeverwaltung Ein kommunalpolitischer Fachmann schreibt dem ORT. aus Wien: Der faschistische Bürgermeister von Wien hat nun das Programm der neuen, durch Staatsstreich eingesetzten Gemeindeverwaltung bekanntgegeben Die Körperschaft, der dieser Plan vorgelegt wurde, ist der ernannte„Rat der Stadt Wien", der vom Bürgermeister auf Kommando der Vaterländischen Front berufen wurde Wien hat keine gc- wählte, sondern nur eine ernannte Gcmcindeocrtreiung. Die Grundsätze, die für diese Ernennung maßgebend waren, kennzeichnen das neue System und sein Programm: Räte der Stadt Wien sind Großunternehmer und Großhandelsleute geworden, die bei Wahlen niemals in den Gemeinde« rat entsendet worden wären.„A r b e i t e r v e r t r e t e r" ge- hören dem neuen„Rat" im ganzen sechs oder sieben unter 0 4 Räten an, dabei sind diese„Arbeitervertreter" christlichsoziale Gewcrtschaftssckretärc, die überhaupt nie- u,and hinter sich haben. •- Die Ernennung der Räte ist auch für das Programm, das ihnen vorgelegt'und selbstverständlich ohne Debatte gc- nehmlgt ivurde— die Titzungen der faschistische» Körperschaft sind geheim— kennzeichnend. Die faschistische Stadrverwal- rung hebt alle Stenern, die die Reichen unmittelbar treffen, aus: die Nahrung»« und Genußmittclabgabe, die zuletzt nur mehr von Nachtlokalen und anderen ausgesprochenen Luxus- .Vergnügungslokalen der Bourgeoisie bezahlt werden mußte: die Hauspersonalabgabe, die große Haushalte mit mehr ass drei Häusgehikien z» entrichten hatten: die Pserdcabgabc, die Bourgeois zu bezahlen hatten, die sich Renn- und Reit» pferde halten können: die Wcrtznivachsabgabe. die den Uebcrgcwinn von Hausbesitzern erlaßt, die ihre Häuier verkaufen: die Fnseratcnabgabe, die die großen kapitalistischen Zeitungen trifft. Alle diese Steuern, wegen der die Kapita- listen die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung leiden- schaftlich bekämpft haben, werden nun von der faschistischen Verwaltung im Interesse der Reichen au'gchoben. Außerdem wird die Steuer, die von den große» Woh- nnngen und Bisten entrichtet werden mußte, wesentlich her- abgesetzt. Die kleinen und mittleren Wohnungen bleiben trotz den Steuererleichterungen, mit denen sich die neue Gc- meindeverwaltung einführen ivill, so besteuert wie bisher. Dafür führt die faschistische Gemeindeverwaltung Massen- steuern ein, die die Asterärmsten treffen. Es war ein Stolz der sozialdemokratischen Gemeindeverwaltung, daß sie den Wienern das ausgezeichnete H o ch a» e l l e n w a s s e r bei- nahe ohne fede Entschädigung zur Verfügung gestellt hat. Das war ein Strick Massenknltur. Die faschistische Gemeindeverwaltung räumt mit dieser Kulturtat ags und setz! die Menne des Wassers, das gratis abgegeben wird, auf die Hälfte herunter. Mehr als eine Million Schilling sollen die Wiener Haushalte nun für das Wasser ausbringen. Es ist selbstverständlich, daß den größten Teil davon die Haus- halte der Wiener Arbeiter und Angestellten aufbringen > müssen. Tic zweite Abgabe auf die Massenkultur ist die Abgabe, die die Gemeindeverwaltung für die moderne und hygienische Kehrichtabsuhr einhebc» will, die unter der sozialdcmotra- tischen Gemeindeverwaltung eingeführt worden ist. Nicht weniger als 5 Millionen Schilling im Fahre sollen durch diese Abgabe der Gemeinde zufließen- selbstverständlich vor allem diikch Belastung der kleinen Haushalte, die durch diese neue Mist-Steuer ungleich schwerer getroffen werden als die großen Haushalte. Die neue Gemeindeverwaltung will auch ein Fnvestilions- Programm(tu fite Den, In zfv.ci Fahx.c>l solle» f>0,'Millionen Schilling ausgegeben wxrdgn..«in.„..Bruchteil dessen, was- die 'IvzsialdemKrätrsche-^ Gemf'sndeverroaitnna zur' Wirtfchasts- ^ankurbelnUg verwendet hat: Wichtig ist aber vor. allem, daß die faschistische Stadtverwaltung bei der Geldbeschänuiig den- .selben B a n.k r öt.t iv s g'beschreiten will, den die Regierung Dolltuß.beschritte« hyt. Die"Regierung wußte sich in ihrer Finanznot keinen anderen Weg, als Schatzicheinc zu begeben, das heißt für die Bedeckung der Staatsansgabcv Banknoten drucke» zu lauen. Nun will auch die Gemeinde Wien Schatz- scheine, und zwar an die Großbanken begeben. Außerdem sollen die städtischen Unternehmungen Wechsel ausstellen, was das Eingeständnis einer I n i l a t i o n s p o l i t i k ist. Die Kehrseite des großkapitalistischenFinanzprogrammes der saschistschen GemeNd«Verwaltung, die Politik bedenken- losen Srhuldenmachens.und des Banknotendrnckes ist Volks- wirtschaftlich außerordentlich beden'nnasvoll. Unter diesem Regime faschistischer Demagogie geht Oesterreich neue,, wirtschaftlichen Katastrophen entgegen. Airtsenrftsilie fluWMitr verhoen In der Tschechoslowakei, nicht in der Streicherei Prag, 7. Juni sZ. T. A.i Abgeordneter Dr. Angelo Gold- stein legte kürzlich dem Justizministerium ein Flugblatt vor. das heftige Angritsc gegen die jüdische Nation und Beschul- digungen gegen jüdische Emigranten erhob. Das Flugblatt war in Mälirisch-Ostran gedruckt und in großer Auflage i» mahr'schen Städten verbreitet worden. Aus zahlreichen Or- tcn erhielt die Jüdische Partei Mitteilungen über Verblei- tung dieses hetzerischen Flugblattes.' Das Justizministerium teilt, nun in einer Znschrist dem Sekretariat der JÜdftchen Partei mit, daß es der Staats- anwaltschait in Mähriich-Ostrau den Auftrag erteilt habe, die gesamte Aufläge des Flugblattes zu beschlagnahmen. Die denfsdien Auswanderer 90 bis 95 Prozent sind Juden fJnpreß.i Nach den soeben veröffentlichten statistischen Angaben betrug die Zahl der deutschen Auswanderer, die über deutsche Häsen mik dem Ziel Ilebersee die Heimat verließen, im ersten Vierteljahr 1S84: M41'. Davon wanderten 174« Deutsche nach den Vereintgteu Staaten aus. In den ersten « Monaten dcS lausenden Fiskaliahres bewilligte die U^A bereits 5395 Ein wandern»gsvisen, während im ganzen FtS- kaljabr 1982-88 nur 1541 Bisen erteilt wurden. 90 bis 95 Prozent der in den 8 Monaten Ausgewanderten sind Juden. FerbrecherKämple in Amerika 25 000 Dollar Kopfprämie lDRB) Washington, 8. Juni. Unter einer Reihe von Ge- setzen zur Bekämpfung der steigenden Kriminalität in den Bereinigten Staaten unterzeichnete Präsident Roosevelt auch eine Verordnung, durch die dgs Justizdepärtemciit ermächtigt wird, ans die Ergreifung von notorischen Verbrechern einen Breis in Höbe von 5-5 MO Dollar auszmetzen. Damit werden für die Ergreifung Dillingers nunmehr 25 000 Dollar B-« lohnung ausgezahlt_ Dommy Ear- Einer von Dillingers Haupty«^^^^(Imva, bei einem rol wurde am Do^ üblich verletzt. Er starb wenige Zusammenstoß mit^ te g umfen{lttUg. Ein mit ihm auf- Stunden spater^^ls seine Frau bezeichnete, gab z? daß"sie»?d Ea?r°"bei einer Schießerei in einer Wald- Woldemaras Putsch Ilnhiare Nadiridiien- Der frühere Ministerpräsident verhafte! Tilsit, den 7. Juni 1934. Wie au? Kowno gemeldet wird, ist dort in der Nacht zum Donnerstag in Militärputsch vor sich gegangen, der von den Anhängern des ehemaligen Ministerpräsidenten Wolde- maraS in Szene gesetzt wurde. Woldemaras, der in der Nacht mittels Flugzeugs in die Nähe von Koivnv gebracht worden war, wurde von seinen Anhängern zum Minister- Präsidenten ausgerufen. Heber den Erfolg des Putsche» treffen die widersprechendsten'Nachrichten ein. Zunächst hieß e», daß W o i o c m a r a s sich erfolgreich durchgesetzt und die Rc- gierung vernommen habe, später verlautete, daß er mit dem Flugzeug wieder zurückgeschafft worden sei, daß aber die Regierung nicht gegen ihn vorgehe» wolle, angeblich, weil das Militär ihn gegen seinen Willen nach Kowno ge- bracht habe. Die Verhältnisse sind dadurch besonder» undurchsichtig. daß sich offenbar auch das Militär in setner Stellung- nähme z» Woldemaras gespalten hat. Sicher scheint zu sein, daß Veränderungen in der Regierung bevorstehen, da man unter allen Umständen den Forderungen des Militärs Rech- nnng tragen will Der Putsch war mustergültig vorbereitet. Es gelang den Akteuren die völlige Geheimhaltung bis zu seinem Ausbruche. Nach einer spätere» Meldung aus Kowno soll Woldemaras verhafte, sein Augeblich herrsche im Lande vollkommene Ruh«. Eine„Gruppe von mittleren Kowno. Zu den Vorkommnisse» in Kowno gibt die Litauische Teiegraphenagentur bekamu, daß eine Gruppe von Ofji- zieren eine» Druck aui die Obrigkeit der Republik in der Richtung auszuüben versuchte, die jetzige Regierung z u G u n st cn einer R e g i e r u n g Wolde in a r a s u m- zu bilden. Nachdem der Staatspräsident derartige Versuche auch nur zu erörtern ablehnte, ist der Gencralstabschef Äubilianus zurückgetreten und sei» Posten mit Generalleutnant Jackus besetzt ivordcn. Woldemaras wurde der Staats- sicherhettspolizei übergeben. Bisher sind sieben Verhaftungen 'erfolgt: .* Die litauische Regier u» g ist, was man begreifen kann, um Verkleinerung des Putschet bemüht. Ihre Tclcgra- fenagentur schreibt, daß W o l d e in a r a s von den Flieger- ossiziereu selbst dem Gencralstab, und von diesen den Orga- nen der Staalssicherheitspolizei übergeben ivurde. Er bc- s'itdei sich zur Zeit zu deren Verfügung. Somit sind alle Gc- rüchte über einen erfolgten Umsturz, über Verhandlungen mit Woldemaras ziveck» Bildung einer Regierung, über dessen Ausenthalt im Palais des Staatspräsidenten und über die Bildung etiler Regierung durch Woldemaras er- f u n den Im ganz'» Lande und in allen Armcctcilcn herrscht vollkommene Ruhe und Disziplin. Frauen in Barbarien in den Wahnsinn getrieben? Norf) immer wird dft Frau des von der Gestapo ermorde- tcn Rote Hilfe-Sekretär» Erirf? Steinfurth gesaugen geyal- ten. lieber die brutal« Art, mit der ihr im Gefängnis der Tod ihres Mannes mitgeteilt wurde, w e sie unter schwerer SS.-Bewachung zu seinem Grabe geschleppt wurde, haben wir schon berichtet.:. Seit dem Tage der Beerdigung ist»irfits mehr über den Aufenthalt von Frau Steinfurth zu erfahren. Sic soll zu- erst m-cder ins Gefängnis gebracht, worden sein. Aber, i» der letzten Zeit fehlt jede Spur von ihr. Ihre Angehörigen die gesehen habe», in welch entsetzlichem Zustand sirf, die gepeinigte Frau befand, befürchte» aus Grund bestimmter Unze che», daß Fra» Steinfurth i» den Wahnsinn getrieben worden ist und von der Gestapo in einer Anstalt festgehalten wird, wo sie von niemand besucht werden kann. Wir fordern Aufklärung über das Schicksal dieser Frau der die Faschisten den Mann gemordet haben. D'c Delega- ttonen. welche nach Deutschland kommen, um dl- Lage der Gefangenen zu prüfen werden nicht verfehlen, ä,ich-nach Frau Steinfurths Verbleib zu forschen uNd mit allem Räch- druck ihre- Fr»j-fttssu»«-zu fordern.- ■'i-.va*«.- t.--£• t.>.■-- sin« zcbm'dl Die ehemalige Nationalsozialistin .Die illegale Rote Hilfe Deutschlands erhält alarmierende Nachricht:» über die Geiaugenhartung der ehemaligen RaUv- ualsoz.alistin Tina Schmidt aus Zwickau m Konzeiilra.jvns- lager Hohenstei«„.^^^^^M>WWMWWMMW^^MW»»W Tl und die frauenicinoltche Rolle dieser Partei, wandte sich von ihr ab und suchte einen Weg anfldem sie für die Recht- der Frauen eintreten könne. Eine bürgerliche Hausiranenzeitiing schickte fie nach der Sowjetunion, damft sie sich dort von„den bol- scheivisiu'rfien Greueln" uberzeugen iClUe. Doch ivurd- Tina Schmidt durch alles, was sie in der NSSR. sah. davon über- zeugt, daß die Frau bisher nur in der Sowjetunion wirklich ökonomische und gesellschaftliche Freiheit genießt. Statt da- bcr in De»t(rf>laiid antibolscheiv siifrfie Vorträge zu häl:«n, iprarfi Tina Schmidt nach ihrer Rückkehr öffentlich als begeisterte Freundin der Sowjetunion. Als sie ein zweites Mal -'"^rere Monale nach der Sil fuhr, kehrte sie mit gefeit gier >oz,alisti scher Wellan.chanung zurück, überzeugt, das, nur d.c Errichtung de» Sozialismus auch j>, Deutschland und allen anderen Ländern die Befreiung der Frau bringen könne.--:e tbem verzicluete sie aus das öegueme Leben einer BourgeotSbame und kämpfte oft in bitterster Rot. Seite an «eile mit den antifaschistischen Frauen für dieses stiel vpn ihnen als ehrt che Kampfgenosstn und zuverlässige Kgmara- öui geliebt, und oeachtet Wütendster Haß und giftigste Verleumdung traf sie vvn leiten der Na ionaliozialisten. Schon vor Hitlers Macht- £f fl' r 2i'HL ,fl, 1 ,0, ,rrÖJ lie von SA überfallen. Und der Dr. Goebbels ließ es sich»'cht nehmen, in den Spalten seines „llngriii perionlich gegen Tina Schmidt zu polemisieren. Aber nachdem Hitler Reichskanzler und Goebbels Proöa- ganvmmnister geworden waren benutzten sie ihre fragwürdigen„gcstigen" Waffen nicht mehr. Tina Schmidt wurde verhaftet. Tsie Nazis handelten besonders schurkisch aii ihr. indem sie ihr die Papiere abnahmen und einer Nationalsozlal'sti» übergaben die als--pitzelin auf Emigranten im Snargebict im» anderswo losgelassen wurde. S'e hofften, mit dem bei der Arb.-'-rschait bekannten Namen der ehemaligen Natio- 1'".^wnniaen Gesrf,äfte machen zu können, doch it. dieier Plan von der Roten Hilfe sehr schnell aiiig«- oeckl und entlarvt morden. Eine Zeitlang saß Tina Schmidt im Berliner Franen- aefananis in der Barnimstraße. Dan» wurde sie von einem Konzcntrat>onslaver in» ander« geschleppt. Tj« sollte phn- sftch vernichtet werde» Jetzt ist sie seit Monaten im Läaer Hohenste'n. völlig am Ende ihrer Kräsie. Sie ist nicht mehr imstande z» aehen und ihr körperliches Befinde» ist so 'ch'erfit daß schwerste Lebensgefahr besteht. Wie die ärztliche Behandlung der schmerkranken Frau n'ssieht. erhellt ans der Tat'ache. daß der Arzt der wöchent- sich einmal aus der Nachbarstadt in das Konzentrationslager kommt über lautend Hcistl'nae zu„betreuen" hat. Wir appellleren an dft Wellöffentlichkeit, das bedrohte Leben der ehemaligen Nationalsözialistin. die zur glühen- den?lntifasch stin wurde, zu retten. Wir müssen verhindern, daß Tina Schmidt, die den ganzen Barbarismus und Kor- ruptionsiumps des National.ozialismus kennen gelernt hat und daraus mutig die Konsequenzen zog, der braunen Rache zum Opfer fällt. krauen im«onrenTalionsiaSer „Die rnulZ waschen» bis sie auf djer Schnauze liegt..." Die H tlerregieruug ist bemüht, über die Lage der Frauen in den Konzentratiauslagern undurchdringliches Dunkel zu drei.«» Tie Herrschaften im Propagaudaministerium pflegen sogar mit verdacht ger Regelmäßigkeit zu erkläre», daß es gar keine Frauen in Konzentrationslagern gibt. Diele Er- klärüngen sind unwahr, wie tost alles, ivas aus Goebbels Herrschaftsbereich kommt. Die illegale Rote Hilfe Deut ch- lands ist m Besitz der ausführliche» Schilderung einer 30 bis Mähklchw Frau über«in Konzentrationslager, in dem Franen gefangen gehalten werden. In diesem Bericht hMt es:...- „Jcl> ivurde im Herbst l!>33 verhaftet. Während meiner erste» Vernehmung gab ich zu, früher Mitglied der..KPD. -qrivesen zu?« n. Mai, wollte mich av olut zur koinmuuistisrfien .-Kurierin:stempeln, ivas ich aber nicht war und abstritt« Während man mich vm Tage zum größten Teil zufrieden ließ, wurde ich jede Rächt zum Berhör gebracht. Kaum war>cli iviedcrftn der Zelle, mußte'ch von neuem zum Verhör. Nacht für Narf?t ging es io. 14 Tage habe ich nicht geschlafen, brannte das el.kfriiche Lirfii unbarmherzig in meiner Zelle. Ich iag »och keine halbe S:undc. da wurde ich wieder zum Verhör geruieu. To g»g es ununterbrochen. Kein Verhör, das wc- -ingcr als zwei Stunden dauerte. Ost nähme» mich 12 bis l-4 Beamte ins Äreuzseuer. Das längste Verhör dauerte fast sechs Stunden. Da Gesängen« am Tage nicht liegen dürfen, kann sirf' jeder- meinen Zustand uarf) diesen 14 Tagen vorstellen. Bei einem Berhör äußerte sich der Assessor.1. zynisch: „Wir brauchen Di« nicht zu-chlagcn. Wir können Sie auch durch andere Meihode,, zermürben und physisch vernichten." Schließlich wurde ich in das berüchtigt: Konzentrationslager H. gebracht. Es liegt mehrere hundert Meter hoch in einer der.reizvollsten Gegenden Teulichlands. Früher war es eine Jugendherberge, und Scherz, Spiel und Gelang der ivan- d.Ttd''»>!:«eiid um öntc seine Mauern. Aber das„dritte Reich" hat eine cntsctzl'rfic Viarterhölle, ein: Stätte des turch'barsten Grauens daran» gemacht. Während meiner dreimonatigen Srfintzhatt in H haben nicht weniger als zehn Häftling? aus Verzweiflung oder unter Nachhilfe der 2ie- wachnngsmann'chäft Selbstmord d-rch einen Svrung avs dem Fenster oder von der Mankr in die Tiefe verübt. Außerdem sind mehrere io mißhandelt morde», daß sie in die Irren- anstatt überführt«'erden mußten. Bei meiner Einlieferung bestand die Belegschaft aus 700 Männern. 40 Frauen und 250 SA.-Bewachungsmannschaften. Ich wurde in d e Waschküche geschickt. Ivo zehn Frauen Tag für Tag die ganze Wäsche für die lÖOO Menschen des Lager» waschen muß!:» Mit den Worte»:„Die muß waschen, bis sie ünf der Schnauze liegt!" wurde ich dem Letlcr der Waich- küch« übergeben. So stand ich dann, während die anderen Franen ma»ch.mal stopfen»der flicken dursten, mit von Sc f und Chlor vcriresieuen Händen am Waschtroq oder mußte auf dem Bode» oder jm Hak bei bitterster Kälte Wäsche aus- hänget.,. Mehr als einmal b'n>Ä zusammengebrochen, aber immer ivteder wurde irf> zur Wciterarbeit gezwungen. Für nnS we blich« Gefangene gab es keine iveiblirfK Bewachung. Unser: Räume ivurde» Tag und Nacht von den 'TA.-Leuten kontrolliert, die uns oft narfi's mit ihren Blens- lateriie» weckten und morgen» beim Waschen störten. Die SU-BrivachitnaSmannschaft qebdet z» dem übelsten Men- srfienmaterial. das mir ie beacanct ist. Soviel Rohheit ynd Gem:i"heif habe'rfi norfi nie. beisammen gesehen. Tie männlichen Gesanaenen wurden oft von ihnen geschlagen, sie wur- den dazu>n einen bestimmten Saal aeholl. An, nächsten Taae mbstfc wir Frauen da"n b°:eie>, Saal von b"n Blntspritz?rn wb Fletkch, und Hantkcßen. die am Fnßb»b?n und an den Wänden hingen rein-gen. Ost habe ich gesehen, daß unsere Kameraden narf, kolchen Tagen'brc Leidensaenosien zum Abvri traaen mußten. Mehrmals hatten wir schon Besuch von Minister» und Journalisten Dorf, aus Furcht vor Mißhandlungen wagte niemand etwas zu lagen oder Beschwerde zu führen. Aber die Wahrheit über die Konzentralionslager kommt doch an den Tag 'chenke im Staate Wisconsin am 28. April beteiligt gewesen seien, bei der mehrere Polizcibeamte. erschossen worden sind. Neunork, 8. Juni. Drei wegen eine? Mordes zum. Tode verurteilte Männer wurden um 23 Uhr im Singsing-Gefäng- nis auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Ein vierter mit ihnew zum Tobe Verurteilter wurde im letzte» Augenblick für zwei Wochen begnadigt, weil«r auf seinen Geisteszustand hin untersucht werben soll. Pariser Berichte Deutsche Poliklinik EcSÄSSLSS il Allgemeine Konsultationen out^ Spezialisten, b) Chirurgie c) Orthopädie d) Geburtshilfliche Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9—12 und 2—8: Sonntags und Feiertags von iO—12 und 2—4 Uhi Einheitspreisgeschäfte Das Kapitel der Einheitspreisgeschäfte, das seit Monaten Kammer und Senat erfüllt, ist noch nicht zu Ende. Einmal hat die Kammer schon mal die Auflösung der ebenso gefüllten wie umkämpften Geschäfte der Tagesartikel beschlossen, dann machte der Senat den Beschluß zunichte, und seitdem geht das Weberschifflein hin und her. Jefct ist das Projekt wieder in dem Senatsauschuß um- gegangen. Der ne Handelsminister hat ein Expose gemacht und si.h für die Reglementierung der Häuser mit den„prix uniques" ausgesprochen. Aber beschlossen wurde noch nichts. Die-so verwickelte Frage— in die durch eine künstliche Agitation von interessierter Seite auch die Frage der deutschen Emigranten und angeblichen deutschen Kapitals hineingezogen würde— soll knifflicher Weise erst in vierzehn Tagen wieder neu behandelt werden. Am Grabe Hans-Adalbert von'Maitzahns In Boulogne an der Seine, in der Landschaft, die er so geliebt hat, wurde von seinen Freunden am Freitagmittag der arme Baron Maitzahn zu Grabe getragen. Es war das Begräbnis eines seltsamen Menschen, um den viel Unverständnis, Gehetztsein und Zigeunertum wer. Der schlanke Mensch mit dem Adlerkopf, Sohn einer uralten preußischen Offiziersfamilie, Zögling der Ritterakademie zu Brandenburg— des feudalsten und furchtbarsten, was es gibt,— schrieb seit langem von Paris für demokratische und sozialistische Zeitungen. Er stand seit langem auch mit der Berliner Volksbühne in Verbindung und brachte nach Deuschland, als wirklicher Literaturförderer genaue und an def Quelle gewonnene Anschauungen des französischen Theaters. Er liebte die Bretter in hohem Maße und war ein Mann von hoher, fast schleuderhafter und immer zum höchsten Ausbruch bereiter Kultur und immer von höchstem Vus- druck der Persönlichkeit. Er war, wenn man so will, einer der Heiligen im Urheiligen, ein Mann, der hungerte, um seinen Leidenschaften und dem Leben, das für ihn nur Kunst und Wort war, zu fröhnen. Der alte Reiteroffizier, der auch als Vierzigjähriger den Reiz einer hoheitsvolen Erscheinung bewahrte, hat mehrere Dichter übersetzt, vor allem Paul Raynal, dessen Herold er war. Er war wie kein anderer berufen, als einer der letzten Gläubigen des Weltgewissens und Europäertums in Deutschland„am Grabe des unbekannten Soldaten'' zu sitzen und den Ruhm der„Marneschlacht", den pazifistischen Sang der „Francerie" in die Lande hinauszutragen. Am meisten hat er darunter gelitten, daß manchmal Schicksalsgenossen diesem fast märtyrerhaften Aposteltum, das der preußische Uradlige, Steuerfragen Gesellschaftsgründungen Wenden Sie sich an F« BRIQUEU LICENCIE EN DROIT ehemaliger Kontrolleur der direkten Steuer behorden. um vom offiziellen Standpunk aus beraten zu werden. 25. Bd. BonnesNouvelle, PARIS(2). Telefon Louvre 22«95 Siilfler Teilhaber gesucht mit 100000 Ft. Einlage für gutgehendes mit Auftraget versehene Heizungs-Firma in STRASBOURG. Auskünfte erteilt die„Deutsche Freiheit" unter Hr. Wilden Hitler und seine leicht zu habenden Würden verschmähend, in seinem unsteten Wandel an der Seine mit sich herumtrug, nicht immer glaubten. Schlaf wohl, armer Baron Maitzahn, schlaf wohl an der Seine. Ich sehe Deine große Schrift vor mir, mit den weit holenden Zügen, den eilenden Buchstaben, die wie durch die Nacht des Lebens jagten, und denke, daß du ehrlich gefallen bist, alter Rittmeister, im Kampfe um das freie Deutschland. In dir war wenig Kleist,(obwohl man gesagt hat, daß das der einzige Preuße mit Kultur sei), in dir war viel Westliches, und die Stiche im Cafe de l'Univers gegenüber dem Hause Molieres sahen dich oft verständnisvoll an, und wenn ich nachdenke, warst du, mit deinem hellen Verstand und dem schwärmerischen Hang zu Frankreich und Freiheit am ehesten noch ein Bruder von Büchner, mit dem du auch das 'rühe Schicksal teilst: „Ein unvollendet Lied, sinkt er hinab, Der Verse schönsten nimmt er mit hinab." Baptist. Der rall io Leiermann oder Ulimanii Durch eine Gerichtsverhandlung vor einer Pariser Strafkammer ist ein Fall in die Oeffentlichkeit gedrungen, über den seit längerer Zeit als über eins der trübsten Kapitel der Emigration geraunt wurde. Es handelt sich um den ehemaligen Veranstalter von Berliner Matineen und„Theaterbesessenen" Jo Lherman, der unter dem(wahrscheinlich wegen des an Rilke erinnnernden Klangs gewählten) Namen Walter Maria U 1 1 m a n n eine Rolle in der Pariser Literaturgesellschaft gespielt hat, die leider auf Kosten zahlreicher anständiger Literaten geht. Es ist wohl nötig, die Dinge einmal beim richtigen Namen zu nennen. Ulimann, der in Berlin durch seine Margarine- Geschichten und durch Durchbrennen mit der Kasse bereits übel aufgefallen war, gründete in Paris dag„Blaue Heft", eine in deutscher und französischer Sprache erscheinende Kunstzeitschrift mit einem Stich ins Aktneil Politische. Für die letzten Dinge gewann er den mit einer reichen Frau aus bekannter Familie verheirateten Sohn des früheren Botschafters und Ministers Renaud de Jouvenel, der darin auch seinen in Hitler-Verständigung machenden Bruder Bertrand de Jouvenel schreiben ließ. Inzwischen hat er sich mit einigem Substanzverlust aus dem Ullmann-Wagen zurückgezogen. Die durch die gute Verbindung gewonnene Verstärkung seines Ansehens benutzte Lhermann dann zur Gewinnung einer Reihe deutscher und französischer Mitarbeiter von Rang, die sich auf die Ehe aus Leichtsinn oder Mischung von Geldnot und Nochalance einließen. Daneben machte er Verlagsgeschäfte mit einer Reihe von Dichtern, die heute wohl gerne das dem Geschäfte in der rue Notre Dame de Lorette geliehene Vertrauen im Busen bewahrt hätten, während Lhermann seinerzeit natürlich die Tantieme im Busen bewahrte. Es ist unglaublich, daß ein notorischer Hochstapler in geistigen Regionen, aber auch gewöhnlicher Schwindler wie dieser Lherman es verstanden hat, eine Reihe wohlangesehener Leute hereinzulegen und daneben ziemlich wahllos seine Mitarbeiter zu betrügen. Die jetzige Verhandlung vor den Strafrichtern aber hat bewiesen, daß der edle Freund der Musen auch seine bei mancherlei Tratten erworbenen Zeichenkünste auf Postabschnitten verwandte. Der ehemalige Inhaber des Bergis-Verlages machte nämlich üble Markgeschäfte mit einigen Banken, wobei er die Stempel auf den Zahlungen der deutschen Kunden fälschte. Als das herauskam, war der blaue Mann verduftet, einschließlich seiner Freunde, und zwar soll er bezeichnender Weise, wie die Fama berichtet, durch Hitlerdeutschland mit seinem österreichischen Paß nach Prag gefahren sein. Die Franzosen haben den üblen Burschen jetzt zu vier Jahren Gefängnis und 3000 Franken Geldstrafe verurteilt, während seine Freundin Ruth Adler 2 Jahre Gefängnis und 2000 Franken Geldstrafe erhielt(beide in Abwesenheit). Außerdem wurden noch zwei Mitangeklagte Simonsohn und Kester verknackt. Das Schlimmste ist, daß der Fall dieses kunstbegabten Hochstapler noch nicht zu Ende zu sein scheint. In Prag und wohl auch in Wien scheint der internationale Gastspielreisende neue Opfer und Wohlmeinende oder Vertrauensselige zu suchen und zum Teil auch schon gefunden zu haben. Es ist daher hohe Zeit, alle literarischen Zentren in gleich viel welchen Hauptstädten vor diesem Mann, der nach dem Muster der internationalen D-Zugdiebe zu behandeln ist, zu warnen. Ein Mann wie Lherman oder wie er sich sonst nennen mag, gehört nicht unter die Leute mit der Feder, sondern unter die Leute mit den Fingerabdrücken. Wir legen den größten Wert darauf, daß dem Rückfälligen alsbald das Handwerk gelegt wird. Boileau sagt an einer Stelle die in Paris zum Sprichwort gewordenen Verse:„J appelle un chat et Rolet un fripen." Diese Literaturkenntnis sollte man auf Lherman in allen europäischen Ländern„bestens" anwenden.(Um Nachdruck, im doppelten Sinne des Wortes, gebeten.) Emigrantenklub Brüssel 1933, Maisvn des Artlstes 19 GrandPlaee. Am Dienstag, 12. Juni, 20.80 Uhr, spricht bei uns der in Emigra» tion lebende Schriftsteller Heinz Liepmann und liest aus seinen per» offenilichten und unveröfentlichten Werken. Eintritt 4,— Kr., sür Mitglieder 2,— Fr. Wirtschastsrat für Resugl^S i» Belgien. Diese Organisation be» zweckt in uneigennütziger Weise, die Emigranten im Aufbau einer neuen Existenz zu unterstützen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat der Wirtschafisrai einen Fragebogen herausgegeben, der gegen einen Franken und Beifügung des Rückportos iin Briefmarken) bei der Geschäftsstelle des Wirtschaftsrates, Bruxelles, 98, Avenue de Cortenberg, erhältlich ist. Ruslandsdeuischer iu Eupeu-Malmedy. Ihre Anregung ist uu- erfüllbar. Sie widerspricht den Bestimmungen des Bersailler Beitrags. Saba. Für Ihre Einsendung besten Dank. Wir nehmen aber nach wie vor den Standpunkt ein, uns in diese Auseinandersetzungen nicht einzumischen. Dazu ist die Parieiprege der betreffenden Länder berufen. Weber. Bielen Dank für Ihr Gedicht. Die Form ist gelungen, ober der Inhalt schon etwas überholt. Bielleicht gelingt Ihnen später einmal etwas Besseres. »Press- 1928." Uns ist über den derzeitigen Aufenthall des frü- Heren Oberbürgermeisters Adenauer von Köln nichts bekannt. Neu- lich lasen wir aber in dem Kölner Naziblatt, das diese»System- größe" des Zentrums besonders ins Herz geschlagen hat, dies:»Man hat inzwischen erfahren, daß Dr. Adenauer sein geruhsame« Asyl tu> Kloster Maria Laach vertagen habe und sich nun in dex Reichshauptstadt befinde. Fs ist zwar richtig, daß der frühere Ober, bürgermeister mit seiner Familie inzwischen nach Berlin verzogen ist. doch ließ sich bisher nicht in Erfahrung bringen, was er weiter zu tun gedenkt. Was mit der leerstehenden Billa des ehemaligen Oberbürgermeisters am Staitwaldgürtel in Köln geschieht, steht zur Zeit noch nicht fest." Die soeben erscheinende»Nene W-ltbühue" bringt in ihrer die«, wöchentlichen Ausgabe folgende Beiträge: Neo-PaziflSmuS von Hermann Budzislawski: Goebbels, streng vertraulich von Heinz Pol: Polnische Schaukelpolitik von T. N. Hudes: Kardinal Kaulhaber von Waldemar Grimm: Hammer oder Amboß von Peter Rau: Pässe von Walter Rode: Partisanenkrieg von Richard Papen: Militante Wirtschaft von Hans Konrad: Streicher von Erich Weine«: Bemerkungen— Antworten. Für den Kesamitnhal« verantwortlich: Johann P i tz tn Dudweiler. für Inserate Otto Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Bolksstimme GmbH» Saarbrücken 8, Schüyenstraße 5.— Schließsach 776 Saarbrücken. Zorn Nadidenhcn Von E. I. G u m b e l Diese Zuschrift veröffentlichen wir, ohne bah wir mit jedem Satze einverstanden sind. Red. d. ,,D. F." 1 lieber ein Jahr ist es her, seit die deutsche Emigration als Massenerscheinung begann. Roch heute ist sie weder ökonomisch noch politisch noch moralisch stabilisiert. Wir haben keinen Grund, besonders stolz zu sein, weder aus das, was wir in Deutschland geleistet, noch darauf, was wir in einem Jahr Exil geschaffen. Die entscheidende Tatsache, deren letzte Konsequenzen uns bewußt werden müssen, ist die ungeheure Niederlage der Arbeiterbewegung wie aller fortschrittlichen Ideen, die zu ihr standen, und die unauslöschliche Schande der kampflosen Niederlage Kampflose Niederlage ein Widerspruch nur m der Philologie, nicht in der Politik. In unserer zentralen Aufgabe, die Naziherrschaft wirk- sam zu bekämpfen, werden wir nur Erfolg haben, wenn wir die 1 Fragen richtig stellen. Zur Lösung eines Pro- blems ist dies häufig der wichtigste Schritt. Die BeHerr- fchung der Zukunft setzt Kenntnis der Ursachen der Gegen- wart voraus. Daher die Notwendigkeit zum Nachdenken über das. was geschah, zur prinzipiellen Erkenntnis der von uns allen begangenen Fehler. Bisher Hot es sich die Emigration demgegenüber leichi gemacht: die einen leugneten die Niederlage, nur die andern sind geschlagen. Die andern schoben die Schuld auf die einen:„Warum seid Ihr abseits gestanden— bei unserer Niederlagenstrategie?" Jede Gruppe besaß den Stein der Weisen und alle andern waren an allem Un- glück schuld. Die alten Manuskripte, etipas umgeschrie- ben, werden zur Basis der politischen Auseinandersetzung, mit dem Ergebnis, daß manche Emigranten heute noch nicht wissen, warum sie hier sind. Dem entspricht die Einstellung des Auslandes Der Uedergang eines ganzen hochindustriellen Landes in die Barbarei wird als ein- maliges, deutsches Ereignis verkannt und seine Bedeu- tung versandet in kurzfristigem Bedauern über die Not. Wir aber müssen fragen: Warum hat es der Teil der sozialistischen Bewegung, für den Sozialismus nicht mit bürgerlichem Fortschritt identisch ist, nicht vermocht, die Alltagssorgen zum Ausgangspunkt prinzipieller Enlschei- düngen zu machen? Warum hat die antikapitalistische Sehnsucht der Massen sich gegen den Sozialismus ge- kehrt? Warum lief die Jugend in hellen Haufen von uns fort ins Lager der Feinde? Warum gelang es den Faschisten, den Klassenhaß des Kleinbürgers gegen den Arbeiter und seine Furcht zum Hebel eines ungeheuren Sieges zu machen, während wir das Klassenbewußtsein des Arbeiters und Angestellten, der überwiegenden Mehrheil des Volkes, nicht mobilisieren könnten? Wir knüpften an den spezifischen Charakter des Menschen an, der im Gegensatz zum Tier seine Nahrung selbst produ- ziert. Wie konnten die Faschisten dies erfolgreich als die Lehre der Untermenschen darstellen, sie. deren Theorie gerade die tierische Natur des Menschen als höchsten aller Werte setzt, und gerade diese Lehre zur Quelle für Be- geisterung und Freude machen? Was nutzte die Per- schraubung einer Theorie, die erlaubte, nachträglich alles zu prophezeien, die schließlich alles, was ist, für vernünf- lig erklärte, den kühnsten Anhängern gestattete, jede Niederlage in einen Sieg umzudichten! Die Nazis haben es verstanden, Gemütswerte zu mobi- lisieren, Minderwertigkeitsgefühle zu überkompensieren. Diese Arationalität müssen wir verstehen Sonst lebt die Allweisheit der einmal durch die„Tatsachen" festgelegten Weltauffassung weiter, auch wo die Realität, weit ent- sernt, nur gedanklich wird— im Exil. In Deutschland existiert heute keine revolutionäre Si- tuation. Die Gnadenfrist, welche die Entwicklung den italienischen Sozialisten gewährte, blieb uns versagt. Die illegale Arbeit wird erst nach langer Zeit Früchte tragen Die namenlosen Leiden und Opfer, die Opfer ünd Leiden der Namenlosen, der Heroismus derer, die, von Tortur und Qualen ohne Ende bedroh!, heute in Deutschland illegal arbeiten, müssen im großen Schuldbuch unseres Herzens verwahrt sein. Es gilt für uns best Kontakt mit der unterirdischen Wirklichkeit unserer Heimat nicht zu, verlieren, die autochthone Fragestellung zu erkennen, die manche lieb- gewordene Unterscheidung verwirft. Sonst werden wir bald die Sprache dort nicht mehr verstehen. Hüten wir uns, jede kleinste Bewegung, die dem eigenen Antrieb zugeschrieben wird, zu vergrößern, das Blatt mit Sieges- Nachrichten zu füllen, entstanden durch falsche Perspektive, aufgeblasen durch wuchernde Hoffnungen. Wir dürfen den Nazis nichts glauben, nicht einmal die Größe der von ihnen eingestandenen Opposition. Denn um die Fortdauer des Terrors auch im faschistischen Alltag, der grau ist wie der Alltag jeder Krise, zu recht- fertigen, müssen die Nazis die Bedeutung des inneren Feindes vergrößern. An zwei Revolutionen haben wir die Bedingungen erkannt, unter denen sie möglich ist: ein System stirbt „von selbst", wenn niemand mehr bereit ist, für es zu sterben. Wenn durch alle Gesellschaftsschichten das Be- wußtsein der Instabilität hindurchgezogen ist, vermag die organisierte, zielbewußte Minderheit sich gegenüber der apathisch gewordenen Mehrheit durchzusetzen. Selbst wenn Europa nicht im Krieg versinkt, werden noch Jahre vergehen, bis die Enttäuschung über die nicht gehaltenen Versprechungen, die Zermürbüng durch die Krise, die Angst vor der Denunziation sich verwandeln in das Be- wußtsein der Unmöglichkeit einer Fortdauer, bis die Waffen deswegen keine Grundlage der Herrschaft mehr bilden, weil die zugehörige andere Basis, die Propaganda, abgestumpft vor tauben Ohren klingt, bis nirgends mehr das Dutzend Maschinengewehre besetzt werden kann, das genügt, um die waffenlose Stadt zu beherrschen. Diese Betrachtung soll uns ermutigen. Denn wir können nur siegen im Bewußtsein der Schwere des Kampfes und der Höhe des Einsatzes. Vor allem müssen wir uns klar werden über die Größe des Ziels, das weit über alles hinausragt, was bisher vor uns stand. Die Alternative lautet: Untergang in die Barbarei ober Sozialismus— und damit Rettung dessen, was die bür- gerliche Gesellschaft an Traditionswürdigem ge« schaffen hat.