Einzige unabhängige Tageszeitung DeuiZchkands Nr. 151— 2. Jahrgang Saarbrücken, Mittwoch, 4. Juli 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Ans dem Inhalt Zahlceiche eigene Wleldungen aus dem Reiche im J.nnecen des!Btattes! Dos Geheimnis des SO. Inii Die Hintergründe der blutigen fSoditkämpie um die Reldisiührung Vom Reichstagsbrand zum Massenmord Die Methoden der deutschen Schrechensmänner Die erpreßten Staafsfelegramme Spannung zwischen Berlin und Neudeck In Berliner politischen Kreisen, die über die Stimmung des Reichspräsidenten genan orieniiert sind«nd"wissen, datz er sich empört über das von dem Reichskanzler angerichtete Massaker ausgesprochen hat, erregt das sogenannte Dank- telegramm des Reichspräsidenten an Hitler lebhaftes Kops- schütteln. Man hat auch bereits die Lösung des Rätsels ge- funde«. Es ist allgemein ausgefallen, dass das Reichs- präfideutenpalais scharf von der Polizei bewacht wird, ob- wohl sich der Reichspräsident aus seinem Gut in Neudeck be- findet. Aber in dem Palais an der Wilhelmstrasse befindet sich Staatssekretär Meissner, der dort geradezu als Gefangener Hitlers gehalten wird. Göring hat durch einen seiner Bertrauten daran erinneren lassen, dah man bei der Polizei Akten besitze, die über gewisse dunkle B a n k- und Börsengeschäfte Meissners Auskunft geben. Meissner hat diesen Wink verstanden und in zahl- reichen Telefongesprächen den in Neudeck befindlichen Obersten von Hindenburg ersucht, dafür zu sorgen, daß der Reichspräsident„nicht aus der Reihe tanzt". Duell Görlng-Papen Der Kampf un. den Vizekanzlerposten Berlin, 8. Jult. Der Vizekanzler v. Pape» ist am Montagabend freige- lassen worden, wird jedoch überwacht. Er will sich nach Neu- deck zum Reichspräsidenten Hindenburg begeben, Es heisst aber, dah ein heute unter dem Borsitz von Hitler stattfindender Kabinettsrat die Absetzung Popens be- schlichen wird und an dessen Stelle Göring das Amt des Vizekanzlers erhalten soll. Aus persönliche Anregung Görings wnrde gestern auch Prinz August Wilhelm aus der Hast entlassen. Der Prinz hat sich sofort nach Potsdam begeben, wo sich auch der Ex- kronprinz befinden soll. Unter den zahlreichen Verhasteten befindet sich, wie ein- wandsrei seststeht, auch General von Bredow, der z. Z., als General von Schleicher Reichsminister war, das wichtige Amt als Chef des Ministerrats im Reichswehrministerium sBerbindungsmann zwischen der Reichswehr und dem Reichspräsidentens bekleidete. Wetter wird berichtet, dass der sächsische Ministerpräsident von K i l l i n g c r, ebenso wie der Kapputschist, Major von P a b st verhastet worden ist. Dank vom Dause Nindenburg „Die Treue ist das Mark der Ehre" Paris, 8. Juli. In Faksimile veröffentlicht der„Excel- fror" eine Karte, die von Frau von Schleicher kurz vor ihrer Ermordung an eine in Berlin wohnende Freundin gerichtet war. Darin heisst es wörtlich: „Jetzt ist mir immer so schwindlig nnd das Hirn kann es nicht sassen, dah dieser furchtbare Verrat vom Hause Hindenburg«nd Pape» an meinem Mann begangen wurde. Ihre Elisabeth Schleicher." Wie Sdileldier ermordet wurde „Ein preußischer Offizier flieht nicht" Berlin,». Juli. Man erfährt jetzt, unter welchen eigen- artigen Umständen General von Schleicher buchstäblich er- mordet wurde. Am Freitagabend gab der General in seiner in Neubabelsberg gelegenen Villa im kleineren Freundes- kreis ein Diner. Während der Unterhaltung erinnerte einer der Gäste den ehemaligen Sieichskanzler an die Ge- fahren, die ihm in Deutschland drohten und fragte ihn, warum er nicht, ebenso wie Brüning, Deutschland verlassen habe. Schleicher antwortete nur kurz:„Ein preussischer Offizier flicht nicht.", Am Samstag morgen hielt plötzlich ein Automobil unt zwei Insassen vor der Villa. Einer von ihnen wurde in den Salon geführt, wo sich der General mit seiner Frau aus- hielt. Kaum hatte der Besnier das Zimmer fe& S&fr H Die deutsche Reichsregierung und ihre Zeitungsknechte haben wieder schweren Kummer mit der„Emigranten- presse". Obwohl diese„separatistischen" und„deutsch- feindlichen" Zeitungen bekanntlich ganz bedeutungslos sind, haben sie den Vorzug, in jeder Rede des deutschen "iihrers" und seiner Spießgesellen gehässig erwähnt zu iverden. Obwohl nach allen diesen Erklärungen diese „Emigrantenpresse" unmöglich ernst genommen werden kann, widmen die deutschen amtlichen und halbamtlichen Nachrichtenstellen ihr lange Erwiderungen auf angebliche „Lügen", die verbreitet worden sein sollen. Uns trifft dieser Vorwurf schon deshalb nicht, da wir weder behauptet haben, der B i s ch o f v o n B e r l i n sei erschossen, noch daß Graf Helldorf füsiliert worden sei, noch das G e n e r a l o o n F r i t s ch vor der standrecht- lichen Erschießung stehe. Wir haben aber keinen Grund, von den Zeitungen abzurücken, die solche Nachrichten als Gerüchte oder unter Bezugnahme auf ausländische Quellen übernommen haben. Wenn nach einer amtlichen Erklärung des Preußischen Ministerpräsidenten Göring die strengste Nachrichtensperre verhängt wird und die Reichsgrenzen hermetisch geschlossen werden, darf man sich über das Aufflattern von Gerüchten nicht wundern. Was wir an Morden bisher gemeldet haben, i st in- zwischen alles bestätigt worden. Auch die Erschießung des Ministerialdirektor Dr. K l a u s e n e r, des Präsidenten der katholischen Aktion Berlins.„Nur" dieser katholiche Führer ist hingemetzelt worden. Nicht der Bischof selbst, der sich zu seinem Glück auf einer Fir- mungsreise im Pommern befand und erst in die Reichs- Hauptstadt zurückkehrte, als die„Säuberungsaktion" schon beendet war. Gerade das, was die deutschen Nachrichtenstellen als Grund für die Ermordung Klauseners angeben, be- weist, daß über die Hintergründe der blutigen Geschehnisse in Deutschland und ihre Folgen noch dichtes Dunkel ge- breitet ist. Daß dieser korrekte, nicht gerade von poli- tischen: Ehrgeiz besessene und alles andere als zu hoch- verräterischen Abenteuern geneigte Beamte an einer Verschwörung beteiligt gewesen sei. ist ein grober Schwindel. Die halbamtliche Lüge über„sein staatsfeind- liches" Treiben unterstützt die Vermutung, daß keinerlei irgendwie geartetes Komplott vorgelegen hat. sondern daß der Reichskanzler sich einfach mit den blutigen Mitteln asiatischer Despotien bestimmter radikaler Gegner in seiner eigenen Bewegung, auch sehr unbequemer Mit- wisser entledigen wollte, um freie Hand für seine neue politische Linie zu haben. Zur Ablenkung der betrogenen SA. und zur Beschwichtigung ihres Mißtrauens sind auch einige„Reaktionäre" hingeschlachtet worden. So konnte sich Hitler in den Augen der Gedankenlosen als der große Führer bestätigen, der unbeirrt gegen links und rechts seinen eigenen klaren Weg geht. Zu seinem höheren Ruhme hat er dann durch Kreaturen Berichte über die von ihm befohlenen Morde herstellen lassen, die ihn als den Mann größter Tapferkeit und Entschlossenheit feierten. Soviel ist aber immerhin schon durchgesickert, daß dort, wo er selbst anwesend war, die zur Ermordung Gezeichneten von vielfacher Uebermacht überfallen und überrumpelt worden sind. Es bestand weder für Hitler noch für einen seiner hochbejoldeten. Leibgardisten die ge- ringste Gefahr. Auch in den anderen Orten sind die Exe- kutionen nach denselben Methoden vollzogen worden. Es war Scharfrichterarbeil. Nichts anderes. Nur daß keine Untersuchung und kein Urteil vorausgegangen war. Einige Dutzend oder einige Hundert— die genaue Zahl wird man nie erfahren— mußten stumm gemacht werden. Das ist alles. Man konnte nicht noch einmal den Reichstag an- zünden, um ihn als Fanal für ein angebliches hochverräterisches Unternehmen gegen die glorreiche Regierung Hitler zu mißbrauchen. Was lag näher, als nach der Brandstiftung diesmal zum Massenmord als politisches Propagandamittel zu greifen? So entschloß man sich, zur Einschüchterung der Mies- macher und Nörgler von links und von rechts, zur Liqui- dierung der aus innen- und außenpolitischen Gründen in ihrer jetzigen Form unmöglich gewordenen SA. einfach alle niederzuschießen, von denen man Widerstand gegen die politische Schwenkung erwartete. Der Reichstag wurde angezündet und der Bolschewisten- schreck wurde damals entfesselt, um die Volksmasse für den Retter Hitler an die Urne zu treiben. Durch ein grandioses Verbrechen wurde die Scheinlegalität eines Plebiszits erreicht. Aus dem Prozeß um die Brandstiftung wuchs aber der Marxist Dimitroff zu einer geistigen Welt- macht hervor und brachte dem regierenden Abenteuer die erste politische Niederlage bei. Die Massenmorde des 30. Juni wurden durchgeführt, um den durch Not und Enttäuschung'in seinen Tiefen auf- gewühlten Volk, die Unterwerfung des Führers unter die militaristischen und hochkapitalistischen Kräfte des Landes, seine Trennung von der sozialistischen Demagogie zu verbergen. Gewitzigt durch den Reichstagsbrandprozeß, wurde diesmal so gründlich gearbeitet, daß kein Reichs- gerickt irgendeine Untersuchung vornehmen kann. Was stumm gemacht ist, kann nicht mehr reden. So denken Hitler und die Seinen. Aber man täuscht sich, wenn man glaubt, die Millionen und die Abermillionen würden nicht sehr bald die große Regierungslüge durchschauen, wurden dauernd so schweigen wie jetzt die deutsche Presse, die sich einfach totstellt. Daß nicht eine einzige deutsche Zeitung auch nur entfernt so etwas wie ein eigenes Urteil wagt, zeigt deutlicher als alles andere die tiefe Bedeutung der Ereignisse. Auch daß sie noch keineswegs abgeschlossen sind. Hinter dem eisernen Vorhang wird noch immer um die neue Machtgruppierung in den Reichsspitzen gekämpft. (Fortsetzung siehe 2. Seite! hörte man schon mehrere Schüsse. Der Eindringling verlieb schnell das Haus und nahm seinen Platz im Wagen wieder ein, der schnell davon suhr. Der ganze Vorgang hatte nur wenige Minuten gedauert. General von Schleicher war sofort tot, während seine Gattin, schwer verwundet, aus dem Transport zum Krankenhaus starb. Die etwa 20jährige Schwiegertochter des Generals von Schleicher, die sich eben- falls in der Villa befand, erlitt einen Nervenchock, von dem sie sich»och nicht erholt hat. „Gangster Hitler „Man muß Hitlers schleunigsten Tod wünschen" Die Pariser Tageszeitung„Le Jour" meint zu dem Tele- sramm. es sei m fei ftfl»«Mxz« dx« B-Hs« Präsidenten abgepresst worden. Wenn dieser sich weigere, Hitlers Wünschen nachzukommen— so habe mau gedroht— so würde man seinen Sohn, den Obersten Hindenburg, nicht anders wie Röhm behandeln. Französische, englische und amerikanische Zeitungen sprechen in immer stärkerem Masse ganz einheitlich ihren Abscheu über die„Gangstermethoden", wie es in einem eng- tischen Blatt heisst, Hitlers aus. Der„Paris S o i r" spricht von dem„Schlächter" Hitler. In Amerika hat Mr. Clarence Darro, der durch seine Berichte über das Treiben der Nationalsozialisten in Amerika bekannt geworden ist, die Stimmung Amerikas gegenüber Hitler in die Worte gefasst: „Man mnss den schleunigsten Tod von Hitler herbei- wünschen. Das ist die einzige Chance für Deutschlands BAttzng.", Berlin, den 8. Juli 1934. Als eine besondere Aktion aus eigentümlichen Zielen stellt sich in dem deutschen Chaos der Schlag gegen den Herrenklub heraus. Eine ganze Anzahl politisch bekannter Mitglieder oieses Klubs sind zum mindesten, verhastet worden,' von einigen wird auch die Erschießung gemeldet. Zu den Ver- hasteten gehören: Werner v. Alvcnslcben, Dr. Walther Schotte, der frühere Herausgeber der konservativen „Preußischen Jahrbücher" und Herr von Tschirschk>,, persönlicher Adjutant Papen». Zu diesem Kreise gehörte auch der erschossene Oberregierungsrat von B o s e, Popens Pressechef und politischer Berater. Dieses Vorgehen gegen Papen und de» Herrenklub ist von Göring offenbar eigenmächtig und zum mindesten ohne aus- drückliche Genehmigung Hitlers eingeleitet worden. In seiner Mitteilung an die Berliner Presse Hai Göring erklärt, daß er die ihm vom Führer gestellte Aufgabe, die nur ans einen Schlag gegen die SA. lautere,„erweitert" und aus die „Reaktion" ausgedehnt habe. Dabei mögen ein gewisser, seit langem von Hitler» Linie erkennbar abweichender Eigensinn und auch persönlicher Haß mitsprechen. Göring hat von Be- g>nn der Regierung Hitler an Pape» scharf bekämpft und schon frühzeitig durch die Geheime Staatspolizei überwachen lasten. Aus diese Weise gelang es ihm im März, ein Tagebuch Papen? in die Hand zu bekommen, in dem sich kompromit- ticrende Auslastungen über Vorgänge innerhalb des Reichs- kabinetts befunden haben sollen. Mit Hille dieses Tagebuchs - so wurde wenigstens seiner Zeit von maßgebenden Funk- tionären der Gestavo kolportiert— habe Göring es bei Hitler durchgesetzt, daß nicht Papen. sondern er selbst preu- ßischer Ministerpräsident ivnrde. Die Polizeiaktion Görings gegen Papen Ist also geivister- maßen ein altes Erbstück der Regierung Hitler. Wiederholt haben in den vergangenen Monaten bei Papen diskrete Haussuchungen stattgefunden. Die Aktion ist von Göring im gegenwärtige!! günstigen Augenblick tatsächlich nur„crivci- tert" worden, indem er den Rivalen nicht nur beobachten, sondern samt seinen Mitarbeitern festsetzen ließ. Wahrschein, lich endet die Aktion damit, daß er ihm auch noch seinen Posten als Vizekanzler abnimmt. Vom Reidtstagsbrand zum Massenmord Fortsetzung von der ersten Seite Was tagelang verheimlicht oder bestritten worden ist, mutz nun zugegeben werden: der Vizekanzler von Papen stand in seiner Wohnung unter polizeilicher und SS.- Bewachung als Gefangener. Er ist in dieser Rolle zurStundenoch. Alle feine politischen Akten werden durchwühlt. Wie stark aber gerade nach dem blutigen Sonnabend die„Reaktion" im Reiche noch ist. wird da- durch bewiesen, datz man bisher nicht loagt. Herrn von Papen abzustrafen oder auch ihn nur öffentlich der Teil- nähme an dem„Komplott" zu beschuldigen. Es zeigt die Verlogenheit und die Verwirrung, wenn man nun ver- kündet, die nächsten Mitarbeiter von Papen, die Herreu von B o s e und von T s ch i r f k i, seien erschossen worden, weil sie an dem hochverräterischen Unternehmen beteiligt gewesen seien. Herr von Papen selbst sei ganz unschuldig. Er sei„nicht verwickelt" gewesen. Diese bösen Untergebenen, die den Too verülent haben! Dieser treuherzige Chef, der von ihren Intrigen nichts ahnt! Was wird da für ein Schundroman zusammen- gedichtet! Achtundvierzig Stunden hat man gebraucht, um aus Neudeck je ein Telegramm des Reichspräsidenten von Hindenburg an den Reichskanzler und den Preutzischen Ministerpräsidenten zu erlangen. Offenbar brauchte man die Deckung durch den alten Herrn, um wachsende Zweifel in bestimmten Schichten vorübergehend zu dämpfen. Tie Telegramme entbehren aber bewutzt jeder persönlichen und herzlichen Note, die sonst in den Kundgebungen des Präsidenten an die beiden hohen Würdenträger so stark angeschlagen'wurde. Er dankt den beiden verantwori- lichen Stoatsführern lediglich dafür, datz„sie alle ha— verräterischen. Umtriebe im Keime erstickt" und das deutsche Volk aus einer schweren Gefahr errettet haben. Man hat also aus staatspolitischen Gründen den Reichs- Präsidenten gepretzt, die offizielle Staatslüge zu decken. Das ist alles. Wir warnen nachdrücklichst, irgend einer amtlichen oder halbamtlichen Meldung aus Deutschland irgendwelchen Glauben zu schenken. Einer Gesellschaft von Brandstiftern und Massenmordern ist jede Lüge zuzutrauen. Die schwere Krise in den Spitzen des Reichs ist ungelöst. Dafür ist charakteristisch, wie unsere Meldung von der Hindenburg-Krise zu dementieren versucht wird. Es wird so dargestellt, als ob wir behauptet hätten, Hindenburg sei schon zurückgetreten. Das ist uns nicht eingefallen. Die Präsidentenkrise, die seit Monaten latent und seit Tagen akut ist, wird erst dann öffentlich sichtbar werden, wenn die Nachfolgefrage wirklich gelöst ist. Ist darüber eine Einigung dem Reichskanzler und der Reichs- wehr nicht möglich, so wird die Krise verschleppt, bis die Einigung gelungen oder die Entscheidung unaufschiebbar geworden ist. Der Reichskanzler hat, wie der Reichswehrminister amtlich sagte, oppositionelle Führer der SA.„zer- schmettert". Er hat das nicht nur mit Wissen, sondern i m Auftrage der Reichswehr getan, die mit Röhms SA. nie etwa» zu tun haben wollte. Nun will die Reichs- wehr und die sonstige wahre Reaktion ihre Position in den oberen und obersten Positionen des Staates klären und ausbauen. Die Militärdiktatur mit Hitler und Göring als nationalsozialistische Tarnung ist da. Unentschieden sind die reaktionären Cliquenkämpfe über die Macht- Verteilung. Wir folgen diesem Treiben hoch oben im Staate mit Spannung. Unsere Arbeit aber gilt der Aufrüttelung und der Organisation der gesunden Kräfte in den Tiefen des deutschen Volkes. Dort bereiten sich die entscheidenden Machtverschiebungen der ZuKunst vor. Wir nehmen auf, was die„Frankfurter Leitung" heute schreibt:„Das Volk von der Herrschaft Minderwertiger zu befreien, ist ein Preis, der einen hohen Einsatz wert ist." Die revolutionären sozialistischen Kräfte des Marxismus und die durch Hitlers offenen Uebergang zur Reaktion erwachten Revolutionäre aus der SA. werden gemeinsam früher oder später den Einsatz wagen, der Deutschland durch eine sozialistische Neugestaltung rettet und befreit. Parallelen „Nichts als ein großes Theater" Die Basler»National-Zeitung" schreibt;„Esschltguch nichts von den Requisiten eines großen poli- tischen Theaters: Nicht die geheimnisvolle und für den Kenner der politischen Verhältnisse in Deutschland absolut widersinnige Verschwörung zwischen Rohm und General von Schleicher. Es»ehlt nicht das bedrohliche Gespenst einer»aus- wärtigen Macht", und es fehlt auch nicht die moralische Eni- rttstung über die Periidie, die Korruptheit und das ver- brecherisch« Treiben der Gegner von heute. Doch iver sind diese Gegner? Sie sind Fleisch vom Leibe des Nationalsozialismus. Gestern noch unzertrennliche Freunde des Führers, die Getreüesten und Entschlossenste» der alten Garde. Und welcher Sumpf wird nun der Welt enthüllt. Die deutschen amtlichen Stellen überbieten sich geradezu in üppigen Schilderungen deS Soldom und Gemorrhas. das man entdeckt Man würde, wenn die Emigranlenpressc nnS je etwas derartiges ausgetischt hätte, sich mit Verachtung abgewendet haben. SettSJahren ist da» Treiben RöhmS gerichtsnotorisch. Man erinnert sich in diesem Augenblick an da« ungeoeuerliche Material, welche« nach dem Reichtags- brand im Karl-Ltebknecht-HauS angeblich gefunden wurde und die Enthüllungen, welche der Welt darüber angekündigt wurden. Man hat nie mehr etwas darüber gehört." Wo bleib! die riordiiste? TaS amtliche Deutsche Nachrichtenbüro verbreitet heute()0VI1D€ II HOIISIIIdl folgende Meldung: Nach pr»vaten Informationen'st heute nicht damit zu rechnen, daß die Liste der Verschwörer, die ihre Tat mit dem Tode gesühnt haben, verössentlicht wird. Schon zu gestern abend war die Veröffentlichung der Ver- schwörerliste angekündigt. Die Ank.erstneHte jm«MHtK üerrenhlob hinter Giltern Die intrigante Sonderaktion Görings ..Konspiration mit dem Aaslande' Der Dreh Gleich die ersten Meldungen über den angeblichen Hoch- verrat Schleichers und Röhms waren mit der pikanten Rand- bemerkung versehen, daß auch Landesverrat in Frage komme: es sei erwiesen, daß sie mit einer fremden Macht in Verbindung gestanden hätten. Dem deutschen Bürger sollte eine Gänsehaut über den Rücken herabrieseln. Jetzt beschäftigt sich die Welt mit der Frage: mit welcher Macht haben sie eigentlich konspiriert? Sowjet-Rußland? Die Tschechoslowakei? Jugoslawien? Frankreich? United Preß meldet: Das französische Außcnministcrium bcabsich- tigt, an die deutsche Regierung die Frage ,» richten, welche fremde Macht der preußische Ministerpräsident Göring in seiner Rede vom Samstag meinte, als er von Bezie- Hungen zwischen Stabschef Röhm, General Schleicher und einer ausländischen Macht sprach. Es hat hi«r großes Auf- sehen erregt daß in d-r»ichtsranzöfilchen Presse die Nach- richt verbreitet wurde, daß Göring mit diese» Anspielung Frankreich oder Rußland gemein« habe. Das Deutsche Nachrichtenbüro und Herr Göring werden vermutlich schnell in eine peinliche Lage geraten. Denn es ist nahezu sicher, daß sie geblufft oder geflunkert habe». Berliner Meldungen sprechen nur noch von der Widersetzlichkeit Röhms gegen die Auflösung der SA. Von Schleicher wird gesagt, er habe mehr eine»diplomatische Aktivität" entfaltet, so nach London. Nichts mehr von einer landes- verräterischen Verbindung mit dem Auslande... Es ist die alte Methode zur Diffamierung des Gegners, bewährt beim Reichstagsbrand und nachher bei vielen Gelegenheiten. Tie Geschlagenen und Toten werden getreten und"espien. ch „United Preß" meldet noch: In gewissen Kreisen will man missen, daß der bekannte Industrielle Arnold Rechberg zwischen General von Schleicher und der französischen Regie- rnug verhandelt habe. Rechberg und General von Hammerstein werden zur Zeit von der Polizei gesucht: ihr Aufenthalt konnte jedoch bisher noch nicht ermittelt werden. Blulgcrädile ober Berlin Die Zahl der Ermordeten bleibt unbekannt Berlin, 2. Juli. Berlin ist erfüllt uon iiiikontrollierbareix Gerüchten. Unter den Erschossenen sollen sich nach privaten Behauptungen Ka- pitän Erhard, der ehemalige Neichsminister Trevira- nus und der Schriftsteller und Autor der Papenrcdc. Ed- g a r I u ii g befinden. Nach privaten Schätzungen sollen etwa 2900 Personen hingerichtet worden sein— eine Zahl, die von zuständiger Seite als phantastisch bezeichnet wird. Immerhin ivird der Tot von etwa 30 Menschen halbwegs zugegeben. Die Erschießung des Staatsrats und Oberkommandicrendcn der Bertiner SA. Ernst, erfolgte am Samstag vormittag im C o l u m b a- H a u b in Berlin, ivähreiid Röhm und die andere» Verschwörer im Hos des Gesängmsses zu Stadel- htim bei München getötet wurden. Das Eolumba-Haus in Berlin ist die Stätte vieler, vieler grausigen Folterungen a» Marxisten gewesen. Im Gefängnis Stadelhelm sind in de» Jahren der Revolution Marx!» sie» füsiliert worden. Jetzt habe» diese Stätten das Blut hoher nationalsozialistischer Würdenträger getrunken. Der ersten, und es werden nicht die letzten sein. Aus bester Quelle w'll United Preß erfahren, daß eine Anzahl von SA.-Unterführern am Samstag, am Samstag, im Laufe des Abends in der früheren Kadettenanstalt von Lichtcrfelde erschossen wurde». Es sollen hier im gan- z e n l 2 bekannte S?l.- Führer in Frage kommen. Positiver sind die Nachrichten über die Maßregelung Gö- r'iigs zum Ausbau feiner Machtmittel. Er hat dem neuen SA.-Cbet für Berlin. Polizeigcneral Talnrge.den Auf- trag erteilt, die Neuvrganijaljon von fünf SA.-Gruppen in Nordbeutlchlanb und im Osten vorzunehmen. E« handelt sich dabei um Teile der braunen Armee, die von den Röhnischen Anschauungen bereits stark infiziert wurden. Dabei kommen vor allem die Gruppen Berliu-Brandenburg, P o mm c r n und Schlesien i» Betracht, deren Führer E r n st. H e yd c b r e ck und Heines unter den Erschossenen sind. Göring hat es heut: in der Hand, alle diese SA.-Trup- pen aufzulöjen gdcr unier seinem persönlichen Einfluß umzuformen. Der Kuriosität halber: Goebbels hat der deutschen Presse seine» Dank für die Disziplin, die Gradheit und die unbeirr- bare Jnstinktsichcrheit ausgesprochen, die ste angesichts der Röhmrevolte bewiesen haben... Der Kerkermeister von Drantenbnrg Ins Ausland geflohen Berlin, 2. Juli. Aus Furcht vor der Rache Hitlers sind, wie man hört, mehrere TA.-Führer aus der Anhängerschalt Röhm« ins Ausland geflohen. Unter ihnen sind der Adjutant Röhms. Gruppenführer'Rainer, ferner der Sturmbannführer Schäfer, der ehemalig- Kommandant des Konzentrations- lagcrs Oranienburg. Schäfer ist also ebenso wie sein ehe- maliges Opfer Gerhard Tegcr zum Emigranten geworden. Reiche" haben Angst vor der niederschmetternden Wirkung einer auch nur einigermaßen vollständigen Liste. Jeder Verschwörer wäre nämlich auch at? ermordert auszuführen. Angeblich soll im„dritten Reiche" Ruhe und Ordnung herrschen. Es ist lyvilch. datz man trotzdem die Veröfteni- lichung der langen Liste de» Gemeuchelten nicht wagt. Das bunte Durcheinander der Ermordeten würde sich nicht mit den bisherigen Behauptungen über den Sinn der»Meuterei" rechtfertigen lassen Man würde dort neben dem toten Klaus- ner ehrenwerte Männer tadelloser Vergangenheit finden, deren Blut nur verspritzl worden ist. weil ihre berechtigte Kttik den Blutmcnsche» unbequem mar. Es töngZ erst an sagt die Basler„National-Zeitung" Salande in der Basier»National-Zeitung" sagt:»Da« Unwetter über Röhm und seine Komplicen hat diese Span- nung keineswegs gelöst. Es ist zwar anzunehme», daß die Gruppe um Hitler damit«ine Sammlung aus eine mittlere Linie des Nationalsozialismus versucht, aber es ist fraglich, ob ihr das gelingt. Eher scheint es wahrscheinlich, daß mit dieser ziemlich gewaltsamen Entladung eine Reihe von Auseinandersetzungen erst begonnen hat. dnb. Madrid, 3 Juli. Wie au» Valenz!« gemeldet wird, explodiert» am Montag abend gegen 1k Uhr vor dem dortt- gen Deutschen Konsulat eine Bombe. Die Fensterscheiben des Gebäudes singen in Trümmer. Personen wurden nicht verlebt«. Die„herrliehe Bewegung" Hitler— so etwas nie dagewesen Ter„Westdeutsche Beobachter", da» zweitgrößte national, sozialistische Blatt, befindet sich im Rauschzustände. E« ist die Trunkenheit, die gewisse Naturen beim Anblick von Blui überfällt. Das Blatt schreibt: „Die Geschichte gibt kein Beispiel sür eine ähnliche Tat! nirgendwo hat stch>e et» Führer so sehr aller persönlichen Gefühle cntaunert.»irgendwo ein Staatsmann n Z, di- Lebensnoiwendigkeite» seines Vottes Untergeordnet wie es der Führer letzt getan hat. Weder ein« l e x a n de, der Große, noch ein anderer Kaiser oder König bei Altertum«,»och ein Bonaparte oder ein Großer F r i t- b r i tf) haben je eine ähnliche Tat vollbracht. Führer- tum von solch übermenschlicher Größe, wie ÜV r Z**! fe"^° 9{n c r 1 c 6' 60 6e"• 6 11«8 i die> clchi ch t e wohl nur einmal hervor! Mo» muß wie wir seit langen Jahren hinter dem Führer m * mu6<® cifl""b Crleben der Bewegung? erlorll! oStr /»"II? n< V M""stehen könne», welch im eryortes Opfer e» für den Fuhrer bedeuten mußte alt« Kameraden, Männer..... zum Tel. großer Bergangenheit erschießen zu lassen. Vor dieser Aufgabe des Führers, vor solch be spielloser Selbstaufopferung stehen wir in Ehrfurcht still. Wir geloben in dieser feierlichen, ergreifenden Stunde, auch das letzte unserer menschlichen schwachen und Fehler abzulegen! Das Blut, das gestern vergossen werden mußte, es soll uns alle läu.ern es ist das Opfer, das wir dem Schicksal bringen mußten, um den Gerst unserer herrlichen Bewegung rein zu Einheitsfront Am Montag einigten»ich Vertreter der sozialdemokratischen Landespartei Saargebiet und der kommunistischen Partei Saargebiet über folgende Aktionen im Rahmen der Einheitsfront: 1. Gemeinsamer Aufruf an die Werktätigen im Saargebiet. 2. Kundgebung am 4. 7. im Saalbau Saarbrücken. 3. Gemeinsame Kundgebungen im ganzen Gebiet. 4. Bildung von Kampfkomitees gegen den Anschluß an Hitler-Deutschland. Die Vertreter beider Parteien werden in ständiger Verbindung miteinander bleiben und über die jeweils zu treffenden Maßnahmen entscheiden. Schon jetzt herrschte Uebereinstimmung, daß im Monat Juli ein gemeinsamer Kampftag für die Freilassung aller antifaschistischer Gefangenen veranstaltet wird. Verstörte SA.-Jugend „Unterhaltung im Flüsterton" United Preß berichtet aus Berlin: Die SA.-Leute und die zu einem nationalsozialistischen Radikalismus neigenden Jugendlichen, deren geheime Wünsche durch die gestrigen Geschehnisse einen schweren Schlag erhalten haben, machen auch heute einen verstörten Eindruck. Sie sind ganz offenbar in allem, was ihnen bisher teuer und heilig war, schwer getroffen worden. Das Publikum hält sich äußerlich vollkommen zurück. Jedoch ist die in weiten Kreisen der Bevölkerung herrschende Erregung deutlich sichtbar. Aber jeder ist bemüht, seine An- sichten und Gefühle zu verbergen, um sich keine gefährliche Blöße zu geben. Die Unterhaltung im Flüster- t o n. die nach dem Umsturz war, i st plötzlichwiederda. Die Zeitungen haben die Ereignisse in großer Aufmachung, aber durchweg im gleichen amtlichen Wortlaut gebracht, so daß die Hauptseiten der verschiedenen Blätter kaum von- einander abweichen. Auch die sehr umfangreichen Kommen- tare der Zeitungen unterscheiden sich nur wenig voneinander. Auch solche Journalisten bringt die Geschichte wohl nur einmal hervor. „Nero war besser" Vernichtende amerikanische Urteile * Washington. 3. Juli. Die amerikanische Oeffentlichkeit und die Presse find- tnit Schaudern dem Blutbad in Hitler-Deutschland ge- folgt. Die„Baltimore Sun" schreibt: „Es ist ja möglich, daß irgendeine Verschwörung aufgedeckt wurde, aber alles scheint eher daraus hin zu deuten, daß es sich um den Ansang der Empörung eines enttäuschten und verratenen Volkes handelt. Die standesrechtliche Erschießung Schleichers und zahlreicher SA.-Führer läßt eine derartige bedrohliche Situation vermuten, daß die Nazis nur noch im Terror ihre Rettung erblicken." Die„Washington Post" schreibt: „Hitler und Göring wollten ihre Macht festigen, aber in »Wirklichkeit haben sie die ganze Fäulnis im Nationalsozia lismus bewiesen. Die Enthüllung über die sittliche Berkom- menheit der Nazis fällt zusammen mit dem vollständigen Bankrott des Hitlerismus aus politischem und wirtschaftlichem Gebiet. Seit den 17 Monaten, wo Hitler die Macht in Händen hatte, häuite er Jehler aus Fehler. Im Vergleich mit seinem Regime war das des Kaisers Nero das Muster einer intelligenten aufgeklärten und glücklichen Regierung. Wie diese Pressestimmen zeigen, hat Hitler-Deutschland den letzten Rest des Ansehens in der Welt verloren. Abban der alten SA. Auflösung des Presseamts DNB. Berlin, 8. Juli. Der Reichspressechef der NSDAP, teilt mit: In Benehmen mit dem Chef des Stabes der SA., Lutze, wird das Presseamt der Obersten SA.-Führung mit sofortiger Wirkung ausgelöst. Der bisherige Aufgabenkreis des Presseamtes der Obersten SA.-Führung geht aus die Reichspressestelle der NSDAP, unmittelbar über. Reichskriegertag abgesagt De» KyssHäuser-BundesfüHrer Oberst a. D. Remhard tent mit: Der Deutsche Reichskriegerbund«yffhäuser steht treu zur Regierung Hitler. Der 5. Deutsche R-ichskrieg-rtag, der vom 7. bis» Juli in Kassel stattfinden sollte, ist abgesagt und wird aus spätere Zeit vertagt. „Betriebsgemeinschaft der Gefolgschaft Berlin, 2. Juli. Das„8-Uhr-Abendbla t t" ist. wie diese Zeitung mitteilt, in den Verlag der„Berliner Spät- blatt--Betriebsgemeinschast G. m. b. H." übergegangen. Die neue Betrtebsgemeinschaft setzt sich aus der bisherigen Betriebsgefolgschaft- Arbeitern. Angestellten und«chrift- leitern— des„8-Uhr-Abendblattes" zusammen. Das Neueste Wie aus bestunterrichteter Quelle verlautet, wird der französische Außenmlnister aus seiner Reise nach London von Kriegöminister Pi^tri bereitet sein. Pijtri geht nach London, um an den Borbesprechungeu für die Klottenkonferenz teilzunehmen, Die amerikanischen LuststreUtraste fahren. une-Da'ln Herald" meldet, zur Zeit Verbuche milfi»(««( Bombenflugzeug TyP^-Ma't.n" a»S das eine Geschwindigkeit von annähernd Stunl^ntilometer bei i ller Bombenladung erreicht. Diese Geschwindigkeit.st hoher als die der amerikanischen Kampfflugzeuge, d»x dxm Bomben« Röhms letzte Taten EhrenbQraer, Ehrentfolche. Ehrenmänner Ehe Röhm sich in sein Landhaus zurückzog, um dort— wie die deutschen Nachrichten behaupten— eine Ver- schwörung anzuzetteln, hat er Pommern bereist. Es gab noch ganz den üblichen Heroenkult. Also: offizielle Rund- fahrt mit Extraempfängen. Aufmärschen, Paraden, An- sprachen. Beslaggungen. Natürlich in jeder Provinz- zeitung: Röhms Bild, groß aufgemacht, einmal, zwei- mal, dreimal— in einer Nummer der„Pommerschen Zeitung" gleich neunmal.„Aufenhalt auf der Dorfstraße" —„Ein Glas Milch zur Erfrischung"—„Der Stabschef fährt vorbei"—„Kaffeepause", und was so der unver- geglichen Momente mehr sind. In Stettin: Tag der SS., großes Feuerwerk. Luftkanonode. Bootsparade auf der <^der und Oderuferbeleuchtung, Röhm wird zum Ehren- bürger ernannt. Der„Stettiner Generalanzeiger" röchelt: „Und während wir alle Pfingsten feierten und uns von der Mühe des Werktags erholten, arbeiteten Grafiker und Kunsttischler der Stettiner Handwerker-Schule an der würdigen Gestaltung der hohen Ehrenkunde." Die„Hohe Ehrenkunde" wochentags herzustellen, wäre nämlich zu profan, es muß ausgerechnet Pfingsten ge- schehen. Letzter Gruß Laut der„Fränkischen Tageszeitung" vom 29. Juni wurde Julius Streicher im Auftrage des Stabschefs Röhm der Ehrendolch überreicht. Das Blatt berichtet: Gruppenführer von Obernitz erinnerte daran, wie Stabschef Röhm anläßlich der Besichtigung der SA. Frankens am Hamberg infolge dienstlicher Verhinderung des Frankenführers, der damals in wichtiger Mission fern von Nürnberg weilte, ihn, von Obernitz, beauftragte, dem Ehrengruppensührer den Ehrendolch der SA. zu über- reichen und ihn gleichzeitig als Ehrengruppenführer in den Dienst der Standarte einreihen. Der Stabschef habe gerade diese Standarte gewählt, weil sie hier die älteste und erprobte st e sei. Dann erscholl wieder das Kommando„Stillgestanden!" und Gruppenführer v. Obernitz überreichte Julius Streicher den Ehrendolch. Einen Tag später war Röhm erschossen und Streicher sandte Hitler ein Huldigungstelegramm. Ehrendolche für Ehrenmänner! Röhm„abgeschliffen" Das Deutsche Nachrichtenbüro meldet: Gruppenführer von Obernitz von der SA., Gruppe Franken, hat folgenden Sonderbefehl an die SA. erlassen: 1. Die Ehrendolche mit der Widmung Röhms sind sofort abzunehmen und durch Dienstdolche zu ersetzen. Ich bin da- mit einverstanden, daß nach der Entfernung der Widmung Röhms durch Abschleifen der Klinge die Dolche als Dienst- dolche weiter getragen werden. Neue Anordnungen über einen Ehrendolch für alte Kämpfer werden vom Führer durch den Cheie des Stabes Lutze erlassen. 2. Sämtliche Bilder Röhms und der anderen Verräter sind iofort aus allen Dienststellen der SA. zu entfernen und zu vernichten. 3. Die Gruppen-Dienststelle hat den Namen„E r n st- Röhm-Haus" abgelegt und wird in Zukunst als „Dienststelle der SA.-Gruppe Franken, Nürnberg" be- zeichnet. i. Der befohlene Urlaub der gesamten SA. wird auf Befehl des Chefs des Stabes Lutze in vollem Umfang durchgeführt, damit die Angehörigen der TA. nach einein- halb Jahren angestrengten Dienstes Gelegenheiten zur Erholung und zum Zusammensein mit ihren Familien haben. Jeder SA.-Dienst ist, soweit es sich nicht um die notwendigste Besetzung der Dienststellen handelt, für den Monat Juli gemäß Befehl der Obersten SA.-Führung untersagt. Verbrenne, was Du angebetet hast. Rührend ist die Sorge des Gruppenführers um die Er- holung und Ruhe seiner SA. Es ist ausfallend, daß die SS die Polizei und die Reichswehr, die in diesen Tagen viel an- strengender haben arbeiten müssen, keinen Anspruch auf Er- holung haben und sich ihren Familien nicht zu widmen brauchen. Höchst merkwürdig. Der in der SA. tätige arme Prolet wird nach Hause ge- schickt. Der„bessere" SS.-Mann tritt an seine Stelle. Die Ursachen Warum wurden Schleicher und Röhm ermordetT Von einer hervorragenden politischen Persönlichkeit aus der Zeit deutschen republikanischen Regimes erhalten wir eine Mitteilung, die auf die Ermordung Röhms und Schleichers ein ganz neues Licht wirft und für das Blutbad eine überraschende Begründung gibt. Unser Gewährsmann schreibt uns: Tief erschüttert über das furchtbare Ende Herrn von Schleichers wende ich mich an Sie mit der Bitte, dazu beizu- tragen, daß einen- Toten Gerechtigkeit widerfahre. Obgleich ich nicht zu den politischen Freunden oder gar Verehrern Herrn von Schleichers zählte, drängt es mich doch, das An» denken dieses Mannes, der ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle war, von niedrigen Verdächtigungen und bös- willigen Verunglimpfungen re'nhalten zu helfen. Man hat tn> von Schleiche- zu Lebzeiten von republikanischer Seite als einen raffinierten Intriganten hingestellt, der mit zynischer Skrupellosigkeit seine politischen Ziele verfolge. Nach meiner Ueberzeugnng hat man damit Herrn von Schleicher unrecht getan, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß der Schein manchmal gegen ihn sprach. Zu solchen verwerflichen Mitteln, wie sie ihm jetzt als Toten nachgesagt werden, ha« er aber bestimmt niemals gegriffen. Für jeden, der Herrn von Schleicher auch nur oberflächlich kannte, ist es ganz ausgeschlossen, daß dieser zur Erreichung seiner tnnerpolitischen Ziele sich zu Verschwörungen mit einer aus- wältigen Macht oder gar zu Zugeständnissen an diese aus Kosten des nationalen Besitzstandes hergegeben haben könnte. Meines Erachtens liegen die Gründe für die abscheuliche Beseitigung Herrn von Schleichers an ganz anderer Stelle als in dessen angeblicher Tätigkeit gegen das heute in Deutschland herrschende System. Die Tatsache, daß er gleich- zeitig mit Oberstleutnant Röhm getötet wurde, ist für mich geradezu ein Beweis, wo die Zusammenhänge«nd wahren Gründe zu suchen sind. Bekanntlich haben Herr von Schleicher und Oberstleutnant Röhm bereits vor Jahren, als sie äußer- lich noch politische Gegner waren, zusammengearbeitet. Es ist heute nicht an der Zeit und entspricht nicht meiner Absicht, aus diese Dinge hier näher einzugehen. Aber ein Punkt ist von Belang. Oberstleutnant Röhm gehörte im nationalsozia- listischen Lager zu den Befürwortern eines guten Verhält- nisses zur Wehrmacht und daraus resultierend einer grund- sätzlichen Bereitschaft zur Beteiligung an einer, wenn auch nicht rein nationalsozialistischen Regierung, die imstande wäre, das im Interesse der deutschen Wehrkraft Notwendige sicherzustellen. Diese Bestrebungen sind bekannt, und ich ver» rate, wenn ich hier aus sie eingehe, kein Geheimnis. Aus der häufigen Berührung zwischen dem Stabschef der SA.«nd Herrn von Schleicher ergab sich naturgemäß aus beiden Seiten ein Vertrauensverhältnis, das in politischen Fragen häusig zu weitgehender Uebereinstimmung führte. Es ist in eingeweihten Kreisen seit langem bekannt, daß diese poli- tische Zusammenarbeit zwischen beiden Herren wesentlich zum Sturz des Reichskanzlers Dr. Brüning beigetragen hat, zu dem Herr von Schleicher sich nicht zuletzt deshalb entschloß, weil Oberstleutnant Röhm ihm glaubte zusichern zu können, daß Adolf Hitler sich an einem darauffolgenden Kabinett des besonderen präsidentielleu Vertrauens entweder direkt be- teiligen oder es doch tolerieren werde. Ju seinen Unterhaltungen mit Herrn von Schleicher machte Oberstleutnant Röhm aus gewissen, sonst gänzlich unbekannten Interna der NSDAP, und ihres Führers kein Geheimnis. Herr von Schleicher hat über die ihm anvertrauten Dinge zunächst nicht gesprochen, ließ aber Dritten gegenüber durchblicken, daß er im Besitze von Kennt- >-n sowohl über die NSDAP, als über die Person Adolf Hitlers sei, deren Veröffentlichung für den letzteren schlecht- hin untragbar sein und seiner politischen Lausbahn ein so- sortiges Ende machen würde. Herr von Schleicher war aus Grund seiner geheimnisvollen Kenntnisse gegenüber den An- griffen der nationalsozialistischen Bewegung noch während seiner Kanzlerschaft seiner Sache so gewiß, daß er bis zuletzt eine Möglichkeit seines Sturzes durch die Nationalsozialisten überhaupt nicht in Erwägung zog. Was ihn bewog, dann von seinem Material doch keinen Gebrauch zu machen, ist mir unbekannt. Ich glaube aber zu wissen, daß jedenfalls Stellen außerhalb der Reichsgrenzen über die Dinge unterrichtet sind, vielleicht nicht einmal durch Herrn von Schleicher selbst und auch keinen seiner Mittelsmänner, sondern von dritter Seite, die mit der in Frage kommenden Angelegenheit direkt im Zusammenhang steht. Soweit ich unterrichtet bin, handelt es sich um die Herkunft eines Teils der außerordentlichen, den Nationalsozialisten bis 1982 zugeflossenen Geldmittel. Doch sollen auch andere Punkte mehr privater Natur zur Sprache gekommen sein. Nach dem Angeführten bin ich überzeugt, daß sowohl Herr von Schleicher wie auch Oberstleutnant Röhm in den Augen Adolf Hitlers höchst gefährliche Mitwisser peinlicher Geheim- nisse waren. Da Herr Hitler sich ausdrücklich zu dem Grund- satz Machiavellis bekennt, daß man einen gefährlichen Geg- ner nicht reizen» sondern entweder versöhnen oder vernichten müsse, so ergeben sich die Folgerungen von selbst. Hochachtungsvoll sUnterschrift.s Wir veröffentlichen dieses überraschende Schreiben so, wie es uns zuging. Lediglich Datum und Unterschrist sowie eine Stelle im Text wurden weggelassen, um den Briesschreiber nicht zu verraten. Die Persönlichkeit des Absenders bürgt absolut für die Glaubwürdigkeit der darin gemachten Mit- teilungen. Diese besagen klipp und klar: Röhm und Schleicher waren für Hitler zwei gefährliche Mitwisser, die er sich mit einem gemeinsamen Schlage vom Halse geschafft hat. slugzeug bei Uebungen nicht zu folgen vermochten. Die ame- rikanische Flugzeugindustrie sieht sich daher vor der Ausgabe, eine neue noch schnellere Kampsmaschine herauszubringen. Der japanische Militärattachee in Peking Siba, jama Hai der chinesischen Regierung im Zusammen, hang mit dem Attentat aus den Expreß Mukden- Peking Forderungen übermittelt über die Säuberuags- aktion gegen diejenigen Element«, die sich die Ausgabe ge- stellt haben, um jeden Preis die Eisenbahnverbindung zwi- scheu Mukden»ud Peking zu zerstören. Da durch das tat japanische Polizeibeamte verletzt wurden, verlangt der japanische Militärattachee Entschädigung für die Familien der Betroffenen. Die chinesische Regierung prüft die vom jo-aniscken Obersten S'baiama überreichten^--rdernnaen. Das japanische Kabinett ha« am Dienstag seinen Ru«ktri»t beschtvyen. Der Beschlutz law mcht u»,„.u,a-let. Er soll wie verlautet, mit dem bekannte« Aktienskandal in Zusammenhang stehen, der frühere Minister und ein Mit, glied des gegenwärtige« Kabinetts in den Berdach, der BejtMug Fracht hat. „Deutsche Freiheit", Nr. 151 ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Saarbrücken, 4. Juli 1934 Deutsche Inflation? Die Mark schwankt an den internationalen Börsen, aber das 1 rage- und Antwortspiel, ob der Kurs der Devise Berlin in absehbarer Zeit plötzlich zusammenbrechen wird, ist trotz- dem müßig. Es gibt keine riesigen Markguthaben im Auslande, wie im Jahre 1923 und es gibt daher auch keine Möglichkeit, daß gegen den Willen der Reichsbank durch überstürztes Angebot großer Markbeträge eine Panik an den Devisenbörsen ausgelöst werden kann. Herr Schacht hat seit langem vorgesorgt. Jeder Scheck und jeder Kreditbrief, der ins Ausland geht, unterliegt der genauesten Kontrolle der Devisenstellen. Der Auslandskurs der Mark ist von dem eigentlichen Werte des deutschen Zahlungsmittels im Inlande durch ein kompliziertes Netz von Devisenverordnungen vollständig abgehängt. Das, was man im Auslande notiert, die sogenannte„freie Reichsmark", ist nur ein Schemen. Fast niemand bat sie und niemand braucht sie, denn wenn man nach Deutschland reisen will, wenn man deutsche Effekten oder deutsche Ware kaufen will, so bezahlt man mit Sperr- oder Registermark. Die kosten ein Drittel oder die Hälfte des offiziellen Devisenkurses, der nur noch ein schemenhaftes Sonderleben in den internationalen Börsenblättern führt, in Wirklichkeit aber niemanden interessiert. Mit den Noten liegen die Dinge schon etwas anders. Sie werden trotz aller Verbote ständig ins Ausland geschmuggelt. Die Kontrolle ist hier schon bedeutend schwieriger und die Kurse liegen auch 10 Prozent und 12 Prozent niedriger, als der eigentliche Devisenkurs, weil die Kapitalflüchtlinge ihre Noten so schnell wie möglich verkaufen wollen und nicht allzu genau auf den Kurs sehen. Auch hier beginnt aber jetzt die Kontrolle zu wirken. Den Reisenden erlaubt man nur noch die Mitnahme von genau kontrollierten kleinen Schecks und von Silbergeld. Seit mehreren Monaten weiß die Reichsbank und auch jede Bank im Auslande, daß große Noten, besonders Tausender, die zur Einwechslung vorgelegt werden, nur illegal die Grenzen passiert haben. Tausendmark-Noten werden schon nicht mehr abgenommen. Mit den Hundertmark-Scheinen wird es bald ebenso gehen. Legal kann in größeren Mengen nur noch Silbergeld gewechselt werden, da dessen Mitnahme nicht kontrolliert werden kann. Der Kurs der Silbermünzen liegt dementsprechend auch bereits 20 bis 25 Prozent unter dem Devisenkurs. Auch dieser Preis wird wahrscheinlich noch weiter absinken. Das interessiert die Reichsbank nur wenig oder höchstens insofern, als die Reisen ins Ausland hierdurch verteuert werden. Das ist ihr höchstens angenehm. Sie nimmt die im Auslande angebotenen Mengen von Silbergeld nicht oder nur in ganz kleinen Beträgen auf.„Maßgebend" ist für sie nur der offizielle Devisenkurs der Mark, den manche Ausländer bei einer 2- oder 3prozentigen Golddeckung als ein Wunderwerk betrachten. Es ist aber keines, denn es gibt an den Devisenmärkten keine Wunder, sondern nur technisch geglückte oder mißlungene Stabilisierungen fiktiver Kurse. Diese Stabilisierung ist Herrn Schacht gelungen und wenn der Kurs der Auszahlung Berlin wirklich eines Tages um ein Viertel oder um die Hälfte zurückgehen sollte, so ist das kein Schicksalsschlag, sondern nur ein Beweis dafür, daß die Reichsbank eine Devalvation des Auslandskurses vornehmen will. Mit anderen Worten: Die ganze Entwicklung des Devisenkurses der Mark im Auslande ist ein technisches Problem und wenn es zu Ueberraschnngen kommen sollte, so wird Herr Dr. Schacht sicherlich nicht zu den Ueberraschten gehören. * Eine andere und viel wichtigere Frage ist die nach dem Werte der Mark im Inlande, also nach ihrer Kaufkraft. Diese gehl ständig zurück. Der Sperrmarkkurs von ca. 30 Prozent des Goldwertes, mit dem der Ausländer deutsche Effekten kaufen kann, ist für diesen inneren Wert der Mark schon viel wichtiger, als die Börsennotiz. Noch wichtiger sind die Preise, die die Bevölkerung bezahlen muß. Deutschland ist nach und nach fast zum teuersten Lande der Welt geworden, wenn man die Preise in Gold umrechnet und mit denjenigen in anderen In Staaten vergleicht. Gemessen am Niveau der Friedenspreise und in Gold stellt sich das deutsche Niveau der Großhandelspreise auf einer Basis von 100 nach den letzten Berechnungen auf 96,2 Prozent, d. h. man kauft in Deutschland also fast ebenso teuer, wie 1914. Der Großhandelsindex des sonst weitaus teuersten Landes, der Schweiz, steht demgegenüber auf 91,3,.derjenige Frankreichs auf 77,4; der Index H o 1 I a n d s ist 77, Italiens 75,2, Englands 69,1, der USA. 64,9 und Japans sogar nur 52,5 Prozent. Die Preise für Baustoffe sind in kurzer Zeit um 11 Prozent gestiegen, diejenigen von Textilien einstweilen um 10 bis 12 Prozent. Am stärksten sind die Preissteigerungen natürlich am Lebensmittelmarkt, weil sie hier gewissermaßen amtlich gefördert werden. So stiegen, um nur wenige Beispiele zu nennen, die Preise für Eier um 15 Prozent und die für Butter um durchschnittlich 28 Prozent. Allerdings ist die Teuerungswelle erst am Anfange, denn die Entwertung der Mark— wohlgemerkt: ihrer inneren Kaufkraft— setzt sich erst nach und nach auf den Warenmärkten durch. Auch die Tatsache, daß man die Veröffentlichung der Preissteigerungen verbietet, wird hieran nichts ändern. Selbst in den H^n- delsteilen der gleichgeschalteten Zeitungen dürfen die täglichen Markthallenpreise seit längerer Zeit nicht mehr angegeben werden. Man möchte dem Handel nicht zu nahe treten und keine Mißstimmung zwischen Stadt und Land aufkommen lassen. Die Melodie ist bekannt. Sie wurde in Deutschland schon 1918 gespielt und dann 1923. Sie endete stets mit einem Mißakkord, aber einstweilen wird man damit rechnen müssen, daß alles getan wird, damit sich die Preissteigerungen soweit als irgend möglich unter Ausschluß der Oeffentlichkeit abspielen. Sie müssen aber unentwegt fortschreiten, denn eine Währung. die zu knapp 3 Prozent mit Gold gedeckt ist und deren restliche Deckung nicht aus anständigen Warenwechseln, sondern aus den berühmten Arbeitsbeschaffungswechseln besteht, kann auf die Dauer nicht stabil gehalten werden. Herr Wagemann war zwar bisher überzeugt, daß diese Quadratur des Zirkels möglich ist, wenn man nur den Geld- Umlauf beschränkt. Man mag diese Theorie, die übrigens inzwischen von ihrem Urheber in wichtigen Teilen bereits aufgegeben ist, für richtig halten oder nicht— sicher ist jedenfalls, daß neben der Umlaufmenge auch noch sehr viel auf die Umlaufsgeschwindigkeit ankommt. Diese steigt dauernd, weil man die Ausweise der Reichsbank liest, weil man die Preissteigerungen sieht, auch wenn sie nicht in die Zeitung kommen dürfen, kurz— weil man an die Stabilität der Preise und des Kaufwertes der Mark nicht mehr glaubt. Das aber ist eine Angelegenheit, die auch von den schärfsten Strafgesetzen unabhängig ist, denn es ist eine Stimmungsfrage, ob die Leute Bargeld jind Bankguthaben vorziehen oder ob ihnen die Waren, die man. jetzt noch dafür kaufen kann, lieber sind. Die allgemeine Stimmung in Deutschland neigt offensichtlich mehr der zweiten Alternative zu, denn«onst würde der„Völkische Beobachter" nicht Tag für Tag schreiben, daß es an Landesverrat grenzt, wenn man sich im Juli schon Winterröcke kauft. Die Geschäfte haben bereits Hochkonjunktur. Der einzelne mag sich kaum darüber Rechnung legen, ob er aus Angst vor der Markentwertung kauft oder aus Furcht vor dem kommendeh Rohstoffmangel. Jedenfalls kauft er.„Handel und Wandel blüht", sagt der eine.„Die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes steigt dauernd", sagt der andere. Recht haben beide, aber die zweite trifft das wesentliche. * Trotz der geschickten Stabilisierung des Auslandskurses des Herrn Schacht und trotz der schönen Theorie Wagemanns, daß bei gleicher Umlaufsmenge die Preise gleich bleiben müssen, sinkt also der Kaufwert der Mark im Innern ständig. Dabei ist übrigens die immer raschere Umlaufsgeschwindigkeit keineswegs der einzige Grund, sondern in Wirklichkeit ist auch die Umlaufsmenge durchaus nicht die gleiche geblieben. Im Reichsbankausweis ist zwar der Notenumlauf, der im Mai 1932 rund 6 Milliarden betrug und sich im Mai 1933 auf 5,5 Milliarden stellte, nur auf ca. 5,6 Milliarden gestiegen(bei einer Verringerung des Deckungsbeslandes von rund einer Milliarde auf ca. 100 Millionen, also auf ein Zehntel). Aber der Notenumlauf ist keineswegs allein entscheidend. Daneben gibt es zunächst noch Silbergeld, das von der Reichsbank überhaupt nicht ausgewiesen wird und dessen genaue Umlaufsböhe, wie recht kundige Skeptiker behaupten, schon zu Luthers Zeiten niemand kannte. Heute hört man ab und zu, daß wieder einmal ein neuer Betrag von 100 Millionen in Fünf-Mark-Stücken ausgeprägt worden ist. Von vielen anderen hundert Millionen hört man nichts. Dieser Weg der Scheidemünzen-Inflation ist einer der modernsten und bequemsten. In einigen südamerikanischen Republiken haben tüchtige Diktatoren, während die wundervollsten Nationalbank-Ausweise veröffentlicht wurden, die Währung ihrer Staaten auf diesem Wege auf Jahrzehnte hinaus zertrümmert. Silber ist außerdem jetzt besonders billig und der kleine Mann, der nicht weiß, daß im I'ünf-Mark- Stück noch nicht für 30 Pfennige Metall stecken, hat das er- habene Gefühl, daß er etwas wertvolles im Portemonnaie hat. Weit billiger noch als Silber ist aber Papier und besonders das Papiergeld, das man selbst nach den strengsten Prinzipien nicht im Notenumlauf anzugeben braucht, nämlich das Geld in der Form von Bankguthaben, von Schecks und Wechseln. Eine Kontrolle ist hier schon in normalen Zeiten kaum möglich und auch Wagemann pflegte früher nach ausgiebiger Darstellung serner Theorien stets zu verstummen, wenn unverbesserliche Skeptiker fragten, wie er denn den Giralgeld* Umlauf stabil halten will. Man kann es nicht, auch wenn man es wünscht, aber im„dritten Reith" wünscht man es auch nicht, denn man weiß ganz genau, daß man auf dem Em- wege über den Finanzwechsel so ziemlich alles finanzieren kann, ebenso mit Steuergutscheinen und ähnlichen Erfindungen, die man noch dem jetzt wieder sehr aktuell gewordenen Papen verdankt. Rs bedarf nur einiger Phantasie hinsichtlich des Verwendungszweckes und der Benennung. Das neuest» auf diesem Gebiet sind 400 Millionen RM. Autostraßen- Wechsel. Größere Emissionen dieser Art sollten für den Hochsommer bevorstehen. Schwerin-Krosigk hat allerdings jetzt zunächst einmal gestreikt. Er möchte eine kleine Atem« pause haben. Wie lange?^ Der Inflationsprozeß der Mark— immer unter 3 orbehalt des schemenhaften und rein technisch stabil gehaltenen Auslandskurses— ist also in vollem Gange. Eine Golddeckung ist fast nicht mehr vorhanden. Die Wechseldeckung besieht aus Papieren, die lediglich zu Zwek- 2 ken der Geldbeschaffung für den Staat erfunden wurden. J"> Die Umlaufsgeschwindigkeit steigt in rapidem Tempo parallel zu den immer schlimmeren und weiter greifenden Befürchtungen neuer Preissteigerungen. Neben dem Notenumlauf kursiert eine unkontrollierbare und ständig zunehmende Riesenmenge von Silbergeld. Die Giral-Geldmenge ist weniger zu übersehen, als je. Die Kaufkraft der Mark im Inlande läßt demensprechend immer weiter nach. Die Sperrmark-Kurse, die sehr charakteristisch sind, bewerten die Währungseinheit nur noch mit etwa einem Drittel der sogenannten Goldparität. Der Binnenwert der Mark, gemessen am Preisgebäude,, jagt diesem Entwertungsprozeß der Sperrmark nach und muß den jetzt noch vorhandenen großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die in der zunehmenden Rohstoffnot und der nach Beseitigung der Kurzarbeit zu erwartenden Steigerung der Arbeitslosenziffer ihren Ausdruck finden, tritt das Währungselend als neuer und vielleicht gefährlichster Unsicherheitsfaktor. Man steht vor Problemen, für die niemand die Verantwortung übernehmen will, weil sie auf der Basis des heutigen tleutschen Wirtschaftssystems einfach unlösbar sind. Das ist der Augenblick, wo die Geste dcri rettenden Hand sich bezahlt macht, auch dort, wo sie in Wirklichkeit keine Rettung bringen kann. Das ist der Augenblick, wo alte Hasardeure aus dem Herrenklub mit der nicht einmal neuen Maske des soliden Helfers und Menschenfreundes an den Spieltisch treten. Die Kassen sind zwar leer, aber ihnen scheint es doch noch lohnend zu sein, eine neue Bank aufzulegen. Das MMstc Volksauto auf Stottern Die„Kölnische Zeitung" berichtet: „Das Problem Volksauto hat zwei Seiten: die technische und finanzielle. Bei dem heutigen Stand der Automobil- Industrie dürfte die technische Lösung keinen unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen. Um die finanzielle Frage ist zurzeit eine lebhafte Aussprache im Gang. In einer Eingabe an den Reichskanzler hat eben die Industrie- und Handelskammer Berlin den Standpunkt vertreten, daß günstige Finanzierungsmöglich kei- ten geschaffen werden müßten. Als Käufer des Volksautos kämen Einkommenbezieher mit einem Einkommen von 3000—8000 RM. in Betracht, die über die nötige Kaufsumme zum Teil nicht verfügen. Tatsächlich ist bereits ein Finanzierungsinstitut gegründet worden, dessen Aufgabe zwar nicht auf Vorschüsse für Autokäufe beschränkt sein soll, das aber voraussichtlich gerade beim Volksauto das erste und größte Arbeitsfeld finden dürfte. Das Institut wird selbstverständlich nicht um jeden Preis den Absatz fördern wollen, sondern nur dort, wo der Eingang der Ratenzahlungen sicher ist. Eine„übertrieben risikoreiche und langfristige Absatzfinanzierung" wurde auch kürzlich im Jahresbericht des Kraftfahrzeughandels abgelehnt. Von diesem Standpunkt aus wird nun in der„Neuen Bankwir«tschaft", Tageszeitung für öffentliche Geld- und Kreditwirtschaft,(allerdings mit dem Vorbehalt einer| Stellungnahme der Schriftleiluog),.der Voudilgg der A. u 10• Sparkarte gemacht, und zwar für die Kreise, bei denen die Finanzierung mit Ratenwechsel auf wenig Gegenliebe stoßen und von denen sie häufig aus Prinzip abgelehnt wird. Den Sparkassen wird nun empfohlen, in ihrem Kundenkreis heute schon für den Sparstock zum Volksauto zu werben. Der Sparkasse falle die Aufgabe zu, eine Auto-Sparkarte herauszugeben und den Vertrieb von Sparmarken in Beträgen von 1, 2 und 5 RM. zu organisieren. Vollgeklebte Sparkarten wären dann auf ein besonderes Sparbuch umzuschreiben, auf dem mit Rücksicht auf die langfristige Anlage der nach dem Habenzinsabkommen zulässige Höchstzinssatz gewährt werden könnte. Selbstverständlich wäre die Möglichkeit vorzusehen, daß die Sparguthaben jederzeit in normale Guthaben umgewandelt werden können. Der Grundgedanke ist richtig: aus dem Wunsch nach einem Auto den Sparwillen zu entwickeln, der jetzt schon beginnen soll, sich für den Autoka uf vorzubereiten. Das ist die natürliche und daher beste Art, zu einem Auto zu kommen, und durch die Sparsamkeit wird zweifellos die Fmanzierungsfrage am einfachsten und sichersten gelöst." Die Frage ist nur, was das Sparkonto noch wert ist, wenn der Sparer sein Guthaben in ein Volksauto umwandeln will. Aendcrung des tvoönunßsstandards Die Erhöhung der Bautätigkeit ist eine der Taten, deren sich Hitler rühmt. In Wahrheit besteht die Erhöhung der W q hnb antat i gkeit in einem Umbau g rößerer Wohnungen auf Kleinwohnungen. Das heißt, die Deutschen sind in weitestem Ausmaß gezwungen, ihren Wohnungsstandard herabzusetzen. Diese Steigerung der Bautätigkeit beweist nicht den Aufschwung, sondern den Niedergang. In wie großem Ausmaß der Niedergang des Wohnungsstandards in Deutschland eintrat, zeigen Zahlen: Im Jahr 1933 entstanden durch Umbau von Großwohnungen 69 200 gegen 28 000 im Jahr 1933. 34 Prozent aller von Hitler geschaffenen Neuwohnungen sind in Wirklichkeit Umbauwohnungen. Wie weit de* materielle Zwang zum Zusammenrücken geht, beweist i'g Tatsache, daß man in Sachsen ernstlich bemüht ist, altt alten Rentenempfänger zwangsweise in„Altersheime" zC bringen, damit ohne Erhöhung der Bautätigkeit Wohnunget frei gemacht werden könnten. Aber die Statistik ist auch sonst aufschlußreich; während 1932 42 Prozent und 1931 74 Prozent aller Neubauten aus öffentlichen Mitteln bestritten wurden, wurden 1933 nur noch 37 Prozent der Neubauten von der öfentlichen Hand geleistet. Das Hausbesitzerkapital beginnt sich deutlich im„dritten Reich" zu rentieren. Pelztierjagd auf Nowaja Semlja Aua Moskau wird uns gemeldet: Die Jägergruppen, die auf Nowaja Semlja überwintert haben, konnten in diesem Jahre eine besonders reiche Jagdbeute heimbringen. 4445 Nerze, 1829 Polarfüchse und 56 Eisbären wurden erlegt, 13 besonders schöne Blaufüchse und 5 Eisbären wurden für die zoologischen Gärten lebend go« f»K2l Wchrmadrt, Polizei. Weiirvcrbändc v b' 1 Kurz vor dem Ausbruch der blutigen Krise in Hitlers Mörderrcgime ist uns folgender Stimmungsbericht aus dem Reiche zugegangen. Er hat auch durch die Ereignisse der jüngsten Tage nicht an Bedeutung verloren. I. Wehrmacht Fast durchweg sind die unterrichteten Beobachter nach wie vor der Meinung, daß die Reichswehr nur äußerlich gleichgeschaltet ist, sich aber sehr vorsichtig verhält. Vielen erscheint sie als das kommende Kraftzentrum, aber niemand weiß einstweilen zu sagen, wer der Mann sein wird, unter dessen Kommando dieses Kraftzentrum zum lEmsatz kommen könnte. In diesem Zusammenhang ist eine Mitteilung aus gut informierten Kreisen interessant: »Die Tagung der Reichöwehrsührer in Bad-Nauheim vor einigen Wochen unter Vorsitz des Chefs der Heeres- leitung, General Fritsch, beschäftigte sich u. a. mit der Frage der Nachfolge des Reichspräsidenten, da in jenen Tagen amtliche Stellen mit dem unmittelbar bevor- stehenden Ableben Hindenburgs rechneten. Es wird be- hauptet, daß iür die Frage des Oberbefehls der Wehr- macht im Falle seines Ablebens abweichend von den bis- .hcrigen Vorschriften der Verfassung von der Generalität eine Regluug gefordert wurde, die eine unerwünschte Einflußnahme von Parteistellen auf die Führung der Wehrmacht ausschließt." Diesen Kreisen erscheint Göring noch mehr als bisher als der Mann, der für Reichswehr und Offizierskorps eine Schwäche hat: »Es bestätigt sich immer wieder, daß bei der Spannung, die zioischen Wehrmacht und Teilen der Polizei einerseits. Partei- und SA.-Stellen andererseits besteht. Göring sich im zunehmenden Maße von der Parteiauffassung distan- ziert und die Wünsche der militärischen Stellen unterstützt. Diese Auffassung findet ihre Bestätigung in personal- politischen Entscheidungen, wie der Ernennung des Generals Friedrich zum Oberbürgermeister von Potsdam und deS Ttandortälteften General von Jagow zum RegierungS-Präsidenten gegen den Widerstand der Partei» organisation." Alle sonstigen Berichte stimmen überein in der Fest- stellung, daß die Spannungen zwischen Reichswehr und <=A. nicht nachgelassen haben. Wir verzeichnen folgende Meldungen: Aus Bayern:»Man hört übereinstimmend, daß die Reichswehr sehr geringe Sympathien für die gegen- wältigen Machthaber hat. Die Reichswehrsoldaten, von wenigen faschistisch eingestellten Offizieren abgesehen, bc- trachten die SA. und ST. mit einer gewissen Verachtung. Allgemein kann man feststelle», daß der RcichSwehrsoldat sich eigentlich wenig um Politik kümmert und daß er heute noch streng dem Befehl seines Führers Folge leistet." Aus Hessen: Tie Rcichswehrofslzicre bringen ihre Abneigung gegen die Nazis offen zum Ausdruck. Ein Un- teroffizier, der eine SA.-Gruppe ausbildet, sagte mir: »Was meinst Du. wie wir die Kerle schleifen, diese Idioten!" AuS Sachsen:»ES werden TA.-Leute für eine ein- einhalb Jahr währende Dienstzeit eingezogen. Durch diese Einrüctung entspinnt sich aber eine Rivalität zwi- schen SA. und NW., da die SA.-Chargen nicht in ihrem Rang belassen ivcrden. Ein TA.-Truppenführer, der im Rang einem RW.-Feldwcbel gleichkommt, wird im beste» Fall Untergefreiter, was groben Unwillen hervorruft. Bei der Ausbildung werden diese Leute sehr gedrillt und zum Teil auch beschimpft. Wenn etwas nicht klappt, so rufen die NW.-Lffizicre immer:»Ihr seid ja nicht bei Euter TA." Auf der Alaunstraße in Dresden spielte sich folgender Vorfall ab: Eine Abteilung SA. mit Fahne marschierte durch die Straße, geführt von einem Slurmsührcr. Ein des Weges daherkommender RW.-Soldat grüßte nicht. Er wurde von dem SA.-Führer zur Rede gestellt, nahm keinerlei Haltung e'n und sagte nur, daß er niemanden gesehen habe. Seine Namensnennung verweigerte er. Der SA.-Führer wollte nunmehr durch einige SA.-Leute den RW.-Soldaten festnehmen lassen. Ter Soldat leistete Widerstand und S—4 hinzueilende Reichswehrsoldaten unterstützten ihn. wobei einige sogar die Seitengewehre gezogen hattest. Hierauf ließ der SA.-Führer seine Leute antreten und rückte ab. während die Soldaten unter Bravorufen des Publikums(!) ihres Weges gingen." Aus verschiedenen Gegenden wird auch neuerdings über- einstimmend berichtet, daß bei den Einstellungen zur Aeichswehr die frühere Zugehörigkeit zum Reichsbanner durchaus kein Hinderungsgrund ist. Häufig werden ehemalige Reichsbannerleute eingestellt, SA.-Leute dagegen abgewiesen,„da sie doch zu stark durch die politische Arbelt in Anspruch genommen würden." Z. Polizei Aus zahlreichen Berichten geht hervor, daß die Stimmung unter den Polizeibeamten nicht gut sein kann. Die Beamten haben einige Gründe dazu: verschärfter Drill, anstrengende militärische Ausbildung, Ueberordnung von CA.-Führern. Dazu sind noch aus der Zeit der Republik viele Beamte im Dienst. Im Westen sagte ein Beamter zu einem Gewährsmann:„Kommen Sie nur mal in unsere Kasernen, in wieviel Mannschaftsspinden noch Severing- bilder liegen." Aber das alles bleibt unter der Oberfläche und der Gegen- satz zur SA., der die Stimmung beherrscht, kommt nur bei künstiger Gelegenheit zum Vorschein. So wird aus Bremen folgender Vorfall berichtet: „Einige TA.-Leute griffen auf der Straße einen Juden auf und schafften ihn in ihre Kaserne, das Gosfclhaus. Tort sollte er verprügelt werden. Einige Passanten bc- obachteten den Vorfall und mobilisierten eine Polizeistreife. Die Polizeibeamtcn versuchten, in die TA-Kaserne einzu- dringen, um den Juden zu befreien. Doch die SA.-Wache im Gosselhaus hielt die Beamten unter Bedrohung mit der Schußwaffe vom Eindringen zurück. Tic Polizei zog un- verrichteter Sache ab. erstattete jedoch Meldung. Von den Polizctinstanzc» verschob eine die Verantwortung auf die nächste, bis der Vorfall an den Poltzeisenator Laue heran- gebracht wurde. Laue, ein mächtiger Mann, Mitglied der Handelskammer, mit guten Beziehungen zu den Bremer Patriziern, gab den Befehl zum Einsatz der stärksten poli- tischen Machtmittel. Nachts fuhren zwei Ueberfallwagcn vor dem Gosselhaus vor. Die Beamten truaen Stahlhelm und waren mit Karabinern bewaffnet. TA. wurde mit Gummiknüppeln und Karabinerkolben niedergeschlagen und das Haus besetzt. Vier Rädelsführer des SA.Mider- standes wurden verhaftet. Sie kamen vor den Schnell- richter und erhielten 3 Monate Gefängnis. Inzwischen setzten umfangreiche Verhandlungen ein. Der TA.-Gruppenführer Freiherr v. Schorlemmer, seinem Range nach ein mächtiger Mann in ganz Nordwestdeutsch- land, kämpfte um sein Ansehen bei der SA. Doch der Arm des Polizeipräsidenten reichte weiter. Seine Hintermänner machten in Berlin, insbesondere auch beim ReichSwirt- fchaftSminister, darauf aufmerksam, daß bei den engen Be- Ziehungen zwischen Bremen und dem Ausland solche Vor- fälle nicht geduldet werden könnten. In der Tat wurde die Forderung der SA., den Senator Laue seines Amtes zu entheben, abgelehnt- Statt denen wurde Herr o. Tchor- leinmer in die Wüste geschickt. Um vor der Öffentlichkeit jeden Skandal zu vermeiden, wurde der Presse verboten, über die Vorgänge zu berichten und nach drei Tagen durfte die TA. sogar wieder im GossclhauS Einzug halten." Z. Wehrverbände Die Ermüdungserscheinungen in der EA. nehmen zu. Nicht alle Mitglieder sind solche Landsknechts- naturen wie der Fememörder und Obergruppenführer H e i n e s, der erst Ende Mai wieder seinen SA-Männern bei einer Ansprache in Altheide(Schlesien) sagte: »Wir haben die Verpflichtung übernommen, Revolu- tionäre zu bleibe». Revolutionär sein heißt für uns nichts anderes, alS darüber zu wachen, daß der herrliche Schwung unserer Bewegung nicht hereingezogen wird in das Para- grafengestrttpp unfähiger Federfuchser. Der gleiche wilde Fanatismus soll uns beseelen, der uns zum«-lege führte. Wir stehen erst am Anfang. Hüter und Vollender der deutschen Revolution wird die junge Generation sein, in der wahrer SA.-Gcist steckt. Wer sich nach bürgerlicher Ruhe sehnt, dem paßt das Braunhemd nicht. Kampf ist unser Leben. Wir ruhen nicht eher, bis die deutsche Revo- tion restlos durchgeführt ist. Der Dienst ist für uns kein Opfer. Wir folgen unserem Blut. Wer erst einmal auf Adolf Hitlers Fahnen schwört, hat nichts mehr, was Ihm selbst gehört. Wir haben unsere Heimat in der SA. gc- sundcn." Aus diesen Worten spricht die Erbitterung und Eni- täuschung darüber, daß es mit den herrlichen Saal- schlachten und Straßenkämpfen zu Ende ist, daß auch im „dritten Reich" die Federfuchser sich wieder durchgesetzt haben. Noch übt sich ein Teil in privaten„Kampfhand- lungen": Aus verschiedenen Landesteilen liegen Berichte vor über Schlägereien der SA. unter sich, zwischen SA. und SS.. SA. und Stahlhelm, SA. und Arbeitsdienst, SA. und Reichswehr usw., usw. Besonders bunt scheint es in Stemm zuzugehen: »Die Revolte der TA. am L Mai in Bremen, die Kämpfe zwischen SA. und Stahlhelm in den Zentralhallcn und die Kämpfe der SA. gegen die Polizei mit anschließender Besetzung des Braunen Hauses durch die Polizei war auch auf der Straße von großen Tumulten begleitet. Zwischen 0 und 7 Uhr abends zogen die revoltierenden TA.-Forma- tionen durch die Straßen und stürmten das gleichgeschal- tete Kaufhaus Karstadt. Mehrere große Schaufenster- fcheibcn wurden zertrümmert, die TA.-Leute holten vom Dach des Warenhauses zirka 12 grobe Hakenkreuz- und fchwarz-wetß-rote Fahnen, dle anläßlich der Maifeier ge- hißt waren. Die eingesetzte Polizei ging gegen die Nazi- revolutionäre vor, es gab viel Prügel und zahlreiche Ver- haftete. Eine große Menschenmenge sah auch dieser inte- ressanten Maiseier zu." Aber diese Landsknechtsnaturen stellen nur einen Teil der gesamten SA., der andere sind friedlichere Naturen, die den Drill, die anstrengenden Nachtmärsche, die Ge- ländeübungen satt haben. Viele von ihnen sind in die SA. gegangen, weil sie arbeitslos waren und auf eine Stelle hofften. Haben sie inzwischen eine Arbeitsstelle be- kommen, so finden sie die SA. leicht überflüssig, haben sie keine bekommen, so erst recht. So kommt es. daß der Diensteifer erheblich nachläßt. Aus mehreren Berichten geht hervor, daß die Stürme nur noch mit sehr großen Lücken antreten. Vielfach müssen Stürme aufgelöst werden(so z. B. am Oberrhein die Stürme 5 und 8). Viele legen es darauf an, infolge Dienstversäumnis aus- geschlossen zu werden. Dann müssen sie die Uniformen abliefern, auch wenn sie früher von ihnen selbst angeschafft worden sind.(Berichte aus Breslau, Rheinland, Branden- bürg.) Das Regime greift mit drakonischen Mitteln durch. Wer sich vom Dienst drückt, wird ausgeschlossen und der Aus- schluß hat automatisch den Verlust der Arbeitsstelle zur Folge. Aus der Provinz Brandenburg liegt das bereits vom„Reuen Vorwärts" vom 3. Juni veröffent- lichte Dokument vor, in dem der Obertruppführer eines Fernsprechsturmes einem Ausschlußkandidaten schreibt: »Auf Grund Ihrer Jntercssenlosigkeit am Dienst, dauernder Entschuldigung ohne stichhaltigen Grund werde ich Antrag auf Ausschluß aus der TA. beim Nachrichten- sturmbann stellen... Ich verbiete Ihnen hiermit das Tra- gen der SA.-Uniform und mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Sie sofort festnehmen lasse, falls Tie entgegen dem Verbot die Uniform tragen sollten. Sollten Sie am Mon- tag ohne Entschuldigungsgrund nicht erscheinen, wäre ich gezwungen, Sie vorführen zu lassen. Desweiteren mache ich Sie darauf aufmerksam, daß der Ausschluß au« der SA. eine Mitteilung davon an Jtire Sie beschäftigende Firma und a» das Arbeitsamt zur Folge hat." Aus Schlesien wird gemeldet, daß in Langenöls in einer Möbelfabrik etwa 20 Leute entlassen worden sind, weil sie aus der SA. ausgetreten sind. Wichtige Funktionen bei der Dihiplinierung der SA. fallen der sogenannten..Feldpolizei" zu. Diese Spezial- truppe, die polizeiliche Befugnisse gegenüber allen SA.- Männern und NSDAP.-Mitgliedern hat, ist inzwischen in allen Landesteilen ausgestellt worden. Außer der Kon- trolle der SA.-Männer in den Nachtlokalen hat sie noch z. B. folgende Aufgabe: Kiel:»In der Gastwirtschaft»Seester»" im Hafen kam eines Abends ein angetrunkener Sturmführer zum Zechen. Als der Wirt merkte, daß der Mann betrunken war. wollte er ihm keine Getränke mehr verabfolgen. Der Strumfübrer fing an Krach zu machen, daraufhin wurde er von dem Gastwirt an die Luft gefetzt. Nach kurzer Frist kam er mit einigen Leuten feines Sturmes zurück und' unter seiner Führung wurde die Gastwirtschast demoliert. Plötzlich erschien die SA.-Polizei lin Kiel bekannt als »Weiße Mänse"i, verhaftete die SA.-Lente. Resultat: der Strpm mu ß den g an zean g erichjeten„.Scha de n^bez a h l c n. Ein ähnlicher Fall spielte stch in Elmschenhagen bei Kiel ab, auch dort mußte der betr. Sturm den ganzen Schaden bezahlen." Nebenher laufen aber noch organisatorische Gegen- maßnahmen. Ein Bericht aus Baden sagt darüber: »Die immer mehr zu Tage tretenden Zersetzungser- scheinungen der TA. und SS. haben die Führer veran- laßt, anzuordnen, daß die gesamte SA. während des Mo- nats Juli Urlaub bekommt. Während dieser Zeit sollen alle unbequemen Elemente ausgeschieden wenden. Tie Vorbereitungen dazu sind im vollen Gange. So werden erneut wieder alle SA.-Leute ärztlich auf Kriegstauglich- keit untersucht. Wer ausgemerzt werden soll, wird einfach für„kriegsuntauglich" befunden." Es scheint, daß die Krisenerscheinungen in der SA. bis in die allerhöchsten Kreise hinein ihre Schatten werfen. Von gut unterrichteter Seite wird die Auffassung ver- treten, daß„der Urlaub Röhms seinen Grund in Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und Hitler Hinsicht- lich der weiteren Existenz der SA. habe. Einflußreiche Nationalsozialisten nennen diesen Konflikt selbst eine schwere Belastungsprobe für die Autorität des Führers. Dazu kommen die Sorgen mit dem Stahlhelm. Ueber die Vorgänge im Stahlhelm liegen einige Berichte vor, die einen Einblick in die Schärfe der Gegensätze ge- währen. Ein Berliner Beobachter äußert sich: »Der Stahlhelm hat geglaubt, durch Ausntttzung der allgemeinen Mißstimmung Terrain zurückgewinnen zu können, da? infolge der Haltung seines Bundessührers Seldtc nach dem 3tt. Januar verloren gegangen war. Es dürfte übertrieben sei», anzunehmen, daß in diese» Krci- scn aus der zweifellos gegnerischen Einstellung gegen daö Regime an irgendwelchen aktiven Widerstand in der nächsten Zeit gedacht worden war. Die Sammlung der aktivsten gegnerischen Kräfte im Lager deS Stahlhelms ist jedoch nicht verborgen geblieben und hat die Spannung zwischen diesem und der TA und Parteiorganisation in solchem Maße verschärft, daß ein Verbot des Reststahl- Helms von einflußreichen Parteistellen gefordert wurde. In zahlreichen Orten ist es zu Zusammenstößen und Schlägereien zwischen TA. und Stahlhelm gekommen, w in Bremen, wo der regierende Bürgermeister und der Polizeiscnator dem Stahlhelm angehören und die Polizei mit dem Gummiknüppel gegen SA.-Sturmtrupps vorging, die aus der Straße gegen die Stahlhelmmitglieder der Regierung demonstrierten." Ueber Hilgenberg und besonders über S e l d t e herrscht große Erbitterung. Bon der Führertagung des Stahl« Helms, die vor einigen Wochen in Magdeburg stattfand, ging uns folgender Bericht zu: „Anwesend waren ca. 5000 Führer. Daß bei der Tagung eine Aussprache nicht stattfand, ist selbstverständlich. Aber während Scldte früher beim Betreten des Saales mit stür- mischen»Front-Heil"-Rnsen begrüßt wurde, herrichte diesmal beim Erscheinen Teldtcs eisiges Schweige». Scldte war sehr betreten, warf Mütze und Handschuhe wütend auf den Tisch. Endlich rief eine Stimme auS dem Hintergründe ganz mitleidig:„Na, spielt nun schon den Pepita- Marsch!" sRegimchrtSmarsch der 00er, dem Scldte angehört hatte und der stets beim Erscheinen Seldtes gespielt wurdcj. Die Musik hat dann gespielt und sodann Teldte gesprochen. Die Rede»vurde mit absolutem Schweigen aufgenommen. Teldte verließ daraus sofort de» Saal: da- bei begleiteten ihn Rufe wie:»Tichste jetzt Franz, waS Du gemacht hast? Du hast uns schön verkauft! usw." Aus verschiedenen Berichten geht hervor, daß viele Stahlhelmer den Eintritt in die SA.-Reserve I abgelehnt oder wieder rückgängig gemacht haben. Es liegt uns aus Stettin ein Schreiben des SA.-Sturmführers 3 R 210 vom 9. Mai vor. in dem die Stahlhelmer zur Abgabe der Ber- Pflichtungserklärung für die SA.-Reserve I aufgefordert werden. Für den Fall der Ablehnung des Uebertritts heißt es: »Allerdings haben dies« Kamerad«» für die Dauer von i Jahren keine Möglichkeit, sich irgendeiner SA.-Forma, tion anzuschließen. Bezüglich derjenigen Kameraden, von denen der Ver- pflichtungSschein nicht bis zum 12. d. M. bei dem Käme- raden Taiggc eingegangen ist, muß auf dem Dienstwege nach München gemeldet werden, daß sie die Abgabe einer Erklärung verweigern. Diese Kameraden sind nach den maßgebenden Befehle» dauernd von der Ausnahme in die SA. ansgeschloffen." Ein Bericht aus Dresden: „Der Dresdner Stahlhclmführer Pusinelly war bereits in Schutzhaft. In einer überfüllten Ttahlhelmversamm- lung am 10. k>. 1031 im Dresdner Ausstellungssaal lzirka 3000 Personen) führte er aus, der Stahlhelm bleibe immer das, was er war, und wenn er(Redner) noch ein zweite? Mal in Schutzhaft kommen würde, er würde sich doch niemals»von diesen Lausejungen»" etwas sagen lassen." Schließlich eine kleine Meldung aus dem Rhein» land, die mindestens zeigt, wie weit die Nervosität in» soltze der inneren Spannungen gestiegen ist: »Aus Kempen(Stadt von 8000 Einwohnern): Bis zum 31. Mai mußten alle TS.- und SA.-Führer für ihre Dienststellen eine Liste der mit der Masse ausgebildeten und wehrfähigen Mannschaften der oberen Dienststelle einreichen. Es ging das Gericht, man rechne mit einem Putsch der Reichswehr oder des Stahlhelme." »äs der Areidierel Diffjunici'ung der Juden Frankfurt, 80. Juni(Jnprcß). Tie»Mainfränkische Zei- tung" schreibt unter der Ueberschrtst»Karlburg ist erwacht" «. a.:„Bis auf einige Ausnahmen, tragen seit Tonntag früh Wtrtschastsbäude an den Toren und Türen seit Sonntag früh die mittels einer Schablone mit schwarzer Farbe aufgetragene Warnung:»Juden ist der Zutritt verboten." Da die zirka 10 Zentimeter großen Buchstaben in solider Farbe aufae- tragen sind, ist wohl ein Verwischen unmöglich und bei der Größe der Buchstaben kann die Warnung nicht übersehen werden... Jede Gegenarbeit ist die schwerste Sabotage an dem Ausbau der deutschen Volksgemeinschaft". Nürnberg, 80. Juni(Jnpreß). Die»Fränkische Tages- zeitung" schreibt:»Juden sind hier nicht erwünscht! DaS liest man an den Türen von Gaststätten, deren Besitzer deutsch- bewußte Volksgenossen sind. Daß man in diesen Gaststätten jedoch immer wieder auch Juden begegnet, ist ein Zeichen für die Charakterlosigkeit dieser Rasse und dafür, welches Vertrauen siegln die Langmut der deut s chen Volksg enossen setzen."^" Mittwoch. 4. J-li 1934 .Deutsche Freiheit" Nr. 151 Das bume Blatt Die besten Sedächtnisse der Erde Die Psychologie besaßt sich zur Zeit lebhaft mit einer„® e- b ä ch t n l s sch u l e", d i e sin Bombay von einem Pros. Thimothy Avadhani erössnet worden ist. Die mit Avadhani veranstalteten Provcn ergaben, daß er tatsächlich in der Lage ist, alles zu b-ehalten, was man ihm ein- mal in irgend einer Sprache erzählt oder vorsagt— ein aus- gesprochenes Spiegelgedächtnis, das nach Avadhanis Be- hauptungen in jedem Menschen entwickelt werden kann. Dieser Pros. Thimothy Availhani aus Bombay lächelt, als man ihn als„Wunderkind" nnit grauen Haaren bezeichnet. Nein, ganz und gar kein WunSer. Denn er habe'als Kind geradezu ein schlechtes Gedächtnis gehabt. Er habe es im Lause von mehr als 25 Jahren.mühsam„entwickelt". Heute sei es nun aber auch„perfekt". Man sagt ihm Sätze in SwahalZ, in Singhalcsisch, in Tibe- tonisch, in europäischen Sprachen. Nach einer halben Stunde fragt man nach diesen Sätzen— und langsamt formt sein Mund Wort für Wort aus diesen Sprachen, die er teilweise gar nicht versteht. Die Wochentage irgend eines Datums der Gegenwart, der Vergangenheit, der Zukunft, SO000 Verse aus den heiligen irdischen Schriften. Mißtrauisch wendet sich der Europäer ab und murmelt etwas von indischen Wunderdingen— und bedenkt dabei nicht, daß Europa ganz ähnliche Phänomene beherbergte und wohl auch noch beherbergt. Es ist interessant, baß die meisten Gehirnphänomene Euro- pas auf dem Gebiete der Mathematik sund dann noch in der Musik) zu verzeichnen sind. Aber ob wir bei Euklid anfangen und bis Newton oder Gauß diese Wundermenschen durchsehen, ob wir selbst bis in die Welten der Schachmeisterschaften steigen, wo dieser oder jener 20 Partien blind zu spielen vermag— wir müssen eine unerschütterliche Tatsache verbuchen—: es gibt keine Frauen unter diesen Gehirnwundern. Hier scheint die Frau ein„Manko" zu haben, das freilich insofern wieder keins ist, als ein Wunder nie etwas ist, was zum Leben naturnotwcndg gehört. Dies sei nur gesagt, um entrüsteten Protesten zu begegnen, ehe sie ausgesprochen sind. Aus der Fülle der Wundergehirne wollen wir einige her- ausgreifen, die besonders nahe an unsere Zeit herankommen und bei denen wir mit Beispielen aufwarten können. Für jene, die es auch zu können glauben— zur Nachahmung: Da lag der Pros, der Geometrie, F. Wallis, schlaflos in dunkler Nacht und rechnete und rechnete. Und ohne Papier, ohne Bleistift oder irgendein HilK>mittel zog er die Qua- dratwurzel aus 30000, 00000, 00000, 00000, 00000, 00000, 00000, Die Juwelen des yaren Die Stadt Chikago hat beschlossen, die ursprünglich nur für die Dauer eines Jahres vorgesehene Weltausstellung wieder zu eröffnen, und es werden bereits die lebhaftesten Anstrengungen gemacht, um neue Sensationen zu schassen. Von ganz besonderem Interesse ist es, daß als neue Attrak- tion die Juwelen der russischen Zarenfamilie ausgestellt wer- den sollen, ein wahrer Schatz einmaliger Kostbarkeiten, der bisher noch niemals öffentlich zur Ausstellung gelangt ist. Die Direktion der Weltausstellung verhandelt bereits seit längerer Zeit mit der Sowjetregierung, und die Russen sollen sich jetzt bereit erklärt haben, die Juwelen der Zarensamilie nach Chikago zu senden, wo sie in einem besonderen Pavillon zu sehen sein werden. Man kann auch darin einen Ausdruck der Annäherung zwischen Amerika und Rußland erblicken, der sich im letzten Jahre vollzogen hat, denn bisher hatte sich die Sowjetregierung stets geweigert, den Kronschatz des Zaren zu Ausstellungszweckrn zur Verfügung zu stellen. Die Sowjets sollen übrigens die Kosten der Versicherung der Juwelen von Rußland bis zur amerikanischen Küste über- nommen haben. Die Juwelen, die in Panzerkoffern der Staatsbank in 00000 und erhielt das Ergebnis 177,205, 08075, 08077, 20353. Damit hatte er in sich eine besondere Fähigkeit entdeckt, die er in der Folgezeit weiter ausbaute. Aber rechnen konnte er auf diese Weise immer nur in dunklen schaflosen Nächten. So gaben ihm denn seine Berufsgenossen wahnwitzige Aufgaben auf, die zu lösen sonst u. U. Tage und Wochen ge- dauert hätte. Wallis schaffte es so. Mit sechs Jahren löste Z. Colburn jede Aufgabe, wie etwa: wieviel Sekunden haben 3450 Jahre: der 10 Jahre alte George Bidder rechnete in zwei Minuten aus, wieviel 4'/, Prozent von 4444 Pfund in 4444 Tagen ausmachten. Auch diese Leute waren keine Wunderkinder, denn Bidder wurde 71 Jahre alt und löste noch zwei Tage vor seinem Tode jedes mathematische Problem bis zu 15 Stellen im Kopf. Er war der Sohn eines Maurers und starb als Eisenbahn- direktor. Man hat ausgerechnet, daß der einfache Mensch mit 000 bis 800 Worten bequem auskommt, der Gebildete braucht deren 20 000. Der Fachgelehrte braucht vielleicht noch 10 000 Worte mehr, die aber fast restlos Fachwörter sind, die er also über die Alltagsbelastung hinaus in seinem Hirn aufspeichern muß. Sagt man nicht von Gladstone, daß er 15 000 Verse der Jlias beherrscht habe? Und Macauly kannte angeblich die gleiche Anzahl aus der Odyssee aus dem Gedächtnis. Und niemand wird bestreiten wollen, daß diese Gehirn- riefen anormal gewesen wären— schon in Anbetracht ihrer sonstigen gehirnlichen Leistungen. Um wieder zu unserem Pros. Avadhani, der die Kon- z e n t r a t i o n als einziges Mittel zur Äedächtnisvertiefung hält, zurückzukommen: in Indien gibt es Tausende von Brahmanen, die 10 000 Verse der Reb-Veda auswendig können. Manchen Mohammedaner gibt es, der den gesamten Koran im reinen Arabisch auswendig beherrscht. In Polynesien können die Häuptlinge die gesamte Ge- nealogie ihres Stammes aufzählen, einen Namen nach dem andern, Stunden hindurch, ganze Tage lang. Aber sie halten das gar nicht für etwas wunderbares, son- dern das zählt zu den Ausgaben und Pflichten eines Häupt- lings in Polynesien. Müssen wir uns da nicht verkriechen, wenn wir die Tele- sonnummer unserer Braut, den Steuertermin und den Ge- burtstag des Freundes vergehen? Natürlich haben wir eine Entschuldigung: wir haben ja gar keine Zeit, unser Gehirn 25 Jahre zu trainieren, wie jener Professor Avadhani aus Bombay. Und selbst wenn wir uns vornähmen, unser Ge- Hirn zu trainieren— ich bin gewiß— wir— vergäßen es! „Basler National-Zeitung". Moskau ausbewahrt werden, besitzen nach dem Urteil zahl- reicher Sachverständigen einen Wert von 250 Millionen Dol- lar.' Das Hauptstück der Sammlung ist die Kaiserkrone Katharina der Großen. Sie ist mit 5000 Diamanten und einem riesenhaften Rubin geschmückt und wiegt drei Kilo: dieses Prachtstück allein wird aus 42 Millionen Dollar ge- schätzt. Zahllos sind die anderen Schätze, die sich in dieser Sammlung befinden, darunter das mit dem berühmten Orloff-Diamanten geschmückte Szepter. Von den vielen Diamanten aus dem Besitze der Zarenfamilie, die in den Kellern der Moskauer Staatsbank liegen, hat der geringste noch einen Wert von 5000 Dollar! Die russische Regierung hatte schon mehrfach die Absicht, die Juwelen der Zarenfamilie ins Ausland zu verkaufen, aber ein solcher Verkauf ist eben immer, wie man sich denken kann, an der Höhe des erforderlichen Kapitals gescheitert. Das letzte Mal war ein Verkauf im Jahre 1922 geplant. Wenn jetzt diese Kostbarkeiten aus der neu eröffneten Welt- ausstellung gezeigt werden sollen, so bedeutet das tatsächlich eine Sensation, und die Stadt Chikago erhofft von dieser Be- reicherung einen neuen, wesentlichen Auftrieb der Ausstel- lung, die bisher nicht gerade vom Glück verfolgt gewesen ist. Unsere Töchter, die Oapnen Roman von HermyniaZurMühlen. 15 Und ich lachte bei der Erinnerung an unsere kleinen freundschaftlichen Kämpfe, die jedes Jahr wiederkehrten. Aber Fritz lachte nicht. „Mein Gott, so verstehen Sie mich doch, Gräfin Agnes." sagte er.„Es fällt mir ohnehin so schwer, es Ihnen zu sagen. Aber meine Frau hat etwas gemerkt und ist eifersüchtig ge- worden. Die Comtess? Claudia... Sie läßt mir keine Ruhe Neulich, frühmorgens, ist sie im Nachthemd in den Garten gekommen und hat mich gefragt, ob sie nicht schön ist und ob ich nicht..." Er schwieg, aber nun mußte ich ihn verstehen. Er war ja so rücksichtsvoll, der gute Fritz, er sah weg, um mir die Schande zu ersparen, seinen Augen zu begegnen. Mein Herz pochte zum Bersten, ich konnte nicht sprechen. Wir standen einander gegenüber, gerade vor dem großen Rosenbeet, dessen Dust uns einhüllte. Die ersten Schatten sielen bereits über den Garten. Auf der alten Tanne, deren Lebe» ich retten wollte, sang eine Amsel. Alles war so friedlich und schön. Die kleinen Wellen des Sees schlugen leise gegen das Ufer. Ich sah alles, aber nur einen Augenblick. Dann fielen mir die Bücher in Claudias Zimmer ein, die abscheu- lichen Bilder, die gemeinen Worte. Sie legten sich wie ein Schleier zwischen mich und die ganze Schönheit ringsum. Wie ein roter Schleier der Scham. Ich steckte die Hand aus, um mich an irgendetwas sestzu- halten. Fritz griff nach ihr: Und dann fühlte ich, wie er ganz sanft den Arm um mich legte und mich ins Haus führte. Wie aus weiter Ferne hörte ich seine Worte: „Sie dürfen sich nicht so aufregen, Gräsin Agnes... Die Comtess« Claudia ist halt in einem Alter,,, Sie braucht eine» Mann... Und ich hält ja nichts gesagt, wenn mein« Frau nicht so eifrig wäre..." Ich fühlte unter meinen Füßen die Stufen der Freitreppe, und ich weiß nicht warum, aber ich mußte sie zählen:„eins, zwei, drei, vier fünf, sechs, sieben." Dann waren wir auf der Terrasse, und Fritz drückte mich in den großen Rohrlehnsessel. Er sprach noch immer aus mich ein, leise, gütig. Endlich fand auch ich die Sprache wieder, doch konnte ich in meiner grenzenlosen Beschämung nur eines sagen, immer wieder dasselbe: „Nicht kündigen, Fritz, nicht kündigen. Ich werde... ich werde...." Meine Stimme kam von ganz weit, sie war so alt und zittrig, daß ich zum erstenmal das Gefühl empfand: ich bin ja eine alte, uralte Frau... Fritz nickte. „Gut. ich bleib. Und es tut mir leid, Gräfin Agnes. Aber nicht wahr, meine Frau" Und dann lief er die Treppe hinunter und verschwand hinter der alten Buchshecke. Ich blieb sitzen. Ich konnte mich nicht rühren. Eine alte Frau, dachte ich, eine uralte Frau. Ich kann die Jugend nicht verstehen. Ich kann Claudia nicht verstehen. Bestimmt ist alles meine Schuld. Wie alt ist Claudia jetzt?, rechnete ich nach. Dreißig. Auch ich habe erst mit dreißig geheiratet, aber ich war ja immer so kränklich und schwach, Claudia hingegen ist gesund, auch wenn sie zart aussieht. Bielleicht... Aber sich einem Mann anbieten, einem verheirateten Mann.... Während ich noch so mit meinen Gedanken rang, kam Clau- dia aus dem Garten. Sie blieb stehen, als sie mich sah und fragte: dir etwas?. Du bttz so blajsi" Frühe Wenn aus den Eichen der Tau der Frühe leckt, knarren die Türen, rädern die Speichen, vom Schrei der Hähne geweckt. Noch unterm Laken des Mondes schlafen die Wiesen, kühl und hell. Die Sumpsseuer blaken. Die Frösche rühren ihr Paukenfell. Mondhörnig schüttelt sein Haupt das braune Rind und weidet dunkel am Bach. Der Habicht rüttelt "im stürzenden Wind die Helle der Lerchen wach. Peter Hüchel Der Mann, der vom Tode wieder erwachte Fünfundvierzig Minuten war Fred Watson tot. Er hatte sich einer schweren Operation unterziehen müssen, als plötz- sich die Herztätigkeit aussetzte und die Atmung aushörte. Der Mann war tot und jeder in dem Operationssaale glaubte auch bereits an den Tod. Nur allein der leitende Arzt des Krankenhauses von South-End in England, der die Opera- tion ausgeführt hatte, gab die Hoffnung noch nicht ganz auf. Er glaubte noch an eine Rettung. Mit allen Mitteln kämpfte er, das Leben des Patienten wiederzuerwecken. Er machte einen Einschnitt über dem Herzen und arbeitete sehr inten- siv mit Massage und s hließlich war seinen Bemühungen der Erfolg nicht versagt. Das Leben, das bereits aufgegeben war, kehrte in den toten Körper zurück. Es ist das erstenmal, daß die Methode, die in diesem Falle angewandt wurde, er- solgreich war, denn die medizinische Wissenschaft kennt kein Beispiel dafür, daß mit der Herzmassage etwas erreicht worden wäre. Jedenfalls konnte sich der Patient bereits wenige Tage später einer ausgezeichneten Gesundheit er- freuen und di« Sensation seiner Auferstehung vom Tode verbreitete sich mit Windeseile in der ganzen Gegend. Es er- schienen viele Reporter, die zu gerne von ihm das Geheim- nis des Lebens nach dem Tode erfahren hätten, aber darin wurden sie schwer enttäuscht. Immer wieder wurde ihnen er- klärt, daß es davon nichts zu berichten gäbe, aber der ehe- malige Tote sagte auch, daß er sich vor einem neuen Tode nicht mehr fürchte, da er ihn ja bereits kennengelernt habe. Der Sentleman-Dieb Bor einigen Tagen stahl ein Unbekannter in einer Lon- doner Theater-Agentur das Menü des Derby-Tiners, das eine Karikatur des Lord Derby von Tom Webster trug, ,fo- wie die Unterschriften des Lords und des Herzogs von Jork. Für ihn stellte dieses Menu einen großen Wert dar. Als der Dieb aber durch Zeitungsnachrichten vernommen hatte, daß dieses Stück dazu bestimmt war, zu wohltätigen Zwecken versteigert zu werden, schickte er die Beute seines Raubes an Tom Webster zurück und teilte diesem mit, daß es ihm um alles in der Welt fern gelegen habe. Armen Unrecht zu tun... Also nicht nur in den Romanen von Conan Doyle, sondern auch in der heutigen Krisenzeit ist der Gentlemon- Dieb anzutreffen. Vernarb schaw kehrt zurück Dieser Tage trifft Bernard Shaw nach längerer Ab- Wesenheit wieder in London ein. Er war bekanntlich mit seiner Frau aus einer Reise in Neuseeland, und er soll diese Reise dazu benutzt haben, um Material für sein neues Drama zu sammeln. Bisher aber hat er über den Inhalt dieses neuen Werkes strenges Stillschweigen bewahrt. Wenn ich jetzt die richtigen Worte fände, dachte ich bei mir, wenn ich in Claudia das Gesllhl erweckte, daß ich sie verstehe, dann könnte zwischen uns noch alles gut werden. Aber ich brachte nur hervor: „Der Fritz hat mit mir gesprochen, Claudia. Er..." Sie errötete nicht, sie schämte sich nicht: sie lachte nur böse. „Hat er vor mir Angst, der Feigling? Und du, Mutter, du bist natürlich sittlich entrüstet Dabei ist das ganze nur deine Schuld. Ich muß hier sitzen, in diesem gottverlassenen Nest, wo man keinen Menschen kennenlernt, wo man nicht die geringste Chance hat. Ist das ein Leben für einen jungen Menschen? Jung?" Sie lachte abermals, so kalt und schneidend, daß ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. „Jung? Vor einem Monat bin ich dreißig geworden. Was habe ich von meiner Jugend gehabt? Schau mich doch an, wie ich aussehe. Glaubst du, daß ich einem Mann gefallen kann? Aber das verstehst du nicht." „Liebling," sagte ich ganz leise,„ich will ja so gern ver- suchen, dich zu verstehen." „Tu? Du bist ja keine wirkliche Frau, bist nie eine ge- wesen. Deshalb hat es der arme Vater auch bei dir nicht aus- gehalten. Deshalb hat er andere Frauen gebraucht." Und ich hatte so sicher geglaubt, baß Claudia nichts von der Untreue meines Mannes wußte. „Er war eben ein wirklicher Mann," fuhr sie unbarmherzig fort.„Ein Mann, wie auch ich einen brauche. Was du mir früher an jungen Leuten eingeladen hast— ja, ich weiß, daß du einen Mann für mich finden wolltest—, aber was für Männer waren das schon? Lauter Menschen, die zu dir ge- paßt hätten, Bücherwürmer. Dichter, Leute, mit denen man höchstens eine sentimentale Korrespondenz hätte führen kön- nen, wie deine geliebte Annette mit ihrem Lewin Schücking. Ich will einen kraftvollen Mann, einen, der nicht„vor- nehm" und gefühlvoll ist. Ich bin kein halber Mensch wie du." .iFoujctzuttg folgt.) D Deutschlands Krise- eint Katastrophe Der„Manchester Guardian" veröffentlicht den folgenden hochinteressanten Artikel aus der Feder seines meist ausgezeichnet unterrichteten Sonderkorrespondenten. »Tie Nazidiktatur steht unter steigendem Truck von rechts. Ron der immer noch am Boden liegenden Linken geht kein Druck aus. Obwohl es keine Revolte gegen die Nazis gibt, ist doch die Unzufriedenheit stark verbreitet— in Berlin ist sie sast allge> mein. Biete— auch Nazis-. die sich vor 1'/» Iahren, als Hitler Kanzler wurde, in wilden Honnungen ergingen, sind heute verzweifelt. Wo immer die Diktatur ein Problem we- njgstcns halb gelöst zu haben schien— z. B. das Arbeits- Ivsenproblem— bat sie andere Probleme verschärst oder neue geschaffen. Ihre Haupterrungenschaft, die Bereinhcitlichung des Reichs, droht eine Uneinigkeit zu schaffe», die größer ist als je icit Bismarcks Zeiten. Ihr Bcrsuch. die Religion zu vereinheitlichen und zu kontrollieren, hat den größten Reli- gionskamps Hervorgerufen, den Tculschland seit der Reior- mation und Gegenreformation kannte. Ihre Außenpolitik, die ein»starkes Teutschland" schatten sollte, hat zur völligen Isolierung geführt, und Hitler zum Rückzug vor Mussolini gezwungen. Sie hat der Macht am meisten genutzt, die die Npzis am meisten schädigen wollten— Rußland. In l l lt Iahren ist Teutschland aus einem der am ivenig- sten korrupten Länder in eines der korruptesten Länder Europas verwandelt worden. Es gibt keine demokratische Kontrolle und keine öffentliche Enthüllung, selbst begrenzte Kritik, wie sie in Rußland erlaubt ist. ist verboten, so kehlt das wichtigste Hemmnis gegen Korruption, und Kor- rnption herrscht oben und unten, vor allein in den Orga- nilationen, die die Nazis selbst geschaffen haben, in der sA. und Gestapo. Tos Prügeln, die Konzentrationslager, die Morde und die Hinrichtungen habe» in Teutschland einen geringeren «stimmungsumschwung herbeigeführt als außerhalb Deutsch- lands. Einmal weil die volle Wahrheit noch immer einem großen Teil der Oeffcntlichkcit nicht bekannt ist: sodann weil die humanitäre Tradition in Teutschland immer schwach war. Trotzdem tragen sie zu dem Zustand bei. den der „Temps" die deutsche„malaife" nennt, soivohl weil man empfindet, daß fit an sich unzfmlisiert feien als auch weil sie Teutschlands Ansehen im Ausland so abträglich find. Niemand, außer einer inimer geringer ivcrdende» An- zahl von Nazis, ist heute in Teutschland zufrieden. Es gibt Strafgesetze gegen Miesmacher, aber alle Beriuche, das Un- unterdrückbare zu unterdrücken, find gescheitert und der größere Teil der Bevölkerung besteht heute aus Vlies- machern. Ucberall. vor allem in Berlin, sagen die Lcu'e »so kann es nicht weiter gehen". Tic Unzufriedenheit ist natürlich zugespitzt in der Arbeiterklasse sHitler hat die mei- sten Arbeiter, die er durch feine erstaunlichen siege im vorigen Jahr gewonnen hatte, ivieder verloreni. aber sie ist kaum weniger ausgeprägt im Mittelstand, der der Haupt- träger der Nazi-„RevoluHon" war. Er hat jetzt eine bei- spiellofe Last an offiziellen und unoffizicllen steuern zu tragen, die unoffiziellen laber nicht weniger lästigen! 'Stenern find die ständigen Br>»räac tfrefwillfg dem Namen "JlVifft. aber zivanasmäßig in Wirklichkeit) zu verschiedenen Nazifonds und Wohltätigkeiten. Tie deutsche Krise ist keine gewöbnlsche pvlf'ifche oder wirtschaftliche Krise lobivohl sie dos beides auch ist», sondern eine Katastrophe, die über die deutsche Kultur hereingekrochen ist... DaS tiefe.Kulturgewissen Deutschlands ist nicht in Ausruhr, aber es ist entsetzt. Tic Diktatur ist weder durch Angriffe von außen noch von innen bedroht. Jede Drohung einer militärischen Aktion seitens der Großmächte gegen Teutschland würde zu einer machtvollen Sammlung um Hitler führen und könnte das gegenwärtige System ret- ten. Tic Drohung mit Revolution könnte die gleiche Wir- kung haben, aber es gibt keine revolutionäre Bewegung in Deutschland, die eine solche Drohung verwirkliche» könnte. To lautet die Frage nicht»Wer wird die Diktatur stür- zen?", sondern»Wer wird Teutschland retten— oder die deutsche Kulrur— und wie?". Die Deutschen, die diese Frage beantworten können, gehören fast ausschließlich zur Rechten, obwohl sie indirekt durch die Ka holiken verstärkt werden. Ihre Antwort würde ungefähr folgendermaßen lauten: »Teutschland muß wieder ei» Rechtsstaat werden, d. h. ein staai, der verfassungsmäßig regiert wird nach den Rech s- grundsätzcn, die von allen zivilisierten Bölkern anerkannt werden. Es muß zu einer gefunden und öffentlich konirol- lierten Finanzwirtschaft zurückkehren... Es ist an' jeden Fall zu einer langen Armutsperiode verdammt, wenn man bedenkt, daß die geivaltfgen Ausgaben der letzten 1" j Jahre ilür„produktive" Arbeitslosenunterstützung, für Aufrüstung, für die TA. und für Propaganda) durch Borgen von der Zukunft finanziert wurde». Obwohl eine Rückkehr zum alten Partei- und Parlamentssystem nicht möglich ist. und obivohl das Regime in einem gewissen sinn au'ori.är blei- den muß. so müssen doch die Mannigfaltigkeiten de» beut- schen Lebens, die vielfach regionale» Unterschiebe der poli- tischen, religiösen und wirtschaftlichen struktur und der all- gemeine» Weltanschauung wieder zum Ausdruck koinmen können, denn fie find lebensnotwendig für die deutsche Kul- tur. Das gegcnivärtigc Softem muß. wenn es nicht reior- miert wird, zum Eliaos führen lvielleicht begleitet vom Zer- fall in verichiedenc Gebiete) und zum Krieg, vielleicht zu beiden,. Obwohl Teutschland aufrüstet, ist es in Gefahr un- sähig zu werden, einen Krieg zu führen. Denn die Ge.stes- und Charaktereigenschaften, die es ihm möglich machten, mehr alS 4 Jahre lang einer Well in Waffen zu wider- stehen, werden jäh zerstört. Das alte deutsche Kaiserreich hatte Freunde, Nazi-Teutkchland hat keine— nicht einmal Italien. Teu fchland war nie aeliebt und wird es vielleicht nie fein— aber es muß geachtet werden, und um geachtet zu ivcrden, niuß es achtenswert sein." Hitlers Ansehen ist noch gewaltig. Aber er selbst ist zum Problem geworden, seine gestikulierende Beweglichkeit wird immer hemmungsloser, seine Weinkrämvfc werden immer häufiger. Grenzenlose Schmeichelei umgib» ihn mit einer Atmosphäre der Unwirklichkeft. Er ist leicht zu beeinflusse» und doch auch zu abrupter Ablehnung fähig. Er ivird mehr und mehr zum Tnmbol und ist immer weniger Persönlich- keit. Kann man ihn dazu bringen, daß er gewiffe Aende- lungcn akzeptiert oder un'erstützt. b'c die Trennuna von vielen seiner alten Kameraden und mindestens von einem Teil d-r TA. bedeuten würden leine Trennung, die diese Berrat nenn-n würden). Es wurde Hitler bei einer der sel'enen Gelegenbef«n. wo er von se'ner üblichen tlm"«bvna ggtrenn» w->» klar ae- macht, daß die Reichsivehr sich nickst von der TA. fch'ucken lassen würde, und daß der Plan. TA. Offiziere zu Reichs- mehrosfizicren zu machen, für die Armeesührcr unannehmbar fei. Ist eiue Bewegung nach rechts möglich, die ein reformier©äs Todesfairrg«8er„©res£07»" Bericht etiles Asisenseugen Ein dumpfer Truck lastete auf»nS. Tie Seekrankheit hatte mir und meinen Freunde» seit Beginn der Fahrt heftig zugesetzt Aber es war noch etwaS anderes, über das die laute Musik nicht hinwegtäuschen konnte. Es war das Fehlen der Nacht. Es wurde nicht dunkel. Eine fahle, blendende Helligkeit erfüllte uns mit Unbehagen und ließ uns keinen Schlaf finden. Gefpcnitifch deutlich und zugleich>me aus einer anderen Welt leuchteten die mit Schnee und Eis be- deckten Berge und Klippen zu uns herüber. Da mir der Dunst der Speisen und des BicreS. der Lärm und die Musik beim Abendessen zuviel wurden, ging ich hinauf und starrte auf Land, das wie ein Film aus der Unterwelt dicht, leider allzu dicht an uns voriiberflimmcrle. Um nicht aufzufallen oder ausgelacht zu iverdcn. ging ich wieder hinunter an die Tafel. Tas Effen war beendet es mochte gegen halb acht fein— ich wurde mit einigem Hallo begrüßt, der Lärm das Lachen und die Zurufe erfüllten den ganzen Taal. Die Stewarts liefen hin und her. räumten ab. Gruppen bildeten'trfi. tranken einander zu— ruhig zitterte das gewaltige schiff durch die Tee und nur ein leises Schwanken verriet, daß wir eigentlich nicht in einem Bier- Palast, sondern in einer Alt Äespensterschiff faßcn. über dem die Tonne nicht unterging. es sollte wieder ein lustiger Abend werden, mit Gesang und Tanz.- Die Musik aus LudivigSbafe» schmetterte eine» Morsch— und da geschah etwas, das ich mein ganzes Leben laug nicht vergessen werde— irgend etwa? bewegte fich plötzlich gegen uns, hob uns in die Höhe, wir sprangen plötzlich sozusagen aus der Bahn blieben einen Moment ivic festgenagelt in der Luft oder im Wasser oder aus dem Lande— der Borgang war so nncrwartr». daß wir ihn erst verspürten, als er vorüber war und wir uns am Boden befanden— wir klammerten uns irgendwo fest— aber alles rutichtc unaufhalt- lam zur Teile. Und Vieles Rutschen, dieses Erdbeben— denn das schiff war unsere Erde, unsere Welt— diese unividcr- stehliche Gewalt, mit der wir uns und alles was um uns war, zur Seite, dem Abgrund, dem Meere zu neigten— das war das wahrhaft Entsetzliche diese? Augenblickes. Nicht das entsetzliche Geschrei, das Geheul der Frauen, das Klirren der Gläser und Geschirre, die umherflogen und zerschmettert wurden— das Stöhnen des schiffe«, da« zu einem Donner anschwoll, der immer näher kam zugleich mit dem Lbaos. der sich über un» ergoß. Es gab kein Halte» mehr. Rette sich, wer kann! Da» war die Parole, die jeder instinktiv verfolgte. Die Ossiziere und schließlich auch die Matrosen bemühten sich. Ordnung zu schassen Die Muiik spielte zitternd und falsch und durcheinander— und was ihr einfiel, spielte sie —„ich halt' einen Kameraden..." als ob es ein Begräbnis neben sollte. Tie wahnsinnigsten Dinge spielten sich ab Ein Offizier brüllte wie besessen, wir sollten in die Kabinen gehen und die Rettungswesten anlegen. Aber wie tollten mir dahin gelangen? Das Schiff lief weiter, langsam, aber zugleich neigte es sich mehr und mehr auf die Seite. Ich kümmerte mich um meine Frau und Schivester— und statte nur die eine Idee, nicht hinunter, sondern hinauf auf Deck Unterwegs— getreten, gestoßen, in einer wahren Hölle des Entsetzens- krochen»vir an die Wände aedriickt in einer Schräge von vielleicht sechzig Grad, die sich zusehends vergrößerte. über die Gänge. Aber es war kein Weiterkommen. Tie Musik spielte weiter. Frauen standen da wie gelähmt, grün. Männer rafften zitternd irgendwelche Tinge zusanimcn um sie gleich darauf wegzuwerfen Niemand kannte sich aus. Das Schiff war ein heißer Bülkau, ein Irrgarten mil un- zähligcn Türen und Gängen. „Kein Gepäck mitnehmen" Man hatte gut'chrcicn und komniaudieren. Wnßic» wir denn was geschehe» war? Ob wir weiterfuhren oder sanken, ob wir jemals hier heraus- kamen oder uns retten könnten?„Ich hatt' einen Kanicraden..." schließlich hatten»vir aus irgendeiner Kabine Rettnngswcstc» crivischl. Die Treppen hinauf. Da oben in der bleichen Dämmerung, der weißen Nacht, begann das wahre Drama Da« Schiff war aus einen Felsen ansgerannt und hatte einen Rift von 17 Meter erhalten, durch den donnernd und unaufhaltsam das Waiier eindrang und den Maschinenraum überflutete. Die Punipcn arbeiteten, die Schraube wühlte das Waffer auf— aber das Schiff be- wcgte sich nur langsam, wie gelähmt weiter und neigte sich mehr und mehr auf die Teile. Hier oben begann jetzt ein Kampf auf Leben und Tod. „I i! d i e Boote!!" Tas war der Tch'ach'ruf der al>e elektrisierte und nach oben trieb, Ivo die Rettungsboote an de» Krane» hingen. Und die ersten, die mit aller Gewalt sich einen Weg bahn- te» waren die uniformierten Nazis, junge Kerle, die voll- kommen den Verstand verloren halte» und sich wie die Bestien benahmen. Tie Matrose» waren sprachlos. Dann aber erwachte die Wut in ihnen. Mil Gummiknüppeln hieben sie auf diese„Helden" ein und trieben sie vor sich her und in den hinteren Teil des Tecks, wo sie unter Bewachung als die Letzten bleiben mußten.„Frauen zuerst!" kam das Kam- mando. Die Sirene heulte im gleichen Moment los und von den nahen Bergen gellte schauerlich das Echo. Man hob und schob sechzig Frauen etwa in den ersten Kahn. TaS Schiff glitt weiter. Aus seinen Flanke» schoß dampfend und brodelnd heißes Wasser— und langsam senkte sich jetzt das erste vollbeladene Boot mit den schreckensbleichen Frauen— darunter auch meine Frau— dem Meere zu. Wie es nun eigentlich zuging, weiß niemand genau— ich habe es so beobachtet: Das Boot senkte sich wie ein Auszug an den Taue» und stützte sich auf den Rand des Schiffes— die Taue rollten weiter ab— die Matrosen stießen jetzt das Boot vom Rande ab— es sackte mit dem ungeheuer» Gewicht etwa zwei Meter kies ab und dann... dann rissen zwei der Taue und das Boot pendelte zurück und schüttelte seine Last hinab in den Abgrund. Ich wollte sofort nachspringen, aber ein Matrose stieß mich zurück und ich flog irgendwo in die tes Regime herstellt, in dem Hitler Kanzler bleibt, aber die TA. mindestens teilweise aufgelöst ist und einige der Nazi- sührer abgesetzt sind(Darre, Goebbels und Rühm vielleicht, aber nicht Frick und vielleicht sogar auch nicht Göring, der im Abstieg war, aber zur Reichsivehr hin tendiert, obgleich seine große Unpopularität gegen ihn spricht), ein Regime mit Unterstützung der Reichswehr und einiger führender Konservativen? Da« würde den Konflikt mit den Kaiho- likcn beenden. Es könnte sogar eine gewisse katholische Beteiligung möglich sein. Solch ein Regime würde den Eba- rakter einer„nationalen Regierung" tragen mit Hitler als Ehes oder besser als Symbol. Ideen und Tendenzen dieser Art liegen i» der Luft. Jedenfalls liegen keine anderen Ideen in der Lust, minde- sten« keine anderen, die eine sofort realisierbare Alternative zum Naziregime bedeuten. Tie nächste» paar Wochen wer- den vielleicht zeigen, ob eine solche„konservativ-militärische Löfung' verflicht werden ivird und ob es überhaupt eine Lösung ist. Alle TA.-Männer mit Ausnahme derer, die für besondere Aufgaben benötigt werden, gehen für einen Mo- nat in Urlaub. ES wird interessant sein zu sehen, ivic viele von ihnen zurückkommen. VierNanÄer« arDd /er geöel Ein Wort zum rumänischen Eisenb«. hnerprozeß! Ter Pariser Anwalt B o» r t h o u m i e u x, der im Aus» trag der Internationalen Juristischen Berel- n i g u n g dem Bukarester Eiscnbahnerprozcß beigewohnt hat, kehrt soeben— zwei Tage vor der Urre rssauung— von dort zurück. Erinnern wir uns kurz der Borgänge, vom Februar 1B-W, die den Prozeß zur Foige hat.en: T.reikende Arbeiter, die den von herbe gerufenem Militär in den Betrieben ringe- wenigstens das Existenzminimum sich erkämpfen ivollien, wur- schlösse». Der MilitärbZehlZhaber setzte ihnen eine Abzugs- trist von 5 Minuten. Tie Arbeiter, die gegenüber der be- wasfnelen Macht keine andere Möglichkeit sahen, begannen den Betrieb zu räumen, erklärten aber sofort, daß Wüst Menschen nicht in io kurzer Zeit abziehen könnten. Als nach 5 Minuten noch mehr als lüstO Arbeiter'» der Fabrik waren, belegte das Militär diese mit Makchinengeivehrseuer. 4'.)0 Arbeiter wurden gelötet.— Das gcr chtlichc Nachspiel be- gann»un«cht. wie man vielleicht häite glauben können,, gegen den Anführer des Militärs, den Hauptmann Hati- neanau. sondern gegen die Eisenbahner, die des„Komplotts" beschuldigt werden. Zum zweiten Male rollte setzt der Prozeß vor dem Kriegs- gericht inEraiovaab. Nicht der geringste Beweis ist gegen die Angeklagten, die nun schon länger als ein Jahr ihrer Freiheit beraubt sind, erbracht. Rechtsanwalt Bourthouniieux hat während mehrerer Tage, i» denen er den Berhaiidiungen folgte, zahlreiche Zeugen gehört, de zwingend die Unschuld der Angeklagten bewiesen. Sieben von den ach« Angeklagten haben sich überhaupt nicht unter den eingeschlossenen nnd beschossenen Arbeitern befunden. Besonders atarmi'rci'd war die Aussage eines Popen, der»ach dem Massaker beobachtet hat, wie Polizeibeamtc sich bemühte», in der Mauer d-r gegenüber der Fabrik liegenden Kirche Löcher anzubringen, um beweise» zu können, daß die e'»geschlossenen Arbeiter ihxerie'tS g-fchosen hätten! Auf Grund diese« Berichtes istres A»m<,U* n-ei-b-» sich die Internationale Juristische Bere nigung in letz'er?'"«!»? an die Ociicntfichkeit, sucht sie abi-s zu mobilisieren, um die acht unschuldig Angeklagten vor der schweren Strafe, die ihnen droht, zu bewahren. Ecke. Raffte m'ch ans— ich schrie alle? schrie und heulte durcheinander— Matrosen iifchien die im Wasser Treibenden auf, sofort ging ein zweites Boot, vollbeladen. biimv und geriet in das heiße Wasser, das aus den, Innern des Schilfes herausgepumpt wurde. Zu all dem Schrecken noch dieses Unheil,' wimmernd schützten die Frauen Gesicht und Hände vor dem kochenden Dampf Niemand ivußte. was zu tun war. Ein Mann geriet in die immer noch ivirbelnden Schrauben, die ihm die Rippen eindrückten. Zwei Frauen rührte der Schlag, Aber das Ende unserer Schreckenssahrt war noch längst nicht erreicht. Es stieß letzt— Über die Strickleitern hinunter in die Boote Mittlerweile waren amb Schisse ein- getroffen und unter andere» ein französifchcr Avifo— und nur dank der fremden Hilfe konnten wir uns überhaupt retten Jetzt gab es'genügend Boote- es gab Ruhe und iach- gemäße Manöver und so wurde das Schlimmste vermieden. Wir wurden— lauter Männer, Saarländer und Pfälzer — irgendwo auf die Klippen an Land gc'ctzt und niußten nun über Ei» und Schnee hinaufklettern. Zwei Meter aufwärts «nd sechs ivieder hinab. Schließlich bildeten wir eine Kette wie die Bergsteiger und zogen uns fo hinauf. Tann ein fast vierstündiger Marstb bei eiliger Kälte und mir waren ge» borgen. Nach 30 Stunden erst fand ich dann meine Frau ivieder. De» Frauen, die ins Wa'fer gestürzt waren, erging es weit schlimmer. Tie entsetzliche Kälte fraß sich bis ins Mark und schließlich mußten die Matrosen ihnen die K'eid-r förmlich vom Leibe schneiden, so daß sie fast nackt und mehr tot als lebendig in Ttavanqcr ankamen Tie meisten waren unfähig zu gehen nnd milßte» gelinge» werden. Eine ganze Anzastl war, als schließlich die„Stuttgart" kam. um uns-urückzu- bringen, nicht transportfähig. Und bei den andern stie keine Minute mehi als nötig diese Fahrt verlängern wollten und heimkehrten stellen sich jetzt erst die Folgen ein. Es war ei» geschlagene«, lies enttäuscht«? Häufe»"!>aS da ans der„Stuttgart" heimkehrte. Ohne Habe, ohne Kleider, ohne Geld. Darüber können auch die Tat««>u<«* i'"d d»e s-bönen Sprüche rder zutiefst verlegenen„Bcrichle" gewisser Auch Teilnehmer nicht hinwegtäuschen. Sic haben uns in Bremen hundert Mark in die Hand ge- drückt und Schweigegebot auserlegt. Ais ich mich schüchtere erkundigte, in welcher Weise wir versichert seien, um meinen Bcrlust und eventuelle Arztkosten ersetzt zu bekommen— erfuhr ich. daß wir— unser Leben und Eigentum nicht versichert gewefen seien und wir dtafmfb keinerlei Ansprüche mehr hä'ten. So war unser Abschied von Bremen und io war auch unsere Ankunit. Kein Empfang, kein herzliches Wort. Keine Fahnen und keine Musik. Wir hatten uns schlecht benommen, wir haben Unglück gehabt und dafür wußten wir bestraft werden. Oder wollte man uns vor der staunenden und entsetzten Umwelt verbergen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß wir das schrecklichste Erlebnis nnd die schlmmste Enttäuschung hinter uns haben. Und daß man diese« Nngttick, das ohne fremde Hilfe e'i c Katastrophe g«. worden wäre, zu einer banalen Angelegenheit umlligen wll. Das aber wird den dazu Beauftragten nicht geling n. Wir melden uns zum Wort und wir werden unser Recht be- jk»W«x«. Und warne»— Neugierige! L Brief m Schlesien Tschechoslowakische Grenze, Mitte Juni. Lieber Freund! Infolge der Wichtigkeit und der Strenge, mit der jede Meldung bestraft wird, habe ich den Versuch gemacht, von hier aus zu berichten. Zunächst schicke ich Dir einige Zeitungen und Ausschnitte, aus denen Du manches Jnter- essante entnehmen kannst. Meine schriftlichen Mitteilungen kann ich erst hier aufzeichnen, da bei uns an der Grenze scharf kontrolliert wird und neulich einer wegen wieder- holtem llebertritt und wegen Berichterstattung IN Jahre Zuchthaus bekam. Die Lumpen bcstehlen sogar tschechische Brietkästen, um zu erforschen, wer die Wahrheit ins Ausland schreibt. Das schlechte Gewissen und die trostlosen Zustände» die immer trostloser werden, sollen nicht bekannt werden. Die wirtschaftlichen Zustände werden von Tag zu Tag schlechter. Die Lederfabriken arbeiten in Schlesien infolge Roh- stofsmangel nur noch 80 Stunden, die Wollfabriken, Schöllerkonzern, haben Stillegung beantragt wegen gänz- lichem Mangel an Rohstoffen. Beschäftigt werden 1400 Menschen. Die H n d r a n t e n f a b r i k Breslau mit 400 Beschäftigten hat stillgelegt. Die Matratzen sabrtk ar- beitet kurz wegen Rohstoffmangels, ebenso die Zigarren- und Zigarettenfabriken. In den Schuh- und Konfektionsbetrieben sind Stillegungen vor- gekommen und Kurzarbeit bis zu einem Tag pro Woche. Tie Handwerker, auster den Bauhandwcrkern, sind in hohem Mast Wohlfahrtsempsänger. Von 000 Friseuren Breslaus sind nach den Angaben der letzten Generalversammlung 560 Wohlfahrtsempfänger, die keine Miete bezahlen können. Die Schuhmacher haben von 1140 Mitgliedern 630 Wohlfahrts- empfänger. Von den Gastwirten must die Stadt für 480 die Miete zahlen. Kleine Tischler und Schneider gelten als ar- beitslos und werden als Aushilfsarbeiter bewertet. Die Zahl der Erwerbslosen steigt von Tag zu Tag, die mit soviel Trara angekn,digte Autostrastenarbeit ist zum größten Teil wegen Rohstoffmangel wieder eingestellt. Tie Löhne betragen pro Stunde je nach Ort, 49. 42, 87 und 34 Pfg. Die Fleischpreise find seit 2 Tagen um 16 Psg. pro Psund gestiegen. Die Löhne sämtlicher städtischer Arbeiter in Bres- lau sind um ß_ Psg gekiirzr worden, die der Bauarbeiter um 8 Psg., die Straßenbahner haben neben der Lohn- senknng noch pro Mona« einen unbezahlten Aussetztag, auch den Rotstandsarbeitern wurde der Lohn um 6 Pfg. gekürzt. Die Straßenbahnsahrpreise wurden um 5 Psg. erhöht. Die Selb st mordziffern werden nicht mehr ver- öffentlicht, die Leute gelten als verunglückt oder vermißt. Am 14. Juni war Fr ick in Breslau, um gegen die Miesmacher und Nörgler zu sprechen. Die Versammlung war schlecht besucht. Es war angeordnet: Flaggen heraus, aber es waren in ganz Breslau kaum 200 Fahnen zn sehen. Am gleichen Tag wurden 2 Sipo entkleidet und ins Braune zur körperlichen Misthandlung eingeliefert, weil sie die Aeusterung gemacht haben sollen:„Rot-Front lebt noch." Die Sipo ist verbittert, weil immer mehr abgelöst und an schlechtere Stellen versetzt werden, um die guten Stellen den Nazis zu geben. Sie sind darüber empört, daß der Homo- seruelle und Fememörder Edmund Heines nur seine SA.- Leute bevorzugt und befördert, während die alten Sivo die Arbeit für die jungen Taugenichtse machen müssen. Samt- liche alte und junge Sivo. ferner der Post- und Bahnschutz, sowie die technische Nothilfe, waren jetzt 4 Wochen fort zum Scharfschiesten. Fabriken, die irgendwie im Zusammenhang mit der Aus- rüstung stehen, haben Beschäftigung. Tie Nazis rechnen da- mit, daß bis Herbst die Auseinandersetzung mit Frankreich beginnt. Den SA.-Leute» wird vorgemacht, sie sollten sich darauf vorbereiten, sie kämen alle ins Rheinland. Fn der Alerinsschulc finden Schulungsabende für SA. und Gasschutz statt init der Erklärung, daß der Krieg mit Frankreich unvermeidlich sei, nnd daß eine Kriegserklärung nicht erst erfolge. Das„dritte Reich" falle in Frankreich ein mit Flug- zeugen und Zepvelinen und vernichte dieses Land. Alles was deutsche Zunge spreche, müsse zu Deutschland. Ein so großes Deutschland werde es auch fertig bringen, die nötigen Kolonien den fetzigen Besitzern abnehmen. Diese Meinung vertrat auch der aus Oesterreich geflüchtete Nazimann Frauen selb, der hier in Breslau im Kampfring der Oesterreicher erklärt hat: es geht nicht um 6,5 Millionen Oesterreicher, sondern um alles, was deutsch spricht. Das ist ja auch die Meinung Rosenberas. Seit 2 Tagen gibt es keine Markenmargarine mehr. Wir sind also schon so weit, daß es an notwendiger Nahrung fehlt. Rezept des Dr. Alfred CURIE CREME und PUDER Radium und Thorium.. Topf 15,00 Fr.. Tube 10,00 Fr. Thorium, Radium Titanum> 7 Farben. Dose 12,50 Fr. verschöne n d, weil heilsam regen die Zellentätiglceiien an, festigen die Oewebe, beseitigen die Fettabsonderungen und die Erschlaffung der Poren, Vorbeugungs-Mittel gegen Rauheiten, Pusteln, Röten u. Ausschläge; schützen die Haut gegen schädliche Einflüsse der Witterung u. Grofjstadt, verwischen alle Unebenheiten des Gesichts, vermeiden bzw. unterdrücken Runzeln und erhalten die Haut frisch, jung und geschmeidig. TNO-RIDII-SEIFE auf Basis von Thorium und PERU-BALSAM, Stück 3,00 Fr. Dank ihrer Reinheit, Milde und hygienischen Eigenschaften, schützt sie gegen alle Schädigungen der Haut und macht diese für die täg'iche Anwendung von Creme- und Puderaufnahmen fähig. ThO- Radia- Seife läfzt erst ein Höchstmaß an Wirksamkeit zu. Ausschließlich in den Pharmacien erhältlich Der Woolworth-Boykott dauerte 2 Tage. Die Käufer wurden fotografiert und schikaniert. Als aber die Direktion erklärte, das Personal fristlos entlassen zu müssen, wurde die Sperre aufgehoben. Die Wahl der Vertraucnsräte hat, soweit sich dies in den Großbetrieben feststellen ließ, mit einem Mistersolg für die Auftraggeber geendet. In sämtlichen städtischen Betrieben haben 72 Prozent die Vorgeschlagenen abgelehnt. Darauf- hin hat der Treuhänder die Vcrtrauensräte ernannt. Auch im Linke-Hoffmann-Konzern mit 3000 Beschäftigten, mußte der Treuhänder eingreisen. In 8 Großbetrieben wurde die Liste abgelehnt. Der Treuhänder ernannte seine Leute. Am meisten unzufrieden sind die Bauern. Die Geldnot ist dort so groß, daß sie, wenn jemand kommt und Geld aus der Hand hat, die Eier für 3 Psg. abgeben. Jetzt darf das Weil zwei Geschäfte, verkaufe ich gutgehendes, modern eingerichtetes Schuhgeschäft in groBem Industrieart des Ober-Elsasses.- Das beste am Piatie.- Dünstige Bed ngurgen an seriüsen Bewerber. Offerten unt. Hummer D. 2518 an»nenne Heese, Stra«bourg Vieh nur je nach Bedarf angeliefert werden. Dadurch sollen d«e Preise hochgetrieben werden. Die Bauern brauchen das Geld und verkaufen um jeden Preis. Wer Geld hat, flicht in die Ware. Gummireifen gibt es nicht mehr, nur noch Schwarzgummi. Die Städter fahren wieder mit Waren aufs Land und tauschen gegen Ware. Die Schuhmacher und Lederhändler waren in Berlin und haben verlangt, daß die Gummierzeugung'um Telbstbesohlen eingestellt wird. Der Minister hat erwidert:„Sind Sie froh, daß bei dem gegenwärtigen Elend und der Lederknappheit ein vtU liger Ersatzstoff vorhanden ist." Vor 28 Tagen war eine Hebung der Nazis mit Schein- werfern, Leuchtkugeln und Gasmasken. Dabei beschwerten sich die Teilnehmer über die miserable Verpflegung. Daraus- hin wurden 16 Mann zum Rapport besohlen und zunächst mit Ausschluß aus dem Dienst für 14 Tage bestraft. 10 davon wurden nicht mehr weiterbezahlt und nach entsprechender Verhandlung aus der Partei ausgeschlossen. Verzeihe die schlechte Schrift, aber es ist im Walde ge- schrieben. Viele Grüße und Parole: Nicht die Nerven verlieren. Für den Kesamlinhalt verantwortlich: Johann Pitz In Dud» weilet: iür Inserate: Otto Kuhn in Saarbrücken Rotationsdruck und Verlag: Verlag der Volksstimme GmbH„ Saarbrücken 8, Schüyenslrage 5.— Schlietzsach 776 Saarbrücken. Pariser Bilder Das Fest von Paris ist jetzt in vollem Gange. Auf allen Straßen und auf allen Plätzen, in den großen Kaufhäusern und in den Cafes, in den Theatern und in den Kinos, überall merkt man die Zeichen des Festes. Diese Stadt hat es wahrhaftig nicht nötig, sich wie eine häßliche Dame zu schmücken— aber sie hat ihre edlen und schönen Züge für diese Festwochen sozusagen unter Scheinwerferlicht gesetzt, und sie werden darum gewiß noch auffälliger, als sie es ohnehin schon sind. Spaziert man etwas abends die Champs Elysees hinunter, zwischen dem Triumphbogen und Place de la Concorde— welch einziges Bild! Die Bäume, die diese Prachtstraße einsäumen, sind beleuchtet, es scheint, als blühe das Licht mit dem blühenden Grün der Blätter, es wirkt wie eine Illumination der Natur. Oder man geht nach Montparnasse, wo über die Straßen große bunte Lichterbogen gespannt sind, da flimmerts einem fast in den Augen, und der Lärm aus den zahllosen Cafehäusern klingt in dieser erleuchteten Kulisse wie eine wahrhafte Großstadtsymphonie. Der Trubel aber ist in allen Quartiers noch dichter, noch vielfältiger, noch faszinierender geworden, und die Sprachen klingen durcheinander wie beim Turmbau zu Babel. Denn dies ist ein Volksfest und eine Völkerschau, die Franzosen feiern mit den zahllosen Gästen aus dem Ausland, und gerade diese Mischung ergibt das Reizvolle der Festwochen von Paris. Wer wollte es unternehmen, all die Veranstaltungen aufzuzählen, die das Festprogramm verzeichnet— ach, auch dem gewissenhaftesten Chronisten müßte da sehr schnell der Atem ausgehen! Denn man hat schließlich nur zwei Augen zum Sehen und zwei Ohren zum Hören. Und das schönste Fest für Auge und Ohr war gewiß jener Aufmarsch der Militärkapellen. die aus aller Herren Länder gekommen sind, um zu zeigen, daß Soldaten nicht nur das Kriegsbeil, sondern auch die ungefährlicheren Musikinstrumente zu führen wissen. Volksfest und Völkerschau— diese Musikparade war das leuchtendste Exempel dafür. „Tout Paris" war auf den Beinen, als diese friedliche Eroberung der Stadt durch Militärmusik vor sich ging. Mann, Frau, Kind und Kegel lieferten sich einen heftigen Kampf um die besten„Parkettplätze" auf der Straße, der gute Vater trug das Baby auf den Schultern, damit es auch etwas von dieser Parade erblicke— und dann kamen sie, die spielenden Soldaten. Die englische Garde voran, mit den roten Röcken und den hohen Mützen, jeder ein Gentleman, und jeder schien die Würde des britischen Weltreiches auf den Schultern zu tragen. Dann kamen die kreuzfidelen Iren mit ihren Dudelsäcken, dann die italienische Königliche Garde, dann die Belgier, die Luxemburger, die Schweizer Landwehr, in bunter Reihe. Frankreich hatte zu dieser Musikparade je eine Kapelle der Marine aus Toulon und der Garde Repuhlicaine gestellt, und ganz zum Schluß kamen die Marokkaner auf ihren weißen Pferden, die wie Botschafter aus dem Märchen dem großen Zuge folgten. Morgens und abends, mehrere Tage hindurch, sah man überall diese vielen Uniformen blitzen, geschlossen oder einzeln, viele Nationalhymnen klangen auf, der Ministerpräsident Doumergue erschien, lächelnd wie immer, auf dem Balkon des Außenministeriums am Quai d'Orsay, um diese Abgesandten des klingenden Spiels zu begrüßen,— es war unter vielen Festlichkeiten ein besonderes Fest, das, wenn man will, sogar etwas Symbolhaftes hatte. Viele Länder hatten ein Bündnis vollzogen, ein Bündnis der Musik, und die Verständigung klappte glänzend. Die Pariser freuten sich nicht minder und die Fremden, die wie ein Massenstrom über Frankreichs Hauptsadt hereingebrochen sind. Der Franzose liebt das Spiel— darum ist Paris auch die Stadt mit den meisten Rennbahnen. Mrn muß nur einmal den endlosen Zug der Wagen und Autobusse gesehen haben, die selbst an Wochentagen aus der Innenstadt nach Auteuil, St. Cloud oder Longchamp zum Rennen hinausfahren. Und nun erst zum Großen Preis, der am Sonntag in Longchamp, der herrlich gelegenen Rennbahn im Boia de Boulogne, gelaufen wurde! Das fing schon am frühen Morgen an, ein Auto nach dem anderen, eine Kette, die nicht aufhören wollte. Der Präsident der Republik saß auf der Ehrentribüne, als zum Start geläutet wurde, Millionen gingen durch die Wettschalter, es herrschte ein Trubel sondergleichen, aus dem sich die schönsten und neuesten Sommerkleider der Damen blinkend und stolz hervorhoben. Dann war das Rennen gelaufen, das siegende Pferd wurde samt Jockey und Besitzer hundertmal fotografiert, und man ging friedlich nach Hause. Aber auch im Spiel verstehen die Franzosen manchmal keinen Spaß, das konnte man einen Tag vorher auf der gleichen Bahn erleben. Da war in einem Rennen der Start mißglückt, viele Pferde blieben stehen, das Publikum witterte dunkle Machenschaften— kurz, die Wetter inszenierten eine regelrechte Revolution. Die Klubtribünen wurden gestürmt, man verlangte drohend sein Geld zurück, die Polizei mußte eingreifen— es dauerte sehr, sehr lange, ehe sich die erregten Gemüter wieder etwas beruhigt hatten. Witzigfe Köpfe prägten sofort den Satz, daß auch dieses Schauspiel zum Programm der Parisr Festwochen gehört habe... Und mitten in die Festwochen fiel nun auch noch der große Ziehungstag der National-Lotterie, dieser Tag, an dem immer einige Millionäre geboren werden. Unvermindert fliegen Hoffnung und Spannung diesem Tage entgegen, und als abends die Ziehung vollzogen wurde, saß ganz Paris am Radio, um die Glücksnummern umgehend zu erfahren. Die Pariser Zeitungen hatten diesmal keine Sonderausgaben zu später Nachtstunde herausgebracht, und das hatten sich gleich einige erfindungsreiche Burschen zunutze gemacht. Sie hatten ganz einfach auch am Radio gesessen, hatten sorgfältig die Nummern der Gewinnlose notiert und dann auf die Rückseite alter Notenblätter kopiert. Mit diesen„Flugzetteln" stellten sie sich auf die belebtesten Plätze, boten laut ihre„Neuigkeiten" an— und sie fanden reißenden Absatz. Einen Franken kostete dieses Stückchen Papier! Business is Business; man muß eben nur eine Konjunktur auszunutzen verstehen« Speetator,