Sinzigs unabhängige Tageszeitung Veuischiands ^ 143 2. Jahrgang[Saarbrücken, Sonntag Montag, 24. 25. Juni 1934| Chefredakteur: M. B r a u n Heute vor einem Jahr ißt die. Sozialdemokratische Partei Deutschlands verboten worden. Lodernder Haß des regierenden Banditismus verfolgt die Kultur des sozialistischen deutschen Arbeits- volks. Barbaren wollen sie zerstören, aber sie vernichten nur überlebte, hemmende Apparate. Der Geist des Sozialismus lebt geläutert, befeuert, heldisch geworden, gläubiger und sieghafter denn je. Die alte Arbeiterpartei ist tot. Die neue revolutionäre sozialistische Front lebt und kämpft schon in über 300 Orten. Dankbar und stolz grüßt die Emigration alle illegalen Kämpfer, jede illegale Kämpferin im Reich, alle Märtyrer in den Lagern und in den Kerkern. Rache für die Gefallenen! Freiheit für die Lebenden! Vorwärts! Rcidis&anhroHenr Sdiadit Verzweiflungsahilonen der Reldisbanh— wachsende llarhiludil Pleite! dnb. Berlin, 22. Juni. Die angespannte Devisenlage der Reichsbank macht es not, wendig, die täglichen Devisenabgaben bis ans weiteres so einzuschränken, daß sie nicht Höher sind als die Eingänge an demselben Tag. Die Reichs- bank wird daher von Montag, den 23. Juni ab, nach Maß- gäbe der Deviseneingänge eine Repartterung der angeforderten Beträge vornehmen. Die Zuleitung wird nicht für alle Anforderungen und Währungen die gleiche sein. In erster Linie wird daraus Bedacht ge» nommen werden, daß der Bedarf an Rohstof- s e n und Lebensmittel» ausreichend gesichert wird. Grundlage für die Devisenansorderungen bei der Reichs- bank bleiben wie bisher die Einzelgenehmigungen nnd allgemeinen Genehmigungen der Devisenstellen. Die Repartierung macht es erforderlich, daß auch alle Zah, lungen an das Ausland, die bisher in mittelbarer Form, insbesondere durch Verrechnungen, geleistet wurden, alsDevisenanforderungenan die Reichs- bank gelangen. Genehmigungen im Warenverkehr werden daher künftig nur noch in der Form erteilt, daß sie zu An- sorderungen von Devisen bei d«r Reichsbank berechtigen Auch Auslandszahlungen im Po st verkehr sind nicht mehr zulässig. Die allgemeinen Geneh- migungen für den Warenverkehr werden mit Wirkung vom 1. Juli 198t entsprechend neu geregelt. Die Einzahlungen auf die Sonderkonten für den Warenverkehr und auf die Konten der Notenbanken, mit denen Berrechnnngsabkom- men bestehen, werden durch die Repartierung nicht berührt. Die bisher vorgesehene beschränkte Kompensationsbesugnis der Devisenbanken entfällt. Ebenso werden die den einzelnen Importeuren zugeteilten Be- txiebsfonds ausgelöst. .Bombe" London, 22. Juni. Tie Blätter schenken den Meldungen über die neue deutsche Tevisenverordnung starke Beachtung. „Morning Post" überschreibt ihre Meldung„Deutschland schlägt zurück", während„Daily Expreß" von einer beut- schen„Bombe" spricht. Die führende„Financial News" bringt besonders scharfe Angriffe gegen die Aeußerungen von Dr. Schacht. Die„ver- hältnismäßig gute Aufnahme", die das Clearinggesetz in der Csty gefunden habe sei möglicherweise eine Erwiderung auf die„aggressive" Erklärung von Dr. Schacht. Zuchfhaushandidafen Die vorstehende Bekanntmachung der Reichsbank ist ein Alarmzeichen ersten Ranges. Selbst wenn man in Betracht zieht, daß die Reichsregierung zur Begründung ihres Ban- krotts gegenüber den Transferverpflichtungen, den man weit- hin im Ausland für betrügerisch hält,schwarz in schwarz malt, dars man sagen: so für den Außenhandel verheerende und die wirtschaftliche und finanzielle Panik im Jnlanöe stei- gernde Maßnahmen werden nicht erlassen, wenn nicht an Verzweiflung grenzende Rot dazu zwingt. Die Sachlage ist wohl so, daß der Reichöbankpräsidcnt und der von ihm finanziell und wirtschaftlich verführte große„Führer" ursprüng- sich den rein betrügerischen Bankrott, eine deutsche Tcheinpleite zu Lasten des Auslandes gewollt haben. Dank ihrem vereinten politischen Ingenium sind sie aber vereint bei dem tatsächlichen deutschen Reichsbankrott gelandet und suchen nun verzweifelt nach Rettung. Merkwürdigerweise genoß der Reichsbankpräsident Dr. Schacht, dieser finanzpolitische Hasardeur, bis vor kurzem in der internationalen Finanzwelt noch einiges Vertrauen. Er hat es aber in den letzten Monaten so gründlich ver- wirtschaftet wie das Gold und die Devisen der Reichsbank. Die britische Antwortnote aus das deutsche Generalmorato- rium die wir an anderer Stelle besprechen, nennt ihn mit Worten die kaum noch von der Höflichkeit des Diplomaten verhüllt werden, einen Betrüger und läßt ihm keinerlei Hofs- nung mehr auf Entgegenkommen zu. Das Traurige ist nur. daß es hier nicht um das Schicksal eines verbrecherischen Politikers geht, der wegen Raub und. Verschleuderung deut- schen Volksvermögcns ins Zuchthaus gehört und bei der kommenden Abrechnung auch in einer ZuchthauKzelle landen wird, sondern um d,e deutsche Ration Mit ihren Millionen ehrlichen und fleißigen Existenzen. Dte sind es. dte mit Ver- mögen und Arbeitskrast das Vabangueiptel der«chacht und Hitler und anderer Abenteurer zu büßen haben. Daß all- zuviel« deutsche Volksgenossen aus sträflichem polttckchem Leichtsinn und betrogen durch e.ne gekaufte oder feige Presspolitischen Hochstaplern vertraut haben, kann unser Be- dauern über die große deutsche Tragödie nicht mindern, die übrigens erst in ihren Ansängen steht. In dem Gefühl, von Schacht und seinen Spießgesellen all- zulange belogen worden zu sein, weigert sich das Ausland, die nun beinahe täglichen Bankrotterklärungen des Deutschen Reiches in vollem Maße ernst zu nehmen. Man verweist aus die st i l l e n Devisenreserven, die aber doch aus- nahmslos und allgemein bekannt sind. Da sind zunächst die Valutaguthaben der Lebensversicherungen, die von den deutschen Behörden auf der Transserkonferenz als Notstock bezeichnet worden sind. Ob, wie behauptet, die Reichsbank gewissen Privatgesellschaften erlaubt, den B a- luta-Gegenweri für deutsche Aussuhr als Depositen im Auslände zu halten, mag dahin- gestellt bleiben, aber das können keine entscheidenden Be- träge sein. Möglich ist, daß solche Reserven benutzt werden, um nach dem 1. Juli den Devisenbestand der Reichsbank etwas steigen zu lassen, damit so die Zweckmäßigkeit des General-Transsermoratoriums erwiesen wird. Hinzukommt noch der Rest des im Laufe des Jahres aus Rußland fälligen Zahlungen in Gold, etwa 200 Millionen Reichsmark. Reste von Freigabe-Ansprüchen aus dem Kriege an Nordamerika sind nicht mehr verfügbar, da sie vor einigen Tagen von der Regierung der Vereinigten Staaten gesperrt worden sind. Demgegenüber steht ein für die zur Ausrechterhaltung der Rohstoffbasis der deutschen Wirtschaft notwendiger Devisenbedarf, der in absehbarer Zeit nicht durch Ausfuhrüberschüsse gedeckt werden kann, denn die deutsche Einsuhr hat weiterhin steigende und die deutsche Aus- fuhr hat weiterhin fallende Tendenz. Hinzutreten die in irgendwelcher Form zu erwartenden Clearing- und Kom- pensationsmaßnahmen von Gläubigerländern, die Deutschlands Deviseneingänge so oder so noch mehr drosseln werden. Dazu kommen die Devisen- und Goldopser, die von der Reichsbank zur Stützung der Reichsmark im Auslande ge- bracht werden müssen Die Markslucht aus dem Reiche aus allen möglichen Wegen des Schmuggels ist in den letzten Wochen noch er- heblich gestiegen. Man darf annehmen, daß jetzt in jedem Monat weit über 10 Millionen Reichsmark über die Grenze geschafft werden und dauernd aus den Kurs der Reichsmark drücken. Sobald eine Stützungsaktion der Reichsbank ausbleiben würde, müßte das DiSagio der Reichsmark außerordentlich groß werden. Die Schacht und Hitler sind ausgezogen mit dem bewußten Schwindel, Deutschland vor der„Mißwirtschaft des Marxis- mus" zu retten. Der Hintergedanke war, die deutschen Ar- beiter zugunsten des Hochkapitals um ihre Ansprüche an den Sozialanteil der Wirtschast zu betrügen. Erfolg dieses Räuberstücks ist, daß Unternehmer und Arbeiter vor einer Bankrottwirtschaft stehen. Dieser Hitler und der Troß aller nationalistischen Phra- seure sind ausgezogen, um Teutschland aus den Ketten des internationalen Finanzkapitals zu befreien, die zu lockern die deutsche Republik mehr und mehr mit Erfolg bemüht war. Jetzt steht Deutschland vor der traurigen Erkenntnis, daß Hitler und seine Mitschuldigen die Nation einer inter- nationalen Finanzdiktatur und Finanzsklaverei entgegen- führen, wie sie das deutsche Volk mit Recht für überwunden halten durste. Die Reichsbankrotteure haben Volksverratsgesetze erlassen. Zuchthaus und Tod drohen sie allen Schädlingen am Volks- vermögen an. Hitler und Schacht und ihre Mitschuldigen sind die ersten, die diese Strafen verdient haben, und sie wer- den ihnen nicht entgehen. «openhagener Senken weigern sich deutsche Reichsmark zu kaufen Man schreibt uns aus Kopenhagen: Das Mißtrauen gegen die deutsche Reichsmark führte am Donnerstag, dem 14. Juni, zu einer großen Verwirrung aus dem hiesigen Geldmarkt. Die Banken weigerten sich, Markbcträgc zu dem amtlichen Kurs in Zahlung zu nehmen. Sie setzten vorerst den.Kurs selbständig um 10 bis 13 Kronen herab und lehnten im weiteren Verlaute den Kauf vollständig ab. Am Freitagvormittag war es unmöglich» deutsche Mark in Kronen umzutauschen. Da zahlreiche deutsche Touristen durch die Ticherungswaß- nahmen der hiesigen Banken in Schwierigkeiten kamen, räumten die Hotels ihren bekannten Gästen Kreditkonten zur späteren Verrechnung ein. Auch die Schlaswagengesellschast der dänischen Staatseisen- bahn weigerte sich, Rechnungsbeträge in deutscher Valuta anzunehmen. Im weiteren Verlause des Freitag wurde dann gemein- Gestern und Acute Wer von unseren Lesern hat, im Vertrauen sei es gefragt, lebendige Erinnerungen an sächsische Geheimräte? Der Schreiber dieser Zeilen darf' es mit Stolz von sich behaupten. Diese Inkarnation sauertöpfischer Bürokratie, verschärft durch Bliemchen-Dialekt, ist ihm unvergeßlich geblieben. Immer wieder hat er sich vergeblich bemüht, hinter dieser vertrockneten Substanz königliches Blut zu entdecken, obwohl es unter den sächsischen Geheim- und Hofräten zahlreiche Nachkommen der dreihundert unehelichen Kinder Augusts des Starken gab und es noch gibt. Welch ungeheure Wandlung muß mit der menschlichen Konstitution vorgegangen sein, wenn sächsische Geheimräte im Rausche überseliger Empfindungen plötzlich auf Laternenpfähle klettern! Aber es ist in Dresden Wahrheit geworden. Der„Führer" war nämlich in Dresden, mit Goebbels, und er verwandelte eine große Stadt in ein Tollhaus, in einen Höllenspuk der Besessenheit und der Raserei. Der„Dresdener Anzeiger" schreibt: „Und dann kommt er, dem die Bewunderung der Welt und die Liebe eines ganzen Volkes gehört..." „Goebbels ist nicht nur ein Propagandagenie. Er besitjt auch die seltene Gabe, in fast friderizianischer Form Konversation zu treiben." „Der ganze Rathausplatf ein gestikulierendes und fanatisches Menschenmeer. Führer! Führer! Es wirkt phantastisch, es ist unvorstellbar. Ein wahrer Orkan. Unbeweglich steht der Führer in der Sturmflut. Das steigert das Erlebnis ins Unvorstellbare!" „Gehungert haben sie nach diesem Augenblick... Sie hätten etwas darum gegeben, den Augenblick zu bannen..." „Sie werden ihn noch einmal sehen. Vielleicht ist es das erste-, vielleicht ist es das zehntemal. Es bleibt sich ganz gleich. Es gibt keinen anderen Willen mehr als diesen einzigen: Hitler sehen.. „Niemand außerhalb kann sich diese geschlossene Begeisterung der Hunderttausende, diese fanatischen und frenetischen Jubelstürme in f ahnenwogenden, birkengesäumten Straßenzügen vorstellen, dieses unermüdliche, stundenlange Warten der Massen... Einzige gewaltige Steigerung des fanatischen Willens, den Führer zu sehen..." „Wie eine Gewißheil liegt es über allen: wir werden den Führer sehen. Er zeigt sich. Er fährt durch die Stadt. Leute, die gestern und vorgestern zwölf Stunden vergeblich gestanden haben, sind heute wieder da. Mittags um zwölf brach mit spontaner Gewalt der Sturm los..." „Uebeiall hört man nur Hitler. Die Menschen erzählett sich tausendmal dasselbe. Jeder empfindet es als neu. Jeder fühlt den Bann der einzigen großen Minute, für die er alles andere vergißt. Dieses Warten importiert bereits, imponiert abermals..." „Die Kinder hängen auf den Brüstungen der Rathausterrasse. Geheimräte scheuen sich nicht auf die Laternen zu klettern..." „Und plötjlich: seltsame Sekunden tiefsten Schweigens— als ob hinter dem Balkon die Tür sich öffnet. Wie ein Erschrecken fährt es elektrisierend durch die Masse. Bis der Führer erkennbar wird. Da gibt es kein Halten mehr. Die Arme fliegen hoch. Man brüllt, was die Kehle hergibt. Ein Phänomen über der Menge.. » Dies alles aus drei Seiten des„Dresdener Anzeigers" (Nr. 147). Wir hätten sie alle, drei abdrucken müssen, um dieses Dresdener Phänomen in seiner Gänze zu zeigen. Ist. nur der zehnte Teil wahr von dem, was hier hingerissene Federn niederschrieben, dann haben in Dresden drei Tage lang Flagellantenzüge getanzt, Messias über den Wiedertäufern, Nachtwandler und Wachträumer mit Schaum vor dem Munde. Ziehen wir immerhin getrost neunzig Prozent von den Berichten ab. Es bleibt das Massenphänomen, die Anbetung des Zauberers mit dem Lautsprecher, mit den vielen Trommeln, Uniformen und Versprechungen, um den Menschen die Angst zu nehmen und den Glauben zu schenken. Nein, so etwas hat es in kaiserlich-königlichen Zeiten niemals gegeben. In Dresden sahen wir allerdings einmal eine nächtliche Illumination zu Ehren der Wettiner. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Auf einmal war der Geenig fort und alles aus. Er hat seine Sachsen nicht sehr enttäuscht, weil sie nicht viel von ihm erwartet haben. Gemessen an seinem Schicksal und an dem Maße des gläubigen Vertrauens: wie unvorstellbar tragisch müßte das Ende Hitlers sein, wenn die Weltgeschichte nicht eines Tages auch mit diesem Abgott eine ihrer großen Tragikomödien vorhaben sollte. Argus. schaftlich von den Kopenhagener Bankverwaltungen die Reg- lung getroffen, kleinere Markbeträge zu einem Kurse, der 15 Kronen unter der amtlichen Notierung liegt, in dänisches Geld umzutauschen. Hingegen bleiben alle wirklichen Mark- geschäste abgestoppt, bis Klarheit über die Entwicklung der deutschen Valuta besteht. Pas neueste Bom Ersten Strafsenat des Jenaer Oberlandcsgerichts ist der frühere thüringische Bezirtsleiter der„Roten Hilfe", Erich Hausmann aus Erfurt, der sich bei der Eni, lassung aus der Schutzhast verpflichtet hatte, nicht mehr>m kommunistischen Sinne tätig zu sein, sich aber dann nach seiner Entlassung doch wledcr staatsfeindlich betätigte, wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 3 Jahren Zuchthaus und Z Jahren Ehrverlust verurteilt worden. Die alten Stahlhelmabzeichen müssen nach einer Anordnung der Rundesleitung des RS.-Frontkämpfer- bundes eingesammelt und von den Ortsgruppen aus dem Dienstwege der Bundcsleitung eingesandt werden, da sie Eigentum des Bundes sind. Am nächsten Montag beginnen im Rcichsministerium des Innern die Besprechungen über die Durchführung einiger Bestimmungen des Reichston kordats. Der deutsche Episkopat ist vertreten durch den Erzbischos von Frciburg Dr. Groeber, den Bischos von Osnabrück Staatsrat Dr. Berning und den Bischof von Berlin Dr. Bares. Der schweizerische Bundesrat erklärte, daß sich die Regierung entschlösse,, habe, die Verhandlungen mit der deutschen Regierung über die Transsersrage und wirt» schasilich« Angelegenheiten fortzusetzen. Die deutsch-sranzösischen Handelsvertrags- Verhandlungen haben am Freitagnachmittag pro» grammästig begonnen. Die französische Kammer hat gestern einen Gesetzentwurf angenommen, wonach die grasten Iommcrscrien der französisch«» Schulen vom Monat August aus den Monat Juli vor- verlegt werden. Für die unteren Klasse« werden diese Ferien bis 13. September dauern, während sie für die höheren Klas» sc» sich aus zwei Monate beschränken. Die neue Regelung tritt jedoch erst ab 1935 in Krast Arn Strande von Biarr« tz»ist eine Flutwelle fünf Badegäste ins offene Meer hinaus. Obgleich sofort Rettungs- boote ansgeschickt wurden, denen es auch gelang, alle süns an Bord zu nehmen, war es nicht mehr möglich, zwei von ihnen ins Leben zurttckznrusen. Das Schwurgericht in St. Omer in Frankreich sprach am Fre«tag zwei Mitglieder der royalistische« Bereinigung von der Anklage des Totschlags frei und verurteilte sie nur zur Zahlung eines Schadenersatzes in Höhe von 39 999 Franken an die Witwe eines Kommunisten, der während einer Kundgebung in Henin-Lietard, wobei es zu schivcren Zusammenstöstcn mit den Royalisten gekommen war, getötet worden war. Das Urteil gegen den früheren litauischen Minister- Präsidenten Waldemars s, dag aus zwölf Jahre schweren Kerkers lautet, ist am Freitag rechtskräftig geworden, da Woldemaras von seinem Recht, Revision ein- zulege», keinen Gebrauch gemacht hat. Die Provinz Behar in Britisch-Jndien ist durch Ueber, schwemmung gröstten Ausmastes schwer heimgesucht worden. Man befürchtet den Verlust zahlreicher Menschenleben. Sic werden wieder inuilger Richter gegen Nazipresse Zur Einleitung des neuen Hirtsiefer- Prozesses in Berlin hatten zahlreiche nationalsozialistische Blätter die tollsten Behauptungen über die Angeklagten ausgestellt und harte Urteile verlangt.. Der»w^ite Verhandlungstag ivurde nun von» Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Hoepke, mit eincin eindringlichen Appell an die Presse eröffnet. Ter Vorsitzende äusterte das Befremden des Ge- richts darüber, Sah einzelne Zeitungen schon am ersten Tage des Prozesses dem Urteil des Gerichts durch eine tat fach- l i ch u n r i ch t i g c D a r st e l l u n g des Sachverhaltes vor- gegriffen hätten. Es sei nicht richtig, dast die Angeklagten „Skat- und Stammtischbrllder" des Angeklagten Hirtsiefer gewesen seien. Es sei auch nicht festgestellt, dast die Ange- klagten sich mit den Mitteln der„Nelchszentrale Sandaukent- halt für Stadtkinder" selbst in die Ferien verschickt hätten. Falsch sei auch die Behauptung, dast es sich bei allen Ange- klagten um Parteibnchbeamte handele. Mehrere der Ange- klagten seien fachlich vorgebildete BcrufSbcaintc und der Verbandsleiter Gerlich habe dem Wohlsahrtsininisteriun» nicht angehört. Es sei höchst u n e r iv it n s ch t. wenn schon bei Beginn eines so wichtigen Prozesses das Urteil darüber vorweg genommen»verde, das das Gericht erst in langer, »nühsamer Beiveisaufnahme ermitteln wolle. Scharfe englische Note Ililler-Denfschland des betrügerischen Bankrotts bezichtigt Bor einigen Monaten noch wäre eine solche Kritik an der nationalsozialistischen Presse vom Richtertisch aus gänzlich unmöglich gewesen. London, 22. Juni. Tie englische Regierung hat dem deutschen Botschafter ain 21. Juni eine Antwortnote überreicht. In dieser Note macht die britische Regierung Hitlerdeutschland den unverhttllten Vorwurf, dast es die Gläubigerstaaten zu betrügen versuche, indem es falsche Vorspiegelungen mache und sich selbst künst- lich in den Zustand der Zahlungsunfähigkeit gebracht habe. Auch wirft die englische Regierung Hitlerdeutschland die Verheimlichung von Dcckungsmitteln und die grobe Täuschung des Auslandes vor. Die britische Regierung erklärt in ihrer Antivortnote, sie würdige die Schwierigkeiten der deutschen Regierung in der Tcvisenfrage. Sie sei aber nicht der Ansicht, dast diese eine vollständige Aushebung deS gesainten Transfers für Deutsch- lands Schulden im Gefolge haben müstte. Tie Vertreter der Gläubiger hatten Gründe für die Annahme gesunde»», dah das augenblickliche scharte Fallen der Reichsbank- rcserven»venigstens zu»n Teil die Folge von austergewöhn- lichen Belangen seien, die später Berichtigung finden würden, und dast geivisse Deviseneingänge zu erivartcn seien, die überhaupt nicht in Rechnung gestellt»vären. Man hätte zum mindesten erwartet, dast die Zinsenanleihe für die Tawes- und Aounganleihe voll gezahlt würden. Es be- stehe keinerlei Begründung dafür, dast eine völlige Aus- setzung des Transfers für sechs Monate notwendig»väre. Tie britische Note verweist daraus, dast die deutsche Aus- landsverschuldung von 1930 bis 1934 von 33 Milliarden auf 13 Milliarden zurückgegangen sei und dast bis 28. Februar 1934 nicht»veniger alS 767 Millionen Schuldenverschrci- bungen zurückgekauft seien. Teutschlands Politik bestände offenbar datin, zu behaupten, „es seien keine Devisenbestände verfügbar und sodann die Bestände zu benntzen, um seine Anleihen zu den niedrigen Preisen zurückzukausen, wobei die niedrigen Preise eine Folge der Richtbezahlung der Anleihen seien". Die deutsche Einfuhr nach England habe in den letzten 12 Monaten um 3.3 Millionen Pfund zugenomlnen. Tie Einkuhr aus Teutschland in daS Bereinigte Königreich sei stets gröster'geivesen als die Einfuhr britischer Produtte nach Teutschland. Allein der Ueberschust genüge, um die Zinsen sämtlicher in London ausgelegten deutschen Anleihen mehr als d r e i f a ch zu decken. Und die Zinsen der Londoner An- leihe der TaiveS- und Nonnganleihe mehr als zehnfach Sodann warnt die englische Regierung die deutsche Regie- rung vor der Benachteiligung und Beschränkung im Ber- kehr mit England, insbesondere bei Baumwolle, anderen Garn-n und dergleichen. Zum Schluß erwähnt die britische Note die Tatsache, dast die Regierung sich Vollmachten für die Einführung eines Elearing-Abkoinmens habe geben lassen, um die britischen Interessen zu schützen. Das Ausmast des Schutzes werde da- von abhängen, welche Vereinbarungen mit Teutschland zu treffen seien. Tie englische Regierung schlägt vor. bevoll- mächtigte Vertreter nach London zu entsenden. Frankreich und England Vereinte Gegenmaßnahmen Paris, 23. Juni. In gutunterrichteten französischen poli- tischen Kreisen erklärt man im Zusammenhang mit der Freitagabend veröffentlichten Vcrlautbaruna über d'e von der französischen Regierung beschlossenen Mast nahmen für die Ein treib u n g der Noung- und Taives- Zinsen, dast diele Veröffentlichung in erster Linie eine Antivort auf die letzte Rede des Reichsbank- Präsidenten darstellen sollte, der bekanntlich erklärte, Deutschland müsse jeden Warenaustausch»nit den Ländern einstellen, die enc Kompenjationskasse einrichteten, um die Schulden einzutreiben. Ueber die genaue Art der von der Regierung beabsichtigten Massnahmen bewahrt man jedoch nach»vie vor größtes Stillschweigen. In gutunterrichtetcn Kreisen n'mmt man aber an, daß sie sich eng an die englischen anlehnen. Man möchte jedoch vorläufig noch nichts verlautbaren lassen, um die Möglichkeit einer freundschaftlichen Vereinbarung z wischt» Frankreich und Teutschland nicht zu stören. dnb. London. 23. Juni. Tie englische Presse beschäftigt sich ausführlich mit der deutschen Tchnldcnfrage und unter- streicht besonders die in der englischen Antivortnote an Teutschland enthaltene Einladung, dast deutsche Ber- treter zivecks einer Regelung des Problems nach London kommen sollen. Wie„Times" fest- stellt, sind die Londoner Geschäftsleute sich im Klaren über die praktischen Schwierigkeiten eines Elearingsnsteins. Im ganzen genommen würden d'e englischen Geschäftsleute die Schaffung einer Sonderabgäbe nach der Art der R e c o v e r y- t a x, die seinerzeit zur Erlangung der Reparationszahlungen geschaffen ivur- de, einem Clearing-System vorziehen. TimeS polemisiert dann gegen die Forderung Tr. Schachts, dast die deutsche Rohstoffbasis durch Rückgabe der deutschen Kolonien wieder hergestellt werden soll. Tie letzten Ausgaben des amtlichen deutsche» Kolonialhandbnches hätten einwandfrei gezeigt, dast die deutschen Kolonien eine Belastung, nicht ein Akt vnv,{>-».•>, seien. Iii Deserteure der„deutschen front Röchlings furcht vor einer Piassenilncht der Ernüchterten Saarbrücken, 22. Juni. Ter Landesleiter der„deutschen Front", des Hochkapitalisten junger Mann Pirro gibt be- kannt, dast mit Wirkung vom 30. Juni die Auf« a h n» e in die„deutsche Front" des Saargebietes gesperrt sei. Gleichzeitig wurde angeordnet, daß für ausgetreten« Mit- glieder eine Wiederaufnahme nicht in Frage kommt. Das ist eine vielsagende Mitteilung. Wären die Zahlen- angaben über die Stärke der„deutschen Front" richtig, so iväre die Ausnahmesperre sinnlos. Wozu noch eine solche Massnahme, wenn nach den offiziellen Verlautbarungen schon vor Monaten 93 v. H. der Saarbevölkerung in der „deutschen Front" standen und nach den zahlreichen Acuhe- »ungc» Röchlings sogar 99 v. S. zur„deutschen Front" ge- hören. Da wohl nicht anzunehmen ist, dast die paar Separa- listen, Landesverräter, Marxisten und sonstige Unter- nlenschen, die es nach Röchlings Angabe in einigen Exem- plaren mit Seltenheitswert im Saargebiet gibt, zur„beut- scheu Front" zugelassen»verde», ist die Aufnahmesperre un- verständlich und unnötig. Tagegen ist der zweite Satz der Kundmachung sehr klar. Er gibt mit der bei den treudeutschen Herren üblichen hinter- hältigen Formulierung zu, dast viele Mitglieder auS der „deutschen Front" austreten. Um diese Mitgliederslucht zu ladas Rache Sie£ des Davidstern» über Hakenkreuz und Liktorenbündel Max Eaer schlägt Schmeling und Camera k. o. hemmen,»vird den Teserteuren gedroht, sie würden später nicht mehr ausgenommen, gerieten also auf die Aechtungs- listen für die Abrechnung im Jahre 1933. Diese Trohung wirkt aber zur Zeit im Taargebiet nicht mehr so stark»vie noch vor einigen Wochen,»venu auch die Furcht vor dein Terror noch reichlich groß ist. Tie pcssimi- stische Stimmungsmache aus dem Reiche rückt ins Saar- gebiet vor. Ter Glaube, dast die Unterwerfung des Saar- gebietcs durch das„dritte Reich" unvermeidlich sei, ivankt bei vielen, und nicht»venige davon»vagen es schon, sich still aus der„deutschen Front" zu drücken. Das ist die Titnation, und sie»vird durch den Ukas der „deutschen Front" ungcivollt bestätigt. Ber Katzentammer wachst Stimme der gleichgeschalteten„Saarbrücker Landes-Zeitung" Tie„Saarbrücker LandeSzeitung" sNr. 165) schreibt: Leider scheint gerade im katholischen Rheinlande der Kampf gegen die katholischen Jugendverbände mit besonderer Heftigkeit geführt zu werden. Noch brennt in den Seelen der saarländischen Jungmänner d'e Schmach, die ihr ange- tan wurde durch ein amtliches Schreiben einer rheinischen Regierungsstelle, in dem erklärt wurde, der katholisch« Jungmännerverband habe„gegen den nationalen Ausbruch de» Vaterlandes gearbeitet". Es wird lange dauern, bis sie diese unerhörte Anklage vergessen haben»vird.— Augenblicklich wird unsere Vischossstadt Trier durch zahlreiche über die Ströhen gespannte Schristbänder verunstaltet, auf denen Inschriften folgender An zu lesen sind:„Deutsch: Hungens und Mädel! Meidet die konfessionellen ugendoerbände!"—„Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns!"—„Ter nationalsozialistische Staat kennt nur eine deutsche Jugend: die Hitler-Jugend und den Bund deutscher Mädels." Wen» der altersgraue Trierer Tom, der ja schon allerhand erlebt hat, eine Seele halte, ivürdc er ivahrjcheinlich über solche Agitationsinittcl lächeln. Nicht lächeln würde er aber z. B. über die Tatsache, dast in diesem Jahre im ganzen Rheinland— srcil'ch auch nur im katho- lischen Rheinland!— kein einziger Abiturient, der dem katholischen Schülerbunde„Neu- doutschland" angehört, die Hochschulreise erhalten hat. Eine Illustration zu der Regierungsver- fügung:„Tie Mitglieder der katholischen Organisationen dürfen irgend einen rechtlichen Nachteil in Schule und Staat auS ihrer Zugehörigkeit nicht erfahren." Wer geiuöhnt ist, im Rahmen eines Rechtsstaates zu denken, steht ziemlich fassungslos vor der Art und Weise, wie hier mit den Be- Himmlingen eineS Vertrages umgegangen wird, der die Unterschrift des deutschen Reichspräsidenten trägt. Wun- den, die nach innen eitern, sind die schlimmsten Wunden." Aus bisher noch nicht bekannter Ursache brach am Freitag i« der zur Horremer Brikettsabrik gehörigen Braunkohlen- grübe Fischbach bei Köln, die im Tagebau betrieben wird» Feuer aus, daS auf den Ostftost der Grube überschlug und dort bald grosses AnSmast annahm. Di, freiwilligen Feuer» wehren der Umgebung und zwei Lvschzüge der Kölner Feuerwehr bekämpften den Brand mit etwa S» Schlauchleitungen. Es wird damit gerechnet, dast etwa 30 990 cbm. Braunkohle den Flammen zum Opfer sielen. Menschenleben find nicht zu beklagen. Bei dem Brande einer englischen Hühnersarm in der Gras, schaff Esste sielen 1000 Hühner den Flamme» zum Opfer. Vetren die Geiseln!» Frau Beimler, Frau Steinfurth und alle eingekerkerten Geiseln des Hitler-Faschismus müssen befreit werden Nachdem es der vom Welthilfskomitee für die Opfer des Hitlerfaschismus aus England entsandten Delegation unter Führung des Earl of Listowel gelungen ist, die Ausmerksam- feit der Welt auf das barbarische Geiselsnstem der National- sozialisten zu lenken und die Frau des sozialdemokratischen Abgeordneten Seger durch die Initiative englischer Paria- mentarier zu befreien, hat das Welthilfskomitee nunmehr beschlossen, diese so erfolgreich begonnene Kampagne auf die Befreiung aller Frauen, die wegen der antifaschistischen Arbeit ihrer Männer eingekerkert wurden, auszudehnen. Das Welthiliskomitce bat soeben ein umfangreiches Bulletin über die wichtigsten Fälle der Geiselverhastungen, insbesondere über das Schicksal der Frau des aus Dachau entkommenen Abgeordneten Beimler, der Frau des ermor- deten Abgeordneten Steinfurth und der Frau des ermordeten österreichischen Arbeiterführers Koloman Wallisch, der Oefsentlichkeit zu übergeben. Im Anschluß daran hat sich eine Frauenkommission gebildet, der bis heute schon eine Anzahl von Journalistinnen, weiblichen Rechtsanwälten, Frauen namhafter Universitätsprosessoren und Delegierten mehrerer großer Frauenorganisationen angehören. Diese Kommission hat sich als wichtigste Aufgabe die Entsendung einer Delegation nach Deutschland gestellt, um die Lage der in Konzentrationslagern und Gefängnissen eingesperrten Frauen einzuleiten. Auf Anregung des Welthilfskomitees ist in England und Amerika eine ähnliche Aktion in die Wege geleitet worden, um die Freiheit für Frau Beimler. Frau Steinfurth, Krau Wallisch und alle eingekerkerten Geiseln des Hitlerfaschismus zu erkämpfen. lipari und Oranienburg Am 9. Juni gab der Deutsche Presse-Berlag folgende Notiz an die Zeitungen: „Folgender Vorfall hat in der Bevölkerung von Südtirol starke Erregung ausgelöst: Der Korporator von Lüsen, Michael Summerer, ist nach Lipari gebracht worden, aus jene Fieberinsel, die Dr. Nolbin den Tod brachte. Der Trans- port erfolgte geiesseli. Er hat drei Jahre aus der Insel zu verbringen. Sein Verbrechen? Lauter Kleinigkeiten, die kaum der Beachtung wert sind. Den Ansang machte ein Wortwechsel mit der italienischen Lehrerin, die einem Kinde einen deutschen Katechismus wegnahm. Deshalb verurteilte die Konsinierungskommission am 21. Februar 1933 Sum- merer wegen Aufhetzung der Bevölkerung gegen die italie- nische Schule zu zweijähriger Polizeiaufsicht mit Zwangs- ausenthalt in Lüsen. Da der Geistliche später an einem vom Fürstbischof Geisler von Brixen geführten Pilgerzug nach Rom teilnahm, ohne die Erlaubnis des Poöcsta einzuholen, wurde er im Oktober 1933 zu 5 Monaten Gefängnis bedingt verurteilt. Am 22. März dieses Jahres hatte sich Summerer in Brixen zu verantworten, weil er die Balilla sdas ist die Hitler-Jugend Mussolinisj angeblich„mascherato" genannt habe. Ein Beweis hiesür konnte nicht erbracht werden. Am Lb. April wurde er zum zweiten Male vor die Konfinie- rungskommission nach Bozen geladen und dort zu drei Iah- ren Zwangsaufenthalt verurteilt. Der Ausenthalt auf Lipari ist in den Sommermonaten unerträglich. Wassermangel und katastrophale Hitze machen das Leben zur Hölle. Eine von Bastionen eingesäumte Straße erklettert die Höhe der Tand- bänke, die Lipari beherrschen. Die Ueberwachung ist streng, die Kost mager. Als vor einiger Zeit ein Besucher Liparis sich erkundigte, sagte ihm einer der Gefangenen:„Herr, hier lebt man nicht, man stirbt hier ganz langsam.. To der Bericht der IMprozentig nazischen Korrespondenz. Nur eines vergißt sie zu sagen: die Insel Lipari ist des Hit- lerkolleaen Mussolini Oranienburg. So greift denn die Nazipresse die Einrichtung der Konzentrationslager an. Allerdings der italienischen. Es wird schon so sein, daß Lipari den deutschen Lagern in nichts nachgibt. Die bei- den Faschismen sind einander würdig. Spaltung der christlichen Saar- Gewerkschaften Die Netallarbeiter gegen die Gleichschalter Saarbrücken, 24. Juni 1934. Zwei Konferenzen der christlichen Gewerkschaften fanden an den vergangenen Tonntagen in Saarbrücken statt. Im Deutschherren-Saat in Alt-Saarbrücken tagte am 19. Juni die unter Kiesers Führung doppeltgleichgejchalteie ehemals christliche Bergarbeiterorganisalion, jetzt mit einigen kleinen Organisationen„Deutsche Gewcrkschastssront" genannt. Im Volkshaus in Burbach fand am 17. Juni eine Ver- trauensmännerkundgebung des nicht mehr gleichgejchal- teten christlichen Metallarbeiterverbands unter Picks Füh- rung statt. Ueberaus mutlos war, was der„Führer" der„Deut- schen Gewerkschaftsfront", Peter Kiefer, sagte. Er begann: „Die Situation ist sehr ernst. Wir habe« viele Gegner in der letzten Zeit bekommen." Tann unterbrach er sich und schickte zuerst die gesamte Wirtschaftsbedienung aus dem Saal, weil er wahrscheinlich von dieser Seite her Verrat befürchtete. Nun erzählte Peter Kiefer, daß er„in Berlin vor einem Herrn ganz gewaltig auf den Tisch schlagen mußte und von diesem Herrn forderte, man müsse die Diffamierung der christlichen Gewerkschaften zurücknehmen." Wie emc offene Kampsansage an die„Deutsche Ge- werschaftsfront", an die Bankrottwirtschaft des„dritten Rei- ches" und damit an Pirro-Röchlings„deutsche Front" wirkte die Occteanendmättnwfonlecenj bed djcijUidien Metallarbeiter-Verbandes Welche Bedeutung diese Konserenz hatte, gehl schon aus der Tatsache hervor, daß an ihr 999 Metall- arbeiter teilgenommen haben. Die Konferenz wurde von Gewerkschastssekretär Mockenhaupt, St. Ingbert, eröffnet, der erklärte, es könne niemand in Frieden leben, wenn es seinem Nachbar nicht gefalle. Dies sei in letzter Zeit der Fall. Nach den scharfen Angriffen aus den Führer Pick sei diese Konferenz zur Bereinigung aller strittigen Fragen nötig. Der christliche Metallarbeiter-Verband sei von seinen Grundsätzen nicht abgewichen. Wenn andere Verbände das getan haben und nun glauben, unter dem Teckmantel des Nationalsozialismus ihre schmutzige Wäsche zu waschen, so werde der Verband dem begegnen. Seine Parole laute alle Zeit: Zurück zum Vaterland, in ein Heies Deutschland! Hier ereignete sich ein Zwischenfall: Ein Teilnehmer rief im Austrage der Gleichgeschalteten:„Vaterlandsverräter!" Sofort sprangen ein paar Teilnehmer auf und beförderten den Mann auf ziemlich spürbare Weise aus dem Saal. Tie ganze Versammlung gab ihr Einverständnis durch lauten Beifall kund. Anschließend ergriff der Führer des christlichen Metall- arbeiter-Verbandes, Pick, das Wort. Seinen Ausführungen entnehmen wir: Wir haben 15 Jahre miteinander Politik getrieben. Wir haben unsere Richtlinien genau verfolgt, und jetzt schreien gewisse Leute, die vom Wege abweichen, wir würden Vaterlandsverrat treiben. Als christlicher Metall- arbeiterverband sind wir gegen jede Vergottung von Füh- rern, weil sie selbst nur schwache Werkzeuge sind. Menschen, die heute verleugnen, was sie gestern gepredigt haben, sind Lumpen! Kreaturen glauben jetzt in der Politik sich Lorbeeren zu erringen durch große Worte. Früher waren zu feige»' ch zum Deutschtum zu bekennen. Im Hinblick aus die Rückgliederung meinte Pick:„Auch jetzt müssen wir beobachten, das, die Gcldsäcke sich wieder in den Bordergrund drängen und durch nationale» Rummel als Roßtäuscher austreten. Tie Arbeiterschaft verlangt, genau wie die Beamtenschaft, daß sie nach 1935 gesichert ist. Die Deutsche Arbeitsfront hat im Jahre 1933 beim christ- lichen Metallarbeiterverband in Duisburg fünf Millionen Goldmark beschlagnahmt. Dazu kommt noch die Renten- zuschußkasse mit 899 999 Dollar. Andere Verbände haben ihr Geld nach dem Saargebiet geschafft, ohne sich an die damals bestehenden Devisenbestimmungen zu halten. Unsere Kollegen im Reich wurden entlasten, ohne daß man ihnen ihren Anteil herausgab. Heute wird drüben im Reich unser Geld als Unterstützung ausgezahlt an Leute, die nie Mitglied unseres Verbandes waren! Der Redner schloß unter stürmischem Beifallklatschen mit den Ausführungen, daß der Verband von seinem gesteckten Ziele nicht abweichen werde. Ein Pfäl..er Redner, forderte von den Anwesenden, daß eine Diskussion nicht stattfinden solle. Als Arbeiterausschuß- mann der Burbacher Hütte, H a b e l i tz. eine Diskussion oerlangte und die Beteiligung Picks am Internationalen Kongreß als eine„politische Dummheit" bezeichnete, ver- langte die Versammlung stürmisch, daß Habelitz sofort die Kundgebung zu verlassen habe. UUUJ" H v«uvv**" V O" IBM U«M»Üb m M 4SI Wi MM———— ren Zwangsaufenthalt verurteilt. Der Ausenthalt auf Lipari WrISS^CHBluSm ChU* Telegramme Leys Neues deulsdies Eheredi! Bevorzugte Stellung des ehelichen Kindes III.) Die Grundsätze für die Entwicklung, die das deutsche Ehe- und Fomilienrecht nehmen dürste, werden in den Ver- ö'fentlichungen des Bundes nationalsozialistischer deutscher Juristen eingehend dargelegt. Reichsleiter Buch, der Vor- .....«„.ndlaaen für das neue «xyerecyr:~ manischer Geist habe uberall aut se->*.--•«. huck)tet und zu ihrer Entwicklung beigetragen. Dieser vom Schicksal gestellten Aufgabe könne der neue Staat nur ge- reckt werden, wenn er danach trachte, den deutschen Memchen -u erhalten. Darum stelle der nationaliozialiüliche«taat in den Mittelpunk seiner Sorge die Familie deutschblutiger Menschen. Zur Erhaltung des Volkstums sollen möglichst viele Ehen geschlossen werden. Die Ehen sollen im Hin- blick auf das Kind unlösbar sein. Weitere Aufsätze in dem Organ des BN^-DJ. behandeln dann die Einzelheiten des Familien- und Eherechts. Land- gerichtsbirektor Dr. Gsrörer-Görlitz stellt folgende Grund- säye auf: Die Eheschließung ist nur rassereinen erb- gesunden Bollbürgern zu gestatten, daher Ehetahigkeits- zeugnis. Die Rechtsstellung des ehelichen Kindes deutscher Familie ist gegenüber der des unehelichen aus unkontrol, lierter Verbindung zu bevorzugen. Im ehelichen Güterrecht ,9 iuaunsten der Hausfrau und Familienmutter die Er- runqenschastsgemeinschast als primärer gesetzlicher Güter- stand einzuführen. Die Unterhaltspflicht zwischen Ver- wandten ist zugunsten der Familie auf die kinderlose Seiten- linie auszudehnen. D-e Scheidung von„Fehlehen. aus denen keine Kinder hervorgegangen find, und aus denen rassereine erbaesunde Kinder nicht mehr zu erwarten sind, ist zu erleichtern, die Scheidung anderer Eben ist zu er- sanieren Die Unterhaltspflicht und das Sorgerecht nach der ^»-idittia ist möglichst von der Schuldsrage zu lösen: die wrveb-rechtigle Mutter ist dabei zu bevorzugen Im Erbrecht ist der kinderlos überlebende Gatte aus ein Nutzungsrecht zu beschränken. „Edel sei der Mensch T 91) Tag Kentralinstitut für Erziehung und Unter« richt in Berlin veröffentlicht einen Aufruf. in dem es die Ostler und Schülerinnen der preußischen höheren Lehr- Anstalten auiiordert, sich bei ihr«- Direktoren»um inner- deutschen Schüleraustausch zu melden. Die Austauschpart- nee«erleben ihre Ferien gemeinsam, um sich gegenseitig kennen zu lernen Der Gegenbesuch ist jeweils für die dar- ausfolgenden Ferien vorgesehen. Von diesem innerdeutschen Schüleraustauich sind nichtar.sche Kinder grundsatzlich aus- geschlossen Berlin, 22. Juni. Der Führer der TAF., Dr. Leg, nimmt den außerordent- lich betrüblichen Borfall des Untergangs der„Dresden" zum Anlaß, ein Dutzend Telegramme in die Welt zu verschicken. Aus dem Telegramm an den Norddeutschen Lloyd erfährt man, daß ausländische Agenturen versuchen, Verwirrung zu schasse« oder gar Falschmeldungen über das heldenhafte Verhalten der Besatzung zu bringen. Rur der Haß gegen Hitler, deutschland könne den Anlaß hierzu geben". In der Tat behauptet die ausländische Presse, daß der Un- glücksfall sich erheblich schwieriger und besorgniserregender abgespielt hat, als das Deutsche Nachrichtenbüro wahr haben will. Schon gestern mußten wir darauf hinweisen, daß das Deutsche Nachrichtenbüro selbst schuld daran ist, daß man Mißtrauen in seine Meldungen setzte. Tie ausländische Presse behauptet, baß nach dem Aufstoßen des Schisses sich etwa 199 Passagiere aus den Brücken des Schisfes zu- sammengedrängt hätten. Sie hätten sich dann aus blinder Angst und weil die Mannschaft versagte, inS Meer gestürzt, um schwimmend die Küste, deren erste Lichter man in der Dämmerung ausblitzen sah, zu erreichen. Der Kapitän hätte dann sofort Rettungsboote inS Wasser gelassen und die Mannschaft des Schisses sei daran gegangen, die Unglücklichen aus den Wellen zu ziehen. Erst als der Kapitän merkte, daß das Schiff schwer leck war, voll Wasser lies und schwer Schlagseite bekam, ließ er alle Rettungsboote flottmachen. Um den niederschmetternden Eindruck über den Unglück- lichen Ausgang einer Fahrt, die ausgerechnet„Kraft durch Freude" bringen soll, zu verdecken, überschlägt sich das propa- gandistische Deutschland in unsinnigen Meldungen. Es soll von der Kieler Woche der Kreuzer„Leipzig" zur Unfallstelle gesandt worden sein. In dem Augenblick, in dem der Kreuzer an der Unfallstelle ankommen muß, ist dort selbst- verständlich nichts mehr zu sehen und befinden sich die ge- retteten Passagiere in Bremerhafen. Ebenso lächerlich ist die Meldung, daß das Fischerei-Schutzboot„Weser-Ems" zur Unfallstelle beordert sei. Geradezu unsinnig mutet ein Bericht der„Deutschen Front" des Herrn Pirro an, der überschrieben ist„Heldentaten bei der Rettung". Danach sollte man annehmen, daß das Schisf absichtlich zckm Unter- gang gebracht worden sei, um„deutsche Mannesmut, deutsche Disziplin und deutschen Humor zeigen zu können und das Ansehen unseres Vaterlandes zu mehren". Verödende Weltstadt— Berliner Straßenbahn wirbt um Fahrgäste Abonnier: die„Den! sdie Freiheit" In der Berliner Innenstadt wird es leerer und leerer. An den großen Geschäftshäusern hängen Bermietungspla- kate In den Hauptgeschäftsstraßen und Warenhäusern, in denen sich sonst Menschenmengen drängten, ist der Verkehr r zurückgegangen. Die Abschaffung der automatischen _ o"o- T o i-«r—r 1 w*+* vuvut v|uy v j llerkehrsregelunq hat dem Kundigen gesagt, daß der Autoverkehr stark gesunken ist. Jetzt ist es soweit, daß in Berlin Reklame zum Besuch der Innenstadt gemacht wird! Die Ber- liner Straßenbahnwagen tragen große Reklameschilder:„Je- der Berliner täglich einmal in der Innenstadt!" DaS ist nicht die Folge einer Verlagerung, einer neuen Citybildung. Dort, am Reichskanzlerplatz, wo Herr Goebbels seine Luxus- wohnung hat, wo einst eine neue City entstehen sollte, ist heute verödete Kleinstadt in großstädtischen Bausormen. Diese Notreklame ist durch den unaufhaltsamen Geschäfts- rückgang erzwungen. Aber alle Reklame bringt den Ber- linern nicht mehr Geld in die Taschen und den Geschäften keine Kunden. Die braune Blockade ist mit Reklamekünsten nicht zu besiegen! „In der Sdiuic der Nnedrisdiaft" Deufsdilonds innerpolillsdien Wirren und auoenpoliflsdien Manöver In französischer Deleudifniig Die Konflikte „Journal de» Debats" schreibt: Die innerpolitische Lage in Deutschland ist schiedst, daran besteht keinerlei Zweilei. Vom finanziellen und wirtschaftlichen Standpunkt aus ist sie erbärmlich. Der Nationalsozialismus hat bei dem fanatisierten Volk Hoffnungen auf eine schnelle Verbesserung seiner Lebensbedingungen erweckt. Nichts davon ist eingetreten. Ohne Zweifel ist die Arbeitslosigkeit zurückgegangen, aber zum großen Teil durch künstliche Mittel, vor allem durch die Militarisierung der Jugend, die in die sogenannten Arbeitslager geschickt wird, wo sie vor allem gedrillt wird; im übrigen hat die Herstellung von Kriegsmaterial bestimmten Industrien Auftrage verschafft. Indessen existiert eine wirkliche Unzufriedenheit. Die wiederholten Warnungen an diejenigen, die sich beklagen oder die Regierung kritisieren, sind in diesem Zusammenhang bedeutungsvoll. Hitler beschloß seine Rede, die er gestern in Thüringen hielt, mit einer Drohung gegen sie. Die Rede ist allerdings vor allem für das Ausland bestimmt. Der Kanzler wollte gern in der auswärtigen Politik Gründe für die Zufriedenheit des Volkes finden. Darum veranstaltet er zahlreiche Kundgebungen und unternimmt diplomatische Schritte. Die Zusammenkunft in Venedig ist darum im rechten Augenblick gekommen. Der Führer rechnet damit, daß die kommenden Wahlen in Oesterreich, die von Mussolini zugesagt worden sind, für die nationalsozialistische Partei einen Erfolg bedeuten werden. Eine Zusammenkunft mit Marschall Pilsudski und Barthou würde ihm sehr zusagen. Hier liegt auch wahrscheinlich der Grund für die Reise von Goebbels nach Warschau und die von Ribbcntrop nach Paris. Der Chef der deutschen Regierung möchte gern als Sieger nach Genf zurückkehren, als ein Mann, den man nicht entbehren kann und der Bedingungen zu diktieren und nicht Entschuldigungen vorzubringen hat. In dieser Absicht zeigt er sich als ein Musterknabe. „Wenn mir die Frage vorgelegt uiiid: Was wollen Sie tur Befriedigung der Welt tun? so sage ich: wie haben das Höchste getan, indem mir ein 70-Millionenvolk(eine. Zahl die, stellen teir es fest, unterstellt, daß Oesterreich bereits annektiert ist) nicht nur im Geiste der Selbstachtung, sondern auch zum Geiste der Achtung der Rechte der andern erzogen haben." Diese erstaunliche Behauptung wird durch die Aufforderung an die Staatsmänner anderer Länder ergänzt, die gebeten werden, dem inneren Leben ihrer Nation einen Teil der Aufmerksamkeit zu widmen, die sie den äußeren Ereignissen zuwenden. Daß Adolf Hitler, der Führer der Nationalsozialisten und Schöpfer des Regimes, das in Deutschland die Konzentrationslager eingeführt hat, der Mann, der in„Mein Kampf" schrieb, es sei die Pflicht des Reichs, Frankreich zu vernichten, die Achtung vor den Rechten anderer predigt, ist prachtvoll. Am gleichen Tage hielt von Papen in der Universität Marburg eine sehr seltsame Rede. Der Vizekanzler, der sich verschiedentlich, vor allem während seines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten so verhalten hat, daß man kein Vertrauen zu ihm haben könnte, ist doch über gewisse nationalsozialistische Methoden betroffen. Er beklagte sich über das Vorgehen der Nationalsozialisten. Er erklärte, das System dieser einzigen Partei sei nur so weit und so lange gerechtfertigt, als es notwendig war, um die Macht zu erlangen. Er erklärte, das deutsche Volk setze sich großen Gefahren aus, wenn es sich außerhalb der christlichen Völker stellte. Er forderte„Menschlichkeit, Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz" und beeilte sich hinzuzufügen, als wolle er sich für eine solche Kühnheit entschuldigen,„das seien keine liberalen Konzeptionen, sondern christliche und urdeutsche Forderungen". Die Worte von Papen sind ein Zeichen für die Konflikte, die zwischen gewissen Nationalsozialisten und den alten deutschen Konservativen bestehen. Diese sind entsetzt über bestimmte Konsequenzen des Nationalsozialismus. Vor allem ist ihnen der Kampf gegen die Kirche unangenehm. Das ist umso begreiflicher, als er weit davon entfernt ist, abzuflauen. Die höchsten Würdenträger der katholischen Kirche werden immer noch von der Polizei beobachtet, und in den Konzentrationlagern sind noch zahlreiche Priester. Aehnliche Feststellungen können für die protestantischen Kirchen gemacht werden. Freitag, das heißt zwei Tage vor der Marburger Rede', erschienen sieben mecklenburgische Pastoren in Schwerin vor einem der Sondergerichtshöfe, die grade erst geschaffen worden"sind und gegen deren Urteile es keine Berufung gibt. Zwei wurden freigesprochen, die Pastoren Holtz. Schwartzkopf und Fahrenheim wurden zu sechs, vier und drei Monaten Gefängnis und die Pastoren Ohse und Berg zu 1000 Mark oder einem Monat Gefängnis, beziehungsweise zu 700'Mark oder drei Wochen Gefängnis verurteilt. Der Kampf zwischen zahlreichen Pastoren, die sich um A iemoeller und den berühmten Bischof Müller gruppieren, dauert fort. Weiter hört man von der Agitation in Universitätskreisen. Gegen bestimmte alte Studentenkorporationen in Bonn und Heidelberg wurden Maßnahmen ergriffen. In Heidelberg hat man sogar zwei Corps aufgelöst, die sich weigerten, alte Mitglieder, die mit Juden versippt sind, auszuschließen. Aus diesen Tatsachen und vielen anderen Erscheinungen, die man anführen könnte, schließen wir gewiß nicht, daß das Hitlerregime ernstlich bedroht ist, wie gewisse Leute es tun. Männer, die die Macht in der Hand haben und sich ihrer skrupellos bedienen, werden sie sich nicht entreißen lassen. Alle Diktaturen haben Krisen erlebt, die ihren baldigen Zusammenbruch erwarten ließen. Die Tatsache aber bleibt, daß die Wirren in Deutschland vorhanden sind, daß sie groß sind und daß sie bedeutende Folgen haben können. Die Politik des Reiches ist so, daß man sich dazu beglückwünschen muß. Man würde einen unverzeihlichen Fehler begehen, wenn man dem Kanzler Hitler helfen würde, die Schwierigkeiten leicht zu überwinden. Man dürfte ihm zum Beispiel zu keinerlei scheinbaren oder wirklichen diplomatischen Erfolgen verhelfen, die er sucht, und man sollte sich zu keinerlei Zusammenkünften bereitfinden, die er wünscht. Aus diesem Grunde muß man auch seinen Abgesandten, wie dem höflichen von Ribbentrop, mißtrauen, der bereits im vergangenen Herbst der Vermittler für das berühmte Interview im Matin war. Jahrelang machte man die größten Anstrengungen, Deutschland zu helfen, weil man annahm, daß der Verfall Deutschlands furchtbar sein würde. Diese Politik war verhängnisvoll. Die wirtschaftlichen finanziellen. politischen und moralischen innerdeutschen Wirren sind ein glückliches Phänomen für Europa, das durch ein einiges, handlungsfähiges Reich bedroht wäre. Das wäre nicht so, wenn Deutschland sich verändert hätte. Aber das Deutschland des Dritten Reiches ist in einer noch viel schlimmeren moralischen Verfassung als das Wilhelms II., das den furchtbarsten der Kriege verschuldet hat. Pierre Bernau. Es isf mögllth... P e r t i n a x schreibt: Am Sonntag hielt der Vize-Kanzler von Papen an der Universität in Marburg eine Rede, die in Deutschland Aergernis erregte. Dieser hohe Würdenträger des Staates hat den Mut gefunden, die Auswüchse der nationalsozialistischen Revolution anzuprangern. Er hat wörtlich erklärt, daß das Einparteisystem nur eine Zeitlang dauern dürfe, und daß, sobald die Gründung des neuen Deutschland einmal auf festen Füßen stehe und die Führer eingearbeitet seien, der Wille des Volkes wieder zu seinem Rechte kommen müsse. Der Mann, der diese Aeußerungen macht, ist mehr als irgend jemand für die Ereignisse des 30. Juni 1933 verantwortlich. Er war es, der den Rücktritt des Reichskanzlers von Schleicher vorbereitete, indem er den Reichspräsidenten von Hindenburg davon überzeugte, daß er ohne Furcht die staatliche Macht dem Führer der Braunhemden übergeben könne. Ohne Zweifel bildete er sich ein, daß er und seine deutsch- nationalen Freunde, mit der Unterstützung der Beamtenherrschaft und der Armee, die wirkliche Macht in Händen behalten würden. Nun schreit er Alarm und seine Rede verschwindet aus den Zeitungen auf Anordnung des Reichskanzlers, Aus den telegrafischen Nachrichten ist zu entnehmen, daß die„Frankfurter Zeitung" im Handumdrehen von dem umstürzlerischen Text bereinigt wurde. Stehen wir gegenüber einer abgesonderten Gebärde oder müssen wir daraus schließen, daß eine Welle der Unzufriedenheit sich inDeutschland zu erheben beginnt? Es ist unmöglich, diese Frage zu beantworten. Was die materiellen Interessen betrifft, die so hart angegriffen sind, der leidende Zustand der deutschen Wirtschaft unter den Zwangsmaßregeln, die sie von allen Seiten einschnüren, die Zaghaftigkeit des Kapitals, das keinen Weg findet, durch die Maschen der Kontrolle durchzuschlüpfen, so zeugt dies alles von Untätigkeit und Resignation. Was die geistigen Interessen betrifft, die im allgemeinen sich am heftigsten zu verteidigen pflegen, so ist die Prüfung weit davon entfernt, entscheidend zu sein. Hochgestellte Persönlichkeiten haben ihre Stimme erhoben, der Kardinal Fauihaber, Erzbischof von München, zum Beispiel, dessen Fastenpredigen ein Beweis von staatsbürgerlichem Mut sind, der protestantische Theologe Karl Barth usw. Aber es scheint nicht, daß die Massen bewegt sind. Kürzlich wurde auf katholischer Seite der Bischof von Würzburg in seinem Palais wiederholt von der Hitlermenge beschimpft, und auf evangelischer Seite hält der Reichsbischof Müller dem „Pfarrernotbund" ohne Schwierigkeiten Stand. Im Januar haben sich alle Pfarrer der Opposition untergeordnet. Einzig und allein die westfälischen evangelischen Kirchen haben ihre Selbständigkeit gewahrt. Es ist möglich, daß das Prestige Hitlers in den letzten Monaten erschüttert worden ist. Abel daß Adolf Hitler 10 bis 13 Prozent seiner moralischen Macht eingebüßt hat, hat wenig Bedeutung für die unmittelbare Zukunft. Was die fernere Zukunft betrifft, so muß man sich fragen, ob Deutschland in der Schule der Knechtschaft den Sinn staatsbürgerlicher und politischer Freiheit erfassen wird oder, ob es bei der geringsten Erleichterung der Verfassung, die eintreten könnte(und der Einfluß der Fanatiker scheint sich abzuschwächen), sich als eine gefällige, befriedigte und mit wenigem zufriedene beeinflußbare Masse zeigen wird. Die zweite Möglichkeit hat vielleicht mehr Aussicht auf Erfolg. Nerv oslfäl der deulsdien Diplomatie „Le Temps" schreibt: Die deutsche Diplomatie zeigt weiter eine Aktivität, die von einer gewissen Nervosität nicht frei ist. Sie äußert siel, auf den verschiedensten Gebieten; sie arbeitet mit Improvisationen, die vor allem auf die Fantasie des Volkes wirken und über die wahre Lage des Reichs in Europa nach anderthalb Jahren Hitlerdiktatur bei den Massen jenseits des Rheins Illusionen erwecken sollen. Der Führer sieht sich in seinen eigenen Schlingen verstrickt, er ist der Gefangene seiner Mystik, seiner Lehre und seiner nationalsozialistischen Anhänger, er macht wütende Anstrengungen, einen Ausweg aus der Lage zu finden, die durch die diplomatische Isolierung Deutschlands geschaffen wurde. Ein Deutschland, das einzig durch seinen Willen den Bestimmungen des Versailler Vertrags zum Trotz eine Rechtsgleichheit wiedererlangt, die einer militärischen Vorherrschaft gleichkäme, ein Deutschland, das gegen Genf und gegen ganz Europa strahlend seine sogenannte Mission eines auserwählten Volks unter Beweis stellt, das ist das Wunschbild, durch das man ein großes Volk über seine Not, seinen betrügerischen Bankrott, seine moralische und politische Isolierung hinweg zu trösten versucht. In Wahrheit aber ist das Reich für das Scheitern der Abrüstungsverhandlungen verantwortlich zu machen Das Mißtrauen der ganzen Welt dem Reich gegenüber, der Verzicht auf eine Expansion nach Osten— aus der Notwendigkeit heraus, ein Abkommen mit Pol-n zu schließen, um sich volle Bewegungsfreiheit Oesterreich gegenüber zu sichern— das Scheitern der wahnwitzigen Kampagne gegen die Wiener Regieret, x, die, wenn die Zusammenkunft in Venedig irgendeine Bedeutung hat, heute in dem Verzicht auf einen nationalsozialistischen Angriff, in der wenigstens vorläufigen Anerkennung der Unabhängigkeit Oesterreichs seineu Ausklang findet, die Möglichkeit einer deutschen Niederlage bei der Volksabstimmung an der Saar durch die Ahne zu g der Katholiken und saarländischen Sozialdemokraten und endlich die Spannung mit Rußland in der gleichen Stunde, in der dieses in den Kreis der großen Mächte zurückkehrt und zu einem wesentlichen Faktor aller Sicherheit in Osteuropa wird, sind ein endgültiges Hindernis für eine deutsche Vorherrschaft. Gegen diese Tatsachen wehrt sich der Kanzler, der einzig darauf bedacht ist, sein Regime zu retten, wenn er auch einige der Grundsätze opfern muß, die in den Augen des deutschen Volkes, das vom Rassenwahnsinn besessen ist, das Dasein des Dritten Reiches rechtfertigen. Dem Manne fehlt es weder an Mut noch an Geschicklichkeit, aber er wird durch die harte Wirklichkeit beherrscht. Der zauberhafte Aufzug in Venedig sollte vor allem den Anschein erwecken, daß das Dritte Reich trotz allem die Freundschaft und die Stütze einer großen Macht auf dem Kontinent gefunden habe. Der offizielle Besuch des Propagandaininistcrs Goebbels in Warschau in dem gleichen Augenblick wurde von derselben Absicht diktiert, das deutsche Volk von der Bedeutung des Reichs für das internationale Geschehen zu Uberzeugen und von der Bedeutung des Vertrages, den man sich nicht scheut, deutsch-polnische Freundschaft zu nennen. Weiter unternahm v. Ribbertrop, der das V ertrauen des Kanzlers Hitler genießt, privatim eine Demarche in Paris, wo er mit Louis Barthou eine Unterredung über die deutsch- französischen Beziehungen hatte. Schließlich erfährt man, daß der deutsche Botschafter in Moskau, Nadolny, in Ungnade gefallen ist, und daß er durch den Grafen von Schulenberg ersetzt werden wird, der Gesandter in Bukarest war, wo es ihm bekanntlich trotz größter Anstrengungen weder gelungen ist, die Außenpolitik Rumäniens zu beeinflussen, die Titulescu mit starker Hand führt, noch die Festigung der Kleinen Entente und den Abschluß des Balkanpaktes zu verhindern. Diese ganze ein wenig wirre Tätigkeit der Diplomatie des Reichs verrät die Unruhe, die in Berlin bezüglich der kommenden Entwicklung der internationalen Situation herrscht. Das Versprechen einer deutsch-italienischen„engen Zusammenarbeit" dürfte nicht genügen, die Lage so zu verbessern, daß der Führer für sein Regime daraus großes Kapital schlagen könnte. Italien wird die Politik des Reichs unter gewissen Umständen wohl erleichtern können, aber die Tatsache, daß es sich weigert, eine Initiative zu ergreifen, um die Rückkehr Deutschlands nach Genf zu beschleunigen, beweist zur Genüge, daß Mussolini die..enge Zusammenarbeit" mit dem Kanzler Hitler nicht so weit zu f treiben gedenkt, daß er die Aussichten seiner eigenen Politik gefährdet. Nun ist für das Reich kein Ausweg ohne seine Rückkehr in den Völkerbund und ohne eine ehrliche Regelung des Abrüstungsproblems möglich. Der Führer wollte sich ohne Zweifel über die Möglichkeiten, die auf Seiten Frankreichs vorhanden sein könnten, Rechenschaft ablegen und beauftragte deshalb v. Ribbcntrop, hier vorsichtig vorzutasten. Man sah den Vertrauensmann des Reichskanzlers bereits in London operieren, wo er sich bemühte, die französisch-britische Front zu durchbre hen und wo man ihn kurz abwies. Darauf sah man ihn in Rom, wo man ihn mit größerer Willfähigkeit anhörte, wodurch Italien veranlaßt wurde, sich seiner Stimme über die Entschließung, die tatsächlich die französisch englisch-ameri- kanische Front in Genf schuf, indem sie der Sicherheit den ersten Platz einräumte, zu enthalten. Die Stellung Frankreichs ist bekannt; sie lag eindeutig fest. Sie ist hinsichtlich der Prinzipien wie auch hinsichtlich der Sicherheitsmaßnahmen, welche die riesige Aufrüstung des Reichs verlangt, fest Die Regierung der Republik hat keinen Grund, sie zu ändern. Sie wird nicht durch die Um- stände gezwungen, wie die deutsche Regierung. Sie stützt sich auf die ganze Nation, sie hat volle Bewegung«freih»it für ein ehrliches Handeln. Sie betreibt eine Politik der Sicherheit und des Friedens, die niemanden bedroht, dio aber auch durch keinen Druck und durch keinerlei auswärtige Manöver gefälscht wird. Deutschland hat die V er- handlungen freiwillig verlassen. Es kann morgen seine* Platz wieder einnehmen, aber es sollte nicht erwarten, dal es durch wesentliche Zneeständnisse für einen Abfall b» lohnt wird, der einen wahren Verrat an der Sache der ath gemeinen Abrüstung und des Friedens darstellt. Wenn die offizielle deutsche Presse den Besuch vo» Goebbels in Warschau mit befohlener Begeisterung aus?*» beuten versucht, so zeigt die polnische Presse im u*gensaf dazu bei diesem Thema große Zurückhaltung. Tn ihrei* Wunsch, das Prestige des Führers zu stärken, gefallen sich die Deutschen darin, zu unterstellen, die Demarche von Goebbels habe das Ziel, eine baldige Zusammenkunft des Kanzlers Hitler und des Marschalls Pilsudsky vorzubereiten, die z. B. in Danzig stattfinden könnte. Danzig wäre so das Gegenstück zu Venedig. Was ist an diesem Gerücht? Man wird bald über diesen Punkt Bescheid wissen. Aber inzwischen begnügt man sich auf polnischer Seite damit, zu versichern, daß eine aufrichtige und tiefe Freundschaft Polen mit dem demokratischen Frankreich verbindet, daß die Diktatur des Proletariats Polen nicht gehindert hat, sich mit Sowjetrußland zu verständigen, und daß, wenn die deutsche Regierung mit seinen Nachbarn gute und ehrliche Beziehungen pflegen will, Polen gern damit einverstanden ist. Eine Verständigung mit Deutschland könne allerdings nicht bedeuten, daß Polen auch nur einen Augenblick daran denkt,„seine Pflicht zu größter Wachsamkeit" außer Acht zu lassen. Es gibt, wie man sieht, eine ganze Reihe von Zeichen für die diplomatische Aktivität des Reichs, auf die hingewiesen werden muß und die vor allem darlegt, daß es für Berlin notwendig ist, Kontakt zu suchen, um sich von der Isolierung zu befreien, in der sieh Deutschland freiwillig verschanzt hat. Deutsdie Stimmen•(Beilage zur„Deutschen Freiheit"• frd^nisse und Geschichten Wf-#«•'"«JWI# Sonntag-Montag, den 24. und 15. Juni<»34 3hutteckocn spricht fließend JÜese JUisezeit Von Georg Wilman Der Zug hatte die Grenze passiert. Bald darauf kam ein Franzose ins Abteil. Butterkorn bebte vor Erregung. Jetzt war der große Augenblick da! Zum erstenmal in seinem Leben saß er einem leibhaftigen lebendigen Franzosen gegenüber, zum erstenmal konnte er seine vorzüglichen französischen Spradikenntnisse an den Mann bringen. Jetzt sollte sich zeigen, was er in drei Schuljahren mühsam und gelegentlich vom Bohrstock unterstützt gelernt hatte. Jetzt oder nie! Der Franzose beugte sich, als habe er Butterkorns Gedanken erraten, zu ihm hinüber und sagte: „Excusez, Monsieur, mais Qa fait terriblement cliaud ici. Vous permettez d'ouvrir la fenütre?" Butterkorn verstand:.,Küsehsjö, fä riblemangscho metteh uwrir fnätre?" Er machte ein entsprechendes Gesicht und suchte krampfhaft in seinem Gehirn nach dem Sinn dieses Satzes.„Kuseh"— das hieß wahrscheinlich cousin, Vetter. „Sjö", das wußte er, war die Abkürzung für Herr. „Riblemangscho"— das war ihm absolut unbekannt. Vielleicht der Name einer Firma?„Metteh"— das war eine Form von„mettre" und hieß setzen, stellen, legen.„Uwrir" — das war ein schlecht ausgesprochener„ouvrier" und hieß Arbeiter.„Fnätre"— das war? He? Das war— Augenblick, la table, der Tisch, la porte, die Tür, la fen fiifi nflcÄ in der Welt wiederbolt. Unsere Töchter, die Oapnen Roman von HermyniaZurMühlen. 5 Um diese Zeit hatte die.Gräsin Agnes einen großen Kum- mer. Ihre Tochter Claudia war seit ungefähr einem Jahr immer schrulliger geworden. Manchmal sprach sie tagelang kein Wort, dann wieder war sie von einer wilden Lustigkeit, redete fremde Menschen.an, besonders Männer, lachte wie verrückt und bekam dann, mitten im Lachen, einen Wein- krampf. Sie war jetzt fünsunddreißig Jahre alt, aber sie sah aus wie vierzig ober noch mehr, ganz schmal und verhutzelt, und in dem blassen Gesicht glänzten nur die großen blauen Augen, die sie von der Mutter hat. Die Gräfin wußte nicht, was sie mit Claudia anfangen sollte. Tie selbst ist ja so still und zart, daß sie das wilde Wesen der Tochter nicht begreifen konnte. Manchmal sah es auch fast so aus, als ob Claudia die Mutter haßte. Und eines Nachts versuchte daS Mädchen, sich umzubringen. Sie sprang in den See und wäre auch er- trunken, wenn nicht ein paar Fischer sie herausgezogen hätten. Sie kam in eine Heilanstalt und blieb zwei Monate dort. Als sie heimkehrte, schien sie zuerst ganz muirter und froh und sprach immer von dem Arzt, der sie behandelt hatte. Sie deutet an, daß er in sie verliebt sei und nur nicht woge, seine Liebe zu gestehen, weil er ein einfacher Bürgerlicher, sie aber eine Comtesse ist. Doch muß sie sich getäuscht haben, denn der Arzt heiratete kurz daraus ein junges Mädchen, ' mit dem er schon verliebt gewesen war, als Claudia in die Anstalt kam. Claudia wurde wieder mürrisch und böse. Tie schien jetzt alle Menschen zu hassen, ihre Mutter, mich, meine Toni, vor allem aber Lieselotte Feldhüter, die ein hübsches Mädchen geworden war und an allen zehn Fingern Verehrer hatte. Wenn Claudia auf der Straße Lieselotte begegnete, rümpfte sie die Nase, als ob es irgendwo schlecht rieche, und ging ohne Gruß an ihr vorüber. Das ärgerte die Frau Doktor Feldhüter furchtbar. Sie erzählte überall herum, Claudia sei hysterisch und mannstoll, und überhaupt die ganze Familie, die alte Gräfin mit ihrem Hochmut, die sich zu großartig vorkomme, um mit den achtbaren Familien der Stadt zu verkehren. Dabei gibt es keinen Menschen, der so wenig hochmütig ist wie die Gräfin Agnes: sie konnie nur das Getue der Frau Doktor nicht leiden. Also am dritten Januar 1931 wurde die Fabrik geschlossen, in der meine Toni gearbeitet hatte, und alle Arbeiter und Angestellten lagen aus der Straße. Viele von ihnen jammer- ten schrecklich, was ja auch begreiflich war, denn wo sollten sie Arbeit finden? Es wurden im ganzen Reich Betriebe geschlossen, und viele andere arbeiteten mit halber Beleg- schast. Meine Toni suchte zuerst verzweifelt nach einer Stelle, aber sie fand nichts. Freilich bekam sie eine Unterstützung, und wir hätten leben können, aber das Nichtstun machte sie halb verrückt. Ich ging als Ausräumsrau in ein paar Häu- ser, und meine Toni versorgte bei uns den Haushalt. Aber was gab es da schon zu tun? Sie holte die Bücher meines armen Anton hervor und las und las, und wenn der Seppel kam. stritten sie immer häusiger, und jetzt stritten sie nicht mehr wie Liebesleute, sondern wie erbitterte Gegner. Auch mit mir begann die Toni zu streiten, und auch mit ihren allen Freunden und Freundinnen, mit den Genossen, die zu uns kamen. Nichts war ihr recht, an allem hatte sie etwas auszusetzen. Ich nahm es ihr nicht übel, ich wußte, die Untätigkeit frißt in ihr, und die Angst vor der Zukunft. Aber eS war ja doch eine böse Zeit: wirtschaftliche Sorgen und daheim das Mädel, dem man nichts recht machen konnte. Ich war froh, als der Winter einunddreißig vorüber war. Im Sommer, wenn die Gäste kommen, dachte ich, werbe ich wieder besser verdienen, und vielleicht findet die Toni dann auch Arbeit. Ich bin immer so gewesen: sobald die ersten Knospen kommen, habe ich das Gefühl, jetzt muß alles besser werden. Dieser Porfrühling war eine aufgeregte Zeit. Der Reichs- Präsident sollte neu gewählt werden. Ueberall klebten Wahl- aufrufe, und alle Parteien hielten Versammlungen ab. Ich war ein wenig erstaunt, als unsere Partei für die Wieder- wähl Hindenburgs eintrat, denn schließlich ist der alte Mann doch ein Junker und paßt nicht zum Präsidenten einer Ar- beiterpartei. Doch überlegte ich mir. daß er nun schon viele Jahre Reichspräsident gewesen war und die Republik ge- schützt hatte.„Treue um Treue" stand auf den Plakaten, und ich dachte, ein so alter Mann, der den Eid auf die Verfassung geschworen hat, w-rd ihn nickt brechen. Vielleicht ist er nicht sehr gescheit, vielleicht versteht er die Arbeiter nicht, aber er ist ein ehrlicher, anstandlger Mensch, er w'rd seinen Eid halten. Der Sepvel kam jetzt wieder öfter zu uns und wollte uns überreden, den kommunistischen Kandidaten zu wählen. Aber er hatte damit kein Glück. Ich mußte mich doch an das hal- ten, was die Partei vorschrieb, und Toni lachte höhnisch und sagte: „Ach. euer Thälmann. der muß ja doch tanzen, wie Mos- kau pfeift. Fällt mir nicht ein, ihm meine Stimme zu ge- ben." Ter Seppel wurde ganz böse. „Daß deine Mutter den Alten wählt, das kann ich noch verstehen. Tie ist seit Jahren Sozialdemokratin und läßt sich alles einreden. Aber du?" „Ich denk nicht daran, den Alten zu wählen," hat meine Toni gesagt.„Aber ich will dir etwas sagen. To ein inter- nationaler Sozialismus ist nichts für uns Deutsche. Wir haben ja gesehen, wie viel uns die Internationale geholfen hat. Wir brauchen einen deutschen Sozialismus, der für unser Land paßt." Ter Seppel hat sie angestarrt, als wäre sie verrückt ge- worden. Tann ist er ganz langsam aufgestanden und hat gefragt: „Was willst du damit sagen?" Tie Toni war etwas verlegen geworden. Tie hat zuerst mich, dann den Seppel angeschaut und leise geantwortet: „Ich weiß es noch nicht. Aber wenn ich wähle, so wähle ich einen Arbeiterführer."* „Also doch den Teddy! Warum sagst du das nicht gleich, du dummes Mädel?" „Es gibt noch einen," hat die Toni gesagt, und ich Hab zuerst gar nicht begriffen, was sie meint. Der Seppel hatte keine so lange Leitung gehabt wie ich. „Ten Schwindler, den Scharlatan! Hast du den Verstand verloren? Ten Kerl, der nur daS Maul ausreißen kann und sich von der Schwerindustrie bezahlen läßt, den Hitler?" Mir ist der Schrecken in die Beine gefahren: das kann doch nicht der Toni ihr Ernst sein? Das kann doch nicht die Tochter von meinem Anton sagen. Ich muß ganz blaß geworden sein, denn der Seppel hat sich neben mich gesetzt und tröstend gesagt: „Sie hält uns ja nur zum Narren. Genossin. Ist ein viel zu gescheites Mädel, um so etwas zu tun." lFortsetzung folgt.) Wir und die deutsche Wirklichkeit Ein Flabnwort von Georg Detter Wir entnehmen diesen nachdenklichen Aufsaß dem soeben erschienenen Heft 9 der„Zeitschrift für Sozialismus".(Verlagsanstalt„Graphia" Karlsbad.) Für jede politische Emigration besteht die große Gefahr, baß ihr das lebendige Gefühl für die Verhältnisse im Heimat- land verloren geht nnd diese dann als Fiktionen konstruiert werden. Sei es. daß man sich die Entwicklung so vor- stellt, wie man das wünscht, oder daß man sich voreilig ein Schema der künftigen Entwicklung zurechtmacht, in das dann alle Tatsachen mit Gewalt hineingepreßt werden, sei es schließlich, daß man einfach ein ungenügendes Insormaiions- Material unberechtigterweise verallgemeinert, im Endergebnis entsteht ein fingiertes, in der Wirklichkeit nicht bestehen- des Land, das man noch dazu in eine ebenso fingierte Um- melt hineinstellt. Für die heutige deutsche Emigration ist die Gefahr, sich ein fingiertes Teutschland zurechtzumachen, um so größer, da viele schon seit mehreren Fahren in ihren politischen Kon- struktionen und dementsprechend in ihrem politischen Han- dein nicht mehr von der Wirklichkeit, sondern von einem imaginären Volk, von imaginären Klassen oder mindestens von einer imaginären Klassenpsychologie und von falschen Auffassungen über den Prozeß der politischen Willensbil- dung ausgingen. Tie grausamen Erfahrungen haben leider den Wirklichkeitssinn nicht in genügendem Maße erwachen lassen; die alte Gcivohnheit, mit Fiktionen zu operiere», hat sich eher verstärkt. Indessen ist der Weg zur Erkenntnis viel schwieriger geworden, da für die Emigration sowohl als auch für die in Teutschland Gebliebenen eine außerordent- liche Einengung des Beobachiungsfeldes eingetreten ist. zum Teil infolge der grandios organisierten Lüge, die jetzt die allein erlaubte Informationsanelle ist. Tie Organisatoren dieser Lüge wissen selbst nicht immer, was von ihren Be- hauptungcn falsch oder r-chtig ist. Um so mehr brauchen wir Selbstdisziplin in unserem Denken, um uns vor den allzu leicht entstehenden Fiktionen zu bewahren. Darum dürfen wir aber noch nicht resignieren. An sich ist es durchaus möglich, vieles über die deutsche Wirklichkeit zu erfahren. Was fehlt, ist erstens einmal eine Organi- s a t i o n für die Sammlung und kritische Durcharbeitung der Informationen, die eine Gewähr für die Zuverlässigkeit der Quellen und die Genauigkeit der Wiedergabe verbürgen sollte. Gleichzeitig mit dem Ausbau einer solchen Organi- sation muß sich eine Art Quellenkunde entwickeln, die die Unterlage dafür bieten würde, wie man die Zuverlässig- keit der Quellen und das Maß ihrer Gültigkeit über das rein Lokale hinaus einschätzen soll. Ich denke dabei selbst- verständlich weder an ein wissenschaftliches Institut, noch an eine lange methodologische Arbeit mit psychologischen Ex- perimcnten, sondern an einen rationell organisierten Ans- tausch der Erfahrungen, aus dem sich gewisse Richtlinien er- geben würden. ES ließen sich z. B bestimmte Kontrolltragen ausarbeiten, die bei den Unterhaltungen mit den Zeuge» aus Teutschlnad zu stellen wären, um aus diese Welse ihre Aussagen präzisieren zu können. Man muß sich überhaupt ""klar werden, daß es'meistens nicht genügt, die Leute aus dem Reich erzählen zu lassen, sondern daß es eine Kunst auszufragen gibt, die man an, besten durch den erwähnten Austausch der Erfahrungen lernen kann. Diese Kunst darf aber nicht dann bestehen, daß man bestimmte Antworten suggeriert. Diese unsere Anregung bezieht sich in der Hauptsache auf die Registrierung öer Tatsachen, wozu auch Berichte über Stimmungen zu zähle» sind. Es handelt sich also um eine wichtigere Erkcnntnisquclle, aber noch nicht um die Erkennt- nis selbst, die sich erst aus der Durcharbeitung des Tatsachen- Materials ergeben tan». Und hier begegnen wir großen Schwierigkeiten. Denn schon die Art. wie die registrierten Tatsachen apperzepiert werde», kann von ausschlug- " gebender Bedeutung für die Schlußfolgerungen werden. Eine richtige Beobachtung kann falsch ausgenommen und gedeutet werden, wenn kein richtiger Aufnahmeapparat da ist. wenn nämlich ihr Inhalt durch Begriffe erfaßt wird, die einem an- deren wirklichen oder gar nur imaginären Inhalt entsprechen. Ueberlegen wir uns z. R., ob die Bezeichnungen„Arbeiter". „Arbeiterschaft",„Arbeiterklasse" heute noch den gleichen In- halt haben, mit den gleichen Borstellungen verbunden wer- den dürfen wie früher. War es schon bisher ein Fehler, solche Begrisse zu sehr zu verallgemeinern und die Rela- tivität solcher begrifflicher Einheiten zu unterschätzen, so ist heule besondere Borsicht am Platze. Aus mehreren Gründen! Erstens bedeutet die vorgenommene Gleichschaltung, also die äußere Uuisormierung und erzwungene Zusammenfassung in einem vrganiialorilchen Gebilde keineswegs eine tatsächliche Vereinheitlichung des Willens und der Gesinnung, sondern vielmehr die Beseitigung aller Formen, durch die eine wirk- liche Verallgemeinerung von einzelnen Bestrebungen, die Zusammenfassung des Gemeinsamen, des Klassenmäßigen, die Ausbildung eines kollektiven Bewußtseins zustande kamen. Gleichschaltung bedeutet keine Kollcktioisierung, jon- dern vielmehr eine Atomisicrung. In der gleichen Richtung wirkt die Beseitigung aller nichtossizieller Oessentlichkeit und die ganze damit verbundene Atmosphäre der Unfreiheit, die jeden größeren Zusammenschluß aus innerem Trieb unmög- lich macht und jeden einzelnen sich in einen ganz kleinen und engen Zirkel einzukapseln zwingt. Von größter Bedeutung ist dann die besondere Art der Politisierung aller Lebensäußerungen, die wohl als typisch für einen totalen Staat angesehen werden dars. Die Diktatur des totalen Staates ist kejne außerhalb der Ge- scllichalt stehende Macht. Der totale Staat ist eben deshalb total, weil er alles durchdringe» will. Seine Träger machen besondere Schnitte durch alle Schichten und Gruppen der Gesellschaft. Das ist die Funktion der Z e l l e n b i l d u n g. die man erst im totalen Staate des russischen Bolschewismus und dann im totalen Staat von Mussolini kennen lernte. Hierdurch wird aber eine wesentliche Umgestaltung der geicllschattli'chen Beziehungen bewirkt. So ist im totalen Staat eine politische Beziehung nicht nur als Ausdruck eines bestimmten Klassenverhältnisses anzusehen, sondern jedes Klassenverhältnis wird durch die politische Beziehung mitbestimmt War z B. früher in jedem Betrieb die gegensätzliche Stellung des Unternehmers und der Arbeiter die entscheidende gesellschaftliche Beziehung mit entsprechen- den politischen Folgen so ist sie zwar i» vollem Maße er- halten geblieben, wird aber durch die politischen Beziehungen durchkreuzt, die einen Teil der in, Betriebe Tätigen zu Trä- gern der Diktatur nnd die übrigen zu ihren Objekten mach!. 11)21 hatte ich eine Unterhaltung mit dem seither vcrstor- denen russischen kommunistischen Staatsmaiin und bedeuten- den Historiker Pokrowsky. der damals stellvertretender Kommissar sür Volksbildung war. Wir haben versucht, ge- »an festzustellen, aus welche Klasse oder Klassen sich die Sowjetdikiotur stützt. Bei der näheren Betrachtung kam keine einzige in Frage. Schließlich sagte Pokrowskn lächelnd: „Es bleibt also nur anzunehmen, daß der liebe Gott selbst unseren Iljttsch tLeninl an den letzten Haaren auf seinem kahlen Kopfe hält!" Pokrowsky gab damals eine Erklärung, die nur zum Teil richtig war. Er meint« nämlich, daß die Massengrundlage der Sowjetmacht die in Rußland vorhandene eigenartige Zwischenschicht darstellt, die damals zahlen- mäßig viel stärker als die Klasse des Proletariats war, •gtzocfeHT . OeUliCH SPRECHEND Müncnonot»j Pannoi^«ikulta 17, rue Reaurnur Metro Art»-«»- Metier» od. ftdou&hau* Frauen«. Blut-, Haut-, Harn- und Ge idvechttkrankhei'en.(rioper, Syphc iirn. Mdnneridiwäche. Neueste Hell verfahren. Elektr.Zitat. Harn». Samen- und Bluiana'vien Maiv«e Bedingungen.(Auch ür Ka**enveM»chene. lagh<*h von-' und t» 8.K) Uhr sonn- und Kei# a von* hu I u. au Rend v Toi Arctt.54»2" nämlich die Arbeiter, die ihre Bindung mit dem flache« Lande noch nicht verloren hatten und deren Bewußtsein durch diese Bindung stärker als durch ihre proletarische Lage bestimmt wurde. Er hat nicht gesehen, daß ein totaler Staat (damals übrigens noch eine unbekannte Bezeichnung» selbst seine Träger schafft, die eine Art Querschnitt durch alle sozialen Schichten darstellen. Wenn wir uns noch an eine Aeußerung von Marx erinnern, daß die Klassen, die aus der Zusammenfassung der Gesellschaft im Staate entstehen, so wird uns wohl noch klarer, daß die Klassenbildung in einem totalen Staat ein Problem ist, das einer besonderen Prüfung bedarf. Freilich sind im nationalsozialistischen Staat die früheren Klassen nicht ausgehoben worden. Es vollzog sich aber erstens eine, wahrscheinlich sehr bedeutsame, Zersplitterung und Umgestaltung des Klassenbewußtseins, während zweitens objektiv die Klasienverhältnisse durch eine primäre politische Beziehung: Subjekt und Objekt des totalen Staates, durchkreuzt wurden; drittens hat sich eine Schicht herausgebildet, die Eigenschaften einer Klasse, und zwar der herrschenden Klasse hat. Das Bild der Wirk» lichkeit erscheint aber als besonders kompliziert, da auch diese Klasse der Träger und Werkzeuge dcS totalen Staates nur eine relative Einheit darstellt, die sich aus verschiedenen und zum Teil auseinanderstrebenden Bestandteilen zusammen- setzt. Ich will mich hier aus diese Betrachtung beschränken und nur noch erwähnen, daß in Deutschland jetzt schon eine an- dere Sprache gesprochen wird, daß die veränderte Aus- drucksweise auch von denjenigen unwillkürlich übernommen wird, die innerlich jeder Art der Gleichschaltung fernbleiben. Die Ausdrucksformen aber, die uns fremd sind, können sehr irreführend wirken. Namentlich crschiveren sie das richtige llrtcil darüber, ob der Inhalt neu oder alt ist.. Indessen wäre es gleich falsch, von vornherein hinter jeder neuen Ausdrucksform nur eine Verhüllung für den alten Inhalt zu sehen oder alles, was durch eine neue Ausdruckssorm verdeckt wird, als neu zu bewerten. Ich kann nicht da» Geiühl loswerden, daß alle unsere DiS- kussione« stark daran leiden daß die meisten von uns die heutige deutsche Wirklichkeit nicht durch eine adäquate Wahrnehmung der Tatsache», sondern aus irgend einer fertigen Konstruktion heraus zu erfassen versuchen. Die aus dem Reich vermittelten Tatsachen werden in ein System cingeord- »et, das mehr der Trägheit der alten Denkgewohnheil als der Erkenntnis der neuen Wirklichkeit entspricht. Und ich glaube manchmal in einer scheinbar heftigen Polemik nicht die Leidenschaft des Kampfieldes, sondern die Ruhe des Friedhofes zu spüren. Ich gebe zu: mein Haß gegen das „dritte Reich" ist so stark, daß sür mich jede andere polemische Auseinandersetzung als der Kamps gegen Hitler-Deutschland fast eine psychologische Unmöglichkeit ist. Ich weiß aber zu- gleich, wie wichtig die Auseinandersetzungen über die Pro- blematit unseres Kampies, ja überhaupt über die Probte- matik unserer Zeit sind. Damit aber diese Auseinander- setzungen fruchtbar werden können, müssen wir alle die Methoden der wirklichen Erkenntnis des uns frembgewor- denen Lebens lernen. Dss verarmte Deutschland Das ehemalige Gebäude der Discontobank wird in den nächsten Tagen vom Reichsarbeitsministerium, ReichSrvirt- schaflsministertum und Preußischen Ministerium für Win» schalt und Arbeit bezogen worden. Zirka 2IMM) Beamte sollen in dem Gebäude Platz finden. Die früheren Direktion»- räume im zweiten Stock des Gebäudes werden iür die Mini- fter vollkommen neu eingerichtet. Bon den früheren gewiß nicht puritanischen Einrichtungen soll nur die Mahagoni- täselung bleiben. Autarkie in den Spielsülen Ein gleichgeschaltetes Blatt schwätzt:„In den internatio- nalen Svielsälcn der Welt herrschte seit langem die Aufsas- sung vor, daß sich nur Franzosen sür die Stellungen als Eronpier eignen... Mit dieser Bevorzugung französischer Croupiers ist es heute vorbei... In Badcn-Baden, der sicher internationalen Spielbank Deutschlands Wörden die letzten ausländischen Croupiers bis spätestens zum Herbst verschwinden. An ihre Stelle treten junge Bewohner des WeltbadeS, die von der Badcverwaltung für ihren neuen schwierigen Ausgabenkreis vorbereitet wurden..." SfraOburgcr WodienbericM Straßburg, 22. Juni 1934. Schaffung einer elsässischen Region Der UPR.-Abgeordnete der französischen Kammer, Michel Walter, sieht gegenwärtig mit seinem Gesetzentwurf, die Schaffung einer elsässischen Region betreffend, im Mittelpunkt der lokalen Diskussionen. Herr Michel Walter brachte an der Spitze mehrer elsässischer Deputierter beim Kammervorstand einen Gesetzentwurf ein, der den Wunsch hervorhebt, im Zuge einer allgemeinen Verwaltungsreform, für die wiedergewonnenen Provinzen ein neues Regime zu schaffen. Nach dem Gesetzesvorschlag soll die einzurichtende elsässisdie Region die Departements Bas-Rhin und Haut- Rhin umfassen. In der Hauptstadt Straßburg würde eine Regionalkommission, an deren Spitze ein Regionaladministrator zu stehen hätte, die Verwaltungsarbeit zu erledigen haben. Die einzelnen Kantone würden in die Regionalversammlung ihre Vertreter entsenden. Die Regional- Versammlung wiederum würde die Vertreter der Regionalkommission ernennen, die dem Administrator zur Seite stünde. Der Vorschlag des Herrn Michel Walter wird zwar eingehend diskutiert, es scheint aber nicht, als bestünde eine große Wahrscheinlichkeit für seine Verwirklichung. Ein junger Arzt Opfer seine» Berufs Vor einigen Tagen starb der erst 28 Jahre alte Chirurg des Straßburger Spitals Charles H ii b s t e r, der sich bei der Krankenbehandlung eine schwere und unheilbare Hals- infektion zugezogen hatte. Der junge Arzt erfreute sich nicht nur bei den Kranken einer außerordentlich großen Beliebtheit, er galt auch in Kreisen der Aerzteschaft als ein hervorragender Vertreter seines Berufs, dem eine glänzende Karriere vorausgesagt wurde. Sein allzu früher Tod bedeutet einen herben Verlust für die Wissenschaft. Herr Roland Marcel, Präfekt des Bas-Rhin, weihe noch einige Stunden vor dem Eintritt des Todes am Krankenbett des jungen Arztes und teilte ihm in Anwesenheit der Familienangehörigen mit, daß die französische Regierung ihm die goldene Medaille der Epidemien verliehen hat. Die Trauerfeier gestaltete sich in Anwesenheit der Vertreter der Behörden und vieler Aerzte zu einer ergreifenden Kundgebung. in der die großen Tugenden des jungen Arztes gerühmt wurden, der sein Leben im Dienste der Menschheit opferte. Straßburger Gemeinderat In seiner letzten Sitzung beschloß der Gemeinderat die Errichtung von 300 billigen Volkswohnungen an der Kanonierstraße und beim Marschallhof. Es sollen in diesen Wohnungen vor allem Familien untergebracht werden, die jetzt noch in verschiedenen Kasernen der Stadt wohnen. Außerdem protestierte der Gemeinderat in einer gegen eine Stimme angenommenen Resolution gegen die Kürzung der Alters-, Invaliden-, Witwen- und Waisenrenten, da mit dieser Kürzung eine wesentlich stärkere Inanspruchnahme der Mittel der städtischen Armenpflege verbunden Hoffnungsvolle Jüngelchen Das Gericht hatte sich in letzter Zeit häufiger mit einer gewissen Spezies junger Burschen zu beschäftigen, die sich mit Einbruch der Dunkelheit auf bestimmten Plätzen einfinden. Sie nähern sich in eindeutiger Weise vorbeikommenden Männern und bieten gegen klingenden Lohn ihre perversen Dienste an. Werden sie abgewiesen, so besitzen sie oft sogar die Kühnheit, durch Drohungen erpresserischer Art ihre Opfer zu belästigen. Das Gericht schickte jetzt wieder drei dieser verdorbenen Burschen auf mehrere Monate ins Gefängnis, V/er den Schaden hat... Ein Bürger aus einem Straßburger Vorort folgte, als er zur Erledigung geschäftlicher Angelegenheiten in die Stadt gekommen war, gerne der freundlichen Einladung einer Schönen, die er auf der Straße kennen lernte. Doch das Schäferstündchen sollte ihn teuer zu stehen kommen. Neben dem üblichen Obulus, den der Genießer gerne entrichtete, stahl ihm die holde Maid noch zweihundert Franken, deren Verlust unser biederer Bürger allerdings erst bemerkte, als die Venus ihn bereits verlassen hatte. Nun erstattete er Anzeige. Ob ihm die Polizei die 200 Franken wieder bringen wird? Die Milch gewässert Mit mehreren Fällen von Milchfälschungen hatte sich die Strafkammer zu beschäftigen. Angeklagt waren verschiedene Frauen von Landwirten, die der Milch, die sie in die Stadt schickten oder sonstwie zum Verkauf brachten, bis zu 30 Prozent Wasser beimischten. Sie hatten vor Gericht die unmöglichsten Ausreden und leugneten alle jedwede absieht- liehe Verfälschung der Milch. Das Gericht scheint aber seine Pappenheimer zu kennen. Es sprach Geldstrafen und Gefängnisstrafen gegen die Bäuerinnen aus. Polnische Kunstausstellung Im Palais du Rhin wurde am 14. Juni eine Ausstellung der Werke polnischer Künstler eröffnet, die einen guter Leberblick über das Kunstschaffen in Polen gibt. In ctwV 400 Werken sind die bedeutendsten polnischen Künstler vertreten, wobei die Graphik einen breiten Raum einnimmt. — In der Galerie Aktuaryus konnte man vor einigen Tagen einige herrliche Proben des Kunstschaffens von Charles Schenckbecher kennen lernen, der wie kaum ein anderer die eigenartigen Reize der elsässischen Landschaft wieder su geben weiß. Pariser Berichte Dänische Nazis entfuhren einen Emigranten Man schreibt uns aus Kopenhagen: h. b. In diesen Tagen ist die dänische Oeffentlichkeit über einen außerordentlich srech durchgeführten Entsührungs- versuch eines deutschen Flüchtlings in Aufregung versetzt worden. Ter frühere kommunistische Funktionär Kuhlmann wurde in einer Hauptstraße Kopenhagens plötzlich von einem schnellfahrenden Privaiauto überholt. Das Auto stoppte. Ihm entstiegen einige Männer, die sich als dänische Krimi- nalbeamte ausgaben und Kuhlmann für oerhaftet erklärten. Kuhlmann, denen Paß nicht in Ordnung war, folgte der Ausforderung der angeblichen Beamten und stieg in das wartende Automobil, das sofort in schnellste Fahrt gesetzt wurde. Ter Verhaftete wurde plötzlich trotz heftiger Gegen- wehr gebunden, geknebelt und mißhandelt. Seine Entführer fuhren mit' ihm auf ein außerhalb Kopenhagens gelegenes Villengrundstück, das einem nationalsozialistischen Post- beamten gehört. Fm Garten dieses Grundstücks stürzten sich die Entführer über ihr Opfer und mißhandelten es. Kühl- mann trug zahlreiche blutende Wunden davon. Schließlich gelang es ihm, zu entfliehen und die Polizei zu verständigen. Sofort aufgenommene Untersuchungen ergaben, daß der Leiter der Entführerbande der stellvertretende Führer der dänischen Nationalsozialisten. Carlis Hansen, war. Carlis Hansen, ein verkrachter Möbelhändler, vertritt seinen Parteichef, den berüchtigten Rittmeister Lemcke, der gegen- wärtig eine längere Gefängnisstrafe absitzt. Er wurde ver- haftet, weigerte sich aber bis jetzt hartnäckig, seine Mittäter anzugeben. Tie bisher vorgenommenen Ermittlungen haben ergeben, daß die Entführung Kuhlmanns auf Betreiben deutscher Nationalsozialisten zurückzuführen ist. KuhUnann ist das Opfer einer Verwechslung geworden. Der streich richtete sich gegen den ehemaligen kommunistischen Funk- tionär Wolleniveber, der in die Gewalt der deutschen Be- Hörden geliefert werden sollte. Die dänische Polizei verfolgt die Spur eines anderen hohen Nazifunktionärs namens Danner, der kürzlich wegen pornografischer Veröffentlichungen vor dem Kopenhagener Gericht stand und wegen Beleidigung des Ministerpräsiden- ten Stauning verurteilt worden war. Er flüchtete nach seiner Verurteilung nach Deutschland und hielt sich bei führenden Hamburger Nationalsozialisten auf. Man nimmt an, daß dieser Mann die Entführungsaktion von Malmö aus organisiert hat Das ist in wenigen Wochen der zweite Entführungsversuch in Kopenhagen. Erst Pfingsten versuchten einige Deutsche, die sich als Kriminalbeamte ausgaben, einen Emigranten aui einen deul'chcn Dampfer zu locken. Sie packten ihn bei den Armen und stahlen ihm die Ausweispapiere. Ihre Ab- ficht wurde durch daS Dazwischentreten dänischer Polizei- beamter vereitelt. Daraufhin verschwanden sie unter Mit- nähme der erbeuteten Papiere. Die hiesigen Behörden haben erklärt, daß sie mit scharfer Hand durchgreisen werden, um ähnliche Vorkommnisse in Zukunft zu verhindern, da in Dänemark jeder Flüchtling, ganz gleich, welcher Nation oder Partei er angehöre. Gast- sreiheit genieße, solange er sich nicht gegen dänische Gesetze vergehe. Zeichen der Zeit Die französischen Abgeordneten beklagen sich jetzt Über das Ausbleiben der Arbeit, die ihnen vordem unerträglich schien: ihre tägliche Post ist seit den Februarereignissen beträchtlich zusammengeschrumpft. Die Bitten um Empfehlungsbriefe, um Hilfe, um Plätze und Stellungen haben aufgehört sie zu überschwemmen, und die hohen Herren, gewöhnt die ewigen Bittsteller zu verfluchen, fühlen sich sehr vernachlässigt, nachdem diese sehr selten geworden sind.„Ich weiß nicht," sagte ein früherer Minister zu einem seiner Kollegen,„ob das ein Zeichen einer plötzlichen Tugend- krise ist und jeder sieh nur noch auf seine eigenen Verdienste verlassen will oder ob jene Leute sich seit der Präsidentschaft Doumergues wirklich einbilden, daß wir zu nichts mehr gut sind?"—„Suche nicht weiter," unterbricht ihn ein bretonischer Abgeordneter, bekannt für seine Vorliebe für guten Wein und seine rauhe Offenheit,„die Ratten verlassen immer das sinkende Schiff... Wenn die kleinen Nutznießer des Regimes uns verlassen, so ist es ein Zeichen, daß wir erledigt sind!" Auf dem Fahrrad durch Europa Zwei junge Mädchen in Hosenröcken und Polohemde« versammelten eine Gruppe Freunde um sich auf einer Pariser Straße. Es waren Lily Servueiew, eine Malerin und Nichte des russischen Generals Miller und ihre Freundin, Fräulein Schweizerisches uno eisasaiscne» Wurstvrarengeschäft •ucnenOöcKerei. Konditorei. Weine und Liköre Jxoduits Jthmid TB, BoulMard da StrasDusrg, 8. nia St Lasraoi JUtOS, bei Bare de l'Est Telefon 4 Linien verainlqr unter BOTT4RIS Sf-ir Andreies, die im Begriff waicn, mit ihren Rädern, die man ihnen geschenkt hatte, die Hauptstädte Europas zu besuchen: Berlin, Prag, Budapest, Belgrad. Rom, im ganzen sechstausend Kilometer. Im vorigen Jahre ist Fräulein Servueiew in ihren Ferien von Paris nach Warschau zu Fuß gegangen. Im Juli hatte sie ihren Marsch begonnen und war im Ntvem- Paris, den 22. Juni 1934. Im Luxuszug nach Biarritz steht ein eleganter Herr von wenig bestechendem Aeußorn. Das Abteil, vor dem er sich aufpflanzt, hat eine nicht mehr ganz junge Dame belegt, die ebenso wohlgepflegt wie unglücklich und verlassen aussieht. Wie sie jetzt auf den Gang tritt, spricht der Herr sie ohne viele Umstände an und lädt sie in liebenswürdigster Weise ein, mit ihm zusammen zu soupieren. Schon auf dem Wege zum Speisewagen überreicht er ihr seine Karte: Desire David, Lentenau! im Ruhestand. Desire David. Lentenau! im Ruhestand, ist hochprozentiger Kriegsinvalide. Der Staat zahlt ihm die ansehnliche Rente von 30 000 Franken pro Jahr. Im übrigen aber ist sein Leben verpfuscht und das Glück anscheinend endgültig an ihm vorübergegangen. Dies und noch manches andere trägt er alsbald seiner Begleiterin in rührender und mitleiderregender Weise vor. Nebensächlich ist, daß er dabei vergißt. die Spionagetätigkeit zu erwähnen, die er nach dem Kriege in Wiesbaden gegen sein Vaterland ausgeübt hat. Wie man sieht, hat sie ihm ja weder Hals noch Kragen gekostet. Er hat einfach im letzten Augenblick seine Komplicen verraten. Welch edle Tat von Gesetzes wegen mit Straffreiheit belohnt wurde. Ja, sogar zur Ehrenlegion ist er vorgeschlagen worden... Die nicht mehr ganz junge Dame lauscht ergriffen Davids Erzählungen. Offensichtlich wird ihr bewußt, daß sie doch nicht der einzige unglückliche Mensch hierzulande zu sein scheint. Audi dieser Mann dort hat sein Päckchen zu tragen, und gewiß wird er ihrem Schicksal mehr Verständnis entgegenbringen als irgendein anderer Mitbürger, der vollauf mit sich zufrieden ist. So beginnt sie ihrerseits in aller Ausführlichkeit zu beichten, was zu beichten ist. Auf diese Weise kommt man sich näher, jeder beweint den anderen, geteilter Schmerz ist halber Schmerz. Man trifft sich wieder, finden immer mehr Gefallen aneinander, vielleicht hat das Glück doch ein Einsehen gehabt und ist noch einmal vorbeigekommen. Ganz beiläufig flechtet Desire eines Tages ein, daß geteilter zwar halber Schmerz, zusammengelegtes aber doppeltes Kapital wäre, und man entschließt sich rasch, seine geringen Ersparnisse in einen Topf zu werfen. Sobald eine kleine Existenz gefunden ist, soll geheiratet werden Die l iebe ist groß, man fühlt sich wieder jung, alles ist in bester Ordnung. Bis an einem schonen Morgen Mann nebst Geld verschwunden sind, und die Dame langsam begreifen lernt, daß er gar keine Existenz mehr zu suchen brauchte, weil her an Ort und Stelle. Die jungen Mädchen haben ihr Malgerät und fotografische Apparate mit sich. Sie haben vor, ein Konzentrationslager in Deutschland, den Präsidenten Masaryk in Prag und Mussolini in Rom zu sehen. Hoffentlich gehen ihre Wünsche in Erfüllung. Doktor Wachtel und Doktor Axel Geschlechtskrankheiten, Männer und Frauen Nase, Hals, Ohren 123, Bd. Sebastopol.— Sprechstunden v. 9—12 u. 2—8 Uhr, Sonntags vormittags Metro Reaumur. St Denis Tel. Centr 52-10 Dr. Specialiste TO, tue deRlvon- Meiro Chaiele< RADIKALE HEILUNG von BLUT., HAUT, a.id FRAUENKRANKHEITEN Heil oog von Krampfadern and offenen Beinwanden Neueste Behandlungsmethoden Elektro zität Imptungsvertahren TrypaHe vine» Einsputzungen Blut» und Harn»Untersuchungen Spei« makuhur. Salvarsan Wismut usw Sprechstunden täglich von 10-12 und von 4— 8 Uhr Sonntags von 9—12 Uhi Konsultationen von 25 Fr. ab. Man spricht deutsch Kern llir die„Deutsche Freiheit" eben dieses seine Existenz schon war. Da sie Angst bat, sich lächerlich zu machen und einen Skandal heraufzubeschwören, läßt sie ihren Freund nicht verfolgen, sondern frißt ihren Gram über den ideellen und materiellen Verlust still in sich hinein.... Unter solchen Umständen kann der Leutenant Desire seine Liebesraubzüge beliebig oft wiederholen. Immer wieder spekuliert er auf das Mitleid der Frauen— und unzählige gehen ihm in die Maschen. Als geborener Psychologe sieht er sofort, wo etwas zu holen ist. Allmählich hat er sich eingefahren auf die Tour zwischen Paris und Biarritz. Das fröhliche Gewerbe ernährt ausgezeichnet seinen Mann. Eines Tages aber ereilt auch ihn das Schicksal. Eines seiner Opfer meldet ihn gegen alle Regeln des Spiels der Polizei, und nun gibt es kein Halten mehr. Aus allen Gegenden Frankreichs melden sich Jungfrauen der verschiedensten Altersgruppen und Gesellschaftskreise, die von ihm in jeder erdenklichen Hinsicht betrogen worden sein wollen. Dieser Tage steht der Don Juan der Schlafwagen vor seinen Richtern. Als erste Zeugin ist seine erste Gattin aufgetreten, die inzwischen wieder verheiratet ist. Sie hat die ungünstigsten Aussagen über ihn gemacht. Die stattliche und resolute Dame besitzt viel Sinn für dramatische Reden: „Alles hat er mir gestohlen, der Hund! Selbst meinen Revolver hat er mir weggenommen. Vermutlich hat er es nur diesem Umstand zu verdanken, daß er überhaupt noch lebendig umherläuft. Und ich habe mich Madame David nennen lassen, ich war die Frau dieses Erzbetrügers, welch ein Schandfleck in meinem Leben, welch ein Schandfleck!" Die aufgeregte Dame ist eigens aus Marokko herübergekommen, um ihrer Empörung Ausdruck zu geben. Desire David amüsiert sich ausgezeichnet über sie. Kein Wort der Reue, kein Wort der Entschuldigung. Er hat wohl eingesehen, daß ihm in diesem Kreise niemand mehr eine sentimentale Haltung glauben würde. Deshalb versucht er es lieber gar nicht erst. Und gibt sieh so unsympathisch wie er in Wirklichkeit ist. Wenn man ihn den Don Juan der Schlafwagen genannt hat, so ist diese Bezeichnung ein viel zu großes Kompliment für ihn. Er hat niemals auf die Sinne der Frauen gewirkt, sondern immer nur mit den gröbsten psychologischen Mitteln auf die dümmsten unter ihnen einzuwirken verstanden. Nun wird er bald lange genug Gelegenheit haben, seine Luxuszug-Memoiren zu schreiben Doch es ist kaum damit zu rechnen, daß sie irgendjemand kaufen wird.... Gert Helm B riefkasten „Leonore". Ihr Gruß hat uns besonders gefreut. Natürlich kämp. fen wir weiter. Und wie! Goethe in seiner Weisheit hat wohl die Sorgen der„Deutschen Freiheit vorausgeahnt, als er seinen Faust lagen ließ:„Nur der verdient sich Freiheit und das Leben, der täglich sie erobern muh." Ihnen Freiheit und Freundschaft für immer! C. St., Rotterdam. Sie schreiben uns als Entgegnung aus eine Kritik, die einer unserer Leser aus Maastricht an holländischen Be- Hörden geübt hat:„Als täglicher Leser Ihres Blattes habe ich zum ersten Male einen Einwand zu machen, und ich will gleich hinzu- fügen, nicht ich allein, sondern ein ganzer Kreis Freunde mit mir, mit denen ich mich über den Artikel„Notschrei! Aus Maastricht wird uns geschrieben" usw. unterhielt. Also zugleich im Namen vieler anderer jüdischer Emigranten in Holland möchte ich Sie daraus aufmerksam machen, daß wir uns keine entgegenkommen» deren Beamten, keine bener gesinnte Polizeibehörde, alles in allem kein gastfreundlicheres Land wünschen können als Holland, und wir empfinden es als undankbar, wenn wir in diesem Fall nicht unser Gastvolt in Schutz nehmen würden. Wenn es wirtlich hier und da zu Ausweisungen kommt, dann haben das nach unserer Erfahrung die Betreffenden sich selbst zuzuschreiben." Ob Sie dem Einsender nicht Unrecht tun, können wir im Augen- blick nicht beurteilen. Wie Sie sehen, gewähren wir aber Ihrer Antwort Raum. Tie Absicht, die Kritik zu verallgemeinern, hat bei uns nicht bestanden. St. und W. A. Ihr schreibt uns:„Wir haben Ihre Arbeit von Anfang an sehr kritisch verfolgt, verfolgen müpen, um die eigene Arbeit überprüfen zu können. Wenn wir jetzt zurückblicken, so stellen wir fest, daß die„Deutsche Freiheit" mit das Hauptverdienst daran trägt, daß die antifaschistische Publizistik aus der Bersumpsung de» Sommers 1383 herauskam, aus dem Breilirelen echter und ersun- dener Greuel und der Proiektion der nur zu begreiflichen Wunsch- bllder in die papierene Aktualität."— Wenn Fhr^recht habt, so haben das Verdienst daran auch einige lehr positive Kritiker außer- halb unserer Redaktion, Leute sogar, die.nicht den Stempel irgend- einer antifaschistischen Organisation tragen. Auch in Zukunft wollen wir hellhörig bleiben. B. be Born. Wir finden nicht, daß der Spruch des holländischen Dichters Eats in vorliegendem Falle paßt, da die Bande kein Geld im Sack hat und dennoch frech sich spreizt. Für den Gesamttnhalt verantwortlich: Johann P i tz In Dud- weiler: lür Inserate: Otto Kuhn tn Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der VolkSstimme GmbH. Saarbrücken S. Schützenstraße b.— Schlleßlach 77b Saarbrücken. Jleue(ßütfier Diif»lin cklfred: Babylonische Wanderung oder Hochmut kommt vor den Fall.... brosch. Fr. 44,— Leinenbd. Fr. 61,— Cinsicin Albert Professor r Mein Weltbild. brosch. Fr, 26,— Leinenbd. Fr. 39,— Hennann öeorjj.- Ruths schwere Stunde brosch Fr. 29.75 Leinenbd. Fr. 43,50 Jfesten Hermann: Der Gerechte, Roman brosch. Fr 23,25 Leinenbd. Fr. 35,90 yilaveu Paleriu.- Die Vertreibung der Juden aus Spanien brosch. Fr. 21,— Leinenbd. Fr. 33,50 Xiepmann Hein*: Das Leben der Millionäre... broschiert Fr. 12,— (Roth Joseph: Tarabas(Ein Gast auf dieser Erde) brosch. Fr. 29,— Leinenbd. Fr. 39,— iiftiparss