Einzige unabhängige Tageszeitung Veutschiands Ans dem Inha lt Jst JLöAm(besiegt? Seite 2 Man spricht mm JCcieg Seite 2 Abwertung, xLec 7 tlack um 40 mm(Hundert Seite 4 3Citiec arbeitet füe Statin Seite 7 Kirchlicher Steuerstreife 9estern —_ Throne barsten, Reiche splitterten. NnrA ,.„A w„.. ,.„j Der zerrüttete Protestantismus— Sturmlauf gegen den Katholizismus Berlin, 12. Juni. Vor zwei Monaten hat die deutsche Presse den Befehl erhalten, über die Kämpfe in der Evangelischen Kirche nichts mehr zu veröffentlichen. Folgsam hat sie sich dem Propagandaministerium gefügt. Aber es zeigt sich, daß die Entscheidungen des Gewissens durch Drohung und Zensur nicht verheimlicht werden können. Trotz aller Verbots wird durch mündlichen Austausch und durch von Hand zu Hand gehende Flugblätter immer wieder bekannt, i n welchem Umfange der Auflösungsprozeß der kirchlichen Organisationen fort- schreitet. Der deutsche Protestantismus bietet das Bild tiefer innerer Unruhe, und der Beauftragte des Haken- Kreuzes, der längst jeder Autorität bare Reichsbischof Müller, bringt ohne Aufhören die Evangelische Kirche in die Nähe des Schismas. Sie schwankt ungesichert zwischen Opportunismus und neuer kämpferischer Belebung der Gläubigen, die die evangelische Freiheit gegen die Hitler- offiziellen Kirchenbeamten behaupten wollen. * Wir lassen heute eine Reihe von Tatsachen sprechen: Westfälische Kirchen rebellieren Die westfälische Bekenntnissynode, der sich zweihundert Gemeinden einer einzigen Provinz angeschlossen haben, h a t ihre Anhänger zur Verweigerung der Kirchen st euer ausgefordert. Sie sollen die Steuer- gelder künftig an Präses Koch, den Borsitzenden der Bekenntnissynode, abführen. Wird dieses Beispiel in andern Provinzen nachgeahmt, so muß das zu einer vollkommenen Aushungerung der Berliner Airchenregierung führen. Die gleiche Bekenntnissynode hat an sämtliche durch Zwangs- Versetzung bestrafte Pfarrer die Aufforderung gerichtet, die Maßreglung unbeachtet zu lassen, da sie rechtswidrig sei. Diese Rebellion hat den reichskirchentreuen Bischof Adler in Münster auf den Plan gerufen. Wer die Steuern an den Superintendenten Koch abführe, mache sich strafbar. Die- jenigen Kirchenmeister und Rendanten, die Kochs Aufforde- rung nachkämen, werden gleichzeitig mit Disziplinarstrafen bedroht. In diesem Falle würde auch Koch, so erklärt Bischof Adler, wegen Ausforderung zur Begehung strafbarer Hand- lungen mitangeklagt werden müssen. Einen sehr starken Eindruck hat in Berlin eine Eni- schließung gemacht, die soeben das Oberhaus der Kirchen- versammlungvonCanterburyzur Lage der Kirche in Deutschland gefaßt hat. Einstimmig stellten sich die hervor- ragendsten kirchlichen Autoritäten Englands auf den Stand- punkt, daß es in Deutschland nicht um organisatorische Fragen, sondern um das Wesen des kirchlichen Glaubens überhaupt gehe, wovon alle Christen be- rührt seien. Einhellig billigte das Oberhaus die Haltung der oppositionellen Pfarrer und drückte seine tiefe Besorgnis über die damit verbundene Entfremdung der wahrhaft Gläubigen von der Kirche aus. Wie berechtigt diese Besorgnis ist, zeigt ein Protokoll von Berliner Theologiestudenten, das den Probst Eckert, eines der Mitglieder der Berliner Kirchenregierung, betrifft. Es heißt darin, sie hätten aus Eckerts eigenem Munde gehört, Theologiestudenten, die beteten, seien in seinen Augen„nicht ganz normal". Niemand kann sich über solche Bemerkungen wundern, seitdem die„deutschen Christen" die Parole aus- gaben:„Die deutschen Christen sind die SÄ. des lieben Gottes". Ueberall.... Eine ähnliche Zuspitzung wird aus anderen Landesteilen berichtet. Seit Monaten wird in Württemberg der Kampf um den Landesbischof Wurm geführt. Hinter ihm steht, im Gegensatz zum Reichsbischof Müller, die Mehrheit im Landeskirchentag. Eine eilige Reise Müllers nach Stutt- gart führte dazu, daß sich die Mitglieder des Sydonalrates erneut hinter Wurm stellten, der ein scharfer Gegner der „deutschen Christen" ist. Der Kirchenverfassung zuwider ver- fügte darauf Müller, daß die Einberufung des Landeskirchen- tags seiner Genehmigung bedürfe. Ter Wahrheit zuwider mußte das Deutsche Nachrichtenbüro berichten, daß die Stutt- garter Verhandlungen mit einem Siege des Reichsbischoss geendigt hätten. In der Landeskirche von Oldenburg macht sich ein ähnlicher, von großen Teilen der Geistlichkeit gestützter Widerstand gegen die Unterstellung unter die Berliner Reichskirche bemerkbar. In einer Entschließung bezeichnete die Mehrheit der Oldenburger Pfarrer die Gleichschaltung als„unannehmbar". In Schleswig-Holstein sind die Bemühungen, eine Einigung zwischen den„deutschen Christen" und den Anhängern des Pfarrer-Notbundes herbeizuführen, gescheitert. Der Pfarrer-Notbund bezeichnet den Reichsbtschof Müller als Störer des kirchlichen Friedens und verweigert die Zusammenarbeit mit den„deutschen Christen" mit der Begründung, daß sie die Führung des Landesbischofs durchkreuzten. Widerstand aus evangelischem Geiste Kurz, die Auflehnung wächst, und sie erhält Nahrung durch geistig führende Kreise des Protestantismus. Weitere dreißig Professoren der protestantischen Theologie haben sich einer Erklärung von K a r l B a r t h angeschlossen, in der gegen den Versuch protestiert wird, der evangelischen Kirche die Staatsauffassung des National- sozialismus aufzuzwingen. Es gebe keine konfessionelle Frei- heit mehr, wenn die Kirche einer nichtgeistlichcn weltlichen Hierarchie unterworfen würde und Proteste gegen diese Will- kür als Auilebnung gegen die äutzrie. Ordnung der Kirche bestraft würden. Goebbels' „fromme Gotfesmänner Der deutsche Katholizismus kämpft in einer erheblich besseren Position. Die evangelische Kirche ist durch diese Auseinandersetzungen im Herzen getroffen, während die katholische Kirche den Standort einer Welt- macht besitzt und bei allen Verfolgungen im Widerstande erstarkt. Jeder Angriff gegen sie und ihre Autoritäten gibt ihr den Nimbus, als sei sie der Sammelpunkt der gegen den Nationalsozialismus gerichteten Kräfte und verschafft den opponierenden Kirchensürsten eine seit Jahrzehnten nicht mehr erlebte Popularität. Signale Die Rede des ReichSpropagandaministerS Goebbels, im katholischen Gleiwitz in Oberschlesien gegen die Miesmacher gerichtet, hat gewaltiges Aufsehen erregt. Höhnend sprach Goebbels von den„frommen G o t t e s m ä n n e r n", die sich in die Politik einmischten. Vom Zentrum sagte er, daß ihm trotz seiner„guten Beziehungen zum lieben Gott" der Himmel das Glück versagt habe. Kein Wunder, daß die Gefolgschaft der prominenten Führer barin die Aufforderung sieht, ihren Terror zu verschärfen. Dabei hat die Hitler- jugend die Initiative übernommen. Wir verzeichnen eine Reihe von neuen oder erst setzt bekannt gewordenen Tat- fachen, die für sich selbst sprechen mögen. Mit Pfeifen und Trommeln In eine kirchliche Versammlung in Limburg, in der der BischofvonLimburg sprach, drangen SA. und Polizei. Man unterbrach den Bischof unter stürmischen Kundgebungen mit der Behauptung, daß er statt einer religiösen eine poli- tische Rede halte. Der Bischof rief daraufhin die Versamm- lung zum Zeugen an, daß er das religiöse Gebiet in keinem Punkte verlassen habe. Schließlich verließ der Bischof die Versammlung, begleitet von Pfui-Rufen und demonstrativem Beifall. In Köln wurde am Vorabend des Fronleichnamsfestes in Anwesenheit einer gewaltigen Versammlung von Gläubi- gen auf dem Domplatz die Lautsprecheranlage ausprobiert, wobei Choral- und Orgelspiel aus dem Dom übertragen wurde. Demonstrativ zog ein Trupp von Hitlerjugend vor- bei, deren Trommel- und Pfeisenspiel einen o h r e n- betäubenden Lärm verübte. Das Orgelspiel im Dom wurde abgebrochen und erst wieder aufgenommen, als sich die Hitlerjugend endlich vom Platze entfernt hatte. Die Empörung der Versammelten war grenzenlos. Ihre Disziplin verhinderte jedoch einen Angriff aus die acht- bis vierzehn- jährigen Bürschchen. „Pfaffen heraus"! In Karlsruhe zogen geschlossene Trupp» der Hitler« jugend durch die Stadt. Mit Trommeln und Trompeten- signalen machten sie vor den Pfarrhäusern halt. Sprechchöre ertönten:„Pfaffen heraus!"„Nieder mit den Pfaife n!"„S ch w a rz b uck e l" war noch das gelindejt« Throne barsten, Reiche splitterten, Nord und West und Süd erzitterten— aber Ullstein blieb Ullstein. Ja, er wurde sozusagen durch all dies Weltuntergehen nur noch mehr Ullstein. Die granitene Säule in der allgemeinen Auflösung. Das Unzerstörbare in der Zerstörung, das Ewige vor dem Chaos, die Erkenntnis vor dem Nichts, das leßte Telefonat unseres Korrespondenten vom Weltuntergang. Hitlers Revolution scheint noch mehr als ein Weltuntergang gewesen zu sein. Hitler hat sogar Ullstein bezwungen. Der babylonische Turm ist erstiegen. Das gabs noch nicht. Wilhelm II. verging, Friedrich Ebert starb, Stresemann wurde fünf Jahre lang zum Halbgott gemacht und in einem halben Jahr vergessen, Brüning mühte sich, Schleicher intrigierte, Papen kam aus dem Dunkel und Hindenburg entwickelte sich zum Rätsel— die Herren Ullstein standen auf ihres Daches Zinnen und hörten vergnügt zu, wie unten die summenden Rotationsmaschinen aus all der Weltgeschichte immer höhere Stöße Zeitungspapier machten. Nicht zu vergessen die Modenschnitte, Kriminalromane und Kochbücher, die auch außerhalb der Weltgeschichte ein gutes Geschäft waren. Die Familie Ullstein war noch auf sehr viel politische Kämpfe mit geistigen Waffen, auf allerlei sozialen Fortschritt, Ausbau der Republik zum wahren Volksstaat und zuleßt sogar auf eine kraftvolle Neuordnung unseres Staats- wesens vorbereitet. Daß sie auch entbehrlich sei, war nicht vorgesehen. Nun ist sie es dock. Soeben sind die leßten Mitglieder der Familie aus dem Riesenbetrieb ausgeschieden, der ihren Namen trägt. Schon seit Herbst gehörte ihr nur noch die Minderheit der Anteile. Jeßl hat sie auch diese abgegeben. Eine Industriellengruppe, die bereits die Mehrheit besaß, wird nunmehr Alleinbesißerin. Ein Nationalsozialist ist schon kürzlich an die Spiße des Aufsichtsrats getreten: der Münchener Professor, Geopolitiker und General a. D. Karl Haus- hofer. Zwar gerade kein Nationalsozialist der ersten Stunde, aber doch eine jener Gestalten vom Rande der ganz ernsten Wissenschaft, mit denen Hitler immer gern Freund war, wie Wirth, Günther, Spann. Franz Ullstein, jahrelang der Führer des Unternehmens, verläßt als leßtes der Familienmitglieder das Haus. Man kann wohl prophezeien, daß er dem Kapitän gleicht, der ein sinkendes Schiff verläßt. Denn es ist nicht wahrscheinlich, daß die Nationalsozialisten mit Ullstein ohne Ullstein viel Glück haben werden. Seit dem Anbruch des„dritten Reichs" gingen alle Zeitungen und Zeitschriften des Hauses ständig zurück, wenn auch die„Berliner Morgenpost" immer noch die höchste Auflage aller deutschen Blätter hat. Die„Vossische Zeitung", das edelste Erzeugnis des geschäftigen Hauses, die stets nur Geld gekostet hatte, wurde ganz eingestellt. Die Flucht des deutschen Lesers aus der gleichgeschalteten deutschen Presse ist bekannt, doch ebenso bekannt ist der Rückgang der nationalsozialistischen Blätter, sofern sie nicht, wie der„Völkische Beobachter", Zwangsabonnenten hatten, oder besondere günstige örtliche Verhältnisse vorlagen, wie beim„Westdeutschen Beobachter". Im allgemeinen kann man ein Geseß aufstellen, daß eine deutsche Zeitung beim Publikum um so beliebter ist je weniger sie gleichgeschaltet ist. Es war vermutlich kein glücklicher Griff, als der Nationalsozialismus den Verlag Ullstein ganz in die Hand nahm. Die Familie Ullstein, in deren Genealogie, sich übrigens kein Außenstehender je ganz zurechtfand, hat sich beim Schlußkampf mit dem„dritten Reich" gewiß nicht wie ein Stamm von Helden benommen. Man muß auch zugeben, daß das bei einem derartigen Fabrikbetrieb für öffentliche Meinung schwerer war, als etwa hei einem Gesinnungsblatt wie der„Frankfurter Zeitung". Immerhin haben Ullsteins sich mit dem Nationalsozialismus würdiger auseinandergeseßt als zum Beispiel die Konkurrenz bei Mosse. Und soweit man einen Ueberblick hat, muß auch gesagt werden, daß ihr Verhalten gegen die ausscheidenden Mitarbeiter nobler war. Der neue Generaldirektor des ullsteinfreien Ullstein ist ein Mann namens Wiesner, bisher Verlagsleiter des„Hamburger Fremdenblattes". Dieser Wiesner war einmal Redakteur der„Frankfurter Zeitung" und strebte danach, der Leiter ihrer Berliner Redaktion, also ihr geistiger Kopf zu werden. Das war in der allerdemokratischsten Periode des Blattes, nämlich 1919120. Jeßt nimmt er Dienst auf dem wichtigsten Posten, den Goebbels zu beseßen hat. Wiesner, Kircher. Sieburg. Paul Scheffer, Lemmer, Brammer— o Demokratie, wie hast du dir verändert! Argus. der Schimpfwort«, die sich die zehn- bis zwölfjährige» Jungen erlaubten. So ging es vo" Pfarrhaus zu Pfarr- haus? unterwegs wurde auch wiederholt vor Häusern demonstriert, in denen Juden wohnten. In der Stadt herrschte die größte Empörung. Der Prälat Stumpf wollte sich beim Reichsstatthalter beschweren, wurde aber nicht vor- gelassen. Allgemein herrscht die Auffassung, daß eS sich um eine Gegenaktion gegen die Fronleichnamsprozession hau- delte, in der die katkn^ksb? J'-aens in BundeStracht mit» marschiert war. Der GebietSjührer der Hitlerjugend, Frieds« litt Kemper, hatte in der Funinummer des Blattes der Hitlerjugend den politisch konfessionellen Kräften der Zcntrumspartei und des Evangelischen VolksbienstcS „unerbittlichen Kampf" angesagt... Aus zahlreichen Orten wird auf Grund der vielfach er- folgten Störungen des Gottesdienstes berichtet, daß Sühne- andachtcn angeordnet und abgehalten wurden. „Verderbliche Uebergriffe" Die neueste Taktik ist, Gegensätze im Katholizismus selber hervorzurufen. Ter oldenburgische Minister für Kirchen und Schulen hat die katholischen Lehrer verpflichtet:„Ueber- griffe von Geistlichen ins politische Gebiet im R c l i g> o n s u n t c r r i ch t z u besprechen und auf das Verderbliche solcher Uebergriffe gebührend hinzuiveiseu". Eine Erklärung des gesamten oldenburgischen Staats- Ministeriums meist darauf hin, daß es einen Mißbrauch der Religion darstelle, wenn Geistliche es wagen sollten, eine sachliche Kritik an dem rasse- und kulturgeschichtlichen Werke des Kardinals Faulhabcr als„unchristlich" zu bczeich- neu. Derartige Geistliche handelten selbst unchristlich. Wie stark der Druck auf die Geistlichkeit und den priestcrlichen Nachwuchs ist, beweist auch eine Mitteilung der Breslaucr Studentenschaft. Danach müssen sich die katholischen Theologie-Studenten in das SA.-Hochschul- amt eingliedern, damit ihre„staatsbürgerliche Schulung" gesichert sei. Angeblich ist diese Bestimmung aus Grund von Verhandlungen mit dem Breslauer Kardinal Bertram verfügt worden. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo ein katho- lischer Priester wegen„staatsfeindlicher Acußerungen" in Schutzhast kommt und unter Anklage gestellt wird. In Konzen bei Trier brannte vor kurzem das katholische Psarr- Haus ab. Der Pfarrer gilt als Hitlergegner. Angeblich war die Feuerwehr wegen Wassermangels am Löschen verhindert. Weithin spricht man in der Umgegend vondem„kleinen Reichstagsbrand" in Konzen... England bcffirdifct dcnlsdic VcmveiflnngspolMk Die wamsende Innere Spannung Stockholm, 12. Juni. lJnprcß): Tie große schwedische Tageszeitung„T v e n s k a Dagbladct" veröffentlicht einen umfangreichen, interessanten Bericht aus London, in dem gesagt nnrd:„Es ist in London kein Geheimnis, daß die innere Spannung in Teutschland in der letzten Zeit sich vcr- schärft hat. Das Mißlingen der Transserkvnserenz bedeutete in Wirklichkeit die Einstellung der Zahlungen seitens der deutsche» Wirtschaft. Tie für Leder'und Textilwaren festgesetzten Preise zeugen davon, daß sich Deutschland dem Kriegs- bausbglt nähert, und man findet es grotesk, daß erstklassige Autostraßen angelegt werden und daß der Einkauf von Auto- mobilen prämiert wird, während es verboten ist. reines Gummi für die Autoreifen zu verwenden. Ein anderes Krisenzeichen ist, daß Kupfer und Kupserlegierungcn nicht mehr für elektrische Luftleitungen verwendet werden dürfen. Statt dessen soll einheimisches Aluminium verwendet werden. Die phnsische Depression ist noch weiter fortgeschritten. Tie Unlust und der Unwille über die Paraden, das Demonstrieren und Marschieren wächst in allen Bevölkerungsschichten. Tie Großindustrie frondiert und die Stimmung der Funker in Ostpreußen gegen die demagogische Agrarpolitik Darres wird immer erbitterter. Das Mißlingen der auswärtigen Politik kann dem Volk nicht mehr verborgen bleiben. In führenden englischen Kreisen ist man bei dem Gedanken an die Folgen einer eventuellen deutschen Vcrzweiselungspolitik beunruhigt. Man rechnet hier auch damit, daß Hitler die Position Deutsch- lands durch außenpolitische Maßnahmen verbessern möchte. Ein bezeichnender Ausdruck für das Bestehen solcher Pläne ist, baß Berlin augenblicklich mtt hervorragenden Wissen- schastlern in England. Holland und Schweden unterhandelt, um sie dafür zu gewinnen, sich als ratgebende Instanz für die deutsche Kulturpolitik zu konstruieren, die, wie es heißt, die Aufgabe haben würde, die deutsche Kulturpolttik in versöhn- lichere Bahnen zu lenken Unter den Schweden, b'e für einen solchen Auftrag genannt werden, befindet sich der deutsch- blütige Professor v. Eulcr-Chelpin von der Stockholmer Universität." Hoch gegen Darre Hochpolitisches Zeitungsverbot Königsberg, 11. Funi. Fn Ostpreußen ist ein national- sozialistisches B l a i t, das die Politik des Reichscr- nährungsministers und Reichsbauernführers Darre vertritt und sich im Fehdezustand mit dem Oberpräsidcnten und Gau- leiter von Ostpreußen, Erich Koch, befindet, die„Ostpreu- ß i s ch e Zeitung", verboten worden. Hinter der„Ostpreu- ßiichen Zeitung" stehen vorwiegend klein- und groß- agrarische Kreise, während die nationalsozialistischen Teile der Arbeiterschaft und die SA. mehr nach der Seite von Erich Koch neigen. Tie Differenzen werden schon seit Mo- natcn hcitig. aber noch immer unentschieden ausgefochten und entladen sich in kleineren und größeren Zwischenfällen. In den letzten Tage» hat Oberpräsidcnt Koch seine energische Ausdrucksweise noch mehr gesteigert und in einer öffentlichen Versammlung die„Zcr.chmeitcrung der Reaktion" ange- kündigt. Das vom Regierungspräsidenten in Königsberg auSge- sprochene Verbot der„Ostpreußijchcn Zeitung" ist, nach dein Kommentar der„Preußischen Zeitung", eine Folge des Ver- Haltens der„Ostpreußische» Zeitung" zu der Frage der B e- urlaub u n g aes Lanürats Kratz(Osterode). T'e „Ostpreuß'sche Zeitung" hatte, als die Presiestelle des Ober- Präsidiums die Beurlaubung des Landrats Kratz mitteilte, behauptet, daß der Landrat Kratz»achwievordasVer- trauen des preußischen Ministerpräsidenten genieße und hatte eine ihr vom Oberpräsidenten zugestellte Berichtigung nicht gebracht. Die durch den Oberpräsidenlen ausgesprochene Beurlaubung des Landrats Kratz bleibt, nach der„Preußischen Zeitung", aufrechterhalten und ist inzwischen auch bereits vom ercuß'-cheu Innenministerium bestäligt worden. Diese Chronik umfaßt nur eine kurze Zeitspanne. Soeben hat in Fulda die alljährliche Bischofskonferenz getagt. Die Beratungen fanden hinter verschlossenen Türen statt. Alles, was über sie bekannt wurde, ist auf den einen Ton gestimmt: der deutsche Katholi- zismus ist zum Kulturkampf gerüstet. Dampf um Eaulhahers Duch Hitlerjugend pfeift auf Polizei Frankfurt, 12. Juni. Vor kurzem wurde berichtet, daß daS bekannte Buch des Kardinals Faulhabcr wieder in allen Buchhaud- lungen gekauft werden dürfe. Bekanntlich ging der erste Bonkott in Frciburg von der Hitler-Fugcnd aus. Jetzt muß die„Frankfurter Zeitung" folgende Richtigstellung der Führung des Obcrbannes 1/21 Südbaden der Hitler- fugend veröffentlichen:„Bei der Besprechung deS Ortsfach- gruppensührers des Buchhandels in Freiburg mit dem Leiter der Polizeidirektion lnicht Leiter der Geheimen Staats- polizeilj handelte es sich nur darum, ob die Polizeidirektion ihre Bedenken gegen den Verkauf des Faulhaber-Buches eventuell zurückstellen würde. Die der Hitlerjugend gegen- über abgegebene ehrenwörtliche Erklärung der Faclstchafts- Mitglieder des Freiburger Buchhandels, von einem Wieder- verkauf des Buche? Abstand zu nehmen, bestchtnachwie vor."— Diese Lausejungen regieren heute in Deutschtand! Ein zweifer Horst wessel-Prozefl Beginn in Berlin Am Dienstag bcga»n vor dem Berliner Schwurgericht der neue Horst-Wesscl-Prozcß, für den drei VcrhandlungS- tage vorgesehen sind. Die Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes richtet sich gegen den 31jährigen Peter Stoll, den 27 Fahre alten Salin Epstein und den 32jährigen Haus Ziegler. Letzterer ist bereits 13mal vorbestraft. Auf eigen- artige Weise kam die Polizei auf die Spur dieser drei. Eines Tages geriet der Angeklagte Stall in betrunkenem Zustande in einem Lokal mit seiner Frau in einen wüsten Streit, der sich schließlich aus der Straße noch fortsetzte. Plötzlich rief die Frau deS Stoll in höchster Wut ihrem betrunkenen Mann zu:„Du willst es wohl mit mir genau so machen, wie Du cS mit Horst Wessel gemacht hast! Diese Worte wurden gehört, und Stall wurde festgenommen. Fn diesem Prozeß lautet die Anklage auf gemeinschaftlichen Mord, während im ersten Äorst-Wcssel-Prozeß die Ver- urteilung nur wegen gemeinschaftlichen Totschlages erfolgte. Die Angeklagten im ersten Horst-Wesiel-Prozeß erhielten damals Zuchthausstrafen. Die drei jetzt Angeklagten hatten sich jenem Trupp angeschlossen, der zum Uebersall auf Horst Wessel ausmarschiert war. Nach Auffassung der Anklage haben sie also bewußt und gewollt mit den Haupttätern, die inzwischen verurteilt worden sind, zusammengewirkt. Mussolini-Hitler Französische Vermutungen Pari«, 12. Funi. Fm Hinblick auf die Begegnung Hitler— Mussolini gibt die Zeitung„Le Jour" ein aus Rom stam- mendes Gerücht wieder, wonach eine deutsch-ilalienischc Verständigung über die Einführung eines österreichischen Nationalsozialisten in das„österrcichisch-faschistische" Kabi- nett Tollsuß bevorstehe. Stach dem„Oeuvre" werde Hitler Mussolini darauf hin- weisen, welche große Unterstützung Deutschland Italien bei der Bekämpfung der Politik Frankreichs und der Kleinen Entente in der TicherheitSsrage leihe: aber Italien dürsje nur halb zuhören, denn die Vorteile, die Berlin der römi- sehen Regierung bieten könne, seien im Augenblick schwach im Vergleich zu denen, die Frankreich Italien anbieten könne. Die„Ere Nonvellc" fordert angesichts des Versuche? HitlerS und Mussolinis, den Viererpakt wieder zum Leben zu erwecken, eine betonte Bttndnispolitik mit Polen. Hitler benutzt schon Drüning? Basel. 12. Funi. sJnpreß.) Der Berliner Berichterstatter der Basler„National-Zettung" meldet seinem Blatt, daß in Berlin Gerüchte kursieren, der ehemalige Reichskanzler Brüning„sei wirklich den Fnteresien der deutschen Außen- Politik zuliebe nach London gefahren, ja, Reichspräsident und Reichskanzler hätten ihn vor Autritt der Reise empfangen". Man spricht vom Krieg ..Der militärische Wert von Bündnissen" USA. beunruhigt London, 12. Juni. Nach einer Meldung aus Williamsburg sPennsylvaniaj sagte Staatssekretär Hull am Montag in einer Rede in der Universität: Wir können nicht umhin, stark beunruhigt zu sein,' denn jenseits des Ozeans gibt es viel Grund zur Sorge. Im Augenblick nehmen die Rüstungen zu. Die Theorie, daß die Nationen nicht als Feinde, sondern als Nachbarn und Freunde leben sollten, scheint aufgegeben worden zu sein. railitärisdier Wert der Kleinen Entente DNB. London, 12. Juni. Zum Besuch des südslavifchen Außenministers Jeftitsch in Paris sagt der Pariser Timcs-Berichterstatter. in Frankreich neige man dazu, die Kleine Entente lediglich als Sicherheitsfaktor zu betrachten und bei Sicherheit nur an militärische Unterstützung zu denken. Diese Seit: der Angelegenheit gewinne neue Be- beutung, seitdem die Abrüstungskonferenz einen Stellung?- Wechsel habe vornehmen müssen. Dein militärischen Wert von Bündnisien werde mehr und mehr Gewicht beigemessen. Dies habe zu einer genaueren Prüfung der strategischen Möglich- ketten des Bündnisses mit den Mächten der Kleinen Entente geführt, darunter auch der wichtigen Frage, wie iveit sie imstande seien, sich selbst im Falle eines längeren Fcldzugcs auszurüsten und zu versorgen. Nach dem von sachkundiger Seite stammenden verfügbaren Material seien die Ergebnisse nicht sehr ermutigend: die Last würde bestimmt auf Frank- reich fallen. Da die einzige gesunde Verbindungslinie zwischen Frankreich und seinen zcntralcuropäischcn Alliierten über das Mittelmeer und die Meerenge führen würde, werde die Wichtigkeit der französischen Beziehungen zu Italien deutlich. * Das„Oeuvre" kündigt an, daß die Sowjetregierung die Wiedereinführung der französischen Sprache als Pflichtfach an allen Schulen veichlosien habe, während fett Abschluß des Rapollovertragcs Deutsch Pflichtsach gewesen ist. Ilm die Habsburger DNB. Paris, 12. Juni. Das„Oeuvre" stellt die Habs- burger-Frage in den Vordergrund der Pariser! Verband» <....'I-r.r._ af.. c. rs—a Gau* NachrlchttN Ol« lungen des südslavifchen Außenministers. Laut Nach«! aus tschechoslowakischen Quellen zufolge seien die V^ arbeiten für die T h r o n b e st e i g u n g d e s E r z h e r- zogs Otto in Wien nahezu«beschlossen. Bundeskanzler Dollfuß. Kardinal F n n i Y e r und Fürst S t a r h e»,'b erg seien mit dem bereits in Wien wellenden Erzherzog Eugen einig. Gerüchtweise verlaute, daß auch Italien nicht untätig bleiben werde, da dte lüngste Tochter des Königs von Italien, Prinzessin Mar ta sgeb. 1914), den jungen Erzherzog Otto heiraten toll Es sei aber damit zu rechnen, daß die Tschechoslowakei mtt einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen drohen werbe. Weder die Tschechoslowake! noch Fugoslawicn würden eine Wiederherstellung der Monarchie dulden, sie seien sogar bereit, ihre Truppen zu..mobilisiere«. I» diesem Falle würden sich Ottos Pläne nicht verwirklichen lassen, denn es sei wenig wahrscheinlich, daß Italien inciner Angelegenheit, durch die es in scharfen Gegensatz zu Berlin geraten müßte, bis zum Ende gehe. Am Montag wird Varthou seinerseits nach Belgrad reisen, wobei er sich vorher in Bukarest aufhalten wird. Tie diplomatischen Reisen im Dienste der französischen sicher- heitspolitik sind also in vollem Gange. 50 neue engllsdie Elugzeuggeschwader? DNB. London. 12. Juni. Daily Telegraph meldet. d,e Regierung werde voraussichtlich in absehbarer Zeit ein Pro- gramni für die Vergrößerung der Luftstreiimacht ankun- digcn, als die Bildung von nicht weniger als oO neuen Flugzeuggeichwadern vorsehen werbe. Diese Verstärkung der Luftmacht würde in drei bis iunf Jahren vollzogen werden. Insgesamt würde Groß- briiannien 1490 Flugzeuge besitzen, während d,e Luit- streitmacht des benachbarten Frankreich aus 16a0»ylug- zeugen bestehe. In ministeriellen Kreisen herrsche allgemein die Auffassung. daß die Vertagung der Abrüstungskonferenz aus unbestimmte Zeit keine andere Wahl lasie, als das im vorigen Monat von Baldwin gegebene Versprechen zu er- füllen. Ist vöhm besiegt? Angeblich bedeutet der l'rütub der SA. den Anfeng vorn Ende der braunen siurnitruppen London, 11. Juni 1934. Der diplomatische Korrespondent des„Daily Herald" be- richtet aus Berlin: Tie Entwicklung im„dritten Reich" Ist in ein neues Stadium eingetreten. Ter rechte Flügel hat einen entschei- denden Tieg davongetragen. Deutschland kommt der mili- tärischcn Diktatur der Reichswehr sehr nahe. Während des ganzen Monats Juli erhalten sämtliche SÄ.-Truppen„Urlaub". Es wird zwar angelnndigt, daß sie im Monat August„mit neuer Kratt tu den Dienst des Führers zurückkehren werden". Aber das glaubt niemand. Die materielle Grundlage der Hitler-Hcrrschait sind die SA. und SS. gewesen. Nun wird diese Grundlage dem Regime siir einen Monat entzogen. Die' Regierung hängt jetzt von der Polizei und von der Reichswehr, vornehmlich aber von der Reichswehr ab. Die durchtrainierte und disziplinierte Reichswehr mit dem General der Artillerie Freiherr von Fritsch an der Spitze wird ein Monat lang der wirkliche Herr Deutschlands sein. Es ist nicht wahrscheinlich, daß sie im August die Herr- schaft ans den Händen geben wird, weil der Juli vorbei ist. Diese Entscheidung ist daS Ergebnis eines langen und erbitterten Kampfes. Seil Monaten verlangen die Generäle, die Schwerindustrie und die Verwaltung die Auflösung der SA. Sie sind erschreckt über die radikalen Tendenzen der Braunhemden, die enttäuscht und mißvergnügt sind und die immer noch auf den„Sozialismus" deS Nationalsozia- liSmus Holsen.^ Der Finanzminister von Krosigk drängt aus Spar- samkeitsgründen aus die Auflösung der SA. Tie Großindustrie drängt au! das gleiche Ziel aus Sparsamkeit?- und Zwcckmäßigkeitsgründcn. Fn aller Ruhe hat auch General von Fritsch darauf ge- drängt. General von Fritsch ist ein Manu, der immer wehr an Be^nung gewinnt. Goebbels und Röhm wissen, daß ihre Macht aus dem Spiele steht und bekämpfen leidenschaftlich die Forderung der Auflösung. Göring wandte sich gegen Goebbels und Röhm. Wenn in Preußen ein Konflikt zwischen einem preußischen Ossizier und einem Nazisührer ausbricht, dann gewinnt der preußische Offizier. Mit einem lahmen Versuch zu einem Kompromiß hat der unglücklich« Hitler nach langem Hin und Her endlich nach- gegeben. Der geschlagene und gebrochene Röhm ist auf„Kranken- Urlaub" gegangen. Goebbels bleibt in Kampsstellung. Aber der Ausgang ist bereits entschieden. Auf ein Monat verschwindet die TA.— keine Paraden, keine Arbeit, keine Löhnung. Sic kehren zurück in das Heer der Arbeitslosen. Die„süazirevolutiou" ist vorüber. Tie alte Eligue sitzt wieder fest im Sattel Der Saarprolet: Einheitsfront! Nur Einheitsfront hilft. Sonst schnappt er uns auch! Aus der„Neuen Fron t", Organ der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Die Abslimmungshommlssion Jetzt vollständig Gens, 11. Juni. sVon unserem Genfer Berichterst.s Bekanntlich hat die Abstimmungskommission bisher noch nicht ernannt werden tönneu, weil das vorgesehene schweizerische Mitglied die Uebernahme abgelehnt hatte. Wie lch zuverlässig erfahre, soll nunmehr der Schweizer Henry als Mitglied der Abstimmungstommission anscrsehen worden setn. Henry ist Katholik und Präsekt im Bezirk Porrentruy in der französischen Schweiz. Die Abstimmungs- kommission würde sich also zusammensetzen aus Henry- Schweiz, Rohde-Schweden und de Joug-Holland. „Heraus mit Mai Braun!" Eine freche Herausforderung Im„Kommenden Reich", dem.Kampsblatt der Hitler- jugend des Saargebietes vom 10. Juni 193-1, hat die Hitlerjugend einen„Offenen Brief an die Mitglieder der Abstim- mungskommission des Saargebietes, zur Zeit in Gens", ge- richtet und darin die Ausweisung des Führers der Frei- heitssront, Max Braun, gefordert. Zur Begründung wird in der Eingabe vorgetragen, daß mit der Ausweisung des Führers der Freiheitsfront alle Schwierigkeiten, die der reibungslosen Durchführung der Abstimmung im Wege stän- den, samt und sonders ausgeräumt werden. Max Braun arbeitete bereits in der Politik des Saar- gebietes zu einer Zeit, wo die grünen Jungen von der Hitlerfront noch die Windeln näßten. Es ist bezeichnend für den kulturellen Tiefstand der„deutschen Front", daß es ge- stattet wird, daß unreifes Jungvolk eine derartige Sprache führen darf, wie das in dem offenen Brief geschieht. Angeordnete Begeisterung Die Fahnenschlacht lSopadel Die Beslaggung der Häuser bei den zahlreichen festlichen Anlässen, die in Hitler-Deutschland gefeiert werden müssen, läßt in der letzten Zeit an vielen Orten nach. Es ist weiter zu beobachten, daß die Hakenkreuzsahne immer stärker durch die schwarzweißroten Farben ersetzt wird, so daß die Farben der Reaktion oft schon überwiegen. Um diesem Mangel abzuhelfen, wird jetzt die Beslaggung der Häuser zwangsweise geregelt. In Dresden sind aus An- laß der bevorstehenden Theatersestwoche Anweisungen an die Hausbesitzer der Innenstadt ergangen, in denen genau vorge- schrieben wird, w e l ch e A n z a h l Hakenkreuz-, schwarzweiß- rote, grünweise(Landesfarben! und schwarzgoldene lStadt- färben! Fahnen herauszuhängen sind und welche Größe diese Fahnen besitzen müssen. Die 86 Toten von Bngglngcn Bauarbeiter Klagen das„drille ßeidi" an Die Untersuchung über die Ursache der Gruben- Katastrophe im Kalibergwerk Buggingen ist sofort ein- geleitet worden, so lautet eine offizielle deutsche Nach- richt. Sie hat wohl in erster Linie den Zweck, beruhigend zu wirken Man wird ja sehen, welches Ergebnis die Untersuchung zeitigt. Sie dürfte sich aber wohl kaum mit der Ansicht befassen, welche die Klassenbewußten unter den überlebenden Bugginger Grubenarbeitern über die Katastrophe hoben. Wir erfahren hierzu aus Badenweiler folgendes: Die Bugginger Grubenarbeiter diskutieren unter sich die Fragen, warum bei einer Gesamtausbehnung des Stollen-Netzes von 13 Kilometer kein Notschacht angelegt worden ist und warum der größere Teil der Rettungs- Mannschaft mit unter Tag arbeiten mußte, anstatt die ge- samte Rettungsmannschaft ständig über Tag zu beschäf- tigen, damit sie im Notfall sofort eingesetzt werden kann. Auch das Fehlen einer lautstarken Ilarmsignal-Anlage (Sirenen!, die von möglichst vielen Stellen aus betätigt werden kann, wird stark bemängelt. Hätte ein solches Alarm- signal sofort gegeben werden können, dann hätte sich sehr wahrscheinlich eine größere Anzahl der eingeschlossenen Grubenarbeiter im Anfang der Feuer- und Rauch-Ent- wicklung noch retten können. Schon vor zwei Jahren ent- stand in der Grube von Buggingen ein Brand, der aber glücklicherweise schnell gelöscht werden konnte. Die Gruben- Verwaltung war durch diesen Brand gewarnt, aber die Sicherheitsvorkehrungen wurden nicht ausgebaut. So denken die Arbeiter über die Ursachen dieses furcht- baren Unglücks. Das Kalibergwerk Buggingen ist ein kapitalistisches Unternehmen, das Dividenden abwerfen soll und muß. In der sozialistischen Gemeinwirtschaft wird allem voran die Sicherheit für Leben und Gesundheit der arbeitenden Menschen stehen. Im nationalsozialistischen Deutschland aber herrscht der Kapitalismus, das Hasten und Jagen nach Gewinn. 86 brave Kumpels fanden 806 Meter tief in der Erde qualvollen Erstickungstod, 65 Witwen und 107 Kinder unter dem 15. Lebensjahr trauern um den Ernährer. Arbeiter aller Länder, tretet ein für die Verhütung derartiger Katastrophen im gemeinsamen Kampf für den wirklichen Sozialismus! 000„ausgeräumt Schafft Platz für Nazibonzen Der„Informationsdienst" veröffentlicht einen Aufsatz von Dr. E. K r u s ch k e:„Die Arbeitsämter gleichgeschaltet". in dem u. a. eine Statistik der Personal- Veränderungen bei den Arbeitsämtern gegeben wird. Es heißt da: „Bon bett im März 1938 vorhandenen 1513 Beamten und 25090 Angestellten und Arbeitern wurden bis zum 1 Fe- bruar 1934 auf Grund der§8 2 bis 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbcamtentums entlassen und aus Grund der 88 5 und 6 durch Beisetzung in den Ruhestand ausgeschieden: 212 Beamte und 3160 Angestellte, darunter 214 Arbeitsamisvorsiyende und deren Stellvertreter, und zwar gemäß: 8 2(Beamte ohne übliche Borbildung oder sonstige Eig- nungj 741; 8 3(Beamte nichtarischer Abstammung! 103; 8 4(politisch Unzuverlässiges 2193; 8 5. Abi. 2(Versetzung in den Ruhestand auf eigenen An- krag infolge beabsichtigter Versetzung in ein Amt von ge- ringerem Rang und planmäßigem Dicnsteinkommen! 9; 8 6(Versetzung in den Ruhestand zur Vereinfachung der Verwaltung und im dienstlichen Interesse! 824 Es wurden also b's zum 1. Februar 1934 insgesamt ausgeschieden an Beamten und Angestellten 3372. Da durch Kabinettsbeschluß vom 22 März 1934 die Anwen- dung der 88 5 und 0 des angeführten Gesetzes aber bis zum 30. September 1934 verlängert worden ist. so werden bis da- hin noch eine weitere Anzahl Beamte und Angestellte aus- geschieden werden. Bei kaum einer Behörde des Reichs ist also so ausgeräumt ckorden wie bei den Arbeitsämtern. Außerdem ist aber noch eine sehr große Anzahl von marxi- frischen Angestellten durch Kündigung ihres Vertrages außer- halb der Anwendung des Berussbeamtengesetzes ausgeschie- den und durch die Nationalsozialisten ersetzt worden. In der Zeit vom 1 März 1933 bis zum 19. März 1984 hat die Reichsanstalt etwa 11 090 neue Kräfte durch Auswechse- lung eingestellt. Ron den Reueingestellten gehören weit über 5000, also etwa 50 Prozent, dem Personenkreis der Sonder- oktion an: SA-Männer aus der Zeit vor Januar 1933 und Parteigenossen der Mitgliedsnummern 1 bis 300 000. Von den 13Landesarbeitsamtpräfidenten und ihren ständigen Stellvertretern sind bisher drei Präsidenten und sechs Stellvertreter entlassen und vier Präsidenten be> urlaubt worden. Neuernennungen sind mit Ausnahme eines Falles bisher noch nicht erfolgt." Hamburg. 12. Juni. Der Mörder des kommunistischen Bürgerschaftsmitgliedes Hennig. der SA.-Mann Jansen, der seinen Mord im Jahre 1982 im vollbesetzten Autobus beging, wurde seinerzeit von Hitler feierlich auS der NSDAP, ausgestoßen. Vom Gericht wurde er zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Regierungsübernahme durch Hitler brachte thm die Freiheit. In den letzten Mai- tagen wurde Jansen zum Führer eines Sturmes der SA.» Standarte 463/76 tm Stadtteil Hamburg-Rotenburgort er» nannt. Illegale Arve» Und die Stimmung der deutschen Arbeiter Der„Neue Vorwärts" läßt sich über eine Reise durch Deutschland berichten: Schmer durchschaubar ist die Auffassung der Ar- b e i t e r. Sie leben in der„Volksgemeinschaft" mehr abseits als je, keine Organisation, kein Blatt spricht für sie und von ihnen. In jedem Betrieb sind 20 bis 23 Prozent„alte Kämpfer" eingestellt, so gibt es keine Gemeinschaft im Be- trieb. Tief erschüttert sah ich auf einer Bank auf dem Markt einer Industriestadt fünf Arbeiter sitzen, wahrscheinlich ar- beitslose: ein Generalanzeiger ging von Hand zu Hand, aber alle schwiegen. Die Gehirne sind isoliert und Isolierung macht den Arbeiter kraftlos. Sicher hat der Arbeiterschaft die Arbeitsbeschaffung Eindruck gewacht, ist doch in jeder Fa- milie einer, der wieder arbeiten geht. Selbstverständlich: ein Teil sieht, daß das auf Kosten des Lohnniveaus geht, bei steigenden Preisen. Aber es imponiert doch. Dann hat der Arbeiter als einziger nicht nötig, in die SA. zu gehen, er kann ja doch nicht befördert werden; um Arbeit zu kriegen, genügt der Eintritt in die NSBO. Der Vorgesetzte aber muß alle Sonntage um 6 Uhr raus. Und wenn der Arbeiter in die SA. geht, sieht er, daß die Vorgesetzten von jungen Burschen so geschunden werden wie er. Jede Information fehlt, jede Kritik, jede Bildungsmög- lichkeit. Man kann kaum ermessen, was das bedeutet. Ein junger Kommunis., Litograf, gescheit, der geblieben ist, was er war, und nichts mitmacht, hat sich nicht einmal nach dem Ergebnis der Vertrauensratswahl erkundigt. Allgemein heißt es:„Es sind die früheren Sozialdemokraten, die die neuen Vertrauensräte abgelehnt haben, die machen das nicht mit." Die Ablehnung durch die unseren wird auch durch Einzelbeispiele bestätigt. Aber noch sind diese treuen Ge- nossen keine aktive Truppe. Unsere illegale Arbeit sollte sich um sie viel mehr be- mühen, dann muß sie aber auch allen kommunistischen An- klängen eine Ab'age geben. Die Genossen können sehr schnell ein neuer Kerl werden, wenn das Erwachen unter den anderen beginnt. Diese sind heute schon bis auf die ganz jungen skeptisch, aber sie haben noch kein Bild dessen, was werden soll. Die früheren Genossen aber sind nicht nur treu, sie sind es, weil sie die Idee des Klassenkampfes der Ar- beiter um eine neue Welt hüten, weil sie wirklich gegen die Barbarei und Diktatur, für Freiheit, Recht und Mensch- lichkeit stehen. Ihre Opposition ist nicht wie die der schimpfenden Kleinbürger und der erschrockenen Großbürger nur oder i wiegend wirtschaftlich begründet, sie, die Oppo- sition der Marxisten ist— o Hohn der Geschichte— die einzige, die auf Idee und Sittlichkeit, auf ein Idealbild on Staat und Gesellschaft gegründet ist. Wer Moskau hdrt... ... wird eingesperrt Hamm i W., 12. Juni. DaS Sondergericht verhängte gegen Hörer des Moskauer Senders empfindliche Strafen. Es hatten sich ein Mann und sein Sohn zu ver- antworten, die in ihrer Wohnung in Gemeinschaft mit früheren Gesinnungsgenossen Moskauer Rundsunksendungen abgehört hatten Der Vater erhielt 18 Monate, der Sohn 15 Monate Gefängnis Die kalte Mord und„Sühne" in Hitlerdeutschland Chemnitz. 12. Juni In Chemnitz ist ein für die Justiz des „dritten Reiches" außerordentlich charakteristischer Prozeß zu Ende gegangen. Am 2. Oktober 1932 wurde in der Nähe von Linz in Oester- reich die Leiche eines Ermordeten entdeckt. Man stellte fest, daß eS sich um einen Bulgaren namens Dimitrois handelte, der Direktor einer Export- und Jmport-Gesellschaft in Sofia gewesen war. Kurze Zeit danach verhastete die deutsche Polizei einen gewissen Georg Ernst Schirmer aus München, der gestand, das Verbrechen begangen zu haben. Ueber die Gründe befragt, erklärte er. daß seine Frau, etwa 20 Jahre früher, während ihres Studiums in Leipzig, mit Dimitross in intimer Verbindung gestanden habe. Um den Mord zu begehen, hatte Schirmet Dimitross in eine Falle gelockt. Vor Gericht gab Schirmer an, daß er aus politischen und vaterländischen Gxünden gehandelt habe; bevor er sein Opfer tötete, habe er ihm vorgeworfen, daß er deutsche Frauen ge- schändet habe. Der Präsident des Gerichts verlas Pryben von Tchirmers dichterischer Produktion, aus denen, erklärte er.„der deutsche heroische Geist spreche". Der Verteidiger plädierte auf Freispruch und berief sich aus die Amnestie vom 31. März 1933, die bei Verbrechen aus national- politischen Gründen angewandt werden müsse. Das Gericht sprach den Angeklagten frei. Die Kosten deS Versahrens trägt die Staatskasse. Heraus mit den Gefangenen! 115 000 Farmer an Luther Paris, 12. Juni.(Jnpreß.i Wie dem Welthilsskomitee für die Opfer des HitlersaschiSmus gekabelt wird, nimmt die Bewegung für die Erkämpsung der Freilässung von Ernst Thälmann, Carl von Ossietzky. Torgler, Neubauer und aller eingekerkerten Antifaschisten in den Bereinigten Staaten außerordentlich an Umfang zu. Am 2. Juni sandte das Akttons-Kolnitee des Verbandes der amerikanischen Farmer, das 115 000 Farmer aus 40 Staaten vereinigt, ein Telegramm an den deutschen Botschafter Luther und forderte kategorisch die sofortige Freilassung Thülmanns. Seit dem 2. Mai steht ununterbrochen eine Wache von Anti- faschisten vor dem deutschen Konsulat in Neuvork, um auf diese demonstrative Weise die Forderung nach Freilassung ThälmannS und aller Eingekerkerten zum Ausdruck zu bringen. A« diesen Demonstrationen beteiligen sich Dele- gierte von Gewerkschaften, Betrieben und zahlreiche Intel- lektuelle. Besondere Beachtung fand die Wache, die die si>eilenden Matrosen und Schisfereiarbeiter gestellt hatten. In einer Massenkundgebung in Madison Sauare Garden, an der sich 12000 Personen beteiligten, wurde eine Resolution für die Freilassung Thälmanns und aller Antifaschisten an- genommen. Abonniert die„Deulsdie kreilteil Mittwoch, 13. Juni 1931 AlSIfT UMD WIRTSCHAFT „Deutsche Freiheit" Nr. 133 Abwertung der Mark um 40 v. H.t hii v h tnrpK Anthult fnU, Die€3eut9che Währungskrise In Amsterdamer Börsen- und Finanzkreisen beurteilt man die Lage der deutschen Reichsmark äußerst skeptisch. Dabei hat gerade die Amsterdamer Börse bisher eine günstige Haltung gegenüber der deutschen Reichsmark eingenommen. Um so ernster und nachhaltiger wirkte infolgedessen der jetzt eintretende Pessimismus. Man rechnet hier allgemein damit, daß die deutsche Reichsmark noch im Verlaufe dieses Monats erheblich abgleiten werde. Gerüchtweise verlautet, daß eine Inflation bis auf 40 Prozent seitens der deutsehen öffentlichen Finanzverwaltung vorgesehen sei. Das Vertrauen in die Reichsmark ist jedenfalls in Holland vollständig geschwunden. Auch in Zürich ist die Reichsmark wieder gefallen, trotzdem die Reichsbank ihre Stützungsaktion unternommen hatte. Auch in Zürich rechnet man mit einem Abgleiten der Mark. Man ist sich in der Schweiz darüber klar, daß Deutschland die Reichsmark im Auslande nur künstlich hochhält, fürchtet aber, daß über kurz oder lang, möglicherweise sogar sehr plötzlich, ein Abrutschen der Reichsmark erfolgen wird. Niemand ist mehr gewillt, auch nur kleinste Beträge in Reichsmark festzulegen. Seit der Proklamierung des Transfer-Moratoriums sind die deutschen Wirtschafts- und Bankkreise der Ansicht, daß die Beibehaltung des Goldstandards für sie nur Nachteile enthält. Er zwingt sie, den Index der Inlandpreise allzu hoch zu halten, verhindert eine Herabsetzung der Nominallöhne und ruft selbst durch die Verteuerung gewisser Lebensmittel eine Senkung der Reallöhne hervor. Daraus ergibt sich eine mangelhafte Elastizität der sozialen und wirtschaftlichen Politik, welche dem Wiederaufbau-Programm der Hitler-Regierung und den Wünschen der Wirtschaftskrise direkt zuwiderläuft. Außerdem ist der inländische Kapitalmarkt lahmgelegt durch hohe Zinsfüße und durch die allgemeine Verschuldung der deutschen Wirtschaft. Nach hier eingetroffenen Auskünften aus sehr guter Quelle sollen angesehene Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft der Ansicht sein, daß Deutschland jetzt alles Interesse daran hätte, seine W iihrting vom Gold unabhängig zu machen, um so größere Manövrierfähigkeit zu erhalten. Als Vorteile werden vor allem angeführt: Verminderung der realen Gestehungskosten. automatische Senkung der Löhne, Verminderung der auf der Wirtschaft ruhenden Lasten und damit die Möglichkeit, eine reelle Ausfuhr zu begünstigen, weiche Devisen ins Land hereinbringen würde. Diesetwegen bestünde keine Inflationsgefahr; denn die verschiedenen Maßnahmen der Reglementierung des Marktes und der Preise würden erlauben, wirksam jede Preishausse einzudämmen. Es scheint, als ob bei den zur Verwirklichung der Devalvation ins Auge gefaßten Modalitäten man folgende festhalten möchte: Der Wert der heutigen Mark ist auf rund 4,20 Mark pro Gold- Dollar festgelegt worden; man würde nun dieses Verhältnis von 4,20 Mark aufrecht erhalten, aber nicht mehr mit dein Gold-Dollar, sondern dem Papier-Dollar, der zurzeit rund 2,50 Mark gilt. Die Devalvation würde also etwa 40 Prozent erreichen Man hätte die Absicht, diese Devalvation im Laufe des Monats Juli durchzuführen. Schacht sucht Rat B e r I i n, 12. Juni.(Inpreß): Der Reichshankpräsident Dr. Schacht wird in Badenweiler mit dem Präsidenten der Bank von England, Montagu Norman, zusammentreffen, um die finanzielle Situation des„dritten Reiches" zu beraten. Die Angst vor der Inflation (Inpreß): Welchen Umfang die Angstkäufe, gegen die der „Völkische Beobachter" kürzlich bereits Stellung nahm, angenommen haben, und die aus der Furcht vor einer kommenden Inflation resultieren, beweist eine soeben veröffentlichte Statistik, wonach die Umsätze in Kleiderstoffen im April 30 Prozent höher waren als im gleichen Monat des Vorjahres. Die Einkäufe in Herrenartikeln brachten im März gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von sofcar rund 60 Prozent. Kupferverbot! Auf Grund der Verordnung über unedle Metalle vom 26. März 1934 und 28. April 1934 hat die Ueber- wachungsstelle für unedle Metalle angeordnet: 1. Zu Freileitungen(Blankmaterial) für die Elektrizitätsversorgung im Inland dürfen Kupfer und dessen Legierungen— wie Freileitungsbronze— aus Rohmetall und raffiniertem Metall nicht mehr verarbeitet werden. lur deutschen WäSirungslage Die Basler., National-Zeitung" schreibt: Die schon Ende April lebhaft diskutierte Frage der Zukunft der deutschen Währung hat in den letzten Tagen er- l 01'^' n B en damals die Befürchtungen mehr in che Richtung einer Inflation, so rechnen sie heute eher mit einer Devalvation. Wie stellt sich nun die Währungsage an band des Reichsbankstatus dar? Der Goldbestand der deutschen Zentralbank, der zu Ende Mai 1933 noch 372,3 Millionen Reichsmark betrug, fiel im Mai 1934 von 205(30. April) auf 130,1 Millionen RM.(31. Mai); die Devisenreserve, die sich vor einem Jahr auf 77 Millionen Reichsmark belief, ist mit 5,7 Millionen RM. kaum mehr nennenswert. An die Stelle dieser Deckungsmittel sind(unter v rrnachlässigung kleinerer Verschiebungen) die im Gefolge der am 27. Oktober 1933 vorgenommenen Abänderung der deutschen Gesetzgebung, die der Reichsbank die Möglichkeit zur„Offen-Markt-Politik" gab, erworbenen„deckungsfähigen Wertpapiere" von 320,3 Millionen RM. getreten. Auf der anderen Seite ist der Notenumlauf im abgelaufenen Jahre nicht nur nicht zurückgegangen, sondern von 3.47 Milliarden RM. am 31. Mai 1933 auf 3,64 Milliarden RM. am 31. Mai 1934 gestiegen. Der Goldbestand beträgt jetzt nur noch 3,4 Prozent des Notenumlaufs. Der gesamte Zahlungsmittelumlauf steht mit 5,6 Milliarden RM. über dem Vorjahrsstand von 5,5 Milliarden RM. und die Umlaufgeschwindigkeit ist sicherlich höher als i. V. Bedenklicher als dieser Umstand erscheint, daß sich die Zusammensetzung des ebenfalls etwas erhöhten Wechselportefeuilles von 3,17(i. V. 3,08) Milliarden RM. geändert hat. In zunehmendem Maße sind darin nämlich die reinen Handelswechsel durch sogenannte„Arbeitsbeschaffungswechsel" ersetzt worden. Wenn es sich bei dieser staatlichen Arbeitsbeschaffung, auf der die seit dem Regimewechsel zu verzeichnende Besserung des deutschen Arbeitsmarktes beruht, lediglich darum handeln würde, daß an Stelle des Privatunternehmers staatliche Körperschaften getreten sind, so wäre dies nicht von Wichtigkeit, denn auch deren Wechsel können„selbstliquidierend" sein; denn die Eignung des Wechsels als Notendeckung beruht bekanntlich darauf, daß infolge der dahinter stehenden Geschäfte in Verbindung mit der rechtlichen Stellung des Wechsels bei dessen Verfalltermin Bargeld an seine Stelle treten kann. Die Arbeitsbeschaffungswechsel sind aber nicht selbst liquidierend. Wie in einem viel beachteten Aufsatz von Dr. Einsiedel im „Bank-Archiv" über„Wechseldeckung oder Effektendeckung" anfangs April 1934 ausgeführt wurde,„besteht jedenfalls das Portefeuille der Reichsbank heute zu einem immerhin redet beachtlichen Teil aus Papieren, die im Grunde nichts anderes als in Wechselform gekleidete Effekten darstellen, deren endgültige Konsolidierung von der Entwicklung des Kapitalmarkts abhängig ist." Es spielt sich hier innerhalb Deutschlands eine Wiederholung des Vorgangs ab, der vor drei Jahren zur deutschen Bankenkrise wegen der kurzfristigen Ausland Verschuldung und schließlich zu all den Schwierigkeiten in der deutschen Devisen Wirtschaft geführt hat. Es muß daran erinnert werden, daß— nicht zuletzt infolge des Widerstrebens des damaligen und jetzigen Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht gegen die Aufnahme langfristiger Anleihen!— in hohem Maße Daueranlagen durch Finanzwechsel finanziert wurden. Dieser Mißbrauch des Kredit- instrumentes des Wechsels hatte zur Folge, daß die Rück- Zahlungsforderungen der ausländischen Banken nicht voll erfüllt werden konnten und diese daher in die Stillhalteabkommen einwilligen mußten. Es ist nun eine viel zu wenig be kannte Tatsache, daß auch innerhalb eines Währungsgebiets sich am Geldmarkt Ausgleichsvorgänge abspielen bzw. abspielen sollten, die weitgehend dem Mechanismus entsprechen, der für die Berührung mit anderen Währungsgebieten(Wechselkurse und Zinsen) gültig und bekannt ist; nur sind diese Vorgänge nicht so sichtbar und naturgemäß in größerem Maße elastisch. Und wenn wir auf der einen Seite betonen, daß die Höhe des Goldbestandes für den Wert einer Währung nicht entscheidend ist, so müssen wir anderseits unterstreichen, daß selbst bei besseren Devisenverhältnissen nicht ohne Folgen eine zu große Laxheit in der Binnenkreditwirtsciiaft einreißen kann. Und es ist eben eine der Haiiplqualitälen des Goldstandards, daß es durch die Rückwirkungen auf Wechselkurse usw. Hinweise gibt, wenn das Gleichgew ich tsverhältnis in irgendeinem Gebiet des Währungsbezirks zu stark gestört ist. Dies erkannte auch Dr. Schacht in seinem Buch über„Das Ende der Reparationen", indem er die Notwendigkeit einer Reduktion des Notenumlaufs bei Rückgang des Goldbestandes auseinandersetzt. Wir möchten nicht hoffen, daß er, wie einst Havenstein, auf die Dauer der guten Theorie die schlechte Praxis entgegensetzt- Die Frage, die nur die Ereignisse beantworten kann, ist, wie weit die deutsche Währung durch diese Qualitätsminderung der Deckung und durch allfällige schwache Punkte im Kreditsystem schon unterminiert ist. ob und in welchem Umfang dies wieder rückgängig gemacht wird. Denn aufh diese Möglichkeit besteht zumindest theoretisch, nämlich wenn die unechten Wechsel durch eine Konsolidierungsoperation in Anleihensform umgewandelt würden. Im Moment kommt dies nicht in Frage— die jetzt stattfindende Konversion deutscher Reichsanieiben mag auf lange Licht vielleicht hierauf vorbereiten— da es mit einer für das Regime untragbaren Deflation verbunden wäre. Es fragt sich also, ob in einer verhältnismäßig nahen Frist einerseits die interne Wirtschaftspolitik wieder in erhöhtem Maße auf Rentabilität!!, erwäguugen eingestellt und andererseits die Neigung zu Daueranlagen in Reichspapieren angeregt werden kann. Und es würde lediglich eine andere Auswirkung derselben Ueber- legungen sein, wenn auch in die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Ausland entsprechende Entspannung eintreten würde. Es ist natürlich nicht zu übersehen, daß alle diese Erwägungen die politische Sphäre z. T. sogar in starkem Maße berühren, was jedoch über den Rahmen dieser Untersuchung hinausführt. Soviel kann jedoch gesagt werden, daß die dann mögliche Vermeidung dieser politischen Entscheide eine Stütze für die Meinung derjenigen bildet, die eine Devalvation erwarten. Eine unbegrenzte Inflation gilt angesichts des kurzen Zurückliegens der letzten, sowie aus vielleicht nicht zutreffenden politischen Erwägungen den meisten Beobachtern als unwahrscheinlich. Ein solches Vorgehen wird ja nach eigenem, allerdings nicht abgeschlossenem Beispiel schon lange von vielen Engländern empfohlen. Wenn sie in einer Weise vorgenommen würde, daß danach ein neuer Gleichgewichtszustand bestände und infolgedessen die Devisenvorschriften stark gelockert, das Dumping mit Scrips u. dgl. beseitigt werden könnten, so wäre auch für die Länder mit unverdorbener Währung der Nutzen vielleicht so groß, daß er den weniger angenehmen Seiten ein genügendes Gegengewicht bieten würde. Ob ein solches Vorgehen Deutschlands erfolgt, und ob in naber Zeit (falls ja, dann wahrscheinlich schon vor der Saarabstim niung!) muß aber vorläufig noch als offene Frage betrachtet werden, deren Beantwortung von einer ungeheuren Fülle von Problemen abhängt. Daily Expreß enthält folgenden von der deutschen Presse übernommenen Bericht:„Berichte, die jetzt von alten Teilen der Welt durch die jüdischen Organisationen nach London gegeben worden sind, zeigen die Wirkung des Judenboykotts gegen deutsche Waren. Die offiziellen Stellen dieser Organisationen sind der Ansicht, daß mehr als 70 Prozent des Exportrückgangs für Spielwaren. Kleidung und billige Gegenstände der Elektrotechnik auf die jüdische Weltpropaganda zurückzuführen sind. Am wirksamsten war der Boykott an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Führende Waren- und Postversandhäuser in Neuyork und den USA. haben jetzt öffentlich angezeigt, daß sie nach Erschöpfung ihrer Vorräte künftig keine Waren aus Deutschland ihren Kunden anbieten werden. Audi Südafrika unterwirft sich der jüdischen Propaganda. Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß mit zwei Ausnahmen alle Warenhäuser in den Vereinigten Staaten durch jüdische Firmen kontrolliert werden. In Ganada ist ein starker jüdischer Einfluß in den westlichen Provinzen zu verzeichnen. In Großbritannien bat sich der Boykott nicht so stark bemerkbar gemacht, obwohl die jüdische Propaganda im ganzen Land weiter getrieben wird. Am stärksten ist der Wandel im Londoner Eastend. Hier haben alle die großen jüdischen Warenhäuser ihre Einfuhr an billigen Waren aus Deutschland restlos eingestellt. Eine der größten dieser Firmen hat jetzt in London eine eigene Fabrik eingerichtet, in der sie nur englische Staatsangehörige beschäftigt." Reidisminisier Sdimifis Börsengeschäfte In unserer Nummer 131 haben wir unter der Ueberschrift „Reichsgeschenk für Börsenfürsten" über die neue Konversions-Anleihe berichtet. Dazu wird nun der in Saarbrücken erscheinenden„Neuen Saar-Post" noch aus Berlin g"- schrieben: „Wer hat nun verdient?— Es steht fest, daß eine bestimmte Stelle seit längerer Zeit die Ncubesitjanleihe ai.c dem Markt genommen hat. Nachforschungen ergaben, daß es sich hier um den Allianz-Versicherungskonzern handelt, der durch seinen früheren Generaldirektor Dr. Kurt Schmito über Beziehungen zu dem jetzigen Reichswirtschaftsministec gleichen Namens verfügen soll. Nun bestehen zwar für Versicherungsgesellschaften biu< dende Reichsvorschriften, die verbieten, daß Versicherungsgelder in Wertpapieren angelegt werden, die keine Zinsen tragen, weil diese Gelder ja verzinst werden müssen. W ie konnte sich der Allianzkonzern über diese Bestimmung hinwegsetzen, zumal die Regierungspresse vor einigen Wochen, als die Neubesitzanleihe, nachdem sie am 4. April 1934 einen Höchststand von 23,90 Prozent erreicht hatte, und dann hinnen wenigen Tagen auf unter 16 Prozent abrutschte, den Wert dieser Papiere mit dem von„Renn-Tickets verglichen hatte(„Deutsche Allgemeine Zeitung")? Durch die Festsetzung des Umtauschkurses von 23,75 Prozent wird jedenfalls der im Dritten Reich sonst so verhaßte Spekulant vor jedem etwa möglichen Kursverlust amtlich geschützt. Das für die Auszahlung und Bekanntmachung des"Jm- tauschangehots verantwortliche Reichsfinanzministerium hat im übrigen sicherlich auch dem Reichswirtschaftsminister und früheren Allianz-Gewaltigen Dr. Schmit seine Pläne bis zum letzten Augenblick verheimlicht." Appell an die GiäuDigereinsidii betitelt ein Dr. Rudolf Hansel seine Besprechung der Transferkonferenz und sagt:„Das wichtigste ist naturgemäß für uns: Wir gewinnen Zeit, um unsere Devisenlage in Ruho zu ordnen. Diese Atempause der Reichsbank wird sicherlich gut genutzt werden. Von der Entwicklung des deutschen Exports wird es nach dem ersten Juli abhängen, wie sich die deutsche Zahlungsfähigkeit gestaltet. Die Vorschläge der Reichsbank stellen das Aeußerste dar, was von unserer Seit« aus angeboten werden konnte. Wenn die ausländischen Vertreter inkonsequenterweise auf einer Herausnahme der Daves-, Young-, Kreuger- und Higginson-Anleihe aus den Transferverhandlungen bestanden und dadurch eine restlose Einigung, d. h. eine Zustimmung der Schweiz und Hollands verhinderten, so ist das ihre Sache... Mit einem Wort: die Gläubiger sind an allem schuld, warum haben sie auch den Deutschen Geld geliehen? An unsere Bezieher und Leser! Wir erhalten in letzter Zeit Beschwerden da. rüber, daß die ,;Deutsche Freiheit" entweder verspätet oder auch gar nicht ankommt Wir bitten alle Beschwerdeführer, sich an ihrem Ort mit der Post oder der Bahn in Verbindung zu setzen, da von Saarbrücken aus die Zeitung nach wie vor pünktlich jeden Tag abgeht. An der Post oder Bahn des Aul» gabe.Ortes liegt die Verzögerung nicht, davon konnten wir uns überzeugen. Verlag der„Deutschen Freiheit" (Deutsche Stimmen•(Beilage zur..(Deutschen Freiheit"• Iweignisse und Geschichten .: Mittwoch, den 13. Juni 1934 Das zismic Spiet Von Kurt Doberer Hinter Schloß und im Eisenbeton rinnen euch Tage und Jahre vorbei. Ihr wartet stumm und tragt ihren Hohn, ihr wartet auf uns, auf die Rebellion und fragt, wann denn Zahltag sei. Roheit und Dummheit nennt Mord ihren Sieg, kämpfen sagt sie, wenn sie schlachtet. Raubmord, das war der heilige Krieg, wie johlten sie, als das Banner stieg, ein Kreuz aus kreisenden Galgen. Mit Eisen schlugen sie Wort und Manr die nackte Armee der Proleten. Das Eisen schlug zu und das Eisen gewann. Das Eisen schlug Fäuste. Das Eisen begann, das Eisen nun muß es enden. Murren und Murren geht um im Reich und Flüche für viel in den Nächten. Den Hunger schalten sie nimmer gleich, sacht werden ihnen die Knie schon wp'"h. Niemand wird für sie fechten.— Im Dunkel steht„ noch nicht bekehrt, ein Heer, das kann es wagen. Sie haben das eiserne Spiel gelehrt— Der Mut im Volk, wenn er wiederkehrt, Stahl wird dann Eisen schlagen. „Jxh S&Q£> ty&C IticfltS Das Volk hat nichts zu lachen Ein Berliner Kabarettist bat im Frühjahr 1933 prophezeit: ter sieht. Die„Vier NaArichter" treten als alte GrieAen «Wenn erst die jüdischen Conferenciers nicht mehr da sein auf, haben jedoch Telefon, Radio und dergleichen. In einer Verden, werden die Berliner nichts mehr zu lachen haben!" Szene sagt Diogenes:„Ich gehe jetzt in meine Tonne und Er hat so recht behalten, daß er bald darauf Selbstmord be- schalte mir die Stunde der Nation ein. Darauf antwortet gangen hat. Und wenn noch in den ersten Wochen des„drit- ihm ein anderer:„Ja, ich bin auch müde, ich gehe auch ten Reiches" Trude Hesterberg im Berliner Kabarett schlafen!" der Komiker als Germania gerüstet und gewappnet auftreten Dieser bescheidene Witz ruft jedesmal stürmischen Beifall und singen konnte„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten", hervor. So für eine Kleinigkeit dankbar ist das deutsche «o ist es inzwischen allen nur zu klar geworden, was es zu Publikum geworden, daß eine solche Bemerkung schon als bedeuten hat: die braunen Gewalthaber verstehen keinen herzhafte Kritik aufgenommen wird. Und wenn nächstens Spaß. Wie teuer es zu stehen kommt, es dennoch mit einem ein Kabarettist sagen wird:„Meine Großmutter gehört mir, Spaß zu versuchen, hat ja erst kürzlich der Redakteur der m-. der kann ich machen, was ich will!", so wird man sich «Grünen Post" bitter genug erfahren müssen. Wahrscheinlich Jn Deutschland über diesen alten Kalauer schief lachen, weil darf auch der Münchener Komiker Valentin sich nicht man jj, n verstehen wird als satirische Anspielung auf das mehr getrauen, auf der Bühne zu murmeln:„Ich sage gar Regime. unter dem alles und jeder zu allem kommandiert nichts— das wird man wohl noch sagen dürfen!" Nein, auch w; rd und n j e mand mehr tun und lassen kann, was er will, das darf man nicht mehr sagen. Die braunen Herren sind empfindlich, und wenn es auf ihre Kosten geht, bekommen sie zarte Nerven und dann tun ihnen sogar Karikaturen weh, 1! rstC f PiOrt— die in Prag ausgestellt werden. Sie verstehen keinen Spaß, das befreiende Dachen ist verpönt im„dritten Reich"; mit Karl Ebert, der frühere Intendant der Städtischen tierischem Ernst arbeiten sie daran, Deutschland in eine ein- Oper in Berlin, vom Herbst ab als Regisseur an das zige Kaserne zu verwandeln, in der niemand mehr etwas B a s I e r Stadttheater verpflichtet, erhielt den Antrag, die zu lachen hat. Stellung des leitenden Regisseurs an der neugegründeten Um so dankbarer nimmt man drüben die leiseste Anspie- Städtischen Oper in Philadelphia zu übernehmen. Er konnte lung auf, um doch einmal lachen zu können. Und wie be- jedoch diesem ehrenvollen Ruf wegen seiner VerpfliA- scheiden man dabei in seinen Ansprüchen geworden ist, zeigt tungen in Südamerika und in der Schweiz nicht Folge eine kleine Episode, die aus Dresden berichtet wird. Dort leisten. Nach Beendigung seiner von der gesamten enggastiert im Albertthcater eine Schauspielertruppe, die sich lischen Presse als hervorragend bezeichneten Mozart-Insze- „Die vier Nachrichter" nennt. Es hat sich herumge- nierungen anläßlich der Festspiele in Glyndebourne tritt sprechen, daß ihre Witze leise an die heutigen Zustände riih- Ebert dieser Tage die Ueberfahrt nach Buenos Aires ren und ihre Vorstellungen sind deshalb sehr gut besucht: an, wo er wieder wie im Vorjahr zusammen mit Fritz besonders auffällig ist dabei, daß man im Zuschauerraum Busch die deutsche Opernspielzeit im Teatro Colon leiten mehr Reichswehrangehörige als sonst jemals in einem Thea- wird. Geest Unter„Gestern und Heute" hat die„Deutsche Freiheil' jüngst etwas von der bewegten kulturpolitischen Vergangenheit des Herrn W. C. Gerst berichtet. Dieser Herr, heute zweiter Repräsentant der Reichstheaterkammer, hält zu Ehren des Hitler-Reiches die schmutzigsten Weihreden, durchleuchtet von Bekenntnis und Erleuchtung. Freilich, wir haben nicht sein ganzes Vorleben schildern können. Ein befreundeter deutscher Schriftsteller holt es nach und schreibt uns: „Aus ihrer Nummer vom 5. Juni habe ich nach langem wieder etwas über jenen Herrn Gerst erfahren, dessen politische Wendigkeit Sie so treffend zu charakterisieren wußten. Vielleicht interessiert es Sie in diesem Zusammenhang, daß derselbe Herr Gerst sich noch im Sommer 1931 mit dem Gedanken trug, eine große Filmorganisation ins Leben zu rufen, die alle Parteien und Verbände der Linken, von den Kommunisten bil zum Zentrum, zusammenfassen sollte. Diese Organisation, die durch ein der Tobis nahestehendes Konsortium finanziert werden sollte, hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, in geschlossenen Vorstellungen den Arbeitern solche Filme zugänglich zu machen, die sie in den bürgerlichen Kinos nicht zu sehen bekamen. Dazu gehörten ebenso die neuen Russen filme, die ja damals schon vom deutschen Filmmarkt ausgeschlossen waren, wie auch andere, künstlerisch wertvolle Bildstreifen, die auf Grund ihrer politischen oder weltanschaulichen Tendenz vom(herrschenden Verleihsystem boykottiert wurden. Darüber hinaus aber sollte diese Organisation auch in der Lage sein, eine eigene Produktion aufzubauen, die unter Mitwirkung führender Künstler und Schriftsteller, die sich politisA zur Linken bekannten, den Kampf gegen den bürgerlichen Unter- haltungskitsA aufnehmen sollte. Ein schönes, ein wundervolles Programm, nicht wahr, aber wenn man genauer hinsah, so schien sich dahinter nichts weiter als ein raffiniertmit„G esinnung" maskiertes Spiel kapitalistischer Interessen zu verbergen, die auf dem Rücken der Arbeiterklasse ausgetragen werden sollten. Herr Gerst war nämlich damals immer noch Mitdirektor der Tobis, einer Firma also, deren Hauptabnehmer die Ufa war und die mit unerhörter Rücksichtslosigkeit ihre Monopolstellung auf dem Gebiet der Tonfilmapparaturen zu behaupten verstand. Das Ganze war im Grunde also nichts anderes als ein großzügig angelegtes Konkurrenzmanöver der Tobis, die auf diese Weise, nämlich mit Hilfe der Arbeiterorganisationen, der Ufa die BesuAermassen abjagen wollte. Was daraus geworden ist? Natürlich nichts. Herr Gerst verhandelte damals sowohl mit der KPD. als auch mit den Gewerkschaften; es gelang ihm, Severing, der damals noch Minister war, als Protektor zu gewinnen, während Münzenberg ablehnte. Ich selbst kam damals, in besonderer Mission, häufig mit Herrn Gerst zusammen und habe ihm auf seine Bitte eine Liste derjenigen Künstler und Schriftsteller zusammengestellt, die meiner Ansicht nach für ein zu schaffendes Arbeitskollektiv in Frage gekommen wären.(Hoffentlich ist diese Liste niemals in die Hände der SA. gekommen!). Seitdem habe ich nichts mehr von Herrn Gerst gehört. Ich hatte es auch vermieden, in dieser Angelegenheit noch mit ihm zusammenzuarbeiten. Daß er nun, im Zuge der nationalen Erhebung, seine WcltansAauungssAiebungen auf den Thingplätzen des„dritten Reichs" abzuwickeln pflegt, paßt durchaus in das Bild eines Mannes, dessen politische Gerissenheit endlich die Kulisse gefunden hat, die ihr gebührt: das Hakenkreuz." Qeistig.e WefumsscHSchaft Ein Nachfolger Banses— Professor Dovifat Der Professor für Zeitungswissenschaft Emil Dovifat scheint vom Ehrgeiz gepackt zu sein, Banses Nachfolger werden zu wollen. Er gab kürzlich einem Herrn Hans Marker ein Interview, das der Deutsche Presseverlag verbreitet. Nach langem Geschwätz erklärt Dovifat schließlich auf diu Frage, ob es gemeinsame Gesetze gebe, denen alle publizistischen„Führungsmittel" unterworfen seien:„Diese Gesetze zu finden, ist die Aufgabe unserer wissenschaftlichen Arbeit, deren Kenntnis für die kommende Führer« generation Deutschlands, die heute an den Hochschulen studiert, unerläßlich ist. Es darf nicht noch einmal gesAe- hen, wie es im Weltkrieg geschah, daß Deutschland zwar mit den Waffen in der Hand siegte, im Kampf um die Wcltmeinung jedoch geschlagen wurde und die Auswirkung dieser Niederlage ihm schließlich auch das Schwert aus der Hand schlug. Daß wir inzwischen gelernt haben, hat die starke und unternehmende Abwehr des gegen das heutige Deutschland gerichteten Angriffs gezeigt. Aber es gilt die Publizistik zur geistigen Wehrwissenschaft auszubauen— einer Wissenschaft, die es ermöglicht, im geistigen Kampf um die Führungsmittel eines Volkes nach drinnen und draußen zu siegen." * Dovifat hat zuerst der Gleichschaltung widerstanden. Es hat nicht sehr lange gedauert. Heute hat er alle Schellen und Klingeln der nationalsozialistischen Phraseologie bei der Hand und treibt„geistige WehrwissensAaf'" Der prämiierte Kritiker Der Preis der Kritik, der jedes Jahr in Paris verliehen wird, ist dieser Tage wieder verteilt worden. Die Wahl der Jury ist auf Marcel Raymond gefallen, der sich vor allem mit einem Buch über Baudelaise einen Namen gemacht hat. Buster Keaton in Paris Buster Keaton, der lange Zeit nicht mehr gedreht hat, ist jetzt in Paris eingetroffen, wo er in dem Film„Der König der Ghamps Elysees" die Titelrolle spielen soll. Qoetkestcahc 68 Von K a r 1 R o t h e r Merkwürdig, so eine Fahrt nach Hitleristan. Im Sudeten- utsAen Gebiet hockt man ja den Verrücktheiten der Hit- ei ziemlich nahe, aber„drüben"— das ist einfach yer- inschenes Reich. Die im Lande drin sitzen, merken es nicht sehr, aber wer von draußen kommt, empfindet das seelisch irsAobene schmerzhaft und grotesk. In Schaufenstern sieht in Japanreklame: kleine AeffAen. die ihr Gesicht m,t den inden verdecken, Symbole asiatischer Weisheit. Deutscher ilkswitj hat es so geformt: Nichts sehen, nichts boren, nichts ien Und so erscheint dem Fremden alles wie in alt- icchischer Komödie, in der die Akteure ihre Rolle mit .serner Maske spielen. So starrgesiAt.g und maskiert nkte mich das ganze Haus, in dem ich zu Gaste war. Vorm Hause begegnete mir Frieda, das blutjunge möblierte äulein aus dem obersten Stock, die erste braune Amazone t ich sah. Erbgesundheit Klasse IIa. Jeden dritten Abend crsAiert sie los: dunkelblauer Rock, helle Bluse m.t brau- m Jäckchen. Wenn die Buben solch einen Trupp sichten. mmandieren sie:„Links j" i,*'r'\° sie täglich. Noch vor einem halben Jahre wußte Fried« bt. von der Uniform, zumal sie zu den vo hg ankriege« Aen Wesen gehört. Aber ihr Bräutigam wollte eine Ama- ie. Wegen der Karriere. Ein paar Monate spater war er •sAwunden. Warum, weiß man nicht. Vielleicht hat er e Erbgesunde aus Klasse I gefunden, vielleicht auch war in der UntersAlagungssaAe seines Sturm, verwirke t. Nun Ate Frieda gern raus aus dem braunen Korps In den itruktionsstunden verlangt die Kommandeu.e, claß neben- Strümpfe gestopft werden. Für Waisenkinder, behauptet , aber die Hälfte der Strümpfe sind von ihr. Für den S ß muß man noch Beiträge zahlen Wovon leben wenn sie menflüAtig wird. Ihre jetzige Stellung verdankt s.e den iszonenkorps. Unter ihr haust ein Sportjüngling. Trainiert jetzt Langlauf. Es geht um das braune Abzeichen. Er ist fest überzeugt, daß die SA. dieses„läusige HberalistisAe Rekordwesen" beseitigt habe. Vorsichtig versuche ich ihm klar zu midien, daß man im„dritten Reich" zu einer Rekordolympiade rüstet, daß jedoA die Arbeitersportler in allen Ländern seit Jahrzehnten gegen bürgerliche StarwirtsAaft ankämpfen und im Kampfe gegen die Rekordmeierei groß wurden. Der Jüngling weiß das ungefähr von früher her, aber er braucht die Illusion, claß seine Leute den Sport befreit haben. Das paukt er auch der Frieda ein, der Amazone, auf die er ein Auge geworfen hat. Die jedoch geht ihm aus dem Wege; sie will ja raus aus dem Getriebe, reden kann man darüber nicht, man weiß nicht, wie schnell man verpetzt wird.„Der braune Schwindel kompliziert das Dasein im Großen wie im Kleinen", sagt mein Freund, der Schlosser. In seiner Branche soll jetzt allerhand los sein.„Wieso?" frage iA.„Wird jetzt mehr Auto gefahren als früher?" Er bleibt einsilbig. Wir sitzen auf seiner kleinen Veranda.„Am besten, man sagt gar nichts", murmelt er. Von der Rüstungsindustrie darf nicht gesprochen werden; außerdem gelten AutogespräAe leicht als strafbare Anspielungen.„Bonzen, die früher kaum das Hemd wechseln konnten, wechseln jetzt wöchentlich die Autos." Vom Garten des Nebenhauses dringt ein etwas öliger Bariton herauf. Dort sitzt ein Scharführer. Wenn seine SA.» Leute angetreten und die Koppelschlösser nicht richtig geputzt sind, kriegt er Wutanfälle. Im Hauptamt dichtet er. Früher schwitzte er Kampfgedichte und Schundromane für die Nazipresse. Was er anderen Zeitungen sandte, kam prompt zurück. Die„Judenblätter" ließen ihn, ein Goebbels im Kleinen, nicht hoch kommen, natürlich. Jetzt wird der Dilettant seine Reimerei von Blut und Boden auch in andern Blättern los. Wozu sitzen denn in jeder gleichgeschalteten Redaktion einige Renommiernazis? Der Aufstand der„Unbegabten" hat auA ihn emporgesAwemmt.— Man hört den f aubenhariton in der pirieti Nachbarschaft:..Unsere Slraße muß auch uuigeUuii weiden! Goelliestraße*•= nci.Ji sAunsj.., Goethe ist ein internationaler Literat! Hat er nicht Schweinereien gedichtet? Na also. Und die französisAe Revolution hat er auA gelobt!" Niemand wagt zu widersprechen. Drei Männer bewegen sich hinter den Jasminblättern. IA schaue den Schlosser an.„Mensch halt den Rand", knurrt er und ballt die paust.„Abwarten... Wenn in unserem Betrieb einer die SAnauze aufmacht, kaunste keenen mehr halten. Da müssen sie gleich sechshundert Mann ins K Z sperren..." Ich ziehe eine Zeitung au« der TasAe. Da färbt s!A sein Gesicht rötlich; er legt die hurte Tatze aufs Papier.„Was denn? Die Käseblätter? Mensch greif bloß keene Zeitung an! Wenn Du den QuatsA liest, da koAl's sofort, da kannste das Maul nicht mehr halten..." Noch vor Jahresfrist gabs in diesem Hause sechs Abonnenten-— heute hält keiner mehr ein Blatt.—„Mach Dich nicht unglücklich, Mensch", knurrt er, nimmt mir die Blätter weg. stützt die Ellenbogen auf. Und wie er so den Kopf in die Hände legt, erscheint er wie ein riesiger Bruder des asiatischen Schweige- symhols, nur niAt so philosophisch, sondern abwartend, sprungbereit, warnendes Abbild eines ganzen Volkes. Wenn das plötzlich zu reden anfängt, wenn das laut kund gibt, was es erlebt und erlitten— einer solchen Sturzflut halten keine Bajonette stand. Ich kürzte meinen Besuch ab. Das Land war mir zu verzaubert. Als iA aus dem Hause schritt, begegnete mir ein unscheinbares, blasses Männchen, blieb stehen, musterte mich stumm und mißtrauisch. IA setzte den Koffer ab, als sei er mir zu schwer und faßte den Anderen ins Aug--. Da entwich er, aber in dem dünnen BliA, den er mir unsiA-r um die Ecke zuwarf, war zu lesen: Sie sind der Besuch aus dem zweiten Stock; Sie heißen Rother und kommen aus dem Ausland; wir wissen alles... Dieser Kleine gilt als Einsamster des Hauses. Ihm blüht eine hehre Aufgabe: er hat die Hausbewohner gut zu beobachten und alles Verdächtige an seinen Vorgesetzten, den Block wart des Straßenzuges, unverzüglich weiter zu geben. Kein Mensch im Htuse spricht mit ihm. Er ist»ei-'Aie,t; und und fürchtet sich ,01 di'i Zukunft zu Dreu. .Deutsche Freiheit« Nr. 188 Das bume Matt Mittwoch. 18. Juni 1984 Der Verühmte Wer einmal notgedrungen in Mandersherm übernachten muß und es sich einfallen läßt, einen Abemdschoppen am Honoratiorentisch im„Weißen Lamm" zu trinken, der mag sich nur gleich darauf gefaßt machen, baß in der ersten Vier- telstunde der Herr Amtsrichter sagen wird:„Sie kennen doch wohl die Bücher von Peter Frühauf!?" Erst wenn man in der Lage ist, bejahen zu können, ist man zugelassen, denn „Tie wissen doch, daß Peter Frühauf ein Mandersheimer Kind ist Hier geboren und aufgewachsen. Ich seh ihn noch vor mir als Hosenmatz" Ja, sie kennen ihn alle, den berühmten Mann, und wissen Geschichten von dazumal, als er noch der schwarzäugige, wilde Bub war. Der Herr Schuldirektor kann Stücke er- zählen. Ein unglaublicher Junge...faul wie die Sünde und frech, aber einen deutschen Ausiotz hieb er hin— alle Achtung. Ich Hab immer zu meiner Frau gesagt: der Frühauf, der macht seinen Weg. Der Junge ist ein Genie, wenn er nicht ver- bummelt, kommt er hoch" Und da sagte der Herr Schuldirektor eine Lüge. Für ihn war Peter Frühauf.immer nur ein zwar begabter, aber nichtswürdiger Bengel gewesen, und für die anderen nicht minder, und keine? trauerte ihm nach, als er Mandersheim den Rücken gekehrt hatte. Keiner, außer Christel. Jetzt ist sie Frau Christine Reisenstahl und ist eine dicke Vierzigerin mit drei Söhnen und einem Kolonialwaren- geschäft. Aber einmalrda war sie ein bildhübsches, schlankes Mädel mit einem süßen Mund und großen, törichten Augen. So war die Christel, als sie Peter Frühauf liebte. Und er liebte sie auch. So wenigstens stand eS in den Versen, die er schrieb. Heiße, gewaltige Verse. Gingen sie aber abends an der Kiefernschonung, draußen vor der Stadt, entlang, da war von nichts anderem die Rede als von Zei- tungen und Artikeln und von Bühnenstücken und Büchern, die er schreiben würde, und was für ein Aufsehen die machen würden. Berühmt würde er werden, jawohl, und Geld ver- dienen wie Heu! „Ganz gewiß!" sagte dann Christel mit strahlenden Augen, „du wirst ein ganz großer Dichter, und die Leute hier werden noch mal den Hut vor dir ziehen." Dann lachten sie miteinander und küßten sich. ^Als Peter das Gymnasium erledigt hatte, trat er in den Dienst des„Mandersheimer Anzeigers". Er durfte das Lokale schreiben und hin und wieder nahm der Herr Rebak- teur herablassend eine Erzählung oder ein Oster- oder Psingstgedicht von ihm. Christel war sehr stolz auf ihn, sie las seine Sache so oft, daß sie sie auswendig wußte. Es wurde nichts von Verlobung oder dergleichen ge- sprachen aber sie gehörten zusammen, das war selbstver« ständlich. Wenn Peter so weit sein würde... Wenn Christel warten wollte... Freilich wollte sie warten WaS denn sonst?— Sie trug die entbehrlichen Groschen zur Sparkasse und scheuchte jeden, der etwa Absichten auf sie hatte, lachend davon. Ach, sie war ja so glücklich! Aber Peter Frühaus war es nicht. Er war verstimmt, un- zufrieden. Die Kleinstadt beengte ihn. Für dieses Käseblatt schreiben! Er verschwendete sich, versauert« in dem Nest, nie würde er hier vorwärtskommen. Ja, wenn er in Berlin wäre, er brauchte pulsierendes Leben.„Wenn es nicht um dich ging, ich lief heut noch auf und davon!" Christel schwieg erschrocken. Berlin! So weit weg von ihr. Von<£. Hepner Sie hatte eine ängstliche Vorstellung von der sündhaften Riesenstadt. Aber nach einem neuen Ausbruch sagte, si« tapser:„Ja, du mußt fort. Liebster, ich sehe das ein. In Berlin wird man bald merken, was für einer du bist. Da schreibst du das Stück, das du im Kopfe hast, oder kommst an eine große Zeitung. Ich kann warten, lange wird es ja doch nicht dauern." So ging er. Sie blieb und arbeitete und sparte. feie hatte ja seine Briese, und selig trug sie im Herzen die traumhaft schöne Erinnerung an jene Abschiedsnacht unter den schwei- genden Sternen. Und dann, allmählich, schrieb er seltener, hie und da kam noch eine Karte, dann nichts mehr. Nichts. Keine Antwort auf ihr schüchternes dringender werdendes Anklopfen.„Er wird in einer großen Arbeit verstrickt sein und ich darf ihn nicht stören, aber— mein Gott, er sollte kommen, bald!!"— Der Redakteur vom„Mandersheimer Anzeiger" war der Erste, der es verkündete:„Der Frühauf hat mit einem Büh- nenstück Bombenerfolg gehabt!" „Ich Habs ja immer gewußt," sagte der Schuldirektor. Die Illustrierten Blätter brachten sein Bild. Zeitungs- artikel berichteten über ihn, der Bürgermeister stand vor dem alten Haus, darin er gewohnt hatte und erwog, ob da nicht später einmal eine Tafel angebracht werden würde.—^• Christine bekam keine Nachricht. Sie wurde ruhelos und blaß und elend, und die Leute wunderten sich. Um diese Zeit hielt Herr Reifenstahl— Lebensmittel- geschäft— zum drittenmal um sie an. Diesmal lachte sie nicht, sondern senkte den Kopf und weinte. Und dann sagte sie ihm alles. Herr Reifenstahl war eine Weil« ganz still. Dann strich er sacht über ihren Scheitel und sagte: „Hab nur Vertrauen zu mir, Christel, es wird schon alleS gut werden."— Sie halte drei Söhne in dieser Ehe und der älteste, schwarz- äugige, wilde Bub hieß Dietrich, nach dem Helden in Peter Frühaufs Stück. Nun ist sie, wie gesagt, ein« dicke Vier- zigerin und uninteressant.- Aber für Peter Frühaus ist noch einiges zu berichten. Nach dem Erfolg seines Stückes schrieb er einen Roman, und dann lag jedes Jahr ein neues Buch von ihm, viel begehrt, in den Auslagen der Buchhändler. Er hat eine Villa am Wannsee, eine Jagd in Kärnten und ein weißes Haus in Gardone. Und er hat Herrn Ries- ler, seinen Sekretär, der ihm alle langweiligen und zeitrau- benden Geschäfte abnimmt. Er saß, ganz in Weiß, in seinem Boot, als Herr Riesler noch schnell mit der Korrespondenz gelaufen kam. „Besprechungen des neuen Stückes, Bitten um Auto- gramme. begeisterte Damenbrief«... habe schon das Uebliche geantwortet. Wollen Herr Frühauf nur noch unterzeichnen." Peter Griff nach der Füllfeder. „Und hier, vielleicht möchten Herr Frühauf selber... von einem jungen Menschen, auS ihrer Heimatstadt... ein paar Verse, nicht übel... er bittet um Ihr Urteil, etwas Er- mutigung—" Peter Frühauf nahm gelangweilt den Brief.„ManderS- heim". er sah nach der Unterschrift„In tiefster Verehrung Dietrich Reifenstahl." .Feine Ahnung. Ach. lieber RieSler, verschonen Sie mich, erledigen Sie das doch ich will fort." Er schallet« den Motor ein. Guropa-Ämerika in fünf stunden Die Rekorde der Ozeanflüge genügen anscheinend de» Wissenschaftlern und Erfindern noch immer nicht, sie arbeiten jedenfalls unentwegt weiter daran, die Entfernung zwischen Europa und Amerika in noch schnellerem Tempo zu über- winden. Die neuesten Versuche in dieser Richtung werden mit Raketenflugzeugen gemacht. Diese Versuche sollen, wie man jetzt hört, aus dem theoretischen in ein praktisches Stadium getreten sein. Man hat ein Modell konstruiert, das mit Raketenkraft die Erde verläßt. Die Flügel sind zuerst noch gefaltet. Nachdem jedoch die Raketenladung in großer Höhe völlig ausgebrannt ist, entfalten sich automatisch die Flügel, und das Fluzgeug gleitet langsam zur Erde zurück. Es war bereits ein größeres Flugzeug erbaut worden, das einen Piloten tragen konnte, aber noch vor der Vollendung starb der Erbauer. Die Versuche jedoch wurden fortgesetzt. Neuerdings ist ein Flugzeug in Normalgrötze fertiggestellt Die Raketenladung ist an der Hinterseite dieser Tragflächen Die Rakedenladung ist an der Hinterseite dieser Tragflächen angebracht und wird beim Start nur zum Teil verbraucht. Der Rest der Ladung wird je nach der Entfernung, die zu- rückgelegt werden soll, in der Stratosphäre abgeschossen. Der Luftwiderstand ist hier besonders gering und erlaubt daher sehr große Geschwindigkeiten. Zuletzt, wenn das Flugzeug seinen Weg zurückgelegt hat. geht es im langsamen Gleitflug auf den Erdboden nieder. Auf diese Weise hofft man, die Entfernung zwischen Europa und Amerika in fünf Stunden zurückzulegen. Die mathematische Wundermaschine In einem Laboratorium der Universität zu Philadelphia wurde eine Rechenmaschine konstruiert, die ein wahres Wunderwerk menschlichen Erfindergeistes darstellt. Sie hat zwar gewaltige Ausmaße— 10 Meter Länge, 8 Tonnen Ge- wicht und ist aus nicht weniger als 73 000 verschiedenen Be- standteilen zusammengesetzt—, aber dafür vollbringt sie die kompliziertesten Aufgaben. Sie löst sogar Differenzial- gleichungen! Die ersten Versuche mit der neuen Maschine haben allge- meine Bewunderung hervorgerufen. Sie vermochte nämlich Differenzialrechnungen, an denen sechs Mathematiker bei einer achtstündigen Tagesarbeit nicht weniger als vier Monate arbeiten wußten, in einer Biertelstunde zu lösen. Die einzelnen Lösungen werden derart fixiert, daß man nicht mit Unrecht von einem„Gedächtnis" der Wunder- Maschine spricht. Wird ein früheres Ergebnis benötigt, so kann man es jederzeit von der Maschine bekommen. Ihre er- staunlichen Erfolge haben in der Fachwelt solche Begeisterung hervorgerufen, baß selbst die hohen Anschassungskosten bei ihrer weiteren Verbreitung kein Hindernis bilden dürsten. Schon wird in England der Bau einer zweiten solchen Maschine vorbereitet und die Mathematische Fakultät der Universität von Manchester hat dreitausend Pfund Sterling für diesen Zweck bereitgestellt. Das erstejüdifche s>chiff feit 2000 Fahren Der englische Hasen Southampton wird von den Schiffen aller Nationen angelaufen. Kürzlich sah man in diesem Kanalhafen nun eine Flagge, die dort bisher unbekannt ge- wesen war: das Handelsschiff Emanuel führte die palästinen- fische Flagge! Die Mannschaft dieses Schisses besteht nur auS Juden, die Emanuel, die fortan zwischen Palästina und West- europa verkehren wird, ist das erste rein jüdische Schiff. Tie englische Presse schreibt zu diesem Ereignis lange Aussätze unter der Ueberschrift„Das erite jüdische Schiff seit 2000 Jahren". | Iii von Cc o Andreas Der Zug Palermo—Messina näherte sich Termini. Die Strecke scheint mitten durchs Meer zu führen, über unzählige Viadukte, unzählige Brückchen, von einer kleinen Insel zur anderen windet sich der Schienenstrang hart am User. Man kann die Apfelsinenschalen mitten ins Meer werfen. Der junge Deutsche stand am Fenster und blickte ver- zückt auf die einzigartige Schönheit der wilden Landschaft Siziliens. Neben ihm stand ein älterer Herr, Weinreisender seines Zeichens, ebenfalls Deutscher, aber schon seit Jahr- zehnten in Italien ansässig, und gab ihm Auskünfte. Er mußte die Gegend sehr genau kennen. Termini kam in Sicht. „Sie haben also wirklich die Absicht, quer durch Sizilien zu reiten, von Termini nach Girgenti?" fragte der Weinreisende. Der lunge Deutsche bejahte. „Ich finde es ein wenig gewagt," fuhr der ältere Herr fort. „Haben Sie noch nie von der Maffia gehört?" „Gewiß, aber ich nehme an, das ist alles reichlich über- trieben." „Sie irren sich, mein Herr. Man kann, was die Maffia anlangt, gar nicht übertreiben." „Na. ich werde wohl nicht gleich um die Ecke gebracht wer- den," erwiderte der junge Mann lachend. „Jedenfalls seien Sie vorsichtig. Und wenn ich Ihnen einen Rai geben darf, nehmen Sie sich einen zuverlässigen Führer.. Gehen Sie zu Paolini Zenucchio, jedes Kind in Termini sagt Ihnen, wo er zu finden ist, sagen Sie, Signore Fernando schickt Sie. Wenn Paolino Sie begleitet, sind Sie so sicher wie in Gottes Arm." Es erwies sich, daß der Weinreisende recht gehabt hatte. Der junge Deutsche erfuhr vom ersten Mann, den er fragte, in welchem Hause Paolino lebte Und es erwies sich auch, daß die Empfehlung von feiten des Signore Fernando eine recht gute sein mußte Er wurde im Hause Zenucchio wie ein lieber Gast empfangen, genötigt, dort Ouartier zu nehmen, und auf daß freundlichste bewirtet. Paolino selbst war ein stämmiger untersetzter Mann von etwa 40 Jahren, sein Gesicht war dunkelbraun gebeizt von Sonne und Meerwind, seine Augen blitzend und tiefschwarz, sein Haar voll, kastanienbraun und ohne jeden Anflug von Grau. Sein ganzes Aussehen war verwegen, und dennoch auch vertrauenerweckend. Es war ein Mann, auf den man sich verlassen konnte. Der junge Deutsche brachte sein Anliegen vor. Aber kaum hatte er begonnen, als Paolino schon brüsk und sehr ent- schieden ablehnte, sein Führer aus dem Ritt nach Girgenti zu sein. AlleS Drängen half nichts. Paolino erklärte, er habe be- sondere Gründe, die es ihm unmöglich machten, jetzt durch das Gebirge zu reiten. Der junge Deutsche glaubte an- zunehmen, ein hohes Geldangebot würde seinen Wirt an- deren Sinnes werden lassen. Aber auch das half nicht. Pao- lino erklärte sich nur bereit, ihm einen anderen Führer aus- findig zu machen. In der Tat erschien er am nächsten Morgen mit einem Mann, den er Frav-.esco nannte, und dem er den jungen Deutschen ruhig anvertrauen zu können erklärte. Er wäre ein besonnener und ruhiger Mann, kenne die Wege durch das Gebirge von früher Kindheit an, fei so gut wie er selbst, er würde schon niemand für einen Schützling von Signore Fernando empfehlen, zu dem er nicht volles Vertrauen hätte. Der junge Deutsche entschloß sich, mit FranceSco zu rei- ten. Der Weg führte steil in das Gebirge hinein, bald war man außer Sicht jeder menschlichen Siedlung, nichts als FelS und Kakteen, durch deren Dickicht die Maulesel mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg fanden. Die Land- schast war von einer großartigen Wildheit, der junge Deutsche konnte sich nicht sattsehen an den Farben, die von zartrosa inS dunkelste Rot spielten, an den haushohen Lop- penkakteen, an den bizarren Felsformationen. Francesco erwies sich als recht gesprächig. Der Deutsche drang in ihn, um zu erfahren, was Paolino von dem Ritt abgehalten habe. Aber über diesen Punkt schwieg sich Fran- cesco aus, und erst ein reichliches Trinkgeld bewegte ihn. zu erzählen. „Sehen Tie, Signore, Paolino hat bei seiner letzten Füh- rung Pech gehabt. DaS war vor einem halben Jahr. ES war ein englischer Herr. Sie sind überfallen worden, unter- wegS..." Francesco spähte um sich, aber nichts war zu sehen, al» Einsamkeit und Wildnis. „Paolino zog seine Pistole, um den englischen Herrn zu verteidigen. Unglücklicherweise traf er. Es war Lorenzo. Und seine Familie hat geschworen, seinen Tod zu rächen. Es ist klüger für Paolino, in der Stadt zu bleiben. Man weiß nie, wem man im Gebirge begegnet." Francesco schwieg. Dann fuhr er fort: „Paolino hat sich gestern sehr vorgesehen, als er mich holte. Um Ihretwillen. Es war nicht klug, daß Si« in seinem Hause abgestiegen sind. Und wenn man wüßte, daß ich einen Gast Paolinos begleite, es wäre schlimm. Hoffentlich hat uns niemand von LorenzoS Familie gesehen, als wir ausritten." Sie hatten inzwischen die Höhe erreicht und der Weg führte nun in ein« Schlucht hinab, die Felsen schoben sich zusammen. Es wurde düster. In vielen Windungen führte der Weg tiefer und tiefer. Plötzlich ein scharfer Knall. Dann noch einer. Der Maul- esel, auf dem FranceSco voranritt, blieb mit einem Ruck stehen. Der junge Deutsche konnte undeutlich hinter einem Felsvorsprung eine Gestalt unterscheiden. Er sah, wie Francesco vom Esel glitt. Er sah ihn laufen. Und wieder ein Knall. Francesco stürzte zusammen. Das Ganze hatte wenige Sekunden gedauert. ES gelang dem Deutschen, seinen Esel herumzureißen. Er hieb mit Fäusten und Absätzen zugleich auf daß Tier ein. Er setzte sich in Trab, zurück. Am späten Abend war der Deutsche in Termini. Im Hause PaolinoS erregte feine Rückkehr Bestürzung und Aufregung. Als Paolino gehört hatte, was geschehen war, stand er schwer auf. Ging an den Gewehrschrank und nahm ein Gewehr heraus. Keiner hielt ihn zurück.„Frau," sagte er dumpf, „vielleicht komme ich nicht wieder. Dann müßt ihr FranceS- cos Tod rächen." Er ging hinaus. Alle im Raum schwiegen. Experimente mit Todesftrablen verboten Die amerikanische Regierung hat einem in Cleveland lOhioj wohnhaften Ingenieur namens Antonio G o n- g a r i a oerboten, die von ihm erfundenen TodeSstrahle» fortzusetzen. Mehrere Beamte und Ingenieure, die den Ver- suchen Gongarias beiwohnten, bekundeten, daß Kaninchen. Hunde und Katzen sofort getötet wurden, wenn sie von den Strahlen getroffen wurden. Selbst Tauben seien auf mehrere hundert Meter Entfernung im Flug von den Strahlen ge- tötet worden. Der„Liebesbrief" Im Nadifltflsldicn Wer wirft die Bomben in Oesterreich? Die reichsdeutsche nationalsozialistische Presse beschul- oigt eifrig die„Marxisten" der Urheberschaft an den Sprengattentaten in Oesterreich. So schrieb das„Haken- Kreuzbanner" in Mannheim am 11. Juni: Statt die Schuldigen dingfest zu machen und ihrer ge- .'rechten Strafe eiitgegenzuführen, offenbarte sich die Schwäche der Negierung darin, daß ihre Exekutivorgane wahllos Nationalsozialisten verhafteten und gleichzeitig planmäßige Entlassungen früher verhafteter Sozial- demokraten und Kommunisten— gleichsam als Belohnung für den M u t zum Terror— vornahmen. Daß ein derartiges Borgehen ö i e marxistischen Terroristen zu neuen Untaten geradezu herausfordern mußte, liegt auf der Hand. Diesen Fantasien stellen wir folgenden Bericht des »Salzburger Volksblattes" gegenüber: Gelegentlich dieser Erhebungen wurden unter anderem von der Bundespolizei bei dem Tapezicrergehilien Alois Braun in Salzburg, Gaswerkgasse 8», der ein Mitglied der SS.-Formation ist, eine Hausdurchsuchung vorgenommen, wobei im Nachtkästchen ein nach München adressierter Brief gefunden wurde. Braun erklärte zuerst, es handle sich um einen Liebesbrief. Er zerriß den Brief. Die Polizei konnte aber die Stücke wieder zusammenstellen und brachte folgenden Wortlaut heraus:„Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei München. Aktion durchgeführt, laut Beicht vom 80. Mai.'/»5 Erzbiichos, 8 Uhr 80 Obcredcr. Verhaftet zwei Truppenftthrer, vier Scharführer, Braun Alois." sZur Erklärung sei bemerkt, daß es sich hier um die Anschläge aus das Palais des Erz- bischofs und den Gasthof Obcredcr handelt.). Tie weiteren Erhebungen ergaben, daß Braun derselben TT.-Formation angehört hat, wie der vor einigen Tagen verhaftete Oskar Stöckinger, der nach Uebersteigen des Daches in den Hof des Rcgierungsgcbäubes einen Böller geworfen hat. Durch die Bundespolizci wurde einwandfrei bewiesen, daß alle bisherigen Anschläge im Auftrag einer Zentrallcituug der uationalsozia- listischen Arbeiterpartei ausgeführt wurden und daß die Durchführung SS.-Leute übernommen hatten. Als Braun sah, daß die Beamten der Bundespolizei leinen Brief zusammengestellt und entziffert hatten, sank er vor Schrecken zusammen und rief:„Jetzt nützt mir nichts mehr, jetzt komm' ich nicht mehr heraus, sondern mutz nach Wollers- dorf." Durch die umfangreichen Erhebungen konnten ferner die Schmiertolonnen ausgehoben werden, die von Salzburg bis zur österreichischen Grenze Straßen und Baulichkeiten mit Hakenkreuzen bemalten. Es wurden Propagandamaterial, Gummistempel usw. gefunden und bisher fünf Jungen im Alter von 13 bis 18 Jahren verhaftet, die im Austrag ge- handelt hatten. 10 000 Schilling Belohnung Wien, 12. Juni. Auch am Montag sind in Oesterreich zahl- reiche Sprcngstosfanschläge auf Eisenbahnlinien, elektrische Leitungen usw. ausgeführt worden. Die Negierung hat für Anzeigen, die zu Verhaftungen von Attentätern führen, Be- lohnungen bis zu 10 000 Schilling für jeden einzelnen Fall ausgesetzt. Die Sicherheitspatrouillen haben Anweisung be- kommen, gegebenenfalls von der Waffe rücksichtslos Gebrauch zu machen. Von clen Habsburgem Das monarchistische Wochenblatt„Der Oestcrreicher" schreibt zum Namenstag der„Kaiserin" Zita:„Oesterreich! Hast Du auch eine Landesmutter? Hast Du Dich nicht Jahr- zehnte nach einer solchen gesehnt? Weshalb verwehrst Tu ihr immer noch die Heimat? Erkenne am Tage der Heiligen Tienstmagd Zita, die ein Engel der Mütterlichkeit war, wer Dir von oben als Landesmutter gegeben ward?"— Die Heimat der Zita ist, da sie eine Bourbon-Parma ist, weit eher Italien als Oesterreich. Bürgermeister Seit?«dwer krank Wie dem OND. aus Wien berichtet wird, hat Bürger- meister T e i tz durch die beinahe vier Monate dauernde Haft an seiner Gesundheit schweren Schaden genommen. Ein Hcrzspezialist stellte bei Zeitz bedenkliche Bcrkalkungs- crschcinungcn fest. Außerdem hat Teitz seit vielen Jahren ein schiveres Magenleiden. Das Röntgenbild zeigt Narben von Magengeschwüren und einen hypertrophischen Darm. Zeitz hat nur eine Niere, so daß jede Krankheit, von der er befallen wird, schwerer ist. In der Haft hat Zeitz sieben Kilogramm an Gewicht verloren. Sein Gesund- heitSzustand ist.also sehr schlecht. Trotzdem wird er im Kerker gehalten, ohne daß der Hochvcrratsprozcß angesetzt wird Dlller arbeitet Dir Stalin Das Wunder der Errettung Europas vor den Boisdietvisten ralstab, der in der Tat eine Zeitlang, vor allem zu Schleichers Zeiten, einem Akkord mit Teutschland keu'es- wegs abgeneigt war und der alles eher denn kommunist^i- freundlich ist, gab nunmehr sein Votum zugunsten ddr Herriotschen Borschläge ab. Barthou, sicher kein Mann der Linken, aber einer der klügsten Köpfe Frankreichs, hatte es nunmehr nicht mehr schwer, ganz Frankreich von der Notwendigkeit zu über- zeugen, alte Ressentiments zu begraben und sich von jt£t- ab auf eine Politik der intimen Zusammenarbeit mit Mos- kau einzustellen. Warschauer Bedenken verstand er zu zer- streuen. Die Wilhelmstraße, die aui die alte Russenseindlich- keit Pilsndskis svckul'erie, dürfte seit der Polenreise Barthous um eine Illusion ärmer geworden sein. Mussolini, der zwar die Kommunisten im eigenen Lande ebenso rück- sichtslos verfolgt wie Suler, aber zu klug ist. um wie sein deutscher Affe sich als Wettrelier vor dem Bolschewismus zu empfehlen, war mit dieser Neuorientierung Frankreichs um so eher einverstanden, als er seit den Nazitreibereien in Oesterreich und neuerdings aui dem Balkan von Hitler ziemlich kuriert zu'ein scheint. Die neuesten Freundschafts- anqebote der Wilhelmstraße und ihrer Nosenbergschen Filiale im Ho'el Adlon in Belgrad und Bukarest werben Mussolini bestimm' nicht veranlassen. Tcutschlanb nachzu- laufen. Zumal ec nenerbinas sehr froh ist, daß ihm I« seiner Finanznot die Banque de France tatkräftig unter die Arme greift. Für die Svwietreaierung war also die Machtergreifung HktlerS und bewiid'rS fein„heroischer" Entschluß. Völker- bund und AbrüstunqS'onierenz zu verlassen, ein Himmels- gescheut. Heute steht die Partie so, daß. wenn Litwinosf es nur will, er mit ebensolchem Jubel im Völkerbund begrüßt werden wird wie einst Siresemavn als Vertreter des demo- kratifchen Deutschland vor acht Jahren. Derweilen Deutsch- land draußen ist und nur zu gern die heroische Geste vom vergangenen Herbst ungeschehen sein ließe! ES war Sitwinoff, der jetzt in Gern die Tinge beim reckten Namen nannte, als er feststellte, daß das Regime- wechiel in gewissen Ländern, d. b. in Dcnlschland, die Lösung der Sicherheitsfrage vor der Abriistungssrage erforderlich mache. Früh-'r»var das iast ausschließlich Frankreichs These in Gcnk. und auch uns, die»vir nicht glauben konnten, daß unser Land eines Tage? dem politischen Wahnsinn versallen würbe, erschien sie unberechtigt. Jetzt mird Frankreichs SiMerb-itSiardernna von dem anderen großen Nachbarn Hitler-Deutschlands übernommen. Und niemand waat mehr, zu widersprechen. Da soll einer noch bestreiten, daß Hitler wahre Wunder vollbracht... Ist die Welt nicht furchtbar undankbar? Hitler hat sie vor dem Bolschewismus oerettei und man sollte meinen, daß sie diele Großtat belohnen würde. Statt dessen läßt ste ibn link« liegen und sucht die Freundschaft diese? Nnge- heuer?. Im MytboS des 20. Jahrl'iinder's vor I. E. wirkt sich die Andromeda ganz selbstverständlich dein PcrsenS in die Arme, als er sie davor c rr cf'et Hai. vom Monstrum ver- schlunaen zu w-rben. Im M"tßos des 20. Jnhrbnndcrts No''nheov>sch>>r Aera lacht die Andromeda den PerseuS aus und treibt Sodomie mit dem Drachen Bolscheiv! Im Lande Paul von bot man für solche Undankbarkeit natürlich kein Verständnis. B. Tch. Paris. 12. Juni. „ Haupttjerdienft Hitlers liegt ja bekanntlich darin, daß er^ eunchlanö und damit die ganze Welt vor dein Bolsche- wlswus gerettet hat. Er selber hat.es so oft verkündet, daß *' fT eS schließlich vielleicht selber glaubt. Auch feine Emissäre stechung einiger obskurer Pariser Blätter der Illusion nach- I llPliiP jagte, Frankreich für die Aufrüstung des„dritten Reiches" t« zu gewinnen, und während von Pape» sich einbilde«, daß leine verivandlichasilichen und ichwerindustricllcn Be- ziehungcn es jhm ermöglichen würden,.seine und Rechbcrgs ei. cv**-..- c ..... ßrniTiare....... im Auslande, vor allem der taänose Alfred Rofenberg, haben- alten'Pla»? eines BPidniiles mit Frankreich gegen das böl- hauptsächlich mit diesem Argument operiert, um die Tum- schewistische Rußland wiederaufzunehmen, reiste Hcrrivt pathicn der Welt für das Nazi-Regime zu gewinnen. Sie" a N Moskau, halb privat, halb amtlich und entwarf die dachten, daß wenigstens die grobkapitalistischen und klein- Grundlanen euer engen diplomatischen Znsammenarbeit ■— zwische» Frankreich»Ild der Sowietnnion ■n.-itj.f—fca.....„u,-.. VWp>V--^„ bürgerlichen Elemente des Auslandes auf diese Schwindel- Parole ebenso hereinfallen würden wie seinerzeit die ent- sprechenden Kreise in Deutschland, die es übrigens zum großen Teil heute schon am meisten bereuen. Aber von einigen ultra-reaktionären Schichten vor allem in England abgesehen, hat von Ansang an niemand an diese Errettung vor dem Bolschewismus glauben wollen. Ter Reichstagsbrandprozeß, der nach Görings Worten den Weltbolschewismns überhaupt unter vernichtende An- klage stellen sollte, hat mit einer förmlichen Apotheose für Timitrofs und seine Mitangeklagten geendet, und das ab- scheuliche Nachspiel der Nichtentlassung rechtsgültig Frei- gesprochener bat nur das Ansehen der deutschen Gewalthaber draußen in der Welt noch tiefer sinken lassen," zumat ein Stirnrunzcln der Sowjetregierung nach vollzogener Ein- bürgerung der drei Bulgaren genügte, um Hitler, Göring und Kumpanei zur panikartige» Kapitulation zu zwingen. Anscheinend unbelehrbar, schickt sich die Nazi-Regieru»g an, durch einen Prozeß gegen Tbälmann thre Werbearbeit für den Bolschewismus womöglich noch zu steigern. Es ist kaum vorstcllbar, daß das„dritte Reich", das eigens ein Provaganbaministcriiim geschossen hat, dessen Leiter, Goebbels, auch bei seinen Gegnern als über dem Durch- schnitt geschickt und intelligent galt, geradezu alles tut, um Sympathien für den Bolschewismus iu der Welt zu wecken! Ziehen wir einmal die außenpolitische Bilanz mescs nationalsozialistischen Krcuzzuaes gegen Moskau. Tie «-owsctrrgicruilg kann wahrhastig zufrieden sein. Tie hat innerhalb eines Jahres mehr erreicht, als sie es in ihren kühnsten Träumen innerhalb eines viel längeren Zeit- raumcs selbst für möglich halten konnte. Bor einem Jahre geschah es. daß auf der Londoner Welt- wkrtschäftskpnfcrenz selige» Angedenkens Herr Hugenberg sebenialls seligen Angedenkens), um sich bei Hitler besonders Liebkind zu machen, die Ideen des Alfred Rosen- £ cr 0 3 u Papier brachte und ein famoses Me woran- o u m überreich«, in dem er die Welt zur Aufteilung der USTR. unter hitlerdeutschcr Führung förmlich einlud. Daß dieses großartige Schriftstück innerhalb von 21 Stunden panikartig zurückgezogen würde, schaffte die Tatsache dieser Selbstenthllllung nicht anS der Welt. Die Antwort schlagartig: Noch während der Londoner Konserenz Rußland i Nachbar präziseren der Welt U,... i've Ergebnis der Londvn-r Weliiagung, und es war zu- fällig gerade Sie Sowjetunion, die d-n Haupinutz-n' da- von zog. So begann also der von Hitler verkündete intetnationale Kreuzzug gegen den Bolschewismus! Der nächste Schritt war von noch viel größerer Trag- weite: während Dnittchlanb dem ebenso gemeingefährlichen wie romantischen Ziel eines Bündnisses zwischen der vor- - Rasse nachjagte, die. plötzlich ebenbürtig einen unvergleichlich kon kkctrren med wertvolleren Sckri WWW crkennulig durch die B e r e t n t at en- t a a f e N, mi. o-men fv'orl feine wirtschas'l'chen Beziebi'vaev ülir starck<«t- wi-ke't hat. Zweiter Erfolg der hitlerischen Kreuzzog- p"r»le...~ r i,;> Unterdellen wurde aber eine andere«ache emneleitet, deren Bedeutung wahrscheinlich alle? andere, wo. Moskau auf dem Gebiet der Weltpolitik se.t Jahreri i«» hat. in den Schatten stellt. Wahrend Goebbels öurch Be Teutschlands Austritt aas dem Völkerbund kam diesen Bestrebungen, die zunächst ans starken Widerstand auch in Frankreich selbst gestoßen waren, außerordentlich zugute. Tie Flugreise des Suftsahrtministers Pierre E o t. der mit ser Mitteilung zurücklehne, daß die Sowsetunion be- rcits fünfmal, so viel.Kriegsmaschinen besitze als Frankreich, trug dazu bei. die reaktionär-kapitalistischen Widerstände gegen eine prorussische Orientierung der französischen Außenpolitik schnell zu überwinden. Der französische Gene- Nach den Bemühungen um Polen, setzt ma» nun mit dem Werben um Südslawicu ein. Ein gleichgeschaltetes Blrtt ichreiht:„Tie Belgräder Rea«runa hat 80 Freistellen für sühssawisöhe Studierende in Teutschland geschossen. ES ist um so b.-Mrkcnswdtker, als bisher südslawische Sluden n sich vorzüglich nach Paris gewandt hatten, um eine west- europäische Ausbildung zu erlangen, und Teutschland bis- her kaum berücksichtigt worden war. Möglicherweise ist diese Maßnahme ein erster Ansatz dazu, in Südslawicu die bis- her.ganz einseitig französisch ausgezogene Bildung, wie nebenbei in den meisten Balkanstaaten, etwas zu verall- gemeinern und dem deutschen Geist auch daS Wort zu lassen." Was aber sagt Mussolini zu dieser neuen Freundschaft, deren Tauer und Festigkeit nicht überschätzt werden soll? Sfidtvcstafrlkanlstiic Politik n,6l'"" er'«•« D,,«» folgte Unter dem Titel„Südwest zuerst" widmet der„Deutsche Prcssc-Berlag" der Tatsache einen Leitartikel, daß die frühere deutsche Kolonie Südwest-Asrika als S. Pro- vinz der Südafrikanischen Union angegliedert werden soll. In diesem Leitartikel, der in vielen deutschen Zeitungen abgedruckt wird, heißt es:„Das Deutsch- tum in Südwest kann sich mit einer solchen Lösung nie und nimmer zuirieden geben. Deutsch-Südwest ist die einzige Kolonie gewesen, aus der die Deutschen nach Kriegsende nicht vertrieben ivorden sind. Tic Deutschen ver- mochten sich im Gegenteil recht gut zu behaupte». Und bei den ersten Wahlen zum Südwester Sandesrat im Jahre.1026 erhielten die Deutschen von 12 Mandate» 7. Am deutschen Eharakter Sttdwestafrikas konnte also hinfort kein Zweifel mehr sein... Im April 1082 hatten die deutschen Südwester sogar die Genugtuung, daß durch Landesratsbeschluß die deutsche Sprache als dritte Amtssprache in der alte» Kolonie anerkannt ivurdc. Tie Wirtschaftskrise schädigte die beut- scheu Farmer in Südwest ungemein. Allein— da gleichzeitig in der Union General Hertzog und General Tmuts sich ge- genseitiiz befehdeten und die inneren Sorgen alle Geister bisch-aermanilch-n und der gelben w-nigstens in ihrem tavanischeu Teil, erklärt wurde, vollzog Rußland einen Schritte es erreichte seine An '""" mit denen Südwestasrita als 3. Provinz der Südwestasrikanischen Union anzugliedern. Tie Deutschen, wirtschaftlich in die De- s'nsive gedrängt, konn'", diesen Schlag nicht mehr parieren. ES hieße Bogel-Strauß Politik betreiben, wollte man die katastrophalen Folgen des^nnektionSbeichluffeS für das Teuilch'um nicht klar herausstreichen..." Etwa vor einem Jahr, das heißt richtiger nach der Macht- Übernahme HitlerS. änderte sich da? Be-'wl«n der Union in Südwest. Wesentlich Irua dazu die Nazi- und BdA.-Pro- paganda bei. Die südmcitasrikanischen Deutschen ern'en die Früchte der Hitlcrpolitik. die allen Völkern und Staaten Nervosität einjagt und sie auf ihren künftigen Schutz de- dacht sein läßt) dazu kommt noch, daß die Minderheiten- Politik, die die Nazi in Teutschland treiben, allen Staats- Völkern Mut macht, zu Hause ein wenig das zu versuchen. sie können Parteien bilden und Politik treiben. Mit Neid sieht d'*r Deutsche in die Südairtkanischc Union, die ihren Bürgern mehr Freiheiten und Rechte gibt als das ehemalige Mutterland Tüdwestafrikas. » Wie tief die Entwicklutzg in Teutsch-Tüdwestasrika gegan- gen ist, wird aus einem Kapstädter Bericht der Prager„Bo- hcmia" vom 2S. Mai klar. Tie„Bohemia" ,chreibt: In Wind- huk, der Hauplstadt des frühere» deutschen und jetzt als Bölkerbundsmandat von der Südafrikanischen Union ver- walteten Tüdwestafrika hat sich ein für deutsche Politik bei- nahe charakteristischer Fall ereignet. Seit geraumer Zeit streben die Buren und die Engländer, die sich in der früheren deutschen Kolonie angesiedelt haben, die Einverleibung Süd- westasrikas in die Südafrikanische Union an: bisher haben die Dentlchen dnrch ihren Widerspruch im Parlament diesen Rechtsdrnch verhindert. To ging es ein Jähr lang, bis Dr. Schwietering, der Führer deS Deutschen Bundes'n Tüdwestafrika, namens seiner Volksgenossen eine Denkschrift vorlegte, in der eS ' nach dem Führerprinzip allein das Buren und die Engländer teilten nahmen eS auch mit Ruhe hin. daß Dr. Schwietering und die anderen Deutschen zum Zeiche» des Protestes gegen die kalte Ausnahme ihrer Forderungen das Parlament verließen. Als sie dann unter sich waren, bcs blossen Buren und Engländer mit Stimmeneinhelligkeit. d e SLdasrikani'che Union um die Ausnahme Tüdwestasr.kas als fünften Bundesstaat zu ertt'chcn? die lDentschen hatten ihnen selbst die Gelegenheit gegebe», diesen immer wieder gesäeitertcu Beschluß i» aller R ihe zn fassen. Diese EnZcheidung ist natürl'ch noch nicht endgültig: Süd- westafrika untersteht theoretisch dem Völkerbund, io dcß weder sein Parlament noch die Ssidafrikaniiche Hit«» die Einverlnbung einseitig beschließen können..Aber in den Itr terhandlnngen wird es kein« geringe Rolle spielen, daß das oay oa? '»»P sreigewählte Parlament Tüdwestafrikas ohne jeden äußer"' was Hitler in.Deuischland mack'si Alle aberes schlech. Z,-augJinstimu!>g den Anschluß an Südafrika beschlossen hat. -^«»"-»«» mag. gen, es ,0 imtecyi. w.e oen M.nderbeit.n in Deutsch.^wietenng aber wird zu spät einsehend daß 7s^ land und- wie dem deutschen Kernvolk selbst. So hoben»uSlandsdeutschtum Nicht möglich ist. Melhoden n.! 1~"- nehmen, die für tiefes unvsrwenddar sind. »»•»»"•-——«'•-••»»»*»*« iiu'ii. CD I; u C c u die Deutschen in Südwest das Wahlrecht in den LandeSrat, zu über- Pariser Berichte ÄiTfo^'ie Deutsche Poli kl inik:!?£&££»2S i| Allgemeine Konsultationen mit 9 Spemiiiten. b) Chirurgie c) Orthopädie d) GebnrtshiUliehe Klinik e) Zahnärztliches Kabinett Ordination täglich von 9—12 und Z—S: Sonntags und Feiertags von 10—12 und 2—4 Uhr Emile Baum, genannt Brown Der monegassische Baron de Lussats, Gangster und Abenteurer, der in der Prince-Affäre zu Unrecht beschuldigt war, ist bekanntlich wegen des Ringdiebstahls bei der bekannten Firma Tiffany in der rue de la Paix freigesprochen worden, wird sich allerdings noch wegen eines Markendiebstahlg verantworten müssen. Inzwischen haben sie den echten Ringdieb, einen Amerikaner namens Baum, erwischt. Dieser Sohn der Stadt San Francisco hielt sich, seitdem er in Abwesenheit vor wenigen Tagen wegen der Tiffany-Affäre zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war, in einem Hotel der rue Pasquier in Paris verborgen, wo ihn ein Spezial- Beamter aufstöberte. Der Amerikaner, ein Mann mit einem angelsächsischen Gesicht und einem dito breiten amerikanischen Kragen, wohnt seit zwei Jahren in der Stadt an der Seine, ist aber viel unterwegs gewesen, um sich anzuschauen, wo es was zu fingern gab, und ist ein Fachmann des internationalen Juwelendiebstahls. Ein Dienstmädchen zerfleischt Unter den vielen Tragödien, die eine aufgeregte Weltstadt wie Paris aufweist, ist diese von besonderer Schrecklichkeit: Eine junge Frau, die in Scheidung lebt, fand Unterschlupf bei einer befreundeten Dame und deren dreißigjährigen Sohn auf dem Quai Conti in Louceviennes. Dort besaß der dreißigjährige Sohn einen wilden Dobermann, der die Frauen mit seinen Bissen verfolgte,— erst den Hausgast, den er am Kinn verletzte, dann die Köchin, die von dem wütenden Tier an der Hand gehissen wurde. Trotzdem wurde das Tier nicht getötet, ja, der Sohn ließ es sogar frei herumlaufen, weil er es für eine Hundeschau zähmen wollte. Die Tragödie trat ein, als der Sohn verreist war, und die beiden Frauen im Garten Erdbeeren pflückten. Der schreckliche Hund stürzte sich auf den Hausgast, Madame Gilbert, und' iß sie furchtbar in die rechte Schulter. Die Köchin, Madame L e F I o c h, sprang aber mutig hinzu und wehrte die Bestie ab, indem sie nach dem schlimmen Tier schlug. Jetzt stürtzte„ich das Ratschende Ungeheuer auf das Dienstmädchen. Die bisher Verfolgte floh schreiend in das Haus und schloß sich dort ein. Sie und die Hauseigentümerin schrien um Hilfe. Als die Hilfe nahte, lag die Köchin aber unter dem gewaltigen Hund, aus zahlreichen Wunden blutend, am Boden. Sie starb innerhalb zehn Minuten. Ein beherzter Mann unter den Helfern erschoß den Hund, befreite aber nur— eine Sterbende. Ausstellung des Cercle Frangois Villon Der Cercle Franxois Villon, der einen Mittatrstisch für arme Künstler unterhält, zu dessen Gästen auch einige deutsche Flüchtlinge zählen, veranstaltet in der Galerie Fahre eine Ausstellung, um für seine soziale Kasse zu sammeln. Man sieht allerlei Kuriositäten, die mancher nicht kennt: so die Preußen auf der Place de la Concorde, die Geschichte der Kommune von Paris, die Brüder Godard und ihren Fesselballon, Verlaine in der Kneipe sitzend, die Einweihung der Bouillons Duval,(der Filialen des französischen ,.Aschinger"), Luise Michel, Zola, Maupassant, die neue Heilige Bernadette Soubirous und viele andere Dinge. Die Gebeine Rcnsards Vor Jahresfrist hat man die Gebeine des großen mittelalterlichen Dichters Ronsard ausgegraben, um zu sehen, ob es der Dichter ist. Darüber herrschte Streit, Jetzt hat man festgestellt, daß wirklich der Dichter in diesen Knochen dereinst lebte. Die Ueberreste wurden feierlich in Saint- Cosmeles-Tours in Gegenwart des Erzbischofs von Tours wieder beigesetzt. Pari* ohne Flugblätter... Der Polizeipräfekt von Paris, Langeron, hat einen Erlaß herausgegeben, der das Verteilen von Flugblättern aller Art in den Hauptstraßen von Paris verbietet. Das Verbot tritt am 15. Juni in Kraft, dem Eröffnungstage der Pariser Festwochen, die, wie heute schon feststeht, einen riesigen Fremdenstrom in die französische Hauptstadt ziehen werden und deren Programm eine Fülle von Attraktionen enthält. Das Verteilen von Flugblättern hatte in Paris tatsächlich ein wenig überhandgenommen, und die Pariser Zeitungen begrüßen einstimmig die„Säuberungsaktion" des sympathischen Polizeipräfekten. Nachtbomber verunglückt Zwei Tote, zwei Schwerverletzte DNB. Paris, 12. Juni. Ein französischer Nachtbomber verunglückte in der Nacht zum Dienstag. Das mit sechs Mann Besatzung um 22.30 Uhr vom Militärflugplatz Chartres zu einem nächtlichen Uebungsslug nach Reims auf- gestiegene Bombenflugzeug versuchte kurz nach dem Start wegen Motorschwierigfeiten eine Notlandung. Dabei stieß es gegen das Dach eines Hauses, das aufgerissen wurde, und stürzte zu Boden. Der Benzintank geriet in Brand. Un- mittelbar darauf stand das große Flugzeug in hellen Flam- men. Zwei Insassen konnten noch rechtzeitig aus dem bren- nenden Apparat befreit werden. Ein Sergeant und ein Unterleutnant wurden schwer verletzt ins Lazarett über- geführt. Die beiden restlichen Besatzungsmitglieder ver- brannten. ES handelt sich um zwei Unteroffiziere, die ver- heiratet waren und von denen der eine 3 Kinder hinterläßt. Pas Neueste In einer Meldung des„Petit Parisieu" aus M a d r i d wird behauptet, daß sich die spanischen Monarchisten geeinigt hätten, den ehemaligen König Alfons XIII. als Per- treter der monarchistischen Staatsform anzusehen und keinen anderen Prätendenten zu unterstützen. Alfons XIII. habe daraus wissen lassen, daß er auf setne Pflichten nicht verzichte, und daß auch sein Sohn Infant Don Fua» in vollem Einverständnis mit ihm selbst den Vorschriften des Erb- folgegesetzes treu bleiben werde. Die Unterzeichnung der in Kens mit Litwinosf getrof- fenen Vereinbarungen über die Wiederausnahme der diplomatischen Beziehungen zu Rußland wird am 18. Juni, dem Tage der Eröffnung der Konferenz der Kleinen Entente in Bukarest stattfinden. In A st u r i e n wurde auf einem Bahnübergang ein mit Ausflügler« voll besetzter Autobus von einem Schnellzug überfahren. Bon den Insassen kamen 21 ums Leben. 3000 Menschen ertrunken! DNB. Panama, 12. Juni. Reffende, die hier eben mit dem Flugzeug eingetroffen sind, geben die Zahl der Todesopfer der Ueberschwemmungs- und Wirbelsturmkatastrophe von Agu Ealiente im Staat San Salvador mit über 3000 an. Sie berichten, daß auf dem Se von Gija und Coatepegue ganze Herden von Ochsen. Kühen, Schafen, Ziegen und anderen Haustieren schwimmen. Der Spiegel der Seen ist um fast 10 Meter gestiegen. Die Kaffee-Ernte kann als gänzlich vernichtet angesehen werden. Segelflieger tödlich abgestürzt Bitterfeld, 12. Juni. Der 23jährige Bitterfelder Tegel- flieger Dr. Wolfgang Bönninghausen ist am Montag an- läßlich der Ablegunz der B-Prüfung im Segelflug tödlich verunglückt. ■BIBSKttSUM „Schütze.- Alle» angekommen. Wir danken. Die«ine Glosse dürfen mir leider nicht bringen. Wir riskieren sonst ein Verbot in einem bestimmten Lande, und gerade jetzt können wir dieses Verbot ni-m brauchen. Auch Schweinehunde werden heutzutage preßgesetzna> geschützt, und leider nicht nur in faschistischen Staaten. Zum sonstigen Inhalt Ihres Brieses bitten wir nachzuschlagen: Mat- ihäus 18. Kap. 29. Ver». R Paris, Sie machen uns auf eine HavaSmeldung au« Wien aufmerksam, wonach in Bauterndorf. unweit von Innsbruck, ,m Atter von 85 Jahren der Arzt Dr. Hermann von Epstein, der einer alten jüdischen Familie entstammte und Adoptivvater des preu- bischen Ministerpräsidenten Hermann Göring war, gestorben ist. Der Verstorbene erfreute sich als Arzt und Philanthrop großen Ansehen».— Wohl dem, der seiner Bäter gern gedenkt. Vrauuschweiger. Sie schreiben unS:„In einer Rede verteidigte sich Ministerpräsident Klagge» gegen diejenigen 150prozentlgen Nationalsozialisten, denen die Partei in der Judenflage noch nicht weit genug gegangen sei. Man habe doch die Juden aus allen Aemtern entsernt. Ausrotten könne man sie natürlich nicht." Ein Gemütsmensch, dieser Klagges. Er will den Juden wenigften» das Recht lassen, im„dritten Reich" zu hungern. R. K„ Antwerpen. Was in dem von Ihnen übermittelten Zeitungsaussatz an Bosheiten gegen katholische Priester steht, ist noch lange nicht daS Schlimmste. Neulich hat laut einem Bericht des„Allenfteiner VolksblatteS" tNr. 106) der Obergebietsführer 6er Hitlerjugend im Osten, Ammerlahn. ein besonders verrücktes Huhn, die katholischen geistlichen Jugendsührer mit Ausdrücken belegt wie: Banditen, Saboteure, Trommler der Zwietracht, Aas- geier der deutschen Not. Lumpen, TeuselSfrayen usw. Der Mann hat seinen Stil an Hitlers Buch„Mein Kamps" geschult. Pfälzischer Beamter. Ihnen hat ein Bericht in der..Pirmasenser Zeitung" vom 4. Juni besonders gefallen, weil darin steht, daß ein Beamtenführer Beer in einer Beomtenversammlun« sich wie srlgt geäubert Hai:„Im alten Staat war da» Leistungsprinzip nicht von Borteil. Die Mittelmäßigkeit galt mehr im Kollegen- kreis. Bei Beförderungen entschied die Partei und nicht d a Können." Alle Welt weiß, daß im neuen Staate das Parteibuch keine Rolle mehr spielt. Nach der Gesinnung der Beamten wird nicht mehr gefragt. Es herrscht eine Toleranz wie nie. Prag. Sie bitten uns, folgende Verlautbarung de» tschechoslowa- kischen Postministeriums wiederzugeben:„Fast die ganze tschecho- slowakische Briefpost, die durch Deutschland geht, wir» in plom. bierten direkten Säcken befördert, selbst dann, wenn die Säcke nur einfache Briessendungen enthalten. Einzig die Briessen- düngen ins Saargebiet, nach Luxemburg, nach Danzig und ins Memelland werden„a deeou- vert" befördert. Die unbeträchtliche Zahl der Briessendungen au» der Tschechoslowakei in diese Gebiete macht die Einführung direkter plombierter Säcke unmöglich. Ebenso wird auS Danzig und Luxemburg, die für die Tschechoslowakei bestimmte Post in offenen Säcken durch Deutschland befördert. In der ersten Hälfte des Jabre» 1983 wurde festgestellt, daß die deutschen Postämter in einigen Fällen zu Unrecht Briefe au» dritten Ländern in die Tschechoslowakei geöffnet haben. Dies bedeutete eine grobe Ber- letzung des Art. 25 des Londoner Vertrages über die Freiheit der Briefdurchfuhr, und das tschechoslowakische Postministerium ist in jedem einzelnen Falle bei der deutschen Postverwaltung«inge- schritten. Der deutsche Postminister hat die Versicherung abgegeben, daß es sich in allen Fällen nur um ein Versehen der betreffenden Postämter gehandelt habe und daß alle Borkehrungen getroffen wurden, um eine Wieberholung auszuschließen. Jeder Fall, der dem tschechoslowakischen Postministerium unter Berlage des betreffenden Kuverts gemeldet wird, wird einer genauen Unter- suchung durch das Ministerium unterzogen." CT. K, Nauen Auf einer Reise durch Deutschland haben Nie an einigen Läden Schilder hängen sehen:„Kauft japanische Waren!" Es wird dann aufgezählt, was Japan alle» in Deutschland kauft ldamit wird dann entsprechend den japanischen Usancen ander- wärt» Deutschland Konkurrenz gemacht), und versichert, daß da» viel mehr sei, als waS Japan einführe. Die deutsch-japanlfch« Frennbfchast scheint also Immer enger zu werden und die deutschen Arbeiterlöhne gleichen sich immer mehr den japanischen an. „Ein rheinisches Mädchen". Ihre Befürchtung war ganz un- begründet. Die Briefe haben uns indirekt all« erreicht. Run können Sie ja mal«inen andern Weg wähle». Für den Gefamtlnhott verantwortlich: Johann P I tz in Dud- weller: für Inserate: Otto Kuhn In Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der BolkSstimme GmbH„ Saarbrücken t, Schützenftraße 5.— Schließfach 778 Saarbrücken. Steuerfragen Gesellschaftsgründungen Wenden Sie sich an F» BRIQUEU LICENCIE EN DROIT ehemaliger Kontrolleur der direkten Steuer, behörden. um vom offiziellen Standpunk aus beraten zu werden. 25, Bd. Bonne-Nouvelle, PARIS(2), Telefon Louvre 22-95 500 uxeniq qetcaqene Tilade' e f haute couture). Tages-, Abend-, Sportkleider und Pelze uieraei momentan verkauft bei: Jtaai~Occa&ioHS 40, rue Desrenaudet, 1 Ternes) Tel. Etoile 35-86. Ankauf. Tausrti INSERIEREN BRINGT GEWINN Der Erfolg liegt in der Reklame! Inserieren Sie deshalb in der „Deutschen Freiheit" SMficflieMsaosschuß in Genf Abschluß und Verladung der Abrüstungskonferenz Genf, 11. Juni. In ber Nachmittagssitzung hat der Haupt- ausschuß der Abrüstungskonferenz nach kurzer Beratung am Montag in Uebereinstimmung mit den Borschlägen des Präsidenten Henderson die vier in der Einigungsent- schließung vom letzten Samstag vorgesehenen Arbeitsaus- schüsse eingesetzt bzw. bestätigt. Das Hauptinteresse wendet sich naturgemäß der Bildung des Sicherheitsausschusses zu. Als Präsident des Ausschusses wurde der Vizepräsident der Abrüstungskonferenz, Politis, einstimmig gewählt. Diesem Ausschuß werden alle europäischen Staaten außer Deutschland angehören. Es zeigte sich aber sofort, daß auch innerhalb dieser europäischen Konferenz in der Sicherheit- frage erhebliche Gegensätze bestehen. Der ungarische Bertre- ter, General Tanczos, lehnte die Beteiligung Ungarns als Mitglied des Sicherheitskomitees ab, da offenbar nur das alte Regime der Allianzen wieder neu belebt werben solle. Ungarn werde sich daher nur durch einen Beobachter ver- treten lassen. Auch b italienische Delegierte Marchese Sorag- na kündigte im Einklang mit der schon früher bekannt ge- wordenen italienischen Haltung an. daß Italien in dieses wie auch in die anderen Komitees nur einen Beobachter ent- senden werde. Unter großer Spannung verlas dann die Vertreterin Englands. Sorbett Ashby, eine kurze Er- klärung ihrer Regierung, in welcher festgestellt wird, daß England sich zwar auch im Sicherheitskomitee durch ein Mit- glied vertreten lassen werde, daß es aber seinen eigenen Bei- trag zu dem Softem regionaler Pakte schon durch den Locarno-Berlrag geleistet habe Tie Erklärung ließ wieder durchblicken, baß out eine Beteiligung Englands an etwa abzuschließenden sonstigen europä!<"n regionalen Pakten nicht gerechnet werden kann Henderson stellte dann fest daß d'e Bildung des Sicherhe'. tsausschnsci„nter dem Präsidium von Politis einstimmig. wenn auch mit den Borbe- halten Ungarns und Italiens, gebilligt worden sei. Ferner wurde der Ausschuß, der sich mit der Durchführung der G a r a u t l e u und Kontrollen befassen soll, neu gebildet, und zwar wurde der schon be- stehende„Ausschuß für allgemeine Verfügungen" mit dieser Ausgabe betraut, wobei der bisherige Vorsitzende, der Belgier Boudginin, weiter seinen Posten behält. Zum Schluß teilte Henderson mit, daß er den russischen Borschlag, die Abrüstungskonferenz in eine Friedenskonferenz umzuwandeln, an alle im Haupt- ausschuß vertretenen Regierungen weitergeleitet habe. Darauf vertagte sich der Hauptansschuß. Das Präsidium trat zwar noch einmal für kurze Zeit zusammen, faßte aber keine Beschlüsse. In seinen Schlußworten erinnerte Henderson auch noch an die in der grundlegenden Entschließung gewünschten Ver- Handlungen der Regierungen, als deren Ziel die Rückkehr Teutschlands in die Abrüstungskonferenz bezeichnet worden war. Henderson behielt sich vor, das Präsidium der Kon- serenz wieder einzuberufen, falls diese Verhandlungen zu lange andauern würden. -s Während der nunmehr abgeschlossenen Tagung des Haupt- ausschusses gab Präsident Henderson dem Ausschuß Kenntnis von einem Brief des Vorsitzenden des technischen Aus- schusses für Rüstungsausgaben und von einem Ent- schließungsentwurf. In dieser Entschließung wird nochmals die Offenlegung der Rüstungsausgaben ver- langt. Gleichzeitig beauftragte der Hauptausschuß diesen Ausschutz, für ein später abzuschließendes Abrüstungsab- kommen diejenigen Artikel im Entwurf auszuarbeiten, die sich mit den Rüstungsausgaben befassen.