Vit ze« >lke er- wie zon hat >nt, cht- icht LwzZge unabhängige Tageszettung Deuischlands I^r. 133— 2. Jahrgang Saarbrücken, Freitag, 6. Juli 1934 Chefredakteur: M. Braun Aas dem Inhalt Dte vorliegende Ausgabe enthält zafdceiche tiyenbecicfUe aus dem Reiche zum Jett von techtss stehenden'Persönlichkeiten Nervöse Unruhe im ganzen Beidie Die Zersetzung des Nationalsozialismus und die Ersdiiitterung der Autorität Hitlers Berlin, S. Juli 1934. CS liegen nunmehr so viele Berichte unserer illegalen Freunde auS dem ganzen Reiche vor, daß sich ein sicheres Bild geben läßt, wie das deutsche Boll die blutigen Tage ausgenommen hat. Aus allen LandeSteilen wird gemeldet, daß die Menschen in einer Unruhe waren, die nur mit dem 1. August 1914 verglichen werde«kann. Die Strasien waren ungeheuer belebt und »n den gröberen Städten zogen die Leute gruppenweile auS den Vororten in die inneren Bezirke, um etwas Näheres «i? r,„^orpänge zu ersahren, und wenn man auch die offiziellen Meldungen sehr ungläubig ausnahm, so hosste man doch, durch bespräche mit anderen klarer zu sehen In den Unterhaltungen zeigte sich uberall, dab das Vertrauen in die Berichterstattung und in die Meinungsäußerung der deutschen Presse so gut wie erloschen ist. Wie sollte auch ein Mensch noch den Nachrichten der Zeitung trauen, wenn diese auch jetzt noch schreiben, das ganze Volk stehe hinter dem Reichskanzler Adols Hitler und liebe ihn jetzt noch mehr als früher. Denn eS ist im Gegenteil wahr» dah seit Sonntag die Autorität HitlerS einen Stoß erhalten hat, von der er sich nach dem säst einmütigen Urteil der Nachrichten a«S O st und West und Nord und Süd nicht mehr er- holen wird. Sie wissen, dab unsere Freunde zu einer skeptischen Reur- tcilung der Volksstimmnng dauernd angehalten werden. Aber der allgemeine Eindruck ist zweifellos richtig, dab man in sehr weiten Volkskreisen die Mordtage als den An- sang vom Ende der Hitler-Hcrrschaft betrachtet. In vielen Unterhaltungen, auch von Nichtmarristen, wird der Reichskanzler wegen seines moralischen Erlasses offen verhöhnt. Man greift feine sich immer wiederholenden Worte von den„vierzehn Jahren" auf und sagt: „Bierzehn Jahre hat er gewuht, daß Röhm schwul ist..., vicrzebn Jahre hat er gewußt, dab HeineS ein Mörder ist..., vierzehn Jahre hat er gewußt, daß seine Umgebung säuft und schlemmt und hurt..., vierzehn Jahre hat er Banditen um sich gesammelt... Und nun will er den Moralischen spielen..." Panikartig haben die Erklärungen Hitlers über die sittliche Verwilderung in der SA. gewirkt, weil sie alle Gerüchte bestätigen, die seit Monaten im Umlauf sind. Viele Eltern sagen, dab die homosexuellen SA-Führer sich ihre Lust- knaben wahrscheinlich auS der Hitler-Jusscnd genommen haben. Rranne Uniformen sah man in den kritischen Tagen kaum noch. Nur diejenigen, die keine Zivilkleider mehr haben, gingen in SA.-Uniform auf die Straße, und zwaz^ist dieses Verschwinden von brannen Uniformen schon vor dem Uniformnerbot erfolgt, weil die SA.-Leute in Unkenntnis der wirklichen Vorgänge und ihrer Folgen sich fürchteten, als SA.-Leute kenntlich zu sein. Auch das Verbot von Sammlungen auf der Straße und in den Häusern ist aus die allgemeine Ablch- uung zurückzuführen, die mehr noch als in den letzten Wochen jetzt die nationalsozialistischen Organisationen finde». Nationalsozialisten, die sttr die Sammlung„Mutter und Kind" sich zeigten, wurden öffentlich verhöhnt. Man sagt ihnen etwa: „Seid Ihr denn verrückt? Soll denn noch mehr gesammelt werden, dam»t Eure Führer das Geld verprassen und ver- juxen?" Ueber die Zahl der Opfer und ihre bestialische Ermordung laufen die wildesten Gerüchte durch das ganze Reich. An ein inländisches oder ausländisches Komplott wird in den Anhängerkreisen der früheren Parteien nirgends geglaubt. Aber auch viele Nationalsozialisten lehnen die amtlichen Erklärungen ab. In den Gesprächen, die jetzt sehr häusig zwischen SA.-Le«tcn und Marxisten stattfinden, bekennen die SA.-Leute, dab sie sich verraten fühlen. Man sagt, daß der Reichskanzler, wenn wirklich Röhm eine Verschwörung geplant hätte, und wenn wirklich Schleicher, dessen Er- mordung mehr ausregt als die aller nationalsozialistischen Führer zusammengenommen, mit einer ausländischen Macht konspiriert hätte, dab dann der Reichskanzler bei der gcwal- tigen Uebermacht der Reichswehr und der Schutzpolizei eine regelrechte Verhaftung und gerichtliche Aburteilung hätte oeranlassen können. Man traut einem militärisch und organisatorisch zweifellos so begabten Manne wie Röhn, nicht zu, daß er den verrückten Gedanken gehabt habe, mit seiner SA. gegen die schwerbewaffnete Reichswehr und gegen die Schutzpolizei zu marschieren, zumal er doch sehr genau wußte, wie heftig die Abneigung der Reichswehr- soldaten und der Schutzpolizisten gegen die SA. ist. Die Unruhe im ganzen Reiche dauert an. Das äußert sich auch in der Verteilung vieler in Deutschland hergestellter Flug- blättcr. Der Aufruf des Sozialdemokratischen Parteivorstandes ist durch ausländische Sender abgehört, vervielfältigt und in zahlreichen Orten verteilt worden. Offensichtlich will Hitler nicht nur die unzuverlässigen Teile der SA. loswerden, sondern auch in der Verwaltung „säubern". AuS allen LandeSteilen kommen Berichte, daß die Entlassung von SA.-PolizciprLsidenten und anderen nationalsozialistischen hohen Beamten bevorstehe, weil sie gegenüber der kritischen VolkSstimmung nicht mehr zu halten sind. Gerade die Kundgebung des Reichskanzlers über die ungeheuerlichen Korruptionserscheinungen in seiner Partei hat bewirkt, dab noch mehr als früher über die Korruption in der Parteibuchverwaltung geredet wird als bisher, und anch solche Leute nun hellhörig werden, die bisher alles für „Hetze" oder doch für übertrieben hielten. Insofern darf man sagen, daß die letzten Tage eine ähnliche Wirkung haben werden, wie die verunglückte GoebbelSsche Miesmacherschlacht: wachsende Volksteile werden aufgerüttelt und kritisch, und diesmal kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, dab die Enttäuschten mehr und mehr ihre Hoffnungen aus die Linke setzen. Es gab Keine„Verschwörung"! Das Horn-Komplott Hitter-Göring- Goebbels Von einer deutschen Persönlichkeit, die durch ihre Stellung und ihre Ueberzeugung genau unterrichtet ist, werden wir um die Aufnahme folgender Zuschrift gebeten„im Interesse der öffentlichen Moral und Gerechtigkeit". Als nach einem Jahre deS Rausches, der Feiern und Feste es sich in Deutschland immer mehr bemerkbar machte, daß statt der versprochenen wirtschaftlichen Besserung die Ver- armung u.:d Notlage immer weitere Fortschritte nahmen, der Export fast vollkommen abgeschnürt und die Währungs- stabilität täglich mehr bedroht wurde, war man sich in den Nazikreisen bewußt, daß etwaS geschehen mußte, um die öffentliche Meinung zu beruhigen. Die fieber- haften Anstrengungen der Regierungsmänner außenpolitische Erfolge zu erzielen^ galten nur gegenteilige Wirkung gehabt und das gewaltsame Ingangsetzen des deutschen Innenhandels war durch die notwendig gewordenen un- gehcuerlichen Abgaben paralysiert worden. Die Beschränkung der persönlichen Freiheit und die sozialistischen Maßnahmen in den Betrieben, die Begünstigung der Parteigänger trugen weiter dazu bei, eine passive Kritik gegenüber den Regie- rungSmabnahmen selbst dort hervorzurufen, wo man einst das Kommen des Rationalsozialismus begrüßt hatte. Die gründliche Vernichtung der Juden hatte den Machthaber« ein Mittel genommen, das noch stets Wirkung gehabt hat, wenn eS galt, Fehlschläge in Deutschland zu verdecken, näm- lich die Hetze gegen die Juden. Görings Brandreden gegen alles nicht Deutsch-arische und Goebbels Kampagne gegen die MieSmacher hatten daS Mißtrauen im Volke nur Fortsetzung siehe 2. Seite. Die Reaktion dringt vor Itindenburg verlangt, daß Pape» bleibt Berlin, 5. Juli. Entgegen manchen Erwartungen er- teilte nach der Rückkehr aus Neudeck der Reichskanzler Hitler im Propagandaministerium den Vertretern der aus- ländjschen Presse die Auskunst, daß„Herr von Papen vor- läusig der ZteichSrcgicrung angehören werde". An der letzten Kabinettssitzung hat Herr von Pape« nicht teilgenommen, da er die Entscheidung der Konserenz zwischen Hitler und Hindcnburg in Neudeck abwarten wollte. Der Reichspräsident hat sich schützend vor Papen gestellt. Der Reichskanzler wußte schon seit Wochen, daß ein Sturz PapcnS schweren Konflikt bedeuten würde. UebrigenS kann es dem Reichskanzler persönlich nicht schwer gefallen sein, sich dem kategorischen Wunsche des Reichspräsidenten und der Reichswehr zu fügen, da er natürlich weiß, daß er ohne die „Reaktion" verloren ist. Der Vizekanzler wird„zu seiner eigenen Sicherheit" durch SS.-Posten mit Stahlhelm und Karabiner bewacht. Ende des ßeidies? Ein Auslandsdeutscher schreibt uns: Roch hallt die Luft von den Schüssen des 3t). Juni und des 1. Juli. Täuschen wir uns nicht: es wird so wenig bei ihnen bleiben, wie es bei den Schüssen von Serajewo blieb. Mord muß Mord gebären. Was wird das Ende sein? Des deutschen Volkes sicher, warten die Mörder nur auf den geeigneten Augenblick, die braune und graue Sol- dateska auf Europa loszulassen. Sie werden sich aller Mittel bedienen, erlaubter und verbotener. Ein Völker- recht wird es so wenig mehr geben, wie es ein Recht im Innern gibt. Und dann? Wird es der explosiven Kraft eines plan« mätzig fanatisierten und in den Urzustand zurückversetzten Volkes gelingen, sich zum Herrn aller andern zu machen, der Welt jenen„deutschen Frieden" zu diktieren, von dem die bescheidenen Narren von 1914— bescheiden im Verhältnis zu den heutigen Goebbels und Göring— träumten? 1914 war das deutsche Wesen noch unversehrt, noch nicht angegriffen in seiner Substanz. Die Jugend ging mit Hurra mit, die Alten, hinter der Front, brauten ihre Hahsuppen. Und das Ausland wunderte sich, wie das Volk Schillers und Goethes sich plötzlich so hemmungslos einem kalten und rücksichtslosen Machtideal verschreiben konnte. Run ward alles planmätzig. Run ist es entschieden: dies Volk soll nie wieder das der Dichter und Denker sein. Ein Volk, das sich einen Horst Wessel zum National- Helden aufdrängen lätzt, das gleich rohe und ungeschickte SA.-Lied zum Nationalgesang, hätte allerdings das Recht auf diesen Titel verwirkt. Aber es hat am Ende auch noch anderes verwirkt. Höret mir wohl zu. ihr alle, die ihr dies lest. Das „Reich" ist dem deutschen Volke nicht gegeben worden von einer irdischen Gewalt. Das Reich, sein Reich, ist ihm geworden durch Uebertragung. Von den Römern nahm es der Geist der Geschichte und gab es ihm. Er nannte es neu und nannte es„heilig". Etwa damit es dauernde Kriege führe? Etwa damit es ein Ueberrom werde? Trauriger Wahn schon des Mittelalters, das sich doch dieses Zusammenhangs noch bewutzt war. Die innern Fehden rissen nicht ab. die äutzern auch nicht. Und die Kirche? An ihr wäre es doch gewesen, zu mahnen, zu strafen, im Namen des Friedenskönigs, des e i g e n t- lichen Herrn des„Reiche s"? Sie tat auch einiges für den„Gottesfrieden", ober ihre Macht und die des Fürstentums waren zu versippt, als datz sie einen dauern- den Einfluß auf die Zivilisierung der Völker hätte ge- Winnen können. Die Ansätze zur Humanität bis 1939 sind zwar nicht ohne Zutun des Christentums, aber zum großen Teil ohne oder gegen die Kirche verwirklicht worden. Heute sehn wir einen ähnlichen Vorgang. Mag draußen der Wolf wüten, man ist kirchlicherseits nur um den eigenen Schafstall besorgt. Ja. man paktiert auch mit dem Bruder Wolf, mit ihm der dasteht, rot und besoffen vo» Sozialisten- und Iudenblut. Kaum, daß man sich einmal zu einer verneinenden Haltung gegenüber diesem Pseudochristen aufgerafft hat, kriegt man es schon wieder mit der Angst. Die Arbeit vieler Tage und Wochen, der Hirtenbrief der Bischöfe, darf dem katholischen Volk nicht bekannt gegeben werden. Der Wolf möchte ungnädig sein. Vielleicht ist er wirklich nur, wie er sich nennt: ein Schaf im Wolfspelz. Gewiß wird man statt dessen dem Volke erzählen: von der geretteten Sittlichkeit; wie Freund Wolf über die aus- schweifenden kleinen Wölfe herfiel. Daß er jahrelang mit ihnen die Höhle teilte, ändert nichts daran. Ein reuiger Sünder! Und das Gewissen wird wieder einmal beschwich- tigt. Gäbe Gott, wir hätten Unrecht und unsre Hoffnung auf den endlich erwachten Bekennermut dieser depossedierten, ehemaligen Reichsfürsten, der Bischöfe, tröge nicht. Aber ihre Vergangenheit macht sie kaum zu geeigneten Vorkämpfern des wahren Reiches. Das Reich ist dem deutschen Volke nicht gegeben worden, es dauernd zu verunheiligen, sich seiner zu be- dienen als eines göttlichen Aushängeschilds. Ja, das Reich ist uns heilig, als Inbegriff nämlich einer neuen und im innerlichen Sinn llberrömischen Menschheitsgesinnung. Roms Friede war Machtfriede, kann der Deutsche keine bessere Gesinnung aufbringen als die römische, hat er das Reich verwirkt. Mag Mussolini imperialistischen Ideen im römischen Sinn nachjagen, für den Deutschen ist es Schande, sich dem Machtkoller zu ergeben, und was schlimmer ist: dem Blutrausch. Man merkt es eurem Hitler an, daß er Karl May ge- lesen hat. Euch aber merkt man es nicht an. daß eure Väter jemals Herder und Lessing lasen. Laßt uns aber auch die Kirchen lieber in Arsenale verwandeln und die jüdischen Bibeln beider Testamente verbrennen. Es herrsche Thor! Aber nennt mir das nicht mehr Reich, was dann bleibt. Der Geist der Geschichte nimmt es euch, wenn ihr nicht umkehrt. Diese Anklage, der bisher noch viele wehrten, ist jetzt erhoben vor ihm: daß ihr den Namen eurer Väter schändet, indem ihr einer Banditenschar Raum gewährt, die eure heiligsten Gefühle mit glatten Worten fälscht und verkehrt. Vaterland! Volk! Herrliche Worte und nicht nur Worte— aber im Munde der Göring und Goebbels und des Patrons der Mörder von Potsmpa, nun auch selber Meuchelmörder: Gift, Schlangengift, euch alle zu verderben. Diese Klage ist erhoben und der Antrag gestellt worden, euch das Reich zu nehmen, für immer, das ihr zum Unreich gemacht habt und macht. Denn weder können die Völker sicher mit euch wohnen, noch könnt ihr es untereinander. Und es ist wieder wie es in den Wäldern Germaniens war. Nein, noch viel, viel schlimmer. Damals gab es weder Flugzeuge noch Bakterienkrieg. Auch waren Freiheit und Stolz noch nicht verfolgt und zertreten wie heube. Einmal wird ein freies und glückliches Europa kom- men, Einmal wird man neue Grenzen setzen, wie Natur sie selber wies. Einmal werden Völker frei und sriedlich bei einander wohnen, in großer Eidgenossenschaft. Einmal wird euer Hitler ein Fluch geworden sein, wie er es schon heute euch wurde. Ja, einmal werdet auch ihr diese Tage verwünschen. Einmal— wird das„Reich" sein, nicht mehr als eures, sondern, was es sein sollte: das aller freien Europäer. Darüber hinaus aber aller Menschen. Deutsche, ihr wohnt in der Mitte unsres Erdteils, daher es euch auch übertragen wurde, es zu verwirklichen in diesen Ländern. Deutsche, ihr seid allerdings mehr als das Volk der Dichter und Denker, aber auch nimmer- mehr das der Richter und Henker. Ihr seid zu wahrer Mittlerschaft berufen, aber es scheint fast, als müßt ihr erst einmal„verworfen" werden wie die Juden, um dann endlich doch das Heil zu finden. Das Reich entschwebt, wie die Gerechtigkeit nach Hesiod diese Erde oerließ, als der Mord Uberhand nahm. Das Reich entschwebt, wir aber haben zu kämpfen, daß es wiederkehre. Ob das nun zwei, zehn oder hundert Jahre werden oder noch mehr, einerlei. Es gilt aufzu- stehn, aufzustehn innerlich, aber auch jenen Aufstand vor- zubereiten, der, nach dem Sturz eurer und der— durch ihre Passivität mitschuldigen— Regierungen der söge- nannten Groß- sin Wahrheit: Ohn-j Mächte das neue Europa und mit ihm auch das neue Reich aufrichtet. Darin, nicht darüber, wird auch euer Platz sein. Civis christianus. öfhl Br Uillier? Verlin. 5. Juli. Es erscheint jetzt in diplomatischen Dreisen als ziemlich sicher, daß der deutsche Voischaster i» Washing- ton, Luther, nicht mehr auf seine» Posten dorthin zurück- kehre. Er soll durch den Ministerialdirektor Dickhoss aus dem Auswärtigen Ministerium er>etzt werden. Ks gab keine„Verschwörung" Fortsetzung von Seite L vergrößert, so daß das Ansehen des Führers und seiner engeren Gefolgschaft schweren Schaden litt, der sich zu ver- breitern drohte, wenn man in 1l. Stunde nicht einen Aus- weg aus den Schwierigkeiten fand. So arm der Rationalsozialismus an Gedanken, wirt- schaftlichen und politischen Gebieten sein mag, so ersinde- risch find die Regisseure des Reichstagsbrandes, wenn es gilt, die Volksseele abznlenken oder zu entslammen. Sie scheuen dann vor keinem Mittel zurück, mag es noch so bestialisch und unwahrscheinlich sein. Wer zuerst auf den Gedanken gekommen ist. die Prügel- knaben im eignen Lager, bei der SA. zu suchen, ist unbe- kannt. Jedenfalls ist er zuerst von Göring aufgegriffen und entwickelt ivordcn. Anlaß dazu gab der bekannte Zwist zwischen R ö h m und Blomberg. Röhm ivar offen, turbulent und unbequem geworden, a n konspirieren hat er nie gedacht. Daß er eine größere Gefolgschaft unter den Führern der SA. hatte, die wie er sexuell anormal sind, ist selbstverständlich aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl, die diese Menschen verbindet. Aber keiner von ihnen allen hat insgeheim gegen die Re- gierung gearbeitet, sondern sie haben nur in aller Oeffentlichkcit ihren Einfluß geltend gc- »lacht, um zu verhindern, daß der Nationalsozialismus von seinen eigentlichen Zielen abgeleitet wurde. Aus dieser Aufsässigkeit eine Verschwörung zu kon- struteren, war für einen Mann wie Goebbels eine Klei- nigkeit und hier fand er sich wieder mit G ö-r i n g, dem die Ruhepause tn der Flucht der Ereignisse sowieso mißfiel. Hitler, dem ein Wortbruch noch nie schwer gefallen ist und der sich nie davor gesträubt hat, sich gegen seine besten Freunde zu ivcnden, ivenn er einen persönlichen Vorteil davon zu haben glaubte, sah einen Weg aus drohenden Schwierigkeiten. Zuerst tonnte er sich unbequemer Freunde und der hinter den Kulissen drohenden Feinde entledigen, dann wurde er dadurch dir SA. los, die die Staatskasse überbeanspruchte und drittens befriedigte er seinen neuesten Freund und Stütze Blomberg damit, dem die braune Truppe von jeher ein Dorn im Auge war. Nachdem der Entschluß zur Beseitigung der lästig gewor- denen Anhänger einmal gefaßt war, ivar seine Durchführung für Leute wie Hitler und Göring eine Kleinigkeit. Mora- tische Bedenken sind in ihren Handlungen noch nie zürn Ausdruck gekommen. Man schlug auf Leute los, die eru solches Losschlagen nicht erwarteten und nichts erwarten konnten: einfach weil sie sich keiner Schuld bewußt waren. Keiner von ihnen hat seine Schuld gestanden. In dem nnr minuntenlangcn Verhör, dem sie unterworfen wurden, haben sie jeden Anteil an einer Verschwörung abgestritten und bis zu ihrem schnellen Tode ihre unbedingte Ver- bundenheit mit Hitler bekundet. Schleicher und Ttrasser, die seit der Machtergreifung Hitlers unter einer so genauen Beobachtung durch die Geheime Staatspolizei standen, daß fie noch nicht einmal ein Telefon- gespräch führen oder einen Privatbesuch machen konnten, ohne daß all dies genau registriert wurde, haben gar keine Möglichkeit zu geheimen Besprechungen gehabt und sie selbst wußten dies ain besten. Irgend welche Tatsachen, die die obigen Behanptnngen widerlegen, sind der Oesscntlichteit nicht vorgelegt wor, den und werden auch nicht vorgelegt werden. Ebenso wenig wie die„beurlaubte" SA. je wieder aufer» stehen wird. Mangels Beiveisen wird Schleicher, dem gar nichts nachgewiesen werden konnte und der deswegen schon bei der angebliche» Verhaftung crnior- bet wurde, in der deutschen Presse mit Schmutz beworfen, der sein gewaltsames Ende und das seiner Frau nicht er- klärt. Gegen den toten Röhm und seine ebenso toten Freunde finden die gestrengen Sittenrichter um Hitler, dem Freunde Bald» r von Schirachs«Sic verstehen doch. Herr Reichskanzler? D. F.». keine Worte, die ihrer tiefen Empörung über da» Verhalten dieser Leute auf seruellem Gebiet Ausdruck geben könnte. So daß man schließlich im Zweifel ist. ob sie wegen ihrer anormale» Ver- anlagnng oder wegen einer angeblichen Verschwörung ge- killt wurden. Rcidispräsiticnttnhrise räaacn fori Wie man ilindenirarg das Telegramm an niüer erpreöfe '-'■'•-l'i*>>>„ tflrii/f,. iut Am Montag veröffentlichte die„Deutsche Freiheit" einen großen Aufsatz, den sie„Reichspräsidcnien-Krije" überschrieb. Er beruhte auf Mitteilungen einer hervorragenden politi- scheu Persönlichkeit, die über d'e interne» Vorgänge ausgezeichnet informiert war. Die Gestapo mag sich keine Mühe machen, nach dieser Persönlichkeit zu forschen. Sic befindet sich zu unserer Freude weder unter den Ermordeten,»och unter den Gefangenen. Wir werden ihr also künftig noch wettere wichtige Angaben zu danken haben. Das Bestehen der Hindenburg-Krije wird jetzt aus zahl- reichen Quellen aus dem Reiche wie aus dem Auslande be- stättgt. Die„Neue Zürcher Zeitung" bezeichnet den Zweck der Reise Hitlers nach Neudcck ganz unzweideutig. Es hau- dele sich um die Liquidation des Pape» Problems und eine Besprechung, was geschehen solle, wenn der Reichspräsident zurücktrete. Dabei steht natür- lich b'c Bestellung des Nachfolgers im Vordergrund. Es kommen, nach der„Neuen Zürcher Zeitung", mehrere Kom- binationen in Frage. Das Amt des Reichspräsidenten könnte ausgehoben werden. oder aus Hitler übertragen werden. Man rechnet jedoch mit der Möglichkeit, daß General von Blomberg als ernsthafter Bciverbcr in Betracht komme. Ferner wird Prinz Philipp von Hessen, der sich kürzlich mit einer Tochter des italienischen Königs vermählte, genannt, freilich nicht als Reichspräsident, sondern als R e i ch s v e r w e s e r. Er ist ein intimer Freund Görings. Diese Lösung würde gle'chzeitig die Brücke zur Monarchie schlagen, freilich einer Monarchie, die mit der Re- gierung Hitlcr-Gör'ng konform ginge. Qb sich die alten Monarchisten, die ihre Hohenzollern noch nicht vergessen haben, mit dieser Lösung abfinden würden, ist allerdings mehr als zweifelhaft. Außerordentliche Bedeutung legt man im Auslande dem bekannten Tanktelegramm des Reichspräsidenten an Hitler und Göring bei. Wir schrieben sofort, daß man eine Er- Pressung vermuten dllrse. Jetzt bringt di: Londoner „Dailn Expreß" eine Meldung, deren Abenteuerlichkeit ihre Wahrscheinlichkeit nick' ausschließt. Das Blatt schreibt, man habe dem Reichspräsidenten eine Liste derjenigen Per- fönen vorgelegt, die noch hingerichtet wer» den sollten. Auf dieser Liste hätte sich auch der Name des Vizekanzlers von Pape» bcsundeu, ferner habe man gc- droht, den Sohn des Reichspräsidenten, wegen bestimmter Schiebungen zu verhaften. Vor dieser qualvollen Entlchci- dung le' dem greisen Reichspräsidenten nichts anderes übrig geblieben, als die vorgelegten Telegramm: zu unterschreiben. Vielleicht erfährt man in Kürze die ganze Wahrheit. Ehe er sich zum Sterben hinlegen kau», ist der Reichspräsident von emem Jntrigennetz umsponnen, aus dem es nnr einen AnS'veg gibt: den Rücktritt Freilich nnr dann wenn der alte Mann überhaupt noch Herr seiner Entschlüsse ist. Drei HStfite steilen den Kanzler Heraus mit dem naferiai Uber die auswärtige fladit Berlin, 5. Juli. Bereits am Mittwoch hat der französische Botschafter Francois Poncet beim Auswärtigen Amt in Berlin angefragt, ob Frankreich die Macht sein solle, mit der einer der angeblichen Verschwörer Beziehungen unter- halten hätte. England und Nordamerika haben sich diesem Protest angeschlossen WaS den Botschaftern geantwortet wurde, ist bis zur Sunde nicht bekannt geworden. Jetzt wird von der nationalsozialistischen Presse behauptet, daß Schleicher alte Beziehungen zu französischen Parlamcn- Herdliste... wird täglich umfangreicher Wieder ist die Mordliste gewachsen. In Bayern wurde der ehemalige Generalstaatskouimissar von K a h r erschossen. Der Siebzigjährige lebte seit Jahren als zurückgezogener Privatmann, aber die Rache schlief nicht. Kahr, der 1923 Bayerns reaktionärer Diktator war, hatte Hitler beim Bürgerbrauputsch überrumpelt und ließ den Umzug der Putschisten, an dem Hitler, Ludendorss und Göring teil- nahmen, v-n der Polizei unter Schüssen auseinandertreiben, Oberst von Bredow, der gleichfalls crniordet wurde, galt als die rechte Hand Schleichers. Er mar Ehes des Ministeramts im Rcichowehrministerium. Als Schleicher Reichskanzler war, vertrat ihn Bredow in allen Angelegen- Helten der Reichswehr. Am 3oll seinem Bruder Otto Auf- trag gegeben haben, sich nach Moskau zu begeben. In Pariser kommunistischen Kreisen hält man es für ausgeschlossen daß sich die Sowjets mit irgendeiner Führerclique der SA. in Verhandlungen eingelassen hätten. Der Eindruck des Dreimächtekchrittes ist in den politischen Kreisen der Reichshauptstadt sehr stark, znmal man glaubt, daß noch weitere Mächte sich der peinlichen Antrage an- schließen werden. Sehr übel wirb allgemein ankgenommen, daß Schleicher als ein früherer Offizier der Obersten Heeresleitung ans der nächsten Umgebung des General'eldniar'challs. der lang- jährige führende Mann de» Reichswehrministeriums und spätere Reichskanzler, amtlich des Landesverrats bcichuldigt wird. Abgesehen davon, daß diese Beschuldigung nicht geglaubt wird, regt es alle anständige» Menschen auf, daß ein amtierender Reichskanzler ohne den Schatten eines Be- weises einen seiner Vorgänger ermorden lieb und dann den Toten durch den Kot ziehen läßt. Auch Acußerungen des Ekels iiber die deutsche Presse werden laut, die Vermutungen unbekannter ausländischer Tensationsjournalisten zum Anlaß nimmt, um einen ehe- maligen deutschen Reichskanzler, der doch vor der Gangster- Periode regierte, des schmählichsten politischen Verbrechet zu bezichtigen. z, periment geschärft worden ist, braucht man kein Wort darüber zu verlieren, was die Methode der physischen Vernichtung in den politischen Aooeinondersetzungen innerhalb der herrschenden Partei und gegenüber den mög- lichen Nachfolgern und Erben des gefährdeten Regimes» für einen Staat bedeutet." Deutlicher kau»«au lau« sei«. * Signale der Sozialist isdien EiHetang Große Massenkundaebunaen im deutschen Saaraebiet Saarbrücken. 5. Juli. Das Saargebiet untersteht zwar seit beut Jahre 1920 nicht mehr der deutschen, sondern einer Völkerbunds-Regierung, seine Bevölkerung aber war und ist dem politischen Leben im Deutschen Reiche eng verbunden. Während die Saareinwohner von den innerpolitischen Er- eignissen Frankreichs kaum berührt werden,— trotz Frankenwährung und französischem Zollgebiet— wird die Saarbevölkerung von den politischen Kämpfen im Deutschen Reiche stürmisch bewegt. Das festzustellen, ist wichtig zur Beurteilung der politischen Umgruppierungen, die sich zur Zeit im Saargebiet voll- ziehen. Bis vor einigen Monaten konnten oberflächliche Beobachte, meinen, die„deutsche Front" beherrsche das kleine, aber wirtschaftlich und politisch so wichtige Industrieland an der Saar vollkommen. Die Bevölkerung, die das„dritte Reich" nur in der Rabio-Propaganda und in der Fantasie gekaufter Redakteure genoß, lebte vielleicht in ihrer Mehrheit noch in dem Wahne eines großen deutschen Ausschwungs, als drüben schon die Ernüchterung weit um sich griff. Die tiefe Stimmungskrise des Nationalsozialismus im Reiche, die wirtschaftlichen Fehlschläge, die Entwertung der Reichsmark im Auslande, die wachsende Teuerung im deutschen Lande, die zunehmende äußere und innere Auswegslosigkeit der Hitlerdiktatur brachten aber in raschem Vordringen auch einen Umschwung an der Saar. Die„deutsche Front" geriet in die Verteidigung. Ihre Anhänger wurden zweifelnd. Die sozialdemokratischen und die kommunistischen Fronten wurden aktiviert und gingen in die Offensive. Eine ener- gische katholische Opposition kam hinzu. Ganz zu schweigen von weheren sonstigen Gruppen, die eine Rückkehr in das Hitlerreich ablehnen. Die antifaschistische Strömung ist mächtig angeregt worden durch die scheußlichen Hitlermorde der letzten Tage. Man erlebte plötzlich, daß Tausende von Bürgern Saar- brttckens, die seit einem Jahre nicht mehr gewagt haben, die„Bolksstimmc" oder die„Deutsche Freiheit" in die Hand zu nehmen, auf ofsener Straße die unter Androhung des Existenzverlnstes durch die„deutsche Front" boykottierten Blätter kauften, ja sich zu manchen Stunden um diese Blätter geradezu rissen. Die blutigen Hitlertage im Reiche bcdenten an der Saar eine schwere Niederlage für sein System, und das läßt entsprechende Rückschlüsse auf die wahre Volksstimmung im Reiche zu. Aus der harten Schule eines übermächtigen Terrors, durch die Sozialdemokraten und Kommunisten an der Saar im letzten Jahre gegangen sind, hat sich, zunächst nicht in der Führung, sondern in den Massen, der Wille zur pro- letarischen Einheitsfront geregt und hat sich innerhalb weniger Tage stürmisch durchgesetzt. In dem von Hochofen- feuern überflammten Burbach bei Saarbrücken haben die Führer beider Parteien, MaxBraun und Pfordt, vor einigen Tagen gemeinsam die vereinte proletarische sozia- listische Aktion proklamiert. Für Mittwoch wax nun eine große gemeinsame Kundgebung in den Städtischen Saalbau zu Saarbrücken einberufen. Der gleich- geschaltete Oberbürgermeister Dr. Neikes, ein sturer Bürokrat preußischer Ochsentour, verweigerte den Saal. Mit dem Hinweis aus einen im vorigen Jahre gefaßten Stadt- verordneten-Beschluß, der den großen städtischen Saal für alle politischen Kundgebungen sperrt. In Wahrheit ist das eine Maßregel nur gegen die Arbeiterparteien, da den Gleichgeschalteten andre Säle genügend zur Verfügung stehen. Die von dem Oberbürgermeister herangezogene Be- gründung ist dumm und mit dem Abstimmungskampfe, der mit dem Eintreffen der Abstimmungskommission vor einigen Tagen eröffnet worden ist, unvereinbar. Die geeinten sozialistischen und kommunistischen Arbeiter Saarbrückens sind entschlossen, sich die lächerliche An- maßung eines politisch und menschlich kleinen Stadtge- waltigen mit sehr hohem Gehalt und sehr geringen Lei- ' ftungen nicht mehr bieten zu lassen. Die proletarisch-sozialistische Einheitsfront wird sich ihre Rechte einer freien Abstimmung, zu der auch ein freies und ungehindertes Versammlungsrecht gehört, unter keinen Um- ständen nehmen lassen. Sie hat in einer mächtigen Kund- gebung dem Oberbürgermeister von Saarbrücken, der in diesem Völkerbundslanbe in Anwesenheit der vom Völker- bunde entsandten Abstimmungskommission glaubt, den Be- fehl drüben herrschender Gangsters hörig sein zu müssen, ein wuchtiges Ultimatum gestellt. Die durch die klägliche Schikane eines jämmerlichen Ober- bürgermeisters aus dem Städtischen Saalbau ausge- schlossenen Sozialdemokraten und Kommunisten zogen in demonstrativen Gruppen zum Gebäude der Arbeiter-Wohl- fahrt. Im Saal, in den Fluren, auf den Treppen, auf jedem freien Fleckchen dieses Hauses drängten sich bewegte und be- geisterte Menschen. Viele Frauen und noch mehr Jugend. Was das Haus nicht fassen konnte, und das waren Tausende, sammelte sich draußen und säumte weithin die Straße, in der ein Polizeiausgebot den Verkehr aufrecht erhielt. Auch alle Räume des Saalbaus hätten diese Massen nicht ausnehmen können. Drinnen im Hause der Arbeiter-Wohlfahrt vollzog sich eine gewaltige Manifestation des Einheitswillens der proletarischen sozialistischen Aktion. Der Sozialdemokrat Max Braun und der Kommunist Pfordt sprachen unter Beifallsstürmen, die jeden Satz unterstrichen. Wichtiger noch als die Klarkeit und die Wucht, die Brüder- lichkeit und die Zielsicherheit, die Leidenschast und die Energie dieser beiden Reden waren die großartigen Willens- kundgebungen der plötzlich zu einem Element ver- schmolzenen Massen. Wir erleben im deutschen Saargebiet die Anfänge, das neue Beginnen, die Läuterung und die Beseelung der revo- lutionären deutschen Arbeiterbewegung. Was im Reiche drüben noch, eine befristete Zeit noch im heiligen Dunkel der Illegalität sich anbahnt und entwickelt, ist im Saargebiet öffentliches Ereignis: das Werden neuer sozialistischer Kampsfronten und Kampssormen, die in vielem noch unfertig sein mögen, aber vermutlich größere und raschere Zukunsts- Wirkungen bringen werden als ihre Urheber ahnen. Es geht an der Saar zunächst darum, die Hitlerdiktatur am 13. Januar, am Abstimmungstage, zu schlagen. Daß dies ein wahrhaft deutsches Ziel ist, der Wille zur Rettung der deutschen Freiheit und zur Säuberung der deutschen Kultur von barbarischen Eindringlingen, ist durch die Hitlerschande der letzten Tage offenbar geworden. Der Abstimmungskamps an der Saar erhält für die deutschen Sozialisten die Folie einer großen politischen Bedeutung nur durch den alle Sinne elektrisierenden Stoß, der gegen die verbrecherische Korruptionsdiktatur in Berlin geführt werden muß. An der Saar wird nicht nur um die Freiheit dieses kleinen deutschen Landes, dieses letzten territorialen Restes beut- scher Zivilisation, sondern um deutsches Schicksal größten Ausmaßes gerungen. Verweigert das Saarvolk in freier Abstimmung bei voller Anerkennung seines deutschen Cha- rakters und seines Willens zur Wiedervereinigung mit einem deutschen Rechtsstaat eine Verbindung mit dem mörderischen Barbarensystem, das unser Vaterland schändet, so ist der Diktator Hitler gerichtet. Dann hat ihn die deutsche Nation, die drüben sich nicht frei äußern kann, von der Saar aus besiegt. Dann wiederholt sich, wie so oft in der Völkergeschichte, die große Lehre von dem kleinen David, der das Großmaul Goliath zu Boden streckt und es für immer unschädlich macht. Eine Niederlage Hitlers an der Saar müßte ein hin- reißendes Signal für die Unterdrückten in Deutschland «erden? müßte das nationale Prestige des deutschen Dik- tators vernichten— wenn er es am 18. Januar 1883 noch besitzen sollte. Die Kundgebung, die gestern mit geballten Fäusten stehend ihre Kampflieder sang, will upd bedeutet freilich mehr. Sie war eine Flamme, ein erstes Aufleuchten der nahenden deutschen sozialistischen Revolution, an die wir zur Reini- gung und zur Rettung Deutschlands glauben mit aller In- brunst unserer Seele. Der Blick auf diese Kundgebung ver- tiefte unser Ahnen: die kommende großartige Bewegung wird gewaltige Kräfte entfalten und in furchtbarer Größe auf erzenen Sohlen hinschreiten über unser Land. Der deutschen Revolution Bahn zu brechen, ist unser Wille und unsere Arbeit. Daß dieser unerhörten Dynamik, die sich ankündigt, die mächtigen Führergcstalten erwachsen mögen, die herrschen und dienen zugleich, ist unser Wunsch und unser Glaube. Deadifnng in Paris Paris, 5. Juli(Eigener Berichts. Der„Petit Parisen" berichtet an hervorragender Stelle über die Einheitskundgebung der Freiheitsfront und der Kommunisten. Das Blatt erklärt am Schluß des ausführ- lichen Berichts, zum erstenmal seit langer Zeit hätten bei dieser Gelegenheit verschiedene Häuser in den Farben der unabhängigen Saar oder der gemeinsamen Freiheitsfront geflaggt. Vormarsch der„Fretheifsiront" Paris, den 5. Juli. In der„Libert«", dem großen in Paris erscheinenden demokratischen Blatt, äußert sich Jean Revirc in einem an leitender Stelle veröffentlichten Artikel unter der Ueber- schrift„Der Abstimmung entgegen" zur Taarfrage. Er stellt fest, daß die„Freiheitsfront" in den letzten Monaten einen Aufschwung genommen hat, der sich immer mehr vergrößert, je stärker Hitlers politische und wirtschaftliche Schwierig- keiten werden. Als Beweis für den Vormarsch der Frciheits- front erwähnt er die spontane Kundgebung am Montag der vorigen Woche anläßlich derRückkehr derArbeitcrsporlter aus Belgien, bei der„mehr als 10 000 Menschen" in den Straßen Saarbrückens offen gegen das„dritte Reich" demonstriert hätten. Ter Verfasser schließt mit der Bemerkung, für die Zukunft komme alles daraus an, mit welcher Energie die Abstimmungskommission und das noch nicht gebildete Ab- stimmungsgericht die ihnen übertragenen Rechte ausüben wird. Wenn sich beide nicht umgarnen lassen, dann können sie das Saarvolk vom Terror erlösen oder zumindest ihm seine schlimmsten Erscheinungen ersparen. Man könne nur hoffen, daß die Ruhe, mit der man an der Saar die Vor- gänge in Berlin und München äußerlich hinnimmt, nicht die Abstimmungsbchördcn zu falschen Schlüssen verleitet. Saar-ßom!?€iiaff€ii$äfcr freigcsprotiicn i Ein lirfeil ohne Beispiel- Was sagl die Abstsmmongskommlss on dam? Saarbrücken, 4. Juli. Zwei Tage, nachdem die Abstimmungskommisston im Saar- gebiet eingctrosfen ist, hat das Schwurgericht Saarbrücken ein Urteil gefällt, das alles übergipselt, was bisher mit der Saarjustiz erlebt wurde. Es hat den Sprcngstossattentäter Jakob Schäfer, der im Dezember vorigen Jahres in das Haus der Arbeiterwohlsahrt gegen Max Braun eine mit gefährlicher Ladung gefüllte Sprengbombe schickte, sreigespro- chen. Nach kurzer Beratung vcrncintenn die Geschworenen sämtliche daraus bezogenen Schuldsragen. Nur wegen des Be- sitzes eines Revolvers wurde Schäfer zu vier Monaten Ge- sängnis verurteil«, aber auch diese Strafe braucht er nicht ab- zusitzen: sie wurde ihm aus die Untersuchungshaft ange- rechnet. Das ist die Sühne für eins der infamsten faschistischen Verbrechen, das, wenn es geglückt wäre, unübersehbare Fol- gen gehabt hätte. Das ist zugleich die politische Lage im Saar, gebiet: Terroristische Aktionen gehen nicht nur ungestraft aus, sondern sie dürfen im Gerichtssaal sogar gelobt werden, wenn es sich um einen Gegner des HiiUrrcgimes handelt. Die oben wiedcrgegebcnc Aeußerung des Rechtsanwalts Ruladn blieb sowohl von feiten des Staatsanwalts als>uch von feiten des Vorsitzenden ungerügt. Max Brann ist v o g e l s r e i!„Er darf sich nicht wundern, wen» ihm etwas passiert"... Das ist die Terrorjuftiz des„dritten Reichs"— mitten im Völkerbundslande. Wer ist dieser junge Bursche Schäfer, der dreist im Ge- richtssaalc sagen durste, er habe MaxBraun ein „Weihnachtspaket" schicken wollen? Dieser tap- sere Nazi-Edcling ist schwer vorbestraft. Aus seinem Vorstrafen rcgistcr stehen: ein Monat Gefängnis wegen Ver- gehens gegen den 8 175, ein Monat Gefängnis wegen schwe- ren Einbruchdiebftahls. In einer anderen schweren Sache wurde er in erster Instanz sin der Scheidt-M o r d s a ch e) zu einem Jahre Gefängnis verurteilt«nd erst in der zweiten Instanz mangels Beweises freigesprochen. Aus die Herren Geschworenen machte dos alles kein Ein- druck. Einer von ihnen hat sich, gleichfalls ohne vom Vor- gesetzten zurückgewiesen zu werden, sehr offen zu seiner „deutschen Front" bekannt. Kein Wunder! Alle nichtgleichgeschalteten Schössen und Geschworenen werden seit Jahressrist boykottiert. Mit dem Freispruch des Schäfer deckten sie eine Tat, die gegen den von ihnen am schlimmsten gehaßten politischen Gegner ge- richtet war. Selbst wenn sie anders gewollt hätten: sie stau- den im Banne und im Zwange des politischen Terrors an der Saar, der hier in bisher beispielloser Weise gerichts« notorisch geworden ist. Der Freispruch des Attentäters und die offene» Mord- drohnngen seines Verteidigers im Gerichtssaale werde« in den kommenden Monaten, wenn der Abstimmvngsramps in voller Schärfe losbricht und die Kommission die Bevölke- Hermes-Prozeß Sechs Monate beantragt Berlin, 4. Juli. Im Prozeß gegen den früheren Reichs- minister Dr. Hermes hielt am Mittwoch, nach beinahe achtwöchiger Verhandlung, der Vertreter der Anklagcbe- Nörde sein Plaidoyer. Der Staatsanwalt erklärte, daß der Angeklagte von den dreieinhalb Millionen Mark selbst bei außerordentlich weitherziger Auslegung der Bestimmungen mindestens 400 000 Mark zweckwidrig verwandt haben rung von Terror und Beeinflussung zu schützen hat, nie- mals vergessen werden. Aus dem Verhandlungsberttiil Die Sachverständigen Oberamtmann Richter äußert sich über den In- halt der Kiste. Sie habe 910 Gramm Schwarzpunlver und 103 Gramm Nägel enthalten. Es ist anzunehmen, daß die Emserkränchen-Flasche mit dem gefährlichen Inhalt auf dem Transport zerbrach, da die Kiste sehr schlecht verpackt war. Ebenso ist wahrscheinlich, daß die Streichhölzer sich unter- wegs entzündeten, die Flamme hat sich aber am KlebstoN und dem Papp-Papier sofort erstickt. Wenn die Zündleitung nicht versagt hätte, so wäre zweifellos die Lebensgefahr für das die Kiste ahnungslos öffnende junge Mädchen sehr groß gewesen. Als zweiter Sachverständiger wirb Dr. Otto Reuter, Chemiker in der Taarivellinger Dynamitfabrik, vernom- men. Er versteht mit echter Feinfllhligkcit aus alle Fragen des Verteidigers, und wie er sie gerne beantwortet hören möchte, einzugehen. Es habe allerdings eine nahe Möglich- fei vorgelegen, daß die Zeugin Haas sich an der entstehen- den Stichflamme hätte schwer verbrennen könne», daß der Inhalt der Kiste bei einer Zündung— das Wort„E x p l o- sion" wurde durchaus vermieden— wäre„herumgeschleudert" worden. Ebenso hätte aus dem Transport durch eine frühzeitige Zündung eine Gefährdnug von Beamten ein- stehen, hätte der ganze Postwagen ausbrennen können. Offene Mordaufreizung! Der Verteidiger Dr. Ruland verlangte die Frei-' sprechung für seinen Mandanten. Dabei spricht er, ohne vom Borsitzenden gerügt zu werden, eine offene Mord- drohung im Gcrtchtssaal gegen Max Braun aus: „Jeder von unS würde es gerne sehen, wenn dem Herrn Matz Brann eines Tages etwas zustieße. Wenn ihm wirk- lich etwas passiert, dann braucht er sich nicht zu wundern. Jeder Deutschsühlcnde an der Saar ist ihm seines provo- zierenden Wirkens wegen feindlich gesinnt." Der vom Hitlergeist also wahrhast besessene Jurist vergaß nicht, hinzuzufügen:„Ich appelliere an Ihr deutjchjühlen- des Herz, meine Herren Geschworenen." Er hatte nicht umsonst gewußt, wen er ablehnte, wen er annahm heute morgen, der Herr„Drittes-Rcich"-Rechls- anmalt. Er brauchte auch nicht vergebens an das deutsch- fühlende Herz der Deutschsrontler zu pochen. Nach einer Beratung von zwanzig Minuten verkünden die zwölf Mannen den Wahrspruch: dir Schnldsraa", die sich auf da? Ver- **Vtn gegen das gvrcrr"!*' f f.'*!;" n.'' den verneint. müsse. Dr. Hermes habe sich objektiv und subjektiv der Un- treue schuldig gemacht. Allerdings dürfe auf der anderen Seite nicht daran vorübergegangen werden, daß der Ange- klagte das Geld nicht für sich, sondern für seine Organi- sation verwandt habe. Wegen fortgesetzter Untreue unter Freisprechung im übrigen beantragte der Staatsanwalt ^ann gegen Dr. Hermes! e ch P? n n a t e G e f ä n a n- Die erlittene Untersuchung-'''' dem A"*'" gerechnet werden. Das Urleil wild am 13. Juli gesprochen werden. Pariser Wahrheiten Paris, 4. Juli. Ein Blick in die französische Presse „L'Ere N o u v c l l t", bab Blatt des Ministers Herriot, nennt in einer Ucberschrist den Neichskanzler Hitler„d c n Herrn Mörder H i 1 1 c r". Clement Bautet schreibt tut „Journal", Sab er jeden Tag Artikel lese, in denen Hitler als ein Irrsinniger, ein Schlächter, ein Gangster, ein Kannibale bezeichnet werde... Er niöchtc Teutschland ver- leidigen, denn Politik sei eben kein Kinderspiel. Er vergißt nur, daß Politik überhaupt nur möglich ist, wenn ihr ein Rechtszustand zugrunde liegt. Der alier existiert in Deutschland nicht mehr. »allen ln Verlegenheit Rom, 5. Juli. Die italienische Presse befindet sich gegen- über den deutschen Geschehnissen in Verlegenheit. Tie Zeitungen beschränken sich daraus, Meldungen zu veröffentlichen, die sich streng an den offiziellen deutschen Texten halten. Bon diesem Gesichtspunkt ausgehend, sind die Bemerkungen des Sonderkorrespondenten der„Stampa" besonders charakteri- stisch. Nachdem der Berichterstatter einen Ucberblick über den Berlaus der Eretgnisie gegeben hat, schreibt er:„To schließt die Chronik der historischen 48 Stunden, eine Chronik, die sich auf objektive Informationen stützt, und die die Interessen des Landes berücksichtigt, dessen Gäste wir sind, eine Chronik, die wir unseren Lesern fast ausschließlich an Hand der ofsi- ziellen Communiques der Regierung und seiner autorisierten Organe vermitteln... Wir fühlen uns nicht ermächtigt, die Meldungen durch unsere persönliche Auffassung zu ergänzen oder durch die ungeheure Zahl der Gerüchte, die sich der Hälfte der deutschen Bevölkerung bemächtigt hat. Wir haben nicht den Mut und nicht die Energie, über diese Tatsachen uns auszulassen." Entrostung in Amerika Neuyork, 5. Juli. Die amerikanische Presse zeigt sich gc- gcnitber den von Hitler befohlenen Mordserien in Deutsch- land auf äußerste entrüstet.„Die Wölfe zcr- reißen sich gegenseitig in Deutschland", schreibt „Neuyork Evening Post".„Weitere Schurken sind tot. Das blutige Weck-end Hitlers hat eine Schwächung des Führers und eine Stärkung der Armee herbeigeführt."„Neuyork Times" bemerkt:„Man denkt mit Mitleid an die, welche in einem Lande voll von Spionen und Spitzeln leben müssen, wo die Bevölkerung nicht wissen darf, was vorgeht und wo über die furchtbarsten Geschehnisse keine Rechenschaft abgelegt zu werden braucht." Polen sclMIzl Ihn Warschau, 3. Juli. lUnited Preß.) Heute wurde in War- schau das sozialdemokratische Blatt„R o b o t n i k"<„Der Arbeiter") beschlagnahmt sowie die in Krakau erscheinende sozialdemokratische Zeitung„Naprzod"(„Vorwärts"!. In dielen Blättern wurde zusammenhängend mit den letzten deutschen Ereignissen der deutsche Neichskanzler geschmäht. Reserve in Japan Tokio, 5. Juli. Die japanischen Zeitungen haben zu oft ihrer Sympathie mit dem nationalsozialistischen Regime Aus- druck gegeben, als dgß sie sich erlauben könnten, gegen die Ereignisse in Deutschland deutlich Stellung zu nehmen. Das in Tokio erscheinende Blatt„Hntschi", bemerkt in einem vor- sichtig gehaltenen Artikel, es sei ein pathetisches Schauspiel, zu sehen, daß Hitler eine b l u t i g e Ne i n i g u n g nach mehr als einem Jahr seiner Herrschast vollziehe... Ein Rernnter gekommener Richard Kircher. der Chefredakteur der„Frankfurter Zei- tung" schreibt:„Die Anslandsstimmen— als ganze« genom- inen— zeigen, daß die Beurteilung Teutschlands einer neuen schweren Belastungsprobe ausgesetzt wurde. Ties gc- schal, in einem Augenblick, wo angesichts des Fiaskos der Abrüstungskonferenz und angesichts der französischen Allianz- bestrebungen, aber auch wegen der gesamten internationalen Wirtschasts- und Finanzbeziehungen an sich schon eine sehr ernst zu nehmende Spannung der internationalen Bezie- Hungen eingetreten war. Die Schuld an dieser neuen schweren Belastung fällt denjenigen zu, die durch Verrat und grenzenlose Leichtfertigkeit der Rcichsrcgicrung einen R o t w e h r a k t a u f g e z iv u n g e n haben, der, wie Herr Hitler gestern dem Kabinelt und wohl auch dem Reichspräsi- deuten nachwies, dazu bestimmt war, einen Zusammenprall zu verhindern, der Tausenden das Leben gekostete haben könnte. Es wirb viel darauf ankommen, daß den teils bös- willigen, teils ehrlich entrüsteten, iveil verständnislosen, aus- ländischen Kritikern diese Tatsache sowie der wahre Umfang der Verschwörung möglichst klar gemacht wird. Jene Aus- länder, die aus einen solchen oder ähnlichen Ausstand gegen die Regierung Hitlers geradezu gewartet haben und ihn dringlich herbeiwünschten, sollten doch am ersten begreifen, daß ein gefährlicher Anschlag und deshalb ei» Notwehr- akt der Regierung vorlag. Wenn es diese Umstände und der Ziveck der Aktion erlauben, die Zusammenhänge und den gesamten Verlauf der Oesfentlichkeit deutlicher zu machen als bisher, so würde man das nicht nur in Teutschland begrüßen sondern dann könnte den entstellenden Berichten übelwollender Airsländer oder Emigrantenblättcr wirksamer als bisher ein Riegel vorgeschoben werden." * Herr Kircher findet es also grundsätzlich ganz in Ordnung, daß sich ein Statsobcrhaupt seiner Gegner ohne Urteils- spruch durch Mord erwehrt. Er tut so. als sei er darüber er- staunt, daß man im Ausland d'eke Grundsätze der Staats- raison als Rückfall in die Barbarei betrachtet. Man hat, immerhin. Mitleid mit dem Mann. Würde er so schreiben, >me er denkt, so iäßc er morgen nicht mehr ans seinem Posten. Oder im Konzentrationslager. Wenn er nicht aar erschossen wird— aus Grund eines„Notwehraktes" der Regierung. Den könnte er freilich dann nicht mehr billigen. parlansentsanfomaien Berlin. 5. Juli. In der Sitzung der Reichsregierung wurde ein Zusatz zum Gesetz über die Wahlen zum Reichstag be- schlössen, wonach alle diejenige» Abgeordneten, die aus der nationalsozialistischen Partei ausgeschlossen wurden, auto- matisch ihr Mandat zum Reichstag verlieren sollen. „Dieselbe Technik wie beim Reichstagsbrand'- Das sagt d;e angesehenste schweizer Zettung- Das Anstand wird immer deutlicher Als die„Deutsche Freiheit" kürzlich darauf hinwies, daß die blutige Unterdrückung der angeblichen Revolte eine fatale Achnlichkcit mit der Inszenierung des Reichstagsbrandes besitze, begegnete ihr von manchen Seiten ungläubiges Staunen. Jetzt schreibt(Nr. 1207) die„N c u e Z ü r ch e r Z e i t u n g" unter der Uebcrschrift„Blutige Saat": Enthüllung einer längst bekannten Korruption, deren Er- wähnuug früher ebenso rigoros unterdrückt worden war, wie sie jetzt unter äußerstem propagandistischem Aufwand bis zur Geschmacklosigkeit breitgetreten wurde, nnd das allzu selbstverständlich« Versprechen der rücksichtslosen Austilgung der Pestbeule schienen eine ins einzelne gehende Ausklärung der Verschwörung nicht ersetzen zu können. So läßt man jetzt, wie der Berliner Korrespondent der„N. Z. Z." in Nr. 1231 berichtete, die Umrisse eines Komplottes durchblicken, wonach Stabschef Röhm und der Kreis seiner Mitvcrschworenen ein Attentat aus den Reichskanzler geplant nnd beabsichtigt hätten, nach der Ausführung des Anschlags die gesamte SA. marschieren zu lassen und unter dem Eindruck des Attentats und in der kaum vorstellbaren Verwirrung, die daraufhin entstehen mußte, die„zweite Revolution" gegen die„Reaktion" zu entfesseln. Noch auffallender als gewisse Unwahrscheinlich- leiten ist dieverblüssendeAehnlichkeit dies es Plans mit der Deutung, die von gewisser Seite dem Reichstagsbrand gegeben wurde. Dieselbe Technik, die im letzten Jahr den Nationalsoziali st cn von gewisser Seite unterschoben und von diesen mit äußerster Entrüstung bestritten wurde, wird jetzt in den Enthüllungen über das Komplott gegen Hitler und zur Entfesselung der„zweiten Revolution" den gestürzten und erschossenen SA.-Führern zugeschrieben: nämlich die Ab- ficht, ein durch Provokateure verübtes Ver- brechen dem politischen Gegner zuzuschic- ben und es zu dessen Vernichtung zu wenden. Man hat wohl in der Zentrale der nationalsozialistischen Propaganda nicht ganz ersaßt, daß die Methode der Diabolisierung des Gegners» angewandt auf die am 30. Juni 1384 erschossenen Meuterer, die am 27. Fe- bruar 1388 noch an der Spitze der braunen Sturmabtei- langen in die eben beginnende Revolution hineinmar- schickten, gewisse Geheimnisse der Machteroberung in einem recht zweideutigen Licht erscheinen läßt... Die„Neue Zürcher Zeitung" hat die deutschen Ereignisse stets mit größter Zurückhaltung besprochen. Manchmal schien es, als habe sie für die deutschen Machthaber eine gewisse Sympathie. Alle? ist wie fortgeblasen. Kein anständiger Politiker, keine anständige Zeitung möchte noch in der Nähe Hitlers und der Seinen gesehen werben. Die Berichte der Presse führen eine Sprache, die an Schärfe nicht zu über- bieten ist. Ihre Anklagen fürchten selbst das drohende Verbot für Hitler-Deutschland nicht mehr... Ein Damm ist gebrochen in der ganzen Welt. Menschen- rechte und Kulturgewifsen gegen Barbarei I Ganz Fraühreidi warte! Seitenlange Berichte der Presse Paris, 4. Juli 1934. (Von unserem Pariser Korrespondenten) Seit den Abendstunden des letzten SamStag sind den Er» eigntssen in Deutschland ganze Seiten der Pariser TageS» zeitungen gewidmet. Alle Tagrsgeschehnisse. selbst die Be* richte von der Tour de Flauer, nehmen daneben nur einen zweiten oder dritte» Platz ein. Ganz Frankreich wartet auf Nachrichten aus Deutschland. Für den Franzosen, der ben Wert dcS Menschenlebens schätzt, der stolz darauf ist, daß in Frankreich einstmals die Menschenrechte verkündet ivurden, ist es einfach unfaßbar, baß ein Reichskanzler, der der Erneuerer eines vd Mittionen- volles sein will, kaltblütig den Befehl gibt, Menschen zu er- morde», ohne ihnen die geringst: Möglichkeit zu geben, sich auch nur vor einem Standgericht zu verteidigen. Wogegen zu verteidigen? Gegen den Vorivurf, einen Ausstand ange- zettelt zu haben, der ln Wirklichkeit niemals ausgebrochen ist. Hitler hat seine Freunde gemordet, die Gefährten seiner ersten Stunde, nicht weil sie Verräter an ihm waren, so sagt man hier, sondern weil er sie verraten hat, verraten Hot an die Reichswehr nnd an die Großkapitalistcn. Gewiß di: Röhm, Heines und Heltdors waren keine Sozialisten. Ihnen war das Schicksal der TA.-Proleten gleichgültig, wenn sie nur im Besitz der Macht waren und blieben. Aber sie spieltrir vor ihren Anhängern gerade in den letzten für die SA kriti- schen Wochen die Sozialisten und viele SA.-Leuie glaubte>r ihnen. Indem nun Hitler ihre Führer hinmorden ließ, machte er die SA.-Massen für ben Augenblick führerlos. Nur für den Augenblick: denn keiner glaubt hier daran, diese Massen aus die Dauer so dumm z« machen, wie er sie braucht. Sagen wir offen, die Franzosen sind froh, daß Hitler Göring und Konsorten mit sich selbst genug zu tun haben. „Nun könne» sie sich wenigstens nicht um uns kümmern und uns beunruhigen", so gesteht man hier ausatmend. Ein Volk, das seine Einigkeit so deutlich dokumentiert, wie dies in diesen Tagen in Teutschland offenbar geworden ist. trotz aller Reden von der Volksgemeinschaft, wird kaum einhcttiilb gegen seine Nachbarn geführt werden können. Und der Franzose, der fa den Frieden über alles liebt, ist froh bei diesem Gedanken. Die Zettungen bringen die Nachricht, daß Hitler in einigen Wochen den Reichstag zusammenrufen will, der ihm neue Vollmachten" geben soll. Man weiß an der Seine nicht, ob man über Hitlers Dummheit staunen oder über diesen Komödianten lachen soll, der einige hundert Leute zum Ja- sagen kommandiert und der Welt damit den Beweis geben will wie großes Vertrauen der Mörder vom 30. Juni beim deutschen Volke besitzt. Der Welt, die sich hier in Frankreich einmütig von links biö rechts mit Schaudern von ihm wendet. Deutsche„Invasion' 4 in Holland Die Belogenen suchen Wahrheit R. De» Haag, 5. Juli 1984. Die Ereignisse im„dritten Reich" kamen für die hvllän- dische Oesfentlichkeit keineswegs als Blitz aus heiterem Himmel, denn die ausführliche Berichterstattung der Berliner Korrespondenzen fast aller maßgebenden Blätter hatte die Zusammenbauung des politischen Gewitters von Tag zu Tag offenkundiger werden lassen. Gewiß hat niemand an ein Kameradenschlachten Hitlers gedacht, aber der Außenpolitikcr des bedeutendsten holländischen Blattes, des„Nieuwen Rot- terdamschen Conranten", hatte seit Wochen bereits auf das Anseinanderstreben der bisher verbündeten Kräfte aufmerk- sam gemacht und die allgemein außenpolitisch gut orientier- ten holländischen Zeitungen hatten in dieser Richtung alle Entwicklungsphasen gut verfolgt. Aber gerade diese Inten- sität der Berichterstattung hatte die holländische Oessentlich- keit in die denkbar größte Spannung versetzt, und bei der am Tamstaqvormittag ausbleibenden Nachrichtenübermitt- lung aus Berlin gingen durchgesickerte Gerüchte wie ein Lausfeuer durch die Bevölkerung. In den späten Nachmittag- stunden kamen dann die ersten authentischen Nachrichten, und die Ausregung, mit der die tu Massenauslagen erscheinenden Sonderausgaben der großen Blätter aufgenommen wurden, läßt sich nicht einmal mit jener vergleichen, die beim Aus- bruch der bitlcrschen Konterrevolution zu verzeichnen war. Nahezu alle Blätter erschienen mit besonderen Nachtaus- gaben, die bis spät nach Mitternacht noch heransgeqeben ivurden und rasenden Absatz fanden. Die holländischen Groß- städte, die normalerweise»m tt bis 12 Uhr still und wie ausgestorben sind, hatten in der Nacht zum Sonntag ein aufgeregtes Nachtleben, das sich bis in'die Vororte aus- strahlte. Besonders lebhaft ging es aber in den Grenzgebiet«« zu. Bereits in den ersten Abendstunden kamen ans dem deutschen Grenzbezirk zahllose Radsahrer, die stch über die Vorgänge informieren wollten, weil sie dazu im Reich Dsurnergne und die Eronlkampter dnb. Paris. 5. Juli. Auf einer Veranstaltung der Pariser Ortsgruppe der Nativnalvercinigung ehemaliger Front- kämpfer verlangte ein Abgeordneter, der der Vereinigung angehört, die Auflösung bei Kammer, d i e Herab- setzung der Zahl der Abgeordneten und Ver- stärkung der Befugnisse des Präsidenten der Republik. Ter Vorsitzende der Nationalvereinigung der ehemaligen Frontkämpfer Leb e cy verlas den Wortlaut einer Entichlie- ßung, durch die mit Bedauern festgestellt wird, daß die Ne- gierung Toumergue nicht den Erwartungen der Frontgenc- selbst nicht in der Lage waren. Diese deutschen Jnieres- scnten scheinen wie Signalboten gewirkt zu haben, denn im Lause des Sonntags strömten in allen dolländischen Grenzortcn Taufende und aber Tausende Deutsche zu- sammen, die sich vor den Zcitungsgcbäuden stauten und die neuesten Meldungen mit Spannung verfolgten. Riesenzulauf hatten die Lokale, die mit dem Radio ununter- brachen die neuesten Nachrichten hereinholten. Vielerorts soll man auch Deutsche in Gruppen zusammenstehen und deba:- tteren, eine Möglichkeit ausnützend, die sie jenseits des Grenzen nicht besitzen. Die politische Bedeutung der Vorgänge wirb im all» gemeine» richtig eingeschätzt und je nach der eigenen poli« tischen Orientierung bewertet. Aber wenn auch ein Teil d:r rechtsgerichteten Blätter mit einer gewissen Befriedigung vom Ende der„P ö b c l h e r r s ch a s t der SA..Kenntnis nimmt, so überwiegt doch die nüchterne Erkenntnis, daß der gleichzeitig geführte Schlag gegen die andere, gegen die rechte Front, eine verhängnisvolle Isolierung der u crb fi nef'ihrt hat. Selbst der httlerfreundliche„Telegraph" bringt am Dienstagabend— als er Gelegenheit zu haben glaubt, die Entwickluna einiger- maßen übersehen zu können— mit sorgenvollem Ton zum » s fe Göring-Hitlcr? keine polilitche Handlung sondern glatte Spekulation darstellt. Allgemein wird in der vol,tischen Oesfentlichkeit Hollands der-rtiliifc gezogen, daß Hitler» neuester Putsch eine Berzweislmmatat fÄÄ'Äli« SS w, S istrisasrss bä-JES® 1 „Nibelungentreue" aeiellt sich in n r(on mr daran, wann die Ansttk»-/>>>»v't man die Frage der Stiten^un^ö" /Realm'es^«Erneuerung So»#- y ficfoiöcrt rotr5. 3tc ßcötmcrt Mlttl 6,1.,: ,,m 61,' ,®"' » h«Fäss ärä gleichviel welche Folgen das i Entscheidung satten, fand bei der Pariser OrtSaruove Ä Xie Entschließung der ehemaligen Frontkämpfer große" Toller Mg Englands Die Rcidisreglcrung Kapituliert in der Transferfrage Zwischen England und Deutschland ist ein Transfer- abkommen getroffen worden, das in seinen wesentliryen Abschnitten lautet: Art. 2 Die deutsche Regierung wirb der Bank von Eng» land die Pfund-Sterling Beträge zur Ver» iügung stellen, aus denen für Rechnung der deutschen Regirrung alle zwischen dein 1. Juli 1934 und dem 31. Dezember 1934 fällig werdenden Zinöschcinc der 7pro- zentigen deutschen äußeren Anleihen von 1924 und der S'/,prozentigen Anleihe des Deutschen Reiches 1939 an ihrem Fälligkeitstage oder unmittelbar danach bei der Eiureichnng geläutt werden sollen. DteS gilt nur für die Zinsschcinc von Stücken, sitr die der Bank von England der Nachweis erbracht worden lll, daß sie am 12. Juni 1934 britischen Inhabern zu E i g e n t u m oder N u tz- nietzung gchdrte». Der 1k a n f p r e i ö soll 199 Prozent des Ncnnivertcs jedes Zinsscheine» betragen. Die Be- Zahlung des Kaufpreises oder, falls der Zinsschein in tremder Währung zahlbar ist, des Gegenwertes in Pfund Sterling soll bei der Bank von England erfolgen. Für die Zwecke dieser Ankäufe sollen die Zinsschetne der o'/,pro- zentigen Anleihe des Deutschen Reiches von 1939 zahlbar im Nennivcrtc der Währung, aus bte sie lautet, und nicht als zahlbar in Wold angesehen werden, unbeschadet der Rechte der Stuckinhaber, die ihre Zinsscheine nicht zum Ankauf einreichen. Art. S Was die übrigen mittel- und langfristigen Schulden, die nicht in Art. 2 dieser Vereinbarung näher bezeichnet sind, angeht, so sollen die Bestimmungen und Bedingungen des Angebot? der Reichsbank, wir es in der Verlautbarung der Berliner TranSferkonscrenz vom 29. Mai 1934 nieder- gelegt wurde, für alle ZinS-, Dividenden- und sonstigen regelmäßig wiederkehrenden Zahlungen ähnlicher Natur unabhängig davon, ob stc aus Grund von Zinsscheinen geleistet werden, gelten, soweit es sich dabei um Anlagen handelt, für die der Bank von England der Nachweis erbracht worden ist, daß sie am 18.>,unl 1.34 britischen Inhabern zu Eigentum oder Nutznießung ge- hörten. Wenn jedoch die deutsche Regierung mit irgendeinem anderen Gläubigerland eine Vereinbarung tretftn solle. durch die in diesem Lande aufsässigen Gläubigern in bezng auf dlc Nichtreichsanlcihen eine günstigere Regelung gc- währt wird, soll es den britischen Gtäudtgern Irr,stehen, einen Anspruch ans eine entsprechende Behandlung der ihnen am IS. Jnni 1934 gehörenden Rnlagcn geltend z« machen. Sollte ein solcher Anspruch erhoben werden. io soll die Anivenduiig dieser Bestimmung durch eine Vereinbarung zwischen der deutschen Regitruim und der Rr- gicrung des Ver. Königreiches ans der Grundlage der Glcichbehandlunq geregelt werden, und zwar unter Be- nickstchtigunq aller Umstände einschließlich irgendwelcher Vorteile, die Deutschland von einem andcren Glaubiger- land erhält, verglichen mit irgendwelchen Vorteilen, die Deutschland von dem Ver. Königreich erhält. Das bedeutet: England hat seinen Standpunkt r e st- los durchgesetzt. Es hat die Transferierung der Monat- lich etwa 2 Millionen Reichsmark betragenden Zinsen aus den p o l i t i s ch e n Anleihen erreicht. Das hat natür- lich die Konsequenz, datz alte übrigen Gläubigerländer dieselbe Forderung erheben und vermutlich auch verwirk- liehen werden. England hat welter erreicht, daß Sonderabkommen Deutschlands mit anderen Ländern über die nicht politi- schen Schulden auch auf die englischen Gläubiger ange- wendet werden müssen. Das soeben abgeschlossene Clearing-Abkommen mit der Schweiz wird also automa- tisch auch von England in Anspruch genommen werden. So sind die Großmäuler Hitler und Schacht, diese Reichsbankrotteure: erst verkünden sie Widerstand und beim ersten Druck sinken sie zusammen. S€©slew ÄG5 Wirtschaft feil II Zum letzten Rcichsbank-AuSwcsss schreibt die„Neue Zttrtcher Zeitung": Die seit Anfang Dezember 1933 ununterbrochene Abwärts- bewegung der Gold- und De v i se n b e st« n d e der Reichs- bank ist dank der einschneidenden Maßnahmen der Reichs- dank in der letzten Juniwoche zum Stillstand gebracht wor- den. Es geschah dies auf dem Tiefstand von 79,8 Millionen Rm., der immerhin erstmalig um 9,3 Millionen Rm. über dem Niveau der Vorwoche lag, was sich die NcichSbank zweifellos als einen Erfolg ihrer Bemühungen anrechnen kann. Vor einem Jahr, bei Beginn der partiellen Transfer- Moratoriums, stellte sich der Gold- und Devisenbestand noch auf 273 Millionen Rm., um bis Anfang Dezember auf etwa 419 Millionen Rm. anzusteigen. In das am 1. Juli 1934 be- gounene volle Transfermoratorium geht die Reichsbank nun noch mit einem kaum nennenswerten Bestände hinein, der gerade zu einer Notcndcckuiig von nur noch zwei Prozent ausreicht. Infolge des Moratoriums und sonstiger günstiger Mo- mente wird in den nächsten Wochen eine gewisse Erleichte- rung der Deviscnsiluativn erwartet. Andererseits darf dabei nicht übersehen werden, daß die jetzige Politik der Ver- teibigung der spärlichen Reste der Devisenreserven nur auf Kosten der Wirtschaft geht, wie die scharfen De- viscnreoartierungen seit einer Woche erkennen lassen. Schon wird aus Kreise» der Textilindustrie ein beginnender Rück- schlag infolge Rohstoffmangels gemeldet. Dabei sind die Devisen Portierungen seit heute trotz der Häufung von Ansprüchen am Monatsbcginn infolge vermehrter«n- fordcrungen auf dlc Monatskontingente, unter Berücksichtigung der bekannten Ausnahmen, im Durchschnitt wieder nn- verändert mit etwa 19 Prozent festgesetzt worden, wobei die kleinen Anforderungen bis 290 Rm. und auch die 200 Rm- Freigrenze für den Reiseverkehr voll bedient worden ist. Selbstverständlich häuten sich aber die nicht befriedigten An- forderungen zu einer bedrohlicheren Höhe an, die stockend auf den gesamten AuSlandSverkehr wirkt. Auf den Jnlaudkonten wirkte sich der HalbjahreSultimo in einer starken Anspannung aus. Die gesamten W i r t- schaftskredite wuchsen um 58G(i. B. 379) Millionen Rm. aus 4318(3713) Millionen Rm.. wobei auch die erhöhten Anforderungen aus der Einzahlung auf die Reiclisaiileihe uns aus dem Reiseverkehr mitsprachen. Das Wcchselpvric- feuille stieg um 424(249) Millionen Rm. ans 3392(3212) MI«. Rm. an, lag also wieder über dem Vorjahrrsstniide. Auch der Bestand an deckungsfähigeu Wertpapieren wurde weiter um 19 Millionen auf 391 Millionen Rm. erhöht. Auf der anderen Seite schwoll der Notenumlauf um 379(282) Millionen Nm. aus 3777(3482) Millionen Rm. au und der gesamte ZahlnngSmtttelumlauf auf 8781(2221) Millionen Rm. Die Belastung des Reichsbnnkstatns ist somit jetzt wesentlich stärker als vor einem Jahr. Insten nnst Christen Der Arierparagraph (fiti holländischer reformierter Prediger(protestantisch) schreibt an„De Ioodsche Perscommissie": „Schon etliche Male empfing ich von Landgenosscn«in freundliches Schreiben mit der Bitte, ob ich in den Taus- b ü ch c r n. die bei mir in Verwahrung sind, einmal nachsehen wolle, ob ihr Familienmitglied, das in Teutschland wohne, ninerzeit aetanst worden sei und wie feine Eltern hießen. T^s in Frage kommende Familienmitglied müßte diese An- gaben(in Form eines Tausbcivcises) den deutschen Autvri- täten vorlegen wegen des berüchtigten Arierparagrafen. Es muß dadurch beweisen, daß eS nicht von jüdischer Her- kunst ist und also seine Stellung behalten kann oder aber es muß diesen Beweis vorlegen, wenn es sich irgendwie um eine Stellung bewirbt. Ich fühlte zunächst große Lust, diese Bitte einfach abzu- schlagen. Ich war wirklich entsetzt, auf eine derartig»nver- schämte Weise von deutscher Seite au die schändliche Ver- lvlguiig der Juden nun neunzehn Jahrhunderte nach EhristuS erinnert zu werden. Di« unannehmbare Gegenüberstellung von Jude und Germane, die für alle christlichen Religionen gelten soll, berührte mich im höchsten Grade unangenehm. Für einen Christen ist der natürliche Unterschied der Ratio- nalitäten. Rassen und Farben geradezu die Offen ba- rung der vielseitigen Schöpfung Gottes und keine Gegenüberstellung, sondern gerade die Grundlage einer höhere» Einheit, vereinigt in der christlichen Brüder- Ilchkcit. die die jlldisch-christltche Gemeinde in Jerusalem auf Psingsttage zur Schau trug, als Juden und Judengenossen von siebzehn Böllern sich fanden als Brüder und Schwestern, als Kinder eines Vaters... Andererseits aber war es mir klar, daß meine Weigerung die Bittende» schädigen würde. Ich entschloß mich nun. den Tausbeweis, doch zu geben mit der Erklärung, daß die bewußte» Personen tatsächlich tn meiner Gemeinde getaust waren im Namen des Vaters von dem Sohne des Juden Jesu und der Jüdin Maria und des heiligen Geistes. Nach weiterer Uebcrleguiig fühlte ich auch, daß ich diesen Fingerzeig auf die Nationalität Jesus unterlassen müßte. Sagte Christus nicht einst zu seinen Jüngern, daß man keine Perlen vor die Schweine werfen müsse? Ich habe also d'e Taufbewcisr rein amtlich ausgestellt, während ich in einem Vcgleilichreiben den Austragenden wein« Meinung gesagt habe. Mir selbst tft es inzwischen immer deutlicher geworden, daß wir Germanen(ein bar- barischcr Zweig von dem wahrscheinlich höher stehenden indo- germanischen, arischen Stammbaum), die wir dem jüdischen Volke soviel zu danken haben, unsere Augen vor seinem größten Sohn in Scham und Schuldgefühl niederschlagen Müssen. Da? jüdische Volk tröste sich in diesen Tagen deS Leidens Und der Heimsuchung, die ihm sicher auch reichen Segen bringen werden, mit dem Wissen, daß viele Millionen Christen seiner mit S n m p a t h i e und Tank- barkeit gedenken. Verdanken wir doch Inda Ihn, der kür uns der Eckstein und die Spitze der wahrhaften Geistes- kultur geworden ist: den neue n Mensche n." „Wirrnis" Ein lichter erster Augenblick Der Chefredakteur der„Fränkischen Tageszeitung", ein verunglückter Lyriker, der in unbewachten Momenten manchmal die Wahrheit sagt, schildert den ersten Eindruck der blutigen Meldungen aus Berlin: Wir alten Gardisten des Nationalsozialismus ver- mochten uns nicht in die Gebankegänge von Männern zu „„rietze» die io gehandelt haben wie Ernst R ö h>n und seine Mitocrschworcnrn. Es soll hier ausgesprochen werden, daß gerade wir im ehemaligen Stabschef den Mann erblickten, der. mit dem Willen des Fllh- rcrs, in der SA. das Werkzeug schar! e r- halten sollte, uni die Früchte der national- loziali st Ischen Revolution auch in der Zu- kunst zu sicher». Wir hatten auf ihn, neben dem Führer, immer unsere größten Hoffnungen gesetzt und wer es noch vor 48 Stunden gewagt hätte, zu sagen, dieser Ernst Röhm paktiere mit einem der schimm- sten Feinde des Nationalsozialismus, mit jenem Herrn Schleicher, in dein wir den Vertreter der übelsten Reaktion erblicken, den hätten wir ohne zu zaudern und ohne nach Recht oder Unrecht zu fragen, niedergeschlagen. Weil wir so empfanden, weil wir so glaubten, darum traf uns der Schlag um so schwerer. Und wenn nicht der Führer wäre, Adolf Hitler, der hier in kritisch- sten Stunden wieder einmal seine ganze wunderbare Persönlichkeit bewiesen hätte, dann würde es schwer sein, anS dieser Wirrnis, in die man im crsten Augenblick gestürzt zu sein glaubte, wieder heraus zu s i n d e>,. „Der erste Augenblick" sah richtig. Die Wirrnis kam erst später. Sein Moralin Von besonderer Seite wird uns geschrieben: -..Die Welt wird schöner mit jedem Tag...! Leide? weiß Man aber genau, was noch werden mag,— es graust uns davor. Gestern noch Helden, Führer, Deutschlands Zukunft, Gründer des tausendjährigen Reiches, von ausländischen Staatsmännern und Politikern als vollwertige Kollegen ^"pfangen,— heute: Verbrecher, moralisch verkommene Subjekte, vor denen die Welt sich ekeln soll—. So will es der andere„Held", der Flthrer, der jahrelang Mord, Raub '.'Nd moralische Pestilenz geduldet, nein: gefördert hat. Und die bisher von seinem„sauvc qui pent"= Wahn noch nicht bekilltcn: Streicher, Göring, Goebbels,— was stnb sie? sichrer und Helden— heute»och. Wenigstens offiziell, denn d'e Kulturwelt, auch jene bourgeoiö-vorsichtigen Leute, die unnicr alles für„übertrieben" halten, sind sehend geworben durch 5( n„Führer", durch das. was er plötzlich zum ^darakier seiner gemeuchelten alten Mitkämpfer der Welt ^ offenbaren hat. „ Und der Führer selbst, der immer wiederholt hat, in den Leihen seiner Pg.s geschehe nichts ohne sein Wisien,>einen Millen? Er speit Galle und wäscht sich in Moralin. Aas Ihr im Auslande bestimmt»och nicht wißt: Wozu ?^aren die Herren Räuberhauptleute in«»'»?""d Hebbel»? Wozu? Um Krupp zu besuchen? Keine«pur! war in Essen, um die Hochzeit de« Gaule ters Terboven. arößt.n Manne- und Helden.m Ruhrgcbiet, zu feiern, jemals Nichtstuer, arbeitsscheu, Meuerstecher, also kurz- ölter Mitkämpfer Jetzt zieht er mit.seiner jungen Frau im ^?r.e7k!°?und Schle/er w die ^'önsten der an Luxuswohnungen wirklich nicht armen ^rupv-Stadt), die früher von Dr. Luther und spater von Bracht als Dienst-und Repräsentationswohnung benutzt ^Urde. Aber bewahre: so geht das nicht für den„Arbeite ^rboven: zunächst einige Hunderttausend für Umbautenund ^dernlstcrungen. auf daß der so anspruchsvoll von Haus illhl"dvacne Herr Terboven nebst Gattln sich auch wohl- Und die gnädige Frau Gemahlin, die dieser Führer der deutschen Zukunft erkor? Erkor ist eigentlich zuviel gesagt, er hatte nischt zu küren. Ihm wurde besohlen, wie sich das tm autoritären Staate gehört! Diese edle Blüte deutscher Jung- frauen ist schon einmal herrlich beschrieben worden, im Roman Balber OlbenS(der Roman eines NaziS). ES ist nomlich die liebliche Privatsekretärtn deS Herrn Propaganda- Ministers, die Herr Terboven In die Luther-Villa al« Hausfrau führt. Und damit der Herr Gauleiter wegen„Deutsch lands Jugend— Teutschlands Zukunft" sich nicht zuviel Sorge zu machen braucht, waren der Herr Minister schon so liebenswürdig, für dir Nachkommen Vorsorge zu treffen. Also, wie die rasscschänderischcn Inden sagen würden:„Eine fertige Sach." Und damit das Volk den Respekt nicht verliert, werden zu dieser Hochzeitsseicr SS.- und SA.-Paradcn, Fackelzüge und der ganze nciidcutsche Fahnenklimbim besohlen. Ans der Tribüne ER. der Führer, und neben ihm der so vorsorglich gewesene, nachgedunkelte Herr Schrumpfgermane. Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben! Dann schnell mit Auto sZwölfzvltnder Maybach) und Flug- zeug nach München zum fröhlichen Killen. Und dann— Operateur, Achtung: Seine! cajestät weint, buch nee— eine Kapuzinerpredigt ans Volk über Moral, Korruption, Pestbeule etcrtcra. Und die anderen Gangster», die inzwischen der Teufel geholt hat? Gangsters ist für diese Sorte Verbrecher eigent- lich eine ausgemachte Schmeichelet. So dumm ist kein an- ständiger Untermensch von Ehtkago: erst konspiriert man, dann hört man die Rede des Führers und die Erklärung, daß er sich im Notfall« nicht scheuen würde, stch von alten Mitkämpfern zu trennen. Man kennt die eigene Spitzel- und Verräterorganisation, für dir jeder selbst arbeitet, hört die Andeutung Hitlers, bekommt die so überraschende Einladung Goebbels nach München,— und ist dann dämlich genug, pünktlich an Ort und Stelle zum Abkillen anzutreten. Keiner der „edlen Führergcstaltcn". der Röhm, Ernst, Heines, hatte soviel Instinkt, einmal ein anderes als das gewohnte Nacht- auartier zu beziehen, um am nächsten Morgen mal erst vor- sichtig in die Lust zu schnuppern, ob sie rein sei»•• Niemand dieser edelste» aller Arier— vorige Woche konnte man es noch so lesen— wollte auch nur für eine Nacht auf das selbstverständliche Gelage, aus die neudeutsche Nazi- vrgie verzichten,— und: nicht einer fand den Mut zum Entschluß, im letzten, tm entscheidenden Moment das zu tun, was jeder Gangster fertig gebracht hätte: den verräterischen Näuberhauptman», der seine Werkzeuge und Komplizen fallen läßt, mit sicherer Hand in Jenseits zu befördern. Jämmerliche Waschlappen in der Maske vo» Räubern, moralisch verkommene Verbrecher in der Uniform des Helden, ihres alten Freundes Adolf Hitler. Und schon läßt Goebbels die«nversteckte Warnung durch den Rundfunk bekanntgeben: Wer an diesen, ohne Urteil vollzogenen Hinrichtungen Kritik zu üben wagt-- richtig verstanden: hat gleiches zu erwarten. Ich»rückte einem ernüchterten Nazi mein Staunen darüber aus, daß die Konspirateure nicht einmal aus Hitlers Rebe eine Warnung zur Vorsicht herausgelesen hätten. Die Antwort war charak- teristisch:„Ja, glauben Sie denn, baß irgendeiner von diesen höheren Führern sich seit Monaten jemals den O.natsch der Hitler, Göring oder Goebbels angehört hätte? Nee, das kann man doch auf die Toner wirklich nicht mehr!..." Noch eine schöne Reminiszenz: Es stud noch keine drei Wochen her, da wurde in Duisburg, in vornehmster Lage, neben der Reichsbank. ein durch Fusion freigewordcnes Sandstelngebäude, nach recht saftigen Umbaukosten, der SA. als Heim übergeben. Tamtam, Paraden, Fahnenweihe, Fest- reden, Ehrenbankett, Spitzen der Behörden, der JulUz,— wie das so bei der Einweihung eine? neuen Vereinslokals im verarmten Deutschland kaum sparsamer gemacht werden kann. Der Herr Pate war höchstpersönlich erschiene», der Herr Oberbürgermeister übernahm den«Markstein für ewige Zeiten" in den Schutz der Stadt. Die Gestapo beglückwünschte die Herren Verbrecherkollegen zu dieser Trutzfeste inmitten der Arbciterstadt»siv. Und stolz salutierte die ganze Uniform- pracht bei der Enthüllung des deutschen Sandsteines über dem Portal, der den Namen deS darnnterstehenben. Hitler schreienden Paten trägt:„Röhm-Hauo".— Kurz, markig, ichlicht und deutsch. Ein Markstein ist billig, zu jedem annehmbaren Preis« abzugeben«— sür ewige Zeiten, für tausend Jahre. Das bunte Matt Freitag, 6. Juli 1984 Große Männer Der schalkhafte Tolstoi Tolstoi hatte mährend eines Aufenthaltes in der Krim ein köstliches Erlebnis, das der Dichter selbst erzählt hat. Ein reicher Amerikaner kam in seiner Jacht in Gesellschaft mit Freunden an und bat um die Erlaubnis, den großen Russen zu sehen. Er oersprach auch, sie würden ihn durch Sprechen nicht belästigen und mit einem Blick zufrieden sein. Die Er- laubnis wurde gewährt. Tolstoi saß aus seinem Balkon„wie ein buddhistisches Götzenbild", so sagte er, und die ganze Ge- jellschaft bor Amerikaner zog langsam und schweigend an ihm vorbei; jeder blickte ihn beim Borbeigehen an. Eine Dame jedoch hielt sich nicht an die Abmachung gebunden. Sie stand einen Augenblick still und rief:„Leo Tolstoi, Leo Tolstoi, all^ Ihre edlen Schriften haben mein Leben tief beeinflußt; aber was mich am meisten gelehrt hat, ist Ihr..." Hier hatte sie den Namen des Werkes vergessen. Der kranke Dichter lehnte sich über die Brüstung des Balkons und flüsterte lächelnd: „Tote Seelen?"„Ja, ja," hauchte sie verzückt.„Das Buch ist aber von Gogol, nicht von mir!" Edisons Werbung Der berühmte Erfinder Edison soll bei der Werbung um seine Frau eine recht eigenartige und knappe Form gewählt haben. Eines Tages ging er in eines seiner Arbeitszimmer und stellte sich hinter den Stuhl einer hübschen Telegrafistin, die ganz in ihre Arbeit vertieft war. Das Mädchen blickte sich scheu um und sagte:„Ich weiß, daß Sie es waren, Mr. Edison. Ich weiß immer, wenn Sie in der Nähe sind." Dar- auf antwortete er ohne weitere Einleitung zu ihrer Ueber- raschung:„Ich habe in der letzten Zeit sehr viel über Sie nachgedacht..." Ich würde Sie gern heiraten, wenn Sie mich haben wollen." Einen Monat später waren die beiden ver- heiratet. Unfreiwillige Mitarbeit Aus dem internationalen Kunstmarkt haben die Werke des französischen Malers Monticelli einen hohen Preis und man sucht eifrig die leuchtenden Farbcnvisionen dieses Marseille! Malers, der in seiner Spätzeit Zeichnung und Inhalt arg vernachlässigte, um durch das dicke Auftragen der Farben übereinander eine kräftige Wirkung zu erzielen. Seinen Landsleuten galt er als wunderlicher Sonderling, dessen „Schmierereien" man nicht einmal Seltenheitswert beimaß. Mit der Pfeife im Mund lief er damals auf der Straße umher und bot den Vorübergehenden seine Bilder für lächerlich geringe Preise an. Den Leuten, die seine Werke zurückwiesen, machte er dann wohl noch den Vorschlag, sie möchten sich von ihm malen lassen.„Kommen Sie dort in das Eafe," meinte er.„Ich porträtiere Sic, während Sie früh- stücken". Heute kann man für solch ein paar Bilder von Monticelli ein kleines Vermögen bekommen. Einmal hatte der Maler gerade eines seiner kleinen lichtdurchglühten Bil- der vollendet und auf einen Stuhl gelegt, als sich ein neues Dienstmädchen, das in dem vollgepropften Atelier des Malers die nötige Vorsicht noch nicht gelernt hatte, aus das Keuyorker Mm-Yensur wirb immer strenger Die Zensur des Staates Neuyork hat dieser Tage dem neuen Film der berühmten Mae West„Das ist keine Sünde" die Aufsührungsgenehmigung versagt. Mehrere Szenen müssen wiederholt und verschiedene Dialogstellen entfernt werden. Auch der Titel soll geändert werden, da er nach An- ficht der Prttsungsbehörde„den sex-appeal verherrlicht". Diese Strenge, die im Staate Neuyork eine Neuerscheinung bildet, ist die Folge einer„Tchamwelle", welche gegenwärtig von der katholischen Kirche propagiert wird. Die Filmindustrie hat bereits gegen diese puritanischen Maßnahmen Einspruch erhoben, da sie zahlreiche kalifornische Studios mit Schließung bedrohen. eben vollendete noch nicht trockene Meisterwerk setzte. Das Mädchen sing an zu weinen und bat den Meister flehentlich um Verzeihung, der aber betrachtete wohlgefällig die Tat der unfreiwilligen Mitarbeiterin und sagte dann tröstend: „O, das macht nichts. Im Gegenteil! Jetzt steht das Bild noch viel schöner aus." Nach einigen Pinselstrichen war der Schaden wieder gutgemacht, ja Monticelli fand dies Werk besonders gelungen. Ein„Irrtum" Rossinis Eine hübsche Anekdote wird von Gounod und Ingres aus jener Zeit erzählt, in der Ingres Direktor der Villa Medict und Gounod dort Pensionär war. Beide hatten bisweilen freundschaftliche Auseinandersetzungen über die italienische Musik, die Ingres„höchstens für Jahrmarktboden gut ge- nug" fand. Eines Abends war man in dem Salon des Direk- tors versammelt. Gounod saß am Klavier und hatte eben den ersten Akt des„Don Juan" vorgespielt.„Was für eine Musik!" rief JngreS begeistert,„was für eine Ausdrucks- fähigkeit! Gestehen Sie, lieber Freund, daß die Italiener niemals etwas Aehnliches gemacht haben oder machen wer- den!" Gounod,dessen Finger über die Tasten hinglitten, fing langsam den kleinen Jägerchor aus„Wilhelm Tell" zu spielen und zu singen an. Kaum waren die letzten Noten verklungen, als Ingres in höchster Begeisterung aufsprang. „Gott, wie schön ist das! Woher nehmen Sie diese Jnspira- turnen, lieber junger Meister?"—„Aber Monsieur Ingres, das ist ja gar nicht von mir!"„Das ist nicht von Fynen?" sagte der Direktor überrascht,„wer ist denn das Genie, das diese Melodie gefunden hat?"„Monsieur Ingres," ant- wortete Gounod lächelnd,„das ist von Rossini!"„Von Rossini, diesem Scharlatan?" rief Ingres, und nach einer Pause fügte er hinzu:„Dann hat er sich an diesem Tage geirrt." Der fromme Zuhörer Der bekannte englische Kirchenredner und Romanschrist- steller S. K. Hocking hatte in einer Kapelle zu predigen, die von der Eisenbahnstation ziemlich weit entfernt war. Da er zu spät zum Gottesdienst zu kommen fürchtete, nahm er sich eine Droschke, stürzte dann eilig in die Sakristei, um sich umzukleiden; aber als er die Kanzel betrat, war er ent- täuscht, baß die andächtige Gemeinde nur aus einem einzigen Manne bestand. Doch erinnerte er sich daran, daß ein Amts- bruder einmal auch vor einem einzigen Zuhörer gepredigt und diesen bekehrt und zu einem guten Christen gemacht habe. Er hielt also eine lange und ergreifende Predigt, und da der Mann sehr andächtig und ruhig dasaß, trat er zum Schluß an ihn heran, schüttelte ihm die Hand und fragte: „Hoffentlich ist Ihnen meine Predigt nicht zu lang gewesen?" „Aber im Gegenteil," antwortete der andere,„ich bin ja Ihr Kutscher." Der Geistliche hatte vergessen, den wackeren Rosse- lenker abzulohnen, und dieser verdiente sich während der Predigt ein hübsches Wartegeld. Gin Wolf tötet 215 Tiere In einem kleinen rumänischen Dorf brach ein toller Wolf bei Nacht in einem großen Stall voll Schafe und Ziegen ein und richtete dort ein entsetzliches Blutbad an. Dertolle Mörder stürzte sich auf mehrere hundert Tiere, sprang ihnen an die Kurgel, biß einige Male zu und sprang dann auf das nächste Opfer. Da die Tiere zum Teil angebunden ivaren, waren sie dem Wolf hilflos ausgeliefert. 215 Tierleichen fanden die Bauern am nächsten Morgen. Da der Stall weitab von den Wohnhäusern war, hatten die Bauern nicht einmal die ängst- lichen Schreie ihrer Tiere gehört. Aber die Wachthunöe hatten sich auf ihn gestürzt; doch der tollwütige Wolf hatte über zwei Dutzend Hunde abgeschüttelt. Er war aber doch selbst so schwer verletzt worden, daß die Bauern ihn am nächsten Mor- gen auffanden und mit Knüppeln totschlagen konnten. Unsere Töchter, die Oa;inen Roman von HermyntaZur Mühlen. 12 Doktor Bär versuchte mich zu beruhigen. „Die Arbeitslosigkeit, die Krise," sagte er. „Aber das ist doch keine Revolution," sagte ich.„Das ist keine Freiheitsbewegung. Das ist der allergemeinste Neid, der allergemeinste Betrug." Und dann schwieg ich und fühlte, wie mir das Blut in die Wangen schoß. Auch unter meinen Bekannten, meinen „Klassengenosseu", gab es Nationalsozialisten. Sie waren nicht aus Ueberzeugung dabei, nicht einmal aus Dummheit, sondern weil sie aus diese Art ihr Vermögen zu schützen hofften. Sie erschienen mir, und erscheinen mir noch heute, gemeiner, niederträchtiger als die Mörder und Verbrecher der SA. Sie mußten ja die Wahrheit wissen. Und es gibt nur eine unverzeihliche Sünde: der erkannten Wahrheit widerstreben. Ich dachte an die bösen Tage der Leibeigen- ichasi: wie viele Menschen haben gelitten, damit diese eine Klasse die Möglichkeit besitze, sich echte Kultur anzueignen, wie viel ist diese Klasse der Menschheit schuldig, und wie zahlt sie es jetzt? Ich bin eine unpolitische Frau, bin auch nicht sehr klug, aber in diesem Augenblick hätte ich das Staatsoberhaupt unseres Landes sein wollen, um mit aller Strenge gegen diese Partei vorzugehen. Und was meine Klassengenossen anbelangt, so wünschte ich mir für sie die Guillotine. Aber diese da, diese wissenden Verräter an der Menschheit, hätten ja nicht einmal mit Anstand zu sterben gewußt. Im kleinen Städtchen herrschte an diesem Abend großer Jubel, ich hörte bis spät nachts rohe Stimmen:„Heil Hitler!" brüllen. Und trotzdem es eine warme Nacht war, schloß ich alle Fenster, damit der Ruf nicht bis in mein Haus dringe. Damals ahnte ich nicht, daß er es dennoch tun würde. Das Jahr zweiunddreißig schien für mich ein glückliches werden zu wolle». Claudia begann heiterer und lebens- froher zu sein. Ich freute mich, wenn ich sie ansah. Ihre Wangen hatten eine zarte Röte, und ihre schönen Augen glänzten. Sic wurde sogar freundlich zu mir. Die Mahl- zciten verbrachten wir nicht mehr in gedrücktem Schweigen. Claudia hatte immer etwas zu erzählen, sie lachte und plau- derte, und ich dachte beglückt: nun sind für sie die bösen Zeiten vorüber, jetzt können wir endlich einander nahe kom- men. Sie zog sich auch nicht mehr von den Menschen zurück; sie ging viel aus. auch abends, sie las wieder, nicht die ab- scheulichen Bücher,— die waren aus ihrem Bücherschrank verschwunden—, sondern allerhand klMnc Broschüren; ich wußte nicht, was darin stand, denn Claudia erwiderte auf meine Fragen nur: „Das interessiert dich bestimmt nicht, Mutter. Außerdem würdest du es ja doch nicht verstehen." Aber sie sagte es in einem sonetten, lieben Ton, daß ich mich nicht darüber kränkte. Ja. es war ein glückliches Jahr. Ein Frühling voller Blüten und Duft, ein wundervoller Sommer. Der Garten war so schön. Ich saß fast den ganzen Tag in der Jasmin- laube und holte, beruhigt von dem Frieden ringsum, meine lieben alten Bücher wieder hervor. Bisweilen setzte Claudia sich zu mir und neckte mich. «Immer deine Romantik," meinte sie lächelnd.„Ich glaube. Mutter, du weißt gar nicht, in welchem Jahrhundert wir leben. Heute kommt es auf die Krast an, auf die Unerschütter- lichkeit." „Es gibt auch eine stille Kraft, mein Kind. Und ich glaube, die ist unerschütterlicher als die laute." Claudia beachtete meine Worte nicht; sie schwärmte iveiter: „Die Kraft, Mutter, und die Macht, Menschen anzuziehen, ihnen olles zu bedeuten. Das ist dos Wichtigste. Ein Name, der alle entflammt, die ihn hören." Goya und die X-s>trahlen Gegenwärtig ist in Madrid wieder die alte Debatte über zwei berühmte Bilder von Goya an der Tagesordnung. Es handelt sich um„Die nackte Frau" und„Die bekleidete Schönheit". Manche wollen wissen, das Modell zu diesen Gemälden sei die Herzogin Alba gewesen und Goya habe aus Diskretion das Gesicht retouchiert. Andere erklärten, es liege lediglich eine gewisse Aehnlichkeit vor. Dieser Tage wurden nun die beiden Leinwände einer unfehlbaren Prn- fung unterzogen: man hat sie durchleuchtet. Dabei wurde festgestellt, daß an den Gesichtszügen niemals Aenderungen vorgenommen worden sind. Die Herzogin Alba hat demnach nicht für diese Bilder gesessen. Dennoch halten Unentwegte ihre dahingehende Ansicht aufrecht. Es fällt ihnen zu schwer, die schöne Legende fallen zu lassen. Die Engländer lachen In England lacht man gegenwärtig über folgende Aneck- drte, die ein großer Arzt in seinen soeben erschienenen Memoiren erzählt: Zur Zeit der Königin Viktoria hatte ein berühmter englischer Chirurg, Professor an der Universität Oxford, eines Tages einen Zettel an der Tür seines Vor- lesungssaales angebracht, auf dem zu lesen war:„Die heutige Vorlesung muß leider ausfallen, da der Herr Professor an das Krankenbett Ihrer Majestät berufen worden ist." Eine Studentenhand schrieb unter diese Bekanntmachung:„God save the Queen." Was auf deutsch bekanntlich heißt:„Gott erhalte die Königin!" Vaer besucht Tsrnera Der italienische Boxer Carnera liegt an den Folgen seiner Niederlage durch Max Baer noch immer in einem Neuyorker Krankenhaus. Dieser Tage empfing er den Besuch seines Gegners, der sich bekanntlich nach dem Kampfe umkleidete! und einen Nachtklub aufsuchte. Beide unterhielten sich in; dem Krankenzimmer Carneras längere Zeit auf das An-! geregteste. Carnera, der im Verlans des Kampfes ver- j schieden« Verletzungen ernsterer Natur davongetragen hat, wird auf den Rat seiner Aerzte noch längere Zeit im Krankenhaus zubringen müssen. Wissen s>ie schon... ... was der kirchliche Index ist?— Das Verzeichnis de? von der katholischen Kirche verbotenen Bücher. ... wie die größte Schlagader des Menschen heißt? Die Aorta. ... warum man Schwelger„Sybariten" nennt?— Nach der antiken Stadt Sybaris in Unteritalien, deren Bewohner als Schwelger berühmt waren. ... wie die brühmteste Sammlung von Kriminalprozessen heißt?— Der Pitaval; nach seinem Herausgeber Francois Pitaval<1673—1745) genannt. ... was ein Jon ist?— Ein elektrisch geladenes Atom. ... welche künstliche Sprachen es gibt?— Bolapük. Espe- ranto, Jdo. ... welches Musikwerk die Erschaffung der Welt darstellt? —„Die Spöpsung" von Joseph Haydn. ... wer der Schutzheilige der Feuerwehr ist?— Der heilige Florian. ... wer der Sage nach Adams erste Frau war?— Lilith, eine Teufelin. ... was Meerschaum ist?— Magnesiumerde. ... wieviel Monate das römische Jahr hatte?— Zehn. ... in welcher Oper Schlittschuh gelausen wird?— Im „Prophet" von Giacomo Meyerbeer. ... welcher Grieche wollte durch eine Missetat' berühmt werden?— Herostrat. Er zündete<356 v. Chr.) den Artemis- tempel von Ephesus an. Ihre Wangen glühten; sie sah so schön aus, und ihre blauen Augen leuchteten geheimnisvoll. Mir siel plötzlich etwas ein: so habe ich auch einmal ausgesehen, vor vielen, vielen Jahren, in den ersten Tagen nach meiner Hochzeit. Ich entsann mich, wie ich damals in den Spiegel geblickt und mir ganz erstaunt gesagt hatte:„Du bist ja schön, Agnes." Dabei war ich nie wirklich schön, nur die Liebe und das Glück hatten mich so verklärt. Aber was war es, das auf Claudias feines Gesicht diesen Ausdruck gezaubert hatte? Ich wagte nicht, sie danach zu fragen. Ein einziges unbe- dachtes Wort hätte unser gutes Verhältnis stören können. Ja, ich dachte damals sogar: vielleicht liebt sie jemand, viel- leicht wird sie wiedergeliebt. Vielleicht wird für sie noch alles gut. Der Herbst kam und erfüllte die Verheißungen des Som- mers. Im dunklen Laub glänzten die roten Aepsel, und schwerbeladene Karren brachten die Ernte heim. Am Abend tönte über die Schweizer Grenze leiser Gesang. Diese Töne, die zu uns herüberschwangen, schienen die Grenze aufzuheben. Im zitternden Sternenlicht war das schlaftrunkene Land hüben und drüben eins, und ich dachte froh: Claudia wird es noch erleben, daß alle Grenzen verschwinden, und alle Länder ein Land sind. Ich wußte nicht, ich alte Törin, daß ich wieder einmal, einen ganzen Sommer lang, vor der Wirklichkeit geflohen war. Aber sie läßt sich nicht auf die Dauer verscheuchen. Ver- geblich hüllen wir uns in die rosigen Traumwolken anderer Zeiten und anderer Länder, vergeblich schließen wir, auS schwächlicher Angst, die Augen, stopfen uns die Ohren zu vor der rauhen Stimme, die alle Harmonie Zerstört: eines Tages zerreißen die Wolken, eines Tages zwingt uns etwas, die Augen zu öffnen, und der gellende Schrei der Wirklichkeit übertönt alles. (Fortsetzung folgt.) e it il e t, Hilltr: Sodom and Gomorrha Münnlidic Haren. Stridiiangen. Alhohoüher and gesdirakxte Subichic haben ans regiert Der Nationalsozialist Dr. Johann von Leers bezeugt es— und wo sitzen die Mitwisser? Die, in Saarbrücken erscheinende ,.D e u t s c h e front"' bringt einen Aufsaß,„Gottesgericht den man wörtlich genießen muß: Hitlers Energie persönlich hat im letzten Augenblick ^?itung gebracht. Persönlich als Stoßtruppsührer hat er ^as Zteit der Perbrecher ausgenommen, mit raschem Zugriff vv^e lange,u tackeln, die Verräter zum Tode bringen lassen. T/tc Gefahr ist verscheucht. Aber Können wir uns dabei beruhigen? In keinem Falle. Der Führer selbst hat durch seine Anweisungen an den neuernannten Stabschef Lutze offen gezeigt, wo er die schaden sieht. Diese Schäden müssen ausgesprochen werden. Jene„zweite Revolution", von der die Verräter soviel schwätzten und die der Führer gemacht hat, muh eine "I 1. 1 t> on d c r Tugend gegen das Laster sein. -Me Dinge müssen einmal ivieder mit dem alten richtigen Rainen bezeichnet werden. Die sittlichen Grundlagen, die ins sanken geraten waren, müssen klar ivieder ausgestellt werden. Die Verschwörergruppe war zusammengehalten durch d a s B a n d der Homosexualität. Man kann zugeben, daß sicher es sich hier ursprünglich bei viele» Menschen um eine unglückliche Veranlagung handelt, die sie voiu anderen Geschlecht fern hält. In diesem Kreise aber war es nicht mehr das Unglück, das sich scheu verbarg, sondern dasLaster, das sich offen blähte. Einer holte den anderen nach, bis ganze Gruppen von Urningen znsammcniaßen und nun begannen, nach der diesen Vtenichen eigene» Ideologie, sich iür die besseren zu halten, für ic»e besonders männlichen Kiaftnaiuren, die berufen seien, die anderen zu beherrsche». Alle jene alten verlogenen Schivätzereicn über die Rolle des Männlichen Eros in der Gesellschaft und Geschichte wurden hier wieder ausgewärmt: ja schlimmer, die Amoralität selber wurde auf den Thron erhoben. De»„auserwählten" Urningen schien alles erlaubt— nnd besangen in dieser Wahnvorstellung, in dieser verbreche- rjschen Verherrlichung des Lasters stiegen sie ans zu den Höhen der Selbstüberhebung. Aber noch schlimmer. Was bis dahin als ein armes Un- glück gegolten hatte, wuchs an ihrem Beispiel zur inter- cssauten, beinahe gesellschaftsfähigen Jon» der Liebe. Es hatte nichts zu tun mit der Schönheit Altgriechenlands— es roch nach Alkohol und nach dienstlichem Ehrgeiz: das Laster drohte zur Treppe des dienstlichen Ausstieges zu werden, der Weg zu Rang und A in t drohte über das gleichgeschlechtliche Bett zu führen. Und umgekehrt— die Herabsetzung und Herabwürdigung der Frau, die sich notivendigeriveisc aus einer solchen als Sport betriebenen Lasterhaftigkeit verbreitet, sickerte immer ticker in die Massen ein. Zu gleicher Zeit, wie die nationalsozialistische Regierung »Ärtl auf das ernsteste bemühte, das deutsche Familienleben, das so lange uuter der Iudenherrschast zertreten und zer- trampelt»vor, zu neuer Reinheit zu heben, wurde der wahnsinnige Gedanke von einem Männcrstaat— nicht nur durch einzelne SA.-Führer aus dem Röhmkreiie, sondern weit darüber hinaus— vertreten, die urnordiichc Gleichivertig- keit der Iran mit dem Manne, die uns Tacitus noch von den Germanen berichtet, die in den Frauen ctivas Heiliges und der Zukunft Kundiges gesehen hätten, mit verlogener Tophistik ivegdisputicrt und statt dessen der„Männerblind" propagiert, auch hier wieder die Lehre vom allcinscligniachcn- den männlichen Eros aus den Schild gehoben. Damit muß jetzt Schluß sein Laster ist Laster, Verkommen- heit ist Verkommenkeit— das Laster darf keine Entschnldi- gung mehr finden. Möge sich das Unolück scheu vor b»»m Tage verbergen— das Laster und seine Verherrlicher müssen ausgeschaltet werden. Der Luxus ist das andere Latter, das diesen Treubruch vorbereiten hals Mit hocherhobenen Händen haben ernste Kämpfer dcr Rcweguvq davor gewarnt, wie rasch nationalsozialistische Führer die Lebensformen der kapitalistischen Schicht annahmen. Mit Grauen bab-n sie immer wieder gesehen, wie die alte revolntionäre Schlichtheit bei immer mehr Mitkämpfern in die Brüche geriet. Gerade die Oberste TA.-Rührung unter Stabschef Röhm ist hier im Laster an der Spitze gewesen. Aber es genügt nicht, festzustellen, woher sie dazu kam. im schmachvollen Lurus des TtilS kapitalistischer Großverdiener zu ertrinken — hier ist die Stelle, wo bis an die Wurzel gegriffen werden mutz. Es ist in der nationalsozialistischen Bewegung seitens einer großen Anzahl kapitalistischer Kreise zielbewußt Korruption getrieben worden. Es ist hier nicht der Platz, über diese Dinge in der Oeffentlichkeit zu sprechen. Ein paar Fragen aber müssen klipp und klar gestellt werben: Wer hat das elegante Stabsquartier in Berlin gestiftet? Wer hat hier die Verschwörer gegen den Rühret i it ihrem Lasterleben geradezu finanziert? Wie ist es möglich, daß Leute mit viel Geld in den letzten Monaten, kaum in die SA. ausgenommen, zu hohen Posten kommen konnten, über alle änderet» hiniveg versetzt wurden, obwohl man ivußtc, daß sie„Beauftragte" ganz bestimmter großer Konzerne waren und sind? Wie ist es möglich, daß die Beziehungen zwischen der restkapitalistischen Gruppe, die noch im Jahre 193? den, Führer gegenübergetretcn ist, die, wie der Gerecke»Prozeß beiveist. das Geld in Hauten für den „Hindcnburg-Austchuß" gegen Adolf Eitler gegeben hat. und Männern der nationalsozialistischen Bewegung, den Gerichteten vom 29, Juni, so eng iverdcn konnten. Hier kann Schmiergeld im Spiel sein, Schmiergeld i„ grober und seiner Form, Korrumpierung durch Bankette und Korrnmpierung durck Schecks. Und hier w rd vor allen Dinngen zu fordern sein, daß so rasch wie möglich in der aanzen Partei vo„ oben bis unten durch unangreifbare Männer, durch wahr? Spürhunde der Korruption alles, aber euch alles durchgeprüft wird, wo irgendwo Schmiergeld abgeladen sein könnte. Wir brauchen am allerdringendsten einen Eensor Eato, der die Spenden der kapitalistischen Schicht für die verschiedenen Parteiorganisationen untersucht, der jeden, der etwa hierbei persönlich sich bereichert haben könne, sofort zu packen be- kommt. Die große Reinigung mnß vor allen, abstellen aus die Schmiergeldnehmer— ist schon dieser arau»haste Treubruch der SA-Rührung zusammen mit der Reaktion kaum denkbar ohne vorhergehende Korrumpier»»» dieser Männer, so ist es höchste Notwendigkeit, auch überall in der Partei gnadenlos durch furchtlose Männer die Privatkonten und die Verbindungen kontrollieren z» lallen. Wir habe» in ein-» Abgrund aesch^n— es muß setzt aanz anders werden. Iii*'- nud Wirklichkeit muß wieder in Ein- klang gebracht iverdcn. Unzweifelhaft hat bei Laster und Lurus der Schuldigen der Alkoholismus eine verdamm nsiverte Rolle gespielt. Der Führer hat ia auch ausführlich nnd aus guten Gründen gefordert, daß SA.-Führer, die sich öffentlich betrinken, abgesetzt werden sollen. Auch hier muß heute deutlich gesprochen werden. Wenn erwachsene Menschen vor allem in Wein- gcgenden mäßig trinken, so kann dagegen nichts eingewandt werden. Grundsätzlich aber muß endlich einmal auf diesem Gebiet sittliche Klarheit geschaffen werden.... Soweit der Nationalsozialist Dr. von Leers. DaS anstän- dige, ehrliche, fleißige deutsche Volk ist also seit Jahr und Tag von fluchwürdigem GcsindclZvon korrupten Bonden terrorisiert worden. Das haben wir Greuelhetzer immer behauptet. So steht es setzt auch in der nationalsozialistischen Presse. Mehr noch: es wird warnend hervorgehoben, daß die Säuberung nicht vollendet ist, sondern daß von oben bis unten die Korruption noch tiefe Wurzeln hat. Und in vollster Kenntnis dieser Zustände hat sich der deutsche Reichskanzler mit einer Schamlosigkeit und Heu- chclei, die kein Beispiel kennt, immer wieder pharisäerhaft gespreizt nnd von der„marxistischen Mißwirtschast", von den„schmachvollen vierzehn Iahren" gesprochen, hat er immer ivieder die hohe Reinheit seiner Bewegung gepriesen. Nicht einen einzigen Korruptionsprozeß haben er und sein alkoholischer Präsident der Arbeitsfront Dr. Leu gegen irgendeinen Führer der Sozialdemokratie und der Freien Gewerkschaften mit Erfolg anhängig machen können. Die Geschichte wird einmal mit hohem Lob feststelle», wie sauber in jeder Beziehung es in der marxistischen Bewegung zu- gegangen ist,»vie uneigennützig, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch die deutsche Demokratie gewesen ist. Der Saustall, der größte, de» die europäische Geschichte kennt, ist in Deutschland erst unter Adolf Hitler geschaffen worden. Für immer wird sein»Name durch die nun von ihm selbst eingestandenen Zustände in seiner eigene» Bcivegung geschändet bleiben. t Nun weiß die Welt, wie die Bande auslah und aussieht, mit der Adols Hitler Deutschland reinigen will. Er als der Retter Deutschlands vom„Kulturbolschc- wismus"! Schneldhubfir Heute rot— morgen tot In Nürnberg gab eS am vergangenen Sonntag, am T a g des großen Mordens. ein SA.-Sportfest. Zu diesem Anlaß hatte sich die„Fränkische Tageszeitung". Streichers Organ, Geleitworte hervorragender„Führer" bestellt. Darunter befand sich auch das folgende: AlS die Nürnberger SA. diesen Gruß ihres Obergruppenführers Schncidhuber las. war er schon tot. erinordet au> Befehl Hitlers in den Kasernen zu Stadelheim. Der„ganze Kerl" lag mit durchschossener Brust aus dem Pflaster, und seine Mörder verscharrten die Leiche... Geleitwort zum EA-Sportfest der Brigade 78(Mtielsranlen) Der stetige Kampf der SA erfordert Männer, dir zn höchsten Leistungen auf allen Gebieten stets bereit seiu müssen. Neben der nationalsozialistischen Erziehung ist die sportliche Ausbildung das wirksamste Hifsmittel. solche ganze Kerle zu schaffen. München, den 14. Juni ISS4. Der Führer der Obergruppe Vlli Eine großartige Führung! Eine schöne Sorte von Gcjolg- schast! Elende Zuhälter in den deutschen, gleichgeschalteten Redaktionen, die das alles wußten, beschönigten und deckten und uns als Kritiker„deutschfeindlich" schalte». Ein altes deutsches Sprichwort heißt: Wie der Herr, so das Geschirr... Orr„föhrcr" spricht Ueber Ernst Röhm I Hauptmann Röhm bleibt m e i n T t a b s ch c f jetzt und nach den Wahlen. An dieser Tatsache wird auch durch die schmutzigste und widerlichste Hetze, die vor Ver- sälschungen, Gesetzesverletzungen und Amtsinißbranch nicht zurückschreckt und ihre gesetzmäßige'.hne finden wird, nichts ändern. München, 6. April 1932. II gez. Adolf Hitler. Das luxuriöse Ttabsauarticr tn Berlin... monatlich bis zu 39 999 Mark für Festessen... Ich wünsche, daß alle SA.- Führer peinlichst darüber ivachcu, daß Verfehlungen nach dem$ 175 n, i t d e m sofortigen Ausschluß aus S A.» n d Partei b c a n t>v o r t e t w c r d e n. Ich will Männer als SA.-Fiihrcr sehen und keine lächerlichen Assen. Berlin, 1. Juli 1934. gez. Adolf Hitler. „leb habe es hsntmen selten'/' Jetzt wird die„Gotteskraft" durch Mord erneuert Der„Westdeutsche Beobachter" l3. Iulij. der vor eine»» Tage noch Röhm verherrlichte, schreibt: „Nur die innere Empörung und Erregung darüber, daß solcher Verrat aus den eignen Reihen möglich ivurde,.zittert nach. Wir alle fragen uns, ivic diele Tat ivider den geliebten Führer, die eigne Bcivegung und das eigne Volk nur mog- lich werden konnte? Wie tonnten Männer, die Adolf Hitler zuhöchst gestellt hatte, so bodenlos tief fallen? Krankhalte Veranlagung bei etlichen, zur Hemmungslosigkeit gewor- dener Ehrgeiz bei andern, können allein nicht die Erklärung dafür abgeben, daß aus den eignen Reihen versucht ivurde, was der vereinigten Front haßerfüllter Gegner nicht gelang. Roch tiefere ll r s a ch c n müssen maßgebend gewesen sein, daß bei den schuldig Gewordenen alle üble» Instinkte so sehr daS Erbe einer besseren Vergangenheit überwuchern konnten. Das Untersuchnngsergebnis der die Täuberuugs- aktion durchführenden Parteigenossen zeigt klar nul, tute Männer, die seit Iahren in unser» Reihen standen und deren Name uns einmal etwas bedeutete, z u V er- brechet» wurden, zu Fall kamen: sie vergaßen ihre Herkunst, sie leugneten ihr nationalsozialistisches Kämpfer- tum!. An dem Tag, an dem ei» Röhm sich innerlich von der Bewegung lossagte, als er die SA. zu einem von der großen Gesamtpartei unabhängigen, rein technischen Machtinstru- mcnt umzuformen begann, an dem Tag iv a r 1 c i n Schicksal schon entschieden! Daß die Männer alle, die jetzt endeten, sich Stäbe zulegten, und zuletzt von ihnen gefangengenommen waren, die nur dem Dienstanzug noch nationalsozialistisch waren, das war ihr Unglück. W i c mancher alte Nationalsozialist hat in diesen Tagen gesagt:„Ich habe es kommen sehen! I a iv o h l, w i r wußten, daß es zur K a t a st r o p l> e führen mußte, als man Menschen in der TA. zu Rang und Würden kommen ließ, die nicht Geist von nnscrm Geist waren, die den Nationglsozialisinus höchstens als staatS- politische Organisation, als eine faschistische Restaurations- bewegung und nicht die mit Gotteskrast nusgc- stattete neue Weltanschauung auffaßten(!). Als man d'e Mach» der Zahl anbetete, a>-^ man alanb'e. den Wert des TA.-Mannes»ach seiner Häniigkit bemessen zn dürfen, als man die Technik vom Geiste trennte oder gar über ihn s tztc da Hub das Unheil an! Hier liegt das für so viele unfaßbare und furchtbare Geheimnis, um das Straucheln dieser Männer begründet. Vb-tMMsG-S IT solKc werden... Es ivird uns aus München mitgeteilt: Der Obergruppen- führet Augustt Schncidhuber und der Gruppenführer Wil- Helm Schmidt waren die ersten Opfer des hitlerjchen Zornes. Der Führer hat persönlich den beide» ihre Achselstücke ab- gerissen. Indessen standen die beiden SA,-Führer unm ttel- bar vor den Beförderungen, die von der baneri che» Regie» rung schon beschlossen waren. Schncidhuber. bis dahin der Polizeipräsident in München, sollte zum Rcgierungspräfi- deuten des Kreises Oberbayern und an seine Stelle sollte Schmidt zum Münchcner»Polizeipräsidenten ernannt werden. „Gericht" hh 4 Plord Wie SA.-Gruppenführer Gerd erschossen wurde Berlin, 5. Juli. sJnpreß):»Wir erfahren Einzelheiten über die Ermordung des SA.-Gruppenführers Gerd. Mau hatte ihn bereits au die Wand gestellt, seine Brust war entblößt, die Gewehre ivaren angelegt, als plötzlich TS. er chien. die Erschießung absagte und Gerd abholte. Die SS, Leute führ» ten Gerd vor das Standgericht, wo man versuchte, ihm die Namen der„Komplizen" zu entreißen. Gerd verweigerte jede Erklärung. Er wurde zurückgeführt und sofort er- IM«*. Pariser BerlcMe Heinz Liepmann spridif in Poris Gelegentlich seiner vorübergehenden Anwesenheit in Paris spricht der deutsche Schriftsteller Heinz Liepmann ara Samstag, dem 7. Juli, um 21 Uhr, im Deutschen Klub (Universite du Parthenon, 64, Rue du Kodier— am Bahnhof St. Lazare) über„Erlebnisse in deutschen und holländischen Gefängnissen 4*. Liepmann war in Holland wegen Beleidigung des Reichspräsidenten verhaftet worden. Gäste gern willkommen. Karten zu 5, 7 und 10 Fr. nur an der Abendkasse(Stellungslose: 3 Fr.). Die französische Akademie verleilt Preise Das literarische Interesse Frankreichs wendet sich, wie alljährlich um diese Zeit, wieder den zahlreichen Preisen zu, die von der Academie Franchise verliehen werden. Es herrscht in den Kreisen der Schriftsteller und darüber hinaus beim ganzen literarisch interessierten Publikum eine gewisse Aufregung, man flüstert sich die Namen der aussichtsreichsten Kandidaten zu, man tippt auf diesen und jenen, und sogar auf den ersten Seiten der Zeitungen kündigt sich, zwischen der großen Politik und den großen Affären, schon Tage vorher das literarische Ereignis mit leuchtenden Ueber- Schriften an. Jetzt hat die Academie Frangaise ihr Votum über die ersten Preise abgegeben, über den Großen Literatur-PreiB und den Großen Roman-Preis, und es ist eigentlich diesmal ohne besondere Ueberraschungen abgegangen, denn die Preise sind an zwei Schriftsteller gefallen, die man schon seit einiger Zeit als„Sieger" voraussagte. Der Literatur-Preis wurde Henry de Montherlant zuerkannt, der Roman-Preis fiel an Madame Paule Regnier, und die vielen anderen Kandidaten müssen s>ch also auf das nächste Jabr vertrösten. Henry de Montherlant, heute ein Mann von achtundreißig Jahren, hat mit seinem letzten Werk„Celibataires"(„Junggesellen") bei der gesamten literarischen Kritik große Anerkennung gefunden, er ist viel gereist in seinem Leben und er hat bereits früher, kurz nach seinem literarischen Beginn im Jahre 1920, durch einen kleineren Preis der Academie eine Auszeichnung erfahren. Madame Paule Regnier hat im Herbst 1933 den Roman„L'Abbaye d'Evolayne" erscheinen lassen, für den sie jetzt preisgekrönt worden ist. Sie hat ihre literarische Karriere bereits im Jahre 1914 mit einem Roman „Octave" begonnen, inzwischen sind zahlreiche Bücher von ihr erschienen, und im Jahre 1924 erhielt sie für ihr Werk „La Vivante Paix" den Balzac-Preis. Die Verleger der beiden Preisträger aber beeilen sich, auf die Buchumschläge ihrer Werke den empfehlenden Titel „Ausgezeichnet durch den Preis der Academie" drucken zu lassen... Ein moderner Htärräenffirsf Der Bey von Tunis reist nach Europa Paris, Anfang Juli. In der Mittagssonne des Marseiller Hafens landete vor einigen Tagen eine prächtige weiße Yacht mit roten Schornsteinen und silbernen Emblemen. Ein Rudel flinker Barkassen fuhr ihr zur Begrüßung entgegen. Die Sirenen der umliegenden Dampfer und Fabriken stimmten einen ohrenbetäubenden Lärm an. Auf allen Häusern am Quai flatterte die Trikolore. Eine Militärkapelle spielte die Marseillaise und ganz Marseiile schwenkte die Taschentücher, als Seine Hoheit Achmed Pascha, der Bev von Tunis, seinen Fuß auf französischen Boden setzte. Ueber'einen Blumenteppich schritten er und sein ordenbesätes Gefolge zu ihren Wagen. Es war seit Jahren das erste Mal, daß der afrikanische Fürst wieder in einem Automobil Platz nahm. In seiner Heimat fährt er selten aus, und wenn er sein Schloß einmal verläßt, so benutzt er eine Kalesche. Die Stadt Paris hat dem greisen König von Tunis einen warmen Empfang bereitet. Die Flaggen der beiden befreundeten Reiche schmückten das Rathaus. Eine Ehrengarde in Galauniform stand Spalier, Minister hielten Ansprachen, das offizielle Paris war vollzählig erschienen. Der Bey trug sich in das goldene Buch der Stadt ein und fuhr dann ins Elysee, wohin ihn der Präsident der Republik zum Frühstück gebeten hatte. Wer ist dieser seltsame Monarch aus Afrika, der mit rotem Fez, schwarzer Weste und roten, goldbestickten Hosen, übers Wasser gefahren kam? Warum erweist ihm Frankreich solche Ehren? Ist er ein Kalif aus Tausend und einer Nacht, der die Töchter seiner Untertanen für den königlichen Harem beschlagnahmt? Ist er ein absoluter Potentat, der vom Gelde seiner Steuerzahler glanzvolle Feste veranstaltet? Nichts davon trifft die ganze Wahrheit. Achmed Pascha lebt zwar wie ein Kalif in einer Palaststadt au» Tausend und einer Nacht, aber er hat keinen Harem, sondern führt ein glückliches Familienleben. Er gilt zwar seinen Untertanen als halber Gott, der„zwischen Himmel und ErcU" schwebt, aber er nutzt seine Stellung nicht aus, sondern lebt bescheiden und zurückgezogen. Seine Residenz ist La Marsa, dessen Gärten gleichsam über dem Mittelmeer hängen. In ihnen liegt eine große Anzahl von Gebäuden, Rokokovillen wechseln hier mit den neuesten Modebauten, und eine weite Galerie mit grünen Fensterscheiben führt auf den innnersten Hof des Palastes. Dort steht im Schatten der Lorbeerbäume die Leibwache des Beys, große nußbraune Kerle in blau-roten Uniformen. Sie wecken ihren Herren jeden Morgen mit Marschmusik aus seinen Träumen und wiederholen ihr Spiel am Nachmittag um vier Uhr, wenn der König seine Siesta beendet hat. Der Bey von Tunis empfängt selten Besucher, da er immer darauf bedacht sein muß, seine Schwebestellung„zwischen Himmel und Erde" zu wahren. Selbst die Post wird ihm nicht zugestellt wie jedem gewöhnlichen Sterblichen; das strenge Zeremoniell erheischt es, daß einer seiner Offiziere sie zu Pferde aus Tunis heranbringt. Von Tunis nach La Marsa sind es fünfzehn Kilometer, und zwei Straßenbahnlinien vermitteln alle halbe Stunde den Verkehr. Jeder Bewohner von La Marsa kann um neun Uhr seine Briefe öffnen, nur Seine Hoheit der Bey muß bis elf, bei großer Hitze sogar bis Mittag auf die Nachrichten warten. Den Nachmittag verbringt der Regent auf dem Dachgarten seines Palastes, von dem aus er mit vergnügten Sinnen auf das beherrschte Tunis hinschauen kann. Im Hintergrund dehnt sich das unendliche Mittelmeer. Wenn über dieser Landschaft die Sonne untergeht, muß ihr Anblick dem, der ihn täglich genießen darf, Frieden und Seelenruhe verleihen. Kein Wunder, daß Achmed Pascha hoch über den Intrigen seines Hofes steht, dessen Ränke und Eifersüchteleien jedem Eingeweihten in Europa bekannt sind. Die Auswüchse des Neides und Ehrgeizes bilden die wenigen Schattenseiten, die an diesem Hofe aus dem morgenländischen Zeitalter auf die Gegenwart überkommen sind. Man darf nicht glauben, daß der Beherrscher von Tunis durch sein besch liches Leben zu einem zeitabgewandten, unmodernen Monarchen geworden ist. Er läßt vielmehr gerade jetzt zwischen Tunis und La Marsa eine große Autorennbahn und einen Flughafen errichten. Zwar wird er weder hier noch dort jemals selber starten, aber er tröstet sich, indem er das lateinische Sprichwort umkehrt: Quod licet bovi, non licet Jovi... Achmed Bey ist nicht nur der oberste Priester aller Mohammedaner in Tunis, sondern auch der König von mehreren Millionen Bürgern anderer Rassen, die sich in seinem reichen und fruchtbaren Lande gekreuzt, gemischt und niedergelassen haben. Ebenso wie seinen Glaubensgenossen ist er den Maltesen, Griechen, Juden, Syriern, Weißrussen, Italienern, Korsen und— deutschen Emigranten ein weiser und gerechter Gebieter! Gert Helm. weif ergeben! weifergeben! I Werfen Sie die„Deutsche Freiheit" nach dem Lesen nicht fort. Geben Sie das Blatt an Leute weiter, die der Aufklärung und Belehrung bedürfen! I besonders wvewtvoll zum Verständnis der letzten Ereignisse in Hitler-Deutschland. Ungewöhnlich interessant und aufschlußreich Konrad Heiden: £eßurf des dritten tfieidbes Geschichte des Nationalsozialismus bis in die neueste Zelt Hier hat wohl zum erstenmal ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus versucht, Entstehung und Aufbau des nationalsozialistischen Staates so zu sehen, wie sie sind; also weder so, wie die meisten Gegner des Nationalsozialismus ihn am liebsten sähen, noch so, wie er selbst gesehen zu werden wünscht. Es kam dem Verfasser in diesem Buch darauf an, in größtmöglichster nüchterner Klarheit die gewaltigste politische Suggestion zu schildern, die unser Zeitalter kennt. Niemand wird künftig über das Problem des Nationalsozialismus mitsprechen dür- den, der dieses Buch nicht gelesen hat. Preis des 272 Seiten starken Buches: K artonie! 0 25,- fr. Leinenband 35,- Fr. Buchhaml äug der Volksstimme Saarbrücken 3 Bahnhofstraße 32 Neunkirchen Hüttenbergstraße 41 Für den(Sefamtlnljalt oerantroortltcf): Johann P I tz In?ud- weder; fiii Jnleraie; Cito Kuhn in Saerbrücfrn. 9lotation«i>rucf und Verlag; Verlag der Volkoiiimme IÄmbH„ Saarbrücken 3, Schützrnilraße 5.— Schliehiach 776 gaarbrücfcn. Begegnung mit Hitler— vor dem Palast der Päpste Aviation, Mille Juni 1931. Dunkle, sternenüberglänzte Nacht. Ein blauseidener Him- rnel wölbt sich über der Stadt, die zur Ruhe gehen will. Bon fern noch ein Summe», hie und da ein heller Strahl, der die Einsamkeit zerreißt. Wir sind in Avignon, der wunder- samen Stadt Südfrankreichs, an den Ufern der Rhone. Hier residierten einmal die römischen Päpste, als sie aus der Ewigen Stadt fliehen mußten— an die 790 Jahre sind seit- dem verflossen... Sie bauten auf ragenden Felsen, über- schauend das weite Tal der Rhone, den mächtigen Palast, mit Türmen. Brucken, Wehrgängen. Kapellen..Stiegen, die in den Himmel zu streben scheinen.. In dieser frühen Nachtstunde stehen wir. geflüchtet aus einem Land, das unser nicht mehr achtet, auf dem weiten, leeren Platz vor der Papstburg. Unnennbares Geheimnis weht uns an. Sterne fallen nieder, ein sanfter Mond wirst fahles, weißes Licht über Mauern, Treppen Türme und Bastionen. Einsamkeit macht uns ein wenig frösteln. Der Gedanke erschauert vor einem Werk, das herrisch in die Jahrhunderte gebaut ivard. Was w'ssen wir davon... Dies ist lebendig, so heute ivie vor Jahrhunderten. Mauern, die in eine Ewigkeit sich recken, Quadern, die dem Sturm der Jahrtausende trotzen. Und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag, wie eine Stunde... Wie still es um uns ist. Auf den Fliesen, die zum Portal führen, räkelt sich ein müder Bettler, der den Schlaf sucht. Golden glänzt von Notre Dame die Statue der Madonna herab. Die Kreuzipungsgruppe auf hohem Plateau ragt in die verwunschene Nacht. Dunkel und drohend rahmen die Bäume im weiten Park den Horizont. Gefühl der Ewigkeit befällt uns. Tausendjähriges Reich, vielleicht versunken, viel- leicht nur in dumpfem Schlaf, ward in diese Mauern, in diele Steine gebannt. N'e ivird dies in Staub fallen, nie Ewigkeiten ins Meer sinke». Geheimnis der Welten, un- endliche Stille, auö der sich, ewig neu, das Werk des Schöpfers gebiert. Was m'sien wir davon..? Jäher Zweifel legt sich über unsere Seele. Soll dies den- noch unwirklich und unwahr sein— Spuk einer romantischen Nackt? Werte der Ewigkeit taumeln in einen Abgrund, aus dem sie nie mehr emporsteigen? Blendender gleißender Strahl, aus dem Norden in südliche Weichheit und Süße taumelnd, will e'n Werk menlchlicher Schöplergnade, aus dem Geiß erhoben für Jahrtausende erdacht, mit unwirscher Magie übergleißen. Alle menschlichen Werte werden umge- heutet, verleugnet— um einer Phrase, um der irregeleiteten Macht, um einer dröhnenden Fansare willen^ die den Krieg beschwört^ Irgendwo in Mitteleuropa ist ein neues„Tausendjähriges Reich" erstanden. Sie spielen mit tausend Jahren, wie nrr Ewiggestrigen mit Stunden, mit kargen Tagen gespielt haben. Glocken läuten zu ihren immerwährenden Festen, Priester segnen die Fahnen, im Rausch nie verklingender Musik erstickt das Weh und der Jammer derer, die von den Tischen gejagt wurden, denen die Heimat abgesprochen wurde, die von Spiel und Paraden und eitlem Heroenkult nicht satt werden. Was kümnictt es die. die oben thronen... sie bauen und werken, in beängstigender Regsamkeit, an ihrer tausendjährige» Mission, die eine Mission für Europa, für die Welt sein soll... Und einer ist auferstanden, den Menschen, vom Wahn um- strickt, für gottbegnadet halten, von Gott gesandt. Ter Heer- scharen Haß oder Liebe: was ist es? Denen droben ist das Gefühl das zu ihnen emporbrandet, gleich: oderint dum metuant! Um sie dröhnt der Marschtritt der Legionen, die ihnen Untertan sind, auch ivenn die Peitsche darllbersaust. In Gefängnissen und Konzentrationslagern schmachten die, die reden, die schreien könnten. Grausige Stille— trotz aller Lautheit der Feste, trotz der Fanfaren, trotz aller amtlich befohlenen Siegesräusche. Ihr Wahn ist ungeheuer: Wenn sie die Erde erobert haben, stürmen sie den Himmel— schm'eden sie auch den Geist in Fesseln? Der bleiche Mond, der über dem Papstpalast von Avignon leuchtet, strahlt auch über ihren Nächten, deren Willkür das Unmögliche, das Übermenschliche sich zu Füßen beugen will... Wo sind noch Grenzen? Das hohle irre Wort ist allmäch- tig. Hunderttausende, die im Gleichschritt marschieren, sor- der» ein Jahrhundert in die Schranken. Ein Jahrhundert, das sich nach Frieden sehnt, das das Band von Mensch zu Mensch, von Nation zu Nation, von Kontinent zu Kontinent fester und inniger schlingen möchte. In Mitteleuropa aber marschieren sie, dumpf und ver- biss-n immer rings in den eigenen Grenzen. Der stählerne Hall der Schritte, ein jähes Entsetzen vor dem, was kommen mag. irrt hinüber in die tote Einsamkeit von Amgnon. Bersten einmal diese Mauern, die für Jahrtausende gefügt sind? Bricht ihr Gedanke n'eder vor dem Schall der Trom- peten. die ein neues Jahrhundert verkünden: e'n Jahrhnn- dert der Menschenfeindichast. der unerhörten Grausamkeit, des Irreseins an allem, was Menicbenmüde bi-ß? Eine !>»«e»b mir* aeör'llt für den vnntetE-dunsten aller.Kriege, die Alten müllen exerzieren und icharfschießen— Fever prasseln— gestern auf 18 Kilometer breiter Feuerwerksfront— morgen vielleicht über hundert Kilometer, im päMen Fahr find fk lüstern ange fach t rin gs an den Aren- zen— leuchtet ihr Schein nicht schon unheimlich von Norden her über die Zinnen der Papstburg? Ist tot dieser Palast? Kein Papst gebietet Einhalt dem verbrecherischen Geschehen. Es ist, als müßte sich das Portal öffnen und, in geheimnisvoller Nacht, ein Zug von flehen- den Menschen über Stufen, Wehrgänge und Terrassen wallen. Ein Zug nur von Menschen— wenn Päpste nicht mehr retten können... Tie Burg, von Menschen gebaut für Jahrtausende, wird stehen, wenn der Spuk um jenes„neue Reich" längst verflogen ist. Kalt und hart und ohne Mitleid streben die Mauern und Bastionen in den Himmel. Ter Glutschein aus dem Norden ist verlöscht. Die Portale schlie- ßen sich auf ewig. Nie wird das Werk vergehen... Der Fels, auf dem es gebaut ward, trotzt allem Gedröhn polternder Legionen, bramarbasierender Helden, die sich ihr eigenes Heldentum andichten, trotz allen schmetternden Kriegsdrom- meten und der schwelenden Glut, in die von Wahnwitzigen immer neue Brandfackeln hineingeworfen werden. Wir glauben und bekennen es, in dieser einsamen Stunde vor dem Palast der Päpste in Avignon: Menschenrecht und Menschen- würde werden unangetastet bleiben— ob auch ein paar irre Jahre den Adel der Menschheit m't Füßen treten und an seine Stelle efnen neuen Adel setzen: den Adel rassisch aus- gepeitschter Blutwillkür. Starr und graniten stehen die Mauern der Papstburg da, »mflackert vom fahlen Schein des Mondes. Erlebnisreiche Stille ist um uns. Wir werden nicht irre am Werk der Jahr- taufende, nicht irre an einem Ethos, das zuerst auf sranzö- sischer Erde, laut und glühend, verkündet wurde. Wir wissen um die nächtliche Bision— aber ach! es ist nur eine Bision? Samtene Nacht schluckt sie auf. Und unten schlingt die Rhone ihr silbernes Band um Felsen und Hü- gel. Gerade unter uns schlägt eine uralte steinerne Brücke ihre Bogen über den Strom. Nur vier Bogen— auf einem d'e Kapelle des heiligen Benezet— dann reißt das Bau- werk plötzlich ab. mitten im Fluß. Kein Uebergang vom reckten zum linken User. Es ist, als sei der Weg versperrt zu jenem tausendjährigen Gedanken, hineingebaut ijt den steinernen Mnthos der Päpste, immer aufs neue sich ge- bärend aus dem in Schönheit glühenden, heiligen Boden der Provence... Es ist. als ob einer einst, mit drohenden Legionen hinter sich, dahergcstapft, mit wehenden Fahnen und dem Sieges- rausch im Blut, auf die Brücke marschiert wäre— und da seien plötzlich die steinernen Bogen geborsten, die Wogen wild emvorgeichänmt. und ein nächtlicher Spuk von Krieg und Tod und furchtbarem Gemetzel sei in die T'ese gesunken... Nur ein paar Fahnen, blutigrot mit zerbrochenen Kreu» zen, ein paar welke Helmbüsche schwammen langsam die Rhone Hinab in daß Iieer,^ E- Fahrg»