f Llnzige unabhängige Tageszeitung Deuischiands Nr. 152— 2. Jahrgang Saarbrücken, Donnerstag, 5. Juli 1934 Chefredakteur: M. B r a u n Aas dem Inhalt Zeichen dee Zeit Seite 2 Das Veckechen an tähteichec Seite 3 Das Ucteit dec Welt (Keines Seite 1 Seile 7 Die Reichswehr regiert! Sieg der Generale über den Kanzler— Seine Loslösung von der SA. Papens Schicksal ungewiß Die ungelöste Krise Reichskabinett und Reichspräsidentenschaft Berlin, 4. Juli. Die Hochspannung im Reichskabtnett «nd die kritische Zuspitzung des Kampfes um die höchsten Reichsstcllen hält an. Daran werden alle Dementis gegen die»Deutsche Freiheit" nichts ändern. Als der Neichspräsi- dent bei der letzten Anwesenheit des Reichskanzlers in Neu- deck diesen recht ungändig cmpsing und ihm harte Vor- Haltungen wegen der unsauberen hohen nationalsozialistischen Würdenträger machte, hat er natürlich nicht vorausgesehen, daß der Reichskanzler zum Entsetzen der Welt und zum Schaden Deutschlands einlach mit Mord„durchgreifen" würde. Sowohl der leidende alte Reichspräsident wie seine Umgebung lehnen die Methoden des Reichskanzlers und Parteiführers ab, und nur die Rücksicht auf augenblicklich unübersehbare Konsequenzen hindert sie, die Konsequenzen aus die Spitze zu treiben. Indirekt geben die amtlichen Stellen die««gelöste Krise selbst z«, indem sie in dem langen Bericht über die gestrige Kabinettssitzung den Vizekanzler von Pape« überhaupt nicht erwähnen. Bestände Einigkeit im Kabinett, so hätte in einem so hochwichtigen Kabinettsrat selbstverständlich der Vizekanzler dem Reichskanzler Dank und Vertrauen aussprechen müssen. Das ist nicht geschehen. Es ist noch nicht einmal Gewißheit zu er- langen, ob der Vizekanzler überhaupt an der Sitzung teilnehmen durfte oder ob wieder Hausarrest über ihn verhängt ist. Es war der Reichswehrminister von Blomberg, in dessen Austrag der Reichskanzler die Opposition in der braunen Miliz niedergeschlagen hat, der eine Dankrede an den Reichs- kanzler hielt. Damit ist klar erwiese«, daß die Reichs- wehr regiert und der Reichswehrmini st er die volle Macht in Händen hält. Der Reichskanzler Hitler übt sein Amt von nun an nur noch im Namen der Reichswehr aus. Welche Pläne die Reichswehr weiter spinnt, wird sich zeigen. Keinesfalls laufen sie ans eine Stärkung der na- tionalsozialiftischen Bewegung hinaus, die zerschlagen ist und nie mehr eine totale Macht werden kann. Die jetzige Grupvierunq in den Reichsspitzen ist unhaltbar geworden. Wenn sie noch nicht geändert werden kann, be- weist das nur, wie kritisch die Lage beurteilt werden mutz. nie Reichswehr Vellen s Schluß mit den Morden Berlin, 4. Juli. Am Montag war im Auslände die svon uns nicht übernommene, Red. d. D. F.) Nachricht von der Verhaftung und bevorstehenden Erschießung des Chefs der Heeresleitung, General von Fritsch, verbreitet. Anlaß zu diesen Gerüchten hat eine sehr heftige Aussprache gegeben, die zwischen dem General«nd dem Reichskanzler stattgefunden hat. Die Reichswehr hat kategorisch die Ein- stellung der Exekutionen verlangt, und der General soll er- klärt haben, daß sie nötigenfalls auch vor Zwangsmaß- nahmen gegen den Reichskanzler nicht zurückschrecken werde. Der Reichskanzler hat daraufhin mit G ö r i n g und Goebbels konferiert. Fritsch hat abgelehnt, Göring zu empfangen, der den General umstimmen wollte. Hitler sah sich schließlich gezwungen, dem Verlangen der Reichswehr nachzugeben und die Einstellung der Massakers anzuordnen. Aus diesem bceuCamen Zwischenfall geht hervor, daß die Reichswehr entschlossen ist, in ihrem Sinne Ordnung zu schassen. Killinger abgesetzt Aber aus dem Konzentrationslager entlassen Berlin, 4. Juli. Amtlich wird mitgeteilt, daß der sächsische Ministerpräsident von Killinger unmittelbar nach seiner Verhaftung in das Konzentrationslager Hohnstein überführt worden ist. Seine Entlassung ist nunmehr erfolgt, Killinger wird aber nicht me£r ia das sä chsisch e Ministerpräsidium 4Utückfe£rejty Hitler amnestiert sich seihst Eine vielsagende Legalisierung Die gleichgeschaltete deutsche Gangster-Presse beschwert sich heftig, daß die Zahl der zur Säuberung des deutschen Ansehens und zur Glorifizierung des deutschen Reichs- Kanzlers ermordeten hohen Würdenträger im Auslande viel zu hoch angegeben sei. Nur die doch wahrlich unter Berücksichtigung der deutschen Regierungsmethoden be- scheidene Zahl von 46 Morden sei erreicht worden. Die deutschen Gangster-RedaKteure beschuldigen im Auftrage ihrer Gangster-Auftraggeber die Erschossenen des Hoch- verrats und des Landesverrats. Bis zu dieser Stunde ist aber weder amtlich noch privat auch nur der leiseste Versuch gemacht worden, irgend einen Beweis für die staatsoerbrecherische Tätigkeit etwa des früheren Reichskanzlers von Schleicher und seiner Frau und des Präsidenten der katholischen Aktion Dr. Klausener beizu- bringen. Es kennzeichnet die deutschen Gangsters und ihre Zeitungen, daß sie zur Rechtfertigung ihres Tuns auf — Max Hölz zurückgreifen. Einen Kommunisten, den sie sonst als Räuberhauptmann und Mordbrenner be- schimpften. Zu Unrecht, wie inzwischen längst erwiesen ist. Vielleicht wird man morgen auch noch das Andenken der Massenmörder Kürten und Haarmann be- mühen, obwohl beide zusammen im Laufe langer Jahre nicht annähernd soviel Menschenleben vernichteten, wie eine sogenannte Säuberungsaktion innerhalb weniger Stunden in Deutschland erfordert. Wir muten den Gangsters und ihrer Presse nicht zu. daß sie noch irgendwelche Vorstellungen von einem Rechts- staat, noch irgendwelche Gefühle für Gerechtigkeit in sich tragen. Für die noch immer auf einer hohen Kultur stehen- den Teile des deutschen Volkes, die voll Abscheu die blut- besudelte Despotie ablehnen, ist es aber nötig. Klarheit über die Rechtslage am 30. Juni zu schaffen. Wir stellen uns dabei ausdrücklich auf das Recht des national- sozialistischen Staates, obwohl dieser durch Eidbruch, Brandstiftung, tausendfachen Mord. Raub und Diebstahl, Fälschung und Betrug zustande gekommen ist: Selbst in diesem barbarischen Staatswesen ist zu einer Hinrichtung ein gerichtliches Urteil notwendig. Den erschossenen Beschuldigten wird in amtlichen Bekannt- machungcn Vorbereitung zum Hochverrat und ?-->-^esverrat vorgeworfen. Zuständig zu ihrer Ab- urteilung war demnach gemäß„Gefetz zur Aenderung von Vorichristen des Strasrechts und des Strafverfahrens" sReichsgesetzblatt vom 24. April 1984) das neugeschaffene „B o l k s g e r i ch t". Dieses ist nicht angegangen worden. Die Hinrichtungen sind erfolgt ohne vorangegangenes Verfahren, auf Grund unbewiesenen Verdachtmatcrials» gesammelt von der Geheime« Staatspolizei. Kein Gericht hat dieses von Spitzeln und Spionen zusammengebrachte Material geprüft. Ein solches ungesetzliches Tötungsverfahren charakteri- siert als vorbedachter Mord(§ 211 StGB). Selbst im nationalsozialistischen Barbarenstaate wäre der Staatsanwalt verpflichtet gewesen, gegen die Urheber dieser Tötung ohne Ansehen der Person einzuschreiten. Nach den amtlichen Meldungen sowie nach dem Bericht, den der Rcichsminister Dr. Goebbels im Rundfunk er- stattet hat, muß als die Person, die den widerrechtlichen Befehl zu den Hinrichtungen gegeben hat, angesehen »<•••*»•« d-r R-ick>»kanzler Adolf Hitler. Es gab und gibt noch kein Gesetz, das den deuiimeu Reichskanzler ermächtigt, ohne Spruch des Gerichts Todesurteile zu ver» hängen und voll st recken zu lassen. Nicht ein- mal die absoluten Fürsten des achtzehnten Jahrhunderts habe« ein solches Recht besessen oder für sich in Anspruch genommen. Es ist die elementarste Grundlage eines Rechtsstaates, daß die Schuld eines Menschen zu- vor erwiesen sein muß, ehe man ihm das Leben nimmt. Im vorliegenden Falle hätte eine ge- richtliche Untersuchung möglicherweise ergebe», daß die Hingerichteten Verleumdungen an ihrem Tode interessierter Gegner zum Opfer gefallen sind. Wir sind irgendwelcher politischer oder menschlicher ^Stjmjjatlsieji für die allermeisten der Hingerichtete« n i cht.Ablauf hindern^ verdächtig. Mit Ausnahme des Generals von Schleicher und seiner Frau, des Dr. Klausener und einiger anderer Nichtnationalsozialistcn find die Hin- gerichteten große Halunken und Schuste gewesen. Aller- dings nicht wegen ihrer angeblichen Verschwörung gegen Hitler, sonder« ans Grund der vordem von ihnen im Dienste Adolf Hitler begangenen zahllosen Morde und Gewalttaten, sttr die sie übrigens bis wenige Stunden vor ihrem Tode unter begeisterten Lobcshymncn der deutschen gleichgeschalteten Gangster-Presse mit den höchsten staatlichen Ehren überhäuft worden sind. Was den Fall Schleicher anbelangt, so ist die amt- liche Darstellung, daß der General sich seiner Verhaftung mit der Waffe in der Hand widersetzt hätte, für jeden, der den Ermordeten gekannt hat, absolut unglaubwürdig. Bezüglich der Frau Schleicher wird weder be- hauptet, daß sie an einer Verschwörung beteiligt gewesen sei, noch irgend ei» triftiger Grund für ihre Erschießung angegeben. Nur ein Irrsinniger kann behaupten, daß schwerbewaffnete Männer eine u n b e w a j s- n e t e F r a u nicht anders als durch Gebranch der S ch u ß- wafsc(!) hätten überwältigen können. Ihre Ermordung, kennzeichnend für den neuerdings in Deutschland Herr- schenken Geist der„Ritterlichkeit", stellt sich als ein Akt fadistischer Blutgier dar. Das find die unbestreitbaren Tatbestände. Das ist dke klare Rechtslage. Deutsche Gangster-Organe, wie die„Saarbrucker Zeitung", nehmen den deutschen Reichskanzler heftig gegen den Vorwurf in Schutz, daß er sich nicht selbst an den rechtswidrigen Tötungen beteiligt habe.(Wir haben nie bestritten, daß er mit Dutzenden Leibgardisten in der Uebermacht auch schießt.) Das erwähnte Gangsterblatt schreibt: ..Wir haben Augenzeugen gesprochen, die am Flug des Führers von Godesberg nach München und an seiner Fahrt nach Wiessee teilgenommen haben. Alle diese nach- sten Mitarbeiter bewunderten einstimmig die eiserne Eni- schlossenheit und den Mut. mit der der Führer persönlich in Wiessee das Verschwörernest aushob." Es bedarf demnach keiner weiteren Begründung, wer sich selbst amnestiert, wenn das Reichskabinett am 3. Juli folgendes Gesetz beschlossen hat: Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angrisse am 80. Juni und am 1. und 2. Juli 1984 voll- zogenen Maßnahmen find als Staatönotwehr rechtens. Der Mann, der nach seinem Diensteid über die deutsche Rechtspflege zu wachen hat. Reichsjustizminister Dr. Gürtner. hat diesem nachträglichen Rechtfertigung?- gesetz für Dutzende Morde seinen Segen gegeben mit den Worten,„daß die vor dem unmittelbaren Ausbruch einer landesverräterischen Aktion ergriffenen Notwehrmaß- nahmen auch als staatsmännische Pflicht zu gelten hätten". Nach diesem„Gesetz", nach diesen..staatsmännischen" Ministerworten ist bestätigt, was wir sofort geschrieben haben: Die Reichsregierung hat keinerlei hochverräterisches oder landesverräterisches Material gegen die Hingerich- teten. Kein Material, oas als Grundlage für das Urteil selbst eines faschistischen Parteigerichts dienen könnte. Die Morde wurden willkürlich befohlen und willkürlich amnestiert. Das in Deutschland regierende System ist so korrum- piert und innerlich so schwach, daß es eine große taktische Schwenkung— die Loslösung von seiner MassenbasisinderSA.— nur durch Massenmord vollziehen kann. Das ist die einfache Wahrheit. Nicht minder wahr ist: das System ist nicht stabilisiert. Die innere Zersetzung Deutschlands ist durch eine furcht- bare Eruption in den obersten Schichten sichtbar geworden Diese Zersetzung schreitet von oben bis unten fort» Weder Mord nach Amnestie nach.%jnjItL|3öm}£a ji£)L ges chich tliches Zeichen der Unruhe Einstweilen nicht mehr morden 1 Bis wieder befohlen wird „Nltii! für die Ewigkeit" Kundgebung für den Status quo an der Saar Paris, 4. Juli. Die Association Francaise de la Tarre hatte gestern in Paris ein Frühstück veranstaltet, bei dem mehrere Redner sich über die Haltung der französischen Regierung in der Saarsrage ausließen. Ter Chefredakteur des ,/Paris Midi", Gabriel Perreux, betonte, daß das System des Status auo an der Saar nach den Bedingungen der Einwohner werbe gestalte» werden können. ^Viktor Schiff wies ans den deutschen Charakter des Saargcbietes hin. Man solle den Saareinivohnern sagen, sie hätten ihre Entscheidung nicht-für die Eivigkeit zu treffen, sondern jetzt nur gegen die Versklavung durch den National- sozialismus zu stimmen. Der französische Deputierte Andre Fribourg, be- kann! als Sachverständiger für das Saarproblcm, wies darauf hin, daß Frankreichs Stellung moralisch unantastbar sei, es bekenne sich zn absolnicr Vertragstreue. Zu den Sicherheiten, die gewährleistet sein müßten, gehöre auch, daß niemandem ein Bekenntnis zu Frankreich oder für die Bei- beyaltung der Völkerbundsregierung als Verbrechen angc- rechnet werde. Frankreich würde nicht dulden, daß sich die Ereignisse von 1928 und 1980 in Mainz und Wiesbaden wiederholten. Frankreich wolle das Saargebiet nicht annek- tieren, aber es sei entschlossen, bis zum Letzten die Freiheit der Abstimmung nicht nur in seinem Interesse, sondern auch in dem des Völkerbundes zn garantieren. nn»uuu!^^nMunwnEnneileMCiwiiiwBH»BUiMnF>m> Die verratene SA. So hatte es sich Barthou nicht gedacht London, 4. Juli. Der„Daily Herald" erklärt in einem sensationellen Artikel ans Grund angeblich genauer Jnfor- »Nationen, daß Herr von Ribbentrop bei seinem letzten Besuch in Paris Barthou und Doumerguc versprochen habe, daß die SA. ausgelöst werde. Als Barths« erklärte, er laste sich nicht aus Versprechen ein. er wolle Beweise, habe R»bbentrop um eine Frist gebeten, um seine Regierung um Aniveisung zu bitten. Er sei nach Berlin zurückgefahren und habe dann bei einem abermaligen Besuch in Paris ver- stchert, die verlangten Beweise würden in »kürze geliefert werden. Die SA-Führer hätten von dieser Unterredung Kenntnis erhalten und deshalb sich znm Gegenschlag vorbereiet, da sie ihr? Sellung, ihren Einfluß und ihre Macht unter keinen Umstände« ausgebe» wollen. Die Geheime Staatspolizei hat von dem Komplott der SA.-Führer rechtzeitig Kenntnis er- halten, so daß Hitler und Göring in der Lage waren, die Rebellion im Keime zu ersticken. wie Isl's mit dem für.'ciUirief? Die plötzliche Zurücknahme Die Nachricht, daß der bereits von uns in Auszügen ver- öffcntlichte große deutsche Hirtenbrief der Fuldaer Bischofskonserenz iin letzte» Augenblick zu- rückgezogen»vorden ist,»vird bestätigt. Die Zurücknahme erfolgte allerdings vor den jüngsten Ereignissen. Gewisse katholische Kreise fürchteten, daß die kirchliche» Unterhändler nicht die Energie ausbringen ivürden, sich gegen Hitlers Abgesandte bei den Konkordatsverhandlungen in Berlin zu behaupte». Bon Dr. Berning, dein Bischof von Osnabrück, und Dr. Bares, dem Bischof von Berlin, war bekannt, daß sie sich vor dem Umsturz im Januar 1983 bereits geweigert hatten, den damals erschienenen Hirtenbrief gegen den Nationalsozialismus mit zu unterzeichnen. Diese Bischöse haben später allerdings eine andere Haltung eingenommen, aber ihre Bereitschaft zur Verständigung ivar geblieben. Offen bleibt die Frage, ob die lange Unterredung zwischen Kardinal Faulhabcr und dein Reichspräsidenten diese Wandlung unmittelbar veranlaßt bat. Fetzt ist freilich eine neue Situation da. Die Ermordung des Führers der katholischen Aktion, des Ministerialdirektors Dr. Klausener, hinter die Bischöse. die neue Verständignngslinle zu beziehen, iveil die Empörung unter den Gläubigen gewaltig ist Man muß abwarten, ob nc sich auch in offiziellen Protesten der deutschen Kirchen- sürsten dokumentieren wird. Klausener stand immer politisch weit rechts. Er hatte mancherlei Beziehung zum Nationalsozialismus, aber noch einigen Anhang im Polizeioffizierkorps, der Innerlich noch nicht vollkommen gleichgeschaltet ivar. Schleichers Erinordung hatte diejenige von Klauseners zwangsläufig zur Folge. bas Mgwestgz Aach d«m jüngsten Reichsbankausiveis steht einem Rück- gang des Goldbestandes«vi 23 Millionen auf>0,2 Millionen RM. eine Steigerung des Bestandes an deckungs- sähigen Devisen nm 2,0 Millionen auf 0,0 Millionen RM. gegenüber. Das Decknngsverhültnis der Note» beträgt nun- niehr 2 Prozent gegen 2,3 Prozent der Bor- w och e.. Der Gesamtzahlunosmittclnmlauf betrug 3781 Millionen RM. gegen 55S1 Millionen RM. zur gleichen Zeit des Vorjahres. Welcher Art dix„deckungssähigen" Devisen find, wird nicht gesagt. Die kleine Steigerung im Devisen.;,iflnß bei gehemmtem Goldabflnß ist offenbar daraus znrüskznsiihrcn, daß man nun ans die st i l l e n Devisenreserven zurückgreift. Die Deckung des gesamten Zahlungsmittel- u m l a» s S beträgt noch 1,75 Prozent. Kricgsminister Marschall Pst a in erklärte vor dem Heeresauoschuß der Kammer, daß man eine Heraussctznng der Militärdienstzeit umgehen könne, wenn in de» Jahren 1935 bis 1940 für eine Spezialtruppe 80 000 Man« einbc- rusen würden, die die Berteidigungowerke im Osten besetzen müßten. Etwa 30 00» Brieftauben im Werte von über zwei Millionen Mark siud bei einem We ttsl legen über dem englischen»anal verloren gegangen. Die Brieftauben waren am vergangenen Samstag in Marenneo iRordfrankreichj znm RUckslnge nach England losgelösten worden, geriete» jedoch über dem Kanal in einen schweren Sturm und wurden nach allen Himmelsrichtungen zer- streu t Nur e»va 120 Taube» sind»ach ihren Heimstätten zurückgekehrt. Frau Marie Cur ie. die zusainmen mit ihrem Gatten Pierre Curie im Jahre 1998 die radioaktiven Elemente Radin»nnnd Polonium entdeckt hatte, ist im Alter von fast 07 Jahren gestorben. Berlin, 4. Juli. Der Reichskanzler hat folgende Anordnung erlassen: „Die Maßnahmen zur Niederschlagung der Röhm-Ncvolic sind am l. Juli 1934 nachts abgeschlossen worden. Wer sich auf eigene Faust, gleich aus welcher Absicht im Verfolg dieser Aktion eine Gewalttat zu Schulden kommen läßt,»vird der normalen Justiz zur Verurteilung übergeben." keine Samminngen mehr! Staatsgefährliche Hausbesuche All: Sammlungen von Geld- oder Sachspenden auf öffent- licheu Straße» oder Plätzen, von Haus zu Haus, in Gast- oder Vergnügungsstätten oder an anderen öffentlichen Orten sind bis zum 31. Oktober 1934 verboten. Als Sa in ml un g gilt auch der Verkauf von Gegenständen, deren Wert in keinem Ver- hälinis zu dem geforderten Preis st cht. Kollekten in Kirchen sind von den« Verbot ausgenommen. Der Stellvertreter des Führers kann im Einzelfalle wegen eines überwiegenden öffentlichen Interesses weitere Ausnahmen zulassen. Diele Bestimmungen gelten auch für bereits geneh- m i g t e Sammlungen. Wer den Vorschriften des 8 1 vorsätzlich zuwiderhandelt, »vird mit Gefängnis bis zu V Monaten oder imt Geldstrafe bestrast. Aagik rvr NngvlMern Straßendiskussionen Nürnberg, 4. Juli. Das Verteilen von Flugblätter, auch von Extra-Ausgaben von Zeitungen, also nationalsozialistt- Man deckt sich nicht nur mit einem, sondern gleich mit mehreren Winteranzügen ein, verproviantiert sich ii b e r tn ä ß i g m i t Konserven und leicht verderblichen Lebensmitteln und glaubt zu den ganz Gescheiten zu gehören. Die Käuferschaft wird zum anderen von disziplinlosen Verkäufern zu giößeren Einkäufen unter Hinweis auf kommende Preissteigerungen veranlaßt und damit weitere Unsicher heit in die Verbraucherschaft getragen. Die stetige Wirtschaftsentwicklung wird dadurch gestört und der Wirtschaftsaufbau sabotiert. Diese plöglich einsehende Nachfrage führt zu neuen devisentechnischen Schwierigkeiten, da die internationale Warenspekulation auf solche Methoden selbstverständlich mit Haussetendenzen antwortet. Aufruf der Industrie- und Handelskammer in Halle. In welchem Grade die Unsicherheit zugenommen Hot, zeigt das dauernde Anwachsen der Angstkäufe. Diese Hamsterei— vor der in den letzten Wochen wiederholt die offizielle Presse und zahlreiche öffentliche Stellen vernetz- lich gewarnt haben— ist nicht nur eine Folge des Devisen- bankrotts, sondern wurzelt in der allgemeinen, weit verbreiteten Furcht vor einer Rohstoffhngppheit, vor einer neuen Inflation, einem neuen Krieg. Aus allen Landesleilen liegen Berichte vor, datz besonders Textilien und Schuhivaren, aber auch Lebensmittel, wie z. B. Mehl, gehamstert werden. Wir greisen einige charakteristische Mitteilungen heraus: Aus Berlin: „Die Leute fangen an zu Hamstern. Z. B. versorgen sich Leute, die»nanchmal gar kein Auto oder Fahrrad habe», mit Auto- oder Fahrrad-Reisen. Die Geschäfte, die aus- ländischc Erzeugniste verkaufen, wie Kakao, Kaffee, Wolle. Leder, habe» eine starke Gesckästsbelebung zu verzeichnen. Das Verbot der Auslieferung von Guminiivaren und die Verordnung zur Beimengung von Ersatzstoffen bei Gummi-Erzcugnisten schafft neuerliche Beunruhigung. Ein bezeichnendes Beispiel: In einer Verkaufsstelle von Woolworth gibt es einen Kasten mit einem Haufen von Le&srftw&a, SM M die Sauser gaMbe AbMitte schcn und gleichgeschalteten, ist polizeilich verboten worden. Die Ursache ist. daß sich diskutierende Gruppen bildeten, die in teiliveise heftigen Ausdrücken die neuesten Ereignisse kommentierten. Generalkonsul verprügelt Weil man ihn für einen Juden hielt Berlin, 4. Juli. Vor einigen Tagen fuhr der in Berlin stationierte portugiesische Generalkonsul im Automobil nach Hamburg. Auf dem Wege traf er eine marschierende Ko- lonne von Nationalsozialisten. Als diese bemerkten, daß der Generalkonsul die nationalsozialistische Standarte nicht grüßte, holten sie ihn aus dem Wagen heraus und ver- prügelten ihn. Aus den Zurufen ging hervor, daß sie ihn wegen seines südländischen Aussehens für einen Juden ge- halten hatten. Knüll der Primen? Exkronprinz und Prinz Auwi Paris, 4. Juli.„Petit Parisien" erhält von seinem Korrespondenten im Haag die Nachricht, daß die deutsche Regierung den Exkronprinzen und den Prinz August Wilhelm sbeide sind Pg.j, ansgesordert habe, Deutfchland»a verlassen und Holland als Asyl zu wählen. Die zuständigen Stellen im Haag hatten die Nichtigkeit dieser Nachricht nicht bestätigen können. Auf Grund eines Telegramms ans London meldet das gleiche Blatt, daß die Prinzen im Flugzeug in Doorn angekommen seien. für Tticsclsohlcn heraussuchen. Da mir auffiel, daß dieser Kasten jetzt sehr stark uinlagcrt ivar, fragte ich die Ver- käuferi» nach dein Umsatz. Sie antwortete mir, daß sie jetzt den Kaste» etwa zehnmal am Tage leer verkaufe, während sie früher mit einem Kasten eine ganze Woche gereicht habe. Die Hamsterei hat auch auf Textilien übergegriffen. Es geht das Gerücht um, daß bei den neuen Stoffen, die jetzt hergestellt werden, schon 20 Prozent Ersatzstoffe verwendet werden." Aus Leipzig: „Von vielen Seiten erfolgten Meldungen über Angst- käufe, besonders in Textilien, und über einen daraus ent- stehenden Warenmangel. To wirb von einem Leipziger Warenhaus, das über 4(10 Angestellte hat, mitgeteilt, daß im letzten Monat zwar große Umsätze erzielt worden sind, daß die Firma aber keine Möglichkeit sah, die Lägcr aus- zufüllcn. Ein um Auskunft befragter Industrieller er- klärte diese neuartige Erscheinung dahin, daß cS sich nicht um einen tatsächlichen Mangel handele, sondern daß er nur scheinbar sei, weil vom Konsumenten angefangen, bis zum Einkäufer oder Großunternehmen jetzt jeder aus Furcht vor Lieferungsjchwierigkcitcn Einkäufe tätige, die vier- bis sechsfach über den wirklichen Bedarf hinausgehen." Aus Frankfurt a. M. wird uns von zwei großen Texlilfirmen berichtet, bei denen Angstkäufe einen der- artigen Umfang angenommen haben, daß Ueberstunden gemacht werden mutzten. An diesen Käufen seien auch gerade die Pg. beteiligt. Aus verschiedenen Landesteilen wird gemeldet, datz in der Bevölkerung das Gerücht umgehe, es würden in näch- fter Zeit wieder Bezugsscheine ausgegeben wie im Kriege und in der Reichsdruckerei würden schon Brotkarten in großen Massen gedruckt. Ein Berliner Berichterstatter macht daraus aufmerksam, datz die erstaunliche Belebung der Abzahlungsgeschäfte— z. B. auch schon im Handels- teil der...Frankfurter Zeitung", festgestellt wurde— eine Folge der Inflationsfurcht ist. Räch den Erfahrungen der letzten Inflation glauben viele Leute besonders schlau zu handeln, wenn sie Waren aus möglichst langgestreckte Raten kaufen. Auch die starke Belebung des Automobil» abfatzes wird zum großen Teil auf friste MM erklärt.. „In Adolf in rddien..." Was an Verrttdilheit wäre diesen Leuten nidit zazn'raoen? Berlin, 4. Juli. Die Meldung der„Neuen Ziirchen Zeitung" über die Er- schießungcn finden nunmehr ihre Bestätigung. Es ist richtig, daß Dr. Edgar Jung, von Tschirschkn. Dr. Schotte, von Alvenslcben und Major Pabst nicht mehr unter den Leben- den weilen. Ins Ausland sollen Heinrich von Gleichen und der ehemalige Reichsminister Treviranus geflohen sein. Un- bestätigt ist»och eine Meldung der„United Preß", daß sich unter den Erschossenen in München der frühere Generat stabskommissar von Kohr befunden hat. der im Jahre 1923 den Befehl zur Niederwerfung des Hitlerputjchcs ge- geben hat. Allulähkich erfährt män auch einige Einzelheiten über de» angeblichen Putschpla» Röhms. Er sollte beginnen mit der Inszenierung eines Attentats auf Hitler. Daraufhin ivar das Ausrücken der gesamten SA. geplant,„um Adolf zu rächen". Aus diesem Plan baute» Röhm und seine Freunde angeblich ihre weiteren machtpolitischen Absichten auf. Man glaubt auch, daß das mißglückte Attentat aus Himmler am ?8. Juni in der Tchorfheide in Wirklichkeit Hitler gegolten hat. Damit war das höchste Mißtraue» Hitlers und seines Kreises geweckt worden. Einige Stellen in der Rede von Rudolf Heß im Rundfunk wurden direkt auf Röhm gemünzt. Dieser beschleunigte daraufhin seine Vorbereitungen, zumal die gesamte SA. am 1. Juli ihren Urlaub antreten sollte. Aus den gleichen Ouellcn stammt die Nachricht, daß ein neues Attentat auf Hitler in Westfalen organisiert«verde» sollte, wo der Reichskanzler sich am Samstag, dem 80. Juni, aufhielt. Ein ,,S!ahlhclm"man» sollte mit der Aktion beaus- tragt werden, woraus ein blutiger V e r n i ch t u n g s- feldzug gegen den„Stahl hel m" folgen sollte. Die Kenntnis von diesen Absichten hat dann Hitler zu seinem Fluge nach München und zu seinem Eingreisen ver- anlaßt. Alle diese Nachrichten klingen allerdings reichlich abenteuerlich, aber man fragt sich, was bei den Machtkämpfen der Führerclique im«dritten Reiche" nicht alles möglich sein könnte. Die Erschießungen in der Kadcttenanstalt Ltchterselde solle» erfolgt sein, als man sich angeblich davon überzeugt hatte, daß der Gruppcnsührer Ernst auf ein Alarmzeichen Röhms aus Bayern wartete. Daraufhin sollte die Berliner SA. in Bewegung gesetzt werden. In der Nachbarschaft der Kadettenanstalt wurde» immer ivtedcr Gewehrsalvcn ver- nommen. Es wird bestätigt, daß sich der Gruppenführer von D c l t e n, ein sehr einflußreicher Mann in der Berliner TA., unter den Erschossenen befindet. Tie„Neue Zürcher Zeitung" verzeichnet noch das unkontrollierbare Gerücht, daß man dem Prinzen Auivi auf Grund besonderer Rücksichtnahme Gelegenheit zur Flucht nach Holland gegeben habe. Die Hamsterpanlk QrfSlnaitoerich e an d e„Beuteehe Freiheit" Dr. Erich Klausener Die Todesanzeige Statt jeder besonderen Anzeige Ergeben in den heiligen Willen Gottes, Stehen wir tief erschüttert an der Bahre meines über alles geliebten Mannes und treuesten Kameraden, meines sorgenden Vaters, unseres unvergeßlichen Sohnes, Bruders, Schwagers und Onkels Dr. Erich Ifiaosener Ministerialdirektor im Reichsverkehrsministerium Vorsitzender der Katholischen Aktion im Bistum Berlin Komtur des St. Gregoriusordens Ritter des Eisernen Kreuzes erster Klasse Er wurde uns nach einem Leben der Liebe und des Opfers für Familie, Kirche und Vaterland am 30. Juni 1934 plötzlich entrissen. Berlin W 62 und Düsseldorf. Lntherstr. 47. Hedwig Klausener, geb. Kny Erich Klausener Elisabeth Klausener, geb. Biesenbach. Dr. Bruno Klausener Maria Klausener, geb. Springmühl. Die Zeit des Requiems und der Beisetzung wird noch bekanntgegeben. Sanfte Anfrage Dos Verbrechen an Schleicher Cr and seine f rau vor den Anden ihrer 12 jährigen Todiler niederdesdiossen Die Reichsregierung magt noch immer nicht bekannt zu geben, unter welchen Umständen Schleicher, seine Gattin und andere Opfer des 30. Juni abgeschlachtet worden sind. Ueber die Ermordung Schleichers gibt der Berliner Korrespondent des„Daily Telegraph" eine Schilderung. Da dieser Bericht auch in einigen gleichgeschalteten Zeitungen steht, dürfte man ihn nicht als„Greuel" abtun können: „Der Befehl zur Verhaftung wurde durch den General Göring am Morgen des Samstag unterzeichnet und mittags verließen vier mit schwarzer Garde besetzte Lastwagen die Kasernen von Berlin nach Potsdam. In der Villa in Neubabclsberg war der General mitseiner Frau und seinem Töchterchen von zwölf Jahren bei Tisch. Beim Geräusch der vor dem Hause anhaltenden Auto- mobile erhob sich der General. Man war bereits in die Villa eingedrungen. Herr v. Schleicher wandte sich den Soldaten entgegen, Als er von seinem Verhaftungsbefehl Kenntnis erhielt, machte der General eineBeweguug, um seinenRevolverz« nehmen. DiePolizei schoß sofort. Frau Elisabeth v. Schleicher, die sich in der Nähe der Türe besand, stürzte sich ans den Führer der Abteilung, um die Einstellung des Feuers zu veranlassen (pour faire arrftter le feu), aber es war z« spät und sie siel tödlich getroffen von einer Kugel, die für ihren Gatte» bestimmt war." Demnach wird jetzt zugegeben: Die ersten halbamtlichen Meldungen, daß Schleicher auf Kriminalbeamte, die ihn oerhaften wollten, geschossen habe, war eine amtliche grobe Lüge. Der General soll nur„eine Bewegung" gemacht haben, um seinen Revolver zu nehmen. Da er gerade mit Frau und Kind zu Tische saß. ist das natürlich ein lächer- licher Schwindel. Schleicher ist grundlos von beauftragten Bestien ermordet worden. Daß einmal von„Polizei", dann von„Soldaten" gesprochen wird, läßt daraus schließen, daß es weder Polizeibeamte noch Reichswehrsoldaten waren. Es waren irgendwelche von Gangstern gedungene Banditen aus der SS. Frau Schleicher mutzte erschossen werden,„weil sie sich auf den Führer der Abteilung stürzte". Eine schwer be- waffnete„Abteilung" konnte sich einer älte- ren Frau nur durch Schüsse erwehren. Bezeichnend für die alle Borstellungen von Feigheit und Brutalität übersteigende Szene ist die Wendung von der „Einstellung des Feuers". Es ist also ein regelrechtes Salvenfcuer auf Mann und Frau gerichtet worden. Bielleicht erhalten die Kerle, die das verübt haben, von den Gangsters und ihrer Presse noch eine öffentliche Belobigung, weil sie so gut zielten, baß wenigstens das Kind von den Kugeln des Salvenfeuers verschont blieb. Als vor zwei Jahren Nationalsozialisten in Potempa einen wehrlosen Arbeiter vor den Augen seiner Mutter und Geschwister abschlachteten, wurden sie von dem Parteiführer telegrafisch Kameraden genannt. Wir gestehen, daß wir erst jetzt die volle Bedeutung dieses Grußes eines deutschen Parteichefs begriffen haben. Die gleichgeschaltete katholische„Saar- brücker Landeszeitung" ist angesichts der Er» mordung Dr. Klauseners in peinlicher Lage. Hier versagt ihr guter Wille, alles, was in Teutschland geschah, zu decken, und in Konflikt zwischen ihrem Hitlertum und ihrem katho- tischen Herzen schreibt sie: „Die deutschen Katholiken sind nicht gewillt, einen ihrer verdienstvollen Führer ohne weiteres zum Hoch- Verräter und Selb st mörder stempeln zu lassen. Sie sind ebenso wenig gewillt, sich mit dem geheimnisvollen Dunkel zu begnügen, das über diesen Fall ausgebreitet wird. Sie verlangen und erwarten viel- mehr eine einwandfreie Aufklärung darüber, welche hochverräterischen Handlungen der Getötete begangen hat und unter welchen Umständen er zu Tode gekommen ist. Sie fordern keine verschwommenen Erklärungen, sondern klare Beweise, an denen nicht zu deuteln und nicht zu rütteln ist. Diese Aufklärung schuldet die Regierung auch dem Volke, das in weitesten Kreisen durch eine solch . ungeheuerliche, abseits der ordentlichen Gerichte voll- zogene Aktion beunruhigt worden ist. Die Reichs- regierung selbst wird das Empfinden haben, daß sie diese Pflicht erfüllen muß." Immer wieder wird„Vertrauen" gemimt. Man besitzt es längst nicht mehr. Aber man muß so tun, als ob es noch vorhanden sei. Eine schändliche Art von Katholizismus. * Die deutsche Zentrumspresie wagt nicht eine einzige Zeile zur Ermordung Klauseners. Sie darf nicht. Es ist ihr ver- boten, und sie pariert... ßömisffle Stimme „Osservatore Romano" schreibt: „Derartige Nachrichten sdaß Klausener sich am„Verrat" beteiligt habe) sind so absurd, daß sie gar kein Dementi ver- dienen. So wie der Glaube und das Programm der Katho- lischen Aktion es ausschließen, daß sie in Deutschland oder irgend einem anderen Lande an politischen Bewegungen teilnimmt, ebenso schließt auch der Glaube und die Lebensführung ihrer Mitglieder die Möglichkeit, ja Wahrscheinlich- keit eines Selbstmordes aus. Die doppelte Ver- leumbung ist durch die Tatsache widerlegt, daß es sich als durchaus falsch herausgestellt hat, daß der unglückliche Klausener sich das Leben genommen habe." Der„Osservatore Romano" schließt mit einem bewegten Nachruf zu Ehren Klauseners. Gregor strassers Ermordung Sie wird bestätigt Gregor Strasser ist, darüber besteht nun kein Zweifel mehr, in Berlin erschossen worden. Die Wiener amtliche Nach- richtenstelle und das Reuter-Büro melden es gleichzeitig. Ein- zelheiten über grausame Mißhandlungen und Verstümme- lungen der Leichen werden bekannt, die in ihrer Schändlich- keit und Gemeinheit jeder Beschreibung spotten.... Was die Reichswehr sagt Interv ew mit einem Offizier Nach wie vor ist die Rolle der Reichswehr unklar. Aus einflußreichen, der volksmonarchistischen Be- wegung nahestehenden Kreisen liegen uns einige Aeußerungen in Gestalt eines Interviews vor, dessen Wert bestehen bleibt, obwohl es kurz vor den jüngsten Ereignissei. gegeben wurde. Der Befragte ist aktives Mitglied der Reichswehr und verfügt über weitreichende Beziehungen. Die erste Frage lautete, ob der Glauben an eine Militär- diktatur, mit der das Ausland vielfach rechne, eine gewisse Berechtigung besitze. Die Antwort: Nach Ansicht der Reichswehr sei eine Aen- derung der Situation in Deutschland dringend erforderlich. Das sei jedoch nur möglich, wenn man die Regierung anders zusammensetze. Und was soll nach Ihrer Meinung die neue Regierung? Sie hat die Aufgabe, den Ring um Deutschland zu sprengen. Unsere verzweifelte Finanzlage, die Exportnot, die politische und kulturelle Isolierung erzwingen das. Die gegenwärtige Regierung ist in einer Tackgasse. Dabei bleibt die Gefährlichkeit der innerpolitischen Spannung. D i e Reichswehr ist die einzige Macht, die noch un- gebrochen steht. Man wird daher verstehen, daß sie sich Gedanken über einen Ausweg, macht. Warum soll der Ausweg aber eine Monarchie sein? Weil die Monarchie die einzige Rettung vor dem Bolsche- wismus oder mindestens vor dem sehr radikalen Sozialis- mus ist. An der Spitze des Reichs muß ein von den Ttim- mungen des Volkes unabhängiger Führer stehen. Das kann nur ein Monarch sein. Würde die Monarchie den Terror und die Judenverfol- gung beenden? Wir wollen einen Rechtsstaat, in dem jeder gleiches Recht haben soll. Wir sind Feinde der Judenhetze. Es war eine unglaubliche Dummheit, eine Emigration zu schassen. Wir wollen auch Geistesfreiheit. Pressefreiheit, Bersammlungs- sreiheit. Natürlich wäre ein vorübergehender Belagerungs- zustand mit allen seinen Folgen unvermeidbar. Tie wissen, baß die sozialistisch gesinnten Arbeiter und alle die von Hitler Enttäuschten sich vor allem gegen die neuen Revolutionsgeivinnler und gegen die Diktatur des Großkapitals wenden, die heute Triumphe feiern. Natürlich. Aber die Reichswehr ist noch niemals kapita- listisch gewesen. Ich erinnere an das sogenannte Schleicher- Programm von 1982. Ueber dieses Programm ist Schleicher gestürzt. Heute zeigt es sich, wie falsch das damals gewesen ist. Das Programm forderte im großen Umfange die Ober- aussucht des Staates über Industrie und Landwirtschaft, Ber- staatlichungen, Siedlungen. Es fand damals die Zustimmung weiter Kreise von rechts und links. Wie groß ist nach Ihrer Meinung die Stimmung in der Reichswehr zur Beseitigung des„dritten Reiches"? Es sind etwa 30 Prozent des Heeres, die eine Aendcrung für erforderlich halten. Zum Schluß noch eine Frage. Wann glaubt die Reichs- wehr, daß die Zeit zum Handeln gekommen ist? Der Zeitpunkt kann sehr schnell kommen. Er kommt umso schneller, je schärfer sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zuspitzen. Allerdings ist die Reichswehr nur ein Teil der Opposition gegen das„dritte Reich". Neben uns arbeiten viele andere Gruppen und Kreise. Sic begreifen aber, daß ich sie im einzelnen nicht nennen kann. Hitler„nahe bei(Sott fei Saat sein Freund Streicher Dortmund, 4. Juli. In Dortmund sprach, nachdem die Mordliste bereits bekannt war, der Ehrengruppenführer von -tranken und Herausgeber des„Stürmer", Julius Streicher.„Daß er erschien," schreibt die„Westfälische Landeszeitung",— daß dieser Pogromches erschien,„beweist besser als alle Worte, wie wenig ber„Putsch" von München an den starken Bau des neuen Deutschland rühren konnte." Streicher wandte sich gegen„die Wühlmäuse im eigenen Haus", gegen die„Gegner von ganz links, die auf ewig ver- darben sind durch die Sünde wider das Blut", er verHerr- lichte Hitler, ber eben ein Blutbad angerichtet hatte:„Es war ein ganzer Mann, dieser Adolf Hitler!"— insbesondere aber hetze er gegen den„heimtückischen Feind aller Völker". Er habe gesehen, wie der Jude versuche, das Blut der hoch- stehenden Völker zu vergiften.„Das Volk am Abgrund drohte zu versinken und es wäre versunken wie die großen Völker der Vergangenheit", wenn Hitler der Rassenschande nicht Einhalt geboten hätte.„Mancher pflegt zu sagen, daß es auch anständige Juden gibt. Aber der verlauste Ost- galizier ist vielleicht gar nicht so gefährlich wie der in Kon- zernen seinen Einfluß ausübende getaufte Jude." Da- gegen sei Hitler zwar„kein Christu s", aber er st ehe näher zu Gott als die hoch st en Würdenträger der Kirche. ES gibt Götter, deren Gunst die Gläubigen durch Blutopfer erkaufen. Hohepriester Streicher hebt zu Hitler die Hände zum Gebet empor. Wer sind aber, so möchten wir fragen, die offiziellen Würdenträger der Kirche? Wo ist ihr Protest gegen den blutigen Mord? Sehen sie nichts anderes in Deutschland als die Unterdrückung ihrer Organisationen? Gibt es einen schlimmeren Verstoß gegen göttliches und sittliches Gebot, als die Niedermetzelung wehrloser Menschen ohne Urteil und Recht? Sie schweigen. Ihnen zur Unehre. Einer der fähigsten älteren Pioniere des deutschen Ratio- nalsozialismus hat ein furchtbares Ende gefunden. Lange Zeit hindurch galt Gregor Strasser. der hünenhafte Apotheker aus Landshut in Bayern, als der eigentliche geistige Führer. Schon früh kam er an die Seite Hitlers, bei dessen ersten Putschoersuchen er immer aktiv beteiligt war. Später ar- beitete er überwiegend in Norddeutschland. Hier vertrat er den antikapitalistischen Flügel der Partei. Sein Einfluß wuchs, und er erregte die Eisersucht anderer Führer, auch diejenige von Hitler selbst. Sein erbittertster persönlicher Fe'nd war Goebbels. Die Tatsachen seiner gewaltsamen Trennung von der Partei im Jahre 1932 sind bekannt. Er hatte über den Kops des Führers hinweg mit Schleicher verhandelt. Nachher lebte er als Parteimitglied einfachster Garnitur in Berlin Im Kahl baum-Konzern erhielt er einen einflußreichen Posten, scheinbar abseits von aller Polit'k, nachdem der NationalsozialiS- mus zur herrschenden Macht geworden war. Aber man rechnete noch mit Gregor Strasser. Eine wachende Opposition war des Glaubens, daß seine Stunde bald wieder kommen würde. Ständig wurde er von der Gestapo beobachtet. Die Persönlichkeit dieses eigenartigen und keines- wegs unbedeutenden Mannes werden wir noch eingehend würdigen. Gregor Strassers Bruder ist Dr. Otto Strasser. Er war schon früher als sein Bruder, als Führer der „Schwarzen Front", aus der Partei ausgeschlossen worden. Dr. Otto Strasser lebt jetzt in Prag. Er versucht mit einer 'igenen Zeitschrist Einfluß auf die Entwicklung in Deutsch lanb zu gewinnen, ein Sozialrevolutionär mit dem Ziel einer„zweiten Revolution" im sozialistischen Sinne. Wieviele Dpier? Der hoben Geistlichkeit wird gedroht In einem Berliner Bericht des„Popolo d'Jtalia" ist von 41 Erschossenen und 15 000 Verhafteten die Rede. Die Zahl der in Lichterfelbe erschossenen Personen wird allein auf zwanzig angegeben. Große Beachtung, vor allem>n der Schweiz, finden Aeußerungen des„Deutschen", des Organs Dr. Leys, worin der hohen Geistlichkeit beider Konfessionen erneut gedroht wird. Wer sich, so heißt es hier, in Zukunft noch gegen die deutsche VolkSgemein- 'chaft versündige, den schütz- fei- er verfalle der Gerechtigkeit, der alle unterworjen se-en im neuen Reiche. „Millionen gingen die zogen auf Das Urteil der Welt Im Auslände ist das Entsetzen über die deutschen Ereig- nisse nicht abgeebt. Trifllidj bringen die großen Blätter Be- richte über Deutschland, erfüllt von Einzelheiten über die jüngsten Ereignisse, alle Kräfte leidenschaftlicher Empörung sind wieder hervorgebrochen. Es will viel heißen, wenn Englands einflußreichstes Blatt, die„Times", von„mittelalterlichen M e- t Hoden" spricht, und wenn sie erklärt, daß symbolisch für das heutige Deutschland das brutale Umgehen mit Menschen- leben sei, die Verachtung von Recht und Gesetz, die die Stützen eines modernen Staates bildeten. Aber vielleicht- noch bezeichnender für die deutsche Geistesverfassung sei die Gleichgültigkeit, mit der diese mittelalterlichen Me- thoden hingenommen werden. Hitler wird mit dem Tyrannen Richard III. verglichen, einem der schlimmsten gekrönten Mörder, in der an solchen Gestalten wahrhastig nicht armen englischen Geschichte. Wir zitieren: Die brutalste Unterdrückung jeder politischen Richtung, die anders als nationalsozialistisch dachte, die Beseitigung jeder Meinungs- und Gedankenfreiheit, das Spitzel- und Anaebertnm, die ununterbrochene Propaganda dnrch Radio und Film haben im deutschen Volke geradezu einen hysterischen Erregungszustand geschossen. Dazu kommt die Rerkündung der neuheidnischen Theorien und Verherrlichung der brutalen Gewalt. Alle diese Tatsachen haben dazu beigetrage», daß zwischen de,, westlichen Nationen und Deutschland sich heute eine tiefe Kluft austut. Männer, wie Nöhm und Heines, deren sittliche Verdorbenheit und zügellose Gewalttätig- keit jedem längst bekannt war. wurden als nationale Helden gefeiert»nd in Aemter, die mit höchstem Verant- wortnngsbewußtsein verbunden waren, eingesetzt. All dies war im Auslände bekannt. Aber man war aus ein derartiges Ende doch nicht gefaßt. Was die Regiernngs- Methoden, die Achtung vor dem menschlichen Leben und der Freiheit anbelangt, hat Deutschland ausge- ?ört, ein moderner europäischer Staat zu e i n. Deutschland ist zu mittelalterlichen Methoden zu- rückgekehrt. Kein Mitleid gebührt den toten SA-Führern, denn sie haben ihr Schicksal reichlich verdient. To lange sie an der Spitze der braunen Armee standen, bildeten sie eine Gefahr für den Frieden und den Fort- schritt. In anderen Ländern, besonders in England, so führt die„Times" fort, hat man die Berichte aus Deutschland zuerst für kaum glaublich gehalten. Man konnte sich gar nicht vorstellen, daß der Regierungsches eines modernen Staates die summarische Verhaftung«nd Erschießung einer Anzahl seiner Mitarbeiter anordnen ivürdc. Noch weniger glanbhast erschien die Nachricht, nach der sich unter den Hingerichteten Hitlers beste Freunde befanden, die er selbst mit den höchsten Aemtcrn und Würden ausgestattet hat. In Rußland, in der Türkei, zu den Zeiten AbdulHamids oder in mittelalterlichen Staaten, aber nicht in einem großen europäischen Lande im 21). Jahrhundert erschien ein derartiges Vorgehen möglich. Dieses Märchen von einer gefährliche« Verschwörung mag vielleicht zu einem kleinen Teil stimmen, aber sie erinnert doch an das Märchen von dem kommunistischen Komplott im Vorjahre, das Hitler bekanntlich daz» benutzte, um d>e politischen Parteien zu zerschlagen. Orientalische oder mittelalterliche Despoten habe» stets solche Märchen an der Hand gehabt, wenn sie mit ihren Gegnern aufräumen wollten. Das ist das Furchtbarste und zugleich Vernichtendste, was in führenden englischen Blättern bisher gegen Hitler zu lesen war. Die Schlußfolgerungen auf der politischen Ebene ergeben sich von selbst. Die Kulturländer haben das letzte ans einer Rechtsbasis beruhende Bertranen zn einem Lande verloren, in dem Wahnsinn und Mord regieren. Bor diesem „deutschen Wesen" haben sie keine Furcht mehr, sondern nur noch Verachtung. Polen verfrag: „nur noch ein Fetzen ausgetrocknetes Papier" Nicht weniger deutlich drückt sich der bekannte französische Außenpolitiker Wladimir d' O r m e s s o n im„Figaro" aus. Hitler hat, so schreibt er, das Prestige und die Autorität seiner braunen Miliz zerstört. Nur noch die Reichswehr sei geblieben, um die Ordnung in Deutschland zu garantieren. Diese Reichswehr ist aber wieder in den Händen der Junker, die damit wieder die Herren der deutschen Politik geworden sind. D'Ormcsson fährt fort: „Die Reichswehr ist Herrin SeS politischen Spiels in Deutschland. Das bedeutet, daß Deutschland seine Haltung Rußland gegenüber ändern wird, denn aus die russische Karte setzt die Reichswehr große Stücke. Dos bedeutet weiter, daß der deutsch-polnische Vertrag nicht mehr be- deuten wird als ein Fetzen ausgetrocknetes Papier, und daß'die Warschauer Illusion von kurzer Dauer sein wird." Es fragt sich dabei nur, ob Sowjet-Rußland noch Freude an den alten Beziehungen zu gewissen Reichswehrkreisen hat. Heut hat es die Verbindungen zn Frankreich und zu Eng- land. Nicht ohne Wichtigkeit ist in diesem Zusammenhang eine amtliche Londoner Meldung: Der Oberbefehlshaber der russischen Luftstreitkräfte, General Alrnts, stattete am Dienstag dem englischen Lustfahrtministerium einen Be- s u ch ab und hatte eine lange Unterredung mit dem eng- tischen Lustfahrtminister Lord Londonderry. General Alxnis ist anläßlich der Vorführungen der englischen Lust- streitkräste in Hendon mit anderen russischen Fliegern nach England gekommen... Frankrcitii and England nähern sich Unrechtsstaat Deutschland wird ausgeschaltet Andererseits haben die deutschen Ereignisse die sranzösisch- englischen Beziehungen in außerordentlich günstigem Sinne gefördert. Es scheint, daß die Engländer müde geworden sind, dauernd zwischen Paris und Berlin zu vermitteln, zu- mal sie jetzt erkannt haben, daß von einer Beruhigung in Deutschland keine Rede sein kann. Die bevorstehende Reise Varthous nach London stärkt die französische Presse in ihrer Auffassung, daß England den französischen Sicherhcitswünschen ein größeres Verständnis entgegen- bringen werde, als bisher. Kurz, die außenpolitische Situation Hitlerdeutschlands hat sich erneut verschlechtert. Deutlicher als je hat die ganze Welt gesehen, daß sie es mit einem Partner zu tun hat, jur die elementarsten Rechtsgrnndsätze nichts gelten, und zieht daraus ihre Folgerungen. Sel-bst die letzten den sie Freunde schämen sich der Gesellschaft mit Hitler. Das Pa riser„Oeuvre" ist der Auffassung, daß die italienische Politik sich bereits der sranzösisch-cnglischen These zu nähern be- ginne. ♦ Der Pariser„Matin" spricht eine bemerkenswerte Ansicht über den Zusammenhang zwischen der Reorganisation der SA. und der deutschen Außenpolitik aus. Er glaubt, daß die SA. zur„Tauschmünzc" gegen eine wirtschaftliche Unter- stützung Deutschlands durch das Ausland verwertet werden kann. Als Gegenleistung für wirtschaftliche Borteile gedenkt man eine Herabsetzung der Stärke der aktiven SA.-Truppen und vielleicht ihre Entwaffnung anzubieten... Die„Wahrheit" Die Basler„National-Zeitung" ironisiert die hitleramt- lichcn Behauptungen, daß man das deutsche Volk wahrheits- gemäß unterrichte, folgendermaßen: Der Erfolg ist w'e gesagt unbestritten? nicht ganz so unbestritten ist die Wahrheit. Wird sie wohl jemals be« kannt werden? Warten wir ab. Natürlich hat jeder Staat, «nd vor allem ein absoluter wie hier, so seine Geheimnisse. In einer Betrachtung, betitelt„Die Wahrheit", in b-r Berliner„Nachtansgabe" wird zwar behauptet.»nichts wurde verheimlicht, kein Geheimnis blieb", aber das blind zu glauben, wäre von den„vielen bösartigen ausländischen Zeitungsschreibern" wohl etwas zuviel verlangt, denn wie die Wahrheit unter Umständen beschaffen sein kann, be- weisen ja gerade die Samstagsere,gnissc. Bis zum 29. Juni mitternachts galt die Fiktion, daß Röhm, Ernst, Heines und Konsorten exemplarisches Deutschtum seien? gnade Gott dem. der den Mur gehabt hätte, die Fiktion zu widersprechen. Und au, St). Juni muß die Regierung selbst bekennen, sie habe sich anderthalb Jahre lang ge- täuscht, viel mehr noch: die Zustände seien ihr wohl be- kannt gewesen, sie habe sie jedoch geduldet, bis sie sie nicht mehr dulden konnre! Vernichtend! Das ganze Ausland wendet sich außenpolitischen Lage Hitlers England-Frankreich Das Pariser„Journal" schreibt: „Es fehlten nur noch die Unruhen in Deutsch- land, um die Leiter der britischen Politik zu überzeugen, daß die Franzofen nicht Unrecht haben, wen» sie die Not- wendigkeit verkünden, die Sicherheit zu organisieren und da- von zn überzeugen, daß das Beste, ivas man tun kann, ist, mir sympathischem Interesse die Kampagne zu verfolgen, welche die Diplomatie des Kabinetts Doumcrguc treibt. Vcr- gessen wir nicht hinzuzufügen, daß cS augenblicklich zwischen England und Frankreich ein iehr bedeutendes Element der Einigkeit gibt. Beide Nationen wünschen in gleicher Weise die Besprechungen über die Flottcnabrüstungen, die soeben be- gönnen haben, um die Revision der Abkommen von Washing- ton und London vorzubereiten, im Sinne einer Verwinde- rung der Größe der Schiffe zu führen." Das„Oeuvre" beschäftigt sich mit der Rückwirkung auf die Außenpolitik Roms uno schreibt: «Wir glauben zu wissen, daß die Reaktion Italiens auf die deutsche» Ereignisse ebenso t i e f«v i c interessant und fruchtbar für die Organisation der inter- nationalen Sicherheit ist... Diese Ereignisse, die im gleichen Augenblick eintreten wie die vollständige Wandlung der Außenpolitik Großbritanniens, sollen eine sehr deutliche Aenderung in der Außenpolitik des Duce herbeigesührt ha- ben. To seien Flotten Verhandlungen im Hinblick auf den Abschluß eine? Mittelmcerpaktes im Zusammenhang mit dem Schwarzen-Meer-Pakt eingeleitet worden, und Jta- lien würde in dem übrigens sehr legitimen Wunsch, einen diplomatischen Erfolg zu erzielen, vielleicht znsammen mit England die Initiative ergreisen, diesen Mittelmeerpakt in den großen diplomatischen Wochen, die uns bevorstehen, vor- zuschlagen." s Wsl die„Dairu nah" „Nicht durch Gewalt und Blutvergießen" Die„D a i l y Mai l", das Blatt des mit Osivald Mosley verbündeten Lord Rothermere, schließt einen ihrer Leitar- likel, dc>> sie einem die Geschichte des englischen Parlament«- rsmus darstellenden Londoner Festspiel widmet, folgender- maßen ab:„Tie Moral von allem ist, baß Britannien mit seinem geordneten Regicrungssystem. das sich mit den Jahr- Hunderten entwickelt hat, keinen Diktator braucht und auch keinen haben wird. Sein Volk hat gelernt, seine Meinungs- Verschiedenheiten durch Abstimmungen und durch vernünftiges Argument und nicht durch Gcivalt und Blutvcr- gießen zu regeln." ab— Verschlechterung der Selhsi SJarfceinherg räch! ah „Deutsche Form des Bolschewismus" Wien, 4. Juli. Der österreichische Vizekanzler. Prinz Starhemberg, kam in einer Rede, die er in Salzburg hie... auf die Vorgänge in Deutschland zu sprechen. Er betonte, wenn Oesterreich auch mit dem ganzen Teutschland sich stark verbunden fühle, so doch nicht mit seinen jetzigen Macht habern, die durch die Ermordung Röhms und seiner Freunde keineswegs ihre Haltung rechtfertigen können und ihre Verurteilung auf andere abladen könnten. Die Oesterreicher würden der Welt zeigen, daß es noch andere Deutsche gibt, die nicht in der Barbarei sich befänden. Der Vizekanzler schloß mit den Worten: „Uns genügt es zu wissen, daß der Nationalsozialismus die deutsche Form des Bolschewismus ist." Die Einkreisung Polen und Frankreich DNB. Warschan, 4. Juli. In Erwiderung des des französischen Generals Debeney demnächst der Inspektor Besuches wird sich General Biolands Meinung Zu bcii Ereignissen in Deutschland schreibt der„N i e u w e Rotte rda msche Courant":„Hitler mutz nun ver- suchen, die Geister, die errief, loszuwerden. Er verfährt wie- der nach dem üblichen demagogischen Rezept. Nun sind weder Worte noch Beschreibungen drastisch genug, um„die Unglück- liche Veranlagung" von Röhm und anderen, die in widerna- türlichen Leidenschaften bestand, zu geißeln. Aber man wußte das alles doch seit vielen Jahren, lange vor der national- sozialistischen Revolution... Millionen und Aber- niillionen von M e n scheu in der ganzen Welt w erden durch diese Enthüllungen die Augen ausgehen... Die ausländischen Journalisten in Verlin sind ermahnt worden, nur„die Wahrheit" zu melden. Jeder weiß, was das bedeutet: die offizielle Wahrheit,— und auch, was die Nichtbeachtung vieler Mahnung bedeuten würde." in Warschau der Inspektor der polnischen Armee, Sosnkowskt. nach Paris begeben. General Sosnkowski hat an den Warschauer Verhandlungen über die Abänderung der polntsch-sranzöstschen Militärkonvention mitgewirkt, die in Paris fortgesetzt werden dürsten. Urteil in ßuOland „Das übliche demagogische Rezept" Die amtliche„Prawda" schreibt: „Es ist nicht ausgeschlossen, daß die faschistische Diktatur unter dem Zwang der eigenen Lage wieder zu dem beliebten Mittel der s o z i ä l c n Demagogie greift, um die Manen mit Hilfe demagogischer Versprechungen, gestützt auf die Bajonette der Reichswehr, im Zaune zu halten. Der Faschismus rechnet zweifellos auch aus Reserven— die Großbauernschaft soivie die Hitler noch Gefolgschaft leistenden anderen Schichten der Landbevölkerung. Heute jedoch, nach den Ereignissen dcS 30. Juni, haben die Faschisten noch ivcniger Grund, ans dauernden Erfolg ihrer demagogischen Versprechungen zu hosten. Tie Steuerlast sowie die Lasten der Wirtschaftspolitik des Finanzkapitals werden die iverk- tätigen Massen immer schwerer drücken. Tic Wirtschaftslage Deutschlands wird nicht besser, sondern schlechter. Dadurch ist letzten Endes die Beschleunigung des Ueberganges der iverl- tätigen Massen von den heute noch passiven Formen des Widerstandes gegen die AusplünderungS- und Unter- drtickungSpolitik zum offenen Klassenkampf der Massen. Wenn aber dies der Fall sein wird— und die Dinge ent- wickeln sich in dieser Richtung—. so s i n d n e u e Z u s a m- m e n st o ß e innerhalb der Gruppierung Hitler—Göring, sowie die Wiederholung der Ereignisse vom 30. Juni nicht ausgeschlossen. Dies ist die Perspektive der Entwicklung. Der deutsche Faschismus wird noch manövrieren, er wiri noch weiter versuchen, seine erprobte Waste des neuen, den Bedingungen angepaßten Massenbetruges in Aktion zu setze». Dadurch wird jedoch der Umfang der Schwankungen der betrogenen Massen vergrößert und zugleich die Ma» növrierfähtgkeit des Faschismus eingeschränkt und dam! die Basis seiner Diktatur verändert. Das erste Clearing Beschlüsse des Schweizer Bundesrats Bern, 4. Juli. Nachdem die Verhandlungen in Berlin in ei» kritisches Stadium geraten ivarcn, konnte in letzter Stunde eine neue BerständigungSgrundlage gesunden wer- den. Tie geht dahin, daß der schweizerisch-dcutsche Zahlungs- verkehr durch ein vertraglich zu vereinbarendes V c r r e ch- n ungs syst emüberdieNoten danken geregelt wer- den soll. Da der in Aussicht genommene Versuchsvertrag erst in einiger Zeit in Kraft gesetzt werden kann, so ist mit der deutschen Regierung vereinbart worden, daß die Bezah- lung schweizerischer nach Deutschland ausgeführter Waren vorläufig in bisheriger Weise erfolgen kann, und daß auch die zusätzlichen Devisenbeträgevon monatlich 500 Mark für deutsche Touristen In der Schweiz wie bis anhst: zur Verfügung gestellt werden. Da vorgesehen ist, baß der Vertrag rückwirkend aus den 1. Juli 1934 in Kraft gesetzt werden soll, so hat baß VolkSwirtschaftsbeparte- ment im Einvernehmen mit der deutschen Regierung verfügt, daß neue Einfuhrbewilligungen für deutsche Waren an die Bedingung geknüpft werden, daß der G e- gen wert vorläufig nicht bezahlt, sondern zur Verfügung der Verrcchnungskajje gehalten wird. Snowden- naedonaid Heftige Angriffe DRB. London, 4. Juli. DaS Oberhaus war am Dienstag- abend Zeuge von heftigen Angriffen des einstigen Schatz- kanzlcrs Lord Snowden gegen seinen früheren Freund, den Ministerpräsidenten Macdouald, aus Anlaß der im neuen Finanzgesctz vorgesehenen Widerrufung der Landstcncrn. Das englische Volk, so erklärte Snoiodcn, sei betrogen worden und Millionen von Wählern hätten ihr Vertrauen in die Ehrlichkeit ihrer Führer verloren. Das Kabinett habe in Macdonald ein williges Jnstument für die konservative Politik gesunden. Es gebe kein Versprechen, das Macdonald nicht brechen werde, und keine Erniedrigung, der er sich nickt unterwerfe, wenn man ihm nur erlaube, sich Minister- Präsident zu nennen. Macdonald sei nur noch ein Werkzeug der Konservativen und werde ictzt als Ausstellungsstück auf den konservativen Rednertribünen gezeigt, nachdem er leine einstige sozialistische Ucberzeugung abgelegt habe. Der Lordkanzler wieö die Angriffe Snowbens als nicht in das Oberhaus passend aufs allerschärstte zurück. Er erklärte dabei u. a.: Der Ministerpräsident ermächtigt mich zu der Erklärung, baß er in einer Zeit der Krise keine andere Wahl hatte, als lebenslängliche Freunde ebenso wie manche seiner ihm am stärksten am Herzen liegenden Ziele für das Wohl des Vaterlandes zu opfern. Vielleicht war er im Un- recht. Ich glaube es aber nicht. ».Deutsche Freiheit", Nr. 152 ARBEIT UMD WIRTSCHAFT Saarbrücken, 5. Juli 1934 Anfarhlsfan Bisher wurden nur 33 Prozent des deutschen Herings- hedarfs in deutschen Häfen gedeckt. Um diesen Prozentsatz zu vergrößern, wurde heute die ganze Organisation des He- ringsfangs umgebaut. Die Fangflotte wurde vergrößert, so daß 170 Schiffe zur Verfügung stehen. Außerdem wurden Flugzeuge zur Dirigierung der Schiffe eingesetzt. Man hofft so 75 Prozent des deutschen Heringsbedarfs zu decken. Gleichzeitig hat man den Versuch begonnen, in der Kieler Bucht Schollen zu züchten. Falls das Experiment gelingt, Will man in der Ostsee Fischzuchten anlegen. Durch Propaganda für den Konsum von Fischen soll den Deutschen das Fleischessen abgewöhnt werden; durch Futtermangel ist nämlich mit starker Erhöhung der Fleischpreise zu rechnen. Das Kurioste aber ist der Plan, die deutschen Austernbänke nieder„auf ihre alte Höhe zu bringen". Der preußische Staat besitzt bei Sylt und anderen nordfriesischen Inseln Austernbänke, die bis 1926 im Betrieb waren, dann aber des geringen Ertrags wegen eingestellt wurden. Die Nazipropaganda behauptet nun, sie werde aus diesen Austerbänken soviel Austern hervorholen, daß die Auster zum Volks» Nahrungsmittel werde. Ein Blick auf die Statistik lehrt, wie groß diese Lüge der Nazipropaganda ist. In den ertragreichsten Jahren brachten die Austernbänke alle zusammen nie mehr als 4 bis 5 Millionen im Jahr. Und daß vor dem Krieg die Auster in Deutschland ein Volksnahrungsmittel gewesen ist, kann der goebbclsisckteste Goebbels nicht behaupten. ♦ Das Einkaufsverbot für Wolle ist verlängert worden. Verboten ist der Kauf von Kammzug, Kämmlingen, Wolle und Gespinsten aus Wolle, soweit hieraus Verpflichtungen entstehen, deren Erfüllung nach den devisenrechtlichen Vorschriften einer Genehmigung der Devisenstellen bedarf.— Der Reichswirtschaftsminister hat die Ausfuhr von Rohkupfer in allen Formen verboten. Breslaus fenraltungs- und Finanzloge Einer in der„Schlesischen Zeitung"(Nr. 161) veröffentlichten Rede des Oberbürgermeisters Dr. R e b i t z k i entnehmen wir folgende Stellen: „Auf Grund des Berufsbeamtengesetzes seien 194städti- sehe Angestellte— hiervon 41 wegen nichtarischer Abstammung und 67 wegen politischer Unzuverlässigkeit— pensioniert oder entlassen worden. Dafür habe man bewährte Kämpfer der nationalsozialistischen Bewegung an deren Stelle gesetzt..." „Die Finanzlage der Stadt bezeichnete der Oberbürgermeister als ernst, besonders hinsichtlich ihres Schuldenstandes." Der Absatz der Gaswerke sei von 59 Millionen Kubikmeter im Jahre 1932 auf 55 Millionen Kubikmeter im Jahre 1933 zurückgegangen. Ebenso betrage der Wasserverbrauch rund 200 000 Kubikmeter weniger gegenüber dem Jahre 1932. Rund 1500 Brennstellen wurden in der Straßenbeleuchtung neu in Betrieb gesetzt. Was den Straßenbahn- und Omnibusbetrieb angehe, so führte der Oberbürgermeister aus, seien die E i n- nahmen zurückgegangen, obgleich die Beförderungsziffer um rund 25 Prozent gestiegen sei. Die Einführung des Zehnpfennig-Tarifes sei zwar nur ein Versuch gewesen; aber trotz des Verlustes sei dieser Versuch noch nicht abgeschlossen, da die Hoffnung bestehe, daß sich die Wirtschaftslage bessern werde." „Immerhin stehe Breslau mit 101,9 Arbeitslosen auf je 1000 Einwohner noch an erster Stelle der deutschen Großstädte. Die wirtschaftliche Fürsorge habe einen Mehrzuschuß von rund 1,4 Millionen erfordert bei noch ständig steigender Tendenz." „Die Stadt Breslau, so führte er aus, sei nicht imstande, den Haushaltplan durch Mnaßnahmen eigener Entschließung zum Ausgleich zu bringen." „Noch heute ist die Finanzlage unserer Stadt bei einem Defizit von rund 16 Millionen bitter ernst, eine ungeheure Summe, deren Ausgleich ohne Beihilfen des Staates mindestens im Plane der vorgesehenen Höhe notwendig ist. Dabei ist noch nicht an eine Tilgung der Defizite der Vorjahre zu denken, die auch nach Durchführung der Umschuldung noch erheblich sein werden. Es kann nicht nachdrucksvoll genug vor der verfrühten Ansicht gewarnt werden, daß Breslau schon bald aus eigener Kraft Herr seiner Finanzlage werden könne." Die SelSsstblockadc Der„SteUnngshrieg" Dr. Eugen Kruschke, Schriftführer des Sachverständigenbeirates der NSBO. teilt einiges über die Auswechslung des Personals der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung mit. Die Nazi übernahmen 26 603 Beamte, Angestellte und Arbeiter. Davon entfernten sie sofort 3372 Arbeitskräfte. Von den 13 Landesarbeitsamtspräsidenten wurden 3 Präsidenten und 6 Stellvertreter entlassen, 4 Präsidenten wurden beurlaubt. Außerdem wurden, sagt der Kruschke;„noch eine sehr große Anzahl von marxistischen Angestellten durch Kündigung außerhalb der Anwendung des Berufsbeamtengesetzes ausgeschieden und durch Nationalsozialisten ersetzt". Wie hoch diese Zahl ist, sagt Kruschke nicht, er deutet es auch gar nicht näher an. Aber ungefähr dreimal soviel Angestellte wie durch das Berufs- beamtengesetz brotlos gemacht wurden, brachten die Nazi in Stellung, nämlich 11 000 neue Kräfte, von denen 50 Prozent SA-Männer sind und Mitgliedsnummern unter 300 000. Kruschke legt Wert auf die Feststellung, daß bei all diesen Brotlosmachungen und Anstellung von Parteibiichbesitzern die Gau- und Kreisleitungen der NSDAP, und NSBO. mitgewirkt haben. Einen krasseren und gemeineren Materialismus hat es doch in keiner politischen Bewegung gegeben. Motto:„Gott strafe EnglandV (Deutscher Gruß aus dem Jahre 1914.) In wenigen Wochen werden genau zwanzig Jahre vergangen sein, seitdem England die Blockade über die deutschen Küsten verhängte. Damals schrie die offizielle Presse auf, daß dies der brutale Krieg gegen die Zivilbevölkerung, der Mord an Frauen und Kindern sei. Die Begrüßungsformel „Gott strafe England!" wurde zur Vorläuferin des heutigen „Heil Hitler!" Was damals das größte Verbrechen einer auswärtigen Macht gegen das deutsche Volk genannt wurde, das führt die jetzige nationale Regierung von innen her ein, sie verhängt über Deutschland die Selbstblockade. Die Entwicklung zu diesem Schritt entbehrt nicht eines pikanten Reizes: Erst hieß es, daß man für den Fall eines kommenden Krieges Deutschland gegen eine erneute Hungerblockade wappnen müsse. Nun kann man den Krieg der andern gar nicht abwarten, man führt zur Probe Krieg gegen sich selber! Ein Krieg ist zwar noch nicht—- aber die Blockade ist schon da. In den Reden der braunen Halbgötter handelt jetzt regelmäßig ein bedeutsamer Abschnitt von Ersatz. Hitler, Goebbels, Göring— keiner verfehlt darauf hinzuweisen, daß die Welt demnächst das Wunder der deutschen Ersatzstoffe erleben werde, die dem gesamten internationalen Handel ein anderes Gesicht geben würden. Man muß fast glauben, daß nur übergroße Rücksicht auf die ausländischen Erzeuger von Gummi, Baumwolle, Benzin usw. bisher die Deutschen davon abgehalten habe, von den Möglichkeiten ihres reichen Erfindergeistes ausgiebiger Gebrauch zu machen. Freilich, die Deutschen im Alter von Dreißig aufwärts haben auch noch einige Erinnerungen an die Qualitäten dieses Ersatzes: Sie erinnern sich der Hemden, die im Waschkessel sich in Gallert auflösten, sie erinnern sich an die Anzüge, die zu Zunder zerfielen, wenn man sie einige Wochen lang getragen hatte, sie erinnern sich einer Auto-Ersatzbereifung, deren Stößen kein menschlicher Magen gewachsen war usw. usw. Aber das soll inzwischen alles viel, viel besser geworden sein: Synthetischer Kautschuk, Zellulose-Stoffe, Braunkohlen- Benzin. Warten wir's ab. Jedenfalls war das meiste der Ersatzstoffe bisher mit den Naturprodukten nicht konkurrenzfähig, denn sonst hätte es konkurriert. Man wird zum mindesten für schlechtere Qualitäten höhere Preise zahlen müssen, als bisher für die guten. Ganz dunkel bleibt dabei, welchen„Ersatz" man für jene Zweige des Erwerbslebens finden will, die ausschließlich auf dem Außenhandel basieren, vor allem für Schiff- fahrt und Schiffsbau. Man kann doch nicht schließlich bloß zu„Kraft und Freude" Schiffe bauen, die dann obendrein noch so schlecht navigiert werden, daß sie stranden. Wenn jetzt der deutsche Außenhandel, worauf alles hinweist, gänzlich einschrumpft, werden voraussichtlich Hamburg und Bremen Hakenkreuz-Flaggengala anlegen! Immerhin, Hitler kann sagen, daß er wenigstens einen seiner Programmpunkte ganz oder nahezu ganz erfüllt hat: die vielgepriesene Autarkie ist auf dem Wege, sich zu vollenden. Nur muß das Volk nun feststellen, daß es noch schlimmer ist, wenn Hitler seine Versprechungen erfüllt, als wenn er sie nicht erfüllt! Allerdings sehen wir schon die Stelle, wo der Autarkie das erste empfindliche Loch droht: Deutschland befindet sich, wie ein großer Teil Europas, in der Gefahr einer Mißernte infolge des überaus trockenen Frühjahrs. Das Getreide steht dünn und ist stellenweise notreif geworden, die Kartoffeln sind zurückgeblieben und noch winzig klein, der erste Grasschnitt war fast ertraglos. Natürlich kann ein Wetterumschwung einiges, wenn auch nicht mehr allzuviel retten. Immerhin: man liest bereits, daß angesicht» des drohenden Mißergebnisses der Kartoffelernte den Landwirten der verstärkte Anbau von Kohlrüben anbefohlen wird, und da überschleichen einen allerhand Erinnerungen! Die Menschen werden ja nun irgendwie durchkommen, aber das liebe Vieh ist in diesem Punkte anspruchsvoller: wenn kein Futter da ist, muß man es abschlachten, denn unterernährtes Vieh ist lediglich fressendes Kapital. So entsteht die nicht uninteressante Frage, womit die autarken Herren Devisenverwirtschafter die notwendige vermehrte Einfuhr von Futtermitteln finanzieren wollen, oder ob sie es zu einer Massenabschlachtung wie im Kriege kommen lassen wollen,— der„Schweine"-Schmidt kann ja da nähere Auskünfte geben! Eine Mißernte dürfte jedenfalls dem deutschen Volke Wert und Nutzen der nationalsozialistischen Autarkiebestrebungen in besonders deutlichem Lichte zeigen. Zum Ersatzstoff wird dann auch noch die Lebensmittelkarte treten. Ganz wie im Kriege... Obgleich doch, wenn man es genau besieht, gar kein Krieg ist. sondern„nationaler Aufstieg". Und keine Blockade, sondern Moratorium von Schachts Gnaden... Seltsam, daß diese Dinge einander so ähnlich sehen! Bald dürfte der deutsche Gruß lauten: „Gott strafe Hitler!" Julius Civilis Die Le&ensversldiernitgen ISZ3„ledern Deufsdien seine Sdiolle' Der Kapitalertrag des Versicherungsbestandes ging 1933 um 81,7 Milionen RM. zurück. Die Versicherungssumme erreichte mit 17,3 Millionen Mark in der Mitte des Jahres ihren Tiefstand. Es gelang durch Gruppenversicherungen den Versicherungsbestand zu erhöhen; doch drängte das Publikum einige Zeit hindurch zu diesen Gruppen Versicherungen nur, um sie vor dem Verbot noch durchzubringen. Das Verbot der Gruppen Versicherungen erfolgte Mitte Dezember 1933. Der Durchschnittsbetrag der einzelnen Versicherungssumme ging gegen 1932 um 10 Prozent auf ca. 1000 RM. zurück. Die Prämien einnahmen ergaben 1933 721,4 Millionen RM. gegenüber 749,3 Millionen im Jahr 1932. Der Zuwachs der Vermögensanlagen im Neugeschäft war mit 377,4 Millionen geringer als 1932, er betrug damals 395 Millionen RM. Von der Möglichkeit des Rückkaufs wurde 1933 weit stärker Gebrauch gemacht als 1932. Die Zahlen werden charakteristischer Weise nicht angegeben!— Zur Verdunkelung der künftigen Statistik wird bereits jetzt mitgeteilt, daß diese so„vereinheitlicht" werden wird, daß nicht mehr die Zahl der Versicherungsverträge, sondern die durch Verträge versicherten Personen gezählt werden sollen. Aufwerfung ameriftanfsdier Versicherungen Die Reichsgemeinschaft amerikanischer Versicherten e. V., Berlin W. 50, Tauentzienstraße 20, teilt uns mit: Die Frage, welche Aufwertung die amerikanischen Versicherungsgesellschaften den deutschen Markversicherten zu zahlen haben, soll demnächst endgültig vom Reichsgericht in einem dort gegen die New York Life Insurance Company anhängigen grundlegende# Rechtsstreit entschieden werden. In diesem ist geltend gemacht worden, daß die Grundsätze des Reichsgerichtsurteils vom 28. Juni 1932 für die Aufwertung ausländischer Lebensversicherungen anzuwenden seien, und daß demnach unabhängig von den im Auf- wertungsstockvcrfabren durch den Treuhänder gemachten Zahlungen eine Aufwertung nach allgemeinen Rechtsgrundsätzen stattzufinden haben. Diese Ansicht wird erneut von dem bekannten Kenner des Aufwertungsrechts, Excellenz Mügel, vertreten. Inzwischen sind die amerikanischen Gerichte auch in der Berufungsinstanz über die russischen Rubelfälle ebenfalls zn einer den Versicherten günstigen Einstellung gekommen, und haben die in Anspruch genommene amerikanische Gesellschaft verurteilt, den Versicherten den vollen Goldwert ihrer Einzahlungen nebst Zinsen zuriiekzuvergüten(Urteil in Sachen Dougherty gegen Equitable, Juni 1933). Die deutschen Versicherten erheben aufgrund der ihnen bei Abschluß der Verträge gemachten Zusicherungen Anspruch darauf, daß sie einen Ausgleich erhalten, der über die geringe im Aufwertungsstockverfahren gezahlte Quote erheblich hinausgeht. Es ist zu erhoffen, daß nunmehr auch das höchste deutsche Gericht in dieser Frage eine Stellung einnimmt, wie sie der Entscheidung der Gerichte im Heimatstaat der Gesellschaften enUii L* Die jetzt bekanntgegebenen Zahlen über die Siedhmgs- tätigkeit unter dem System Hitler zeigen deutlich, daß auch auf diesem Gebiet, auf dem die Nazi ein Paradies versprachen und das sie in ihrem agitatorischen Geschwätz immer wieder in den Vordergrund stellen, glatt versagt haben. Im Jahre 1933 wurden 4571 Neusiedlerstellen mit 55 000 Hektar Gesamtfläche geschaffen; 1932 aber, als Hitler und die braunen Gesellen ihr Prinzip von Blut und Boden noch nicht zum Staatsprinzip erhoben hatten, wurden 9046 Neusiedlerstellen mit 102 000 Hektar Gesamtfläche geschaffen. Einige Detailzahlen sind aufschlußreich: in Kochs Ostpreußen wurden 1933 687 Stellen mit 8800 Hektar, 1932 1490 mit 17 700 Hektar geschaffen. In Brandenburg— wir setzen die Zahlen aus dem Jahr 1932 in Klammern— 1933 607(1133), in Pommern 533(2312), in der Grenzmark 91(223), in Niederschlesien 419(1078), Schleswig-Holstein 191(481), Obersdilesien 469(759), Mecklenburg 586(888). Lediglieh in Hannover und in Oldenburg wurden 1933 mehr Siedler- steilen errichtet als 1932 und zwar: Hannover 556(325), Oldenburg 127(12). Die Deutschen sparen Der Aprilausweis der Sparkassenstatistik behauptet, daß in den deutschen Sparkassen 11,669 Milliarden RM. liegen. — Weit bezeichnender als diese Zahl ist die Tatsache, daß die Sparkassenbücher von fast einem Drittel aller Spare* Beträge unter 100 Mark enthalten. Von 22 Millionen Sparkassenbücher weisen 7 Millionen Beträjf' antor lOT Mark auf. ZoIIeinnnahmen sinkend Die jetzt bekannt gegebenen Zoflerträgnisse für 1933 trugen 1044 Millionen RM.; 1932 betrugen die Zolleinnahmerund 1156 Millionen RM. Schiffahrt— passiv Die Deutschostafrika- und Woermann-Linie hatte 1933 einen Verlust von 6 Millionen Reichsmark. Außenhandelsmonopol oder Kriegswirtschaft? Der„Wirtschaftsdienst" meldet:„Der Führer der Wirtschaft hat nachstehende Anordnung erlassen: Mit Rücksicht auf eine bevorstehende Zusammenfassung der Außenhandelsaufgaben der deutschen Wirtschaft haben bis auf weiteres organisatorische Veränderungen der bisher auf dem Gebiete des Außenhandels tätigen Organisationen ohne meine Zustimmung zu unterbleiben." Zunahme der Auswanderung Die Auswanderung von Deutschen nach Uebersee, die seit 1927 ständig abgenommen hat, hat 1933 erstmalig zugenommen. Gegen 1932 beträgt die Zunahme 24 Prozent. Zu diesen Zahlen stellt der„Wirtschaftsdieust" ausdrücklich fest, daß die politische Auswanderung hier nicht einbegriffen ist, da diese gewöhnlich über die deutsche Landgrenze stattfindet. Die stärksten Abgabegebiete neben den Hansestädten sind .Württemberg und Baden. "SB""—T .Deutsche Freiheit- Nr. 152 Das bunte Blatt Donnerstag, 5. Jnli 1984 Das Uoffergeheimms von Vrighton ist Englands Tagesgespräch geworden... Die furchtbare Entdeckung im Gepäckraum des Bahnhofs N rights», wo man bekanntlich in einem Koffer mehrere Leichenteile aufgesunden hat, bildet in diesen Tagen das einzige Gesprächsthema der britischen Bevölkerung. Die Rennen, die Abrüstung, Max Baer, Hitler und Hockey sind völlig in den Hintergrund gedrängt. Auf den Frontseiten der großen Blätter prangen die alarmierendsten Schlagzeilen. Eine Zeitung hat von sich aus Söll Pfund Sterling Be- lohnung ausgesetzt. Jeder ehrbare Bürger fühlt sich ver- pflichtet, seine persönliche Unschuld an dem Verbrechen nach- zuweisen und zu dessen raschester Aufklärung beizutragen. Tcotland Aard, das berühmte Hauptquartier der Londoner Polizei, hat sich zum erstenmal in seiner langjährigen Tätig- keit per Radio an die Oefientlichkeit gewandt und sie ein- dringlich um ihre Mitarbeit ersucht. Seitdem läutet bei der Mordkommission ununterbrochen das Telefon. Die Spuren häufen sich, zahlreiche Briese lausen ein. Dabei will man vor- läusig gar nicht den Mörder fassen, sondern wäre froh, wenn man erst einmal sein Opfer identifiziert hätte... Klargestellt ist bisher, daß der Torso von Sriichton und die dazugehörigen Beine, die man in einem anderen Koffer auf Kings Croß Station gesunden hat, von einem schwangeren jungen Mädchen aus offenbar guter Familie herrühren. Da aber allein in Brighton 17 junge Mädchen von ihren Eltern vermißt werden, und die verloren ge- gangenen Frauen im übrigen England nach Hunderten zählen, kann man sich eine Vorstellung machen, wie schwierig es sein wird, die Persönlichkeit der Ermordeten festzustellen. Vielleicht wird der dritte Koffer, den man soeben auf Shatham Junction gefunden hat, neue Anhaltspunkte er- geben. Er enthält einen Revolver, ein Messer, und ver- schiedene weibliche Kleidungsstücke. Das Gepäckstück wird gegenwärtig auf Scotland-Äard sotochemisch untersucht. Die Spuren, die nicht durch Gegenstände, sondern durch Menschen ausgezeigt wurden, haben sich bisher als wenig aufschlußreich erwiesen. Das Verschwinden der Amerikanerin Anni Tugverstone, das anfänglich mit dem Fund von Brighton in Zusammenhang gebracht wurde, hat nicht das Geringste mit ihm zu tun. Auch die Aussagen dft Mrs. Ford aus Sheffield haben sich als eine Fehlanzeige heraus- gestellt. Diese Dame behauptete erstens, ihre Tochter sei seit einem Monat spurlos verschwunden. Zweitens habe sie selbst die Silbe„ford" auf das Packpapier geschrieben, in das die Leichenteile eingewickelt waren. Sie schreibe ihren Namen immer klein und habe das Papier seinerzeit ihrer Tochter mitgegeben. Diese ist aber inzwischen rasch aufgetaucht und Familie ckobel-arm In einem einfachen Hause der kleinen Stadt Lcopoldstadt in Böhmen leben in der tiefsten Armut zwei alte Damen. Sie nennen sich Katharina und Janka Nobel. Sie beweisen an Hand von Dokumenten, daß sie direkt von Alfred Nobel abstammen, dessen großzügige Stiftung seinen Namen trägt. Ihr Vater, Karl Nobel, war ein Vetter von Alfred. Nach dem Tode dieses letzteren begab sich ein Budapester Anwalt nach Stockholm und stellte dort fest, daß der Großvater Alfred Nobels aus der Gegend von Tolna in Böhmen stamme, das er im Alter von zwanzig Jahren verlassen hat. Ein an- gestrengter Prozeß verlief ohne Erfolg und die schwedischen Mitglieder der Familie Nobel bestritten jegliche Erbschafts- anspräche der Abkömmlinge Karls. Eine Freundin der bei- den alten Damen, die in Amerika lebt, teilte diesen mit, daß ein Mitglied ihrer Familie aus Neuyork ein Schreiben von Alfred Nobel besitze, in welchem er erklärt, ungarischer Ab- stammung zu sein.4 Sie starrte mich an, als sähe sie mich nicht. „Weißt du, was das heißt, diese Sommernächte, wenn der Jasmin duftet und in unserem Garten die Nachtigallen schlagen? Nein, du findest das nur poetisch. Ich will aber keine Poesie, ich will das Leben, das wirkliche Leben." Ich suchte verzweifelt nach dem rechten Wort) wenn ich es nicht finde, dachte ich bei mir, so verliere ich Claudia für immer. „Willst du reisen, Liebling?" fragte ich.„Wir könnten den Winter an der Riviera verbringen." Insgeheim hatte ich Angst, daß sie ja sagen würde. Ich liebe den stillen Winter hier so sehr. Die grauen Nebel- schleier, die vom See aussteigen, erscheinen mir wie gütige Geister, die die Erde, die Tiere und Menschen in ihre Hui nehmen. Ich liebe die schneeweiß verschneiten Wege des Gar- lens, die entlaubten Aeste der Bäume, die sich zart wie eine japanische Zeichnung am Horizont abheben, und die langen Abende vor dem Kamin, wenn die Flammen sich im Gold- ichnitt der alten Bücher spiegeln, und aus dem Buch, das man liest, eine schöne reine freie Welt aussteigt, geheimnisvoll und dennoch vertraut, wenn ich belanglos alte Frau mit erlauchten Geistern verkehren darf, mit Dante und Shakespeare, mit Lessing und Brentano, mit Heines bitter- süßen Gedichten und mit dem heiligen Tor Don Cervantes. Werde ich dieses Jahr auf all das verzichten müssen, unter lauter vulgären Menschen leben, umtobt vom Gebrüll der Jazz, die Augen von grellen Farben geblendet? Das Opfer blieb mir erspart, doch konnte ich keine Freude darüber empfinden. Claudia zuckte die Achseln und fragte höhnisch: „Die Riviera? Soll ich dort mit Kokotten konkurrieren? Oder soll ich, wie Zier, still und vornehm sein, nur mit Menschen umgehen, die dir gefallen, mit Schotten, mit Gespenstern aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt? Nein, Mutter, dazu ist es zu spät." Sie drehte sich um und ging. Ich blieb sitzen, eine Bleilast auf der Brust, ein furchtbares Schuldbewußtsein im Herzen. Ich haßte mich selbst, weil ich Claudia nie verstanden, und haßte meinen toten Mann, von dem sie all das, was mir unverständlich war, geerbt hatte. Von diesem Tag an habe ich auf seltsame Art das Maß der Zeit verloren. Ein Tag floß in den andern über wie ein böser Traum nachts in einen andern übergeht. Claudias Selbstmordversuch, die Monate, die sie in einer Nervenheilanstalt verbrachte, waren nur der Höhepunkt dieses Alp- drucks. Als sie aus der Heilam^ilt heimkam, fürchtete ich mich vor ihr, nein, nicht vor ihr? sondern vor dem Etwas, das in ihr lebte und sie beherrschte, dem Etwas, das ich nicht verstand. Der stille Friede, der mich so lange beglückt hatte, war ver- schwunden, die Wirklichkeit hatte sich in meinem Haus nieder- gelassen und wollte nicht dulden, daß ich ihr entfliehe. Und diese Wirklichkeit verfolgte mich auch von außen. Ich hatte mich nie für das Leben der Straße, für Politik und Wirt- schast interessiert. Als im Jahre achtzehn der Umsturz kam, freute ich mich, weil er dem Krieg ein Ende bereitete. Und ich freute mich auch, weil es den Anschein hatte, als ob jetzt für uns eine Zeit der Gerechtigkeit anbreche. Ich bin immer viel zu stolz gewesen, um mir auf meinen Adel etwas einzu- bilden. Für mich hat er stets eine Verpflichtung bedeutet: wir hatten Vorrechte, aber gerade deshalb hatten wir auch doppelte Pflichten. Insgeheim kühlte ich häufig, daß unsere Zeit vorüber sei, als Klasse, nicht als Menschen. Wenn ich mich trotzdem mit den wohlhabenden Bürgerlichen nicht an- freunden konnte, so nur deshalb, weil ihnen das Selbstver- ständliche des vollwertigen Menschen fehlte, die Sicherheit, die ich immer mehr und mehr bei den Arbeitern fand. Mit Zritz, Wij meiner mim AM M auch mit ihrem SntpUj Wohlerworbene Rechte Wenn Pizarro und Cortes bei ihrer Eroberung der Neuen Welt sich auch nicht gerade sehr sanst gezeigt haben, so hatten sie doch gewisse Achtung vor dem verzweifelten Mut der Un- glücklichen. So wurde auf Verlangen von Fernandos Cortes der Tochter des Kaisers Montezuma eine Pension zu- gesprochen: diese wurde deren Nachkommen auch regelmäßig bezahlt, und zwar nicht nur durch die spanische Regierung, sondern später auch von Mexiko.— Jedoch hat sich die Familie des Montezuma seit dem 16. Jahrhundert als sehr fruchtbar erwiesen. Sie zählt augenblicklich mehr als 300 Mitglieder und die mexikanische Regierung weigert sich jetzt, ihre Freigebigkeit weiterhin fortzusetzen. Das Oberste Ge- richt in Mexiko hat der Regierung Recht gegeben, indem es die Nachkommen des Kaisers mit ihrer Klage, die sie gegen den Staat anhängig gemacht haben, abgewiesen hat. Abgeordnete in Uniform Ein ehrenwerter amerikanischer Abgeordneter, Mr. Somers, hat den Gesetzesvorschlag eingebracht, die Mitglieder des Repräsentantenhauses mit einer Uniform zu versehen. Bekanntlich haben auch schon die fünfhundert Männer der französischen Revolution Uniformen getragen. Doch Mr. Somers geht noch weiter: er verlangt eine schwarze Uni- form für die Republikaner und eine weiße für die Demo- traten. Wenn diese Maßnahme in allen Ländern durchgeführt würde, würde das Halbrund der Parlamente einen bunten Anblick bieten. Der linke Flügel würbe immer in tiefes Rot getaucht sein, während der rechte je nachdem in weißen, gelben oder braunen Schattierungen schillern würde. Peking- der neueste Modeort! Peking stirbt, Peking ist tot! So haben sich während der letzten Jahre alle geäußert, die Gelegenheit hatten, die alte chinesische Hauptstadt zu passieren. Sie haben nicht mit dem realistischen Geist Tschangkaischeks gerechnet, der aus den alten Glanz der kaiserlichen Palaststadt verzichtet hat, um aus ihr ein internationales Touristenzentrum zu machen. Er wird die modernsten Werbemethoden anwenden, um die Reize der Stadt zu schildern. In ihrer Umgebung wird ein großer Lufthasen erbaut werden. Per Flugzeug ist Peking von Paris aus in zwei Tagen zu erreichen. Vielleicht wirb China bald die neue Ferienmode sein! Vogelschlacht Aus Japan wird ein Geschehnis gemeldet, das wie ein Kindermärchen anmutet. Die Ufer des Hamana-Sees sind augenblicklich übersät mit Hunderten von Vogelleichen, die Folge einer wirklichen Schlacht, die sich ungefähr tausend Raben und einige hundert Geier letztens in einer Nacht ge- liefert haben. Die Geier haben eine Rabenkolonie, die sricd- lich in einem Gehölz in der Nähe des Sees hauste, überfallen und angegriffen: Verstärkungen sind für beide Teile ein- getroffen und bis zum Morgengrauen wurde mit er- bittertstem Grimm gekämpft.— Bald wird sich auch der Dichter finden, der von dieser Schlacht singen wird... Frau piccard folgt ihrem Satten Wie aus Amerika gemeldet wird, ist Frau Piccard, die Gattin des berühmten belgischen Professors, im Begriff, ihr Ballon-Piloten-Examen zu absolvieren. Sie hat sogar schon einen Aufstieg in dem Ballon eines ehemaligen Verteidigers des Gordon-Bennet-Cups versucht und ist nicht weniger als zwölf Stunden in der Lust gewesen. Frau Piccard rechnet damit, den Stratosphären-Ballon ihres Gatten bei dem nächsten projektierten Ausstieg zu führen. Sollte Professor Piccard damit einverstanden sein, so wird die eheliche An- hänglichkeit dieser mutigen Frau wohl sprichwörtlich werden. der mich zuerst nicht leiden konnte, fiel es mir leicht, be- freundet zu sein, aber wenn ich die Frau Doktor Feldhüter traf und sie mich mit Liebenswürdigkeiten überschüttete, wenn sie bald eine unechte Bescheidenheit, bald eine ebenso unechte Großartigkeit an den Tag legte, wurde ich verlegen und fand keine Worte. Und diese Unechtheit, dieses falsche Pathos griff in den letzten Jahren immer mehr um sich. Zuerst beachtete ich es kaum. Aber es wurde so aufdringlich, es brüllte seine törichten Schlagworte so laut hinaus, daß man sie hören und beachten mußte. Ein neues Deutschland schien im Werden begriffen, nicht das verfeinerte, vielleicht nicht länger gültige der Dichter, aber auch nicht mehr das lebensnahe ehrliche der ersten Jahre nach dem Krieg. Eine verlogene barbarische Schar begann die Straße zu be- herrschen. Ja, das ist das richtige Wort. Barbaren, aber Barbaren, nicht wie die Alten, sondern ausgerüstet mit der Waffe einer Zivilisation, der ihre Taten und Worte Hohn sprachen. Ich erinnere mich noch an den Wahltag des Jahres 1030. Mein Hausarzt, der Doktor Bär, ein seiner und gütiger Mensch, hatte mich wegen einer kleinen Krankheit, ich weiß nicht mehr was es war, besucht, und wir hörten im Radio— Claudia hatte sich eines gekauft— die Wahlnachrichten. Es war ein so wunderschöner Tag. Die sanfte Herbstwehmut, die süße Trauer eines Vergehens, aus das eine Auferstehung folgt, lag in der kristallhellen Luft, und nur die mißtönende Stimme des Lautsprechers durchbrach den Frieden. Den hol- den Frieden, hätten meine Lieblingsdichter gesagt. Wir lauschten bei dem Wahlbericht, und Doktor Bär sah sorgen- voll drein. Ich konnte die Nachrichten nicht fassen, nicht be- greifen. Lügner, Betrüger, Mörder hatten Stimmen er- rungen, Menschen, die es nur daraus abgesehen hatten, ander« zu betrügen, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Was nützte uns unsere ganze Zivilisation, was nützten die guten Schulen, was unsere Kultur, wenn diese Menschen, angeführt von einem gewissenlosen Charlatan, einem größenwahn- sinnigen Irren, einem Feigling, die Macht errangen? 1L»rtjetzung D Drlestergreucl Ein katholischer Pfarrer hat über den Pfingstgeist gepredigt und wird dafür eingesperrt Karlsruhe,^ Juli. Das Geh. Staatspolizeiamt meldet: Auf Veranlassung des Geh. Staatspolizeiamtes wurde durch den Herrn Innenminister am Samstag, dem 30. Juni, der Stadtpfarrer Dcppisch von Osterburken in Schutzhast genommen. Stabtpsarrcr Deppisch hat in zahlreichen Aeußerungen dritten Personen gegenüber eine Gesinnung an den Tag gc- legt, die eines Seelsorgers und Deutschen unwürdig ist. U. a. erklärte er, dan alle Katholiken des Saar- gebiets für Frankreich stimmen würben Die gesamte SA. sei beurlaubt bis August. Das bedeute Krieg. An Pfingsten erklärte Deppisch von der Kanzel herab, dag das schönste Piingstgcschenk für den Papst die öfter- reichliche Verfassung sei. Diese Verfassung sei für die Kirche der Idealstaat. Die Predigt leitete Deppisch mit den Worten rin:«Ich predige heute nicht vom Geiste Benins oder Potsdams oder von einem Geiste, wovon so viel geredet wird. Heute predige ich vom P f i n g st g c i st und der wird siegen." Ttadtpsarrer Dcppisch, der früher als eifriger Zenirumsmann bekannt war, glaubte seine hetzerische Tätig- keit in letzter Zeit ivicder verstärkt aufnehmen zu können und Hai es verstanden, vornehmlich die weibliche Ve- »ölkerung Osterburkens gegen den heutigen Craat und die NSDAP, a u s z u>v i e g e l n. Nach Bekanntgabe der Festnahme versammelten sich Teile der durch den Stabtpsarrer Deppisch seit Monaten mit allen Mitteln «entrümlicher Rabulistik verhetzten Bevölkerung, um ihren Protest gegen die Festnahme kundzutun. Gendarmerie und rasch herbeieilende SA.-Männer räumten den Marktplay und stellten in wenigen Minuten die Ordnung wieder her. Die Folgen dieser fanatischen Wühlarbeit des Stadt- Pfarrers Teppisch zeigte bereits ihre Früchte bis tief hinein in das Familienleben, denn nach der Festnahme verletzte der Vater eines Hitlerjungen seinen eigenen Sohn durch schwere Schläge, iveil derselbe Mitglied der HJ. ist. Eine Mutter lagt ihr eignes Kind aus dem Elternhause, ebenfalls ivegen dessen Zugehörigkeit zur HJ. und nannte es„Höllensohn". Beide Jungen, die durch diesen unchristlichcn, neuentkachten Zcntrumshaß durch die eigenen Eltern aus der Familie, von Haus und Hof verstoßen wurden, konnten durch die Fürsorge und Hilse des Gcbietssührcrs Kemper in Karlsruhe untergebracht werden. Venn Streicher reist Ein Ereignis: von Dortmund nach Nürnberg „Ich will Männer als SA.-Führer sehen und keine lächerliche» Assen." Adolf Hitler am l. Juli 1934. Am 2. Juli berichtet Streichers„Fränkische Tageszeitung" Mit grobem Bild: Frankenführer Julius Streicher traf gestern vor- mittag, von Dortmund kommend, mit dem Junkersver- behrsflugzcug D. 1843 aus dem Nürnberger Flughafen ein. 'Zst seiner Begrüßung hatten sich SA-Gruppenführer von Obernitz, Ttcllvcrtr. Gauleiter Holz, Adjutant S.an- Anflfasdilstisdie front an der Saar Ein gemeinsamer Aufruf Die Verhandlungen zwischen der Sozialdemokratischen Landespartci des Saargebictes und der Kommunistischen Partei Saargebiet haben zum Erfolg geführt. Es besteht nunmehr an der Saar eine antifaschistische Front, die sich mit einem Ausruf an die Oefscntlichkeit wendet. Wir entnehmen ihm die folgenden Stellen: N i e in a I s darf die deutsche Saar an dieses Regime von Henkern und blutbesudelten Abenteurern ausgeliefert wer- den. Weil wir unser deutsches Volk lieben, iveil wir es vor neuen Kriegsichrecken bewahren und weil ivir es aus der modernen Leibeigenschaft des reaktionärsten Kapitalismus unserer Tage befreien wollen— deshalb kämpfen mir für die Niederlage und den Sturz der Hitler-Diktatur! Stürmisch entfaltet sich die kämpfende Einheitsfront an der Saar gegen den Hitler-Faschismus. Schon marschieren sozialdemokratische und kommunistische Arbeiter Schulter an Schulter und ihre prachtvolle Aktionseinheit übt eine tiefe Wirkung auf die bisher verführten Werktätigen der sogenannten„deutschen Front" aus. In dem Willen, diese Einbeitsfront zu einer unwiderstehlichen Flut des antifaschistischen Kampfes anschwellen zu lassen, haben die Sozialdemokratische und die Kommunistiiche Partei des Saargebietes beschlossen, gemeinsam den Kamps gegen den Anichlust des Saaraebietes an ein Hitler- Deutichland zu führen und im Falle einer Abstimmung für die Formel: Beibehaltung der bestehenden Nechis- ordnung" als dem verhältnismäßig günstigsten Kamps- boden sstr die Werktätige» einzutreten und sitr dos Selbst- verwaltungS- und Telbstbcftimmungörcch» der deutschen Saarbevölkerung zu kämpfen. Um Hitler an der Saar zu schlagen, rufen die Kommunistische und die Sozialdemokratische Partei die Arbeiter und das ganze Saarvolk zur Durchführung von gemeinsamen Aktionsmastnahmen gemein,amen Kundgebiingeu, Bersamm- hingen und Demonstrationen gegen den Faschismus, für die Befreiung aller alitifaüfnstiichen Gefangenen, insbesondere Thälmanns Klühs', Torglers, Mierendorfb, Ossietzkus usw. aus. Bildet i ni ganzen Saargebiet c i n h e i t- l' chc K a in p s k o m i t c c s gegen den Ans ch l.u st an ein Hitler-Deutschland! Bereinigt Euch zum Selbstschutz aller Antifaschisten für die Sicherung von Leben, Wohnung und Eigentum gegen den Terror der Hitler- Banden. Kämpft für die Bersammlungs-, Temvnstrationö-, dartenssihrer König, OberregierunySrat Dr. Martin sowie Julius Streichers Sohn Lothar eingefunden. Kurz nach in Uhr rollte die Maschine auf dem Flugfeld Nürnberg an. Von den Anwesenden freudig begrüstt, entstieg unser Frankensührer der Maschine der— über diesen Emp- sang sichtlich erfreut— jedem der Anwesenden die Hand drückte. Todann schritt der Frankenführer die Front des an- getretenen SS.-Ehrenfturmes ab. Nasch hatte sich die Mitteilung von der Ankunft des Frankenführers verbreitet, so dast sich eine gröstere Menschen- menge vor dem Flnghäseng'•fiait'Sc angesammelt hatte, die in ehrfurchtsvollem Schweigen der Abfahrt des Gauleiters in die Stadt beiwohnte. Presse- und Koalitionsfreiheit, gegen die Faschisicrung von Verwaltung, Justiz und Exekutive und deren Terror gegen die Antifaschisten, für die Entfernung aller'aschistischen Elemente aus diesen Körperschaften, für die Ausmerzung aller Gleichschaltungsmastnahmeii der Hitlerfront. Schlicht Euch fest und restlos zum gewerkschaftlichen Kamps zusammen! Kämpft für die Erhöhung der Löhne. Renten und Unterstützungen und die Verbesserung aller sozialen Errungenschaften, gegen faschistischen Bctrievsterror und für den möglichst lückenlosen Ausammenschluft aller Ar- beiter, Angestellten und Beamten in den Gewerkschaften unter Bekämpfung aller Gelben! Die Sozialdemokratische und die Kommunistische Partei erklären, dast sie ungeachtet ihres Willens, die Aktionseinheit der sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiter herzustellen. ihre prinzipielle Auffassung über das Ziel und die Taktik der sozialistischen Arbeiterbewegung und ihre organisatorische Selbständigkeit aufrechterhalten. An das ganze Taarvolk wenden wir uns zur Aufrichtung' einer wuchtigen und allumfassenden Frvn?. ES geht um die Eristenz und da? Wohl unserer deutschen Saarheimat und unseres ganzen deutschen Volkes! Deshalb vorwärts, Antifaschisten in Stadt und Land, ge- tragen von unserer Tiegcsgewihhcit wollen wir Hitler schlagen! Es lebe die kämpfende Einheitsfront der Werktätigen, es lebe die antifaschistische Front! für dSe 50'iaifleToftratfsdie leiulesparfet des 5sargev e es: Max Braun rar die Honiroaiüs'lsdie Bar ei SaarCeMel: frilz Piorüi hoch aus der flucht Koblenz, 3 Juli 1884. Seit zwei Tagen ist der Grnp, pensiihrer Koch flüchtig, nachdem er zuvor noch einen am Putsch gegen Hitler nicht mitmachende» Stnrmsithrcr»us Gefängnis überführen liest. Sämtliche Züge aus dem Reich nach dem Saargebiet sind dreifacher polizeilicher Kontrolle unterzogen, um Koch zu fassen. Der SA.-Gruppenführer Koch, der jetzt gehoben ist und wahrscheinlich als Emigrant im Auslände lebt, war ein Freund und Kriegskamerad Heines. Er ist erst kurz nach Ostern von der Untergruppe Liegnitz nach Koblenz versetzt worden. Ihm unterstand auch das Saargebiet. Heines Aus Schlesien wird un? geschrieben: Der Polizeipräsident von Breslau. Obcrkommandant der «A. im ganzen preustischen Osten, ehemaliger Sonder- beauitragter zur Durchführung der nationalen Konterrevolution in Pommern und Mitglied des preußischen Dekorationsstaatsrates Edmund Heines ist bei dem großen Aufräumen des Hiklerregimes besonders schlecht weg- gekommen. Goebbels funkte erbittert in die Welt, dast, man denke sich, Lustknaben bei TA.-Führern gesunden worden feiert; ein anderer Bericht gar vermeldet detailliert, es ivar der Heines, der den Putsch homosexuell zu inaugurieren gedachte. Niemand, der die Geschichte der SA. kennt, hat sich hierüber verwundert. Nicht nur Röhms bolivianische Briese waren der deutschen Ocssentlichkeit, als es eine solche noch gab, seit Jahren bekannt. Und wenn der„Führer" eiwa seiner neuesten Stimmung gegen gleichgeschlechtliche Veranlagung der Nazibvnzen weiter nachgehen will, so kann er beiipiels- weise bei der Staatsanwaltschaft Breslau einen recht interessanten Akt über Heines erbittertsten Parteigegner, den schlcsischen Oberpräfidcnten B r Ii ck n e r finden, der weitgehend Aufschluß darüber gibt, daß lo etwas ehedem gang und gebe war: trotz nachheriger Ehe mit Kind. Auch Edmund Heines harte übrigens mitunter das Bedürfnis sich erotisch zu legitimieren. Das iah dann so aus. dast er morgens zwischen sechs und acht in reichlich angetrunkenem Zustand, rechts und links ein Straßenmädchen im Arm, im Mietauto zum Breslauer Hauptbahnhoi fuhr, um seinen anstrengenden Pflichten als Abgeordneter des Reichstages nachzukommen Nichtsdestoweniger hätte schon damals Herr Goebbels ohne sonderliche Mühe feststellen können, wie unschwer man den nachmaligen BreSlauer Polizeipräsidenten in der gleichen Lage antreffen konnte, die nunmehr per Radio und Ferndruckcr als unerhörte Lasterhaftigkeit denun- ziert wurde. Es gab da einmal beispielsweise einen kleinen Prozeß in Herschberg im Riescngebirge. den ein ehrlich entsetzter Stahlhclin'unktionär, der sich Deutschlands Er- Neuerung etwas anders vorgestellt haben mag, provozierte und der wie üblich im„dritten Reich" versandete. Heines war damals noch empfindlich: sein Advokat, der derzeitige Bres- lauer Oberbürgermeister Rebitzki mußte einstweilige Ver- fügungen beantragen, gegen marxistische Funktionäre die sich mit dieser Sache befaßt hatten. Nur wurden die Ver- fügungen seltsamerweise meist am falschen GerichtSort ge- stellt und dann wegen formeller Unzuständigkeit abgewiesen. Womit sich der schlesische Oberbefehlshaber der braunen Armee zufrieden gab. Mit dem Gericht hatte Edmund Heines überhaupt nicht gerne zu tun. Wenn aber, io verstand er es, ihm darzutun, daß er weder an Recht noch Gerechtigkeit glaube. Wegen Mord zu Zuchthaus verurteilt, erfaßte er sehr bald, wie sehr zweierlei Maß in den Mordtaten von Nazianhängern oder sonstigen Angeklagten angelegt wurde. Die Strafe wurde auch wirklich zu Gefängnis umgewandelt und bald darauf durch eine Amnestie, an der die KP. verhängnisvoller Weise mitwirkte, aus freien Fuß gesetzt.„Fememörder Heines" pflegte er sich dann bald darauf in Schlesien bei Versamm- lungen ankündigen zu lassen, In Potempa, wo Heinxs untzr falschen Angaben eine Pressekarte erschlich sprang er bei der Urteilsverkündung aus und donnerte mit der Faust aus den Tisch. Niemand wagte, trotzdem ganz Beuthen im Belagerungszustand war. etwas gegen ihn zu unternehmen. Immer exaltiert, erreg, und mastios führte er in jener Zeil — Sommer 32- eine eigene Autokolonne der SA., die allen Pol'zisten Schlesiens zum Trotz im Lande umher fuhr, da und dort Marxisten überfiel, mitunter auch beraubte oder nieder- stach. Bis eines Tages ein kleiner Unglücksfall passierte. Pape» hatte angeordnet, man solle nichl alles durchlassen. Polizei und S:aatsanivalt!chaft setzten sich in Bewegung und kamen darauf, daß die Spuren eines in Reicheirbach im Enlengcbirge aus einen uiibewassnei dahingehenden, h'nterrücks und nachls verüblen Sprengstossaltentats am einen sozialdemokratischen Redakteur nach d?ni Breslauer Braunen Huus sühnen. Wieder erschien er, diesmal in Schweidnitz, dem schlcsischen Potsdam und Ausgangspunkt des schlesiicheii Nazismus, vor Gericht, Man war sehr vorsichtig, verurteilte ihn lediglich wegen BegÜstigung» a ch der Tai zu einigen Monate» Gc- sängnis brachte aber doch im Urteil zum Ausdruck, daß allen Indizien nach Heines vor der Tat von ihr gewußt habe. Kurz daraui erfolgten In der Waldenburger Gegend einige Verhaftungen Die Siaalsanwaitichatt begann die Fäden, die sich zw scheu den lokalen Nazisoldat?,, und einigen Nobel- bonzen wie Grai Zediitz-Neukirch aus Schloß Kynau, aber auch Edmund Heines spannen, nachzuprüfen. In wenigen Wochen waren Dutzende von Spreugstossatteniaien gegen sozialistische Funktionäre in Schlesien durchgeführt worden: darunter eines geaen de» zu Beg'nn des„dritten Reiches" vo» Heines zu Tode gcfoliertcn Breslauer Rechtsanwalt Ernst Eckstein, Graf Zsdlitz und andere Nazi Amtswalter wurden verhaltet einige flücvicten, so auch der nunmehr ebenfalls erschossene Graf Spreii. Nur wenige Glieder der Beweiskette ichlte». und es ließ sich erweisen, daß der blu- tigc Terrorisnius des Sommers 32 von einer einzigen Stelle aus organisiert worden war. In der Neudorfistraße in Bres- tan wurde man nervös. Hitlers»valilion»ick Pape», das berühmte Zwiegespräch und die schnelle Liquidierung der Aera Schleicher liest es nicht dazu kommen Stack auf die Anklagebank wanderte He>nes nach einigem Hin und Her und oer provisorischen Ernennung eines vorläufigen Präsidenten, in die langer- iehnie Amtswohnung des Breslauer Polizeipräsidenten. Selbst in Nazikreisen, nicht zuletzt in der Rebakt'o» der 3is. Schicsi che» Tageszeitung überlief manchen eine leife Gänsc- haut. Aber der Führer hatte entschieden. Befehl ist Befehl, und wenn spätere Jahre Befehle br'ngcn, die das genaue Gegenteil besagen. Man wußte an leitender Stelle genau, lv c r Heines war. Doch damals, zur Martistenhatz war dieser Manu gut zu gebrauchen. Sein Sadismus war in der gegebenen Sach- läge gut verwendbar, seine privaieu Neigungen störten nie- Mauden. Tausende junger SA.-Männer wurden ihm— wie Röhm— anvertraut, hundert politische Gegner ihm aus- geliefert Heines machte qanze Arbeit. Wer lebend die Keller des Braunen Hauses in der Neudorsfstraste verliest, wer le- bend aps dem Heinesschen Konzentrationslager in Türrgon kam, der sprach nicht mehr: der war erledigt. Jetzt hingegen hat man andere Mittel,„Bolks"gerichte, Felbjägerpolizei und finc angepaßte Justiz: jetzt braucht man keine Landsknechte mehr. Weg mit ihnen, weg mit den Lustknaben von denen das Prvpagandaministertum empör» berichtet. Di? SA. wird ein Kriegcrverein. teilweife ein muckarillyer Vorbereitungsdienst, denn der Terror ist staatlich kOiümati- fiert, der Bedarf an rauhbeinigen Sacuien auf den.lullpunkt gesunken Daher wurde der Landsknecht Edmund Heines "«ber^di? schlcsischen Arbeiter haben ein gutes Gedächtnis. Und sie wissen, dast sie ihr Martyrium nicht einem Mann, sondern dem S y st c m zu verdanken haben. Bcsdwerde e'ne« graßeit fimrcs Ich bin bestimmt ein großer Mann. In jedem schnllcscbuch finden Sic das bestätigt. Ich bestehe eigentlich nur aus Größe. Gehen Sic in jeden belieb gen Buchlad-n.»chon tu der Auslage blitzt Sic mein Vild vom Umschlag meiner 4iiu Seiten starken Lebensbeschreibung an. Sie gehl b s zu meinem achtiinddreistigste» Jahr älter bin ich nichl aber der an- gehäuft? Edelsinn reicht gut und gern sui e>" Jahrhundert. Wirklich, ich könnte von den Zinsen dessen leben, waS mir darin an Ruhmestaten»achgesagt wird. Freilich weiß ich, dast Verschiedenes nicht so genau stimmt. Schon auf Seite drei das mit mc'nem Vater, dem elirwür- digen Greis dem schlicht?« biederen Handwerker, von dem ich angeblich nur mit tiefster Verehrung spreche. Ich lorst kaum, ob der alte Soffkopv noch lebt. Gesprochen haben wir uns jedenfalls nicht mehr ieit ick fünfzehnjährig mit dem Geld der Ladenkasse vvr seinem eiv.g?» Schlage» durch- brannte......, So geht daS weiter im Buch. Alles Schwindel, faule MacheI Aber es liest sich schön. Ich selbst glaube manchmal, es mußte wohl noch eine mir unbekannte bessere Ausgabe meines Ichs gebe». Mein mir leider allzubckanntcs. gcwöhnl'chcs Ich he- fitzt einige häßliche Seiten, von denen das Bncl^ eifern schweigt, manche sprechen sogar von meinen Laster». Das be- kommt der Leier ii'chi vorgesetzt, wie auch d,c verrältnschen Narben der häßlichen Krankheit aus meiner Fotografie sorg- sättig wcgretouschiert sind. Ich bcki eben ein großer Mann,»nd große Männer haben keine Laster. Da sitzen ein paar Dutzend im Kittchen, die von meinen Laster» zu reden gewagt haben weg?mVerbreitung von Lügenberichle». Ohne Wimpernzucken hat das Gericht sie auf meinen Befehl verurteilt. Ein merkwürdiger Kerl ver- langte. Wahrheitsbeweis anzutreten. Man fand ihn in feiner Zelle erhängt..., Ja, ein so großer Mann bin ich. Und nun stellen Tic sich, bitte, vor: V-uikn fünf Minuten ist alles aus! Plan besucht wich nachts mit Revolvern tu der Hand und lui wie ans alle» Wolken gefallen, weil ich ein Ferkel bin, obwohl gerade diese Leute es am allerbesten wußten! Es ist, lim verrückt zu werden: das Wahre, das jahrelang nichl wahr gewesen Zt. ist plötzlich doch wieder wahr. Die nichts zu wissen behauptet haben, obwohl sie alles wußten, wissen ans einmal wieder! Dann bin ich plvtzl'ch mausetot, und jeder E.el darf meinem Kadaver Fußtritte versetzen Meine Größe sackt zusammen wie ein ausgepickter Gummiballon, ein schmier.ger Fetze» bleibt vo» der schillernden Blase übrig. In den Lesebüchern wird mein Name mit Gummistempeln überschwürzt, und meine Biografie wandert in die Ttampe. Nu» bitte ich Si«: was ist Größe?. Mucki. Pariser Berichte Heinz liepmoEin spritiif in Paris Am Sonnabend, dem 7. Juli, um 21 Uhr, spricht der deutsche Schriftsteller Heinz L i e p m a n n, der in Amsterdam wegen Beleidigung des deutschen Reichspräsidenten verhaftet wurde, über„Erlebnisse in deutschen und holländischen Gefängnissen". Zu diesem nichtöffentlichen Vortrag, der im Deutschen Klub stattfindet, sind die Gäste sehr gerne willkommen, jedoch ist die Vorzeigung eines persönlichen Ausweises notwendig. Eintritt für Mitglieder frei. Karten für Gäste zu 5, 7 und 10 Fr. nur an der Abendkasse(Für Stellungslose wird eine Anzahl Karten zu 3 Fr. reserviert). Gastkarten vor früheren Klubveranstaltungen gelten als Ausweis. Die Adresse des Deutschen Klubs lautet: Deutscher Klub Universite du Parthenon, 64, Rue du Rocher, Paris 8e(am Bahnhof St. Lazare). „Idi spiele Pier mlf..." Als kürzlich in Paris das Davis-Gup-Turnier ausgetragen wurde, bemerkte eines Tages ein Aufseher auf der Ehrentribüne eine unbekannte Erscheinung. Da er dachte, es 1930 erbaute T\ mit allem herrschaftliche* /■%. Komfort, Garten, Garage, Büros, acu verliaufen. Gelegen Hauptin. iustriestadt Luxemburgs, 15 km von der Hauptstadt entfernt Am geb. an die„Deutsche breiheit" unter Nr. 1041 Ostfranzösische Fabrik für QuinquaiU lerie«Artikel sucht zur Erweiterung Mitarbeiter für Verkauf, beider Sprachen mächtig, Beteiligung 50 bis 100000 Fr. Angebote an die ,,DEUTSCHE FREIHEIT" unter Nr. 555 H jJotfput^gfeciatiste l DEUTSCHSPRECHEND i Münchener u. Pariser Fakuitä 17, rue Reaumur Metro Arts-et-MOtiers od. Röpublique Frauen., Stuf-, Haut., Harn- und Ge- sdtlechtskrankheiten, fripper, Syphi- Iis, Märinerichwäche. Neueste Heilverfahren. Elektrizität. Harn», Samen» und Blutanalysen. Massige Bedingungen.(Auch für Kassen versicherte.) laglich von 9- I und 4- 8,30. 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Niemand wird künftig über das Problem des Nationalsozialismus mitsprechen dür- den, der dieses Buch nicht gelesen hat. Preis des 272"Seiten starken Buches: Kartonier' SS. Fr. Leinenband 35,- Fr. Buclifiand ung der Volksstimme Saarbrücken 3 Bahnhofstraße 32 Neunkirchen Hüttenbergstraße 41 handle sich um einen Nassauer, trat er herum und fragte den Neuling ziemlich schroff:„Wer sind Sie?" Der Angeredete war, wie man wissen muß, Tristan Bernard. Er beschränkte sich darauf, völlig unbeweglich zu erwidern:„Ich spiele hier mit!" Woraufhin der Aufseher den Bart dieses unbekannten Teilnehmers eine Weile musterte und sich schließlich wortlos entfernte. Der Amtsschimmel reitet langsam... Das kleine Dorf Vernon besitzt eine wundervolle alte Linde, die dort vor drei Jahrhunderten auf Anordnung des Grafen Sully gepflanzt wurde.— Im Jahre 1834 hatte die Gemeindeverwaltung den Beschluß gefaßt, zum Schutz des Baumes ein Gitter errichten zu lassen... Bei diesem Entschluß blieb es denn auch, bis vor einigen Wochen der tüchtige Archivar der Gemeinde die vergilbte Urkunde vorfand, in der von der Errichtung des Gitters die Rede war. Die jetzige Gemeindeverwaltung hat dje Ehre und das Ansehen ihrer hoch wohl löhlichen Amtsvorgängerin retten wollen und nun das betreffende Gitter setzen lassen. Die Ehre der Bürokratie ist gerettet. Statistik der Sicherheit Die letzten Flugzeugunglüche lassen immer wieder die Frage aufkommen, wie weit man mit einer Sicherheit im Flugwesen rechnen kann. Die Statistik der Unglücksfälle bei den Militär-Fliegern ist im Anwachsen begriffen. Im vergangenen Jahr wurden 26 Flieger getötet bei einer Gesamtzahl von 300 000 Flugstunden, das ist ein Getöteter auf 11 538 Flugstunden. Im vorangegangenen Jahr war der Durchschnitt: ein Getöteter auf 7 320 Flugstunden. In den anderen Jahren war die Zahl der Toten im Hinblick auf die Zahl der Flugstunden ein wenig höher.— Wie man weiß, sind die Automobil-Unglücke, selbst wenn alle Proportionen in Betracht gezogen sind, bedeutend zahlreicher. „Wetterleudrien sn der Wesfgrcnze tt Wie 1914 Durch die deutsche gleichgeschaltete Presse geht ein Aussatz „Wetterleuchten an der Westgrenze, Juli 1914— in den Erinnerungen eines Elsaß-Lothringers" von Georg Seidler. Der Schluß des Aussatzes, der die Revanchestimmung von 1914 schildern will, trifft für die heutigen Kriegöerinnerungs- und sogenannten Heldengedenkfeiern im Reich so deutlich und treffend zu, daß wir, ihn der Ueberlegung der Leser emp- fehlend, ihn hierhersetzen:„Alljährlich finden an den Gedenk- tagen der großen Kämpfe des Krieges von 1870-71 auf den Schlachtfeldern, soweit sie auf französischem Gebiet liegen, aber in unmittelbarer Sicht der deutschen Grenze, riesige vaterländische Kundgebungen statt, denen man das äußerliche Gepräge von Gefallenen-Ehrungen gibt, die aber in Wirk- lichkeit nichts anderes find als weithin in das elfaß- lothringische Land hineinleuchtende Aeußerungen des franzö- fischen Rache- und Kriegswillens Diese Kundgebungen er- regen politische Wellen, die bis in das Reichsland schlagen. Niemanden gibt es dort, der nicht suhlte, all diese Ereignisse und Erscheinungen und zahllose andere ähnlicher Art sind die sicheren Borboten des nahenden Krieges, der seit den Tage« des französischen Generals Boulanger als drohende Wolke am politischen Himmel stand. Als an jenem heißen Sommer- tag 1914 Extrablätter in den Städten Elsaß-Lothringens wie überall im Reiche die grauenvolle Kunde der Mordtat von Serajewo zur»ienntnis der Bevölkerung brachten, da hat man dort wohl früher, als im Innern des Reiches, geahnt, daß den Schüssen aus serbischen Revolvern alsbald ein furchte bares Echo zuteil iverden würde. Diese Ahnung hat nicht getrogen." Wenn nun Heldengebenkfeiern und Vaterländische Kund- gedungen 1914 so düstere Prophezeiungen mit Fug und Recht erlaubten, welche Prophezeiungen und Feststellungen dar! man dann anS den täglichen Feiern aller militärischen Arte« im„dritten Reich" ziehen? Der Georg Seidler weist selbst ans den General Boulanger hin: aber jeder, der die moderne Geschichte Frankreichs kennt, weiß, daß man diesen General nur mit einer einzigen Person vergleichen darf und diese Person heißt Hitler. Der einzige Unterschied besteht darin, daß Boulanger nicht zur Macht kam. Weite Passagen hitlerschek Reden lesen sich wie Uebersetzungen aus dein Französischen Boulanaers. Und das zugkräftigste innenpolitische Agitations- mittel Boulangers war die Ausforderung zum Pogrom, der Rassenantisemitismns, ihre Erfolge waren die Dreysuß- ossäre und die antisemitischen Demonstrationen. Das außen- politische Schlagwort Boulangers war— der Friedensvertrag, waren die abgetretenen Gebiete, war der Schrei nach der Revanche, damit die Volksehre der Franzosen miedet hergestellt sei. Aber die Franzosen gingen dem General nicht auf den Leim und viele Jahre nach seiner Agitation erst kam das Jahr 1914. Die Hitlersche Journaille beschwört aus der Vergessenheit der Geschichte heraus, die sich gegen Hitlei wenden und die einem ganz deutlich machen, in welche Gefahr die Wahnsinnspolitik des„dritten Reichs" das deutsche Volk und die ganze zivilisierte Welt bringt. 208 falsche Eheschließungen Hochzeiten leicht gemacht DNB. Paris, 4. Juli. In Zusammenarbeit mit der belgischen Polizei ist die Polizei von Lille einem Heirats- schwindler aus die Spur gekommen. In Brüssel erschienen regelmäßig Anzeigen zweier Privatdetektive, die besagten, daß durch Vermittlung der beiden Detektive Eheschließungen von Belgien in Frankreich innerhalb von 15 Tagen möglich seien. Tie beiden Privatdetektive wurden polizeilich ver- hört und gaben zu, daß sie ihr Versprechen dank der Bei-! Hilfe eines Standesbeamten einer Vorstadt von Lille wahr-! machten. Zahlreiche belgische Paare, die in Belgien wegen vorausgegangenen Ehebruchs keine Ehe eingehen konnten, hatten sich durch Vermittlung dieser Privatdetektive in Frankreich verheiratet. Bei der Haussuchung in der Wyhs nung des Standesbeamten entdeckte man im Bratrohr Küchenherdes die Unterlagen zu den falschen Ehe- schließungen. Seit 1927 sind ans diese Weise etwa 200 Ehe- schließungen zustandegekommen, die jetzt für ungültig er- klärt werden. Aar den(ftrlumtjn&üll oernntirortltcl): Johann P t y tn Duft« n-efler: für Inserate: Cito Stulln tn Saorbrürfen. VcunrlonSftrucl unft Verlag: Verlag»er Volksslimme GmbH„ Saarbrücken 8, Schüyenslraße 5.— Schließfach 770 Saarbrücken. Straßburgcr Wodicnbcrich! Straßburg, 3. Juli 1934. Es geht den Fischen an den Kragen Kaum daß die Schonzeit für Fische zu Ende gegangen war, fanden sich an den Ufern der III und ihrer verschiedenen Nebenflüsse, am kleinen Rhein, dem Rheinstrom und den vielen Weihern der Straßburger Umgebung in hellen Scharen die Fischer und Angler ein, um ihre Netze und Angelhaken auszuwerfen. Wer in diesen Tagen die III entlang pilgert, der findet vom frühen Morgen bis zum späten Abend die Ufer dicht besetzt mit Anglern, die in beinahe stoisch anmutender Ruhe ihrem Handwerk nachgehen. Männer und Frauen in allen Altersstufen sind vertreten. Nicht selten sieht man auch Kinder die Angel schwingend am Werk. Mit einer Hingabe, die der Inbegriff alles irdischen Glücks zu sein scheint, widmen sich alt und jung, groß und klein dem Angelsport. Stundenlang stehen oder sitzen die Angler heinahe unbeweglich am Wasser. Und wenn auch nur selten ein silbern schimmerndes Fischlein den verderblichen Biß nach dem fetten Happen wagt, in dem sich die tödliche Angel verbirgt, so lassen sich die sportbegeisterten Fischjäger noch lange nicht entmutigen. Die Freude, die ihnen dieser angeblich nervenstärkende Zeitvertreib bereitet, scheint nicht so sehr im erfolgreichen Fang zu bestehen, als vielmehr in der Ausübung des Fischerhandwerks selbst. Der Parteikongreß der Apna Um den Beschluß der Apna-Abgeordneten, sich als elsäs- tische Sektion an die Föderation repuhlicaine de France anzugliedern, in demonstrativer Weise bekanntzumachen, wurden am vergangenen Sonntag mehrere Veranstaltungen aus Anlaß eines Parteikongresses durchgeführt. Neben den elsässischen Deputierten der Partei waren mehrere prominente Vertreter der Partei Marin erschienen, die in einer öffentlichen Kundgebung am Nachmittag das Wort ergriffen. Die Kundgebung, die ursprünglich im Uniontheater stattfinden sollte, mußte in den Podiumsaal in der Krute- nau verlegt werden, da der oppositions-kommunistische Bürgermeister Hueber der Apna den städtischen Unionsaal in Haltung mit dem Hinweis auf die blutigen Zwischenfälle, die sich in den anderen Städten Frankreichs beim Auftreten der für Straßburg angesagten Redner abgespielt hatten. Um allen Eventualitäten begegnen zu können, hatte der Herr Präfekt einen starken Sicherheitsdienst durchführen lassen und die Partei des Herrn Marin selbst hatte für einen umfassenden Ordnungsdienst durch die Jeunesses patriotes Sorge getragen. Neben dem früheren Minister de Las tey- r i e sprach der baskische Depute Ybarnegaray, der in aggressiver Sprache seine Forderungen vortrug. Als der Redner daran erinnerte, daß er als erster französischer Offizier 1918 nach Straßburg einmarschiert sei, fielen von der Zu- schauerseite her einige Kosenamen an die Adresse des Straß- burger Bürgermeisters, die nicht zum Verkehrston gebildeter Leute zu passen pflegen. Der Redner forderte für Frankreich: Gründliches Aufräumen mit allen Skandalaffären, 2. Auflösung der Kammer und Neuwahl, 3. Auflösung der Freimaurerei, 4. Wiederaufrichtung der Autorität der Staatsgewalt, 5. Loslösung von der Völkerbundsillusion und Stützung auf die eigene moralische und militärische Kraft und feste Bündnisse. Im Verlauf der Kundgebung sprach auch noch der Abgeordnete H e n r i o t, dem die Jugend begeisterten Beifall spendete. Später fand ein Bankett statt, auf dem auch der von Saargemünd gekommene Minister und Führer der Partei Herr Louis Marin das Wort ergriff. Alle Veranstaltungen des Kongresses verliefen in völliger Ruhe. Befürchtete Störungen durch politische Gegner trafen nicht ein. Die Johannismesse auf dem Wacken Die traditionelle Johannismesse auf dem Wacken lockt nun schon seit acht Tagen das Straßburger Publikum hinaus in die Zeltstadt mit ihren vielerlei Vergnügungen. Die Messe dauert bis zum 15. Juli. 9. Straßburger Mustermesse im September In diesen Tagen machte das Organisationskomitee der 9. Straßburger Mustermesse, die im September beginnen wird, mit seinen Plänen bekannt. Die Messe, die vor allen Dingen Industrie, Handel, Landwirtschaft sowie das Gewerbe zu letzter Stunde entzogen hg|[ f t Herr Hnch er iin Heins jluxk- kommen-lfl&gea soll, bringt verschiedene besondere Attraktionen, darunter eine Luftsternfahrt unter Mitwirkung des Aeroklub de France und eine Automobilsternfahrt sowie ein nationales Fechtturnier. Ein internationaler Pressetag, zu dem über 100 Journalisten erwartet werden, ist ebenfalls vorgesehen'. Eine glückliche Stadt Bei der Ziehung der ersten Tranche der Loterie Nationale fiel das große Los von 5 Millionen Franken nach Saarburg. Nicht weniger als vierzig Familien teilen sich in den Gewinn, so daß auf jeden Beteiligten die immerhin erkleckliche Summe von 125 000 Fr. entfällt. Die Gewinner hatten das Los in Anteilscheinen erstanden, die von Saarburger Geschäftsleuten beim Einkauf von Waren ausgegeben wurden. Die Vereinigung der Kaufleute, die ein ganzes Losheft erstanden hatte, gewann außer dem Haupttreffer von fünf Millionen noch einen Treffer von 50 000 und einen von 200 Fr. Wie man hört, ist auch das Los Nr. 49 959 in Saarburg verkauft worden, auf das eine Million entfiel. Der Gewinner hat sich allerdings noch nicht gemeldet. In Straßburg gewannen drei Setzer der„Neuesten Nachrichten" 50 000 Fr. Ein Finanzskandal Zahlreiche kleine Leute sind die Geschädigten bei einem Finanzskandal, der die Societe Financiere Juridique et Commerciale in Straßburg betrifft. Es fehlen Beträge in Höhe von 500 000 Fr. Die Bilanzen der Gesellschaft sollen gefälscht sein. Während der eine der verantwortlichen Direktoren schon vor einigen Jahren gestorben ist, sitzt der andere gegenwärtig in Karlsruhe wegen Devisenschmuggels im Gefängnis. Kleine Tageschronik Im Pflanzbad überfielen abends gegen elf Uhr zwei Unbekannte einen Handelsreisenden aus Paris und raubten ihm seine Börse mit 950 Fr.— Im Herrenwasser ertrank beim Baden der Pariser Variete-Sänger Daniel Blondin.— Der Prozeß Alfred Falk gegen die„Elz", der am 23. Juni zur Verhandlung kommen sollte, wurde vertagt.— In 25 Fällen sprach der Präfekt gegen Verkel»»« Sü nder d ie Efrlziehuaft de« Fühxersftiein« gy«,£, D-_ J