Sinzigs unabhängige Tageszeitung Deutschlands Nr. 147— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, den 29. Juni 1934 Chefredakteur: M. Braun Aas dem Inha lt lüec nicht zahlt mied euinieet Seite 2 Jxiecec JCatholiken untec Jeccoc Seite 2 Wie es das Ausland sieht Seite 3 Der Qeist des Jleidiskamlecs Seite J Orcniproylnicn dcfährfld? Eine sensationelle Äußerung des prenßisdien Ministerpräsidenten Köln, 27. Juni. Der preußische Ministerpräsident Göring hat heute den früheren Chef der Gestapo, Dr. Diels. in sein neues Amt als Regierungspräsidenten von Köln einge- füfjrC Cs war großes Flaggen und Aufmarsch aller natio- nalsozialistischer Organisationen befohlen. Die Schulen hatten geschlossen, und die Hitlerjugend war zur Spalier- bildung angetreten, um dem Volksjubel nachzuhelfen. An repräsentativen Aufwendungen ist der Tag nur mit den früheren Kaiserbesuchen zu vergleichen. Es gab alles wie einst: Festakte. Festessen, Festreden, Festfahrten und Be- leuchtung des Doms und der Rheinufer. Außerdem wurde Göring Ehrenbürger und erhielt vom Oberbürgermeister Dr. Riesen ein 8000 Jahre altes Keltenschwert zum Geschenk, das er nun wohl neben dem Richtschwert über seinem Schreibtisch aufhängen kann. Bei der Einführungsrede für Dr. Diels gab sich der Ministerpräsident die große Mühe, Dr. Diels zu rehabili- tieren, indem er sich„gegen die widersinnigen Auslassungen ausländischer Blätter wandte", es handle sich um eine Straf- Versetzung. In diesem Zusammenhange ließ sich der Minister- Präsident zu dem Satze hinreißen: Es seien gerade die besten Beamten, die er in den Pro- vinze» eingesetzt habe? denn so gesichert wie die Hauptstadt sei, so gefährdet seien die Grenzprovinze». Es fei eine Auszeichnung für die Beamten, die an die Front gestellt würden. Die Aeußerung ist allgemein als Vorwurf des Separatis- mus gegen die katholische Opposition empfunden worden, die allerdings im Rheinlande besonders groß und heftig ist. Sie denkt aber im Rheinland durchaus nicht an separatistische Bestrebungen, sondern lediglich an eine Rückkehr zum Rechts- staat mit gewisser begrenzter Einflußnahme der Bevölke- rungsschichten auf die Regierung und Ausschaltung der Deutschland kompromittierenden Elemente in den Aemtern und im öffentlichen Leben. Vielleicht sprach aus GöriNg auch die Sorge um die Saar, wo nach allgemeiner Auffassung die Entscheidung bei den Katholiken liegt. Man darf sich nicht darüber täuschen, daß die katholische Opposition mit verhältnismäßig geringen Mitteln und Garantien zu versöhnen ist. Darum ist die Aeußerung Görings um so mehr aufgefallen. Er hat nach seiner Rede dem Kardinal Erzbischof Schulte einen Besuch gemacht, jedoch war die Unterredung nur kurz und rein förmlich. Die vielfach verbreitete Auffassung, es sei eine politische Verständigung zwischen Herrn von Papen und dem Reichs- kanzler in dem Sinne erfolgt, daß der Reichskanzler wesent- liche Gedankengänge der bekannten Marburger Rede billige, trifft nicht zu. Es ist nicht richtig, daß Papen mit seinem Vorstoß bisher bei Hitler und anderen entscheidenden Stellen der Parteiführung einen Erfolg erzielt hat. Im Gegenteil sind al'e nationalsozialistischen Führer, auch Göring, bemüht, sich weitgehend von Papen zu distanzieren, weil sie nicht daran glauben, daß zur Zeit schon tiefgehende Aenderungen im Regime im Sinne einer konservativen Restauration kommen werden. Man glaubt auch einstweilen, daß Röhm sich als Reichsminister halten werde. Die Diskussion über die Be- gebenheiten in den obersten Regionen der Reichssührung ist ganz allgemein und öffentlich und die Erwartung, daß in absehbarer Zeit eine Militärdiktatur mit Unterstützung weiter konservativer Kreise aller Art kommen werde, ist groß, aber die Gegenstöße, die alle nationalsozialistischen Redner führen und die zunehmenden Aktionen gegen den„Stahl- Helm" verbreiten Unsicherheit über das wirkliche Kräfte- . Verhältnis. Der Kampf gegen die„Miesmacher und Nörgler" ist so gui wie gescheitert, was auch aus der Beurlaubung der Reichs- und Gauredner hervorgeht. Soweit nichtnationalsozialistische Kreise Versammlungen be- suchen— das geschieht auch im Rheinlande nur noch, wenn ganz grobe Kanonen kommen—, tun sie es, um aus den Reden einige Ausschlüsse über die Machtkämpfe auf dem inneren Kriegsschauplatz zu erfahren. Eine unklare Er- Wartung liegt über den Menschen. Wahrscheinlich wissen weder die Nationalsozialisten noch die Masse ihrer ent- täuschten Mitläufer, was sie wollen. Die Kölner Reden von Rudolf Heß und jetzt von Göring haben auch nur die Nervost- tät der nationalsozialistischen Führer gezeigt, aber keinerlei Anhaltspunkte gegeben, wie das Regime auf die Dauer seine Schwierigkeiten meistern will. Es ist daher verständlich, daß die noch schwache illegale Arbeit der Linken allmählich mehr Aufmerksamkeit findet, als das noch vor wenigen Wochen möglich gewesen wäre. fanlhaber bei nindenbnrg Die Klrdie droht mit der Abstimmung im Saorgeblet Berlin, 2°. Juni. Der Reichspräsident von Hin- denburg hat auf seinem Gute Neubeck den Münchener Kardinal Faulhaber in langer Audienz empfangen. Zweifellos haben in diesem Gespräch auch die R ü ck w i r- kungen des Kirchenkampfes auf die Ab st im- mung im Saargebiet eine bebeutende Rolle gespielt In Rom wirb die zentrale Bedeutung des Saargebietes für die neuen Konkordatsverhandlungen mit dem„dritten Reich" erkannt. Die der vatikanischen Staatskanzlei nahestehende erranni.-t.it_ Agentur„La Corrisponöcnza" brfnoT eine offenbar t ir* licher Seite inspirierte Notiz übe? die«ligiös Ze it *& ettttt J b°ß die katholisch^ saarländische Bevölkerung einem schweren Dilemma gegenüberstehe, nämlich entweder auf die ersehnt- Wied»- Vereinigung mit dem deutschen Vaterland verzichten zu müssen oder aber mit der Wiedervereinigung ihre religiöse Freiheit preiszugeben. Kein Saarkatholik, so führt die Agentur weiter aus. könne ernstlich an den Anschluß an Frank- reich denken: aber angesichts der Gefahr, durch eine Abstimmung zugunsten Deutschlands das Todesurteil der gesamten katholischen Organisation des Gebietes mit zu unterschreiben, sei eine provisorische Lösung das geringere Uebel obwohl niemand damit restlos zufrieden sein wird Trotz alledem sei es am vorteilhaftesten, wenn der Status quo zum mindesten so lange im Saargebiet bestehen bleibe, bis auf dem Territorium des Deutschen Reiches das Konkordat mit de», Heiligen Stuhl verwirklicht werde. Die„Corrispondenza" ist bisher wegen ihrer dem Hitler- Regime verhältnismäßig freundlichen Aeußerungen häufig von der deutschen Presse als Kronzeuge zitiert worden. Wenn nun schon ein solches Organ den Status quo als öj-"vor- läufig vorteilhafteste Lösung vorschlägt, so ist das ein Zeichen ieviel Porzellan das braune Reuhe.de» um schon im Saar- w> lyifcWtv r gpbiet zerschlag»» val. Mit Spannung wird der in einigen Tagen bevorstehende Hirtenbrief der Fuldaer Bischosskonserenz erwartet, der zum Ausdruck bringen soll, daß die Kirche ent- schlössen ist, die ihr im Konkordat verbrieften Rechte zu wahren und die terroristischen Angriffe auf die konfessionellen Jugendvereine zurückzuweisen. Die konservative Opposition erhofft von diesem Hirtenbrief wie von der ganzen Zu- spitzung des Kirchenkampfes eine Stärkung ihrer Position. Die weltanschaulich radikalen Gruppen des Nationalsozia- lismus rechnen aber höchstens mit einem Waffenstillstand zwischen Nationalsozialisten und Kirche, bis die Saarabstim- mung vorüber ist. Die weltanschaulichen Kämpfe müssen nach der Ausfassung Rosenbergs und seiner Freunde bis zur machtpolitischen Ausschaltung der Kirchen fortgeführt werden. * „Weitgehende Toleranz" Karlsruhe, 27. Juni. Es ist ein Runberlaß an alle Sturm- führer der SA. ergangen, bis zur Erledigung der Saarab- stimmung gegenüber den katholischen Kreisen weitgehende Toleranz zu üben. Alle behördlichen Stellen Süddeutschlands sind angewiesen worden, die früheren Funktionäre der SPD. besser und schärfer zu überwachen. „Nörgelei und Kritik" Danziger Volksstimme auf sechs Monate verboten Danzig, 27. Juni. Auf Grund des Artikels 2 Abschnitt 1 88 3 und ö der Rechtsverordnung betreffend Maßnahmen zur Erhöhung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung vom 30. Juni 1033 ist die Herstellung und Verbreitung der „Tanziger Volksjunmie" uui jojorliaer Wirkpng auf die ■'■-.-.Iw_.. Gestern und heute In Deutschland gibt es immer noch das Gesetz, daß die Zeitungen nichts aus der Anklageschrift eines Staatsanwalts veröffentlichen dürfen, bevor die Hauptverhandlung begonnen hat. Für Oberreichsanwälte scheint dieses Gesetz nicht zu gelten. Anders läßt sich der ungewöhnliche Vorgang nicht erklären, daß der Oberreichsanwalt Werner sich den Berichterstatter der„Berliner Börsenzeitung" kommen ließ, um ihm des langen und breiten etwas über die Anklage zu erzählen, die er gegen den Führer der KPD., Ernst Thälmann, zu erheben gedenkt. Wenn man fragt, was diesem Thälmann eigentlich vorgeworfen wird, so scheint es vor allem eben dies zu sein, daß er Führer der KPD. ist. Das ist zweifellos in den Augen eines Oberreichsanwalts des„dritten Reiches" ein fürchterliches Verbrechen. Denn die KPD. hatte, wie Herr Werner sich ausdrückt, den Zweck, die Massen für die Gedanken des gewaltsamen Verfassungssturzes und der Errichtung eines Staates nach russischem Muster reif zu machen. Es handelt sich— damit keine Irrtümer entstehen— um jene Verfassung von Weimar, die von den heutigen Vorgesetzten des Herrn Werner so radikal kaputt gemacht worden ist. Und gewaltsam sollte sie gestürzt werden— man denke! Ernst Thälmann hatte nie das Glück, vor einem hohen Reichsgericht als Zeuge unter Eid aussagen zu dürfen, daß er sein Ziel nur auf legalem Wege anstrebe. Möglich, daß er zu ehrlich gewesen wäre, so zu sch... wären. Er hate auch sonst kein Glück. Ihm verbot der Staat, was er seinen braunen Gegnern von rechts so liebenswürdig er- h\ bte, ja wobei er ihnen sogar half: ganz legal und in aller Offenheit eine Privatarmee zum Sturz dieses Staates zu sammeln und zu bewaffnen. Der Zweck war der gleiche, aber die Methoden mußten verschieden sein; bei den einen war der Umsturz legal, den andern wurde er verboten. Es ist leicht, jemanden anzuklagen, wenn man ihn selbst vorher zum Verbrecher gemacht hat. Darum ist die Anklage gegen Thälmann eine der scheinheiligsten Stücke, die eine sogenannte Justiz sich leisten kann. Ob Thälmann auch konkrete Vergehen zur Last gelegt werden, bleibt abzuwarten. Anscheinend war es ursprünglich nicht der Fall. Denn als der Berichterstatter Herrn Werner fragte, ob Thälmann wirklich mit Todesstrafe zu rechnen habe, da nahm der Oberreichsanwalt Haltung an und sagte wörtlich, „daß die Straftaten, die der Antrag auf gerichtliche Voruntersuchung Thälmann zur Last lege, nach den gesetzlichen Bestimmungen mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren bedroht seien". Den Satz wird man sich merken. Als die Voruntersuchung eröffnet wurde, hatte man bereits ein Jahr lang aus aVen Ecken Anklagematerial zusammengekratzt. Und doch reichte es gerade für höchstens zehn Jahre Zuchthaus. Die Kampagne zur Befreiung Thälmanns hat nun anscheinend die deutsche Justiz so nervös gemacht, daß sie diese Blamage bekannt gibt offenbar in der Hoffnung, dadurch die Propaganda abzustoppen. Das wird ihr hoffentlich nicht gelingen. Denn in der Voruntersuchung selbst wird alles mögliche probiert werden, um dem Angeklagten doch noch ein Bein zu stellen. Man erinnere sich an den Untersuchungsrichter Vogt aus dem Reichstagsbrand-Prozeß. Als man dem vor Gericht vorwarf, er habe Angeklagte durch falsche Vorspiegelungen zu Geständnissen verlockt, da konnte er nur noch mit rotem Kopf schnarren: „Ich bin ein deutscher Richter, ich heiße Vogt, und ich verbitte mir solche Fragen..." Herr Werner hat sich mit seiner Presseerklärung vielleicht rechtzeitig in Sicherheit bringen wollen: ich finde keine Schuld an ihm, die mehr als zean Jahre Zuchthaus verdient. Aber was der Untersuchungsrichter, was die Herren des famosen Volksgerichts finden werden— das weiß niemand. Denn der Wahlspruch dieser Art von Rechtsprechung heißt nicht„Gerechtigkeit für alle", sondern„Wehe den Besiegten!" Auch an diesen Grundsatz werden die Besiegten von heute sich erinnern, wenn sie erst— vielleicht schneller als mancher glaubt— die Sieger von morgen sind. Argus. Dauer von sechs Monaten verboten. Es handelt sich um zwei Artikel in den Nummern 141 und 144, in denen die Maßnahmen der Danziger Regierung einer gehässigen Kritik unterzogen und verächtlich gemacht wurden. Insbesondere wurden der Regierung Verfassungsbruch und andere Verfeh- lungen vorgeworfen. Hinzu kommt, daß die„Danziger Volksstimme" schon seit langer Zeit systematisch die Volks- stimmung in Danzia durch Nörgelei und Kritik riercr Katholiken unter Terror im Gebiet des ßisdtols Dornewasser- Drink aul die ks-kolisme Dresse- Die Priesterverholfungen Das Blatt der gleichgeschalteten Katholiken des Laargebiets, die„Saarbrücker Landes-Zeltung", setzt ihre Alarmartikel ans Trier fort. Das S a a r g e- biet gehört kirchenpolnisch zur Diözese Trier. Darum sind diese seilen des Widerstandes gegen den braunen Terror besonders für den Saarkampf von Bedeutung. Das Blatt schreibt: Die jährenden katholische» Zeitungen des trierischen Landes, die„Trierischc Landeszeitung" und die„Koblenzer Volkszeitqng", sind unter schwerstem moralischem Druck ge- zwungcn worden, aus dem Titelblatt IS starte Schlagzeile» zn bringen, die für die HZ. werben und in direktem Gegen- sah zu der von den beiden Zeitungen vertretenen Heber- zeugung stehen. Die drei schlimmsten Schlagzeilen wurden auf kirchliche Beschwerde hin wieder zurückgezogen. Vor kurzem noch hat Herr Minister Goebbels erklärt, die deutsche Presse sei nie so frei gewesen wie jetzt... Außerordentlich stark ist auch der Druck, der aufTchulen und Lehrer ausgeübt wird. Jeder Lehrer, der den Dentsch-Unterricht gibt, ist verpflichtet, in dieser Stund» die Beilage des,Nationalblattes„Tie Hitlerjugend" vorzulesen. Studienrat Wessel, der sich weigerte, dies zu tun, wurde am Montag, dem 25. Juni, von Koblenz aus telefonisch beurlaubt. In den Richtlinien, die von der Behörde für die Werbewochen herausgegeben wurden werden die Schulleilerlinneu» beauftragt, an alle staatlichen und städtischen Beamten, die Angestellten und Arbeiter, sowie an die Mitglieder alter RS.» Formationen lNSDAP., SA., Opferung, NSBO., NSLB., NS.-Hago, NSB., TNF.. KTF., Reichsbnnd der deutschen Beamten. NSKOB., NS.-Frauenschaft, NS.-Acrztebundj, soweit sie ihre Kinder bisher der HJ. lBdM.j ferngehalten haben, die Ausforderung zu richten, nunmehr ihre Kinder der Staalsjugcnb einzugliedern,' ferner soll darauf hingewiesen werbe», da« derjenige, der gegen diese Anordnung verstößt, Sabotage an der Aufbauarbeit des nationalsozialistischen Deutschland treibt. Am Schlüsse der Werbewoche iniissen alle Schulleiter die Namen der Beamten und Mitglieder der NS.-Formativv.en angeben, die ihre Kinder auch in diese» Wochen noch vom Gintritt in die StaatSjupenb zurückgehalten haben. In Zukunft sollen nur noch Angehörige der HJ. in die Betriebe usw. eingestellt werden. Priester in Hall Tie„Saarbrücker LandeS-Zeitung" teilt weiter mit: Die Kaplänc Busch, Remagen und Heintz, Sinzig, sind am Samstag, dem£3. Inn«, nach einem längeren Verhör ans dem Bürgermeisteramt Remagen bzw. Sinzig durch die Ge- Heime Staatspolizei nach Koblenz gebracht worden. Sie be- finden sich letzt in dem Koblenzer Gefängnis in Unter- s u ch» n g s l> a f t, weil sie ein SchmKbgebicht gegen die katholischen Priester weitergegeben haben mit der Angabe» dasselbe sei vor dem Dom in Speyer von Hitlersungen vcr, teilt worden. Es handelt sich um das Pamphlet, das wir vor einigen Tagen veröffentlicht haben. Wer nickt zahlt wird ruiniert Ein Dokument Ober die 5-mmnng der PlltteSsländler Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei NS.-Hago Gau Koblcnz-Trier-Birkcnfcld. Geschäftsstelle: Koblenz, Hindenburgsträße ö, Fern ruf 471 Koblenz: April 1934. An die Mitglieder der NS.-Hago und Deutschen Arbeitsfront sGHG.j! Tic es angeht! Ihre Kreisamtsleitung meldet uns, daß Sie einen Monat mit Ihrem Beitrag rückständig sind. Dieses wird in Zukunft unter keinen Umständen mehr geduldet. Wir wollen keine Mitglieder, die nur zahlenmäßig geführt werden, sondern wir wollen verantivörtungsbcwußte Deutsche, die am Ausbau des Vaterlandes mithelfen. Auch Ihre Bcitragslelstung Ist ein Baustein zir dem großen Werk. Bedeutet die Beitragslcistiing etwa ein Opfer? Bedenken Tie, daß taufende unserer alten Parteigenossen, welche Wohl- fahrtsempsänger und Familienväter waren, ihrer Beitrags- Verpflichtung nachgekommen sind und dazu noch ihre Ehre, ihren Arbeitsplatz und ihr Leben im Kampf um das Dritte Reich freudig einsetzten. Für die, die unseren Ausbau hemmen, gilt das Wort des Führers der Deutschen Arbeitsfront, Pg. Dr. Rob. Ley: „Tie Arbeitsfront wird analog der Partei ausgebaut. „StahHieim"-Verbo4 Dir Weslloien „Durchaus staatsfeindliche Tendenzen" Dortmund, 27. Juni. Tie Staatspolizeistelle hat folgende Anordnung erlassen: Für den Bereich der Staatspolizeistelle lReg.-Bez. Arns- bergj wird dem NSDFB. tStahlhelml bis aus iveiteres das Abhalten von Versammlungen und Ausmärschen sowie das öffentliche Tragen von Uniformen und Abzeichen aus Grund des 8 l der Verordnung vom LS. 2. 33 in Verbindung mit Zi 14 P. B. G. verboten. Zuwiderhandlungen gegen die An- ordnung werden nach 8 4 der genannten Verordnung be- straft. Gründe: Die vom NSDFB. veranstalteten Versammlun- gen haben eine durchaus SA.-feindlichc Tendenz gezeigt. Eine Versammlung vom 2l. 9. S4 nahm einen Verlans, der an Veranstaltungen gegen die TA. vor der Machtüber- nähme erinnerte und deshalb bei der TA. höchste Erregung auslöste. Die Erregung der SA. hat weiterhin dadurch eine Steigerung erfahren, daß z. B. ein aus der SA. ausgefchlos- scner Mann zum OrtSgrnvpenleiter Dortmund-Wcst er- nannt worden Ist. Hierzu kommt die inzwischen bekannt- gewordene Bluttat im Kreise Kolberg. Unter diesen Um- ständen ist meine Maßnahme aus vorbeugenden polizci- lichen Gründen notwendig. StaatSpolizcistclte sür den Reg.-Bez. Arnsberg igez.j Dr. Blume." Polnisches„Isoliernngsiager' In den Pripet-Sümpfen DNB. Warschau, 28.. Juni. Im Sinuc der Verordnung des Staatspräsidenten vom 17. JnNi über die Tcha'inng von Jsolierungslaaern sür. solche Elemente, die die öffentliche Ruhe und Ordnung gefährde», soll ÜereliS lü der nächsten Zeit in der Ortschaft Brrrza ttartnika im Bezirk Pruznnn ein solches Lager errichtet werben. Die aenatznte Ortschaft beendet sich im Pripet-Gcbict in der östlichen Woiwodschaft Paletten: das Städtchen zählt etwa 890p Einwohner und liegt an der Eiienbahnstrecke zwischen Brest-LUowik und Barano- witsch!. Der Name der Ortschaft rührt vom Kloster der Kar- lhäusermönche her, des einzigen im früheren Litauen, das im Jahre 1891 während des Ausstandes gegen die Russen ge- schlössen wurde und seitdem nicht mehr besteht. Tie Land- jchast dort ist waldreich und sumpfig. Hier offenbart sich, wer mitarbeiten will oder ein Hemm- schuh der Entwicklung ist. Es ist notwendig, daß derjenige, der sich der Gemeinschaft nicht fügen will, vernichtet wird." Wir stellen Ihnen hierdurch eine Zahlungsfrist bis zum 3 9. Juni l 9 3 4. Wer nach diesem Termin länger ivie ein Monat im Rückstand ist, wird sofort aus der Deutschen Ar- beitssront ausgeschlossen. Der Ausschluß wird gleichzeitig in den Zeitungen, unter Angabe des Grundes„wegen Beitragsvcrweigerung" be- kanntgegcbcn. Lasten Sie die'es Schreiben ein Apvell an Ihre Verant- wortung gegenüber dem Ausbau des Vaterlandes sein. Heil Hitler! Ed. Gelbermann» Abteilungsleiter Kaste. Die„Hago" ist die nationalsozialistische Mittelstands- organisation. Da da? Rundschreiben nicht an einzelne Mit- »lieber, sondern an alle ergangen ist, steht fest, daß die Bei- tragSrückstände zahlreich sind und nur mit den schärfsten Druckmitteln eingetrieben werden können. Die angekündigte öffentliche Diffamierung tn den Zeitungen und die Drohung, daß„vernichtet" wird, wer sich nicht fügen will, sind deutlich genug. Andererseits zeigt der wachsende passive Widerstand, daß der nationalsozialistische Terror doch nicht mehr alle schreckt. kSSißi«SKAiSSS-» Der M a r k k u r s hat bei verhältnismäßig geringen Um- säße» eine Steigerung erfahren. Das Dioagio gegen- über dem sranzösiichen Franken betrug am Mittwoch nur 2 v. H. Die Erbolung ist auf eine gewisse Nachirage»ach Reichsmark für Regulierungen zur bevorstehende,, Jahres- mitte zurückzuführen. Der Londoner Berichterstatter des„Echo de Paris" be- bauptet, daß man in London laum»och an den Erfolg der Flottenkonscrenz von l985 glaube. Die erste» Burverhand- tnngen ließen immer größere Schwierigkeiten zutage treten. Die Vereinigten Staaten wollten sich auf keine Flotten- Verhandlungen Mit Java« eintasten, wenn das fernöstliche Problem nicht mttbehandest werde: andererseits hätten sie das Angebot eine» japanisch-amerikanischen Nlchtangrisss- pakEs abgelcbn» mit der Begründung, daß eine bilaterale Rcglnng der fernöstliche,, Fragen China und Rußland be- unruhigen müßte. Im britische» Schatzamt babcn am Mittwoch zwei Sitzungen im Nahmen der deutsch-englifchen Transfer- besprrchnngcn stattgefunden. Die nächste Znsammen» kunst findet am heutigen Donnerstag statt. Durch das am Mittwoch in London unterzeichnete f r a n« zvsisch-englische Wirtschaftsabkommen wird, wie die Blätter berichten, die vor dem 1. Januar bestehende Lage wiederhergestellt, d. K. Frankreich gewährt kür die Ein- fuhr englischer Erzeugnistc die frühere» Kontingente, während England de,, Atprozeniigen Ankzoll sllr französische Waren anshebt. Der Bertrag sieh, außerdem eine Reihe von Maßnahmen vor, dnrch die der Wsttschastsaustavsch zwischen beiden Ländern erleichtert werde« soll. Nach einer Meldung ans Belgrad wird der türkiiche Ministerpräsident M» st a s a K e m a l Pascha in de»- zweiten Halste des Monats September zu einem osstz'elleu Besuch in Belgrad eintreffen. Bei Kiiischa» wurde ein mandschurischer Panzer- z n q von Räubern zum Entgleisen gebracht. Di? Lokamotiue und süni Wagen sind völlig zertrümmert worden. Bisher wurden 89 Tote nnd Berwundete gemeldet. Sieg der Irisdien Regierungspartei Bei den Gemeindewahlen dnb. Dublin, 28. Juni. Tie bisher vorliegenden Ergebnisse der irischen Gemeinderatsivahlen zeigen bereits mit Be- stimmtheit, daß der örtliche Verwaltuugsapparat in den Händen der Regierungspartei de Valeras bleiben wird,.im Donnerstagmorgen führte die Regierungspartei Fianna Fail.zusammen mit der ihr verbündeten Arbeiterpartei mit 92 Sitzen. Dicht aus dem Fuße folgt die ca'pontwnelle Vereinigte Jrlaiidpartei des General? O Tunn^mit?7 Sitzen. Alle anderen Parteien haben noch keine 13 Sitze er- reicht. Die Kandidaten der Fianna Fail wurden teilweise mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt.' Das Wahl- crgebnis wird die Regierung de Valera wahrscheinlich be- stimmen, keine parlamentarischen Neuwahlen vor dem Ab- lauf ihrer Amtszeit von dreieinhalb Jahren auszuschreiben. Uri2zw&iLi3$cn Unklare Aussichten London, 27. Juni. Die bentsch-englilchen Besprechungen im Schatzamt haben sich gestern mit den gegenwärtigen Handelsbeziehungen beschäftigt und werden heule fortgesetzt Da die T r a nsfe r Verhandlungen noch nicht einmal besonnen haben, ist alles, was über die Aussichten gesprochen wird, Kombination Bielfach glaubt man, daß die Reichsregicrung insofern nachgeben werde, daß sie stch znr Zahlung eines Teiles der Ztnien für die Bonng- und Domes- anleihe bcreitsindcn werde. Es gibt aber auch Ktimmrst sie das beziveisein. da dann andere Länder dieselben Anspräche stellen ivürden und Deutschland oksenbar N'ckt.ige''en aw; e, daß es- zur Transferierung größerer Summen in der 9 Aus der Streicherei „Daily Telegraph" teilt mit, daß in Franken, dem Macht bercich Julius Streichers, jeder jüdische Geschäftsmann ge- zwungeii wirb, ein eingetragenes Mitglied der NSDAP, in seinem Betrieb zu beschäftigen age>ei. Sprcngs'oOanscIUäge in Tirol Innsbruck, 28. Juni. In Tirol wurde» in der Nacht zum Donnerstag wiederum mehrere schwere Tprciigsto'>aiischläge verübt. In Innsbruck wurde auf dem Dach des Druckerei- gebäubes der Bcrlagsaustalt Tnrolia ein mehrere Kilogramm schweres Paket gesunden, das sofort in einen angrenzenden Dachgarten geworfen ivurde. Es handelte sich tatsächlich um eine Bombe, die erplodierte und ei» 39 Zentimeter lieies Loch in den Erdboden riß. Auch die Eintlchtuna des Dach- gartens und mehr als UM) Fensterscheiben des Verlagsge- bäudes ivurden vollständig zertrümmert. In dem Elektrizitätswerk Rühlau ivurden die drei Hoch- druckrobre durch einen Spreugitoffanschlag zerstört, so daß »das Wasserwerk I-3 Wochen stilliegen muß. Ferner wurde die Soleleitniig des Salzbergwerks im Hnlltal gesprengt. In einem Wasterschloß des Rütz-Elekirizitätsiverkes im Ttubaital sand man mehrere Pakete mit Sprengstoff, ebenso in der Leopoldstraße in Innsbruck unterhalb eines Wasser- durchlastes. Zwanzig laDre... Die verlängerten Hitler-Wfechsel In Essen hat Goebbels im Verlauf feiner Rede gegen v. Pape» und die Konservativen u. a. gesagt: „Ich glaube, daß wir Uns angesichts der Schwierig- keiten, dir wir wahrscheinlich noch in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren z» überwinden haben werden, nicht durch Optimismus in Schlaf wiegen lassen dürfen." An anderer Stelle der gleichen Rede sprach Goebbels da- von, daß nach Ueberwindung der Arbeitslosigkeit ein neuer Vierjahresplan zur Hebung der Einkommen auf- gestellt werden würde. Das nennt mon Wechsel prolongieren!— Bei seiner Machtergreifung hat Hitler insgesamt vier Jahre vom deutschen Volk gefordert, innerhalb derer er das Elend zu beseitigen versprach. Jetzt werden langsam daraus acht, zehn, zwanzig Jahre! Dabei ist es hier der Schuldner, der einseitig seine Zahlungsfristen hinaus- schiebt, der Gläubiger, das deutsche Volk, wird gar nicht erst gefragt, es hat sich zu fügen! Aber was Schacht sogar gegen das Ausland probiert, nämlich sich um das Schulden- zahlen zu drücken, das ist gegen das geknechtete eigene Volk ein Kinderspiel! Naii!ton?r®i!e anvenlenLmNönger Der Leiter des Sozialamtes der TAF. und Vorsitzende der LandeSversichernngsanstait Pommern iseöer braune Bonze hat mehrere Stellen!, der R n st heißt, hat anehrere Vorschlage zur Kontrolle der Sozialversicherung gemacht. Vor allem empfiehlt er die regelmäßige Kontrolle aller Sozialrentner durch die Zellen und Viockivalter, die feststellen sollen, ob die Voraussetzungen für die Geioährnng einer Rente noch be- stehen. Dieser Vorschlag bedeutet die restlose Auslieferung der Sozialrentner an die braune Parteimaichinerie. die da? neue Kontrollrecht zu jeder ihr passenden Erpressung aus- nützen wird. Eine sozlaüsftsdte Kärnpicrin Und austrofaschistische Banditen Dem OND. wird aus St. Pölten lNiedcröstcrreicht be- richtet: Dieser Tage ivurde die frühere sozialdemokratische Gemeinderatin von St. Pölten Mitzi E m b a r t vom Schwurgericht freigesprochen. Sie war angeklagt worden, weil sie mit der Waffe in der Hand verhaftet wurde, wie ü« gerade eine Abtcilnna von Tchutzbitndlern befehligte. Tie Geschworenen haben die tapfere Frau freigesprochen. Infolge der Aufregungen während der Hast und der Vrr- »„„Ar,,,... rrf Mitzi ll'nbart nach ihrer Enthaltung und lag mit hohem Fieber zu Vett«. Sonntag nachts wurde nun H-wu-mu» von oer nau> dem Austin der Regierung Doll- tnß-Slarhemberg neu geschaffenen Ortswchr nbersallen. Eine Rotte von etwa 39 Burschen überttel die trank« Frau. Einer der Burschen drang in das Zimmer ein. in dem die kranke Frau lag nnd rief:„Die vaterländische Bevölkerung öuldet es nicht, daß solche Elemente in St. Pölten in Freiheit sind!" Frau Embart und ihr Mann setzten sich, so gut sie konnten gegen die faschistische» Banditen, die die neueste Ordnungstriippc der aililrotaschistischen Diktatur sind, zur Wehr. Die Faschisten, die vor dem Hans warteten, ermunterten ihre Führer zu Gewaltakten. Da aber der Mann entschieden erklärte, daß er solange er lebe, es nicht zulassen werde, daß man die kranke Frau wegschleppe, zogen die faschistischen Banditen schließlich ab. Der Anführer er- klärte, daß Frau Emhart noch bis Montag Zeit habe, ans St. Pölten zu verschwinden. Daraus mußte die kranke Frau fluchtartig St. Pölten verlassen. So sieht es das Ausland 3m Auslande beschäftigt man sich gegenwärtig sehr eingehend mit der innerpolitischen Entwicklung in Deutschland. Die besten Federn geben Zeugnis von dem Ernst der Auseinandersetzungen und der Gegensätze. Während noch vor wenigen Wochen die deutschen Dinge in der ausländischen Presse erstaunlich wenig behandelt wurden, im Glauben, daß das Hitler-Reich innerlich befestigt sei: heute ist das Gegenteil der Fall. Wir geben nachstehend einige Beispiele: Krise! Krise! Aus dem„Matin" vom 27. Juni: Rudolf Heß, einer der Führer der nationalsozialistischem Partei, anerkennt selbst die Konflikte, die das Reich zer. splittern. Tie innerdeutsche Krise brückt sich jeden Tag durch eine so große Anzahl der verschiedensten frappierenden Tatsachen aus, daß es einem schwer fällt, sie nicht alle aufzuzeigen und nach der dahinter steckenden Klarheit zu suchen. Aber es ist außerordentlich schwer, diese Klarheit, die von so viel wil- der Verblendung umgeben ist, herauszuschälen. Neben der politischen, sozialen, moralischen und religiösen Krise, die von Tag zu Tag schwerer lastet, läuft die Wirtschaftskrise einher. Diese hat nunmehr den Eindruck der Allmächtigkeit, den die Nationalsozialisten geflissentlich erweckt haben, im Innern des Reiches vollkommen zerstört. Sie hat gegen- sätzliche Tendenzen wieder frei gemacht. Tendenzen, die es immer in Teutschland gab, die aber darauf verzichtet hat- ten, sich öffentlich zu zeigen. Man fragt sich, welche Tenden- zen. Und man antwortet: Die Tendenz Goebbels und die Tendenz Papen. Aber es ist schwer, diese beiden Tendenzen greifbar nebeneinander zu stellen. Zwei charakterische Züge mögen sie beleuchten. Als ich am letzten Sonntag im Wagen in Magdeburg ankam, mußte ich mitten auf einer Elbebrücke halten wegen des Vorbei- marsches einer Gruppe Hitlerianer: Zwei Bataillone von SA.-Leuten mit dem Rucksack auf dem Rücken, Hand am Gewehrgriff und zwei Kavallerieeskadronen mit aufgc- pslanzter Lanze. Sie waren sämtlich vollkommen erledigt, so- wohl durch die glühende Tonne, wie durch den langen Marsch. Tie Menge um sie herum war dagegen äußerst lebhaft und vergnügt. Sie aber marschierten vorbei, ohne zu sprechen, nur gehalten von der außerordentlichen deut- schen Disziplin. Plötzlich ertönte aus ihren Reihen ein Ruf. Mit bitterer Stimme rief einer von ihnen:„Die Revolution marschiert!" Und das ist in der Tat für die Anhänger der Linken'die Moral von der Geschichte: Zehn Jahre revolutionärer Pro- paganda sind daran gesetzt worden, um schließlich und end- lich in frühere Hierarchie zurück zu fallen. Und dahin geht der Kampf des Dr. Goebbels: Nämlich trotz allem, ihnen die Hoffnung, die Illusion zu erhalten. Die zweite Begebenheit erlebte ich auf einem großen Be- sitztum des deutschen Ostens. Wir waren gerade dabei, ein paar hundert Erwerbslose, die man zur Landarbeit her- ausgeschickt hatte, vorbeimarschieren zu sehen. Da sagte der Gutsbesitzer zu mir:„Die ganze Frage ist die, zu wissen, ob wir genug haben werden, um diese Erwerbslosen zu er- nähren— und uns selbst auch— bis zum Ende der Krise. Wenn nicht, so hat Hitler uns vom Kommunismus nur ge- rettet, um uns ein wenig später mit eigenen Händen in den Kommunismus zu stürzen." Zur Aufrechterhaltung dieser Gesichtspunkte ist Herr von Papen letzthin so kräftig in Erscheinung getreten. Andererseits erklärte Herr Rosenberg am letzten Samstag bei einer Veranstaltung, die den sächsischen Heidenführer Widekind feierte, folgendes: „Für uns liegt das heilige Land nicht im Orient, für uns liegt es an jeder bedrohten deutschen Grenze." Der katholische Bischof von Berlin, um die andere Seite . a... itt S r»%• O t v a* u(U aaam. deutschen Eigenheiten in religiöser, politischer und Wirtschaft- licher Beziehung. Die Betätigung nach dieser Richtung ist im Interesse der deutschen Zivilisation unbedingt notwendig. Das gegenwärtige nationalsozialistische System muß cnt- weder zu einem Chaos oder zu einem Kriege, vielleicht auch zu beiden führen. Das alte Deutschland hatte Freunde, das nationalsozialistische besitzt keinen einzigen, nicht ein, mal Italien. Deutschland war in der Welt niemals be, liebt nnd wird es auch nicht werden, aber es muß und wird geachtet werden, wenn es achtnngswert erscheint. Hitlers persönliches Prestige ist noch sehr groß, aber von sich heraus wird er zu keiner Lösung kommen. Grenzenloser Byzantinismus hat um ihn eine Atmosphäre der Unwahr- hastigkeit geschaffen. Hitler ist leicht beeinflußbar und kaum sähig, einmal„Nein" zu sagen Er wird immer zum Symbol aus Kosten seiner Persönlichkeit. Wird es beispielsweise möglich sein, Hitler von der SA. zu trennen? Bei einer der seltenen Gelegenheiten, Hitler außerhalb seiner national- sozialistischen Atmosphäre die Wahrheit zu sagen, habe die Reichswehr erklärt, daß sie sich weder von der SA. übernehmen lasse, noch daß als Reichswehroffiziere Führer der TA. in Frage kämen. Es kommt eine Bewegung nach rechts, wenn es nicht mög- lich ist, daß einige der nationalsozialistischen Größen wie Darre, Goebbels, Röhm, wahrscheinlich auch Göring, der zwar zur Reichswehr Fühlung besitzt, gegen den aber seine große Unbeliebtheit spricht, ausgeschifft werden und eine „nationale Regierung" unter Hitler mit Unterstützung der Reichswehr und der Konservativen gebildet wird. Eine solche Regierung würde dem Konflikt mit den Katholiken ein Ende bereiten. Wahrscheinlich würden auch katholische Persönlichkeiten in eine derartige Regierung eintreten. Tendenzen und Gedanken nach dieser Richtung liegen in der Lust. Vorläufig erscheinen andere Lösungsmöglichkeiten, um aus der nationalsozialistischen Katastrophe zu gelangen, noch nicht möglich. Ob tatsächlich eine„konservativ-militärische" Lösung in Angriff genommen werden wird, darüber werden sicher die nächsten Wochen cnt- scheiden. Die SA. geht am 1. Juli für einen Monat in Ferien. Es wird interessant sein festzustellen, wieviel SA.- Leute aus diesen Ferien noch in den Dienst zurückkehren. vle«eise Ins„drille Reich'' Zwei französische Schriftsteller berichten i er luiyvnnvv—■ zu zeigen, verrichtete am Sonntag in der Kirche in Gegen- wart des Herrn von Papen folgendes Gebet: „Christus, Herr unserer Bäter, erleuchte den Führer unseres Volkes und gib ihm Gnade. Hilf unserm Volk, eine wirkliche Gemeinschaft zu bilden." Am selben Tag erklärte der katholische Geistliche Doviat: „Alles für Deutschland, aber Deutschland für Christus." Solche AuSschreie, die absolut in beiden extremen Rich- tungen der geistigen Verfassung des neuen Deutschland entsprechen, zeigen die dramatische Intensität der Konflikte, die heute Deutschland auseinanderreiben. „Afmospbäre der Miwahrhaffighei' Aus dem„Manchester Guardian" vom 27. Juni: Mit Ausnahme einer winzigen Schicht von National- sozialisten ist in Teutschland niemand mit dem Regime zu- frieden. Die Feldzllge gegen die Kritikaster und die Greuel- Propaganda haben völlig versagt, denn die stärkste Greuelpropaganda geht vom„dritten Reich" selber aus. Ueberall, aber besonders in Berlin, kann man hören:„So können die Dinge natürlich nicht weitergehen!" Am stärksten ist die Unzufriedenheit unter den arbeitenden Schichten, die Hitler als Anhänger wieder zum größten Teil verloren hat. Aber auch die Mittelklassen, die die stärkste Garde des Ratio- nalsozialismus bildeten, begehren auf, denn sie müssen jetzt Steuern und Abgaben zahlen, wie noch niemals zuvor. Die deutsche Krise ist nicht eine politische oder wirtschaftliche, sondern eine Krise der deutschen Zivilisation. Tie Frage, die man jetzt stellen muß, lautet nicht:„Wer wird die Diktatur beseitigen?", sondern:„Wer wird die deutsche Zivilisation retten und wie kann dies geschehen?" Diejenigen Deutschen, die auf diese Frage heute antworten können, gehören den Rechtskreisen an und werden indirekt von den Katholiken unterstützt. Die Antwort lautet: „Deutschland muß wieder ein Rechtsstaat werden und muß zu einem gesunden und kontrollierten Finanzwesen zurück- ^Infolge der riesigen, zum größten Teil unproduktiven Ausgaben für Propaganda. Aufrüstung und SA. wird Deutschland noch für lange Zeit a r m bleiben. Da man nicht sofort zum Parlamentarismus und dem alten Parteiensystem zurückkehren kann, muß ein autoritäres Regime die Füh- xung übernehmen unter Aufrechterhaltung der verschiedenen Das Welthilfskomitee für die Opfer des Hitlersafchismus veranstaltete im Saale pour l'Encouragement de l'Jndustrie in Paris eine Kundgebung, auf der die französischen Schrift- steller Charles Vildrac und Stefan Priacel über ihre kürzliche Reise nach Deutschland berichteten. Vildrac erklärte, daß er und Priacel sich ins„dritte Reich" begeben hatten, um das kulturelle Leben der Nazis zu studieren, vor allem aber, um Ernst Thälmann zu sprechen. Sie besuchten zunächst die Berliner Ausstellung der „Deutschen Arbeit" und äußerten ihre Verwunderung über den übertriebenen Auswand dieser rassischen und militärischen Propaganda. Der Beamte des Propaganda- Ministeriums, der sie begleitete, antwortete ihnen, indem er die Worte seines Chefs Goebbels zitierte:„Das Volk nimmt nur 25 Prozent der Wahrheit aus: damit es 100 Prozent ausnehme, muß man ihm-MO Prozent zeigen." Vildrac hatte den Wunsch geäußert, eine Propaganda- theater zu besuchen: er erfuhr, daß ein solches Theater nicht mehr existiere, weil die Propagandabühnen, die sich bald nach Hitlers Machtantritt gebildet hatten, künstlerisch un- genügend gewesen seien.„In Wahrheit," erklärte der be- rühmte Dramatiker,„wurden, wie mir bekannt geworden ist, diese reinen Propagandatheater geschlossen, weil das Publi- kum fortblieb." Vildrac wohnte dann einer Vorstellung im„Theater des Volkes", dem früheren Großen Schauspielhaus, bei:„Wir sahen," erzählte er,„eine Art Weihespiel, 15 Bilder aus dem bayerischen Leben von mehr als zweifelhaftem Geschmack. Ter Direktor begrüßte uns mit übertriebener Höflichkeit. Zwei TA.-Männer wurden in unsere Nähe placiert, die uns bis zum Schluß der Vorstellung nicht aus den Augen ließen. In einem anderen Theater sahen wir einen bearbeiteten „Wilhelm Tell", teils korrigiert, teils mit Nazitexten er- gänzt. Um den nationalsozialistischen Propagandafilm kennen zu lernen, besuchten wir eine Vorführung des Hans- Westmar-Films, der zunächst den Titel„Horst Wessel" trug. Der Film richtet sich gegen die Kommunisten: er erzielt das Gegenteil der Wirkung, die er erzielen soll. Ein kleines Detail: Ich sah den Film nachmittags, Priacel abends. Nach Schluß der Veranstaltung, die ich besucht hatte, erhob sich das Publikum und grüßte mit dem römischen Gruß: nur ich und mein Nachbar, ein Reichswehrsoldat, der während der ganzen Borstellung sein Mißsallen ausgedrückt hatte, blieben sitzen. Nach der Vorführung des gleichen Films, der Priacel beiwohnte, erhob sich buchstäblich niemand. Vildrac resümierte seine Eindrücke:„Jeder konspiriert. Die SA. ist durchsetzt mit Kommunisten: die Leitung weiß es. Gruppen von 20 und 50 SA.-Leuten werden verhaftet, weil sie verdächtig oder nachweisbar Kommunisten sind. Vor Kritikern sind die Nazis verwirrt: als ich meiner Entrüstung über die Bücherverbrennung Ausdruck gab, antwortete mein Begleiter aus dem Propagandaministerium:„Wissen Sie, Hitler und Goebbels blutet das Herz, wenn sie daran denken." Ueber ein Arbeitsdienstlager, das Vildrac besuchte, erklärte er:„Das ist verschleierte Kriegsvorbereitung. Man schafft„Bewässerungsanlagen": man wirft Gräben aus." Oranienburg und Kuntzprozeß Nach Vildrac sprach Priacel. Er begann damit, seine Eindrücke zu schildern, die er im Konzen irations- l a g e r Oranienburg gewonnen hat.„Es ist ein wahrhaftes Bagno. Die Häftlinge sind wie Zuchthäusler gekleidet: sie tragen, zur Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, Holz- schuhe oder Pantoffeln: alle werden geduzt: alle sind un- unterbrochen bewacht. Der Kommandant des Lagers hatte den Zynismus, uns zu sagen:„Tie Gefangenen haben es so gut hier, daß mehrere von ihnen, die entlassen werden sollten, uns weinend gebeten haben, sie zu behalten. Aber wir sind keine Wohlfahrtsanstalt." Man führte uns durch die Räume. Bei unserem Eintritt sprangen die Gefangenen auf und standen stramm. Als sie den Kommandanten sahen, zitterte« einige, andere weinte«. Im Hos sahen wir etwa 10 Gefangene, die hinkten. Ueber die Ursache befragt, erklärte der Kommandant, baß sie einen Marsch von 40 Kilometer gemacht hätten.„Autos begleiteten sie, aber sie weigerten sich, Platz zu nehmen." In diesem Augenblick sahen wir einen älteren Gefangenen: ein Bein war furchtbar angeschwollen und mit Jod bestrichen. Ter Kommandant wandte sich an ihn:„Diese Herren glauben, daß ihr geschlagen werdet. Sagt ihnen, daß ihr gut behandelt werdet, daß du dir den Fuß vertreten hast und gepflegt wirst." Der Alte nahm stramme Haltung an und sagte mit schwacher Stimme:„Wir werden gut behandelt, ich habe mir den Fuß vertreten und werde gepflegt." Wir baten, einen Intellektuellen sprechen zu dürfen. Wir sahen einen Mann von ausgezeichneter Haltung. Ich sagte ihm:„Wir sind Journalisten aus Paris. Wie geht es Ihnen?"„Persönlich," antwortete er,„geht es mir gut. aber..." Der Kommandant unterbrach ihn:„Ter Herr fragt dich, was du machst: sag ihm, baß ihr einen Film be- sucht habt und daß ihr in die Ausstellung der deutschen Ar- beit geführt worden seid." Der Häftling, in strammer Hal- tung:„Wir haben einen Film und die Ausstellung der deutschen Arbeit gesehen." Ich fragte ihn nach seinem Beruf: „Ich bin Funktionär der Kommunistischen Partei." Ter Kommandant:„Der wird nicht so bald entlassen. Er ist zu intelligent. Wenn er herauskäme, würde er sosor, eine Zelle bilde« und alles würde von neuem beginnen."" Priacel sprach bann von dem„Museum" des Lagers, in dem sich unter anderen„Raritäten" Bücher von Tschechow, Gorki und Barbusie befänden... Zum Schluß gab er einen Bericht über den Bülowplatz Prozeß, der mit drei Todesurteilen und hohen Zuchthaus- strafen abgeschlossen wurde. Seit dem Reichstagsbrandprozeß sind ausländische Jou^:- nalisten zu politischen Prozessen nicht mehr zugelassen. Wir hatten uns als Schriftsteller, nicht als Journalisten legiti- miert. Ich wurde zugelassen und saß allein auf der Bank der Journalisten. Im Laufe jeder Sitzung erschien im Saal ein beutscher Journalist, begab sich zum Staatsanwalt, erhielt dort Auskunst für die Abfassung eines Kommuniques, das in der ganzen Preffe erschien. Der Prozeß war vorher entschieden. Vor dem Vorsitzenden lagen die Protokolle aller Aussagen: er beschränkte sich darauf, Entlastungszeugen in Widersprüche zu verwickeln und ihre Vernehmung schnellstens abzubrechen. Priacel sprach von dem Mut der Angeklagten und einzelner Zeugen, bewunderte die Haltung von Kuntz und verglich sie mit der Dimitrofss im Reichstagsbrandprozeß: er forderte die Zuhörer aus, gegen die 41 Todesurteile zu pro- testieren, die in letzter Zeit von den Gerichten des„dritten Reiches" verhängt worden sind.„Die Proteste des Aus- landes," sagte er,„werden in Deutschland beachtet. Die Nazis spekulieren aus die Vergeßlichkeit, auf diese Gewohnheit der öffentlichen Meinung. Aber das Ausland ist die einzige Stütze der Gefangene« und Verurteilten, die in De-^'^land selbst völlig wehrlos sind." Müller sielh Chaos Auch er kämpft gegen Miesmacher Berlin, 27. Juni. Der Rcichsbischos der evangelischen Kirche. Müller, nimmt ebenfalls an der großen Kampagne gegen die Kritikaster und Miesmacher teil. Er hat bei einem SA-Fest in Pommern erklärt: Es regen sich Kräfte, welche wieder einmal das„christliche" Volk Deutsch- lands unterdrücken wollen, aber für uns gibt es nur eine Wahl: Entweder mit allen zusammen arbeiten für die Er- richtung eines starken Reiches oder das große Chaos. Unglücklicherweise ist der Gedanke des Nationalsozialismus noch nicht von allen verstanden und es gibt noch viele Leute, die ihm feindlich gegenüberstehen und jede getrossene Maß- nähme kritisieren. »er Hirdienhrieg Rücktritt des Reichsbischofs? Berlin, 27. Juni. In eingeweihten Kreisen wird ollen da- von gesprochen, daß der Rcichsbischos Müller und sein Mit- arbeiter Dr. Jäger im Lause der nächsten Woche zurück- treten werden. Es erscheint jedoch fraglich, baß die Opposi- tion sich mit einem Personenwechsel zufrieden geben wird: was sie fordert, sind nicht Maßnahmen gegen Personen, sie verlangt vielmehr einen grundsätzlichen Wechsel in der Kirchenpolitik. Pfarrer im Gottesdienst verhaftet Frankfurt, 27. Juni. Der Pfarrer Gerlach wurde während des Gottesdienstes von Beamten der Geheimen Staats- polizei verhastet. Er wird beschuldigt, gegen die An- ordnungen der Kirchenbehörde Widerstand geleistet zu haben. Domprediger verhaftet... Augsburg, 27. Juni. Ter Domprediger D. Adam Birner aus Augsburg wurde aus Anweisung des politischen Be- oustragten für die Provinz Tchwaben-Neuburg. Gauleiter Wahl, verhaftet und ins Augsburger Gefängnis ein- geliefert. Der Pfarrer hatte einen Hitler-Jugendführer, der die Schulgottesdienste nicht besuchte, zurecht- gewiesen und dem Jungen bei dieser Gelegenheit gesagt, daß er sich überaus fanatisch im nationalsozialistischen Sinne be- tätige. Birner erklärte die Unterredung als vertrauliche der Junge denunzierte ihn. und der Pfarrer sitzt nun im Ge- sängnis. Der Geist des dentsdieii DeiöisHanzlers In seinen amiiu&en Parteibiä&ro Wir zitieren aus der„M ainfränkischen Zet- tun g" Nr. 57, Jahrgang 1S34: Daß der Jude sich von, Schweine der ehrlich schassenden Menschheil mästet, weih jeder, der den von Leiche» gesäumten Weg der jüdischen NaKc verfolgt Hai oder schon selbst die Neißzähne eines oder mehrerer dieser blutsaugeudcn mensch- lichen Vampyre zu verspüren bekam. Ter grohangclegtc Ailfklärungsieldzug dar NSDAP. entkleidete den Juden seiner Pfaufedern und jedem, der wachenden Auges die Welt- geschehnisse verfolgte, wurde es immer klarer, daß ein Rabe, auch wenn fr»ich in aüen Farben schillernde Federn ansteckt und sich im Singen foümmstcr Weisen übt, immer ein aaS- speisendes und morbgüeriges Rabcnvieh bleiben wird, dah also ein Jude, auch wenn er mit seinem ergaunerten Rammon scheinbar tAutcs tut und schöne Melodien von Vöikcririeden, Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit fingt, immer der von seinem Blute geführte Jude bleibt, der nicht aus seiner Haut kann und deshalb edle Völker vernichte» muß, um seinen eigenen degenerierten Baslordleib träge und beherrschend durch alle Zeitalter der Menichheil schleppe» zu könne». Leider gibt es noch eine Menge Richtjudcn, die sich wie dumme Kälber ihre Metzger selbst wählen oder gar noch blutige Handlangerdienste leisten. Eine stattliche Anzahl solcher„ f o r t s ch r i t t l i ch e r Geister" scheint in Gerolz- holen zu kobolzcn und wahre Bocksprünge auszuführen. Scheinbar wissen sie nicht, dast sie nur auf einer vom Juden errichteten Bühne ifce übermütigen Lnitsprünge ausführen und daß ihnen einps Tages— und zwar liegt dieser Tag in nicht mehr weiter Ferne—, wenn ihnen wieder einmal zu wohl ist, plötzlich ö?r Boden unter den Füßen weggezogen wird und sie mit lautem, erschrockenem Gemecker in ein „mooriges Gefilde" stürzen, das mit Tacka» eine verdammte Achnlichkcit hat. Vielleicht lacht beim Lesen dieses Vergleiches der eine oder andere judenhvrige Volksvcrräter und glaubt weiterhin aus unserer Geduld und großzügigen Langmut Kapital schlage» zu können Sie sollen sich jedoch nicht über uns und über sich selbst täuschen. Wir haben nur abgewartet und ihnen Zeit, sehr viel Zeit zur Umstellung gegeben: wir haben ihnen diese Bestimmungsfrist uicht gelassen, um uns in der gleichen gehässigen Weise wie früher zu bekämpfen, sondern damit sie zu ihrem Volke zurückfinden. Wenn sie auch in ihren jüdischen„Mitstreitern" einen starken und kapitalistischen Rückhalt suchen, der nötigenfalls im Auslände mit Greuelmärchen arbeiten kann, dann müssen wir ihnen verrate», daß wir uns auch vor dem Teufel nicht fürchten. W>r setzen uns auf unsere Weise dagegen zur Wehr'und lachen sogar über die Sveireuselchen aller Schattierungen, die im geheimen, aber dafür desto kräftiger ihre ohnmächtige Wut in allen Gegenden spucken: die uns mit diesen Gasten- Manieren zu treffen suchen: sich dabei selbst beschmierend. Wir ließen und lassen ihnen das von einer schlechten Kinderstube zeugende Vergnügen, soweit sie damit keinen Schaden an- lichten Wenn sie sich aber unter'angen und. wie cö jetzt n, Gerrlzhpfen versucht wird, uns lächerlich zu machen, dann j'.'Üeit ste uns kennenlernen. Man hotte versucht, den in unserer Tamstag-Ausgabe vom l>. 6, erschienene» Artikel, der besonders iür die Gerolz- hosener Judenverhällniiie zugeschiiltten war und aufklärend wirken sollte, deshalb lächerlich zu machen, weil am gleichen Tage ..Der Boke vom Steigerwald" der sich stolz„Tie meistgelesene Zeitung im Bezirk Gerolz- holen" nennt, ch» Inserat des Juden Hermann Löbhardt in amtlicher Ausmachung erschienen ließ. Ter Jude stellte in»einer„Bekanutmachung" fest, daß ihn die Reichswollver- ivertung, Abt. Ulm, als Wollsammelstelle zugelassen habe, also alle Schaihalter bei ihm ihre Wolle abliesern oder be- Hins Nebe»nähme anmelden sollten. Wir sowohl als auch alle wehren Nationalsozialisten des Bezirkes Gerolzhofen -liclten ce lür unmöglich, daß in einem nationalsozialistischen Staate ein Jude mit der Betreuung einer Wollsammelstelle beauftragt worden ist. War es für uns doch eine gegebene Tatsache, daß das Reich, das die Sammelstellen doch errichtet hat, um die ain'allcndc Wolle zur Verringerung der Einiubr in festen Händen zu haben, nicht den Bock zum Gärtner macht. Wußten mir doch, daß der Jude der größte Schieber und Großschmugglcr ist, daß er, um die Preise in die Höhe zu treiben. Vieh ins Ausland an Rastcgenossen verkaufte und dann ivieder einführte. Angesichts dieser Tatsachen waren wir uns klar, da es bei der Vergebung der Wollsammelstelle an den Juden Löbhardt nickt mit rechten Tingen zugegangen sein muß. Ein telefonischer Anruf in Ulm bestätigte auch unsere Mutmaßung. Ter Bescheid lautete:„Tic Wotlsammcl- stellen werden nur Ariern übertragen. Wenn also Löbhardt Jude ist. hat er sich durch bewußt ftilschc Angaben diese Sammelstelle erschlichen. Höchstwahrscheinlich sei er aber überhaupt nickt zugelassen worden." Ter genaue Tatbestand konnte im Lause des Gespräches nicht crniitteli werden, doch - iverden wir die Oeftentlichkeit auf schnellstem Wege von dem Manöver des Inden benachrichtigen. sDieser Satz beweist, daß Löbhardt die Wollsammelstelle erhalten hat, nun aber ein Pruck auf die Behörde ausgeübt wird, den Auftrag zu- rückzunehmen. Red. T. F.) Für heule steht für uns eines fest: Ter Jude hat sich, in welcher Form es auch sei, mit voller Absicht und in jüdischer Geivinngicr unsaubere Hand- liingen zuschulden kommen lassen. Er bat besonders noch durch seine aiiireizende Bekanntmachung die Seele mit ehr- lichcr Hand schassender Volksgenossen zum Kochen gebracht, wie uns vorliegende Briese besagen. Wir verlangen deshalb öffentlich von der maßgebenden Stelle, daß der Jude Löbhardt.zu feiner eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen wird. Andererseits liegt auch, wie bei jedem Juden, Verdunklungs- gefabr vor, und es muß eingegriffen iverden. bevor er als ein in Teutschland verfolgter Jude grenclmärchenbcladcil ins Ausland entkommt, um dort die Rolle eines politischen Märtyrers zu spielen. Wir verlangen auch, daß in Gerolzhofen endlich einmal oin anderer Wind weht, der d«c Vehemenz und die reinigende Kraft des Märzsturmes besitzt. Ihr verhetzten und verdummten Volksgenossen, jetzt aber R'gchl aus und stellt euch hinter Adoli Hitler, der es sich zur Lebensauigabe gemacht hat. das deutsche Volk»nd damit auch euch kurz vor dem drohenden Ehaos zu retten. Stellt euch in die Front, deren Schlachtruf heißt:„Für Freiheit, Recht und Wahrheit!" Tcnkt an die Judereien des Nazisrencrs »nö ehemaligen sozialdemokratischen Stadtrates Leopold K r ä m e r. an den Bauernhhiächtcr Rothschild und vor- gcßt neben all dem jüdischen Gesindel, das euch den Ertrag jahrelanger saurer Arbeit abgegaunert hat, nicht die „jüdische Mordbestic Schwarz". Wenn ihr euch diese würdigen Repräsentanten des Welt- judcntumS vor Augen haltet, dann ivcrdet auch ihr durch die Erzählung vom„anscrwählten Volke" nicht mehr beoiiulußt und ihr seht den Juden in ungetarntcm Zustande wie wir, ihr erkennt in ihm die Weltgcißcl, und ihr sagt wie mir: «Die Zuden sind unser lingkiick!" Schi». II Wir zitieren aus der„Fränkischen Tageszeitung" vom 16. Juni 1934: Wer vom Juden frißt, geht daran zugrunde! Tas ist eine alte Weisheit, oft schon Tatsache geworden und doch immer noch von gewissen Leuten nicht erkannt. In Neustadt a. Atsch existiert ein Konsektionshaus Stumpner. Ter Besitzer dieses Konfektionshauses gc- bürdet sich in seiner Heimatstadt als Nazi. Er hat es auch verstanden, eine Verkauisftelle der Reichszcugme'stcrei der NSDAP, zn erhalten, aus der'er sicherlich recht ansehnliche Gewinne zieht. Man sollte nun annehmen, daß dieser Mann ganz be- sonders seine Pflichten gegenüber seinen anderer» Volts- genossen erftilleu würde. Dazu gehört auch, daß er das Geld, das die Einwohner Neustadls und seiiwr Umgebung in seinen Laden tragen, wieder seinen deutschen Volks- genossen zukommen läßt. Dazu gehört auch, daß er seinen Bedarf an Ware» bei deutschen Lieseranten deckt. In Neustadt versucht der Besitzer des Kaushauscs Stumpner auch den Anschein zu erwecken, als führe er l»ur Ware aus deutschen Unternehmen. In Wirklichkeit steht aber dieser Mann in reger Geschäfts- Verbindung mit dem Inden Guttmaun, der ein jüdisches Großkonfektionohaus vertritt. Dieser Jude hat sich einen ganz raffinierten Dreh auS- gedacht, um feine ehrvergessene arische Kundschaft be- liefern zu können. Er besucht seine Kunden nicht mehr im Hause, sondern läßt sie nach Nürnberg kommen. In Nürnberg befindet sich ein Hotel, dessen Besitzer sich auch den Anschein zu geben versucht, als seien sie Ratio- ugl sozia listen. Dieses Hotel stellt dem Juden Auttmann seine Zimmer zur Verfügung, damit er dort seine Geschäfte täligen. kann. In diesem Hotel besucht auch der Besitzer des Kaufhauses Stumpner— das, ivic schon gesagt, auch eine Filiale der Reichszeugmcisterci der NSDAP, unterhält— den Inden Guttmann und hat erst gestern wieder für einige tausend Mark Waren bei»hm gekauft. Auch die Besitzerin des Kaufhauses Schlund in Roth ist eine eifrige Kundin des Juden Guttmann. Im übrigen bereist der Jude Guttmann die gesamte Provinz und»nacht bis nach Sulz dach und Arnberg heraus seine Geschäfte au» die Weise, die»vir bereits beschriebe..' haben. Bei der Tätigkeit dieser Geschäfte werden auch, wie wir genau unterrichtet sind, Gespräche geführt, die beweisen, dast der Jude Guttinann und seine Kunden, auch wenn sie sich nach außen hin nationalsozialistisch tarnen, keine Freunde des neuen Teutschland sind? Wir empfehlen nun den zuständigen Stellen, den Juden Guttmann und seine Kuudschast einmal ganz gehörig unter die Lupe zu nehmen. Wir raten dem betreffenden Hotel, in Zukunft dielen Judereien keine» Vorschub mehr z» leiste» und erivai^cn von„RS.-Hag o", daß sie stck» ihre Mitglieder, die Gc- schäftsircunde des Juden Gutlmann sind, einmal vorbindet und glauben, daß ein Mann, der seinen Bedarf beim Juden deckt, nicht die Onalitätcn ausweist, die jemand habe» muß, »in durch Unterhalt einer Vcrtriebsstelle der Reichc-zeuz- meisteret der NSDAP, mit Nationalsozialisten ins Geichast zu kommen. Die Tranen sind sdiald Wenn Adolf Hitler seine„alten Kämpfer" hungern läßt Im„Haken kreuz hq»»er"; ,v uu> 0a'> cr an einem äs väggpßstäs ®eut§€fie Stimmen• föeilage sui*&ei$nisse und Äcse&idMen (•'-Hiii Freitag, den 29. Jgnl.1934 ■ Jlü::.. „System JCiumpfuß" im 5&mtez tz stampft Amte neue Jiiuist aus.dem!Badcit Der Dr. Josef Goebbels liebt es, den Gebildeten unter den rauhen Kämpfern Adolf Hitlers zu markieren. Er möchte dem„dritten Reich" so etwas wie den Anschein der Kultur geben. Aber die ölige Glätte seiner mit Worten jonglierenden Demagogie kann nur Kritiklose läuseben. Auch Goebbels Programmreden leben allein davon, daß niemand ihnen widersprechen darf. Ein geringes Stochern darin mit der kritischen Sonde— und sofort stürzt die angepappte Fassade kunstfreundliehen Interesses zusammen, der nackte Barbarismus eines Cnteroffiziergekirns kommt zum Vorschein. schein. Auf der Dresdener Tagungd.es Bühnenvereins hat Goebbels zugegeben daß die„nationale Revolution" ein modernes '» sJl f r n'*t hervorgebracht ha he. Was bisher vorläge .. 80 gesteht er mit eindruckerweckender Offenheit, sei ödester Kitsch. Aber man dürfe den Mut nicht verlieren. so schnell gehe das eben in der Kunst nicht. Politische Hochzeiten, sagt Goebbels, sind immer der »oriaufer geistiger und kultureller Hochzeiten gewesen. Aber man muß auch Zeit zum Warten haben und nicht Früchte pflücken wollen, ehe sie reif sind. Aber merkwürdig: kurz zuvor hatte der gleiche Redner den Satz ausgesprochen, daß es das Recht des künstlerischen Menschen sei, seiner Zeit vorauszueilen! So war es in der Tat vor wirklichen Revolutionen: Rousseau, oltaire. Diderot eilten der großen französischen Revolution voraus. Lessing, der junge Schiller. Goethe usw. waren die geistigen Wegbereiter der von Goebbels so gehaßten„libera- iistischen Lmwäizung Deutschlands im 19. Jahrhundert, vor den Pforten der russischen Revolution steht.der Name Tolstoi— nur bei Adolf Hitlers sogenannter Revolution sollen die großen Geister hiutennach gehinkt kommen. Seltsam, seltsam... Aber sie werden nicht....? Friedrich Schiller, von dem Goebbels behauptet, er stehe„uns", d. h. den Nationalsozialisten näher als die..modernen Schreier", Schiller läßt den+le!den seines Jugcnddramas. den Karl Moor, sagen: ..Das Gesetz bat noch keinen großen Mann gezeugt. Aher die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus." An jener Freiheit, die Kolosse ausbrütet, fehlt es in Deutschland wie nie zuvor. Goebbels selber, der die neue Kunst, ach so gerne, zur Befriedigung seiner tyrannischen Eitelkeit aus der Taufe heheu möchte, um als ein neuer Friedrich August in der deutschen Ceistesgesrhiehte dazustehen— er vernichtet zugleich jede Möglichkeit ihrer Entfaltung durch die Gitterpfähle seiner willkürlichen Beschränkungen und Anweisungen. Wahre Kunst wertet alle Werte neu. Goebbels aber schreibt ihr die innezuhaltende W ert- skala vor. Ein paar Säße seiner Rede zum Beweis: „Die Oeffentlichkeit sei nicht dazu da, damit irgend ein verdorbenes Gehirn sich vor ihr abreagieren könne. Das ewige Schreien der Modernen werde auf die Dauer lästig. Es sei Aufgabe der Dichter, die Ekstase zu bändigen und die Form zu zwingen. Unter Bezugnahme auf das Buch Remarques erklärte der Minister, daß, wenn in einem Heer von sieben Millionen einige hundert Feiglinge seien, noch lange kein Grund vorläge, gerade diese paar Feiglinge zu charakterisieren und die sieben Millionen deutscher Helden unbeachtet zu lassen. Ebenso sei es Unfug, wenn in einem Volk voy 60 Millionen die paar Kranken und Irren auf der Buhne zu W ort kämen Die Bühne solle den Menschen erheben. Schiller stehe uns heute näher als die meisten der modernen • Schreier." Schiller»— Wir sind sicher, daß Schillers Tyrann, der Herzog K a r I E n g e n von Württemberg, das Urteil Goebbels über Schiller Wort für Wort unterschrieben hatte aber nicht den letzten, sondern den ersten der hier zitierten Satze, nämlich: daß die Ocffcntiwhke-t nicht dazu da sei. damit ein verdorbenes Gehirn sich vor ihr abreagieren könne. So und nicht anders als das Erzeugnis eines„verdorbenen Gehirns hat Karl Eugen die„Räuber" seines Reg.- ments-Medicus Friedrich Schiller beurteilt. Ist dem moralinsauren Dr. Goebbels schon einmal aufgefallen, daß der Held dieses Dramas ein Verbrecher, ein R äüberhaupt mann ist. für den Schiller gleich e Olli die fttn Sympathie des Zuschauers erzwingt?— Worin besteht, um„neu noch wichtigeren P.railelfaJI zu erbringen, die große Tat G o e t b e s im„F a u s t"?— Faust war für das ganze Mittelalter der E r z v e r b r e c h e r der Mann, der sich dem Teufel verschreibt, und am Schlüsse verdienter- i vom Bosen geholt wird. Goethe verkörpert in diesem tzer und Zauberer das edelste menschliche Ringen und ii- T.a.litinn— erlöst werden.^ tzer und Zauberer das edelste hn— gegen alle Tradition— erlöst werden! n Dr. Goebbels wirjj das„Schreien der Modernen auf Kusz in Sac&ieiwuaud die berühmte Sängerin, war in Wien be- und ihre Familie halte auf ihrer Ruhestätte errichten lasten, das sie fast ganz nackt in der darstellte, in der sie ihre größten Erfolge ge. Urses Denkmal ist nun für die Besucher des einem derartigen„Stein des Anstoßes" ge- ie Friedhofsdirektion täglich lebhafte Protestin einigen von ihnen drückte eich eine der- »g aus, daß ihre Verfasser drohten, die Statue in die Luft zu sprengen. Um derartige lu vermeiden, hat die Direktion das Grabmal leinwand umhüllen müssen. taioneuAocps iiildeut'ehen Kleinstadt wird uns berichtete iche Teil der deutschen Jugend wird nach dem '.xeraierreglement erzogen. Als ich neulich ie Straße entlang ging, in der sieb das sijjju- die Dauer lästig". Uud er empfiehlt, vielmehr er befiehlt den Theaterdirektorcn: „Lieber ein guter Klassiker als ein schlechter Moderner". Ach, die..guten" Klassiker waren zu ihren Lebzeiten ganz schlechte" Moderne, deren„Schreien" von gewissen Leuten als äußerst lästig, empfunden wurde. Wer etwas mehr von der deutschen Literatur weiß, als die bildungsfreien SA- Feldwebel des„dritten Reiches", dem ist z. B. bekannt, daß ein gewisser König Friedrich II. von Preußen, ein unentwegter Anhänger der französischen Literatur(und deswegen wahrscheinlich von Hitler zum„Ersten Nationalsozialisten" erhoben), entrüstet d^s Gepolter des Goetheschen-,G ö t z von Berlichingen" auf der Bühne ablehnte. Das unentwegte Schreien des jungen Schiller in den„Räubern", in der„Luise Millerin", im„Don Carlos" nach— Freiheit hätte der Dr. Josef Goebbels mit tödlicher Gewißheit als genau so lästig empfunden wie das Schreien der heutigen Modernen, wenn er zufällig als einer der Duodez-Tyrannen des achtzehnten und nicht des zwanzigsten Jahrhunderts gelebt hätte. Goebbels ist entrüstet, daß von einem 60 Millionenvolk immer nur die„paar Kranken und Irren" auf der Bühne zu Wort kämen. Goebbels müßte diesen Vorwurf eigentlich an die größten Dichter der Jahrtausende, z. B. an den Spanier Miquel Cervantes de Savedra richten, weil dieser unter zwanzig Millionen sonst ganz vernünftigen und normalen Spaniern allein den hart an der Grenze des Irrsinns stehenden Don Quichotte zum Helden seines unsterblichen Romans gemacht hat!— Aber da Goebbels ja von der Bühne spricht: als die größte und erschütterndste Szene aus Shakespeares Dramen gilt wohl jener Akt aus dem„König Lear", in dem drei völlig oder nahezu Geisteskranke vor dem Unwetter auf öder Heide in einer Hütte zusammenkriechen. Es gibt auch einen gewissen Prinzen Hamlet bei Shakespeare, der sich geisteskrank stellt, aber von dem kaum erkennbar bleibt, ob er nicht tatsächlich zweitweilig der Umnachtung verfallen ist. („0 welch ein edler Geist ward liier zerstört!") Vor einigen zwanzig Jahren erschien einmal ein Buch„Verbrecher hei Shakespeare". Wer es las, konnte ersehen, mit welcher Unermüdlichkeit Shakespeare sich immer wieder diesem Menschentypus in allen seine Abstufungen— vom Ueber- zeuguugslälcr über deu schwankend Beeinflußbaren bis zum schurkischen Böse bht— zugewendet hat. Obwohl es soviel anständige E.. üudjer gab, würde Dr. Goebbels hinzufügen, über die S!.e-j, are doch hätte schreiben können. Am deutlichst j c'.ei sk,iert sich der Kultur-Feldwebel Goebbels aber iu seine.1 Gezeter über wahrhaftige Kriegsdarstellu; z. Remarque, den er angreift, hat den wirklichen-> laten des Weltkrieges dargestellt, weder den Heiden noch den Feigling, sondern den Menschen. Indem Goebbels aber Remarque beschuldigt, unter sieben Millionen„Helden" die paar hundert„Feiglinge"»ich zur Darstellung herausgeholt zu haben, zwingt er der Kunst das fälschende Klischee auf. Wo obrigkeitliche Vorschrift anordnet.> jeden: einzelnen von sieben Millionen zur Wehrpflicht ausgc heuen Bürgern, Bauern, Arbeitern einen Bilderbuch b>>'«.; zu sehen, da kann von Wahrheit und damit von Kunst überhaupt keine: Rede mehr sein. Welches Problem des modernen Lebens, so möchten wir einmal Goebbels fragen, darf denn im„dritten Reich" auf die Bühne gebracht werden, dessen Behandlung und Beurteilung nicht von vornherein durch die nationalsozialistische Doktrin— und zwar in der verlogensten, unwahr- haftigsten X'i?,e vorgeschrieben ist?! Der deutsche Mann hat ein Held, das deutsche Mädchen hat züchtig und keusch, der Verbrecher hat ein abgründiger Schurke ohne Milderungsgriinc)? zu sein. Gerade die Wahrheit, die das Theater ausspricht, die Bedingtheit aller Charaktere und allen menschlichen Handelns durch Umstände, Gesellschaft und Verflechtung des Linzelschicksals mit den sozialen Gegebenheiten— diese Wahrheit darf nicht mehr ausgesprochen werden, s darf nicht ausgesprochen werden, daß der Krieg ein Geschält der Rüstungsfabrikanten, daß die Arbeitslosigkeit ein Produkt des Kapitalismus, daß das Verbrechen die Kehrseite sozialer Notzustände ist. Einen verlogenen Wertmgßstab bekommt die Kunst ip die Hand gedrückt und nach ihm soll sie Werke schaffen. Das ist so gewiß unmöglich, als Kunst Ringen um letzte und höchste Wahrheit ist. Ständen heute wirklich Lessing, Goethe, Schiller aus ihren Gräbern auf: weder Leasings„Nathan", noch Goethes Gretchentragödie, noch Schillers Dramen von den„Räubern bis„Don Carlos würden heute geschrieben auf der Bühne de«„dritten Reiches" zugelassen werden. Tief unter die Zustände des 18. Jahrhunderts ist das Theater im„dritten Reich" herabgesunken. Die Kunst des„Systems Klumpfuß" wird so wc nig kommen, wie von Disteln Feigen zu ernten sind. Julius Civilis. T>et Saustali Aus der mondänen Zeitschrift„Neue Linie", die im gleichgeschalteten Bayer-Verlag, Leipzig, erscheint, erfährt der bessere Deutsche nicht nur, daß ein Sommerabcndkleid aus Organdi mit vielen Volants, ein Sommerabendcape aus weißem Taft, ein marinebiauer Golfanzug und ein elegantes Nachmittagsjäckchen mit hüftbetonten Plisees jede deutsche Heldenmutter zieren sollten, er erfährt auch(in der Juni- Nummer), wie sich der deutsche Untertan zu verhalten hat, um allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen: In diesen kummervollen Zeiten, wo sich die Menschheit renoviert, entgeht man viel Verlegenheiten, wenn selber man zum Kinde wird. Man überläßt dem Staatenlenker r ern weltanschaulich das Diktat, nachdem erwiesen, daß der Denket den Saustall bloß vergrößert hat. Die Leser der„Neuen Linie" können ruhig weiterschlafen, die heutigen deutschen Staatenlenker bringen den Saustall bestimmt nicht in Gefahr. tüte Das Reichs wehr hataillon 17 ist mit seiner Musikkapelle unter die Kulturbringer gegangen. Es läßt bekanntmachen, daß die Kapelle demnächst folgendes Werk des Dichter- Komponist-SA.-Trupp-Führers Hans Knoll zur Auffuhrung bringen wird: So sind wir hart, wie die Not uns gebar, Ein Heer voll fanatischem Hasse. Dem Führer treu, eine streitbare Schar, Doch todfeind der landfremden Rasse. Weh' Jude, der du mit vergiftetem Lug Marxistische Mörder gedungen! Gesühnt ist dein Frevel, zerflattert dein Spuk, Der Weg in die Freiheit erzwungen. Drum laßt uns marschieren heut durchs Brandenburger Tor! Viel Blumen uns zieren. Unser Ziel: Zum Licht empor! Das siegreiche Zeichen Hakenkreuz auf leuchtend Rot Sei unser Panier für Freiheit und für Brot! „Dieser Marsch wird demnächst von der Kapelle des Reichswehrbataillons in Holsts Garten gespielt, meldet die „Braunschweigische Landeszeitung" in ihrer Nr. 151. Cüws füt Jachkuiz Fachleute Aus Nr. 25 der„Umschau" vom 17. 6. 34, Frankfurt a. M.: „Zur Frage: Unbefugtes Oeffnen verschlossen gewesener Briefumschläge. Man kann Briefe so öffnen, daß sie vollständig unbeschädigt bleiheif, wenn man sie unter eine Glasglocke bringt, unter der auch ein kleines Gefäß mit Wasser steht... Der Umschlag geht dabei aus allen Verbänden. Die Kleheränder kleben aher noch nach Trocknung des Umschlags... Dr. Richard v. Dallwitz-Wegener." Woher er das hat? Von Herrn Hitlers Gestapo! Zeit=7latiiesi Ein neues Drama von Shaw Im Freilufttheater von Regcnt's Park wird demnächst die Uraufführung eines neuen Stückes von Shaw stattfinden. Das Schauspiel heißt„Die Bürger von Calais". Es hat die Uebergabe der Stadt Calais an Eduard III. zum Gegenstand. Bekanntlich ist es historisch, daß damals die Königin dazwischen getreten ist, um deu sechs Bürgern das Leben zu retten, die zur Uebergabe der Stadtschlüsscl bestimmt yyor- 4en waren. Diese sechs Patrizier haben auch das Thema zu einem der berühmtesten Werke des französischen Bildhauers Rodin abgegeben, mit dem Shaw sehr befreundet war. Vermutlich hat er von hier die erste Anregung zur literarische!) Bearbeitung des Stoffes bekommen. Deutscher Akademischer Austauachdienst e. V. ist vom Reichsinnenminister als einzige befugte Stelle zum Austauschdienst ins Ausland ernannt worden. Der Präsident des Vereins ist— General Ewald von Massow. Ein Dr. Graefe, Mitarbeiter des Generals, sagt einiges über den Studentenaustausch; mit den nordischen Staaten gehe der Aus- tausch am leichtesten, mit Italien am schwersten vor sich.' Graefe betonte:„Durch marxistische Verhetzungen in der schwedischen Presse sank die Zahl der zum Austausch angebotenen Kinder von 500 im Jahre 1932 im vorigen auf fünfundsiebzig Kinder. In diesem Jahr ist die Kurve mit einem Ruck wieder auf 350 hochgegangen— die Krise de» Miß, trauens ist überwunden..," -che Jugendheim befindet, marschierte eine Gruppe des Bundes deutscher Mädchen auf, deren Angehörige durchweg im Viter zwischen 12 und 14 Jahren standen. Die vierzehn, jährige Gruppenleiterin kommandierte:..In Gruppen rechts schwenkt— msrsch!— Geradeaus!" Hitlers jüngster Keirhiwehrersatj folgte dem Kommando nicht stramm genug worauf die Leiterin von der Trillerpfeife Gebrauch machte und ihre Gruppe in einer Tonstärke und mit Ausdrücken abkanzelte, die dem Feldwebel Uimme'.stoß die Ehre gemacht. ätte. Dem Ausbruch dieser deutschen lungmädchenseele Folgte für die Gruppe ein regelrechtes Strafexerzieren. Sir wurde die Straße auf und ah gejagt. Das Publikum schüttelt" bedenklich den Kopf: das deutsche Irrenhaus geht seiner Vollendung entgegen. Sottse« uxecdea vecfiCmt D e NS. Gemeinschaft„Kraft durch Freude" heim Gau .. n D er|in, die übrigens in dem gestohlenen„Vorwärts"- r h'aude unter:»brach*>' Hat ein eigenes Fürr-cferat ein- Ochtel Aufgabe*" es Amtes:„Die Filmaufgabe des Gaupresse- und Propagandaamtes besteht nun darin, dieses Gebiet nach der rein pro- pagandistischen Seite hin aufzuziehen. Das soll in der Weise durchgeführt werden, daß alles, was aus dem gewaltigen Tätigkeitsbereich der verschiedenen Aemtcr des Gaues Groß- Berlin der Verfilmung wert ist, auf dem Bildstreifen festgehalten und dem Reichspresse- und Propagandaamt der NSG. bgw. der DAF. zur Verfügung gestellt wird. Auf diese Weise soll die reichshauptstädtische Arbeit der NSG.„Kraft durch Freude" den einzelnen Gauen im Reiche vor Augen geführt und zur Nachahmung empfohlen werden. Z r Durchführung seiner Filmarbeit hat das Gaupresse- und Propaganda-Amt eigene Operateure verpflichtet" Ein mühelos gewonnenes Recht steht auf einer Linie mit den Kindern, die der Storch bringt; was der Storch gebracht hat, kann der Fuchs oder der Geier wieder holen. Aber der Mutter, die das Kind geboren hat. holt er es nicht, und eben so wenig einem Volke Rechte und Einrichtungen, die es in hlnt'ver Arbeit hat erstreiten mügseq. Aus„Der Kampf um*- Reche" von Prof. Dr. R,,d. v. Iheriii" Das bunte Natt „Deutsche Freiheit" Nr. 147 Die Ticheljulkm-Mannschaft in Moskau Freitag, SS. Juni 1994 Von unserem Sonderkorrespondenten „Noch nie habe ich Moskau so wunderschön gesehen. Viele glückliche Tränen gab es heute hier, viel fnohes Lachen und viel, sehr viel Blumen. Die strenge, rastlos tätige Stadt mit ihren von Ziffern strotzenden Aktenmappen, mit ihren von Neubauten zerklüfteten, an Schützengräben erinnern- den Straßen, mit ihren in Arbeitshast keuchenden Auto- Hussen, mit ihren Menschen, die auch noch arbeiten und stu- öieren, wenn sie ausruhen, die den unruhigen Schlaf der Tchildmachen schlafen— diese Stadt des Kampfes und der Beharrlichkeit hat für einen Tag ihren Gefühlen freien Lauf gelassen." So kennzeichnet der bekannte Schriftsteller Ilja Ehrenburg die Stimmung, die am 19. Juni an- läßlich des Empfanges der Tscheljuskin-Mannschaft herrschte. Es war auch wirklich ein Abend der Freude, des uner- schöpflichen Frohsinns. Das Heldenlied vom Tfcheljuskin, das das ganze Land fiebernd miterlebt hatte, fand hier seinen Abschluß. Ter„Rote Platz" sah ein Volksfest, wie er es noch nie gekannt hatte, zu Ehren der Tscheljuskin- Leute und ihrer Retter, der heldenmütigen Flieger. Die bescheidene Rede des FAegers Molokow, die Rede Ka- manins und die Ansprache Prof. Schmidts gipfelten alle in dem gleichen Satz:„Wir haben getan, was wir als Bol- schewiken, als Klassenbrüder tun mußten." Hunderttausende marschierten an der blumenumkränzten Tribüne vorbei, aus der die Helden standen, denen wochenlang jeder Gedanke der Arbeiter des Svwjetlandes galt. Sie alle verbindet das Bewußtsein, zu wissen, wofür sie die Fahrt durch den nördlichen Seeweg antraten, wofür sie, die Flieger, Leben und Gesundheit bei den Flügen durch die Eiswüste aufs Spiel setzten. Ungeheuer war die Freude der Moskauer Arbeiterschaft, die kühnen Polarsahrcr und Flieger zu begrüßen, deren Gesichter noch die Spuren überstandener Strapazen trugen. Ter jüngste unter den Rettern, der Flieger K a m a n i n, wendet sich in seiner Rede an seine Altersgenossen, die Generation, die das vorrevolutionäre Rußland nur aus Ge- schichtsbüchern und als dunkle Kindheitserinnerung kennt. Neben ihm erweckt besondere Begeisterung das gerettete Die yigeuner in England Das Derby ist vorüber und langsam ziehen sich auch die Zigeuner wieder zurück. Schon mehrere Tage vor dem be- rühmtesten aller Rennen waren die Zigeuner dort angekom- men und haben am Rande des Rennplatzes ihre Zelte auf- geschlagen. Es ist eine alte Tradition, die bis auf die Schöp- iung dieser berühmten sportlichen Veranstaltung zurückgeht: die Zigeuner müssen dort sein. Kein gutes Derby ohne sie. Die Zigeuner sind in England wirklich zu Hause. Ihre Stämme leben in diesem Land, und besonders in Irland, schon seit Jahrhunderten. Obgleich sie dort fest ansässig ge- worden sind, haben sie sich nie mit der Bevölkerung, die sie umgibt, vermischt. Tie Zigeuner bewahren ihre Titten und Gebräuche und heiraten nur untereinander: sie erkennen noch nicht einmal eine andere Autorität als die selbst ge- wählte an. Tie„gitanos" Spaniens haben einen König, die „gipsies" Englands haben eine Königin. Diese Königin be- herrscht viele tausend Männer und Frauen, die über das ganze Vereinigte Königreich verstreut leben. In Epsom, Kind des Leiters des Observatoriums auf der Wrangel- Insel, Bujko, das in der Arktis zur Welt kam. Es regnet Blumen aus das Kind, auf die Flieger, aus die Tscheljuskin- leute. Lustballons mit Blumensträußen steigen über dem Roten Playe aus, der schon ost begeisterte Demonstrationen sah, aber noch nie einen solchen Ausbruch heller Freude. Nach dem Triumphzug durch Sibirien und Rußland, nach den begeisterten Kundgebungen der Arbeiter von Wladi- wostok, von Swerdlowsk und allen anderen Städten war dieser Empsang das höchste Zeichen der Verbundenheit der Polarhelden mit ihrem Volke. Die Rote Lustslotte be- grüßte sie in einem machtvollen Eskaderflug über dem Roten Platz, dessen Höhepunkt der erste Flug des Agita- tionsflugzeuges„Maxim Gorki", des größten Flugzeuges der Sowjetunion, war. In ihrem Aufmarsch vor den ge- retteten Polarfahrern führten die Arbeiter der Moskauer Betriebe zahlreiche Modelle des Lagers aus der Eisscholle mit, Eisbären mit roten Fahnen in der Pfote, Hunde, und Hundeschlitten erinnerten die Helden an die bangen Wochen aus dem Eise und zeigten ihnen bildhast deutlich, wie stark das ganze Volk der Sowjetunion diese Zeit mit ihnen er- lebt hatte. Die Kundgebungen dauerten bis in die späten Abendstunden. F e Film der Expedition Anläßlich des Empfanges der Tscheljuskin-Mannschaff haben alle großen Moskauer Kinos größere Teile des Tscheljuskin-Films vorgeführt, der am IS.'Juni per Flug- zeug in Moskau eintraf. An der Fertigstellung des ganzen Films wird derzeit gearbeitet. Ter durch den Operateur Tchasran auf dem„Tscheljuskin" und teilweise im Lager auf der Eisscholle ausgenommene Teil des Films, die Aus- nahmen vom Untergang des Schiffes und der Retrungs- expedition sind großenteils gelungen. Es ist anzunehmen, daß der Film noch im Lause des Sommers in der Sowjetunion, Frankreich und den Vereinigten Staaten vorgeführt werden wird. dem Derby-Platz, halten alle Stämme des Landes Reunion. Die Königin hat in der Mitte des Feldes ihr Zelt auige» schlagen, ein hohes und ausfallendes Zelt, das alle anderen überragt: und während ihre weiblichen Untertanen allen Besuchern die Zukunft voraussagen, gibt sich die Herrscherin damit zufrieden, nur einigen wenigen Auserwählren Gutes zu prophezeien. Eine erstaunliche Operation Wie gemeldet wird, hat Professor Maschousky, Chirurg an der Universität Leningrad, eine wahrhaft erstaunliche Operation mit einer Kunst und mit einer Kühnheit ausgeführt, die berechtigt ist, in den Annale« der medizinischen Wissen- schalt verewigt zu weiden. Professor Maschousky hat einen Patienten geheilt, der an chronischem Gliederzittern litt, die Folge einer Nervenkrankheit, indem er an ihm eine ebenso neuartige wie komplizierte Operation ausführte. Er hat ein Ende des Nervenstranges im Rückgrat des Kranken entfernt, und das Zittern hat vollkommen ausgehört. Feuerlilien Die Feuerlilien im Beete flammen Aus ihrem aufgebrochenen Mund. Gedrängt, an Schultern, stehen sie zusammen In ihrem fast zu engen Rund. Aus ihren steilen Blätterschasten stiegen Tie hoch aus dem verworrnen Grund. Was sie in ihrem keuschen Kelch verschwiegen. Tun sie nach ihren hart erstiegnen Siegen Stolz dem gelassnen Sommer kund. Die Glut, die sie von Anbeginn durchflössen, Wie quoll sie nach dem offnen Tor! Fest stehen sie, Genossen bei Genossen, Und recken ihre Zungen nie verdrossen Bis sie ihr ganzes Leben ausgegossen Wie ein vom Geist ersüllter Chor. Emanuel v. Bodman. Der Roran und das Radio Jbn Saud, der König von Nedjeb, Hedschas und Afsir— und nun wohl auch bald von Aemen, geht trotz seiner Vor- liebe für alle Errungenschaften der Zivilisation nur sehr zögernd daran, seine Untertanen, die streng im Geiste der Lehre des Propheten erzogen sind, mit den Erzeugnissen des abendländischen Erfindergeistes in Berührung kommen zu lassen. Aber im Grunde ist er ein sehr moderner Herrscher. Vor nicht allzu langer Zeit führte er 5000 Mann in Automobilen nach Mekka und erregte dort mit seiner„Pilger- karawane" ungeheures Aussehen. Ein anderes Mal ver- einigte er in Riad, im Mittelpunkt seines Reiches, an- nähernd tausend Edele seines Stammes nur zu dem Zwecke, von ihnen zu erfahren, ob der Radioapparat, den er ihnen vorführen ließ, von ihnen für Zauberwerk gehalten werde. Da die Gesellschaft wahabitischer Edeler sich ausgezeichnet unterhalten fühlte und auch der Koran nichts Besonderes gegen das Radio anführt, ist es jetzt offiziell anerkannt und überall zugelassen worden. Der Fluch der Emanzipation Wie man hört, haben die türkischen Studenten beschlossen keine Frauen mehr zu heiraten, die an irgendeiner Uni- versität oder Hochschule ein Diplom errungen haben. Tie erklären, daß sie von den jungen Mädchen, die„alles wissen" genug haben, und nicht gewillt sind, sich ihre verdiente häus- liche Ruhe durch endlose wissenschaftliche Diskussionen, lite> rarische und künstlerische Ergüsse stören zu lassen, besonders weil obendrein— das Essen anbrennt.„Wir wollen Haus- flauen und zukünftige Familienmütter," erklären sie. Sollte das der Ausdruck schlechter Laune wegen der unbeliebten Konkurrenz sein, die man durch die Drohung, sie nicht zu bei- raten, von den Universitäten fernhalten will? Ein Rekord- sogar für Hollywood Lola Lane, ein Filmstar aus Hollywood, hat einen Rekord im Schnellheiraten ausgestellt. Al Hall, Filmdirektor, bat sie um 7.4S Uhr um ihre Hand. 19 Minuten später saßen sie Ichon im Flugzeug nach Las Vegas in Nevada. Nach Ver- lauf von zwei Stunden waren sie verheiratet, um dann bald wieder nach Hollywood zurückzukehren. Auf jeden Fall haben sie keine Zeit verloren. Unsere Töchter, die Oswinen Roman vonHermyniaZurMühlen. 9 Ilm diese Zeit liefen viele zu den Nazis über, aber bei den meisten wußte ich, daß sie es nur tun, weil sie sich davon einen Vorteil erhoffen und die jungen Burschen taten es, weil es ihnen Freude machte, in einer Uniform zu para- öieren und großartig zu tun. Ich weiß ja nicht, wie das in anderen Ländern ist, aber wenn bei uns einer eine Uni- form steht, wird er rein verrückt. Als ob die Uniform und der Krieg unserem armen Lande nicht schon genug Böses angetan hätten. Auch bei vielen, die seit Jahren arbeitslos waren, konnte ich es zur No» begreisen, das war eben die Verzweiflung, die sie zu den Nazis trieb: vielleicht können die uns Arbeit geben. Aber weshalb Studenten und hochgebildete Menschen zu ihnen gingen das verstand ich nicht. Der Sohn des Notars Fachinger lies in einer SS.-Unisorm herum und hob aus der Straße die Hand hoch, wenn er seine Partei- genossen sah. Dabei war er ein kluger junger Mann, der :n Berlin studierte: der hätte es doch besser wissen können. Was die Weiber anbelangte, so kamen sie mir recht komisch vor: meist waren es ältliche Frauenzimmer, die keinen Mann gesunden hatten, oder Witwen: die jungen unter ihnen aber hatten bestimmt einen Schatz, der Nazi war. Also das konnte man doch nicht Ueberzeugung nennen. Es war mein einziger Trost, daß die Toni nicht wegen eines Burschen und nicht wegen eines Vorteils in die Partei eingetreten war. Bei ihr war das keine Gemeinheit, son- dern nur Verblendung. Das ganze Städtchen war nun„politisiert". Ueberall standen kleine Gruppen umher und debattierten. Nur der Doktor Feldhüter sagte nie etwas, das ihn festgelegt hätte. Er humpelte mit seinem Klumpfuß und seinem bösen Ge- ficht über die Straße, er grüßte alle ebenso höflich wie immer, die Bürger, die Arbeiter, die Christen und die Juden, ja sogar den Doktor Bär, den er doch haßte. Die Frau Doktor jedoch lief aufgeregt herum wie eine vergiftete Ratte. Sie horchte hier und dort jedem Gespräch auf der Straße und machte jedesmal ein zustimmendes G'sich» m-, etwas gesagt hatte. Sie war wie ihr mit niemand verderben. Ihre Tochter?'?^;cn .Schatz nach dem andern, aber immer nur•>•.?n. Sie war jetzt neunundzwanzig Jahre alt, und im Städtchen wurde viel darüber gesprochen, warum sie, die doch ein schönes Mädel war, nicht heiratete. Vor neun Jahren war sie verlobt gewesen mit einem Ingenieur, aber die Eltern hatten die Heirat nicht zugegeben, weil der Ingenieur ein armer Schlucker war. Die Frau Doktor wollte hoch hinaus mit ihrer Tochter: am liebsten hätte sie für sie einen Ade- ligen gesunden. Deshalb war sie auch so böse darüber, daß die Gräfin Agnes nicht mit ihr verkehrte, obzwar sie dort keinen Menschen kennengelernt hätte, weil die Gräfin Agnes seit dem Tode ihres Mannes nie jemand bei sich sah. Die kleine Villa in dem großen Garten, der bis zum See reicht, war wie ein verwunschenes Märchenschloß, so still und ver- einsamt. Und die Gräsin Agnes las und las den ganzen Tag und wußte kaum, was in der Welt vor sich geht. Nur jetzt schien sie endlich etwas zu merken. Ich ging, kurze Zeit, nachdem meine Toni zu den Nazis gegangen war, in die kleine Villa. Jrgendmem mutzte ich mein Herz ausschütten, und vor der alten Frau, die mich schon so lange kennt, und die bei der Geburt meiner Toni dabei war, schämte ich mich noch am wenigsten. Sie schwieg einen Augenblick, nachdem ich ihr alles erzählt halte. Tann wurde ihr blasses Gesicht dunkelrot, und sie sagte heftig: „Ihre Toni, bei diesem Pöbel?" Und dann wurde sie noch röter und blickte mich entschul- digend an. „Sie missen doch, wie das gemeint ist. Kati, nicht wahr? Ich meine ja nicht die Arbeiter. Aber was bei dieser Partei ist, ist Pöbel, die Führer, die Mitglieder, die Mitläufer." Weiß Gott, daß die alte Frau mir aus der Seele sprach, aber irgendwie tränkte es mich doch, daß sie nun sozusagen auch meine Toni zum Pöbel warf, und ich sagte etwas boshaft: „Es sind auch viele Adelige dabei." Die alte Frau lachte: ich glaube, sie verstand sofort, weshalb ich das gesagt hatte. „Tie sind der ärgste Pöbel," erwiderte sie.„Der aller- ärgste. Für die gibt es keine Entschuldigung." Claudia kam ins Zimmer. Ich staunte, wie gut sie aus- Sie war voller geworden und hatte rote Wangen und •> V n. Tie trug ein hübsches Kleid und war >...... Auch darüber wunderte ich mich, weil sie sich sei! v,.11 g hen gelassen hatte und herumgelaufen war wie ein altes Weib, dem es gleichgültig ist. wie es aussieht. Sie war auch sehr freundlich zu mir und fragte nach Toni. Für ihre Mutter jedoch hatte sie nur einen verächtlichen Blick. Ich wußte ja, daß die beiden einander gar nicht ver- stehen, aber so arg hatte ich es mir doch nicht gedacht. Aber die Gräsin Agnes schien schon daran gewöhnt. Sie jagte freundlich: »Gehst du aus, Claudia?" „Ja, ich habe in der Stadt zu tun." Als sie gegangen war, sagte ich: „Wie gut die Claudia aussieht, sie ist um zehn Jahre jünger geworden." Die alte Frau lächelte freudig. „Ja. ich bin so froh darüber. Sie geht jetzt auch nicht mehr den Menschen aus dem Weg. Jeden Tag läuft sie in die Stadt. Und alles interessiert sie. Sie liest Zeitungen, sie dreht das Radio an. Ich glaube, jetzt ist sie endlich wieder ganz gesund." Und auch ich freute mich, daß die Gräfin Agnes sich um die Tochter keine Sorgen mehr zu machen braucht. Ter Winter war recht kalt und unfreundlich. Manchmal schien eine ganz blasse Sonne dtfrch die Wolken, aber sie wärmte nicht. Ich litt sehr an meinem Rheumatismus, und die^.oni war so lieb zu mir. Sie duldete nicht, daß ich irgendetwas im Haushalt anrühre, und die Wäsche über- nahm sie auch: ich brauchte sie nur abzuholen und zurück- zutragen. Nur sprechen konnten wir nicht miteinander. Zu Weihnachten putzte ich ein Christbäumchen, nicht weil ich fromm bin. sondern weil wir es der kleinen Toni zulieb immer getan hatten, und es nun in mir das Gefühl er- weckte, als müsse, sobald die Kerzen angezündet sind, mein Anton in die Stube treten und mit geheimnisvoller Miene allerlei Dinge aus seinen Taschen holen: Ueberraschungen nir die-!.vni und mich. Teshalb hatte ich auch nach seinem Tode jedes Jahr ein Bäumchen geschmückt. Dieses Jahr freilich hätte ich es lieber unterlassen sollen. Ter blaue Wolljumper, denjch heimlich für Toni strickte, wurde nicht fertig, weil das Stricken meinen rheumatischen geschwollenen Fingern zu weh tat. so konnte ich dem Kind nichtS geben, als ein paar Aepfel und vergoldete Nüsse. Dafür aber kam mit der Post ein Paket für die Toni, und ich freute mich, daß sie nun doch nicht ganz leer ausgehen würde. Doch wollte die Toni das Paket nicht aufmachen. .(Fortsetzung folgt-! Die ewigen llcnsdienredKe Karl ßadeft Ober die Ideen der iranzoslsdien Revolution Im„Journal de Moeau" veröffentlicht Karl Nadek sol- gende Ausführungen: den Ideen der großen französischen Revolu- itvN! Das ist der Kampsruf, de» die Marschalle des Faschismus täglich in die Welt hinausschleuder» und de» ihre Kor- Pokale unermüdlich wiederholen, obwohl sie wahrscheinlich von bei« großen Idee» von 17R9, auf deren Vernichtung sie ausgehen, nur eine sehr ungenaue Vorstellung haben. Der preußische Junker von der Marwitz, die deutsche Romantik zu Beginn des lg. Jahrhunderts. Adam Müller, der Apostel der Restauration, das stnd die geistigen Quellen des deutschen Nationalsozialismus. Aber, was sind denn diese Ideen der deutschen Resiaura- Hr», fi.-v Scii'ichcn Romantik genau besehen? Tie sind ein germanisch-mittelalterlicher Protest gegen den frischen Wind, «ni cu französische Revolution in die stickige Luit Teu.sch- lands hineingetragen hat. Ein Protest gegen die gleich- machende Gesetzgebung Napoleons, gegen die Bauern- b.'sreiung am Rhein, gegen jenen Weltgeist, den der junge Hegel in Napoleon verkörpert zu sehen glaubte, als er über das Schlachtfeld von Jena ritt.. Um deswillen hasten die Herren Nazis die französische Revolution. Der Nationalsozialismus kehrt zurück zu den Ideen der Restauration. Zu de» Ideen, die geboren wurden in dem Augenblick, in dein die Kräfte der französische» Revolution erschöpft waren und die Heilige Allianz die Geister regierte. Aber obwohl der Nazismus zu diesen Auffassungen zurück- kehrt, ist er nicht nur Reaktion. Er versucht eine nngebeuer- tiche industrielle und finanzielle Konzentration zu schassen, in den Händen einer Handvoll von Magnaten alle Reich- lümer zu vereinigen und eine härtere autokratische Un»er- dl tickung zu üben als sie in den finstersten Epochen der Ge- schichte geübt wurde Tie Ideen der französischen Revolution haben der Mensch- heit einen großen geistigen Schatz verliehen. Wohl haben sie nicht alle Bedürfnisse befriedigt, doch haben sie wenigstens die Herzen entstammt. Die Kritik an ihnen hat in der Person eines Gracchus Badem eine neue Kraft erzeugt, die bc- wegende Kraft einer kommenden Geschichtsepoche... In asten Ländern, wo der Faschismus gegen die Ideen der kran- ztisischen Revolution vorstößt, sind es die Vorkämpfer dcS neuen Lebens, der neuen Epoche in der Geschichte der Menschheit. die unzweideutig erklären:„Jawohl, wir wollen vor- wärt? maschieren, wir begnüge» uns nicht mit dem Erbe der Vergangenheit, aber wir«vollen den besten Teil des jako- binischen Bermächtnistes mit uns nehmen!" Es ist kein Zufall, daß die Qktoberrevolutionäre Rußlands sich mit Leiden- schalt dem Studium der Geschichte der französische» Revolu- tion gewidmet haben. Die Ideologie der französischen Revolution knüpft an an die Entwicklung der englischen und amerikanischen Revolu- tionen. Aber dir Universität der Idee der französischen Re- volution gehört dem Genie des französischen Volkes, daS sich gegen die Welt des Feudalismus erhob. Und ivenn man beute sieht ivie dir nordischen Tagen verherrlicht«verde» und sich die dunkle Heiligkeit des germanischen Mittelalters ans- breitet, dann können die«vahrha'tigcn Reformer des mensch- l'chcn Lebens den gcivaltigcn Elan Frankreichs, in dem die Flamme der menschlichen Vernunft leuchtete, nicht hoch genug preisen. Kein Zweifel, 1789 war der Ausdruck des Be- freivnaSivillens einer Klnste. die nach unserer Meinung heute ihre Rolle ausgespielt hat. Glcichivohl stellt die fran- Hie gale Sozialdemokraten Gleichgeschaltete Zeitungen berichten: Bor dem Breslauer Tonderaericht»and eine Verhandlung oegen elf ehemalige Mitglieder der TPD. statt. Die meisten Angeklagten stammen aus Breslau: Richard K t r ch» e r«var Stadtverordneter in Lirbau. Paul Kitzmann ist Pole. Unter den Angeklagten befindet sich auch die Fürsoraerin Berta Zobel. Den Angeklagten Sans Stephan, Paul Kitzmann, Richard Kirchner»»» Selmulh Kipke«vird zur "asr gelegt, ii« Schlesien im Teptembcr und Oktober 1988 40 et|(in Eremplare des neuen„VorivärtS" eingeführt zu haben Stephan vereinbarte mit dem Emigranten.Herbert Max Pallenfterg zösifche Revolution eine gewaltige Tatsache in der Entwick» lung der Menschheit dar, eine Tatsache, der man sick«vahr- lich nicht zu schämen braucht. Ter Faschismus wird nichtS anderes sein als ein Zwischenspiel der Wildheit des blutigen Ehaos. Die Idee» der französischen Revolution aber«verde» über der Reitschheit leuchten auch»och in jener Zeit, in der sie längst an neuen Usern gelandet sein«vird. -«- Daraus antwortet F r i e d r i ch S t a m p s e r im„N e u e n B o t w 611 iT: Ter vorstehende Aussatz des weltbekannten bolschewistischen Publizisten ist kein programmatisches Bekenntnis der Dritten Internationale zu den Ideen von 1789. sonder» eher eine diplomatische Gelegenheitsarbeit mit dem Ziveck, die neue russisch-sranzösische Freundschaft auch ideologisch zu rechtfertigen. Deswegen ist er aber»«cht iveniger interessant. In Europa herrscht heute eine große Konjunktur in anti- liberalen Ideen aller Arten und Torten. Es gibt sogar Sozialdemokraten, die glauben, mit dem Geist der Zeit zu gehen,«venu sie über die„liberalistischcn Ideen von 1789" verächtlich die Nase rümpfen. Es ist nicht ohne Reiz, daß sich gerade in diesem Augenblick Karl Radek stürmisch zu jenen Ideen bekennt. Um jedes Mißverständnis auszuschließe««, seien hier die «vichtigsten Bestimmungen der Erklärung der Menschenrechte vom Ski. August 1789 iviedergegeben. Nach Artikel 1«verde» die Menschen frei und gleich an Rechten geboren. Nach Ar- tikel S ist es Ziel jeder politischen Gesellschaft, die natürlichen unverjährbaren Rechte des Menschen zu wahren, zu diesen gehören n. a. das Recht auf Freiheit und das Recht des Widerstandes gegen Bedrückung. Nach Artikel 8 haben alle Bürger das Recht, selbst oder durch ihre Vertreter an der Gesetzgebung teilzunehmen. Nach Artikel lü darf niemand wegen seiner Ansichten belästigt«verde«, soiern nicht die Art, in der er sie äußerte, die öffentliche Ordnung stört. Nach Artikel 1t ist die Freiheit des Austausches der Gedanken eines der kostbarsten Rechte des Menschen. Das also sind die große» Ideen, die heute ein repräsentativer Publizist der Dritten Internationale in cinein Blatt der russischen Re- gierung feiert. Wäre seine Begeisterung ernst zu nehinen und«vttröe sie von der Dritten Internationale geteilt, so könnte man wohl sagen, baß von da eine neue Epoche in der Geschichte der Arbeiterbeivegnng beginnt. Denn der ganze Kampf um Demokratie oder Diktatur ziviichen der Tritten und der Zweite» Internationale«var ja schließlich ein Kampf um de» Geist der französische» Revolution. Die deutsche Sozialdemokratie hat die Ideen von 1789 in ihrer zeitgemäßen Fortentivicklung vertreten und hat für sie jenen Zweifrontenkrieg gegen Nationalsozialisten und Kommu- nisten geführt, in den« sie»all« 14 Iahren schließlich unterlag. Unsere französischen Genossen verteidige» noch heute— glücklicherweise erfolgreicher— den Geist von 1789 gegen den Angriff des Kominunismns. Wie gesagt, der Artikel Radeks könnte Epoche machen, wenn cr programmatische Bedeutung hätte. Aber er ist leider wirklich nich's dndercs als eine diptomatssche Gelcgenbeits- tuffeUl,.,,....,„ F. St. ? öbe. die Zeitung über Reinerz einzuführen. Kitzmann, der die Zeitung verbreiten«vollte, sollte sie im Austrage Stephans in Waldenburg abholen. Kirchner machte sich zum Briefträger zivischen Stephan und dem Emigranten Löbe. Ei hat nicht nur Drucksachen in das Land eingeführt, sondern auch Menschen als Emigranten ins Ausland geschinuggclt und Bricssachen sowie Zeitungen herübergebracht. Die Zeitung gelangte an den Zeugen Beyer, der sie aber, nach- dem er Kenntnis von dem Inhalt genommen hatte, vcr- brannte. Alle elf Angeklagten wurden außerdem beschuldigt, die Neuorflauisarion der Sozialistischen Arbcitcriugend betrieben und sich d.rdnrch gegen das Gesetz, das die Neubildung von Parteien unter Strafe stellt, vergangen zu haben. Ter Angeklagte Stephan«var geständig. Er wollte nur gedankenlos und ohne die Ttaatsgetährlicktkeit«einer Hand- lung zu erkennen, die führerlose Jugend, die sich nicht um- stellen konnte, um sich gesaminelt haben, um sie vor Dummheiten zu beivahren. Mit Gedankenlosigkeit suchten sich auch die übrigen Angeklagten zu entschuldigen. Die Verhandlung er- gab aber, daß Stephan sich schon früher in der Organisation der TAI. betätigt hatte. Er spielte mit dem Eingeklagten Seidel dort eine führende Rolle. Nach Seidel übernahm Stephan die Leitung und Fortsetzung der inzwischen vcr- boten?» Jugendorganisation in Schlesien. Um die Organisa- tion«veiterzusühren, trat er mit der illegalen Reichslcitung durch Käte Frühbrodt in Verbindung. Er erhielt auch die Richtlinien der Reichslciiung und unternahm mehrere Reiten nach Liegnitz, Berlin und Liebau. Mit Löbe traf er zweimal in Dtaiitenau zusammen. Er hosid sich dort den Rat de? erfahrenen Organisators und verabredete mit ihm die Einführung verbotener Zeitungen. Am 7. November 1983 ivurde der Angeklagte Karl Stehlik angebalten. Er ver- taufte die erlaubte Zeitschrift„Bf'.ck in die Zeil". In einzelne Eremplare waren aber Flugblätter hineingelegt, die auf- sv-dertcn. den Bosksentschcid mU„Nein" zn bean'morten und bei der Reichstagsivahl ungültige Stiinmen abzugeben. Bon der Regierung ivurde in diesen Flugblät'ern behauptet, sie rede nur zum Schein von Frieden, bereite den Krieg vor. decke Mord und Brutalität und belüge das V"lk sisev ivabren Stand der Wirtschast und der ArtzeitsloKgkeU. Stehlik, der die«? Flugblätter verbreitet lxLte. hat sich dadurch gegen$ 3 der Verordnung des Reichspräsident«' zur Abwehr heimtückischer Angriffe auf die Regierung schuldig gemacht. Da? Urteil lautete bei Stephan und Kirchner «veqen Gefährdung des Re^t vrie.dcnS und wegen verbotener Neubildung von Parteien aus ic- Jahre st Zuchthaus und 8 Jahre Ehrverlust. lWegen Gek^hod„nd des Rechtsfriedens erhielt Kitzman n 1 Jahr 8""anate Zi'chf- bans und•> l>ahre EfirvTsust. Kipke>"««rde weg"» ver- b«Le>«er Neubilduna von Parteien mit 3 Iah"" Getanan»?, und Stehlik wegen Greuelprovaaand, n-it 9 N'»i-gwn Gefängnis bestraft Kitzman» kann nach 8 43 M des SGafaefetz- bnches als unliebsamer Ausländer innerhalb der-«»läst'gcn Frist nnsgc wiesen werden. Die«Gm?» sechs Angeklagten wurden freigesprochen nuft ans der Hakt ent- laücn. Die Um"'°ü!chi«»gsft()?»»a',d vnTTo Auve-n,, n»a. Die Verurteilten haben auch die Kosten des Verfahrens zu tragen. inqnitiili«» in Orsterre'O Das„Hakenkreuzvanner" berichtet über granenhaste Kerker, In denen von der Salz bürg er Polizei neqen 100 angeblich unschuldige Nationalsozialisten als Geiseln wegen von unbekannten Tätern angelegter Surengstoff- anschlage 8 Tage gefangen gehalten wurden: Keiler, kühl, feucht, modrig, mit einem offenen Fäkalicnkanal, in dem die Ratten herumlaufen. Der Stadtarzt nann'e sie in einem Gutachten vollkommen»»geeignet für die Unterbringung von Menschen. Die Wahrheit der Mitteilung vorausgesetzt, zeig« sie. wie wesensgleich die faschistische Gewaltherrschaft sich überall, sei es in Italien, Deutschland oder sonstwo, betätigt: roh, grau- fam. boshaft. Aber gerade die Nationalsozialisten, die der Tolltuß-Regieriing«nit solchen Grausamkeiten voran- gegangen sind, haben am ivcnigstcn das Recht, üb-r andere Beschwerde zu fuhren. Haben sie doch wirklich schuldlose Menschen als Geiseln oder nbne iede» Gr,,»«, einaelperrt, während von einer Schuldlosigkeit bei«ugehörigen ihrer Partei, die grundsätzlich überall und masienhaff mi» den ver- brrcherischsten Mitteln arbeitet, gar nicht die Rede sein kann. Der Bericht sag« nbriaens selbst, daß die D«'llfuft"eu'e das Vorbild der Hitler Bande»'cht erreicht haben, die in gleich nichtswürdigen Räumen Menschen nicht acht Tage, sondern viele Mona»? gefangen gehalten hab«>„.„Rur die Marter,verk,enge kehlen!", sagt der Bericht,"eider fehlen sie in de«, Nazihöllen nicht und«verde» nvch heute zu ras- slnirrtestcn Folterungen verwendet. Wir wollen wahrhaftig den DollsNß-Faschiswns nicht be- schönigc». Unsere Genossen haben schwer darnn'er gelitten, und wir verurteilen Roheiten, geaen wen immer sie an- geivendet«verde»«. Aber ein starkes Stück ist eS«ch Taten anderer zu empöre» und dabei selbst viel schlimmere zu begehen. Briital und grausam gegen dm n«:Vvn« ,,»d empfindsam, wenn man selbst das Opfer ist— da» ist»wie Berbrbcherlogik. 1 f r c d Kerr I ihn vorinals in Operetten— wo er als ein mäh- ch-amcrikanischer Erzcntric erschien. Mit Spazier- uchtelnd: Wendungen dreimal«viederholend: Säyc h zerblättcrnd,- einpräglich an Bildkrakt. Er hat :»e dir Bilder mehr gcivcchfelt als Sc» Grundzug ls. rundzug liegt im Ghetto. ihlt er nicht zu den Glattgekämmten und Wassrig- cn und Abgcrahinten und Ausgelaichtcu. Nicht zur boctei«, geleckten Taufjudenschaft. Sunden« ist ein s Stücke Pöbel, voller Wildheit. Ich weife feit auf Siegfried Bcrifch, eine«, Jtzig-Spieler— in gebändigter Schicht manch Laus zu kriechen scheint. cr schon gekämmt. II «erg schreitet,«venu er malt, nicht nur zu», Haß- «der«« tapfer bis zum Ekligcu ivie... ja, ivie«ver? ovelli. Da liegt die zweite Wurzel seiner Kraft) m Ghetto. Hcspcrtsche Komödianten kennt er mvg- ie nicht: im Blut hat er sie. Palleuberg ist als Gci- e Ratte) ein Hamstervieh. Sein Harpagon duftet crietäugig) schinalnasig, drcckbchaart. Das Weh um chmender-Svhn fällt ihm, statt aufs Herz, auf den kraut ist gegen ihn an Keuschheit und Zurück- ein Schlesivig-Holfteinerck III Serg. als Argan. herzt seine Tochter wild, fast un- ,... Als Bniitschuh greift cr der lief Ersehnten, ingbarrn unter das Rockende. Er ist ein herrlim-s ig— und starrt von Wüste. IV »uscrt nicht mit hundertfältigem f.' blick. D'vzett. krümmt sich, schlappt, schlurft, ftcezt, sprich« mit den Händen, greiit zu, wirst iveg, fährt los, fällt um. backpseiit sich, brüllt, ist erschöpft,«vird plötzlich überraschend stumm und nickend, hebt eine» Mantel, befühlt Stosse, tätschelt Partner, prüft Hängendes und Festes, schießt aus. jagt weg. tritt vor. glotzt in die Zuschauer,«vitzelt in die Reihen, höhnt Mitspieler... und»ragt allemal: iiu, was kann ich? Er kassiert Beifall:«vill eine Quittung,— sofort. V Einer spricht bei Mvlicre von Geflügel und Rindvieh— Pallcnbcrg wiederholt das von dem andern gesagte„Rind- viel," so, baß es zu diesem gesagt scheint, als Beschimpfung. Er läßt keinen zu Wort kommen. Wenn die übrige» dran sind, redet er«vcitcr. Er wiederholt ihre Sätze, verzerrt sie durch Tonfall, zcrpflltckt sie. Rabutijtik im Gleschklang. Nach dem Muster:„Heimann, schrei nicht so. Wer schreit? Ich schrei'? Er schreit! Schreit er: ich schrei? Ich schrei'? Er kann nicht aus seiner Haut— die verkürzt ist.|Er soll auch nicht.) VI Aber strahlt einstens der andre Pol aus ihm? nicht das Ghetto— sondern das Ursprüngliche: Propheten. Sinaigcste, Herren der Inbrunst, Schmiede der Geivisiensioucht, Könige, Gesetzgeber für die Menschheit? VII Als Figaro sinkt Palleuberg seiner Mutter an die Brust und hat die Dreistigkeit zu rufen:„Mauimi!" Als Figaro sagt er zu der Schauspielerin Etbenschüy, da sie hustet:.Setz' dich, mein Kind, du bist erkältet!" Reisr'uchen«vird erwähnt — Harpagon ruft plötzlich:„Der stopit!" Bor dem Hvpo- chonder fällt ein ärztlicher Ausdruck: Bradppevfie— Palleuberg spricht ih» ziviukerud so, daß Brgdy. ein Wiener Nacht- lokal, herausguckt. Als Geiziger fügt er den Worten„Ich schmecke nichts" uiihemmbar zu:„Ich bin also geschmacklos." Er spricht«nit der größten Aufdringlichkeit in alles hinein. Er triekt von Lazzi, von allem Stegreif-Ulk. Er ist hin- reißend ein älterer Spaßmacher in neuerer Zeit. VIII Auch ein Gestalter?— Tie Rede der Gliedmaßen ist mehr cntivickelt als. die Rede des Antlitzes. Alle Glieder sind Zun- gen. Ewiges Spielen der Finger. Im Gedächtnis bleibt, wenn er als Tobias Buntschuh. als Krüppel beim Scheiden des geliebten Mädchens die Hände... n cht ausstreckt, nur fast ausgestreckt hätte. Sie geht.' Im Gedächtnis bleibt, ivie er als Fwc.n Schmerz ist... mehr ergreifender Radau als innen Leuchtendes. Ein Umnßkünstier, lockend: er paßt hier zu Reinhardt sSo geiviß er an händigungsloser Kraft steil alles überragt.) Er spricht gegenwärtig bereits deutsch. In ihm wirtschaftet strebendes Entschlosicnfein. Wird er das Letzte gew un-n> Dieser absonderlich««"'nd'rbare Mann ist so tüchtig, daß er auch das Letzte»'*''">> kann, bis es ihn- vielleicht, viel, leicht- segnet. I9l7. i. Zuni. (An?„Die Welt im Drama") Pariser Bilder Studio Parnasse In den nächsten Tagen findet im„Studio Parnasse", wo zur Zeit der russische Film„Okraina" mit großem Erfolg läuft, ein Programmwechsel statt, und zwar wird ein deutscher Film„Die r e i f e n d e J u g e n d" in Originalversion mit französischen Ueberschriften aufgeführt. Dieser Film behandelt das schwierige Problem der Auseinandersetjungen zwischen der heranwachsenden Jugend und dem Lehrpersonal. Dieser Film ist künstlerisch hochwertig und durch das mitreißende Spiel der C chauspieler Hertha Thiele, Heinrich George und des jungen Künstlers Karl Dieven hinterläßt er einen tiefen Eindruck. Die Auslandspresse stellt den Film auf das gleiche Niveau wie den seinerzeit erfolgreich gelaufenen Film„Mädchen in Uniform". Sieger im Vorübergehen Merkwürdiges Reiterglück beim Grand Prix Vor einigen Tagen fand in Paris das Rennen um den Grand Prix statt, das größte Ereignis der französischen Pferde-Saison. Der Sieger,„Admiral Drake", erhielt 750 000 Franken. Er wurde von dem Engländer Donoghue geritten. Dieser Jockey war rein zufällig von London übers Wochenende herübergekommen, um sich ein bißchen Abwechslung zu verschaffen. Natürlich ging er zum Grand Prix. Er war zwar nicht rasiert, doch wollte er auf jeden Fall dem Ereignis wenigstens als Zuschauer beiwohnen. Als er an der Wage von Longchamp auftauchte, erkannte man ihn sofort. M- Pierre Volterra, der für seine drei Pferde nur zwei Jockeys hatte, bat ihn mitzureiten. Er hatte aber weder Stiefel noch Reithosen mit und wollte auch anständig rasiert aussehen. Die Kleidungsstücke waren schnell geborgt, aber ein Rasierapparat auf der Rennbahn?! Auch dieser wurde gefunden, und mit einem sammetweichen Kinn führte Donoghue den „Admiral Drake" zum Siege. Zwei Gräber auf dem Pere Lachaise Auf dem Pere Lachaise, dem berühmten Pariser Friedhof, liegen nebeneinander zwei Gräber. Das eine gehört Eduard Drumont, einem großen französischen Schriftsteller. Es ist bescheiden und kaum gepflegt. Das andere, prächtig und aus schwarzem Marmor, ist die Ruhestätte dessen, was sterblich ist an Serge Alexandre Stavisky, dem großen Betrüger. Ein vielsagender Kontrast! Koch-Wettbewerb der Stars In dem großen Pariser Restaurant„Cascade" bat dieser Tage ein Wettbewerb stattgefunden, an dem zahlreiche französische Filmstars teilgenommen haben. Alice Field bereitete einen wunderbaren Hummer zu, Paulette Dubost briet ein ausgezeichnetes Hühnchen, die harten Eier von Gisele Picard mundeten vorzüglich. Den ersten Preis aber, der in einem funkelnagelneuen Peugeot-Cabriolet bestand, gewann ihre Schwester, die einen vorzüglichen Hasenbraten vom Grill servierte. Der Wettkampf ist im wahren Sinne des Wortes sehr heiß verlaufen! Doumergue gerät an die falsche Adresse Während seines letzten Aufenthaltes in Tournefeuille machte der Präsident Doumergue eines Tages einen Spaziergang über das Land. Plötzlich fing es an zu regnen. Da lief er auf ein großes Gebäude zu, das er in der Nähe erblickte, läutete an der Hautür und rief:„Oeffnen Sie bitte schnell, ich bin der Präsident Doumergue." Ein Hauswart öffnete die Pforte und erwiderte mit der liebenswürdigsten Miene der Welt:„Treten Sie nur ein, Herr Präsident! Der Herr Präsident der Republik und alle Minister sind auch schon da!" Herr Doumergue hatte an der Tür eines Irrenhauses geläutet, und der Hauswart ihn für einen Geisteskranken gehalten. Folgende Zeitschriften sind regelmäßig vorrätig: Der Antrat Zeitschrift für Menschenrechte pro Heft 2,50 Fr. Europäische Hefte Wochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft pro Heft 2,50 Fr. Das neue Tagebach Herausgeber L. Schwarzschild pro tieft 3,00 Fr. Die neue Weltbühne Wochenschrift tür Politik, Kultur und Wirtschaft pro tieft 3,00 Fr. Die Wahrheit Wochenschrift pro tieft 2,00 Fr. Die Sammlung Literarische Monatsschrift pro tieft 7,50 Fr. Bachhandlang der Volksstimme Saarbrücken 3 Bahnhotsstraße 32 rranzöslsdie fronlkämplerpolilih Ein Vorstoß Paris, 26. Juni. Der Vorsitzende der Nationalen Front- kämpieroereinigung, Muntzipalrat Lebecq, weist im„Journal" die Regierung nachdrücklich aus ihre Pflicht hin, für die Säuberung des Staates zu sorgen. Am 8. Juli würden die Frontkämpfer Rechenschast fordern. Tie gewiß anerkennenswerten Bemühungen des Ministerpräsidenten Doumergue würden vergeblich sein, wenn nicht viel mehr für die Hebung der Moral des Landes und die Bestrafung der Schuldigen getan werde. Man kenne diejenigen, die die französischen Sparer ausgeplündert hätten? aber man oer- folge sie nicht. Seien sie etwa zu hoch gestellt, oder zwängen gewisse geheime Mächte, die die Republik mit Beschlag be- legt hätten, dem Lande die Diktatur der Lüge auf? Warum werde mit zweierlei Matz gemessen? Mit einem für die armen Teufel, die sich während des Krieges im Felde etwas hätten zuschulden kommen lassen und in den Strafkolonien Zwangsarbeit leisteten, und mit einem anderen für frühere Minister. Politiker und Beamte, die„tabu" zu sein schienen? Die Regierung müsse Mut zeigen: sonst werde der 6. Februar schlimme Folgen haben. BRIEFKASTEN Carolas, London. Immer noch nicht überwunden? Bei Ihrer materiellen Lage müßten sie die Geschichten längst hinter sich geworfen haben. Was wir an„Furchtbarem" erlebten? Nicht der Rede wert. Was hinter uns liegt, ist schon so weit entfernt, daß eS uninteressant zu werden beginnt. Wichtig ist nur, was vor uns steht, und wie wir es gestalten werden. „Wiener Patrioten". Sie schreiben uns über ein Vorkommnis in Wien:„Dieser Tage hielt der Oberstleutnant Seifert, der Landes- leiter der Vaterländischen Front, eine Rede, in der er offen zu terroristischen Akten gegen Rot und Braun aufforderte. Das un- erwartete Ergebnis dieser Aufforderung war aber, daß es unter den patriotischen Versammlungsteilnehmern selbst zu einer schwere» Prügelei kam, bei der mehrere Personen verletzt wurden." Schade für jeden Hieb, der danebenging. W. St., Luzeru. Ihnen ist im gleichgeschalteten„Duisburg-Ham» borner General-Anzeiger" folgende Annonce ausgefallen:„Motor- radsahrer bietet junger Dame Gelegenheit zum Mitfahren im Beiwagen ins Bochenend. Offert. mit'Bild unt. F. 54l an die Exped. des Tuisb. Gen.-Anz."— Da scheint ein Pärchen noch nicht be- griffen zu haben, daß der private Feierabend und damit auch da» private Wochenende aufzuhören hat. Dr. Ley wird Bochenendbraut und Wochenendbräutigam beschlagnahmen und sie nach rassischer Musterung der Feierabendorganisotion„Kraft durch Freude" zu- führen. Pfälzer Freund. Sie teilen uns mit:„Die Nazipreffe schweigt sich aus über den Bürgermeister und Sturmsührer der SA. Römer in Kleinsteinhausen sPfalzl aus. Er hat mit seiner 18 Jahre alten Tochter intimen Verkehr. Das ist allgemein bekannt und wurde durch die Sittenpolizei beobachtet. Vater und Tochter wurden oer- haftet. Das Mädel trägt weniger Schuld: es wurde daher wieder freigelassen. Es folgte ihre Entlassung in der Fabrik. Auf dem Nachhausewege traf sie ihren jüngeren Bruder und gab ihm zu ver- stehen, daß sie nicht mehr lange lebe. Sie legte sich zu Hause unter Vorschützen von Unwohlsein ins Bett und erschoß sich mit der Pistole ihres Vaters Vorher hotte sie gestanden, daß der Verkehr schon Jahre lang— unter Zwang des Vaters bestanden hat." „Stropp". Sie lesen den„Westdeutschen Beobachter" gründlicher als wir. So fanden Tie folgende Anzeige:„Marschstiefel, Größe 41/42, SA.-Hose und Mütze, billig abzugeben.— Lindenthal, Schall- straße 28, l. Et." Biel scheint man für eine Hitleruniform nicht mehr zu geben. „z ll". Wir danken für den Bericht über die Rede des Dr. Robert Ley in Oberhausen. Er lagte u. a.:„Wenn man einen Trümmer» Hausen vorfindet und KS Millionen ernähren will, dann hat man nicht Zeit, jeden Schweinehund einzeln zu packen." Richtig: wie sigura zeigt.—„Aber es kommt," so rief Ley weiter aus,„auch für solche Menschen der Zeitpunkt, da zugegriffen wird."— Da» walte Gott! Zürich. Ihre Drucksache hat uns ermöglicht, einige Eremplar« de» faschistischen Bochenblattes„Ter Reichsdeutsche" kennen zu lernen. Wir ersehen daraus, daß auch in die Kreise der Auslandsdeutschen die Miesmacherei eingedrungen ist. Insbesondere scheint man sich über die hochbezahlte Bonzenwirtschast aufzuhalten. Darum be- ruhigt„Der Reichsdeutsche":„Vor allem gilt eS, dem Auslands- deutschen vor Augen zu führen, daß die einsatzbereite Tätigkeit in der PO., SA.. TS., SJ. usw. zum sehr großen Teil ehrenamtlich geleistet wird." Aber natürlich: die ewigen Flugzeugreisen, dt« Mercedes-Benz-Automobile, die braunen Paläste, die Villen und Jagdschlösser, alles und alles ist ehrenamtlich! Man ist versucht, ein Wort aus dem Neuen Testament abzuwandeln:„Trachtet am ersten nach dem dritten Reich,>o wird euch alle» andere zufallen." G. S., Barcelona. Sie können Ihre Zuschriften ruhig nach Saar- brücken richten. Für ein Pachtgui mit konf. Landhaus In schönster Lage Nordfrankreichs, in Jüdischen Händen, wird Teilt» s»i»er zur Ausnutzung einer besonders günstigen Ver- gröfierungsmöglidikeit gesucht. Anfragen unter Nr. 1044 an die ..DEUTSCHE FREIHEIT", SAARBROCKEN Für den Gesamttnhal» verantwortlich: Johann P i tz tn Dud- weiter: für Inserate: Otto Kuhn tn Saarbrücken. Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH, Saarbrücken Z. Schützenftraße b.— Schließsach 716 Saarbrücken. Die Gesdiidite einer ramilie und eine« Films Wie der Rothschild-Film in Frankreich verboten und wieder erlaubt wurde Von Jean Martel Paria, im Juni. Vor einigen Wochen erscheint ein Herr mit amerikanischem Aussehen im Büro der französischen Filmzensur. Er hat 2500 Meter Film mitgebracht. Es ist der Pariser Vertreter einer großen Produktionsfirma der Vereinigten Staaten: „Das ist der Film ,Haus Rothschild'", verkündigt er, nachdem er die Steuer bezahlt hat. Der Projektionsapparat wird in Tätigkeit gesetzt. Auf der Leinwand der französischen Filmzensur erscheint das Frankfurt der Jahre 1770 bis 1780. Die alten, kleinen Häuser des „Ghettos". Juden in ihrer Pelzmütze und langen, schwarzen Seidengewändern, aber mit gefüllten Börsen. Auf der anderen Seite Damen der großen Welt, die mit den jungen Kavalieren ihren Familienschmuck durch gebracht haben; Söhne, die gegen die Moral ihrer Väter verstoßen haben, verkrachte Adelige, lebenslustige Geistliche und ruinierte Fürsten. Die Zweiten klopfen an den Pforten der Ersten. Die Juden leihen gegen Wechsel und Hypotheken gute Golddukaten den letzten Stämmlingen des Heiligen Römisch;n Reichs Deutscher Nation. Unter den Juden tritt eine Gestalt besonders hervor durch seine Tüchtigkeit und seine Klugheit, durch seinen Geschäftsgeist und auch seine Kühnheit— das ist der alte Rothschild, der zwar die Wäsche nur zweimal im Jahr wechselt, aber vor dem sämtliche Beherrscher des damaligen Frankfurt am Main auf den Knien liegen. Der Greis hat vier Enkelsöhne die... „Halt!" ruft da Edmund See, der Präsident der Zensur. „Der Film ist peinlich für die Familie Rothschild, er ist peinlich für alle Finanziers der Welt. Ich werde ihn in Frankreich nie zulassen." Das Hohelied vom europäischen Kapitalismus von Hollywood gesehen Herr Edmond See, der übrigens soeben auch die„Nemo- Bank", einen satirischen Film, der allerdings zuviel Aehn- lichkeit mit dem Stavisky-Skandal aufweist, und„Amok", nach dem ausgezeichneten Roman von Stephan Zweig, in Frankreich verboten hat,— Edmond See ist klug. Zu klug vielleicht. Denn der amerikanische Autor(jüdisch-ungarischer Herkunft) hatte keineswegs die Absicht, Familie Rothschild zu verletzen. Mit der Unparteilichkeit eines Historikers hat er es unternommen, vor den Augen des Publikums ein gewaltiges und bilderreiches Epos abrollen zu lassen: den Heidengesang einer Familie, deren Schicksal sich symbolisch mit demjenigen des europäischen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts mischt. Der alte Rothschild hatte vier Enkelsöhne. Der Eine ging nach Paris, der Zweite nach Wien, der Dritte nach London. Der Vierte blieb in Frankfurt. So gebar eine mächtige Dynastie, die den Königen lieh, Kriege finanzierte, Eisenbahnen baute(die Hauptquelle ihres Reichtums) und die Börsen Ei,'""" beherrschte. Der Pariser Rothschild, genannt„Le grand Rothschild", war der Bankier von Louis-Philippe von Bourbon und von Napoleon III. Im Jahre 1848, gelegentlich der Revolution sagte er das berühmt gewordene kluge Wort:„In 100 Jahren wird die Arbeiterklasse den Sieg davontragen, aber heute können wir noch Geld verdienen, indem wir sie an den Gebrauch von Seife und Taschentuch gewöhnen." Dieses Epos lebt in dem amerikanischen Film wieder auf, — wunderbar trägt dazu George Arliss bei, der schon die Rollen von Disraeli und Voltaire verkörperte, bevor er den alten Rothschild, den Ahnherrn einer Dynastie, darstellte. Gespräch mit einem Rothschild Heute teilt die Familie Rothschild das Schicksal des europäischen und Weltkapitals. Der Frankfurter Zweig hat aufgehört zu existieren, die Wiener Rothschilds sind ruiniert, die Familien in Paris und London halten der Krise noch stand, aber mit Mühe. Zeichen der Zeit: der Baron Henri, der Chef des französischen Zweiges, hat sich von den Finanzoperationen abgewandt. um sich ganz dem Theater und der Medizin zu widmen. Er ist ein großer und verdienter Arzt, aber auch unter dem Namen„Andre Pascal", ein Bühnenautor von Talent,— einer der vier berühmten Autoren des Pariser Theaters zusammen mit Bernstein, Sacha Guitry und Pagnol. Sein schönstes Stück„Le grand patron"(aus dem Leben eines Arztes) wird mit großem Erfolg in Moskau, der Hauptstadt des Roten Rußland gespielt. Er ist auch der Schöpfer der modernsten Pariser Bühne, des„Theatre Pigalle". Ich habe Baron Henri neulich aufgesucht, liebenswürdigerweise durch seinen Sohn Philippe eingeführt, der seinerseits sich auf dem Gebiete des Films versucht und zuletzt die Produktion von„Lac-au-dames"(„Hell am Frauensee") nach dem Roman von Vicki Baum geleitet hat. „Was halten Sie von dem Verbot des amerikanischen Films über Ihre Familie?" Der Baron bricht in Lachen aus: „Ich halte es für eine Dummheit!" Er steckte sich eine dieser großen Zigaretten an, die er selbst fabriziert, indem er den gewöhnlichen französischen Tabak(den guten, alten„caporal") mit einem sehr starken „virginia" mischt, und fährt dann fort: „Ich komme gerade aus London. Dort hatte ich Gelegenheit, mir den Film anzusehen. Er ist vollkommen unparteiisch und gerecht und was hinzukommt: er ist vortrefflich gespielt, gut fotografiert und gemacht." „Sie empfinden ihn also nicht als„peinlich" für Ihre Familie?" „Welch ein Unsinn! Ich heiße Henri de Rothschild und mein Chauffeur, dem ich im vergangenen Monat das Gehalt kürzen mußte, heißt Jean Dupont. Augenblicklich sind wir beide Opfer der Krise. Aber wir sind nicht verantwortlieh für die Geschichte unserer Vorfahren." Der Film„Haus Rothschild" in Frankreich auf Veranlassung des Barons Henri erlaubt t nd der Baron Henri hatte die überaus elegante